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Ausgabe 11 (Juli '09)

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Verrückte Briten rollen einem Käselaib hinterher

Lifestyle

Reportage

Querbeet

Erntefrisch: Bio-Gemüse auf Fahrradtour

Vor Ort: Noir bei den Piusbrüdern

Fleischlos: Grillalternativen für Vegetarier

Klasse unterwegs“ – Auf großer Fahrt für kleines Geld mit dem Baden-Württemberg-Ticket

B E ST O F

Unterwegs einem jung Graffiti-Spr


EDITORIAL

Gesagt, getan, gedruckt. Nach dem Motto hat die NOIR über ünf Jahre hinweg Themen behandelt, die die Jugendlichen bewegen: Europa, Macht und Einfluss, Freaks, Nachbarn. Dabei haben sich erfahrene Nachwuchsjournalisten und komplette Neueinsteiger auf mehr als 200 Seiten ausgetobt, recherchiert, nachgefragt und sogar aufgedeckt. Diese Best-Of NOIR zeigt euch, wie sich das junge Magazin der Jugendpresse BW im Laufe der Zeit entwickelt hat und welche interessanten Artikel dabei entstanden sind. Viele der Autoren und Layouter sind ihren Weg im Journalismus weitergegangen und schreiben nun ür große bekannte Zeitungen, Onlinemagazine, haben sich als Fotografen selbstständig gemacht, oder haben schon ein Buch geschrieben. Am unteren Rand seht ihr, aus welcher NOIR der Artikel stammt. Nun viel Spaß mit ünf Jahren NOIR! Viele Grüße.

IMPRESSUM NOIR ist das junge Magazin der Jugendpresse BadenWürttemberg e.V.

Chef vom Dienst Alexander Schmitz alexander.schmitz@noirmag.de

Ausgabe 31 – Dezember 2013 Herausgeber Jugendpresse Baden-Württemberg e.V. Fuchseckstraße 7 70188 Stuttgart Tel.: 0711 912570-50 Fax: 0711 912570-51

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Chefredaktion Jan Zaiser jan.zaiser@jpbw.de (V.i.S.d.P., Anschrift wie Herausgeber)

Redaktion Katrin Ehmke (ke), Simon Staib (sst), Kai Mungenast (kmu), Inken Titz (it), Ann-Kathrin Wieland (akw), Matthias Etzold (me) , Angelina Schmid (as) , Sophie Rebmann (sre), Susan Djahangard (sdj), Andreas Spengler (as), Corinna Vetter (cv), Lukas Ramsaier (lr), Georgia Hädicke (gh), Sanja Döttling (sd), Bettina Schneider (bs), Miriam Kumpf (mk), Lisa Kreuzmann (lk) redaktion@noirmag.de Lektorat Miriam Kumpf

miriam.kumpf@jpbw.de

Layout Luca Leicht Tobias Fischer Jan Zaiser

luca.leicht@jpbw.de tobias.fischer@jpbw.de jan.zaiser@jpbw.de

Anzeigen, Finanzen, Koordination Miriam Kumpf miriam.kumpf@noirmag.de

Druck Flyeralarm Wagenburgstraße 74 70184 Stuttgart www.flyeralarm.de Titelbilder Titel: Clipdealer.de „Shana Larissa Klappert“ / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

NOIR kostet als Einzelheft 2,00 Euro, im Abonnement 1,70 Euro pro Ausgabe (8,50 Euro im Jahr, Vorauszahlung, Abo jederzeit kündbar). Bestellung unter der Telefonnummer 0711 91257050 oder per Mail an abo@noirmag.de. Für Mitglieder der Jugendpresse BW ist das Abonnement im Mitgliedsbeitrag enthalten.


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FLUCHT AUS DEM PARADIES Wie attraktiv ist Deutschland für junge Menschen? Soll man bleiben, soll man gehen? Eine Bestandsaufnahme der eigenen Heimat

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u bist Deutschland. Kurz, knapp, bündig. Und weiter? Der Werbeslogan, mit dem die Regierung für unser Land wirbt, hinterlässt einen faden Nachgeschmack: Wenn wir Deutsche uns das Deutschsein in Deutschland auf diese Weise näher bringen müssen, was sagt das über unser Land aus? Wenn wir die elementarste Tatsache unserer nationalen Identität plakativ der Aussage einer Litfaßsäule entnehmen. Wenn das Gefühl nicht aus dem Herzen kommt, sondern aus der Flimmerkiste. Was steckt also hinter dem Gebilde Deutschland? Und ist ein Leben hier für junge Menschen attraktiv? Deutschland ist voll. Unser Land stellt den bevölkerungsreichsten Staat der EU. 82,3 Millionen Menschen teilen sich 357 092 Quadratkilometer. Umgerechnet tummeln sich auf jedem Quadratkilometer 231 Einwohner. 10 Millionen Deutsche sind zwischen 15 und 25 Jahre alt. Doch das wird sich laut der elften Bevölkerkungsberechnung des Statistischen Bundesamts schnell ändern: Bis 2050 leben in Deutschland nur noch knapp 69 bis 74 Millionen Menschen — so viele wie zuletzt 1963. „Der Rückgang der Bevölkerung ist nicht mehr aufzuhalten“, sagt Walter Radermacher, Vizepräsident des Statistischen Bundesamtes. Die überalterte Bevölkerung stirbt. Der Nachschub bleibt aus. Die geläufige Meinung: Die Jugend sei Schuld. Denn die bleibe zu lange selbst Kind und mache sich zu spät Gedanken über Fa m i l i e np l a n u n g . Bisher hat man Defizite mit Einwanderern oder deren Kindern kompensiert. Doch das klappt nicht mehr. Jetzt ist Umdenken gefragt. Und Entgegenkommen. Deutschland muss für Junge attraktiver werden, Chancen bieten.

Gesagt wird diesbezüglich viel, getan wurde bisher noch wenig. Auch Einwanderer erkennen früher oder später die Nachteile für junge Familien, die noch immer existieren. Unser Land erwartet von uns lebenslanges Lernen, Leistung, Einsatz. Gleichzeitig hört man das Getuschel, sieht die Blicke, die man jungen Müttern oder Vätern zuwirft: „Die sind doch viel zu jung für das Kind. Verantwortungslos.“ Toleranz sieht man hingegen selten. Obwohl wir uns als äußerst tolerantes Land betrachten. Doch es tut sich was. Familienministerin Ursula von der Leyen: „Familie muss besser lebbar werden. Familien brauchen Einkommen, Zeit für ihre Kinder im Alltag sowie gute Betreuungsund Bildungsangebote.“ Andere Länder mit ähnlichen Voraussetzungen wie etwa Frankreich oder die skandinavischen Staaten hätten es geschafft, sich schneller und flexibler auf die globalisierte Welt einzustellen. Deutschland hinkt international hinterher. Für junge Deutsche, die sich eine Familie wünschen, keine optimale Voraussetzung. Deutschland ist bequem. Seit Gründung der Bundesrepublik war die Wahlbeteiligung für eine Bundestagswahl noch nie so gering wie 2005. Gerade 77,7 Prozent nutzten ihr Wahlrecht. Für die vergangene Europawahl machten sich sogar nur 45 Prozent auf den Weg zur Urne. Europa — für viele Deutsche immer noch sehr weit weg. Auch in Deutschland selbst steht es nicht zum Besten: Die großen Parteien

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Die Versuchung: Deutschland ist kein Garten Eden. Wir müssen für unser Glück arbeiten, dürfen dafür aber von Wohlstand und Wissen kosten.

verlieren Mitglieder. Politikverdrossenheit macht die Runde. Denn viele Wahlversprechen platzen wie Seifenblasen, das Vertrauen geht flöten und Parteiprogramme ähneln sich gegenseitig immer stärker. Auch die Wählergruppe der bis 25-Jährigen gibt kein gutes Bild von sich ab: Rund zehn Prozent Wähleranteil gingen zwischen 1990 und 2002 verloren. Heute ist das Wahlrecht in Deutschland selbstverständlich — egal ob für Männer oder Frauen. Warum also wählen? Ist doch spießig und unspektakulär. Dennoch: Es gibt sie noch, die politisch engagierten jungen Deutschen. „Ich war schon immer der Jüngste. Deshalb habe ich bereits im Wahlkampf gesagt: Wer mich unterschätzt, hat schon verloren“, so Oliver Rastetter, Baden-Württembergs jüngster Bürgermeister. Mit 19 Jahren war er bereits Mitglied des Gemeinderats Muggensturm.


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Die kleine Schwarzwaldgemeinde Lauf im Ortenaukreis ist nun fest in der Hand des 26-jährigen Bürgermeisters. Der hat sich im vergangenen Herbst gegen zwei ältere, erfahrenere Konkurrenten durchgesetzt. Jetzt blickt man gespannt nach Lauf. Deutschland ist frei. Solange nicht eines von zig tausend Verbotsschildern der Freiheit Einhalt gebietet. Schließlich sind die Deutschen Perfektionisten. Das Phänomen Schilderwald wird zum Selbstläufer. Der ADAC schätzt, dass mindestens ein Drittel aller Verkehrszeichen überflüssig seien. Tatsächlich gibt es in Deutschland rund 600 verschiedene Zeichen. Insgesamt mehr als 20 Millionen. Auf einer deutschen Straße steht im Schnitt alle 28 Meter ein Verkehrszeichen. Da jedes rund 300 Euro kostet, entspricht der Schilderwald einem Wert von sechs Milliarden Euro. Der überflüssige Anteil beläuft sich auf zwei Milliarden Euro. Das ein oder andere Warnschild oder Tempolimit ist bestimmt begründet. Aber einmal ehrlich: Wer merkt sich 35 Schilder pro Kilometer? Niemand. Deutschland ist arm. Schließlich fehlt auf der anderen Seite das Geld für Schulen, Universitäten, Bildung. Von dunklen Schulbunkern, in denen der Putz abblättert und die Toiletten dahinschimmeln ganz zu schweigen. Oder von zu wenig Platz, öden, geteerten Schul-

Fotos: Tobias Fi s c h e r

höfen oder fehlenden Lehrmitteln. Von Studenten, die sich mit nächtlichen Nebenjobs über Wasser halten und rund 500 Euro Studiengebühren hinblättern müssen: für oftmals überfüllte Auditorien. Dabei schreit die deutsche Wirtschaft förmlich nach Fachkräften. Ja, Deutschland ist arm. Arm an Ideen, arm daran, einzusehen, dass am falschen Ende gespart wird: an guten Pädagogen. Lieber gesteht man sich ein, dass ein Bruttoinlandsprodukt in Höhe von rund drei Millarden Dollar nicht ausreicht. Zur Information: Deutschland hat das dritthöchste weltweit, nach den Vereinigten Staaten und Japan. Es ist eine Schande. Deutschland ist sozial. Kaum ein Staat verfügt über ein solches Maß an sozialer Absicherung. Trotzdem rutschen Jugendliche in die Arbeitslosigkeit ab, hoffen vergeblich auf einen Ausbildungsplatz. Vom Sozial-Paradies Deutschland für Lernschwache oder Unglücksraben keine Spur. Einzelprojekte helfen zwar punktuell. Gegenüber der Masse gleichen sie jedoch einem Tropfen auf dem heißen Stein. Im März 2007 zählt die Bundesagentur für Arbeit bei den unter 25-Jährigen 434 847 Arbeitslose. Knapp 27 Prozent weniger als im Vorjahresmonat, doch totzdem noch viel zu viele. Deutschland ist reich. Zehn Millionen junge Deutsche: das bedeutet so viel Potential. Sie mögen nicht die demographische Entwicklung aufhalten und der Weg für die meisten wird nicht einfach und geradlinig verlaufen, doch nur Feiglinge rennen davon. Aus dem Paradies, unserer Heimat. Denn man kann sich das Land, in dem man geboren wird, nun einmal nicht aussuchen. Und es hätte uns beileibe schlechter treffen können. Also heißt es für jeden: Ein Ende mit dem konservativen Getue. Wer ewig den Status Quo erhält, dem läuft die Zukunft davon. Deutschland beginnt, sich seinen Problemen zu stellen. Wenn Politiker auf beiden Augen blind sind, muss man ihnen die Augen öffnen. 1989 wollte Deutschland ein Staat werden. Und hat es geschafft. Weil Deutsche nicht still waren, sondern ihre Vision verwirklicht haben. Jetzt gilt es, keinen Bösewicht mehr zu bezwingen, sondern den eigenen Schweinehund. Es muss ein neues Ziel her: eine ke Zukunft.

KOMMENTAR Noir-Redakteur Simon Staib gibt Deutschland nicht einfach sang- und klanglos auf. „Deutschland macht sich; Deutschland überzeugt wieder.“

Ein Auslandsaufenthalt gehört für viele Jugendliche schon zur Schulzeit. eigene Horizont wird erweitert. Wer den Überblick hat, vergleicht. Deutschland der Arbeitslosenpegel dümpelt um die vier Millionenmarke herum. Andere Länder locken mit gut bezahlten Jobs plus päische Union versucht mit Verträgen, Es gibt einen europäischen Sozialfond, EU-Mitglieder haben freie Hand bei der Arbeitsplatzwahl in Europa und die zeugnissen ist gewährleistet. Warum also nicht gleich im Ausland arbeiten? Die Rentenjahre will man ja sowieso im warmen Süden verbringen. Die Antwort ist einfach: Deutschland macht sich; Deutschland will wieder lichen und sozialen Problemen wächst in eigenen Vorstellungen und Ideen heran. In Deutschland verschmelzen Kulturen, wenn auch nicht immer spannungsfrei. Doch gerade in Ballungsräumen rund um die deutschen Metropolen sprießen neue Subkulturen. Jugendliche und

Deutschland immer noch Vorreiter: Die deutsche Industrie steht für Qualität und die Chance, ihre Ideen umzusetzen. Die Liste ist noch länger, das Ergebnis prägnant: Es ist zwar langweilig, sich immer wieder auf die Fußball WM zu berufen, aber diese Wochen haben gezeigt, dass es nicht schwer sein muss, seinem eigenen Land mal wieder zuzujubeln.

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MATERIALVERLUST Praktikanten, Azubis, Berufseinsteiger. Alle klagen ihr Leid über die derzeitige Arbeitsmarktsituation. Große Töne, nichts dahinter. Ist das schon alles?

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nser Stigma: Generation Praktikum. Im vergangenen Jahr hat der leidvolle Titel den Sprung auf Platz Zwei der Unwörter des Jahres geschafft. So viel zur Popularität. Unsere Eltern entstammen der Generation Golf. Deren propagierte Ziele: Ein solider Beruf, das Haus, die Kinder — und eben der eigene Golf. Unsere Ziele sind aktuell weitaus weniger hochtrabend: Ein Ausbildunsgplatz, ein Job. Danach sieht man weiter. Wir sind bescheiden geworden in einem Land, dass uns lehrt, dass jede Art Arbeit kostbar ist. Ein Land, das über vier Millionen Arbeitslose zählt. Die Entwicklung verlief lautlos, schleichend: „Sich rechtzeitig in der einen oder anderen Branche umzuschauen, hilft bei der beruflichen Orientierung“, erklärt Arbeitsminister Franz Müntefering den Sinn und Zweck des Praktikums. Stimmt. Das erste Pflichtpraktikum in der Schule war aufregend, spannend. Eine Woche Berufsalltag, keine Verpflichtungen, keine Noten. Mancherorts gab es noch ein zweites in der Oberstufe. Da kam man entweder auf den Geschmack der großen, weiten Arbeitswelt oder wurde zum ersten Mal als Aktensklave im hintersten Winkel der Firma versteckt. Immer weiter haben wir anschließend unsere Ansprüche zurück geschraubt. Nach nur wenigen Jahren stehen

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nun tausende junge Menschen verzweifelt Allerdings nahmen an der Studie nur vor dem, was künftig auf sie zukommt: Sie 89 junge Akademiker teil. Die Analyse protestieren, kämpfen, um letztendlich zu mag also aussagekräftig und auf den ersten resignieren. Ihre Bemühungen gehen un- Anschein auf die Menge übertragbar sein, ter im Moloch deutscher Bürokratie. ist jedoch für sich betrachtet wenig repräAber wovon sollen sie leben, wenn eine sentativ. Das Fazit: Junge Deutsche sind Vollzeittätigkeit ihnen weder das Essen, Wiederholungstäter in Sachen Praktikum. noch das Dach über Die Hoffnung besteht dem Kopf finanziert. ja, dass es das nächste Medien griffen beMal besser wird. reitwillig das PhänoDie Ergebnisse men auf, diskutierten der Studie sind alares anhand besonders mierend: 37 Prozent schwarzer Schafe der Uni-Absolventen einzelner Branchen hätten Praktika absolbeinahe tot. Schufen viert. 22 Prozent hätPhilosophie der Unternehmer Öffentlichkeit. ten ein Praktikum, elf Geändert hat sich Prozent zwei Praktika dadurch bisher kaum und vier Prozent soetwas. Das Problem: Eine Teilschuld trägt gar drei und mehr hinter sich. jedes Opfer selbst. Denn wer beutet in Betrachte man nur die FU Berlin, werWirklichkeit aus, schindet sich, kennt sei- de dieser Trend noch deutlicher: Innerne Schwächen? Ja, wir nehmen Personalern halb von zwei Jahren stieg der Anteil von und Chefs die Arbeit ab — und knechten 25 auf 41 Prozent. „Das entspricht einer uns effizienter als diese es je tun könnten. Steigerung in Höhe von 60 Prozent gegenImmer und immer wieder. Gibt es einen über dem Jahr 2000“, so Ingrid Sehrbrock, Vizevorsitzende des DGB. Ausweg aus der verfahrenen Situation? Eine Art von übersteigerter EmanzipaIn Kooperation mit der Hans-BöcklerStiftung, der Freien Universität Berlin und tion ist in der Welt der Praktikanten die der Universität Köln erstellte der Deutsche Regel; Gleichberechtigung hingegen ein Gewerkschaftsbund, kurz DGB, im Febru- Fremdwort. Sehrbrock: „Generell machen ar diesen Jahres eine Studie über die „Ge- Frauen mehr Praktika als Männer. Durchneration Praktikum“. schnittlich dauern sie sechs Monate.“ Die Hälfte der akademischen Praktikanten sehe für ihre Arbeit keinen Cent. Wer bezahlt wird, bekommt im Durchschnitt 600 Euro. Mit 543 Euro liegen die Frauen jedoch weit hinter den Männern mit 741 Euro zurück. Brutto wohlgemerkt. Ein Hungelohn für jahrelange Lernerei, die ja nun ebenfalls mit Studiengebühren bezahlt werden will. „Weil niemand davon leben kann, werden zwei Drittel finanziell von ihren Eltern unterstützt, 40 Prozent müssen nebenher

Wo gehobelt wird, fallen Praktikaten

Foto: Tobias Fische r


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noch jobben,“ so die erschreckende Bi- mal drei Monate begrenzt werden. Ein lanz der Gewerkschaft. solches Gesetz ist bisher aber noch ZuDoch wer schafft es schon auf Dau- kunftsmusik; Hospitanzen bis zu einem er, neben dem Büffeln für Klausuren Jahr hingegen des Öfteren die Regel. und dem Arbeitsalltag noch am Abend Gerade in einer Phase, in der Famiund Wochenende zu kellnern? Ein liengründung und soziale Absicherung Dauermarathon dem für das Alter niemand stand hält ansteht – die — auch nicht mit eipolitisch Verantserner Willenskraft. wortlichen werFür privilegierte den nicht müde, Familien stellt aufgedas einzufordern stocktes Taschengeld – würden junge eine mäßig starke Deutsche mit Belastung dar; für Faunsicheren, zeitRisiken und Nebenwirkungen milien mit geringem lich befristeten Einkommen ein Ding und schlecht der Unmöglichkeit. bezahlten Jobs „Die Hälfte der Befragten gibt an, konfrontiert. So stellt es der DBG fest. dass die Ergebnisse ihrer Arbeit fest in Die Aussage trifft ins Schwarze: Wir den Unternehmensablauf eingeplant haben ja kaum Zeit uns über Partnerwaren“, so Sehrbrock. schaft, Familie oder Sonstiges GedanPraktikanten und Azubis sind hoch ken zu machen, da fürs Erste einmal lukrativ für Unternehmen: Sie sind wir selbst an der Reihe sind. Uns einmotiviert, engagiert und leistungsstark. mal Etwas zu gönnen: einen Urlaub, Wie eine neue Batterie. Und die Ver- ein Auto, eine eigene Wohnung außerantwortlichen drehen voll auf. Ziehen halb billiger Studentenbuden. Schlicht: alle Energie für den Betrieb ab. Bezahl- ein selbstständiges, menschenwürdiges ter Urlaub, um Reserven wieder zu la- Leben. Mehr nicht. Doch man muss als den, gibt es selten. Voraussetzung erst mal die Chance erMüntefering: „Praktika dürfen nicht halten, sich dieses zu finanzieren. an die Stelle fester AnstellungsverhältDas andauernde Praktikantendasein nisse treten. Da ist eine gewisse Tendenz schadet hingegen auf Dauer sowohl festzustellen.“ Am stärksten vom Trend dem Selbstwertgefühl, als auch dem Lebetroffen, sei die jüngere Generation, benslauf. Und macht noch unsicherer. die auf den Arbeitsmarkt nachrückt. Die Folge: Ein Teufelskreis treibt uns Zunehmend würden auch Hochschul- ins nächste Praktikum. Bis letztendlich absolventen in die perspektivlose Kette keine Luft mehr zum Atmen bleibt, der von Praktika gedrängt. Stress die Brust, das Herz zuschnürt. „Je höher die Bildung, desto besser Risiken und Nebenwirkungen der die Chancen auf dem Arbeitsmarkt veränderten Mentalität: Die Batterie — das scheint zumindest für Berufsan- läuft leer. Burnouts greifen um sich fänger nicht mehr uneingeschränkt zu und avancieren von der einstigen Magelten“, erkennt der Minister. Auf der nagerkrankheit zur Epidemie unter Internetseite des Bundesamts für Sozia- jungen Angestellten. Denn mit dem les und Arbeit informieren er und sei- Druck, endlich eine feste Arbeit oder ne Mitarbeiter jetzt über Gesetze und einen Ausbildungsplatz zu erhalten, Richtlinien rund um das Thema. Ein- nimmt auch die psychische Belastung sicht ist der erste Schritt zu Besserung. exponential zu. Was jedoch fehlt, sind präzisere AbDepressionen führen zur völligen grenzungen zwischen Praktika, Teilen Resignation und Blockade. Sie verwander Ausbildung und einem normalen deln in ein handlungsunfähiges Wrack. Arbeitsverhältnis. Dafür protestierten Ein Horrorszenario? Keineswegs, wenn im vergangenen Jahr Praktikanten vor man in die Gesichter von jungen Ardem Brandenburger Tor, sammelten beitswilligen blickt, die um die derzeitausende Unterschriften und verfassten tige Situation Bescheid wissen. Oder umfangreiche Petitionen. gerade mittendrin stecken. Auch DGB-Vorsitzende Sehrbrock „Es besteht dringender politischer fordert Maßnahmen zum Schutz vor Handlungsbedarf. Wir dürfen uns nicht Ausbeutung: Praktika sollen auf maxi- damit abfinden, dass gut ausge- >>

Burnout und Depression werden Alltag

F o t o : pri vat

Betriebe verheizen fahrlässig Nachwuchs Kai Mugenast, Vorstand der Jugendpresse BW fordert bessere Bedingungen für junge Berufseinsteiger Endlich ist der Bewe r b u n g s ma r a t h o n geschafft: ein Ausbildungsplatz! Doch bald weicht die anfängliche Erleichterung kühler Ernüchterung. Wenn die Qualität der Ausbildung nicht hält, was sie verspricht. Solche oder ähnliche Erzählungen von jungen Erwachsenen, die bei Verlagen und in den Medien lernen, dringen immer wieder zum Vorstand durch. Doch das Problem ist nicht branchenspezifisch, sondern schlängelt sich durch alle Ausbildungszweige. Dabei ist die Idee der Ausbildung nahe liegend. Junge Menschen lernen ihren Beruf direkt im Betrieb von den alten Hasen — ergänzt von Berufsschulen und Seminaren. Dieser Weg in den qualifizierten Gelderwerb ist deutlich näher an der Praxis als ein oft langwieriges Studium an einer Uni oder Fachhochschule. Wie so oft versperren Pauschalisierungen die Sicht. Gravierende Missstände sind nicht zu leugnen. Erst kocht man ständig Kaffee, dann sammeln sich Überstunden, bis man letztendlich eine voll ausgebildete Arbeitskraft ersetzt. Meist kommt erschwerend hinzu, dass es an der fachkundigen Betreuung der Auszubildenden mangelt. Die Hoffnung auf den Ausbildungsplatz oder eine Anstellung nach einem Praktikum wird nicht selten enttäuscht. Volle Arbeitsleistung der Praktikanten für wenig bis sogar gar kein Gehalt — Alltag. Nach dem Praktikum: keine Perspektive. Aus Unternehmersicht ist dieses Verhalten klar nachvollziehbar. Doch nicht nur junge Erwachsene selbst, sondern auch der Betrieb profitiert auf Dauer von einer fundierten Ausbildung. Schließlich bedeutet das am Ende hoch qualifizierte Mitarbeiter. Bisher wollen das viele Betriebe nicht einsehen. Daher sind nun sowohl Behörden als auch Kammern gefragt, einen strengeren Blick auf die Ausbildungsqualität in Deutschland zu werfen und zu kontrollieren, ob Inhalte vermittelt werden oder ob nur der engagierte Nachwuchs verheizt wird.

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bildete, engagierte, junge Menschen als billige Arbeitsmarktreserve verheizt werden,“ wettert Sehrbrock bei der Präsentation der Studienergebnisse. Und sie hat Recht. Wenn wir noch länger abwarten, reiten wir uns und die, die folgen, in ein Desaster noch größeren Ausmaßes. Boykott wäre eine Möglichkeit. Doch das haben in Vergangenheit zu wenige konsequent verfolgt oder die Mühlen der Bürokratie haben Aktiven den Wind aus den Segeln genommen.

GENERATION GEWALT Von Tatort bis Shooter: härter, brutaler, grausamer. Wie wir selbst die Amokläufer von morgen züchten

Wir stellen uns se lbst ein Bein Zudem liegt das Problem tiefer: Denn Jahr für Jahr strömen weitere Praktikawillige auf den Probearbeitsmarkt. Und verderben nicht nur sich selbst auf lange Sicht das Leben, sondern auch ihren Altersgenossen. Für Personaler stellt sich schließlich die Frage: Wenn der, der da vor mir sitzt, schon für zig andere Unternehmen alles — und zwar kostenlos — gegeben hat, warum sollte ich es dann anders machen als meine Vorgänger. Ihn nicht ausnutzen? Und warum sollte ich einem anderen Interessenten Geld für die Arbeit oder eine Aufwandsentschädigung bieten, wenn es ein anderer bereitwillig umsonst tut? Auf das Gewissen und die Moral der Unternehmer und Chefs zu hoffen, ist naiv wie fahrlässig. Wir leben im Kapitalismus. Es mag einige Ausnahmen geben. Doch in der Regel denken die meisten erst an das liebe Geld, das sie in einen Auszubildenden investieren. Und ehrlich gesagt: Wären wir an ihrer Stelle, würden wir es vermutlich nicht anders machen. Also, was tun gegen die Misere? Die Antwort liegt auf der Hand: Die Ansprüche runter schrauben. Doch nicht die gegenüber der zu verrichten Arbeit, dem Gehalt, dem Lernangebot. Sondern gegenüber uns selbst. Wir hecheln einer fernen Karriere hinterher, ohne zu merken, dass wir es sind, die uns auf dem Weg nach oben ein Bein stellen. Anstatt zu sagen, es reicht, du hast alles menschenmögliche getan, du bist keine Maschine. Katrin Ehmke

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Der Schuss lässt nicht lange auf sich warten. In vielen Spielfilmen und Serien passiert es bereits innerhalb weniger Sekunden. Das Opfer kann nicht fliehen; genau wie der Zuschauer

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onntag, Abend, 20.15 Uhr – über sieben Millionen Deutsche sitzen gebannt vor der Glotze. Lassen sich von der Atmosphäre des öffentlichrechtlichen Fernsehprogramms fesseln. Warten voller Spannung darauf, dass ein Mord geschieht. Dann endlich: Der ersehnte Schuss fällt, ein Mensch geht zu Boden. Blut, alles voller Blut. Nun mal ehrlich: Ist das wirklich der Höhepunkt eines jeden Wochenendes? Soll so die Erholung aussehen, auf die man sich die ganze Woche gefreut hat? Eine absurde Vorstellung. Dennoch ist im deutschen Fernsehen kein fiktionales Unterhaltungsgenre

beliebter, als das der Krimis. Verbrechen und Gewalt scheinen das FernsehPublikum wie kaum etwas Anderes in den Bann zu ziehen. Doch warum ist das so? Schließlich fürchtet sich jeder davor, selbst einmal Opfer zu werden. Sei es die Angst, in der Schule Prügel zu beziehen oder die Furcht vor einem nächtlichen Überfall auf dem düsteren Heimweg – niemand kann ernsthaft von sich behaupten, solche Empfindungen nicht zu kennen. Denn nichts ist natürlicher, menschlicher. Wie kommt es also, dass wir uns gerade von Gewaltdarstellungen derart angezogen fühlen?

Fo t o : p ho t oc a s e.com (fa b s n )


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FLIEDERDUFT UND NEONLICHT Vom harten Alltag zwischen Kloschüssel und Putzlappen

Klofrau, Toilettendame, Reinigungskraft. Unzählige Titel zieren Menschen, die Tag für Tag die Schüsseln der öffentlichen Örtchen schrubben. Esther aus Freiburg ist eine von ihnen.

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ie Bibel mit dem schwarzen Plastikeinband ist eines von Esthers Lieblingsbüchern. Die dünnen Seiten sind leicht rosa verfärbt und haben Eselsohren. Einige Textpassagen sind rot und grün unterstrichen. Eine hölzerne Pommesgabel und ein Schaschlikspieß dienen als Lesezeichen. Immer, wenn Esther gerade nichts zu tun hat, liest sie im Alten oder Neuen Testament. Dann setzt sie sich auf den weißen Plastikstuhl neben dem kleinen Holztisch, auf dem eine Sonnenblumendecke leuchtet. Während sie liest, hat sie immer ein Auge auf den Pappteller mit der gelben Serviette. Dort hinein legen ihre Kunden das Trinkgeld. Esther ist Klofrau bei der populären Fast-Food-Kette McDonald’s im Freiburger Hauptbahnhof.

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Menschen wie Esther gibt es viele in Deutschland. Sie nennen sich Klofrau, Toilettenputzer, Reinigungskräfte oder — etwas vornehmer — Toilettendame.

Trinkgeld ist die einzige Einnahme Offiziell gibt es den Beruf nicht. Die Agentur für Arbeit hat keinerlei Zahlen darüber, wie viele Menschen täglich die Kloschüsseln in öffentlichen Toiletten schrubben. Auch McDonald’s führt keine solche Statistik. Nur so viel ist herauszubekom-

men: Die meisten McDonald’s-Filialen regeln das Putzen selbst. Im Prinzip soll jeder Mitarbeiter jede Position einnehmen können: Kasse, Herstellung des Essens, Theke und die Reinigung; auch die der Toiletten. Doch da gibt es Ausnahmen. Teilweise engagieren deutsche McDonald’s-Filialen Fremdfirmen für die Toilettenreinigung. Die Klofrauen dürfen Trinkgeld verlangen und dies auch behalten. Wer die schwarz-weiße Marmortreppe zu Esthers Arbeitsplatz herunterkommt, sieht die 37-jährige Ghanaerin sofort: Sie lehnt an den Kacheln und trägt schwarze Flip-Flops. Unter dem weißen Putzkittel schauen ein T-Shirt von der Fußballweltmeisterschaft und eine schwarze Dreiviertelhose hervor. Sie trägt goldene Ohrringe

Foto: jugendfotos.de (Nicolas Keckl)


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und eine Kette mit zierlichem Kreuz. Ihr dunkles Kraushaar hat sie mit einem braunen Zopfgummi nach hinten gebunden. Die rechte Hand steckt in einem blauen Gummihandschuh. Ihre weißen Zähne blitzen, wenn sie lächelt. „Bitte schön“, sagt Esther und weist zuvorkommend mit der Hand in Richtung Damen- oder Herrentür, wenn jemand kommt. Gibt ein Kunde nach dem erlösenden Gang Trinkgeld, strahlt sie, als gäbe es nichts, was sie glücklicher machen könnte. „Dankeschön“, sagt sie. Und: „Tschüss.“ Esther weiß, sie muss freundlich sein, sonst verdient sie nichts. Das Trinkgeld ist ihre einzige Einnahmequelle. Vor zweieinhalb Jahren ist Esther mit ihrem Mann nach Deutschland gezogen. Ihre beiden Kinder sind noch in Ghana. Seit sechs Monaten hat sie einen Job: Toilettenputzerin. Englisch spricht sie relativ fließend. Wie jemand, der in der Schule gut aufgepasst hat. Im Deutschen hingegen beherrscht sie nur ein paar Brocken. Eine Klofrau braucht nicht viele Worte. Eine blondierte Jugendliche kommt aus der Damentoilette und geht an Esthers Pappteller vorbei, ohne etwas hineinzuwerfen. Sie entschuldigt sich mit einem Schulterzucken, heute habe sie kein Kleingeld. „Das macht nichts“, sagt Esther. Und lächelt. Sie lächelt auch, wenn jemand nur einen Cent gibt. „Es ist ja gut gemeint.“ Nicht jeder Toilettengast ist geizig, aber 10 bis 20 Cent pro Kunde sind einfach zu wenig, um davon leben zu können. Zumal nur jeder dritte Klobesucher wirklich in den Geldbeutel greift. 2005 bezahlte McDonald’s ungelernten Mitarbeitern 6,13 Euro pro Stunde; für Spätschichten gab es sieben Euro. Die 60 Mitarbeiter der Wall AG, die im Bereich „Service Toilettenanlagen” beschäftigt sind, erhalten hingegen 12,17 Euro. Sie sind für 240 City-Toiletten zuständig. Ein „Stammkunde” von Esther ist zum Beispiel der Taxifahrer. Er kommt fast jeden Tag. Mit ihm hält sie meist ein kleines Schwätzchen. Er gehört zu den netten Leuten. Dann gibt es aber auch diejenigen, die alkoholisiert sind, drogenabhängig oder Gewalt anwenden. Diese muss Esther fortschicken. Wenn sie es nicht alleine schafft, holt sie Hilfe von oben. Esther deutet mit einem Finger auf eine unauffällige Filmka-

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mera an der Decke. Durch diese Kamera sieht sie der Chef. Doch das kümmert sie wenig. Mit Kamera fühlt sich Esther sicher, geschützt gegen die „bad people”. Auf dem Teller liegen zwei 20-CentStücke. Esther geht Richtung Männerklo, zögert, kommt zum Teller zurück und nimmt die beiden Münzen. Stattdessen legt sie ein 10-Cent-Stück hin. Kraftvoll drückt die Ghanaerin die Schwungtür. Grelles Neonlicht strahlt von der Decke herab. Es riecht süßlich. Esther klopft energisch mit der Klobürste gegen den Rand der Toilettenschüssel. Mit einem rosa Putzlappen wischt sie ein paar Mal im Inneren der metallisch glänzenden Schüssel herum. Ihre Handbewegungen sind schnell und geübt. Dann schüttet sie das Wasser aus dem Bürstenhalter und klappert mit dem Plastik. Drückt die Spülung. Ein prüfender Blick zum Klorollenspender: langt noch. Sie gießt in jedes der vier Pissoirs Reinigungsmittel in S-Form und schrubbt. Der Schaum tropft auf den Boden. Wie man putzt, hat Esther an einem einzigen Tag gelernt. „Das genügt, wenn man gut ist“, erklärt sie nicht ohne Stolz. Ein Mann betritt das Klo, stellt sich an das linke Pissoir und pinkelt. Esther macht keinerlei Anstalten, in die Luft zu schauen oder gar zu verschwinden. Esther ist zuständig für fünf Toiletten und vier Pissoirs. Auf der Internetseite eines Dixi-Klo-Vermieters steht, dass fünf Toiletten für eine einstündige Veranstaltung mit 2000 Personen genügen — bei einer Warteschlange von maximal zehn Personen pro Klo. Von solchen Besucherzahlen träumt die Toilettenfee. Esther zückt den gleichen rosa Lappen, mit dem sie zuvor das Klo gewienert hat, und reinigt das Waschbecken im Rhythmus der Musik, die aus den Lautsprechern kommt. Ihre Flip-Flops floppen auf den Fliesen. Sie drückt auf den Seifenspender, er funktioniert. Mit den gewohnt flinken Bewegungen wischt sie über den Händetrockner. Dann geht sie zur kleinen Putzkammer, füllt Wasser in einen roten Plastikeimer und wischt den Boden. Zum Abschluss sprüht sie mit einem eckigen Glasfläschchen in die Luft. Das intensive Fliederparfum hat sie von ihrem eigenen Geld gekauft.

Reise

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N o i r- I ntern

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Querbeet

Grelles Neonlicht strahlt von der Decke herab

Foto: Tobias Fischer

Zehn Euro für einen Tag Arbeit. Obwohl die Ghanaerin intelligent ist, fließend Englisch spricht

Esther sitzt wieder am Holztisch. Ein etwa zehnjähriger Junge kommt aus dem Herrenklo und geht grußlos an ihr vorbei. Dann dreht er sich doch um und kramt 20 Cent aus seinem Geldbeutel. „Good boy, very good boy“, kommentiert Esther. Und lächelt. Gegen 18 Uhr wird sie nach zweieinhalb Stunden Dienst abgelöst. Den Putzkittel legt sie in die Besenkammer. Esther nimmt ihr Trinkgeld und zählt so, dass es keiner sieht. Wie viel sie heute verdient hat? „Ungefähr zehn Euro.“ Esther füllt ihre Plastik-Trinkflasche auf und holt ihre schwarze Leder-Handtasche. Heute Abend wird sie für ihren Mann ein afrikanisches Gericht kochen. Vielleicht ein wenig fernsehen und dann schlafen gehen. „Good bless you“, sagt sie, und verschwindet Richtung Bahnsteig. mh

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Lifest Li fest yl y lee ~ K ult ul t ur u r ~ Ti telth telthem em a ~ Po Porr tr t r ät ~ Reportage ~ W i s sen se n ~ Rei Reise se ~ S p poo rt ~ N ooii r- I n tern te rn ~ Po liti li t i k ~ Querbeet Querbee t

REVOLUTION IM AUSVERKAUF Ein Trinkjogurt plant den politischen Umsturz, Pappmännchen füllen die kahlen Reihen im Straßenkampf. Unsere Großeltern gelten heute als Spießer. Unsere Eltern als Revolutionäre. Doch wer sind wir?

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ahnsinn! Dieser neue Trinkjogurt – einfach revolutionär! Und der hat dabei nur Null-Komma-ein-Prozent Fett!“, tönt die schrille Frauenstimme aus dem Fernseher. Unumstritten: U Das ist blanker Wahnsinn. Denn was Flüssigjogurt – mit kleinen, die Gesundheit fördernden Bakterien – mit einem meist gewaltsamen, poltischen

Umsturz gemein hat, bleibt unklar. Oder was Revolutionsführer wie Che Guevara oder Diktatoren wie Mao Tse Tung mit dem neuen Modell eines osteuropäischen Automobilherstellers. Fakt ist: Deutschland hat definitiv mehr nötig, als ein neuartiges Produkt aus der Kühltheke. Doch leider locken nicht einmal gestärkte Abwehrkräfte die Massen zu

Demonstrationen auf die Straße. Gerade junge Deutsche zeigen auf den ersten Blick nur geringes Interesse, für ihre Rechte einzustehen. Sind wir also die neuen Spießer oder doch heimliche Revolutionäre? Unsere Großeltern und Eltern haben uns kein leichtes Erbe hinterlassen. Denn gelten die einen als konservativ, letztere als Widerständler, tut sich die aktuelle Gene-

Zeitwert

e v o lu t io n e n R r e d te is le D ie Z e it 16. Jahrhundert. Nikolaus Kopernikus sieht rund: Der Astronom deklariert die Sonne zum Mittelpunkt unseres Sonnensystems und stellt die Welt auf den Kopf. Den Mut für die neue Theorie bringt er erst kurz vor seinem Tod auf. Fazit: Die Erde ist rund!

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Mittelamerika. Die Siedler haben 1776 die englische Vormundschaft satt. 13 Kronkolonien boykottieren ihr Mutterland, erklären den Krieg. Die GuerillaTaktik der Amis geht auf. Fazit: Souveränität, mehr Rechte – doch für lange Zeit nur für weiße Männer.

Frankreich. Löhnen statt futtern? Niemals. 1789 machen die Franzosen ihrer Monarchie und ihrem König den Prozess. Doch die Freiheit währt nur kurz, denn statt König Louis sitzt bald Kaiser Napoleon auf den Thron. Fazit: Menschenrechte, Europa – theoretisch.

Fotos: photocase.com/User: Pinnwand (ob.), spacejunkie (li.), concoon (mi.); Jacques-Louis David (re.)


L if est estyle y le ~ KKultur u lt ur ~ Ti telth tel th ema ~ Po rrttrrät ät ~ Reportage ~ W Wii s sen se n ~ Reise Rei se ~ S p poo rt ~ N Noo i rr-II n tern te rn ~ Po liti li t i k ~ Querbeet

ration schwer, ihren Platz in der Geschichte zu finden. Während Opa noch Wert auf Tugenden wie Ordnung und Disziplin legt, lassen uns viele Eltern frei nach dem Motto „Laissez-faire“ eigene Grenzen erkunden. Doch ohne klare Grenzen fällt die Rebellion gegen ebendiese ähnlich dem Kampf Don Quichottes gegen die Windmühlen schwer. Resignation macht sich breit, verdrängte Hilflosigkeit. Klammheimlich kehrt daraufhin ein Teil der Deutschen mit hängenden Köpfen, künftig Scheuklappen und von der Revolutionswelle gesättigt zu alten Werten und Normen zurück. Schließlich sind die im Großen und Ganzen bequemer, als bei

Wind und Wetter auf Deutschlands Straßen zu marschieren. Nur wenige bleiben ihrem eingeschlagenen Kurs treu. Viele der

Sind wir Spießer oder heimliche Revolutionäre? Unsere Rolle bleibt noch offen

einstigen so genannten 68er versuchen die Welt im Kleinen zu veränden und bilden die Zunkunft aus: Sie werden Lehrer. Doch

Deutschland. Vor allem die Jugend geht 1848 in Berlin auf die Barrikaden: für Presseund Meinungsfreiheit und gegen den Muff des erzkonservativen Regiems. Weg mit Einzelstaaten, her mit Demokratie und Einheit. Fazit: Die Chance für ein freies Deutschland.

Fotos: photocase.com/User: Designer111 (li.), schiffner (re.); Alessandra Rovati (mi.)

Russland. Aufgebrachte Arbeiter ermorden 1917 den Zaren und dessen Familie. Lenin kehrt mitsamt kommunistischer Visionen aus dem Exil zurück und reißt die Macht an sich. Fazit: Den Menschen geht es wie zuvor, nur jetzt ist Russland rot.

mit der Zeit macht sich auch bei vielen der damals glühenden Verfechter Kampfesmüdigkeit breit. Immerhin wird in der Schule niemand mehr geschlagen und es gibt häufig Teamarbeit statt autoritärem Frontalunterricht – insgesamt ein Schmalspursieg mit schalem Beigeschmack. Das lateinische Fremdwort „Revolution“ bedeutet im ursprünglichen Sinne Veränderung, Neuerung. Doch wie kann man etwas Neues noch neuer machen? Wie wird man revolutionärer als unsere revolutionären Eltern? Vielleicht, indem man die in den 60er Jahren initiierte Bewegung nicht als schlagschlag artigen Umbruch sieht, sondern als langsamen Prozess, als Evolution statt Revolu»

20. Jahrhundert. Psychologen entdecken die Triebe des Menschen. Doch statt der erhofften Befreiung der Lust, überschwemmt eine nicht enden wollende Sexwelle die Welt. Fazit: Moral sinkt, Tabus fallen, 1946 entwirft Louis Réard den Bikini.

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Lifest yl e ~ K ult ur ~ Ti telth em a ~ Po r tr ät ~ Reportage ~ W i s sen ~ Reise ~ S p o rt ~ N o i r- I n tern ~ Po liti k ~ Querbeet

tion. Denn – und das muss man gestehen nicht eigentlich anders sein? Heute wird – herrschte damals in Deutschland kein zu oft an Fehlern anderer gemäkelt, anZustand, der den generellen Umsturz statt bei sich selbst zu beginnen. Wir hazwingend notwendig gemacht hätte. Die ben verlernt, unsere eigene Rolle in der Studenten konnten sich eines künftigen Welt zu erkennen. Stattdessen macht man Jobs, sozialer Absicherung sicher sein. es sich pauschal einfach: Die Lehrer sind Den Wusch nach einem radikalen schuld, die Politiker sind schuld, die Welt Neustart bedingt ein anderer Faktor mit: ist einfach schlecht. Basta. Jede Generation sucht den Unterschied Die Problematik, schlicht alle Kritik von zu ihrer Elterngeneration. Das ist ein na- sich zu weisen, erkannte schon Staatsphitürlicher Vorgang, will man erwachsen losoph Karl Marx: „Alle Revolutionen hawerden. Eine zweite ben bisher nur eines Trotzphase, ein „Ichbewiesen: dass sich will-aber!“, eine lavieles ändern lässt, tent agressive Selbstbloß nicht die Menbehauptung. schen.“ Eine pessimiTeils durch den unstische Ansicht, doch glaublichen Rausch so klar zutreffend. Philosophie eines Sofavolks der Hormone im Die Medienflut erBlut junger, entfesschlägt die Menschselter Deutscher, teils heit. Sie überflutet durch die Vorstellung: Alles ist möglich, uns gleich einem Tsunami ununterbrosolange man eine Vision hat. chen, Tag für Tag, mit Reizen jeglicher „Wenn man Tag und Nacht und sieben Art – und lenkt ab. Tage in der Woche hinter der RevolutiStatt gegen unzumutbare Zustände in on herackert, da weiß man nach sieben Deutschland zu protestieren, gehen die Jahren nicht mehr, was Wahn und was Deutschen lieber gegen Kriege in Sonstwo Wirklichkeit ist,“ reflektiert der ehema- auf die Straßen. Wir reden uns ein, Glolige Außenminister und grüne Aktivist bales gehe vor vor regionalen Problemen. Joschka Fischer. Schließlich können die armen Menschen Revolution war für unsere Eltern nicht das ja nicht selbst. In Tibet beispielsweirein politisch, sondern ein Lebensgefühl: se werden Dutzende „versehentlich“ von Gesellschaftskritik bewegte nicht nur die Chinesen für freie Meinungsäußerung Köpfe, sondern auch die Musik der 60er, erschossen. beispielweise Ralph McTells populäres In Deutschland hingegen ist schon lanLied „Streets of London“. ge niemand mehr verschwunden, der für Gleichzeitig spiegeln die damaligen seine Rechte eintritt. Eine provokante Vorgänge eine Form des Begreifens wi- Hypothese: Vielleicht fehlt dem hiesigen der. Unentdeckte Schwachstellen der Ge- Sofavolk der Nervenkitzel, das Gefühl, sellschaft rücken ins Licht – ob sie beho- etwas Verbotenes zu tun. Wir sind vom ben werden, ist eine andere Sache. Doch Fernsehen, von Nachrichten aus aller zumindest fallen sie auf. Revolution Welt abgestumpft. So leicht lockt uns b eginnt m it K ritik, d er F rage: S ollte eess beginnt mit Kritik, der Frage: Sollte

Nervenkitzel, Spannung fehlt

Deutschland. Studenten demonstrieren gegen unhaltbare Zustände. Während Hippies den Weltfrieden suchen, formieren sich die 68er unter dem Motto „macht kaputt, was euch kaputt macht“ auf den Straßen. Fazit: Emanzipation, neue Moral.

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China. Mao initiiert zwischen 1966 und 1976 eine Pseudorevolution gegen vermeintliche Gegner des kommunistischen Regiems. Fazit: 40-77 Millionen Menschen verlieren ihr Leben, vor allem Studenten. Von 6000 tibetanischen Tempeln bleiben 13 verschont.

nichts mehr hinter der Couch hervor. Für seine Mitmenschen tritt der Durchschnittsdeutsche nicht mehr ein – solange bis es ihn persönlich trifft. Da wo es besonders schmerzt: im Geldbeutel. Der sowjetische Ex-Diktator Josef Stalin spöttelte einst über die Deutschen: „In Deutschland kann es keine Revolution

DDR. Friedlich bewegen die Bürger im Osten ihre Regierung zur Öffnung gegenüber der westlichen Welt. Die Wende erreicht mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 ihren Höhepunkt. Fazit: Deutschland ist 1990 vereint – aber oft nur auf der Landkarte.

Fotos: photocase.com/User: rolleyes (li.), xyno (mi.), mediachris (re.)


Lifestyle ~ K ult ur ~ Ti telth e ma ~ Po r tr ät ~ Reportage ~ W i s sen ~ Reise ~ S p o rt ~ N o i r- I nt er n ~ Po li t i k ~ Querbeet

INTELLEKTUELLE PROSTITUIERTE

Oberflächliche Recherche, seichte Themen und Verdruss: Manövriert sich der Journalismus in den USA ins Abseits? Eine Bestandsaufnahme

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en Journalismus drückt Zeit, Geld und die Einflussnahme von Konzernen und Politik. Platte Themen und Schlagzeilen im schwarz-weiß-Schema verdrängen seriöse Recherche. Als vermeintlicher Erfolgsfaktor tischen Print- wie Onlinemedien oberflächliche Kost auf. Hierzulande wie auch in den USA bringt diese Entwicklung Redakteure und Reporter mit Rückgrat ins Schwitzen. „Sie ist bunt geworden, vielfältig, voller Trallala und Albernheiten, der Werbung nahe und dem Showgeschäft und immer auf Rendite bedacht.“ Jürgen Leinemann, jahrzehntelang Redakteur beim Nachrichtemnagazin „Spiegel“, hat die Entwicklung der Medienlandschaft und des Journalismus in Deutschland als Redakteur, Reporter und Büroleiter über 35 Berufsjahre mitverfolgt. Der Wert der Berichterstattung orientiere sich in Redaktionen heute oft am Unterhaltungsfaktor und nicht mehr am Öffentlichkeitsinteresse, bemerkt er kritisch in ver.dis Zeitschrift „Menschen Machen Medien“. Sowohl in Deutschland als auch in den USA sind die Medien fast alle in der Hand von wenigen großen Konzernen, die die Berichte der Nachrichtenagenturen oft ungefiltert verwerten. Sie geben maßgeblich den Ton an und

drängen kleinere und unabhängigere Zeitungen und Sender vom Markt. Die Forderung der Aktionäre nach hohen Renditen bringt Redakteure unter Zeitdruck, läßt ihre Honorare dahinschmelzen und führt zu oberflächlicher Recherche, seichten Themen und Verdruss. Geschwächt von diesen Faktoren ist der Journalismus im Ausverkauf und nicht nur ein propagandistisches Mittel erster Güte für unternehmerischen, sondern auch für politischen Machtmissbrauch. „Statt aufzudecken und nachzuforschen begnügen sich die etablierten Medien bis heute damit, das gängige Terror-Verschwörungsszenario zu verbreiten und Zweifler zu diffamieren”, bemerkt der umstrittene freie Journalist, Buchautor und Filmemacher Gerhard Wisnewski. Durch die Anschläge am 11. September beispielsweise seien die Massenmedien zum Sprachrohr der US-Regierung für einen Krieg gegen den Terror. Sie hätten damit den USA beim Erstschlag gegen Afghanisten und den Irak geholfen sowie Überwachungsgesetze in der westlichen Welt rechtfertigt. Seine kritische Dokumentation über den 11. September wurde von seinem Auftraggeber, dem WDR zwar ausgestrahlt. „Der Spiegel“ warf ihm jedoch Manipulation vor. Kurze Zeit später wurde er wegen vom WDR gefeuert.

Redakteure mit Rückgrat kommen ins Schwitzen

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Die einzige Chance, einer finsteren Zukunft zu entrinnen, sieht er in einer finanziell unabhängigeren Presse und in Journalisten, die nicht einfach nur im Mediengeschäft dabei sein wollen. Es sei allerhöchste Zeit für Redakteure und Reporter, sich verantwortungsvoll mit ihren Themen auseinandersetzen und investigativ hintergründig nachforschen. Eine wesentlich fatalere Sicht legte der zum damaligen Zeitpunkt bereits pensionierte ehemalige Chefredakteur der New York Times, John Swinton, an den Tag. Auf einen Trinkspruch auf die unabhängige Presse bei einem Festbankett zu seinen Ehren antwortete er im Jahre 1880: „Es gibt so etwas wie eine unabhängige Presse zu dieser Zeit der Weltgeschichte in Amerika nicht.“ Und weiter: „Das Geschäft der Journalisten ist es, die Wahrheit zu zerstören, gerade heraus zu lügen, zu verdrehen, zu verunglimpfen, vor den Füßen des Mammons zu kuschen und sein Land und seine Menschen um sein tägliches Brot zu verkaufen.“ Swintons Fazit: „Sie wissen es und ich weiß es, wozu der törichte Trinkspruch auf die unabhängige Presse. Wir sind die Werkzeuge und Vasallen reicher Menschen hinter der Szene. Wir sind die Marionetten, sie ziehen die Schnüre und wir tanzen. Unsere Talente, unsere Fähigkeiten und unsere Leben sind alle das Eigentum anderer. Wir sind intellektuelle Prostituierte.“ M a t t h i a s Et z o l d

Foto: Julian Beger / www.jugendfotos.de


Jugendmedientage Baden-Württemberg 2008 in Karlsruhe

Pimp your Dictator PR-Ratgeber für Diktatoren und solche, die es werden wollen. Tipps von und mit Wladimir Putin

Tipp 1: Spielen Sie den harten Typen Helden mag nämlich jeder. Selbst amerikanische Präsidenten retten in Actionfilmen die Welt. Und was die Amerikaner können, können Sie schon lange! Also, profilieren Sie sich schamlos! Beispiel Putin: Zur Erholung zwischen den harten Regierungsgeschäften gönnte sich der russische Ministerpräsident eine kleine Auszeit in der sibirischen Taiga. Zufälligerweise hatte er auch ein Fernsehteam im Gepäck. Die Reise ging in einen russischen Wildpark, um kuschlige Tiger zu beobachten. Zufälligerweise konnte sich eine der Raubkatzen aus einer Falle befreien. Angriffslustig sprang die Bestie auf die Film-Crew zu, um dann von Putin selbst, passenderweise schon in Tarnanzug und Wüstenstiefeln, mit Hilfe eines Betäubungsgewehrs außer Gefecht gesetzt zu werden.

Nackte Haut, ein hoher Intelligenzquotient, kleinbürgerliche Bescheidenheit, tiefgründe Hobbies und eine perfekte Familie: Diktatoren müssen nach außen unbedingt ein glänzendes Bild abgeben. Wladimir Putin öffnet seine PR-Trickkiste

Tipp 2: Zeigen Sie sich bescheiden

Tipp 3: Kaufen Sie sich einen Titel

Nein, Sie besitzen nicht geschätzte 40 Milliarden Dollar. Natürlich nicht. Geben Sie dem Pöbel auch nie das Gefühl, Sie seien besser als er. „Ich habe keine Verbindungen zu der Moskauer Elite“, erklärt Putin daher auch. „Ich bin aus der Provinz.“ Dass Sie mittlerweile selbst Elite sind und ein Haus in der Rubljovka, der teuersten Straße Moskaus, besitzen, ist für Sie kein Thema. Verbieten Sie Fotos, verklagen Sie Zeitungen, werfen Sie Journalisten ins Gefängnis.

Intelligenz ist alles. Um in der Welt der Big Players etwas zu gelten, müssen Sie nicht nur ein harter Hund sein, sondern auch Grips haben. Klar können Sie den dauernd beweisen, müssen Sie aber nicht. Einfacher ist ein Titel vor dem Namen. Deswegen „erwarb“ Putin seinen Doktortitel schon 1997, und zwar in Wirtschaftswissenschaften an der renommierten staatlichen Bergbau-Hochschule St. Petersburg. Durchaus bewundernswert, dass sich Herr Ministerpräsident in seiner Freizeit

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Noir – S onde ra us ga be J MT B W 2 0 0 8

mit hochkomplexer Materie beschäftigt. Fachleute sind überzeugt, dass Putin die Arbeit nicht selbst geschrieben hat. „Seine“ 218 Seiten starke Arbeit beschäftigte sich jedenfalls mit der staatlichen Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen. Wichtig hier: Wählen Sie einen möglichst langen, komplizierten Titel für Ihr Machwerk – je abschreckender und langweiliger das Thema klingt, desto mehr steigt paradoxerweise der Respekt, den andere Ihnen dafür zollen werden.

Illustration: Tobias Fischer


Jugendmedientage Baden-Württemberg 2008 in Karlsruhe

Tipp 4: Zeigen Sie sich tiefgründig Hinter jedem knallharten Typen muss noch mehr stecken. Sie dürfen nicht einseitig wirken. Hinter wissenschaftlicher Reputation und Superheldenqualitäten darf nicht vergessen werden, dass Sie einen Plan über das Leben haben. Putin zeigt dies mit seinem Lieblingssport: „Judo ist nicht nur ein Sport, sondern eine ganze Lebensphilosophie.“ Niemand wird nachfragen und hören wollen, wie spirituell Sie sind – es wird Ihnen sicher auch so geglaubt. Auch Religiosität kann nicht schaden: Zünden Sie ab und an in einer Kirche eine Kerze an und bekreuzigen Sie sich medienwirksam. Übertreiben Sie es aber nicht. Tipp 5: Familie ist alles Egal, was passiert: Sie führen eine vorbildliche Ehe. Sie sind niemals solo, denn Singles wirken hart, verbittert und trostlos. Wenn Sie nicht mal Ordnung in ihrem Leben haben, können Sie die in Ihrem Land auch nicht garantieren. Deswegen: Selbst falls jemand Gerüchte verbreiten würde, dass Sie mit, sagen wir mal, einer Turnerin, die halb so alt ist wie Sie selbst, eine Affäre haben – schweigen Sie. Verklagen Sie die Zeitung. Schließen Sie das Blatt. Werfen Sie den Journalisten ins Gefängnis. Und zeigen Sie sich als kompromisslosen, aber liebevollen Familienvater in bester Bruce-Willis-Manier: „Wer unseren Hund schlägt, lebt keine drei Tage mehr!“ Tipp 6: Zeigen Sie Haut Was schon einem Starlet nicht geschadet hat, kann bei einem Staatsmann nicht schaden – zumindest wenn die Figur passt. Halten Sie sich akribisch fit und lassen Sie sich so oft wie möglich mit ihrem „Sixpack“ fotografieren. Regieren Sie dann peinlich berührt auf die Bilder. Behaupten Sie, dass Sie nur Angeln gehen wollten. Bei dem tropisch-warmen russischen Klima wird Ihnen sicher niemand verübeln, dass Sie Ihr Hemd ausgezogen haben. A n g e l i n a S c h m i d, W o r k s h o p „O n l i n e “

Foto: Fabian Sommer

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Annkathrin, 17, Schülerin aus Jöhlingen „Ja, auf jeden Fall! Mit Konversation und schlagenden Argumenten!“ Daniel, 17, Schüler aus Reutlingen „Kommt darauf an, um was es sich handelt. Wenn es irgendetwas Schwerwiegendes ist, das mir gar nicht passt, dann wehre ich mich schon. Aber wenn es irgendeine Kleinigkeit ist, die mir gerade nicht so in den Kram passt, dann schlucke ich es runter.“ Angelina, 25, Studentin aus Esslingen „Ja, ich widersetze mich, wenn es sich auch lohnt. Kleinere Dinge würde ich auf sich beruhen lassen, weil es meistens mehr Energie kostet darum zu kämpfen, als sich zu beugen. Wenn zum Beispiel in einem Seminar niemand etwas vorstellen will, mache ich das, bevor man lange diskutieren muss, auch wenn ich keine Lust darauf habe. Bei wichtigeren Angelegenheiten ist es mir aber sehr wichtig mich mit Worten zu widersetzen und meinen Standpunkt klar zu machen.“ Andreas, 19, Schüler aus der Nähe von Freiburg „Ja, würde ich machen! Letzte Woche habe mich mit meiner Religionslehrerin über Scientology gestritten. Ihre Ansicht war meiner Meinung nach echt schlecht. Also diese Frau... Nein, das kann

ich jetzt nicht sagen. Es war jedenfalls eine doofe Religionsstunde, weil deren Meinung ist nicht tragbar. Ich hab mich dagegen gewehrt und bin dagegen angegangen. Ich wehre mich mit Worten, nicht mit Schlägen. Ich schlage doch nicht meine Religionslehrerin!“ Henry, 16, Schülerin aus Stuttgart „Ja, ich widersetze mich, weil auch ich ein Mensch bin, der auf seinen Rechten bestehen darf. Es kommt auf die Situation an, inwiefern ich mich widersetzen würde. Wenn ich zum Beispiel nicht über das Wochenende weggehen dürfte, gehe ich nicht sofort auf die Barrikaden. Aber wenn es Dinge sind, die mich zum Beispiel in meiner mentalen Freiheit einschränken, dann bin ich auch bereit, mich dementsprechend zu wehren.“ Philipp, 15, Schüler aus Heidelberg „Ich unterscheide zwischen Dingen, die ich ändern kann und Angelegenheiten, die ich ohnehin nicht ändern kann. Wenn ich aber sehe, dass ich etwas verändern kann, dann versuche ich es natürlich . Zuerst verbal und wenn es gar nicht anders geht, versuche ich es auf andere Weise.“

N ooiiirr – Son SSoo n nd der d e r a u ssgg a b e J M T BW B W 220008 0000 8

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Li festy le ~ Kultur ~ Ti te lthe ma ~ Po r tr ät ~ Reportage ~ Reise ~ S p o rt ~ N o i r- I nt er n ~ W i s sen ~ Po liti k ~ Querbeet

IM ZENTRUM DER PIUSBRUDERSCHAFT Wochenlang waren sie in den Schlagzeilen, als Holocaustleugner, katholische Fundamentalisten, Hetzer und Scharfmacher gegen Andersgläubige: die Piusbrüder. Unsere Autoren Sophie Rebmann, Susan Djahangard und Andreas Spengler wagten den Besuch im deutschen Hauptsitz der Bruderschaft in Stuttgart

Gottesdienst der Piusbruderschaft: Der Priester steht dem Altar zugewandt und spricht Latein

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ater Andreas Steiner sah seine Kirche schon in Flammen stehen. Panisch rief er beim SWR-Studio an: „Sie müssen klar machen, dass wir das zurücknehmen, dass es uns leidtut, dass wir das so nicht sagen wollten!“ Einer der führenden Piusbrüder hatte bei einem Interview den islamischen Propheten Mohammed beleidigt. Steiner konnte sich die Reaktionen der islamischen Bevölkerung bereits ausmalen. Doch diesmal hatten die Piusbrüder Glück: Der SWR entschärfte das Zitat. Mit diesem Tag war für den Medienbeauftragten der Piusbruderschaft ein Tiefpunkt erreicht: Furchtbar seien die letzten Wochen und Monate gewesen, wie ein Tsunami war die Medienmeute über die Bruderschaft hereingebrochen. Alle wollten sie Bilder, Interviews, Erklärungen. Doch was war geschehen? Im Januar dieses Jahres hatte Papst Benedikt den Ausschluss von vier Bischöfen der

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Piusbrüder aufgehoben, darunter Bischof Richard Williamson. Der hatte nie einen Hehl aus seinen Überzeugungen gemacht, wie 1989, als er Gläubigen zurief: „Die Juden erfanden den Holocaust, Protestanten bekommen ihre Befehle vom Teufel und der Vatikan hat seine Seele an den Liberalismus verkauft.“ Ein deutscher Papst holt einen Holocaustleugner zurück in den Schoß der Kirche. Damit war der Skandal perfekt und für Pater Steiner begann ein Medienrummel, wie ihn der 37-Jährige noch nicht erlebt hatte. An diesem wolkenlosen Frühjahrstag ist von dem Trubel in Stuttgart-Feuerbach nichts mehr zu spüren. An einer Straßenkreuzung steht das unauffällige Wohngebäude der Bruderschaft. In weichem Gelb ragt der barocke Turm der Kirche St. Maria Himmelfahrt in den blauen Himmel. Wohnhaus und Kirche schirmen einen

kleinen Hinterhof gegen das hektische Verkehrstreiben ab. Knapp 30 Leute sind zum Gottesdienst gekommen. Sie sitzen alleine verteilt in den Bänken. Die hohen Seitenfenster und das karg verzierte Kirchenschiff verstärken das Gefühl der Einsamkeit. Der Altar hingegen glänzt in grünem Marmorstein, umfasst von vier bronzefarbenen Säulen, die mehrere Engelstatuen tragen. Der Priester steht mit dem Rücken zur Gemeinde, die Messe hält er auf Lateinisch: „Dominus vobiscum!“ murmelt er in geistiger Entrücktheit. „Et cum spiritu tuo.“, antwortet die Gemeinde. Neben uns dreht sich ein Mann um, der unsere Schreibblöcke gesehen hat und erklärt, er würde uns nachher gerne ein Interview geben. Er heißt Wolfgang, seine schwarze Jacke ist ausgewaschen und die grau-schwarzen Haare glänzen fettig, Wolfgang riecht stark nach Alkohol.

Foto: Andreas Spengler


L ifestyle ~ Kultur ~ Tite lth ema ~ Po r tr ät ~ Reportage ~ Reise ~ S p o rt ~ N o i r- I nt er n ~ W i s sen ~ Po liti k ~ Querbeet

Durch die Bänke geht ein Klappern, die Gottesdienstbesucher holen ihre Rosenkränze hervor und lassen die Perlen durch die Finger gleiten. Manche knien, völlig in sich gekehrt, mit verschlossenen Augen auf dem Boden. Vom Altar her wabert betörender Weihrauchduft. In sturer Monotonie beginnt das Rosenkranzgebet, das aus 50 Wiederholungen von Gebeten besteht: „Jesus, der für uns Blut geschwitzt hat, Jesus, der für uns gegeißelt worden ist, Jesus, der für uns mit Dornen gekrönt worden ist.“ Irgendwann dreht sich Wolfgang um und verdreht die Augen: „Das finde ich etwas überzogen, wollen wir rausgehen?“ Vor der Kirche treffen wir Pater Andreas Steiner. Er schaut etwas unglücklich, als er sieht, dass wir Wolfgang interviewen wollen. Er kenne Wolfgang nicht, aber der sei sicherlich kaum repräsentativ. Doch Steiners Bedenken sind unbegründet: Wolfgang erzählt aus seiner Jugend, wie Mitte der 60er Jahre die lateinische Messe abgeschafft wurde. Damals vollzog die Katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine umfassende Reform, die zu einer Modernisierung und Liberalisierung der Kirche führte. „Ich war obertraurig, dass es die gute alte Messe nicht mehr gab. Diese modernen ‚Hallelujah-Messen‘ wie in Amerika fand ich immer schon ein Graus!“ Als Wolfgang das erste Mal nach vielen Jahren bei einer Messe der Piusbrüder dabei war, flossen ihm Tränen der Rührung: „Es geht doch nicht nur um die lateinische Sprache, es geht darum, die Messe in der würdigen Form zu feiern. Ich habe hier meine katholische Heimat wiedergefunden.“ Als wir ihn nach seiner Familie fragen, senkt er den Kopf. „Frau und Kind“, er dreht die Handfläche nach außen, „Trennung. Sie ist gegangen, obwohl wir verheiratet waren.“ Er wendet sein ausgemergeltes Gesicht in die Sonne.

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Priesterbruderschaft St. Pius X Die Piusbruderschaft wurde 1970 von Marcel Lefebvre gegründet. Weltweit hat sie knapp 500 Priester und zählt nach eigenen Angaben rund 600.000 gläubige Anhänger. Sie wird nicht von der Katholischen Kirche anerkannt, da sie die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnt.

Über Bischof Williamson schimpft Wolfgang: „Das ist doch ein Idiot, der Priester von der Insel.“ Auch Pater Steiner distanziert sich ausdrücklich von den Aussagen des Holocaustleugners. Von der Berichterstattung der Medien sei er sehr enttäuscht, besonders

„Die Juden erfanden den Holocaust“ gemein sei immer der SPIEGEL gewesen: „Denen ging es darum, uns in die rechte fundamentalistische Ecke zu stellen und als Fanatiker abzustempeln.“ Steiner stellt die Piusbrüder gerne als Medienopfer dar, als ewig Unverstandene, als die letzten Bewahrer des aufrichtigen Glaubens. Der junge Pater sitzt im Wohnzimmer der Bruderschaft und strahlt uns mit seinen einladenden Augen an, sein österreichischer Dialekt klingt freundlich und weich. Steiner wurde 1972 in Kaprun geboren. Mit 14 Jahren ging er aus eigener Überzeugung in ein katholisches Internat bei Hamm in Nordrhein-Westfalen und studierte später im Priesterseminar der Bruderschaft in Regensburg. Heute würde er alles wieder genauso machen, sagt er und legt die Hände auf seine schwarze Soutane. Ein kurzer Moment der Stille. Vor dem Fenster dröhnt der Verkehr vorbei. Ein grell-oranges OBI-Schild leuchtet von der anderen Straßenseite herüber. Im Wohnzimmer der Piusbrüder hängen ein einfaches Holzkreuz und schlichte Bilder mit Bibelszenen. Der Kontrast ist offensichtlich: hier die Piusbrüder, dort die moderne säkulare Welt. Wenn die Leute heute überhaupt noch glauben, dann meist nur nach dem „Baukastenprinzip“, klagt Steiner. „Die picken sich das heraus, was ihnen gefällt!“ Die Priester aber seien der Bibel verpflichtet, den reinen Glauben zu verkünden. Wer sich nicht an die Gebote der Heilige Schrift hält, begehe eine Sünde. Ehebruch, vorehelicher Geschlechtsverkehr und Homosexualität sind alles schwere Sünden. „Wenn Homosexualität Veranlagung wäre, hieße das, Gott hätte manche Menschen als Sünder veranlagt. Dann kommt ein Mörder und sagt, das ist veranlagt, und zum Schluss kommt Adolf Hitler und sagt, ich bin eben als Judenvergaser veranlagt.“

Steiners blaue Augen blitzen. Die katholische Kirche passe sich immer mehr der modernen Welt an. Inzwischen sei sie nur noch ein Marginal, das Lobeshymnen auf andere Religionen anstimme. Im offiziellen Mitteilungsblatt der Piusbruderschaft steht, Schüler sollen sich auf die Weise mit den „Irrlehren“ von Luther, Kant und Sartre beschäftigen sollten, wie sich Medizinstudenten mit Krankheiten beschäftigen: mit dem Ziel, diese bekämpfen zu können. Als wir Steiner mit dem Zitat konfrontieren, flüchtet er sich in Ausreden und Anschuldigen, will wissen, von wem der Text stammt, als kenne er die Texte seines eigenen Presseorgans nicht. Das sei typisch, dass nur einzelne Zitate herausgerissen werden. Das würden die anderen Medien genauso machen. „Die ARD bringt eine Sendung über uns, die nehmen finstere Musik und dann kommen die Zitate, das ist der Hammer, das ist wie ein Propagandafilm.“ Schließlich sagt er doch seine Meinung: „Was ist daran falsch?“ Seine Stimme klingt härter, aufbrausend fügt er hinzu: „Darf man in Deutschland noch die freie Meinung sagen oder nicht mehr? Die Zeit der Aufklärung war schließlich die erste Strömung, die gesagt hat, viele Religionen führen zum Heil.“ Für Steiner aber gibt es nur schwarz oder

Die Aufklärung bekämpfen weiß: „Das geht rein logisch gar nicht, dafür sind die Religionen einfach zu verschieden. Christus sagt in der Bibel ‚Niemand kommt zum Vater als durch mich!‘“ Die Aussagen Steiners bekommen bald eine politische Färbung: Steiner sieht sich als Globalisierungsgegner. „Die Globalisierung möchte einen Einheitsbrei. Ich finde, jedes Volk hat ein Recht auf seine Kultur.“ Auch die Deutschen sollten stolz sein dürfen, ohne gleich als rechtsradikal zu gelten. Die deutsche Geschichte lasse sich nicht nur auf die Nazizeit reduzieren. Für einen Vortrag über die Gefahren der Globalisierung lud die Piusbruderschaft im Juni 2008 den Buchautor Richard Melisch nach Stuttgart ein. Daraufhin warnte die Polizei: „Wenn Melisch kommt, müssen wir hier mit einem großen Polizeiaufgebot

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die Veranstaltung sichern. Dann werfen die Linken bei Ihnen Fensterscheiben ein!“, erzählt Steiner. Die Piusbrüder wollten kein Polizeiaufgebot und luden Melisch wieder aus. Einen Monat später war Melisch zum wiederholten Male Gastredner bei der NPD. Auch in der Islamisierung sieht Steiner eine Gefahr. Natürlich dürfe man nicht alle Muslime über einen Kamm scheren. Steiner findet es gut, dass Deutschland so viele ausländische Mitbürger aufnehme. „Wichtig ist aber, dass diese Leute die Werte der Christen respektieren, dass sie sagen, ‚hier stand schon immer ein Dom, dann stellen wir kein Minarett dagegen‘. Das wäre ein Zeichen für friedliches Zusammenleben.“ Der Glauben der Piusbrüder zeigt sich als Konstrukt aus einem unerschütterlichen Gottvertrauen, naivem Unwissen, religiösem Übereifer und bewusster Provokation: Jeden Monat gibt die Piusbruderschaft eine Kinderzeitschrift mit dem Titel „Der Kreuzfahrer“ heraus. Steiner gefällt der Name: „Die Kreuzfahrer werden immer als Bösewichte dargestellt. Dabei ging es ihnen

Um der Freiheit Willen! Die Piusbruderschaft reagierte mit massiver Kritik auf den Artikel: Pater Steiner beleidigt die Autoren und verhöhnt die Juden im Dritten Reich.

B

ereits vor der Veröffentlichung in der aktuellen Noir sorgte der Artikel von Sophie Rebmann, Susan Djahangrad und Andreas Spengler für große Aufregung. Zur Autorisierung der Interviewaussagen mailten die jungen Autoren Pater Steiner die Arbeitsversion ihres Textes zu. Die Antwort des für Medienarbeit zuständigen Priesters folgte prompt. In seiner Antwortmail findet er im Namen der Piusbruderschaft harte Worte: „Nach der Befragung konnte ich mir ja denken, dass ihre intellektuellen Kapazitäten nicht ausreichen werden, ein adäquates Bild anzufertigen. Aber mit diesem propagandistischen Geschmiere habe ich nicht gerechnet. … Ich hoffe, dass bei solchen Formulierungen jeder sieht, dass hier der Ideologe schreibt, nicht der Reporter: ‚Steiners blaue Augen blitzen.’ Warum schreiben Sie nicht gleich „Steiner fletscht die Zähne, das Wasser rinnt ihm aus dem Mund und morgen wird er sich bei einem Homosexuellen-Aufmarsch in die Luft sprengen.“ Einfach nur peinlich. Schade, um jede Minute, die ich Ihnen leider gewidmet habe. Und ich hatte

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nicht um Rohstoffe oder Bekehrung, die wollten nur ihre Gebetsstätten wiederhaben!“ Steiner leugnet zwar nicht die gnadenlosen Massaker der Kreuzfahrer, stellt sie aber als Opfer der Unterdrückung durch die Muslime dar. Auch wenn Bekehrung heute noch eine zentrale Rolle spiele, dürfe diese niemals mit Zwang oder Gewalt geschehen, bekräftigt er. Fabian Häupl kennt das Problem des Bekehrens. Der 21-Jährige ist einer von sieben Jugendlichen, die jede Woche den Gottesdienst besuchen. Seine Familie ist protestantisch, doch im evangelischen Gottesdienst fehlte ihm etwas. Fabian glaubt, dass Andersgläubige und Atheisten in die Hölle kommen: „Es ist natürlich eine dämliche Erkenntnis, zu bemerken, dass dies auch der eigenen Familie widerfahren wird.“ Deshalb versuche er unterschwellig, seiner Familie den strengen katholischen Glauben schmackhaft zu machen. Bisher aber ohne Erfolg. Fabian beißt seine Zähne aufeinander; Man spürt, wie arg es ihm ist. Inzwischen liegt der Hinterhof im

noch die Hoffnung, das Gespräch würde objektive Berichterstattung fördern. Warum beantragen Sie nicht gleich, dass die Piusbruderschaft im Namen der Gleichschaltung des Denkens einfach aufgehoben wird und man diese fanatischen Hinterwäldler einfach ins Gefängnis steckt. Deutschland wird einfach nicht besser. So wie Ihren Bericht stelle ich mir die ersten Hetzschriften der Nazis gegen die Minderheit der Juden vor. Statt ‚der blitzenden Augen der Juden’ steht halt jetzt ‚die blitzenden Augen des fanatischen Priesters’. Ihr Bericht gehört in die Kategorie: ideologisierende Verhetzung von Minderheiten.“ Die Vorstände der Jugendpresse BW stehen hinter ihren Autoren. „Wir waren von der heftigen Reaktion entsetzt“, sagt Vorstandssprecher Kai Mungenast. Die Kritikpunkte können die jungen Journalisten nicht nachvollziehen. „Für den Artikel haben die Autoren fundiert recherchiert und mit offenen Karten gespielt. Ein Text darf auch mal kritisch ausfallen und die Eindrücke der Jugendlichen wiedergeben.“ Den Beitrag aus dem Blatt zu nehmen oder für die Piusbruderschaft zu ändern, stand für die Redaktion nie zur Frage. Baden-Württembergs hauptberufliche Journalisten äußerten sich auf Steiners Einschüchterung entsetzt. Der Pressesprecher der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Thomas Broch, verweist darauf, dass die Piusbruderschaft auch innerhalb der Kirche in der Kritik steht.

Pater Andreas Steiner

Schatten der Abendsonne. Das Kirchenportal wird von einem gelben Licht bestrahlt. Fabian blickt hinauf und lächelt. Es scheint, als habe er hier seine Erfüllung gefunden. Er ist sich sicher: „Hier ist es, als atme man die Heiligkeit.“ Mitarbeit: Jan Spreitzenbarth

Er schreibt: „Der Beitrag ist ein lebendiges Feature, das als solches eine Mischung zwischen Reportage, Zitaten, Atmo und persönlichen Eindrücken und Bewertungen sein darf. Das gehört zur Gattung und hat nichts mit Ideologie zu tun. Besonders empörend finde ich den Vergleich der Kritiker der Piusbrüder mit den Nationalsozialisten und die eigene Identifikation mit dem Schicksal der Juden im Nationalsozialismus. Die eigene angebliche Opferrolle auf eine Stufe mit den durch die Juden erlittenen Verbrechen in Zusammenhang zu bringen, ist eine unglaubliche Verhöhnung der Opfer der Shoa. Sie steht niemandem zu, am allerwenigsten eine Gruppierung, deren eigenes Verhältnis zum Judentum mehr als ungeklärt ist. Die Piusbruderschaft sieht sich - man kann dies in ihren Publikationen nachlesen - in einem Endkampf gegen den Satan und dessen willfährige Instrumente, in einer Schlacht der Mächte des Lichts gegen die Mächte der Finsternis. Das erklärt die kompromisslos aggressiven Äußerungen, macht sie aber deshalb nicht akzeptabel. Im Gegenteil haben solche Denkmuster in der Geschichte immer schon ein zutiefst totalitäres Denken offenbart.“ Der Journalist und promovierte Theologie appelliert an Autoren, „offen und unerschrocken zu schreiben“. Denn: „Wer in so absoluter Weise die Wahrheit für sich beansprucht, dem muss man um der Freiheit willen widerstehen.“ Alle Reaktionen auf den Noir-Artikel ab August online unter www.flashazine.de

Foto: Andreas Spengler


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SÄNK YOU

TRÄWELING WIS

DEUTSCHE BAHN

FOR Es ist sechs Uhr morgens. Schlaftrunken taste ich nach meinem Radiowecker, aus dem gerade eine Stimme fragt, ob ich mich heute stark fühle. Ja, stark muss man wirklich sein, wenn man sich um sechs Uhr in den Ferien aus dem Bett quält und die Aussicht auf drei Nächte Turnhalle hat. „Naja, ein Journalist muss hart sein“, denk ich mir, als mich unter die eiskalte Dusche stelle. Eine gute halbe Stunde später stehe ich am Bahnhof, an dem sich die Pendler um jeden Quadratmeter auf dem

Alltäglicher WG -Wa hnsinn

Dr. Motte und die drei ??? Die Klausurenphase beginnt in unserer WG mit der Loveparade. Die uez-uez-uezt direkt durch unseren Flur als ich nach Hause komme. „Zum Abreagieren!“, versucht Jule den Beat zu überdröhnen, während sie über verstreute Aktenordner, Formelsammlungen, Papier und Textmarker zur Kaffeemaschine ravt. „Willst du auch Kaffee?“ Ich will, dass die Klausuren vorbei sind. Ich will meine WG zurück, abends barfuss am offenen Fenster sitzen, Rotwein trinken und Santana hören. Stattdessen wohne ich mit Dr. Motte in einem verwüsteten Schreibwarenladen. Ich kontere mit meinen „Drei ???“-CDs. Eine ganze Woche lang mischt sich im WG-Flur die Stimme von Justus Jonas mit unnachgiebigen Techno. Eines Morgens wechsle ich gerade CDs, als ich es höre: Nichts. Ich lausche für einen Moment bis es an meiner Zimmertür klopft. Jule steht grinsend mit zwei Tassen Kaffee in einem ordentlichen Flur, frei von Papier und Kulis. „Ich habe aufgeräumt“, sagt sie. „Und gebacken.“ Sprachlos nehme ich meine Tasse. Die drei ??? lösen jeden Fall. Doch das ist nichts im Vergleich zu dem, was Georgia Hädicke die Loveparade kann.

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Bahnsteig streiten. Plötzlich erschallt eine Durchsage: „Meine Damen und Herren, zu Ihrer eigenen Sicherheit hat die Deutsche Bahn sämtliche Fahrzeuge der ICE-T Baureihe zu Routineuntersuchungen eingezogen. An Gleis 5 steht jetzt ein Ersatzzug für Sie bereit." Nachdem ich meine 20 Kilo schwere Tasche durch den halben Bahnhof gehievt habe, stelle ich schockiert fest, dass uns eine uralte Regionalbahn als ICE verkauft wird. So komme ich dann nach 90 statt der üblichen 60 Minuten in Stuttgart an. Natürlich ist mein Anschlusszug in Stuttgart längst abgefahren. Da ich so ein tolles Dauer-Spezial-Angebot gebucht habe, ist das ein echtes Problem, da ich eine Zugbindung einzuhalten habe. Ich suche mir kompetente Hilfe: „Entschuldigung. Ich habe da so ein Dauer-Spezial und muss aber irgendwie weiter kommen.“ „Tschuldige, aber da kann ick Ihnen nücht weiterhelfen.“ „Herrgott, Sie sind doch von der Deutschen Bahn!“

„Sorry, men Jung, aber ich bin nur von der Bahnhofsmission. Gehen Se doch einfach mal zum Service Point, da wird Ihnen bestimmt geholfen!“ Also wieder die Tasche schultern und nach 20 Minuten Wartezeit bin ich am Schalter. „Tut mir Leid, aber ich bin Baustelle, Reklamationen bitte bei meiner Kollegin.“ „Ja sie sind wirklich Baustelle“, denke ich mir. Nach einer weiteren halben Stunde sitze ich im InterCity in Richtung Karlsruhe. Ja, ich sitze wirklich, allerdings auf meiner Tasche. Zum Glück liegt der Schlafsack oben drauf. Flurplatz erste Klasse! In Karlsruhe angekommen tut mir trotzdem der Hintern weh. Kaum bin ich ausgestiegen, erschallt die nächste Durchsage, die nichts Gutes verheißt: „Auf Grund von Bauarbeiten ist der InterCity nach Hamburg leider um voraussichtlich 30 Minuten zu spät. Zwei Stunden später, es ist bereits Abend, höre ich in Mainz folgende Durchsage nach einer Fahrt in einem unbequemen, stinkigen Großraumwagen: „Ladies and Gentleman sänk you for träweling wis Deutsche Bahn!“ Danke. Nächstes Mal fahr ich per Anhalter! Lukas Ramsaier

Me i n e r ste s M a l

Beim Schönheitswettbewerb Großes Schaulaufen. Spannung liegt in der Luft. Männlein und Weiblein in Reih und Glied. Sie wissen schon, von was ich rede. Ein harter Wettbewerb, bei dem es um alles geht! Eine erfahrene Jury bewertet die Kandidatinnen und Kandidaten anhand eines strengen Katalogs. Es geht um Maße: nicht zu klein, aber auch nicht zu groß, und schon gar nicht zu dürr. Bulimie war gestern. Nur „rassig sollten sie sein“, so ein Jurymitglied. Am besten blond, mit graziösem Gang und großen, melancholischen Augen, denen niemand widerstehen kann. Mit einstudiertem Lächeln geht es zur Jury. Hier kann kein Dieter Bohlen seinem Seelenleben Ausdruck verschaffen. Es hagelt keine

bösen Sprüche, selbst Anfeindungen der Teilnehmer untereinander sind hier nicht zu finden. „Super gut“, meint die Jury. Ein freundliches Wesen, gut gebogener Behang, aber etwas wenig Stop. Die Golden-Retriever-Hündin Luna ist trotzdem zufrieden und wedelt erhobenen Hauptes js davon.

Fotos: Gerd Altmann/pixelio.de (oben); photocase.de/User:tanala (unten)


WISSEN

DIE DEADLINE IM NACKEN Die Idee, einen Artikel über das Phänomen der Prokrastination zu schreiben, entstand Ende Mai bei der Redaktionssitzung. Doch irgendwie lief etwas schief. Ich hatte ich mir das Thema meines Artikels zum Motto gemacht. Der Redaktionsschluss kam und verging, ohne dass ich eine Zeile geschrieben hatte. Text: Sanja Döttling | Layout: Luca Leicht

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rokrastination ist laut Max Goldt ein »nicht Zeitmangel bedingtes, aber umso qualvolleres Aufschieben dringlicher Arbeiten in Verbindung mit manischer Selbstablenkung, und zwar unter Inkaufnahme absehbarer gewichtiger Nachteile«. Der Begriff Prokrastination lehnt sich an das lateinische Wort »crastinus« an, das übersetzt »morgen« bedeutet. Allerdings wird Prokrastination erst seit kurzem erforscht. Davor wurde sie häufig mit schlechter Organisation oder bloßer Faulheit verwechselt. In jüngeren Studien haben Wissenschaftler herausgefunden, dass etwa 25 Prozent der Bevölkerung regelmäßig Aufgaben verschieben, obwohl sie Zeit daür hätten – bei Studenten liegt der Wert mit 50 Prozent deutlich höher. Irgendwie kam meinem Plan, diesen Artikel zu schreiben, immer etwas dazwischen: Ich war einkaufen, eine Freundin in Wien besuchen und habe endlich meine Amazon-Empfehlungen optimiert. Einige Tage später bekam ich

Chefredaktion, die sich nach dem Verbleib des Artikels erkundigte. Das war an einem Samstag. Bis zum Montag ließ ich mein schlechtes Gewissen te ich mich auf und antwortete: Am Donnerstag wäre der Artikel spätestens fertig. Und weil ich ja immerhin die E-Mail geschrieeinen kurzen Urlaub. Nur das letzte Viertel der Zeit vor einer Deadline wird tatsächlich genutzt, um zu arbeiten. Das meinen der Blogger Sascha Lobo und die Journalistin Kathrin Passing in dem Buch »Dinge gere16

NOIR Nr. 22 (Se ptember 2 011)

witzig beschreiben sie den Alltag einer prokrastinierenden Person. Der Ratgeber ist allen Personen zu empfehlen, die das gleiche Problem haben wie ich. Lobo und Passing raten zum Beispiel, eine Aufgabe, die nur mit Selbstdisziplin zu bewältigen ist, lieber gleich zu lassen.

Denn Disziplin sei ein Zeichen daür, dass es falsch ist, die Aufgabe zu erledigen. Einfach aufzugeben, schadet also nicht. Egal welche Übergangstätigkeiten ausgeübt werden, um sich vor einer anderen Aufgabe zu drücken: Ihnen allen entspringt irgendein Nutzen. Computerspielen ördert zum Beispiel das Konzentrationsund Reaktionsvermögen. Zeitverschwendung ist somit unmöglich. Das Buch ist freundlich zu allen Prokrastinatoren, weil die Tipps aber sie beruhigen das Gewissen. So kann getrost weiter prokrastiniert werden. Am Donnerstagabend um 21.45 schrieben. Mehr als zwei Stunden vor der Deadline bin ich fertig. Also eigentlich fast zwei Stunden vor der Deadline nach der Deadline. Das ist fast unheimlich pünktlich.


LIFES T YLE

ENGEL IM SCHNEE, ZIMT IM TEE … … Jahreszeit wird so viel gemeckert wie über den Winter! Dabei macht er so viele schöne Dinge erst möglich. Damit ihr euch also während der kurzen Tage und der kalten Nächte nicht langweilt, haben wir mit und für euch eine To-Do-Liste für den Winter erstellt. Text: Bettina Schneider | Layout: Jan Zaiser

In der Weihnachtszeit nachts auf den höchsten Aussichtspunkt steigen und die Lichter der Stadt genießen

Plätzchen back en mit einer Omaschür ze um

»Ein Wochenende in die Berge zum Snowboarden fahren.« Meike, 20

Mit einer Freundin, mit der du schon ewig wied er was unternehm en wolltest ins Kino gehen.

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NOIR Nr. 28 (November 2 012)

Eine echte heiße Schokolade trinken (50g Schokolade klein hacken oder raspeln und in 250 ml Milch schmelzen. Gut umrühren, damit nichts anbrennt. Je nach Geschmack noch (Vanille) Zucker und / oder Zimt reinrieseln lassen)

maEin Lagerfeuer rot kb oc St d chen un s ne ke oc (tr n esse BauHolz gibt’s im markt)

Urlaubsfotos des letzten Sommers sortieren, entwickeln lassen und an Freunde schicken

»Wärmelampe an, Liegestuhl raus, Sonnenbrille raus und Cocktails trinken!« Christoph, 24

Bratäpfel backen : Äpfel wasche n, einen »Deckel« abschn eiden und das Kerngehäuse entfernen. Vani llepudding anrü hren und circa 30g Haselnussk rokant darunter heben. Das ganze in die Äp fel füllen und da nn ab in den Ofen! 30-40 Min uten bei 175° Um luft backen. Wichtig: Apfeld eckel erst nach der Hälfte der Backzeit da zugeben. Die Fü llung kann natürlich nach eurem Geschm ack variieren: zerbröselter Sp ekulatius, Pflaum enkompott, Knuspermüsli, Vanillesoße …

r »Eine Schneeba eis d un bauen kalte Getränke genießen.« Kadda, 21

»Ich möchte wi eder in die Sauna gehe n und danach in den Schnee liegen und Schn eeengel machen, aber halt nackig zur Abkühlung! « Simone, 21

se nach Mit deiner Klas nächste der Schule ins en und hr Eisstadion fa ufen la h Schlittschu

Schneepicknick, mit Glühwein, Lebkuchen und anderen winterlichen Dingen

mit euren Einen ganzen Tag auen: Freunden DVDs sch us, Der Ha zu Kevin – Allein horn, Ein zte let s Da Grinch, d für un , be Lie … h lic ch Tatsä h die lic tür na Kitschfans darf ! len feh ht nic Sissi-Reihe

»Eine Sache wäre, nur mit Handtuch bekleidet einkaufen zu gehen, eine andere, mit dem Hund Schlittschuh laufen zu gehen …« Carlo, 24


Spor t

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K ultur

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Ti te lthe ma

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Po r tr ät

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Reportage

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Wi sse n

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Reise

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N o i r- I ntern

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Querbeet

RENNFAHREN EINMAL ANDERS Bierlaune weckt bekanntlich das Kind im Manne. Doch was passiert, wenn Männer ihren Kindern die Plastikautos klauen? Ganz klar: Sie jagen damit Berge hinunter

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ie Piloten rasen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 110 Kilometern pro Stunde den Berg herunter. Nehmen galant die Kurve. Rauschen nur knapp vorbei an der durch Strohballen abgesicherten Bande. Die Reifen krallen sich in den Asphalt. Die Konkurrenz ist dicht auf den Fersen. Das Publikum jubelt und eifert mit. Wer wird zuerst die Ziellinie überqueren? In aerodynamischer Rückenlage, ähnlich wie beim Rennrodeln, liegen die Sportler auf ihren Fahrzeugen. Das erfordert Bauchmuskeln aus Stahl, Nerven wie Drahtseile, Mut und gute Kondition. Endspurt! Der rote Büffel auf der Motorhaube blitzt im Sonnenlicht. Moment — roter Büffel — kennen wir dieses Auto nicht aus unserem Kinderzimmer? Die Schrecken aller Mütter, die ihrem Sprössling gerade neue Schuhe gekauft haben. Und aller Nachbarn, die durch das laute Fahrgeräusch von ihrem Mittagsschlaf abgehalten werden: Bobby-Cars. Kaum ein Kinderzimmer, keine Familiengarage, in der sich kein roter Flitzer findet. Nur irgendwann sind die Beine zu lang und andere Fortbewegungsmittel verdrängen den Bobby-Car. Bis Papa ihn dort wieder hervorkramt, frei nach dem Motto „Pimp my Bobby Car“ und ab geht es auf die Piste. Aus einer Bierlaune am Vatertag 1994 entstand der Bobby-Car-Club Deutschland, kurz BCCD. Seit 1998 ist der Rennclub eingetragener Verein. Inzwischen geht es sogar um die deutsche Meisterschaft. Schnell stellte sich heraus, dass die Gründer des BCCDs eine Marktlücke entdeckt hatten, die den Vorstand des Clubs fast hauptamtlich beschäftigt. Mittlerweile gibt es rund 200 BobbyCar-Fahrer in Deutschland — Profis, Amateure und Jugend. Jährlich finden bis zu zwölf offizielle Rennen statt; hinzu kommen hunderte Funrennen. Der Club ist außerdem im Eventbereich tätig und unterstützt Veranstalter. „Eine Bobby-Car-Rennstrecke ist zwischen 500 und 1000 Metern lang, muss Gefälle

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Noir - A usga be 1 / 2 0 0 8

Der Bobby-Car im Straßenverkehr? Zum Glück finden die Bobby-Car-Rennen auf abgesperrten Strecken statt. Nichtsdestotrotz faszinieren die Rennen sowohl die Großen als auch die Kleinen.

haben und Kurven“, erklärt Uwe Wagener, Präsident des BCCD. Paarweise starten die Rennfahrer aus dem Stillstand. Durch das natürliche Streckengefälle gewinnen die Bobby-Cars schnell an Tempo. Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 110 Kilometern pro Stunde kann ein Bobby-Car auf der Rennstrecke erreichen — „deswegen braucht ein guter Bobby-Car-Rennfahrer neben Kondition und einer guten Körperhaltung vor allem eines: Mut“, sagt Uwe Wagener. Damit sich die Fahrer bei waghalsigen Fahrmannövern nicht verletzen, sind Motorradschutzkleidung und Helm Pflicht. Denn der ein oder andere Sturz ist Alltag. Außerdem ist sowohl bei Landesausscheidungen als auch der deutschen Meisterschaft nur ein Modell zugelassen: der Big Bobby-Car mit dem klassichen, prägnanten roten Büffel auf der Motorhaube. Das Kunststoffgehäuse mit einer maximalen Fahrzeuglänge von 74 Zentimetern muss auf jeden Fall beibehalten werden.

„Aktiven Profis bleibt aber ausreichend Spielraum, ihre Rennwagen individuell aufzupeppen“, erklärt BCCD-Geschäftsführer Mike Knigge: „Zum Beispiel mit modifizierter Lenkung, verstärktem Unterbau und hochwertiken Keramiklagern.“ Die Rennen selbst haben sich zu einem wahren Publikumsmagnet entwickelt. Kein Wunder, denn der Bobby-Car-Rennsport hat jede Menge Unterhaltungswert und fordert den Lachmuskeln der Zuschauer Höchstleistungen ab. Inzwischen verschwinden die ungläubigen Mienen von den Gesichtern der Menschen, wenn Uwe Wagener von seiner Lieblingssportart schwärmt: „Inzwischen ist der Sport sehr bekannt.“ Lässt sich bei kleinen Kindern erahnen, ob sie das Talent zum Bobby-Car-Rennfahrer haben? „Auf jeden Fall!“ Uwe Wagener ist sich sicher: „Körperhaltung und Einstellung zum Rennsport sind leicht zu erkennen.“ Nachwuchs steht also bereits in den Startlöchern. Miriam Kumpf

Foto: Jugendfotos.de (Annkathrin Gerbes)


REPORTAGE

DER SELIGE NAZI Er lässt ihn nicht los. Immer wieder schlägt der Mann in den schwarzen Springerstiefeln auf seinen türkischen Nachbarn ein. Er schlägt ihn, weil er anders ist. Anders aussieht, anders riecht, anders geht, anders lacht. Er passt nicht in seine Welt. Verschiedenheit irritiert ihn, ist ihm fremd. Diese schwarzen Augen sind ihm fremd. Kann man Fremdenfeindlichkeit erklären? Text: Lisa Kreuzmann | Layout: Tobias Fischer

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enn wir uns selig ühlen, meinen wir damit ein Hochgeühl. Wir sind ausgeglichen, wir sind zufrieden. Ein gutes Geühl; ein schönes Wort. Bestimmt nicht die erste Wahl, um einen Rechtsradikalen zu beschreiben. Doch auch er ist selig. Er ist feindselig. Wie kann das passen? Warum sind wir selig, wenn wir Feinde haben? Der Psychoanalytiker Thomas Auchter hat sich vor über zwanzig Jahren mit genau dieser noch immer aktuellen Frage beschäftigt und versucht, Fremdenhass psychoanalytisch zu erklären. Nach Auchter liegt der Ursprung von Fremdenangst in der sogenannten analen Phase – eine der Entwicklungsstufen in der Psychoanalyse nach Sigmund Freud. Im Alter von zwei bis drei Jahren beginnt das Kind, eine Beziehung zu sich selbst aufzubauen. Dabei steht es vor der Aufgabe, neben der neu entdeckten Selbstbeziehung auch diejenige zu seiner Umwelt aufrecht zu erhalten – ein Balanceakt. Das Kleinkind kann die Abhängigkeit von den Eltern einerseits nicht länger ertragen und muss doch lernen, dass es nie vollkommen unabhängig von Anderen sein wird. Gelingt dieser Balanceakt nicht, wird der ausgewachsene Mensch intolerant und versucht verbissen, an Vertrautem festzuhalten. Sich auf

will er nicht. Was der pathologische Narzist nicht kennt, frisst er nicht; wen er nicht kennt, mag er nicht. Laut Auchter hat der Mann in den Springerstiefeln ein gestörtes Selbstbewusstsein: den Spagat zwischen der Beziehung zu sich und zu den Fremd sind aber nicht nur die Anderen, auch der eigene Charakter und die eigenen Macken können fremd werden. Der Mann in den Springerstiefeln kann damit nicht umgehen. Das »fremde eigene Böse«, wie Auchter es nennt, macht ihm Angst. Er ter zu. Er schlägt, um gegen das Böse und Unbekannte in ihm anzukämpfen. Der fremde Mann in seiner Gewalt wird Sinnbild ür all das Fremde, das er nicht versteht und vertreiben muss. Verstehen? Nur schwer. Erklären? Auchter macht das so: Der Fremde ist Ventil ür den »Seelenmüll«, den der Rechte nicht erträgt. Der Mann in den Stiefeln Welt, in der ihn Neues und Unbekanntes nicht länger ängstigen muss.

er nicht. Andere spielen in seiner Welt keine Rolle, der pathologische Narzist, wie Auchter ihn nennt, lebt in vollständiger Ich-Bezogenheit, neigt zur Selbst-Idealisierung und Omnipotenzvorstellungen. Seine Welt ist eine fertige Welt. Entwick-

NOIR Nr. 27 (August 2 012)

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REPORTAGE

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NOIR Nr. 21 ( Juli 2 011)

Fotos: X X X

NOIR - Ausgabe 31: Best-of  
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