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Ausgabe 4/08 (Oktober) www.noirmag.de

Amerika Lifestyle

Reise

Querbeet

Lyrik als Leidenschaft einer jungen Subkultur

Achtung, Neidgefahr: Traumziel Hawaii

Killerspiele: Kampf gegen das Gesurre


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~ Editorial ~

MEHR SEIN ALS SCHEIN Giraffen festbinden verboten! Mehr Kuriositäten aus den USA auf Seite 014.

Inhalt – Noir 7

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ein verantwortungsloser Idiot hatte in den letzten 2000 Jahren so viel Macht wie ich“, schildert Octave Perango, Roman- und Filmheld, in „39,90“ Octave ist kein Gott, kein Diktator, sondern der erfolgreichste Kreative der globalen Werbeindustrie. Er schwimmt in Geld, feiert luxuriöse Parties, schleppt ein Model nach dem anderen ab – und manipuliert die Menschheit. Mit Werbung. Werbung fasziniert, befriedigt Sehnsüchte oder weckt sie erst gar in uns. Sie ist überall. Morgens beim Zähneputzen im Radio, auf dem Bus. Abends auf der Coach im Fernsehen, auf der Flasche Limo. Sie begleitet uns tagtäglich – manchmal still und unauffällig, manchmal laut und prollig wie die Klingeltonwerbung des Musikkanals. Selbst der amerikanische Wahlkampf gipfelt in diesem Jahr in einer noch nie geahnten Werbeschlacht. Filmfigur Octave offenbart die kritische, schmutzige Seite, die Abgründe hinter dem Zahnpastalächeln der Politiker und Werbefiguren. Was hat das hiermit zu tun? Dass wir uns der Werbung öffnen und uns dennoch nicht verlieren. Und dass wir manchmal Kompromisse machen müssen, um zu wachsen: So wie in dieser Noir, in der ihr zum ersten Mal Werbung auch im Innenteil vorfindet. Doch nicht als Zeichen der Schwäche, sondern der Stärke: Noir wird wachsen, dank und mit euch. Und dank der Werbung. Denn nach wie vor – und gerade deshalb – bleibt bei Noir alles echt, pur. Mehr sein als Schein. Werbung schadet also nicht automatisch.

Foto: photocase.com/User: sk1 (links); Verena Weihrauch / jugendfotos.de (rechts)

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Lifestyle. Die Macht der Poesie

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Kultur. Doppelleben

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Thema. Weltmacht USA

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Experte. Leitfigut Obama?

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Thema. Ausgeträumt?

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Porträt. Randy Pausch

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Reportage. Hoch hinauf

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Wissen. Rollende Büsche

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Reise. Traumziel Hawaii

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Sport. Blindenfußball

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Intern. Wer hinter Noir steckt

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Politik. Wem gehört die Arktis?

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Politik. Die Israel-Lobby

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Querbeet. Vater werden

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Editorial Impressum

N o i r - Au s g a b e 4/ 20 08

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Lifesty l e ~ K ult ur ~ Ti te lth e ma ~ Po r tr ät ~ Reportage ~ W i s s e n ~ Reise ~ S p o rt ~ N o i r- I n t ern ~ Po l i t i k ~ Querbeet

DIE RÜCKKEHR DER DICHTER

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temberaubende Alliterationen. Melodische Metaphern. Eindringliche Ellipsen. Klingt nett. Doch sollte man als hipper Youngster im Zeitalter der InstantKommunikation rhetorische Stilmittel besser einmotten und als rudimentäres Überbleibsel altmodischer Dichterkulturen ein für alle mal abstempeln? Die Antwort lautet: Nein. Der Beweis nennt sich „Poetry Slam“. Denn Lyrik ist die Leidenschaft einer ganzen jungen Subkultur. Kaum zu glauben, wenn man, noch nachhaltig traumatisiert vom letzten „Rap goes Mainstream“-Phänomen, die grammatikalischen Gewalttaten zu vergessen versucht, die ihre Schneisen durch die breite Bevölkerung geschlagen haben. Doch Poetry Slam hat nichts gemein mit lyrischen Grobmotorikern wie Sido & Co., die mit Nutten und Maskerade das Publikum visuell betäuben, bevor die „Message“ grobschlächtig eingetrichtert wird. Poetry Slam ist moderne Poesie auf hohem Niveau. Dabei treten junge Dichter mit eigenen Gedichten in den Wettstreit. Diese tragen sie einem Publikum, das gleichzeitig als Jury fungiert, vor. Allein durch Gestik, Mimik und die Modulation der Stimme untermalt der Poet sein Gedicht. Er flüstert die Zeilen, schreit sie, raunt sie, schluchzt sie, keucht sie. Wie ein Wort-Dompteur, nur mit einem Mikrofon und einem klaren Verstand bewaffnet, zähmt

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er die wildesten Auswüchse der deutschen Sprache, um sie in wohltuenden, überraschenden oder vielleicht zynischen Wortkombinationen auf das Publikum loszulassen. Auf diese Weise weiß der Künstler ein mitwissendes Schmunzeln zu provozieren oder eine herzhafte Lachsalve auszulösen. Ebenso vermag er es sein Publikum in Beklemmung zu stürzen oder in tiefes Mitgefühl. So steht er da, der junge Poet. Vor dem Mikrofon. Auf der Bühne. Ohne Verkleidung, die von ihm ablenken und ihn schützen könnte. Denn Poetry Slam ist pur. Das macht ihn so unmittelbar und so überzeugend ehrlich. Junge Poeten in Chucks und T-Shirt lassen tief blicken. Sie geben einen Teil ihrer Gedanken frei, lassen Gefühle zu und sprechen Themen an, die beschäftigen. Ob in der Prosaform oder im jambischen Hexameter – der Gedichtform sind keine Grenzen gesetzt, solange das Gedicht bewegt. „Eins für ein Gedicht, das nie hätte geschrieben werden dürfen, zehn für ein Gedicht, das einen spontanen, kollektiven Orgasmus im Raum auslöst“, so legt Ben Holman, ein Zar unter den Poeten, die Messlatte fest. Denn auch im Dichterwettstreit wird bewertet. Und was zählt, ist das Gefühl, das ein Gedicht bei den Zuhoerern heraufbeschwört. Gemeinsam abtauchen in die Gedankengänge eines jungen Poeten. Mitreissen lassen. Poetry Slam ist gemeinschaftlich, aber kompetitiv. Altmodisch, aber sehr modern. Subjektiv, aber unglaublich nachvollziehbar. Und vor allem wunderbar konträr. Poetry Slam ist lyrisches Kräftemessen mit den Bandagen der Dichtkunst und das schönste Kompliment, das die Jugend des 21. Jahrhunderts einer Macht machen kann, die sich über tausende von Jahren nie von der Menschheit getrennt hat: der Macht der Poesie. Fe l i c i a S c h n e i d e r h a n


L if es ty le ~ Kult ur ~ Ti te lth e ma ~ Po r tr ät ~ Reportage ~ W i s s e n ~ Reise ~ S p o rt ~ N o i r- I n t e rn ~ Po l i t i k ~ Querbeet

VOM HÖRSAAL INS BORDELL Sonia Rossi lebt ein Doppelleben: Tagsüber studiert sie Mathematik, nachts arbeitet sie als Hure. Nun schildert sie in „Fucking Berlin“ ihren Spagat zwischen Uni, Familie und Bordell

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uf den ersten Blick unterscheidet sich die junge Frau aus Italien kaum merklich von anderen Berliner Studentinnen. Klein, grazil, lange dunkle Mähne. Doch Sonia Rossi ist anders: Während ihre Kommilitoninnen im Supermarkt kassieren oder kellnern, um sich ein bisschen Geld dazu zu verdienen, verkauft die Mathematikstudentin Nacht für Nacht ihren Körper. Jetzt berichtet sie in ihrer Autobiografie ungeniert, offen und schockierend facettenreich über ihr Leben als Teilzeithure.

Sonia, die es aus einem kleinen Kaff auf einer winzigen italienischen Insel nach Deutschland zieht, ist berauscht von Berlin. Innerhalb kürzester Zeit lernt sie Deutsch, beginnt ihr Mathematikstudium und findet neue Freunde. Sie lässt keine Party aus, genießt ihre neu gewonnene Freiheit und Unabhängigkeit in vollen Zügen. Doch schon nach kurzer Zeit wird das Geld knapp. Die intelligente Studentin ist von eintönigen, schlecht bezahlten Nebenjobs gelangweilt. Zudem versorgt sie ihren Freund Ladja, der weder Aufenthaltsgenehmigung noch Arbeit hat. Eine Freundin warnt Sonia vor dem dauerbekifften Träumer: „Ein Straßenkind aus Polen, okay für Sex, aber verlieb dich nicht in ihn.“ Trotzdem hält Sonia zu Ladja, heiratet ihn sogar. So erlebt der Leser die Verwandlung: Aus Sonia, der braven Studentin, wird die routinierte Prostituierte Stella, die im Rotlichtmilieu das schnelle Geld sucht, mehrmals aussteigt und trotzdem immer wieder abrutscht. Die in ihrer Arbeitszeit

über tausend Kunden befriedigt. Wie findet man den Einstieg? Wie fühlt es sich an, sich Männern für Geld hinzugeben? Sonia legt Seite um Seite nicht nur einen körperlichen, sondern auch einen seelischen Striptease hin. Der tiefe Einblick ins Rotlichtmilieu Berlins hinterlässt beim Lesen bleibende Spuren, denn er ist so ganz anders als gewohnt: nicht klischeebelastet, sondern authentisch. Das wirkliche Leben eben. Gerade aus diesem Grund ist „Fucking Berlin“ keine leichte Lektüre, sondern auch Kritik am Uni-System, an Bafög-Standards und Bürokratie. Der Roman ist alles, nur kein Schmuddelsex-Heftchen. Vielmehr fragt man sich: Wie geht es Sonia, heute 25 Jahre alt, nach ihrem Studium, wie ihrem kleinen Sohn? Vielleicht erfüllt Sonia Rossi ihren Fans ja bald den Wunsch und schreibt weiter – in einem Blog. (Rossi, Sonia: Fucking Berlin. Ullstein Verlag, August 2008) Katrin Ehmke

Hö renswert

The Red Album Wezzer ist eine vierköpfige Alternativ-Rockband die 1992 in Los Angeles gegründet wurde. Die Band setzt sich derzeit aus Frontsänger und Gitarrist Rivers Cuomo, Brian Bell (Gitarre, Gesang), Scott Shriner (Bass, Gesang) und Patrick Wilson (Schlagzeug) zusammen. Der typische Weezer-Sound ist sehr gitarrenlastig und begeistert mit eingehenden Melodien. Ihr Stil wird oft als College-Rock oder gitarrenlastiger Pop-Punk beschrieben. Alternativ ist die Band deswegen, weil Weezer alle Möglichkeiten nutzen, immer wieder durch die Grenzen andere Genre zu brechen. Anfang Juni dieses Jahres kam ihre sechste Platte, betitelt mit dem Bandnamen „Weezer“, in die Läden. Inoffiziell wird sie aber „The Red Album“ genannt, weil das Album in rot daherkommt – nach zwei Alben, die ebenfalls Wee-

Fotos: Ullstein Verlag (oben); Weezer (unten)

zer hießen, aber ein blaues und grünes Cover hatten. Nachdem ihre letzten zwei Alben eher enttäuschend waren, versuchen Weezer an ihre Erfolge mit grün und blau anzuknüpfen.Während der ersten Hälfte der Platte bemerkt man schnell, dass sich Weezer diesmal etwas weg bewegen von ihrem typischen Sound und viel experimentiert haben. Vom sehr hymnenartigen „The Greatest Man That Ever Lived“, bei dem sich die Jungs bereits in ganz neuen Gefilden bewegen, bis hin zu dem fast mit den Red Hot Chili Peppers zu verwechselnden „Everybody Get Dangerous“ bietet Weezer auf ihrem neusten Werk auch den ein oder anderen ruhigeren Song. Erstmals durfte sich hier auch der Rest der Band austoben und eigene Songs schreiben, was neue Impulse gibt und das Album etwas

auflockert. Ob Weezer mit diesem Album an den Erfolg ihrer alten Großtaten anknüpfen können, ist ungewiss. Reinhören lohnt sich aber auf jeden Fall – schon allein, weil Weezer dem Namen „Alternativ“ mit diesem Album Florian Carl alle Ehre machen. Mehr Informationen auf www.weezer.com

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DIE GESCHICHTE EINER WELTMACHT Nach dem 11. September 2001 gab es weltweit Kritik an der Politik der US-Regierung. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten scheint an Faszination zu verlieren. Dabei waren es einst Europäer, die voller Hoffnung in die „neue Welt“ aufbrachen

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ber den Straßen Manhattans liegt eine gespenstische Stille. Läden, Restaurants und Büros haben geschlossen. Eine dicke Staubschicht bedeckt alles, was vom Vortag übrig ist. Einige Menschen halten sich an den Händen und beten. An den Krankenhäusern bilden sich Schlangen von Menschen, die Blut spenden möchten. Und ständig sind Feuerwehrmänner und Rettungskräfte auf dem Weg zu der Stelle, von der noch immer dicker Qualm in den New Yorker Morgenhimmel steigt. Gestern noch standen hier die Türme des World Trade Centers, dem Symbol für die wirtschaftliche Macht der Vereinigten Staaten von Amerika. Heute klafft dort ein riesiges Loch. Ein Stahlskelett ragt noch aus Schutt und Asche. Am Tag nach dem 11. September 2001 ist in Amerika nichts mehr, wie es einmal war. Über 3000 Menschen verloren bei den Terroranschlägen ihr Leben, nachdem neben dem World Trade Center auch das Pentagon getroffen wurde und ein weiteres Flugzeug in Pennsylvania abstürzte. Über das ganze Land legt sich ein Trauma aus Schreckensbildern und persönlichen Schicksalsschlägen. Das riesige Loch am Ground Zero versinnbildlicht die seelische Wunde der amerikanischen Nation. Doch in dem tiefen Gefühl der Trauer und Verzweiflung scheint langsam wieder Hoffnung zu keimen. Einen Tag nach den Anschlägen schreibt der Ex-Beatle Paul McCartney das Lied „Freedom“. Als er damit bei einem Gedenkkonzert auftritt, stehen Feuerwehrmänner in der ersten Reihe. Viele von ihnen wischen sich Tränen aus den Augen. McCartneys Stimme klingt entschlossen, als er sagt: „Wir haben einen Song über ‚Freiheit’ geschrieben.“ Mahnend hebt er den Zeigefinger hoch. „Das ist eine Sache, die diese Terroristen nicht verstehen können. Wir kämpfen für die Freiheit!“ Einige Zuschauer schwenken die ameri-

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Foto: photocase.com/User: cw-sign


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kanische Flagge. Die Hoffnung, die langsam keimt, ist verbunden mit einem tiefen Gefühl des Patriotismus’. „Das Feuer brennt noch, aber aus ihm ist ein stärkerer Geist hervorgegangen“, sagt der New Yorker Bürgermeister Giuliani bei einer Trauerfeier einen Monat nach den Anschlägen.

Angriff auf Freiheit und Demokratie Während die Amerikaner versuchen, das Erlebte zu verarbeiten, muss Präsident Bush politisch reagieren. Er bezeichnet die Anschläge als einen „Angriff auf Freiheit und Demokratie“. Als Drahtzieher sieht die Regierung das Terrornetzwerk AlQuaida und vor allem deren Kopf Osama Bin Laden, der sich später zu den Anschlägen bekennt. Bush will gegen die „Achse des Bösen“ militärisch vorgehen und macht deutlich „Jedes Land muss sich jetzt entscheiden: Entweder es steht auf unserer Seite oder auf der Seite der Terroristen.“ Doch wer sind sie überhaupt, „die Terroristen“? Die Terroranschläge haben gezeigt: eine Gruppe von extremistischen Islamisten, die vor nichts zurückschrecken. Doch offenbar beschränkt sich der Hass gegen Amerika nicht nur auf eine kleine Gruppe von Extremisten: Am Abend des 11. Septembers berichtet ein ARD-Korrespondent live aus Israel über die Reaktionen der Palästinenser: „Es war heute eine klammheimliche Freude in Ostjerusalem. Die Leute sind auf die Straße gegangen und haben gejubelt.“ Jubel und Freude. Wie tief muss der Hass auf die Weltmacht USA sein, wenn Menschen mit diesen Gefühlen auf die blutigen Anschläge reagieren? Die Reaktionen bei den Palästinensern scheinen eine allgemeine Stimmung in der arabischen Welt widerzuspiegeln. Seit vielen Jahren kritisieren einige arabische Länder die zunehmende Einmischung der USA. Der britische Schriftsteller Salman Rushdie schrieb 2002 in einem Essay über die Rolle Amerikas in der Welt: „Die Amerika-Kritik aus vielen muslimischen Staaten bezieht sich fast immer neidvoll auf die Stärke, den Erfolg und die Arroganz der USA.“ Doch er erkennt auch in der westlichen Welt einen zunehmenden Antiamerikanis-

mus, der sich häufig direkt gegen das amerikanische Volk richte: „Amerikanischer Patriotismus, amerikanische Fettleibigkeit, Emotionalität und Selbstbezogenheit - das sind die ernsten Themen.“, so Rushdie. Ein anderes Thema ist die Politik der Bush-Regierung. Im Februar 2003 gingen alleine in Berlin 500 000 Menschen auf die Straße, um gegen den drohenden Irakkrieg zu demonstrieren. Tatsächlich hat vor allem die Bush-Regierung dem Ansehen Amerikas weltweit geschadet. Doch auch in den USA sind die meisten Bürger nicht mehr zufrieden mit ihrem Präsidenten. Der Kulturwissenschaftler Dr. Andrew Gross aus Kalifornien formuliert diese Sichtweise noch krasser: „Ich würde die Bush-Regierung als ein sehr großes Problem für Amerika sehen“. Besonders der Angriffskrieg gegen den Irak stieß weltweit auf Kritik und die Folter irakischer Kriegsgefangener wurde zu einem schweren Skandal für die USA.

Europäer gründen die ersten Siedlungen Das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ scheint viel von seiner Faszination eingebüßt zu haben. Dabei war es einst das Traumland für Millionen von Europäer. Genau genommen sind heute rund dreiviertel der Amerikaner europäischer Abstammung. Im 16. Jahrhundert gründeten spanische Seefahrer die erste dauerhafte Niederlassung im Nordosten des heutigen Floridas. Vor allem Entdeckungsdrang, aber auch die Suche nach Bodenschätzen und neuem Siedlungsgebiet veranlasste die europäischen Kolonialmächte dazu, Expeditionen nach Amerika zu senden. 1620 gründeten die „Pilgrim Fathers“ die Stadt Plymouth, benannt nach ihrer Heimatstadt in England. Die „pilgrims“ waren eine Splittergruppe der Puritaner, einer kirchlichen und sozialen Protestbewegung innerhalb des englischen Protestantismus. Sie lebten nach strengen Grundsätzen: Alleine das Wort der Bibel zählte, festgeschriebene Hierarchien, wie in der englischen Kirche üblich, lehnten sie ab. Neben den Puritanern gab es weitere kleine Glaubensgemeinschaften. Sie verband vor allem eine religiöse Idee: Die Güte Gottes zeigt sich im wirtschaftlichen Erfolg eines Menschen! Professor Dr. Harald

Wenzel vom John-F.-Kennedy-Institut in Berlin erklärt den Glauben der Puritaner so: „Das Leben jedes Menschen ist von Gott vorbestimmt. Man könnte meinen, die Menschen lehnen sich dann zurück, um nur noch auf den Tod zu warten. Doch genau das Gegenteil war in Amerika der Fall: Die Menschen sind aktiv geworden. Für sie schien klar: ‚Wenn man im Leben wirtschaftlich erfolgreich ist, dann konnte man darauf vertrauen, von Gott erwählt zu sein.’“ Die Siedler konnten in Amerika zwar ihren freien Glauben leben, doch die Siedlungen waren weiterhin nur Kolonien der europäischen Mächte, die zunehmend um Einfluss und Landbesitz auf dem amerikanischen Kontinent konkurrierten. So kam es 1756 zu einem Krieg zwischen Frankreich und England, bei dem die Engländer schließlich als Sieger hervorgingen und nach und nach die französischen Kolonialgebiete einnahmen. Damit war Großbritannien die Vormacht in Nordamerika. Doch der Krieg hatte das britische Königreich viel Geld gekostet. Außerdem mussten die neuen Gebiete zunehmend gegen die Indianer geschützt werden. Dazu wurden britische Schutztruppen an den Siedlungsgrenzen stationiert. Für die Kosten sollten die Siedler selbst aufkommen: Sie mussten immer höhere Steuern bezahlen, schließlich wollte Großbritannien aus seinen Kolonien auch finanziellen Gewinn schlagen. Doch dabei gab es für die Siedler kaum Mitspracherecht im britischen Parlament. Langsam rumorte es im Verhältnis von Großbritannien und den Siedlern in den amerikanischen Kolonialstaaten. Am späten Abend des 28. November 1773 liegen drei Handelsschiffe am Hafen von Boston vor Anker. An Bord haben sie große Ladungen Tee aus dem britischen Königreich, die nun im Hafen ausgeladen werden sollen. Plötzlich zeichnet das grelle Mondlicht die Umrisse einer Gruppe Indianer auf den Kai. Mit Kriegsgeheul stürmen sie die Schiffe und werfen die gesamte Ladung von rund 45 Tonnen Tee ins Wasser. Diese Aktion geht als „Boston Tea Party“ in die Geschichte ein. Die Indianer waren in Wirklichkeit Bostoner Bürger, die sich als Symbol der Unterdrückten als Indianer verkleidet hatten und gegen die britische Steuer auf importierten Tee protestieren wollten. Die Tee-Steuer war eine der wenigen Steuern, die es noch gab. Aber sie

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war ein Symbol für die Besteuerung und Land. Sie träumen von Freiheit und hofBevormundung der Kolonien durch die fen, innerhalb kurzer Zeit reich zu werden, britische Krone. erfüllt von Sehnsucht nach einem Land Es dauerte lediglich noch zwei Jahre, bis der unbegrenzten Möglichkeiten. Das sich der Konflikt zwischen den Kolonien Freiheitsgefühl ist aber noch mit einem und der britischen Krone im Unabhängig- anderen Mythos verbunden: Den Cowkeitskrieg entlud. Mit Hilfe Frankreichs ge- boys und dem Wilden Westen. Bevor das lang der Armee der amerikanischen Trup- Eisenbahnnetz auch im Westen ausgebaut pen schließlich der Sieg über die Briten. wurde, mussten Rinderhirten riesige VieThomas Jefferson war der Hauptautor herden zu den Weidegründen führen. Sie der amerikanischen Unabhängigkeitser- stießen häufig in Regionen vor, in denen klärung. Er erklärte die Kernpunkte der Farmer ihr Land eingezäunt hatten oder Verfassung: „Es versteht sich von selbst, Siedler – von den Gerüchten eines Golddass alle Menschen gleich sind, dass ihr fundes getrieben – ganze Städte aufgebaut Schöpfer ihnen unanhatten. Was heute tastbare Rechte verliein vielen Westernhen hat, darunter das Filmen mit der SiedRecht auf Leben, Freilungsgeschichte der heit und Glück“. Diese USA gleichgesetzt Rechte wurden in der wird, war in WirkErklärung niedergelichkeit eine EntFreiheitsgefühl und Mythos schrieben, doch in der wicklung der USA Realität zeigte sich ein von gerade einmal 35 anderes Bild: Thomas Jahren. Jefferson besaß, wie viele Amerikaner, zu Nachdem alle Regionen im Westen der dieser Zeit 149 Sklaven. In deren mussten USA erschlossen waren, ein riesiges Eisendie Worte von Jefferson nach Sarkasmus bahnnetz das Land überzog und der Eingeklungen haben, konnten sie von Frei- wanderungsstrom aus Europa weiter anheitsrechten doch nur träumen. stieg, erlebte Amerika einen beispiellosen Die Sklavenfrage war eines der wesent- Wirtschaftsaufschwung. Zu Beginn des lichen Konfliktthemen zwischen den 20. Jahrhunderts ist aus den ehemaligen Nord- und den Südstaaten und Ausdruck europäischen Kolonien eines der bevölkeeiner wirtschaftlichen und sozialen Spal- rungsreichsten Länder der Welt geworden. tung: Während die reicheren Nordstaaten Amerika ist weltweit führend in der Indussich zunehmend auf Industrie und Dienst- trie- und Landwirtschaftsproduktion. Die leistungen konzentrierten, waren die Süd- Wirtschaft profitiert von einem ungezügelstaaten vor allem von großen Baumwoll-, ten Kapitalismus, es herrscht VollbeschäfZucker und Tabakplantagen geprägt und tigung und der Staat ist nahezu frei von wollten dabei nicht auf den Einsatz von Schulden. Sklaven verzichten. Es ist die Zeit, in der die Vereinigten Der Konflikt gipfelte schließlich im Bür- Staaten den Grundstock legen für die gerkrieg, der mit dem Sieg der Nordstaaten Entwicklung zur Weltmacht und zu einem endete. Nun schienen die Vereinigten neuen Lebensstil, dem „American way of Staaten zum ersten Mal wirklich vereint. life“. Auch der Süden erlebte eine zunehmende „Dieser war nicht zu trennen vom ‚AmeIndustrialisierung. Die Sklavenfrage wur- rican Dream’, der Hoffnung, man könne de aber nur auf dem Papier gelöst. Obwohl arm anfangen und irgendwann sogar die Sklaven Bürger- und Wahlrechte zuge- Präsident werden.“, erklärt der Dr. Gross. sprochen bekamen, wurden sie weiterhin „Dieser Lebensstil war vor allem von einer diskriminiert. So konnten sie auch kaum starken Konsumorientierung geprägt.“ am wirtschaftlichen Aufschwung teilhaDas ganze Land wird mit Konsumgütern ben, der sich nach dem Bürgerkrieg in den überflutet. In Städten wie New York, BoVereinigten Staaten anbahnte. ston oder Chicago symbolisieren schwindelerregende Wolkenkratzer die Moderne, in großer Eile werden ganze Kaufhaustempel gebaut. Autos werden in Massen proAufstieg zur Weltmacht duziert. Doch wie real war der Traum, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen? Am Ende des 19. Jahrhunderts strömen „Die Fälle der Menschen, die diesen immer mehr Einwanderer aus Europa ins Aufstieg geschafft haben, ist natürlich be-

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grenzt, aber dennoch größer als in Europa.“, sagt Dr. Gross. „Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es in den USA keinen Adel gegeben hat. Im Vergleich zu Europa gab es also keine von vorneherein bevorzugte Elite.“ John Rockefeller war einer dieser Menschen, die den amerikanischen Traum in ihrem Leben verwirklichten. Rockefeller begann als Buchhalter und stieg später ins Ölgeschäft ein. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere wurde Rockefellers Privatvermögen auf rund 900 Millionen Dollar geschätzt, damit war er der reichste Mann der Welt. Es sind Geschichten wie diese, die den amerikanischen Mythos prägen. Doch bestimmte Bevölkerungsgruppen waren von vorneherein von der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft ausgeschlossen. „Der wirtschaftliche und soziale Aufstieg war fast unmöglich für die schwarze Bevölkerung oder für die Hispanics, also die US-Bürger lateinamerikanischer Abstammung. Auch die Frauen waren lange Zeit benachteiligt.“, erklärt Dr. Gross. Ein andere Bevölkerungsgruppe wurde seit der Besiedelung Amerikas brutal unterdrückt und von ihrem Land vertrieben: die Indianer. Rund ein Drittel von ihnen leben heute in Reservaten. Das wildromantische Bild des edlen und tapferen Indianers hat dabei kaum mehr etwas mit der Realität gemein: Die Reservate sind sozial und kulturell verelendet, bis zu 80 Prozent der männlichen Bevölkerung sind abhängig von Alkohol oder anderen Drogen. Die Indianer stellen heute nur noch eine kleine Prozentzahl der amerikanischen Bevölkerung - einer Bevölkerung, die Soziologen mit einer „Salatschüssel“ vergleichen. „In einer Salatschüssel sind alle möglichen bunten Zutaten, mit ganz unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Diese Zutaten werden zwar vermischt, aber nicht mehr zu etwas neuem zusammengeschmolzen.“ erklärt Professor Dr. Wenzel.

Salatschüssel gerät ins Schleudern Doch die amerikanische Salatschüssel scheint kräftig ins Schleudern geraten zu sein: Einzelne Minderheiten werden an den Rand gedrängt, in den Städten sind zum Teil ganze Ghettos entstanden, die Kluft zwischen Arm und Reich wächst seit vielen Jahren. Während die Armuts-


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rate 2002 bei Afroamerikanern bei rund 24 Prozent und bei den Hispanics bei 22 Prozent lag, lebten gerade 10 Prozent der Weißen in Armut. Wie kann sich eine Gesellschaft mit all diesen Gegensätzen als eine zusammengehörige Nation fühlen? Der Student Matthias Stier war als Schüler ein Jahr lang in Amerika. Er erinnert sich an den Beginn der morgendlichen Schulstunde: „Vor dem Unterricht kommt eine Durchsage, dann stehen alle Schüler auf, um gemeinsam den Treueschwur auf die amerikanische Nation und die Fahne zu leisten.“ Professor Dr. Wenzel glaubt nur bedingt an eine gemeinsame nationale Identität der Amerikaner: „Ich bin der Auffassung, dass eine gemeinsame nationale Identität der Amerikaner in Friedenszeiten und in Phasen der Normalität eigentlich gar nicht mehr gibt. Wenn es etwas gibt, das wie eine nationale Identität aussieht, taucht dieses in Krisenzeiten auf, in Zeiten des Krieges. Dann kreieren die Amerikaner sozusagen eine nationale Identität.“ In der Zeit nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 besinnen sich die Amerikaner auf diese nationale Identität, auf der einen Seite um das kollektive Trauma zu verarbeiten, auf der anderen Seite als eine Art Trotzreaktion auf den Angriff der Terroristen, von denen Paul McCartney sagt, dass sie den Wert der Freiheit nicht verstehen könnten. „In der amerikanischen Kultur gibt es auch heute noch die Idee, dass die eigenen Werte allgemein gültige Werte sind und dass jeder Mensch nach Freiheit strebt“, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Professor Dr. Georgi-Findlay. Verbunden mit diesen Werten ist auch die Vision, anderen Ländern diese Freiheit zu schenken. Kaum ein anderes Land hat stärker von dieser Vision profitiert als die Bundesrepublik Deutschland, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA rund 1,4 Milliarden Dollar im Rahmen des Marshallplans erhielt. Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Krieges waren die USA die einzig verbliebene Weltmacht und gleichzeitig auch in der Rolle des Weltpolizisten. „Ich habe gerade bei jungen Menschen das Gefühl, dass ein sehr großes Misstrauen gegenüber Amerika herrscht“, sagt Professor Dr. Georgi Findlay. „Man kann sich, glaube ich, als junger Mensch nicht mehr mit der Idee anfreunden, dass die Welt eine Ordnungsmacht braucht, um Frieden zu schaffen. Gleichzeitig weiß ich, dass gerade die amerikanische Populärkul-

tur weiter an Anziehungskraft gewinnt.“ Dr. Gross pflichtet ihr bei: „Hollywoodfilme, die amerikanische Musik oder bestimmte Kleidungsstile sind einfach beliebt. Das hat nichts mit kulturellem Imperialismus zu tun. Niemand steht da mit einer Waffe und sagt: „Sie müssen das kaufen!“

Gibt es keine anderen Probleme? Jan Spreitzenbarth ärgert sich über die Überpräsenz der US-Wahlen in den Medien

W Land der Gegensätze In der Bucht von Manhattan steht das Wahrzeichen Amerikas: die Freiheitsstatue. Seit über 120 Jahren hält sie die Fackel der Freiheit in die Höhe. Ihr Blick scheint auf das endlose Meer gerichtet. Doch wie sieht es hinter ihrem Rücken aus? Im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ sitzt zurzeit jeder hundertste Bürger im Gefängnis. Damit nimmt Amerika weltweit einen traurigen Spitzenplatz ein. Zudem haben die USA mit einer schweren Wirtschaftskrise zu kämpfen. Das amerikanische Sozialsystem ist vor allem auf private Eigenvorsorge auslegt. Staatliche Hilfe gibt es nur sehr begrenzt: Rund 46 Millionen US-Bürger haben keine Krankenversicherung. Besonders hart trifft es dabei die Unterschicht: „In Bushs Amerika grassiert die Armut“, titelt „Der Spiegel“. Amerikas Gesellschaft scheint immer weiter auseinanderzudriften. Wie also wird die Zukunft des Landes aussehen? Dr. Findlay ist hoffnungsvoll: „Amerika ist auch ein Land des Nonkonformismus, der Gegensätze und Widersprüche. Aber es hat die Fähigkeit, alle kritischen Themen irgendwann auf die Tagesordnung zu bringen und zu diskutieren. Das hat eine ungeheure Selbstheilungskraft.“ Amerika war auch das Land, in dem die Hippie-Bewegung ihren Anfang nahm. Im Amerika gab es die größten Proteste gegen den Vietnamkrieg. Und Amerika hat eine vielfältige Subkultur, wie zum Beispiel die Kultur der Afroamerikaner, die zwei der populärsten Musikstile hervorgebracht hat: Jazz und Hip-Hop. Am 4. November 2008 wählt Amerika einen neuen Präsidenten. McCain oder Obama? Wohin treibt der Wind der Veränderung die amerikanische Gesellschaft? Können die USA ihrer Rolle als Ordnungsmacht in der Zukunft besser gerecht werden? Auf der amerikanischen Flagge prangen 50 Sterne. Die Antworten stehen in ihnen.

ie haben wir Deutschen gejubelt, als Barack Obama seine Rede in Berlin hielt. Er sprach von Veränderung, Chancen, von einem neuen Anfang. 200 000 Menschen kamen nur, um ihn zu sehen. In Berlin, der Stadt der Freiheit, wo 60 Jahre zuvor die Amerikaner West-Berlin um keinen Preis aufgeben wollten. Obama, der neue Star der Freiheit. Auf der anderen Seite des Atlantiks blieb dem Gegenkandidaten John McCain hingegen nichts anders übrig, als über die „kriecherischen“ Deutschen herzuziehen. Der US-Wahlkampf ist in vollem Gange. Auf dem großen Parteitag der Demokraten erwählte Obama Joseph Biden als seinen Vizepräsidentschaftskandidaten. Biden ist ein außenpolitisch sehr erfahrener Mann und macht auch einen ganz erfahrenen Eindruck. In etwa so, wie McCain, nur ohne den Verdacht von Gesundheitsproblemen. Oft stelle ich mir die die Frage: Wieso interessiert uns Deutsche das so sehr? Klar, Amerika ist ein schönes, mannigfaltiges Land. Auch ich möchte einmal eine Tour an der Ostküste machen. Jedoch steht dies schon Langen nicht mehr an erster Stelle. Ganz andere Länder, Kulturen sind viel interessanter. Das Erbe der Azteken erforschen oder Afrika per Jeep erkunden. Das möchte ich entdecken. Doch Unsere Medien berichten lieber über den charismatischen Präsidentschaftskandidaten. Als hätten wir keine eigenen Probleme. Etwa Staatsschulden oder den Unmut über die Volksparteien. Noch schlimmer finde ich aber das Gefühl, dass es egal ist, wen wir wählen. Ich werde schräg angeschaut, wenn ich meinen Wunsch, Politik zu studieren, äußere. In China erging es mir ähnlich, nur da konnte ich es verstehen. Getrieben vom Traum reich zu werden, nahmen tausende Siedler den Weg in das Land der Freiheit auf sich. Heute steht der Präsident, ob es nun McCain oder Obama werden sollte, vor riesigen Scherbenhaufen. Große soziale Ungleichheit, die Masse von illegalen Einwanderern, der Vertrauensverlust in die Fähigkeit der Regierung, der Weltmachtsanspruch und ideologisches Sendungsbewusstsein mit einhergehendem Ansehensverlust der USA in der Welt. Die Sterne werden uns nicht die Lösung aller Probleme zuflüstern. Wir Menschen, ganz gleich ob Deutscher, Amerikaner oder Iraner, müssen sie finden. Gemeinsam.

Andreas Spengler

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„OBAMA IST KEINE LEITFIGUR“ Noir-Redakteur Adrian Bechtold sprach mit Bernhard Miller, Politikwissenschaftler des Mannheimer Zentrum für Sozialforschung, über die anstehenden US-Wahlen

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err Miller, der Wahlkampf in den USA ist in vollem Gange. Steckt im umjubelten und doch unerfahrenen Demokraten Obama mehr politisches Risiko als im gestandenen Republikaner McCain? Erfahren sind beide Kandidaten nicht. Weder Barack Obama noch John McCain hatten große Führungspositionen. Auch John F. Kennedy, Bill Clinton und George W. Bush fehlte das beim Amtsantritt. Verlässlicher in den Entscheidungen ist sicherlich McCain, der trotz mancher Alleingänge durch die lange Zeit in der Politik berechenbarer ist. Obama hat da mehr Potential in alle Richtungen. Doch

beide Kandidaten haben erfahrene Berater, die das Schiff USA auf Kurs halten werden. Fehlt in Deutschland eine Leitfigur wie Obama? Obama ist vieles: mitreißend, charismatisch und vor allem anders. Doch eine Leitfigur kann ich in Obama nicht finden. In den USA erntet er keine allgemeine Zustimmung. Zur Leitfigur gehört vor allem die Rückendeckung des eigenen Volkes und nicht nur eine Mobilisierung im Ausland, die wahrscheinlich mehr durch eine Bush-Antipathie begründet ist. In Deutsch-

Veraltetes Wahlsytem Einst mit Pferd zur zentralen Wahl

land ist eine Leitfigur dagegen kaum möglich. Nach der Ochsentour ist der Politiker der Partei untergeordnet, während in den USA die starken Kandidaten für sich stehen und mehr Möglichkeiten der Selbstdarstellung haben. Als Zugpferd der Politik würde ich auch in Deutschland einen starken Politiker begrüßen. Könnte eine Krise McCain einen ungeahnten Höhenflug verpassen? Das kommt ganz auf die Krise an. Bei einem Terroranschlag wäre der außenpolitisch starke McCain klar im Vorteil. Sollte die Wirtschaft stark schwächeln, könnte Obama seine ganzen wirtschaftlichen Kompetenzen ausspielen. Mit Krisen können sich Politiker immer profilieren und solche Situationen ausnutzen – wie beim Hochwasser in Deutschland geschehen. Sind die Wahlen in den USA überhaupt noch demokratisch? Leider nur bedingt. Das Wahlsystem mit Wahlmännern stammt aus einer Zeit, als noch einige Vertreter mit dem Pferd zur

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zentralen Wahl reiten mussten. Heute ließe sich bestimmt eine zentrale Wahl arrangieren. Gerade bei wenigen Einwohnern bringen die zwei immer nominierten Senatoren das System aus dem Gleichgewicht. Bei der anstehenden Wahl spielt das Wahlsystem aber eher eine untergeordnete Rolle - die vielen Spontanwähler werden das Rennen um das Weiße Haus entscheiden. Wie frei sind Politiker nach Geldspenden? Zunächst sind Wahlspenden nichts Schlechtes. Ohne die wäre ein solcher zelebrierter Wahlkampf kaum möglich, und der ist einfach Tradition. Sicherlich erwartet die Industrie für die Spenden ein gewisses Entgegenkommen. Doch spenden auch Organisationen mit entgegengesetztem Interesse, und so richtet sich die Verpflichtung des Präsidenten mehr in Richtung der Wähler – schließlich wurden

„Tendenziell hat Obama die besseren Karten“ Bernhard Miller

umfassende Wahlverprechen gemacht. Gerade Obama finanziert sich fast nur aus Kleinspenden der Wähler und ist diesen besonders verpflichtet. Welchem Präsidentschaftskandidaten würden Sie abschließend das Kreuzchen geben? Obama. Aber auch nur momentan. Die nächsten Monate werden entscheiden, wer beim öffentlichen Schlagabtausch besser abschneidet. Tendenziell hat Obama die besseren Karten. Es schreit förmlich nach dem propagiertem „Wandel“, und bei der geringen Wahlbeteiligung sind die sicheren Stimmen der Farbigen für Obama Gold wert.


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VERLOREN ZWISCHEN IRAKKRIEG UND FINANZKRISE Auf der Suche nach dem amerikanischen Traum

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eder zweite Haushalt in den USA hat einen PC, fast alle mit Zugang zum Internet. Die Amerikaner suchen damit mittels Google die Themen „Britney Spears“ und die Ergebnisse der Football-Bundesliga. Der amerikanische Traum taucht in diesen Statistiken nicht auf, auch wenn er mehr als eine eigene Website hat. Kurz vor den Wahlen glauben über 70 Prozent der Amerikaner, dass es immer schwieriger, wenn nicht unmöglich wird, den Traum noch zu leben. Auf das Stichwort werden die guten alten Zeiten – das „Golden Age“– heraufbe-

Über 70% der Amerikaner haben den Glauben an den „American Dream“ schon verloren schworen: Früher konnte aus einem Tellerwäscher ein Millionär werden. Heute braucht der Tellerwäscher dafür zuerst eine Krankenversicherung, ohne die er von keinem Arzt behandelt wird. Er braucht einen Collegeabschluss, der pro Jahr 15.000 bis 30.000 Dollar Studiengebühr kostet. Und er muss einen Kredit aufnehmen, für den er die Zinsen kaum bezahlen kann. Alle Menschen

träumen anders, manche in Farbe, manche in schwarzweiß, manche nur in Bildern, manche mit Ton. Die Aussicht, genauso individuell leben zu können wie wir träumen, war es, die in den 30er Jahren Menschen aus Europa in die Küstenstädte der USA lockte, auf der Suche nach dem „American Dream“. Heute füllt diese Hoffnung die Auffanglager für illegale Einwanderer an der Grenze zu Mexiko. Green Cards, die dauerhafte Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, sind nach wie vor die beliebtesten Visa überhaupt. Doch scheinen es hauptsächlich Menschen von anderen Kontinenten zu sein, die noch an den Traum der amerikanischen Nation glauben. Allerdings bedeutet auch für sie ein gelebter Traum meistens vor allem eins: Wohlstand. „Der amerikanische Traum bedeutet, einfach reich zu sein“, lautet der frustrierte Kommentar einer Umfrage. Der Traum von Amerika tist immer die Vorstellung von mit Gold gepflasterten Straßen gewesen. Er hat sich stets durch den Kapitalismus definiert und nie ein Geheimnis daraus gemacht. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind Schlüsselworte der Demokratie, wie sie die Amerikaner lieben, doch reichen sie heute nicht mehr aus um damit einen Wahlkampf zu gewinnen. Selbst der „American Dream Can-

didate“ Barack Obama verlässt sich lieber auf die Lobbyisten, die ihm den Wahlkampf finanzieren, als auf die reine Magie der Rhetorik, die sich Martin Luther King in seiner „I have a dream“–Rede vor rund 40 Jahren zunutzen machte. Der amerikanische Traum, wie es ihn einst gab – da sind sich die meisten einig – ist zwischen Irakkrieg und Finanzkrise irgendwie verloren gegangen. Doch die Amerikaner wären nicht sie selbst, würden sie

nicht schon wieder an einer neuen Idee basteln, die sie sich auf ihr Sternenbanner schreiben können. Der Klimaschutz ist das neue Programm der unerschütterlichen Optimisten am anderen Ende des Atlantik. Denn wo sich der Enthusiasmus alter Träume allmählich in Luft auflöst, bekommen die Worte „erneuerbare Energie“ einen ganz neuen Klang. Beinahe etwas traumhaftes. Georgia Hädicke

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INTELLEKTUELLE PROSTITUIERTE

Oberflächliche Recherche, seichte Themen und Verdruss: Manövriert sich der Journalismus in den USA ins Abseits? Eine Bestandsaufnahme

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en Journalismus drückt Zeit, Geld und die Einflussnahme von Konzernen und Politik. Platte Themen und Schlagzeilen im schwarz-weiß-Schema verdrängen seriöse Recherche. Als vermeintlicher Erfolgsfaktor tischen Print- wie Onlinemedien oberflächliche Kost auf. Hierzulande wie auch in den USA bringt diese Entwicklung Redakteure und Reporter mit Rückgrat ins Schwitzen. „Sie ist bunt geworden, vielfältig, voller Trallala und Albernheiten, der Werbung nahe und dem Showgeschäft und immer auf Rendite bedacht.“ Jürgen Leinemann, jahrzehntelang Redakteur beim Nachrichtemnagazin „Spiegel“, hat die Entwicklung der Medienlandschaft und des Journalismus in Deutschland als Redakteur, Reporter und Büroleiter über 35 Berufsjahre mitverfolgt. Der Wert der Berichterstattung orientiere sich in Redaktionen heute oft am Unterhaltungsfaktor und nicht mehr am Öffentlichkeitsinteresse, bemerkt er kritisch in ver.dis Zeitschrift „Menschen Machen Medien“. Sowohl in Deutschland als auch in den USA sind die Medien fast alle in der Hand von wenigen großen Konzernen, die die Berichte der Nachrichtenagenturen oft ungefiltert verwerten. Sie geben maßgeblich den Ton an und

drängen kleinere und unabhängigere Zeitungen und Sender vom Markt. Die Forderung der Aktionäre nach hohen Renditen bringt Redakteure unter Zeitdruck, läßt ihre Honorare dahinschmelzen und führt zu oberflächlicher Recherche, seichten Themen und Verdruss. Geschwächt von diesen Faktoren ist der Journalismus im Ausverkauf und nicht nur ein propagandistisches Mittel erster Güte für unternehmerischen, sondern auch für politischen Machtmissbrauch. „Statt aufzudecken und nachzuforschen begnügen sich die etablierten Medien bis heute damit, das gängige Terror-Verschwörungsszenario zu verbreiten und Zweifler zu diffamieren”, bemerkt der umstrittene freie Journalist, Buchautor und Filmemacher Gerhard Wisnewski. Durch die Anschläge am 11. September beispielsweise seien die Massenmedien zum Sprachrohr der US-Regierung für einen Krieg gegen den Terror. Sie hätten damit den USA beim Erstschlag gegen Afghanisten und den Irak geholfen sowie Überwachungsgesetze in der westlichen Welt rechtfertigt. Seine kritische Dokumentation über den 11. September wurde von seinem Auftraggeber, dem WDR zwar ausgestrahlt. „Der Spiegel“ warf ihm jedoch Manipulation vor. Kurze Zeit später wurde er wegen vom WDR gefeuert.

Redakteure mit Rückgrat kommen ins Schwitzen

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Die einzige Chance, einer finsteren Zukunft zu entrinnen, sieht er in einer finanziell unabhängigeren Presse und in Journalisten, die nicht einfach nur im Mediengeschäft dabei sein wollen. Es sei allerhöchste Zeit für Redakteure und Reporter, sich verantwortungsvoll mit ihren Themen auseinandersetzen und investigativ hintergründig nachforschen. Eine wesentlich fatalere Sicht legte der zum damaligen Zeitpunkt bereits pensionierte ehemalige Chefredakteur der New York Times, John Swinton, an den Tag. Auf einen Trinkspruch auf die unabhängige Presse bei einem Festbankett zu seinen Ehren antwortete er im Jahre 1880: „Es gibt so etwas wie eine unabhängige Presse zu dieser Zeit der Weltgeschichte in Amerika nicht.“ Und weiter: „Das Geschäft der Journalisten ist es, die Wahrheit zu zerstören, gerade heraus zu lügen, zu verdrehen, zu verunglimpfen, vor den Füßen des Mammons zu kuschen und sein Land und seine Menschen um sein tägliches Brot zu verkaufen.“ Swintons Fazit: „Sie wissen es und ich weiß es, wozu der törichte Trinkspruch auf die unabhängige Presse. Wir sind die Werkzeuge und Vasallen reicher Menschen hinter der Szene. Wir sind die Marionetten, sie ziehen die Schnüre und wir tanzen. Unsere Talente, unsere Fähigkeiten und unsere Leben sind alle das Eigentum anderer. Wir sind intellektuelle Prostituierte.“ M a t t h i a s Et z o l d

Foto: Julian Beger / www.jugendfotos.de


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VOLLER LEBEN Der US-Computerwissenschaftler Randy Pausch starb an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Millionen schauten sich seine letzte Vorlesung im Internet an. Dabei war sie eigentlich nur für seine Kinder gedacht

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äre ich Maler, hätte ich gemalt, wäre ich Musiker, hätte ich Musik komponiert. Aber ich bin Professor, also habe ich eine Vorlesung gehalten.“ Als der Computerwissenschaftler Randy Pausch am 18. September 2007 seine letzte Vorlesung an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh (USA) hält, ist der Titel Last Lecture leider wörtlich zu nehmen. Die Last Lecture ist eine nette Tradition an amerikanischen Universitäten. Professoren werden gebeten sich vorzustellen, diese Vorlesung sei ihre letzte. Was wollten sie den Studenten mitgeben? Es geht um Weisheit und die großen Fragen der Menschheit. Randy Pausch muss sich nicht vorstellen, es sei seine letzte Vorlesung. Er weiß es. Pausch hat Bauchspeicheldrü-

„Zeit ist alles was man hat“ senkrebs im Endstadium, zehn Tumore in seiner Leber und nur noch wenige Monate zu leben. Er hat gekämpft, aber der Krebs war immer stärker. Randy Pausch ist mit seiner Traumfrau Ja verheiratet und hat drei kleine Kinder: Dylan, Logan und Cloe. Dennoch, oder gerade deswegen, handelt seine Vorlesung vom Leben, nicht vom Sterben. „Zeit ist alles, was man hat“, so Pausch und

so wolle er die begrenzte Zeit, die ihm bleibe, nicht damit vergeuden, sich zu bemitleiden. „Obwohl ich Krebs habe“, sagt Pausch, „bin ich ein glücklicher Mensch! Denn ich konnte meine Kindheitsträume verwirklichen.“ Zu Pauschs Kindheitsträumen gehören unter anderem das Schweben in der Schwerelosigkeit, bei Disney zu arbeiten, auf dem Jahrmarkt große Kuscheltiere zu gewinnen und einen Lexikonartikel zu verfassen. Und so spricht er in seiner letzten Vorlesung über Kinderträume und wie man sie wahr werden lassen kann. Und noch viel wichtiger: Er spricht darüber, wie man anderen dabei helfen kann, Träume zu verwirklichen und sie mit Leidenschaft zu inspirieren. Sein Vortrag ist witzig und selbstironisch. Randy Pausch macht nachdenklich, aber gleichzeitig auch Mut. Millionen schauten sich die Vorlesung im Internet an. Die Vorlesung bietet die Grundlage für das Buch „The Last Lecture – Die Lehren meines Lebens“, das Pausch mit Co-Autor Jeffrey Zaslow geschrieben hat. Das Buch wurde mittlerweile in ein Dutzend Sprachen übersetzt und ist ein weltweiter Bestseller. Pauschs Kinder Dylan, Logan und Cloe sind fünf,

zwei und ein Jahr alt, als ihr Vater am 25. Juli dieses Jahres im Alter von 47 Jahren stirbt. Seine Last Lecture soll den Kindern Antworten geben, wenn sie in das Alter kommen, in dem sie nach ihrem Vater fragen. Die Vorlesung und das Buch sollen ihnen helfen zu verstehen, wer ihr Vater war, was ihm wichtig war und was er seinen Kindern mitgeben möchte. Randy

Pausch hielt diese Vorlesung für seine Kinder. Nicht nur seiner Familie wird er als ein begnadeter Lehrer, brillanter Forscher und vor allem als ein liebender Ehemann und Vater in Erinnerung bleiben. Miriam Kumpf

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Berge versetzen. e r u e i n e g In ! s a d n e könn www.ingenieure-koennen-das.de N o i r - Au s g a b e 4/ 20 08

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HANNIBALS ENKEL Sich selbst überwinden, die wilde Schönheit und Macht der Alpen erleben – die Faszination des Alpenwanderns

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er Karthagerführer Hannibal überquert im Jahr 218 vor Christus die winterlichen Alpen um Rom einzunehmen. Seit jeher führen Transitwege über die Alpen, die als natürliches Hindernis zwischen Mittel- und Südeuropa stehen. Einmal die Alpen zu überqueren wie Hannibal, das stellte sich der 18jährige Thibaut Gauzin-Müller als eine richtige Herausforderung vor, der er sich unbedingt stellen wollte. Seine Absichten waren dabei jedoch nicht kriegerisch, sondern äußerst friedlich. Gemeinsam mit seinem Freund Andreas (20) machte er sich im Sommer 2007 an dieses Wagnis. „Ich wollte einfach mal spüren, wo meine körperlichen Grenzen liegen“, erklärt Thibaut den Grund für seine Entscheidung, „und die Alpen sind nunmal eine echte Herausforderung. Vor allem, da wir beide noch nie Mehrtagestouren gemacht hatten“. Gerade für Neulinge ist es schwierig, eine solche Reise zu planen. Doch die beiden Schüler wussten sich durch das Internet zu

helfen. Sie informierten sich in Foren über Ausrüstung, Gepäck und Routen. Sie verbrachten Stunden damit, die spannendste Route herauszusuchen, und entschieden sich schließlich für den Fernwanderweg E5 von Oberstdorf nach Bozen, da dieser die höchsten Berge der Umgebung hat. Wenn schon, denn schon! Beim Deutschen Alpenverein in Stuttgart ließen sie sich noch einmal beraten und traten schließlich sogar ein, um an günstigere Unterbringung 250 Gramm zu und Verpflegung in den Hütten zu kommen. Aber auch der soziale Gedanke, dadurch das Wandern für die Allgemeinheit zu verbessern, bewegte sie zu dieser Entscheidung. Denn der Alpenverein bemüht sich unter anderem um bessere und sicherere Wanderwege und unterstützt die Berghütten und ihre Ausrüstung.

Willst du ein Bonbon?

Mit Stock und Hut durch die Alpen. Die geschundenen Füße entschädigt ein phänomenaler Ausblick

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Der Deutsche Alpenverein wurde 1869 gegründet und ist mit 750.000 Mitgliedern der größte Bergsportverband der Welt und einer der großen Sport- und Naturschutzverbände Deutschlands. Er steht für die Vereinbarkeit von Bergsport und Natur. In der Stuttgarter Innenstadt besorgten sich Thibaut und Andreas die passenden Wa nder r uck säcke, Wanderstöcke, Wasserflaschen, Hüttenschlafsäcke, Wanderhosen und -schuhe, um perfekt vorbereitet zu sein. viel im Rucksack Ein Wanderhut durfte nicht fehlen, „ohne Hut kann man doch nicht wandern gehen“, lacht Thibaut. Außerdem ist die Höhensonne in den Alpen nicht zu unterschätzen – wer nicht aufpasst, hat schnell einen Sonnenstich oder einen schmerzhaften Sonnenbrand. Die Packliste musste gut durchdacht sein, da beim Wandern jedes Gramm Rauschende Gebirgsbäche sorgen für Abkühlung

Alle Fotos: Thibaut Gauzin-Müller


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zählt. Schließlich muss der Wanderer seine Ausrüstung viele Höhenmeter hoch und wieder runtertragen. Es gibt sogar Freaks, die den Stiel ihrer Zahnbürste abschneiden, um Gewicht zu sparen. Ganz so penibel waren Thibaut und Andreas nicht – sie ließen ihre Zahnbürsten ganz. „Aber wir hatten eine Packung „Nimm Zwei“ dabei – das waren 250 unnötige Gramm! Wir haben dann jedem, den wir trafen sofort versucht ein Bonbon anzudrehen“, scherzt Thibaut. Sonst hatten sie nicht sehr viel dabei. Nur Kleidung zum Wechseln, ein paar warme Sachen, zwei Liter Wasser, Energieriegel als Kalorienbomben, das wichtigste zum Waschen, Notfallapotheke, Fotoapparat, Taschenmesser und Toilettenpapier, falls mal keine Hütte in der Nähe ist. „Der erste Tag war eigentlich der schwerste“, erninnert sich Thibaut. „Bis wir endlich an der ersten Hütte waren, hat uns alles weh getan. Ich habe jeden einzelnen Muskel in meinem Körper gespürt. Im Schlafsaal, einem Massenlager, hatte es gerade mal acht Grad, und duschen konnte man auch nur kalt.“

Kalte Duschen und Massenlager auf den Hütten Die Jungwanderer schreckt das nicht ab

Mit solchen Unannehmlichkeiten muss man als Wanderer rechnen. Aber die beiden Jungwanderer schreckte diese „Kleinigkeit“, wie Thibaut meint, nicht ab. „‚Was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker‘ war unser Motto, frei nach Milton. Selbst wenn man glaubt, man kann nicht mehr weitergehen, kann man sich zusammenreißen und nochmal eine ganze Weile durchhalten.“ All die Strapazen haben sich am Ende gelohnt: Für beide war die Tour ein unvergessliches Erlebnis. Die endlose Weite der Berge, die unglaubliche Aussicht und vor allem das gute Gefühl, etwas wirklich Großes erreicht und sich selbst überwunden zu haben. Dieses Jahr wollen Thibaut und Andreas wieder ein Stück der Alpen erkunden und noch schneller noch höhere Gipfel erklimmen.

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BUSCH FÜR 25 DOLLAR Vom Wunsch der eigenen Webseite zur Lieferantin von rollenden Büschen für die Nasa und Hollywood: Die wundersame Geschichte von Linda Katz und ihrer Tumbleweeds-Farm Im Namen des Gesetzes Amerika ist nicht nur das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern auch der kuriosesten Gesetze. Wer seine Speisen gerne mit Knoblauch würzt sollte aufpassen, denn im Bundesstaat Indiana darf man vier Stunden nach dem Verzehr von Knoblauch nicht mit der Straßenbahn fahren. In Texas solltet ihr immer bequeme Schuhe tragen, denn eine städtische Verordnung bestimmt dort, dass man nicht barfuß gehen darf, ohne sich vorher für fünf Dollar eine besondere Genehmigung besorgt zu haben. Wenn ihr einen guten Gleichgewichtssinn und Lust zum Feiern habt, seid ihr in Kentucky richtig, denn hier gilt jeder als nüchtern, solange er sich noch aufrecht halten kann. Als besonderer Tierfreund sollte man in New York aufpassen: Hier dürfen Giraffen nämlich nicht an Straßenlaternen festgebunden Anna Ruppert werden.

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ansas, der „Sunflower State“ der Vereinigten Staaten im Jahr 1994: Linda Katz bekommt Anschluss an das Internet. Eigentlich will sie nur lernen, wie man damit umgeht, und ihrer Familie eine eigene Seite im Netz erstellen. Doch daraus sollte sich eine Geldquelle der besonderen Art entwickeln. „Dass es sich so entwickelt, hätte ich nie gedacht”, verriet die stolze Besitzerin der „Prairie

Indien: Pro Jahr bringen die Büsche mehrere Tausend US-Dollar ein. Sie kosten zwischen 15 und 25 Dollar pro Stück, je nach Größe. Hinzu kommen die Kosten für den Versand. Selbst die Nasa hat schon einmal angerufen, auch den Film „Wenn Träume fliegen lernen“ mit Johnny Depp schmücken bereits die Heuballen aus Linda Katz’ Produktion. „Mit der Tumbleweedfarm verdiene

Kurioses USA-Wissen Auf den Highways gibt es sogenannte „Food Exits“, die zu nichts weiter als einer Ansammlung verschiedenster Restaurants führen – in der Regel Fast-Food-Restaurants. Vergangenes Jahr zerrte ein Senator aus dem US-Staat Nebraska Gott vor Gericht, um seine Kritik am amerikanischen Rechtswesen auszudrücken – es kann nämlich jeder jeden verklagen. Einer 61jährigen Gouverneurin wurde der Einlass in ein Lokal verweigert. Begündung: Sie hatte keinen Ausweis dabei. Der Türsteher war sich nicht sicher, ob die Dame die Altersgrenze für den Alkoholgenuss – 21 Jahre – schon erreicht hatte. In Pennsylvania sollte der Papagei einer Frau sich zur Musterung melden. Angeboten wurden ihm auch ein Leihanzug, ein Austausch-Studienplatz und eine Kreditkarte. Okan Bellikli

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Sie rollen durch den Wilden Westen und verursachen manchmal sogar Verkehrsunfälle: Tumbleweeds. Linda Katz aus dem US-Bundesstaat Kansas vertreibt sie erfolgreich über das Internet.

Tumbleweed Farm” Anfang des Jahres der Financial Times Deutschland. Tumbleweeds, zu deutsch Steppenläufer, das sind diese Büsche, die in jedem Western durch die Gegend rollen. Wohlgemerkt rollen, nicht einfach nur herumliegen! Darauf legt Linda wert: „If they don‘t tumble we don‘t sell them!” steht auf ihrem Webauftritt. Zu deutsch „wenn sie nicht rollen, verkaufen wir sie nicht!” Wie es aussieht, hält sie ihr Versprechen, denn die Bestellungen reißen nicht ab. Ob aus Österreich oder aus

ich mir mein Taschengeld”, so die erfolgreiche Unternehmerin. Sie ist sonst Hausfrau, ihr Mann hat einen Dachdeckerbetrieb. Ist ein Ende des Geldsegens in Sicht? Angst, dass der Vorrat einmal ausgeht? Linda Katz meint: „Oh nein, wirklich nicht. Wir haben hier so viele Büsche in der Region, dass die Farmer sie oft verbrennen.” Manchmal würden sie sogar Verkehrsunfälle verursachen. Weil sie durch die Gegend rollen. Wie in jedem Western. Okan Bellikli

Fotos: photocase.com/User: misterQM (o. links); photocase.com/User: .marqs (u.links);Jez Arnold (rechts)


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THE ALOHA

STATE

Nach zwölf Stunden Flug Zwischenstopp in San Fransisco. Nach weiteren sechs Stunden Flug ist das Ziel der Reise um die halbe Welt erreicht: Hawaii

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chon der Name klingt nach einem Paradies in der Südsee. Doch Hawaii hat viel mehr zu bieten: vom wüstenartigen Klima über hochalpine Zonen und tropischen Regenwäldern wartet Hawaii mit den verschiedensten Klimazonen auf, die sehr nah beieinander liegen. Es lohnt sich also, nicht nur faul an den Traumstränden zu liegen, sondern das Land zu entdecken. Die erste Insel, die wir erkunden ist Kaua’i, die GartenInsel. Wir entdecken wunderschöne Sandstrände mit grandiosen Wellen, an denen sich zahlreiche Surfer tummeln. Der Großteil der Insel ist sehr grün und pflanzenreich. Wir durchfahren den Weimea-Canyon, eine etwa 15 Kilometer und mehrere Hundert Meter tiefe Schlucht. An deren Ende haben wir einen sagenhaften Blick auf die Napali Küste, die schon Schauplätze für zahlreiche Kinofilme wie King Kong bot. Am letzen Tag auf Kaua’i erlebe ich den ersten Helikopterflug meines Lebens. Nach anfänglichem flauem Gefühl im Magen genieße ich immer mehr den außergewöhnlichen Blick von oben auf die Insel. Die Tour geht auf der größten der sieben hawaiianischen Inseln weiter: Big Island. Die Insel ist vulkanischen Ursprungs. Es gibt sehr wenige Pflanzen, dafür umso mehr erstarrte Lavaströme. Unser erstes Ziel ist der der Vulcano National Park. Hier befindet sich der aktivste Vulkan der Welt: der Kilauea. Wir sind mit einem Mietwa-

gen unterwegs, denn auf der Insel fahren keine Busse. Es geht quer durch erkaltete Lavaströme. Wir machen Halt an riesigen Kratern. Wir laufen durch frühere Lavaröhren, in denen die Lava vor hunderten von Jahren unterirdisch ins Meer floss. Am Abend können wir aus sicherer Entfernung beobachten, wie noch flüssige Lava ins Meer fließt und dieses zum Kochen bringt. Nach einigen entspannten Tagen auf der anderen Seite der Insel fliegen wir die letzte Insel auf unserer Reise an: Maui, die magische Insel. Hier verbringen wir viel Zeit an den wunderschönen Sandstränden und liegen unter Palmen. Nachts besuchen wir den Haleakala, den größten Vulkan der Insel. Von hier oben erleben wir einen magischen Sonnenaufgang. Die restlichen Tage verbringen wir mit Bodyboarden, Schnorcheln und Relaxen am Strand – so lässt es sich aushalten. Nach drei Wochen heißt es leider Abschied nehmen von der einzigartigen Natur, den Traumstränden, den unglaublich freundlichen und hilfsbereiten Inselbewohnern und dem herzlichen „Aloha“, mit dem man an jeder Straßenecke begrüßt wird. Bevor ich ins Flugzeug steige, lasse ich den Blick noch einmal über den Horizont schweifen und weiß, dass ich eines Tages wiederkommen werde.

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Fa b i a n S o m m e r

www.ingenieure-koennen-das.de Foto: Fabian Sommer

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ALLES ÜBER DAS GEHÖR Sie können das Tor nicht sehen, dribbeln aber trotzdem wie die Profis, und ihr Spiel ist nicht minder rasant: Blindenfußball wird auch in Deutschland populär. Und die Erwartungen an die Mannschaft sind hoch

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in rasselnder Ball, „Voy“-Rufe, klopfen gegen die Torpfosten und Zuschauer, die keinen Mucks von sich geben – keine gewöhnliche Szene auf einem Fußballplatz. Ein Spieler im gelben Trikot startet einen Angriff auf das Tor der gegnerischen Mannschaft. Er trägt eine blaue Augenbinde. Alexander Fangmann ist 23, Student an der Uni Tübingen und erfolgreicher Fußballspieler. Seit seiner Kindheit ist Alexander begeistert vom runden Leder. Die Netzhautablösung, an der er im Alter von acht Jahren erblindete, konnte ihn nicht davon abhalten, sein liebstes Hobby weiterzuführen. Inzwischen spielt er nicht nur in der Blindenfußballbundesliga, sondern ist auch Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Dribbeln, Strafstoß und Neunmeter: Für Alexander und seine Mannschaftskollegen steht das volle Programm eines Fußballtrainings auf dem Plan. Einmal in der Woche trainiert der Rhetorikstudent mit der Blindenfußballmanschaft des MTV Stuttgart; ein weiteres Mal beim Hochschulsport seiner Uni. Gerade testet er in einem Probespiel seinen Trainingsstand. Bis auf den Torwart und einen sogenannten Guide, der hinter dem Tor Anweisungen gibt, sind alle vier Feldspieler blind. Aus Fairnessgründen tragen die Fußballer eine Augenbinde, denn einige von ihnen können noch Umrisse oder Schatten erkennen. Alexander passt seinem Mannschaftskollegen Jörg den Ball, dieser läuft Richtung Tor, wird aber von einem gegnerischen

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Spieler aufgehalten. Bundestrainer Ulrich Pfisterer pfeift: Strafstoß! Der gegnerische Spieler hatte nicht mit einem „Voy“ auf sich aufmerksam gemacht. Das ist spanisch und heißt soviel wie „Ich komme“. Beim Blindenfußball läuft alles über das Gehör. Kommunikation zwischen den Spielern ist das A und O. Nur so können sie sich auf dem Platz orientieren. Deshalb müssen die Spieler auch akustisch klarmachen, dass sie angreifen. Das Spielfeld ist mit 20 mal 40 Metern deutlich kleiner als beim gewöhnlichen Fußball. Begrenzt wird es durch Banden, an denen sich die Spieler entlang tasten oder über die Bälle gepasst werden können. Die Bälle sind mit Rasseln gefüllt, damit die Spieler sie hören können und sind außerdem etwas kleiner und schwerer als der Standardball. Hohe Pässe gibt es im Blindenfußball nicht. Bis auf diese wenigen Ausnahmen läuft ein Blindenfußballspiel aber genau so rasant und spannend ab wie ein Spiel sehender Fußballer. Die Geschichte des Blindenfußball in Deutschland ist noch jung. Im Mai 2008 fand die erste Bundesliga statt. International konnten sich Alexander und seine Mannschaftskollegen bereits 2007 in Athen bei der Europameisterschaft im Blindenfußball mit anderen Mannschaften messen. „Leider erreichten wir nur den siebten Platz – aber Spaß gemacht hat es trotzdem“, sagt Alexander.

Bis vor kurzem gab es in Deutschland noch keine feste Vereinsorganisation, wie das beispielsweise in Südamerika, England oder Spanien – daher übrigens auch der spanische Begriff „Voy“ – schon viele Jahre der Fall ist. Inzwischen wird der Sport auch in Deutschland gefördert, unter anderen vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) und dem Deutsche Behindertensportverband (DBS). Nächstes Ziel von Alexanders Mannschaft: die Europameisterschaft 2009 in Frankreich. Bis dahin stehen jedoch noch viele Trainingseinheiten auf dem Programm, denn die Latte hängt hoch: „Von einem Fußballland wie Deutschland wird natürlich auch im Blindenfußball einiges erwartet“, weiß Ulrich Pfisterer. Für Alexander heißt das, weiterhin mindestens zweimal in der Woche neben den Vorlesungen trainieren und einmal in der Woche mit dem Zug nach Stuttgart fahren. Julia Klebitz

Foto: ohneski / photocase.com


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ch, k r it is aber t h r e chw e ib li c eschr unbes b : n n u e o j e k t iv o w ie s r in nf Ad und s iv t akteu In f ü a e d : Re n, kr e IR f O f er N w e lt o rum? bei d nd wa Job u in n e e w M a i im t e r v ie – Dub r n e in e m g u t u lv o r st d Mak Mora id a l würde h n c e n s e h a W is c b in R m u s li m mmed is c h e n w enz? Muha z Dekad f e ld s r g e n h u c Spann w e s t li enn te, w n und e g n u h w o ll e ln Ic s t e ll : n sbudd rte en au derga h in c o K n n ig ie r k c h im osaur nd Ho swuns ter u e r D in t u m Beruf B im , n t m it o ß b in r o is s a ic h g r C : m it n e fort gsess o n s li b h ic L ie ürde n – in g ie r t e how w le S e y D t ga nd R e a li n Me och u ie s e r ht de Murd c u t Bei d s r e p O n, Ru n: UN i Moo mache K n dnete a rgeor e ury B b J ü r e d d ie u t in n ic h t : cken im ir P aupt h r e W la d entde b ü f p h o ic K ann e in e m Das k g in m n u n d Or

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Impressum Noir ist das junge Magazin der Jugendpresse BadenWürttemberg e.V. Ausgabe 7 – Oktober 2008

Herausgeber Jugendpresse Baden-Württemberg e.V. Schlossstr. 23 74372 Sersheim Tel.: 07042 8155-35 Fax: 07042 8155-40

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Chefredaktion und V.i.S.d.P. Miriam Kumpf miriam.kumpf@noirmag.de (Anschrift wie Herausgeber)

Layout und Art-Director Tobias Fischer

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Layout-Team Katrin Ehmke, Sebastian Nikoloff, Simon Staib layout@noirmag.de

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lich ehr u z itz ß, ling pre , sü S g i ber n r i i oe d t r u ar , w hl ch f c M s S u a : n IR: er gJa ven ied kti Ma NO e w j r r de fü Ad und rei ion bei hin t d a b h n n o I i ic asz se in J e F pas Me n : i e ht ich ric eul ter n n e! r U y abe hab da Im raz t h en, ic ck g c b i i e e e t d d h b ent ric in L be un e : e h t a M d. ic h ne : wir kt bin ber e r ü s e f r to Ef ich kla Fo haen ibe f A e b u r e n A ine sch n L en al e ene t en g s m i h e ieb dch nc l m ä a e m in m: Am : M me ann aru ich d m w i e ich ier les und ien vie raf en Sc g r i w o r t m ie fo übe erv en ihn int t s e h lieb ern e ic u g nnt Am d er ö k ahr n est n f d a r r ü gge – d n w n Ba : uise tsche We n r e art m C usque To erg a d at y n en, om og Ki l l p o i m ieß t i D h c h s te: nsc gen heu swu Bo h f : c u n r uns rne Be fsw e le u n r r ge Be ich e d ür s w Da en cht e F Fotos: privat ar enb

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N o i r - Au s g a b e 4/ 20 08

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RINGEN UM DEN NORDPOL Unter dem ewigen Eis der Arktis sollen rund ein Viertel der globalen Rohölvorkommen liegen. Die Arktis-Anrainer ersuchen nun auf dem internationalen Terretorium ihre Ansprüche abzustecken

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äre die Welt ein großes Kinderzimmer, dann würden wohl fünf Paar Kinderhände begierig nach diesem neuen interessanten Spielzeug greifen: der Arktis. Circa 15 Millionen Quadratkilometer eisbedeckter Ozean, der in den letzten dreißig Jahren enorm an Wichtigkeit gewonnen hat und nun die Begierde der Machthaber reizt. Denn außer einem Paradies für rund vierzig gefährdete, arktische Tierarten und dem wichtigsten Argument gegen die Erderwärmung liegen große Mengen schwarzen Goldes im Schoße der Arktis. Rund ein Viertel des Erdöl- und Erdgasvorkommens der Erde soll nach Experteneinschätzung am arktischen Nordpol zu finden sein. Nach Jahrzehnten wohlwollender Beteuerungen der Mächtigen, die Arktis sei Gemeinschaftsgut und aus ökologischen Gründen für Staatsoberhäupter unantastbar, beginnt sich diese altruistische Ansicht zu ändern. Mit der industriellen Entwicklung großer Schwellenländer wie China und Indien steigt die Nachfrage nach Erdöl erheblich. Der Ölpreis drückt. Niemals zuvor waren wir uns der Erschöpflichkeit der Erdölquellen so sehr bewusst. In diesem Bewusstsein breitet sich unter den fünf formellen Anrainerstaaten der Arktis Argwohn aus. Jeder möchte sein Stück vom arktischen Erdölkuchen abhaben. Auch die unter der globalen Erwärmung frei schmelzenden Gebiete, die neue, günstige Seewege für die Schifffahrt öffnen, sorgen für begehrliche Seitenblicke der Anrainerstaaten. Vor allem die

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großen Anrainer Kanada, Russland und die USA stehen bezüglich der Arktis-Frage außenpolitisch unter Druck. Diese unterschwellige Rivalität gipfelte im Sommer 2007 in einer symbolischen, aber ernst zu nehmenden Geste der Russen: In 4000 Metern Tiefe unter dem polaren Packeis „hissten“ sie auf dem Meeresboden die russische Flagge. Dies geschah im Zuge einer russischen Expedition, die beweisen sollte, dass die Arktis geologisch gesehen zum russischen Staatsgebiet gehöre. Nach kurzer Empörung seitens der übrigen Anrainer, beäugt man sich seitdem misstrauisch. Um einer Eskalation dieses stillschweigenden Wettrennens vorzubeugen, lud Dänemark im Mai 2008 vier Anrainerstaaten der Arktis zum Gipfeltreffen in Grönland ein. Diplomaten Kanadas, Russlands, Norwegens, Dänemarks und der USA tauschten sich hier zu diesem prekären Thema aus. Eine Lösung des Konflikts um die Gebietsansprüche in der Arktis ist jedoch noch weit entfernt. Fakt ist: Um als Inhaber der arktischen Gebiete die Ölquellen auf legale Weise zu schröpfen, bedarf es der Genehmigung der Vereinten Nationen, die sich auf die Seerechtskonvention berufen. Außer den USA haben alle Anrainerstaaten diese Konvetion im Jahre 1982 ratifiziert und

haben bis 2013 Zeit, im Rahmen dieser Konvention ihre Besitzansprüche auf die Arktis bei den Vereinten Nationen anzumelden. Deshalb läuft der Ratifizierungsprozess der Seerechtskonvention in den USA nun auf Hochtouren. Immerhin werden die Anrainer dank der Initiative Dänemarks wohl eine gemeinsame Erklärung verabschieden, die eine friedliche, diplomatische Lösung von Streitigkeiten vorsieht und die Einhaltung der internationalen Regeln voraussetzt. Für die USA führt damit kein Weg an der Seerechtskonvention vorbei. Wie die Vereinten Nationen reagieren, bleibt abzuwarten. Eine schnelle Lösung ist allerdings nicht in Sicht. Bleibt zu hoffen, dass sich alle Wettstreiter trotz großer Verlockung an die Regeln halten, um so die gefährliche Ausbeutung eines der sensibelsten Ökosysteme unseres Planeten wenigstens hinauszuzögern. Fe l i c i a S c h n e i d e r h a n

Foto: Yannik Markworth / www.jugendfotos.de


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VERDECKTE PARTNERSCHAFT Zwei amerikanische Professoren möchten ihre brisanten Recherchen über die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den USA und Israel veröffentlichen – und stoßen auf heftigen Widerstand

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icht oft haben Wissenschaftler den Mut, ein Tabu zu brechen. In den Vereinigten Staaten ist die enge politische Bindung an Israel längst zu einem Tabu geworden. Umso mehr erstaunt daher der Artikel „The Israel Lobby“. Zwei Professoren für internationale Beziehungen, John Mearsheimer aus Chicago und Stephen Walt aus Harvard, haben auf 21 eng bedruckten Seiten Fakten zusammen getragen, die viele erstaunen mögen. Israel bekommt von den USA zu besonders günstigen Bedingungen mehr direkte finanzielle Hilfe als jedes andere Land, dazu Militärhilfe und beispiellose politische Unterstützung. Seit 1982 haben die USA in den Vereinten Nationen 32 israelkritische Resolutionen per Veto verhindert. Die Autoren fragen sich, wie es dazu kommen kann, dass Amerika solch eine Politik führt, die deutlich erkennbar den nationalen Inte-

Foto: Nicole Falterbaum / www.jugendfotos.de

ressen schade, den Ölpreis in die Höhe treibt und das Verhältnis zur arabischen Welt negativ beeinflusst? Die Israel-Lobby unterscheidet sich von anderen, weniger mächtigen Interessenvertretungen in zwei wichtigen Punkten: zum einen durch ihre meist erfolgreichen Versuche, israelkritische Stimmen zu unterbinden. Zum anderen in ihrem Bestreben, Amerika zu militärischen Maßnahmen zu bewegen, die zwar mancher in Israel für angemessen halten mag, die aber den Interessen der Vereinigten Staaten objektiv entgegenstehen. Walt und Mearsheimer geben Beispiele: etwa Wahlkämpfer, die es an Israel-Treue fehlen lassen, und deswegen von der Lobby abgeschossen werden. Oder wie selbst zaghafte Versuche amerikanischer Regierungen, auf Israel Druck auszuüben, durch die erfolgreiche Mobilisierung pro-israelischer Stimmen im US-Kongress blockiert werden. Man kann über viele diese Thesen

streiten. Genau das ist es, was die beiden Autoren anstreben: eine „offenere Debatte über die Interessen Amerikas“. Ob ihnen das allerdings gelingen wird, ist fraglich. Bisher haben sie zu Hause nur Nichtbeachtung geerntet und sich den wohlfeilen Vorwurf des Antisemitismus eingehandelt. Es ist selbst in Amerika nicht mehr so einfach, ein Tabu herauszufordern. Die Technik der Autoren ist raffiniert simpel. Sie leugnen das Offensichtliche in Verschwörerton: Dass Israel die einzige Demokratie in Nahost zwischen Diktaturen sei, „kann das Ausmaß der Hilfe nicht erklären“. Wieso eigentlich nicht? Tatsächlich hatten die Autoren in den USA niemanden gefunden, der ihre Studie drucken wollte. Was wiederum ein Beweis ist für – richtig: den Einfluss der Israel-Lobby! Irina Bernhardt

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AGENT NULL NULL FLIEGE

A l l t ä g l i c h e r W G - W a h n sinn

Die Mülltonne

Im Visier des neuen Noir-Praxistests steht der Kampf gegen Schnaken, Brummer und Co.

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as lästige Surren steigert sich wie im Crescendo des berühmten Hummelflugs von Korsakow. In der Stille der Nacht hört sich die Fliege an wie der Rotor eines tieffliegenden Hubschraubers. Jede Hoffnung, der dicke Brummer werde endlich landen, macht er im Bruchteil einer Sekunde zunichte, indem er sich wieder in die Lüfte des Schlafzimmers erhebt. Doch damit ist jetzt Schluss! Ich habe ein ganzes Waffenarsenal zusammen getragen. Möge der Kampf beginnen. Phase eins: Stundenlang öffne ich bei Dämmerung meine Fenster und schalte Festbeleuchtung ein. Mücken, Schnaken, Fliegen – das volle Programm ist in meinen vier Wänden versammelt. Phase zwei: Im Wohnzimmer stecke ich einen elektrischen Mückenwächter in die Steckdose. Der „Windhager 3350“ soll Insekten durch ultrahohe, nicht wahrnehmbare Tonfrequenzen verschrecken. Den Effekt des Wundersteckers schreibe ich jedoch dem Zufall zu. In der Küche versprühen sechs Zitruskerzen ihren Duft. Hier sind tatsächlich nur wenige Fliegen zu finden. Dafür ist der strenge Geruch gewöhnungsbedürftig. Die Kerzen sind wohl eher für Terasse oder Balkon geeignet. Im Schlafzimmer sollen chemische Fallen ihr Werk verrichten. Die Chemiekeule bringt jedoch nur den Fruchtfliegen und wenigen dicken Brummern erhebliche Verluste bei.

Phase drei: Ich teste eine hell strahlende Blaulicht-Lampe, die kurz und schmerzlos per Elektroschock tötet. Vor allem Falter und Motten rasen wie die Lemminge auf die Lampe zu. Bis auf das ab und an ertönende Knistern verbreitet die Lampe sogar eine loungige Atmosphäre in meinem Wohnzimmer. Jedoch ist helles Licht in anderen Räumen tabu. Sehr zum Nachteil jeglicher lichtgebundener Aktivitäten. Phase vier: Überlebende verfolge ich nun mit der altbewährten Fliegenklatsche. Leider geht bei der wilden Jagd ein Bilderrahmen zu Bruch, und schlafen kann ich nach dem Adrenalin geschwängerten Blutrausch auch nicht mehr. Phase fünf: Ich packe die Geheimwaffe aus: die Fliegen-Kanone. Eine Art Minifliegenklatsche wird auf den Lauf des Plastikrevolvers gegen den Widerstand einer Feder gedrückt und eingerastet. Jetzt nur noch zielen und Feuer frei! Durch das Drücken des Abzugs beschleunigt der Fliegenfänger durch die Feder und erschlägt sein Opfer selbst auf weichem Grund. Innerhalb weniger Minuten bin ich die Plagegeister los. Wer braucht schon Agent 007? Die Plastikkanone ist mein Geheimtipp, seither mein ständiger Begleiter im Kampf gegen das Surren und gewinnt den Praxistest vor allem aufgrund des großen Spaßfaktors. Katrin Ehmke

Mein er st es M a l

Mein erstes Mal ... Vater werden Als ich erfahren habe, dass ich Vater werde, gingen mir tausend Gedanken und Gefühle durch den Kopf. Von Freude bis Angst war alles dabei. Natürlich habe ich mich auch gefragt, wie es weitergeht. Nach einer Weile habe ich die neue Situation akzeptiert und begonnen, mich auf den Nachwuchs zu freuen. Martin Rafael ist am 18. Juli um 18.45 Uhr auf die Welt gekommen. Ich war bei der Geburt dabei, es war toll! Meinen eigenen Sohn in den Armen zu halten war ein unbeschreibliches Gefühl, ich konnte es gar nicht wirk-

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lich glauben. Seitdem hat sich in meinem Leben viel verändert: weniger Party, mehr Stress und mehr Verantwortung. Dafür aber auch jeden Tag neue Erlebnisse und Glücksgefühle. Meine Freundin Maria, Martin und ich sind jetzt eine Familie. Inzwischenhabe ich keine Angst mehr, dass ich etwas falsch machen oder es nicht schaffen könnte. Klar frage ich mich, wie die Zukunft sein wird, aber ich sehe es optimistisch. Für Martins Zukunft wünsche ich mir, dass er sein Leben genießen kann und immer tb viel Freude mit seinen Eltern hat.

„Die Mülltonne ist weg“, sagt Jule und knallt die Wohnungstür zu. Ich verstehe nicht so richtig. „Wie, weg?“ Jule zuckt die Achseln. „Weg eben. Geklaut!“ – „Wer klaut denn Mülltonnen?“ will ich wissen. Der vorwurfsvolle Blick meiner Mitbewohnerin bringt mir die Einsicht. In unserer Siedlung hat jede Wohnung eine Mülltonne, die alle zwei Wochen geleert wird. Eine zweite Mülltonne ist der Inbegriff von Luxus ... den in unserem Fall jetzt jemand anderes genießt! Unsere Mülltonne ist also weg. Wen ruft man da an? Die Polizei, die Müllabfuhr, Stern-TV? Jule und ich tun das, was man in einer WG immer tut, wenn man ratlos ist: Wir geben uns gegenseitig die Schuld. „Bestimmt haben die Nachbarn sie uns weggenommen, weil DU nie Zeitungspapier um den Biomüll wickelst!“ meckert Jule. Da kann ich nicht viel gegen sagen, außer, dass es stimmt. Aber ich kann kontern. „DU hast doch neulich deine alte Zahnbürste in den Hausmüll geworfen.“ „Weil DU seit vier Wochen sagst, dass du neue Plastiksäcke holst.“ Gelbe Säcke gibt es bei uns nur beim Bürgeramt, und das hat komische Öffnungszeiten. Wir könnten ewig so weitermachen. Die Mülltonnengötter haben Recht. Sowas wie wir verdient keinen grauen Abfallbehälter. Am nächsten Tag wickele ich drei Bananenschalen in den Sportteil ein, und Jule geht morgens um 8 Uhr zum Bürgeramt, um Gelbe Säcke zu holen. Nachmittags kaufen wir im Baumarkt eine neue Mülltonne. Als wir damit nach Hause kommen, steht die alte wieder an ihrem Platz. Georgia Hädicke

Foto: photocase.com/User: el_fabo


Auf H2Ochtouren forschen?

Anmeldeschluss: 31. Oktober 2008 Einsendeschluss: 15. Januar 2009

Beim Siemens Schülerwettbewerb 2009 in Mathematik, Naturwissenschaften und Technik. Wir suchen junge Forscherinnen und Forscher ab Jahrgangsstufe 11 mit innovativen Lösungsansätzen rund um die Ressource Wasser. Die Besten präsentieren ihre Arbeiten vor Professoren der Partner-Universitäten RWTH Aachen, TU Berlin und TU München. Gewinnen Sie Geldpreise im Gesamtwert von 111.000 Euro! Ein Projekt des weltweiten Bildungsprogramms Siemens Generation21. www.siemens.de/generation21/schuelerwettbewerb

Antworten.


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