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Seejerlänner Platt: Redensarten

… e s a a w e h c i E Wo


Seejerlänner Platt: Redensarten Heimatliches aus dem Verlag Buch-Juwel

4/ 2017

Wat mr so säät: Es gibt so einige Redensarten und -wendungen sowieAussprüche in Platt, von denen wir zumindest einen Teil zusammengetragen haben, ohne dass die Liste auch nur annähernd vollständig ist. Die Redewendungen werden zum Teil auch in Hochdeutsch oder in anderen Regionen verwendet. Sie sind nicht alphabetisch geordnet, da es meist nicht aufs erste Wort ankommt. Blättern Sie einfach! _________________________________________________________________________________________

Wo Eiche waase, doa sinn och Mensche, die doabie basse! Typisch Siegerländisch: Wo Eichen wachsen, da sind auch Menschen, die dazu passen. Die Eichen in den heimischen Wäldern gelten als kräftig und widerstandsfähig. Dä lällt einem det Ohr ab Typischer Spruch. Der spricht so viel, dass einem das Ohr abfällt. Hängt mit dem Begriff „Lälles“ zusammen, jemand der viel redet, ohne viel Neues beizutragen. Komme mr net heut, komme mr moarrn Kommen wir nicht heute, kommen wir morgen. Anders: Was wir jetzt nicht erledigen können oder wollen, machen wir später. Die mosse sech emmer mäckese Die Leute, Familie, Personen müssen sich immer streiten. Hängt mit dem Begriff „Mäckes“ zusammen, der auch ähnlich wie „Lump“ gebraucht wird oder für jemanden, der nicht sauber, ungepflegt ist usw. Bie dänn (auch bi oos) sirret uss wie bi de Mäckeser Bei denen sieht es – zu Hause – aus, wie bei den Mäckesern (siehe auch oben). Mr goa dn onnerschte Wäch. Typisch. Wir gehen den untersten Weg. Anders: Bei einem Streit geben wir nach. Die sinn va dr annern Fraktion Die sind von der anderen „Fraktion“, wobei das meist nicht politisch gemeint ist, sondern, vom Stand her, vom Einkommen, von den Gewohnheiten usw. Wie dr Herr, so det Gescherr Wie der Herr, so das Geschirr. Anders: Wenn beispielsweise der Vater, die Mutter so ist, wird es auch das Kind sein. Meist im negativen Sinne gebraucht. Kaa dat dat da? Dat dat dat kaa Typisch. Kann die das denn? Dass sie das kann! Typisch, leicht verwirrend wegen der vielen As. Anders: Kann sie das überhaupt? Und ob! IMPRESSUM: Verlag Buch-JuWel, Jürgen Weller (verantw. i. S. des Presserechts und Telemediengesetzes), Lessingstraße 8, D-57074 Siegen, www.buch-juwel.de. buchjuwel>at<gmx.com,T. 0271331570, UmStIdentNr. DE 192423892 FinA Siegen, Gerichtsstand und Erfüllungsort D-Siegen, in 1. Instanz stets das Amtsgericht. Die Begriffe auf dieser und auf Folgeseiten wurden beispielhaft aus eigenen Kenntnissen oder Hörensagen zusammengestellt und sind sicher nicht vollständig. Sie werden evtl. je nach Ort anders ausgesprochen, und sie gibt es teils ähnlich auch anderswo Alle Rechte auf Zusammenstellung, Schreibweisen, Erläuterungen, Abbildungen © bei Verlag und Autor. Es gilt deutsches Urheberrecht. Eine umfangreichere Übersicht mit Einzelwörtern in Siegerländer Platt, die ständig ergänzt wird, gibt es auf den Seiten „Mundart“ bei www.buch-juwel.de


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Dat brengt a Pärd zom Wiehern Das bringt ein Pferd zum Wiehern. Das kann zum einen gebraucht werden, wenn jemand etwas Lustiges, zum Lachen, erzählt hat, aber oft auch, wenn jemand etwas erzählt, was unwahrscheinlich klingt, was man einfach nicht glaubt. Den Dalles ha Der oder die ist erkältet, hat Schnupfen und/ oder Husten. „Du hässt awwer dn Dalles“. Wat onner ha Man vermutet, das bei einem anderen eine Grippe oder Erkältung oder etwas anderes in Anmarsch ist. „Dä hätt doch wat onner“. Aber auch: „Ech ha irjendwat onner“. Et geährt ropp un ronner Es geht rauf und runter. Aussage zu verschiedenen Situationen. „Geehret dm Lisbeth werrer besser?“ Antwort: „Et geehrt sit Woche emmer ropp un ronner“. Sech schwaarde Mehr als „sich balgen“, aufeinander einhauen. „Die ha sech doch gestern ald werrer geschwaardet. De Schnutte haale Typisch. Den Mund halten, nichts über andere sagen und mehr. Dä sall - besser - de Schnutte haale. Itz süsste uss wi ne Trulla Jetzt siehst du aus wie eine Trulla. Wenn eine Frau sich merkwürdig gekleidet hat. Die Kleidung muss nicht unsauber sein, ist aber vielleicht zu bunt, zu weit, zu eng. Die Frisur kann auch einbezogen sein. Mit allgemein „Trulla“ bleiben Namen oder Vergleiche außen vor. Die sinn alld genau wie de Ahle Es geht um die Kinder. Sie geben sich schon genau so wie ihre Eltern. Das ist meist negativ gemeint und wird dann auch so gesagt. Itz gerret Aska Jetzt gibt es eine Auseiandersetzung, Schläge. Wenn ein Kind oder sonst jemand etwas „Böses“ oder Schlimmes gemacht hatte, konnte es sein, dass es ein paar Ohrfeigen oder anderes setzte. De Gammler sinn onnerweijs Die Gammler sind unterwegs. In den 1970ern war Gammler ein Begriff. Lange Haare, rumhängen, so das Urteil der Älteren. Damit verbunden wurde auch „Die arbeiten nichts, machen sich einen schönen Tag, sind auch sexuell ausschweifend“. Sicher oft ein Vorurteil. Hier ohne Wertung. Dä süfft doch nur Der trinkt „säuft“ doch nur. So wurden Leute genannt, die viel Alkohol tranken, sich aber wenig um ihre Familie kümmerten. Dabei hatten die Kritiker natürlich keinen richtigen Einblick, wie es in den Familien tatsächlich war. Mach doch net so’nen Zorres Fang hier keinen Streit an. Was du machst, finden die anderen nicht gut. Wort ist weiter verbreitet. Mach doch net so e Gedäh Gleich oder ähnlich wie vor Zorres.


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Dä/ Ett es e Lälles oder e ahler oder groarßer Lälles Typisch. Das ist ein Lälles (wohl von Lallen), jemand, der viel erzählt, was nicht unbedingt interessant ist. Das kann auch über andere Leute sein. Das langweilt oft oder wird auch teils nicht für glaubhaft gehalten. Begriff oft auch in Verbindung mit „alter“ oder „großer“ (Lälles). Wat for e domm Geläll Was für ein dummes Gelälle, Geschwätz. Das will doch niemand hören. Wat for e domm Geschwätz Was für ein dummes Geschwätz. Wenig glaubhaft. Wie vor. Hä/ Ett moss emmer det Wort führ’n Er/ Sie muss immer das Wort führen. In einer Runde kommt man kaum selbst zum Reden, weil der oder die andere immer wieder das Gespräch an sich reißt oder es zumindest versucht. Sinn Amen doazo gäh Sein „Amen“ dazu geben. Einer Handlung, Rede usw. zustimmen. Passt gut ins Bild: „absegnen“. „Ja“ sagen, „ist in Ordnung. Könnt ihr, können wir so machen“. Emmer det letzte Wort ha/ Noch eij drobbsetze Immer das letzte Wort haben. Passt in den Zusammenhang der vorigen Redensarten, ist aber überall verbreitet. Wenn man glaubt, alles sei besprochen und abgeschlossen, ist da oft jemand, der nun doch noch etwas sagt. „Noch eins draufsetzen“.


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Dat macht üwerall röm Das (die) macht überall rum. Frauen, „Wiefslüe“, die als leichtlebig galten oder schon Kinder von einem oder mehreren Vätern hatten, ohne verheiratet zu sein – oder auch während der Ehe. In der früheren Zeit war das natürlich ein Gesprächsthema und weit weniger in der Gesellschaft akzeptiert als heute. Oft war es aber auch ein oberflächliches Vorurteil. Onner de warme Decke kruffe Unter die warme Decke kriechen. Bei Kälte ist das schön. Der Spruch wird aber auch gebraucht, wenn man sich anderswo „einnistet“, so ähnlich wie „der oder die legt sich ein gemachtes Bett“, en e gemachdes Bedde. Dn learwe Gott en goare Maa sinn loasse Den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Was kümmert mich die Welt, ich lebe so, wie es gerade geht und mir passt. De Botze net sauwer ha/ Dä hätt de Botze net sauwer Typisch. Die Hose nicht sauber haben. Man vermutet, dass der oder die andere etwas angestellt hat. So ähnlich wie „Dreck am Stecken haben“. Good, dat mr moa zesamme (zesaame) geschwatt ha Gut, dass wir einmal zusammen gesprochen haben. Das war so, wenn es mal Ungeklärtes oder Streitigkeiten zwischen zwei Leuten oder Familien gegeben hatte. Die backe och noch moa kleinere Bröatcher - auch Bröaerecher Die backen auch noch einmal kleinere Brötchen. Etwa: Die werden auch noch einmal mit weniger zufrieden sein müssen“. Über Menschen, die angeben oder von denen man meinte, dass es ihnen aus welchen Gründen auch immer besonders gut ging. Die schenn emmer de deckste Duffeln ze haa Die scheinen immer die dicksten Kartoffeln zu haben. Wurde dafür gebraucht, wenn es denjenigen quasi immer wirtschaftlich gut ging. Aus alten Geschichten rührt her, dass – aber auf die Landwirtschaft bezogen – die Ferndorfer die dicksten Kartoffeln haben. Stell dr dn Chef einfach e dr Onnerbotze vor Stelle dir den Chef einfach in der Unterhose vor. Sagte man, wenn jemand zum Chef musste oder jemand aufgeregt war, wenn er zum Chef oder Vorgesetzten gehen musste. Darret emmr so en Zorres gää moss Das es immer solch einen Zorres geben muss. Das es immer solch einen Streit, solch ein Gezänk geben muss. Siehe auch „Mach doch net sonen Zorres“. Dat ess doch e Steithansel vam Denst Das ist ein Streithansel von Dienst. Jemand, der sich gerne bzw. häufig streitet. Dat ess dr Depp vam Deenst Das ist der Depp vom Dienst. Jemand, der öfter etwas falsch macht oder ungeschickt ist. Am Ort sinn Dä (oder ett) es wahne am Ort. Der oder die ist schwer in Ordnung.

So einige dieser Redensarten, Redewendungen, Wörter, zusammengestellt aus eigener Anwendung, von Zeitzeugen und Gehörtem, sind auch im Hochdeutschen Allgemeingut. Vieles davon, ob in Siegerländer Platt oder in Hochdeutsch, wird heute noch genutzt, wenngleich sich die Sprache nach und nach verändert. Das ist gut, weil sich Sprache am aktuellen Leben orientieren muss. Leider hat sich viel Englischsprachiges eingeschlichen, das einfach so auch in Medien aller Art und von Institutionen verwendet wird. So wurden wir vor vielen Jahren erstmals mit dem offiziellen „Girl’s Day“ (Mädchen-Tag) konfrontiert. Die hier aufgeführten Redensarten liegen zum Teil schon eine gute Generation zurück. Manche/r wird sich aber noch erinnern. Einiges wird auch nach wie vor gebraucht.


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Komme mr net op dn Honn, kome mr op dn Schwanz Kommen wir nicht auf den Hund, kommen wir an den Schwanz. „Auf den Hund gekommen“ steht für schlechtgehen. Es konnte aber sein, dass man trotzdem noch zurechtkam. Gilt auch, wenn etwas nicht gelungen ist. Für „auf den Hund kommen“ gibt es zig Herleitungen. Im Siegerland mag das treffend mit der Bergwerksarbeit zusammenhängen. Konnte man das Gefäß, den „Hunt“ nicht mehr füllen, galt es, wenigstens noch beim Schieben zu helfen. En goare Name ha Die (oder wir) ha en goare Name. Man ist angesehen oder beliebt, man hat noch nichts Schlechtes von solchen Leuten gehört. Dat es e Bankrodör Der kann nicht mit Geld umgehen, ein Bankrotteur. Auch jemand, der pleite gegangen ist oder für sein Geschäft Insolvenz anmelden musste. Ein gutes Stück Häme ist meist auch dabei. Anders als in vielen anderen Ländern wird es in Deutschland kritischer gesehen, wenn jemand für sein Geschäft Insolvenz anmelden muss. Em Soalwer leije Morgens lange im Bett liegen, vor allem noch nach der üblichen Aufstehzeit, und nach Alkoholgenuss seinen „Kater“ auskurieren; auch nach später Heimkehr von einer Feier. Dä/ dat sitt uss wie det Leiden Christi Mann oder Frau sieht aus, wie das „Leiden Christi“. Jemand sieht schlecht aus: krank, fahl im Gesicht, abgemagert. Ech kruff enen Glonk „Ich krieche in einen Glonk“, ein typisch Siegerländer bauchiges Gefäß mit kleiner Öffnung. Wenn man sich für etwas schämt oder sich zurückziehen will. Man macht sich „klein“, um in den Glonk zu kommen. Mr ha alt so veel durch, da schaffe mr dat och noch Wir haben schon so viel hinter uns, durchgemacht, bewältigt, da schaffen wir es auch noch, diese Situation zu meistern. Noa dm Räen kömmt och werrer de Sonn Nach dem Regen kommt auch wieder die Sonne. Das ist nicht nur aufs Wetter, sondern vor allem aufs Leben bezogen. Dä blees de Backe of Jemand, mit dem nun nicht gut „Kirschen essen“ ist. Er war verärgert, vielleicht weil man ihn provoziert hatte. Man stellte sich oder ging (besser), wenn der andere „die Backen aufblies“. Dr Käs es gegesse Der Käse ist gegessen. Alles erledigt. Darum kümmern wir uns nicht mehr. Em Salz ha Im Salz haben. Dänn (Dat) ha ech noch em Salz. Mit ihm oder ihr hat man noch ein Hühnchen zu rupfen, wie die so bekannte Redewendung lautet. Sech kringelich (krengelich) lache Ech ha mech krengelich gelacht. So lachen, dass man sich winden, beugen, schütteln muss. Sech schippelich lache Dat verzährlte wat, doa mosste ech mech schippelich lache. Ähnlich wie vor. Schütteln vor Lachen. Dat sitt awer kröngelich uss und Ech föhl mech heut kröngelich Wenn die Tischdecke nicht ordentlich auf dem Tisch liegt oder die Decke oder ein Kleidungsstück verknittert, nicht gebügelt, ist, sieht das krümpelich, verknittert aus. Nicht so ordentlich, wie es sein sollte! Man kann sich aber auch einmal kröngelich fühlen, irgendwie verknittert, mit dem falschen Fuß aufgestanden, nicht „gut drauf“ sein.

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Dat woar awwer e Schwatt Das war aber ein Schwatz, eine Aussage, ein Geschwätz. Wenn man meint, ein anderer hätte dummes Zeug erzählt, was nicht interessiert, überflüssig war oder für falsch gehalten wird. De Ahle hadden (fröer) räecht Die Alten (die Älteren, die Eltern, andere von früher) hatten früher recht …, mit dem, was sie gesagt haben oder wovon sie erzählt hatten. De Ahle wossden noch wierett geahrt Die Alten wussten noch, wie es ging. Zu Sachen, die man heute nicht mehr so richtig weiß oder nicht hinbekommt, ob ein traditionelles Gericht zu kochen oder eine einfache Lösung für irgendwas zu haben. Oalche, Oalche, Hubbertsloch Alchen, Alchen, Hubbertsloch. Der Ort Alchen zwischen Seelbach und Bühl wurde teils so betitelt, wahrscheinlich, weil früher so einige mit dem Namen Hubbert dort lebten. Mr sinn uss dem Gronn Wir sind aus dem Grund. Das sagten die Älteren oft, wenn sie nach ihrem Wohnort, ihrer Heimat, gefragt worden. Ihr Gronn war im Heuslingtal, zwischen Zeitenbach und Niederheuslingen, eventuell bis Oberfischbach/ Niederndorf. Dä kaa uss dr Dachrenne drenke/ suffe Der kann aus der Dachrinne trinken. So hob man hervor, wenn jemand besonders groß war. Ihr Lüü unn ihr Kenners Ihr Leute und Kinder. Man sagte das, wenn man überrascht war, ob im guten oder schlechten Sinne. „Ihr Lüü unn ihr Kenners, wat die doa fabriziert haa“, … was die da gemacht haben. Dat ess noch ne Loslerrige Das ist noch eine ledige Frau (los-ledig). Wurde besonders bei schon etwas älteren unverheirateten Frauen gebraucht. Es war früher mehr oder weniger üblich, dass man nach dem Mädchenalter heiratete. Ett/ hä schwätzt Hochdeutsch bet Knaubeln Sie/ er redet Hochdeutsch mit Knubbeln. Mit dem Hintergrund, fast immer Platt gesprochen zu haben, wurde es nach und nach wichtig, Hochdeutsch zu lernen. Das klappte nun zwar schon gut, aber doch noch nicht so ganz, es war teils noch etwas holprig, mischte sich. Dat/ Dä es werrer om Floach Sie oder er ist wieder ausgegangen (auf dem Flug?). Meist auch, um jemanden kennenzulernen.oder Bekannte, Kumpels zu treffen. Itz kömmt dr Knöbbel uss dm Sack Jetzt kommt der Knüppel aus dem Sack. Wenn man mal einen größeren Streit hatte. War aber meist nur so gesagt. Am nächsten Tag vertrug man sich wieder. Best du och e Riewekooche? Bist du auch eine „Reibekuchen“. So begrüßen sich manche Siegerländer noch heute, wenn sie sich irgendwo in der Ferne treffen. Reibekuchen(brot) ist typisch fürs Siegerland. Bie Rennerod rechts römm Bei Rennerod rechts rum. Das bezieht sich nur auf die Siegerländer Sprache. Damit wird auf die besondere Aussprache des Buchtabens „R“ hingewiesen, der ähnlich wie im Englischen klingt. An diesem besonderen R kann man häufig Siegerländer erkennen, auch wenn sie sich im Radio oder Fernsehen bei Interviews äußern. Bei „Rrriewekooche“ wird das deutlich. Aber das macht nichts. Warum sollte man seine Sprachwurzeln verleugnen? Bayern, Österreicher, Südtiroler, Schweizer und viele andere haben gar kein Problem damit. Sprache ist ein gutes Stück Kultur!

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Dä hätt de Arwet net erfonne Der hat die Arbeit nicht erfunden. Früher Menschen, die arbeitslos waren oder auch keine Arbeit suchten bzw. auf öffentliche Unterstützung setzten. Hintergrund ist auch, dass es ab so Mitte der 1950er-Jahre und weiter Arbeit gab. Es kam aber später in den 70 /80ern wieder mehr Arbeitslosigkeit auf. Was da im Einzelnen ablief und wie die Situation für die Betroffenen tatsächlich war, wusste man meist nicht. Heute haben wir zwar weit weniger, aber dennoch viele Arbeitslose, von denen viele sicher gerne wieder arbeiten würden. Die esse wie de Säu/ Ihr esst wie de Säu Die essen wie die Schweine. Wenn man mitbekommt, dass Kinder oder andere Leute nicht ordentlich essen, denkt/ sagt man sich das still untereinander oder in sich hinein. Normalerweise haben früher bereits die Kinder mitbekommen, wie man „richtig“ isst, Gabel und Messer gebraucht. Vielen Eltern ist das heute ebenfalls wichtig.

Doa sirret uss wie em Säustaal Da sieht es aus wie im Schweinestall. Passt zum vorigem Text. In der Wohnung oder rund ums Haus ist es nicht aufgeräumt. Alles querbeet, ein Durcheinander, kein sauberer Eindruck. Wurde aber oft nur gebraucht, wenn es dort längere Zeit so war: bei jedem Besuch oder Vorbeigehen ähnlich. Ett sitt uss wie bi Hämpels onnerm Sofa Es sieht aus, wie bei Hämpels unter dem Sofa. In der eigenen oder fremden Wohnung sieht es unordentlich, unaufgeräumt aus. Ein nicht schönes Durcheinander. Der Name „Hämpel“ mag wohl ursprünglich fiktiv eingesetzt sein. Wir können ihn auf jeden Fall nicht spezifizieren. Aagezoae wie ne Koahlraweschüssel Auch Koahlraweschussel oder -scheusel. Angezogen wie ein Kohlrabenscheusal. Solche Figuren baute man aus Stangen und Stofffetzen hier und da aufs Feld oder in den Garten, um Vögel zu verscheuchen, damit sie nicht die Saat oder die Früchte pickten. Wer so ähnlich angezogen ist, hat sich nicht gut gekleidet.

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Satt? Kenn ech net - endwerrer ech ha Honger orrer mir es schleechd Bis du satt?, Das wurde einmal ein Kind gefragt. Seine Antwort: „Satt kenne ich nicht. Entweder habe ich Hunger oder mir ist schlecht.“ Romstöarchers bruche mr kenn mee Sachen, die nur rumstehen, brauchen wir nicht mehr. Mit zunehmendem Alter sind die Schränke voll mit Geschirr, Gläsern, Vasen, Souvenirs. Man kauft so etwas erst gar nicht mehr und will solche Sachen, Rumsteher, auch nicht als Geschenk haben. Na ja, wenn es doch einmal mitgebracht wird, beißt man in den sauren Apfel, den suure Appel. Det Korn ee dr Schüar haa Das Korn in der Scheune haben. Früher war man froh, wenn die Ernte gut gelaufen war und man das Korn und die anderen Früchte in der Scheune oder im Haus, unter Dach und Fach, hatte. Ein Teil war meist auch auf dem Ollern, dem Speicher oder Dachboden. Dann ist es erst einmal gut. Diese Redensart wird teils auch gebraucht, wenn man alles - zum Beispiel vor einem wichtigen Ereignis - erledigt hat. Dänn ehr Kenn ess a Affegoat Denen ihr Kind (das Kind von Verwandten, Nachbarn …) weiß für sein Alter schon viel, ist „gescheit“, schlau, vielleicht manchmal auch ein bisschen vorwitzig, was man nicht so gerne hat. Im Prinzip ist es positiv gemeint, es mag aber auch ein bisschen Neid oder Häme in der Bezeichnung liegen. Das Wort „Affegoat“ hört sich merkwürdig an. Aber es rührt ursprünglich wohl vom Begriff Advokat (Rechtsanwalt) her. Dat ess keiner (neemes) va oos Das ist keiner, niemand von uns. Das bekam man vom Dialekt oder vom Aussehen her mit. Der- oder diejenige kam woanders her. Wat vor a Schwatt Was für ein Spruch, ein Schwatz, Geschwätz. Als eine für nicht gute Aussage empfunden. Auch „Wat sall so e Schwatt“. Was soll so ein Gerede. Ech well leewer de Schnudde haale Ich will lieber die Schnutte, den Mund, halten. Man würde zwar gerne was sagen, was man mit dieser Aussage auch ausdrückt, aber man behält sich lieber bedeckt. Es geht meist um pikante oder nicht erfreuliche Sachen bei anderen. Dat ess a feiner Pinkel Das ist ein feiner „Pinkel“, zum Beispiel jemand, der akkurat mit Anzug oder Kombination oder oft extravagant gekleidet ist und/ oder von dem man annimmt, dass er einer höheren Gesellschaftsschicht angehört. Nicht unbedingt im positiven Sinne verwendet. Gilt nur für Männer. Den Begriff und die Redensart „ein feiner Pinkel“ gibt es auch in Hochdeutsch. Vermalledeit (vermalleditt) noch moa Vermaledeit noch mal. Verflixt - oder auch verflucht -, wenn etwas nicht richtig gelingt oder etwas anders, schlechter läuft, als gedacht. Ist bei vielen Gelegenheiten anwendbar, zum Beispiel, wenn der Kuchen nicht gelungen ist oder das Essen angebraten ist. Im alten und heute wohl nur noch selten gebrauchten Wort oder Ausspruch steckt wohl das lateinische Wort „male“, das mit „schlecht“ übersetzt wird. Das wiederum versteckt sich heute noch in vielen speziellen Wörtern.

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Dr Mull hädd op dr Wees ganze Arwet geleistet Der Maulwurf hat auf der Wiese ganze Arbeit geleistet. So sagte man, wenn die Wiese mit Maulwurfshügeln übersät war. Mach det Mull zoo, et räent renn Mach den Mund zu, es regnet rein. Wenn jemand länger mit offenem Mund vor einem oder in der Nähe steht.

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Die ha e Geläuf Die „laufen“ zusammen. Man hat mitbekommen, dass sich ein Mädchen und ein Junge, eine Frau und ein Mann öfter treffen. Da hat sich anscheinend mehr als Freundschaftliches angebahnt, ein „Gelaufe“. Wenn mr oos fräijt: Die ha wat zesaame Wenn man uns frägt: Die haben was zusammen. Siehe oben. Sie werden wohl ein Paar sein. So etwas machte früher im Dorf oder auch in Wohnstraßen natürlich die Runde. Die bestaare sech gwess baal oder mosse sech baal bestaare Die „bestaaten sich“, heiraten, gewiss bald. Entweder ahnte man es oder glaubte es zu wissen oder, eindeutiger, man sah es am Bäuchlein der Frau. In ganz früheren Zeiten war das noch etwas Besonderes, aber nicht ganz so schlimm. Ärger war das damals für ledige Mütter.


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Die ha sech gesoocht un gefonne Die haben sich gesucht und gefunden. Das galt nicht nur für Verliebte, sondern auch für Menschen, die zusammen etwas arbeiten oder entwickeln wollten, und für Freunde. Du ahle Mocke oder Dat ess ne Mocke Du alte Mocke (Schwein). Sagt man zum Beispiel zu Kindern, die unordentlich sind oder den Tisch mit Marmelade oder anderem beschmieren. Wenn jemand öfter so etwas macht, heißt es „Das/ der oder die ist eine Mocke“. Mockelich geschreewe Unordentlich geschrieben, kaum leserlich. Das kann auch krakelig sein, mit nicht eingehaltenen Zeilen oder mit Schmierflecken, früher von Tinte, heute vom Kuli. Ett woar ald emmer so – … un so mache mr ett wierer Es war schon immer so - und so machen wir es weiter. Das geht vom Backen und Kochen bis zu handwerklichen Arbeiten und zu persönlichen Einstellungen zu Themen. Bie oos bliebt alles bim Ahle Bei uns bleibt alles beim Alten. Ähnlich wie zuvor: Wir wollen nichts ändern. Warum auch? Es ist, wie es ist (ett ess wie ett ess). Dat lern (luarn) die selwer – (Det Kenn opklärn) Das Kind – zu sexuellen Gegebenheiten – aufklären? Das lernen die selbst. Ganz früher wurde unter Freundes- und Bekanntenfamilien bei Erwachsenen auch einmal über das Thema „Aufklärung“ gesprochen. Meist nur kurz und unter Müttern und noch mit einer gewissen Scheu. Man wusste nicht recht mit dem Thema umzugehen. Im Prinzip hatten sie aber recht mit ihrer Aussage. Überall auf der Welt nimmt die Sache natur- und kulturgegeben ihren Lauf.

„Die mäckese sech doch laufend“. Die streiten sich doch laufend. Zum Wort Mäckes für das typische Siegerländer Gefäß gibt es einige Ableitungen.


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Gon Morje, ihr Saujonge!

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Gon Morje, ihr Saujonge Typisch. Guten Morgen ihr Saujungen. Gilt als freundlicher Gruß, wenn man sich - morgens auf der Arbeit oder unterwegs trifft. Das „Gon Morje“ ist aber nicht unbedingt zeitbezogen. Teils sagt man es auch zu anderen Tageszeiten, wenn man sich trifft. Den Aawer gäje wat ha Den/ das, ein Aber gegen etwas haben. Nicht ganz so krass wie „den Ekel vor etwas haben“. Meist beim Essen. Das mag ich nicht, das kann ich nicht vertragen. Die koche och nur bet Wasser Die kochen auch nur mit Wasser. Die haben nichts Besonderes und wenn: Kochen können sie auch nur mit Wasser. Mr mosse Poahl haale Wir müssen (Pfahl) Stand halten, unsere Situation aushalten. Die Situation kann verschieden sein, von der Krankheit bis zum finanziellen Engpass. Doa mosse mr durch Da müssen wir durch. Sonst wie vorher. Die luurn (waarde) – doch nur – op ooser Enn Die lauern, warten auf unser Ende. Auch „op oosen Doard“, also auf unseren Tod. Das wurde/ wird bei Streitigkeiten gebraucht, zum Beispiel, wenn es ums Erben geht. Aber nicht nur dabei. Es kann auch um Räumlichkeiten und anderes gehen. Dä ess doch e Säuwatz Das ist ein „Saukopf“, besser: ein Schwein. Vielleicht erzählt derjenige öfter Unpassendes oder Sachen, die unter die Gürtellinie gehen.


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Tierisches und anderes gibt es in verschiedenen Facetten Du best e ahler Ersel Du bist ein alter Esel. Du machst das extra so und so. Du willst das nicht begreifen oder tust nur so. Du best e Schoaf Du bist ein Schaf. Sonst ähnlich wie vor. Du ahler Zeeijebock Du alter Ziegenbock. Jemand ist stur, störrisch oder sucht im höheren Alter nach neuen (Liebes-) Beziehungen. Dat ess un woar alt emmer e Orse Das ist und war schon immer ein Ochse. Die Person tut sich zum Beispiel nicht so leicht im Umgang mit anderen, ist eher abweisend. Die sinn doch wie de Karnickel Oder „Bie denn erret so wie bie den Karnickeln“. Die sind doch wie die Kaninchen. Wenn ein Paar/ die Frau in kurzen Jahresabständen viele Kinder bekommt. Halli-Galli mosse mr net mr haa Hully-Gully müssen wir nicht mehr haben. Der Begriff ist schon neuer. Kann spaßig sein, laut mit viel Musik und mit Tanz. Aber eben auch zu laut und zu wild. Da haamr et good getroffe Da haben wir es gut (an-) getroffen. Ob neue Wohnung oder Urlaub. Es war schön, gut. Dat ka mr so sää Das kann man so sagen. Wird gebraucht, um die Aussage eines anderen so in etwa zu bestätigen oder um seine gesagte Meinung zu erläutern. Mr komme uss dm Seejerland Wir kommen aus dem Siegerland. Antwort darauf, wenn man im Urlaub oder sonst nach der Herkunft gefragt wird. Ett moss och moal e Enn ha Es muss auch einmal ein Ende haben. Das kann auf alles bezogen werden, auf Arbeit, auf schlechte Zeiten, auf schlechtes Wetter, auf Krankheit. Auch, wenn die Liste sicher bei Weitem nicht vollständig ist, hat sie auch hier erst einmal „ e Enn“.

Kennen Sie noch diese Redensarten und Co., eventuell auch in Abwandlungen?

Seit November 2016 gibt es das neues Buch: „Riewekooche, Glonk un Alldaachsläwe“. Im Buchhandel oder bei uns fragen.

Es geht uns darum, alte Begrifflichkeiten, Sprüche und Redensarten unseres heimatlichen Platts, der Siegerländer Mundart, zu bewahren und aufzuzeigen. Auf unseren Seiten www.buch-juwel.de finden Sie eine thematisch sortierte Mundartliste, die immer wieder ergänzt wird. Über die Seiten können Sie auch weitere Magazine wie „Seejerlänner Schempfwörrer“ und „Siegerländer Essen“ mit den unterschiedlichsten Begriffen aufrufen. Frei zugänglich! Unsere Seite und unsere Blättermagazine sind ohne Anmeldung zugänglich und frei lesbar. Sofern Sie einen Ausdruck wünschen, bitte anfragen.


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Bi oos ess üwerall Wald - Wo de och hinguckst

„Bei uns ist überall Wald, wo du auch hinschaust“. Blick von der Ginsburg bei Hilchenbach auf die wald- und wiesenreiche Siegerländer Landschaft. Neben Nadelwäldern haben auch Laubwälder und Mischwälder hier ihr Zuhause wie die Niederwälder mit den nachhaltig bewirtschafteten Haubergen.

Schreibweisen und Aussprachen in Seejerlänner Platt Je nach Wort und Ort im Siegerland sind die Ausdrucksweisen verschieden. Mal wird, aber sehr unterschiedlich je nach Wort, eher weich mit „Ds“ gesprochen, mal hart mit „Ts“. Häufig wird je nach Örtlichkeit auch das „J“ verwendet, zum Beispiel in „Morje“ (Morgen). Relativ gängig ist, statt „B“ innerhalb des Wortes das „W“ zu verwenden: Aus „wir bleiben“ wird dann „mr bliewe“. Endungen auf „N“ wie bei „bliewe“ werden oft „verschluckt“, ebenso Vokale

im Wort, wie bei „Mir“, das auch für „Wir“ gebraucht wird. Das heißt dann „Mr“. Es gibt natürlich auch ganz eigene Begriffe wie „Ätt“ oder „Hä“, eine Frau, ein Mann. Hä loa: Er da. Das „ei“ im Wort wird oft zu „ie“, reiben, riewe. Wir haben uns daher wieder an einer Mischung aus verschiedenen Örtlichkeiten, hauptsächlich Siegen/ Freudenberger Land versucht und es meist so aufgeschrieben, wie man spricht.

Das ist nur eine Auswahl. Wir haben uns bemüht, heute als diskriminierend geltende Wörter usw. zu vermeiden. Sollte etwas dabei sein, dient es nur der Darstellung der Mundart-Sprache mit auch älteren Begriffen. Sofern wir auf Neues treffen, ergänzen wir die Liste gerne. Die Zusammenstellung darf insgesamt verlinkt werden. Urheberschaft, Impressum müssen in allen Fällen erhalten bleiben, auch bei kurzen Zitaten. Kopieren und Weitergeben sind nicht erlaubt! Nutzen Sie einen Link! Für die Nutzung in eigenen Webseiten, Social Media und allen anderen gleichen oder ähnlichen Verfahren ist nur der Link, nicht der Einbau der Seiten oder Teilen davon erlaubt. Bei Bedarf zu Abdruck, Sendung unbedingt erst bei uns anfragen! Kurze Zitate, Hinweise (siehe oben) sind erlaubt. Es gilt deutsches Urheberrecht! Alle Rechte auf Texte, Abbildungen und Fotos, Zeichnungen © 2016/2017 bei Verlag Buch-Juwel und Autor Georg Hainer.

Siegerländer Redensarten - Seejerland  

Auf 14 Seiten hat der Siegener Verlag Buch-Juwel Redensarten und Redewendungen sowie kurze Aussprüche aus dem Siegerland in Mundart, Seejerl...

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