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amatom31 ein Magazin von kritischen, jungen Mediziner*innen

IPPNW

Baustelle Zukunft Herausgegeben von der IPPNW Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung | Ausgabe 2019 | Spende 1 Euro

Wohin entwickeln sich Medizin und Gesellschaft?

Themen: Resilienz – Gütesiegel „militärisch“? – Transgender in der Medizin – Atomwaffen – Klimawandel –famulieren & engagieren –u. v. m.


Inhalt 1 Editorial 2 Die Leiden des jungen Harry Potter Ein Paradebeispiel für Resilienz?

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M wie Militär

Über die ungesunde Liaison zwischen Rettungsdienst und Polizei und die Erhebung des Attributs militärisch zum Gütesiegel

10 Smashing patriarchy with a nuclear ban Gender und Atomwaffen

11 Quo vadis, (Gender-) Medizin?

Denkanstöße zur (Regel-) Gesundheitsversorgung von trans Personen

13 „Die Gleichberechtigung war schon immer mein Motor“ Interview mit Dr. Astrid Bühren

16 Unterstützung statt Diskriminierung Transgender in der Medizin

19 Der tagtägliche Wahnsinn auf einer Intensivstation Mangelndes Personal für zu viele Aufgaben bei zu wenig Zeit

20 Warum wir im Nachtdienst nicht allein sein wollen Über eine ganz „normale“ Nacht im Krankenhaus

21 Der Pflegestreik im Uniklinikum Freiburg und seine Vorbereitungen Ein Erfahrungsbericht

24 Antibiotikaforschung in der Krise Forschungsprobleme und Lösungsansätze

25 Fleming-Fieber Poetry

26 Die Vermessung der Welt

Anthropologie als koloniales Werkzeug und Rassismus in der Wissenschaft

28 Eine Frage des Überlebens

Die fortschreitende Erderhitzung erfordert dringliches Handeln

30 Gendern im Amatom

Warum die Redaktion sich gegen einheitliche Standards zum Gendern entschieden hat

31 Einmal hin und weg sein

Wie IPPNW-Programme Leben auf den Kopf stellen

31 Mit f&e in Israel 32 Eintauchen in ein anderes Gesundheitssystem Die Global Health Summer School in Kilifi, Kenia

33 Ansprechpartner*innen und Kontaktadressen IPPNW-Lokalgruppen an fast allen Unis

Impressum Redaktion: Ewald Feige (Berlin), Svenja Langenberg (Bremen), Antonia Neuberger (Mannheim), Michael Rietsche (Mainz), Jeremia Weber (Hannover), Julia Weber (Stuttgart). Anschrift: der amatom, c/o IPPNW, Körtestraße 10, 10967 Berlin, Tel. 030/698 074-0, Fax 030/6938166. Verleger: Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs/ Ärzte in sozialer Verantwortung e. V., Körtestraße 10, 10967 Berlin. Bankverbindung: Bank für Sozialwirtschaft, IBAN DE39 1002 0500 0002 2222 10, BIC BFSWDE33BER Gestaltung und Satz: Samantha Staudte. Bilder: S. 2 Promotional image of the Dursley family from the Harry Potter film series/Wikipedia; S. 3 pixabay.com/en/harry-potter-tracknine-nine-1640525; S. 4 pixabay.com/en/hogwarts-owl-hedwig-harry-potter-2036645; S. 10: Broschüre Sex, Gender and Nuclear weapons (RCW, ican); S.11 Zephiir/Flickr, CC BYNC-ND 2.0; S.13: /nursingschoolsnearme.com, CC BY 2.0; S. 16: Fitz_Carraldo/Flickr, CC BY-NC-SA 2.0; S.18: https://pixabay.com/de/bisexuell-intersexualit%C3%A4t-683960/; S. 19-20 Grafiken: VDÄÄ, cc by-nc-sa 4.0; S.19 oben: Justin Taylor from Encinitas, USA , CC BY 2.0; S.19 unten: SRHSUhl, CC BY-SA 4.0; S. 20: marcelo-leal-525139-unsplash,; S.24/25: CDC/ Janice Carr/ Deepak Mandhalapu, M.H.S., public domain; S. 26: Wikipedia, Author unknown, public domain; S.31: Nordevent GmbH, CC BY-SA 2.0; nicht gekennzeichnete: privat oder IPPNW-Archiv. Druck: ddl-berlin.de, Druckerei Dienst Leistungen, Berlin, Papier: Circle matt, Recycling & FSC. Auflage: 6.000, erscheint jährlich, für studentische Mitglieder der IPPNW kostenlos. Nachdrucke bedürfen der schriftlichen Genehmigung. V.i.S.d.P.: Ewald Feige


Editorial

Editorial „Auf der vor Ihnen liegenden Strecke befinden sich Baustellen“, quäkt das Navi. Fast jede*r Autofahrer*in kennt diese oder ähnlich lautende Warnungen und meist ist mensch dann schon einmal genervt. Denn die erste Assoziation ist oft eine negative: Stau, in der Folge vielleicht Unfälle und in jedem Fall Verzögerungen. Dabei kann Baustellen auch etwas Positives anhaften: Bauen heißt konstruieren, Altes abreißen, falsche, ausgefahrene Wege verlassen und etwas Neues schaffen. Im besten Fall befahrbare Alternativen, die uns als Menschen, als Gesellschaft, zu einem sinnvolleren Ziel kommen lassen. In dieser Ausgabe des amatoms werfen wir Blicke auf verschiedene Baustellen unserer Gesellschaft. Auf Antibiotikaresistenz, Pflegenotstand und Militarisierung. Antonia stellt euch ein Paradebeispiel für Resilienz vor und Anne hat Dr. Astrid Bühren zu ihrer Arbeit im Bereich der Gendermedizin interviewt. Eine weitere, zurzeit 85 km² große, Baustelle, die uns alle beschäftigt, ist der Braunkohletagebau Hambach. Dieter Lehmkuhl widmet sich in seinem Artikel den Auswirkungen des Klimawandels, insbesondere in Hinblick auf Gesundheit und Gesellschaft. Diesen großen Bauplätzen zum Trotz, wollen wir unseren eigenen nicht unerwähnt lassen: den amatom. Mitte dieses Jahres starteten wir einen Hilferuf: Der amatom ist vom Aussterben bedroht! Deutlich wird, wir brauchen Alternativen. Der eingeschlagene Weg gesellschaftlicher Entwicklung führt uns in den Abgrund einer (Tage-) Baugrube. Diese Alternativen zu suchen und auszugestalten ist unser aller Aufgabe. Damit wir in Zukunft darüber schreiben und (wie wir denken) horizonterweiternde und das Denken herausfordernde Artikel herausbringen können, brauchen wir dringend Unterstützung. Wir wünschen Euch viel Spaß bei der Lektüre und hoffen, sie motiviert euch, mit eigenen Artikeln zum Erhalt des amatoms beizutragen. Viel Spaß beim Lesen wünscht Euer Dr. Amatom

Der Amatom braucht Hilfe! Dir gefällt der Amatom? Du hast vielleicht eine Idee für einen spannenden Artikel, Spaß am Layouten, Editieren oder einfach Lust mitzuhelfen? Dann schreib eine E-Mail an feige@ippnw.de und sei beim nächsten Treffen mit dabei! Das AmatomTeam sucht immer Nachwuchs und freut sich über motivierte Neuzugänge – und keine Angst, falls du noch keine Erfahrung hast: Dafür sind wir ein Team!

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Resilienz

Die Leiden des jungen Harry Potter Ein Paradebeispiel für Resilienz?

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urch die überaus erfolgreiche Harry-Potter-Reihe erlebten Tausende von Teenagern, Kindern und Erwachsenen mit einem klein gewachsenen bebrillten Waisenjungen magische Abenteuer und noch wichtiger: überkamen persönliche Traumata und gesellschaftlichsoziale Hindernisse. Von Antonia Neuberger

sich aber keineswegs dem Mythos hingeben, dass Kindheit im historischen Verlauf eine sukzessive Verbesserung erfuhr. Historische Quellen belegen zuhauf die Liebe und Achtung von Eltern gegenüber ihren Kindern. Umgekehrt sind Vernachlässigung, Missbrauch und Gewalt gegenüber Kindern in der Moderne mitnichten ausgerottet. (2)

andere zwei Zimmer, eines davon nur für Spielsachen, besitzt. Für sie ist es „normal“, dass ein Kind keine Geburtstagsgeschenke, geschweige denn eine Feier bekommt, während das andere sukzessiv in einem Meer von Geschenken ertrinkt. „Normal“ ist es, dass ein Kind den Haushalt führt, selbst nur Reste zu essen bekommt und das andere das Gewicht eines jungen Killerwals mit dem dazugehörigen Temperament hat. Selbst einen 12-jährigen Jungen in seinem Zimmer (mit vergitterten Fenstern!) einzuschließen und durch die Katzenklappe zu „füttern“ wird für die Dursleys damit gerechtfertigt, Harry seine „freakigen“ Umtriebe und „seltsamen Ideen“ auszutreiben. Und auch sonst scheint es niemandem in Little Whinging aufzufallen, dass Harry, der immer in schlecht sitzenden Second-Hand-Sachen seines Cousins herumlief, stark in Kleidung und Aussehen von seinem Cousin Dursley, einem als „Wal“ beschriebenen Halbstarken, abweicht. Ist das „normal“?

Ausgehend von gesellschaftlichen Normen kann es keineswegs angemessen gewesen sein, ein Kind in einem Schrank unter der Treppe und in dem Glauben, seine Eltern seien betrunkene Nichtsnutze gewesen, aufwachsen zu lassen. Ergo ließe sich durchaus argumentieren, dass die Fürsorgepflicht, die dank Harrys Waisenstatus bei seinem Onkel Vernon Dursley, mehr noch seiner Frau Petunia als Harrys leiblicher Verwandter, lag, verletzt wurde. Auch kann man ableiten, dass Harry, der als klein und schmal beschrieben wird, in seiner Wuchsentwicklung gestört wurde, am ehesten durch eine unzureichende kalorische Zufuhr von Nahrungsmitteln. Eine klassische Folge physischer Vernachlässigung.

Harry Potter wird schon als Kleinkind zum Ziel eines fanatischen Kriminellen, Lord Voldemort, der nicht zu Unrecht als einer der gefährlichsten schwarzen Magier des 20. Jahrhunderts gilt. Seine Zerstörung, so prophezeit Professor Trelawney bei ihrem Jobinterview zur Wahrsage-Professorin Hogwarts’, wird durch die Person eingeleitet, die geboren wird, wenn der siebte Monat stirbt, was entweder auf Harry Potter oder Neville Longbottom zutrifft. Nachdem seine Eltern bei dem Versuch, Harry vor Voldemort zu schützen, gestorben sind, bringt ihn Professor Albus Dumbledore zu seinen verbleibenden Verwandten mütterlicherseits, den Dursleys. Petunia und Vernon Dursley und ihr Sohn Dudley sind laut Minerva McGonagall „die schlimmste Sorte Muggel (nichtmagische Person)“ und das zeigt sich unglücklicherweise auch in ihrem Verhalten gegenüber ihrem Neffen.

Das Leben mit den Dursleys Petunia und Vernon Dursley sind kleingeistige Leute, deren oberstes Lebensziel es ist, ein nach außen hin erfolgreiches, sozial angepasstes und vor allem „normales“ Leben zu führen, welches sie mit geradezu fanatischem Eifer verfolgen. Wie sehr ihre Wahrnehmung dessen, was sie als „normal“ empfinden, gestört ist, zeigt sich insbesondere in ihrem Verhalten gegenüber Harry im Vergleich zu Dudley. Sie empfinden es als „normal“, dass ein Kind im (Besen-) Schrank unter der Treppe aufwächst, während das

Familie Dursley

Von Vernachlässigung spricht man bei wiederholter oder andauernder Unterlassung fürsorglichen Handelns durch sorgeverantwortliche Personen, das zur Sicherung der seelischen und körperlichen Bedürfnisse des Kindes bzw. Jugendlichen notwendig wäre. (1) Was als Vernachlässigung gewertet wird, kann nach objektiven Standards ermittelt werden (beispielsweise Maslowsche Bedürfnispyramide), hängt aber auch davon ab, welche Fürsorge für ein Kind als ausreichend empfunden wird. Dies wiederum ist beeinflusst von gesellschaftlichen Normen und kulturellen Traditionen und als solchem gesellschaftlichem Wandel unterworfen. Die Kindheit selbst unterliegt einem historischen Wandel und vieles von dem, was man heute selbstverständlich als essenziell für eine glückliche Kindheit erachtet, entwickelte sich unter anderem aus dem bürgerlichen Ideal der „glücklichen Kindheit“ im 19. Jahrhundert. So sollte man

All das ändert sich für Harry, als er im Alter von elf Jahren erfährt, dass er ein Zauberer ist, über einen Haufen magischer Goldmünzen verfügt und nach Hogwarts gehen darf. Doch kann man eine im Schrank unter der Treppe verbrachte Kindheit wirklich so einfach vergessen? Durchlebte Traumata können immerhin auch nach Jahrzehnten Auswirkungen haben, zulasten der psychischen und physischen Gesundheit (3). So ist auch die Opferbereitschaft Harrys zu hinterfragen. Ist sein Tod (man könnte es schon fast Selbstmord nennen, immerhin begab er sich vorsätzlich in eine Situation, die aller Wahrscheinlichkeit nach mit seinem Tod enden würde, und verteidigte sich nicht) Ausdruck eines tieferen Problems, namentlich des fehlenden Selbstwertgefühls Harrys, oder eine literarisch unausweichliche Folge seiner Geschichte? Ist sein Überleben reine Marketingstrategie oder lässt sich eine tiefer gehende Lektion fürs Leben ableiten? Es ist schon ein bisschen magisch, wie Harry trotz seiner Kindheit und Jugend zu einem sozial interagierenden und produktiven Mitglied der Gesellschaft wurde. Zur Zeit des Epilogs ist er glücklich verheiratet,


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hat drei Kindern und eine Karriere als Auror. Interessanterweise werden einige Aspekte, die aus einer derartigen Kindheit erwachsen können, in dem von J. K. Rowling mitgeschriebenen Theaterstück aufgegriffen: eine eingeschränkte bis fehlende Empathie, ein gestörtes emotionales Mitteilungsvermögen, Probleme mit sozialer Interaktion. Doch auch in diesem Stück gilt am Ende: “All was well”. Verfügt Harry über eine besondere Art Magie, möglicherweise einem Wunschpunsch der Widerstandsfähigkeit? Oder kann jedeR die Magie der Resilienz in sich entfalten?

Achtsamkeit statt Avada Kedavra Resilienz wird meist definiert als die Leistungsfähigkeit eines dynamischen Systems erheblichen Stress, der dessen Stabilität, Funktionsfähigkeit oder Entwicklung zu beeinträchtigen bzw. zu zerstören droht, zu widerstehen oder zu überkommen (4). Im engeren Sinne bezieht sich dies auf das Überkommen von Stress und der relativen Unverwundbarkeit gegenüber umweltbedingten Risikofaktoren. Sowohl individuelle als auch Umweltfaktoren tragen zur Resilienz bei. Dazu gehören unter anderem: geistige Leistungsfähigkeit, psychologische Widerstandsfähigkeit, Selbstbewusstsein und soziale Interaktionsfähigkeit, Gefühl der Hoffnung bzw. persönliche Motivation, Respekt und Wertschätzung Anderer, Gefühl der Kontrolle über das eigene Leben, eine extrinsische Interpretation des traumatischen Ereignisses („nicht meine Schuld“), die Fähigkeit Unterstützung und Hilfe anzunehmen, ein soziales Supportsystem und gutes Verhältnis zu Mitgliedern der eigenen Peer group, sowie Hobbys und kreative Ausdrucksmöglichkeiten. Resilienz kann auch aus anderen Faktoren erwachsen, die auf den ersten Blick nicht positiv oder neutral scheinen, aber einen schädlichen Umweltfaktor ausschalten. Das Aufwachsen innerhalb der Kernfamilie beispielsweise ist dem Aufwachsen außerhalb des Elternhauses meist vorzuziehen, vorausgesetzt es besteht ein stabiles Familienumfeld und die Fürsorgemöglichkeiten der Eltern sind nicht durch psychische Krankheiten, Substanzmissbrauch, häusliche Gewalt oder Ähnliches eingeschränkt. In dem Falle wäre ein Aufwachsen außerhalb des Elternhauses vorzuziehen, um möglichem Missbrauch und Vernachlässigung zu entgehen. Resilienz kann auch über wiederholte kurze Exposition gegenüber Stressoren geformt

werden, solange die Möglichkeit besteht, diese Erfahrung und gegebenenfalls daraus entstehende Folgen adäquat zu verarbeiten. (4) Vernachlässigte und misshandelte Kinder sind bei der Entwicklung von Resilienz durch ihre Erfahrungen in besonderer Weise eingeschränkt. Unter anderem zeigte eine Studie aus Chicago, dass Kinder, die traumatische Kindheitserfahrungen durchlebten, als Erwachsene weniger wahrscheinlich als ihre nicht-misshandelten Alterskollegen funktionierende Resilienzmechanismen zeigten. Als mögliche Erklärung dafür kristallisierten sich häufiges Umziehen, schlechtere Schulleistung und geringes Leseverständnis, antisoziales Verhalten sowie mäßige soziale Interaktionsfähigkeit mit Gleichaltrigen heraus. (5) Auch Harry verfügt über einige dieser Resilienzfaktoren und muss sich bei der Überwindung immer neuer Hindernisse erproben. Sein „Handicap“ als vernachlässigtes Kind aus dem Schrank unter der Treppe bleibt dabei immer bei ihm und die Prophezeiung, die wie ein Damoklesschwert über ihm hängt, erschwert zusätzlich seinen Weg. So ist auch in der magischen Welt nicht alles Sonnenschein und gute Laune. Harry hat Albträume, Stimmungsschwankungen und muss den Verlust wichtiger Bezugspersonen (wie seines Paten Sirius Black) verkraften. Der Leser leidet mit Harry, sieht aber auch, welche Erfahrungen ihn stärker und glücklicher machen und hat am Ende mit ihm zusammen sein Happy End. Dennoch, Literatur ist Literatur und das wahre Leben wird auf einem ganz anderen Stück Papier geschrieben. Oder?

Alohomora – die Transzendenz der Magie Harry Potters Wer sich schon einmal derart in einem Buch verloren hat, dass er seine Umwelt komplett vergessen hat (weshalb ich zum Beispiel nie auf der Toilette lese. Wenn man dann am Ende nicht mehr aufstehen kann, weil die Beine eingeschlafen sind, macht das weniger Spaß), kennt sich mit Immersion, dem Zustand intensiven Lesens, aus. Wissenschaftler der Freien Universität Berlin untersuchten in mehreren MRT-Studien, wie sich das Lesen der Harry Potter Reihe, die als besonders immersiv gilt, auf die Gehirnaktivität auswirkt. (6) Repräsentativ sind die Daten aufgrund der geringen Probandenanzahl allerdings nicht, zeigen aber eine klare Tendenz auf. Besonders interessant ist ihre Untersuchung zur Testung der „Fiction-Feeling-Hypothese“, welche besagt, dass Erzählungen mit emotionalen Inhalten, insbesondere solche negativer, aufwühlender oder spannungsvoller Art, bei den Lesern die mit Empathie in Verbindung stehenden affektiven neuronalen Strukturen im Gehirn, insbesondere die vordere Insula und den mittleren cingulären Kortex, aktivieren und zu einem immersiven Leseerlebnis führen. Diese konnte in Teilen bestätigt werden, wobei Furcht induzierende Textstellen ein größeres Immersionspotenzial zeigten, als neutrale und die hämodynamische Aktivierung des mittleren cingulärem Kortex ebenfalls in größerer Korrelation mit diesen stand. Es zeigte sich eine scheinbar stärkere Einbindung der neuronalen Strukturen von Schmerz und affektiver Empathie mit der Beschreibung der schmerzhaften oder

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furchtsamen Erfahrungen der Protagonisten je mehr der Leser in den Text involviert bzw. immersiert war. Der Lokus der Aktivität im mittleren cingulären Kortex scheint mit der Betonung auf den motorischen Aspekt von Empathie durch die lebhafte Beschreibung von den Verhaltenskomponenten von Emotionen in den Harry-Potter-Büchern zusammenzuhängen. (7) Unser Gehirn ist dementsprechend involviert, wenn wir lesen, doch lernt es auch durch die in den Büchern beschriebenen Szenen? Ein Kernpunkt dieser Frage ist das sogenannte „Read-er’s dilemma“, die Schwierigkeit, die Lesern begegnet, wenn sie entscheiden müssen, ob eine neue Information, die sie in einem fiktionalen Kontext kennengelernt haben, in der realen Welt applizierbar ist. Prävalent ist dieses Problem für Leser aller Altersstufen, insbesondere aber für junge Leser, die zu Erziehungszwecken oft mit Geschichten konfrontiert werden, die sowohl Unterhaltung als auch Bildungsvermittlung sind, und bei denen es dadurch essenziell ist, dass sie das Dilemma erfolgreich lösen. Es konnte gezeigt werden, dass Kinder schon ab drei Jahren in der Lage sind eine definitive Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion herzustellen. (8) Die in einem fiktionalen Kontext gewonnen Informationen auf die reale Welt zu übertragen, bedarf dabei dreier Lernmechanismen: Recall, Generalization und Application. Auch wenn gezeigt werden konnte, dass Kinder in der Lage sind, durch fiktionale Geschichten aufgenommene Inhalte zu reproduzieren, zeigten doch auch verschiedene Studien, die offenere Fragestellungen zur Überprüfung des Lerneffektes nutzten, dass Kinder gewonnene Information verzerrten, um sie an ihr vorhandenes Wissen anzupassen. (8) Viel kann von der Art und Weise sowie Struktur der Einschätzung des Lerneffektes in solchen Studien abhängen. Im Bereich der Genderwissenschaften gibt es viele Untersuchungen, die positiv darstellen, wie Geschlechtsstereotype durch narrative Interventionen abgebaut werden können. Nicht zuletzt sind diese Stereotype selbst oft auch durch fiktionale Medien geprägt. Auch im Hinblick auf ethnische Minderheiten oder Menschen mit Behinderungen können fiktionale Geschichten einen positiven Einfluss auf die kindliche Einstellung zu denselben ausüben. Interessanterweise sind Kinder selbst oft nicht in der Lage die genaue moralische Lektion zu verbalisieren, auch wenn sich in ihrer Aussage bezüglich ihres Verhalten oder ihrer Einstellung eine

Änderung als Antwort auf die implizite Aussage der Geschichte feststellen ließ. Kinder unter zehn Jahren scheinen dazu zu tendieren, auf diese Fragestellung hin eine kurze, spezifische Aussage (beispielsweise „be nice to three-legged dogs“) zu treffen. (8) Als Einschränkung muss gesagt werden, dass die hier angesprochenen Studien dahin gehend limitiert sind, dass sie keine Verhaltensbeobachtung nach Intervention mit einbezogen, sondern dass die Ergebnisse nur auf Selbstaussagen in einem hypothetischen Zusammenhang beruhen. Dennoch scheinen Kinder in der Lage zu sein, die in einem fiktionalen Kontext gewonnenen Informationen oder Lektionen zu generalisieren. Auch zeigten verschiedene Studien, die Verhaltensänderungen nach dem Anschauen pro-sozialer Videosequenzen untersuchten, eine positive Tendenz zu mehr altruistischen und empathischen Verhalten bei Kindern. (8) Ob Kinder besser durch fiktionale Geschichten als durch andere Formen der Wissensvermittlung lernen, ist eine andere Frage. Zumindest im mathematischen Bereich scheint dies zu stimmen, was damit zusammenhängen könnte, dass Geschichten ein Thema fesselnd machen können, was wiederum Lernen begünstigt. (8) Bezüglich der Verwendung fiktionaler und nicht-fiktionaler Geschichten als Lernressource und den möglichen Vor- und Nachteilen ist die Studienlage gespalten. Auch wenn Studien einen positiven Lerneffekt fiktionaler Geschichten zeigen, bleibt die Ursache dafür oft unklar. Der positive Effekt fiktionaler Geschichten auf den Lernprozess könnte daran liegen, dass deren narrative Struktur dabei hilft, neue Informationen zu kontextualisieren. Kinder sind

möglicherweise in der Lage Informationen anders zu verarbeiten, wenn sie diese aus einem fiktionalen Kontext gewinnen, gerade dadurch, dass diese Informationen als generalisierbarer wahrgenommen werden. (8) Im Hinblick auf fantastische Literatur gibt es eine wachsende Anzahl von Publikationen, die die Hypothese stützen, dass diese durch Hervorhebung des ungewöhnlichen Inhalts die Erforderlichkeit einer ausführlichen Aufarbeitung betont und darüber den Lernprozess fördert. Sowohl solche Studien, die einen positiven Lerneffekt durch fantastische Literatur als auch solche, die einen negativen, zeigten, benutzen Geschichten mit hohem Fantasygehalt im Vergleich zu solchen mit geringem oder gar keinem. Es gibt Hinweise darauf, dass die Art und der Typ der genutzten fantastischen Literatur einen Effekt auf den Lernerwerb hat. Eine Studie, die die gleiche Geschichte einer Problemlösungsstrategie mit unterschiedlichen Maßen an Fantasy-Inhalten verglich, konnte zeigen, dass die Inklusion von Drachen keinen nennenswerten Effekt auf den Transfer der Problemlösungsstrategie hatte. Als jedoch eine Verletzung physikalischer Gesetze hinzu kam (der Protagonist konnte fliegen), erhöhte sich die Transferleistung signifikant. (8) Es wird wohl noch mehr Forschung in diesem Bereich getätigt werden müssen, bevor feststeht, dass Quidditch (die beste Verletzung physikalischer Gesetze) auch gut für das Erlernen mathematischer Formel ist. Diese Untersuchungen weisen auf etwas hin, was wir instinktiv schon immer gewusst haben wollen: Geschichten helfen uns menschlich zu wachsen, zeigen uns durch


Resilienz

die Heranführung und Veranschaulichung menschlicher Verhaltensweisen und Interaktionen verschiedene Möglichkeiten derselben auf, lehren uns dadurch Verständnis und Toleranz für Lebensentwürfe abseits unseres eigenen und dem unseres nächsten sozial Gleichgestellten und können uns auf unserem eigenen Lebensweg begleiten und leiten. Dies steht im Einklang mit der „parasocial contact hypothesis“ und der „social cognitive theory“ (9). Erstere besagt, dass kognitive und affektive Antworten auf mediale Charaktere ähnlich sind wie die, die durch persönlichen Kontakt produziert werden. Letztere hat zum Inhalt, dass Individuen in der Lage sind positive Einstellungen zu Angehörigen einer anderen sozialen Gruppe („out-group attitudes“) und positive Verhaltensweisen innerhalb der Gruppen („intergroup behaviour“) durch nachempfundene Erfahrungen medialer Charaktere durch symbolische Interaktion zu erlernen (9). Aus vielen magischen Kreaturen oder Zaubersprüchen lassen sich Parallelen zur realen Welt ziehen, wie beispielsweise Lupins Status und Geschichte als Werwolf Ähnlichkeiten zu Menschen mit stigmatisierenden Krankheiten wie z. B. HIV aufweist. Ein anderes Beispiel sind Dementoren, magische Wesen, die die schlimmsten durchlebten Erinnerungen hervorrufen, positive Emotionen und Erinnerungen unterdrücken und einem die Seele durch den Mund aussaugen können. Ähnlich kann es Menschen ergehen, wenn sie mit psychologischen Traumata (PTBS oder Depression) zu kämpfen haben. Der Konter zu den Dementoren ist der Patronus-Zauber, der sich bei Harry als silberner Hirsch, die Animagus-Form seines Vaters, zeigt. Als Harry diesen Zauberspruch zum ersten Mal meistert, denkt er noch, dass sein Vater ihn vor den Dementoren rettet, erkennt aber später, dass er sich selbst gerettet hat. Dies ist eine wichtige Erkenntnis auch in psychotherapeutischer Hinsicht, als das Erkennen und Anwenden eigener Ressourcen ein wichtiger Meilenstein in der psychischen Genesung ist. (10) Gut und Böse sind ein wichtiger Bestandteil des Narratives der Harry-PotterReihe und eng mit der Entwicklung Harrys verknüpft. Harry muss sich immer wieder mit seiner besonderen Beziehung zu Voldemort auseinandersetzen und trotz der vielen Gemeinsamkeiten seinen eigenen Weg finden. Harry und Voldemort besitzen denselben Zauberstabkern (eine Phönix-

feder von Fawkes, Dumbledores Phönix), sind halbblütige Waisen (ein Elternteil ist magisch, das andere nicht bzw. kommt aus einem nichtmagischen Haushalt) und können beide mit Schlangen sprechen. Zudem stellt sich im Laufe der Bücher heraus, dass ein Teil von Voldemorts Seele in Harry lebt. Voldemort ist also buchstäblich ein Teil von Harry und der Kampf gegen Voldemort kann als Kampf gegen die eigenen inneren Dämonen gedeutet werden. Dazu passt auch, dass Voldemort in immer wechselnden Erscheinungen in den Büchern zutage tritt, wie auch unterdrückte und nicht aufgearbeitet Traumata und Emotionen sich auf unterschiedliche Art und Weise äußern können. Auch gibt es Autoren, die argumentieren, dass Harrys Kampf gegen Voldemort die psychotherapeutische Reise eines kindlichen Patienten nach durchlebten Traumata repräsentiert und Hogwarts als psychotherapeutische Struktur, als Zufluchtsort und Möglichkeit der persönlichen Entwicklung, dient. (10) Nicht umsonst werden die Prinzipien und Geschichten von Harry Potter im psychotherapeutischen Kontext angewendet. Unter anderem im Rahmen von therapeutic storytelling (10) oder auch in Form von Selbsthilfebüchern, wie z. B. Harry Potter Therapy (11). Doch nicht nur für einen selbst kann das Lesen der Harry Potter Bücher hilfreich sein. Die Harry Potter Alliance, eine NGO aus den USA, mobilisiert Tausende von Harry Potter Fans in den Bereichen Bildung, LGBTI, Women Empowerment und vielem mehr. Auch politisch kann das Lesen der Harry Potter Bücher Auswirkungen haben. Eine Studie aus den USA konnte zeigen, dass Leser der Buchreihe negativer gegen Donald Trump eingestellt sind und offener gegenüber Homosexuellen und Muslimen (12). Eine Untersuchung von Schülern und Studierenden aus Italien und Großbritannien ergab, dass negative Einstellungen gegenüber Einwanderern, Homosexuellen und Geflüchteten durch das Lesen der Harry-Potter-Reihe abgebaut werden. Besonders in jüngeren Lesern wurde dieser Effekt erhöht, wenn eine Identifikation mit dem Hauptcharakter Harry Potter stattfand. Auch wenn diese Studie aufgrund der kleinen Probandenzahl nur bedingt repräsentativ ist, zeigt sie doch einen wichtigen Trend auf und stützt die „extended contact hypothesis“ (9). Diese besagt, dass das alleinige Wissen um eine Freundschaft zwischen einem Mitglied der Eigen-Gruppe und einem oder mehreren Mitglieder einer Fremd-Gruppe

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ausreicht um Vorurteile abzubauen. (9) Nicht zuletzt sind Schmerz, Angst und persönliche Bestürzung, Gefühle, die zuhauf in den Harry-Potter-Büchern vorkommen und damit auch im Leser hervorgerufen werden, eng mit gefühlsbetonter Empathie verbunden. Diese wiederum ist essenziell für altruistisches, dem Wohl des anderen und der Gemeinschaft Rechnung tragenden Verhalten im sozialen Kontext. (7) Ob für sich selbst oder für andere: Die Magie von Harry Potter lässt niemanden unberührt. Und gerade in schwierigen Stunden kann ein wenig Magie nicht schaden.

Quellen: (1) von Hofacker, „N. Gewalt gegen Kinder und Jugendliche Erkennen und Handeln. Leitfaden für Ärzte“, www.aerzteleitfaden. bayern.de/diagnose/vernachlaessigung.php (abgerufen 11.07.2018) (2) Winkler, M. (2017), „Die Schutzbefohlenen“, tagesspiegel.de (09.06.2017), www.tagesspiegel.de/wissen/eine-geschichte-derkindheit-die-schutzbefohlenen/19903226.html (abgerufen 11.07.2018) (3) Felitti, V. et al. (1998), “Relationship of childhood abuse and household dysfunction to many of the leading causes of death in adults: The Adverse Childhood Experiences (ACE) Study”, American Journal of Preventive Medicine, 14:4 p245–258 (4) Hornor, G. (2017), “Resilience”, Journal of Pediatric Health Care 31:3 p384–389 (5) Topitzes J, Mersky JP, Dezen KA, Reynolds AJ. “Adult Resilience among Maltreated Children: A Prospective Investigation of Main Effect and Mediating Models”. Children and youth services review. 2013;35(6):937–949. doi:10.1016/j.childyouth.2013.03.004. (6) Blindow, V. (2016) „Eintauchen ins Lese-Erlebnis“, tagesspiegel. de (5.12.2016), www.tagesspiegel.de/themen/freie-universitaet-berlin/neuropsychologie-eintauchen-ins-lese-erlebnis/14934690.html (abgerufen am 22.7.2018) (7) Hus, C. T. et al (2014), “Fiction feelings in Harry Potter: haemodynamic response in the mid-cingulate cortex correlates with immersive reading experience”, Neuroreport 25:17 p1356–1361 Hus, C. T. et al (2015), “The magical activation of left amygdala when reading Harry Potter: An fMRI study on how descriptions of supra-natural events entertain and enchant”, PloS One 10:2 e0118179 Hus, C. T. et al (2015), “The emotion potential of words and passages in reading Harry Potter―An fMRI study”, Brain and Language 142 p96–114 (8) Hopkins, E.J., Skolnick Weisberg, D. (2016), “The youngest readers’ dilemma: A review of children’s learning from fictional sources”, Developmental Review 43: 48–70 https://doi.org/10.1016/j. dr.2016.11.001 (9) Vezzali, L. , Stathi, S. , Giovannini, D. Capozza, D. and Trifiletti, E. (2015), “The greatest magic of Harry Potter: Reducing prejudice”. J Appl Soc Psychol, 45: 105–121. doi:10.1111/jasp.12279 (10) Noctor, C., “Putting Harry Potter on the Couch”, Clinical Child Psychology and Psychia-try Vol 11, Issue 4, pp. 579–589, https://doi.org/10.1177/1359104506067879 (11) Scarlet, J. (2017), “Harry Potter Therapy―an unauthorized self-help book from the re-stricted section”, CreateSpace Independent Publishing Platform 2017 (12) Mutz, D. (2016). “Harry Potter and the Deathly Donald”. PS: Political Science & Politics, 49(4), 722–729. doi:10.1017/ S1049096516001633 Informationen zu den Figuren von Harry Potter entnommen aus den Büchern von Joanne K. Rowling.

Antonia Neuberger, Weiterbildungsassistentin Psychiatrie


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Frieden & Krieg

M wie Militär Über die ungesunde Liaison zwischen Rettungsdienst und Polizei und die Erhebung des Attributs militärisch zum Gütesiegel

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ie Berufe im Gesundheitswesen genießen einen anhaltend guten Ruf in der Gesellschaft. Den Angehörigen der unterschiedlichen Disziplinen wird großes Vertrauen entgegengebracht. Auf ihre Hilfe, ihre Verschwiegenheit und ihre Neutralität kann man sich verlassen. Was passiert aber, wenn diese Professionen und die staatliche Ordnungsmacht zusammenrücken? Was, wenn der Rettungsdienst – die verlässliche Hilfe in der Not – zum verlängerten Arm der Polizei wird? Von Jeremia Weber

• §§22, 23, 26 Nds. SOG Durchsuchung von Personen und Sachen sowie Sicherstellung von Sachen • §24 Nds. SOG Betreten und Durchsuchen von Wohnungen

Der Einsatz unmittelbaren Zwangs und Fesselungen sind erhebliche Eingriffe in die Grundrechte der betroffenen Person und sind deshalb nur zulässig, wenn eine ärztliche Einweisung und die Anordnung des zuständigen Ordnungsamtes vorliegen. Abhängig von dem Bundesland1 und des Landkreises bzw. der kreisfreien Stadt werden den zu Vollzugsbeamten bestellten Personen weitere Befugnisse erteilt:

Aus diesen Befugnissen ergibt sich ein hohes Maß an Rechtssicherheit für die Rettungsdienstmitarbeiter*innen im Einsatz. Daraus folgt aber auch ein Missbrauchspotenzial und eine veränderte (Selbst-) Wahrnehmung. Das Ideal des Gesundheitswesen, unterschiedslos Hilfe zu leisten, wo sie gebraucht wird, wird aufgegeben. Anstatt erbetene Hilfe zu leisten, erlauben die o. g. Gesetze Hilfe durchzusetzen. Mit der Möglichkeit im Hintergrund, die Grundrechte einer (Hilfe suchenden) Person einzuschränken, erhöht sich das in einem rettungsdienstlichen Einsatz ohnehin schon vorhandene hierarchische Gefälle von Rettungsdienstmitarbeiter*in zu Patient*in: Zum Einen ist die Auffindesituation häufig eine intime (im Bett, gestürzt auf dem Boden, in der geschützten Wohnung) und die Kommunikation in diesen Situationen erfolgt im Wortsinne von oben herab. Zum Anderen liegt das Wissen um die Erkrankung bzw. die Schwere einer Verletzung beim Rettungsdienstpersonal. Viele dieser Punkte gelten ebenso für andere Bereiche der Gesundheitsversorgung und gute gesundheitsdienstliche Arbeit zeichnet sich auch dadurch aus, dieses Gefälle abzumildern und den Patienten nicht bewusst werden zu lassen. Auf den ersten Blick scheint das auch zu funktionieren. Allerdings gelingt es meiner Beobachtung nach im rettungsdienstlichen Umfeld seltener. Im Gegenteil wird das Machtgefälle missbraucht, um Autorität aufzubauen. Genauso wie das Bild der Polizei als Freund und Helfer die Sicht marginalisierter Menschen und solcher Menschen, die schlechte Erfahrung mit der Polizei gemacht haben, unterschlägt, gilt das auch für den Rettungsdienst.

• §12 Nds. SOG2 Befugnisse zur Befragung • §13 Nds. SOG Identitätsfeststellung und Prüfung von Berechtigungsscheinen • §17 I Satz 1 Nds. SOG Platzverweis • §18 Nds. SOG Gewahrsamnahme

Die Gründe dafür, weshalb die Möglichkeit Dominanz auszuleben ergriffen wird, sind sehr vielschichtig. Dabei ist es, wie immer, wenn es darum geht, Tendenzen zu beschreiben, schwer, nicht alle über einen Kamm zu scheren.

Behörden und Organisationen mit Sicherheitsauftrag

mitarbeiter*innen zu Vollzugsbeamten geändert.

Das deutsche Hilfeleistungssystem gliedert sich in die polizeiliche und die nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr, wobei alle Akteure als Behörden und Organisationen mit Sicherheitsauftrag (BOS) zusammengefasst werden. [1] Es gibt also bereits von Vornherein eine organisatorische Nähe zwischen Polizei und Rettungsdienst, die durch gemeinsame Einsätze noch verstärkt wird. Einsätze, an denen beide Organisationen beteiligt sind, werden streng aufgabenteilig abgearbeitet: Während die Polizei beispielsweise die Regelung des Verkehrs übernimmt und den Unfallhergang ermittelt, versorgt der Rettungsdienst verletzte Personen. Soweit so unproblematisch. Inzwischen sind viele Rettungsdienstmitarbeiter*innen mit sog. Vollzugsbeamtenscheinen ausgestattet und damit zu polizeilichen Maßnahmen befugt. Das heißt nicht, dass diese Mitarbeiter*innen plötzlich anfangen, bei Verkehrsunfällen den Verkehr zu regeln und die Patientinnen und Patienten links liegen lassen. Es bedeutet viel mehr, dass diese Mitarbeiter*innen bei Zwangseinweisungen unmittelbaren Zwang, d. h. körperliche Gewalt, anwenden (dürfen) und selbstständig Patientinnen und Patienten fixieren, d. h. fesseln, dürfen. Bisher waren Zwangsmaßnahmen der Polizei vorbehalten und Transporte, bei denen ein Patient fixiert werden muss, polizeibegleitet. Es gab also eine klare Aufgabentrennung und es war immer möglich, zwischen den handelnden Akteuren zu differenzieren. Das hat sich mit den Bestellungen einzelner Rettungsdienst-

Auch in seiner Erscheinung hat sich der Rettungsdienst der Polizei angeglichen. Beide tragen dunkelblaue Cargohosen, schwere Koppeln mit allerhand Holstern und Ausrüstung wie Taschenlampen etc. und schwere Stiefel. Zudem steht der Rettungsdienst bei Demonstrationen – sicher auch zu seinem Schutz – auf der Seite der Polizei, was den Eindruck erwecken kann, die rettungsdienstliche Hilfe sei zuerst für die staatstragende/-schützende Seite da. Daraus entsteht ein Spannungsfeld, welches möglicherweise einen Teil der Übergriffe auf Rettungsdienstpersonal erklärt, aber nicht legitimiert!

Neue Befugnisse und geänderte Wahrnehmung


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© picture alliance/Wolfram Steinberg

Begünstigend wirkt: • das Anspruchsdenken in der Bevölkerung hat sich derart gewandelt, dass bereits für Kleinigkeiten Notrufe abgesetzt werden. Die Indikationen für rettungsdienstliche Einsätze werden innerhalb des Rettungsdienstes sehr viel enger gestellt als durch die alarmierende Bevölkerung. So werden pflegerische oder soziale Notstände genauso als unnötige Belastung empfunden wie Notfälle, die in den Zuständigkeitsbereich der hausärztlichen Versorgung fallen. • die Konfrontation mit (sozialem) Leid schürt Hilflosigkeit, die sich häufig in Aggression ausdrückt. Das gilt auch für Stammkunden, die weder von der Gesellschaft noch von dem Gesundheitswesen aufgefangen werden • es besteht eine hohe Gratifikationskrise • es kommt immer häufiger zu Übergriffen auf Rettungskräfte • die Einsatzsituationen fordern häufig zügiges und zielorientiertes Handeln. Sowohl um des Patienten Willens als auch um wieder zur Verfügung zu stehen • es mangelt an Sensibilität für die individuelle Situation der Patientinnen und Patienten. Dabei können persönliche Vorurteile durch Einsätze vermeintlich bestätigt werden (confirmation bias) • der Rettungsdienst ist sehr männerdominiert [2] • es gibt keine Kontrolle. Das Zweier- oder Dreierteam arbeitet eigenverantwortlich und es herrscht ein hohes Zusammenund Zugehörigkeitsgefühl – teilweise ähnlich dem Korpsgeist der Polizei Die skizzierten Erklärungsversuche bestehen viel länger als die Annäherung an die Polizei. Allerdings unterstützt und fördert diese Annäherung bestehende autoritäre Züge.

Annäherung an die Exekutive Der Rettungsdienst hat sich, in dem er polizeiliche Aufgaben mit übernimmt, aus

fallmedizinischen Versorgung“ [3]. Die AG „Taktische Medizin“ der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) präzisiert, dass nicht der Patient, sondern die taktische Lage das Handeln des medizinischen Teams bestimmt“ [7]. Sie versteht es als ihre Aufgabe, „solche neuen Konzepte kritisch auf ihre Eignung für den zivilen Rettungsdienst zu überprüfen und eine Implementierung zu gestalten“ [7]. Das bedeutet eine stückweite Abkehr von dem bisherigen Prinzip, dass die Patientin bzw. der Patient respektive deren Beschwerde das medizinische Vorgehen bestimmt. Auch wenn die AGBF in ihrer Fachempfehlung von „improvisierter Deckung wie Schildkrötensicherung“ als „nicht ausreichend sicher“ abrät, wurden bereits zivile Notärzte und Rettungsassistenten darin geschult, SEKs in den Einsatz zu begleiten. [3][4] In den vom Deutschen Berufsverband Rettungsdienst angebotenen Kursen „Tactical Emergency Casualty Care“ (TECC) und „Law Enforcement and First Response Tactical Casualty Care“ (LEFR-TCC), die beide auf dem militärischen TCCC basieren, werden Polizisten und zivile Rettungskräfte zur „Arbeit in der heißen Zone“ ausgebildet. [8] Dabei „[werden] die Teilnehmer des Kursformates nach den Lerninhalten der militärischen Ausgabe des PHTLS-Buches […] trainiert.“ [8]

dem Bereich der Neutralität heraus auf die Exekutive zubewegt. Im Zuge der Terrorbekämpfung wird die eingeschlagene Richtung noch weiter verfolgt. Die Arbeitsgemeinschaft Leiter der Berufsfeuerwehren (AGBF) – die Berufsfeuerwehren stellen einen relevanten Teil des Rettungsdienstpersonals in Deutschland – biedert sich mit seiner Fachempfehlung „Bedrohungs- und große Polizeilagen“ den Sicherheitsorganen geradezu an. Unter „Grundsätze der Zusammenarbeit mit der Polizei“ hält sie fest: „Die kommunale Gefahrenabwehr und die Polizei wirken auf eine Zusammenarbeit über die politischen Grenzen hinaus hin […]. [3]“ Darin stellen sie fest, dass „der Einsatz meist weder räumlich noch vom Ablauf in abgegrenzte Aufgabenbereiche von Polizei und kommunaler Gefahrenabwehr aufgeteilt werden [kann]“ [3]. Deshalb fordert die AGBF dass „divergierende taktische Ziele zwischen der Polizei und dem Rettungsdienst in der Einsatzplanung abgestimmt und berücksichtigt werden [müssen]“ [3] und der Rettungsdienst taktische Ziele – einschließlich der medizinischen Versorgung – erarbeitet und eine koordinierte Vorgehensweise mit der Polizei trainiert [3]. Im Rahmen eines Vortrags „Bedrohungslagen – Neue Taktik für LNA3 und OrgL4“ nannte Michael Storz, Ausbilder bei der Feuerwehr München5, die Bergwacht Tirol und die AG Taktische Medizin der DGAI als Positiv-Beispiel im Hinblick auf die Umsetzung der Empfehlung der AGBF [4]. Die Bergrettung Tirol wirbt damit, dass sie sich in den letzten Jahren immer mehr an die militärische Verwundetenversorgung angenähert habe und sich dabei eine enge Kooperation mit TREMA e. V.6 ergeben habe. Auf diesen militärischen Grundlagen habe sie die Strategie „Taktische Alpinmedizin“ geschaffen.[6] Der martialische Titel ist dabei Programm, so berichtete ein Kursteilnehmer „ ‚Das Ganze war als Drill-Übung konzipiert, also ziemlich militärisch angehaucht‘ “ [6].

Unterstützung auch aus anderen Bereichen der Medizin …

Auch die AGBF spricht von „Taktischer Einsatzmedizin, d. h. die Gesamttaktik bestimmt wesentlich das Ausmaß der not-

Bei der Umsetzung dieses Zieles wird der Rettungsdienst von vielen Seiten unterstützt. Die Akademie für Krisenmanage-

Ziel der Fachempfehlung der AGBF zur Zusammenarbeit in der Gefahrenabwehr bei Bedrohungs- und großen Polizeilagen sei u. a. „der Erhalt des Vertrauens der Bevölkerung in den handlungsfähigen Staat und die Wiederherstellung des öffentlichen Lebens der freiheitlichen Demokratie“ [3]. Allerdings konterkarieren die geforderten Anpassungen des Rettungsdienstes an das Militärisch-Taktische dieses Ziel!


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ment, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) des Bundes hat im Mai diesen Jahres bereits einen zweiten Fachkongress zum Thema Gesundheitlicher Bevölkerungsschutz gegen Terrorismus durchgeführt. [9] Auch die großen Medizinischen Fachgesellschaften bieten in ihren Arbeitsgemeinschaften AG „Taktische Medizin“ (DGAI) und „Chirurgische Arbeitsgemeinschaft Militär- und Notfallchirurgie“ (DGAV7) Weiterbildung in den genannten Bereichen an. Die DGU ist mit ihrer AG „Einsatz-, Katastrophen- und Taktische Chirurgie“ bereits 2013 eine enge Verbindung mit der Bundeswehr eingegangen [10]. Zusammen mit der Bundeswehr hat sie einen 5-Punkte-Plan entwickelt. Dieser kündigt auch „spezielle Ausbildungsformate für Chirurgen zur Behandlung von Terroropfern mit Schuss- und Explosionsverletzungen“ an, in denen zivile Ärzte u. a. lernen sollen, unter Beschuss zu arbeiten. [11] Außerdem wird mit dem 5-Punkte-Plan die „strategische Partnerschaft mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr […] [begründet und] die wissenschaftliche Kooperation über einen Vertrag mit der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie dauerhaft gefestigt.“ [11][12] Die Akkon-Hochschule in Berlin reagiert mit einem neuen Studiengang „Management in der Gefahrenabwehr B.Sc. – Rettungsdienstmanagement, Katastrophenmanagement“ auf die „weltweit gravierenden Veränderungen wie […] internationale[n] Terrorismus“ [13]. Alles gemäß des Wahlspruchs der Johanniter Aus Liebe zum Leben.

… und der Industrie – Neues Material Die Aufrüstung des Rettungsdienstes wird auch von der Industrie begrüßt. Einerseits unterstützt sie, als finanzstarker Partner, Veranstaltungen wie beispielsweise das Symposium „Taktische Lagen im Rettungsdienst“ des Stumpf+Kossendey Verlags. Dieses wird von Tasmanian Tiger, einem Hersteller militärischer Rucksäcke und Taschen und MP-Protection, das u. a. Personenschutz in Hochrisikoländern wie dem Irak oder Syrien durchführt, gesponsort. [14] Andererseits haben Rüstungs- und Sicherheitsfirmen das rettungsdienstliche Umfeld als neuen Absatzmarkt ins Visier genommen. Martin Kirsch beschreibt in seiner Analyse „Rüstungsmarkt Polizei“ wie „Produkte, die auf dem teils gesättigten militärischen Markt kaum noch Absatz finden,

oder solche, die bis jetzt nicht vom Militär abgenommen wurden, auf dem Polizeimarkt weiter für Gewinne sorgen“. [15] Während der „General Police Equipment Exhibition & Conference“ 2018 in Frankfurt wurde ein von Wietmarscher Ambulanzfahrzeuge (WAS) und Welp Armouring hergestellter sondergeschützter Rettungswagen vorgestellt. Der Patientenraum ist mit einem Stahlkäfig versehen und in Decke, Boden und Seitenwände sind 5 mm starke Metallplatten eingearbeitet, die sogar dem Beschuss mit einem Sturmgewehr (AK 47) standhalten. [16] Dieses Fahrzeug würde sich perfekt in die Flotte militarisierter Zivilfahrzeuge einfügen, die an die Polizei Sachsens geliefert und ebenfalls von Welp Armouring ausgestattet wurde. [15, S. 9]. Ballistischer Schutz ist aber auch im Bereich der Persönlichen Schutzausrüstung ein Thema. Fakt sei, schreibt Kirsch, „dass bei der Persönlichen Ausstattung von Beamt*innen ein doppelter Markt bedient wird. […] So kommt es nicht selten vor, dass Polizeibeamt*innen ihre Uniform durch Zukäufe aus zugeteiltem Kleidergeld oder aus eigener Tasche ergänzen, oder ihre Ausrüstung selbstständig erweitern. Eine gewisse Parallele zum militärischen Rüstungsmarkt, auf dem Soldat*innen v. a. für Auslandseinsätze oft eigenständig persönliche Ausrüstungsgegenstände zukaufen, ist hier zweifellos gegeben.“ [15, S. 9] Angesichts dessen, dass sich auch Rettungsdienstmitarbeiter*innen mit Schutzwesten ausstatten, kann die Parallele auch zu dem Rettungsdienst gezogen werden. Die Auswahl an entsprechendem Material ist beträchtlich. [17][18] Das Bayrische Rote Kreuz hat 2011 als einer der ersten Rettungsdienste seine Mitarbeiter*innen mit Schutzwesten ausgestattet. Aktuell wird die Frage nach Schutzwesten aber auch auf politischer Ebene diskutiert. Die Fraktion der CDU hat in der Angelegenheit eine Kleine Anfrage an den Senat der Stadt Bremen gerichtet. [19][20] Dabei scheint es opportun zu sein, sich damit zu brüsten, sich für „bessere“ Ausrüstung des Rettungsdienstes (respektive der Polizei, des Militärs) einzusetzen und, der fehlgeleiteten Logik des Rüstungswesens folgend, einen besseren Schutz der Bevölkerung zu propagieren. Vgl. [15]. Dabei warnt die DGUV ausdrücklich davor, Schutzwesten einzusetzen, da „die Einsatzkräfte des Rettungsdienstes […] durch das Tragen von Schutzwesten von potenziellen Angreifern oftmals dem Bereich der Ordnungskräfte (z. B. Polizei, Sicherheitsdienst) zugeordnet

[und] […] somit zum bevorzugten Ziel von Übergriffen [werden]“ [21]. Außerdem suggeriere das Tragen von Schutzwesten ein subjektives (falsches) Gefühl von Sicherheit, welches die Einsatzkraft dazu verleiten könne, in Konfliktsituationen eher offensiv zu reagieren, anstatt sich wie angewiesen soweit möglich frühzeitig aus einer Bedrohungslage zurückzuziehen [21]. Gerüstet in eine Einsatzsituation zu gehen demonstriert „von mir geht keine Aggression aus, von dir schon“ und schafft eine Entität: In dem ich Gewalt antizipiere, spreche ich meinem Gegenüber seine Friedfertigkeit ab und erhebe mich moralisch, was das eingangs beschriebene Gefälle weiter verstärkt. Der Bremer Senat ist in seiner Antwort auf die Kleine Anfrage der CDU Fraktion der Argumentation der DGUV gefolgt und auch das Innenministerium von Bayern sowie die AGBF sprechen sich gegen Schutzwesten für den Rettungsdienst aus. In der Schweiz, die im Bezug auf ihr Rettungswesen häufig als Vorreiter betrachtet wird, „dürfen sich die Rettungssanitäter in Zürich auf freiwilliger Basis mit Pfefferspray ausrüsten. ‚Es handelt sich dabei um das gleiche Spray, wie es die Polizei verwendet‘, erklärt Roland Portmann, Sprecher von ‚Schutz und Rettung‘ in Zürich. Voraussetzung ist, dass die Sanitäter hierfür die gleiche polizeiliche Ausbildung zum sicheren Einsatz des Sprays durchlaufen“ [20]. Damit werden neben Schutzwaffen auch erstmals Trutzwaffen im Rettungsdienst eingesetzt. Dieses Vorgehen entspricht dem Zeitgeist, der allen Problemen mit einem „technical fix“ begegnet. Die dahinter stehende Sicht auf den Menschen und seine Art zu interagieren, ist eine sehr mechanistische. (Zwischen-) Menschliche Probleme durch Technik lösen zu wollen, ignoriert die Dimension des „Mensch-seins“. Auch im Bereich der Medizinprodukte wird kräftig aufgerüstet. Die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie und die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin haben eine gemeinsame Empfehlung abgegeben, Rettungswagen mit Tourniquets auszustatten und diskutieren, ob die Anlage eines Tourniquets nicht in der Ersten-Hilfe Ausbildung geübt werden sollte. [22] Mit dem Modul „Bleeding Control for the Injured“ (B-Con) des Deutschen Berufsverbandes Rettungsdienst besteht bereits ein infrage kommendes Konzept dazu. [8, S. 9] In einem nächsten Schritt könnten


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dann, so die beiden Gesellschaften, an öffentlichen Plätzen neben Defibrillatoren auch Tourniquets hängen. [22] In vielen Rettungsdienstbereichen wurde dieser Forderung entsprochen und die Rettungswagen mit „Anti-Terror-Rucksäcken“ ausgestattet, die Tourniquets, Israeli Bandages, OLAES Modular Bandages, Kanülen zur Entlastung eines Spannungspneumothoraxes, Bergetücher aber auch Hämostyptika in größerer Zahl enthalten.[22][23] [24] Hintergrund dieser Überlegungen ist die wachsende Angst vor Terroranschlägen, die meiner Meinung nach hysterische Ausmaße annimmt und als Rechtfertigungsgrund für haufenweise Grundrechtseinschränkungen und eine Versicherheitlichung der Debatte missbraucht wird. Krisensituationen, die den Einsatz dieser speziellen Instrumente fordern, seien aus Auslandeinsätzen der Bundeswehr bekannt, sagt Ralf Hoffmann, Chefarzt des Bundeswehrkrankenhauses in Ulm und erklärt weiter, „Diese Erfahrungen transferieren wir nun ins Inland.“ Ziel sei es, weitere Routine zu gewinnen. [25][7] Mit diesen Erfahrungen und Materialien transferieren wir aber auch die Konflikte in unsere Gesellschaft hinein.

Terror ist nicht unser (einziges) Problem Deshalb bin ich angesichts der Ausstattung mit kriegsmedizinischem Material, z. B. bei den Bergwachten [6], aber auch im privaten Bereich [26] sehr skeptisch. Das Wort „militärisch“ wird in dem Zusammenhang wie ein Gütekriterium verwendet. Unabhängig davon sind Tourniquet und Israeli Bandage gute Instrumente der Blutungskontrolle. Ich möchte sie also nicht als unnötig oder schlecht bezeichnen, der Kontext, in dem sie allgemein diskutiert werden, gefällt mir aber nicht. Selbst wenn man also annimmt, dass einige Überlegungen tatsächlichen Notwendigkeiten geschuldet sind, so bleibt doch festzustellen, dass 1. militärische Aspekte überbetont werden und der Widerspruch zwischen militärischer Intention, d. h. zu verletzen, zu töten, und der medizinischen, d. h. helfenden, heilenden, unausgesprochen bleibt und

2. eine Gesellschaft, die sich von einem militärisch geschulten Rettungsdienst behandeln lässt, noch ein anderes Problem als drohende Terroranschläge hat.

How to support peace but do no harm? Es ist Aufgabe der Medizin nur nach Maßgabe der Hilfsbedürftigkeit zu handeln. Wie also können wir Konzepte, die geeignet sind die Zahl der Kriegstoten zu reduzieren, unterstützen, ohne zu einem Rädchen im Getriebe der Kriegsmaschinerie zu verkommen? Wie ist das mit der Tübinger Erklärung vereinbar, in der IPPNW Ärztinnen und Ärzte festhielten: „Fortbildung in Kriegs-, genannt Katastrophen-Medizin […] werden wir verweigern, auch wenn man uns gesetzlich dazu verpflichten sollte. [Eine] Militarisierung des Gesundheitswesens […] werden wir nicht mittragen, sondern unsere Entscheidungen auf der Grundlage der ärztlichen Ethik treffen.“ [27] Welche Bedeutung hat die Tübinger Erklärung für uns, wenn diese Militarisierung von den Fachgesellschaften der Ärzteschaft ausgeht?

der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren, Oktober 2017. [4] M. Storz, „Bedrohungslagen – Neue Taktik für LNA und OrgL“, Vortrag im Rahmen der Fortbildung Bedrohungslagen – Auswirkungen auf den Rettungsdienst, Fulda, 16. Mai 2018. [5] “Tactical Rescue & Emergency Medicine Association.” [6] C. Hofer, „Bergrettung Tirol – Medizinreferat: Wir müssen rasch und effizient handeln Blick hinter die Kulissen unserer Alpin-Medic Ausbildung.“ Tirol Bergrettung. [7] M. A. H. B. Helm, „Arbeitsgruppe Taktische Medizin der DGAI.“ Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie & Intensivmedizin (DGAI). [8] D. m. F. König Marco AND Spies, „INFORMATIONEN über TCCC, TECC, LEFR-TCC und BCon“, Deutscher Berufsverband Rettungsdienst (DBRD), 2015. [9] B. für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, „Gesundheitlicher Bevölkerungsschutz gegen Terrorismus.“ 24. Mai 2018. [10] L. Ihme, „Unfall Ärzte bereiten sich auf Terroranschläge in Deutschland vor“, RP ONLINE, September 2016. [11] „5-Punkte-Plan der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie und der Bundeswehr zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung in besonderen Katastrophen und bei möglichen Terroranschlägen.“ DGU und Bundeswehr, 17. September 2014. [12] „Versorgung von Terroropfern: Unfallchirurgen und Bundeswehr stellen 5-Punkte-Plan vor.“ aerzteblatt.de, 27. September 2016. [13] H. Goersch, „Management in der Gefahrenabwehr B.Sc. (Berufsbegleitend) Rettungsdienstmanagement Katastrophenmanagement.“ akkon Hochschule für Humanwissenschaften. [14] „Taktische Lagen im Rettungsdienst 2018 – Einsatztaktik | Taktische Medizin | Organisation.“ Webseite; Stumpf + Kossendey Verlagsgesellschaft mbH, Düsseldorf, 28. November 2018. [15] M. Kirsch, „Rüstunsmarkt Polizei: Teil I: Überblick und Gepanzerte Fahrzeuge“, Ausdruck Magazin der Informationsstelle Militarisierung e. V., vol. 16, no. 90, pp. 5–11, 2018.

Fußnoten

[16] W. A. und Sonderfahrzeuge (WAS), „General Police Equipment Exhibition & Conference (GPEC) 2018 – Sondergeschützter RTW.“

1 Polizei ist Ländersache, weshalb jedes Bundesland, z. T. sehr unterschiedliche Regelungen hat. Exemplarisch werden in dem Artikel die Regelungen der kreisfreien Stadt Wilhelmshaven (Niedersachsen) beschrieben.

[17] medida Notfallausrüstung, „Stichhemmende Schutzweste.“ medida GmbH & Co.KG vertreten durch Fandr’e, Christoph.

2 Nds. SOG, Niedersächsische Gesetz über die öffentliche Sicherheit und Ordnung. In Zukunft voraussichtlich Niedersächsisches Polizei- und Ordnungsbehördengesetz (NPOG)

[19] Senat Bremische Bürgerschaft, „Antwort des Senats auf die Kleine Anfrage der Fraktion der CDU Schutzwesten für den Rettungsdienst.“ 23. Januar 2018.

3 LNA, Leitender Notarzt (Anm. d. Autors) 4 OrgL, Organisatorischer Leiter Rettungsdienst (Anm. d. Autors) 5 Landeshauptstadt München, Hauptabteilung IV – Branddirektion, Katastrophenschutz, Zivilschutz, An der Hauptfeuerwache 8 80331 München 6 TREMA e. V. Tactical Rescue & Emergency Medicine Association ist ein Verein dessen Ziel die Förderung der Weiterentwicklung der Notfallmedizin – insbesondere der präklinischen Versorgung und speziellen Rettung unter extremen und/oder taktischen Rahmenbedingungen – ist [5]. In diesem Zusammenhang werden auch TCCC-Kurse angeboten. TCCC, (sprich „T-tripple-C“) Tactical Combat Casualty Care, ist die Verwundetenversorgung im Gefecht und beschreibt Grundsätze für die erweiterten, präklinischen Erste-Hilfe-Maßnahmen im Gefecht durch Soldaten als Ersthelfer und den Einsatzersthelfer. Deren Handeln ist durch die Notkompetenz rechtlich im Einsatz auf dem Gefechtsfeld gedeckt. TCCC basiert auf dem US-amerikanischen PHTLS-Konzept (Pre Hospital Trauma Life Support).

[18] COP-Shop, „Stichschutzwesten.“

[20] N. Schmitz-Eggen Lars UND Sander, „Schutzwesten und Pfefferspray: Rettungsdienst rüstet auf.“ rettungsdienst.de. [21] „Prävention von und Umgang mit Übergriffen auf Einsatzkräfte der Rettungsdienste und der Feuerwehr“, DGUV Information, nos. 205-027, September 2017. [22] A. Herda Susanne und Feyh-Oeder, „Terrorgefahr: Mediziner fordern Ausstattung von Rettungswagen mit Tourniquets.“ Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie & Intensivmedizin (DGAI), 18. Januar 2017. [23] S. Reglin, „Med. Ausstattung für Bedrohungslagen“, Vortrag im Rahmen der Fortbildung Bedrohungslagen – Auswirkungen auf den Rettungsdienst, Fulda, 16. Mai 2018.

7 DGAV, Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Visceralchirurgie

[24] „Länder rüsten Krankenwagen für Terroranschläge aus“, SPIEGEL online, 24. September 2016.

Quellen

[25] Welt, „DGU und Bundeswehr auf Versorgung vorbereitet“, DIE WELT, September 2017.

[1] „Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben.“ Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. [2] „Beschäftigte im Gesundheitswesen nach Einrichtung und Geschlecht, in absoluten Zahlen 2011“, Bundeszentrale Politische Bildung (BPB), November 2013. [3] A.-B. A. Grundsatzfragen, „Empfehlungen der AGBF zur Zusammenarbeit in der Gefahrenabwehr bei Bedrohungs- und großen Polizeilagen“, Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren (AGBF) Bund im Deutschenstädtetag, München, Fachempfehlungen

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[26] P. Dahlmann, „Notfall Alpin Kritische Blutung z. B. nach einem Spaltensturz“, bergundsteigen, Jg 27, Nr. 103, S. 32–39, 2018. [27] 4. Medizinischer Kongress „Unser Eid auf Leben verpflichtet zum Widerstand“, Schlusserklärung „Tübinger Erklärung.“ IPPNW Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e. V., 1984.

Jeremia Weber, Humanmedizin 7. Semester Medizinische Hochschule Hannover. Hat vor dem Studium als Rettungsassistent gearbeitet.


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Frieden & Krieg

Smashing patriarchy with a nuclear ban Gender und Atomwaffen Durch einen gendersensiblen Blick auf das Thema Nuklearwaffen erweitert sich unsere Analyseperspektive. Diese ermöglicht einen entscheidenden Schritt nach vorn auf dem Weg zu einer nuklearwaffenfreien Welt. Von Birte Vogel „Fat Man“ und „Little Boy“, so nannte das amerikanische Militär die Atombomben, die über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. „We had to prove that we are not eunuchs1.“ (Der hinduistisch-nationalistische Anführer Balasaheb Thackeray nachdem Indien 1998 erstmals Atombomben erfolgreich testete.) Wenn wir über Atomwaffen reden, müssen wir auch über Gender reden. Gender bezieht sich auf die soziale und kulturelle Konstruktion von Männlich- und Weiblichkeit. Die Kategorie Gender beschreibt, was gesellschaftlich als „männlich“ oder „weiblich“ bewertet wird, welche Charakteristika und Attribute mit diesen Kategorien verbunden werden und welche Rollenerwartungen an Menschen im gesellschaftlichen Kontext gestellt werden. Gleichzeitig kritisiert eine Gender-Analyse immer auch herrschende Diskurse – welche Denkweisen über ein Thema bestehen und als anerkannt gelten. Gender ist immer auch mit einer feministischen Kritik des patriarchalen Systems verbunden, in dem Männlichkeit aufgewertet und Weiblichkeit abgewertet wird. Gender darf nicht mit dem biologischen GeBirte Vogel PJ in Hannover, schlecht (englisch „sex“) aktiv bei ican verwechselt werden, auch Deutschland, wenn dies in Bezug auf beschäftigt sich mit Atomwaffen und die AusFeminismus u. a. in wirkungen einer Explosion Bezug auf Atomwaffen. ebenfalls einen Unterschied macht. Menschen weiblichen Geschlechts sind von den durch radioaktive Strahlung ausgelösten Krebserkrankungen nach einer Atombombenexplosion im Verhältnis stär-

ker betroffen als Menschen männlichen Geschlechts. Die US-amerikanische Wissenschaftlerin Carol Cohn zeigte bereits in den achtziger Jahren auf, wie sehr die Sprache von (männlichen*2) Sicherheitspolitikern in den USA in Bezug auf Atomwaffen mit Sexualität und männlicher Potenz verknüpft wurde. Auch heute zeigen solche Aussagen wie die von Donald Trump „Ich habe auch einen Atomknopf – aber meiner ist größer und er funktioniert“, dass mit dem Besitz dieser Waffen auch eine (vermeintliche) sexuelle Aufwertung einhergeht. Der diesjährige Friedensnobelpreis würdigt die Arbeit gegen sexualisierte Gewalt als Kriegsmittel – ein Thema welches in Anbetracht seiner Relevanz reichlich spät in den Fokus der Öffentlichkeit gerät. Sexualisierte Gewalt wird von Kriegsteilnehmer*innen gegen Menschen und insbesondere Frauen* genutzt, um die Gegenseite zu demütigen (und nicht vordergründig zur sexuellen Befriedigung). Diese Beispiele veranschaulichen die Verknüpfung von Männlichkeit und Militär, welche die Diskussion über Abrüstung und Sicherheitsstrategien, die nicht auf militärische Mittel aufbauen, immens erschwert. Militär dient im gesellschaftlichen Sinne dem Schutz des eigenen Volkes und bedient die Rolle des Beschützers. Weiblichkeit, beispielsweise in der Rolle der Mutter und Familie, gilt demgegenüber als schwaches, zu beschützendes Objekt. Atombomben als ultimative Massenvernichtungswaffen werten in diesem Sinne das Potenzial des Beschützenden immens auf und verknüpfen so diese Waffen mit Stärke und Männlichkeit. Eine Diskussion über Abrüstung ist somit gleichzeitig ein Angriff auf die stereotype Männlichkeit. In dieser Polarität sind dementsprechend Abrüstungsdiskurse oft mit Vorwürfen der Schwäche, Mangel an

Realismus und Emotionalität konfrontiert – Attribute, die mit Weiblichkeit verbunden werden. Ein eindrückliches Beispiel war hier die Rede der US-Botschafterin Nikki Haley auf einer Pressekonferenz als Reaktion auf die laufenden Vertragsverhandlungen zum Atomwaffenverbot. Sie eröffnete ihre Rede mit den Worten: „First and foremost I’m a mom, I’m a wife, I’m a daughter. And, as a mom, as a daughter, there’s nothing I want more for my family than a world without nuclear weapons. But we have to be realistic … Today when you see those walking into the General Assembly to create a nuclear weapons ban, you have to ask yourself, are they looking out for their people? Do they really understand the threats that we have?“. Sie verknüpft hier ihre Existenz als Frau* mit dem Wunsch nach Abrüstung und stellt dem den „realistischen“ Entwurf einer Welt entgegen, in der Atomwaffen als notwendiges Mittel zum Schutze des Volkes gelten. Ihre Aussagen sind tief verwurzelt in einem patriarchalen Glauben mit stereotypen Rollenbildern vom Mann als Beschützer und der Frau als zu Beschützende. Eine Bewusstmachung dieser Symbolik ist unabdingbar, um die impliziten Vorstellungen zu entlarven, die (nukleare) Abrüstung weiterhin zu einem schwer verhandelbaren Thema machen. Hierbei sollte sicherlich auch die Forderung nach mehr Repräsentation von Frauen* in Verhandlungen zum Thema Sicherheit stehen. Denn noch immer verhandeln hierüber sehr viel mehr Männer*. Doch ein patriarchales System mit einer immanenten Aufwertung von Männlichkeit bewirkt auch, dass Frauen* nach dieser Aufwertung streben und patriarchale Argumentationen übernehmen. So werden Verhandlungen über Sicherheit unbemerkt zu Verhandlungen über Aufrüstung. Daher kann nur die antimilitaristische feministische Analyse der nächste Schritt in Richtung atomwaffenfreie Welt sein.

Fußnoten 1 Ein Eunuch ist ein Mensch männlichen Geschlechts, der einer Kastration unterzogen wurde. 2 Diese gesellschaftliche Konstruktion von Gender verdeutliche ich mit der Nutzung des Gender-Sternchens männlich* bzw. weiblich*, um die Kritik an binären Geschlechterkonzepten zu markieren.


Ethik & Medizin

Quo vadis, (Gender) Medizin? Denkanstöße zur (Regel-) Gesundheitsversorgung von trans Personen

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eit einigen Jahren etabliert sich im Feld der Medizin die sogenannte Gender Medicine. Dieser Zweig der Humanmedizin postuliert, dass (cis1) Frauen anders als (cis) Männer erkranken und/oder unterschiedlich (medikamentös) therapiert werden müssen [1, 2, 3]. Von Ann Kristin Augst

Hintergrund Da der Terminus Gender in Gendermedizin bzw. Geschlecht in geschlechtsspezifischer Medizin in der Regel auf (cis) männliche und/oder (cis) weibliche medizinische Bedürfnisse und Bedarfe verweist, Geschlecht also binär gedacht wird, werden die spezifischen Bedarfe transsexueller Personen häufig vernachlässigt und die Bedürfnisse von Personen, die sich (hinsichtlich ihrer Geschlechtlichkeit) als nicht binär oder genderqueer bezeichnen würden, zumeist ignoriert [4]. Dieses zweigeschlechtliche Konzept steht einer gesellschaftlichen Entwicklung gegenüber, die eine Individualisierung und Pluralisierung von Identitätsprojekten propagiert und parallel erwirkt [5, 6] – auch im Hinblick auf Geschlechtlichkeit [7, 8]. Daraus resultieren zwei Probleme: (1) Ein versorgungspraktisches Problem, das sich sowohl auf institutioneller wie organisationaler Ebene niederschlägt und (bisher) weder systematisch erfasst noch gelöst wird und aus (2) einem theoretischen Problem resultiert, welches sowohl die gendermedizinische Wissensbildung wie auch geschlechtertheoretische Debatten zum Verhältnis und zur gegenseitigen Bedingtheit von Geschlechtlichkeit und Körperlichkeit betrifft. Letzteres möchte ich anhand der zentralen (deutschsprachigen) Standardwerke im Bereich der geschlechtsspezifischen Medizin illustrieren: In der zweiten, überarbeiteten und erweiterten Auflage des von Anita Rieder und Brigitte Lohff [3] herausgegebenen Sammelbandes Gender Medizin. Geschlechtsspezifische Aspekte für die klinische Praxis wird in allen dort versammelten Beiträgen ein binäres Verständnis von Geschlecht zu Grunde gelegt. Der Sammelband Gendermedizin. Prävention, Diagno-

se, Therapie, herausgegeben von Alexandra Kautzky-Willer [2] zeichnet ein ähnliches Bild; in allen Beiträgen ist die Rede von (cis) Männern und (cis) Frauen – wobei diese allerdings nicht als cisgeschlechtlich gekennzeichnet werden. Und auch der Sammelband Gender-Medizin. Krankheit und Geschlecht in Zeiten der individualisierten Medizin [1] enthält ausschließlich Beiträge, denen eine zweigeschlechtliche Perspektive inhärent ist. Diese Auswahl an Standardwerken2 der (deutschsprachigen) Gendermedizin zeigt, dass bisher keine (systematische) Konzeption unordentlicher Geschlechtlichkeit(en), jenseits von Binarität, in der Humanmedizin existiert.3 Dies ist ein begriffliches und somit ein theoretisches Problem innerhalb der (gender-) medizinischen Community [9, 10].

Aktuelle Situation Trans Personen irritieren (gesamtgesellschaftliche) Wahrnehmungs- und Erkenntnisroutinen [11, 12], sorgen aber auch im gesellschaftlichen Teilsystem Medizin [13] für (Gender) Trouble [14, 15]. In einer Studie zur Lebenssituation von Transsexuellen in Nordrhein-Westfalen [16] wird deutlich, dass den Herausforderungen und Problemen, die in Institutionen und Organisationen des Gesundheitssektors im Umgang mit trans Personen entstehen, nicht systematisch begegnet wird. Es kommt zu Versorgungslücken [4, 16] oder – bestenfalls – zu individuellen, unbürokratischen Lösungen [17]. Symptomatisch hierfür scheint die Vermeidung ‚unnötiger Termine‘ zu sein, also das Ignorieren bzw. Vermeiden von Vorsorgeangeboten und/oder Routineuntersuchungen und Check-Ups [16] von Seiten der trans Personen. Eine andere ‚Taktik‘ ist der Versuch, beim Praxisbesuch bzw. Kontakt mit medizinischen Institutionen möglichst binär bzw. dem Geschlechtseintrag auf der

Krankenkassenkarte entsprechend4 zu passen5, um (als unangemessen empfundene) Fragen, Diskriminierungen und/oder ein (Zwangs-) Outing zu vermeiden. Häufig wird aber die (vermeintliche) Inkongruenz zwischen Geschlechtskörper und Geschlechtseintrag (aber auch zwischen Geschlechtsidentität und Geschlechtseintrag) spätestens in Situationen relevant, in denen sich der_die Patient_in ‚entblößen‘ muss. Hier spielt die Zimmerbelegung eine nicht unerhebliche Rolle: Die Zuweisung eines ‚falschen‘ Zimmers, sprich einem, das nicht der Geschlechtsidentität des_der Patient_in entspricht, sowie die Gefahr, geoutet zu werden bzw. sich outen zu müssen, werden häufig als Zumutung empfunden [16]. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor im Bereich der Gesundheitsversorgung von trans Personen/Patient_innen, sind die Richtlinien des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) bzw. die Angst vor dem MDS und/oder bereits gemachte schlechte Erfahrungen mit ebendiesem6 [18, 4]. Die sog. Begutachtung wird häufig als grenzüberschreitend erlebt, non-binäre Geschlechterkonzepte finden außerdem keine Beachtung und/oder Akzeptanz [16]. Nachdem ich hier in aller Kürze die Lücken in und Probleme mit der Gesundheitsversorgung von trans Personen in Deutschland skizziert habe, möchte ich nun einige mögliche Lösungsansätze und Denkanstöße zur Verbesserung der gesundheitlichen Lage von trans Personen beleuchten.

Denkanstöße In der Praxis – im doppelten Wortsinn – könnte die flächendeckende Vermeidung vergeschlechtlichender Adressierungen und Zuschreibungen vor allem non-binären trans Personen den Zugang zu medizinischen Leistungen erleichtern. Würden alle Patient_innen nur mit ihrem Vor- und Nachname angesprochen, fände keine Veränderung von Personen statt, die sich weder als Frau noch als Mann angesprochen fühlen. Eine Fremdzuweisung von Geschlecht sowie die Reproduktion einer binären Geschlechterkonzeption könnte so umgangen

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werden. In eine ähnliche Kerbe schlägt der Vorschlag, Formulare und Anamnesebögen an die Pluralität von Geschlecht und die Diversifizierung von Lebensformen anzupassen [19] und geschlechtsspezifische Fragen transsensibel auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen. Da es nicht den einen transspezifischen Bedarf gibt, erscheint es wünschenswert, Patient_innen vermehrt individualisiert(er) zu behandeln [20], bspw. die Idee individueller Medizin ernstnehmend körperliche bzw. organische Merkmale abzufragen und damit ‚maßgeschneidert‘ Prävention betreiben und anbieten zu können. Behandlungs- und Vorsorgeangebote könnten dann nicht dem Geschlechtseintrag, sondern organspezifischen Bedarfen entsprechend den Krankenkassenmitgliedern unterbreitet werden. Eine organ- und/oder lebenslagenspezifische Adressierung von Patient_innen könnte bspw. in gynäkologischen Praxen die diverse(re) ‚Bewerbung‘ von Schwangerschaft beinhalten, sprich: die Austragung durch trans Männer, und/oder das Auslegen von Werbematerial zu Belangen jenseits von Reproduktion, z. B. safer sex abseits heteronormativer Normalvorstellungen. Ein weiterer möglicher Ansatzpunkt wäre die Schaffung eines Bewusstseins für die Bedarfe und Bedürfnisse von trans Patient_ innen, bspw. durch Weiterbildungsmaßnahmen sowie die Implementierung transspezifischer Inhalte und transsensibler Perspektiven in die Ausbildung von Gesundheitsdienstleister_innen [21, 22]. Hier ist die Gender Medicine als Grundlagenwissen produzierende und proliferierende Instanz in der Pflicht: (Gender) Medizin müsste in der WissensbilAnn Kristin Augst, M.A. dung und WissensvermittWissenschaftliche lung ‚unordentliche‘ GeMitarbeiterin, Professur für schlechter stärker in den Soziologie mit Schwerpunkt Blick nehmen und nicht Gesundheitssoziologie, nur als ‚gemischte ResiInstitut für dualkategorie‘ verstehen. Sozialwissenschaften, Hierfür ist es u. a. notwenUniversität Augsburg. dig, dass in diesem Feld intensiver geforscht wird und somit vermehrt Daten generiert und gesammelt werden [22]. Drehund Angelpunkt für die Verbesserung der (Regel-) Gesundheitsversorgung von trans

Personen in Deutschland scheint also der Erwerb von Wissen sowie die Reflektion von bereits Erlerntem zu sein – auf allen Ebenen und in allen Bereichen des Gesundheitssystems.

Anmerkungen

9. Annandale E/Hammarström A. Constructing the ‘gender-specific body’: A critical discourse analysis of publications in the field of gender-specific medicine. Health. 2010, Vol. 15(6): 571–587. 10. Hammarström A/Annandale E. A Conceptual Muddle: An Empirical Analysis of the Use of ‘Sex’ and ‘Gender’ in ‘Gender-Specific Medicine’ Journals. PLoS ONE. 2012, Vol. 7(4): 1–8. 11. Reuter J. Geschlecht und Körper. Studien zur Materialität und Inszenierung gesellschaftlicher Wirklichkeit. Bielefeld: transcript; 2011.

1 Als cis Personen werden Menschen bezeichnet, die mit dem Geschlecht, das ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde, identifizieren (können). Trans meint im Gegensatz dazu, dass die Geschlechtsidentität und das Zuweisungsgeschlecht teilweise oder in Gänze inkongruent sind, was geschlechtsangleichende Maßnahmen nach sich ziehen kann, aber nicht muss. Auch bei sich innerhalb der binären Geschlechterordnung verortenden trans(sexuellen) Personen gestaltet sich das ‚Maßnahmenpaket‘ von Fall zu Fall ganz unterschiedlich und inkludiert seit der Außerkraftsetzung des §8 TSG (Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 11.01.2011, Az. 2 BvR 3295/07) nicht mehr zwangsläufig operative Eingriffe [23]. Unter dem umbrella term trans subsummiere ich hier transsexuelle sowie transgeschlechtliche Personen, die sich selbst als männlich oder weiblich oder aber auch als agender, androgyn(ous), bigender, cross gender, gender bender, genderless/geschlechtslos, gender neutral, gender non-conforming, genderqueer, gender variant, mixed gender, neutrois, non-binary/nicht-binär, non-gendered oder no gender, pangender, polygender oder drittes Geschlecht [17, 24] beschreiben.

12. Hirschauer S. Die interaktive Konstruktion von Geschlechtszugehörigkeit. Zeitschrift für Soziologie. 1989, Vol. 18: 100–118.

2 Mit der 2015 von Petra Kolip und Klaus Hurrelmann herausgegebenen zweiten, vollständig überarbeiteten und erweiterten Auflage des Handbuchs Geschlecht und Gesundheit. Männer und Frauen im Vergleich [25] verhält es sich ähnlich. Dieses enthält jedoch, anders als die o.g. Titel, einen Beitrag zu(r) Trans*-Gesundheit(sversorgung) [22].

16. Fuchs W/Ghattas DC/Reinert D/Widmann C., Studie zur Lebenssituation von Transsexuellen in Nordrhein-Westfalen. (LVSD | Lesben- und Schwulenverband, Landesverband Nordrhein-Westfalen e. V.) [online]. März 2012 [17. Mai 2017]. URL: www.lsvd.de/fileadmin/ pics/Dokumente/TSG/Studie_NRW.pdf.

3 Die Idee der ‚unordentlichen Geschlechtlichkeit‘ leitet sich aus der Annahme von Geschlecht als Ordnungsprinzip ab [26]. Diese Unordnung wird durch die Abweichung von der binären Geschlechternorm, das ‚Herausfallen‘ aus der heteronormativen Matrix [14] verursacht. 4 Bisher ist in der Gesetzesvorlage der dritte Geschlechtseintrag divers (personenstands-) rechtlich inter Personen vorbehalten. Ob Krankenkassen diesbezüglich non-binären (trans) Mitgliedern andere Eintragungsmöglichkeiten anbieten bzw. zugestehen werden, wird erst die Zukunft zeigen. 5 Passing oder passen (engl., to pass: durchkommen, bestehen) bedeutet, dass eine Person als das Geschlecht gelesen bzw. anerkannt wird als das die Person gelesen bzw. anerkannt werden möchte. 6 Der MDS entscheidet über die Leistungszuständigkeit der Krankenkassen (GKV) bezüglich der verschiedenen Eingriffe und Maßnahmen, die im Zuge einer Transition stattfinden (können) [18].

Literatur 1. Gadebusch Bondio M/Katsari E, Hg. ›Gender Medizin‹. Krankheit und Geschlecht in Zeiten der individualisierten Medizin. Bielefeld: transcript; 2014. 2. Kautzky-Willer A, Hg. Gendermedizin. Prävention, Diagnose, Therapie. Wien et al.: Böhlau; 2012. 3. Rieder A/Lohff B, Hg. Gender Medizin. Geschlechtsspezifische Aspekte für die klinische Praxis. Zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage. Wien/New York: Springer; 2008.

13. Luhmann N. Soziologische Aufklärung 5. Konstruktivistische Perspektiven. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage; 2009. 14. Butler J. Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity. New York/London: Routledge; 2007 [1990]. 15. Güldenring A. Zur Rolle der Medizin und aktuellen Trans*Transgesundheitsversorgung in Deutschland. In: Sauer A, Hg. Geschlechtliche Vielfalt. Begrifflichkeiten, Definitionen und disziplinäre Zugänge zu Trans- und Intergeschlechtlichkeiten. Begleitforschung zur Interministeriellen Arbeitsgruppe Inter- & Transsexualität. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 31–40 [online]. Mai 2015 [17. Mai 2017]. URL: www.bmfsfj.de/blob/93956/ d73e830e237b752dd4ef323a 8432e1ba/geschlechtliche-vielfalt-data. pdf.

17. Franzen J/Sauer A. Benachteiligung von Trans*Personen, insbesondere im Arbeitsleben. Expertise im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes [online]. Dezember 2010 [17. Mai 2017]. URL: www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Downloads/DE/ publikationen/Expertisen/Expertise_Benachteiligung_von_Trans_ personen.pdf;jsessionid=EC121B524BE94587B1128D99BC44 6C33.2_cid340?__blob=publicationFile&v=2. 18. MDS | Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e. V. Begutachtungsanleitung: Geschlechtsangleichende Maßnahmen bei Transsexualität. Richtlinie des GKV-Spitzenverbandes zur Sicherung einer einheitlichen Begutachtung nach § 282 Absatz 2, Satz 3 SGB V [online]. Mai 2009 [15. März 2018]. URL: www.mds-ev.de/fileadmin/dokumente/Publikationen/GKV/ Begutachtungsgrundlagen_GKV/07_RL_Transsex_2009.pdf. 19. Hagen DB/Galupo MP. Trans* Individuals’ Experiences of Gendered Language with Health Care Providers. Recommendations for Practitioners. International Journal of Transgenderism. 2014, Vol. 15(1): 16–34. 20. Nieder TO/Köhler A/Eyssel J/Briken P. Qualitätsentwicklung in der interdisziplinären Trans-Gesundheitsversorgung. Ergebnisse und Implikationen partizipativer Versorgungsforschung. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz. 2017, Vol. 60(9): 999–1008. 21. Plötz K/Zacharias C. Abschlussbericht zur Entwicklung der Kampagne „Gemeinsam für Vielfalt* in Niedersachsen“ [online]. August 2016 [9. April 2018]. URL: www.ms.niedersachsen.de/ download/110348. 22. Sauer A/Güldenring A/Tuider E. Queering Trans*-Gesundheit: Auf dem Weg zu einer individualisierten, menschenrechtskonformen Gesundheitsversorgung. In: Kolip P/Hurrelmann K, Hg. Handbuch Geschlecht und Gesundheit. Männer und Frauen im Vergleich. Bern: Hogrefe; 2016: 420–432.

4. BVT* | Bundesvereinigung Trans*. Policy Paper des Bundesverbandes Trans*: Trans*-Gesundheitsversorgung. Forderungen an die medizinischen Instanzen und an die Politik [online]. März 2017 [25. September 2018]. URL: www.bmfsfj.de/blob/120620/0c5e19af792f1 3569e13407bf0bbf825/trans-gesundheitsversorgung-bv-trans-data. pdf.

23. Strauß B/Nieder TO. Vom Transsexualismus zur Geschlechtsdysphorie. Veränderte diagnostische Konzeptionen in der Transgender-Versorgung. In: Schochow M/Gehrmann S/Steger F, Hg. Inter* und Trans*identitäten. Ethische, soziale und juristische Aspekte. Gießen: Psychosozial-Verlag; 2016: 57–69.

5. Beck U. Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main: suhrkamp; 2012 [1986].

24. Richards C/Bouman WP/Seal L/Barker MJ/Nieder TO/T’Sjoen G. Non-binary or genderqueer genders. International Review of Psychiatry. 2016, Vol. 28(1): 95–102.

6. Eickelpasch R/Rademacher C. Identität. Bielefeld: transcript; 2004. 7. Hartmann J. Vielfältige Lebensweisen. Dynamisierungen in der Triade Geschlecht – Sexualität – Lebensform. Kritisch-dekonstruktive Perspektiven für die Pädagogik. Wiesbaden: Springer Fachmedien; 2002. 8. Monro S. Beyond Male and Female. Poststructuralism and the Spectrum of Gender. International Journal of Transgenderism. 2005, Vol. 8(1): 3–22.

25. Kolip P/Hurrelmann K, Hg. Handbuch Geschlecht und Gesundheit. Männer und Frauen im Vergleich. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Bern: Hogrefe; 2016. 26. Heintz B. Geschlecht als (Un-)Ordnungsprinzip. Entwicklungen und Perspektiven der Geschlechtersoziologie. In: ebd., Hg. Geschlechtersoziologie. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag; 2001: 10–29.


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„Die Gleichberechtigung war schon immer mein Motor“ Interview mit Dr. Astrid Bühren

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eit 20 Jahren setzt sich Dr. Astrid Bühren, zweite Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin, DGesGM, und Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Murnau, für die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Medizin ein. Bis jetzt hat sie dabei schon einiges erreicht. Von Anne Wienand

Anne Wienand: Frau Bühren, Sie engagieren sich für Gendermedizin. Wie und wann sind Sie dazu gekommen? Astrid Bühren: Vor genau 20 Jahren bin ich auf das Thema Gendermedizin gestoßen. Als ich 1997 Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes wurde, gehörte zu meinen Aufgaben alle zwei Jahre einen wissenschaftlichen Kongress vorzubereiten. Für 1999 bot die erste deutsche Professorin für Allgemeinmedizin Prof. Dr. Ingeborg Siegfried an, den Kongress in Gießen zu veranstalten. Ihre Bedingung dafür war das Thema „Schlagen Frauenherzen anders? Geschlechtsspezifische Aspekte von HerzKreislauferkrankungen bei Frauen“. Inzwischen ist „Frauenherzen schlagen anders“ ein Spruch, den jeder kennt. Aber damals waren wir vom Deutschen Ärztinnenbund die absoluten Pioniere auf diesem Gebiet in Deutschland. Als Präsidentin musste ich natürlich Bescheid wissen und mich entsprechend in das Thema einarbeiten. Wir fanden das Thema super und hatten in Frauenverbänden und zumindest in den allgemeinen Medien, insbesondere bei Frauenzeitschriften, große Resonanz. Daher wurde das Thema Gendermedizin im Kongress 2001 wieder aufgegriffen. Der Titel lautete damals: „XX – ungelöst; Frauen forschen in der Medizin, die Medizin forscht für Frauen“. Diese beiden Aspekte sollte man nicht losgelöst voneinander betrachten. AW: Nach dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtermedizin 2001 wurden Sie für die Inhalte einer Pressemeldung massiv angegriffen. Um welche Inhalte ging es?

AB: Zum Beispiel habe ich damals eine Studie zitiert, in der u. a. die von Notärzten und Notärztinnen aufgewendeten Reanimationszeiten gemessen wurden. In der Studie zur Psychologie des ärztlichen Verhaltens wurde festgestellt, dass Ärzte Patientinnen kürzer reanimieren als Patienten während Ärztinnen Patientinnen und Patienten gleich lang reanimieren. Außerdem bekamen laut der Literatur Frauen damals ältere Herzschrittmachermodelle eingesetzt und billigere Medikamente verordnet. Kaum bekannt war damals auch wie sich die Wirkung von Medikamenten zwischen Mann und Frau unterscheidet. Denn in die Studien zur Entwicklung neuer Medikamente wurden fast ausschließlich nur Männern einbezogen. Die Werbung lautete: „Wir suchen gesunde Männer zwischen 20 und 60 Jahren“. Frauen wurden also aus diversen Gründen gar nicht miteinbezogen. AW: Wie kam es dann dazu, auch Frauen in die Untersuchung von Medikamenten miteinzubeziehen? AB: In den USA hat sich erst vieles geändert, als die erste Frau eine Führungsposition in der Medikamentenzulassungsstelle, der FDA, bekam. Sie bewirkte, dass auch Frauen in die Studien miteinbezogen werden. Außerdem gingen Frauen in den USA auf die Straße, als die ersten HIV- und AIDSMedikamente getestet wurden und haben dafür demonstriert, an den Untersuchungen proportional einbezogen zu werden. Frauen haben zwar seltener HIV, aber auch sie können infiziert sein – betroffene Frauen wollten einfach auch Heilungschancen bekommen.

AW: Welche Schlüsse müssen aus diesen Forderungen und diesem Wandel für die Forschung gezogen werden? AB: Gendermainstreaming ist ein Thema, welches 1995 bei der vierten UN-Weltfrauenkonferenz in Peking aufkam. Gender muss immer automatisch bei jedem Vorhaben und Projekt neben der Finanzierbarkeit, Machbarkeit und Sinnhaftigkeit miteinbezogen werden. Man muss sich die Frage stellen, ob das Vorhaben oder Projekt für beide Geschlechter Sinn macht oder nur für eines. Daneben sollten aus meiner Sicht auch die unterschiedlichen Altersstufen beachtet werden. AW: In den USA hatte eine Frau in der Führungsposition in der Medikamentenzulassungsstelle viel bewirkt. Chefarztpositionen sind mit deutlicher Mehrheit von Männern besetzt. Wie würde es sich auswirken, wenn der prozentuale Anteil an Chefärztinnen in Deutschland steigen würde? AB: In wirtschaftlichen Studien wurde ganz klar festgestellt, dass gemischte Teams viel bessere Gewinne erzielen. Für diese „Diversity“ sollten alle Geschlechter, Altersgruppen und Ethnien in einer kritischen Masse vertreten sein. Unternehmen müssen sich dabei immer ein bisschen ihrer Zielgruppe anpassen. In der Medizin ist die Zielgruppe aber eindeutig zu 49 Prozent männlich und zu 51 Prozent weiblich. Ich finde es einleuchtend, dass alle Lebenserfahrungen und Lebensperspektiven auf der Entscheider-Seite vertreten sein sollten, denn Menschen können eben nicht nur auf messbare Daten heruntergebrochen werden. Vor allem nicht in Bezug auf Gender, denn damit ist nicht das biologische Geschlecht, sondern in erster Linie auch das kulturelle und soziale Geschlecht gemeint. Im Falle einer Notfall-OP ist das eher nachrangig, aber bei Krankheiten, die die Psyche, den Lebensstil, die Lebenssituation und die gesellschaftliche Einstellung gegenüber den Geschlechtern betreffen, ist das von Bedeutung.

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AW: Gibt es deutliche Unterschiede zwischen der Behandlung durch Ärzte und Ärztinnen? AB: Ja, es gibt einige wissenschaftliche Untersuchungen, die besagen, dass die Ergebnisse der Behandlung bei Ärztinnen besser sind als bei Ärzten. So zum Beispiel eine Studie der Uni Köln aus dem Jahre 2008. Hier ging es um die leitliniengerechte Behandlung von Diabetes Typ 2 durch niedergelassene Ärzte und Ärztinnen. Bei dieser Studie wurde – auch für die Untersuchenden überraschend – festgestellt, dass Ärztinnen signifikant bessere Resultate erzielen. Nach dieser ersten Arbeit erschienen weitere, u. a. zu den Themen Herzinsuffizienz und Bluthochdruck, mit dem gleichen Ergebnis. Letztendlich unterscheiden sich Frau und Mann nicht nur als Patienten, sondern auch als Behandler. Dabei denke ich allerdings nicht, dass sich Ärztinnen und Ärzte fachlich unterscheiden. Für mich ist das eine Sache der Kommunikation. AW: Ist Gendermedizin aus Ihrer Sicht ein feministischer Ansatz? AB: Nein, am Anfang kam das so an. Es gab viel für Frauen nachzuholen, denn z. B. Medikamente wurden nur selten an Frauen getestet. Die unerwünschten Arzneimittelwirkungen waren bei Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren doppelt so hoch wie bei Männern. Und das ist genau die Zeit, in der die Hormone eine ganz wesentliche Rolle im Körper spielen und sich dabei zwischen Frauen und Männern stark unter-

scheiden. Wegen des großen Nachholbedarfs wirkte es erst mal so, als wollten die Feministinnen alles für die Frauen erkämpfen, die sowieso fünf Jahre länger leben. Gendermedizin sollte am Anfang immer in diese Schublade gesteckt werden, aber prinzipiell hat es mit Feminismus und auch mit Frauengesundheit überhaupt nichts zu tun, sondern mit beiden Geschlechtern. Medizin muss kostengünstig und sowohl ethisch als auch ärztlich korrekt sein. Als Ärztin oder Arzt muss ich alles tun, was hilft. Dazu gehört Gendermedizin mit zum Beispiel der Erforschung von Medikamenten an beiden Geschlechtern. AW: Sie haben früher einige Male von der „Normalisierung der bisherigen Maskulinisierung der Medizin“ gesprochen. Kommt man der Normalisierung mittlerweile näher? AB: Es geht langsam voran, aber es geht voran. Um die Chancengleichheit von Frauen und Männern auf Führungspositionen zu fördern, ist es wichtig, weiterhin Mentoring-Programme anzubieten. Es gibt ein Programm im Deutschen Ärztinnenbund und inzwischen auch an den meisten Universitäten. Optimal wäre es, wenn die Führungspositionen wirklich der Zielgruppe entsprechend verteilt wären und die ist nun einmal fifty-fifty männlich-weiblich. Ich würde auch nicht wollen, dass es ins Gegenteil umschlägt. Es geht darum, dass alle Aspekte des Lebens auf der Entscheider-Seite vertreten sein sollten und das nicht nur aus Gleichberechtigungsgründen, sondern

Vita Dr. med. Astrid Bühren •

Seit 1993 Niedergelassene Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Murnau/ Oberbayern

Seit 2009 Ehrenpräsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes

Seit 2008 2. Vorsitzende Deutsche Gesellschaft geschlechtsspezifische Medizin, DGesGM

1997–2009 Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes

Kontakt: abuehren@t-online.de

einfach auch zur Erzielung bestmöglicher Behandlungserfolge. Gegenüber Skandinavien und den USA ist Deutschland in der Hinsicht wirklich ziemlich hinterher. AW: Wie kam es dazu, dass Sie sich für die Aufstiegschancen von Ärztinnen einsetzten? AB: Die Gleichberechtigung war schon immer mein Motor. Die Unterschiede fangen schon recht früh an, denn bei Mädchen versucht die Umgebung mehr Einfluss zu nehmen, Berufswünsche auszureden und in Richtung Familientauglichkeit zu lenken. Jungen hingegen wird nichts ausgeredet. Während dem Studium haben Männer und Frauen dann eher gleiche Bedingungen. Aber sobald es zur Familienplanung kommt, gibt es erhebliche Unterschiede. Man bekommt beigebracht, wie man Karriere machen kann, aber es wird zu wenig diskutiert, welche Auswirkungen die unterschiedlichen Rollenerwartungen bezüglich Familien- und Haushaltsführung an Mütter und Väter auf die Karriere haben. Hier gilt es die partnerschaftliche, elterliche Verantwortung zu stärken. AW: Arbeiten sie momentan an einem speziellen Projekt? AB: Mein spezielles Projekt war und ist die Mutterschutzgesetzgebung, die Anfang des Jahres geändert wurde. Dafür habe ich mich 18 Jahre lang eingesetzt. Es geht darum, dass Frauen vor allem in operativen Fächern, aber auch im Labor, in der Anästhesie und im Röntgen durch die alte, sehr rigide Mutterschutzgesetzgebung benachteiligt waren. Sobald eine Frau schwanger ist, darf sie nicht mehr in den OP, auch wenn sie für eine Weiterbildung einen OP-Katalog erfüllen muss oder als Oberärztin ihre Kompetenz erhalten will. Nicht wenige hören dadurch mit dem operativen Fach auf oder die Weiterbildung verlängert sich deutlich. Dabei ist das OP-Verbot manchmal gar nicht sinnvoll. Gerade bei Wahleingriffen kann man vorsorgen und den Patienten oder die Patientin z. B. vorher auf Hepatitis und HIV testen. Außerdem wurde nachgewiesen, dass die moderne Narkose keine Gefahr für Schwangere mit sich bringt, da es sich meistens um eine total intravenöse Anästhesie handelt, also meistens ein Mittel gespritzt wird. Es ist auch ein volkswirtschaftlich sinnvoller Akt, dass Ärztinnen Kinder bekommen und deswegen sollten Frauen unterstützt und nicht weggeschützt werden. Man soll-


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macht. Nach wissenschaftlichen Vorträgen habe ich immer nach den Unterschieden zwischen Frauen und Männern gefragt. Damals habe ich dafür noch einige irritierte Blicke geerntet. Aber durch mein permanentes Fragen und die interessanten Antworten wurde allmählich klar, dass diese Frage gestellt werden muss. Heute braucht man gar nicht mehr so viel Mut, um diese Frage zu stellen – also immer hinterfragen, ob es Unterschiede bezüglich Sex und Gender gibt!

„Sobald eine Frau schwanger ist, darf sie nicht mehr in den OP, auch wenn sie für eine Weiterbildung einen OP-Katalog erfüllen muss oder als Oberärztin ihre Kompetenz erhalten will.“ Foto: Pixabay/CC0 1.0 Universell

te schauen, was sie bevorzugt während der Schwangerschaft bis zum Mutterschutz tun können, um die geschlechtsspezifische Diskriminierung in der Schwangerschaft und im Mutterschutz auszuschließen. Die Schwangerschaft muss wertschätzend geregelt sein. Es gibt genug wesentliche ärztliche Prozeduren, die nicht gefährlich sind und die müssen Frauen auch in dieser Zeit machen dürfen. Die Kindererziehung ist demgegenüber nicht geschlechtsspezifisch, Vater und Mutter sind gleich wichtig für das Aufwachsen.

Bisher hat sich noch nicht wirklich was geändert, weil sich gerade erst der im Gesetz verankerte Ausschuss für Mutterschutz formiert hat. Das Gesetz muss zunächst richtig ausgelegt werden. Also wird es noch eine Weile dauern, bis sich real etwas verbessert. Ich hoffe, dass ich in einem Unterausschuss des Ausschusses für Mutterschutz mitwirken kann.

AW: Die Änderung der Mutterschutzgesetzgebung, für die Sie 18 Jahre lang gekämpft haben, ist also ein großer Erfolg. Hat sich in dieser Hinsicht schon etwas getan?

AB: Ganz einfach: In jeder Vorlesung, ob Anatomie oder Biochemie, systematisch nach den Unterschieden zwischen Frauen und Männern fragen. So habe ich das auch immer in der Bundesärztekammer ge-

AW: Wie kann sich der einzelne Medizinstudent oder die einzelne Medizinstudentin für Gendermedizin einsetzen?

AW: Was sind Ihre Take Home Messages zur Gendermedizin? AB: Für mich gibt es drei Take Home Messages. Erstens geht es nicht darum, ob man Gendermedizin gut findet oder nicht, sondern darum, dass alles, was in der Medizin ärztlich, ökonomisch und ethisch relevant ist, einfach gemacht werden muss. Zweitens geht es darum, die Gendermedizin durch differenziertes Nachfragen voranzutreiben. Drittens geht es in der Forschung nicht darum, Unterschiede erst dann zu untersuchen, wenn sie offensichtlich sind, sondern andersherum: Erst wenn nachgewiesen wurde, dass es keinen signifikanten Unterschied gibt, kann man Männer und Frauen und Jungen und Mädchen gleichbehandeln.

Anne Wienand Wissenschaftliche Mitarbeiterin/ Biologin

Save the date: 5.–9.August 2019 Auch im Jahre 2019 ist wieder eine Sommerakademie des Projektes Atommüllreport mit hochrangigen Referent*innen geplant. Sie richtet sich an Studierende und junge Akademikerinnen und Akademiker aller Fachrichtungen. Schwerpunkt wird der Rückbau der Atomanlagen und die Zwischenlagerung des Atommülls sein. Zudem werden die verschiedenen Entsorgungsoptionen diskutiert. Die Veranstaltung findet am 5.–9.August 2019 voraussichtlich in Wolfenbüttel statt. Weitere Informationen: www.atommuellreport.de/projekte-termine oder per Email an: feige@ippnw.de


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Unterstützung statt Diskriminierung Transgender in der Medizin „Menschen, die sich ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht oder nicht vollständig zugehörig fühlen, hat es offenbar schon immer gegeben (1).“ (Für einen geschichtlichen Überblick siehe Güldenring, 2015). Gemeint sind Personen, die sich bspw. als trans*1, transgender, transsexuell, transident, Crossdresser, genderqueer, nicht-binär oder genderfluid bezeichnen, wobei sich die Identitäten zunehmend ausdifferenzieren und variabler gestalten. Wenn diese Menschen medizinische Hilfe benötigen, erhalten sie nicht immer gute Unterstützung. Von Erik Meyer Die Lebenssituation von Trans*-Menschen Für viele Trans*-Personen hat die selbst gewählte Bezeichnung eine große Bedeutung, wobei „Trans*“, manchmal auch „Transgender“ häufig als Oberbegriff verwendet werden (2) (siehe auch Abb. im Kasten). Die Begrifflichkeiten verändern sich jedoch im Lauf der Zeit, neue entstehen und andere werden weniger gebräuchlich. Nicht alle Trans*-Menschen streben eine (vollständige) Transition zum anderen Geschlecht an. Menschen, die sich mit ihrem entsprechend ihrer körperlichen Merkmale zugewiesenen Geschlecht identifizieren, werden in Abgrenzung zu trans* als „cis(gender)“ bezeichnet (3, 4). Häufig wird der Begriff „Transsexualität“ gemeinsam mit Homo- oder Bisexualität genannt, was Verwechslungen nahelegt, tatsächlich sind jedoch Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung unabhängig voneinander. Die Lebensrealität von Trans*-Personen steht allerdings im Widerspruch zu dem i.  d.  R. als „natürlich“ wahrgenommenen Zweigeschlechtersystem und der damit verbundenen gesellschaftlichen Bedingung der Heteronormativität (5). Dabei wird von zwei klar unterscheidbaren Geschlechtern („männlich“ und „weiblich“) ausgegangen, wobei körperliche Merkmale, Identität und Rollenverhalten immer einem dieser beiden Geschlechter zuzuordnen sind, das sich in seinem Begehren auf das jeweils andere bezieht. Alle Abweichungen davon gelten als „unnatürlich“. Aus diesem Verständnis heraus ergeben sich trans*feindliche Einstellungen und Verhaltensweisen bis hin zu so genannten „hate crimes“ gegenüber Menschen, die diese Norm übertreten. So hat sich gezeigt, dass Trans*-Menschen eine in besonderem Maß von Diskriminie-

rung und Gewalt betroffene Gruppe darstellen (6). Dies führt für sie wiederum zu einem besonders hohen Maß an psychischer Belastung (7), was sich bspw. an einer deutlich erhöhten Suizidalität2 zeigt (8).

Medizinische und juristische Transition Erste Möglichkeiten der medizinischen Transition wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt. Heute angewandte Maßnahmen sind bspw. Hormontherapie, Epilation, Stimmtherapie, Haartransplantationen und geschlechtsangleichende Operationen. Um dies von den Kostenträgern finanziert zu bekommen, müssen Trans*-Menschen derzeit die Kriterien der ICD-10-Diagnose „Transsexualismus“ (F64.0) aus dem ICD-10 erfüllen und sich damit für psychisch krank erklären (lassen), unabhängig davon, ob bei ihnen

über das Leiden an der gesellschaftlichen Bedingung der Zweigeschlechtlichkeit hinaus ein psychisches Leiden von Krankheitswert besteht. Nach wie vor erfolgt die Behandlung von Trans*-Personen nach den „Standards“ aus dem Jahr 1997 (9). Damals meinte man, Trans*-Menschen vor eigenen Fehlentscheidungen bewahren zu müssen und stellte einen einjährigen, für die Beteiligten i.d.R. sehr belastenden „Alltagstest“, begleitet von einer verpflichtenden Psychotherapie, vor den Beginn einer Hormonbehandlung und gestattete weitere Maßnahmen, wie geschlechtsangleichende Operationen oder Epilationsbehandlung, frühestens ein weiteres Halbjahr später. Der Spitzenverband der Krankenkassen bezog sich in seiner Begutachtungsanleitung (10) auf diese schon damals veralteten „Standards“. Darüber hinaus bestehen für viele Trans*-Menschen Hindernisse bei der Inanspruchnahme von medizinischen


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Leistungen, vor allem, weil Anträge auf Kostenübernahme, bspw. von Epilation, häufig massiv verzögert oder abgelehnt werden (11). Kosten für Epithesen (bspw. eine Penisnachbildung, durch die möglicherweise auf eine geschlechtsangleichende Operation verzichtet werden kann), werden i.d.R. nicht von den Kostenträgern übernommen. Seit 1980 ist durch das Transsexuellengesetz (TSG, 12) die juristische Transition in Form einer Vornamens- bzw. Personenstandsänderung (VÄ/PÄ) möglich. Viele Jahre war die Personenstandsänderung an eine bereits erfolgte körperliche Geschlechtsangleichung und Unfruchtbarkeit sowie Ehelosigkeit (ggf. durch Scheidung) gekoppelt. Diese Voraussetzungen konnten jedoch durch Musterklagen vom Bundesverfassungsgericht aufgehoben werden, sodass inzwischen für VÄ/PÄ die gleichen Voraussetzungen gelten. Nach wie vor müssen jedoch, einmalig im Rechtssystem, zwei Gutachten vorgelegt werden. Das Prozedere stellt für die Betroffenen psychisch und auch finanziell deutliche Härten dar und wird in seiner Sinnhaftigkeit auch von Fachleuten zunehmend bezweifelt (13, 14).

Schwierigkeiten im Hilfesystem Die komplizierten institutionellen und strukturellen Bedingungen des derzeitigen Hilfesystems sind für Trans*-Menschen zusätzlich belastend (15). Das betrifft zum einen die Abhängigkeit von bürokratischen Entscheidungen durch Vertreter_innen3 des Rechts- und des Gesundheitssystems, insbesondere der Kostenträger, sowie weitere Belastung durch die unabhängig vom individuellen Beratungsbedarf geforderten psychiatrischen Begutachtungen und Psycho­ therapien. Hinzu kommt die Abhängigkeit vom „Faktor Mensch“ und damit vom good will bzw. von der individuellen Einstellung der Sachbearbeiter_innen, Gutachter_innen und weiterer beteiligter Fachleute zum Thema Trans*, wie sich auch in einer partizipativen Studie mit jungen Trans*-Menschen zeigte (15, 17)4. Dabei erlebten die Befragten die Übergangszeit vor Inkrafttreten der offiziellen Vornamensänderung als besonders schwierig. Sie berichteten außerdem über unterschiedliche Erfahrungen in Arztpraxen und Krankenhäusern, aber auch mit Psychotherapeut_innen. So erlebten sie in einigen Fällen unkomplizierte Unterstützung, indem die von ihnen gewünschte Anrede akzeptiert wurde, sie die

gewünschte Hilfe erhielten und ggf. seitens der Ärzt_in auch gegenüber Angehörigen unterstützt wurden. Problematisiert wurde allerdings das mit dem Begutachtungsprozess verbundene Machtgefälle gegenüber den im Gesundheitssystem Tätigen sowie die oft stereotypen Geschlechterbilder und das manchmal mangelnde Wissen der Fachleute über die vielfältigen Lebens- und Ausdrucksformen von Trans*-Menschen. In einigen Fällen kam es zu verletzenden Äußerungen, auch durch Psychotherapeut_innen, bspw. indem einer Trans*-Person aufgrund ihrer Körperlichkeit ihre Identität abgesprochen wurde (17, S.29). In diesem Sinne bestehen aufgrund von befürchteter oder erlebter Diskriminierung im Gesundheitswesen für viele Trans*-Menschen Hindernisse auch bei der Inanspruchnahme von Leistungen der medizinischen Regelversorgung (18), bspw. indem Besuche bei Ärzt_innen vermieden werden.

Perspektiven Inzwischen sind Verbesserungen für die Versorgung von Trans*-Menschen in Sicht: In der 11. Neuauflage der ICD (20), die in Deutschland ab 2022 gültig wird, wurde anstatt der Diagnose „Transsexualismus“ die weiter gefasste Bezeichnung „Gender­ inkongruenz“ gewählt. Die neue Diagnose wird nicht mehr im Kapitel der psychischen Erkrankungen, sondern in einem neu geschaffenen Kapitel „Bedingungen im Zusammenhang mit der sexuellen Gesundheit“ geführt. Auf diese Weise kann einerseits Diskriminierung verringert, andererseits aber die Finanzierung medizinischer Maßnahmen der Transition durch die Kostenträger gewährleistet werden. Eine aktuelle Neuerung stellt die am 9.10.2018 veröffentlichte S3-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit“ (21) dar, sie basiert auf einer umfangreichen wissenschaftlichen Recherche. Zwei Trans*Personen wirkten als Vertreter_innen der Selbsthilfe in der Leitlinien-Kommission mit, darüber hinaus gab es für die Community weitere Möglichkeiten, sich inhaltlich einzubringen. Die Leitlinie lässt sich auch auf nicht-binär identifizierte und intersexuelle Menschen anwenden. Im Vorgehen wird von einer standardisierten Reihenfolge der Behandlungsschritte abgesehen, es gilt das Prinzip der gemeinsamen Entscheidungs-

Ein drastisches Fallbeispiel von Diskriminierung Ein 27-jähriger, bewusstloser Patient wird nach einem Unfall in die Notaufnahme eingeliefert. Als der Chirurg beginnt, seine Kleidung aufzuschneiden, reagiert er mit erhöhtem Puls, Schweißausbrüchen und Angst, der Chirurg spricht beruhigend auf ihn ein. Unter der eng anliegenden Kleidung kommen weibliche Brüste zum Vorschein, kommentiert von Aussprüchen wie: „Was ist das denn! Titten? Was ist denn das hier für ein Spinner!“ Trotz des männlichen Namens im Personalausweis wird der Patient nach der Operation auf die Frauenstation verlegt und in der folgenden Zeit konsequent weiblich angesprochen. Immer wieder äußern sich Ärzt_innen und Pflegende auch in dessen Anwesenheit despektierlich über Körper und Geschlecht des Patienten, der dies mitbekommt, aber in seinen Reaktionsmöglichkeiten teilweise eingeschränkt ist. Auf seine späteren Hinweise, transsexuell zu sein, wird mit Spott reagiert und als Erklärung das vorhergehende Schädel-Hirn-Trauma herangezogen. Spätere körperliche Untersuchungen erfolgen in für den Patienten demütigender Weise, indem während der Visite ruckartig die Bekleidung entfernt wird, verbunden mit entwertenden Äußerungen über seine körperliche Beschaffenheit und eingehendem Betasten der Brust durch den Arzt. Hinweise des Patienten auf seinen Namen im Personalausweis werden mit Bezug auf die körperlichen Merkmale mit dem Angebot einer Verlegung auf die psychiatrische Station quittiert. Auch Erklärungen der Mutter des Patienten werden abgewiesen, mitgebrachtes Informationsmaterial zu Transidentität wird ignoriert. Aufgrund der psychischen Belastung durch die fortgesetzte Diskriminierung lässt sich der Patient in noch pflegebedürftigem Zustand gegen ärztlichen Rat aus der Klinik entlassen.5 Zusammengefasst aus Neander (19, S. 15-20)

findung. Konkrete Verbesserungen sind bspw. der Verzicht auf den „Alltagstest“ und auf verpflichtende Psychotherapien.

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Bezüglich der rechtlichen Anerkennung von zwischengeschlechtlichen Personenständen gab das Bundesverfassungsgericht neue Impulse (Beschluss vom 10.10.2017, 1 BvR 2019/16). Daraus ergibt sich die Hoffnung und politische Forderung, dass in Zukunft nicht nur nicht-binär identifizierte intersexuelle, sondern auch Trans*-Menschen diese Option nutzen können (22). Eine Abschaffung des Transsexuellengesetzes (TSG), wie von Community-Vertreter_innen gefordert, ist jedoch noch nicht in Sicht. Es ist zu hoffen, dass die bereits erfolgten Verbesserungen bald in der Anwendungspraxis ankommen und im Interesse der davon Betroffenen umgesetzt werden, und dass Erik Meyer noch weitere ErleichteDipl.-Psychologe, rungen für die LebenssiTrans*beratung Nord tuation von Trans*-Mene.V., Hamburg. schen folgen. Darüber hinaus haben im Gesundheitssystem Tätige die Möglichkeit, die Lebenssituation von Trans*-Personen konkret zu verbessern, indem Sie ihnen mit Respekt und Akzeptanz begegnen.

Fußnoten: 1 Der Asterisk dient als Platzhalter für verschiedene Erweiterungen des Begriffs, andere Bezeichnungen aus dem Bedeutungsfeld sind ebenfalls einbezogen. 2 Bei Trans*-Menschen treten Suizidversuche 2- bis 10-mal häufiger auf als im Bevölkerungsdurchschnitt. 3 Der von Hermann (2003) eingeführte „Gender-Gap“ macht über die Zweigeschlechtlichkeit hinaus eine Vielfalt der Möglichkeiten sichtbar, sich geschlechtlich zu positionieren. 4 Der ausführliche Studienbericht steht online zur Verfügung unter www.bv-trans.de/portfolio-item/wie-ein-gruenes-schaf/ 5 Im Anschluss verbrachte der Patient zur psychischen Stabilisierung auf eigenen Wunsch längere Zeit auf der psychiatrischen Station der Klinik. Als zu einem späteren Zeitpunkt zusätzlich eine

HIV-Diagnose gestellt wurde, beging er Suizid (Persönliche Mitteilung K. Neander, 23.4.2015).

(13) Güldenring, A., (2013). Zur „Psychodiagnostik von Geschlechtsidentität“ im Rahmen des Transsexuellengesetzes. Zeitschrift für Sexualforschung 26, 160–174.

Literatur

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(15) Sauer, A. & Meyer, E. (im Erscheinen). Komplizierte Strukturen und der „Faktor Mensch“: Erfahrungen jugendlicher und junger Erwachsener Trans*-Menschen mit dem Gesundheitssystem. In M. Appenroth & M. Castro Varela (Hrsg.). Trans* & Care. Trans*Personen zwischen Fürsorge und Versorgung. (16) Hermann, S. K. (2003). Performing the Gap – Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung. Arranca!, 28, 22–26. (17) Sauer, A. & Meyer, E. (2016). Wie ein grünes Schaf in einer weißen Herde. Lebenssituationen und Bedarfe von jungen Trans*Menschen in Deutschland. Berlin: Jugendnetzwerk Lambda e. V. / Bundesverband Trans*. www.bv-trans.de/portfolio-item/wie-eingruenes-schaf/, 30.07.2018. (18) Sauer, A., Güldenring, A. & Tuider, E. (2015). Queering Trans*-Gesundheit: Auf dem Weg zu einer individualisierten, menschenrechtskonformen Gesundheitsversorgung. In: P. Kolip & K. Hurrelmann (Hrsg.): Handbuch Geschlecht und Gesundheit - Männer und Frauen im Vergleich. Göttingen: Hogrefe. (19) Neander, K.-D. (2014). „Sich als Mann oder Frau fühlen …“. Zum Umgang mit Geschlecht und Sexualität in der Pflege. Brake: Prodos Verlag. (20) World Health Organization (WHO), (2018). International Classification of Diseases. 11th Revision. World Health Organization. icd.who.int/browse11/l-m/en#/http%3a%2f%2fid.who.int%2ficd%2fentity%2f411470068, 06.10.2018. (21) Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) (2018). Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung. Berlin: AWMF. www.awmf.org/ uploads/tx_szleitlinien/138-001l_Geschlechtsdysphorie-DiagnostikBeratung- Behandlung_20181005_01.pdf, 13.10.2018. (22) Bundesvereinigung Trans* (BVT*) (2018). Gleiches Recht für jedes Geschlecht! – Stoppt Seehofers Gesetzentwurf zur dritten Option! Geschlechtervielfalt und Selbstbestimmung jetzt!. Berlin: Bundesvereinigung Trans* (BVT*). www.bv- trans.de/2018/07/05/ kampagnenauftakt-gleiches-recht-fuer-jedes-g eschlecht-startet-mitbreiter-unterstuetzung-aus-dem-bundestag/, 30.07.2018


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Der tagtägliche Wahnsinn auf einer Intensivstation Mangelndes Personal für zu viele Aufgaben bei zu wenig Zeit

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iese Intensivstation hat zur Zeit 16 Betten. Alle Bettplätze sind mit einem Beatmungsgerät ausgestattet. Im Durchschnitt ist diese Intensivstation zu 98 % ausgelastet. Es werden alle Krankheitsfälle behandelt. Pro Monat werden über 100 Patient*innen neu aufgenommen, die meisten davon in der Spät- und Nachtschicht. In der Regel finden die Verlegungen in der Früh- und Spätschicht statt. Von Ariane Müller

Die Pflegedirektion hat eine Besetzung von jeweils sechs Pflegekräften pro Schicht angeordnet. Da die Krankheitsrate bei diesen schlechten Arbeitsbedingungen sehr hoch ist (kurz- und langfristige Ausfälle), sind oft die Schichten nur mit fünf Pflegekräften besetzt, d. h. eine Pflegekraft muss teilweise bis zu vier Patient*innen betreuen. Die Pflegekräfte sind in der Regel Allrounder, sie müssen alles machen. Eine Stationshilfe (zuständig für Material- und Medikamentenbestellungen) gibt es teilweise nur in der Frühschicht und die Isolationszimmer werden bei Verlegungen tagsüber von einem Zweierreinigungsteam geputzt.

Emotionale Überforderung der jüngeren Pflegenden Eines Abends komme ich zur Nachtschicht. In der Umkleide sitzt eine junge Kollegin und weint. Es stellt sich schnell heraus, dass kurz zuvor ein Notfall erfolgt ist, bei der anschließenden Reanimationsmaßnahme ist der Patient verstorben. Diese junge Kollegin war einfach überfordert. Da der „Markt“ von erfahrenen Intensivpflegekräften quasi leer gefegt ist, müssen die frischexaminierten Pflegekräfte gleich auf den Intensivstationen ihren Berufseinstand geben. Vor ein paar Jahren wechselten die jungen Kolleg*innen erst nach zwei Jahren Praxis auf einer „Normalstation“ in den Intensivbereich. Eine Einarbeitungszeit von sechs Wochen muss heute reichen. Nur in sehr seltenen Fällen wird diese Einarbeitungszeit um wenige Wochen verlängert. Anschließend werden die Pflegekräfte ins kalte Wasser geworfen. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, in der die neuen Kolleg*innen ein halbes Jahr Einarbeitungszeit hatten. Wer ist z. B. nach Beendigung der

Ausbildung nach ein paar Wochen schon so fit, dass sie/er gleich drei Patient*innen gleichzeitig betreuen kann? Wir wissen doch alle, dass wir erst im Laufe von Erfahrungsjahren auf der Intensivstation fit sind. In den letzten Jahren habe ich einige weinende jüngere Kolleg*innen auf der Arbeit angetroffen, die mit der Extremsituation auf der Intensivstation überfordert sind. Allerdings habe ich in letzter Zeit auch die Erfahrung gemacht, dass die neuen Kolleg*innen sich ganz einfach selbst überschätzen. Tritt dann ein Notfall ein, sind sie der Situation nicht gewachsen und stoßen an ihre Grenzen.

Zeitdruck bei der Zimmerbelegung nach Isolationspatient*innen Bei uns liegen öfters Patienten isoliert, d. h. sie haben einen beim Gesundheitsamt anzeigepflichtigen ansteckenden Keim (z. B. MRSA, 3- oder 4-MRGN) und müssen von den anderen Patient*innen isoliert werden. Die Pflegekräfte können solche Zimmer nur mit Schutzbekleidung betreten

und die Patienten versorgen. Wird ein*e Isopatient*in verlegt oder ist gestorben, muss das Zimmer komplett entsorgt werden (das Material und die Medikamente werden weggeschmissen) und die nicht feststehenden Geräte werden gereinigt und dann aus dem Zimmer gebracht. Anschließend kommt das spezielle Zweierreinigungsteam auf die Station und putzt das leere Zimmer mit einer Spezialreinigung. Nach zwei bis maximal drei Stunden sind die Zimmer trocken und können dann wieder eingeräumt werden, um wieder neue Patient*innen aufzunehmen. Vor allem einigen Oberärzten geht es nicht schnell genug und sie versuchen die Pflegekräfte unter Druck zu setzen, damit sie die entsprechenden Zimmer mit Handtüchern trocknen. Aus hygienischen Gründen müssen solche Zimmer jedoch von sich aus trocknen. Erst so ist dann der Schutz gewährleistet. In der Nachtschicht müssen wir Pflegekräfte das Aus- und Einräumen der Zimmer noch zusätzlich machen. Da die akute Patient*innenversorgung immer vorgehen sollte, kann es durchaus Stunden dauern, bis ein Zimmer wieder belegt werden kann. Ich bin der Meinung, dass wir generell solche Arbeiten nicht machen sollten. Die Zeit ist dafür einfach nicht da. Auch hier versuchen die Oberärzte vor allem die jüngeren Pflegekräfte unter Druck zu setzen mit dem Argument: „Die neue Patientin in Wartestellung in der Aufnahme oder im OP könnte ja deine Mutter sein.“ Ariane Müller

Folgen für die Patienten • US-Studie: „Ausstattung mit Pflegepersonal und die Qualität der Patientenversorgung • 977 Krankenhäuser, 6,2 Mio. Patienten • Signifikanter Zusammenhang zwischen sinkender Zahl von Betreuungsstunden durch Pflegekräfte und » längerer Verweildauer » mehr Harnwegsinfektionen » mehr Lungenentzündungen » mehr Magen-Darm-Blutungen » mehr Kreislaufkomplikationen (Herzstillstand, Schock) (New England Journal of Medicine, 30. Mai 2002)

Intensivkrankenpflegerin, Bremen


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Warum wir im Nachtdienst nicht alleine sein wollen Über eine ganz „normale“ Nacht im Krankenhaus

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er glaubt, dass im Nachtdienst wenig zu tun sei, da die meisten Patienten ja eh schlafen, der irrt. Ich möchte hier mal von einer Nacht auf Station erzählen, welche, gemessen am Stresslevel, keine Seltenheit ist. Von einer Krankenpflegerin

Als Erstes bereite ich für die fast 30 Patienten die Infusionen vor. Das sind vor allem Antibiotika und sie sollten daher in genauen Zeitabständen gegeben werden. Heute Nacht noch mal um 23 Uhr, laut Anordnung. Natürlich kann ich mich nicht dreiteilen – somit bekommen die ersten ihre Infusion um kurz vor 11, die letzten bekommen sie um halb 12. Aber in dieser Nacht müssen die letzten bis kurz nach 12 warten, da ich nebenbei damit beschäftigt bin, eine sehr demente Patientin davon zu überzeugen, dass es besser sei, die Station nicht zu verlassen und davon, dass sie bitte nicht in die anderen Patientenzimmer geht (sie stattet besonders gern den mit einem Keim isolierten Patienten einen Besuch ab). Als ich dann, schon anderthalb Stunden im Zeitverzug, endlich die leeren Infusionsflaschen wieder abgenommen habe, klingelt plötzlich ein junger Patient, der das sonst nie tut. Ich lauf schnell zu ihm und sehe nur, wie alles voller Blut ist. Ihm läuft es schwallartig aus der Nase. Sofort informiere ich den

diensthabenden Arzt. „Hoffentlich kommt er schnell auf Station.“ Ich lege dem Patienten schleunigst ein Coolpack in den Nacken und versuche in rasanter Geschwindigkeit, das Blutbad aufzuwischen. Zum Glück hat der Arzt gerade selbst keinen Notfall in der Notaufnahme und kommt schnell auf Station, um sich um den Patienten zu kümmern. Das Ganze hat den Zimmernachbarn so aufgewühlt, dass dieser schon wieder rauchen gehen will. Nachts sind die Stationseingänge aber abgesperrt. Somit muss ich also jedes Mal bis ans Ende der Station laufen, um den Patienten dann wieder reinzulassen, wenn er fertig geraucht hat. Das wäre kein Problem für mich. Aber völlig gestresst, muss ich ihm in dieser Nacht mitteilen, dass ich das jetzt nicht mehr tun kann, weil ich schon total im Zeitverzug mit meiner Arbeit bin. Das tut mir zwar leid, aber ich kann es nicht ändern. Vor den Kopf gestoßen geht der Patient Richtung Zimmer. So. Schon 2 Uhr. Ich muss endlich anfangen, für die Patienten die Medikamente zu stellen, die Kurven vorzuschreiben, die Sta-

tion zu putzen. Oh verdammt! Ich hab’ glatt vergessen, dass ich die eine Patientin alle zwei Stunden lagern muss, damit sie kein Druckgeschwür bekommt! Ich kenne die Frau schon. „Die pack ich nicht allein!“ Ich rufe auf der anderen Station an und frage, ob mir die eine Kollegin mal kurz helfen könnte. Sie kommt – aber hat selbst kaum Zeit, weil sie oben noch so viel zu tun hat. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen, da ich sie von ihrer Arbeit abhalte. Aber ich kann diese Patientin wirklich nicht allein lagern, geschweige denn allein ihre Schutzhose wechseln. Sie ist so unglaublich schwer und nicht in der Lage mitzuhelfen. Auch zu zweit haben wir da unsere Probleme. Alle zwei Stunden kann ich die Kollegin leider nicht rufen, weil sie sonst oben die Patienten vernachlässigt … Ich versuch’s ab dem Zeitpunkt allein … und verrenke mir fast den Rücken. Ich bin noch nicht mal 30 Jahre alt und bekomme hier schon so heftige Rückenschmerzen. 2.30 Uhr – ich stelle gerade die Medikamente. Verdammt! Es klingelt schon wieder! Es ist der Patient mit der Trachealkanüle. Wenn ich da nicht sofort hinrenne, kann es passieren, dass er erstickt! Ich kenne ihn … er hat immer ein schlechtes Gewissen zu klingeln, weil er weiß, wie viel wir zu tun haben und auch, dass wir nachts ganz allein sind. Deswegen klingelt er immer erst, wenn er schon richtig Atemnot hat. Wenn ich könnte, würde ich öfter nach ihm sehen, bevor er klingeln muss. Aber auch

Internationaler Vergleich Patienten/Pflegekraft

Belastung Patienten/Pflegekraft (alle KHs)

Quelle: „Patient safety, satisfaction and qualitiy of hospital care: cross sectional surveys of nurses and patients in 12 countries in Euorope and the United States“, BJM 2012;344:e1717

Quelle: Destatis, eigene Berechnung

Patienten pro ausgebildeter Pflegekraft auf Station in einer Tagschicht.

Berechnung der Kennzahl Patienten/Pflegekraft: Alle Patienten eines Jahres werden durch alle Vollkräfte desselben Jahres geteilt


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heute geht das mal wieder nicht … Eigentlich sollte man sich schon beim Richten der Medikamente konzentrieren – es passieren immerhin so leicht Fehler – aber das ständige Klingeln der Patienten lässt das nicht zu. Okay, es ist 4 Uhr. Ich habe immer noch nicht die Station geputzt und die Kurven auch nur so halb kontrolliert. „Das mach ich jetzt ganz schnell“. Ich will gerade damit anfangen und dann – „Oh nein, es klingelt schon wieder!“ Ich lauf schnell hin. Eine Patientin sitzt am Boden vor ihrem Bett. „Rausgerutscht“, meint sie. Ich bekomm sie nicht allein hoch. Also muss ich wieder oben anrufen. Jetzt habe ich wieder ein richtig schlechtes Gewissen ... Aber ich habe es versucht. Ich bekomm die Frau einfach nicht allein ins Bett. Sie hat kaum Kraft in den Beinen. Okay, Hilfe kommt. Schnell ins Bett. Der Frau geht’s gut. Schnell die Pieper-Nummer des zuständigen Arztes herausfinden und den informieren, und das

Sturzprotokoll ausfüllen! Ihr geht’s zwar gut, aber das ist so Standard. Ist ja richtig so. 4.30 Uhr. Jetzt aber! Schnell putzen und die Kurven kontrollieren. 5.15 Uhr. Ich bin seit 21 Uhr im Dienst und habe noch nichts getrunken, war nicht einmal auf der Toilette. Mir fallen plötzlich alle meine Grundbedürfnisse ein. Ich schnappe mir schnell ’ne Flasche Wasser und renne auf’s Klo. Denkt, was ihr wollt – aber ich hab den Liter auf der Keramikschüssel leer getrunken. 5.25 Uhr. Noch mal in alle Zimmer gucken, ob es den Leuten einigermaßen gut geht. 5.45 Uhr, der Frühdienst trudelt ein. Ich mach die Übergabe, fahre nach Hause; kann nicht mehr. Bin total fertig, aber auch zu aufgekratzt, um schlafen zu können. Vielleicht denken jetzt Einige: Hey, ist doch alles ganz okay gelaufen. Die Patienten haben es überlebt und die anfallende

Arbeit wurde noch pünktlich erledigt. Und dass keine Zeit für eine Pause war, ist doch normal. Aber ich denke mir: Es tut mir leid, dass die eine Frau bald 20 Minuten auf dem kalten Boden saß. Es tut mir leid, dass ich dem einen erwachsenen Mann das Rauchen verbieten musste (ja, auch wenn es ungesund ist). Es tut mir leid, dass ich die Frau, die sich selbst nicht mehr bewegen kann, beinahe vergessen hätte.

Die Autorin ist Krankenpflegerin in Bremen.

Es tut mir leid, dass der eine Patient so lange mit dem Klingeln warten will, bis er Atemnot hat. Aber hey, es sind ja nur noch zwei weitere Nächte ...

Der Pflegestreik im Uniklinikum Freiburg und seine Vorbereitungen Ein Erfahrungsbericht

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ie Streikbewegung gegen den Pflegenotstand, welche 2009 an der Charité in Berlin ihren Anfang nahm und vor kurzem im Saarland und NRW Uniklinika lahm gelegt hat, hat auch Baden-Württemberg ergriffen. Um den Jahreswechsel 2017/2018 wurde an den vier Standorten Heidelberg, Ulm, Tübingen und Freiburg für mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen gekämpft. Als ich die Möglichkeit bekam, mein praktisches Jahr zu verschieben und als sogenannter „Organizer“ für ver.di in Freiburg tätig zu sein und all dies hautnah mitzuerleben, konnte ich nicht ablehnen. Von nepomukk

Dass die Arbeitsbedingungen in deutschen Krankenhäusern in der Pflege miserabel sind, ist inzwischen vielen Menschen bewusst. Seit der Einführung des DRG-Systems ist die betriebswirtschaftliche Sichtweise maßgeblich im Gesundheitswesen, das Pflegepersonal ist ein reiner Kostenfaktor geworden. Durchschnittlich muss eine examinierte Pflegekraft zehn Patient*innen betreuen, in anderen westlichen Ländern ist es lediglich die Hälfte [1]. Neben „rein pflegerischen“ Folgen für die Patient*innen, wie beispielsweise nicht gewechselten Win-

deln, steigt auch die Mortalität bei fehlendem Personal. Im Alltag wird versucht, dies durch unbezahlte Überstunden, ständiges Einspringen bei Krankheitsausfall usw. auszugleichen. Genau diese Einstellung, die Patient*innen nicht im Stich lassen zu können, machte es jahrzehntelang undenkbar, im Krankenhaus zu streiken. Jedoch lässt sich diese Einstellung auch gegen die bestehenden Verhältnisse richten indem man den Pflegekräften verdeutlicht, dass es der aktuelle Normalzustand ist, welcher die Patient*innen gefährdet und ein Arbeitskampf

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für bessere Arbeitsbedingungen insbesondere auch für diese geführt werden muss. Neben der medizinischen ist ein Pflegestreik auch aus feministischer Perspektive spannend, schließlich wird hier direkt um Arbeitsbedingungen in der Reproduktionsarbeit gerungen. Aus strategischer Sicht eignen sich Universitätsklinika besonders gut für einen solchen Pflegestreik, obwohl die Arbeitsbedingungen in profitorientierten, privat geführten Häusern oftmals noch schlechter sind.


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Zunächst einmal ist es unmöglich, in sämtlichen Kliniken dieser Republik gleichzeitig Arbeitskämpfe zu führen und den Streikenden ihr Streikgeld auszuzahlen, weswegen auf einzelne Betriebe mit Beispielwirkung gesetzt wird. Dazu kommt, dass Uniklinika in öffentlicher Hand sind und im Gesundheitswesen eine solch zentrale Rolle einnehmen, dass sie quasi nicht pleite gehen können, was bei ausreichend öffentlichem Druck viel finanziellen Spielraum denkbar werden lässt. Und letztendlich verantwortlich für die strukturellen Bedingungen im Gesundheitswesen ist ja auch die Politik, welche bei bestreikten Uniklinika praktischerweise auch, zumindest indirekte, Ansprechpartnerin ist. In Baden-Württemberg gibt es insgesamt vier solcher Standorte, von diesen wurden Tübingen und Freiburg durch ver.di mittels Organizing-Projekten auf anstehende Warnstreiks vorbereitet. In einem Team von insgesamt sechs Organizer*innen waren wir für einen Zeitraum von acht Wochen vor Ort. Unsere Aufgabe bestand zunächst einmal darin, mit möglichst vielen Pflegekräften auf allen Stationen und Funktionsbereichen ins Gespräch zu kommen, um herauszufinden, wo es funktionierende Teams gab, die in der Lage sein würden, einen solchen Streik auch durchzuführen. Allein dies war oftmals schwierig genug, dem Pflegenotstand sei Dank. Als günstig erwiesen hat sich in vielen Fällen die Mittagsübergabe von Früh- zu Spätschicht. Nach einer ersten Kontaktaufnahme hielten wir eine kleine Präsentation, in der die wichtigsten Punkte vermittelt werden mussten: Der Pflegenotstand in Zahlen, wie funktioniert ein Streik im Krankenhaus, das Beispiel Charité und der Zeitplan für die nächsten Wochen. Selbstverständlich ging es auch darum, Menschen für die Bewegung und natürlich ver.di zu gewinnen. In Einzelgesprächen legten wir dar, warum eine Gewerkschaft benötigt wird und dass man, sich organisieren sollte, um gemeinsam an den Verhältnissen etwas zu ändern. Und natürlich, dass der beste Zeitpunkt, damit anzufangen, genau jetzt sei und wir aus jedem Team eine Person beim Teamdelegiertentreffen benötigen, um den Arbeitgeber*innen Druck machen zu können. Bei über 120 Stationen, Rund-um-die-Uhr Besetzung mit Schichtsystem und Wochenenddienst kann man sich vorstellen, dass wir gut beschäftigt waren, tatsächlich mit allen Pfleger*innen ins Gespräch zu kommen.

Die Reaktionen waren unglaublich verschieden und reichten von sofortiger Begeisterung für den Streik bis hin zu Ablehnung. Interessanterweise hing dies nicht unbedingt mit der tatsächlichen Arbeitsbelastung zusammen sondern vielmehr mit der Chemie unter den Leuten und dem Verhältnis zur Stationsleitung. Auch Teams, welche von sich behaupteten unter noch vergleichsweise humanen Bedingungen zu arbeiten, waren solidarisch und streikbereit. Gleichzeitig hat man einigen Pfleger*innen auch angemerkt, dass sie aufgrund des ständigen Stresses durch Arbeitsverdichtung, Überstunden, Einspringen und Schlafmangel kaum noch in der Lage waren, sich für irgendetwas zu begeistern. Nach einigen Wochen hatten sich mehrere Stationen aus verschiedenen Bereichen herauskristallisiert, welche in der Lage waren, tatsächlich in den Streik zu gehen. Diese wurden von nun an sehr engmaschig von uns betreut und in vielen Gesprächen auf ihre Aufgabe vorbereitet. Am wichtigsten war es, klarzumachen, dass die Notbesetzung in jedem Fall einzuhalten ist und es nicht zu Patient*innengefährdung kommen darf. Außerdem wurde immer wieder betont, dass im Zweifelsfall gerade die besonders motivierten und kampfbereiten Kolleg*innen auf Station bleiben sollten. Auf diese Weise versuchten wir zu verhindern, dass während des Streiks die Klinikleitung die Unsicherheit der Kolleg*innen ausnutzt und gesperrte Betten trotz Notdienstvereinbarung doch wieder mit Patient*innen belegt. Bekanntermaßen hat sich allein durch Reden noch nie viel geändert, das galt auch für die geschilderte Situation. Neben den Gesprächen und der Betreuung der Streikstationen mussten wir es schaffen, dass sich die Beschäftigten selber organisieren und aktiv werden. Schließlich war unser Einsatz auf acht Wochen begrenzt und die Bewegung sollte kein Strohfeuer sein. Hierzu wurde das Teamdelegiertentreffen (TDT) immer stärker mit einzelnen Kolleg*innen zusammen vorbereitet und auf diese Wei-

se Eigenverantwortung übernommen. Vom TDT aus wurden verschiedene Aktionen geplant, vom gemeinsamen Glühweintrinken bis hin zu Mobilisierungs-Aktionen für eine Streikdemo. Insgesamt gab dies der Belegschaft die Möglichkeit herauszufinden, wie stark sie wirklich ist, wenn viele Leute an einem Strang ziehen. Es entwickelte sich eine starke Eigendynamik, was eine Emanzipation der Beschäftigten sowohl vom Gewerkschaftsapparat als auch von uns Organizer*innen ermöglichte. Leider lief der Prozess nicht ganz so reibungslos, wie es sich bis hier hin anhören mag. Wir hatten natürlich mit verschiedenen Schwierigkeiten zu kämpfen und es wurden uns viele Steine in den Weg gelegt. Pflegekräfte im Krankenhaus arbeiten im DreiSchicht-System, die Stationen sind rund um die Uhr besetzt. Für uns bedeutete dies, dass es extrem zeitaufwendig war, mit allen Kolleg*innen sprechen zu wollen, dafür mussten wir auch in den Nachtschichten vor Ort sein. Außerdem war es dadurch kaum möglich, Konstanz in das TDT zu bringen da immer wieder aktive Kolleg*innen arbeiten mussten. Auch und gerade die Funktionsbereiche, in erster Linie Operationssäle und Ambulanzen, waren für uns schwierig zu erreichen da nicht einfach so zugänglich. Wir versuchten, die Beschäftigten nach Dienstschluss abzufangen und ihnen deutlich zu machen, wie wichtig ihr Bereich für den anstehenden Streik sei, was auch meistens gelang. Zu alledem kam noch der große Zeitdruck, all dies in gerade mal acht Wochen auf die Beine zu stellen und zwar auch mit einer gewissen Nachhaltigkeit, im Anschluss sollten die Strukturen schließlich von aktiven Kolleg*innen getragen werden können. Die Arbeitgeber*innen der vier Uniklinika und BaWü taten auch ihr Übriges, unsere Arbeit zu behindern und zwar auf mehreren Ebenen. Zunächst einmal juristisch, so wurde mehrfach versucht, per einstweiliger Verfügung den angekündigten Streik für ungültig zu erklären. Als die Gerichte zu-


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nächst der Argumentation folgten, mussten wir dies schnell im gesamten Haus kommunizieren. Zahlreiche Kolleg*innen waren natürlich enttäuscht oder gar wütend auf ver.di, schließlich hatten wir ihnen bis vor kurzem noch erzählt, dass es bald mit dem Streik losgehen würde, diese Wut musste in Richtung Arbeitgeber*innen gelenkt werden. Auch die Beschäftigten selbst wurden von einzelnen Pflegedienstleitungen und sogar Stationsleitungen unter Druck gesetzt, sich nicht zu sehr auf uns einzulassen. Für einige Tage hatten explizit wir Organizer*innen auch noch Hausverbot auf dem Gelände, was die Klinikleitung glücklicherweise nicht aufrechterhalten konnte. Zu guter Letzt war auch der hauptamtliche Gewerkschaftsapparat nicht immer hilfreich, allein das juristische Hin und Her mit Streik ankündigen und wieder absagen hätten wir uns gerne erspart. An vielen Kleinigkeiten wurde deutlich, dass ver.di als Organisation insgesamt sehr unflexibel ist und sich einige durch die neue Kultur der Partizipation der Beschäftigten in ihrer Position geschwächt sahen. Beispielsweise müssen viele Entscheidungsprozesse unnötig viele Gremien durchlaufen in denen die Diskussionskultur oftmals zu wünschen übrig lässt und welche höchstens mäßig demokratisch legitimiert sind, während Beschlüsse des TDT teilweise nur gegen Widerstand durchgesetzt werden konnten. Den Ansatz, die Beschäftigten einzubinden und ihnen auch die entsprechenden Kompetenzen zuzugestehen, schienen nicht alle bei ver.di verinnerlicht zu haben. Von den Entscheidungsträger*innen vor Ort kann dies jedoch nicht behauptet werden. Diese wussten unsere Arbeit und unsere Erfolge, einige nach anfänglicher Skepsis, durchaus zu würdigen. Nach sehr viel mühseliger Aufbauarbeit, zahlreichen Nachtschichten, tonnenweise verteilten Flugblättern und endlosen Diskussionen war es im Dezember 2017 tatsächlich so weit, dass gestreikt werden konnte. Die Arbeitgeber*innen waren mit ihrer einstweiligen Verfügung vor Gericht gescheitert, die Belegschaft war motiviert und die Streikstationen vorbereitet. Im Vorhinein hatten wir noch etwas zittern müssen, ob die Arbeitgeber*innen die von uns vorgeschlagene Notdienstvereinbarung akzeptieren würden, was sie jedoch schlussendlich taten. Für den Streiktag selber organisierten wir eine Streikkonferenz, auf der unter anderem verschiedene Gruppen aus dem örtlichen Solidaritätsbündnis „Entlastung jetzt – Südbaden für mehr Personal im Krankenhaus“

Workshops zu verschiedenen Themen rund um Gesundheit anboten. Auf einem Streikplenum wurde schließlich eine Resolution verfasst und am Nachmittag gab es eine große Demonstration, gemeinsam mit dem Bündnis, von der Klinik in die Innenstadt.

zur Produktionsarbeit. Hierunter werden vor allem sorgende Tätigkeiten, wie Kinder großziehen oder Kranke pflegen, zusammengefasst, welche mehrheitlich unter- oder unbezahlt von Frauen geleistet werden.

Kurz darauf endete unser Einsatz bereits und wir konnten die weiteren Streiktage, die Ausweitung der Arbeitsniederlegung auf Ulm und Heidelberg sowie schlussendlich die Bereitschaft der Arbeitgeber*innen, ein verhandlungsfähiges Angebot zu unterbreiten, nur noch aus der Ferne miterleben. Doch den Grundstein dafür, dass die Beschäftigten so lange durchhielten und sich trotz der Rückschläge nicht aus der Ruhe bringen ließen, den haben auch wir mitgelegt. Und der Stein kommt immer weiter ins Rollen, im Saarland hat ver.di den Arbeitgeber*innen ein Ultimatum gestellt, wodurch sich diese gezwungen sahen, massive Zugeständnisse zu machen. In Essen und Düsseldorf wurde unbefristet die Arbeit niedergelegt, auch hier konnte ein Tarifvertrag erzwungen werden. Inzwischen hat sogar die Bundesregierung erkennen müssen, dass Handlungsbedarf besteht. Gesundheitsminister Jens Spahn hat vor demonstrierenden Pflegekräften verkündet, dass zusätzliche Stellen geschaffen werden müssen welche von der Bundesregierung bezahlt werden würden, hieraus ist das umstrittene Pflegepersonalstärkungsgesetz entstanden. Die konkrete Umsetzung dessen steht noch aus und die Berechnung des Bedarfs geht an der Realität weit vorbei. Doch viel wichtiger ist meines Erachtens nach, dass die Pfleger*innen dieser Republik verstanden haben, welche Kraft sie haben, wenn sie sich gemeinsam für ihre und unsere Sache einsetzen.

Organizing: Ursprünglich von deutschen Einwanderer*innen in die USA gebracht und nun wieder zurück importierte Methode zur Organisation von bspw. Beschäftigten im Betrieb. Der Fokus liegt darauf, anstatt im Gewerkschaftshaus auf die Beschäftigten zu warten, als Gewerkschaft aktiv auf diese zuzugehen und sie zu organisieren. nepomukk

Glossar DRG-System: DRG steht für „Diagnosis related Groups“, hiermit wird das Fallpauschalensystem bezeichnet. Anstatt der tatsächlichen Kosten werden den Krankenhäusern für jede Diagnose Durchschnittswerte erstattet. Hierdurch werden Anreize gesetzt, möglichst viele Fälle mit möglichst wenig Personal zu behandeln, um Gewinn bzw. wenigstens keinen Verlust zu machen. Siehe www.krankenhaus-statt-fabrik.de Reproduktionsarbeit: Feministische Theoretiker*innen wie Lise Vogel erweiterten Marx’ Mehrwerttheorie um die Sphäre der Reproduktionsarbeit, in Abgrenzung

Medizinstudent

Universität Freiburg. Streik im KrankenWar aktiv im haus: Für lange Zeit undenkbar, dann wurden Solidaritätsbündnis „Entlastung jetzt! bei steigender ArbeitsSüdbaden für belastung zunächst die mehr Personal im OP-Säle bestreikt. Dies Krankenhaus“. ist durchaus effektiv, jedoch muss eine vergleichsweise kleine Gruppe von Beschäftigten für alle anderen „mit streiken“. Beim Charité-Streik in Berlin wurden deutschlandweit, mit Hilfe einer Notdienstvereinbarung, zum ersten Mal auch Stationen und Betten geschlossen und somit allen Beschäftigten ermöglicht, sich am Streik zu beteiligen.

Notdienstvereinbarung: Ein Vertrag zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeber*innen welcher die Notversorgung während des Streiks regelt. Konkret wird festgehalten, wie viel Personal für Notoperationen bereit gehalten wird und wie viele Tage im Voraus eine geschlossene Station gemeldet werden muss damit die Klinikleitung rechtzeitig die Patient*innen verlegen kann. Solidaritätsbündnis: Aufgrund der gesellschaftlichen Relevanz der Streikbewegung (niemand ist vor Krankheit gefeit) bildete sich für die Streiks in Berlin, Freiburg und auch anderen Städten ein zivilgesellschaftliches Bündnis aus linken, feministischen und sonstigen Unterstützer*innen mit dem Ziel, die Beweggründe der Streikenden der Bevölkerung zu vermitteln und für Verständnis zu werben. Literatur: Kostendruck – Personalnot – Überlastung, www.krankenhaus-statt-fabrik.de/121

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Antibiotikaforschung in der Krise Forschungsprobleme und Lösungsansätze

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eltweit wird über die wachsende Gefahr durch multiresistente Keime berichtet - von postoperativen Wundinfektionen in Deutschland bis zu multiresistenter Tuberkulose in der Ukraine. Wenig zu berichten gibt es jedoch über zugelassene neue Antibiotika und über die Wirkstoffforschung. Es scheint, als ob weder pharmazeutische Firmen noch staatliche Akteure diese Innovationslücke im Bereich Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika derzeit adäquat adressieren. Von Thilo von Groote und Lena Theunissen

Nach Kalkulationen einer internationalen Expert*innen-Kommission werden im Jahr 2050 über 10 Millionen Menschen jährlich an multiresistenten Infektionen sterben, sollten keine Maßnahmen gegen das Problem getroffen werden.1 Natürlich spielen neben der unzureichenden Forschung viele weitere Aspekte eine Rolle, so etwa unzureichende Überwachung von Infektionskrankheiten, die fragwürdige Verwendung von Antibiotika im Bereich der Tiermast, schwierige Verschreibungspraktiken, Thilo von Groote 10. Semester etwa im hausärztlichen Humanmedizin, Münster. Kontext, und schlechte Vorstand „UAEM“. hygienische Standards in Krankenhäusern.

Lena Theunissen 7. Semester Medizinstudierende Düsseldorf. Mitglied UAEM und IPPNWStudierendengruppe Düsseldorf.

Trotz des hohen Bedarfs gab es in den letzten Jahrzehnten kaum neue antibiotische Wirkstoffklassen, die es bis zur Marktreife geschafft haben.2 Damit scheitert das aktuelle Forschungssystem daran, dieses akute Problem der Weltgesundheit anzugehen. Um die Gründe für dieses Marktversagen zu verstehen, muss der Hauptanreiz für pharmazeutische Forschung kritisch hinterfragt werden: Gewinnstreben, welches durch Patente verfolgt wird.3 Dabei stellen Patente keinen adäquaten Anreiz zur Entwicklung neuer

Antibiotika dar: Sie garantieren den Patentinhabern über einen festgelegten Zeitraum Marktexklusivität, die nach marktwirtschaftlichen Prinzipien dazu genutzt wird, so viele Einheiten wie möglich zum höchstmöglichen Preis zu verkaufen. Ein Grund, warum diese Rechnung für Antibiotika nicht aufgeht, ist dass sie nur begrenzt über einen kurzen Zeitraum verschrieben werden. Somit ist es deutlich lukrativer, ein Medikament zur Behandlung chronischer Krankheit zu entwickeln, als Antibiotika. Der Bedarf an neuen Forschungsanreizen ist offensichtlich. Doch welche Lösungsansätze sind geeignet, um das Problem zu lösen?

Innovative Forschungsansätze Besonders nicht-kommerzielle Produktentwicklungspartnerschaften, die die relevanten Akteure aus Politik, öffentlichen und privaten Forschungsinstitutionen zusammenbringt, stellen vielversprechende Lösungsansätze dar. Ein Beispiel für ein solches Konzept ist etwa die Produktentwicklungspartnerschaft „Global Antibiotic Research and Development Partnership“ (GARDP).4 Darüber hinaus stellen kleine und mittelgroße Forschungsunternehmen - oft Ausgründungen (“Spin-Offs”) aus Universitäten - eine wichtige Verbindung zwischen Universitäten und Wirtschaft dar. Eine Förderung dieser kleinen Unternehmen – etwa durch einen Zuschuss zu teuren Entwicklungskosten, insbesondere als Anschubfinanzierung – scheint daher zielführend.

Push-Mechanismen Sogenannte „Push-Mechanismen“ befähigen Forschungsinstitutionen dazu, sich in weniger profitablen Bereichen zu engagieren. Dies kann durch Zuschüsse, Steuererleichterungen oder Investitionsfonds geschehen. Sie sind effektiv, wenn sie im Bereich der Grundlagenforschung oder der frühen klinischen Forschung als Anschubfinanzierung vergeben werden. Hochrisikoansätze der Kapitalvergabe sind in diesem Bereich unabdingbar, um die Erforschung neuer antibiotischer Wirkstoffe zu fördern. Dies gilt insbesondere für kleine und mittelgroße Unternehmen. Dieser Mechanismus benötigt finanzielle Mittel und den politischen Willen, in diesem Bereich Investitionen zu tätigen. Ein internationaler Forschungsfonds könnte als finanzielles Rückgrat dienen.

Pull-Mechanismen Die sogenannten „Pull-Mechanismen“ sind konzipiert, um den Markt für neue Antibiotika attraktiver zu gestalten und so die nachhaltige Entwicklung neuer Antibiotika zu fördern. Dabei können vorher eingeworbene Preisgelder bei Erreichen bestimmter Entwicklungsstadien eines neuen Antibiotikums oder bei Marktreife an den Entwickler ausgezahlt werden. Die geförderten Entwicklungsmeilensteine oder neuen Medikamente können dabei im Vorhinein am Bedarf der Gesellschaft definiert werden. So könnten an der globalen Krankheitslast orientierte Forschung, bedarfsgerechte Medikamentenentwicklung und faire Medikamentenpreise sichergestellt werden. Schätzungen der EU-Forschergruppe DRIVE-AB zufolge wäre ein Markteintrittspreis von einer Milliarde Euro vonnöten, um die


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Anzahl neu zugelassener Antibiotika in den nächsten dreißig Jahren zu vervierfachen.5

Sozial verantwortliche Lizensierung/Global Access Licensing Öffentliche Forschungseinrichtungen, beispielsweise Universitäten, spielen eine wichtige Rolle in der Erforschung neuer Medikamente. Allzu häufig führen schlechte Praktiken des Technologietransfers, wie exklusive Lizenzen auf Patente, dazu, dass neue Medikamente nicht für die Patient*innen, die sie benötigen, zugänglich sind. Als öffentliche Institutionen tragen Universitäten Verantwortung dafür, dass Medikamente, die mit öffentlichen Geldern entwickelt wurden, auch für die Gesellschaft zugänglich sind. Dies kann durch nicht-exklusive Li-

zenzierungsformen, wie beispielsweise das Global Access Licensing, in den Richtlinien des Technologietransfers von Universitäten festgeschrieben werden.6

Fazit Antimikrobielle Resistenzen sind eine Bedrohung für die globale Gesundheit. Um dieses Problem nachhaltig zu lösen, ist eine Offenheit gegenüber kreativen Mechanismen der Anreizsetzung nötig, um eine bedarfsgerechte Forschung zu fördern. Diese Maßnahmen sollten daher so schnell wie möglich und auf globaler Ebene, beispielsweise durch die Weltgesundheitsorganisation, umgesetzt werden. Hohe Investitionen werden vonnöten sein, welche nur durch eine globale Koordination und

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Kostenteilung nachhaltig und gerecht möglich sein werden. Dennoch werden sich Investitionen und politische Veränderungen zur Verbesserung der Antibiotikaforschung lohnen. Nicht zuletzt gilt es zu beachten, dass Infektionskrankheiten nicht an nationalen Grenzen Halt machen. 1 https://amr-review.org/sites/default/files/160525_Final%20 paper_with%20cover.pdf – Seite 11 & 12 2 Silver, Lynn L. “Challenges of antibacterial discovery.” Clinical microbiologyreviews 24.1 (2011): 71–109. 3 https://amr-review.org/sites/default/files/160525_Final%20 paper_with%20cover.pdf – Seite 11 & 12 4 Für weitere Informationen siehe www.gardp.org 5 DRIVE-AB Final Report. “Revitalizing the Antibiotic Pipeline: Stimulating Innovation While Driving Sustainable Use and Global Access.” (2018): S. 6. 6 https://www.uni-muenster.de/AFO/patente/aussendarstellungderpatentstrategie.html – Absatz 3

Fleming-Fieber Wir leben in einer Welt, die wir – zumindest in unseren Teilen – malen, wie sie uns gefällt. Und viele Menschen in Gemütlichkeit verweilen, weil es ihnen an wenig mangelt. Und wenn sich durch ihren Respirationstrakt oder sonst wo ein Infekt entlanghangelt, der nächste Arzt, die nächste Apotheke und das passende Medikament schon an der nächsten Ecke warten, und der Patient Rezepte pflücken kann, wie andere Obst und Gemüse sonst nur in ihrem Garten. Erstdiagnose seitens Dr. Google im Gepäck, ist oft gering der Wille auf die Diagnose von Herr/Frau Doktor selbst zu warten, und groß der Drang – bei Husten, Schnupfen, Heiserkeit – schon mal mit einem Antibiotikum zu starten. „Nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen“, lehrt uns der Sprichwortschatz unserer Sprache und oftmals, ohne unseren Blick zu schärfen, beobachten wir dieses „Perlen vor die Säue werfen“. Und viele von uns schweigen still, weil jede/jeder von uns im Fall des Falles auch so eine goldene Pille will. Antibiotika: Einst eine gefeierte Entdeckung und Lebensretter, heute, bei Räusperei nach Wind und Wetter, von vielen wie ein Bonbon fast gelutscht – da ist der Fokus wohl verrutscht. Wie die Brille auf der Nase des Antibiotika-Entwicklers, der sich räuspert, grübelnd über seiner Petrischale, auf seiner Stirn geschrieben groß die Frage, wie ihm im Dschungel all’ der Multiresistenzen gelingen soll, auf Knopfdruck in Fleming zu denken, der Welt neue Geheimrezepte zu schenken und Antibiotika zu kochen und kreieren, bei denen multiresistenten Keimen die Spucke wegbleibt

und besorgten Wissenschaftlern in aller Welt ihre Sorgen vertreibt, weil Multiresistenzen wieder an Bedeutung verlieren. Liebe Leute weit und breit, ich denke es ist höchste Zeit, die Ohren zu spitzen, zu kriechen aus Ritzen der Bequemlichkeit und dieses Thema ernst zu nehmen. Die Zauberkraft unserer Antibiotika droht zu verblassen! Das Wissen der Menschen um diese Problematik muss wachsen. Aufklärung der Öffentlichkeit, auch dafür wird es höchste Zeit. Zudem sollten wir bedenken, wem wir unser Wissen schenken, damit weltweit auch alle von ebendiesem Wissen profitieren, und nicht die Großen daran nur gewinnen, während in anderen Ecken der Erde Sand und Zeit in Uhren rinnen und die Wunderpillen der westlichen Welt der Traum der Träume scheinen. Es ist an der Zeit, den Kopf an und nicht die Pillen vor die Säue zu werfen, den Blick für die Problematik der Antibiotikaresistenzen zu schärfen. Wir sollten dran denken, dass wir die Welt mitgestalten, aber nicht alles malen können, wie es uns gefällt. Fiona Forth Zudem haben wir diese Welt nicht von unseren Eltern Studierende geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen, der Humanmedizin wie ein weiser Mensch schreibt. Und damit sie auch ein lebenswerter Ort bleibt, sind Kreativität und Reflexion gefragt.


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Die Vermessung der Welt Anthropologie als koloniales Werkzeug und Rassismus in der Wissenschaft „Also man gewähre ihnen eben das Maß an Schutz, was sie als uns gegenüber minderwertige Rasse gebrauchen, um dauernd Bestand zu haben, nicht mehr und nur so lange, als sie uns nützen – sonst freie Konkurrenz, d. h. hier meiner Meinung nach Untergang!“ (Eugen Fischer) Von Antonia Neuberger So argumentiert der Anthropologe Eugen Fischer (1874–1967, deutscher Mediziner, Anthropologe und Rassenhygieniker, sowie Wegbereiter der nationalsozialistischen Rassentheorien) und rechtfertigt damit nachträglich die auf Vernichtung angelegte Niederschlagung des Aufstandes der widerständigen Herero und Nama in DeutschSüdwestafrika (dem heutigen Namibia) von 1904–1908. Dieser gilt zu Recht als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts, wobei die deutsche Bundesregierung diesen erst seit 2016 als solchen bezeichnet – eine offizielle Entschuldigung gibt es bis heute nicht. (1,2) Eugen Fischer ist einer derjenigen, der von den schätzungsweise 100.000 Herero und Nama profitierte, die in der OmahekeWüste oder den Konzentrationslagern ihr Leben lassen mussten. Die von ihm und anderen Ärzt*Innen überführten Schädel und Skelette landeten in anthropologischen Sammlungen in Deutschland, in Kliniken oder im Privatbesitz. Auch die Charité Berlin gab Ende August 2018 menschliche Gebeine von Nama und Herero, die während der Kolonialzeit geraubt und unrechtmäßig nach Deutschland gebracht worden sind, offiziell an Namibia zurück. (2) Die damals durchgeführten rassenanthropologischen Untersuchungen an den Schädeln dienten der Untermauerung rassistischer Theorien und der Legitimation des kolonialen Herrschaftsanspruches. Dieses Erbe aufzuarbeiten ist unsere Verpflichtung und Teil unserer historischen Schuld – gerade als Mediziner*Innen.

Rassenanthropologie – ein Relikt der Vergangenheit? Die sich im 19. Jahrhundert entwickelnde „Hirnforschung“ befasste sich neben der „Frauenfrage“ auch mit den Unterschieden zwischen den einzelnen „Rassen“. So

sollten gesellschaftliche Unterschiede biologisch zementiert werden um politische Forderungen, wie beispielsweise das Wahlrecht für Frauen, auszuhebeln. Alles nur, um nicht den „orderly progress of evolution“ zu stören – wie es beispielsweise Mitglieder der Anthropologischen Gesellschaft in London ausdrückten. Gerade die Anthropologie als damals junge Wissenschaft bemühte sich für aktuelle politische und soziale Fragen relevant zu sein, um Popularität und damit finanzielle Mittel zu generieren. Die damals betriebenen wissenschaftlichen Untersuchungen legten keinen Wert darauf, Gemeinsamkeiten zwischen menschlichen Gehirnen herzustellen, um daraus Rückschlüsse auf neurobiologische Zusammenhänge ziehen zu können. Vielmehr wurde vor dem Hintergrund des Glaubens an eine „Stufenleiter der Vervollkommnung“ versucht, eine Rangordnung zwischen der Norm des weißen Mannes und allen „tiefer stehenden“ Gruppierungen (Frauen und Angehörige anderer Ethnien) zu etablieren, um damit bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten zu legitimieren. Mit sorgfältig ausgearbeiteten wissenschaftlichen Werken wie z. B. dem Hauptwerk Emil Huschkes (1798–1858, deutscher Anatom, Zoologe und Embryologe) „Schädel, Hirn und Seele des Menschen und der Thiere nach Alter, Geschlecht und Race, dargestellt nach neuen Methoden und Untersuchungen“ von 1854 wurde eine hirnbiologische Geschlechter- und Rassenanthropologie begründet, deren Erbe auch heute noch nachhallt. (3) Auch der Begriff „Rasse“ als Unterscheidung zwischen Menschen ist eine recht neue Erfindung, die erst im 19. Jahrhundert mit der Nationalstaatsidee aufkam und unter anderen mit der sozialpolitischen Anwendung der ursprünglich biologischen Untersuchungen und Theorien von Charles Darwin und Gregor Mendel Fahrt gewann. Francis

Galton, ein Cousin Charles Darwins, prägte das Wort „Eugenik” und argumentierte dafür, den Menschen mit nützlicheren oder besseren Genen die besten Erfolgschancen zu geben. Seine Ideen der „negativen Eugenik“ im Sinne der systematischen Re­ striktion der Fortpflanzung als minderwertiger wahrgenommener Menschengruppen oder „Rassen“ wurden von den Nazis zu ihrer schrecklichen Konsequenz geführt. Eine sich ebenfalls aus den Überlegungen Darwins entwickelnde Theorie ist die des Sozialdarwinismus. Sie wurde von Herbert Spencer begründet, der den Ausdruck „survival of the fittest“ als Ausdruck der evolutionären Ideen Darwins prägte. Spencer übertrug Darwins Ideen der natürlichen Selektion auf die sozial-gesellschaftliche Sphäre und postulierte, dass individueller Erfolg innerhalb der Gesellschaft, sei es in wirtschaftlicher oder sozialer Hinsicht, auf eine genetische „Tauglichkeit” zurückzuführen sei. Ebenso rechtfertige der Kampf ums Dasein den Konkurrenzkampf innerhalb der Gesellschaft. Diese Theorie fand im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer weniger Anhänger, da zunehmendes Wissen über biologische, soziale und kulturelle Phänomene seine Grundpfeiler eher unterminierte als unterstützte. Dennoch finden sich Anklänge sozialdarwinistischen Denkens sowohl bei „Brandrednern“ der Integration wie Sarrazin als auch weniger offensichtlich in vielen entwicklungspolitischen Programmen, die eher neoliberal-kapitalistische Motivationen bedienen, als eine nachhaltige Entwicklung hin zu autonomem Handlungsvermögen auf Augenhöhe. Nicht zuletzt wird die wichtige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Ideen der Vererbung und der Epigenetik überschattet von der politischen Instrumentalisierung dieser durch gesellschaftlichen Elemente, die sich um jeden Preis an ihre vermeintliche und historisch über Jahrhunderte bestehende Überlegenheit klammern.

Vererbte Intelligenz – pseudowissenschaftliche Theorien und ihre Instrumentalisierung Unbequeme Wahrheiten auszusprechen, so könnte man meinen, trauen sich


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darauffolgende wieder näher am Durchschnitt liegt – eben wenn der Zufall eine Rolle spielt, wie es bei der Intelligenz der Fall sein muss. (6)

Deutsch-Südwestafrika: Gruppe kriegsgefangener / internierter Einheimischer (kolorierte Postkarte um 1904, mit historischer Originalbeschreibung). Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1981-157-15 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0

in unserer schönen neuen Welt vor allem Populisten. Wahrheitsgehalt? Nebensache. So ist es auch nicht verwunderlich, dass eine durch wissenschaftliche Studien schon mehrfach widerlegte Theorie, die der von Natur aus intelligenteren „Rasse“, gerade ihr Revival erlebt. Eine kleine Gruppe von Anthropologen, IQ-Forschern, Psychologen und sogenannten Experten, die sich „Rassenforscher“ schimpfen und insbesondere in den USA aktiv sind, behauptet, dass es evolutionäre Unterschiede zwischen verschiedenen Menschengruppen oder „Rassen“ gibt, die Ausgang für die sozialen Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft – wie beispielsweise Reichtum, Bildung, Lebenserwartung – sind. Insbesondere sollen schwarze Menschen mehr Probleme haben, gesellschaftlich erfolgreich zu sein, da sie naturgemäß weniger intelligent seien als weiße Menschen. Gerade im rechtspopulistischen Raum ist es beliebt, derartige pseudowissenschaftliche Thesen für eine nationalistisch orientierte Politik zu nutzen, um ihr einen intellektuellen Anstrich zu verpassen. Denn wenn Menschen anderer Hautfarbe als nicht intelligent genug gewertet werden, um erfolgreich an der Gesellschaft teilzuhaben, dann ist es nicht mehr weit bis zur Folgerung, dass die Integration derselben zum Scheitern verurteilt ist. (4) Dabei ist „Rasse“ eine recht ungenaue Zuschreibung. Einzelne Individuen können mehr Gene mit anderen „Rassen“ als mit ihrer eigenen teilen. Daher bezeichnen manche Rasse gar als soziales Konstrukt – womit nicht gesagt ist, dass es nicht Gruppen von Menschen gibt, die sich eine große Anzahl genetischen Erbes teilen. Ein dafür zutreffender Begriff wäre „Bevölkerungsgruppe“. Auch Intelligenz zu definieren kann leicht zu einem Drahtseilakt werden. Der amerikanische Forscher Edwin Boring drückte es

treffend aus: „Intelligenz ist das, was Intelligenztests messen.“ Das gebräuchlichste Maß ist dabei der Intelligenzquotient (IQ), der aus Testungen der Grundleistungen des Gehirns, etwa abstraktes Denken, Merkfähigkeit oder räumliches Vorstellungsvermögen, ermittelt wird und der ein zuverlässiges Maß für die „general intelligence“ ist. Diese ist zwar nicht deckungsgleich mit den verschiedenen Aspekten menschlichen Denkens, ist aber eine zuverlässige Repräsentation dessen. Der IQ ist nicht nur Prädiktor beruflichen Erfolgs, sowie psychischer und physischer Gesundheit, sondern ist auch ausschlaggebend für die geistige Leistungsfähigkeit im Alter (5). Darüber hinaus ist auch die Frage, ob die Herkunft die individuelle Intelligenz bestimmt, mit Fallstricken gespickt. Intelligenz ist zum einen nicht nach streng Mendelschen Regeln vererbbar. Es gibt einen genetisch gesetzten Rahmen, innerhalb dessen sich epigenetische Faktoren auswirken, wie beispielsweise auch bei der Körpergröße. Schätzungsweise 10.000 Gene wirken an Aufbau und Funktion des Großhirns mit, doch ob diese „eingeschaltet” werden, hängt auch von den entsprechenden Stimuli ab. Welcher Anteil der Intelligenz nun vererbt ist und wie viel von Umwelteinflüssen abhängt, ist nach aktueller Studienlage nicht abschließend geklärt. Auch muss man sich hüten, welche Schlüsse man aus den Ergebnissen von Untersuchungen zur Intelligenz zieht, da diese aus den oben genannten Gründen nur für die untersuchte Population sowie allenfalls ähnliche Populationen, die denselben sozioökonomischen Status, denselben kulturellen Hintergrund und das Alter teilen, gelten. Statistisch gesehen ist es sogar wahrscheinlicher, dass klügere Eltern dümmere Kinder bekommen und umgekehrt. Dieses Phänomen nennt sich „Regression zur Mitte“ und besagt, dass nach einem extrem ausgefallenen Messwert der

Dies ist nur ein Beispiel, das zeigen soll, dass es wissenschaftlich nicht haltbar ist, Menschen anderer Herkunft aufgrund ihres Erbmaterials eine Untauglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe zu bescheinigen. Leider ist für viele eine gleichwertige Stellung innerhalb der Gesellschaft aufgrund einer anderen Hautfarbe oder Herkunft noch nicht vollends erreicht, was die oben angesprochene fehlende Aufarbeitung der kolonialen Geschichte Deutschland nur verdeutlicht. Dekolonisation findet in den Köpfen der Menschen statt. Gerade als rational denkende Menschen sollten wir unser eigenes Verhalten immer wieder analytisch reflektieren und auf den Prüfstand stellen. Manchmal fängt dies schon beim Besuch im Anatomiemuseum an.

Quellen: (1) Strähle, V. „Rassenforschung“ in Dahlem: Von der Kolonialwissenschaft zur Ausrottungspolitik – das „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ (1927–1945), Berlin postkolonial; www.berlin-postkolonial.de/cms/index.php/ component/content/article?id=35:ihnestrasse-22 (2) Kimmerle, E. (28.08.2018) „Die Schuldfrage“, taz; taz.de/Rueckgabe-von-Gebeinen-aus-Kolonialzeit/!5528265/ (abgerufen 20.10.2018) (3) Maurer, M. (2000). Sexualdimorphismus, Geschlechtskonstruktion und Hirnforschung. Ursula Pasero/Anja Gottburgsen (Hg.): Wie natürlich ist Geschlecht? Gender und die Konstruktion. (4) Evans, G. (02.03.2018) “The unwelcome revival of ‘race science’”, The Guardian; www.theguardian.com/news/2018/mar/02/ the-unwelcome-revival-of-race-science (abgerufen 20.10.2018) Klein, E. (27.03.2018) Sam Harris, Charles Murray, and the allure of race science, Vox; www.vox.com/policy-and-politics/ 2018/3/27/15695060/sam-harris-charles-murray-race-iq-forbiddenknowledge-podcast-bell-curve (abgerufen 20.10.2018) (5) Deary et al (2004) “The Impact of Childhood Intelligence on Later Life: Following Up the Scottish Mental Surveys of 1932 and 1947”, Journal of Personality and Social Psychology; www.gwern.net/docs/ iq/2004-deary.pdf (abgerufen 20.10.2018) (6) Plomin, R. Und von Stumm, S. (2018) “The new genetics of intelligence”, Nature Reviews; www.gwern.net/docs/iq/2018-plomin. pdf (abgerufen 20.10.2018) Bahnsen, U. (17.06.2015) „Acht Antworten – Warum kluge Eltern nicht unbedingt kluge Kinder bekommen – und sieben weitere Tatsachen über die Vererbung von Intelligenz“, Die Zeit 23/2015; www.zeit.de/2015/23/intelligenz-vererbung-iq/komplettansicht (abgerufen 20.10.2018) Siehe auch die entsprechenden Youtube-Videos von Grimme-online Preisträgerin 2018 im Bereich Wissen und Bildung – maiLab

Antonia Neuberger, Weiterbildungsassistentin Psychiatrie


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Klimawandel & Gesundheit

Eine Frage des Überlebens Die fortschreitende Erderhitzung erfordert dringliches Handeln

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n seiner ersten Rede zum Klimawandel erklärte A. Guterres: „Climate change is the defining issue of our time, and we are at a defining moment [...] What makes all of this even more disturbing is that we were warned. Scientists have been telling us for decades. Over and over again.“ Von Dieter Lehmkuhl

„Far too many leaders have refused to listen. Far too few have acted with the vision the science demands. We see the results. In some situations, they are approaching scientists’ worst-case scenarios. The time has come for our leaders to show they care about the people whose fate they hold in their hands. [...] We stand at a truly ‘use it or lose it’ moment. [...] Nothing less than our future and the fate of humankind depends on how we rise to the climate challenge. Keeping our planet’s warming to well below 2 degrees is essential for global prosperity, people’s well-being and the security of nations“, und Guterres fügt hinzu: „There is another reason to act—moral duty.“1 Am 3.9.2018 erschien in „Le Monde“ ein Aufruf von 200 namhaften Künstler*innen: „Die größte Herausforderung in der Geschichte der Menschheit“. Darin heißt es: Es sei „noch nicht zu spät, um das Schlimmste zu verhindern“. Der Appell schließt mit den Worten: „Es ist eine Frage des Überlebens. Sie kann daher nicht als sekundär angesehen werden. Viele andere Kämpfe sind legitim. Aber wenn dieser verloren geht, kann kein anderer mehr geführt werden.“2 Diese zwei Zitate mögen für die Bedrohlichkeit der Entwicklung stehen. Warum aber wird Klimawandel oft umgeben von einer Mauer des (kollektiven) Schweigens und des Verdrängens? Offenbar reichen Information und Aufklärung über den Klimawandel und seine Folgen allein nicht aus. Wir müssen, wenn wir Klimawandel zum Thema machen, Kopf und Herz ansprechen, das „rational brain“ und das „emotional brain“ (George Marshall)3. Erst wenn beides zusammenkommt, wird es uns und andere motivieren, aktiv zu werden, wie die Forschung zur Klimakommunikation nahelegt.

Es ist schon bemerkenswert, wie auf eine potenziell existenzielle Bedrohung der Menschheit so inadäquat, mit Indifferenz und Apathie reagiert wird. Das hat viele mögliche Ursachen: 1. Die Komplexität der Klimawissenschaft 2. Die Wahrnehmung, dass der Klimawandel scheinbar nicht hier und jetzt, sondern anderswo oder in der fernen Zukunft stattfindet und er uns schon nicht treffen werde. 3. Die gut dokumentierten, interessengeleiteten und gezielten Desinformationskampagnen sowie die Leugnung des menschengemachten Klimawandels durch die fossile Brennstoffindustrie, deren Vereinnahmung der Politik sowie die Blockade durch Staaten, deren Ökonomie stark von ihren Kohle-, Öl- und Gas-Ressourcen abhängt. 4. Das einfache „weiter so“, die gewohnte Verfolgung vertrauter Pfade, ideologisch geprägte Ignoranz und die Fehleinschätzung der ökonomischen Chancen einer Dekarbonisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. 5. Die Verdrängung des Klimawandels – aus Ohnmacht oder aus Angst, als Einzelner nichts dagegen tun zu können; sowie die Befürchtung, Lebensstile ändern und auf einen gewissen Komfort verzichten zu müssen, einschließlich der damit einhergehenden Rationalisierungen, die klimaschädliches Verhalten rechtfertigen, das man nicht aufgeben will.

Klimawissenschaftlicher Hintergrund 98 % der Klimawissenschaftler*innen sind sich einig, dass die Erderhitzung der letzten 150 Jahre ganz überwiegend men-

schengemacht ist und der Ausstoß von CO2 durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe deren wesentliche Ursache ist. Das Jahr 2017 war gekennzeichnet durch eine Rekordzahl an extremen Wetterereignissen wie Stürmen, Starkregen, Überflutungen, Hitzewellen und Waldbränden. Die Jahre 2015, 2016 und 2017 waren die heißesten Jahre seit Temperaturaufzeichnung. Die Erdtemperatur ist seit der Industrialisierung um 1,2 °C gestiegen. Sie wird wegen der Trägheit des Systems um weitere 0,5 Grad ansteigen, selbst wenn wir ab sofort kein weiteres CO2 mehr emittieren. Die entscheidende Frage ist, wann die einzelnen Elemente des Klimasystems „kippen“, im Sinne des Auftauens des Permafrostes, des Auseinanderbrechens des arktischen Eisschildes oder der eventuellen Umkehr des Golfstromes. Um die Erderhitzung noch in vertretbaren Grenzen halten zu können, braucht es eine Dekarbonisierung der Weltwirtschaft bis 2050, besser noch bis 2040. Eine Transformation, so Schellnhuber, sei in 30 Jahren zu negativen Kosten möglich.4 Derzeit steuern wir aber eher auf ein Szenario von 3–5 Grad zu. Ohne aktive Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre durch Aufforstung, Stärkung der natürlichen CO2-Senken (Böden, Moore), aber auch durch technische Maßnahmen (Geoengineering) wird es kaum noch möglich sein, das 1,5–2 Grad Ziel noch einzuhalten. Je später wir beginnen, desto schwieriger und kostspieliger wird es sein. Der Klimaschutz beeinträchtigt kaum etwas von dem, was uns wichtig ist und zu unserem Wohlbefinden beiträgt: Beziehungen, Gemeinschaft, Solidarität und Zusammenhalt, sinnvolle Tätigkeit, eine intaktere Natur, die Schonung der Ressourcen, von denen wir leben, saubere Luft, bessere Gesundheit . Was wir wahrscheinlich gewinnen könnten: Eine Entschleunigung unseres Lebens mit mehr Muße für die wichtigen Dinge, weniger überflüssigen Konsum, weniger Stress und (Status-)Konkurrenz, was alles mit einer geringeren Orientierung auf materielle Dinge zusammenhängt.


Klimawandel & Gesundheit

6. Oktober 2018: GroĂ&#x;demo am Hambacher Forst

Einschränken mßssen wir uns allerdings beim Fliegen, beim Autofahren und beim täglichen Schnitzel auf dem Tisch. Klimaschutz und eine nachhaltige Entwicklung wird es ohne Änderung unseres Konsums und unserer Produktionsweise nicht geben kÜnnen. Weniger und besser, statt mehr.

Der Klimawandel als gesundheitliche Herausforderung

Die Abbildung zeigt die direkten und indirekten Auswirkungen der Erderhitzung auf die Gesundheit. Die grĂśĂ&#x;ten Auswirkungen

erfolgen Ăźber die sozialen – oder besser: hier die Ăśkologischen – Determinanten von Gesundheit wie Wasser- und Nahrungsmangel als Folge von DĂźrren, UmweltzerstĂśrung etc. Eine sehr gute Ăœbersicht Ăźber die Folgen des Klimawandels auf die Gesundheit gibt die Erklärung „Global Climate Change and Children’s Health“5 der American Academy of Pediatrics (2015). Sehr beeindruckend ist auch der Vortrag von S. Myers Ăźber „Planetary health: protecting global health on a

Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit Verletzungen, Todesfälle, Auswirkungen auf psychische Gesundheit Mehr Weerextreme e nd ren ige atu Ste per m Te

Extreme Hitze

Asthma, Herz-KreislaufErkrankungen Lu verschmutzung r m eh re M rext e e W

hitzebedingte Krankheiten, Hitzetot, Versagen des HerzKreislauf-Systems

Veränderung in der VektorÜkologie

Malaria, Denguefieber, Enzephalis, Hantavirus, Ri talfieber Borreliose, Chikungunyafieber, West-Nil-Virus

e

Erzwungen Migraon, zivile Konflikte, Auswirkungen auf psychische Gesundheit

n de o en tra eig en St onz -K CO 2

Seit etwa 10 Jahren werden die Zusammenhänge zwischen Erderhitzung und Gesundheit immer mehr zum Thema. Die gesundheitlichen Folgen zeigen sich schon heute und werden mit ungebremstem Klimawandel noch drastisch zunehmen. Der Bericht der The Lancet Commission on Health and Climate Change (2009) bezeichnet daher den Klimawandel als „the greatest threat to global health in the 21st century“. Laut ihrer Nachfolgekommission (2015) droht der Klimawandel alle Fortschritte in der globalen Gesundheit und Entwicklung der letzten Jahrzehnte zunichte zu machen. Der Bericht spricht aber auch vom Klimawandel als „the greatest health opportunity of the 21st century“, da viele KlimaschutzmaĂ&#x;nahmen gleichzeitig mit groĂ&#x;en Vorteilen fĂźr die Gesundheit (sog. Co-benefits) einhergingen: So die positiven Auswirkungen von saubererer Luft, aktiver Mobilität (Fahrradfahren, zu FuĂ&#x; gehen), fleischarmer Ernährung und grĂźneren Städten auf die nicht Ăźbertragbaren Erkrankungen (Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen, Ăœbergewicht, Diabetes, Asthma, Allergien, auch Krebs).

Hunderte Millionen von Menschen leiden schon unter den gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels. Die Belastung der AuĂ&#x;enluft durch Schadstoffe, deren Hauptursache die Verbrennung fossiler Brennstoffe ist, trägt erheblich zur globalen Krankheitslast bei. Schadstoffbelastete AuĂ&#x;enluft ist die primäre umweltbedingte Ursache fĂźr vorzeitigen Tod (laut WHO etwa 4,5 Millionen Menschen jährlich weltweit).

UmweltzerstĂśrung

Auswirkungen auf Wasser- und Nahrungsmielversorgung

Unterernährung, Durchfallerkrankungen

r l de ge enspie g i e s St ere e M

Auswirkung auf die Cholera, WasserKryptosporidiose, qualität

Zunahme von Allergenen

Asthma, Atemwegsallergien

Campylobacter, Leptospirose, schädliche Algenblßte

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Klimawandel & Gesundheit

rapidly changing planet“, veröffentlich im The Lancet bzw. auf youtube.6

Dieter Lehmkuhl langjähriges IPPNW-Mitglied und stellvertretender Sprecher der Deutschen Allianz Klimawandel & Gesundheit

Der Klimawandel ist ein „medizinischer Notfall“ („a pending global health emergency“, Christina Figueres)7 und eine „existenzielle Bedrohung der Menschheit“ (Antonio Guterres). Die WHO erklärte ihn zu einer ihrer Kernaufgaben und der Weltärztebund (WMA) fordert die nationalen Ärzteverbände und die Organisationen des Gesundheitssektors auf, den Klimawandel zu einer vorrangigen Aufgabe zu machen.8

„Health professionals must lead on climate change“, forderte 2016 ein Editorial im British Medical Journal.9 Zahlreiche Organisationen aus dem Gesundheitssektor tun das seit längerem. Führende Gesundheitsorganisationen, die mehr als 5 Millionen Ärzt*innen, Pflegekräfte und Public Health

Gendern im Amatom Sprache ist mächtig – der alltägliche Mix aus Tradition und Bequemlichkeit im Sprachgebrauch zementiert alte Wertvorstellungen und unbewusste Stereotypen! Wir als amatom-Redaktion beanspruchen aber nicht, in dieser Frage DIE eine, richtige Antwort zu kennen. Unser Fazit für die Texte im amatom ist deshalb: Regeln zum Gendern können nicht die passende Antwort auf ein so komplexes und formbares Konstrukt wie Sprache sein. Daher haben wir uns bewusst dagegen, entschieden einheitliche Standards in den im amatom veröffentlichten Texten durchzusetzen. Was wir uns wünschen, ist ein Diskurs – kontrovers, kreativ und leidenschaftlich! Und einen bewussten, sensiblen Gebrauch von Sprache durch unsere Autor*innen. In dieser Ausgabe werdet ihr verschiedene Ausdrucksformen genderbewusster Sprache lesen. Gendergap: Männliche und weibliche Form werden durch einen Unterstrich getrennt. Bei-

Expert*innen sowie 17.000 Krankenhäuser in über 120 Ländern vertreten, riefen Mitte September 2018 angesichts der Bedrohung durch den Klimawandel politische Entscheidungsträger zum Handeln auf, um die Gesundheit der Menschen zu schützen. Sie verpflichteten sich auch selbst zu einem stärkeren Engagement für gesundheitlichen Klimaschutz.10 Bei den großen und führenden Ärzteorganisationen hierzulande unterliegt das Thema Klimawandel – die größte Herausforderung für die öffentliche Gesundheit – weitgehend immer noch einer kollektiven Apathie, Indifferenz oder Verdrängung. Doch das beginnt sich zu ändern. Beim Schreiben dieses Beitrages hat die Delegiertenversammlung des Deutschen Hausärzteverband11 mit überwältigender Mehrheit einer Resolution für eine Nachhaltigkeitsagenda zugestimmt. Das könnte der Beginn eines Durchbruches sein.

ihrer Mitglieder entstanden, und der IPPNW selbst ist der Klimawandel inzwischen ein wichtiges Thema.

Quellen: 1 Auszug aus der ersten Rede des UN-Generalsekretärs A. Guterres zum Klimawandel vom 10.9.18: www.un.org/sg/en/content/ sg/statement/2018-09-10/secretary-generals-remarks-climate-change-delivered 2 www.lemonde.fr/idees/article/2018/09/03/le-plus-grand-defide-l-histoire-de-l-humanite-l-appel-de-200-personnalites-poursauver-la-planete_5349380_3232.html? 3 s. George Marshall (2015), “Don’t think about it—why our brains are wired to ignore climate change” 4 Hans-Joachim Schellnhuber auf der gemeinsamen Tagung der Heinrich Böll- und Rosa Luxemburg-Stiftung am 24.4.2018 zum Thema Klimagerechtigkeit 5 pediatrics.aappublications.org/content/pediatrics/ early/2015/10/21/peds.2015-3232.full.pdf 6 Sam Myers (2017), “planetary health: protecting global health on a rapidly changing planet”: www.thelancet.com/journals/lancet/ article/PIIS0140-6736(17)32846-5/fulltext 7 www.theguardian.com/commentisfree/2017/oct/31/climatechange-public-health-emergency-doctors-lancet-countdown 8 www.wma.net/policies-post/wma-declaration-of-delhi-onhealth-and-climate-change/ 9 www.bmj.com/content/355/bmj.i5245

Initiativen wie die „AG Klimawandel und Gesundheit“ der kritischen MedizinerInnen sowie die Gründung der „Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit“ sind unter wesentlicher Mitwirkung der IPPNW und spiel: Die Leser_innen. Die Gendergap bezieht sich auf das vorherrschende binäre Geschlechterverständnis. Kritiker_innen bemängeln, dass queer und trans Menschen nicht repräsentiert sind. Asterisk: Der Asterisk * (Sternchen) ist aus der Computersprache entlehnt und stellt einen Versuch dar, sämtliche Identifikationsformen und Lebensweisen im Spektrum von Trans* zu berücksichtigen, und damit auch die Personen einzubeziehen, die sich keinem definierten Konzept der Transgeschlechtlichkeit zugehörig fühlen. Generisches Maskulin: Vor allem amtlichen Veröffentlichungen ist der Hinweis auf die Verwendung des generischen Maskulins vorangestellt. Mit diesem Hinweis soll der Geltungsbereich der Formulierung auch auf die jeweils weibliche Form ausgedehnt werden. Dabei stellen sich viele Menschen bei der Verwendung des generischen Maskulinums hauptsächlich Männer vor. Zudem fühlen sich Personen am besten von einem Text angesprochen, wenn dieser ihr soziales Geschlecht explizit benennt oder geschlechtsneutral formuliert ist.

10 www.klimawandel-gesundheit.de/2018/09/20/gcha-call-toaction/ 11 www.hausarzt.digital/politik/hausaerzteverband/ bundesverband/die-fuenf-wichtigsten-beschluesse-41292.html# klimawandel-im-blick

Andere Möglichkeiten gendersensibler Sprache Geschlechtsspezifische Bezeichnungen können häufig durch neutrale Begriffe getauscht werden. Allerdings sind neutrale, allgemeine Begriffe sprachlich weniger präzise und dadurch häufig schwächer. Grundsätzlich gilt: Passiv ist schwächer als aktiv! Je mehr die handelnde Person offen bleibt, desto weniger greifbar wirkt der Text. Mögliche geschlechtsneutrale Umformulierungen sind: • Geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen • Partizipien als geschlechtsneutrale Pluralformen • Funktionsbezeichnungen

Ziel sollte es sein, die Handlungen aller Menschen gleichwertig zu beschreiben und stereotype Rollenbilder in Texten nicht zu reproduzieren. Also nicht: „Hans fordert“ – „Karin wünscht sich“ oder „starker Hans“ – „harmoniebedürftige Karin“.


IPPNW aktiv

Einmal hin und weg sein Wie IPPNW-Programme Leben auf den Kopf stellen

I

n zwanzig Jahren wirst du dich mehr über Dinge ärgern, die du nicht getan hast, als über die, die du getan hast. Also, wirf die Leinen und segle fort aus deinem sicheren Hafen. Fange den Wind in deinen Segeln. Forsche. Träume. Entdecke. (Mark Twain)

f&e oder famulieren & engagieren ist ein Austauschprogramm der deutschen IPPNW in Verbindung mit lokalen Kooperationspartnern in u. a. Indien, Nepal, den USA, auf dem Balkan, Israel und Palästina, in der Türkei und in Japan. Ziel und Zweck ist es, Medizinstudierenden die Möglichkeit zu geben, durch einen Monat Famulatur Einblicke in andere Gesundheitssysteme zu gewinnen. Einmonatige Praktika in einer NGO oder ähnlichen sozialen Organisation ermöglichen darüber hinaus Einblicke in gesellschaftliche Zusammenhänge und Problematiken. Eingebunden ist das Programm in eine betreute Vor- und Nachbereitung.

Besonders kennzeichnend ist der rege Austausch zwischen den Verreisenden und den schon Verreisten aus dem vorherigen Jahrgang.

Mit f&e in Israel

stark von der Geschichte des jüdischen Volkes im 20. Jahrhunderts beeinflusst wurden. Dank der Übersetzungen ins Englische durch Dr. Daphna Shefet, der Leiterin der Gerontopsychiatrie und Verantwortliche vor Ort für das f&e-Programm, konnte ich den meisten Gesprächen relativ gut folgen. Ergänzt wurde meine Famulatur durch Hospitationen in verschiedenen Einrichtungen, wie einem Tageszentrum für HolocaustÜberlebende oder einer psychiatrischen Ambulanz für Flüchtlinge. So konnte ich mich neben der Geschichte des jüdischen Volkes auch mit den aktuellen Problemen und Herausforderungen der israelischen

Nachdem ich vor drei Jahren zum ersten Mal Israel bereist hatte, wusste ich dieses Mal grob, worauf ich mich einzustellen hatte. Vor meiner ersten Reise waren Jerusalem und Tel Aviv noch ferne, kaum reale Orte gewesen, die nach Bibel und Jahrtausende alter Geschichte oder nach Nahostkonflikt und ein bisschen Gefahr klangen. Nach meiner ersten Reise waren diese Namen mit Bildern und Erfahrungen angereichert. Dennoch war meine jetzige Israel-Erfahrung, ermöglicht durch das f&e-Programm der IPPNW, ganz anders und voller neuer Eindrücke. So konnte ich das Leben in Israel diesmal viel mehr von der alltäglichen Seite kennenlernen als dies bei einer normalen Reise der Fall ist. In Shalvata, dem psychiatrischen Krankenhaus in einem Vorort von Tel Aviv, in dem ich meine Famulatur gemacht habe, habe ich viel über die heutige israelische Gesellschaft gelernt, besonders durch die Lebensgeschichten der älteren Patienten, die meist

Klingt zu gut um wahr zu sein? Ist es auch. Denn egal, was dir erzählt wird: Nichts geht über die Erfahrung, dort gewesen zu sein. Vielleicht dort, hinter einer acht Meter hohen Betonmauer, an der du jeden Tag vorbeilaufen wirst auf dem Weg zur Klinik, wo du

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Menschen sehen wirst, die an Krankheiten leiden, die du in Deutschland wahrscheinlich nie zu Gesicht bekommen wirst. Oder dort, wo Menschen dir ein Festmahl auftischen, während du genau weißt, dass du als armer Studierender mehr Geld im Monat für den Kaffee in der Mensa ausgeben wirst als die ganze Familie zusammen verdient. Oder dort, wo du in der Menschenmenge deine Schuhe verlierst und dir eine alte Dame sie dir lächelnd hinterherträgt, während um euch die Massen unbeirrt in ihrem Weg weiterströmen. Um ehrlich zu sein: Mir ging es nicht gut, als ich zurückkam, mit diesem Koffer voller Erfahrungen und Erinnerungen – und nicht so ganz wusste, wie er in mein kleines deutsches Leben passen sollte, so voll war er. Aber ich würde diese Reise mit f&e um nichts in der Welt missen wollen. Los die Leinen, Antonia (Weltenbummlerin, f&e-Veteranin und Redaktionsmitglied)

Mehr unter: ippnw.de/der-verein/studierende/famulieren-engagieren

Gesellschaft beschäftigen, die Israel als ein Land voller Widersprüche zeigen. Ich wurde mit sehr viel Gastfreundschaft empfangen, immer wieder eingeladen, sei es zu einem jüdischen Shabbatdinner oder dem muslimischen Opferfest, sodass ich Einblicke in die Lebenswelten ganz unterschiedlicher Familien bekommen konnte. Für die Herzlichkeit und all die neuen Erfahrungen bin ich sehr dankbar und blicke auf eine ereignisreiche Zeit zurück, die mich noch lange beschäftigen wird. Ricarda Münch 6. Semester Humanmedizin, Berlin


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IPPNW aktiv

Eintauchen in ein anderes Gesundheitssystem Die Global Health Summer School in Kilifi, Kenia

M

itten in der Lernzeit für mein 2. Staatsexamen kam plötzlich eine unerwartete E-Mail über den IPPNW-Studi-Verteiler mit dem Hinweis auf eine Global Health Summer School in Kenia. Gar nicht so schlecht, dachte ich, und schon war meine Bewerbung abgeschickt (und über die nächsten Lerntage wieder vergessen). Von Julia Kilian

Dann kam im April die Zusage – und plötzlich die Unsicherheit, ob ich wirklich zwei Wochen lang in meinem PJ statt Urlaub zu machen lieber zu einer Summerschool fahren möchte. Doch die Neugier hat gesiegt, die Flüge waren gebucht und vor zwei Wochen stieg ich in den Flieger Richtung Süden. In Kilifi trafen dann 14 kenianische Studenten aus verschiedensten Ecken des Landes, einer aus Uganda, zwei aus Finnland und ich aus Deutschland zusammen, um eine Woche lang ein ziemlich vollgepacktes Programm zu bestreiten. Daniel Motunga, ebenfalls IPPNW-Mitglied und inspiriert von einer Teilnahme an der Global Health Summer School in Berlin, eine solche in Kenia zu iniziieren, führte uns Julia Kilian mit Herz und Seele durch 13. Semester Universität Lübeck die Woche. Die ersten Tage waren geprägt von Vorträgen verschiedener Professoren und Ärzte der Pwani-Universität, wo unsere Kenntnisse zu tropischem Fieber und dessen vielfältigsten Ursachen aufgefrischt wurden. Nachmittags ging es dann entweder ins Labor der Universität oder des lokalen Krankenhauses, wo Stuhlproben nach Wurmeiern durchsucht oder Malaria-/HIV-Tests demonstriert wurden. Schon in diesen ersten Tagen kamen wir so mit der medizinischen Wirklichkeit in einem doch immer noch stark von Korruption geprägtem Land in Kontakt. Hochmotivierte und ehrgeizige Ärzte zeigten uns, mit welch einfachen Mitteln sie Diagnosen stellen können. Und trotzdem sind oft selbst diese Basistests für viele Patienten finanziell eine Herausforderung. Genau diese Problematiken gerieten gegen Ende der Woche immer mehr in den Fokus. Mit Dr. Azra und Dr. Hellen, letztere eine überaus engagierte IPPNWlerin, hatten wir zwei herausragende

Expertinnen, die ihr Herz und ihre Seele in kontroverse Themen des kenianischen Gesundheitssystems stecken. So wurden provokative Fragen zu sozialen Determinanten von Gesundheit (Spielt Stammeszugehörigkeit und Tradition immer noch eine Rolle?), mentale Gesundheit in Bezug auf Drogenabhängigkeit (Ist jemand freiwillig drogenabhängig? Verdient er es, stigmatisiert zu sein?) und Frauensterblichkeit (Warum sterben immer noch so viele Frauen während oder an Folgen der Geburt – obwohl es mittlerweile fast flächendeckende und meist kostenlose Schwangerschaftsvorsorgen und -begleitung gibt?) intensiv besprochen. Da waren nicht nur die mitgebrachten Statistiken interessant, sondern auch die verschiedenen Sichtweisen von uns Studenten, abhängig davon, welchen sozialen und religiösen Hintergrund wir hatten. Und genau hierzu möchte ich Dr. Hellen zitieren: „Wer als Arzt arbeitet, der soll beim Betreten des Krankenhauses seine religiösen Überzeugungen wie einen Hut draußen aufhängen. Dann kann man hineingehen, arbeiten – und auf dem Nachhauseweg den Hut wieder aufsetzen“. In einem so stark christlichen Land wie Kenia, wo an der Küste sehr viele Muslime wohnen, und ein Großteil der Bevölkerung an überlieferte Traditionen und Werte der Vorfahren ihrer Stämme glauben (z. B. ist weibliche Genitalverstümmelung auch hier ein aktuelles Problem), hat diese

Aussage eine große Bedeutung. Doch auch bei uns in Deutschland verliert sie meiner Meinung nach nicht an Relevanz. Doch zurück zur Summerschool. Ein Höhepunkt war ein sog. Fieldtrip, wo wir in Matatatus ins Landesinnere fuhren, um in einem Dorf eine Lepra-Patientin mit ihrem ebenfalls erkrankten Sohn zu besuchen. Abgerundet wurde die Woche mit einer Bootsfahrt durch die Bucht Kilifis, klassisch bei Sonnenuntergang – und trotz Nichtschwimmer-Daseins waren alle Kenianer mit dabei. So konnten wir noch einmal gemeinsam durchatmen, nach den doch sehr intensiven 5 Tagen. Das Team um Dr. Mutonga (Zahanati Ventures Ltd.) hat sich unglaubliche Mühe gegeben, ein volles Programm auf die Beine zu stellen und somit einen Einblick in das kenianische Gesundheitssystem mit all seinen Herausforderungen zu geben. Doch darum herum lag es ihnen vor allem am Herzen, junge Menschen aus aller Welt zusammen zu führen, diese vertraut mit einer doch sehr anderen Kultur zu machen und Neugier zu wecken. Das hat in meinen Augen äußerst gut geklappt – und das, obwohl die Summerschool erst zum zweiten Mal stattfand. Und es lohnt sich, die Organisation im Auge zu behalten – im nächsten Jahr soll es nämlich u. a. auch eine Summerschool zu „Sexual Health“ geben. Wer weiß, vielleicht ist ja jemand von uns Studis dabei?


Kontakt

Ansprechpartner*innen und Kontaktadressen IPPNW-Lokalgruppen an fast allen Unis

A

n vielen Unis gibt es lokale IPPNW-Studierenden­ gruppen. Wenn Du Interesse hast, wende Dich einfach an die Geschäftsstelle oder direkt an die entsprechende Ansprechpartner*in. Auch die Arbeitskreise der IPPNW freuen sich immer über studentische Mitarbeit.

Heidelberg/Mannheim: Jessica Jin, j.jin@stud.uni-heidelberg.de Lucie Landeck, lucie.landeck@yahoo.de Homburg: Alexej Silenko. Aleksey-Silenko@web.de Johanna Dahle, johannadahle@aol.de

IPPNW-Geschäftsstelle

Die internationale IPPNW-Studierendenhomepage: www.ippnw-students.org

Köln: Ariana Safi arianasafi@gmx.net

Körtestr. 10, 10967 Berlin Tel: 030-698074-0 | Fax: 030-6938166 E-Mail: ippnw@ippnw.de | www.ippnw.de

Facebook-Seite: www.facebook.com/ippnwstudies

Leipzig: Madeleine Sittner Madeleine.Sittner@web.de

Amatom: Blog: amatomblog.wordpress.com Facebook: facebook.com/amatomisawesome Twitter: twitter.com/Amatomisawesome

Lübeck: Claudia Böhm boehm@ippnw.de

Studierendengruppen

Regensburg: Sophie Flemmer sophie.flemmer@web.de ippnw.regensburg@gmx.de www.regensburg.ippnw.de

Ansprechpartner für Studierende in der Geschäftsstelle ist Ewald Feige: Tel: 030-698074-11, feige@ippnw.de Zuständig für das Programm famulieren&engagieren ist Anne Jurema, Tel: 030-698074-17, jurema@ippnw Studierende im Vorstand der IPPNW Der Vorstand der IPPNW wird alle zwei Jahre vom höchsten Organ unseres Vereins, der Mitgliederversammlung, gewählt. Ihm gehören acht Personen sowie der International Councillor an. Als StudentIn im Vorstand vertritt man/frau die Interessen der Studierenden, setzt sich ein für Studierendenarbeit und informiert die Studierenden in der IPPNW über das, was sich im Verein so alles bewegt. Diese Aufgabe übernimmt derzeit: Claudia Böhm, boehm@ippnw.de Studierendensprecher*innen der IPPNW Jedes Jahr werden im Wintersemester beim bundesweiten Studierendentreffen zwei Studierende gewählt, die die Funktion der Sprecher*innen übernehmen. Zur Zeit sind es Lilian Tashiro, tashiro@ippnw.de und Max Arslan, arslan@ippnw.de. Über die einzelnen Sektionen hinaus, gibt es für die Vernetzung auch zwei Europäische Studierendensprecher*innen. Das sind derzeit Ella Faiz (Frankreich), ella.faiz95@gmail.com und Dominik Stosik (Polen), dominik.stosik@student. umed.wroc.pl Aktuelle Infos unter: studis.ippnw.de Mailingliste: ippnw-studies@ippnw-lists.de

Aktuelle Kontakte auch unter: studis.ippnw.de/studierendengruppen oder über die Geschäftsstelle. Berlin: Lioba Unkel unkel.lioba@yahoo.de Bochum: Anna Lenka anna_lenka@web.de Dresden: Franziska Pilz pilzfranzi@googlemail.com Düsseldorf: Max Arslan arslan@ippnw.de, duesseldorf@ippnw.de Erlangen: Anna Maria Lehner Anna-Maria.Lehner@gmx.de Frankfurt/Main: Mediziner_innen für Menschenrechte/ IPPNW-Frankfurt Marie-Sophie Keßner sophiekessner@hotmail.com www.mfm-frankfurt.de Gießen: Rebecca Maitra rebecca.maitra@posteo.de Göttingen: Carla Maria Dohrendorf carladohrendorf@web.de Hannover: Jeremia Weber jeremia.weber@stud.mh-hannover.de ippnw@mhh-asta.de

Mainz: Karla Kerber karla@kerber-hd.de

Rostock: Johanna Matthews johanna.matthews@uni-rostock.de ippnw-HRO@web.de Tübingen: Lilian Tashiro tashiro@ippnw.de studigruppe-tuebingen@ippnw.de Witten-Herdecke: Lisa Lombardo lombardo.lisa@web.de Würzburg: Simon Lopez simonlopez@gmx.de

Arbeitskreise AK Atomenergie: Henrik Paulitz, paulitz@ippnw.de AK Flüchtlinge & Asyl: Carlotta Conrad, conrad@ippnw.de AK ICAN: Dr. Inga Blum, ingablum@gmx.de AK Medical Peace Work: Dr. Eva-Maria Schwienhorst eva.schwienhorst@googlemail.com AK Süd-Nord: Dr. Helmut Fischer Dr.Helmut.Fischer@gmx.de

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IPPNW: Frieden durch Gesundheit

Medizinstudierende für Gerechtigkeit und Frieden in einer Welt ohne atomare Bedrohung Was ist die IPPNW? IPPNW steht für Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges. In Deutschland heißt die IPPNW zudem „Ärzte in Sozialer Verantwortung“. Die IPPNW wurde 1980 zur Zeit des Kalten Krieges gegründet. Heute arbeitet sie in 80 Ländern für eine menschliche Medizin und eine friedliche Welt ohne atomare Bedrohung.

Was macht die IPPNW?

Die IPPNW • forscht: z. B. in Studien über die Gesundheitsfolgen von Uranmunition und ionisierender Strahlung • setzt sich für Benachteiligte ein: z. B. bei direkten Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgern für eine gute Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen in Deutschland • klärt auf: zum Beispiel mit Info-Ständen und Publikationen über die Risiken von Atomwaffen und der Nuklearen Kette.

Nur Atomkrieg und sonst nichts?

Ist die IPPNW eine Hilfsorganisation?

Nein, längst arbeitet die IPPNW zu vielen Themen wie Ethik in der Medizin, Global Health, Flüchtlingsfragen, medizinische Friedensarbeit oder Atomenergie. Die IPPNW hat mehrere bundesweite Arbeitskreise und veranstaltet Kongresse.

Nein, aber … die IPPNW arbeitet vor allem präventiv. So sollen Konflikte gar nicht erst entstehen. Durch die internationalen Kontakte der IPPNW entstehen aber oft konkrete Hilfsaktionen, wie die Kinderhilfe Irak.

Nur was für Ärzt*innen?

Alle Aktivitäten sind offen für Interessierte. Das Besondere: Die IPPNW gibt lokalen Gruppen sehr viele Freiheiten und volle Unterstützung bei den Aktivitäten.

Im Gegenteil! In Deutschland allein gibt es 1.000 studentische Vollmitglieder. Studierende arbeiten oft lokal in Studierendengruppen. Jedes Jahr finden ein bundesweites und ein europäisches Studierendentreffen statt. Mit dem IPPNW-Programm famulieren & engagieren können Studierende weltweit in Partnerprojekten Erfahrungen sammeln und sich einbringen.

Anmeldung

Was kann ich machen?

Mehr Informationen? www.ippnw.de

bitte ausschneiden und einsenden oder faxen an die IPPNW 030–6938166 Für Studierende kostet das im Jahr 32 Euro | Für Ärztinnen und Ärzte 120 Euro

Ja, ich werde Mitglied und unterstütze die Ziele der IPPNW.

Studierende Mitglieder erhalten das Magazin „IPPNW forum“ und den „amatom“ kostenlos. SEPA-Lastschriftmandat: Ich ermächtige / wir ermächtigen IPPNW e.V., Zahlungen von meinem (unserem) Konto mittels Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich mein (weisen wir) unser Kreditinstitut an, die vom IPPNW e.V. auf mein (unser) Konto gezogenen Lastschriften einzulösen. Hinweis: Ich kann (wir können) innerhalb von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrages verlangen. Es gelten dabei die mit meinem (unserem) Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen.

Vorname und Name des/der Kontoinhaber*in

E-Mail

Straße und Hausnummer

Postleitzahl und Ort

bei Kreditinstitut

BIC

IBAN Unterschrift

Gläubiger-Identifikationsnummer: DE16IPP00000010836 Mandatsreferenz: wird im Zuge der Bestätigung mitgeteilt

Vor dem ersten Einzug einer SEPA-Lastschrift wird mich (uns) der Verein IPPNW e.V. über den Einzug in dieser Verfahrensart unterrichten.

Profile for IPPNW

amatom31 – Zeitschrift von und für kritische Medizinstudierende  

Themen: Resilienz – Gütesiegel „militärisch“? – Transgender in der Medizin – Atomwaffen – Klimawandel – famulieren & engagieren – u. v. m.

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Themen: Resilienz – Gütesiegel „militärisch“? – Transgender in der Medizin – Atomwaffen – Klimawandel – famulieren & engagieren – u. v. m.

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