Amatom 32 – IPPNW-Zeitschrift von und für kritische Medizinstudierende

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amatom32 Herausgegeben von der IPPNW – Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung | Ausgabe 2020 | Spende 1 Euro

ein Magazin von kritischen, jungen Mediziner*innen

IPPNW

Aktivismus statt Aktionismus

Themen: Klimagerechtigkeit: Ende Gelände – Atomwaffen in Büchel – Kriminalisierung von Bewegungen – Psychologists for Future – u. v. m.


Inhalt 1 Editorial 2 Die Reform des §219a StGB: Versäumnis einer Streichung? 6 Geringe Organspendenzahlen in Deutschland Übermut bei neuer Gesetzgebung oder überfällige Lösung der wichtigen Probleme?!

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Klimakrise – Ein Problem der Verdrängung und Verleugnung? Unsere Erde ist in Lebensgefahr und damit sind wir es als Menschheit auch

10 Atomenergie, Klima und Müll Interview mit Dr. Barbara Hövener

12 Klimagerechtigkeit jetzt

„Ende Gelände“ in den Braunkohle-Tagebauen

15 Kriminalisierung von Bewegungen

Beobachtungen und Erklärungsansätze zu dem Verhältnis zwischen Regierung und Bürger*innen

19 Die Diagnose „Rechtsruck“ genügt nicht mehr Für eine psychosoziale Revolution

20 Blockade, Bombenballett und Brause

Das IPPNW- und ICAN-Aktionsfestival vom 5.–8.7.2019 in Büchel

22 Wladimir

Ein Krankenhaus-Praktikum in Russland

24 Die Pyramide der Gewalt und die Konsequenzen für unsere Gesellschaft Bericht vom Europäischen IPPNW- und Studierendentreffen in Wroclaw

25 Auszeit vom Klinikalltag

Das Wochenende der Jungen IPPNW für junge Ärztinnen und Ärzte

26 Aktivitäten der IPPNW-Studierendengruppen Das Jahr 2019

28 Warum fotografieren?

Ein Ausschnitt meiner Reflexion zum Fotografieren während meines Aufenthaltes in Bukarest

30 Warum Indien?

Famulieren und Engagieren

31 Resistance has never been easy An attempt on Auschwitz

33 Ansprechpartner*innen und Kontaktadressen IPPNW-Lokalgruppen an fast allen Unis

Impressum Redaktion: Gesa Baum (Oldenburg), Sophia Christoph (Homburg), Ewald Feige (Berlin), Antonia Neuberger (Mannheim), Jeremia Weber (Hannover), Julia Weber (Stuttgart). Anschrift: der amatom, c/o IPPNW, Körtestraße 10, 10967 Berlin, Tel. 030/698 074-0, Fax 030/6938166. Verleger: Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs/ Ärzte in sozialer Verantwortung e. V., Körtestraße 10, 10967 Berlin. Bankverbindung: Bank für Sozialwirtschaft, IBAN DE39 1002 0500 0002 2222 10, BIC BFSWDE33BER Gestaltung und Satz: Samantha Staudte. Bilder: S. 3: Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen, creativecommons.org/licenses/by/2.0; S. 6: Jasmin777 auf Pixbay; S.8: pixabay lizenzfrei; S. 10: Michaela Muegge Leese, CC BY-NC 3.0 DE; S.21: Ralf Schlesener; S.12: Foto: Tim Lüddemann; 13: Foto: Foto: Kristoffer Schwetje Sustainable Photography, creativecommons.org/licenses/by/2.0; 14: Foto: Ruben Neugebauer, creativecommons.org/licenses/by/2.0; S. 15: Jens Volle, creativecommons.org/licenses/by/2.0/de; S.31: Dariusz Staniszewski auf Pixabay; nicht gekennzeichnete: privat oder IPPNW-Archiv. Druck: ddl-berlin.de, Druckerei Dienst Leistungen, Berlin, Papier: Circle matt, Recycling & FSC. Auflage: 5.000, erscheint jährlich, für studentische Mitglieder der IPPNW kostenlos. Nachdrucke bedürfen der schriftlichen Genehmigung. V.i.S.d.P.: Ewald Feige


Editorial

Editorial „Aktivismus oder Aktionismus?“, das ist hier die Frage. Beides Möglichkeiten – eine geeigneter als die andere – auf eine Krise zu reagieren. Und von beiden könnt ihr in dieser Ausgabe des amatoms lesen. Denn Krisen haben wir zur Zeit wahrlich genug: Wir haben eine Krise in der Demokratie, eine Klimakrise, eine krisenhafte Zuspitzung in der Aufrüstung mit Atomwaffen. Die Friedensbewegung, zu der auch die IPPNW zählt, ist das Produkt divergierender Sicherheits- und Zukunftsparadigmen, sowohl in militärischen als auch politischen und gesellschaftlichen Bereichen. Ebenfalls Produkt dieser divergierenden Sicherheits- und Zukunftsparadigmen ist die Krise unserer Demokratie, die sich in zunehmender Entkopplung von Volk und Regierenden, in sich verstetigendem Rechtsruck und immer geringerer Wahlbeteiligung zeigt. Die Antworten auf diese autoritären Entwicklungen sind unterschiedlich: Astrid Göldner beschreibt das kriminalisierende und in der Tradition nationalsozialistischer Gesetzgebung stehende Verbot über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren und plädiert für eine Streichung des §219a StGB. In ihrem Artikel zur Klimagerechtigkeitsbewegung geht Anne Glaser mit der Forderung nach Systemwandel noch einen Schritt weiter, exemplifiziert auch die von Jeremia Weber postulierte Kriminalisierung von sozialen Bewegungen als staatliche Reaktion. Andreas Peglau plädiert in seinem Artikel ebenfalls für radikalen Wandel in Form einer psychosozialen Revolution. Eine Idee davon, wie tief autoritäre Tendenzen in uns allen wurzeln, könnt ihr auch in Sophias Christophs Essay „Resistance has never been easy“ bekommen, in dem sie ihren eigenen Wunsch nach Stärke und Dominanz während eines Besuchs des Konzentrationslagers Auschwitz reflektiert. Über positive Erfahrungen politischen Aktivismus schreibt Antonia Neuberger, die uns einen Einblick die Proteste in Büchel gewährt. Über die Zusammenhänge zwischen Klimakrise und Atomtechnologie spricht Ewald Feige im Interview mit Barbara Hövener – die sich seit der Gründung in der IPPNW engagiert. Weshalb die Klimakrise auch ein Problem der Verdrängung ist und nicht mehr Menschen den Schritt zum Aktivismus wagen, erklärt Lea Dohm in ihrem Text über die „Psychologists for Future“. Um Euch zu zeigen, dass Ihr mit eurem Engagement und Eurem Aktivismus nicht alleine seid, hat Julia Weber die Aktivitäten einzelner Studi-Gruppen zusammengetragen und collagiert. Vielleicht findet Ihr euch darin wieder? Viel Spaß und eine zur Aktivismus anregende Lektüre mit dem 32. amatom wünscht Euer Dr. Amatom

Der Amatom braucht Hilfe! Dir gefällt der Amatom? Du hast vielleicht eine Idee für einen spannenden Artikel, Spaß am Layouten, Editieren oder einfach Lust mitzuhelfen? Dann schreib eine E-Mail an feige@ippnw.de und sei beim nächsten Treffen mit dabei! Das Amatom-Team sucht immer Nachwuchs und freut sich über motivierte Neuzugänge – und keine Angst, falls du noch keine Erfahrung hast: Dafür sind wir ein Team!

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Die Reform des §219a StGB: Versäumnis einer Streichung? Ein Essay

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chwangerschaftsabbruch ist immer wieder Gegenstand ethischer und rechtlicher öffentlicher Diskurse. Zuletzt fand das Thema mediale Aufmerksamkeit, nachdem am 21. Februar 2019 eine Reform des §219a StGB, ausgearbeitet von den Fraktionen der CDU/CSU und SPD, im Bundestag verabschiedet wurde.1 Von Astrid Göldner

Einführung in Thematik und Vorgehen Der §219a, der das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbruch definiert, wurde nun verändert, um Ärztinnen und Ärzten2 mehr Rechtssicherheit zu geben. Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen, FDP, Gynäkolog*innen, Patient*innen, Journalist*innen und Aktivist*innen fordern dagegen eine Streichung des §219a. Da die beschlossene Gesetzesreform sehr aktuell ist, sind bisher hauptsächlich Zeitungsartikel sowie Stellungnahmen von Einzelpersonen und Institutionen dazu veröffentlicht worden. Die Forderungen nach Änderung oder Streichung des §219a bestehen dagegen bereits bedeutend länger und gehen häufig auf die Befürworter*innen eines Rechts auf Abtreibung um 1970 zurück.

Die Gesetzesreform des §219a und seine Hintergründe Informationen auf der ärztlichen Homepage Der §219a StGB beschreibt das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbruch, dem Ärzt*innen unterliegen. Bisher umfasste das Verbot unter anderem das Angebot der eigenen oder fremden Dienste zur Vornahme oder Förderung eines Schwangerschaftsabbruchs aus eigenen Vermögensvorteilen oder auf grob anstößige Weise.3 Dies bedeutet für Ärzt*innen, dass sie sich bereits strafbar machten, wenn sie auf dem Internetauftritt ihrer Praxis bekanntgaben, dass sie Abbrüche durchführen. Die Gesetzesreform sieht vor, dass dies nun legal geschehen darf und sich Patient*innen so selbst darüber informieren können, welche

Praxen und Kliniken Abbrüche durchführen. Die Angabe weiterführender Informationen auf der ärztlichen Internetseite, die das Vorgehen beim Schwangerschaftsabbruch beschreiben, ist jedoch immer noch nicht erlaubt. Daher können Ärzt*innen weiterhin nicht öffentlich bekannt geben, welche Methoden sie einsetzen und warum sie sich für oder gegen ein Angebot bestimmter Methoden entschieden haben. Dies sind jedoch wichtige Informationen für Schwangere, da zum Beispiel die Durchführung einer Kürettage zum Abbruch aus wissenschaftlicher Sicht überholt und unangebracht ist, aber immer noch von einigen Ärzt*innen durchgeführt wird.4,5 Des Weiteren kann es für die Schwangere im Vorhinein von Bedeutung sein, ob der Eingriff medikamentös oder operativ vorgenommen wird, zum Beispiel wenn sie bei einem operativen Eingriff unter allgemeiner Anästhesie aufgrund von Vorerkrankungen Risiken zu befürchten hat, oder sich um die Versorgung ihrer Kinder in der Zeit des Eingriffs kümmern muss. So wird trotz der neuen Reform weiterhin der gesellschaftlichen Stigmatisierung von Schwangerschaftsabbrüchen stattgegeben, indem ein offener Informationsfluss reglementiert wird. Die Folge ist, dass viele Frauen im Vorfeld nur wenig Möglichkeit haben, sich über die Durchführung eines Abbruchs wertfrei und vor allem barrierearm zu informieren. Wer das Internet bemüht, wird schnell auf Portale von Abtreibungsgegner*innen weitergeleitet, anstatt auf Information zu Schwangerschaftsabbruch zu gelangen, die auf evidenzbasierter Medizin fußen. Um eine verantwortungsvolle Entscheidung für sich und ihre Schwangerschaft treffen zu können, benötigen Frauen jedoch alle Informationen. Diese Informationen erhalten sie momentan meist nur in der Schwangerschaftskonfliktberatung – diese

suchen Frauen jedoch häufig erst dann auf, wenn sie sich bereits für einen Abbruch entschieden haben. Dies kann auch zur Folge haben, dass es unter Berücksichtigung der drei Tage Wartefrist nach Beratung bereits zu spät ist, um einen Schwangerschaftsabbruch nach Beratungsregel durchzuführen, falls die zwölfte Schwangerschaftswoche dadurch bereits überschritten wurde. Solche für die Betroffenen verheerenden Situationen sind Konsequenz einer Informationspolitik, die sich nicht an den Bedürfnissen der Schwangeren orientiert, sondern sich aus einem gesellschaftlichen Klima der Stigmatisierung heraus entwickelt. Öffentliche Listen mit Ärzt*innen, die Abbrüche durchführen Die Gesetzesreform sieht vor, dass die Bundesärztekammer sowie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Listen von Ärzt*innen und Kliniken führen, die Abbrüche vornehmen. Diese sollen dann etwa über das Hilfetelefon für Schwangere an Betroffene weitergeleitet werden. Hier besteht wiederum die Gefahr, dass Abtreibungsgegner*innen diese Listen zu ihren Zwecken missbrauchen, zum Beispiel um Ärzt*innen durch Anzeigen, Protestaktionen und Belagerung der Praxen zu gängeln. Die Auswirkungen solcher Protestaktionen erfahren Ärzt*innen und Patient*innen bereits jetzt, etwa in Hinblick auf die „Märsche für das Leben“, die jährlich von Abtreibungsgegner*innen organisiert und durchgeführt werden und zu einer weiteren Verschärfung der gesellschaftlichen Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen führen. Die genannten Märsche werden zum Teil auch von Politiker*innen von CDU/CSU sowie von der AfD unterstützt.6,7 Insbesondere die internationalen Veranstalter*innen der Lebensmärsche stehen immer wieder in der Kritik, da sie Schwangerschaftsabbruch mit dem Holocaust vergleichen und somit das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung mit der NS-Ideologie gleichsetzen.8 Ein weiterer Widerspruch entsteht daraus, dass auf den Listen durchaus Informationen zu den Methoden des Abbruchs gegeben werden sollen, Ärzt*innen selbst dies öffentlich jedoch nicht dürfen. Für Betroffene


Gesellschaft und Gesundheit

verkompliziert sich so erneut der Zugang zu Informationen, wenn sie zwar direkt auf den Internetauftritten der Ärzt*innen sehen können, ob diese Abbrüche durchführen, dann aber noch die Listen über die BZgA konsultieren müssen, um Einzelheiten über die gewählten Methoden zu erfahren. Diese unnötigen Hürden stehen dem erklärten Ziel, Informationen für Betroffene leichter zugänglich zu machen, immer noch im Weg. Die Konsequenzen treffen vor allem Frauen mit niedrigerem Bildungsstand, Frauen, für die Deutsch eine Fremdsprache ist und Frauen mit Behinderung, was nicht im Sinne einer Gesellschaft sein kann, die sich die Inklusion aller Menschen zur Aufgabe gemacht hat. Werbung für Schwangerschaftsabbrüche bei Wegfall von §219a In der Gesetzesreform heißt es: „Eine weitere Alternative wäre die ersatzlose Aufhebung von § 219a StGB. Dies würde ebenfalls dazu führen, dass Ärztinnen und Ärzte sowie Krankenhäuser und Einrichtungen über die Tatsache, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen, öffentlich informieren könnten, ohne dass sie dabei Gefahr laufen, strafrechtlich verfolgt zu werden. Eine Folge wäre allerdings, dass auch das Anpreisen oder die grob anstößige Werbung für Schwangerschaftsabbrüche straffrei gestellt

wäre. Dies würde Fragen zum gesetzgeberischen Schutzkonzept für das ungeborene Leben aufwerfen.“1 Die Befürchtung, dass nach einer Streichung des §219a Ärzt*innen und Kliniken mittels Werbemaßnahmen Frauen zu einem Schwangerschaftsabbruch verleiten würden, kann durch das ärztliche Berufsrecht ausgeräumt werden. Die (Muster-) Berufsordnung der deutschen Ärzte (MBO) regelt in §27 Absatz 1 und 2 die Gestattung der sachlich berufsbezogenen Information zur Wahrung des Patientenwohls; in Absatz 3 wird anpreisende, irreführende und vergleichende Werbung dahingegen als berufswidrige Werbung verboten. Hier tut sich erneut ein Widerspruch in der Debatte um §219a auf: Wenn allgemein gewünscht ist, dass Patient*innen zu ihrem eigenen Wohl den Zugang zu sachgerechter Information erhalten sollen, um auch in Hinblick auf Ärzt*innen- und Behandlungswahl eine individuell richtige Entscheidung treffen zu können, warum gilt dies nicht auch für einen Schwangerschaftsabbruch? Die Argumentation, Schwangerschaftsabbruch solle nicht zur alltäglichen medizinischen Maßnahme normalisiert werden, ist allein durch die Epidemiologie von Schwangerschaftsabbrüchen hinfällig; diese stellen mit 101.209 Eingriffen pro Jahr (2017) einen der häufigsten gynäkologischen Eingriffe in

Deutschland dar.5 Medizinisch sind sie also bereits Normalität, lediglich die ethisch-gesellschaftliche Einordnung ist eine andere. Um die Anzahl der Abbrüche zu reduzieren, sollte jedoch nicht die Entscheidung für einen Abbruch erschwert und stigmatisiert werden. Sinnvoller ist eine flächendeckende Prävention im Sinne von sexueller Aufklärung sowie des erleichterten Zugangs zu Empfängnisverhütung. Die neue Gesetzesreform sieht hierzu vor, dass die gesetzlichen Krankenkassen die Kostenübernahme für empfängnisverhütende Mittel nicht mehr nur bis zum 20. Lebensjahr gewährleisten, sondern die Kostenübernahme auf das 22. Lebensjahr ausweiten. Auch diese Maßnahme deckt sich nicht mit den epidemiologischen Erkenntnissen zu Schwangerschaftsabbruch, nach denen die meisten Frauen, die eine Schwangerschaft beenden, im Alter von 25 bis 35 Jahren sind (47,4 %).9 Vielmehr sollte eine Kostenübernahme der Verhütungsmittel für Frauen jeden Alters ermöglicht werden, wenn sich aufgrund ihres finanziellen Status eine Bedürftigkeit ergibt. Die Vereinbarkeit von Menschenrechtsnormen und §219a Die World Association for Sexual Health (WAS) definierte 1997 die sexuellen Menschenrechte, die 2014 erweitert wurden.10 Das Recht auf Autonomie und körperliche

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Unversehrtheit legt fest, dass jeder Mensch frei und informiert über seine Sexualität und seinen Körper entscheiden darf, worunter auch die Entscheidung fällt, eine Schwangerschaft auszutragen oder abzubrechen. Mit dem Recht auf selbstbestimmte Familienplanung legt die WAS fest, dass die Familienplanung eines jeden Menschen in seiner eigenen Hand liegt. Um dieses Recht ausüben zu können, bedarf es neben dem Zugang zu Empfängnisverhütung auch dem sicheren Zugang zu Schwangerschaftsabbruch. Im Recht auf Informationen ist der Zugang zu wissenschaftlich korrekten Informationen bezüglich sexueller und reproduktiver Gesundheit verankert, die der Gesellschaft niederschwellig zur Verfügung stehen müssen. Hierbei ist jedoch auch das Recht auf Nichtwissen zu beachten, welches durch eine Streichung des §219a jedoch nicht beschnitten werden würde. Die strafrechtliche Verfolgung der Durchführung oder Inanspruchnahme von professionell vorgenommenen Schwangerschaftsabbrüchen ist wegen des Rechts auf Leben, Freiheit und Sicherheit entschieden abzulehnen. Beachtet man das Recht auf Zugang zu Vorteilen und zur Anwendung wissenschaftlichen Fortschritts, so ergibt sich für alle Menschen der Zugang zu der bestmöglichen sexuellen Gesundheitsversorgung, was sich sowohl auf Empfängnisverhütung als auch auf Schwangerschaftsabbrüche bezieht. Das Center for Reproductive Rights (CRR), eine weltweite juristische Menschenrechtsorganisation im Bereich der reproduktiven Rechte, formulierte anlässlich des Vorschlags zur Gesetzesreform eine Stellungnahme an den Bundestag. In dieser Stellungnahme vergleicht das CRR die rechtliche Lage in Deutschland mit den internationalen Menschenrechtsnormen und der Situation in Europa.11 Die Ergebnisse des CRR zeigen auf, dass Deutschland zusammen mit Albanien, Russland, Griechenland, Ungarn und Liechtenstein zu den Astrid Göldner einzigen europäischen Medizinstudentin Ländern gehört, in denen 5. Semester die öffentliche Verbreitung Teil der studentischen medizinisch korrekter InLeitung der Hochschulgruppe „Medical formation über sichere, legale SchwangerschaftsStudents for Choice abbrüche nicht erlaubt ist. Düsseldorf“ Die Menschenrechtsnormen verlangen jedoch,

dass genau dieser Zugang zu medizinisch korrekten Informationen über Schwangerschaftsabbruch entkriminalisiert und den betroffenen Frauen gewährt wird. Außerdem wird festgehalten, dass die in Deutschland geltende Restriktion von Information über reproduktive und sexuelle Gesundheit zur Diskriminierung von Frauen führt. Die Stigmatisierung, die sich aus der Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs ergibt, kann Gesundheitsdienstleister*innen von der Ausübung oder Information über Schwangerschaftsabbrüche abhalten. Insbesondere bei der derzeitigen Versorgungslage in Deutschland ist dies desaströs: Im Zeitraum von 2003 bis 2018 ist die Anzahl an Praxen und Kliniken, die Abbrüche durchführen, von ca. 2.000 auf ca. 1.300 gesunken.12 Diese Zahlen zeigen nicht nur die Auswirkungen der Tabuisierung und Kriminalisierung auf, sondern stellen ein reales Problem für Betroffene dar. Insbesondere in ländlichen Regionen, aber auch in größeren Städten wie Münster, sind die Folgen bereits heute sichtbar: Schwangere, die aufgrund des Mangels an flächendeckender und wohnortnaher Versorgung gezwungen sind, für einen Abbruch teilweise bis zu 150 Kilometer Fahrt auf sich zu nehmen.13 Die Leidtragenden sind vor allem Frauen mit niedrigem finanziellem Status, da für sie die Fahrtkosten – häufig noch für eine Begleitperson – etwaige Kinderbetreuung und eventuelle Verdienstausfälle besonders schwerwiegend sind. Auch die Kostenübernahme des Abbruchs ist nur gegeben, wenn die Betroffene unter 1.142 Euro an monatlichem Nettoeinkommen zur Verfügung hat – für alle anderen Frauen bedeutet das, die Kosten des Schwangerschaftsabbruchs, welche sich auf 350–600 Euro belaufen, selbst tragen zu müssen.14 Geschichtlicher Ursprung Die Entstehungsgeschichte des §219a fußt auf den §§219, 220 RStGB, die aufgrund des Gesetzes zur Änderung strafrechtlicher Vorschriften vom 26.05.1933 das öffentliche Anbieten von Schwangerschaftsabbrüchen unter Strafe stellen.15 Im Nationalsozialismus diente dies dem Zweck, Schutz und Erhalt der Bevölkerung zu wahren. Ebenfalls im Jahr 1933 erlassen wurde die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat, die neben Homosexuellen und Kommunist*innen auch Ärzt*innen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführten, betraf.16 Genannte Personen konnten von nun an in Schutzhaft oder vor-

beugende Polizeihaft genommen werden, was auch den Aufenthalt in einem Konzentrationslager zur Folge haben konnte. Laut Monika Frommel, ehemalige Direktorin des Kriminologischen Instituts der Universität zu Kiel, diente dieses Gesetzes hauptsächlich dem Zweck, jüdische, kommunistische und liberale Ärzt*innen zu vertreiben oder ihnen die Approbation entziehen zu lassen.16 Der geschichtliche Hintergrund der §§218 und 219 erlaubt die Benennung eines weiteren Kritikpunktes an der Gesetzesreform: Im Sinne einer Entnazifizierung, an der es einer demokratischen Gesellschaft gelegen sein muss, sind die Gesetzestexte des Nationalsozialismus heute nicht mehr tragbar. Bezogen auf den §219a würde die konsequente Durchsetzung einer Entnazifizierung zu seiner Streichung führen. Abschließende Stellungnahme Eine pluralistische, demokratische Gesellschaft, die an sich selbst den Anspruch der Gleichberechtigung aller ihrer Mitglieder stellt, kann die bisherige Gesetzeslage zu Schwangerschaftsabbruch nicht mittragen. Diese beschneidet die körperliche Autonomie und Integrität schwangerer Personen und leitet sich ab aus den Zeiten des Nationalsozialismus, der nicht mehr Grundlage unserer Wert- und Rechtsurteile sein darf. Politiker*innen, Aktivist*innen und auch Menschenrechtsorganisationen wie das CRR haben dies längst erkannt und setzen sich für eine Änderung der Rechtsprechung ein. Die verabschiedete Gesetzesreform zu §219a kann den Ansprüchen auf Entkriminalisierung, barrierefreien Zugang zu Information und letztendlich der Gleichberechtigung aller Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht jedoch nicht gerecht werden. Zu groß sind nach wie vor die Hürden, denen Frauen begegnen, die eine Schwangerschaft abbrechen wollen. Daher sehe ich in der Streichung des §219a die bessere Alternative, da dies die Entkriminalisierung von Ärzt*innen zur Folge hätte und somit auch zu einer verbesserten Versorgung für betroffene Frauen führen würde. Als wesentlich bedeutsamer bewerte ich jedoch das politische und gesellschaftliche Signal, das eine Streichung bedeuten würde: Sie wäre ein deutliches Zeichen gegen die Stigmatisierung von Menschen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, und damit seit Jahrzehnten überfällig. Es ist ein Anfang, dass der gesellschaftliche Druck auf die Politik so groß wurde, dass es zur Gesetzesreform kam. Im Streit für die se-


Gesellschaft und Gesundheit

xuellen und reproduktiven Rechte muss jedoch klar sein, dass sie nicht die endgültige Lösung für die Debatte sein kann.

Literaturverzeichnis • §219a Absatz 1 StGB. • http://dip21.bundestag.de/dip21/ btd/19/076/1907693.pdf (26.02.2019). • ww.bundestag.de/resource/ blob/538834/60779eb2c0eaa65571152a3354b7fca3/ WD-7-159-17-pdf-data.pdf (22.02.2019). • www.bundesverband-lebensrecht.de/grusswortvolker-kauder-mdb/ (02.03.2019). • www.daserste.de/information/ politik-weltgeschehen/kontraste/videosextern/immerweniger-aerzte-bieten-schwangerschaftsabbruechean-104.html (04.03.2019). • www.familienplanung.de/beratung/schwangerschaftsabbruch/kostenschwangerschaftsabbruch/ (04.03.2019). • www.profamilia.de/fileadmin/profamilia/ verband/CRR_expert_opinion_abortion_Prin t_197693_2019_DE.pdf (04.03.2019). • www.profamilia.de/fileadmin/publikationen/ Fachpublikationen/Schwangerschaftsabbruch/8_ Fakten_zum_Schwangerschaftsabbruch.pdf, S.4 (27.02.2019). • www.sueddeutsche.de/politik/aussenansicht-ampranger-1.3747191 (22.02.2019), Monika Frommel. • www.tagesspiegel.de/berlin/demonstration-derlebensschuetzer-abtreibungsgegnermarschieren-

durch-berlin/14561418.html (02.03.2019), Sandra Dassler. • www.taz.de/!5571091/ (04.03.2019), Eiken Bruhn. • www.worldsexology.org/wpcontent/uploads/2013/08/declaration_of_sexual_rights_ sep03_2014.pdf (03.03.2019). • Notz, Gisela: Alle Jahre wieder: Die Märsche der Abtreibungsgegner, in: Achtelik, Kirsten; Balance (Hg.): Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_Innen im (inter-)nationalen Raum: Ist die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen heute in Gefahr?, AG SPAK Bücher: Neu-Ulm 2012, 49–54. • Schwangerschaftsabbrüche 2017, Tabellen 1.1 und 1.3, Statistisches Bundesamt (Destatis), 2018.

Fußnoten 1 http://dip21.bundestag.de/dip21/ btd/19/076/1907693.pdf (26.02.2019) 2 Im Folgenden verwende ich die genderneutrale Schreibweise mit *, um alle Geschlechter einzubeziehen. 3

§219a Absatz 1 StGB.

4 www.profamilia.de/fileadmin/publikationen/ Fachpublikationen/Schwangerschaftsabbruch/8_ Fakten_zum_Schwangerschaftsabbruch.pdf, S.4 (27.02.2019). 5 Schwangerschaftsabbrüche 2017, Tabelle 1.3 Schwangerschaftsabbrüche nach Ländern (Land, in dem der Eingriff erfolgte) und Eingriffsart, Statistisches Bundesamt (Destatis), 2018. 6 www.bundesverband-lebensrecht.de/ grusswort-volker-kauder-mdb/ (02.03.2019).

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7 www.tagesspiegel.de/berlin/demonstrationder-lebensschuetzer-abtreibungsgegnermarschiere ndurch-berlin/14561418.html (02.03.2019), Sandra Dassler. 8 Notz, Gisela: Alle Jahre wieder: Die Märsche der Abtreibungsgegner, in: Achtelik, Kirsten; Balance (Hg.): Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_Innen im (inter-)nationalen Raum: Ist die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen heute in Gefahr?, AG SPAK Bücher: Neu-Ulm 2012, 49–54. 9 Schwangerschaftsabbrüche 2017, Tabelle 1.1 Schwangerschaftsabbrüche nach Ländern (Land, in dem der Eingriff erfolgte) und Altersgruppen, Statistisches Bundesamt (Destatis), 2018. 10 www.worldsexology.org/wp-content/ uploads/2013/08/declaration_of_sexual_rights_ sep03_2014.pdf (03.03.2019). 11 www.profamilia.de/fileadmin/profamilia/ verband/CRR_expert_opinion_abortion_ Print_197693_2019_DE.pdf (04.03.2019). 12 www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/kontraste/videosextern/immer-wenigeraerztebieten-schwangerschaftsabbrueche-an-104.html (04.03.2019). 13 www.taz.de/!5571091/ (04.03.2019), Eiken Bruhn. 14 www.familienplanung.de/beratung/schwangerschaftsabbruch/kosten-schwangerschaftsabbruch/ (04.03.2019). 15 www.bundestag.de/resource/ blob/538834/60779eb2c0eaa65571152a3354b7fca3/ WD-7-159-17pdf-data.pdf (22.02.2019). 16 www.sueddeutsche.de/politik/aussenansichtam-pranger-1.3747191 (22.02.2019), Monika Frommel.

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Sommerakademie Atomares Erbe

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Was passiert mit dem Atommüll und vor welchen Herausforderungen stehen wir und folgende Generationen heute und in Zukunft? Darum dreht sich diese Sommerakademie, bei der die Teilnehmer*innen nicht nur inhaltliche, sondern auch tatsächliche Einblicke in Atommülllager vor Ort bekommen.

Die IPPNW Deutschland und das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité-Universitätsmedizin Berlin bieten jedes Jahr eine einwöchige internationale und interdisziplinäre Summer School für Studierende und junge Berufstätige über globale Gesundheit an. Themen sind Klimawandel, Migration und Flucht, Krieg und Trauma sowie Gesundheit zwischen Ethik und Ökonomisierung. Die Summer School möchte nicht nur zur Diskussion und Reflexion anregen, sondern auch Handlungsansätze aufzeigen. Die Summer School wird maßgeblich von Alumni mit vorbereitet und durch eine eintägige Global Health Konferenz ergänzt.

» ippnw.de/bit/sommerakademie

IPPNW-Peace Academy Let’s talk about Peace – in regelmäßigen Abständen findet die IPPNW-Peace Academy für junge Leute und Studierende statt. Dabei geht es um Themen wie die Strukturen der Friedensbewegung, die Leitlinien der Bundesregierung für Krisenprävention, das Konzept der Zivilen Konfliktbearbeitung sowie die Frage, wo die junge Generation ihren Platz in „der“ Friedensbewegung sieht oder wie Kampagnenarbeit funktioniert. » ippnw.de/bit/peaceacademy

» health-and-globalisation.org

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studis.ippnw.de


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Gesellschaft und Gesundheit

Geringe Organspendezahlen in Deutschland Übermut bei neuer Gesetzgebung oder überfällige Lösung der wichtigen Probleme?!

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n Deutschland stehen aktuell 9.400 Menschen auf der Warteliste für eine Organtransplantation. Auch wenn die Spendezahlen im letzten Jahr erstmals seit 2010 wieder leicht gestiegen sind, konnte dank 955 Spenden 2018 nur knapp 3.113 Patient*innen durch eine Spende geholfen werden. Von Pia Sophie Schüler und Madeleine Sittner

Mit 11 Organspenden pro 1 Million Einwohner steht Deutschland damit im europäischen Vergleich ziemlich weit hinten. In Ländern wie Frankreich, Portugal oder Belgien gibt es ca. dreimal so viele Spenden.1 Das will auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ändern und fordert deswegen die Einführung der doppelten Widerspruchslösung in Deutschland. Aktuell ist Deutschland in Europa das einzige Land, das die Möglichkeit zur Organspende über die Entscheidungslösung regelt. Das bedeutet, dass durch ergebnisoffene Infomaterialien und Werbung alle Bürger*innen dazu aufgefordert werden, sich über die Organspende zu informieren und im Zuge dessen ihre Entscheidung auf einem Organspendeausweis dokumentieren. In vielen Ländern mit höheren Spende­ zahlen gilt die Widerspruchslösung, die als Grundzustand die Zustimmung jedes Bürgers und jeder Bürgerin annimmt und bei der durch einen Organspendeausweis der Widerspruch, Organe im Falle des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls zu spenden, festgehalten werden kann. Damit ist jede Person erst einmal automatisch Spender*in. Der Vorsitzende des deutschen Ethikrats Peter Dabrock sieht diese Lösung der Themenbearbeitung kritisch und beanstandet, dass man „Schweigen nicht einfach als Zustimmung auslegen kann“ und sieht darin einen „tiefen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper“. In keinem anderen Bereich wird keine Position zu beziehen als Zustimmung gewertet, beispielhaft hierfür die neue Datenschutzgrundverordnung, wo jede*r immer wieder neu auf jeder Internetseite zustimmen muss, damit die Datenweitergabe stattfinden kann. „Bei dem Thema Organspende drehen wir genau das um, obwohl es sich

doch um einen viel höchst persönlicheren Eingriff handelt“, so Dabrock.2 Befürworter wie GesundheitsministerJens Spahn oder der gesundheitspolitische Sprecher der SPD Karl Lauterbach führen hingegen ins Feld, dass bereits 20 der 28 EU-Länder die Widerspruchslösung anwenden und das Recht auf körperliche Unversehrtheit nicht infrage gestellt werde, schließlich könne ja jede*r Bürger*in der Organentnahme widersprechen. Sich jedoch mit dem Thema wenigstens einmal im Leben zu befassen, dass sei die geringste Pflicht jedes und jeder Einzelnen3 – die Widerspruchslösung also als Zwang, sich mit dem Thema Organspende zu beschäftigen. Auch wenn diese Debatte die Gemüter im politischen Berlin erhitzt und die Schlagzeilen der Zeitungen füllt, ist die Frage nach dem Ziel unentbehrlich: Bringt eine Widerspruchslösung wirklich höhere Zahlen an Organspenden? Schließlich ist die Zustimmung der Bevölkerung an sich hoch. 84 % der Menschen in Deutschland stehen der Organspende positiv gegenüber und auch die Anzahl an Menschen mit einem Organspendeausweis ist in den letzten Jahren um das Doppelte gestiegen und beträgt aktuell 36 %.4 Spitzenreiter unter den europäischen Ländern, was die Organspendezahlen angeht, ist Spanien. Auch hier gilt die Widerspruchslösung. Eine Kommission des Gesundheitsausschusses des deutschen Bundestages war deswegen in spanischen Krankenhäusern, um die dortigen Ärzte und Ärztinnen zu fragen, wie die hohen Spendezahlen ihrer Meinungen nach zu Stande kommen. Die Antwort war eindeutig. Das medizinische Personal hat sich ganz klar positioniert und die logistischen, strukturellen und organisatorischen Punkte in den

spanischen Krankenhäusern ins Feld geführt. Durch diese Gegebenheiten ist es den spanischen Ärzten und Ärztinnen möglich, gut eingearbeitet den genauen Ablauf der Transplantation zu kennen, genug Zeit für die Angehörigengespräche zu haben und die richtigen Schritte zügig einzuleiten.5 Wie sieht das aktuell in Deutschland aus? Das hat im Herbst 2018 eine groß angelegte Studie unter Leitung von Wissenschaftler*innen des Universitätsklinikums Schleswig-­Holstein in Kiel in Zusammenarbeit mit der DSO (Deutsche Stiftung Organtransplantation) untersucht. Die Forscher*innen haben analysiert, wie sich die Zahlen an potenziellen Spender*innen zu den tatsächlich durchgeführten Transplantationen in den Jahren 2010–2015 verhalten haben. Dafür werteten sie 112 Millionen vollstationäre Behandlungsfälle aus, um mögliche Organspender*innen zu identifizieren. Als mögliche Spender*innen gelten Patient*innen, die durch eine Hirnschädigung sterben und gleichzeitig eine Beatmungstherapie erhalten, sowie keine Kontraindikationen für eine Transplantation aufweisen. Obwohl eine Zunahme möglicher Spender*innen bei der Auswertung der Daten festgestellt werden konnte, sind die Zahlen an realisierten Meldungen an die Deutsche Stiftung Organtransplantation zurückgegangen. Diese Studienergebnisse legen nahe, dass der zunehmende Organspendemangel nicht durch einen Mangel an möglichen Spender*innen erklärt werden kann. Das Problem scheint vielmehr durch ein Meldedefizit in den Entnahmekrankenhäusern zu Stande zu kommen. Für das Jahr 2015 berechneten die Wissenschaftler*innen die theoretisch realisierbare Anzahl an Transplantationen und kommen auf 33,8 Organspenden pro einer Million Einwohner.6 Zahlen, wie wir sie aus Eurotransplant-­ Mitgliedsländern wie Belgien oder Kroatien kennen, die das Feld bislang mit anführen. Die Kieler Forscher*innen sprechen somit die Empfehlung aus, den Ablauf und die Strukturen in den Krankenhäusern zu verbessern, um höhere Zahlen an Organspenden zu erreichen. Damit unterstreichen sie Fakten basiert und auf Deutschland be-


Gesellschaft und Gesundheit

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wird – dann schaut euch auch gerne unsere anderen Folgen an, die ihr auf den Podcast Plattformen Spotify, Deezer, Apple Podcasts, audio now und unserer Website www.heileweltpodcast.com findet.

Fußnoten zogen, die Ratschläge der spanischen Kolleginnen und Kollegen. Folge dieser Arbeit ist eine Änderung des Transplantationsgesetzes, das am 1. April 2019 in Kraft getreten ist und das längst nicht so hohe Wellen geschlagen hat wie die Debatte um die Widerspruchslösung. Das neue Gesetz zur Verbesserung der Zusammenarbeit und Strukturen bei der Organspende (GZSO) sieht vor, dass die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken durch mehr Zeit, geregelte Bezahlung und mehr Befugnisse gestärkt werden. So wird die Position des/der Transplantationsbeauftragte*n gestärkt und somit ernsthaft in den Klinikalltag integriert. Die Entnahmekrankenhäuser sollen besser vergütet und verpflichtet werden, durch ein Qualitätssicherungssystem die Spender*innenerkennung und -meldung transparent zu dokumentieren, um zukünftig die Auswertung der Daten zu vereinfachen und zu sehen, in welchen Kliniken noch Probleme liegen. Hier sieht der Leiter der Studie Dr. Kevin Schulte den besten und wichtigsten Punkt des ganzen Gesetzes, erklärt er uns in unserem Podcast-Interview. Es sei wichtig, den Kliniken auf die Finger zu gucken, um dann hier Unterstützung zu leisten und Änderungen vornehmen zu können. Seiner Meinung nach, hätte diese Transparenzschaffung sogar noch schärfer geschaltet werden können, da das aktuelle Gesetz noch keinen Mechanismus zur Sanktionierung vorsieht, falls bei der Qualitätssicherung doch etwas schief oder nicht transparent läuft. Das GZSO sieht außerdem vor, dass ein neurologischer/neurochirurgischer Rufbereitschaftsdienst eingerichtet werden soll, um auch an kleineren Krankenhäusern ohne neurologische/neurochirurgische Fachabteilung eine Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls jederzeit durchführen zu können. Des Weiteren ist es ab jetzt möglich, dass anonymisierte Schreiben der Organempfänger*innen an die Angehörigen der Spenderin oder des Spenders geschickt werden können.7

Dr. Kevin Schulte sieht in dem neuen Gesetz eine gute Zielrichtung um die Probleme zu lösen und sagt in unserer Podcastfolge „dass das GZSO sicher das wesentlichere Gesetz ist, um mehr Organspenden in der Zukunft zu akquirieren, da es dort ansetzt, wo die Probleme bestehen. Die Entscheidungslösung allerdings zu ändern, ist ein Schritt in einem Bereich, wo wir gar nicht die Notlage sehen.“ Peter Dabrock, Vorsitzender des deutschen Ethikrats, sieht das ähnlich und plädiert dafür die Dinge nacheinander anzugehen und sie nicht miteinander zu vermischen: „Wir haben noch überhaupt nicht gesehen, ob diese Dinge tatsächlich von Erfolg sind oder nicht. Erst wenn das der Fall ist, sollte man sich daran machen, die Frage, ob Menschen dazu gezwungen werden, wenn sie nicht widersprechen, Organspender zu sein, anzugehen. Ich glaube, [dass] dieses hohe Gut der Integrität des menschlichen Körpers, der Selbstverfügung über den eigenen Körper an dieser einen Stelle nicht aufgegeben werden sollte, bevor man die anderen Dinge nicht getan hat.“8 Wie dieses Strukturgesetz die Zahlen zukünftig beeinflusst und ob dadurch mehr Patient*innen durch eine Organtransplantation geholfen werden kann, wird die Zukunft zeigen. Wir sind auf jeden Fall gespannt und hoffen, euch einen kleinen Einblick in die Thematik gegeben zu haben. Wenn ihr mehr darüber wissen wollt, wie das Ganze konkret abläuft, wo die Probleme im Ablauf genau liegen und wie eigentlich die große logistische Aufgabe bei einer Organtransplantation gemeistert wird, dann hört gerne rein in unsere Podcast-­Folge zum Thema Organtransplantation. Falls ihr euch außerdem schon immer mal gefragt habt, wie wohnungslose Menschen medizinisch eigentlich versorgt werden und wer die Finanzierung übernimmt, wie ein Schwangerschaftsabbruch durchgeführt wird oder wie künstliche Intelligenz unseren Arbeitsalltag in Zukunft verändern

1 Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): www.organspende-info.de/zahlen-und-fakten/statistiken.html 2 www.deutschlandfunk.de/­ widerspruchsloesung-bei-organspende-tiefereingriff-in-das.694.de.html?dram:article_id=427180 3 www.bundestag.de/dokumente/­ textarchiv/2019/kw26-de-organspende-646302 4 Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): BZgA Repräsentativbefragung www.organspende-info.de/zahlen-und-fakten/ einstellungen-und-wissen.html 5 www.deutschlandfunk.de/organspendendebatte-wir-­haetten-eigentlich-potenziell.694. de.html?dram:article_id=445191 6 Schulte et al., Rückgang der Organspenden in Deutschland: eine bundesweite Sekundärdatenanalyse aller vollständigen Behandlungsfälle, 9.7.2018, deutsches Ärzteblatt, JG. 113, Heft 27-­28 www.aerzteblatt.de/archiv/198873/Rueckgang-­der-­ Organspenden-­in-­Deutschland 7 www.bundesgesundheitsministerium.de/gzso. html 8 www.deutschlandfunk.de/­ widerspruchsloesung-bei-organspende-tiefereingriff-in-das.694.de.html?dram:article_id=427180

Pia Sophie Schüler 9. Semester Humanmedizin, Köln. Madeleine Sittner 7. Semester Humanmedizin und 5. Semester Sportwissenschaften, Leipzig. Heile Welt Podcast www.heileweltpodcast.com


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Klimakrise – Ein Problem der Verdrängung und Verleugnung? Unsere Erde ist in Lebensgefahr und damit sind wir es als Menschheit auch

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ir befinden uns auf einem Kurs, auf dem uns in den kommenden Jahren global und lokal Katastrophales erwartet: Mit dem Alltagsleben nicht zu vereinbarende Hitze, Hunger, Überschwemmungen, Waldbrände, Wassermangel, sterbende Ozeane, Verminderung der Luftqualität, ökonomischer Kollaps, klimabedingte Konflikte und Kriege – ein kompletter Zusammenbruch des derzeit vergleichsweise geordneten Lebens, wie wir es gewohnt sind. Von Lea Dohm

Was zu tun ist, ist klar. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu existieren seit Jahrzehnten. Dennoch sind die politischen und gesellschaftlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakatastrophe bisher völlig unzureichend. Wie kommt das?

nommen aber erst einmal gesund und normal.

Verdrängung und Verleugnung

Die Klimakrise führt uns an alle existenziellen Themen, die wir im Alltag gerne ausblenden möchten: Unsere eigene Sterblichkeit, die Sterblichkeit unserer Kinder und die Vergänglichkeit allen Seins.

Wer die Tragweite der Klimakrise begreifen will, sieht sich einer Vielzahl schwierigster Gefühle ausgesetzt. Angst, Panik, Trauer, Sorge um Kinder und Enkel, Wut, Ärger, Verzweiflung, Schuld – die Reihe ließe sich lange fortsetzen. Diese Gefühle können sich überwältigend anfühlen und Symptome bis hin zur psychischen Erkrankung auslösen. Sie sind sehr schwer erträglich, für sich ge-

Wenn wir Menschen mit derart schwierigen Gefühlen konfrontiert werden, beginnt unsere Psyche mit Abwehrarbeit, um ein ausreichendes Funktionsniveau aufrecht zu erhalten oder wiederherzustellen. Dies kann sich so äußern, dass wir uns wie betäubt fühlen oder plötzlich das Bedürfnis haben, einen Witz zu machen. Wir denken lieber über die geplante Geburtstagsfeier

am nächsten Wochenende nach als über Tod, Sterben und Umweltkatastrophen. Wir verdrängen. Die psychische Reaktion auf das Gewahrwerden der Klimakrise ist vergleichbar mit der Bewältigung einer eigenen lebensbedrohlichen Erkrankung oder dem drohenden Verlust eines nahen Angehörigen. Die Erkenntnis an sich kann als traumatisch erlebt werden. Wer über weniger psychische Ich-Funktionen1 verfügt, kann nicht verdrängen, sondern muss die Bedrohung verleugnen: Dies kann auf unterschiedlichste Art und Weise geschehen, wie durch das Abwerten der Quelle, durch das Heranziehen schlechter Vergleiche und vieles mehr. Für die Aufrechterhaltung des eigenen Funktionsniveaus kann es nötig werden, Realitäten komplett auszublenden. Während bei der Verdrängung die Bedrohung noch zumindest vorbewusst wahrgenommen bleibt, kann die Verleugnung bis zur vollständigen Ausblendung der Realität reichen.

Warum es so schwer ist, ins Handeln zu kommen Angst kann lähmen. Die Psyche ist unter Angst darauf ausgelegt, zunächst wieder einen sicheren Boden zu finden. Den bietet zum Beispiel der unverfängliche Alltag, der uns parallel zu Klimathemen begleitet: Wochenendplanungen, Alltägliches und Banales aus unserem täglichen Miteinander. Nach einem schwierigen Gespräch über die Klimakrise kann es geradezu erleichternd sein, sich abends auf der Couch Netflix-Fantasiewelten oder ähnlichem hinzugeben. Die Gefühle werden so wieder unter den sicheren Teppich gebracht. Eine weit größere Gruppe als die auffallenden Klimakrisenleugner zeichnet sich aus durch „Klimaschweigen“: Viele Men1 Gemeint sind hier im psychoanalytischen Sinne psychische Funktionen, die für die Organisation des Selbst und seiner Beziehungen zu inneren und äußeren Objekten erforderlich sind.


Klimawandel

Abschließend

schen wissen oder ahnen, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse wahr sind und haben die Befürchtung, dass die Katastrophe sowieso nicht mehr aufgehalten werden kann. Statt sich aber mit dieser Angst weiter auseinanderzusetzen, flüchten auch sie in ihren Alltag, vermeiden das Thema selbst unter Freunden und Familien.

Die Möglichkeit, unsere Erde aus dem Weltall zu betrachten und als geschlossenes System zu begreifen, veränderte unsere Wahrnehmung erheblich. Science-Fiction Filme zeigen uns Szenarien, wie die Menschheit zu anderen Planeten aufbricht, um dort neuen Lebensraum zu schaffen. Die reale Umsetzung derartiger Umzugsszenarien bleibt unmöglich. Wie sollen wir es schaffen, auf einen anderen Planeten umzuziehen, wenn wir es nicht einmal schaffen, New Orleans rechtzeitig vor dem Eintreffen von Hurrikan Katrina zu evakuieren?

Das Schweigen kann das psychische Gleichgewicht wiederherstellen – es hat jedoch Begleiterscheinungen: Es hilft anderen, selbst die Verdrängung aufrecht zu erhalten (Bystander Effect) und verhindert die nachhaltige Bewältigung der eigenen Angst.

Aktionsgruppen Selbst in Aktionsgruppen gegen die Klimakrise (zum Beispiel sämtliche „for Future“ Gruppierungen, Extinction Rebellion, Ende Gelände) bleibt die emotionale Verarbeitung der Krise eine Herausforderung. So kann das Mitlaufen in einer entsprechenden Mailingliste oder einer WhatsApp-Gruppe bereits die eigenen Ängste und das Gewissen beruhigen und wiederum zur Tatenlosigkeit führen. Viele Gruppen der „for Future“ Bewegung beklagen beispielsweise einen hohen Anteil an „stillen Mitlesern“, die dann bei geplanten gemeinschaftlichen Aktionen oder zu erledigenden Aufgaben doch niemals konkret in Erscheinung treten. Aktiv zu werden und zu bleiben, bedeutet die permanente innere Auseinandersetzung mit der Klimakrise und kostet daher erhebliche psychische Kraft. Psychische Abwehrprozesse sind bei Kindern und Jugendlichen übrigens noch deutlich durchlässiger und flexibler – sicher eine von vielen Ursachen, warum es den Jugendlichen der Fridays for Future so vorbildlich gelingt, ihre Klimastreiks und anderen Aktivitäten über längere Zeit aufrecht zu erhalten. Aber wir dürfen sie mit dieser Mammutaufgabe und den damit verbundenen Belastungen nicht alleine lassen! Hier droht schädliche Parentifizierung, das heißt das Zuschreiben von Verantwortung an diejenigen, für die wir Erwachsenen verantwortlich sind.

Was tun? Die Klimakrise ist ein psychologisches Problem, denn sie wird individuell und kollektiv massiv unterschätzt trotz erdrückender existenzieller Bedrohlichkeit. Sie

Die Erde ist und bleibt unsere Heimat und unsere Existenzgrundlage.

ist zudem ein medizinischer Notfall. Die Allianz für Klimawandel und Gesundheit (KLUG) schreibt, „dass der Klimawandel eine wichtige Herausforderung für den Gesundheitssektor ist und zum Zielpunkt des Handelns werden muss. (…) Wenn wir nicht entschieden und schnell gegensteuern, ist die menschliche Zivilisation in Gefahr“. Der Weltärztebund hat dazu aufgerufen, Klimawandel als prioritär auf die Tagesordnung der Gesundheitsorganisationen zu setzen.

• www.klimawandel-gesundheit.de • www.psychologistsforfuture.org • www.scientists4future.org • Film: An Inconvenient Sequel: Truth to Power (2017), Regie: Bonni Cohen, Jon Shenk

Es ist ein Segen, dass inzwischen verschiedenste Gruppierungen existieren, die sich der Bekämpfung der Klimakrise angenommen haben (Fridays / Parents / Students / Psychologists for Future, KLUG, Extinction Rebellion und viele mehr). Sich einer solchen Gruppe anzuschließen, durchbricht die Einsamkeit, die das Gewahrwerden der Katastrophe mit sich bringen kann. Es macht zudem handlungsfähig und schafft ein Austauschforum für weitere Schritte. Es hilft, unsere fragile Psyche wieder zu stabilisieren und Gemeinschaft zu schaffen. Dort dann tatsächlich auch aktiv in Erscheinung zu treten, erfordert Mut und bedeutet die anhaltende innere Auseinandersetzung mit existenziellen Themen, mit unserer Sterblichkeit und unseren Ängsten. Aber sie hilft still und leise gleichzeitig zu deren Bewältigung und kann eine neue Tiefe des eigenen Erlebens entstehen lassen: Ein Erleben, das mehr auf den Moment, auf Entschleunigung, auf Gemeinschaft und Authentizität ausgerichtet ist.

Lea Dohm Dipl.-Psych., Psych. Psychotherapeutin, Niedersachsen Mitbegründerin der „Psychologists/ Psychotherapists for Future“

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Klimawandel

Atomenergie, Klima und Müll Interview mit Dr. Barbara Hövener

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r. Barbara Hövener ist Gründungsmitglied der deutschen IPPNW und war bereits in verschiedenen Funktionen für die Organisation tätig. So war sie längere Zeit International Councillor und im deutschen Vorstand der IPPNW. Derzeit ist sie Sprecherin der Berliner IPPNW-Regionalgruppe und arbeitet im Arbeitskreis Atomenergie mit. Redaktionsmitglied Ewald Feige führt mit ihr ein Interview über den derzeitigen Stand der Stilllegung der AKWs, die Entsorgungsproblematik hinsichtlich radioaktiver Substanzen und das Verhältnis von Atomenergie zur Klimadiskussion.

Amatom: Liebe Barbara, Du hast nun schon fast Dein ganzes Leben lang gegen die Gefahren der Atomenergie gekämpft, bist Du froh, dass die AKWs bald alle abgeschaltet werden? Das wäre schön! Aber leider ist das nicht der Fall. In Deutschland sollen die AKWs zwar bis Ende 2022 abgeschaltet werden, aber die Brennelemente Fabrik in Lingen und die Urananreicherung in Gronau dürfen unlimitiert weiter laufen. In Europa und der gesamten Welt sind wir von einem Atomausstieg weit entfernt. Aktuell laufen derzeit 415 AKWs. Obwohl die Zahl der Reaktoren rückläufig ist, ist die Stromproduktion gestiegen, da die Reaktoren zum Teil größer geworden sind. Wenn man sich den World Nuclear Industry Status Report (WNISR) von Mycle Schneider 2019 ansieht, kann man feststellen, dass die Anzahl der Atomkraftwerke, die weltweit in Betrieb sind seit 2002 von 438 auf 415 zurückgegangen ist. Die Kernkraftwerke erzeugen heute in 31 Ländern Strom und haben dabei einen Anteil von rund 10 % an der weltweiten kommerziellen Stromerzeugung. Wohingegen die Erneuerbaren Energien 26 % der globalen Stromerzeugung 2019 geliefert haben. (Global Status Report) Amatom: Es wird jetzt

Ewald Feige in der Klimadebatte zuIPPNW-Geschäftsstelle nehmend behauptet, wir

müssten unsere AKWs

zum Schutz des Klimas weiter laufen lassen, bzw. neue klimaneutrale AKWs bauen. Was sagst Du dazu? Die Zahlen der Pariser Klimakonferenz von 2015 mit dem Ziel, den CO2-Ausstoß auf 1,5 % Erwärmung zu begrenzen sagen, dass es vorübergehend noch nötig sei, die Atomkraftwerke weiter laufen zu lassen, um dieses Ziel zu erreichen. Dabei darf man nicht vergessen: Je älter ein Atomkraftwerk wird, umso störanfälliger wird es auch. Abnutzung und Korrosion spielen eine große Rolle. Die Gefahren eines Unfalls werden immer größer. Außerdem gefährden die durch den Klimawandel vermehrt auftretenden Unwetter Ereignisse mit Starkregen, Wirbelstürmen, Überschwemmungen etc. zusätzlich die Sicherheit der Atomkraftwerke, die wegen der permanenten Kühlung, der sie bedürfen, meistens am Meer oder Flüsse angesiedelt sind. In Fukushima kam es zur Kernschmelze, weil die Kühlung nicht mehr gewährleistet war. Auch den bei längeren Laufzeiten anfallenden Atommüll darf man nicht vergessen. Du hast mich gefragt, ob die Atomkraftwerke klimaneutral sind, oder ob man klimaneutrale neue bauen kann. Das ist keineswegs der Fall. Bei der Beurteilung der Klimaneutralität muss die gesamte „nukleare Kette“ vom Uranabbau bis zum Atommüll berücksichtigt werden. Es gibt Berechnungen, wo je nach dem Uran-Gehalt des Erzes zwischen 88 und 146 Gramm CO2 pro Kilowattstunde freigesetzt werden.

In Deutschland wird kein Uran mehr abgebaut. Nach der Wiedervereinigung wurde die Arbeit der Wismut AG, die dafür zuständig war, eingestellt. Für die Sanierung des Gebietes wurden bisher Milliardenbeträge in Euro verbraucht und weitere werden folgen. Der Abbau des Urans findet häufig in Gegenden statt, wo indigene Völker leben oder Länder mit totalitären Regierungen wie in Afrika z. B. Namibia, Niger, Süd­afrika und noch einige andere. Die indigene Bevölkerung wir ausgebeutet, hat keinen gesundheitlichen Schutz. Es werden große Areale verseuchtes Land hinterlassen. Der derzeitige größte Produzent von Uran ist Kasachstan. Der Uranbergbau ist insgesamt sehr unübersichtlich. Die großen Konzerne haben überall, wo es Minen gibt, ihre Beteiligungen. Das Geflecht der Firmen mit ihren Subunternehmen ist schier unüberschaubar. Außerdem wird es überwiegend geheim gehalten. Auf die Frage, woher Gronau sein Uran bezieht, lautete die Antwort: „Das unterliegt der Geheimhaltung“. Zu Deiner Frage, ob der Bau neuer Atomkraftwerke dem Klima hilft, kann ich nur NEIN sagen. Der Bau neuer Kernkraftwerke würde zudem viel zu lange dauern, um Einfluss auf das Klima nehmen zu können. Wenn man mal hinterfragt wie lange es heute dauert, bis ein AKW in Betrieb gehen kann, ist zum Beispiel an dem im Bau befindlichen Druckwasserreaktor in Flamanville/ Frankreich zu sehen. Baubeginn war 2007. Geplant war, dass er 2012 an das Netz geht. Neuer Termin ist nun 2022! Die längste Konstruktionszeit für einen AKW-Neubau war in Russland mit 35 Jahren. Zusätzlich explodieren dann die Kosten. Für Flamanville wurden gerade die Investitionen um 1,5 Milliarden Euro erhöht, auf eine Gesamtsumme von derzeit 12 Milliarden. Fazit ist: Die Atomenergie ist längst viel teurer als die „Regenerativen Energien“. Diese können auch viel schneller ans Netz gehen. Noch ein Wort zu den Reaktoren der sogenannten vierten Generation wie z. B. die Flüssigsalzreaktoren (Molton Salt Reactor). Diese arbeiten mit Thorium als Brennstoff und einer Aufarbeitungsanlage, die ein fester Bestandteil des Reaktors ist. Durch diese ist es leichter möglich, an bombenfähiges Material zu kommen, als bei den alten Modellen. Ein Thorium­reaktor produziert zwar


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wenige und kürzer strahlenden Atommüll als ein Uranreaktor, dafür strahlt er stärker. Amatom: Warum wird Deiner Meinung nach diese teure Variante immer wieder diskutiert? Weil die Atomkraftwerke den Stoff haben, mit dem es möglich ist, Atomwaffen zu bauen. Dies wird in der Öffentlichkeit viel zu wenig wahrgenommen. Zu Beginn des Atomzeitalters wurde Wert darauf gelegt, zwischen der zivilen und militärischen Nutzung der Atomenergie zu unterscheiden. Nach Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki geriet die Atomtechnologie in Verruf. Um sie zu retten, wurde intensiv Propaganda für die „friedliche“, also „gute“ Nutzung der Atomtechnologie gemacht. Die AKWs waren aber Voraussetzung für den Bau von Atombomben und so musste man nicht teure und imageschädigende militärische Reaktoren betreiben. Erst nachdem immer mehr Atomkraftwerke abgeschaltet wurden, und einige Neubauprojekte aus wirtschaftlichen Gründen abgebrochen wurden, stützt man sich bei der militärischen Nutzung nun auch öffentlich auf das „Know How“ der zivilen AKWs. Auch möchte man weiter im „Atomgeschäft“ bleiben. Amatom: Warum sollen wir uns denn weiterhin um das Thema Atomenergie kümmern, die jüngere Generation sieht das doch eher als Schnee von gestern an? Auch wenn wir heute das letzte AKW abschalten würden, müssten wir uns weiterhin Gedanken darüber machen, wie wir den vorhandenen Atommüll mehrere Millionen Jahre möglichst sicher lagern können. Zurzeit lagert der hoch radioaktive Müll in sogenannten Zwischenlagern, die in der Mehrzahl auf dem Gelände der Atomkraftwerke sind. Diese Zwischenlager haben eine Genehmigung für 40 Jahre, die auslaufen werden, bevor ein Endlager gebaut worden ist, geschweige denn der Standort für ein solches bestimmt wurde.

denn der Atommüll muss mehrere Millionen Jahre sicher gelagert werden. Weltweit gibt es bisher ein solches Lager jedoch nicht. Wie und ob es zu realisieren ist, ist auch umstritten. In Deutschland wird auf eine Tiefenlagerung gesetzt, ob mit oder ohne Rückholbarkeit ist umstritten.

zu überzeugen, das Atomwaffen in ihrer Anwendung illegal und sofort abzuschaffen sind.

Derzeit wird ein Standort für ein tiefengeologisches Lager für hoch radioaktiven Atommüll gesucht.

Amatom: Damit dieses Interview nicht zu lang wird, haben wir den wichtigen Aspekt des Freimessens radioaktiven Mülls hier nicht angesprochen, da dieses Thema ausführlich im amatom Nr. 27 behandelt wurde. Das Freimessen ist die Voraussetzung für die Freigabe dieses Materials für beispielsweise die Wiederverwertung als Wertstoff ist.

Amatom: Also müssen wir uns noch weiter mit dem Thema Atommüll beschäftigen. Und wohin soll der ganze Müll, der beim weiteren Rückbau der demnächst abgeschalteten Kraftwerke anfällt?

Es ist an der Zeit, sich darüber zu informieren und sich einzumischen. Um den Einstieg dafür zu erleichtern, organisiert die IPPNW zusammen mit den Organisationen vom Atommüllreport einmal im Jahr eine Sommerakademie, in der sich junge Menschen fünf Tage intensiv und interdisziplinär mit diesem wichtigen Thema beschäftigen. Ausgewiesene Expertinnen und Experten geben eine Einführung in die Probleme beim Umgang und der Lagerung radioaktiver Abfälle. Ich kann das für den Einstieg nur empfehlen. (www.atommuellreport.de/ projekte-termine/sommerakademie)

Das eigentliche Problem der möglichst sicheren Lagerung des Atommülls betrifft insbesondere die nächsten Generationen,

Außerdem ist es noch ein langer Weg, um die atomwaffenbesitzenden Länder und ihre Unterstützer (wie z. B. Deutschland) davon

Für das Klima benötigen wir dringend Speicher, um über die sogenannten „Dunkelflauten“ zu kommen.

Vielen Dank für das Gespräch. Das Interview führte Ewald Feige.

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Klimawandel

Klimagerechtigkeit jetzt „Ende Gelände“ in den Braunkohle-Tagebauen

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ls ich im Juni 2019 mit etwa sechshundert anderen „Ende-Gelände”-Aktivist*innen auf den Gleisen vor dem Kohlekraftwerk Neurath im Rheinland sitze, fühlt sich das genau richtig an. Wir sind genug Menschen, um die Züge, die Braunkohle ins Kraftwerk transportieren sollen, zu blockieren und stellen uns damit einer der größten CO2-Quellen Europas entgegen – insgesamt für über vierzig Stunden. Innerhalb dieser vierzig Stunden schaffen es andere Gruppen von Aktivist*innen, auf Zufahrtsstraßen, auf weitere Schienen oder in den gigantischen Tagebau zu gelangen, wo die Kohle abgebaut wird. Insgesamt 6.000 Menschen sind an den Blockaden direkt oder unterstützend beteiligt. Von Anne Glaser

Weitere Klimazerstörung aktiv zu verhindern, ist die einzige angemessene Antwort auf die Klimakrise, die ich geben kann. Das gelingt uns als „Ende Gelände“ immer wieder, wenn auch nur für einen kurzen Zeitraum: Durch die Blockade mit unseren eigenen Körpern im Juni konnten wir den Ablauf beim Kohlekonzern RWE stören und damit direkt in die Zerstörung unseres Klimas eingreifen – ohne auf politische Entscheidungen oder schwache Kompromisse hoffen zu müssen, nach dem Motto: Klimaschutz ist Handarbeit. Trotzdem handelt es sich bei den Blockaden von „Ende Gelände“ um eine politische Aktion. Wir erzeugen Aufmerksamkeit durch unsere Bereitschaft, Recht zu brechen und Strafen in Kauf zu nehmen, um zu verhindern, dass weiter (rechtlich geschütztes) Unrecht geschieht. Diese Aufmerksamkeit ist es, die für Wirkung der Aktion weit über die Stunden der unmittelbaren Blockade hinaus sorgt und Reaktionen erzeugt, die hoffentlich eines Tages zur Abschaffung der von uns offensichtlich gemachten Ungerechtigkeiten und Skandale führen. Hier läuft es für uns Anne Glaser Klima­aktivist*innen in letzHumanmedizin ter Zeit sehr gut: Wir erfah2. Semester ren durchweg beachtliche Tübingen Unterstützung – seien es die Streiks der „Fridays for Future“, die Blockaden von „Ende Gelände“, die Besetzung des Hambacher Walds oder andere Gruppen. Regeln zu brechen fürs Klima ist

nach Meinung vieler Menschen in Ordnung, ziviler Ungehorsam ist an der Tagesordnung und wird anerkannt. Auch die Notwendigkeit eines sehr schnellen Kohle­ ausstiegs scheint angekommen zu sein. Das war nicht immer so, und hier haben wir offensichtlich viel erreicht. Auch wenn es im öffentlichen Raum viel Unterstützung für uns gibt, sieht die politische Realität anders aus. Der Kohleausstieg ist leider immer noch ein trauriges Stichwort: Im Februar veröffentlichte die „Kohlekommission“, offiziell die „Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ ihren Abschlussbericht als Ergebnis monatelanger Arbeit. Dieser Bericht soll als Grundlage für die entscheidenden Gesetze betreffend Kohleausstieg und Klimaschutz dienen. Die Empfehlungen dieses Abschlussberichts sind niederschmetternd: Kohleausstieg Deutschlands erst 2038, keine wegweisenden Schritte in den nächsten entscheidenden Jahren, Milliarden als Entschädigung und Subventionen für die Industrie. In diesem Tempo und mit dieser Haltung sind Klimaziele nicht erreichbar. Wir haben 2019 als Anti-Kohle-Bewegung nach einer Solidaritätswelle mit der Besetzung des Hambacher Walds, nach den Streiks der Schüler*innen, gigantische Unterstützung und Zuspruch erlebt. Und trotzdem schien (und scheint), was die politische Umsetzung betrifft, alles so aussichtslos wie nie zuvor. Genau in solchen Situationen zeigt sich mir, warum und wofür wir unbedingt weiter aktiv bleiben müssen: Kein anderes Land verstromt mehr Braunkohle als Deutsch-

land. Braunkohle ist mit einem immensen CO2-Ausstoß pro Kilowattstunde – wie alle fossilen Energieträger – ein Klimakiller. Deutschland und seine Kohlekonzerne zählen damit zu den größten Klimazerstörern weltweit. Das Kraftwerk Neurath, dessen Zufahrt wir mit „Ende Gelände“ für fast zwei Tage lahmlegen konnten, ist unter den deutschen Kraftwerken das schädlichste. Die Folgen der Klimazerstörung sind heute schon global, existenziell hauptsächlich in vielen anderen Gegenden der Welt zu spüren, insbesondere in ärmeren Ländern. Deutschland und andere reiche Industriestaaten werden als Länder des globalen Nordens aufgrund ihrer geografischen Lage und vor allem aufgrund ihrer finanziellen und machtpolitischen Möglichkeiten, sich zu schützen, weniger stark von den Folgen der Klimazerstörung getroffen.1 Dieses Verhältnis, in dem Klimazerstörung in reichen Ländern produziert wird, die davon profitieren, und die untragbaren Folgen exportiert werden, heißt Klimaungerechtigkeit. Dagegen richtet sich die Klimagerechtigkeitsbewegung, zu der ich mich als EndeGelände-Aktivistin zähle. Damit wollen wir auch mehr erreichen als vereinzelte Klimaschutzmaßnahmen, denn es geht um globale Gerechtigkeit, ohne die eine befriedigende Lösung der Klimafrage nicht denkbar ist. Unter anderem deshalb konnte die Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung auch kein sinnvolles Ergebnis erzielen. Alle Mitglieder waren aus Deutschland, die meisten aus der Wirtschaft, Regierungs- oder Lokalpolitiker*innen. Die vielen Menschen, die unmittelbar an den Folgen der Klimazerstörung betroffen sind, waren nicht vertreten – mit einer Ausnahme. Aus Dörfern, die im Rheinland


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Ende Gelände „Ende Gelände“ wurde im Jahr 2014 als Bündnis gegen Braunkohle gegründet. Seit 2015 tritt „Ende Gelände“ mit Massen­aktionen in Erscheinung, bei denen Hunderte bis Tausende Menschen Kohle­infrastruktur wie etwa Schienen, Gruben, Bagger, Kraftwerke besetzen und blockieren. Die Aktionen werden meist offen angekündigt und im Rahmen eines Aktionskonsens durchgeführt, der enthält, wie weit die Aktivist*innen in der Aktion gehen. Entscheidungen trifft „Ende Gelände“ auf regelmäßig stattfindenden Bündnis­ treffen. In vielen Städten existieren „Ende Gelände“-Lokalgruppen.

und in der Lausitz der Braunkohle weichen müssen2, saßen zwei Vertreterinnen mit am Tisch. Von einer dieser Betroffenen kam die einzige Gegenstimme gegen den Abschlussbericht.3

bedrohte Dörfer zusammenschließen, und andere Gruppen waren allen Spaltungsversuchen zum Trotz gemeinsam im Rheinland aktiv.

Aus der Klimagerechtigkeitsbewegung gab es sofort Proteste gegen den untragbaren Vorschlag der Kohlekommission. Unter anderem wurden Tagebaue in der Lausitz und im Rheinland besetzt. Für 18 der Aktivist*innen aus der Lausitz endete die Aktion in Untersuchungshaft, mit dem Vorwurf des Hausfriedensbruchs. Im Rheinland wurden sieben Menschen für bis zu sieben Tage in Polizeigewahrsam festgehalten. Eine Ingewahrsamnahme durch die Polizei für so einen Zeitraum ohne richterliche Anhörung war erst knapp einen Monat zuvor durch die Einführung des neuen Polizeigesetzes in NRW möglich geworden.4 Dieses Gesetz wurde damit in seiner ersten Anwendung gegen eine soziale Bewegung eingesetzt.

Wie wir eine gemeinsame Aktionsgrundlage schaffen können, diskutieren wir auf Bündnistreffen, in Telefonkonferenzen, auf Strategietreffen. Auf den Klimacamps, die regelmäßig im Sommer stattfinden, auf Summerschools und natürlich in unseren Lokalgruppen und Organisationen erarbeiten wir und viele andere, wie globale Klimagerechtigkeit und eine gute Zukunft für alle aussehen können. Wir versuchen schon jetzt, in unseren Prozessen Basisdemokratie umzusetzen, unser Rede- und Repräsentationsverhalten zu hinterfragen und eigene sexistische und rassistische Verhaltensmuster zu erkennen und zu ändern. Alle diese Prozesse und Treffen sind offen und neue Stimmen herzlich willkommen.

Parallel dazu wurde und wird immer wieder versucht, die Klimagerechtigkeitsbewegung durch den Vorwurf des Extremismus einzelner Akteur*innen zu spalten. Mich freut, dass wir darauf im Juni die richtige Antwort gefunden haben: „Ende Gelände“, „Fridays for Future“, das Bündnis „Alle Dörfer bleiben“, in dem sich durch die Tagebaue

Dass unsere Forderungen radikal sind, ist für mich selbstverständlich. Wenn wir globale (Klima-)Gerechtigkeit und Klimaschutz erreichen wollen, brauchen wir tief greifende gesellschaftliche Veränderungen. Für Klimagerechtigkeit zu sein, bedeutet auch, antirassistische, feministische, antiklassistische und andere Kämpfe gegen strukturelle

Ende Gelände versteht sich seit der Gründung als Teil der Klimagerechtigkeitsbewegung. Verursachung und Folgen der Klimazerstörung sind global ungleich verteilt: Meist sind die Hauptverursacher*innen am wenigsten von den Folgen betroffen. Diejenigen, die am wenigsten zur Klimazerstörung beitragen, sind ihnen oft besonders ungeschützt und stark ausgesetzt. Ein Zusammenhang besteht vor allem mit der ökonomischen Situation. Während etwa klimaschädliche Emissionen vor allem in reichen Regionen produziert werden, treffen die Folgen ärmere Länder, insbesondere im globalen Süden, bereits jetzt und besonders hart. Solche Verhältnisse von Ungerechtigkeit bestehen aber auch innerhalb von Städten, wenn beispielsweise ärmere und marginalisierte Viertel schlechter vor Extremwetterereignissen geschützt sind, ohne maßgeblich für die Verursachung von Treibhausgasen verantwortlich zu sein. Neben ökonomischen Faktoren sind Rassismus, Sexismus und Imperialismus untrennbar mit der Verteilung der Klimafolgen verwoben. Gegen diese „Klima­ ungerechtigkeit“ (weiter gefasst: „Umweltungerechtigkeit“) richtet sich die globale Klimagerechtigkeitsbewegung. In Deutschland zählen sich neben Ende Gelände verschiedene Umweltgruppen, Soziale Bewegungen und Aktivist*innen dazu.

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Klimawandel

Unterdrückung zu führen oder zumindest zu unterstützen. Und nicht zuletzt brauchen wir ein schnelles Ende des Kapitalismus, denn er beruht auf Wachstum, Energiehunger und Ausbeutung. Mit einer gerechten Welt und mit einer nachhaltigen, respektvollen Nutzung der begrenzten Ressourcen ist das nicht zu vereinbaren.

Auf der Zielgeraden sind wir noch lange nicht, und die Zeit spielt gegen uns. Doch auf der anderen Seite wird und kann es nicht ewig so weitergehen wie jetzt. Veränderungen werden passieren und es liegt an uns, dafür zu sorgen, dass sie möglichst bald geschehen und dass es die richtigen sind.

Das ändert sich auch nicht mit ein paar neuen Radwegen und mehr Recyclingpapier. Ein „grüner Kapitalismus“ ist eine Illusion. Wir stehen vor der Aufgabe, gute Schritte, die zur Zeit passen, anzuerkennen, uns aber auf keine Scheinlösungen oder schlechte Kompromisse einzulassen. Eine solche Scheinlösung wäre ein Klimaschutzgesetz auf Basis der Empfehlungen der Kohlekommission.

Fußnoten 1 Tatsächlich setzt sich „Umweltungerechtigkeit“ innerhalb von Regionen fort. Auch hier sind es häufig marginalisierte und arme Menschen, die zuerst und am heftigsten unter negativen Umweltfolgen leiden, in der Regel aber im Verhältnis weniger zu ihrer Entstehung beigetragen haben. 2 Mit der Geschichte der Braunkohle geht auch das Verschwinden von Dörfern einher. Regelmäßig werden Bewohner*innen umgesiedelt, die Dörfer „devastiert“ und schließlich abgebaggert. Oft wird durch die Konzerne psychischer Druck auf Bewohner*innen ausgeübt, die nicht freiwillig umziehen wollen. 3 Einige weitere Mitglieder, etwa aus Umweltverbänden, stimmten dem Bericht mit einem

Sondervotum zu, „um den klimapolitischen Stillstand Deutschlands der letzten Jahre zu durchbrechen“. Sie bejahten zwar den „Einstieg in den Ausstieg“, lehnten aber das Kohleausstiegsdatum 2038 und die unkonkreten Bestimmungen ab 2023 ab. 4 Der Landtag NRW verabschiedete Ende 2018 ein umstrittenes neues Polizeigesetz. Die Befugnisse der Polizei wurden ausgeweitet und beispielsweise die Überwachung verschlüsselter Messengerdienste durch die Polizei, „strategische Fahndung“ oder die elektronische Fußfessel ermöglicht. Für soziale Bewegungen und Aktionen des zivilen Ungehorsams sind besonders zwei Änderungen dramatisch: Der Unterbindungsgewahrsam zur Verhinderung einer unmittelbar bevorstehenden Straftat wurde von maximal 48 Stunden auf bis zu zwei Wochen mit einer Verlängerungsoption um weitere zwei Wochen ausgeweitet. Bis zu einer Woche, wie im Februar geschehen, kann in Gewahrsam genommen werden, wer die eigene Identität nicht preisgibt, wie es bei „Ende Gelände“ meist praktiziert wird.


Autoritärer Staat

Kriminalisierung von Bewegungen Beobachtungen und Erklärungsansätze zu dem Verhältnis zwischen Regierung und Bürger*innen

A

us dem Bereich der Psychologie ist bekannt, dass Menschen auf bedrohliche Ereignisse reagieren, indem sie sich ihnen entweder zuwenden (Sensitizer) oder von ihnen abwenden (Repressor).[1] Diese grundsätzlichen Verhaltensstile lassen sich auch auf den Umgang unterschiedlicher Akteure mit gesellschaftlichen Entwicklungen ausweiten und können zur Erklärung eben dieser mit herangezogen werden. Von Jeremia Weber

Auf der Ebene oberhalb der Individuen lassen sich die an den gesellschaftlichen Entwicklungen beteiligten Akteure unterscheiden in staatliche (Parlamente, Gerichte, Exekutivorgane) und nicht-staatliche. Unter letztgenannte fallen auch die sozialen Bewegungen. „Unter einer sozialen Bewegung, auch kurz Bewegung, wird in den Sozialwissenschaften ein kollektiver Akteur oder ein soziales System verstanden, der bzw. das unterschiedliche Organisationsformen umfasst und mit unterschiedlichen Mobilisierungs- und Handlungsstrategien versucht, gesellschaftlichen Wandel zu beschleunigen, zu verhindern oder umzukehren.“[2] . Die im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts entstandenen Neuen Sozialen Bewegungen (NSB) stellen dabei Fragen nach politischem Wandel und Partizipation, integrieren aber auch gruppenspezifische Interessen.[3] Die Forderungen und Interessen der aus der sog. Außerparlamentarischen Opposition (APO) hervorgegangenen NSB wurden in den Regierungskreisen und deren Handeln nicht abgebildet, weshalb sie von Anfang an zu ihnen im Widerstreit stand. Die staatlichen Strukturen reagieren im psychologischen Sinne als Repressoren, sie wenden sich von dem Problem ab und zeigen sich veränderungsunwillig. An dieser Stelle treffen sich zwei unterschiedliche Definitionen von Repression. Neben der o. g. psychologischen existiert eine politische-sozialwissenschaftliche Definition, die Repression als „[gewaltsame] Unterdrückung von Kritik, Widerstand, politischen Bewegungen, individueller Entfaltung, individuellen Bedürfnissen“[4] beschreibt. Im aktivistischen Setting ist der Begriff „Repression“ stark politisch aufgeladen. In dem v. a. durch Demonstrationen und kreative Aktionen

abweichend vom allgemeinen Verständnis, definiert. An den Stellen, an denen das bisherige Vokabular zur Rechtfertigung staatlichen Handelns nicht ausreicht, wird durch die Einführung neuer Termini, bspw. den der „dringenden Gefahr“, „eine im Hinblick auf das Ausmaß des zu erwartenden Schadens und die Wahrscheinlichkeit des Schadens­ eintritts erhöhte Gefahr [...]“ (NPOG) oder der „drohenden Gefahr“ (PAG, BKA-G) eine neue Grundlage geschaffen. Begünstigt werden derartige Maßnahmen durch die Möglichkeiten des Informationszeitalters. Neben neuen Tatbeständen (→ Kriminalisierung) und inhaltlicher Unschärfe wird so ein Informationsnebel4 erzeugt.

bis hin zum zivilen Ungehorsam geprägten Ringen um Veränderung sind die sozialen Bewegungen von Anfang an Repressionen ausgesetzt.

Methoden

Ziel von Repressionen ist die Erzwingung, Aufrechterhaltung und Demonstration staatlicher Gewalt. Dabei ist dieses Handeln des Staates als Institution nicht mehr notwendigerweise Ausdruck des Willens des Souveräns“1 d.h. des Volkes [Anm. des Autors].

Die Manipulation von Sprache ist nur eine Methode zur Kriminalisierung. Weitere sind Antizipation von Gewalt, der Einsatz von Provokateur*innen, False-Flag Aktionen, Spaltungsversuche, Überwachung u. v. a. m..

Aktuell geht mit dieser Repression eine manifeste Kriminalisierung einher. Unter Kriminalisierung ist in diesem Zusammenhang einerseits die Zuschreibung krimineller Absichten und andererseits diejenige Abwägung widerstreitender Rechtsgüter (Partizipation, Wahrnehmung von Rechten vs. staatlicher Autorität) zu verstehen, die die Akteur*innen unabhängig von ihrer Motivation zu Straftäter*innen macht. Der Staat reagiert auf legitimes und im Sinne einer gelebten Demokratie wünschenswertes2 (kritisches) Engagement mit Kriminalisierung und verhält sich somit demokratiefeindlich, weshalb seine Rechtsstaatlichkeit3 in Frage gestellt werden muss. Gleichzeitig wird der Begriff des Rechtsstaats ordnungspolitisch vereinnahmt, „[…] weil die eigentlichen Begriffe, um die es geht, in der Öffentlichkeit keine vergleichbare positive Konnotation haben: Denn wer Rechtsstaat sagt, meint immer öfter Sicherheit oder staatliches Gewaltmonopol. […]“[6] Neben diesem veränderten Sprachgebrauch gibt es weitere z.  T. bewusst herbeigeführte Begriffsverschiebungen: In dem aktuellen Verfassungsschutzbericht wird der Begriff „Ziviler Ungehorsam“ als eine illegale und illegitime, militante Widerstandshandlung neu, d. h.

Die Antizipation von Gewalt wurde beispielsweise vor dem G20-Gipfel in Hamburg gelebt. Christiane Schneider von der Hamburger Bürgerschaft sagte dazu, es sei eine Entwicklung, die sich extrem schwer zurückdrängen ließe, gerade weil sie im Nachhinein von der Polizei als notwendig diskutiert worden sei. „Die Nacht in der Schanze wird als Terror gewertet und dementsprechend werden solche Einsätze legitimiert.“[8] Innenministerien und Polizei setzten einerseits auf eine Steigerung der Gewaltanwendung gegen Demonstrant*innen, um andererseits die Verantwortung im Sinne einer Täter-Opfer-Umkehr vollständig der Gegenseite anzulasten. Ein häufiges Mittel ist das Zählen von eingesetzten Polizeikräften, die wegen Rückenschmerzen oder Dehydratation krankgeschrieben werden, als „verletzte Beamte“. Die Massenmedien ergänzen die Strategie der Opfer-Täter-Umkehr, indem diese „verletzten Beamten“ als von Demonstrant*innen verletzt interpretiert werden. [9; 10] In dem gleichen Zusammenhang sind Einsätze von Provokateurinnen und Provokateuren oder sog. False-Flag-Aktionen dokumentiert, mit denen polizeiliche – poli-

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zeistaatliche – Maßnahmen gerechtfertigt wurden und werden. Zu eben diesen Maßnahmen gehören neben martialischer Aufrüstung auch die permanente Überwachung des öffentlichen Raumes, z. B. an Bahnhöfen, die im Hinblick auf die aus dem Volkszählungsurteil des BVG zitierte Begründung und des Rosenthal-Effekts bekannten Gründen einen Widerspruch zur grundgesetzlich garantierten Versammlungsfreiheit darstellen. Durch polizeiliche Videographie wird diese Einschränkung noch verschärft. Die Anwältin und Vorsitzende des Vereins Republikanischer Anwältinnen und Anwälte e. V. Gabriele Heinecke sagte im Kontext der G20-Proteste dazu „Jeder einzelne, jede einzelne die dort hingekommen ist, ist videografiert worden. Es hat mit freier Meinungsäußerung nichts mehr zu tun, es ist eine kontrollierte, domestizierte, obrigkeitsstaatliche Gewährung, sich auf der Straße zu befinden. Mehr nicht.“[8] Diese „Gewährung“ wird durch eine immer weiter ausufernde Auflagenwut der Versammlungsbehörden eingeschränkt. Dabei werden Demonstrationen und Kundgebungen vorgeblich als Ausdruck eines partizipativen Bürgertums begrüßt. Es scheint lediglich unterschieden zu werden nach gewünschtem, d. h. harmlosen bis wirkungslosen Protest, und unerwünschten durch radikalere Kräfte. Anders können Spaltungsversuche etwa in Form von polizeilichen Mahnungen an Schulen, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern nicht in „aggressive Auseinandersetzungen zu geraten“[11; 12] sowie „in eine ‚Strafbarkeitsfalle‘ zu tappen“, im Vorfeld der „Ende-Gelände“-Massenaktionen im Rheinland nicht erklärt werden. Neben einer nicht zulässigen, weil inhaltlich falschen, Diskreditierung einer breiten gesellschaftlichen Strömung offenbart sich in den Anschreiben der Polizei auch ein Selbstverständnis als moralische Instanz und ein Generalverdacht gegenüber Schülerinnen und Schülern. Im Sinne der neuen Polizeigesetze könnte die Maßnahme als Gefährder-Anschreiben (z. B. §12a NPOG) interpretiert werden. Dazu passt auch die Aufnahme des „Aktionsbündnisses Ende Gelände“ in den Verfassungsschutzbericht.[13; S. 130f.]

Nicht nur Demonstrant*innen sind betroffen … Wer nicht oder nur selten an Demonstrationen teilnimmt, mag sich jetzt in Sicherheit wähnen und vielleicht sogar hinterfragen,

ob der Sachverhalt einen eigenen Artikel wert ist. Schließlich liegt das Gewaltmonopol beim Staat. Das ist richtig, der Staat hat dieses Gewaltmonopol aber im Gegenzug für den Schutz der Bürgerinnen und Bürger, nicht zu deren Kontrolle. Auch außerhalb aktivistischer Settings lassen sich Beispiele für Kriminalisierung finden. Zum Beispiel das Verbot der Medienplattform Indymedia.linksunten im August 2017 oder der Entzug der Gemeinnützigkeit von Attac. Dazu analysiert Stefan Diefenbach-Trommer für die Allianz „Rechtssicherheit für politische Willensbildung“ das Urteil im Fall Attac erkläre politische Einmischung als etwas, was nicht zur Gemeinnützigkeit gehöre, was nur ausnahmsweise zulässig sei und wirke dadurch begrenzend.[14] Inzwischen wurde auch der Organisation Campact die Gemeinnützigkeit aberkannt, viele weitere bangen darum. Diefenbach-Trommer endet seine Analyse mit der Forderung an den Bundestag, „die wichtige Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen für die gesellschaftliche Diskussion und auch parlamentarische Entscheidungen anzuerkennen und einer Entpolitisierung gemeinnütziger Organisationen vorzubeugen.“[14] Das Gegenteil ist aber der Fall! Nach Horst Seehofers Forderung eines Verbots der Roten Hilfe im November 2018 wurde bekannt, dass bereits im April 2018 der Bundestagsabgeordnete Armin Schuster (CDU), „angesichts der massiv rechtsstaatsfeindlichen Aktivitäten“ des Vereins im Innenausschuss des Bundestages ein Verbot der Roten Hilfe forderte. Dabei ging es jedoch nicht um Straftaten, mit denen der Verein in Verbindung gebracht würde, sondern allein um dessen Solidaritätsarbeit.[15] Ulla Jelpke, MdB und innenpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke, kommentierte: „‚Die Bürgerrechte werden nicht von der Roten Hilfe demontiert, sondern von den Regierenden in Bund und Ländern. Angesichts dieses voranschreitenden Grundrechtsabbaus ist eine Organisation wie die Rote Hilfe heute wichtiger denn je. Darum gilt jetzt erst recht: Hinein in die Rote Hilfe!‘“[16] Ein Aufruf, der es verdient, geteilt zu werden.

Von Hamburg bis Büchel Eine wichtige Zäsur in der Bestrebung, soziale Bewegungen zu kriminalisieren, war sicher das in Hamburg abgehaltene G20-Gipfeltreffen. Anhand dieses einen

Beispiels lässt sich das gesamte Repertoire an Repressionen nachzeichnen. Eine Besonderheit ist aber sicher die Forderung von Hamburgs Oberbürgermeister Olaf Scholz nach Konsequenzen für die Anmelder gewaltsam eskalierter Demonstrationen.[17] Unabhängig davon, wer die Eskalation zu verantworten hat, bringt es Demonstrationen anmeldende Personen in eine gefährliche Position: Wer möchte schon eine Demonstration anmelden, wenn er*sie sich damit für das Verhalten einer unbekannten Zahl von Menschen verbürgen muss? Das Versammlungsgesetz schränkt als spezielleres Recht allgemeines Recht, wie das Polizei- und Ordnungsrecht, ein und soll so eine Polizeifestigkeit garantieren. In dem sog. Brokdorf-Urteil (BVerGE 69 315 Abs. 4) stellte das Bundesverfassungsgericht fest: „Steht nicht zu befürchten, dass eine Demonstration im ganzen einen unfriedlichen Verlauf nimmt oder dass der Veranstalter und sein Anhang einen solchen Verlauf anstreben oder zumindest billigen, bleibt für die friedlichen Teilnehmer der von der Verfassung jedem Staatsbürger garantierte Schutz der Versammlungsfreiheit auch dann erhalten, wenn mit Ausschreitungen durch einzelne oder eine Minderheit zu rechnen ist. […]“[18] Wo es in Hamburg bisher bei punitiven5 Phantasien blieb, wurden in Cochem Tatsachen geschaffen: IPPNWArzt Ernst-Ludwig Iskenius wurde als Anmelder einer Mahnwache vor dem Atomwaffenstützpunkt zu 70 Tagessätzen verurteilt, weil er – so die Begründung – eine von der Mahnwache zeitlich unabhängige Sitzblockade, von der das Gericht entgegen der Beweisaufnahme unterstellt, sie ging von der Mahnwache aus, nicht verhindert hat. (Vgl. Urteil des Amtsgericht Cochem 3 Cs 2010 Js 45058/18) Wie soll der*die Anmelder*in einer Demonstration Ordnungswidrigkeiten u./o. Straftaten verhindern, wenn es die Polizei, deren Aufgabe dies ist, es nicht schafft? Das Cochemer Urteil – ein Revisionsprozess vor dem Landgericht Koblenz steht noch aus – berührt eine der wichtigsten grundgesetzlich garantierten Freiheiten und bedroht uns alle in unserer jeweiligen politischen Aktivität. Wenn dieses Urteil Schule macht … .

New World Order, oder? Auch wenn das Wort „Provokateur“ schnell Verschwörungstheoretiker*innen auf den Plan ruft, braucht, wie Andreas Peglau


Autoritärer Staat

Foto: NoNPOG-Demo 2019 Hannover, Bearbeitete Version des Fotos von Ruha Younes, creativecommons.org/licenses/by-nc/3.0/de

ausführt (vgl. S. 19f), keine „Zentral­instanz“ angenommen werden. Ein komplexes Zusammenspiel von Partikularinteressen, Verrohung und sozialer Herkunft der Regierungs- und Behördenbediensteten führt zu einem nach staatlicher Autorität strebenden Repressionsapparat. So rekrutieren sich Mitarbeitende in staatstragenden Organen zum großen Teil aus bestimmten sozialen Schichten, in denen eine überwiegend rechts-konservative Einstellung vorherrscht. Diese Feststellung erlaubt keinen Rückschluss auf die Einstellung von Individuen, eine Tendenz ist aber sichtbar.

Motiv – Warum glaubt der Staat kriminalisieren zu ­müssen? Weil er sich mit der gegenwärtigen Entwicklung so sehr in Frage gestellt sieht. Die Aufrüstung, etwa in Form von neuen Polizeigesetzen6, impliziert die Anerkennung eines Demokratiedefizits und einer wachsenden Verteilungsungerechtigkeit und ist Ausdruck der Angst vor einem Machtverlust. Da dieser Machtverlust die an der Regierung beteiligten Menschen, im weitesten Sinne. auch andere Funktionsträger*innen, persönlich gleichermaßen betreffen würde, wie den Staat als Institution, sind wieder bei den oben beschriebenen Formen der Repression zu beobachten. Auf individueller Ebene wird – nicht von allen, aber von dem überwie-

genden Teil – mit Repression im Sinne einer Abwendung von der Bedrohung reagiert, ergänzt um weitere Strategien des Copings. Auf institutioneller Ebene kommt es in der beschriebenen Weise zur Unterdrückung von Kritik. Stattdessen wäre es wichtiger zu fragen, worin die Ursachen dieser Entwicklung liegen!

Verfahrensmäßige Gegnerschaft statt Feindbildern In der Auseinandersetzung zwischen sozialen Bewegungen und Repressionsorganen des Staates werfen sich beide Seiten unnötige Eskalation, Gewalt, Spaß an der Gewalt und menschenverachtendem Verhalten vor.[9; 13; 20] Da weder den Aktivist*innen, noch den Polizist*innen generell unterstellt werden kann, gewaltaffin zu sein, scheinen diese gegenseitigen Zuschreibungen im Sinne einer psychischen Gesunderhaltung notwendige Voraussetzungen zu sein, um die Konfrontation aushalten zu können. Für ein friedliches Miteinander ist es notwendig, das Eigene im Fremden zu erkennen. Dämonisierende Zuschreibungen und Vermummung – ob mit Zahnschutz, Sturmhaube und Helm oder Schal und Sonnenbrille – erschweren dies. Insbesondere auf Seiten der Polizist*innen, deren Beteiligung an Auseinanderset-

zungen in erster Linie befohlen und damit nicht intrinsisch ist, spielen unter dem Begriff „Cop Culture“ zusammengefasste Elemente aus Selbstbild, Fremdzuschreibungen, Korpsgeist usw. eine wichtige Rolle bei der Erfüllung der Aufgabe. Aber auch „auf Seiten der Staatsanwaltschaften und Justiz ist zudem teilweise eine politische Aufladung erkennbar, die zuletzt in einigen der G20-Prozesse deutlich zutage trat. Menschen, die vor einem aktivistischen Setting in Auseinandersetzungen mit der Polizei geraten, werden hier als Gesellschaftsfeinde behandelt, die es nicht zu resozialisieren oder wenigstens einfach zu bestrafen, sondern allgemein wirksam zu bekämpfen und zu besiegen gilt. […] Es handelt sich dabei um Ausprägungen einer mit dem Begriff „Feindstrafrecht“ bezeichneten Sichtweise, wonach bestimmte Gruppen als außerhalb der Gesellschaft stehend verstanden werden, sodass gegenüber ihnen rechtsstaatliche Grundsätze nur beschränkt oder gar nicht gelten sollen.“[21] Diese Konstruktion von Feindbildern führt zu einer zusätzlichen Verhärtung der Fronten, die eine weitere Aufrüstung nachträglich zu rechtfertigen scheint. Ein Ausweg aus diesem Teufelskreis wird immer schwieriger. Notwendig ist in dieser Situation ein Wandel der gegenseitigen Wahrnehmung: Anstelle einer Feindschaft sollte eine verfahrensmäßige Gegnerschaft treten. Nicht das Indivi-

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duum, der*die Polizist*in, Richter*in usw., ist Adressat des Protestes, sondern die Rolle, die es in der gesellschaftlichen Ordnung einnimmt. Idealerweise wird das jeweilige Individuum zur Reflexion eben dieser Rolle angeregt, wie auch die in den unterschiedlichen Bewegungen agierenden Menschen ihre Position und ihr Verhältnis zum Staat reflektieren müssen.

Außerdem ... Auch wenn der Fokus des vorliegenden Textes auf der Abwehr bewusst gelebten Protestes liegt, betreffen die beschriebenen Vorgänge auch Menschen, die unfreiwillig im Widerstreit mit staatlichen Interessen leben. Dazu zählen Menschen in polizeilichem Gewahrsam oder von Abschiebung bedrohte oder direkt betroffene Menschen. Auch (Fußball-) Fangruppen, die keine soziale Bewegung im eigentlichen Sinne und häufig unpolitisch motiviert sind, sind Kriminalisierung und Repression ausgesetzt.

Was tun? „Immer wieder haben sich Menschen gegen autoritäre Zurichtungen, für soziale Demokratie und persönliche Freiheit eingesetzt – und waren damit erfolgreich. Eine Antwort auf Gefährdungen der Demokratie bleibt aktuell: die Suche nach neuen, vertieften Formen der Beteiligung und Selbstbestimmung.“ [5] Wie kann diese Beteiligung aussehen? Was können wir als einzelne oder in unseren lokalen Strukturen erreichen? Wir können: informieren, skandalisieren, Prozesse führen und Auseinandersetzungen erzwingen, nicht in vorauseilendem Gehorsam: Die Schere im eigenen Kopf klein halten, Freiräume auf- und ausbauen und einen kreativen Umgang mit Repression leJeremia Weber ben. Zum Beispiel durch Humanmedizin 9. Semester die Beteiligung an ProHannover jekten wie der „Cop Map“ des Peng! Kollektivs, der Mitmach-Kampagne #AusSicherheitsgründen von digitalcourage oder dem der Karte Surveillance under Surveillance.

Es gilt: „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“ und „unsere Solidarität gegen ihre Repression“.

[2] Wikipedia (2019). Soziale Bewegung – Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. [3] Kemper, C., 2016. Medizin gegen den Kalten Krieg – Ärzte in der anti-atomaren Friedensbewegung der 1980er Jahre. Wallstein Verlag, Göttingen. [4] Dudenredaktion (o.J.). Repression.

Fußnoten 1 „Jürgen Habermas und Claus Offe versuchten zu zeigen, dass das administrative System „gegenüber der limitierenden Willensbildung hinreichend autonom“ geworden sei, sodass sich die Frage der Legitimation ganz neu stelle: An die Stelle der Partizipation trete eine inhaltlich diffuse Massenloyalität, die einen Passivbürger erzeuge, dessen Entpolitisierung durch „systemkonforme Entschädigung“ befeuert werde – es werden sozusagen im Gegenzug Konsum, Karriere, Freizeit etc. geboten.“[5] 2 Der Jurist und Staatstheoretiker Wolfgang Abendroth postulierte eine freiheitssichernden Funktion des Rechtsstaats und forderte eine soziale Dimension durch Teilhaberechte. Jürgen Habermas wiederum betonte die Wechselwirkung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.[6][5] 3 „Der Rechtsstaat entstand in den Auseinandersetzungen des liberalen Bürgertums gegen die Feudalgewalt und sollte auf der einen Seite die eigene ökonomische Herrschaft in Form des Privateigentums absichern, aber zugleich – und hier liegt sein emanzipatorisches Moment – das erstarkende staatliche Gewaltmonopol einer umfassenden Kontrolle unterwerfen. […] Rechtsstaat meinte in diesem Sinne gerade nicht „Law & Order“. Die […] Achtung vor einer strengen Gesetzlichkeit und die Möglichkeit des Einzelnen, Schutz in Rechtsverfahren zu erhalten [sind] eminent wichtige Gradmesser für eine demokratische Gesellschaft.“[6]

4 Seit 2014 arbeitet die NATO unter den Stichworten „Hybride Kriegsführung“ und „Strategische Kommunikation“ an der „offensiven Beeinflussung von Entwicklungen im Informationsraum“. In dem 2017 veröffentlichtem Thesenpapier „Wie kämpfen Landstreitkräfte künftig“ heißt es „[…] in offenen Quellen (soziale Netzwerke, Messenger Services, Nachrichtenkommentare etc.) [werden] eine Vielzahl von Meldungen platziert, die […] die eigene Absicht verschleiern helfen.“ Da der Informationsraum und das Internet keine Ländergrenzen kennen, bedeutet das faktisch auch den Einsatz der Bundeswehr im Inland (auch in Friedenszeiten!), wodurch ein weiterer staatlicher Akteur hinzugekommen ist.[7] 5 Der kriminologische Begriff „Punitivität“ stammt vom lateinischen Wort punire ab und steht für die Bereitschaft und den Wunsch, Normabweichungen hart zu sanktionieren, und kann frei mit „Straflust“ übersetzt werden. Punitivität bildet einen Gegensatz zu bessernden, resozialisierenden oder versöhnenden Reaktionen auf Delinquenz. In der kriminologischen Literatur wird eine deutliche Zunahme der Punitivität seit Anfang der 1990er Jahre registriert – insbesondere in den USA und in Großbritannien.[19] 6 In sieben von 16 Bundesländern wurden bisher neue Polizeigesetze verabschiedet und in sechs weiteren sind neue Gesetze in Planung. Übersicht: https://digitalcourage.de/blog/2018/uebersichtpolizeigesetze Alle Gesetze und -entwürfe wurden bzw. werden mit zunehmender Terrorgefahr begründet. Dabei sind die in den Gesetzen beschlossenen bzw. geplanten Maßnahmen nicht zur Verhinderung von Terroranschlägen aber um so besser zur Aufstandsbekämpfung – Stichwort Protest Policing – geeignet.

Referenzen [1] Faller, H. and Lang, H., 2016. Medizinische Psychologie und Soziologie. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg New York.

[5] Strohschneider, T. (2019). Vom Bonapartismus zur Postdemokratie, maldekstra: 8. [6] Pichl, M. (2019). Gefährliche Rede vom „Rechtsstaat“, Leagal Tribune Online. [7] Leidenberger, Generalleutnant Frank., 2017. Thesenpapier „Wie kämpfen Landstreitkräfte künftig?“. Kommando Heer. [8] Heinig, M.; Maurer, S.; Burchard, L.; Vogel, L.; Pfisterer, M. and Oostinga, H. (2018). Hamburger Gitter. [9] Henneberger, K. (2019). Ende Gelände kritisiert Polizei wegen Verstößen gegen Grundrechte ++ Aktionswochenende als starkes Signal für Klimagerechtigkeit. [10] Selle, A. (2019). Polizeigewalt bei Ende Gelände „Natürlich kommt es zu Fehlern“, TAZ. [11] Henneberger, K. (2019). Ende Gelände reagiert auf Einschüchterungsversuche der Polizei Aachen +++ Einladung zu kreativem Protest für eine Zukunft ohne Klimakrise. [12] Schwirkus, K. (2019). Die Polizei hat einen fragwürdigen Umgang mit der Wahrheit, Neues Deutschland. [13] Bundesamt für Verfassungsschutz, 2018. Verfassungsschutzbericht 2018. Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat. [14] Diefenbach-Trommer, S. (2019). Analyse des Attac-Urteils, Zivilgesellschaft ist gemeinnützig. [15] o.A. (2018). Bundesinnenminister fordert Verbot der Roten Hilfe, perspektive-online. [16] Jelpke, U. (2018). Jetzt erst recht: Hinein in die Rote Hilfe! [17] o.A. (2017). Bund sagt nach G20-Krawallen Linksextremen den Kampf an, abendblatt. [18] (). BVerfGE 69, 315, Beschluss des Ersten Senats vom 14. Mai 1985, Aktenzeichen 1 BvR 233, 341/81. [19] Wikipedia (2018). Punitivität – Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. [20] Gelände, E. (2019). Klima & Demokratieschutzbericht 2018/19. [21] Derin, B. (2019). Zweierlei Maß, Die Rote Hilfe 45: 34-35. [22] Kirsch, M. (2019). Paramilitärische Polizei – Vorbild Bundeswehr, IMI-Analyse 018. [23] Schaffar, W. (2019). Wir sollten uns nichts vormachen, maldekstra: 3-7. [24] Schröther, K. (2019). Rechtsruck per Internet, maldekstra: 15.


Autoritärer Staat

Die Diagnose „Rechtsruck“ genügt nicht mehr Für eine psychosoziale Revolution

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ilhelm Reich arbeitete 1933 in der „Massenpsychologie des Faschismus“(1) heraus, dass „Rechts-­ Entwicklungen“ ohne massenhaft herbeisozialisierte autoritär-destruktive Charakterstrukturen nicht möglich sind. Diese Sicht teilend, plädiere ich – neben den notwendigen politischen, ökonomischen, kulturellen und ökologischen Umwälzungen – für eine psychosoziale Revolution.(2) Von Andreas Peglau

Dafür wesentlich sind unter anderem: möglichst konflikt- und angstfreie Schwangerschaften, natürliche statt medizinalisierter Geburten, nicht autoritäre Erziehung und Bildung, erfüllende Sexualität, gleichberechtigte Partnerschaft, ein sich ausweitendes Angebot qualifizierter, insbesondere psychodynamischer Therapie und Körperpsychotherapie. Bemerkenswerterweise sind in den letzten Jahren in Deutschland Negativtrends zu verzeichnen, die all diese Punkte berühren. Die Schwangere begleitenden, Haus- und natürliche Geburten anbietenden freiberuflichen Hebammen werden durch rapide Erhöhung der Versicherungsbeiträge systematisch in Existenznot gebracht. Viele geben auf, ebenso niedergelassene Gynäkologen. Parallel dazu nimmt die Anzahl von Krankenhausgeburten und Kaiserschnitten zu.(3)

lifizierten, dummen, faulen, hässlichen und widerwärtigen Frauen; die Guten, Bemühten und passend Qualifizierten fanden und finden ihren Weg alleine.“(5) Im Landtagswahlkampf in Brandenburg und Sachsen wirbt die AfD 2019 mit „Qualität statt Quote“. (6) Was Psychotherapie betrifft, fährt „Gesundheits“-Minister Spahn einen Kurs, der offenkundig auf die Abschaffung ambulanter Psychotherapie insgesamt, zuallererst aber auf die von analytischen und tiefenpsychologischen Langzeittherapien abzielt. Ginge es nach ihm, erhielten Kassentherapeuten zudem durch Psychiater oder Hausärzte die Patienten zugeteilt (7) – was die „Pas-

Symptomatisch für die Renaissance „schwarzer Pädagogik“ ist, dass der Film „Elternschule“ nicht nur im Kino lief, sondern im Juli 2019 auch im deutschen Fernsehen. Dazu schreibt der Kinderarzt Herbert Renz-Polster: „Was mich an diesem Film vor allem wundert, ist die Schamlosigkeit, mit der erzieherische Gewalt dargestellt, glorifiziert und auch medikalisiert wird.“(4) Nicht nur die „Zeit“ und die Süddeutsche Zeitung hoben den Film lobend hervor. Mit der AfD erstarkt die patriarchale Ideologie, inklusive der Abwertung von Frauen. Der AfD-Abgeordnete Heiner Merz verkündete 2018 zu Quotenregelungen, also zu einem der effektivsten Mittel, endlich tatsächliche Gleichberechtigung einziehen zu lassen: „Quoten nützen (…) nur unqua-

„Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Dr. Johanna Haarer. Ein Klassiker der „Schwarzen Pädagogik“, der auch noch lange nach dem Dritten Reich in deutschen Buchhandlungen zu finden war.

sung“ zwischen Therapeut und Patient zum Glücksspiel entarten ließe. Dass Therapeuten und Ärzte zusätzlich gezwungen werden sollen, Patientendaten in ein ungesichertes Internet einzuspeisen (8), torpediert das Vertrauensverhältnis, also die Basis jeder Behandlung und ist ein weiterer Schritt zum „gläsernen Patienten“. Dazu passt, dass das neue bayerische Psychiatriegesetz „Parallelen zum Maßregelvollzug“ enthält. (9) Dass auf EU-Ebene durch diverse Handelsabkommen permanent Gremien geschaffen werden, „die ohne demokratische Kontrolle unsere Lebensverhältnisse bestimmen“ und deren „gemeinwohlschädigende Entscheidungen (…) nirgends korrigiert werden (können), da alle Parlamente ausgeschaltet sind“ (10), verstärkt die Befürchtung: Was da läuft, umfasst mehr als den „Rechtsruck“. Uns droht die Restauration offen autoritärer, bürgerlich-reaktionärer Gesellschaftsverhältnisse, ein umfassendes psychosoziales Rollback. Wie kommt das? Der „Neoliberalismus“ – zutreffender als Marktradikalismus bezeichnet – bestimmt heute „die Wirtschafts- und Sozialpolitik, die Medienöffentlichkeit und das Alltagsbewusstsein hierzulande so stark wie kaum eine andere Weltanschauung“, wird von Unternehmerverbänden, CDU-Wirtschaftsrat und Industrielobby vertreten, ist selbst in „Gewerkschaften, Kirchen, Wohlfahrtsverbände“ eingesickert, hat „eine öffentliche Meinungsführerschaft errungen, die nur schwer zu durchbrechen ist“. (11) Und diese – sachlich betrachtet: haltlose – Ideologie billigt nun einmal allen, die nicht reich und mächtig sind, ausschließlich die Rolle kleiner, brav konsumierender Rädchen zu. Ein massenhaftes Bestreben, gesundes Selbstbewusstsein aufrecht zu erhalten (zum Beispiel durch natürliche Geburt, nicht autoritäre Erziehung, Gleichberechtigung) oder wieder zu erlangen (zum Beispiel durch tiefgründige Psychotherapie) kann hier durchaus zum Störfaktor werden. Es ist allerdings nicht nötig, eine „Zentralinstanz“ anzunehmen, die all das koordiniert. Die Neoliberalisierung öffnet nur ohnehin vorhandenen Partikularinteressen die

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Tür. (12) Denn in dieser Hinsicht bestehen ausreichend Übereinstimmungen zwischen Pharmakonzernen, die psychisches und somatisches Leid nicht heilen, sondern vermarkten wollen, rechtskonservativen Organisationen, Parteien und Personen sowie autoritär gestörten Pädagogen, denen wirkliche individuelle Freiheit ein Dorn im Auge ist und einem Staatsapparat, den individuelle Bürgerinteressen nur unnötig von seiner bürokratischen Selbstbefriedigung abhalten. Was können (zukünftige) Ärzte, Ärztinnen, Therapeuten, Therapeutinnen dagegen tun? Zum einen das, was alle Bürgerinnen und Andreas Peglau, Bürger dieses Landes Psychologe/ tun können und sollten: Psychotherapeut/ den Herrschenden auf Psychoanalytiker die Finger schauen oder hauen, weitere Entdemokratisierung verhindern, sich für nicht autoritäre Bildung und Erziehung stark machen, auf Gleichberechtigung beruhende, möglichst liebevolle Partnerschafts- und Familienbeziehungen gestalten. Aber auch: erkennen, inwieweit wir durch Feigheit, Be-

quemlichkeit, durch Uns-Raushalten, politische Entwicklungen fördern, die uns schädigen. Zum anderen haben im Gesundheitsbereich Tätige spezielle Möglichkeiten, somit auch eine spezielle Verantwortung: den genannten (und weiteren) antisozialen Übergriffen des „Gesundheits“-Ministers Paroli bieten, Hebammen und natürliche Geburts­ praktiken unterstützen, entgegen manch tradiertem Konzept und vermeintlich objektivem ökonomischen Druck Heilung als ganzheitlichen Prozess begreifen. Schon aus Letzterem folgt unweigerlich die gedankliche Einbeziehung psychosozialer und politischer Aspekte in die Bestrebungen, Menschen zu helfen. Und daraus sollte folgen: entsprechendes gesellschaftliches Engagement.

Quellen

schnitt-Zahlen-steigen-mit-Bildung-und-Wirtschaft. html (4) www.kinder-verstehen.de/aktuelles/elternschule-so-geht-erziehung/ (5) www.faz.net/aktuell/politik/inland/afd-­ abgeordneter-merz-aeussert-sich-abfaellig-(4) ueber-frauenquote-15923280.html (6) afdkompakt.de/2019/01/25/abgeordnete-afdsetzt-auf-qualitaet-statt-quote/ (7) www.deutschepsychotherapeutenvereinigung. de/gesundheitspolitik/aktuelle-meldungen/newsbund/news/psychotherapeuten-petition-gegen-tsvg/ (8) andreas-peglau-psychoanalyse.de/wp-content/ uploads/2019/06/Heidelberger_Erklaerung.pdf (9) www.br.de/nachrichten/bayern/bayerisches-psychiatriegesetz-ein-jahr-nach-dem-eklat,ROZvxx0; (10) www.change.org/p/b%C3%BCrgerklage-gegen-ceta/u/24593028?cs_tk=AhDRAMUDtpbzBaKI6lwAAXicyyvNyQEABF8BvPCQo1jbuLGwY3wu7BZBjpU%3D&utm_campaign=2034fe0baac64ff983b9621a1a50a5ac&utm_medium=email&utm_ source=petition_update&utm_term=cs (11) Butterwege/Lösch/Ptak (2016): Kritik des Neoliberalismus, Wiesbaden 2016, hier S. 11. (12) Zu den hochgradigen Übereinstimmungen zwischen „rechter“ und neoliberaler Ideologie siehe Peglau: Rechtsruck (wie Anm. 2), S. 77-81.

(1) Reich: Massenpsychologie des Faschismus. Kopenhagen/Prag/Zürich 1933. (2) Peglau: Rechtsruck im 21. Jahrhundert. Wilhelm Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ als Erklärungsansatz, Berlin 2017, S. 116-120. (3) www.gerechte-geburt.de/home/­ veranstaltungen/aktion-zappenduster/; www.welt.de/gesundheit/article182178010/Kaiser-

Blockade, Bombenballett und Brause Das IPPNW- und ICAN-Aktionsfestival vom 5.–8.7.2019 in Büchel

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m 1100-Einwohner-Ort Büchel in der Eifel lagert in einem Fliegerhorst das bestgehütete offene „Geheimnis“ der Bundesrepublik: 20 Atombomben vom Typ B61. Von Antonia Neuberger

Genauer gesagt war dies lange nur ein Gerücht, das inzwischen – wenn auch versehentlich – im Juni 2019 durch eine NATO-Veröffentlichung bestätigt wurde. Kein Geheimnis ist auch, dass diese Atomsprengköpfe oder „Eier“ eine Sprengkraft von jeweils 50 Kilotonnen packen – und damit ein Vielfaches der Hiroshima-Bombe, deren Sprengkraft unter 15 Kilotonnen lag. Eine erschreckende Zahl in einer Zeit, in der es „en vogue“ erscheint mit der eigenen atomaren Sprengkraft zu prahlen.

Im August diesen Jahres wurde der INF-Vertrag, der das Verbot landgestützter atomarer Mittelstreckenwaffen regelt, offiziell beendet, nachdem er schon im Februar erst durch die USA und kurz darauf durch Russland aufgekündigt worden war. Damit steht der Entwicklung neuer atomarer Mittelstreckenraketen über 500 km Reichweite nichts mehr im Wege und es droht eine neue Aufrüstungsspirale. Russland testete nach Medienberichten bereits eine Interkontinentalrakete.

Die Stationierung von Atomsprengköpfen in Deutschland ist Bestandteil der nukleare Teilhabe und Abschreckungsstrategie der NATO: Von den USA bereitgestellte Atombomben sollen dabei von Nicht-Atomstaaten wie Deutschland gegebenenfalls im Zielgebiet abgeworfen werden können. Damit macht sich Deutschland nicht nur zum Handlanger der amerikanischen Politik, auch wie diese Bomben abgeworfen werden sollen, entwickelt sich zum Problem. Die jetzigen Kampfjets vom Typ „Tornado“ sind nämlich hoffnungslos veraltet. Es drohen ab 2030 zusätzliche Milliardenkosten für den Ersatz der seit 1981 genutzten Tornados. Von europäischer bzw. deutscher Seite aus ist der Eurofighter bzw. das deutsch-französische Rüstungsprojekt FACS (Future Combat Air System) als Ersatz geplant. Da die


Autoritärer Staat

und verteile ihn großzügig an alle Mitmenschen. Beides ließ ich eher unbewusst in der Hosentasche als am Samstagabend Männer im Alter meines Vaters vor einer Gruppe junger Erwachsener und Teenager spielten, die – allen Fremdschämtendenzen zum Trotz – sogar nach multiplen Zugaben verlangten und mit Wodka-Brause anstießen. Irgendwie wollte niemand diesen Abend enden lassen und ich konnte mich eines Anflugs von Nostalgie verbunden mit einem zutiefst friedvollen Gefühl von Zusammengehörigkeit nicht erwehren.

Trägersysteme für die Atombomben aber durch das amerikanische Verteidigungsministerium zertifiziert werden müssen und dieses eine Zertifizierung des u. a. vom Boeing Konkurrenten Airbus gefertigten FACS ablehnt1, wird sich die Bundesregierung zur Aufrechterhaltung der nuklearen Teilhabe zum Kauf von ebenfalls veralteten Boeing F-18 Bombern gezwungen sehen.

wenn man sich diese auch kaum vorstellen kann oder möchte. Diese Folgen sind zum Beispiel die unterschiedslose Tötung mehrerer hunderttausend Menschen, eine noch größere Anzahl an Schwerstverletzten, über viele Generationen wirkende radioaktive Verseuchung, Hungersnöte und weitere kriegerische Auseinandersetzungen in Folge eines sogenannten Nuklearen Winters.

Über diese im Bereich der Mobilhaltung der Atombomben entstehenden Kosten hinaus, sind weitere Milliardenausgaben für den reinen Unterhalt und die Modernisierung der B61 Bomben zu „smarten“ B61-12 Bomben geplant.

Gute und wichtige Gründe sich an den Protesten um Büchel zu beteiligen sind leicht zu formulieren!

Über die ökonomische Perspektive hinaus ist die katastrophale Dimension eines Atombombeneinsatzes mit all ihren Folgeerscheinungen, Begleitsymptomen und unerwünschten Wirkungen zu bedenken, 1  Nicht zuletzt spielen territorial-ökonomische Interessen hierbei eine Rolle: Airbus hat seinen Hauptsitz in Frankreich, während Boeing ein vornehmlich amerikanisches Unternehmen ist.

Nicht so einfach in Worte zu fassen ist das Gefühl, da zu sein, davor zu sein, dabei zu sein. Diese Gemeinschaft aus Fremden, die aus ganz unterschiedlichen Lebensrichtungen kommen und doch hierher gefunden haben, greift einen auf wie ein Protestbanner und man spürt zugleich, wie das Blut schneller fließt, man tiefer Luft holt und gewichtiger ausstößt. Normalerweise trage ich meinen Zynismus wie einen lieb gewonnenen Generationenschnupfen zusammen mit einem postironischen Taschentuch herum

Was bleibt mir, als einen Seufzer auszustoßen und das Klischee jedes Festivalgängers zu bemühen: Man muss einfach dabei gewesen sein.

Quellen • www.tagesspiegel.de/politik/nach-ausstiegder-usa-aus-dem-inf-vertrag-moskau-testet-­ interkontinentalrakete/25070626.html • www.tagesschau.de/ausland/inf-vertragende-101.html • www.spiegel.de/politik/deutschland/us-atomwaffen-in-deutschland-die-atom-eier-von-buechela-1251697.html • www.welt.de/wirtschaft/article201387512/F18-Bundeswehr-greift-wohl-zum-US-Kampfjet-statt-zum-Eurofighter.html

Antonia Neuberger Assistenzärztin Psychiatrie

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Wladimir Ein Krankenhaus-Praktikum in Russland

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in Krankenhaus-Praktikum in Russland. Als ich zum ersten Mal nach Erfahrungsberichten mit diesem Stichwort suchte, wurde mir schnell klar: Russland steht nicht gerade oben auf der Liste der beliebtesten Auslandspraktikumsziele bei deutschen Medizinstudierenden. Aber vielleicht ist gerade das einer der wichtigsten Gründe, warum ich hierher wollte. Von Gesa Baum

Kurzer Rückblick: 2015/16, nach dem Abitur, absolvierte ich einen einjährigen Freiwilligendienst in Minsk, Belarus. Ich landete dort eher zufällig – der Gedanke an Osteuropa hatte bis dahin bei mir im Kopf vor allem Bilder von grauen Plattenbauten und Tristesse hervorgerufen. Ich kehrte zurück nach Deutschland mit einem riesen Berg von Wehmut, Verwirrung, Dankbarkeit und Liebe zur russischen Sprache. Meine Begegnungen mit den Menschen dort hatten mir gezeigt, dass ich viel zu wenig verstehe, viel zu wenig weiß über ihre Geschichte, ihr Leben – und dass ich verdammt arrogant war in meiner Gleichgültigkeit gegenüber einer Region, die historisch und aktuell doch so eng verknüpft ist mit meiner Heimat. So ist es also nicht erstaunlich, dass ich gerne die Chance nutzen wollte, mein Medizinstudium mit einem Aufenthalt in Osteuropa zu verknüpfen. Nach einiger Recherche ergab sich die glückliche Möglichkeit, dies über die traditionsreiche Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir zu tun. Wladimir liegt 190 km östlich von Moskau und hat knappe 350.000 Einwohner*innen. Gemeinsam mit dem nahe gelegenen Susdal war es vor 800 Jahren Zentrum der Rus (aus der später Belarus, die Ukraine und Russland hervorgingen). Aus dieser Zeit sind noch viele Bauten erhalten, die heute auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes stehen.

Gesa Baum 7. Semester Humanmedizin Oldenburg

Ich landete also in der Gynäkologie-Abteilung des Notfallkrankenhauses Wladimir, für ein Praktikum von sechs Wochen. Wie der Name schon sagt, ist dies ein Haus der

Akutversorgung; geplante Operationen finden nur in sehr begrenztem Maße statt. Zu den häufigsten Behandlungsanlässen auf dieser Station gehören Eileiterschwangerschaft, Adnextorsion und starker Blutverlust durch Myome. Der Großteil der Operationen wird laparoskopisch durchgeführt. Viele der Ärzt*innen waren über die Städtepartnerschaft bereits für Austauschprogramme in Deutschland und diskutierten gerne mit mir über die unterschiedlichen Versorgungsstrukturen und Arbeitsbedingungen. Da die meisten Leser*innen (so wie ich vorher) wahrscheinlich wenig über das russische Gesundheitssystem wissen, möchte ich an dieser Stelle ein paar grundlegende Dinge erwähnen; zunächst ein kleiner historischer Rückblick: Die UdSSR war das erste Land, das allen Bürger*innen das Recht auf kostenlose medizinische Versorgung in der Verfassung garantierte – wenn das Niveau dieser Versorgung auch starken zeitlichen und örtlichen Schwankungen unterlag.(1) Mit dem Beginn der Perestroika und dem Zerfall der Sowjetunion kollabierte das alte System und in der Russischen Föderation wurde 1993 das Prinzip der Pflichtversicherung eingeführt, das den Bürger*innen offiziell weiterhin eine kostenlose Gesundheitsversorgung gewährt.(2) Große Probleme dabei stellen aber Korruption und chronische Unterfinanzierung dar – so müssen beispielsweise außerhalb von Kranken­ hausbehandlungen Medikamente fast immer selbst bezahlt werden.(3) Reformen der letzten Jahre führten zwar einerseits zu Gehaltserhöhungen bei medizinischem Personal, andererseits allerdings zu Stellenstreichungen, erhöhter Arbeitsbelastung und Schließungen von Krankenhäusern. (3,4)

Grundstein der Primärversorgung ist wie zu Sowjetzeiten weiterhin die Poliklinik, in der Ärzt*innen mehrerer Spezialisierungen Patient*innen ambulant versorgen. Mir wurde erzählt, dass es in Russland inzwischen erste Versuche gibt, hin zu einem auf Allgemeinmediziner*innen basierten „Gatekeeper“-System zu kommen, wie es in Westeuropa weit verbreitet ist. Wie sieht nun die Lage von Ärzt*innen in Russland aus? Das Medizinstudium dauert sechs Jahre, danach folgen zwei Jahre sog. „Ordinatura“ für die Spezialisierung. Trotz der in letzter Zeit gestiegenen Gehälter haben viele Ärzt*innen mehrere Arbeitsplätze, um ihr Gehalt aufzustocken – das konnte ich hier quasi live miterleben: Kurz nach meiner Ankunft wurde die erste private, stationäre Klinik in Wladimir eröffnet, in der nun viele der Ärzt*innen aus dem Notfallkrankenhaus am Wochenende arbeiten. Angebote der privaten Gesundheitsversorgung haben in den letzten Jahren stark zugenommen und werden nicht nur von den Superreichen, sondern auch von der Mittelschicht in Anspruch genommen – kurze Wartezeiten, gute Ausstattung und wesentlich mehr Komfort lassen grüßen. Auch wenn die Lebenshaltungskosten hier natürlich wesentlich niedriger sind als in Deutschland – es war für mich immer wieder unangenehm, von Ärzt*innen auf Station gefragt zu werden, wie viel Geld mir im Monat zur Verfügung steht. Viele von ihnen verdienen mit ihrer Arbeit im staatlichen Krankenhaus weit weniger, als ich als „normale“ Studentin für Miete und Essen aufbringe (ca. 600 Euro). Was ist das für eine seltsame Situation … Spannender als Fakten und Zahlen waren für mich aber häufig die Einblicke in die Ansichten der Menschen hier über Geschichte, Politik und die Welt an sich. Natürlich ist das, was ich in persönlichen Gesprächen mitbekam, nicht verallgemeinerbar – trotzdem gab es ein paar wiederkehrende Themen, die ich gerne ansprechen möchte. Was das Deutschlandbild angeht, zum Beispiel: Einerseits merkte ich häufig eine große Bewunderung für deutsche Technik (Autos!), Effizienz und Leistungsfähigkeit der Wirtschaft. Andererseits war eine der ersten Fragen, die mir bei neuen Begegnungen gestellt wurde, meist: „Sind die muslimischen Flüchtlinge bei Euch immer noch so ein großes Problem?“. Auf meine Gegenfrage, warum man sich darüber so große Sorgen mache, wurde häufig entgegnet, man höre in den Nachrichten doch immer wieder,


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und das Leben in Deutschland. Man ist es nicht gewöhnt, dass Deutsche Russisch lernen wollen – andersherum ist das natürlich selbstverständlich, die vielen Möglichkeiten, die sich einem mit der deutschen Sprache eröffnen … Dass das allgemeine Interesse an anderen Kulturen entscheidend zusammenhängt mit ihrer machtpolitischen Rolle, wurde mir wieder schmerzhaft vor Augen geführt.

dass „diese Muslime sich nicht integrieren“ und „die deutsche Kultur unterminieren“. Diese Gespräche im Hinterkopf, war es für mich ein großer Eye-Opener, für ein Wochenende nach Kasan zu fahren: Eine Millionenstadt 600 km östlich von Wladimir, bedeutender Wirtschaftsstandort – und ein wichtiges Zentrum des russischen Islam. In dieser Stadt steht die zweitgrößte Moschee Russlands ganz selbstverständlich im Kreml neben der orthodoxen Maria-Verkündigungs-Kathedrale und wird als Prachtstück der Architektur und wichtige Sehenswürdigkeit gefeiert. Mein bisheriger Eindruck, die meisten Russ*innen hätten Angst vor dem Islam an sich, wurde hier einfach so über den Haufen geworfen. Irgendwie ist das doch alles komplizierter. Weiterhin die Ansichten über das eigene Land: Einige Male musste ich doch ganz schön schlucken, wenn ich ohne jede Ironie so astrein propagandareife Sätze hörte wie: „Russland war immer friedlich, hat noch nie andere Länder angegriffen“ oder „Die USA sind an allem Schuld“. In den Köpfen vieler Menschen schien der Kalte Krieg beängstigend aktuell. Eine Ärztin meinte zu mir: „Wir haben Europa größtenteils vom Faschismus befreit, unter so vielen Opfern. Und was macht Europa? Schlägt sich zum Dank auf die Seite der USA.“ Dazu muss man bemerken, dass die Erinnerung an den Krieg zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion – den „Großen Vaterländischen Krieg“ – eine gigantische Rolle einnahm in der Identitätsbildung der Sowjetunion, was bis

in die russische Gegenwart nachhallt; noch heute findet sich in beinahe jeder Stadt ein Siegesplatz, an dem der Held*innen dieser Zeit gedacht wird. Was kann ich als Deutsche sagen über diesen Krieg, in dem unvorstellbare 27 Millionen Bürger*innen der Sowjetunion (nur die Hälfte von ihnen Soldat*innen) ihr Leben verloren? Und dann war da noch die ganz persönliche Seite meines Aufenthalts hier. Können Sie sich vorstellen, dass eine deutsche Krankenschwester, Vollzeitjob als Stationsleitung und gut ausgelastet mit der Sorge um zwei Enkelkinder, sich bereit erklärt, für anderthalb Monate eine wildfremde russische Studentin aufzunehmen? Ich nicht. Irina, die Krankenschwester, bei der ich in Wladimir wohnte, nannte mir ihre Gründe: Jemand müsse sich doch um mich kümmern, sie fände die Idee spannend und sie hoffe, ich könne ihrer Enkelin ein wenig Deutsch beibringen (nebenbei bemerkt: Ich wusste nicht, dass deutsche Grammatik so schwierig ist!). Schon am ersten Wochenende wurde ich auf die Datscha entführt, durfte den zauberhaft blühenden Garten und die russische Sauna genießen. Sowohl bei ihr zuhause als auch von den Ärzt*innen auf Station wurde ich konsequent mit allen Köstlichkeiten der russischen Küche gemästet, frei nach dem Motto: Wenn sie nicht mindestens fünf Kilo schwerer zurückkommt, denken die in Deutschland noch, wir hungern hier. Ich war immer wieder erstaunt über die Zugewandtheit der Menschen mir gegenüber, die vielen Fragen über mich

Das alles sind nur kleine Ausschnitte. Diese sechs Wochen haben mir einen Einblick in das russische Gesundheitssystem gegeben und mir Herausforderungen gezeigt, die sich auch in anderen Bereichen der Gesellschaft widerspiegeln – Stichworte Umgang mit dem Erbe der Sowjetunion, Korruption, Kommerzialisierung. Vor allem aber haben sie mich verwirrt, und zwar auf eine sehr heilsame Weise: Ich wurde hineingeworfen in ein Chaos aus Widersprüchen, Gegensätzen und Gemeinsamkeiten. Sozialismus und Kapitalismus, Bewunderung und Verachtung, russische Orthodoxie und Islam, leidvolle Geschichte und Propaganda, überwältigende Herzlichkeit. Ich bin davon überzeugt, dass diese Art von Verwirrung uns allen guttut: Sich anderen Lebensrealitäten auszusetzen hilft, ein wenig bescheidener zu werden, was den eigenen Anspruch auf „die Wahrheit“ angeht. Es hilft, den Denk- und Gefühlshorizont zu erweitern. Und vielleicht hilft es auch dabei, die Welt ein klein wenig friedlicher zu machen.

Referenzen 1. Younger DS. Health Care in the Russian Federation. Neurol Clin [Internet]. 2016 Nov [cited 2019 Sep 6];34(4):1085–102. Available from: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27719991 2. Vlassov V V. Russia: thirty years in transition. Eur J Public Health [Internet]. 2018 Aug 1 [cited 2019 Sep 6];28(4):588–9. Available from: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30020516 3. Gesine Dornblüth. Russisches Gesundheitssystem – Korrupte Zweiklassenmedizin (Archiv) [Internet]. Deutschlandfunk. 2015 [cited 2019 Sep 6]. Available from: www.deutschlandfunk.de/russisches-gesundheitssystem-korrupte-zweiklassenmedizin.724.de.html?dram:article_id=329377 4. Andrey Konoval. On the brink: why Russia’s healthcare workers are organising | openDemocracy [Internet]. openDemocracy. 2019 [cited 2019 Sep 6]. Available from: www.opendemocracy.net/en/odr/ on-the-brink-why-russias-healthcare-workers-areorganising/

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Die Pyramide der Gewalt und die Konsequenzen für unsere Gesellschaft Bericht vom Europäischen IPPNW- und Studierendentreffen in Wroclaw Vom 21. bis 23. September 2018 fand in Wroclaw, Polen, das Europäisches IPPNW-Treffen statt unter dem Titel „Brücken bauen für den Frieden“. Ella Faiz aus Frankreich ist dort zu einer von zwei europäischen StudierendensprecherInnen gewählt worden und hat einen Text zu dem Treffen in Wroclaw verfasst. Von Ella Faiz, Übersetzung Antonia Klier „Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“, lautet die Definition der WHO. Darüber hinaus betont die Weltgesundheitsorganisation den Zusammenhang zwischen der mentalen Gesundheit der/s Einzelnen und der Gesellschaft als Ganzem, auf die sich dies projiziert. Gesundheit, ob psychischer oder physischer Art, ist die Basis für Frieden. Umgekehrt führt ein Fehlen an Wohlbefinden, ob nun verursacht durch ökonomische Disparitäten, psychische und sexuelle Gewalt oder Einschränkung der Freiheit, unweigerlich zu „sozialer Gewalt“. Diese kann zur Ursache von politischen Unruhen werden, wie beispielsweise während des arabischen Frühlings zu sehen war, wo sich die unterdrückte Bevölkerung von ihrem Aufstand verbesserte Lebensbedingungen erhoffte.

Ella Faiz Europäische IPPNWStudierendensprecherin 11. Semester Universität Lille

Diese soziale Gewalt sollte auch als eine der Herausforderungen für unsere Arbeit als Ärztinnen und Ärzten betrachtet werden: Denn unsere Funktion als medizinisches Personal besteht darin, zu helfen und unsere Patient*innen bestmöglich zu unterstützen. Dr. Olha Yurtsenyuk aus der Ukraine zeigt in

diesem Zusammenhang auf, wie wichtig es sei, auch Soldat*innen, die aus dem Krieg zurückkehren, zu betreuen und sich in gleichem Maße um ihre Familien zu kümmern. Denn in diesen trete nach der Rückkehr häufig eine neue Gewalt auf, seitens des Ehepartners, Vaters oder Bruders, was die Familie als zerbrechliches Gebilde aus dem Gleichgewicht bringe. Die Behandlung, Betreuung, Versorgung des Individuums trage dazu bei, eine zivile, friedliche Gesellschaft zu bilden und sei damit der Grundbaustein für eine Welt in Frieden. Auch wenn wir uns vor allem die Prävention eines atomaren Krieges zum Ziel gesetzt haben, gab es in Wroclaw Raum für ganz andere Themen. Um ein weiteres zu nennen: Die Verantwortung gegenüber Geflüchteten an Bord der „Schiffe des Unglücks“, die jedes Jahr zu Dutzenden an den europäischen Küsten ankommen. Dr. Martin Kolek, selbst beteiligt an zahlreichen Seenotrettungen der „Seawatch“, erinnerte sich in seinem Beitrag an Babys, die er in den Armen hielt und die durch Käl-

te, Hunger oder durch Ertrinken ums Leben gekommen waren. Die Boote transportieren durchschnittlich 500, ja sogar bis zu 1.000 Personen bei Kapazitäten, die deutlich darunter liegen. An Bord dieser Boote befinden sich große Lebensmittelrationen, wie Reis, Kartoffeln oder Mehl, um die Menschen zu versorgen und bei dem Versuch, an die Küste zu gelangen, müssen die Boote und deren Passagier*innen manchmal wochenlang warten, bevor sie anlegen können, da die Erlaubnis des Staates dafür Voraussetzung ist. Zuletzt möchte ich noch berichten von Laurie Laybourn-Langton (Alliance on Climate Change) und Dr. Klaus Renolder, deren Beitrag sich um unsere Umwelt drehte. Sie betonten darin, wie wichtig die individuellen Bemühungen einer/s jeden Einzelnen seien; wie wir mit einfachen Mitteln unseren CO2-Fußabdruck verkleinern können, beispielsweise durch Recycling, Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs oder eigene Herstellung von Haushaltsprodukten u. v. m.. Außerdem zeigten sie auf, dass die Klima­ erwärmung schon jetzt eine der Hauptursachen für Migration ist, was sich in den kommenden Jahren noch verschlimmern wird. Staaten und Gesellschaften müssen ein Bewusstsein und Einsehen bekommen für die Veränderungen, die nötig sind, um die Menschheit zu retten. Das Wasser ist das „Gold“ der Zukunft und damit auch Quelle für mehr und neue Konflikte.


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Auszeit vom Klinikalltags Das Wochenende der Jungen IPPNW für junge Ärztinnen und Ärzte Nach dem Studium weiter mit der IPPNW verbunden bleiben? Die neue Lebenssituation, die Arbeits- und Zeitbelastung erfordern oft andere Wege: so entstand das „Wochenende der jungen IPPNW“, bei dem man eine Auszeit vom stressigen Klinikalltag genießen und Informationen zu aktuellen Projekten der IPPNW erhalten kann. Neben Gesprächsrunden, Vorträgen und Workshops bleibt dabei genug Zeit für erholsame Spaziergänge und persönliche Gespräche. Von Sophia Schelcher und Stephan Hohmann Die Sonne steht hoch am fast wolkenlosen Himmel. Es ist heiß an diesem Hochsommertag im Hohen Fläming und kaum ein Lüftchen regt sich. Im großen Innenhof des alten Mühlengutes von Gräben sitzen Ewald Feige und Jutta und Eberhard Seidel im Schatten eines Apfelbaumes mit den ersten Teilnehmer*innen des diesjährigen Wochenendes der Jungen IPPNW. Direkt daneben plätschert das Wasser aus einem artesischen Brunnen und wird stetiger Quell von Erfrischung und Spielespaß für Groß und Klein. Acht Erwachsene und vier Kinder sollten wir schließlich werden, angereist aus Berlin und Hannover. Ein Wochenende lang eine Auszeit vom Klinikalltag, neue Inspiration für eine Medizin in sozialer Verantwortung finden, Austausch mit anderen jungen IPPNW’lern – das Konzept der Wochenenden der jungen IPPNW ist simpel, aber vielleicht gerade deshalb seit mehr als zehn Jahren erfolgreich. Jutta und Eberhard, beide IPPNW-Mitglieder der ersten Stunde in der DDR, erzählen uns von der vielseitigen Geschichte des Ho-

fes, die am Folgetag während einer Führung über das Gelände sehr lebendig wird. Für Samstag haben einige von uns kurze Impulsreferate und Denkanstöße vorbereitet, anderes ergibt sich spontan aus dem Gespräch: Nach dem Frühstück berichtet Vera eindrücklich von der Israel-Palästina-Reise der IPPNW. Bereits am Flughafen bei der Einreise war die Gruppe massiv eingeschüchtert worden. Ihre beklemmende Schilderung lässt uns reflektieren, wie es ist, einmal auf die Privilegien zu verzichten, die uns unser Pass an fast allen Grenzen dieser Welt gewährt, die aber zugleich für die Mehrheit der Menschen unerreichbar sind. Beim Gespräch am Baggersee erzählt Katja von der Arbeit der Deutschen Allianz Klima und Gesundheit (KLUG) und das Bestreben des IPPNW-Vorstandes, die Arbeit unserer Organisation klimafreundlicher und nachhaltiger zu gestalten. Dazu gehört auch, die bestehenden Projekte kritisch auf ihren ökologischen Fußabdruck zu bewerten und etablierte Projekte wie „famulieren & engagieren“, die ohne Langstreckenflüge im bestehenden Rahmen nicht möglich sind,

entsprechend zu kompensieren. Auch der nächste IPPNW-Weltkongress, der 2020 in Kenia stattfindet, gibt hier Anlass zum Nachdenken. Wir wissen aus eigener Erfahrung von den IPPNW-Weltkongressen in Helsinki und Delhi, wie inspirierend Begegnung und Austausch innerhalb der internationalen IPPNW sind. Allerdings fragen wir uns schon, ob wir zukünftige Weltkongresse, die nur mit einem Langstreckenflug erreichbar sind und wo wir keine Referent*innen sind, nicht lieber im Online-Stream verfolgen sollten. Als die Sonne hinter den Dächern der alten Stallgebäude untergeht, gibt Arslan uns eine tolle Einführung in Contact Improvisation, eine Art Meditationstanz. Später sprechen wir bei einem Glas Wein über unsere Erfahrung mit gewaltfreier Kommunikation im Krankenhaus im Umgang mit Kolleg*innen und Patient*innen. Es gibt Untersuchungen über die spontane Gesprächszeit von Patient*innen zu Beginn des Arztgesprächs in der Hausarztpraxis. Im Mittel wurden die Patienten nach 11 bis 24 Sekunden das erste Mal unterbrochen. Doch lässt man sie stattdessen eine Minute ausreden, führt das nicht mal zu einer längeren Konsultation. Am Sonntag trennen sich unsere Wege wieder, nach einem entspannten Wochenende für die ganze Familie und zugleich voll neuer Eindrücke und Ideen. Das „WEDJI“ ist wirklich eine hervorragende Möglichkeit, neben Berufs- und Familienalltag mit der IPPNW in Kontakt zu bleiben oder auch wieder in Kontakt zu kommen. Ein großer Dank gilt Ewald Feige, der alles organisiert, eingekauft und vorbereitet hat. Schon jetzt steht fest: Wir sind nächstes Jahr wieder mit dabei.

Sophia Schelcher Weiterbildung im Fach Gynäkologie und Geburtshilfe Stephan Hohmann Facharzt für Kardiologie/ Hannover


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Was machen die IPPNW-Studierendengruppen und Medinetze in Deutschland? Göttingen » Ein Oberthema pro Semester, z. B. Plastik und Recycling, dazu interne Vorträge » Führung durch die örtliche Kläranlage sowie durch die Entsorgungsanlage unseres Klinikums » Filme: „Plastic Planet“, „Don’t Panic – End Poverty“, „Human“ » Kurzvorträge zur Mülltrennung in unserem Klinikum für die Klinik-Erstis » Versuch der Einführung eines Wahlfachs „Kritische Pharmakologie und Ethik der Forschung“ » Kooperation mit den IPPNW-Ärzt*innen » Öffentliche Vorträge, z. B. von Henrik Paulitz

Lübeck

» Wöchentliche Treffen in teilnehmenden WGs » Recherche zum Thema atomares Freimessen mit Fokus auf Schleswig-Holstein » Besuch der World Press Photo Ausstellung in Hamburg » Mitorganisation eines Workshops zum Thema Nachhaltigkeit im Alltag an der Uni » Gegenseitiges Informieren zu historischen Konflikten und aktuellen Krisen/Kriegen » Medical Peace Work » Filme: u. a. „Der marktgerechte Patient“, „The man who saved the world“ » Kontakt: ippnw@uni-luebeck.de

Medinetz Rhein-Neckar

» Treffen donnerstags 20 Uhr, abwechselnd in Mannheim und Heidelberg » Infos unter: www.facebook.com/MediNetzRheinNeckar » Medizinische Versorgung von illegalisierten Patient*innen » Organisation anonymer Geburten/Operationen » Öffentlichkeitsarbeit » geplant: Zahnpflegeschulung von Kindern in Asylbewerberheimen

Das Jahr 2019

Tübingen

» Vorträge oder Filme zu friedenspolitischen oder gesellschaftskritischen Themen, häufig mit einem medizinischen Bezug » Infostände z. B. zum Hiroshimatag oder zum Antiatomwaffeln backen » Medical Peace Work » Teilnahme an Demonstrationen

Würzburg

» Beteiligung an der Organisation einer Ringvorlesung zum Thema „Gesundheit für alle?! Gesundheitsgerechtigkeit in Deutschland“ mit dem Medinetz Würzburg (WS18/19) » Teil der Medical Peace Work AG » Thema Big Pharma: Organisation eines Input-Vortrages mit Mezis-Dozentin » Bridges of Understanding: Austauschprojekt für Verständnis und Versöhnung in Balkanstaaten » Kooperation mit UAEM: Planung einer Ringvorlesung zu Pharmaindustrie/Medikamentenzugang/Globale Gesundheit » Kooperation mit IPPNW-Ärzt*innen und Interesse an den Themen Gesundheit & Klimakrise

Berlin

» Workshop „Ökonomisierung im Gesundheitswesen – Wo stehen wir und wollen wir hin?“ (Mitgliederversammlung der deutschen IPPNW in Stuttgart) » Interne Weiterbildung zum Thema Klimawandel und Teilnahme am Klima­streik » Gemeinsam in Büchel beim Friedenscamp und in der Blockade » Wunderschönes Teambuilding-Wochenende » Besuch dank „famulieren und engagieren“ und gemeinsame Teil­nahme an der Konferenz zum Thema Global Health Security sowie an der Summer School der IPPNW » Medical Peace Work Woche » Kritische Orientierungseinheit für die Erstis als gemeinsames Projekt aller politisch und sozial interessierten AGs der Charité mit unserem Workshop „Hurra, diese Welt geht unter – Zeit für den Atomschutzbunker oder die Systemfrage?“


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Homburg

Aktivitäten 2019: » Aktion Reden statt Rüsten in Frankfurt » Atomwaffel-Infostände zum Auftakt der EU-Wahlen » Gemeinsame Aktion mit ICAN Marburg für die Aufrechterhaltung des INF-Vertrags im Juni in Frankfurt/ Main » Gespräch mit dem Stadtrat Homburg bezüglich des ICAN Städteappells » Örtliche Unterstützung von Fridays For Future » Teilnahme an der Protestaktion in Büchel mit Bombenballett » Aktionsbild für die u18 nie Kampagne » Facebook-Seite: IPPNW-Studigruppe Homburg

Unigruppe Ruhr der Ruhr-Universität Bochum

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» Treffen montags um 17 Uhr in der RUB, alle sind willkommen » Infos: www.facebook.com/sozMedRuhr » E-Mail: sozmed-ruhr@posteo.de Aktionen: » Filmvorführung „Der Marktgerechte Patient“ mit anschließender Diskussion » Klimaworkshop mit gesundheitlichem Schwerpunkt » Interdisziplinärer Vortrag zum Thema „Abtreibung tabu?!“ mit sozialen, juristischen und medizinischen Aspekten » „Papaya-Workshop“ zum praktischen Ablauf einer Abtreibung geplant, um auf Defizite in der medizinischen Lehre und Ausbildung aufmerksam zu machen und Tabuthemen anzusprechen

Hannover

» Teilnahme an der Mitgliederversammlung in Stuttgart » Teilnahme am Aktionsfestival in Büchel » Begleitung von Prozessen von Aktivist*innen, die wegen Aktionen zivilen Ungehorsams in Büchel angeklagt wurden » Banneraktion zum Tag der Bundeswehr in Fassberg » Teilnahme an diversen Demonstrationen, Fridays for Future, Global Strike, NoNPOG » Mitwirkung an einem Alternativen Vorlesungsverzeichnis an der MHH » Organisation einer Fahrt zur Gedenkstätte Auschwitz » Beteiligung an dem Bündnis #NoNPOG gegen das Niedersächsische Polizei- und Ordnungsbehördengesetz » Durchführung verschiedener Workshops zum Thema Nukleare Kette und Medical Peace Work » Unterstützung von ICAN in Form von Vorträgen und Workshops sowie Teilnahme an der Nukipedia und des „Wie botschaften?“-Lehrgangs » Kritische Begleitung der Hochschulpolitik » Facebook: www.facebook.com/ippnw.hannover » www.mhh-asta.de/projektgruppen/ippnw » ippnw@mhh-asta.de

Düsseldorf

Jena

Unsere Themen: » Medical Peace Work » Elektronische Patient*innenakte » Divestment in der Geldanlagestrategie der Ärzteversorgung: Zusammenarbeit mit der IPPNW-Thüringen-Erwachsenen-Gruppe, um Politiker*innen vor der Landtagswahl in Thüringen auf dieses Thema aufmerksam zu machen sowie Vortrag von Dieter Lehmkuhl zu dem Thema im April kommenden Jahres in Jena Ausblick: » Wöchentliches Treffen montags 20 Uhr (studisjena@ippnw.de) » Diskussionsabende (Themen: Widerspruchsregelung Organspende, Bürgerversicherung/Vergleich verschiedener Versicherungssysteme, INF-Vertrag u. a.) » Öffentliche Vorträge und Filmabende » Teilnahme an der Büchel-Aktionswoche » Teilnahme an Demonstrationen, z. B. Fridays for Future, Ostermarsch gegen Krieg und Aufrüstung in Jena

» Wahlfach Diskussionsforum „Medizin und Gesellschaft“ » Filmvorführung und Vortrag: Gesundheit als Geschäft » Teilnahme am Studitreffen Berlin und Organisation des Studitreffens in Düsseldorf » Vortrag: Organhandel in China » Rede zum Hiroshimatag 2018 » Rede beim Ostermarsch Krefeld » Vernetzung mit der IPPNW-Gruppe in Mönchengladbach » Aktive Teilnahme an Büchel 2018 » Teilnahme an den Protesten im Hambacher Forst » Teilnahme an der MV in Köln


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Warum fotografieren? Ein Ausschnitt meiner Reflektion zum Fotografieren während meines Aufenthaltes in Bukarest

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arum fotografieren? Was fotografiere ich? Und was fotografiere ich nicht? Mit diesen Fragen renne ich den ganzen Tag herum, meine Analogkamera habe ich immer in meinem Rucksack dabei. Von Marie Schäfer

Die erste Woche trug ich sie nicht mit mir herum, ich wollte mich nicht von meinen ersten Gedanken leiten lassen, bei denen ich alles Neue und Andere und vermeintlich Spannende in Bukarest hätte ablichten wollen. Ich wollte mich dem Drang zu „exotisieren“ widersetzen. Schnell habe ich gemerkt, wie mir die Gebäude, die Metrostationen, die Straßen nach einer Woche Alltag schon nicht mehr so aufregend vorkommen. Kam mir anfangs meine Gegend hier noch ein wenig befremdlich vor, ist es mir jetzt ganz natürlich, mich hier fortzubewegen. Ich habe meine Arbeit fotografiert in beiden Krankenhäusern, die Kinder höchstens von hinten, die wunderschönen Malereien in dem neuen Krankenhaus, im alten, teils ziemlich heruntergekommenen Krankenhaus bisher noch keine Station, es kam mir falsch vor. Ich habe Fotos gemacht von den Menschen, mit denen ich viel Zeit verbringe, von dem Park, den ich so gerne mag, von der Kreuzung, die ich jeden Morgen wagemutig passieren muss, von den großen, kommunistischen Gebäuden und kleinen, alten Villen ähnelnden Häusern, von Wohnblöcken. Ich will ein Foto der alten Tram machen, die vor sich hin rattert, und eins von den mit Autos überquellenden Straßen. Ich habe kein Foto gemacht von den Glasfassaden der

zahlreichen Bürogebäude, keine Bilder der schicken Cafés oder Hipsterläden. Warum nicht? Habe ich auch in Deutschland bzw. Berlin, kenne ich, finde ich weder besonders noch besonders schön. Ich glaube all das ist in Ordnung, solange ich diese Dinge trotzdem bewusst wahrnehme und nicht aus meiner Erzählung streiche. Ich fotografiere nicht die älteren Frauen, die oft an der Straße oder an Metrostationen sitzen und nach Geld fragen. Ich fotografiere nicht die brachliegenden Flächen, die sich immer wieder zwischen Häusern finden, mit viel Müll versehen, auch wenn sie mir ins Auge fallen. Würde ich jemals in Berlin Bilder machen von vermüllten Parks oder geschweige denn von irgendwelchen Hinterhöfen? Hier kommen mir Hinterhöfe in bestimmten Bezirken „echt“ vor, weil ich mir so Armut vorstelle. Dreckig und stinkend. Und der erste Satz, den ich in Deutschland immer gehört habe, wenn ich sagte, dass ich nach Rumänien reise, war: „Ja, das ist ja schon ein armes Land, oder?“. Ganz ehrlich? Weiß ich nicht. Ich erlebe und kenne keine Armut, warum sollte ich sie abbilden. Im wahrsten Sinne des Satzes, warum? Weil ich einen Status quo festhalten wollte? Weil ich Aufmerksamkeit auf eine Bevölkerungsgruppe leiten wollte? Um klassisch postkolonial zu zei-

gen, wie „gut es den Personen doch mit so wenig geht“? Ich kann als Fotografin nicht neutral und objektiv „arme Menschen“ ablichten. Das ist eine Illusion. Ich habe immer eine Beziehung zu dem, was ich darstelle und das wäre entweder eine Art zu romantisieren oder eine Art des Mitleiderzeugens. Ich löse mit einem Foto immer gewisse Gefühle in den Betrachtenden aus, die natürlich stark von deren eigener Biografie abhängen, aber eben auch von meinem gewählten Ausschnitt. Dass mein Foto immer nur ein kleiner Ausschnitt einer komplexen, vielschichtigen und dynamischen Situation ist, muss mir dabei bewusst sein. „Die von der Kamera aufgezeichnete Realität wird zwangsläufig stets mehr verbergen als sie enthüllt“ – Susan Sontag in ihrem Essay On Photography / Dt: Über Fotografie, 1977. Sontag sagt ebenso, dass Fotografie immer wieder dazu tendiert, in allem das „Schöne“ darzustellen. Dass es mit den Augen der Kamera funktioniert, die Aufmerksamkeit der*des Betrachter*in auf die Schönheit eines Objekts zu leiten. Entweder, um die Schönheit an sich aufzuzeigen, oder um etwas nicht klassisch-gesellschaftlich der Schönheitsnorm Entsprechendes darzustellen, was wiederum durch den Fokus doch schön wirkt. Würde ich jetzt also Armut fotografieren, dann gäbe es im Bezug darauf zwei Hintergründe. Der eine wäre, ich fände den Moment trotzdem „schön“, dann würde ich vermutlich irgendwelche eigenen Gefühle in ein Bild hineinprojizieren und setze mich wieder der Gefahr der Romantisierung aus. Der andere wäre, dass ich es eben gerade nicht schön, prekär, abstoßend, erschreckend


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finden würde, vielleicht hässlich. Und dann „Hässliches“ ablichten und durch den Akt der Fotografie doch eine Art Ästhetik herzustellen, wäre ja gegenläufig zu meiner Intention. Vielleicht würde mich die Situation auch verängstigen oder beunruhigen? Dazu sagt Sontag, dass ich in dem Moment, in dem ich die Kamera zwischen mich und das Betrachtete setze, eine Art Schutz habe. Ich distanziere mich. Ich bin nicht Teil der Situation, muss sie aber eben auch nicht einfach nur visuell aushalten. Ich mache ja was, halte mich quasi an der Kamera fest. Ich nehme mich selbst raus und habe für den Moment eine Aufgabe. Ich muss meine Position nicht reflektieren, denn ich erhebe mich ja auf eine Metaebene. Aber: Wer fotografiert, handelt nicht. Einschub: Ich habe das Gefühl, in meiner gesamten Auseinandersetzung mit dem Thema bisher einen für mich zentralen Punkt noch gar nicht erklärt zu haben, weil er für mich immer und überall mitschwingt und ich ihn daher gar nicht präzisiert habe bisher: Der des Subjekts und Objekts. Und der Definitionsmacht. Kurz: Ich, die ich das Foto mache, suche mir ein Objekt, das ich ablichte. Zumindest in dem Moment, in dem das Objekt nicht selbstbestimmt entscheidet, fotografiert werden zu wollen und sich selbst inszeniert. Das jetzt mal ausgenommen. In dem Moment, in dem ich ein Bild von einer Person oder Situation mache, habe ich die Definitionsmacht, festzulegen, welchen Ausschnitt oder welche Sichtweise ich zeigen möchte, wie oben schon ausgeführt. Mir wird zugehört werden, meiner Darstellung einer Lebensrealität einer anderen Person, ich werde für sie oder über sie sprechen mit dem Bild. Und ich als privilegierte Person darf sowieso schon häufig sprechen. Ich nehme mir trotzdem den Raum und ich bin das Subjekt. Das waren jetzt Gedankenschnipsel. Die konkrete Situation, die das alles ausgelöst hat, ist heute morgen gewesen. Ich sollte im Rahmen der Fundatia Inocenti Fotos von ihrer Aktion in einem – wie mir gesagt wurde – außerhalb Bukarests gelegenen „poor village“ machen. Dort fuhren wir zu einer Grundschule, um einen Vormittag mit den dort lebenden Kindern zu basteln, zu malen, sie kreativ zu bespaßen.

Mit all meinen Gedanken zu verantwortungsvoller und kritischer Fotografie bereiteten mir meine Aufgabe und die Aktion schon vorher einiges an Bedenken. Während des Vormittags stellte es sich dann doch relativ einfach dar. Es war eben ein Haufen quirliger Kinder, die bastelten, und ich fotografierte sie bei ihren Tätigkeiten, ohne dass ihre Gesichter zu sehen wären, fotografierte die Mitarbeiterinnen, wie sie mit den Kindern interagierten, viele Ansichten auf Hände und das kreative Schaffen. Für mich war das ein guter Kompromiss und ich fühlte mich sehr wohl dabei, der Organisation diese Art von Bildern zu hinterlassen. Damit hatten sie die nötige Öffentlichkeitsarbeit, aber die Anonymität der Kinder wurde gewahrt, ich habe stets versucht, sie als agierende Subjekte zu zeigen, die mit Mitarbeiterinnen kommunizieren. Ich habe von Fotos der Umgebung und des Ortes abgesehen. Wie die Organisation diesen Tag mit Worten beschreibt, liegt nicht in meiner Hand, die Fotos fanden sie sehr gut. Vielleicht mache ich es mir damit auch einfach, aber ich kenne eben auch überhaupt nicht die Umstände und Gegebenheiten. Und so passt das ganz gut für mich.

Zeitsprung – jetzt bin ich wieder in Berlin, bearbeite diesen Text und suche geeignete Bilder für die IPPNW raus. Als ich die Fotos letzte Woche vom Labor abholte und zum ersten Mal durchschaute, kamen mir die Tränen. Ich ging stundenlang gedanklich alle Momente durch, die ich festgehalten hatte. Meine Mitbewohnerin kam etwas irritiert in mein Zimmer rein, als ich tief versunken und mit verschwommenen Blick die Fotos „dieser einen Straße“ oder „dieses Gebäudes“ in der Hand hielt und sie die Besonderheit eben dieser nicht so ganz fassen konnte. Und dann wurde mir doch wieder klar, für wen und warum ich eigentlich fotografiere. Für mich – damit sich auch weit entfernte Momente manchmal wieder ganz nah anfühlen.

Marie Schäfer war mit f&e in Rumänien 8. Semester Charité, Berlin


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Warum Indien? Famulieren und Engagieren „Warum wolltest du nach Indien kommen?“, war eine Frage, die ich in den letzten Wochen oft beantworten musste – und ich habe das immer sehr ehrlich getan. Ich wollte gar nicht nach Indien kommen, bzw. es war nicht meine Entscheidung. Von Lena Weng Als ich mich für „famulieren & engagieren“ der IPPNW bewarb und Wünsche angeben durfte, wohin es für mich sehr gerne oder auf gar keinen Fall gehen sollte, habe ich kein Land favorisiert oder ausgeschlossen. Neu und unbekannt wäre alles für mich gewesen und wenn man die Chance auf einen Austausch mit einem Monat Famulatur und einem weiteren in einem Gesundheits- oder Friedensprojekt bekommt, ist es vielleicht auch ganz schön, sich von etwas bzw. jemand anderem leiten zu lassen, als von eigenen vagen Ideen und Wünschen. So dachte ich mir das. Und war dann doch sehr überrascht, als ich das Angebot bekam, mich nach Indien aufzumachen. Aus einem unbestimmten Gefühl heraus, war dies das einzige Land, vor dem mir ein bisschen mulmig war. Aber inzwischen kann ich sagen, es war eine sehr gute Entscheidung – wenn auch nicht meine. Das Erste was mir in den Sinn kommt, wenn ich an die Ärzt*innen im Krankenhaus in Nashik denke, sind die Worte produktiv und unermüdlich. Alle halten fast immer ein Handy in der Hand, und zwar nicht nur, um damit Fotos spannender Hautbefunde zu machen. Nein, in Momenten, in denen man nicht in Patient*innenversorgung involviert

ist, werden wissenschaftliche Paper gelesen, Unklarheiten nachgeschlagen oder abfotografierte Notizen wiederholt. In der Dermatologie wird viel gelehrt, es gibt Vorträge, Fallvorstellungen und wenn ein Oberarzt (1) zu Rate gezogen wurde, hat sich das schnell in ein kleines Testat verwandelt. Ich bin sehr beeindruckt vom Fachwissen der Leute und wie gut sie erklären konnten. Darüber hinaus war es für mich schwer zu folgen, da ich kein Wort der Patient*innengespräche verstand und von niemandem verlangen kann, ständig für mich zu übersetzten – es ist ja meine Schuld, dass ich keine der angebotenen Sprachen spreche. Durch die Dokumentation auf Englisch, konnte ich aber hin und wieder einen Blick auf die Notizen zur Anamnese werfen. Und Dermatologie und Orthopädie suchte ich mir nicht ohne Grund aus, habe sie doch den Vorteil, dass man viel sehen kann, was ich auch getan habe. Strenge Hierarchien, eine Patient*innen-Rolle, zu der Hinterfragen oder gar Widerspruch nicht passt, die Frage, ob sich die Hilfesuchenden Diagnostik und Therapie überhaupt leisten können und das Arbeiten ohne feste Arbeitszeiten

(die Assistenten müssen einfach immer da oder erreichbar sein) haben mir aber bei aller berechtigter Kritik am eigenen System auch seine Vorteile vor Augen gehalten. Für den zweiten Teil machte ich mich auf nach Bengaluru an die Azim Premji University. Mein Sozialprojekt war akademischer Natur und so durfte ich an dieser großartigen Universität spannende Kurse des Fachbereichs Development besuchen, einen Einblick in ihre Forschung erhalten und außerdem bei den Medical Peace WorkOnlinekursen mitarbeiten. Gerade dieser zweite Monat war sehr bereichernd und ich wäre am Ende gerne noch länger geblieben. Nun habe ich einige Wochen in einem Land verbracht, in dem die Küchen der Uni-Wohnheime damit werben, dass ihr Essen hygienisch ist und man im Zug Hinweisschilder finden kann, auf denen zu lesen ist, dass es verboten ist, Müll liegen zu lassen und Frauen zu belästigen. Ich habe überrascht festgestellt, dass ich mich inzwischen intuitiv in den richtigen Teil des Buses setze, auch wenn er nicht mit roten Sitzpolstern gegenüber dem hinteren Bereich für die Männer abgegrenzt ist. Ich habe aufgepasst, mir das eigentümliche Kopfwackeln nicht anzugewöhnen und es leider nicht gelernt, aus einer Flasche zu trinken, ohne sie an die Lippen zu setzen. Ich stolpere noch über Fragen à la „Wo sind deine Eltern und haben sie dir erlaubt nach Indien zu gehen?“ oder auch „Bist du verheiratet?“ als Gesprächseinstieg. Aber der ganz große Kulturschock ist ausgeblieben. Wahrscheinlich liegt es daran: Vor der Uni spielen ein paar Leute Basket­ ball, die meisten sind sehr beschäftigt mit ihrem Studium und alle beschweren sich über das Äquivalent zum Mensaessen – es ist also alles wie immer. Ich habe fast ausschließlich mit der weltoffenen Bildungselite des Landes zu tun. Da lassen sich mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede finden. Viele der jungen Leute, die ich getroffen habe, gehen sehr hart mit ihrem Heimatland ins Gericht und sind äußerst kritisch bezüglich Politik, Staat, Kultur, den Einstellungen und dem Verhalten ihrer Mitmenschen. Einiges davon kann ich nachvollziehen, vieles


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heraus tun, dass sie von (niedriger) Geburt an kaum eine andere Chance hatten. Und blende ich das nicht auch tagtäglich zuhause in Deutschland aus? Ich habe keine Antwort gefunden.

bleibt mir verborgen, es fehlen mir Einblicke und Erfahrungen. Aber gerade das führt dazu, dass ich gerne noch bleiben würde. Ich habe das Gefühl, hier noch nicht fertig zu sein, dass es noch viel mehr zu lernen, zu verstehen und v. a. zu fragen gäbe. Dass ich nicht viel mehr weiß als vorher, wenn nicht verwirrter bin als zuvor. Wobei die Erkenntnis, dass man nichts weiß, der Wahrheit vermutlich am nächsten kommt. „How do you like India?“ – Je länger ich hier bin, desto schwerer fällt mir die Antwort. Es geht mir sehr gut, ich habe kein Problem mit dem „isn’t it too spicy?“-food – im Gegenteil – wohne gerne mit Archana zusammen

in ihrem Zimmer und fand die Kurse an der Uni und vor allem die Menschen, die ich dort kennenlernen durfte, großartig und bereichernd. Aber, kann ich wirklich sagen, dass ich Indien mag, wenn ich lediglich weiß, dass ich mich unter den großen Kritikern und Freigeistern Indiens wohlgefühlt habe? Unter den Studentinnen, die manchmal wütend auf und geschockt von ihren eigenen Landsleuten sind? Unter den Dozent*innen, die nicht mit Kritik an der Regierung sparen und uns schonungslos mit Ungerechtigkeiten und Missständen konfrontieren? Darf ich all die für mich unüberbrückbaren Differenzen ausblenden? Das fängt ja schon damit an, dass die Leute, die hier für mich putzen, das evtl. aus der Bestimmung

Wobei ich mir aber sicher bin: Es fühlt sich großartig an, weit von Zuhause entfernt Menschen zu treffen, mit denen man nicht immer, aber in vielen elementaren Fragen einer Meinung ist. Und nur weil das vielleicht – ich weiß es aber wirklich nicht – nicht mehrheitlich so ist, ist es deshalb ja nicht weniger wahr. Und ich bin unglaublich dankbar für diese Erfahrung.

(1) Anm. Der Redaktion: diese Stelle wurde erst nachträglich geändert – bis wir von der Autorin erfuhren, dass dies kein Versehen war, sondern es einfach keine Oberärztinnen gab.

Lena Weng war 2019 mit f&e in Indien Medizin 10. Semester Lübeck

Resistance has never been easy An attempt on Auschwitz

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aively wishing to understand the cruelty of the Third Reich and conceitedly expecting to find a deeper motivation for my political engagement, dealing with Auschwitz initially brought to me nothing more than disappointment. Von Sophia Christoph

Again and again I have been confronted with the limits of my comprehension, imagination, the abstract and distant character of violence and, furthermore, revealed my own desire to dominate. Auschwitz and the entirety of its agony seem to be unreal. The more I read about and worked on it, the more I came to a conclusion which has already been drawn by Socrates: “I know that I know nothing”. And that I will know nothing, I would add.

What is month-long hunger, cold, exhaustion, fear and despair? Although these are the same terms which are used in everyday life and one is familiar with, they cannot supply one with any image or any understanding regarding life in an extermination camp. It is the only disposable language and it actually cannot live up to the requirements which are put on it. The suffering in Auschwitz would need a language itself, to be depicted precisely. But who would understand a language which describes the unknown? Unless one can relate to the told, one would

never fully understand. And hopefully, we will never be able to relate to that. Linguistic incomprehension is complemented by the grotesque experience of visiting the remains of Auschwitz. Indeed, the memorial truly is the place where the extermination of millions took place. It has been one of the central hubs of Nazi-caused violence, misery, death. However, the atmosphere in the memorial of Auschwitz I and on the fields of Auschwitz II seems to be peaceful. Although excellent work has been done on the exhibition, the grasp of the true biography of these places lies beyond one’s reach. This extermination camp has been a venue of dehumanization and slavery, and for millions the only way of leaving was perish. What could be a greater contrast to this than innocent visitors: multitudes of free men, traveling there voluntarily and being able to leave anytime?


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Eingangstor des KZ Auschwitz I (Stammlager)

As the barbed wire lost its threatening appearance and I almost felt free behind it, it got harder and harder for me to understand the victims’ situations, their lives and their suffering. Au contraire, I slowly realized that I could more closely identify with the convicts. Envisaging me not only walking free behind the fence, but also belonging to the “powerful class behind it” showed to me, that the step from incomprehensibility to the support of the cruelty is not a large one. Humans given the chance to achieve power would barely deny it, and the Nazi-regime has been all about it. I found my own longing for power to be mirrored by two different aspects, firstly, in the enjoyment of dominating over others and, secondly, reflected in a fascination for the extermination’s efficiency. While the enjoyment of domination, which was implemented in Auschwitz by physical (slavery, starving) and psychological (denying the imprisoned their human identity) means, results from the human desire for safety and thus control over anything unpredictable, especially life and death, the fascination of the extermination’s efficiency is an homage to this illusion of power. Truly, it is nothing more than an illusion, since in face of our own death we lose any supremacy, no matter on how many deaths and lives one has decided before. Also the tremendously proper documentation of the Nazis’ genocide served the desire for power and control in a more abstract and overrationalized way. The single man, single death blurred in a mass of numbers. Numbers, which were

calculable, deceiving life and death would be calculable as well. I want to take a step back from my considerations by now. As I acknowledged, that I would conform with the power-hungry Nazi-regime, I felt disgust. In order to gain power I would dehumanize others, and thus also alienate myself from my own human existence. I do bear the potential to contribute to this machinery of extermination. As repulsive as this realization may be, as concrete it is. Driven by the common desire for power, it was usual people who kept the system running, not unearthly demons. Auschwitz was man-made. I could have been part of it. If we were ever to truly grasp any of the proceedings in Auschwitz, it is this. In contrast to demonic marionettes of the evil, humans are conscious beings. Giving in to the own longing for power or not – this choice is given to every single person. No matter which decision would be made, one will be responsible for all of its consequences. The longing for power is not bound to any nationality or epoch but found in all of us, and so is consciousness. When commemorating the Holocaust, this is what we must stay aware of. Reconsidering my initial expectations which were disappointed by the confrontation with my own limits, I need to admit I am still unable to understand the inconceivable. Nevertheless, the very real feeling of disgust

has been able to transform the initial incomprehension of Auschwitz’ abstract horrors to the recognition of actual, individual responsibility. In my opinion, commemoration nowadays means ongoing resistance against the Nazi-regime, since we all bear the potential to contribute to the systematic extermination of human individuals. In constant awareness and intensive self-reflection, we need to take a counter-intuitive decision again and again, against the own desire for power and control. It requires a challenging continuous embrace of our own fallibility. Resistance has never been easy, yet always been necessary. Maybe dealing with Auschwitz is especially relevant in times when it seems to be too distant to grasp. Man-made evil is very graspable indeed.

Sophia Christoph Medizinstudentin 7. Semester Homburg aktiv in der IPPNW


Kontakt

Ansprechpartner*innen und Kontaktadressen IPPNW-Lokalgruppen an fast allen Unis

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n vielen Unis gibt es lokale IPPNW-Studierenden­ gruppen. Wenn Du Interesse hast, wende Dich einfach an die Geschäftsstelle oder direkt an die entsprechende Ansprechpartner*in. Auch die Arbeitskreise der IPPNW freuen sich immer über studentische Mitarbeit.

IPPNW-Geschäftsstelle Körtestr. 10, 10967 Berlin Tel: 030-698074-0 | Fax: 030-6938166 E-Mail: ippnw@ippnw.de | www.ippnw.de Ansprechpartner für Studierende in der Geschäftsstelle ist Ewald Feige: Tel: 030-698074-11, feige@ippnw.de Zuständig für das Programm famulieren&engagieren ist Anne Jurema, Tel: 030-698074-17, jurema@ippnw Studierende im Vorstand der IPPNW Der Vorstand der IPPNW wird alle zwei Jahre vom höchsten Organ unseres Vereins, der Mitgliederversammlung, gewählt. Ihm gehören acht Personen sowie der International Councillor an. Als StudentIn im Vorstand vertritt man/frau die Interessen der Studierenden, setzt sich ein für Studierendenarbeit und informiert die Studierenden in der IPPNW über das, was sich im Verein so alles bewegt. Diese Aufgabe übernimmt derzeit: Claudia Böhm, boehm@ippnw.de Studierendensprecher*innen der IPPNW Jedes Jahr werden im Wintersemester beim bundesweiten Studierendentreffen zwei Studierende gewählt, die die Funktion der Sprecher*innen übernehmen. Zur Zeit sind es Lilian Tashiro, tashiro@ippnw.de und Antonia Klier, klier@ippnw.de. Über die einzelnen Sektionen hinaus, gibt es für die Vernetzung auch zwei Europäische Studierendensprecher*innen. Das sind derzeit Ella Faiz (Frankreich) und Dominik Stosik (Polen)

Amatom: Blog: amatomblog.wordpress.com Facebook: facebook.com/amatomisawesome Twitter: twitter.com/Amatomisawesome

Studierendengruppen Aktuelle Kontakte auch unter: studis.ippnw.de/studierendengruppen oder über die Geschäftsstelle. Berlin: Lioba Unkel Bochum: Anna Lenka Dresden: Franziska Pilz Düsseldorf: Clara Sonneborn duesseldorf@ippnw.de Erlangen: Anna Maria Lehner Gießen: Rebecca Maitra Göttingen: Carla Maria Dohrendorf Hannover: Sarah Gries ippnw@mhh-asta.de Homburg: Alexej Silenko Johanna Dahle Jena: Janka Ulrich studisjena@ippnw.de

Aktuelle Infos unter: studis.ippnw.de

Köln: Ariana Safi

Mailingliste: ippnw-studies@ippnw-lists.de

Lübeck: Frederike Römer

Die internationale IPPNW-Studierendenhomepage: www.ippnw-students.org

Mainz: Lina Schiestl

Facebook-Seite: www.facebook.com/ippnwstudies

Regensburg: Sophie Flemmer ippnw.regensburg@gmx.de www.regensburg.ippnw.de

Rostock: Johanna Matthews ippnw-HRO@web.de Tübingen: Lilian Tashiro tashiro@ippnw.de studigruppe-tuebingen@ippnw.de Witten-Herdecke: Lisa Lombardo Würzburg: Katharina Kersken

Arbeitskreise AK Atomenergie: Henrik Paulitz paulitz@ippnw.de AK Flüchtlinge & Asyl: Carlotta Conrad conrad@ippnw.de AK ICAN: Dr. Inga Blum ingablum@gmx.de AK Medical Peace Work: Dr. Katja Goebbels goebbels@ippnw.de AK Süd-Nord: Dr. Helmut Fischer Dr.Helmut.Fischer@gmx.de

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IPPNW: Frieden durch Gesundheit

Medizinstudierende für Gerechtigkeit und Frieden in einer Welt ohne atomare Bedrohung Was ist die IPPNW? IPPNW steht für Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges. In Deutschland heißt die IPPNW zudem „Ärzte in Sozialer Verantwortung“. Die IPPNW wurde 1980 zur Zeit des Kalten Krieges gegründet. Heute arbeitet sie in 80 Ländern für eine menschliche Medizin und eine friedliche Welt ohne atomare Bedrohung.

Was macht die IPPNW?

Die IPPNW • forscht: z. B. in Studien über die Gesundheitsfolgen von Uranmunition und ionisierender Strahlung • setzt sich für Benachteiligte ein: z. B. bei direkten Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgern für eine gute Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen in Deutschland • klärt auf: zum Beispiel mit Info-Ständen und Publikationen über die Risiken von Atomwaffen und der Nuklearen Kette.

Nur Atomkrieg und sonst nichts?

Ist die IPPNW eine Hilfsorganisation?

Nein, längst arbeitet die IPPNW zu vielen Themen wie Ethik in der Medizin, Global Health, Flüchtlingsfragen, medizinische Friedensarbeit oder Atomenergie. Die IPPNW hat mehrere bundesweite Arbeitskreise und veranstaltet Kongresse.

Nein, aber … die IPPNW arbeitet vor allem präventiv. So sollen Konflikte gar nicht erst entstehen. Durch die internationalen Kontakte der IPPNW entstehen aber oft konkrete Hilfsaktionen, wie die Kinderhilfe Irak.

Nur was für Ärzt*innen?

Alle Aktivitäten sind offen für Interessierte. Das Besondere: Die IPPNW gibt lokalen Gruppen sehr viele Freiheiten und volle Unterstützung bei den Aktivitäten.

Im Gegenteil! In Deutschland allein gibt es 1.000 studentische Vollmitglieder. Studierende arbeiten oft lokal in Studierendengruppen. Jedes Jahr finden ein bundesweites und ein europäisches Studierendentreffen statt. Mit dem IPPNW-Programm famulieren & engagieren können Studierende weltweit in Partnerprojekten Erfahrungen sammeln und sich einbringen.

Anmeldung

Was kann ich machen?

Mehr Informationen? www.ippnw.de

bitte ausschneiden und einsenden oder faxen an die IPPNW 030–6938166 Für Studierende kostet das im Jahr 32 Euro | Für Ärztinnen und Ärzte 120 Euro

Ja, ich werde Mitglied und unterstütze die Ziele der IPPNW.

Studierende Mitglieder erhalten das Magazin „IPPNW forum“ und den „amatom“ kostenlos. SEPA-Lastschriftmandat: Ich ermächtige / wir ermächtigen IPPNW e.V., Zahlungen von meinem (unserem) Konto mittels Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich mein (weisen wir) unser Kreditinstitut an, die vom IPPNW e.V. auf mein (unser) Konto gezogenen Lastschriften einzulösen. Hinweis: Ich kann (wir können) innerhalb von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrages verlangen. Es gelten dabei die mit meinem (unserem) Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen.

Vorname und Name des/der Kontoinhaber*in

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Straße und Hausnummer

Postleitzahl und Ort

bei Kreditinstitut

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IBAN Unterschrift

Gläubiger-Identifikationsnummer: DE16IPP00000010836 Mandatsreferenz: wird im Zuge der Bestätigung mitgeteilt

Vor dem ersten Einzug einer SEPA-Lastschrift wird mich (uns) der Verein IPPNW e.V. über den Einzug in dieser Verfahrensart unterrichten.