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Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit Begegnungfahrt Palästina/Israel, IPPNW und pax christi, 29. April - 10. Mai 2014


Begegnungsfahrt Pal채stina-Israel

Reiseimpressionen

Bethlehem

Bethlehem

Bethlehem

Tent of Nations

An der Mauer

Israelischer Protest gegen die Besatzung

Unsere Gastgeberinnen im Sumud Story House 2


Bericht 2014

Inhalt Reiseimpressionen.............................................................................................................. 2 Inhaltsverzeichnis............................................................................................................... 3 Editorial............................................................................................................................ 6 Karte der Westbank............................................................................................................ 6 Wir lieben das Leben, Gedicht von Mahmud Darwisch........................................................... 27 Karte von "Großjerusalem"................................................................................................. 36

Berichte Jerusalem, ICAHD.............................................................................................................. 7 Israel-Palästina-Journal ...................................................................................................... 8 Bethlehem, Sumud Story House, Aida Camp ....................................................................... 10 Right to Movement .......................................................................................................... 12 Artas, Solomon‘s Pools, Murad's Castle .............................................................................. 14 Hebron: Emergency Center................................................................................................ 16 Shuhada Street, Christian Peacemaker Teams, Abrahams Moschee .........................................17 Tent of Nations................................................................................................................ 21 Jericho, Mount of Temptation............................................................................................. 23 Ramallah, The Lutheran Church of Hope............................................................................. 24 Dunja Women Breast Cancer Center ................................................................................... 25 Wasser - verwehrter Zugang, Vortrag Clemens Messerschmid................................................. 28 Kalkylia, Stop the Wall...................................................................................................... 30 Bethlehem, EAPPI ........................................................................................................... 32 Young Men's Christian Association...................................................................................... 33 Kairos-Palästina-Dokument und ARIJ.................................................................................. 35 Caritas Baby Hospital........................................................................................................ 37 Tel Aviv, Zochrot .............................................................................................................. 39 Physicians for Human Rights Israel..................................................................................... 40 Jerusalem, Yad Vashem..................................................................................................... 42 Israelische Siedlung Efrat.................................................................................................. 44 Society of St. Yves........................................................................................................... 46

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Begegnungsfahrt Pal채stina-Israel ICAHD-Karte vom Westjordanland

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Bericht 2014

Mauer in Bethlehem, Foto: S. Farrouh

Chronologie der Reise Datum

Ort

Aktivitäten

Di, 29.04.14

Tel Aviv

Ankunft und Weiterfahrt nach Jerusalem

Mi, 30.04.14

Jerusalem

» Besichtigung der Altstadt » Besuch beim Israel-Palästina-Journal » Besichtigungstour mit ICAHD

Do, 01.05.14

Bethlehem

Fr, 02.05.14

Artas

» Besuch des Arab Educate Institute » Mauertour und Besuch des "Wall Museums" » Treffen mit Mason Palach vom „Parents' Circle Family Forum" » Besichtigung der Salomon Pools, von Murad's Castle und dem Dorf Artas » Besuch des Klosters Daughters of St. Mary of Ortus Conclusus

Sa, 03.05.14

Hebron

» Besichtigung mit dem Christian Peace Team » Besichtigung der Abraham-Moschee (Grab der Patriarchen)

Tent of Nations

» Besuch des "Tent of Nations" der Familie Nassar

Jericho

» Besichtigung von Hisham´s Palace » Besichtigung des Bergs der Versuchung » Baden im Toten Meer

So, 04.05.14

Mo, 05.05.14 Ramallah

» Besuch der Lutheran Church of Hope » Besuch der Brustkrebs-Ambulanz „Dunya" » Grabmal des palästinensischen Nationaldichters Mahmud Darwisch » Treffen mit dem Hydrologen Clemens Messerschmid » Diskussion mit Dr. Ibrahim Laad´a » Besichtigungstour mit "Campaign Against the Wall" » Besuch von Hani Amer

Di, 06.05.14

Kalkylia

Mi, 07.05.14

Bethlehem

Do, 08.05.14

Tel Aviv

Fr, 09.05.14

Jerusalem

» Besuch von Yad Vashem » Treffen mit Bob Lang, Vorsitzender des Religious Council der Siedlung Efrat bei Jerusalem » Besuch der Society of St. Yves

Sa, 10.05.14

Tel Aviv

Rückflug

» Checkpoint-Tour mit EAPPI » Treffen mit Vater Jamal, Priesterseminar Beit Jala, Kairos Dokument » Besuch des Caritas Baby Hospital » Besuch von Arij » Besuch des CVJM Beit Sahour » Besuch von Zochrot » Besuch der Physicians for Human Rights » Treffen mit Arik Ashermann, „Rabbis for Human Rights"

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Begegnungsfahrt Palästina-Israel

Editorial

Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit Begegnungsfahrt nach Palästina-Israel vom 29. April bis 10. Mai 2014 sischen Einwohnern kaum Baugenehmigungen erteilt wurden. Die wachsende palästinensische Bevölkerung ist so gleichsam genötigt, „illegal“ zu bauen. In der Westbank einschließlich des annektierten Ost-Jerusalems sind Hauszerstörungen durch das israelische Militär an der Tagesordnung. ICAHD schätzt, dass in den besetzten Gebieten seit 1967 ca. 29.000 Häuser von Palästinensern zerstört worden sind. Eine Schätzung, die auf Angaben des israelischen Innenministeriums, UN-Organisationen, der Gemeindeverwaltung Jerusalems, Menschenrechtsgruppen und Beobachtern vor Ort beruht. Allein im Jahr 2013 zerstörte die israelische Regierung 634 Gebäude und machte so 1.033 Palästinenser obdachlos. Die auf den Trümmern ihrer Häuser sitzenden verzweifelten Menschen müssen für den „illegalen Bau“ zudem eine hohe Strafe zahlen.

Der betende Papst Franziskus an der Mauer von Bethlehem war ein starkes politisches Signal. Ende Mai setzte er sich bei seinem Besuch im Heilgen Land für den Frieden in Nahost ein. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern habe dramatische Folgen, er führe zu "Unsicherheit, zur Verweigerung der Rechte, zu Isolierung und Auswanderung ganzer Gemeinden und zu Not und Leiden aller Art", beklagte der Papst. Bei der fünften Begegnungsfahrt der deutschen Sektionen von IPPNW und pax christi nach Palästina/Israel haben 31 TeilnehmerInnen das Leben der PalästinenserInnen in der Westbank und in Jerusalem kennen gelernt, ihre Hoffnungen und ihr Leiden unter den Folgen der israelischen Besatzungs- und Besiedlungspolitik mit Mauern, Zäunen und Kontrollpunkten. Auf dem Programm standen zahlreiche Treffen mit palästinensischen und israelischen Friedens- und Menschenrechtsgruppen, über die wir in dieser Dokumentation berichten.

Dramatisch ist zudem die ungleiche Wasserverteilung: Nach Aussage des deutschen Hydrologen Clemens Messerschmid stehen einem Palästinenser durchschnittlich etwa 77 Liter Wasser pro Tag und Person zur Verfügung. Ein israelischer Bürger verfügt im Durchschnitt über 278 Liter pro Person und Tag. Zum Vergleich: Die WHO empfiehlt eine Menge von mindestens 100 Litern. Die Wasserversorgung unterliegt nach den Militärerlassen von 1967 allein der israelischen Militärverwaltung. Selbst in den A-Zonen, die nach dem Oslo-Abkommen unter vollständiger palästinensischer Kontrolle stehen, hängt der Zugang zu Wasser vollständig von der jeweiligen Regierung und den Besatzungsbehörden ab.

Ein bürokratisches Monstrum von Gesetzen und Verordnungen der israelischen Militärverwaltung, die kontinuierlich wachsenden Siedlungen und die Mauer erschweren das tägliche Leben der Palästinenser. Mittlerweile leben über 700.000 Siedler, nach internationalem Recht illegal, auf palästinensischem Land - geschützt durch die israelische Armee. Ein dichtes Netz von „Siedlerstraßen" durchzieht die Landschaft. Auf diesen Straßen dürfen PalästinenserInnen nicht fahren. Die Mauer, die Checkpoints und ein kafkaeskes Vergabesystem von Genehmigungen führen zu einer Zerstückelung palästinensischen Landes. Bauern werden daran gehindert, auf ihre Felder zu kommen, Kinder zu ihrer Schule und Patienten zum Krankenhaus. Jede kleinste Strecke wird zu einer schwer kalkulierbaren Reise: Der Weg von Bethlehem nach Ramallah war vor dem Mauerbau in einer halben Stunde zu schaffen. Jetzt dauert er ca. zwei Stunden, weil Palästinenser Jerusalem auf einer sehr kurvenreichen gefährlichen Straße weit umfahren müssen. Pendler, die in Jerusalem arbeiten, müssen morgens um fünf Uhr am Checkpoint sein, damit sie um sieben Uhr bei ihrem Arbeitgeber auf der anderen Seite der Mauer sein können.

Trotz dieser zunehmenden negativen Entwicklung in der Westbank haben uns unsere Gesprächspartner aus Palästina und Israel immer wieder überrascht durch ihren Mut, ihre Standhaftigkeit und Entschlossenheit, der Besatzungspolitik gewaltfrei Widerstand zu leisten. Sie geben die Hoffnung auf eine friedliche Lösung dieses Konflikts nicht auf und bitten die internationale Staatengemeinschaft eindringlich um Hilfe. Im folgenden Bericht haben die DelegationsteilnehmerInnen die verschiedenen Begegnungen beschrieben und unsere Gespräche und Eindrücke wiedergegeben. Wir folgten dem Ruf aus dem Kairo-Dokument „Kommt und seht!“ und erheben gemäß dem Aufruf daraus unsere Stimme gegen das Unrecht, das dem palästinensischen Volk durch die israelische Besatzung widerfährt.

Die israelische Regierung schafft mit dem Siedlungsbau Fakten, die eine Zweistaatenlösung immer unmöglicher machen. Selbst die US-Regierung scheint inzwischen die Geduld zu verlieren und macht Israel für das Scheitern der jüngsten Friedensoffensive von Kerry verantwortlich. Der ließ sich sogar zu der Aussage hinreißen, Israel drohe ein Apartheid-Staat mit Bürgern zweiter Klasse zu werden, was er später allerdings wieder relativierte.

Dr. Sabine Farrouh, Vorstandsmitglied in der deutschen Sektion der IPPNW Nobert Richter, Mitglied im geschäftsführenden Bundesvorstand der deutschen Sektion von pax christi

Von 1967 bis 2003 wurden im besetzten Teil Jerusalems laut dem Israeli Committee against House Demolitions (ICAHD) 90.000 Wohneinheiten für jüdische Siedler geschaffen, während palästinen6


Bericht 2014

Jerusalem, ICAHD Mittwoch, 30. April 2014 Die israelische Siedlung Ma'ale Adumim in der Westbank liegt sieben Kilometer östlich von Jerusalem malerisch auf einem Hügel. An der Einfahrt der Straße in die Stadt mit fast 50.000 Einwohnern, die sich östlich der Grünen Linie auf besetztem Gebiet befindet, begrüßt ein grün bepflanztes Blumenrondell den Besucher. Kurz dahinter taucht ein Checkpoint mit israelischen Soldaten auf. Unser Reisebus passiert den Militärposten ungehindert, aber Palästinensern ist der Zutritt ohne spezielle Genehmigung untersagt. Ma'ale Adumim beeindruckt durch grüne Alleen, üppig blühende Parks und Gärten, Spielplätze, saubere Straßen, Straßenlaternen und eine Bibliothek. Es gibt mehrere Schulen, 40 Kindergärten und ein Museum. Vom obersten Punkt der Siedlung schauen wir auf einen künstlich angelegten See. Noch vor einigen Minuten sind wir mit unserem Bus durch die palästinensischen Siedlungen Jabel Mukaber und Abu Dis gefahren. Der Gegensatz könnte kaum größer sein. Zunächst fallen die großen schwarzen Wasserbehälter auf den palästinensischen Dächern auf. Während die israelischen Siedlungen 24 Stunden täglich Zugang zu Wasser gewährt bekommen, ist der Zugang zu Wasser für die Palästinenser auf ein paar Stunden am Tag begrenzt, im Sommer sogar auf ein paar Stunden in der Woche. In den unter israelischer Militärverwaltung stehenden palästinensischen Stadtvierteln von Jerusalem gibt es im Gegensatz zu Ma'ale Adumim keine Bürgersteige und Straßenlaternen. Die staubigen Wege sind mit Müll übersät. Teilweise stehen schwarz verrußte Container am Straßenrand, in denen Abfälle verbrannt werden. Eine Müllabfuhr gibt es hier nicht, obwohl die israelische Regierung als

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Besatzungsmacht für die Abfallbeseitigung zuständig wäre und die Palästinenser Gemeindeabgaben zahlen müssen, die sogenannte „Arnona“. 70 Prozent der Menschen Ostjerusalems leben unterhalb der Armutsgrenze, bei den palästinensichen Kindern in Ost-Jerusalem sind es laut UNO sogar mehr als 80 Prozent. Chaska Katz von ICAHD (The Israeli Committee against House Demolitions), eine in ihrem ehrenamtlichen Engagement beeindruckende Israelin, die uns auf unserer Bus-Tour durch Jerusalem begleitet, erklärt uns anhand von Karten die israelischen Pläne für ein Groß-Jerusalem. Die israelische Regierung will im Osten Jerusalems auf palästinensischem Boden den Bau einer neuen Stadt mit dem vorläufigen Namen E1 vorantreiben. E1 soll eine Verbindung bilden zwischen den Siedlungen Pisgat Seev und Ma'ale Adumim, so dass diese Städte mit Jerusalem zu einem „Groß-Jerusalem“ zusammenwachsen würden. Bei einer Realisierung dieses Bebauungsplans würde zwischen Ramallah und Bethlehem ein Siedlungsriegel entstehen, was einer Zweiteilung der Westbank gleichkäme. Auf diese Weise würde die Entstehung eines lebensfähigen palästinensischen Staates erheblich erschwert. Die mit der Mauer illegal in die Stadtverwaltung von Jerusalem eingegliederten Gebiete werden für den weiteren Bau israelischer Siedlungen genutzt. Mit dem Bau der Mauer wurden etwa 105.000 Palästinenser, die im Besitz einer Aufenthaltsgenehmigung sind, geographisch ausgeschlossen. Ihnen wurde de facto das Bleiberecht in Jerusalem entzogen. Insgesamt schätzt ICAHD, dass seit 1967 circa 29.000 Wohnhäuser und Nutzgebäude von Palästinensern in den besetzten Gebie-

Chaska Katz von ICAHD, Foto: M. Tillmann


Begegnungsfahrt Palästina-Israel

ten zerstört worden sind. Nach Angaben der UN wurden allein in den ersten zwei Monaten des Jahres 2014 231 Palästinenser aus ihren Häusern vertrieben und 132 Gebäude zerstört. Der Begriff "Gebäude" umfasst hier neben Wohnhäusern auch Ställe, eingezäuntes Land sowie Wasserspreicher und öffentliche Einrichtungen wie Schulen, die allesamt notwendig für das Gemeindeleben und Überleben der Palästinenser sind.

und gehe verloren. Eine angemessene Infrastruktur gebe es nahezu ausschließlich für Siedlungen, den palästinensischen Dörfern werde sie vorenthalten. Halper glaubt, dass es Versöhnung nur durch Wiederherstellung von Gerechtigkeit geben kann - eine Gerechtigkeit, die durch gewaltfreie Aktionen und durch das Festhalten an Menschenrechten herbeigeführt werden müsse. Dafür setzen er und die ehrenamtlichen Mitglieder von ICAHD sich bei der Zerstörung palästinensischer Häuser vor die Planierraupen und leisten israelischer Siedlungspolitik Widerstand.

Der amerikanisch-israelische Friedensaktivist Jeff Halper, Professor für Anthropologie und Mitbegründer von ICAHD bezeichnet das System aus strategisch angelegten Siedlungen, Schnellstraßen nur für Siedler und der Mauer als „Matrix of Control“ (Kontroll- und Herrschaftsmechanismen). Es gebe ein Labyrinth von Gesetzen und Militärverordnungen. Kafkaeske bürokratische Hindernisse erschwerten Planungen jeder Art, wohingegen der Bau von Siedlungen kontinuierliche weitergehen, die nach internationalem Recht verboten sind. Immer mehr palästinensisches Land werde so enteignet

Weitere Informationen über ICAHD unter: http://icahd.de Angelika Wilmen

Israel-Palästina-Journal Mahmud Abbas habe große Schwierigkeiten, die leidende Bevölkerung ruhig zu halten und immer wieder mit leeren Händen von Verhandlungen zurück zu kehren. Die im Jordantal stattfindenden Zerstörungen von Häusern und Feldern nannte Schenker „ethnische Säuberung“ und eine „Annexion ohne offizielle Verfügung“.

Inspiriert vom Oslo-Prozess wurde 1993 das Palestine-Israel Journal (PIJ) gegründet. Es ist ein einmaliges Projekt, in dem israelische und palästinensische Autoren nach einer gemeinsamen, keine Seite entwertenden Sprache suchen und jeder Artikel von einem israelischen und einem palästinensischen Redakteur gegen gelesen wird. Wie nennt man z.B. die Mauer: Barriere, Zaun, Apartheidsmauer? In langen Diskussionen haben sich die Redakteure auf den Begriff "Trennungsmauer" geeinigt.

Einig sind sich die beiden nicht in allem. Während Hillel Schenker darauf verweist, dass die Mehrheit der Israelis eine Zweistaatenlösung wolle, entgegnet Ziad Abu Zayyad, dass diese sogenannte "Zweistaatenlösung" für die Mehrzahl der israelischen Bürger und Bürgerinnen einen Ausschluss von Jerusalem und dem Jordantal bedeute. Die wenigstens Israelis, Hillel Schenker ausgenommen, könnten sich eine Zweistaatenlösung mit einer palästinensischen Hauptstadt Ostjerusalem vorstellen.

Die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift hat sich in ihren letzten Ausgaben mit dem insbesondere für uns als IPPNW wichtigen Thema „Nuclear Free Middle East“ beschäftigt. Weitere Themenhefte waren u.a.: Wasser, Menschenrechte, Friedenserziehung, Flüchtlinge, Rückkehrrechte, Siedlungen, Rolle der Medien, öffentliche Meinung, Rolle von Frauen und Jugendlichen im Konflikt, Auswirkungen des Konflikts auf die seelische Gesundheit und die Rolle der internationalen Gemeinschaft.

Beide Autoren waren kürzlich bei den Vereinten Nationen in New York und haben dort dem Komitee für die Rechte der Palästinenser Bericht erstattet: Sie beklagten gegenüber den UN-Vertretern, dass die israelische Regierung eine Zwei-Staaten-Lösung durch ihr Handeln in Ostjerusalem systematisch untergrabe. Araber, denen permanentes Aufenthaltsrecht zustünde, würden aus der Stadt gedrängt. Mehr als 14.000 Palästinenser hätten seit 1967 ihr Aufenthaltsrecht verloren, während die Zahl der jüdischen Bewohner gestiegen sei. Vorschlag der beiden Autoren des Palestine-Israel Journal ist es, beim UN-Sicherheitsrat eine neue Resolution einzubringen, die das Zweistaatenprinzip der Resolution 181 auf den Grundlagen der Grenzen von 1967 erneuert. Ziad Abu Zayyad ist sich sicher, dass die USA sich einem solchen Vorstoß nach den gescheiterten Friedensverhandlungen nicht entgegenstellen würde.

Die Diskussion mit den leitenden Redakteuren Hillel Schenker und Ziad Abu Zayyad war für unsere Reisegruppe hochspannend. Das aktuelle Themenheft kommentiert die gerade nach neun Monaten ergebnislos „unterbrochenen“ Friedensverhandlungen, während denen allein 13.000 neue Häuser in Siedlungen gebaut wurden. PIJ benennt in dem Heft Strukturen und Hindernisse für eine Zweistaatenlösung, die es auch an UN-Organisationen weiterleitet. Die Autoren sehen die Gefahr eines Apartheidsstaats, wie dies auch US-Außenminister Kerry anlässlich des jüngsten Scheiterns der Verhandlungen geäußert hatte. Zayyad bekräftigte, dass Außenminister Kerry sich große Mühe gegeben habe, eine Lösung für den Israel-Palästina-Konflikt zu finden, aber Netanjahu "sei nicht interessiert".

Mechthild Klingenburg-Vogel, Angelika Wilmen 8


Bericht 2014

ICAHD-Führung, Foto: S. Farrouh

Zerstörtes palästinensisches Haus, Foto: A. Wilmen

9 Besuch beim Israel-Palästina-Journal, Foto: A. Wilmen

An der Mauer, Foto: A. Wilmen


Begegnungsfahrt Palästina-Israel

Bethlehem, Sumud Story House, Aida Camp Donnerstag, 1. Mai 2014 An unserem ersten Morgen in Bethlehem finden wir uns im Sumud Story House ein. Es befindet sich in unmittelbarer Nähe zur „israelischen Sperranlage“, einer hier acht Meter hohen Betonmauer. Das Viertel um „Rachels Tomb“ war einst ein lebendiger Ort und die Hauptverkehrsader zwischen Jerusalem und Bethlehem. Die Hebron Road war die belebteste Straße Bethlehems mit zahlreichen Geschäften, Restaurants und Bars. Rund achtzig Geschäfte wurden vor dem Mauerbau dort unterhalten. Mittlerweile sind sie fast alle geschlossen. An der Ecke befindet sich noch eine einsame Bar, in unmittelbarer Nähe zur Mauer, die fehlplatziert erscheint. Die Straße ist wie ausgestorben. Wir sind die einzigen Gäste. Unweit des Sumud Story Houses befindet sich die Grabstätte „Rachels Tomb“. Heute ist sie umschlossen von der Mauer. Nach Israels Annexion der Grabesstätte zieht die Mauer ca. 1,5 km über die Stadtgrenze Bethlehems und konfisziert insgesamt 3,2 km². Rachels Grabesstätte bzw. die Bilal Bin Rabah Moschee befindet sich 460 m südlich von Jerusalems Stadtgrenze. Das Grab liegt auf einem muslimischen Friedhof, doch historisch relevant ist die heilige Stätte für Christen, Juden und Muslime. Heute trennt die Mauer die Bewohner des Viertels voneinander. Das einst lebendige Viertel wirkt wie eine Geisterstadt. Genau aus diesem Grund hat sich die palästinensisch-arabische Nichtregierungsorganisation AEI (Arab educational institute) entschieden, das Sumud Story House an diesem Ort zu betreiben, in Sichtweite die Mauer. Das AEI ist eine arabisch-palästinensische Nichtregierungsorganisation, die Mitglied von pax christi international ist. Sie wurde im Jahre 1986 gegründet. Ziele sind ein freies, demokratisches und

multikulturelles Palästina zu schaffen, alltägliche Ereignisse gemeinschaftlich zu teilen und andere Menschen daran teilhaben zu lassen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Sektor Bildung und friedlichem Widerstand gegen die Besatzung. Im Sumud Story House treffen sich regelmäßig Frauengruppen unterschiedlichen Alters und Herkunft. Das Angebot ist bunt. Es gibt beispielsweise die Möglichkeit an Englischkursen teilzunehmen, sich auszutauschen oder im Chor zu singen. Die Idee ist es, sich gegenseitig zu unterstützen und zu stärken. Sumud bedeutet Standfestigkeit. Spüren können wir diese unmittelbar als wir den palästinensischen Frauen des Chors lauschen dürfen. Beim Verlassen des Sumud Story House blicken wir unmittelbar auf den „Eingang“ des Wall Museums. Es umfasst insgesamt 110 Poster, die entlang der Mauer angebracht sind. Jedes einzelne von ihnen erzählt Geschichten aus dem Leben der BewohnerInnen Bethlehems. Initiiert wurde das Museum durch Aktivitäten des Sumud Story Houses. Wir erfahren, wie die zweite Intifada, die Errichtung der Mauer und die Segregation das Leben der Menschen hier beeinflusst und verändert hat. Es sind persönliche Erlebnisse und Emotionen, die bewusst nicht in einem Buchband gesammelt wurden, sondern eben an dem Ort veröffentlicht wurden, der das Leben der Menschen komplett verändert hat. Viele Geschichten, die wir lesen, stammen von Frauen aus dem Sumud Story House. Zu Beginn des Baus der Mauer gab es unterschiedliche Formen des Widerstands. Ein Bewohner des Aida Flüchtlingslagers filmte beispielsweise die

Mauer in Bethlehem, Foto: M. Tillmann

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Bericht 2014

Im Aida-Flüchtlingscamp, Foto: A. Wilmen Bauarbeiten von seinem Balkon aus. Eine Familie, die auf der anderen Seite der Grabstätte wohnte, hielt regelmäßig Sitzwachen vor ihrem Haus ab. Im Aida Camp fanden Theateraufführungen, Konzerte und Workshops statt. Doch der Mauerbau schritt unermüdlich voran und die wachsenden Betonmassen schmälerten die Kräfte der WiderständlerInnen. Wir stehen vor einer acht Meter hohen Mauer. Die Gasse, die sich an der Mauer entlang schlängelt, ist schmal. Auf unserer Besichtigungstour weichen wir immer wieder passierenden Autos aus. In der internationalen Kunstszene gewann die Mauer im Laufe der Jahre zunehmend an Aufmerksamkeit. Der Graffitikünstler Banksy kam 2007 nach Bethlehem, um die Fläche von 25 km Länge und acht Metern Höhe für seine politischen Graffitis gegen Unterdrückung und gegen die Besatzung zu nutzen. Auf unserem Weg entlang der Mauer legen wir einen kleinen Zwischenstopp vor „Banksy's Shop“ ein. Der Besitzer erzählt uns von den Aktivitäten palästinensischer Graffitikünstler und präsentiert uns eines seiner Werke schräg gegenüber des Geschäftes. Das Wall Museum, die bunten und zumeist politischen Graffitis und Aufrufe sind eine Form des gewaltfreien Widerstandes der Palästinenser.

wohner des Aida Camps aufsuchen können. Außerdem besteht die Möglichkeit der medizinischen Versorgung durch Health Center und Krankenhäuser in Bethlehem. Wir treten durch ein hohes Tor, das einen riesigen Schlüssel trägt. Dies ist der „Key of Return“. Er symbolisiert das Recht auf Rückkehr für die Flüchtlinge, die im Rahmen der Nakba 1948 aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Ein rußiger Aussichtsturm erinnert an die Auseinandersetzung zwischen israelischen Soldaten und den palästinensischen Bewohnern. Während der zweiten Intifada kam es immer wieder zu Konflikten, die zur Folge hatten, dass unter anderem zahlreiche Häuser im Lager durch israelisches Militär zerstört wurden. Die Mauer verläuft hier ebenfalls entlang der Grenzen des Camps. Die Trennung von Jerusalem hat die wirtschaftliche Situation der Bewohner extrem verschlechtert. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit bei ca. 40 Prozent. Ein erheblicher Anteil der Bewohner lebt unterhalb der Armutsgrenze. Während wir das Camp durchqueren wirkt es ruhig Die weiß-gräulichen Häuser reihen sich aneinander. Ein kleine Gruppe von Kindern spielt auf der Straße. Es scheint keine Grünflächen oder Spielplätze zu geben. Der Anschein von Ruhe trügt. Wir erfahren, dass es regelmäßig zu Zwischenfällen und Auseinandersetzungen mit israelischen Soldaten kommt. Auch Kinder bleiben von Gewalt nicht verschont. Das vermeintliche Werfen von Steinen wird teilweise durch israelische Geschosse „abgestraft“. In unseren Ohren klingen noch die von Sumud erfüllten Stimmen des Frauenchors...

Unser Weg führt uns weiter entlang des Intercontinental Hotels, einem luxuriösen Hotel mit vier Sternen. Dahinter liegt das Aida Refugee Camp. Es wurde im Jahre 1950 durch die UNRWA errichtet für Flüchtlinge aus insgesamt 17 zerstörten palästinensischen Dörfer nordwestlich von Jerusalem und südlich von Hebron. Auf einer Fläche von 0,71 km² lebten damals 1.125 Flüchtlinge in 94 Zelten. Sechs Jahre später errichtete die UNRWA Blockhäuser, in denen die Bewohner beengt auf kleinstem Raum lebten. Die Population des Flüchtlingslagers wuchs stetig ohne Erweiterung des Lagers und ohne das Schaffen von zusätzlichem Wohnraum. Heute befinden sich rund 230 Häuser in dem Camp mit einer Population von ca. 4.700 Menschen. Es gibt eine Schule für Mädchen unter der Leitung der UNRWA. Die Jungen besuchen eine Schule in Beit Jala. Eine medizinische Versorgung im Camp existiert nicht. Im Flüchtlingslager Dheisheh gibt es ein UNRWA Health Center, das die Be-

Katharina Thilke Weitere Informationen: Sumud-Story-House: https://twitter.com/SumudHouse Arab Educational Institute: www.aeicenter.org Wall Museum: http://theexhibitionlist.wordpress.com/2012/10/02/ wall-museum-bethlehem-israel/ Aida Refugee Camp: http://www.key1948.org/about-us/ history-of-aida-youth-center/

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Begegnungsfahrt Palästina-Israel

Right to Movement Ich steige aus dem Auto und tauche ein in die Welt des Laufsports. Meine Laufgruppe wartet noch auf ein paar Nachzügler, bevor es losgeht. Die Jungs machen gerade ihre Laufuhren zur Distanzmessung bereit, die Mädels daneben laden noch schnell die richtige Musik auf ihre iPods. Wortfetzen erreichen mich und singen das immer gleiche Lied der Läuferszene: „Ich fühl' mich heute irgendwie müde“, „Wie viele Kilometer hast du das letzte mal geschafft?“, „Warum ist er denn heute nicht dabei?“. Die bunt gekleidete Läuferin neben mir beklagt sich über die unvorteilhafte Passform ihrer Leggins und ihre Freundin tätschelt den aufgeregten kleinen Hund, während dessen eigentlicher Besitzer sich noch schnell erleichtern geht. „Los geht’s! Wir sind komplett.“ Die Gruppe setzt sich in Bewegung.

gen (letztere infolge der intensiven Beteiligung dreier engagierter Däninnen während der Gründung der Organisation). Gerade über die Kontakte der internationalen Läuferschaft kann die Botschaft über die Lage vor Ort nach außen getragen werden. Welche Tragweite dabei erreicht wird machen die Zahlen deutlich: dieses Jahr nahmen, neben den etwa 1.900 Palästinensern, insgesamt 690 Läufer und Läuferinnen aus 39 verschiedenen weiteren Nationen teil. Jeder ein Multiplikator in der Außenwirkung Palästinas. Jeder ein kleiner Sprung über die Mauer der Bewegungseinschränkung. Nach etwa einer Stunde treffe ich mit meiner Laufgruppe wieder am Ausgangspunkt ein. Auch unsere heutige Trainingsrunde führte entlang der Mauer. Es ist schön, aber auch beeindruckend zu sehen, dass die Menschen hier trotz der vielen Unwegsamkeiten, Beschränkungen und Schikanen dennoch ihren Alltag leben. Sie verfallen nicht in eine Schockstarre, sondern nutzen die ihnen verbleibenden Freiheiten. Und sei es nur das Joggen entlang einer Betonmauer, die Sorge um eine Leggins oder das Tätscheln von kleinen Hunden.

All das klingt so selbstverständlich und könnte von so vielen Laufgruppen auf dieser Welt handeln. Eine Gruppe setzt sich in Bewegung. Was ist schon dabei? Artikel 13 der UN-Menschenrechts-Charta spricht jedem das Recht zu, sich „innerhalb eines Staates frei zu bewegen und seinen Aufenthaltsort frei zu wählen“. Soweit die Theorie und gewünschte Normalität. Aber die Praxis ist leider manches Mal weit davon entfernt. Unsere bunte Laufgruppe befindet sich in Palästina - einem Staat, in dem dieses UN-Menschenrecht eben keine Selbstverständlichkeit und uneingeschränkte Bewegung nicht Normalität ist.

Der Marathon bleibt eine Sportveranstaltung und kein politischer Kongress. Aber es ist ein Zeichen. Denn es sind friedliche Menschen. Keine Terroristen. Sie haben Laufuhren und keine Granaten in der Hand. Sie haben Musik und keinen Fanatismus im Ohr. Es sind Menschen mit dem natürlichen Wunsch und dem Recht auf Bewegungsfreiheit. Es sind Menschen, die auch im Central Park, Englischen Garten oder Prater laufen würden. Es sind Menschen und keine einzusperrenden Tiere.

Wie kann es sein, dass die Bewegung im eigenen Land durch Straßenblockaden, Checkpoints und eine Mauer derart massiv beschnitten wird? Wie kann es sein, dass die Bewegung im eigenen Land durch Pässe und Genehmigungen von der Armee eines anderen Staates kontrolliert wird? Welchen Wert hat die Idee einer Zweistaatenlösung und eines unabhängigen Palästinas, wenn dort nicht einmal 42 zusammenhängende Kilometer für einen Marathonlauf gefunden werden können?

Weitere Informationen unter: www.righttomovement.org & www.palestinemarathon.com Dr. Simon Lißmann

Dies ist der Hintergrund, vor dem sich 2013 in Bethlehem „Right to Movement“ gründete und nun jährlich entlang der Mauer, gerade dort, wo die Besatzung am deutlichsten wird, einen Marathon veranstaltet. Ein Zeichen an die Weltöffentlichkeit. „Nothing happens until something starts to move. So move with us!“ - ist das Motto. Gelaufen wird dabei in zwei Runden á 21 Kilometer – mehr ist innerhalb Bethlehems ohne Störung durch die Mauer oder andere Blockaden nicht möglich. Gerade durch die vielen internationalen Teilnehmer der Veranstaltung ist dies vor allem auch eine Möglichkeit für Palästina, der Welt ein anderes Bild von sich zu zeigen. Ein Bild, in dem Menschen gemeinsam und friedlich Sport treiben. Aber auch ein Bild, in dem Bauern von ihren Feldern abgeschnitten werden und ihr Arbeitsweg durch teils schikanierende Checkpoints führt. Ziel von „Right to Movement“ ist es, neben der Marathonveranstaltung selbst, weitere kleinere und regelmäßige Laufgemeinschaften zu gründen, um zusammen dem Recht auf Bewegungsfreiheit Ausdruck zu verleihen. So finden sich, neben Bethlehem, nun auch Laufgemeinschaften in Jerusalem, Ramallah und Kopenha12


Bericht 2014

Israelischer Soldat, Foto: S. LiĂ&#x;mann 13


Begegnungsfahrt Palästina-Israel

„Wenn alles gut läuft, werden die palästinensischen Haushalte in Artas 4 Stunden pro Tag mit Wasser versorgt.“

Artas, Solomon‘s Pools, Murad's Castle Freitag, 2. Mai 2014

„Solomon‘s Pools“ werden drei große viereckige Wasserbecken genannt, von denen zwei in römischer Zeit und das dritte in osmanischer Zeit gebaut wurden. Das oberste Reservoir wurde bereits im 1. Jahrhundert vor Christus angelegt, um fünf Quellen zu kanalisieren und dieses Wasser dann über fünf Aquädukte nach Jerusalem zu führen. Das älteste Aquädukt wurde zur Zeit Pontius Pilatus errichtet, um einem der derzeitigen Hauptprobleme Jerusalems zu begegnen, den engen Straßen und der schwierigen Wasserversorgung. (Würde Israel sich die Römer doch als Besatzungsmacht zum Vorbild gegenüber Ost-Jerusalem nehmen.) Genutzt wurden die drei Becken, in denen bis zu 350.000 m² Wasser aufgefangen werden konnten, und die während des britischen Mandats mit Filtern und Pumpen versehen wurden, bis 1968. Während der Besetzung durch Jordanien verkamen die Anlagen. Murad's Castle, von dem noch einige Mauerreste stehen, wurde im 17. Jahrhundert als Garnison gebaut, um die Wasserreservoirs zu schützen. Heute sind die alten Mauerreste des Murad's Castles Teil eines enormen Investmentsobjekts, dem Solomon Pools Resort. Das Resort soll Tagungen beherbergen, ein Tourismusmagnet für die „Westbank“ werden, die palästinensiche Kultur fördern und Tagestouristen und Bewohner aus Bethlehem anziehen.

Solomons Pool, Foto: A. Wilmen

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Neben dem Hotel gibt es den Sultan Bazar, ein Shoppingcenter auf 16.000 m², einen großen Innenhof für Veranstaltungen (es wurde eine Live-Talent-Show fürs Fernsehen vorbereitet), ein Museum und eben Solomons Teiche. Wir besichtigten das Museum, das Leihgaben des palästinensischen Tourismusministeriums ausstellte, aber mindestens so sehenswerte Exponate des alltäglichen Lebens aus den letzten 200 Jahren, die ein inzwischen 76-jähriger Lehrer sein Leben lang zusammengestellt und nun endlich einen Ausstellungsort dafür gefunden hatte. Das ganze Projekt, bei dem sich der Verdacht aufdrängt, es werde sich als Investitionsruine erweisen, wurde auf Waqf-Land (dem Gemeinwesen gehörend) gebaut, das dem Investor für 99 Jahre vom Waqf-Ministerium verpachtet wurde. Dieser Vertrag schließt auch das Gebiet um die Wasser-Reservoirs mit ein, das eines der wenigen Ausflugsziele für Bewohner Bethlehems ist. Nun gibt es Pläne, dieses kleine Stück Land „aufzuwerten“ und dann Eintritt zu fordern, was den Unmut der Bevölkerung hervorruft. In unmittelbarer Sichtweite befindet sich Efrat, die größte „Siedlung“ in der Umgebung von Hebron. Das Gebiet entlang der Straße, auf der wir zum Dorf Artas wanderten, ist C-Zone. Die augenfälligste Auswirkung sind halberrichtete Häuser, über die ein Baustopp ver-


Bericht 2014

Tanz, Foto: S. Lißmann

hängt wurde und die nun der Zerstörung durch die israelischen Militärbehörden preisgegeben sind. Wir kamen auch nah an eine Siedlung aus kanaanitischer Zeit, die aber weder von den Palästinensern archäologisch erschlossen, noch besichtigt werden darf. Obwohl es sich um wasserreiches Gebiet handelt, werden die palästinensischen Haushalte hier nur vier Stunden pro Tag mit Wasser versorgt, wenn alles gut läuft.

Oben im Dorf wurde uns das Essen traditionell auf dem Boden serviert. Nachdem die Fragen, wohin mit den Beinen und Füßen, verträglich geklärt waren, genossen wir das auf Zwiebelgemüse und in einen Crepe eingeschlagene Hühnchen mit Joghurt sowie den Salat mit Minze. Der anschließend gereichte Mokka mit Kardamon wurde bevorzugt auf Stühlen sitzend oder im Stehen getrunken. Im Kulturzentrum, das ehrenamtlich betreut wird und sich den Erhalt der palästinensischen Traditionen und deren Weitergabe an junge Palästinenser zur Aufgabe gemacht hat, waren wir Gäste einer Tanzdarbietung der Dabkeh-Gruppe.

In Artas, ein Anbaugebeit für Oliven, Aprikosen und Melonen, besichtigten wir zunächst das im Jahre 1901 gegründete Kloster "Daughters of St. Mary of Ortus Conclusus" (Enclosed Garden). Nachdem wir zunächst vor verschlossenem Tor warten mussten, führte uns eine freundliche Nonne in die 1895 erbaute Kirche, wo sie uns deren Geschichte erzählte.

Die Jungengruppe wird betreut von einem älteren Herrn, dem ehemals besten Tänzer Palästinas. Die etwa 10-13-jährigen Jungen begeisterten uns mit ihrem Einsatz, ihrer Beweglichkeit und ihrem Rhythmusgefühl. Auch wenn sich Norbert und Simon sehr gelehrig zeigten, erreichten sie doch nicht ganz die Eleganz ihrer kleinen Vortänzer. Auf dem Rückweg mussten wir ein kleines Stück weiter zu Fuß gehen als geplant, da der Bus nicht durch die von Autos einer Hochzeitsgesellschaft zugeparkte Straße kam. So konnten wir gleichsam eine Randnotiz dieses gesellschaftlichen Ereignisses erleben.

Als der Erzbischof Mariano Soler von Montevideo als Pilger nach Bethlehem kam, hatte er in diesem Tal die Inspiration, es handele sich um den im „Lied der Lieder, Kap. 4, Vers 11“ beschriebenen Garten Solomons. Er kam acht Mal an diesen Ort und die Inspiration wiederholte sich, sodass er Geld sammelte, sein Land verließ und den Grund und Boden für die Kirche und das zu gründende Kloster kaufte.

Der Rest des Nachmittags stand in Bethlehem zu freien Verfügung Shoppen, Museumsbesuch, Shisha-Rauchen, rumsitzen - alles war möglich. In der Gesprächsrunde am Abend zogen wir Zwischenbilanz. Es gab große Zufriedenheit mit den sehr angefüllten Tagen. Wir waren beeindruckt von dem Engagement und Mut unserer Referenten sowie der Lebendigkeit der Sumud-Frauen. Bedrückend empfanden wir die offene Frage nach einer Lösung für die palästinensich-israelische Situation und stellten uns die Frage: „Wie bündeln wir unser Engagement nach der Rückkehr?“ Hier entstand die Idee zu einem Nachtreffen.

Heute ist es ein von neun Nonnen, einer 1828 in Italien gegründeten Kongregation „International Sisters“, bewohntes Anwesen mit großem Garten. Die neun Frauen aus Indien, Argentinien und Jordanien betreuen ein „Gästehaus“, eine Krankenstation für die Dorfbewohner und einen Kindergarten für 4-5j-ährige mit zur Zeit 78 Kindern. Die überwiegend muslimischen Dorfbewohner vertrauen in die gute Bildung, die von den katholischen Schwestern angeboten wird. Bevor wir die Kirche verließen, sangen wir spontan „Dona nobis pacem“, was sich in anderen Kirchen wiederholen sollte. Auf den Stufen vor dem Kloster entstand das einzige Gruppenfoto.

Gloria Reinshagen

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Begegnungsfahrt Palästina-Israel

Hebron: Emergency Center Samstag, 3. Mai 2014 heitsprogramme für Frauen wie das "Women’s Health Program" und das "Well Baby Program" angeboten. Als diagnostische Dienste gibt es das medizinische Labor, Radiologie und Elektrokardiographie. Der Stolz des Zentrums ist ein fast neues, nur sechs Monate altes, digitales Röntgengerät, das die japanische Regierung gestiftet hat. Für die Gewährleistung des Betriebes, falls die israelische Militärregierung den Strom abschaltet, steht ein Generator zur Verfügung. Da sich der komplette Einkauf für Labormaterialien über Israel vollzieht, kommt es bei den Lieferungen oft zu Verzögerungen.

Das Emergency Center ist eine von 20 Kliniken, davon drei als mobile Kliniken ausgestattet, des NGO Health Work Committee (HWC). Das HWC hat eine soziale und eine philosophische Mission, basierend auf Recht und fokussiert auf den Dienst an den Armen, den Randgruppen und jenen, die von der Besatzung besonders hart betroffen sind. Die Vision des HWC ist eine freie palästinensische Gesellschaft, die ihre Rechte auf eine angemessene, gut entwickelte und umfassende Gesundheitsversorgung genießt. Das Emergency Center befindet sich in der H2-Zone im Norden von Hebrons Altstadt, in einem dicht besiedelten Gebiet umgeben von Siedlungen, und unter der Kontrolle und Verwaltung der israelischen Besatzung. Das Einzugsgebiet des Zentrums umfasst im Durchschnitt ca. 50.000 Menschen, die BewohnerInnen der Altstadt und angrenzender Gebiete. In 2012 hat sich die Anzahl der PatientInnen um 16 Prozent erhöht.

Im Emergency Center werden prinzipiell alle Menschen behandelt. Falls die Patienten nicht selber bezahlen können, werden sie als "Sozialfall" gehandhabt und das HWC deckt die Kosten. In den letzten Jahren musste das Zentrum allerdings eine schwierige, angespannte finanzielle Situation bewältigen. Diese Situation hat sich zugespitzt, nachdem viele externe Geldgeber, darunter Spanien, aufgrund der globalen Finanzkrise ihre Unterstützung reduziert haben.

Nun ist das Emergency Center das einzige Gesundheitszentrum im H2-Gebiet und ist mit den Abteilungen der Allgemeinen Medizin, Notfallmedizin und Labor 24 Stunden geöffnet. Daneben gibt es weitere Abteilungen: Interne Abteilung, Orthopädie, Dermatologie, Pädiatrie, Onkologie, von denen manche nur an bestimmten Tagen in der Woche geöffnet sind. Es gibt keine Chirurgie, nur eine kleine Notfallchirurgie. Ärzte, die von außerhalb kommen, benötigen für einzelne Abteilungen eine Genehmigung. Weiterhin werden Gesund-

Maria R. Feckl

Emergency Center Hebron, Foto: A. Wilmen 16


Bericht 2014

Siedler in Hebron, Foto: S. Farrouh

Hebron: Shuhada Street, Christian Peacemaker Teams, Abrahams Moschee benannt. Häufig gibt es in der näheren Umgebung aber auch einen uralten arabischen Ort, der ganz ähnlich heißt oder hieß. Viele Häuser in den Siedlungen stehen leer. Der Oslo-Vertrag sprach von „Legal Settlements“, aber dies ist ein Widerspruch in sich, da alle Siedlungen in Palästina illegal sind. (s. Art. 49/Abs. 6 des Genfer Abkommen über den Schutz von Zivilpersonen: „Die Besetzungsmacht darf nicht Teile ihrer eigenen Zivilbevölkerung in das von ihr besetze Gebiet deportieren oder umsiedeln“)

Hebron oder Al-Khalil ist eine der ältesten ununterbrochen bewohnten Städte der Welt. Al-Khalil, der arabische Name der Stadt Hebron, bedeutet „mein Freund“ und bezieht sich nach islamischer und jüdischer Tradition auf den Stammvater Abraham, den ersten „Freund“ des einen Gottes. Die Stadt liegt 30 Kilometer südlich von Jerusalem. In Hebrons Altstadt konzentriert wohnen ca. 165.000 PalästinenserInnen wie auch ca. 500 israelische Siedler, die als militante, nationalreligiöse Hardliner gelten. Die Stadt ist bekannt für ihre Glas- und Keramikprodukte, heute auch für ihren Handel mit China.

Es gibt zwei Typen von SiedlerInnen: Die SiedlerInnen, die aufgrund der wirtschaftlichen Vorteile (günstige Mieten, Steuererleichterungen) in die Siedlungen ziehen, und die ideologisch-religiösen Siedler. Da jede Jüdin/jeder Jude auf der ganzen Welt die israelische Staatsbürgerschaft bekommen kann, ist es ihnen auch möglich, sich jederzeit in Israel oder den besetzten Gebieten anzusiedeln.

StraSSe Nr. 60 Die Straße Nr. 60 führte von Jerusalem über Bethlehem nach Hebron, heute führt sie für PalästinenserInnen nur noch von Bethlehem nach Hebron, da die „Mauer“ ihnen den Zugang zu Jerusalem verwehrt. Diese Straße wird sowohl von PalästinerserInnen wie auch von israelischen SiedlerInnen genutzt. Wenn der “Mauerbau“ nach dem Masterplan fortgeführt wird, wird ein Teil dieser Straße Nr. 60 herausgeschnitten und für PalästinenserInnen nicht mehr als Verbindung nach Hebron zu benutzen sein.

Die Unterscheidung zwischen israelischen Siedlungen und palästinensischen Dörfern und Städten ist sehr einfach anhand der schwarzen Wasserspeichertanks auf den palästinensischen Häusern. Wasser fließt nicht 24 Stunden lang in den Wasserleitungen, wie bei uns oder den israelischen Siedlungen, sondern nur einzelne Stunden an einzelnen Tagen alle zwei bis drei Wochen. Daher müssen sich palästinensische Familien Wassertanks kaufen, für ca. 60 Euro pro Tank, um das Wasser zu sammeln. 80-90 Prozent der Quellen liegen in C-Gebieten komplett unter israelischer Mitlitärregierung.

Unser Guide an diesem Tag ist Muhannad Bannoura, ein alternativer Fremdenführer. Er erklärt uns zu Beginn die lokale Geographie. Bethlehem (arabisch: Haus des Fleisches) oder Haus des Brotes (hebräisch) grenzt im Westen an Beit Jala (Haus Gottes) und im Osten an Beit Sahour (Haus des Schäfers). Diese alten palästinensischen Städte werden umklammert von 28 israelischen Siedlungen. Hebron wird eingekreist von 27 israelischen Siedlungen. 1992 hatte die Westbank 200 Siedlungen. In den vergangenen 22 Jahren kamen 120 Siedlungen mit ca. 600.000 Menschen hinzu. Die neu errichteten Siedlungen liegen oft in geringer Entfernung von palästinensischen Dörfern und Städten auf den strategisch günstigen Hügeln. Sie sind meist nach biblischen Orten

Nach dem Osloer Abkommen wurde die Stadt in zwei Zonen H1 und H2 geteilt. H2 entspricht einem C-Gebiet und unterliegt vollkommen der israelischen Militärkontrolle. Das Zentrum der Altstadt ist fast ausnahmslos H2 Zone, obwohl die Stadt eigentlich Gebiet A ist und daher der palästinensischen Autonomiebehörde unterstehen würde. In H2 gibt es nur israelische Polizei und Militär, keine

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Begegnungsfahrt Palästina-Israel

palästinensische Polizei. Zum Einsatz kommen „Life Bullets“, "Rubber Bullets“ und Tränengas - auch gegen sechs Jahre alte Kinder. Dies nennt sich offiziell TPH, "Temporäry Presence" in Hebron.

eingang oder über benachbarte Dächer erreichen können. Manche Menschen können die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen, die im Friedhof auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegen, nur über einen stundenlangen Umweg erreichen. Nach Aussage von CPM (Christian Peace Makers) wird dieser Friedhof auch zu Schießübungen verwendet.

Massaker in Abrahams Moschee 1994 In Hebron befinden sich die Grabstätten Abrahams, Isaaks und Jakobs mit ihren Frauen Sarah, Rebekka und Lea. Diese Grabstätten sind ChristInnen, MuslimInnen und JüdInnen heilig und waren daher schon immer ein brisanter Ort. Das Bauwerk wurde von König Herodes im 1. Jahrhundert begonnen, im 4. Jahrhundert von der Heiligen Helena in eine Kirche umgewandelt und im 12. Jahrhundert von Sultan Saladin in eine Mosche umgebaut. Bis zum 19. Jahrhundert lebten in Hebron Menschen mit jüdischer, moslemischer und christlicher Religionszugehörigkeit friedlich zusammen. Ende des 19. Jahrhunderts kamen zionistische EinwandererInnen in die Stadt. Bei den palästinensischen Aufständen 1929 wurden 67 Juden und Jüdinnen ermordet. Daraufhin entfernte die britische Besatzungsregierung alle jüdischen EinwohnerInnen aus der Stadt, auch die, die hier schon immer friedlich wohnten.

Shuhada Street Die Straße der Märtyrer (Shuhada Street) liegt im Zentrum der Altstadt von Hebron und war einst eine geschäftige Einkaufsstraße. Nach dem Massaker von Baruch Goldstein in Abrahams Moschee wurde diese Straße komplett für PalästinenserInenn gesperrt, die Geschäfte mussten schließen, die Türen wurden vom Militär verschweißt. Von 1.205 Geschäften mussten 1.145 aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben. In der Straße leben noch drei palästinensische Familien. Sie können ihre Häuser aber nur über den Hintereingang verlassen. Die Shuhada-Street ist heute eine Geisterstraße. Auch als TouristInnenen wurden unsere Ausweise am Beginn der Shuhada-Street von israelischen Soldaten kontrolliert.

Seit 1967 besteht die Grabstätte aus einer Synagoge und einer Moschee, die unter ständiger militärischer Kontrolle stehen. Die Synagoge, die Gräber von Jakob und Lea, waren nur für jüdische PilgerInnen zugänglich, außer an zwölf Tagen im Jahr, die Moschee, die Gräber von Isaak und Rebecca, nur für moslemische PilgerInnen, außer an zwölf Tagen im Jahr, christliche PilgerInenn durften beide Seiten besuchen, außer an den 24 Tagen, an denen die Grabstätten nur für eine Religion geöffnet waren. Die Grabstätte von Abraham und Sarah war über zwei Türen sowohl von jüdischer Seite wie auch von muslimischer Seite zu erreichen.

Der „stillen“ Vertreibung der palästinensischen Menschen steht die Ansiedlung israelischer, jüdisch orthodoxer SiedlerInnen gegenüber. Joseph Isaac Gutnick baute im Zentrum Hebrons/Al-Khalils das Gutnick Center. Die hier wohnenden SiedlerInnen brauchen nicht zu arbeiten und bekommen ein monatliches Gehalt von Gutnick überwiesen. Nach eigener Recherche ist Gutnick ein australischer Geschäftsmann und Bergbau-Unternehmer. Sein Spitzname ist „Diamond Joe“. In den 90er Jahren spendete Gutnick Millionen von Dollars für den Wahlkampf von Benjamin Netanyahu. Er ist auch ein ordinierter Rabbiner und im Führungsgremium der Chabad-Lubavitch-Centers. Diese Center gibt es weltweit, allein in Deutschland 15.

Dr. Baruch Goldstein, ein Arzt in der israelischen Armee, drang am 25. Februar 1994, am 15. Tag des Ramadan, um 5 Uhr in der Frühe zum ersten Gebet in die Moschee ein, über die Grabstätte Abrahams und Sarahs, und erschoss mit einer M16 Schnellfeuerwaffe 37 Menschen. 200 Menschen wurden verletzt. Goldstein wurde durch einen Schlag auf den Kopf mit einem Feuerlöscher getötet. Seine Witwe klagt noch heute und möchte den „Mörder“ ihres Mannes vor Gericht sehen. Das Grab des Attentäters ist heute eine „Wallfahrtsstätte“ für radikale SiedlerInnen. Die israelischen Medien beschrieben den Attentäter, einen Arzt, als einen verrückten und allein agierenden Täter. Warum haben die Soldaten, die immer vor der Grabstätte Wache standen, nicht interveniert? Warum fand man die beiden Türen zwischen Synagoge und Moschee verschlossen?

Der Suq, das Wirtschaftszentrum einer arabischen Stadt, hier enge Marktgassen der Altstadt, ist nur über Checkpoints zu erreichen. Morgens stehen an den Checkpoints MitarbeiterInnen von CPM, um die Kinder auf ihrem Weg zur Schule vor Einschüchterungen, Belästigungen und körperlichen Übergriffen zu schützen. Die Straßen des Suq sind oberhalb des Erdgeschosses mit Hasendraht überspannt, um die PassantInnen vor herabfallendem Müll, Eiern und Unrat zu schützen. In den ersten und zweiten Stockwerken des Suq, dem Herzen dieser arabischen Stadt, wohnen SiedlerInnen. Blechdächer vor den Läden bedürften einer Genehmigung und sind verboten. Sie würden die totale Überwachung des Suqs behindern. In regelmäßigen Abständen befinden sich SoldatInnen auf den Dächern der Häuser. Fast jede Ecke des Suqs ist für das israelische Militär einsehbar.

Aus Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen gegen die nahegelegenen Siedlungen verbot die israelische Armee die Benutzung der Shuhada Street für palästinensische Fahrzeuge und später auch für palästinensische FußgängerInnen. Dies ist eine kollektive Bestrafung des palästinensischen Volkes als Reaktion auf das Attentat eines jüdischen Siedlers auf palästinensische, betende Menschen.

Christian Peacemaker Teams In einer Seitengasse der Altstadt, hinter dem Hühnermarkt, befinden sich die Büros der internationalen NGO Christian Peacemaker Teams. Carol aus Australien, schon öfter in ihrem Leben in Hebron im Einsatz gewesen und jetzt für sechs Wochen als freiwillige Beobachterin und Begleiterin, berichtet uns über ihre Arbeit.

500 meist militante, religiöse Siedler im Zentrum sind der Anlass für die Anwesenheit von ca. 2.000 israelischen Soldaten, 10 km Straßen, die für palästinensische Fahrzeuge gesperrt sind und 1 km Straße, die selbst für Fußgänger gesperrt ist. Die Zugänge zu einzelnen Häusern sind durch das Verbot, bestimmte Straßen zu benutzen, so behindert, dass die BewohnerInnen ihr Haus nur über den Hinter-

Die CPT kamen in den 90er Jahren auf Einladung des Bürgermeisters von Hebron/ Al-Khalil ins Land, um den Schulweg der Kinder zu überwachen und zu begleiten. Sie sind eine auf dem christlichen

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Shuhada Street in Hebron - heute und gestern, Foto: K. Scholl

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Für viele Kinder gehört ein Checkpoint auf dem Weg zur Schule zum Alltag. Manchmal dauere der Weg durch willkürliche Kontrollmaßnahmen so lange, dass die Schule ausfällt. Manchmal würden die Kinder aus Angst vor diesen Schikanen nicht zur Schule gehen. Jungen müssten ihre Hände vorzeigen. Wenn sie schmutzig sind, sei dies ein Indiz, dass sie Steine geworfen hätten. LehrerInnen würden so lange kontrolliert bis sie zu spät zur Schule kämen und dadurch der Unterricht gestört werde.

Glauben basierende, gewaltlose Basisbewegung. Sie sind in fünf Projekten weltweit involviert. Sie begleiten auch Farmer, die von aggressiven Siedlernachbarn bedrängt werden. Sie dokumentieren, wieviel Kinder täglich die Checkpoints passieren, wie viele Zwischenfälle es gibt und erstatten Bericht an die UNICEF. Ein Phänomen das Carol beobachtet ist der sogenannte „Grandmother Effect“: Die israelischen SoldatInnen sind häufig noch sehr jung, die Jüngsten sind 17 Jahre alt. „Das ist das Alter, in dem wir alle unsere Kinder in den Krieg senden“. Da kann es leicht passieren, dass sie einer Frau gegenüberstehen, die ihre Großmutter sein könnte, auch für israelische SoldatInnen eine verstörende Situation. Laut Carol, verändert das Tragen einer Uniform den Menschen und es sei, noch dazu in diesen jungen Jahren, sehr verführerisch die Macht zu haben.

Menschen, die täglich zum Einkaufen gingen oder FreundInnen besuchten, müssten sich an den Checkpoints kontrollieren lassen: Gürtel und Schuhe ausziehen, Taschen und Schulrucksäcke werden gescannt. Laut Aussage von CPM ist das Öffnen von Schulrucksäcken verboten. Für die Checkpoints gibt es spezielle Einheiten der Grenzpolizei. Maria R. Feckl

Den SiedlerInnen ist das Tragen von Waffen, auch Schnellfeuerwaffen erlaubt. Für die palästinensische Bevölkerung ist bereits das „Indie-Hand-nehmen“ eines Steines eine Straftat. Kindern und Jugendlichen, die verhaftet werden, sollte die Möglichkeit gegeben werden, mit ihren Eltern zu sprechen, fordert Carol. Oft würden die Kinder und Jugenlichen - ohne dass die Eltern etwas erfahren - in das Gefängnis in Kiryat Arba gefahren. Somit müssten die Eltern zuerst eine Genehmigung beantragen und bekommen, bevor sie ihre Kinder und Jugendlichen sehen können.

Weitere Details lassen sich in den Dokumentationen nachlesen von CPT (Christian Peacemakers Team): www.cpt.org und EAPPI (The Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel: www.eappi.org

Altstadt von Hebron, Draht schützt Passanten vor Siedlermüll, Foto: M. Tillmann 20


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SDaoud Nassar im Tent of Nations, Foto: M. Tillmann

Tent of Nations Unser Bus muss circa 15 Fußminuten vom Anwesen der Familie Nassar stehenbleiben. Für ihn geht es hier nicht mehr weiter. Zu Fuß klettern wir bei praller Mittagssonne über die quer über die Straße aufgetürmten Felsbrocken oder gehen im großen Bogen am Abhang um das Hindernis herum. Diese „Begrüßung“ macht uns allen auf einen Schlag deutlich, dass hier jemand klein gemacht werden soll. Schon im Jahr 2002 hat die israelische Armee mit dieser Blockade der Zufahrt ein Zeichen setzen wollen, dass sie das Recht der Familie auf den Weinberg nicht respektieren will. Seitdem gelangt man mit dem Fahrzeug nur über einen langen Umweg zum Weinberg. Wie schön, dass wir auf dem Hügel angelangt gleich im Schatten Platz nehmen konnten und uns bereits eine sehr schmackhafte vegetarische Mahlzeit und fruchtiger Tee erwartete. Die Stärkung war notwendig, um die später folgende Geschichte auch mental besser zu verdauen. Wir sind zu Gast bei der christlichen, palästinensischen Familie Nassar.

flossen. Gegen viele weitere, aus unserer Sicht nur als schikanös zu bezeichnende Verfügungen, muss sich Daoud Nasser mit rechtlichen Mitteln wehren. Für fast sämtliche auf dem Weinberg befindliche Bauten gibt es eine Abrissverfügung. Aus Besatzungssicht ist der Bau einer Zisterne, eines Solardachs, eines Toilettengebäudes, eines Stalls für die Tiere, von Zelten für die Sommercampgäste mangels Baugenehmigung illegal. Baugenehmigungen werden jedoch nicht erteilt. Trotz dieser desaströsen Lage kommt für die Familie Resignation nicht in Frage. Der Weinberg ist für sie wie ein Familienmitglied: Ausgesprochen lukrative Kaufangebote (u.a. ein Blankocheck), die so manchen palästinensischen Bauern bereits zum Aufgeben bewogen hat, kommen für die Familie Nassar nicht in Betracht. „Eine Mutter verkauft man nicht.“ “Wir weigern uns Opfer, wir weigern uns, Feinde zu sein.“ so beschreibt Daout Nasser seine Haltung auf unsere Frage, wie er und seine Familie diese ständige Bedrohung und Bedrängnis nur aushalten. Angesichts von fünf ausgewachsenen Siedlungen – die größte für 45.000 Bewohner – ist für uns Besucher diese Bedrängnis mit Händen zu greifen. Es bedarf für uns angesichts dieser Bilder vor unseren Augen keiner weiteren Erklärungen, wie diese Situation das Selbstbewusstsein der Menschen angreifen muss, insbesondere dass von Kindern und Jugendlichen. Hier setzt die Arbeit von Daoud Nasser und seiner Familie an. Von seinem Vater hat er die Idee eines Friedensprojekts, des „Tent of Nations“ übernommen. Gemeinsam mit Kindern aus anderen Nationen sollen palästinensische Kinder beim Sommercamp ihre eigenen Stärken spüren lernen: beim Malen, Basteln, Theaterspielen und Sorgen für die Tiere. Den Eltern werden zum Abschluss die Ergebnisse präsentiert – manchmal vielleicht seit langem wieder das erste Mal, wo die Kinder spüren, was sie können und dass die Eltern stolz auf sie sind. Und viele großformatige Bilder an den Wänden der Gebäude, auf dem Boden oder auf dicken Steinen (sogar einige auf der schrecklichen Trennmauer in Bethlehem) geben auch uns

Im Jahr 1916 hat der Großvater des jetzigen Eigentümers das Land erworben. Sogar eine Urkunde über den Eigentumserwerb hat die Familie vorzuweisen; anders als viele andere palästinensische Landeigentümer, galt zu damaliger Zeit häufig der Handschlag als ausreichende Geste für den Eigentumsübergang. Trotzdem soll ihr dieses Recht von den israelischen Besatzern streitig gemacht werden. Bereits seit dem Jahr 1991 werden von der Familie immer neue Eigentumsnachweise verlangt: die Echtheit der Urkunde ist zu beweisen, eine Neuvermessung (selbstredend auf Kosten der Eigentümer) oder das Zeugnis der Nachbarn über den regelmäßigen Aufenthalt der Familie auf dem Weinberg sind beizubringen. Inzwischen wird der Streitfall vor dem Obersten Gerichtshof verhandelt – nach Auskunft des jetzigen Eigentümers, Daoud Nasser, mit Aussicht auf ein gutes Ende. Ohne die massive Unterstützung von vielen Organisationen und Menschen aus dem Ausland hätte die Familie diesen und noch manchen anderen Prozess gar nicht durchgehalten. Schon mehr als 100.000 € sind bereits in Prozess- und Anwaltskosten ge-

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Begegnungsfahrt Palästina-Israel

Weise nur eine gute Woche nach unserem Besuch gezeigt. In einer überraschenden Aktion haben israelische Siedler oder das Militär ein circa ein Hektar großes Stück Land der Familie Nassar mit Bulldozern zerstört. 800 Weinstöcke, Aprikosen- und Apfelbäume – anderer Stelle ist sogar von 1.500 die Rede – wurden umgehauen und in einer Grube zugeschüttet. Anders als 2004, als „nur“ 200 Olivenbäume einer solchen – auch nach israelischem Recht – illegalen Aktion zum Opfer fielen, ist diesmal der Schaden um einiges größer.

Besuchern einen Eindruck von der Freude und Kreativität, mit der die Kinder am Werk waren. Die Arbeit an neuen Erfahrungen für die Kinder und natürlich die in der Landwirtschaft soll jetzt noch erweitert werden durch das Angebot von berufsbildenden Workshops insbesondere für die Bewohner des mehrheitlich von Muslimen bewohnten Nachbardorfs Nahalia im Tal. Unterstützt durch pensionierte Lehrer u.a. sollen Computer-, Erste Hilfe- und Englischkenntnisse vermittelt werden. Von Frau Nassar wurde zu diesem Zweck im Dorf unten eine Wohnung angemietet. Ein kleiner Versuch, um vielleicht doch nicht immer wieder die Besten durch Emigration zu verlieren.

Hedwig Tillmann Wer sich intensiver über das Projekt der Familie Nassar informieren, evtl. sogar Interesse hat, als Freiwilliger für eine kürzere oder längere Zeit daran mitzuarbeiten, findet ausführliche Informationen auf der Homepage: www.tentofnations.org

Tief beeindruckt von der Tatkraft und der Zuversicht von Daoud Nasser und seiner Familie machen wir uns nach gut drei Stunden wieder auf den Rückweg über die Felsbrocken zu unserem Bus. Inzwischen war bereits eine neue Gruppe von Besuchern aus den USA eingetroffen. 7.000 seien es im vergangenen Jahr gewesen. Sie alle können Botschafter dieses hoffnungsspendenden Friedensprojekts sein. Wie sehr dies notwendig ist, hat sich auf ganz erschreckende

Tent of Nations, Fotos: H. Dähne, S. Lißmann

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Bericht 2014

Jericho, Berg der Versuchung Sonntag, 4. Mai 2014

Wir fahren mit der Gondelbahn vom Berg der Versuchung in Jericho ab, lachen und genießen die fantastische Aussicht über die Oase Jericho. Beim Ausstieg müssen wir, um zum Ausgang und zum Bus zu kommen, durch einen Andenkenladen gehen. Auf meinem Weg durch den Laden spricht mich ein Verkäufer an, ob er mir helfen könne. Ich sage: „ Marchaba, kif halak?“ Er freut sich über die paar Worte und fragt, ob ich Arabisch sprechen würde. Im Weitergehen zeigt er auf dies und das und versucht mich zu einem Kauf zu überreden – in Englisch. Ich lehne dankend ab. Da ich bereits die letzte unserer Gruppe bin, versuche ich mich zu beeilen. Er fragt mich wie ich heiße und ich erwidere die Frage. Ich erkläre ihm, dass ich nichts kaufen will und ich schon in Eile bin, den Bus rechtzeitig zu erreichen. Aber ich will ihm trotz der Eile noch sagen, dass ich die palästinischen Menschen in ihrem Bemühen um Gerechtigkeit und in dieser unterdrückerischen, politischen Situation unterstützen will, dass ich es schlimm finde, dass ihre Menschenrechte nicht geachtet wer-

Berg der Versuchung, Foto: A. Wilmen

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den. Er antwortet daraufhin, dass er sich Frieden wünscht – nicht für sich, aber für seine Kinder und Enkelkinder. Ich frage ihn nach seinen Kinder und wie viele Kinder er hätte: drei Kinder, der Kleinste ist drei Jahre alt. Um zum Ausdruck zu bringen, dass ich mich mit ihm verbunden fühle, erzähle ich ihm, dass ich vier Kinder hätte. Darauf erwidert er ganz ruhig:“ Einen Sohn habe ich am Checkpoint verloren.“ Seine Frau war im siebten Monat schwanger und ging zum Checkpoint, um nach Jerusalem zu gelangen. Ein Grenzsoldat hat sie mit dem Gewehrkolben in den Bauch gestoßen. Der Junge ist dazwischen gegangen und wollte seiner Mutter helfen, dabei wurde er erschossen. Tränen stiegen in mir hoch und ich konnte nichts mehr sagen. Ich hätte ihm so gerne irgendeinen Trost gegeben. Seine Geschichte war so ungeheuerlich und mir blieb nur meine Hilflosigkeit. Maria R. Feckl


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Ramallah: The Lutheran Church of Hope Montag, 5. Mai 2014 Der Termin mit Professorin Dr. Helga Baumgarten an der Universität Birzeit kann zum allgemeinen Bedauern nicht stattfinden. Ein kurzfristig improvisiertes Programm führt uns zur lutherischen Hoffnungskirche in Ramallah. Der Gemeindepfarrer Imad Haddad begrüßt uns in seiner Kirche und gibt einen Einblick in die Entstehungsgeschichte und die Arbeit der lutherischen Gemeinde in Ramallah.

den zweiten Freitag wird für die Gemeindemitglieder, die sonntags nicht zur Kirche kommen können, eine Abendandacht angeboten. Das sehr aktive Gemeindeleben umfasst ein breites Spektrum von der seelsorgerischen Betreuung von Senioren und Behinderten über Jugendgruppen bis zur Schulung von Frauen im Umgang mit den neuen Medien – wie überhaupt im Umgang mit der schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Lage und dem Leben hinter Mauern.

Die „Church of Hope“ wurde 1954 von Absolventen der Schneller-Schule (siehe Kasten rechts) und von lutherischen Flüchtlingen, die nach dem Krieg 1948/49 in Ramallah Zuflucht fanden, gegründet. 38 Familien bildeten die Kerngemeinde, die vom Pastor der lutherischen Erlöserkirche in Jerusalem mit betreut wurden. Die Gottesdienste fanden zunächst im Gemeindehaus der Quäker statt, später in der St. Andrews Episcopal Church. 1956 bekam die Gemeinde einen ständigen Pfarrer und mietete ein Haus für Gottesdienste und gemeindliche Aktivitäten an.

Bildung hat bei den palästinensischen Lutheranern einen hohen Stellenwert, deshalb entschied sich die Gemeinde 1965 für den Bau einer Schule, direkt angrenzend an die Kirche. An der „School of Hope“ – vom Kindergarten bis zum Abitur -, die 1975 mit drei Schülern anfing, sind heute 457 Schüler/Studierende eingeschrieben. Die Tatsache, dass Christen in Ramallah nur noch eine Minderheit sind, spiegelt sich in der Zusammensetzung der Schüler-/Studentenschaft wider: Im Schuljahr 2013/14 sind 22 Prozent Christen und 78 Prozent Muslime. Die Schule der Hoffnung bietet allen Studierenden eine erstklassige (Aus)Bildung, ungeachtet von Geschlecht, Ethnie, Religion etc. Sie möchte ein Modell sein für ein tolerantes, friedliches Zusammenleben und -arbeiten in der Kommune.

1961 wurde der Grundstein für ein eigenes Gebäude gelegt, das schließlich 1963 eingeweiht wurde. Der Name „Church of Hope“ wurde von den Gründerfamilien – vorwiegend Flüchtlinge/Vertriebene – aus Jaffa, Ramle und Lod (heute israelisches Staatsgebiet) – bewusst gewählt, hatten sie doch ihre Heimat und ihren Besitz verloren und setzten nun auf die HOFFNUNG, in der Gewissheit, „dass das Leben weitergeht und wir in diesem Leben eine Rolle zu spielen und eine Aufgabe haben.“

Zur Lage der Christen in Ramallah (früher eine christliche Hochburg) sei noch erwähnt, dass im Laufe der Jahre mehr als 1.500 Lutheraner aus Ramallah und Umgebung ausgewandert sind. Die meisten leben heute in USA und Kanada. Die Zahlen bei anderen christlichen Konfessionen dürften ähnlich hoch sein.

Heute hat die Gemeinde 500 Mitglieder. Zum sonntäglichen Gottesdienst versammeln sich durchschnittlich 50–70 Personen. Je-

Helga Dähne

Pausenaufstellung einer Grundschulklasse in der School of Hope, Foto: H. Dähne 24


Bericht 2014

Ludwig Schneller Der Württemberger Lehrer und Missionar Johann Ludwig Schneller gründete 1860 das Syrische Waisenhaus in Jerusalem. Er wollte Kindern, die bei kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Drusen und Christen in der ehemaligen Provinz Syrien ihre Eltern verloren hatten, eine neue Heimat geben. Ein Leitsatz Schnellers lautete: „Was ist bildsamer, was ist verheißungsvoller als ein Kind?“ Ein Motto, das bis heute für die Arbeit der Schneller-Schulen Gültigkeit hat. Um 1900 war das Gebiet des Syrischen Waisenhauses fast so groß wie das bebaute Stadtgebiet Jerusalems. Nach dem Tod von Johann Ludwig Schneller führten seine Söhne Theodor und Ludwig seine Arbeit fort. Mit der Staatsgründung Israels wurde das Syrische Waisenhaus 1948 als deutscher Besitz enteignet. Freunde und ehemalige Schneller-Schüler führten das Erbe des Syrischen Waisenhauses mit der Gründung der Johann-Ludwig-Schneller-Schule (JLS) in Khirbet Kanafar in der libanesischen Bekaa-Ebene im Jahr 1952 fort. Träger der Schule ist heute die National Evangelical Church of Beirut. 1966 wurde die Theodor-Schneller-Schule (TSS) in Amman gegründet. Sie ist in ihrer Konzeption dem Syrischen Waisenhaus vergleichbar. Auf einem weiten Gelände vereint sie Schulen, Heime, Werkstätten und Landwirtschaft. Die Trägerschaft liegt heute beim Bischof der Episcopal Church in Jordanien. „FRIEDEN LEBEN LERNEN“: Ein Lesebuch zum 150-jährigen Jubiläum der Schneller-Schulen in Nahost, ein Einblick in die Geschichte des Syrischen Waisenhauses und die aktuelle Arbeit der beiden Schulen kann unter der Bestellnummer 44111 für 2 € bestellt werden bei: vertrieb@ems-online.org.

Dunja Women Breast Cancer Center Die Anfänge der Health Work Comittees in Palästina gehen bis 1985 zurück, begründet durch eine Initiative einer Gruppe von Ärzten und Interessierten. Später wurde die Organisation als NGO eingetragen. Inzwischen existieren 16 Ambulanzen und zwei mobile Versorgungseinheiten, die insgesamt 22 palästinensische Dörfer an den Mauern und die Enklaven versorgen sowie zusätzlich noch ein Gesundheitsentwicklungszentrum.

lung in Israel und Jordanien durchgeführt werden. Die Behandlung erfolgt grundsätzlich nach internationalen Therapieprotokollen. In Ramallah selbst kann eine Therapie nicht stattfinden. Notwendig wird dann der Gang ins Auguste Viktoria-Krankenhaus in Jerusalem, nach Nablus oder Beit Dschala. In Ramallah kann nur die Therapieplanung, die Koordination der Follow-ups und die Unterstützung in der Terminierung mit niedergelassenen Ärzten erfolgen. Im Zentrum in Ramallah arbeitet eine Gynäkologin, eine Onkologin, eine Radiologin und ein onkologischer Chirurg.

Das Dunja Women Breast Cancer Center in Ramallah wurde am 8. März 2011 eröffnet, am internationalen Frauentag. Es wird gesponsort durch Schweizer und Palästinensische Organisationen. In Ramallah werden folgende Arbeitsschwerpunkte angeboten: Brustkrebs-Diagnostik, Laboruntersuchungen, Ultraschalluntersuchungen, Ultraschallgesteuerte Biopsien, Einbringen von Platinmarkern in die Tumorregionen vor der Chemotherapie, um die Bereiche für die sich anschließende Resttumorresektion genau abgrenzen zu können.

Jährlich im Oktober findet eine Früherkennungskampagne statt, die jedes Jahr unter einem anderen Motto steht. Auf zwölf Patientinnen, die sich einer Biopsie unterziehen, kommt ein pathologischer Befund. Die Mortalitätsrate bei Brustkrebserkrankungen ist bei den Frauen in Palästina höher als in anderen Ländern, da die Diagnostik infolge des mangelnden Wissens und des mangelnden Angebotes entweder gar nicht oder viel zu spät erfolgt. Es werden pro Tag 1015 Patientinnen betreut, seit Bestehen des Zentrums wurden insgesamt 3.500 Frauen untersucht. In den letzten drei Jahren fanden sich bei 75 Frauen pathologische Befunde bei insgesamt 1.500 durchgeführten Biopsien. Neben den Biopsien können in Ramallah auch Vaginal- und Cervixabstriche durchgeführt werden. Die histologischen Untersuchungen und ausführlichen pathologischen Untersuchungen inkl. Rezeptortypisierung für die gezielten Chemotherapien müssen in Ramallah und Jerusalem erfolgen und privat bezahlt werden. Nach Wartezeiten sind sie maximal einmal auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung im Krankenhaus in Beit Dschala möglich.

Die Alterspanne der Patientinnen erstreckt sich von 15 Jahren bis hin zur Menopause. Arbeitsschwerpunkte sind Selbstinstruktion, Früherkennung, Selbstuntersuchung und Beratung inkl. Umgang mit häuslicher und sexueller Gewalt. Es gibt zwei spezialisierte Ambulanzen: eine Ambulanz in Jerusalem mit den zusätzlichen Arbeitsbereichen "Drogenkonsum" und "Umgang mit Gewalt durch Israelis". Zusätzlich existiert das Oasis-Center für geistig behinderte Erwachsene, die bei der Realisierung von Rehabilitationsmaßnahmen unterstützt werden und bei der Beschäftigung in einer Werkstatt. Hier werden Kerzen hergestellt und Produkte recycelt. Die Beschäftigten erhalten dafür ein Taschengeld.

Nach Abschluss der Diagnostik erfolgt ein ausführliches Gespräch, das für die Patientin und ihre Familienangehörigen emotional sehr belastend ist. Es bestehen im Grossen und Ganzen Fehleinschät-

Die Früherkennungsmaßnahmen stehen im Vordergrund, weiterführende Diagnostik und Chemotherapie müssen häufig gegen Bezah-

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Begegnungsfahrt Palästina-Israel

„Frauen und Mütter halten die Welt am Leben. Wir werden unsere Arbeit nicht beenden, wir werden nicht aufgeben. Nicht aufhören und nicht aufgeben, das ist wahrscheinlich der Sinn unseres Lebens.“ (Mrs Suha Ahmad, MD, Dunja Women Breast Cancer Centrum)

Die weiteren Ziele und Entwicklungspläne des Women Breast Cancer Centers in Ramallah sind: »» Etablierung einer psycho-onkologischen Versorgung auch bzgl. Paar- und Trennungssituationen »» Durchführung der Chemotherapie im Zentrum. Dieses scheitert bisher nicht nur an der Beschaffungs- und Lagerungsproblematik, sondern auch am Veto der Palästinensischen Autonomiebehörde, die eine staatlich finanzierte Therapie in staatlichen Kliniken etablieren möchte »» Durchführung der Radiotherapie. Dieses scheitert an den israelischen Gesetzesbestimmungen: die Isotope dürfen nicht nach Palästina eingeführt werden, sie könnten ja angeblich zum Bombenbau verwendet werden »» Durchführung einer Implantatbehandlung und brusterhaltender Operationen

zungen hinsichtlich Ursachen, Behandelbarkeit und Prognosen. Die Unwissenheit beschränkt sich nicht auf Frauen ohne Zugang zu Bildung, auch die akademisch ausgebildeten Patientinnen teilen häufig die nicht zutreffenden Ansichten und sind kaum bis überhaupt nicht informiert. Häufig existiert die Idee, dass eine Krebserkrankung grundsätzlich tödlich verlaufe, ansteckend sei und eine Erkrankung bzw. Behandlung keine Schwangerschaft mehr zulasse. Zusätzlich wird auch die Befürchtung geäußert, dass eine Diagnostik die Krebserkrankung erst auslöse. Auch die persönliche Situation der Frau kann dazu führen, dass nach der Diagnostik keine Therapie erfolgt: wenn z.B. der Mann endlich aus dem Gefängnis entlassen wird und sich die Ehepartner nach Jahren wiedersehen können. Daher wird immer der Versuch gemacht, den Ehemann beim Gespräch über die Befunde miteinzubeziehen. Auch die Unterstützung und Einbeziehung der gesamten Familie ist wichtig, da etwa 50 Prozent aller Maßnahmen und Termine ansonsten nicht realisiert werden.Wenn es möglich ist, wird ein Psychologe zum Gespräch hinzugezogen. Das Team in Ramallah hat inzwischen eine zweitägige Fortbildung absolviert, um diesen Bedürfnissen besser begegnen zu können.

Dr. Renate Marx-Mollière

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Breast Cancer Centrum, Foto: A. Wilmen


Bericht 2014

… Wir lieben das Leben (nach 1982) Und doch, wir lieben das Leben, wenn wir nur fähig sind, hinzugelangen. Wir tanzen zwischen Märtyrertod und Märtyrertod, errichten ein Minarett für das duftende Veilchen zwischen den Gräbern oder pflanzen dazwischen hochragende Palmen. Wir lieben das Leben, wenn wir nur fähig sind, hinzugelangen. Wir stehlen der Seidenraupe den Faden, zu bauen uns einen Himmel als Baldachin für unseren Auszug. Wir öffnen die Tore des Gartens, dass auszieht Jasminduft hinaus in die Straßen, den Tag zu verschönen. Wir lieben das Leben, wenn wir nur fähig sind, hinzugelangen. Wir säen, wo immer wir lagern, schnellwachsende Pflanzen Und ernten, wo immer wir lagern, nur Tote, Gefallene. Wir geben der Flöte ein das Lied immer fernerer Fernen und malen in die Erde des Wegs unsere zitternde Sehnsucht. Wir ritzen unsere Namen in einen Stein nach dem andern. Strahlender Blitz, erhell uns die Nacht, erhell sie ein wenig! Wir lieben das Leben, wenn wir nur fähig sind, hinzugelangen. Übersetzerin: Angelika Neuwirth Mahmud Darwisch

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Mahmud Darwisch, Foto: A. Wilmen


Begegnungsfahrt Palästina-Israel

Wasser - verwehrter Zugang »» Der Pro-Kopf-Verbrauch von Trink- und Brauchwasser war 2011 in Israel fast viermal so hoch wie in der Westbank. Mit durchschnittlich 77 Litern pro Kopf und Tag erreicht er in der Westbank nicht die von der Weltgesundheitsorganisation angegebene Mindesmenge von 100 Liter pro Kopf und Tag. 43 Prozent der Palästinenser haben höchstens 50 Liter zur Verfügung. »» In der Landwirtschaft lag 2011 der Wasserverbrauch in Israel um fast das siebenfache über dem in der Westbank. »» Die gesamte den Palästinensern zur Verfügung stehende Wassermenge ist in den 20 Jahren seit dem Oslo-Abkommen um ca. 25% zurückgegangen. In dieser Zeit wurde im palästinensischen Teil des sogenannten westlichen Aquiferbeckens keine einzige Brunnenbohrung genehmigt.

Dass der Zugang zu Wasser ein Konfliktpotential ersten Ranges in der internationalen Politik darstellt, ist keine neue Erkenntnis. Ein besonders drastisches Beispiel liefert der Vergleich der Wasserversorgung zwischen dem Staatsgebiet Israels und den von Israel besetzten Gebieten Palästinas. In einem zahlen- und faktengespickten Vortrag – unterstützt durch eine Power-Point-Präsentation - klärte der deutsche Hydrogeologe Clemens Messerschmid über den höchst ungleichen und ungerechten Zugang auf. Seine Ausführungen gipfelten in dem Vorwurf an die israelische Seite, sie betreibe systematisch eine „Wasser–Apartheid“. Womit untermauert er seinen Vorwurf? Dass Wasser in Nahost prinzipiell ein knappes Gut sei, hält Messerschmid für einen Mythos. In Jerusalem falle mehr Regen als in Berlin, in Ramallah mehr als in London Heathrow. Die Wasserknappheit für die Palästinenser sei politisch gemacht. Und das gehe zurück auf die Zeit unmittelbar nach der Besatzung im Jahr 1967. Mit gleich drei Militätdekreten wurde verfügt, dass a) alles Wasser unter die Kontrolle des Militärs gestellt werde, b) jegliches Wasserprojekt der Erlaubnis der israelischen Militärverwaltung bedürfe und c) die Militärverwaltung das Recht habe, bestehende Abmachungen und Erlaubnisse für nichtig zu erklären.

Mit einer Portion Sarkasmus brandmarkt Messerschmid auch die Haltung der (vorherigen) Bundesregierung. In einer Antwort auf eine kleine Anfrage der Faktion DIE LINKE (Bundestagsdrucksache 17/3129) stellt der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit das Problem der palästinensischen Wasservorsorgung in erster Linie als Problem eines Wasserverlustes durch defekte Leitungen in Verbindung mit einem auch dadurch bedingten Druckabfall dar. Deswegen konzentriere sich die Bundesregierung auf die Ertüchtigung des Rohrsystems. Die Erschließung von Wasserquellen gehöre nicht mehr zu den Zielen deutscher Entwicklungszusammenarbeit mit Palästina. Im Zusammenhang mit diesen Auskünften der Bundesregierung spricht er von einer „gewollten Ahnungslosigkeit“, die er sich nur erklären könne mit der übergeordneten Maxime aller bisherigen Bundesregierungen: „Du sollst Israel nicht erzürnen!“

Im Rahmen des Oslo Abkommens von 1993 wurde dann das paritätisch besetzte „Joint Water Committee“ (JWC) eingerichtet, was eine Zeitlang als hoffnungsvolle Einrichtung einer Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinensern galt. Der Blick auf die Ergebnisse sei allerdings – so Messerschmid – mehr als ernüchternd. Die wichtigsten Fakten: »» Entscheidungen zu beantragten Wasserversorgungsprojekten dauern bei israelischen Antragstellern durchschnittlich 68 Tage, bei palästinensischen fast ein Jahr. »» Der genehmigte Rohrleitungsdurchmesser ist bei isralischen Projekten rund drei mal so groß wie bei palästinensischen.

Messerschmids Ausführungen münden in einem Appel, Soldarität durch Aufklärung über das „System kolonialer Privilegien und extremer Diskriminierung“ zu üben und die Bundesregierung unter Druck zu setzen. Michael Tillmann

Weiterführende Links: »» Die Präsentation zu einem ähnlichen Vortrag von Clemens Messerschmid ist im Netz erhältlich unter http://www.amnesty.ch/ de/laender/naher-osten-nordafrika/israel-besetzte-gebiete/dok/2011/wasservortragsreihe-clemens-messerschmid-ramallah/praesentation-messerschmid »» Eine Gegenüberstellung der israelischen und der palästinensischen Sichtweise des Wasserkonflikts ist zu finden unter: http:// www.cogat.idf.il/SIP_STORAGE/files/4/3274.pdf »» Amnesty International hat im Oktober 2009 einen Bericht „Troubled Water – Palestian Denied Fair Accsess to Water“ veröffentlicht: http://www.amnesty.org/en/library/asset/MDE15/027/2009/en/e9892ce4-7fba-469b-96b9-c1e1084c620c/mde150272009en.pdf »» Antworten der Bundesregierung auf kleine Anfragen der Fraktion DIE LINKE zur Wassersituation in Palästina sowie zur diesbezüglichen deutschen Entwicklungshilfe: http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/17/031/1703129.pdf und (teilweise bezugnehmend auf das erste Dokumen) http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/17/087/1708712.pdf

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Bericht 2014

Schwarze Wassertanks auf pal채stinensischen D채chern, Foto: M. Tillmann 29


Begegnungsfahrt Palästina-Israel

Kalkylia, Stop the Wall Dienstag, 6. Mai 2014 Auf unserer Fahrt passierten wir auch den Haupt-Checkpoint an der Straße zwischen Jerusalem und Ramallah bei Kalundia, der gefürchtet ist wegen der enormen Staus und den Zusammenstößen zwischen Palästinensern und Soldaten. Das israelische Militär kontrolliert hier Palästinenser, die nach Ostjerusalem oder Israel wollen. Für einen Besuch von Ostjerusalem müssen sie eine Genehmigung haben, sei es dass sie dort arbeiten, einen Arzt aufsuchen, zur Schule wollen oder eine Kirche oder Moschee besuchen möchten. Viele der Menschen, die den Checkpoint benutzen, sind Bewohner von Ost-Jerusalem, die durch die Mauer von der Stadt getrennt wurden.

Kalkylia (Qalqiliya) ist eine palästinensische Stadt mit etwa 43.000 Einwohnern im nordwestlichen Teil des Westjordanlands, der bis auf einen einzigen Checkpoint ganz von der Mauer eingeschlossen ist. Kalkylia war früher eine sehr lebendige Stadt. Sie liegt nur 12 km vom Mittelmeer entfernt, aber viele jüngere Bewohner haben es in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen. Die Gegend um Kalkylia galt als Gemüsegarten Palästinas, aber heute ist es für die Bauern sehr schwierig, ihre Felder zu bestellen, da sie nur zu bestimmten Zeiten und in begrenzter Anzahl auf ihre Felder dürfen. Wir hatten ein Gespräch mit Jamal Jum'a von „Stop the Wall“. Bei dieser Kampagne geht es um den palästinensischen Wunsch nach Befreiung, darum, nicht nur das Existenzrecht der Palästinenser zu erkämpfen, sondern ihren Anspruch auf ihre Geschichte und das Land ihrer Vorfahren geltend zu machen und dem palästinensischen Volk eine Zukunft zu sichern. Wir hörten von den Landenteignungen durch den Mauerverlauf, erfuhren von den Riesenumwegen, die die Palästinenser jetzt auf sich nehmen müssen und den langen Wartezeiten an den Checkpoints (z.B. an den Toren für palästinensische Arbeiter in Israel, an denen die Arbeiter von 2.00 Uhr morgens anstehen, weil das Tor nur zwischen 6 und 7 Uhr geöffnet ist). Wir erfuhren von Straßen, die beidseitig von der hohen Mauer umgeben sind und von Autotunneln, die unter den Siedlungen durchführen, sowie von den vielen Hauszerstörungen.

Bei unseren Fahrten erschien es mir zunehmend unerträglich, überall auf den Hügeln israelische Siedlungen und die endlose Mauer zu sehen. Wir fuhren weiter ins Dorf Mas-ha, in der Nähe der israelischen Siedlung Elkana. Hier wohnt Hani Amer mit seiner Frau und sechs Kindern: Sein Haus ist komplett von einer 40 Meter langen acht Meter hohen Mauer und Zäunen mit Stacheldraht umgeben und damit abgetrennt vom dem palästinensischen Dorf im Osten und der israelischen Siedlung im Westen, die direkt an sein Haus angrenzt. Bis heute haben Hani Amer und seine Familie allen Versuchen des israelischen Militärs widerstanden, ihn zu vertreiben. Hani Amer weigerte sich trotz Drohungen, Konfizierung seiner 3.000 Quadratmeter großen Baumschule und Zerstörung seiner Hühnerfarm sowie einem unglaublich hohen Kaufpreisgebot zu weichen. Einem israelischen Offizier erklärte er dazu einmal: "Ihr Verständnis von Leben ist ein anderes. Es macht mich glücklich zu meinem Land zu sprechen, mit dem Land und den Bäumen. Dafür gibt es keinen Preis".

Jamal Jum'a erklärte, dass das Oslo-Abkommen für die Palästinenser eine Riesenfrustration gewesen sei, sie hätten sich über den Tisch gezogen gefühlt. Das habe im Jahr 2000 zur zweiten Intifada geführt, woraufhin wiederum Israel 2002 mit dem Mauerbau begann. Jamal Jum'as Erklärung, wie die Besatzung Hass erzeuge, war nach den wenigen Tagen, an denen wir dies alles nur als Besucher erlebten, auf deprimierende Art nachzuvollziehen.

Kurz nach dem Bau der Mauer, schloss das israelische Militär das einzige Zugangstor zum Haus. Nach langen Auseinandersetzungen mit den Militärbehörden hat Hani Amer einen eigenen Schlüssel für die Tür durch den Zaun bekommen. Auf einem Schild darüber schreibt er „Willkommen im Staat von Hani Amer“. Das Geheimnis seiner Standhaftigkeit sei, dass er an sein Recht glaube, erzählt er uns.

Laut Jamal Jum'a hat Ariel Sharon gesagt, dass man ein Volk nicht rausschmeißen könne, man müsse "positive Bedingungen" schaffen, um sie zu überzeugen zu gehen. Sharon habe erklärt, dass das Bantustan-Modell ähnlich den Protektoraten in Südafrika Anfang der sechziger Jahre die geeignetste Lösung für den Konflikt sei. Jamal, seit seinem 16. Lebensjahr im gewaltfreien Widerstand und schon mehrfach im Gefängnis, betont: „Wir sind nicht gegen Juden, wir sind gegen Kolonialisierung!“ So wie er erklärten alle unsere palästinensischen Gesprächspartner, an der Gewaltfreiheit festhalten zu wollen.

Dr. Mechthild Klingenburg-Vogel

„Es macht mich glücklich zu meinem Land und zu meinen Bäumen zu sprechen. Dafür gibt es keinen Preis.“ (Hani Amer) 30


Bericht 2014

Hani Amer, Foto: M. Tillmann 31


Begegnungsfahrt Palästina-Israel

Bethlehem: EAPPI Mittwoch, 7. Mai 2014 Glasscheibe saß ein milchgesichtiger Soldat, der die Computerdaten prüfte, die ihm die ID mitteilte, den Palästinenser genau musterte und ihm schließlich mit großzügiger Kopfbewegung bedeutete, dass er durch das Drehkreuz durchgehen könne. Bei uns reichte das Vorzeigen unseres Reisepasses aus.

An diesem Morgen hieß es früh aufstehen. Um 4.45 Uhr trafen wir uns in der Nähe des Bethlehemer Checkpoints beim Sumud Story House mit drei Freiwilligen des EAPPI (Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel): Die über 60 Jahre alte Elisabeth aus Straßburg, der 26-jährige Liam aus London und die ungefähr gleichaltrige Sarah aus der Schweiz. EAPPI bringt internationale Freiwillige in die Westbank, damit sie als „schützende Anwesende" an den Checkpoints Misshandlungen verhindern und Menschenrechtsverletzungen dokumentieren sowie Palästinenser und Israelis bei ihren Friedensbemühungen unterstützen. EAPPI wurde auf Veranlassung des ökumenischen Rats der Weltkirchen ins Leben gerufen, der bei der zweiten Intifada um Hilfe angerufen worden war.

Wir haben insgesamt 67 Minuten gebraucht, um den Checkpoint zu überqueren. Auf der anderen Seite der Mauer warteten Busse, die die Arbeiter eilig an ihre verschiedenen Arbeitsorte brachten. Auf dem Rückweg trieben uns die Mitarbeiter von EAPPI an, nicht stehen zu bleiben, und wie auf dem Hinweg nicht zu fotografieren, da alles von Überwachungskameras und Soldaten auf Wachtürmen festgehalten würde und sie sonst Schwierigkeiten befürchteten. Elisabeth erzählte, wie Soldaten kürzlich Tränengas und sehr lang anhaltend eklig riechende Stinkbomben auf einen Schulhof mit 6-jährigen Kindern geworfen hätten, weil diese angeblich Steine geworfen hätten. Oft würden sie auch die Hände der Kinder auf dem Schulweg kontrollieren und, wenn sie schmutzig seien, behaupten, sie hätten Steine geworfen und sie mitnehmen, ohne die Eltern zu verständigen.

Vor dem eigentlichen Checkpoint herrschte hektisches Treiben: Sammeltaxis rasten die Straße rauf und runter, Arbeiter hasteten in Eile, an Ständen wurden Snacks und Kaffee oder Tee verkauft, die auf kleinen Holzkohlefeuern dampften. Ungefähr zehn Mitglieder unserer Gruppe wollten wegen „Platzangst“ lieber draußen auf uns warten. In zwei Gruppen von je zehn Teilnehmern reihten wir uns mit den Mitarbeitern von EAPPI in die mindestens 50 Meter lange Schlange ein, eingepfercht zwischen dichten Reihen von Arbeitern, links die 8 m hohe Trennungsmauer, rechts eine weitere 1,50 Meter hohe Mauer, die als Trennung zu einem weiteren Gang diente. In diesem zweiten Gang, dessen Tor verschlossen war, sollen zukünftig Behinderte, Frauen und Touristen gehen dürfen. In diesem zweiten Gang überholten immer wieder mehrere Palästinenser die Schlange und kletterten vorne vor dem Drehkreuz, das alle passieren müssen, auf die Mauer und sprangen in die Warteschlange, was jedesmal Tumulte auslöste. Wenn da eine Panik aufkommen würde... es gäbe kein Entkommen.

In Israel besteht ab dem 17. Lebensjahr eine dreijährige Wehrpflicht für Männer und Frauen. Sie können zwar verweigern, aber da das Militär eine so zentrale Rolle in der Gesellschaft spielt, kann eine Verweigerung sich negativ auf die spätere Berufslaufbahn auswirken. Bis zum 45. Lebensjahr können die Reservisten jährlich zu Übungen oder Einsätzen einberufen werden. Ausländische Juden haben die Möglichkeit, einen verkürzten Militärdienst zu absolvieren und können nach einem halben Jahr Grundausbildung an den Checkpoints eingesetzt werden. Außerdem gibt es militärische Sommercamps, an denen Juden aus aller Welt teilnehmen können. Das an diese bedrückende eigene Checkpoint-Erfahrung anschließende Frühstück im Sumud-Story-House war sehr liebevoll zubereitet und wärmte uns auch innerlich wieder auf.

Bei den Mitwartenden handelte es sich fast ausschließlich um Männer, aber zweimal kam eine Gruppe von je drei Frauen an uns vorbei, die sofort von den Männern durchgelassen wurde. Am eigentlichen Checkpoint angekommen, fühlten wir uns wie bei einem Sicherheitscheck am Flughafen. Die Palästinenser mussten ihre Identitätskarte auf ein elektronisches Feld legen sowie den rechten Zeigefinger in eine eigene Vorrichtung für Fingerabdrücke. Hinter einer dicken

Dr. Mechthild Klingenburg-Vogel

Morgendliche Warteschlange am Checkpoint in Bethlehem, Foto: M. Tillmann

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Bericht 2014

Mauermalerei im Aida Camp, Foto: A. Wilmen

Young Men's Christian Association Stellen Sie sich vor, Sie werden mitten in der Nacht von Soldaten aus dem Schlaf gerissen, die Ihnen mit vorgehaltenem Maschinengewehr befehlen, Ihren Sohn auszuliefern. Hilflos müssen Sie mit ansehen, wie ihm die Augen verbunden und ihm die Hände mit Kabelbindern auf den Rücken gefesselt werden. Sie erfahren nicht, wohin Ihr Kind gebracht wird und dürfen es auch nicht begleiten. Für uns ist eine solch alptraumhafte Situation unvorstellbar. Für Palästinenser im besetzten Westjordanland gehören solche Szenen jedoch für viele Familien zum Alltag. Wie aus einem Bericht von „Save the Children Sweden“ und vom Christlichen Verein Junger Menschen (Young Men's Christian Association, YMCA) hervorgeht, wurden von 2000 bis Ende 2011 mehr als 8.000 Kinder und Jugendliche verhaftet und oft monatelang inhaftiert. Allein im Jahr 2010 waren es mindestens 1.200, unter denen viele jünger als 12 Jahre alt waren. Die Organisation beschreibt, dass ein Siebzehnjähriger z.B. 20 Monate lang in Haft war – nach israelischem Armeerecht sind bis zu zwei Jahre Untersuchungshaft möglich. Der Bericht der schwedischen Organisation wertet Interviews mit ca. 200 ehemaligen inhaftierten Jugendlichen sowie deren Familien und Betreuern aus. Insbesondere die Verhaftungen sind für die Betroffenen und ihre Familien schwer traumatisierend. Eine Mutter beschreibt ihre Gefühle folgendermaßen: „In den meisten Fällen kommen die Soldaten ohne Grund und holen unsere Kinder, um uns emotional und psychisch zu brechen ..., Sie traumatisieren unsere Kinder, damit wir aufgeben. Niemand erholt sich je wieder von dem Trauma, miterlebt haben zu müssen, wie uns unsere

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Kinder weggenommen wurden!“ Besonders die Mütter entwickeln nach solchen Erfahrungen oft schwere depressive Reaktionen und psychosomatische Symptome und können ihren anderen Kindern und dem Haushalt dann nicht mehr gerecht werden. Die Zahl jugendlicher Traumatisierter nahm während der ersten Intifada (1987-1993), dem sogenannten „Krieg der Steine“, mit zivilem Ungehorsam und Demonstrationen massiv zu. Nachdem Israel wegen tödlicher Schüsse auf jugendliche Steinewerfer international in die Kritik kam, gab der damalige Verteidigungsminister Jitzchak Rabin 1988 die Parole aus "Wir sollten ihnen (den palästinensischen Steinewerfern) Hände und Beine brechen", was ihm den Titel des "Knochenbrechers" einbrachte. Laut UN-Untersuchungen gab es während der ersten Intifada ca. 50.000 Verletzte. Viele Kinder wurden dadurch massiv traumatisiert. Die betroffenen Jugendlichen zeigten deutliche Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das YMCA-Zentrum in Beit Sahour, Bethlehem, das unsere Reisegruppe von Mitgliedern der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges und pax christi am 7. Mai 2014 besuchte, bietet bis heute sowohl körperliche Rehabilitation als auch die Behandlung der erlittenen Traumatisierungen an. Die jugendlichen Gefangenen, die in das Zentrum kommen, waren Misshandlungen und Beleidigungen durch israelische Soldaten ausgeliefert. Sie wurden zum Beispiel stundenlang gefesselt und mit verbundenen Augen in gepanzerten Fahrzeugen allein gelassen, bevor sie zu Verhören oder in andere Gefängnisse gebracht werden. Entgegen internationalem Recht werden sie häufig ohne die Anwesenheit eines Elternteils oder Anwalts verhört.


Begegnungsfahrt Palästina-Israel

Da die besetzten Gebiete unter israelischem Militärrecht stehen, kann jeder Soldat „Verdächtige" festnehmen. Dabei spielt die Schwere der vermuteten Tat keine Rolle: Minderjährige, die verdächtigt werden, Steine geworfen zu haben, werden ebenso behandelt wie Erwachsene, die unter Terrorismusverdacht festgenommen werden. Die Eltern müssen oft monatelang warten, bevor sie eine Besuchserlaubnis erhalten. Darüber hinaus verlieren Familienangehörige eines Inhaftierten ihre Arbeitserlaubnis für Israel, sodass zu den hohen Geldstrafen auch noch Arbeitslosigkeit und schwere finanzielle Probleme hinzu kommen.

Nach dem Leitgedanken „Therapie allein bringt nichts, wenn nicht den Menschen dazu verholfen wird, ihr Leben ändern zu können“, haben die vom YMCA eingerichteten Behandlungs-Zentren einen ganzheitlichen Ansatz gewählt: Den betroffenen Kindern und Jugendlichen werden Physiotherapie und medizinische Hilfsmittel wie Krücken, Prothesen und Rollstühle angeboten, aber auch schulische Unterstützung oder Berufsfindungslehrgänge. Zur Verarbeitung der seelischen Traumatisierungen bietet das Zentrum Einzel- und Gruppentherapien an, in denen die Jugendlichen ihre Gefühle von Isolation und Unverstanden-Werden überwinden können. Sie teilen ihre Erfahrungen mit Leidensgenossen, erhalten kreative Therapien sowie eine spezielle Traumatherapie und erlernen Techniken zur Selbstberuhigung.

Bei den Verhören werden die Kinder und Jugendlichen z.T. unter Androhung oder auch Anwendung von Folter eingeschüchtert. Einige Jugendliche berichten in den Interviews mit "Save the Children", dass die Soldaten sie in sogenannte „Vogelkäfige“ gebracht hätten, wo sie ausgehorcht oder angeworben werden sollten. Andere erzählen, dass ihnen während der Verhöre ein Dokument auf Hebräisch zur Unterschrift vorgelegt worden sei, das sie nicht lesen konnten und das angeblich ihre Unschuldsbezeugung enthalte. In Wirklichkeit handelte es sich aber um eine Schuldanerkenntnis und hatte ihre Verurteilung zur Folge.

Wie für alle Traumatisierten ist eine auf die Zukunft gerichtete Perspektive, d.h. Schulabschluss, Ausbildung und Arbeitsplatz für die Bewältigung der traumatischen Erfahrung von entscheidender Bedeutung. Darauf richten sich viele Angebote des YMCA-Zentrums. Die äußere Wirklichkeit in den besetzten palästinensischen Gebieten können die MitarbeiterInnen nur durch dringende Appelle an die internationale Gemeinschaft und eine Information über diese massiven Verletzungen von Menschen- und Kinderrechten zu beeinflussen versuchen.

Nader Abu Amscha, der Direktor des Zentrums, erzählt, dass Kinder und Jugendliche, die vorher fröhlich, aktiv und gut in ihre Altersgruppe integriert waren, sich nach ihrer Entlassung oft völlig zurückziehen und den Kontakt zu ihren ehemaligen Klassenkameraden verlieren. Diese würden die Betroffenen meiden aus Angst, mit ihnen in Verbindung gebracht und selbst auch inhaftiert zu werden. Ebenso würden potentielle Arbeitgeber abgeschreckt. Auch müssten diese Jugendlichen infolge monatelangen Fehlens oft eine Klasse wiederholen und würden nicht selten wegen Arbeits- und Konzentrationsstörungen die Schule abbrechen. Andere zeigten Jüngeren gegenüber ähnlich drangsalierendes, gewalttätiges Verhalten, wie sie es selbst erlitten hätten. Sie seien äußerst reizbar, würden die als schwach erlebten Eltern nicht mehr anerkennen und gegen Autoritäten aufbegehren. Die Familien hingegen neigten aus Angst vor erneuter Inhaftierung ihrer Kinder oft zu einem restriktiven, einengenden Verhalten, was zu noch mehr Spannungen führe.

Solange jedoch die äußere politische Situation andauert, leben die traumatisierten Jugendlichen weiterhin in der Angst vor Kontrollen und erneuten nächtlichen Überfällen, was zu Flashbacks, Alpträumen, Bettnässen, psychosomatischen Symptomen, zu Depressionen mit Angstzuständen und sozialem Rückzug führt. Um Verständnis für ihr oft schwieriges Verhalten zu erreichen, bezieht der YMCA auch die Schulen, Arbeitgeber und die Kommunen durch Aufklärung in den Behandlungsprozess ein. Das Zentrum bietet Rehabilitationsprogramme für Kinder und Jugendliche und ihre Familien sowie Fortbildungen in allen elf Distrikten der Westbank an. So konnten von 2009 bis 2011 bereits mehr als 1.000 ehemalig inhaftierte Jugendliche und über 700 Familien betreut – und meist erfolgreich behandelt werden. Dr. Mechthild Klingenburg-Vogel

Jungen in Hebron, Foto: M. Klingenburg-Vogel 34


Bericht 2014

Foto: A. Wilmen

Kairos-Palästina-Dokument und ARIJ Im Priesterseminar in Beit Jala referierte Pater Jamal über das Kairos-Palästina-Dokument. Er ist Mitautor des Aufrufs der Christen Palästinas vom Dezember 2009 „Die Stunde der Wahrheit. Ein Wort des Glaubens und der Hoffnung aus der Mitte des Leidens“. Allerdings war in den skeptischen Ausführungen Pater Jamals wenig von Hoffnung dieses Textes zu spüren. In den 17 Jahren, die seit den Verhandlungen zu den Oslo-Verträgen vergangen sind, habe sich die wirtschaftliche Situation der Palästinenser durch die Errichtung der „Trennungsmauer“ massiv verschlechtert. Die Mauer sei nicht wie von der israelischen Regierung behauptet, ein „Sicherheitszaun“, da täglich 45.000 Arbeiter illegal über die Grenze nach Jerusalem kämen. Die Selbstmordattentate hätten nicht wegen – sondern trotz der Mauer - aufgrund einer veränderten Politik der Hamas aufgehört, die den bewaffneten Kampf 2008 beendete. Es müsse endlich Verhandlungen auf Augenhöhe geben, fordert Father Jamal. Bisher seien sie für die israelischen Regierungen nur ein Vorwand, um immer mehr israelische Siedlungen im besetzten Gebiet zu bauen. Aber gerade für die Sicherheit Israels sei das Ende der Besatzung wichtig. Viele palästinensische Christen - wie überhaupt alle unsere DiskussionspartnerInnen - lehnten den bewaffneten Kampf ab. Ihr Credo war: „Durch den bewaffneten Kampf können wir nur verlieren, unsere Stärke ist Gewaltfreiheit!“ Pater Jamal setzt seine Hoffnung auf Veränderungen durch friedliche Demonstrationen, Erziehung, Kultur sowie insbesondere internationalen Druck auf Israel. Er befürwortet Boykottmaßnahmen gegen israelischen Produkte aus dem besetzten Westjordanland. Die Palästinenser wollten nicht für die europäische Geschichte bezahlen müssen. Sie erlebten sich als die indirekten Opfer des Holocaust. Der Priester beklagt, dass das Alte Testament sich gegen die Palästinenser wenden würde. Aber Christus habe gepredigt „Liebe Deinen Nachbarn! Liebe Deine Feinde!“ Hass im Herzen töte, aber Liebe gebe Leben. 45 Prozent der in Palästina tätigen Nichtregierungsorganisationen seien christlich. Abschließend appellierte auch Pater Jamal dringend an uns, den Menschen in Deutschland und Europa über die Situation der Palästinenser zu berichten.

kale, aus den USA und Europa aus ideologischen Gründen eingewanderte Juden, andere würden wegen des sehr günstigen, massiv subventionierten Wohnraums und der hohen Mieten in Israel förmlich dort hinein gedrängt. Khalilieh referierte über die Landeinbußen Palästinas seit der britischen Mandatszeit, dem UN-Teilungsplan von 1947 sowie nach dem 6-Tage-Krieg. Danach sei die Idee entstanden, Palästina zu zerstückeln, was jetzt durch den Bau der vier Milliarden Dollar teuren Mauer umgesetzt werde, von der mit 706 km Länge erst Zweidrittel fertig seien. Zur gleichen Zeit, als in Oslo über den Frieden verhandelt wurde, sei in Israel der Masterplan für den Siedlungsbau entstanden. Laut dem Oslo-Abkommen hätte sich Israel aus 95 Prozent der besetzten Gebiete zurück ziehen müssen. Selbst in der allein von den Palästinensern kontrollierten A-Zone, die 18 Prozent des Landes umfassen, darf Palästina weder Wasser noch Bodenschätze fördern. Die israelischen Siedlungen im Gazastreifen hätten so viele Soldaten und Geld benötigt wie alle Siedlungen in der Westbank zusammen genommen. Deshalb habe Sharon sie 2006 „schweren Herzens“ opfern können. Der den palästinensischen Fischern im Mittelmeer zugebilligte Bereich wurde von ursprünglich 20 Seemeilen auf zwölf und seit Oktober 2006 auf sechs Seemeilen eingeschränkt. Ebenso habe die israelische Regierung die den Palästinensern insgesamt zugeteilte Menge Wassers trotz des starken Bevölkerungswachstums um ca. ein Drittel reduziert. Während die Siedler 8–20 mal soviel Wasser verbrauchten, müssten Menschen in der Westbank manchmal 30-40 Tage auf Wasserzufuhr durch Israel warten. Palästinensische Bauern könnten aufgrund dieser Situation und wegen des Mauerbaus ihr Land nicht mehr bestellen und müssten sich auf den darauf entstandenen Siedler-Plantagen als billige Arbeitskräfte verdingen. Praktisch jeder Palästinenser habe in den letzten 20 Jahren Schulden gemacht, er habe „seine Nieren der Bank vermacht“. „Die Ökonomie ist eine der Methoden, die Israel anwendet, um das zu eliminieren, was von den Palästinensern übrig geblieben ist“, erklärte Suhail Khalilieh.

Am Nachmittag stand ein Vortrag von Suhail Khalilieh vom Applied Research Institute of Jerusalem (ARIJ) auf unserem unglaublich dichten Programm. Das u.a. von der EU, Spanien der Schweiz und Großbritannien unterstützte Institut untersucht den Mauerverlauf und die Auswirkungen der inzwischen 196 nach internationalem Recht illegalen Siedlungen mit 700.000 Siedlern in der Westbank und im Gazastreifen auf den Friedensprozess und dokumentiert „die kolonialen Aktivitäten Israels“. 30-35 Prozent der Siedler seien radi-

Er schlug vor, alle jüdischen Siedlungen samt ihren jüdischen Bewohnern in der Westbank zu belassen, aber unter palästinensischer Kontrolle, mit gleichen Rechten und gleichem Zugang zu Wasser wie für die Palästinenser. Dr. Mechthild Klingenburg-Vogel

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Begegnungsfahrt Palästina-Israel

ICAHD-Karte von "Groß-Jerusalem"

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Bericht 2014

Caritas Baby Hospital Seit 1978 gibt es eine Schule, in der jährlich 22-25 Schwestern und Pfleger in enger Kooperation mit der Universität in Bethlehem ausgebildet werden. Es besteht außerdem die Möglichkeit, Mütter bezüglich der Versorgung ihrer Kinder zu unterweisen.

Das Caritas Baby Hospital in Bethlehem weist einen durchaus hohen Standard auf. Es wurde 1952 gegründet von dem Schweizer Pater Ernst Schnydrig, als er sah wie ein Palästinenser sein Kind begraben musste. Da zu der Zeit nur ein Arzt im Ort tätig war, setzte er sich das Ziel, eine Einrichtung zu schaffen, um den Kindern, die unter den Folgen des israelisch-palästinensischen Konflikts leiden, eine medizinische Basisversorgung zu sichern.

Wenn bei einem Kind eine Notoperation erforderlich ist, wird Rücksprache mit den Kollegen im Jerusalemer Krankenhaus genommen. Bei entsprechender Indikation ist die Verlegung über die sonst für Palästinenser nur schwer zugängliche Grenze ohne wesentliche Zeitverzögerung möglich.

Am 16. Dezember 2009 konnte ein Neubau eingeweiht werden, in dem Neugeborene, Säuglinge und Kleinkinder bis zu fünf Jahren gleich welcher Nationalität behandelt werden. In den sehr gepflegten Krankenzimmern stehen 3-4 Betten zur Verfügung. Eltern oder Großeltern können die Kinder täglich besuchen. Im Jahr 2013 wurden insgesamt 34.000 Kinder stationär oder ambulant versorgt. Das gut eingerichtete Labor ist Tag und Nacht besetzt. Es besteht die Möglichkeit, Ultraschall- und Röntgenuntersuchungen sowie Gehörtests durchzuführen, auch ein EEG-Raum sowie eine Physiotherapie stehen zur Verfügung. Für die ambulante Betreuung gibt es sechs Behandlungszimmer. Im Jahr 2012 wurde ein Notfallzimmer eingerichtet. Geplant ist eine Intensivstation mit sechs Betten und einem Rettungswagen. Derzeit arbeiten zwei Kinderärztinnen in der Klinik, weitere Stellen sollen noch dazu kommen.

Da es für Palästinenser keine Krankenversicherung gibt, werden viele Kinder kostenlos behandelt, sofern die Eltern nicht über ein regelmäßiges Einkommen verfügen. Deshalb ist die Klinik auf Zuwendungen durch die Kinderhilfe Bethlehem oder private Spender angewiesen. Im Rahmen des IPPNW-Studierenden-Austausch-Programms "famulieren & engagieren" schickt die IPPNW seit Jahren Medizinstudierende in das Caritas Baby Hospital. Hans-Jürgen Welk

Caritas Baby Hospital, Foto: A. Wilmen

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Foto: A. Wilmen 38


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Tel Aviv, Zochrot „Beginnen Sie die Reise. Fahren Sie vorsichtig,“ ertönt die programmierte Stimme, und fügt kurz darauf hinzu, „in 200 Metern links abbiegen. Sie haben ihr Ziel erreicht.“ Ziel? Die Ruinen eines palästinensischen Dorfs inmitten von dickem Unterholz, irgendwo im nirgendwo. Nakba auf deinem iPhone. Die neue App, iNakba, von Zochrot (eine NGO, die sich laut Selbstbeschreibung, für die Verantwortung und Anerkennung der andauernden Ungerechtigkeit durch die Nakba und ihre Wiedergutmachung einsetzt) ist auf den Markt. Sie bietet Routen zu den versteckten und verleugneten Plätzen Israels an.

dem existiert. Treppen führen in Büsche, hinter denen sich das Dorf versteckte, über dem superreichen Villenviertel Herzlia Pituach. Das Dorf wurde am 1. April 1948 von der Alexandroni Brigade besetzt. Wo sind seine Einwohner und ihre Nachkommen jetzt? Interessiert das überhaupt jemanden? Die Ruinen von Kabara sind versteckt im Nahal Taninim Nature Reserve, die von Wadi al-Hawarith sind auf dem Land des Moshaw Geulei Teiman, und die von Qisariy im Caesarea Nationalpark. Wir haben Tantura erreicht, das 1948 noch 1.730 Einwohner hatte, und Schauplatz eines Massakers war – oder nicht war. Gideon Bachrach wurde hier 1948 getötet, ein Soldat, der einzige Sohn von Drs. Blinka und Arthur Bachrach, Jugendfreunde meiner Großeltern. Ich wurde nach ihm benannt. Jetzt bevölkern Schaaren von jugendlichen Besuchern des ‚Hof Dor holiday resorts’ mit Picknickkörben, Wasserpfeifen, Lautsprechern und Wodka den Ort. Wir fragten eine Polizistin, wo die Moschee ist und sie antwortet wütend: „Moschee? Hier gibt es keine Moschee. Gehen sie nach Fureidis“ – ein nahegelegenes arabisches Dorf. Schließlich führte sie uns doch noch zur Küste. Zum Grab des Scheichs, die einzigen Überreste von Tantura. „Einsturzgefahr, betreten verboten“, warnt ein Schild.

Die App mit dem Untertitel „Das unsichtbare Land“, ist erstaunlich: anspruchsvoll, gründlich, sachkundig und user-freundlich – falls das der angebrachte Ausdruck für Dinge ist, die mit der verdrängten Vergangenheit Israels zu tun haben. Ein Klick und die Geographie wird angezeigt, ein weiterer und man sieht die Geschichte, ein anderer und man bekommt ein kurzes Video mit Zeitzeugenaussagen von interviewten Geflüchteten aus den zerstörten Dörfern. Es ist eine faszinierende Reise in die archäologische Vergangenheit des Landes. Die App liefert eine deprimierende mit Pinnadeln, die mehr als 400 zerstörte Dörfer markieren, übersäte Landkarte. Sie sind überall: Im Zentrum einer Stadt, begraben unter Anlagen des Jewish National Fund oder im Herzen eines Kibbuz oder eines Moshaw (Anm. d.R.: genossenschaftlich organisierte, ländliche Siedlungsform in Israel). Wenn man auf eine Pinnadel klickt, taucht die Geschichte des Dorfes auf – Anzahl der Bewohner, Datum der Vertreibung oder Flucht – auf Hebräisch, Arabisch und Englisch. Mit Hilfe eines Navigationssystems scheucht die App Sie durch die verlorene, aber nicht unbedingt begrabende Vergangenheit. Ausflüge wie dieser sind genau das Richtige für den Unabhängigkeitstag oder irgendeine Ferien- oder Wochenendunternehmung. Es ist eine Ruinensafari, eine Lehrstunde in lokaler Geschichte, ein abenteuerlicher und sehr bildender Sabbatexkurs, der für alle lernbereiten und unvoreingenommenen Israelis Pflicht ist.

Der Moshaw Habonim steht auf den Ruinen von Kafr Lam. Das Verwaltungsgebäude der Gemeinde war offenbar die Schule des Dorfs. Ein Paar Ruinen sind zwischen den Bäumen am Rand der gepflegten, friedlichen Siedlung zu sehen, gleich in der Nähe des Monuments zum Gedenken der Opfer des Holocaust und einiger archäologischer Ausgrabungen. Eine ältere Frau hisst die Flagge vor dem Verwaltungsgebäude. Am Abend des Kriegs von 1948 – ein Jahr vor der Gründung des Moshaw – hatte das Dorf 390 Einwohner. iNakba bietet ein Video einer Zeitzeugin an. Die Geflüchtete berichtet davon, wie alle Bewohner auf LKWs geladen und weggebracht wurden. Der Moshaw Tzrufa nebenan wurde 1949 gegründet. Das Schild am Eingang ist mit einem Bibeltext beschriftet: „Das Wort Gottes ist rein; Er ist allen ein Schild, die auf ihn vertrauen“ (Psalm 18:30). Aber der Name dieser Siedlung stammt nicht von einem Psalm. Er leitet sich von dem Namen des palästinensischen Dorfs, Al-Sarafand, auf dessen Ruinen es gebaut wurde ab. Der Friedhof von Tzrufa liegt gegenüber dem Friedhof von Sarafand – geteilt von der Küstenstraße.

Wir erreichten unser erstes Ziel: Die hohe Sandsteinklippe im Norden von Tel Aviv zwischen Tel Baruch und Hatzuk Beach, das bis vor kurzem ein Stützpunkt der israelischen Armee war. Ich bin an diesem Platz bereits tausend Mal vorbeigekommen, wusste aber nie, dass das kleine Dorf Sheikh Saeed al-Quarani hier lag. Besetzung: April 1948. Hier gibt es kein Denkmal oder irgendeine andere Form des Gedenkens. Nur die Aussicht auf das türkisblaue Meer ist so wie damals. Der Abfall der den Ort verdreckt, kam wahrscheinlich nicht aus dem alten Dorf. Da liegen Kondome und Müll, im Sand sieht man Reifenspuren israelischer SUVs, eine Tüte eines asiatischen Lieferservice und die Überreste eines Grillfests.

Hier fanden wir den kläglichsten Ort vor: Alles was von der Moschee übrig geblieben ist, ist der Boden. Noch verwunderlicher waren die aufgerollten Teppiche, Stühle, Wasserflaschen und Tassen. Anscheinend pilgern immer noch Menschen hier her um in einer Moschee ohne Minarett und Mauern zu beten. Auf dem Wasserturm in der Nähe steht geschrieben: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Totenstille herrscht auf dem Hügel am Meer. Sie wird nur durch das Rauschen der Autos auf der Autobahn gebrochen. Die Gräber sind stumm und die Seeluft erfrischend. Die Toten von Sarafand, die Toten von Tzrufa und die Urlauber am Habonim Beach am Unabhängigkeitstag – alle zusammen erzeugen ein Bild, das sich tief ins Herz brennt, sehr tief. Deutsche Übersetzung eines Artikels von Gideon Levy und Alex Levac in der Tageszeitung Haaretz vom 9. Mai 2014

Wir besuchten an diesem Abend die Überreste von zwölf Dörfern. Die App stellt einen gelungenen Zugang dar, das Land besser kennen zu lernen. Unter dem riesigen Bild von Theodor Herzl, das am Eingang nach Herzlia, zwischen einem Meer von israelischen Flaggen und einer elektrischen Anzeigetafel mit den Worten „Memorial Day, for the Fallen of the IDF“, auf die Küstenstraße herabblickt, lag Jalil al-Samaliya, das bis heute unsichtbar geblieben ist, und trotz-

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Begegnungsfahrt Palästina-Israel

Physicians for Human Rights Israel „Physicians for Human Rights – Israel“ (PHR-I) ist eine Nichtregierungsorganisation (NGO) die 1988 unter der Prämisse und zur Etablierung des „Grundrechts auf Gesundheit“ gegründet wurde. Dabei wird „Gesundheit“ in einer weiten Definition aufgefasst und schließt neben dem Zugang zu medizinischer Versorgung auch das Recht auf Bewegungsfreiheit, sauberes Wasser und sanitäre Infrastruktur, eine adäquate Ernährung und Wohnsituation sowie auf Ausbildung und Arbeitsmöglichkeiten ein.

Arbeiter ohne Versicherungsstatus betroffen. Als entsprechendes Instrument dient dabei die in Jaffa ansässige „Open Clinic“. Sie ist offen für alle, die keinen Zugang zum regulären Gesundheitssystem haben. Neben der rein medizinischen Versorgung gilt ein besonderes Augenmerk auch der aktuellen Gesundheits-, Versicherungs- und Einwanderungspolitik. Den Migranten werden hier Hilfestellungen zum Erlangen ihrer Grundrechte und dem Erreichen eines Sozialstatus geleistet.

Zielgebiete sind dabei, neben dem Staat Israel, insbesondere auch die besetzten palästinensischen Gebiete einschließlich dem Gazastreifen. PHR-I bezieht hier eine klare Position, dass die Besetzung Palästinas durch Israel als Grundlage für anhaltende und verbreitete Menschenrechtsverletzungen angesehen werden kann.

Eine gesonderte Abteilung nimmt sich der Fürsprechung für Inhaftierte an. Hauptpunkte sind hier die fortgesetzte (oft auch psychologische) Folter und Gewalt gegenüber Gefangenen sowie der politische Kampf gegen die drohende Privatisierung des Gefängnissystems. Darüber hinaus ist auch den Beduinen im Negev eine Abteilung gewidmet, die sich um deren Anerkennung als Staatsbürger und die Anerkennung ihrer Dörfer kümmert.

Als NGO handelt es sich um eine Non-Profit-Organisation, die sich gestützt auf Spenden von Institutionen (u.a. UNHCR, Medico International, Diakonie) und Einzelpersonen finanziert. Die Mitarbeiter sind abei religionsübergreifend jüdischer, christlicher und muslimischer Herkunft und arbeiten größtenteils auf freiwilliger ehrenamtlicher Basis. Von den insgesamt 1.500 Mitgliedern in Israel arbeitet allein über die Hälfte auch professionell im Gesundheitswesen als Ärzte, Pflegepersonal oder in der Physiotherapie. Entsprechend hoch ist das fachspezifische Know-How innerhalb der aktiven Mitarbeiter. Eindrücklich ist die hohe Rate an Mitgliedschaften innerhalb der Gruppe der Ärzte. Etwa jeder zehnte Arzt in Israel ist Mitglied bei PHR-I.

Die Belange der staatlich anerkannten israelischen Bevölkerung werden in einer separaten Abteilung bearbeitet. Im Vordergrund steht dabei das Ziel einer ausgeglichenen medizinischen Versorgung innerhalb der verschiedenen Bevölkerungsgruppen (Juden und Muslime, städtische und ländliche Regionen). Die breiten Zuständigkeitsbereiche der Abteilungen werden komplettiert durch die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit.

Auf welche Methoden kann PHR-I zurückgreifen?

Strukturell teilt sich PHR-I in sechs Abteilungen sowie die „Open Clinic“ und die „Mobile Clinic“ auf. Die Abteilung für die besetzten Palästinensischen Gebiete (OPT) setzt sich insbesondere mit der Gewalt und dem fehlenden Zugang zu medizinischer Versorgung in der Westbank und im Gazastreifen auseinander. Als eines der wichtigsten Instrumente dient dabei die sogenannte „Mobile Clinic“, eine mobile Behandlungseinheit zum Ausgleich von Engpässen in der palästinensischen Gesundheitsversorgung. Hierbei werden insbesondere Dörfer der Westbank und (unter größerem Aufwand) dem Gazastreifen versorgt, welche ansonsten von der medizinischen Versorgung abgeschnitten wären. Gerade die durch zunehmende Barrieren und stetig sinkende Bewegungsfreiheit großen Schwierigkeiten der Bevölkerung, anderweitige Gesundheitszentren zu erreichen, machen diese regelmäßigen Präsenzen zu einer wichtigen Institution. Im Falle einer vor Ort nicht adäquat behandelbaren Erkrankung kümmert sich die Abteilung um Einreisegenehmigungen nach Israel, um dort eine entsprechende Behandlung einleiten zu können. Seit dem Jahr 2004 besteht überdies ein Projekt von Chirurgen, die bedarfsweise nicht nur Operationen an palästinensischen Krankenhäusern durchführen, sondern auch (und in dessen Wirkung umso nachhaltiger!) palästinensische Ärzte vor Ort in neue chirurgische Techniken einweisen und anlernen.

Entsprechend der breit gefächerten Zuständigkeitsbereiche sind auch die Methoden der praktischen Arbeit weit gestreut. Im Vordergrund steht natürlich die unmittelbare medizinische Versorgung (Diagnostik und Therapie) im Rahmen der „Mobile-“ und „Open-Clinic“ mit einer Behandlungszahl von über 6.000 Patienten pro Jahr. PHR-I weist darauf hin, keinen Anspruch auf eine komplette medizinische Versorgung zu erheben, sondern vielmehr Lücken zu füllen, auf Probleme hinzudeuten und neue Wege zu eröffnen. Darüber hinaus zeigt sich PHR-I aber insbesondere auch aktiv in der Vertretung Einzelner gegenüber dem Staat, zur Verteidigung ihrer individuellen Ansprüche sowie in der gesamtpolitischen Vertretung in medizinischen Grundsatzfragen. Hierzu zählen auch Kampagnen (z.B. gegen Folter- und Unterdrückungsmethoden), Publikationen zu aktuellen Gesundheitsfragen und Workshops für Studenten. Letzteres geschieht besonders, um die Wichtigkeit von Menschenrechten als Teil der medizinischen Profession zu verdeutlichen und frühzeitig in die Ausbildung einzubinden.

Welchen Problemen steht PHR-I gegenüber? Rechtlich bewegen sich die Helfenden auf einem schmalen Grat. Israelischen Bürgern ist der Aufenthalt in den A-Zonen der Westbank offiziell untersagt. Während ihrer dortigen Arbeit sind sie daher nicht versichert. Das Betreten des Gazastreifens ist ohnehin nur mit speziellen Genehmigungen möglich. Auch junge Mitarbeiter blicken

Daneben kümmert sich die Abteilung für Migranten und Flüchtlinge um die unzureichende medizinische Versorgung der nach Israel eingewanderten Bevölkerung. Hiervon sind insbesondere Asylbewerber und Flüchtlinge (meist aus afrikanischen Ländern) sowie immigrierte

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Bericht 2014

formalen Hürden entgegen. Zwar ist es inzwischen möglich, unter einigen Auflagen den Militärdienst zu verweigern und sich stattdessen bei PHR-I zu engagieren. Dies ist jedoch zumindest mit einem Verlust der Militärdienst-assoziierten Vorteile (Zugang zu Stipendien, Vermittlung von Arbeitsstellen, etc.) verbunden. Nicht zu vernachlässigen ist auch die psychologische Belastung der Mitarbeiter angesichts des permanenten Unrechtes und der vielen individuellen Schicksale. Hier helfen freiwillige Psychologen, die eigenen Belastungssituationen verarbeiten zu können. Die mediale Präsenz unterliegt denselben Schwierigkeiten, wie sie so viele soziale Projekte kennen. Nur wer immer wieder Neues bietet, kann seine Anliegen in den lokalen Medien platzieren und sich so öffentliches Gehört verschaffen. Auf staatliche Unterstützung kann hier nicht gesetzt werden. Dies gilt ebenso für die gesamte Finanzierung. Die Arbeit kann

nur durch ehrenamtliche Mitgliedschaften getragen werden und die Medikamente sind größtenteils durch Spenden sowie ein kleines Budget seitens der UN finanziert. Die Quellen für diesen Text sowie weitere Informationen lassen sich nachlesen unter: www.phr.org.il Dr. Simon Lißmann

Besuch der Physicians for Human Rights, Foto: A. Wilmen 41


Begegnungsfahrt Palästina-Israel

Yad Vashem Funktion ambivalent: er kann mahnen und Frieden stiften, er kann funktionalisiert werden, das Trauma verstärken und den Weg zum Frieden erschweren.

Ich habe Theologie und Erziehungswissenschaften studiert, unterrichte seit vielen Jahren Religion und Politik an einem Berufskolleg. Meinen Schülerinnen und Schülern habe ich oft gesagt, dass ich zu meinem Bedauern nie in Israel war. Die Auseinandersetzung mit dem Faschismus hat sicher bewusst oder unbewusst meine Studienwahl beeinflusst, das Alte Testament hat mich begeistert, der befreiende Gott des Exodus hat mich zur Befreiungstheologie und damit nach Lateinamerika blicken lassen und gebracht und damit blieb Israel/Palästina ein lang gehegter Wunsch.

Der Gesamtkomplex der Gedenkstätte hat mich beeindruckt: die Halle der Namen, der Garten und die Allee der Gerechten unter den Völkern, der Janus-Korczak-Gedenkplatz zur Erinnerung an diesen Pädagogen, der mich schon zu Schulzeiten beeindruckt hat, das Kunstmuseum, wo ich Felix Nussbaum entdecke, ganz allein in der Gedenkhalle zu sein, der Baum der Partisanen, die Kerzen und die Stimme, die die Namen der ermordeten Kinder in der Ruhe und Dunkelheit der Kindergedenkstätte hören und nachklingen lässt, die Synagoge... Der Platz des Warschauer Ghettos erinnert mich an Gedenkstättenfahrten mit SchülerInnen nach Polen und ganz besonders beeindruckt mich das Tal der Gemeinden: Das Tal umfasst eine Fläche von etwa einem Hektar und wurde aus dem Grundgestein herausgearbeitet. In 107 Steinwänden sind die Namen von über 5.000 jüdischen Gemeinden eingraviert, die während der Shoa ganz oder teilweise vernichtet wurden. Im Zentrum das Denkmals das „Beit Hakehillot“ (Haus der Gemeinden) mit der Darstellung der Geschichte jüdischer Gemeinden. Und wieder verschwimmen Bilder: zusammen mit Georgette, unserer Gastmutter, sind wir morgens an der Mauer entlang zum Sumud-Story-Haus gegangen. Schon nach drei Tagen spürte ich, dass ich diese Mauer nicht mehr sehen wollte (wohl wissend, dass ich in der nächsten Woche wieder in meinem Garten in Münster sitze und im Sommerurlaub am Meer machen kann). Wir haben ihr zugehört als sie von Jugendlichen erzählte, die auf die Mauer geklettert sind und von israelischen Soldaten erschossen/verhaftet wurden, von Brandzeichen an der Mauer, verzweifelten Versuchen sich zu wehren, wir können die Mauer-Geschichten an der Galerie lesen, kreative Versuche, die Mauer zu nutzen, sie zur Anklagemauer zu machen. Der morgendliche Blick geht nach oben, die Mauer ist über acht Meter hoch. Der Blick im Tal der Gemeinden geht auch hoch. Ich suche mein Land, meine Stadt: Münster, … finde viele mir vertraute Orte/Städte: Rheine, Lengerich, Ibbenbüren, Berlin, … der Blick senkt sich … wie viel Leid … in Stein gemeißelt … in Beton gegossen …

Das Programm von pax christi/IPPNW traf für mich genau das lang nicht umgesetzte Interesse an Israel/Palästina. Gleichzeitig war der Gedanke an eine solche Reise mit dem Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem verbunden. Ganz selbstverständlich. Die meisten TeilnehmerInnen der Reise waren mehrfach in Israel/Palästina gewesen und kannten Yad Vashem. Also machten sich diejenigen auf den Weg, die noch nicht dort gewesen waren. Es war unser letzter Tag in Jerusalem. Wir hatten einen Vormittag Zeit für die Gedenkstätte, zu kurz um das Historische Museum intensiv kennenzulernen. Ich habe die neun unterirdisch angelegten Galerien eher durchschritten. und wahrgenommen, dass Menschenmassen durch die Geschichte der jüdischen Welt, die durch die Nazis zerstört wurde, geschleust wurden. Durchschreitend verschwimmen die Bilder, das Hören von Augenzeugenberichte dort mit meinen Bildern aus Auschwitz, Dachau, Buchenwald, … mit dem Checkpoint in Bethlehem, der Mauer, den Berichten palästinensischer Männer aus israelischen Gefängnissen. Nach einer Woche Palästina und Gesprächen über Apartheidserfahrungen und beeindruckt vom Charisma der Menschen, die uns dort begleitet haben, ist Yad Vashem eine völlig andere Erfahrung als wäre ich zu Beginn meiner Reise dort gewesen. Was mögen die Soldatinnen und Soldaten, die israelischen Schülerinnen und Schüler denken, die im Museum Augenzeugenberichte über die Judenverfolgung im Dritten Reich hören. Fühlen sie sich erinnert an ihr eigenes Verhalten am Checkpoint, bei der Verhaftung von palästinensischen Kindern, Jugendlichen und Vätern, bei der Zerstörung von Häusern und Brunnen, … Darf ich als Deutsche eigentlich so denken, so parteilich sein? Ein intensives Erlebnis: allein in der Gedenkhalle, diesem zeltartigen Bau mit Wänden aus Basaltstein. Im Boden die Namen der 22 größten Konzentrationslager eingraviert: Auschwitz, Dachau, Buchenwald, das ewige Licht in der Mitte, eine Steinplatte, unter der sich nach Israel überführte Asche aus den Vernichtungslagern befindet. Der leere, dunkle Raum, durch den nur wenig Licht von außen fällt, füllt sich mit ganz vielen Erinnerungsbildern und Worten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?!...“ „Dein Reich komme …“ "die Fülle des Friedens und Leben möge Jahwe uns und ganz Israel schenken…“ Wortfetzen aus dem jüdischen Totengebet/Kaddish fallen mir wieder ein ... Fülle des Lebens und Frieden für Israel /Palästina.

„Wenn ich jetzt die Erfahrung bewerten soll, die Erfahrung, die ein palästinensischer Flüchtling in seiner Heimat macht, so meine ich, dass sie viel gefährlicher ist als die eines Flüchtlings im Exil. Sie gleicht einem psychischen Mord, denn im Exil hat man noch das Gefühl der Erwartung (…) Flüchtling in der Heimat zu sein, ist unerklärbar …“ (Mahmud Darwisch) „Letztlich bin ich eine dieser lebendigen Steine, einer derer, die den Friedensstern von Bethlehem bewahren. Das ist Gnade und Segen, aber eine unermesslich große Verantwortung: Wie können wir unsere Stadt Bethlehem blühen lassen und ihre Nachricht von Frieden und Liebe für die Welt wiederbeleben?“ sagt B. Behoum, die Bürgermeisterin von Bethlehem in einem Zeit-Interview im Zusammenhang des Besuches von Papst Franziskus in Bethlehem. Und meine Verantwortung als Deutsche zwischen Shoa und Nakba?

Die Palästinenser sind die sekundären Opfer des von uns Deutschen verübten Holocaust und „Die einzige, die Opfer des Holocaust ehrende Konsequenz muss doch sein, sich gegen alles zu wehren, was Menschen zu Opfern macht!“ Dieser Ort ist wie Religion in seiner

Christel Rosendahl

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Tal der Gemeinden, Foto: A. Wilmen 43


Begegnungsfahrt Palästina-Israel

Israelische Siedlung Efrat würden 15 % für die jüdische Entwicklung ausgewiesen. Laut Bob Lang steht nach palästinensischem Gesetz der Verkauf von Land an Juden unter Todesstrafe.

Efrat (auch Efrata) ist eine israelische Siedlung in Judäa, im Westjordanland. Sie liegt etwa 15 km südlich von Jerusalem, zwischen Bethlehem und Hebron, auf sieben Hügeln, die alle eigene Namen tragen, östlich der Straße Nr. 60, der die palästinensischen Ortschaften im Westjordanland verbindet.

Die Siedlung habe heute 15.000 EinwohnerInnen, die zu 90 % religiös seien. Im Unterschied dazu habe die Siedlung Ariel 90 % säkulare und 10 % religiöse SiedlerInnen. Nach dem Masterplan sollten es 25.000 werden. Die letzten 10 Jahre seien keine Neubauten erlaubt gewesen, dafür herrsche jetzt wieder rege Bautätigkeit.

Wirtschaftlich gesehen ist es ein Vorort von Jerusalem, kein Kibbuz und kein Moshav. Etwa 65 % der BewohnerInnen arbeiten in Jerusalem, hauptsächlich als JuristInnen, ÄrztInnen oder High-Tech-SpezialistInnen. Die Siedlung sieht sehr gepflegt und wohlhabend aus, saubere, großzügig gestaltete Straßen mit Bäumen und Büschen bepflanzt. Die Wohnhäuser mit Gärten, üppigem Grün und Blumen, lassen vergessen in Judäa, im besetzten Westjordanland zu sein.

Hier beginne auch die gute Nachbarschaft mit der palästinensischen Bevölkerung, die als Bauarbeiter in der Siedlung arbeiten. Für die Arbeitsgenehmigung sei das Zeugnis der israelischen Militärregierung erforderlich. Bob Lang wünscht sich einen freundschaftlichen Umgang mit den umliegend wohnenden PalästinenserInnen. „The more interaction, the better“, wie z.B. bei einer großen Supermarktkette, bei der israelische und palästinensische ArbeiterInnen zusammen arbeiten. Leider werde in den palästinensischen Schulen nur Hass gelehrt. Zum Beispiel würden manche palästinensischen Jugendlichen gerne zum Fußballspielen in die Siedlung kommen, aber es werde ihnen von palästinensischer Seite gesagt: „Wenn du dort in die Siedlung gehst, kommst du nicht lebend heraus“. Leider käme es regelmäßig vor, dass ihre Autos in der Siedlung gestohlen würden oder in ihre Häuser eingebrochen würde. Erst letzte Nacht hätte der Sicherheitsdienst der Siedlung zwei palästinensische Jugendliche mit Molotow-Cocktails in der Siedlung gefasst, bevor diese Schaden anrichten konnten. Bob Lang betont, dass die Siedlung keinen Zaun hätte (bei der Einfahrt neben dem Gate konnten wir Zäune sehen) und jeder einfach hineinspazieren könnte. Sicherheitsleute und Militär würden das komplette Gelände 24 Stunden überwachen.

Für den Nachwuchs mit durchschnittlich vier Kindern pro Familie ist gut gesorgt: 24 Kindergärten, drei Grundschulen, drei High Schools, sowie je drei religiöse Schulen für Mädchen und Jungen. Nur 20-30 Prozent der Jugendlichen besuchen eine Schule in Jerusalem. Außerdem gibt es ein Seniorenzentrum, ein Gemeindezentrum, eine Bibliothek, ein Einkaufszentrum, ein Kulturzentrum, eine kleine Klinik, zwei Synagogen und ein bewachtes Gate an der Ein- und Ausfahrt. Bob Lang erwartet den Bus bereits am Checkpoint. Der 1975 aus den USA, aus einem New Yorker Vorort, eingewanderte Lebensmitteltechnologe und Betriebswirt ist der Leiter des Religiösen Rates in Efrat. Seine Wurzeln hat Lang in Deutschland: seine Mutter stammt aus Düsseldorf, sein Vater aus Berlin und beiden gelang rechtzeitig die Flucht vor den Nazis. Bob Lang war Sprecher des Dachverbandes der jüdischen Siedlungen im Westjordanland, er ist Mitarbeiter von „Peace Watch“ und dem „ Institute for Peace Implementation“. Efrat gehört zu der in den 70er Jahren entstandenen Gemeinschaft Kfar Zion, die aus acht nahegelegenen Siedlungen besteht. Die jüdischen Siedlungen sind an ihren roten Dachziegeln und stattlichen Häusern sofort zu erkennen, die palästinensischen Dörfer an ihren kleinen weißen Häusern und flachen Dächern mit den schwarzen Wasserspeichertanks. Bob Lang erklärt uns, dass auf dem Gebiet von Efrat bereits vor 1948 jüdische Gemeinschaften ansässig gewesen seien. Von 1948 bis 1967 sei im Westjordanland unter Herrschaft des jordanischen Königs keine jüdische Bevölkerung erlaubt gewesen. 1967 kehrte die jüdische Bevölkerung mit der Militärregierung zurück.

Bob Lang hat uns in sein Wohnzimmer eingeladen. Wir gehen ein kurzes Stück durch die Siedlung und sind beeindruckt von der blühenden Vielfalt. In seinem Wohnzimmer erwarten uns Wasser, Kekse und viele israelische Fähnchen. Zur Erklärung der Situation zeigt er uns Karten von Israel und Palästina, ein DIN A3 Spiralblock, der schon oft zum Einsatz gekommen scheint. Die erste Karte zeigt den Staat Israel vom Mittelmeer bis zum Jordan. Das Westjordanland ist nicht existent. Auf Nachfrage bestätigt Bob Lang, dass dies die Grenzen Israels seien. Später zeigt er auch Karten auf denen das Westjordanland eingetragen ist. Jedoch weist er darauf hin, dass der Begriff „Westbank“ nicht korrekt ist, der Begriff ignoriere „die jüdische Geschichte“ und sei damit ein politisches Statement. Korrekt müsse es heißen„Judäa“ und „Samaria“. Seiner Ansicht nach hat sich Israel 1967 in einem Verteidigungskrieg das Land erkämpft und dies stehe ihm nun rechtmäßig zu. Die arabischen Länder hätten den Krieg verloren. „You tried to kill me and I won“.

Efrat wurde 1975 gegründet. Laut Bob Lang sind seine BewohnerInnen eine Sammlung jüdischer Menschen aus dem Exil. Das Land sei zum Teil rechtmäßig erworben worden, zum anderen Teil seien die Besitzverhältnisse nicht festzustellen gewesen: Es habe Besitzzuteilungen nach türkischem und jordanischem Recht und auch nach Militärgesetz gegeben. Oder es habe geheißen „vom Stein bis zum Baum und rüber bis zur Ecke“ und dies sei keine rechtliche Grundlage. Bob Lang sagt, dass sich die Westbank zu 50 % in individuellem Besitz (türkische, britische, jordanische und israelische Urkunden) und zu 50 % in Staatsbesitz befinde. Von den 50 % in Staatsbesitz

Das Thema „Wasser“ führte zu sehr kontroversen Ansichten. Die umliegenden, palästinensischen Dörfer beziehen ihr Wasser von der Siedlung. Die Elektrizität kommt direkt vom israelischen Anbieter.

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Bob Langs Meinung folgend erhalten die umliegenden palästinensischen Dörfer ihr Wasser von der Siedlung Efrat, weil sie es selber nicht schaffen würden, eine eigene Wasserversorgung aufrecht zu erhalten. Dieses Unvermögen bestätige auch ihr jetziger Umgang mit dem Abwasser, das ungehindert ins Grundwasser gelange und ihr Land verschmutze. Auf die Nachfrage „warum die PalästinenserInnen denn diese Wasserspeichertanks auf den Dächern hätten“ und „warum sie denn kein fließendes Wasser hätten“, meint Bob Lang, „die Tanks hätten sie aus allen möglichen Gründen“ und „man dürfe nicht alles glauben, was man hört“.

20 Prozent arabischer Bevölkerung. Seiner Meinung nach funktioniert dies gut. 70 Prozent der PalästinenserInnen leben friedlich mit den Juden und Jüdinnen zusammen. Aber die 15 Prozent, die der Hamas angehören, und die 15 Prozent der Fatah, zerstörten den Staat Israel. Auf Nachfrage zeigt Bob Lang uns die Synagoge, bevor er uns im Bus zum Checkpoint begleitet. Maria R. Feckl

Bob Lang lehnt die Trennungsmauer ab. Sie hätten die Mauer auch vor dem High Court bekämpft. Auch Israel sei nicht perfekt. AraberInnen hätten jüdische Bäume zerstört, Juden und Jüdinnen hätten arabische Bäume zerstört - beides sei nicht akzeptabel. Aber die Siedler müssten sich auch vor den Selbstmordattentätern schützen. Jeden Tag gäbe es ca. 35 Terroranschläge. „Oslo blew up in our faces“. Israel habe dem Partizipationsplan zugestimmt, die Anderen hätten „Nein“ gesagt. Politische Zielsetzung Bob Langs ist die „Einstaatenlösung“ eines jüdisch, demokratischen Staates mit Eingliederung der arabischen Bevölkerung - ähnlich dem aktuellen israelischen Staatsgebiet mit

Haus von Bob Lang, Foto: S. Lißmann 45


Begegnungsfahrt Palästina-Israel

Society of St. Yves wie z.B. der Krankenversicherung. Außerdem müssen sie die sogenannte „Center of life policy“ (Lebensmittelpunktpolitik) erfüllen. Für jeden wichtigen Moment im Leben – Hochzeit, Geburt, Tod der Ehefrau oder sogar beim Erneuern des Ausweises - müssen sie beweisen, dass ihr Wohnort in den letzten mindestens zwei Jahren in Jerusalem lag. Um das zu können, müssen sie die Bezahlung von Strom-, Wasser-, Telefon-, und Gemeindesteuer nachweisen. Die Geburtsurkunden müssen in Jerusalem ausgestellt werden und die Kinder müssen in Jerusalem geboren sein und dort zur Schule gehen. Sobald beim Innenministerium geringste Zweifel am Ort ihres Lebensmittelpunktes bestehen, ist ihr Bleiberecht in Gefahr.

Stellen sie sich vor, über Nacht ihr Recht zu verlieren in ihrem eigenen Haus zu leben, oder ihrer Stadt oder ihrem Land. Stellen sie sich vor ihr Recht auf Aufenthalt wird über Nacht unsicher. Stellen sie sich vor, dass ihr Dasein und das ihrer Familie in der Stadt, in der sie seit Generationen lebten, über Nacht kaum mehr toleriert wird. Das alles wurde für die palästinensische Bevölkerung Jerusalems 1967 zur Realität. Kurz nachdem 1967 Gaza, die Westbank und der Golan besetzt worden waren, annektierte Israel Ostjerusalem und wandte seine Regeln und Gesetze im ganzen Land an. Anstatt den palästinensischen BewohnerInnen Ostjerusalems die Staatsbürgerschaft zu gewähren, gab ihnen die israelische Regierung ein permanentes Bleiberecht. Somit wurde die Stadt praktisch ohne seine Bewohner annektiert.

Die Notwendigkeit seinen Lebensmittelpunkt zu beweisen, verbunden mit den bekannten Bestimmungen, was das Wohnen und den freien Zugang zur Stadt betrifft, hat nicht nur die Lebensqualität in Jerusalem stark eingeschränkt, es führt auch dazu, dass der Wohnort und die jeweilige Form des Ausweises ein ernsthaftes Hindernis für die Heirat bzw. Partnerwahl und im Familienleben darstellen.

Tausende PalästinenserInnen werden ausgewiesen Dennoch erhielt nicht jede/r diesen Status: Ein Zensus, der von Haus zu Haus durchgeführt wurde, registrierte alle Menschen, die zu dieser Zeit in ihren Häusern anwesend waren. So wurde sicher gestellt, dass nur diejenigen als EinwohnerInnen Jerusalems zählten, die sich auch tatsächlich physisch innerhalb der neuen Grenzen Jerusalems befanden. Alle anderen – die vielleicht arbeiteten, aus einem unbestimmten Grund außerhalb der Stadt waren, oder vor den Schrecken des Krieges geflohen waren – wurden nicht registriert und verloren das Recht, weiterhin EinwohnerIn der Stadt zu sein; ungeachtet der Tatsache, dass die Betroffenen und ihre Familien bis zu diesem Zeitpunkt in Jerusalem gewohnt haben oder ihren Lebensmittelpunkt dort hatten.

Permanente Aufenthaltsgenehmigung als Instrument der stillen Abschiebung Israels einseitige Annexion Ostjerusalems beeinträchtigt die Rechte der palästinensischen Bevölkerung Ostjerusalems in schwerwiegender Weise und stellt eine eklatante Verletzung internationalen Rechts dar. Ostjerusalem ist besetztes Territorium und seine BewohnerInnen leben unter Besatzung. Deshalb gelten für sie, wie auch für die BewohnerInnen der Westbank, die Menschenrechtsbestimmungen, die für besetztes Territorium gelten.

Der Status palästinensischer EinwohnerInnen von Jerusalem ist prekär: Im Gegensatz zum „Law of Return“ (Gesetz zur Wiederkehr), das Menschen jüdischen Glaubens und ihren Nachfahren erlaubt, jederzeit nach Israel zu immigrieren und die Staatsangehörigkeit zu erwerben. Nach diesem Gesetz und seinen Bestimmungen kann das permanente Bleiberecht einfach widerrufen werden, wenn der/ die Betroffene das Land für mehr als sieben Jahre verlässt oder in einem anderen Land eine Aufenthaltsgenehmigung erhält.

Palästinensische BewohnerInnen Jerusalems, als die einheimische Bevölkerung Jerusalems, sollten speziellem Schutz unterliegen – jedoch sieht die Realität anders aus: Sie werden in ihrer Stadt kaum toleriert und leben immer mit der Gefahr, ihre Aufenthaltsgenehmigung zu verlieren. Der Kampf darum, in Jerusalem wohnen bleiben zu können, wurde zu einem der grundsätzlichen Aufgaben seiner Bevölkerung. Oft wird er verloren. Deshalb ist die Aufhebung der Aufenthaltsgenehmigungen eins der besten Instrumente, die Israel zur Verfügung stehen, um die palästinensische Bevölkerung stillschweigend loszuwerden.

Diese Bestimmungen ebneten den israelischen Behörden den Weg für ihre systematische Politik, mit dem Ziel Aufenthaltsgenehmigungen zu entziehen und Pässe einzuziehen. Die Praxis des Bleiberechtsentzugs findet nicht nur bei BewohnerInnen Jerusalems, sondern auch in Gaza und der Westbank Anwendung. Tausende verloren so ihr Recht in ihrer Stadt zu wohnen: Zwischen 1967 und 2012 wurden 14.260 PalästinenserInnen ihre Aufenthaltsgenehmigungen entzogen und sie mussten zusammen mit ihren Familien das Land verlassen.

Die Society of St. Yves ist das Katholische Zentrum für Menschenrechte und arbeitet unter dem Dach von „Latin Patriarchate of Jerusalem. Durch Rechtsberatung- und beistand, begegnet die Organisation Menschenrechtsverletzungen, die aus der Besatzung resultieren. Die Hauptgebiete sind das Bleiberecht für PalästinenserInnen in Jerusalem, Fälle die Eigentum und Land in Jerusalem und der Westbank und Fälle das Recht auf freie Bewegung betreffen. Weitere Informationen: http://saintyves.org

Die Aufenthaltsgenehmigung hat auch noch andere Auswirkungen. Neben der Tatsache, das PalästinenserInnen mit einer solchen Genehmigung den vollen Steuersatz in Israel zahlen, gewährt ihnen ihr Status aber nicht unbedingt Zugang zu allen Sozialleistungen,

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Kairo Dokument, Kapitel 1.1.8 Jerusalem ist das Herzstück unserer Realität. Es ist Symbol des Friedens und Zeichen des Konflikts zugleich. Während die Trennmauer palästinensische Wohngebiete teilt, werden palästinensische Bürger, Christen und Muslime weiterhin aus Jerusalem hinausgedrängt. Ihre Personalausweise werden beschlagnahmt und dadurch verlieren sie ihr Bleiberecht in Jerusalem. Ihre Häuser werden zerstört oder enteignet. Jerusalem, die Stadt der Versöhnung, ist zu einer Stadt der Diskriminierung und Ausgrenzung, zu einer Quelle des Streites anstatt des Friedens geworden.

Jerusalem, Foto: S. Lißmann 47


„Wer sich in einer Situation der Ungerechtigkeit neutral verhält, stellt sich auf die Seite des Unterdrückers.“ (Desmond Tutu, Friedensnobelpreisträger)

Reisegruppe, Foto: R. Krotzek

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Eine Publikation der: IPPNW – Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. Körtestr. 10 · 10967 Berlin Tel.: +49/ (0) 30 - 69 80 74 - 0 Fax:  +49/ (0) 30 - 683 81 66 ippnw@ippnw.de · www.ippnw.de Layout: IPPNW e.V. / Angelika Wilmen © IPPNW e.V., Juni 2014 Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur mit Genehmigung möglich

Begegnungsfahrt Palästina-Israel, © IPPNW e.V. / Juni 2014

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