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amatom28 Herausgegeben von der IPPNW Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung | Ausgabe 2016 | Spende 1 Euro

ein Magazin von kritischen, jungen Mediziner*innen

IPPNW

Grenzerfahrungen

No borders, no cry?!

Themen: Ukraine-Krise – Solidarische Gesundheitsarbeit in Thessaloniki – Versorgung von Flüchtlingen – Global Health Summer School – Transkulturelle Psychiatrie – und vieles mehr


Inhalt 1 Editorial 2 Zeitmaschine in die Vergangenheit

Das Ost-West-Verhältnis vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise

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„Es ist grad alles ein bisschen turbulent”

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Transitional Justice

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Global Health Summer School in Berlin

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Psychologische Versorgung von Geflüchteten

Von einem Lebensentwurf abseits ausgetretener Pfade

Nach der Revolution: Wie ist ein dauerhafter gesellschaftlicher und politischer Wandel möglich? Lasst uns nicht von der „refugee crisis“, sondern „opportunity“ sprechen! Ein Eindruck aus Tel Aviv

11 Organhandel in China Noch immer werden Gefangenenorgane für Transplantationen verwendet 12 Die ungesunde Gesellschaft

Vorurteile und Diskriminierungen als Symptome eines ungesunden Zusammenlebens

14 Sprache – Grenze der Medizin?

Von Wortbrücken und Kommunikationsmauern

17 Solidarische Gesundheitsarbeit in Thessaloniki

Medizinische Versorgung durch ehrenamtliche Kollektive: Grundlage für eine neue Gesellschaft

19 Transkulturelle Psychiatrie Einblicke in die Arbeit mit traumarisierten Patient*innen am LVR-Klinikum Düsseldorf 21 Neue sichere Herkunftsstaaten Lebenswirklichkeit trifft deutsche Bürokratie 23 Psychotherapeut*innen: Mischt Euch ein! Die Bereitschaft, sich gesellschaftlich zu engagieren, nimmt zu.

24 Was machen die IPPNW-Studierendengruppen und Medinetze in Deutschland? 26 „Ich will hier nicht sein“ 24 MediBüros treffen sich zum achten MediBüro-Bundeskongress in Jena 27 Famulieren und engagieren 2015 29 Eindrücke von der Europäischen Studierendenkonferenz „No weapons, no cry?! – Impact of arms on health, politics and society“

31 14th World Summit of Nobel Peace Laureates

Erklärung der IPPNW-Studierenden für eine Neuausrichtung des Nobelpreisträgertreffens

32 Vertreibung aus dem keimfreien Paradies

Juli Zehs Roman „Corpus Delicti. Ein Prozess“ – Eine Rezension von Kara Wullenkord

33 Ansprechpartner*innen und Kontaktadressen IPPNW-Lokalgruppen an fast allen Unis

Impressum Redaktion: Ewald Feige (Berlin), Frauke Gundlach (Berlin), Svenja Langenberg (Bremen), Antonia Neuberger (Mainz), Julia Weber (Mainz), Beatrice Wichert (Hamburg). Anschrift: der amatom, c/o IPPNW, Körtestraße 10, 10967 Berlin, Tel. 030/698 074-0, Fax 030/6938166. Verleger: Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs/ Ärzte in sozialer Verantwortung e. V., Körtestraße 10, 10967 Berlin. Bankverbindung: Bank für Sozialwirtschaft, IBAN DE39 1002 0500 0002 2222 10, BIC BFSWDE33BER Gestaltung und Satz: Regine Ratke. Bilder: Titelfoto: Mauer in Bethlehem / IPPNW; S. 25 Berlin: Bjoern Schwarz / CC BY 2.0; Düsseldorf: HerrVorragend / Dude / CC BY-ND 2.0; Lübeck: Tim Bartel / CC BY-SA 2.0; Leipzig: jaime.silva / CC BY-NC-ND 2.0; S. 23 oben: I.R. Annie IP / CC BY-SA 3.0 (verändert); S. 26 Göttingen: Daniel Schwen / CC BY-SA 2.5; S. 27 Tauben: -__-; / CC BY-NC-ND 2.0; nicht gekennzeichnete: privat oder IPPNW-Archiv. Druck: Oktoberdruck, Berlin, Papier: Circle matt, Recycling & FSC. Auflage: 6.000, erscheint jährlich, für studentische Mitglieder der IPPNW kostenlos. Nachdrucke bedürfen der schriftlichen Genehmigung. V.i.S.d.P.: Ewald Feige


Editorial

BORDERS FRONTIÈRES GRENZEN FRONTERAS FRONTIERE ‫ دودحلا‬FRONTEIRAS GRANIC GRÆNSER GRÄNSER GRANICA ΣΥΝΟΡΑ GRENSER ‫ زرم‬FRONTERES HRANIC ROBEŽĀM

Editorial Als wir am Anfang des Jahres über ein Thema für die diesjährige Ausgabe des amatom nachdachten und auf „Grenzen“ stießen, hatten wir noch keine Ahnung davon, welche Bedeutung dieses Thema am Ende des Jahres haben würde. Wir wussten nicht, dass Ungarn einen Zaun an der Grenze zu Serbien bauen würde. Und auch nicht, dass es wieder Grenzkontrollen zwischen Österreich und Deutschland geben sollte. Aber Ausgrenzung geschieht nicht nur durch die sogenannte „Festung Europa“. Auch Fachsprache kann diejenigen ausgrenzen, die sie nicht verstehen und zu weitreichenden Missverständnissen führen, wie Antonia Neuberger in ihrem Artikel „Sprache – Grenze der Medizin?“ schildert. Eine weitere Form von Ausgrenzung beschreibt Michael Müller in seinem Artikel „Die ungesunde Gesellschaft – Vorurteile und Diskriminierungen als Symptome eines ungesunden Zusammenlebens“. Auch im Ukraine-Konflikt sind Grenzen und deren Verläufe das zentrale Thema. Einen persönlichen Blick auf die Entstehung und Dynamik dieses Konflikts eröffnet Dr. Lars Pohlmeier in „Zeitmaschine in die Vergangenheit: Das Ost-West-Verhältnis vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise“. Was „Transitional Justice“ ist und wie sie einer Gesellschaft helfen kann, sich von der dunklen Vergangenheit eines autoritären Regimes abzugrenzen, um den Übergang in eine friedliche Gesellschaftsform zu schaffen, erfahrt ihr im Artikel von Svenja Langenberg. Doch auch am Ende dieses Jahres, trotz und vielleicht gerade wegen des uns störenden Grenzenwachstums, waren wir getrieben von der Suche nach ermutigenden Ausblicken. Der diesjährige Bundeskongress der Medinetze und Medibüros in Jena überzeugte uns mit einer überdurchschnittlich hohen Zahl an teilnehmenden, engagierten Menschen (Artikel von Kara Wullenkord). Auch die solidarische Klinik in Thessaloniki, von deren Arbeit Felix Ahls berichtet, zeigt, wie sich kleine Inseln des Widerstands gegen bestehende systemische Ungerechtigkeiten bilden. Und Julia Webers Interview zum Thema transkulturelle Psychiatrie macht Hoffnung, dass die Idee einer gegenseitigen kulturellen Annäherung und Verständigung zunehmend in medizinische Bereiche vordringt. In diesem Sinne hoffen wir, euch mit dem diesjährigen amatom nicht nur grenzwertig zu überzeugen: Natürlich waren wir grenzenlos fleißig und konnten dadurch – trotz zwischenzeitlichem Mitarbeiter*innenschwund, dank so mancher Spätschicht und eng getakteten Telefonkonferenzen – doch noch rechtzeitig das Grenz-Datum für Layout und Druck einhalten. Grenzen sind eben einfach anstrengend... Viel Spaß beim Lesen wünscht Euer Dr. Amatom

Der Amatom braucht Hilfe! Dir gefällt der Amatom? Du hast vielleicht eine Idee für einen spannenden Artikel, Spaß am Layouten, Editieren oder einfach Lust mitzuhelfen? Dann schreib eine E-Mail an feige@ippnw.de und sei beim nächsten Treffen mit dabei! Das AmatomTeam sucht immer Nachwuchs und freut sich über motivierte Neuzugänge – und keine Angst, falls du noch keine Erfahrung hast: dafür sind wir ein Team!

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Frieden

Zeitmaschine in die Vergangenheit

Das Ost-West-Verhältnis vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise

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t. Petersburg, Spätsommer 2015: Wir reden nicht mehr darüber, über die Ukraine. Nicht mit Julia, die in Kiew geboren wurde und Ehefrau meines Neffen ist, nicht mit Jura, meinem Schwiegervater, der begeisterter Putin-Anhänger ist, nicht mit meinem Arzt-Kollegen und Freund Igor, der schon lange keine Fernsehnachrichten mehr sieht. Ritualisiert laufen Bilder aus Donezk täglich über die russischen Fernsehbildschirme. Seit 30 Jahren bereise ich die Region bereits. Doch bürgerkriegsähnliche Zustände wie den in der Ukraine hätte ich mir nicht vorstellen können. Von Dr. Lars Pohlmeier

allem deren Interessen dient. Die Vereinbarungen zwischen der NATO und der UNO aus dem Jahr 2008 zur engeren Kooperation erweckt den Eindruck, die NATO würde den hehren Zielen der UN dienen. Hier wird aber verwischt, was ohnehin nicht zusammengehört. Und Russland hat diese Vereinbarung, die aus russischer Sicht Kompetenz und Einfluss des UN-Sicherheitsrates unterläuft, durch den damaligen ständigen Vertreter Russlands bei der NATO, Dmitri Rogosin, als „illegale Vereinbarung“ kritisiert.

Wie konnte es passieren, dass ein Vielvölkerstaat wie die UdSSR, die doch im Inneren in gewissem Rahmen friedlich gelebt hat, so auseinander driftet und jetzt mit so einer Latenzzeit mit diesen Konflikten konfrontiert ist? Es gibt nur Fragmente einer Antwort. Die große Tragik Russlands sind die fehlenden demokratischen Traditionen. Nach einer kurzen Aufbruchstimmung in den 90er Jahren, in denen man sich anschickte, die Skandale der kommunistischen Partei und den allgemeinen Korruptionsdschungel öffentlich zu machen, kehrte seit Mitte der 90er Jahre allmählich die (mediale) Repression zurück. Die tapfere Berichterstattung des damals noch privaten TV-Senders NTW wurde gleichgeschaltet. Heute wird Kritik an der Regierung als Nestbeschmutzung gebrandmarkt und im Zweifel verfolgt. Kritische Journalisten sind oftmals vogelfrei, Ermordungen inbegriffen.

Dr. Lars Pohlmeier Bremen, Mitbegründer des Amatom, ehem. Vorstandsmitglied der deutschen und internationalen IPPNW, zuletzt europäischer IPPNW-Präsident l.pohlmeier@gmx.de

Eine kritische Debatte im öffentlichen Raum findet allenfalls in Internet-Nischen statt. Das gilt auch für die Schule, über die mir eingeschüchterte Lehrer berichten: Eine offene Diskussion sei kaum noch möglich. Eine kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte des letzten Jahrhunderts ist nicht möglich. Viel wird nun überdeckt von einem neuen russischen Nationalismus.

Friedensdemo in Moskau, Foto: Vladimir Varfolomeev / CC-BY-S.A 2.0 Zivilgesellschaftliches Engagement, wie man es bei uns kennt, das „Ehrenamt“, hat keine wirkliche Tradition. Viele der Jüngeren verfolgen das gesellschaftliche Geschehen wie einen Kinofilm, eben nur als Betrachter aber nicht als handelndes Subjekt. All dies bietet eine Steilvorlage für die westlichen Russland-Kritiker. Ja, Präsident Putin hat einen autoritären Staat erschaffen. Aber ist Russland deshalb verantwortlich für die Eskalation des Konfliktes in der Ukraine? Die Wurzeln liegen hier tiefer und sie haben etwas damit zu tun, wie wir selbst manipuliert werden. Wir sollen glauben, dass die NATO ein friedenssicherndes Instrument der demokratischen Welt ist. Dabei unterschlagen wir gern, dass die NATO ein militärisches und ökonomisches Machtinstrument ihrer Mitgliedsstaaten ist und vor

Die NATO wird von Russland als das erlebt, was sie ist: Ein Militär- und Interessensbündnis, das sich internationaler Kontrolle letztlich entzieht. Russlands Selbstbild hingegen ist zugleich das eines Landes, das immer wieder überfallen und bedroht wurde. Ob das historisch immer korrekt ist, müssen Historiker entscheiden. Zu den beeindruckendsten persönlichen Erfahrungen meiner zahllosen Russlandreisen gehört jedoch zweifellos: Hier herrscht keine Kriegsbegeisterung. Die Menschen haben hier aus leidvoller Erfahrung ein gutes Gespür dafür, dass Krieg Leiden und Opfer bedeutet und wenig Heroisches hervorbringt. Die Ausweitung der NATO gen Osten wird von Russland nachvollziehbar als latente Bedrohung wahrgenommen. Während bei uns über die mögliche Besetzung der


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Baltenstaaten durch Russland geschwafelt wird, sind über die vergangenen Jahre die NATO-Grenzen zunächst politisch mit der formalen Mitgiedschaft und nun auch konkret militärisch mit vermehrten Stationierungen ausländischer Truppen gen Osten an die russischen Grenze verschoben worden.

Amerikaner, die ihre neuen Atomwaffensysteme z.T. unter den alten Namen erneuern, um so ihre atomaren Aufrüstungsprogramme, die sich im dreistelligen Milliardenbereich befinden, zu kaschieren, ist letztlich egal. Es sind die Hardliner auf beiden Seiten, die derzeit die Debatte prägen.

Der von den USA entwickelte Raketenabwehrschirm, der sich angeblich nur gegen den Iran richten soll, ist aus russischer Sicht eine Bedrohung. Das entschuldigt allerdings nicht die massiven atomaren Aufrüstungspläne von Präsident Putin, der in den kommenden Jahren praktisch alle atomaren Waffensysteme, sei es Interkontinentalrakten, U-Boote oder Flugzeuge grundsätzlich erneuern will. Ob die russische Regierung hier das Wettrüsten anfängt oder die US-

Man kann kein Freund von Vladimir Putin sein, so wie er „Mütterchen Russland“ entwickelt. Aber es braucht nicht viel kulturelle Kenntnis, um zu begreifen: Wie der Westen den zweifellos unbequemen russischen Präsidenten Vladimir Putin behandelt, das kann nicht funktionieren. Dafür ist Russland zu wichtig und der Rückhalt für den eigentlich in Russland oft auch ungeliebten Präsidenten mittlerweile zu hoch. Die Ukraine-Krise ist nur politisch lösbar. Im Minsker

Abkommen legt sich auch Russland auf die territoriale Integrität der aktuellen Ukraine fest. Dort sind die Rahmenbedingungen für einen – wenn auch steinigen – politischen Prozess festgelegt worden. „Russland muss man mit „Sie“ anreden“, so hat es die russlanderfahrene ARD-Korrespondentin Sonja Mikisch formuliert. Das war ein guter Satz. Und für uns gilt: Es gibt sehr viel vor der eigenen Tür zu kehren. Für uns als Nichtregierungsorganisation IPPNW ist das ein Auftrag, auf zivilgesellschaftlicher Ebene den Kontakt zu suchen und Brücken zu bauen. Manchmal glaube ich, auch wir in der IPPNW sind wieder da angelangt, wo wir mal angefangen haben, damals vor mehr als 30 Jahren.

„Es ist grad alles ein bisschen turbulent”

Von einem Lebensentwurf abseits ausgetretener Pfade

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lmaty, Kasachstan. Neben einem hochstöckigen Überbleibsel sowjetischer Baukunst gehe ich über eine ebenso trostlose Auffahrt und eine verdunkelte Treppe hinab zu meinem Guest House. Trotz sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten werde ich in einem Zimmer einquartiert, dessen vergangenes Leben als Wohnraum der Familie noch nicht lange zurückliegen kann, und werde meiner Zimmernachbarin Olga vorgestellt. Wir reden ein bisschen, die deutsche Sprache bildet ein Band der Vertrautheit zwischen uns und dann reden wir noch ein bisschen mehr. Manchmal sind es die Geschichten anderer Menschen, die lange nachwirken und zum Teil der eigenen Reisegeschichte werden. Von Antonia Neuberger

„Mein Plan B war Medizin” Nach der Entdeckung der ersten überraschenden Gemeinsamkeiten (deutsch, und dann noch beide Medizinerinnen), kamen Olga und ich recht schnell ins Gespräch. Mich interessierte natürlich brennend, was sie in Almaty macht und warum das so wenig mit Medizin und so viel mit Journalismus zu tun hat. Olga hatte Journalismus schon nach dem Abitur in Erwägung gezogen, aber dann doch verworfen, da ihr die Jobaussichten zu unsicher erschienen. Sie fing an in Hamburg Medizin zu studieren, weil ihr die Naturwissenschaften in der Schule schon immer Spaß gemacht hatten, es ein sinnvoller Beruf ist und man mit Menschen arbeiten kann. Nach zwei Wochen war ihr dann auch schon klar, dass es auf jeden Fall das Richtige für sie ist und sie hatte unheimlichen Spaß zu lernen und kopfüber in die

Welt der Medizin einzutauchen. Das einverleibende Medizinstudium hatte für sie aber auch den Nachteil, dass der Austausch mit anderen Menschen über Themen wie Politik oder Literatur zu kurz kam. Es ist auch nicht unbedingt leicht, mit Mediziner*innen über Dinge zu reden, die nichts mit Medizin zu tun haben, darauf konnten wir uns beide recht schnell einigen. Den Blick über den Tellerrand muss man sehr aktiv suchen, wenn man nicht in der Einheitssuppe des Alltags versinken will. Auch wenn diese Übersättigung den Prozess der gesuchten Abnabelung für Olga vielleicht anstieß, waren es doch die Arbeitsbedingungen in einer großen Notaufnahme im Norden, die es ihr schwer machten, sich eine Zukunft in der Medizin vorzustellen: „Diesen unglaublichen mechanischen, ökonomischen Druck, der auf einem lastet als Arzt, dass man so ein bisschen akademi-

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Kasachstan ist das neuntgrößte Land der Erde mit einer Fläche größer als Westeuropa und das größte ohne Zugang zum Meer. Es leben ungefähr 17 Millionen Menschen in Kasachstan, zusammengesetzt aus über 120 Ethnien und mit einer Verteilung von sechs Menschen pro Quadratkilometer. – Äpfel haben ihren Ursprung in Kasachstan. Die dort beheimatete Wildform Malus sieversii ist mit der Kulturform genetisch nahezu identisch, obwohl sich beide Linien schon vor Millionen von Jahren getrennt haben. – Ein Ausflug in die unteren Gefilde von Almaty lohnt sich, wenn einen die Hitze und das Chaos der Oberwelt überwältigt: Seit 2011 gibt es ein Metro-System, mit sieben individuell dekorierten Stationen, deren klerikale Stille nur selten durch Besucher unterbrochen wird. sche Fließbandarbeit leistet, den spürt man ab Tag eins und das lässt einen nicht los. Das hat mir wirklich die Freude genommen am Beruf, du hast einfach keine Zeit für deine Patienten da zu sein, und wenn du das tust, dann geht es immer auf Lasten deiner eigenen Arbeitszeit. Ich hab mich recht schnell in dieser oft bemühten Metapher des Hamsterrads gefühlt.” Die Vorstellung, 40 Jahre lang auf diese Art und Weise zu arbeiten und das Gefühl, dass es vielleicht noch etwas anders gibt auf der Welt, bewogen Olga schließlich dazu auszubrechen oder zumindest den ersten Schritt zu wagen. Schlussendlich arbeitete sie nur ein Jahr in der besagten Notaufnahme und überlegte zu dieser Zeit schon als Honorarärztin weiterzuarbeiten. Interessant war diese Möglichkeit für Olga vor allem deswegen, da sie journalistisch arbeiten und gleichzeitig auf eine gesicherte finanzielle Versorgung zurückgreifen konnte. Dennoch fiel es Olga nicht leicht, im Journalismus Fuß zu fassen: Von den vielen Praktika, auf die sie sich bewarb, bekam sie kein einziges. Nach langer, erfolgloser Suche tauchte dann über die Medienhilfe (medienhilfe.org), die Praktika bei deutschsprachigen Zeitungen im Ausland vermittelt, das Praktikum bei der Deutschen Allgemeinen Zeitung in Almaty, Kasachstan auf, nicht zuletzt wegen Olgas russischer SprachkenntAntonia Neuberger nisse. Und Olga griff, mit 10. Semester, Mainz ihrer eigenen Familiengeantonia.neuberger@ schichte im Hinterkopf, zu. web.de

„Es waren ganz viele kleine Details, die mich an meine Kindheit erinnert haben.“ Olga wurde in Kasachstan geboren, in einem Ort namens Schemonaicha. Ihre Eltern sind Russlanddeutsche und deren Eltern wiederum kamen aus der ganzen Sowjetunion und wurden von Stalin oder dem Regime nach Kasachstan verbannt, ein Teil war im Gulag, im Arbeitslager, der andere nicht, das ist ungefähr die Geschichte. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat Deutschland viele von diesen Spätaussiedlern aufgenommen. Olgas Eltern kamen 1994 nach Deutschland. Was war für deine Eltern der Grund für diesen Schritt? „Das ist eine witzige Frage, die ich von vielen Leuten gestellt bekomme. Das ist ungefähr so, als ob man fragt: „Was glaubst du, warum die Flüchtlinge diese Bootsfahrt auf dem Mittelmeer auf sich nehmen um nach Europa zu kommen?”. Weil es einfach total desillusionierend ist in einem Land zu leben, das komplett auseinanderfällt, in dem es keine Demokratie oder Stabilität gibt. In dem große Armut herrscht und keiner für sich selbst irgendeine Perspektive sieht, und wenn man dann die Möglichkeit hat, dieses Land zu verlassen, macht man das natürlich. Und diese Möglichkeit war dann einfach zufällig gegeben, weil meine Eltern beide Russlanddeutsche waren und weil Deutschland für ein paar Jahre seine Grenzen zumindest für diese Einwanderer geöffnet hat. Und deswegen sind sie gekommen, weil sie sich eine bessere Zukunft erhofft haben, das ist tatsächlich so banal wie es klingt.” Angekommen ist die Familie nach vielen Zwischenstationen in einem Aussiedlerheim in Nürnberg. Die Familie lebte anfangs zu

viert in einem Zimmer, das war eben so und viele blieben auch über Jahre dort. Olgas Eltern hatten Glück und gelangten über deutsche Bekannte, für die Olgas Mutter putzte, zu einer eigenen Wohnung. Für sie war es der erste Schritt hinaus aus dem Ghettoprozess, in den die meisten Migrant*innen hineinfallen. Danach lernten sie Deutsch und Olgas Mutter konnte ihre Arztzulassung machen und anfangen, als Allgemeinärztin zu arbeiten. Trotzdem war die Umstellung schwierig, und sie wurden noch oft aufgrund ihres Sprachdefizits mit Ressentiments und Diskriminierung konfrontiert.

„Ich glaube, worauf meine Eltern nicht vorbereitet waren, war der Kulturschock, sie haben sich ihr Leben nur einfacher vorgestellt, aber nicht, dass es so extrem anders ist und dass auch die Gesellschaft eine so extrem andere ist als die, die sie kennen. Ich glaube, sie haben einfach sehr viele Jahre gebraucht, um sich an die Deutschen „an sich“ zu gewöhnen und das war echt hammerhart. Jetzt fühlen sie sich pudelwohl in Deutschland und würden niemals daran denken nach Kasachstan zurückzugehen und sie haben es, seit sie da weg sind, auch noch nie nach Kasachstan geschafft. Ich glaube sie haben es auch nicht probiert, sie wollen einfach nicht. Sie haben sehr viele, sehr schöne und gute Erinnerungen, und ich glaube es ist zu schmerzhaft, dieses Land komplett entvölkert und leer und leblos zu sehen. Jeder, der noch einigermaßen Kraft und Energie hatte, ist gegangen.” Obwohl Olga das Gefühl der Leere, das einem in Kasachstan oft begegnen kann, nachvollziehen kann, war es für sie auch schön zu sehen, wie der russische Einfluss geschwunden ist und nun die Kasachen und ihre Traditionen viel präsenter sind. Und auch wenn sie das Praktikum in professioneller Hinsicht nicht in dem Maße weitergebracht hat, wie sie es sich gewünscht hätte, war ihre Reise nach Kasachstan in vielerlei Hinsicht ein Gewinn: „Deshalb war es so gut, nochmal dahin zu reisen, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Vorher war das so eine komische offene Wunde, so ein Gefühl des Nicht-Vollkommenseins, nicht Vollendetseins, weil ich nur subtile Erinnerungen an Kasachstan hatte und nie für mich klären konnte: Ist das noch meine Heimat oder ist Deutschland meine absolute Heimat? Bin ich wirklich angekommen? Gibt es noch etwas in mir, was gar nichts mit Deutschland zu tun hat? Und das konnte ich durch diese Reise verarbeiten.“


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Transitional Justice Nach der Revolution: Wie ist ein dauerhafter gesellschaftlicher und politischer Wandel möglich?

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his is a message that the era of Arab dictator ship is over. This is a message to this regime and all the despotic regimes that no voice can drown out the voice of freedom and dignity. Tawakkol Karman, Nobel Peace Price laureate, Jemen

Wie muss ein gesellschaftlicher und politischer Wandel gestaltet sein, um nach einer erfolgreichen Revolution dauerhaft eine friedliche Gesellschaftsform unter Wahrung der Menschenrechte zu erreichen? Transitional Justice oder „Übergangsjustiz“ hat zum Ziel, die Vergangenheit eines gewaltsamen Konflikts oder Regimes mit juristischen, aber auch zivilgesellschaftlichen Mitteln aufzuarbeiten und damit einen Übergang zu einer langfristig friedlichen, meist demokratischen Gesellschaftsordnung zu ermöglichen. Das Konzept beruht auf der Annahme, dass die Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen Voraussetzung ist für einen nachhaltigen Übergang zu Frieden und Sicherheit. Nur durch einen klaren Bruch mit vergangenem Unrecht ist es möglich neues Vertrauen in Regierungs- und Staatsform zu schaffen. Ziele aller Mechanismen von Transitional Justice sind daher: Aufdecken der Wahrheit über Verbrechen, Identifizieren und ZurRechenschaft-Ziehen der Verantwortlichen, Prävention zukünftiger Straftaten, Wiederherstellung der Würde der Opfer und Ermutigung zur Aussöhnung und ggf. friedlicher Koexistenz.

Instrumente von Transitional Justice Gemäß den Anforderungen einer Nachkriegsgesellschaft wird die Kombination der Instrumente je nach Art der Kriegsbeendigung, dem Ausmaß an Straftaten, der Dynamik der Gewalt, der Stabilität des Landes, den Ressourcen von Gesellschaft und der Politik der neuen Regierung ausgewählt.

Internationale, nationale und hybride Kriegstribunale Hierbei handelt es sich um Gerichtshöfe, in denen Einzelpersonen wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Kriegsverbrechen angeklagt werden. Diese Gerichte urteilen auf Grundlage einer individualisierten Vorstellung von Schuld, bei der formal klar zwischen Täter und Opfer unterschieden wird, selbst wenn dies häufig nicht möglich ist. Dennoch kann sich eine Schuldsprechung einzelner Personen und damit eine implizite Freisprechung der dazugehörigen restlichen Gruppe positiv auf den Aussöhnungsprozess auswirken. Allerdings sollten bei diesem Prinzip alle Täter vor Gericht gestellt werden, was aus politischen und finanziellen Gründen häufig

nicht erfolgt. Grundsätzliches Ziel ist, vergangenes Unrecht richtigzustellen, einen fairen Ausgleich zwischen Vergehen und Strafe herzustellen und vor zukünftigen Gewalttaten abzuschrecken. Beispiele für Tribunale der Vereinten Nationen sind die internationalen Strafgerichtshöfe für das ehemalige Jugoslawien und für Ruanda, das Sondergericht für Sierra Leone, das Sondertribunal für Kambodscha und das Sondergericht für ernsthafte Verbrechen in Timor-Leste (Osttimor). Jedoch ist eine objektiv gerechte Rechtsprechung kaum möglich und der friedenspolitische Effekt solcher Tribunale ist fraglich. Beispielsweise entstand nach der Rechtsprechung durch den Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien starkes Unrechtsempfinden und Verbitterung bei Kroaten und Serben bzw. auch bei Bosniern, wodurch sich die Nachkriegssituation eher verschlechterte. Zudem sind durch den Internationalen Strafgerichtshof von Den Haag verurteilte Kriegsverbrecher in ihren Heimatländern gelegentlich als Helden gesehen worden und nahmen nach der Rechtsprechung eine triumphierende Haltung ein. In diesem Sinne führte strafrechtliche Gerechtigkeit eher zu einer Intensivierung des Konflikts.

Wahrheitskommissionen Wahrheitskommissionen sind für einen bestimmten Zeitraum angelegte Einrichtungen, die durch individuelle Zeugenaussagen Verbrechen eines gewaltsamen Regimes aufdecken und dokumentieren. Idealerweise ist dadurch die Enthüllung von Repressionsmustern und das Erkennen spezifischer (politischer, ethnischer, rassischer) Diskriminierung möglich. So entsteht außerdem eine Einsicht in stattgefundenes Unrecht, unabhängig davon, ob Ursachen und Gründe umstritten sind. Viele Wahrheitskommissionen konnten somit verhindern, dass begangene Rechtsbrüche durch Revisionismus verleugnet wurden. Wahrheitskommissionen können außerdem rechtliche Maßnahmen in ihren Abschlussberichten empfehlen, auch wenn dies nicht ihr primäres Ziel ist. Beispiele für Wahrheitskommissionen sind· Argentinien (1983-1984), Uganda (1984-

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1986), Chile (1990-1991), Haiti (1995-1996), Südafrika (1995-1998), Guatemala (19971999), Nigeria (1999-2002), Peru (20012003), Sierra Leone (2002-2004), Ghana (2002-2004) und Marokko (2004-2005). Wahrheitskommissionen agieren auf nationaler Ebene, weshalb häufig kritisiert wird, dass sie ein zu uniformes Gedächtnis konstruieren. Nur die prominentesten Konflikttendenzen werden dadurch aufgegriffen, während komplexere oder lokale Erlebnisse unberührt bleiben. Beispielsweise thematisierte die Wahrheitskommission in Südafrika (19951998) das zentrale Dogma der Apartheid, während weitere Konflikte innerhalb der betroffenen Gruppen keine Beachtung fanden. Prinzipiell geht mit dem Ergebnisbericht ein Aussprechen von konkreten Empfehlungen einher, die negative Konsequenzen der aufgedeckten Wahrheit und eine Wiederholung der Verbrechen verhindern sollen. Die Umsetzung dieser Empfehlungen hängt allerdings wesentlich von dem politischen Willen und Einfluss der Folge-Regierung ab. In Guatemala wurde kaum eine Empfehlung der Wahrheitskommission, z.B. zur Unterstützung der indigenen Bevölkerung befolgt.

Reparationen Reparationszahlungen in Form von Sach-, Geld- und Dienstleistungen werden von Straftätern an die Opfer geleistet. Einher geht damit die Anerkennung des Verlusts der Opfer und das damit einhergehende Eingeständnis der eigenen Schuld. Im Falle von Staatsverbrechen ist die Folgeregierung für die Taten der Vorgänger verantwortlich und leistet die Reparationen, was das Vertrauen in die neue Regierung steigern soll. Auch immaterielle Verluste von Freiheit, Staatsbürgerschaft, Beschäftigung und Rechten können entschädigt werden. Durch eine aktive Verhandlung um die Reparationsausmaße werden Opfer zudem aus ihrer passiven, hilflosen Situation heraus in eine gesellschaftlich gleichgestellte Position gebracht. Vor allem Frauen, die oftmals als Opfer Svenja Langenberg sexueller Übergriffe oder Praktisches Jahr als verarmte Witwen zuin Bremen, Studium rückbleiben, verhilft dies MH Hannover zur Wiedererlangung der svenja.langenberg@ zuvor verlorenen Würde. In posteo.de ärmeren Ländern sind ma-

terielle Entschädigungen zudem oft lebensnotwendig. Allerdings ergeben sich aus dem Konzept monetärer Wiedergutmachung Probleme bei der Festlegung der Höhe der Zahlungen. Bei dem Verlust eines Familienmitglieds stellt sich beispielsweise die Frage, was ein Menschenleben wert ist. Wird lediglich die Arbeitskraft der fehlenden Person ausgeglichen, schützt dies die Familie vor Verarmung, gleicht jedoch den persönlichen Verlust nicht annähernd aus. Häufig wird der Zahlungsbetrag auch entsprechend des materiellen Verlusts festgelegt, sodass wohlhabende Opfer großzügiger entschädigt werden als ärmere. So entstehen schichtbezogene Hierarchien von Leid und Schädigung, die wiederum Potenzial für Konflikte in sich tragen. Nicht jeder Staat ist in der Lage, Reparationen angemessen zu leisten. In Ruanda beispielsweise sterben heute noch Menschen an den Folgen des Völkermords und den Auswirkungen der Massaker, wie Armut und Krankheit.

Institutionelle Reformen Um eine friedvolle, demokratische Gesellschaftsordnung zu etablieren bedarf es der Entlassung von politisch belasteten, zum Teil korrupten Mitarbeitern, aus dem öffentlichen Dienst. Die Judikative sollte dabei an erster Stelle stehen, da sie für die Ahndung der Verbrechen zuständig ist. Eine Diskreditierung der alten Ordnung zugunsten der Legitimierung einer neuen Ordnung ist also hierüber möglich. Für diesen Prozess ist jedoch eine gewisse Stabilität und Durchsetzungsfähigkeit der neuen Regierung sowie politischer Wille nötig, was nicht in jedem TransitionalJustice-Prozess gewährleistet ist. Auch die gesetzliche Grundlage der Verurteilung ist zum Teil problematisch, wenn die begangenen Taten unter der zuvor gültigen Rechtsordnung legal waren und erst im Nachhinein geahndet werden. Im Sicherheitssektor gründen Nachfolge-Regierungen häufig neue Institutionen, um die hier eingestellten Sicherheitskräfte dem neuen Rechtsstaat zu unterstellen. Beispielsweise wandeln sich Armeen auf diese Weise von einem ehemals eigenständigen politischen Akteur zu legitimen, transparenten und gesetzlich rechenschaftspflichtigen Institutionen. Die Re-Integration von ehemaligen Soldaten ist dabei ein wichtiger Bestandteil des Transformationsprozesses, da diese weiterhin vom Besitz ihrer Waffen und von Netzwerken profitieren könnten. Es besteht die Gefahr einer subjektiv empfundenen Entmündigung, zudem bedeutet der Arbeits-

platzverlust für viele einen Verlust des Einkommens. So können sich Ressentiments gegen die neue Regierung in Form von neu organisierten und gewaltbereiten Zusammenschlüssen äußern.

Gedenken Mit Gedenkstätten und Denkmälern wird versucht, durch eine Vergegenwärtigung der Vergangenheit deren Wiederholung zu verhindern. Beispiele hierfür sind die „Killing Fields“ in Kambodscha, die Gedenkstätte in Srebenica, aber auch Gedenktage wie für die Opfer des türkischen Völkermords an den Armeniern oder für den Atombombenabwurf auf Hiroshima. Auch Museen können das gesellschaftliche Gedenken fördern und zu einem konstruktiven und offenen Dialog über die Vergangenheit beitragen. Da eine Einigung in der Interpretation der Vergangenheit kaum möglich ist, führt die Konzeption und Darstellung der Geschehnisse zwingend auch zu Diskussionen beispielsweise über den Opferstatus der Betroffenen. Wenn jedoch eine gewisse Übereinstimmung vorhanden ist, können Erinnerungsorte auch zu der Schaffung eines nationalen Gedächtnisses und kollektiven Bewusstseins über das Geschehene führen und sich auf diese Weise positiv auf das Zusammenleben auswirken.

Weiterentwicklung und Verbreitung des Konzepts Um zivile Gruppen oder Regierungsinstitutionen bei der Einleitung gesellschaftlicher Veränderungen zu unterstützen, sind in der Vergangenheit Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie das International Center for Transitional Justice (ICTJ) entstanden. Ziel dieser Organisation ist es, auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene gegenüber Regierungen beratend tätig zu werden. Teil der Arbeit ist außerdem eine Vernetzung und Unterstützung von Opfern, Menschenrechtsorganisationen und anderen zivilgesellschaftlichen NGOs, die in Transitional-Justice-Prozesse verflochten sind und diese vorantreiben können. Um das Konzept weiter zu entwickeln und Transitional-Justice-Strategien erfolgreicher zu gestalten, werden vergangene und laufende Prozesse außerdem von ICTJ ausgewertet, deren Erfolge und Misserfolge in Workshops für politische Entscheidungsträger kommuniziert und Empfehlungen für die Umsetzung von Maßnahmen zur Schaffung von Gerechtigkeit entwickelt.


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Herausforderungen Betrachtet man die unterschiedlichen Ebenen von Transitional Justice, wird schnell deutlich, dass es nicht nur eine Realität oder Definition von Gerechtigkeit gibt: Je nach dem, welche Konfliktpartei bei der Erstellung und Durchführung von Gerichtsverfahren, Wahrheitskommissionen oder Reformen dominiert, prägt sie das Verhandlungsergebnis in der für sie günstigen

Weise. Ein unkomplizierter und sicher gelingender Einsatz von Methoden der Tranisitional Justice ist daher kaum möglich. Nur unter Berücksichtigung der Machtinteressen aller beteiligten Akteure und einer ausgewogenen Partizipation aller Konfliktparteien kann im Kontext politischer Spannungsfelder eine Transformation gelingen.

Quellen: • ·Pilgram, Arno: Einheitliches Recht für die Vielfalt der Kulturen? : Strafrecht und Kriminologie in Zeiten transkultureller Gesellschaften und transnationalen Rechts. LIT Verlag, Münster: 2012 • Schäfer, Rita: Transitional Justice: Geschlechterpolitische Perspektiven für Übergangsgesellschaften. Heinrich Böll Stiftung, Schriften des Gunda Werner Instituts, Band 10. Berlin: 2013 • Buckley-Zistel, Susanne: Transitional Justice. Handreichung der Plattform Zivile Konfliktbearbeitung(2007), URL: http://www.konfliktbearbeitung.net/ downloads/file889.pdf (Stand: 27.09.2015) • www.ictj.org/about (Stand: 27.09.2015)

Global Health Summer School in Berlin Lasst uns nicht von der „refugee crisis“, sondern „opportunity“ sprechen!

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ie diesjährige Global Health Summer School vom 13. bis zum 19. September 2015 in Berlin stand unter dem Thema Globalisation, Refugees and Health und war somit näher am aktuellen Zeitgeschehen denn je. Von Julia Weber

Global Health International Health Public Health

“Meeting people from different regions is really great, sharing knowledge and experiences and of course this group was really awesome. The workshops were really informative. This program helped me to change my views on refugees as a crisis to challenging opportunity.” Neeraj Sharma, medical student from Nepal “Not only did I meet incredible and committed people from whom I learned a lot, but the lecturers invited also gave me insights on certain topics to which I would have never had accessed.” Rocío López Iñigo, Global Studies student from Austria/Spain “The participants came from all walks of life: Academics, Activists, Artists and Affected; the „4 A‘s“ as was mentioned in the opening conference. Everybody who participated had an open-minded approach and created a „safe space“ to share experiences, opinions and suggestions for the future. This experience shook me at the core of me, and re-ignited my passion for the topic and wish for involvement in the „refugee opportunity“. Yasmine Kergoat, International Public Health student from France/Egypt

“Participants from all over the world with different academic backgrounds enriched the discussions with interesting speakers coming from different backgrounds and fields. I also met Nora here – among other nice people – and we are good friends now J.” Alicia Baier, medical student from Germany “In this year`s summer school I was not only able to connect with amazingly inspiring people and activists but also make great new friends. The topic could not have been more pressing and solutions more urgent.” Nora Lennartz, medical student from Germany “Through extensive discussions, group work, presentations, lectures and field trips I was able to analyze the topic from many different angles which is necessary to embrace the complexity of the issue and to be able to offer viable solutions. […] I am very excited to get engaged in some of them myself in order to further my engagement in the topic of refugees & refugee health.” Jason Raffington, Global health student from Netherlands/Germany Nach diesen lebhaften Eindrücken einiger Teilnehmer*innen sollen im Folgenden vier Programmpunkte näher beschrieben werden:

Workshop: Was ist Global Health? (Peter Tinnemann, Charité-Universitätsmedizin Berlin) Hier ging es erst einmal darum, die Definitionen von Public Health, International Health und Global Health in Kleingruppen herauszuarbeiten, um eine Diskussionsund Verständnisgrundlage für die anderen Workshops, Diskussionen und Vorträge zu schaffen. Public-Health-Projekte wirken auf Ebene einer Population innerhalb der Grenzen eines Landes. Sie beschäftigen sich mit Gesundheitsvorsorge, Verhinderung von Krankheit und Maßnahmen, die die Lebensqualität verbessern und somit die Lebenserwartung steigern sollen. InternationalHealth-Projekte sind grenzüberschreitend, gehen meist von einem wohlhabenderen Land aus und dienen der Unterstützung von Ländern mit geringerem Einkommen. Global Health kann als Überbegriff für die anderen beiden dienen. Projekte beschäftigen sich mit Themen, die Gesundheit direkt und indirekt beeinflussen. Beispiele dafür sind Infektionskrankheiten, medizinische Versorgung von Migrant*innen, Klimawandel, Hygiene, Wasserversorgung u.v.m.

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Workshop: How does Europe react to Humans fleeing? (Frank Dörner und Ruben Neugebauer, Seawatch) Immer mehr Flüchtlinge nehmen die gefährliche Route über das Mittelmeer nach Europa auf sich. Die EU reagiert jedoch mit immer stärkerer Abschottung und investiert mehr in die Sicherung ihrer Grenzen als in die Rettung der in Seenot geratenen Menschen. NGOs und ehrenamtliche Gruppen sehen sich daher gezwungen, aktiv zu werden. Eine von ihnen ist Sea Watch. Mit einem fast 100 Jahre alten hochseetüchtigen Kutter, der durch Ehrenamtliche wieder auf Vordermann gebracht wurde, patrouilliert seit Mitte Juni 2015 eine ca. achtköpfige Crew an der 24 Meilen-Grenze zwischen der italienischen Insel Lampedusa und Libyen. Immer wieder entdecken sie völlig überfüllte und marode Schlauchboote. Sie leisten erste Hilfe, geben Julia Weber Rettungswesten und TrinkHumanmedizin, wasser aus, denn Ertrinken 10. Semester, Mainz oder Dehydratation sind die jweber06@students. häufigsten Todesursachen. uni-mainz.de Nach den grundlegenden

Maßnahmen, um die Situation zu stabilisieren, heißt es immer warten, bis ein Rettungsschiff von Ärzte ohne Grenzen (MSF) oder der italienischen Küstenwache kommt, um die Flüchtlinge aufzunehmen – und das dauert meistens viel zu lang, weil der Bedarf viel höher ist als das, was von den wenigen Schiffen geleistet werden kann.

Exkursionen Viele Flüchtlinge, die es nach einer langen Reise bis nach Europa geschafft haben, sind traumatisiert. Durch Folter oder Kriegsgewalt in ihrem Heimatland oder durch schreckliche Erlebnisse auf dem Fluchtweg. In zwei spannenden Exkursionen konnten wir die Arbeit von zwei Berliner Zentren kennen lernen, die Therapieangebote für Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund bieten. Das BZFO hat sich dabei auf die Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) spezialisiert, das ZIPP hingegen behandelt jegliche Form psychiatrischer Erkrankungen. Beide Zentren bieten Therapien auch in anderen Sprachen als Deutsch an – entweder beherrschen die Mitarbeiter die Sprache selbst oder arbeiten mit Dolmetscher*innen zusammen.

Präsentation und Gruppendiskussion: Zentrum für politische Schönheit (ZPS) Sie bezeichnen sich selbst als „Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit – zum Schutz der Menschheit“. Sie wollen etwas verändern und entwickeln dafür Konzepte, die viel öffentliche Aufmerksamkeit erreichen. So z.B. eine Aktion, bei der die Gedenkkreuze für die Opfer der Berliner Mauer an die EU-Außengrenzen gebracht wurden. Als Symbol für die Flüchtlinge, die täglich an diesen Grenzen sterben. Gleichzeitig wurde eine Anleitung herausgegeben, wie sich die EU-Außengrenzen ganz leicht beseitigen lassen. Die Flüchtlingsthematik und die Reaktionen Europas wurden auch in einer weiteren Aktion thematisiert: Die Website des Bundesfamilienministeriums wurde täuschend echt nachgeahmt, um Familien in Deutschland zu finden, die bereit sind, syrische Kinder aufzunehmen. Das ZPS kritisierte damit die viel zu geringe Zahl an syrischen Flüchtlingen, die die deutsche Bundesregierung zum damaligen Zeitpunkt aufzunehmen bereit war.

Dieser Bericht gibt nur einen kleinen Einblick in eine sehr interessante Woche. Vielen Dank an alle Organisator*innen, Vortragende und Teilnehmer*innen, die dies möglich gemacht haben.

 Die Dokumentation, Fotos und weitere Infos findet Ihr unter: www.health-and-globalisation.org Weitere Informationen unter: www.sea-watch.org [Stand: 05.10.2015]. http://www.bzfo.de [Stand: 05.10.2015] http://psy-ccm.charite.de/klinik/campus_charite_mitte/poliklinik/poliklinik_spezialsprechstunden/ zentrum_fuer_interkulturelle_psychiatrie_psychotherapie_zipp/ [Stand: 05.10.2015] http://www.politicalbeauty.de/Zentrum_fur_Politische_Schonheit.html [Stand: 24.09.2015]


Ethik

Psychologische Versorgung von Geflüchteten Ein Eindruck aus Tel Aviv

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ie lange er im Sinai war, weiß D. nicht mehr genau. Zu lange. Sein Blickt wirkt leer und verloren, während er aufsteht und zögerlich seine Narben am gesamten Oberkörper entblößt. In Eritrea ist er aufgewachsen und konnte nach vielen Jahren als Kindersoldat und Soldat fliehen. Von Therese Jakobs

Auf dem Weg ist er, wie viele andere im Sinai, entführt und monatelang gefoltert worden, erst gegen Lösegeld freigekommen und nun in Israel. Empfangen wurde er in einem Flüchtlingsgefängnis. D. ist einer der Patienten der Gesher Clinic aus Tel Aviv, den ich während meines Aufenthaltes in Israel im Rahmen von „famulieren und engagieren“ im letzten Sommer kennenlernen durfte. Die Gesher Mental Health Clinic wurde im Februar 2014 mit Mitteln von UNHCR und Spenden der deutschen Regierung, des israelischen Gesundheitsministeriums und des Tel Aviv Community Mental Health Centers ins Leben gerufen. Die psychologische und psychiatrische Versorgung dort steht allen Menschen ohne Versicherung zur Verfügung, seien es Arbeitsmigrant*innen ohne legalen Status, undokumentierte Migrant*innen, Geflüchtete oder Asylbewerber*innen. Außergewöhnlich ist die Finanzierung, denn in anderen Einrichtungen der medizinischen Versorgung für Geflüchtete arbeiten die Mitarbeiter*innen und Ärzt*innen meist freiwillig und unentgeltlich. Das Team der Gesher Clinik hofft derzeit auf die Entscheidungen des israelischen Gesundheitsministeriums bezüglich einer Folgefinanzierung für 2016.

Die Räume des Community Mental Health Centers im Süden Tel Avivs verwandeln sich an drei Nachmittagen der Woche für jeweils drei Stunden in die Gesher Clinik. Die Psycholog*innen, Psychiater*innen und Übersetzer*innen treffen langsam ein. Die herzliche und lockere Stimmung ist spürbar, es erklingt ein Wirrwarr aus Hebräisch, Englisch, Arabisch und Tigrinya, Stühle werden im Warteraum gerückt, Kekse, Sandwiches und Kaffee bereitgestellt. „Gesher“ bedeutet Brücke, sowohl im arabischen als auch hebräischen Wortlaut. Der Name ist Programm an diesem Ort, im Miteinander mit Kolleg*innen und Patient*innen. In jeder Schicht arbeiten mindestens drei Übersetzer*innen, die selbst aus Eritrea und dem Sudan stammen. Nicht nur die sprachlichen, auch die kulturellen Komponenten können so besser vermittelt werden zwischen Patient*in und Behandler*in. Dr. Ido Lurie, hauptberuflich Psychiater in der Klinik Shalvata, leitet die Gesher Clinik mit Herzblut. Viele Jahre arbeitete er ehrenamtlich in der „Open Clinic der Physicians for Human Rights Israel“ (PHR) und leitete auch diese. Nicht immer erntet er Anerkennung für dieses Engagement, er schüttelte ernst den Kopf, als er bereits bei unserem ersten Treffen vom

Asylsuchende aus Eritrea demonstrieren für ihre Rechte. Foto: Karen Zack/ activestills/ CC BY-NC-ND 2.0

tiefsitzenden Rassismus in der Gesellschaft und der Diskriminierung gegenüber Geflüchteten, besonders dunkelhäutigen Menschen sprach. In den letzten Jahren nahmen mehr und mehr Flüchtende aus der Subsahara Afrikas den Weg über den Sinai nach Israel auf sich, die Zahlen steigen besonders seit 2006. In diesen Jahren hat sich ein großes Netzwerk an Menschenhändlern und Schmugglern gebildet, sowohl im Sudan, als auch in Ägypten. Deren Wirken beginnt bereits in Flüchtlingslagern im Sudan, ebenso auf der Halbinsel Sinai in Foltercamps.1, 2 Viele Geflüchtete aus Eritrea berichten von Entführungen, Misshandlungen, Folter und sogar Ermordungen anderer Gefangener. Die Überlebenden werden oft erst durch hohe Summen Schmuggler-Zahlungen und Lösegeldzahlungen von Verwandten freigelassen.1, 3 Bis zum Jahr 2009 übernahm UNHCR die Aufgabe Asylanträge zu bearbeiten, Interviews mit den Antragstellern zu führen und die Entscheidungen an die Regierung weiterzuleiten. Seit das sogenannte „Department for Infiltrators and Refugees“ des Innenministeriums diese Aufgabe selbst übernimmt, werden die meisten Asylanträge bereits nach nur einem Gespräch und ohne weitere Bearbeitung abgelehnt, im Jahr 2011 beispielsweise waren dies allein 75%.4 Das „Prevention of Infiltration Law“ definiert einen ‚Infiltrator‘, als eine Person, die illegal aus den Ländern Libanon, Ägypten, Syrien, Saudi Arabien, Jordanien, Irak oder Jemen nach Israel eingereist ist.5 Wenn Einwanderer und Geflüchtete vom Staat als ‚Infiltratoren‘ bezeichnet werden, lässt sich, wie ich finde, bereits vermuten, welche Linie die Regierung vorgibt. Im Süden der Wüste Negev befindet sich das Internierungslager Holot, ein „Refugee Detention Camp“ und direkt daneben Saharonim, ein Gefängnis speziell für Geflüchtete. Ersteres ist zwar offiziell eine „open facility“, besitzt jedoch laut zahlreicher Berichte von Menschenrechtsorganisationen und Betroffenen gefängnisartige Strukturen.4 Nahrungsmittel und medizinische Versorgung sind nicht immer ausreichend gegeben. Dreimal täglich müssen die Internierten sich

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zur Anwesenheitskontrolle melden, und Regelverstöße führen zur Inhaftierung. Dies gilt offiziell nicht als strafrechtliche, sondern als administrative Verwahrung. Gerichtsverfahren oder überhaupt Anklagen gibt es nicht. Nach dem aktuellen „Anti-InfiltrationsGesetz“ werden Asylbewerber*innen bis zu 20 Monate in Holot festgehalten, sobald sie nach Israel einreisen oder wenn sie wegen der Verlängerung ihres Aufenthaltstitels bei den Behörden vorstellig werden, selbst bei Einreise vor Inkrafttreten dieses Gesetzes. Internierten in Holot wird unter dem Begriff „voluntary departure“ Folgendes zur Wahl gestellt: Die Ausreise in ihr Herkunftsland oder aber in ein „sicheres“ Drittland, derzeit Ruanda und Uganda, die jedoch entgegen der Aussage israelischer Behörden kein offizielles Abkommen mit Israel haben und den Geflüchteten ebenso kein Asyl gewähren.6, 7 Wer diese beiden Möglichkeiten ablehnt, dem droht meist die unbegrenzte Inhaftierung in Saharonim.7, 8 Bereits dreimal wurden vom Obersten Gerichtshof Israels die Gesetze zum Umgang mit Geflüchteten gekippt, auch die aktuelle Version wurde Anfang August diesen Jahres erneut als unverhältnismäßig eingestuft und der Regierung Auflagen zur Überarbeitung zugetragen.9 Schätzungen zufolge leben ca. 47.000 bis 55.000 Asylbewerber*innen in Israel, 4,10,11,12 die deutliche Mehrheit stammt aus Eritrea (73%) und Sudan (19%). UNHCR-Mitarbeiter*innen gehen davon aus, dass mindestens 7.000 Menschen in Israel durch ihre Flucht- und Foltererfahrung an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden.13 Auch die bisherigen Erfahrungen in Gesher zeigen, dass PTBS und Depressionen am häufigsten diagnostiziert werden. Patient*innen kommen oft initial mit Symptomen wie Schlafstörungen, flashbackartigen Wahrnehmungen, Traurigkeit, Leeregefühl oder starken Ängsten. Das Behandlungskonzept ist psychosozial ausgerichtet. Jedem/r Patient*in ist ein sogenannter Case-Manager zugeordnet, der neben der Begleitung und Therapie auch Vermittlungsund Verwaltungsaufgaben übernimmt wie z.B. Gutachten verfassen, BriefTherese Jakobs, verkehr mit Ministerien, 9. Semester HumanZusammenarbeit mit und medizin, Berlin

theresejakobs@posteo.de

Vermittlung an UNHCR oder NGOs wie z.B. die „Hotline for Refugees and Migrants“ oder ASSAF (Aid organization for refugees in Israel). Neben medikamentöser Therapie beinhaltet das medizinische Behandlungsangebot auch Psychotherapie in Einzeloder Gruppensettings, hauptsächlich Psychoedukation, Kognitive Verhaltenstherapie und Entspannungsverfahren. Das Stigma, „verrückt“ zu sein, ist teilweise kulturell noch sehr tief verankert, daher soll das Angebot möglichst niedrigschwellig erreichbar sein, und im Umgang mit den Patient*innen wird häufig der Begriff der psychischen Erkrankung vermieden. Während des Gesprächs mit D. und vielen anderen Opfern von Folter und Menschenhandel auf der Flucht wird klar, welch tiefe Spuren das Erlebte nach sich ziehen kann und wie die Wunden sich selbst offenhalten. Die sequenzielle Traumatisierung und folgende Retraumatisierungen erlangen im Diskurs zunehmend an Bedeutung, wie Hans Keilson als einer der Ersten aus wissenschaftlicher Arbeit mit Überlebenden des Holocaust schlussfolgerte. Demnach spielt nicht nur die Schwere des traumatischen Ereignisses selbst eine Rolle, sondern ebenso wie die Lebenssituation in der Folge aussieht, ob Verständnis und Toleranz im Umfeld herrschen, ob neue Handlungsmöglichkeiten, neue Perspektiven erfahrbar sind. Die Frage nach der Durchführbarkeit einer wirksamen Therapie, womöglich einer Traumatherapie unter den Lebensbedingungen, denen die Geflüchteten ausgesetzt sind, tritt immer wieder zu Tage. Von Abschiebung oder Haft bedroht, häufig in Armut lebend, ohne Arbeit und Versicherung, isoliert und oft auch diskriminiert von der Gesellschaft. All diese Erfahrungen können die traumatischen Erlebnisse aufrechterhalten.14 Die beste Hilfe für Geflüchtete ist primär die Etablierung gleicher Rechte. Dies muss politisch gefordert und umgesetzt werden. Aus meiner Sicht folgt an zweiter Stelle diejenige Hilfe, die die Zeit bis dahin mit Unterstützung sozialer, rechtlicher und medizinischer Art überbrückt, sich selbst dabei aber abzuschaffen versucht. Beide Wege parallel und gemeinsam zu gehen, sollte Ziel der involvierten Akteure sein. Das Team der Gesher Mental Health Clinic fokussiert vor allem auf Letzteres und leistet dabei Großartiges. Derweil übernehmen in Israel einige NGOs mit Unterstützung unter anderem von Amnesty International und Human Rights Watch erstere Aufgabe, indem sie

die politischen Forderungen hochhalten und engagiert für eine menschlichere Flüchtlingspolitik eintreten. Denn über politischen Aktivismus hinaus darf nicht vergessen werden: Jeder Mensch, unabhängig von Herkunft, sozialem Status, Gender oder Ethnie, hat das Recht auf medizinische Versorgung. Psychische Gesundheit ist hierbei ebenso wichtig wie andere Gesundheitsaspekte, was insbesondere bei der Behandlung benachteiligter Gruppen häufig noch immer zu kurz kommt. Das Angebot der Gesher Clinik ist daher fundamental wichtig, psychosoziale Versorgung den Menschen zu gewährleisten, die auf so vielen anderen Ebenen Ausgrenzung und Ungleichheit erfahren. Quellen: 1. Human Rights Watch. ‘‘I wanted to lie down and die’’: Trafficking and torture of Eritreans in Sudan and Egypt. 2014. http://www.hrw.org/sites/default/ files/reports/egypt0214_ForUpload_1_0.pdf. (Zugriff 13.08.2015) 2. Van Reisen M, Estefanos M, Rijken C. Human trafficking in the Sinai: Refugees between life and death. 2012. http://www.eepa.be/wcm/dmdocuments/ publications/Report_Human_Trafficking_in_the_Sinai_Final_Web.pdf. (Zugriff 13.08.2015) 3. Hotline for Migrant Workers and Physicians for Human Rights, “Tortured in Sinai, Jailed in Israel: Detention of Slavery and Torture Survivors under the Anti-Infiltration Law,” November 2012, http://hotline. org.il/en/publication/tortured-in-sinai-jailed-in-israel/ (Zugriff 15.08.2015) 4. Hotline for Refugees and Migrants Israel: http:// hotline.org.il/en/main/ (Zugriff 05.08.2015) 5. Reuven Ziegler 2011 “A Matter of Definition: On ‘Infiltrators’ and ‘Asylum Seekers’ in Israel “ 6. Joint report by the Hotline for Refugees and Migrants and ASSAF – Aid organization for refugees in Israel: “Where there is no free Will” 16/04/2015: http:// hotline.org.il/en/publication/where-there-is-no-free-will/ 7. “Prison or poverty: Impossible choice for Israel deportees” 16.04.2015. IRIN „Integrated Regional Information Networks“ http://www.irinnews.org/ report/101372/prison-or-poverty-impossible-choice-forisrael-deportees (Zugriff 18.08.2015) 8. Human Rights Watch Report 09/2014 “Make their lifes miserable. Israel’s Coercion of Eritrean and Sudanese Asylum Seekers to Leave Israel” 9. Die tageszeitung: Gericht kippt Langzeitinternierung, 12.08.2015 http://taz.de/Fluechtlingsgesetzin-Israel/!5223080/ 10. African Refugee Development Center: http:// ardc-israel.org/en/content/refugees-israel (Stand 12.08.2015) 11. UNHCR: http://www.unhcr.org/pages/ 49e4864b6.html (Stand 12.08.2015) 12. Nakash et al.: Exposure to Traumatic Experiences Among Asylum Seekers from Eritrea and Sudan During Migration to Israel. J Immigrant Minority Health 2014 13. “Improved mental health care for refugees in Israel” 14.05.2014. IRIN „Integrated Regional Information Networks“ http://www.irinnews.org/report/100087/ improved-mental-health-care-for-refugees-in-israel (Zugriff 14.08.2015) 14. M. Rössel-Cunovic: Kurz-Therapien für Flüchtlinge mit befristeter Duldung? Zeitschrift für Politische Psychologie, Jg. 7, 1999 Nr. 1+2, S. 143 – 150


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Organhandel in China Noch immer werden Gefangenenorgane für Transplantationen verwendet

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m Dezember 2014 kündigte China an, ab 2015 Organe von zum Tode verurteilten Gefangenen nicht mehr für Transplantationen zu verwenden. Die Ankündigung hat jedoch eine „kleingedruckte Fußnote“: Die zum Tode verurteilten Gefangenen werden weiterhin dazu ermutigt, Organe „freiwillig“ zu spenden. Von Prof. Huige Li

Dann nämlich gelten ihre Organe nicht mehr als Organe Gefangener, sondern als freiwillige Organspende von Bürgern. Denn auch zum Tode verurteilte Gefangene seien Bürger und hätten das gleiche Recht, Organe zu spenden – so die Logik von Chinas Transplantationsfunktionären. Es handelt sich hier also um einen semantischen Trick: Die angekündigte Beendigung der Verwendung von Gefangenenorganen bezieht sich nur auf diejenigen Organe, die ohne Zustimmung der Gefangenen illegal entnommen wurden. „Freiwillig“ entnommene Gefangenenorgane werden hingegen weiterhin für Transplantationen verwendet; nur werden sie nicht mehr als solche bezeichnet. Die chinesische Praxis verstößt gegen jegliches medizinisches Ethikverständnis. Es ist ein fundamentaler Grundsatz in der Transplantationsmedizin, dass Organspenden aus freiem Willen erfolgen müssen. Wie soll jedoch bei einem zum Tode verurteilten Gefangenen sichergestellt werden, ob eine Organspende aus freiem Willen oder auf äußeren Druck erfolgt? Die chinesische Regierung täuscht in dieser Frage die Weltöffentlichkeit nicht zum ersten Mal. Bis 2005 hat China stets geleugnet, Gefangenenorgane für Transplantationen verwendet zu haben. Nach dem Eingeständnis 2005 hat die World Medical Association (WMA) China aufgefordert, die Verwendung von Gefangenenorganen sofort zu beenden. Im Jahre 2007 teilte die Chinese Medical Association (CMA) der WMA schriftlich mit, chinesische Ärzte würden Organe von Gefangenen nicht mehr zu Transplantationszwecken verwenden. Dies blieb jedoch ein leeres Versprechen. Ende Oktober 2013 unterzeichneten 38 Klinikdirektoren in China die sogenannte „Hangzhou Resolution“. Die Direktoren erklären darin, Organe von hingerichteten Gefangenen nicht mehr zu verwenden. Jedoch werden Organe von Hingerichteten weiterhin in diesen Zentren für Transplantationen ver-

wendet, wie First-Hand-Untersuchungen aus China von Anfang 2014 belegen. Der semantische Trick scheint jedoch Teile der internationalen Gemeinschaft zu überzeugen: Im August 2015 fand das „China National Organ Procurement Organization Alliance Meeting & International Organ Donation Cooperation Forum“ in Guangzhou statt. Eine Reihe von führenden internationalen Experten war dazu eingeladen. Die Gäste wurden von den chinesischen Behörden auf einer zehntägigen Reise durch sechs Städte (Gesamtreiseweg über 5.000 km) geführt, um die dortigen im Krankenhaus implementierten Organbeschaffungseinheiten zu besichtigen. Während der Tour wurde einem Teil der Experten jeweils der Titel eines Honorarprofessors der Wuhan University verliehen. Laut chinesischen Medienberichten haben sich die Gäste schließlich auf dem Internationalen Forum in Guangzhou von der Beendigung der Organentnahmen von Gefangenen überzeugt gezeigt. Währenddessen mehren sich seit 2006 die Indizien dafür, dass nicht nur zum Tode verurteilte, sondern auch Gewissensgefangene in China als Organquelle verwendet werden. Beispielsweise werden Anhänger der in China brutal verfolgten buddhistischen Orientierung „Falun Gong“ wegen ihrer Organe getötet. Diese Problematik hat zunehmend die Aufmerksamkeit der öffentlichen Medien und der Politik gewonnen. Mit der Umdefinierung der Gefangenen als Bürger für „freiwillige“ Organspende kann Chinas nationales Organspendesystem für das Reinwaschen der Organe sowohl von zum Tode verurteilten Gefangenen als auch von Gewissensgefangenen missbraucht werden

und internationale Ethikstandards können hierdurch umgangen werden. China kann nur Glaubwürdigkeit gewinnen, indem es sein Organspendesystem transparent, verifizierbar für unabhängige Fachorganisationen und offen für internationale Inspektionen macht. Bis dahin müssen Sanktionen bestehen bleiben. Univ.-Prof. Dr. med. Huige Li Institut für Pharmakologie Universitätsmedizin der Johannes GutenbergUniversität Mainz huigeli@uni-mainz.de

Quellen: • https://archive.is/doxXc • Li H, Shapiro ME, Els C, Allison KC. Organ transplantation in China: concerns remain. Lancet. 2015; 385:855-856 • https://archive.is/8VaP4 • https://archive.is/asKLR • Pondrom S. The AJT Report: China abandons international meeting, appears to continue practice of using prisoner organs for transplant. Am J Transplant. 2014; 14:1952 • https://archive.is/APmrE • https://archive.is/lHXev • Menschen, die aufgrund ihrer politischen, religiösen oder sonstiger Überzeugungen, ihres ethnischen Ursprungs, Geschlechts, Hautfarbe, Sprache, nationaler oder sozialer Herkunft, ökonomischen Status oder sexueller Orientierung gefangen genommen wurden, obwohl sie niemals ein Verbrechen begangen haben (http://www.amnestyusa.org/our-work/issues/ prisoners-and-people-at-risk/prisoners-of-conscience, Stand: 01.10.2015). • Z.B. ein BBC-Radiobericht (https://archive.is/ FQ5Xe) und Fernsehberichte auf SBS (https://archive. is/oo6Gh) und CBC (https://archive.is/ZFXtZ). • Siehe: Resolution des Europäischen Parlaments zum Thema „Organraub in China“ vom 12.12.2013 (https://archive.is/7tkm1) sowie der gleichnamige Workshop des Europäischen Parlaments am 21. April 2015 (https://archive.is/etenw).

Gewissensgefangene als Organquelle? Offizielle Zahlen der transplantierten Organe (Leber und Niere) aus China. Die ungewöhnlich hohe Transplantationszahl von 2004 bis 2007 lässt sich nicht durch Organe von zum Tode verurteilten Gefangenen erklären. Ein Organspendeprogramm gab es in diesem Zeitraum auch nicht.


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Ethik

Die ungesunde Gesellschaft Vorurteile und Diskriminierungen als Symptome eines ungesunden Zusammenlebens

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er Begriff Gesundheit bezieht sich meist unmittelbar auf den Menschen (oder auf Lebewesen im Allgemeinen) und sein körperliches oder psychisches Befinden, und nicht unbedingt auf das, was zwischen den Menschen ist. Aus (sozial-)psychologischer Perspektive kann jedoch ergänzt werden, dass die Beziehungen, in denen Menschen leben und ihre weitere Umwelt, ebenfalls Einfluss auf das Wohlbefinden des Einzelnen haben und somit ebenfalls „gesund“ oder „ungesund“ sein können. Von Michael Müller

Aus aktuellem Anlass stellt sich die Frage, welche Bedeutung es für den Zustand des gesellschaftlichen Zusammenlebens hat, dass in den ersten Monaten dieses Jahres bereits ca. 200 Anschläge auf Asylbewerber*innenunterkünfte stattfanden. Die Anzahl rechtsextremer Straftaten insgesamt ist dabei noch weit höher. Können nun Phänomene dieser Art, die ohne Frage nur eine Spitze des Eisberges sind, als Symptome eines ungesunden Zusammenlebens angesehen werden? Man kann auch fragen, ob wir an solchen Vorkommnissen etwas über uns selbst lernen können. Vermutlich ist es allerdings meist so, dass Meldungen dieser Art einen Reflex auslösen, der den Betrachter von diesen Ereignissen distanziert. Es sind dann eben die Rechtsextremen, die „Krawall machen“, während man selbst, als zugehörig zur sogenannten gesellschaftlichen Mitte, längst demokratisch, aufgeklärt und fremdenfreundlich ist. Wenn dem so wäre, würden jedoch zahlreiche wissenschaftliche Forschungen zu diesem Thema irren. Es zeigt sich nämlich kontinuierlich, dass menschenabwertende Einstellungen in einem Ausmaß vertreten sind, welches es uns (also der gesellschaftlichen Mitte) nicht mehr ermöglicht, das Problem an die Ränder der Ge-

Foto: Dierk Schäfer / CC BY 2.0

sellschaft zu schieben. Eine Zahl aus einer Studie zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (Heitmeyer 2002-2011) aus dem Jahr 2011 zeigt dies im Besonderen: Es waren ca. 50% der Personen in dieser repräsentativen Bevölkerungsumfrage der Ansicht, dass „Deutschland […] in einem gefährlichem Maße überfremdet [wird].“ Im Speziellen auf Asylbewerber*innen bezogen waren es in einer weiteren Studie aus dem Jahr 2014 ca. 42% der befragten Personen, die davon ausgingen, dass „[d]ie meisten Asylbewerber [...] in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt [werden].“ (Studie Fragile Mitte). Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass im Jahr 2014 ca. 30% der Befragten der Ansicht waren, dass sie sich durch „[…] die vielen Muslime wie ein Fremder im eigenen Land fühlen [würden]“, knapp 18% stimmten zu, Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland zu untersagen. Darüber hinaus waren nur 38% der Meinung, dass der Staat großzügiger bei der Prüfung von Asylanträgen sein sollte.

demokratisches Verhalten und Diskriminierung, aber auch eine an Menschenwürde und positiv konnotierter Diversität orientierte demokratische Grundhaltung und ein sich daran anschließendes gesellschaftliches Engagement.

Wie kommt es nun zu „menschenfeindlichen“ Einstellungen?

Konstatiert man also das verbreitete Vorkommen von Einstellungen dieser Art, überraschen Phänomene wie die Demonstrationen von Pegida & Co., die Diskussionen und die Ausschreitungen im Zusammenhang mit Flüchtlingen und Asylsuchenden, aber auch alltägliche Formen von Ausgrenzungen und Diskriminierungen weniger. Gerade letzteres, also die Alltagsformen sind meist nicht im öffentlichen Fokus und häufig auch nur den Betroffenen selbst bewusst.

Forschungen zu diesem Themenfeld können nachweisen, dass abwertende Einstellungen von Menschen gegenüber anderen Menschen meist gruppenbasiert konstituiert sind. Man tendiert also dazu, andere Menschen in sozialen Gruppen zu kategorisieren und anschließend, basierend auf erlernten Stereotypen und Vorurteilen, ggf. abzuwerten. In diesem Prozess ordnen sich Menschen selbst eigenen Gruppen zu (z.B. den Deutschen). Es kommt dann leicht zur Fremdgruppenabwertung bei gleichzeitiger Eigengruppenaufwertung. Zudem neigen Menschen dazu, bspw. Flüchtlinge als große Masse von Menschen wahrzunehmen und übersehen dabei häufig die einzelnen Schicksale. Es wird nicht mehr das Spezielle, sondern das Allgemeine gesehen. Das, was als „Fremdgruppe“ wahrgenommen wird, wird homogenisiert, während Menschen von ihren eigenen Gruppen stets den Eindruck haben, dass diese heterogener seien, sich die Mitglieder also stärker voneinander unterscheiden würden als die Mitglieder der Fremdgruppen.

Allerdings gibt es aktuell auch eine vermehrte gesellschaftliche Solidarität. Es sind ungewöhnlich viele Menschen, die sich derzeit für die Belange von Asylsuchenden einsetzen, und auch gegen Pegida & Co. gab es ein substanzielles gesellschaftliches Engagement. Es gibt somit aktuell beides: Ein Potential für Ausgrenzung, konkretes anti-

Auf Grund dieser psychologischen Mechanismen wurde in der Forschung das Konzept Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, kurz GMF, eingeführt (Heitmeyer 2002-2011). Der Begriff der Feindlichkeit umfasst an dieser Stelle Abwertungen jeglicher Art, die von Vorbehalten bis hin zu offenem Hass reichen können.


Ethik

Interessant an diesem Phänomen ist, dass sich zeigen lässt, dass Abwertungen gegenüber einer bestimmten sozialen Gruppe (z.B. gegenüber „Fremden“) strukturell mit Abwertungen gegenüber anderen sozialen Gruppen zusammenhängen (z.B. gegenüber Frauen oder Muslimen). Diese Zusammenhänge sind symptomatisch, so dass von einem Syndrom GMF gesprochen wird. Das, was diese (Fremd-)Gruppen dabei meist gemeinsam haben, ist ihr tatsächlicher oder vermeintlich niedriger sozialer Status. Kern der GMF ist stets eine Grundauffassung, dass Menschen aus unterschiedlichen sozialen Gruppen nicht gleichwertig seien. Diese „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ (ebd.) zeichnet also das Syndrom GMF aus. Zwei Ursachen von GMF können neben anderen ausgemacht werden, erstens der Autoritarismus (Altemeyer 1981) und zweitens die Soziale Dominanzorientierung (Sidanius & Pratto 1999). Autoritarismus zeichnet sich dadurch aus, dass autoritär eingestellte Personen „starke Führer“ suchen und meinen diese zu brauchen, was sich in ihrer Hingabe und Unterordnung diesen Führern gegenüber zeigt. Gleichzeitig tendieren Personen mit diesen Einstellungen dazu, Schwächere mit aggressiven Sanktionen zu versehen und Normabweichler*innen bestrafen zu wollen. Die „Welt im Allgemeinen“ wird dabei häufig als bedrohlich empfunden, worauf mit Ordnungswille und Konformismus reagiert wird. Darüber hinaus zeigt sich in Studien weltweit, dass die Präferenz für soziale Hierarchien mit ausschlaggebend dafür ist, ob Personen Minderheiten abwerten oder nicht. Diese sogenannte Soziale Dominanzorientierung basiert im Kern darauf, dass Personen mit diesen Einstellungen ihren (ggf. vorhandenen) höheren sozialen Status gegenüber anderen verteidigen möchten, weil sie ihren Einfluss und ihre Deutungsmacht erhalten möchten. Neben diesen eher psychologischen Ursachen sind auch soziale Faktoren für ausgrenzende Einstellungen mit ursächlich. So kann z.B. die (niedrigere) soziale Lage einen verstärkenden Einfluss auf Vorurteile haben. Gerade für die Frage nach dem Umgang mit Asylsuchenden oder Flüchtlingen ist eine weitere Ursache auszumachen. Wenn Prinzipien wie Effektivität und Effizienz Anwendung in Bereichen des gesellschaftlichen Lebens finden, in denen sie eigentlich unpassend sind, spricht man von einer „Ökonomisie-

Das Syndrom Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit mit 12 Facetten im Jahr 2014

rung der Gesellschaft“ (Groß et. al 2009). Wenn ausschließlich darüber diskutiert wird, was uns Einwanderer „wirtschaftlich bringen“, wird deutlich, dass längst die Ökonomie die Perspektiven geprägt hat. Ökonomistische Einstellungen tragen dabei generell dazu bei, dass Menschen, die tatsächlich oder vermeintlich wenig leisten können, abgewertet werden. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es in substanziellem Ausmaß Einstellungen in der Gesellschaft gibt, die Minderheiten ausgrenzen, demokratische Prinzipien unterlaufen und die Perspektive auf das Leid anderer Menschen versperren. Wenn bspw. pauschal unterstellt wird, dass Asylsuchende in ihrem Heimatland meistens nicht verfolgt werden, fällt es leichter zu fordern, dass diesen Menschen die Einwanderung untersagt werden sollte. Gepaart mit einem generellen Gefühl der „Überfremdung“ entsteht dann eine gefühlte Legitimation für Ausgrenzung und Abschottung. Die sozial erzeugte Kluft zwischen einer vermeintlich legitimierten Mehrheitsgesellschaft und verschiedenen Minderheiten vergrößert sich dann zusätzlich. Es ist zu beachten, dass Einwanderung und Vielfalt zu Veränderungsprozessen führen, die entweder als Bereicherung oder als Bedrohung wahrgenommen werden können. Aus vorurteilstheoretischer Sicht ist zu vermuten, dass Menschen, die die sich verändernde Gesellschaft als bedrohlich wahrnehmen, autoritärer eingestellt

sind. Sie reagieren dann auf diese vermeintliche Bedrohung mit der Forderung nach einer homogenen Gesellschaft. Auch dies ist eine Art Symptom einer ungesunden Gesellschaft, da in dieser Vorstellung von Homogenität zum einen die Tatsache (un-)bewusst geleugnet wird, dass unsere Gesellschaft bereits kulturell, ethnisch und religiös heterogen ist und dies auch bleiben wird, zum anderen, weil die Forderung nach Homogenität beinhaltet, dass das demokratische Recht zur Entfaltung der Persönlichkeit zumindest zum Teil abgesprochen wird.

Intervention Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass die diskutierten Phänomene Teil von demokratischen Gesellschaften sind. Es geht also nicht darum, einen Plan zu entwickeln, der Vorurteile und Diskriminierung in Gänze beenden wird, sondern vielmehr darum, kontinuierlich, aus einer demokratischen Grundhaltung heraus, Gleichwertigkeit herzustellen und zu verteidigen. Die Forschungsergebnisse bezugnehmend auf die Kontakthypothese (Pettigrew 1998) können dabei helfen. Danach reduzieren sich Vorurteile zwischen sozialen Gruppen im Kontakt, was zur Konsequenz haben kann, dass sich unterschiedliche Gruppe als gleichwertig(er) zueinander begreifen. Wird dieser Kontakt dabei durch Autoritäten unterstützt und ist die Kontaktsituation durch gemeinsame Ziele und gleichen Status der Gruppen gekennzeichnet,

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Michael Müller Lecturer an der Universität Siegen, Diplom-Pädagoge mueller@ sozialwissenschaften. uni-siegen.de

ist eine reelle Chance zur Reduktion von Vorurteilen gegeben. Kontaktsituationen dieser Art setzen allerdings die Bereitschaft zur Teilnahme von Personen voraus. Angewendet auf die oben skizzierten gesellschaftlichen Problemlagen muss also zunächst überhaupt vermittelt und angenommen werden, dass Vielfalt Teil dieser Gesellschaft ist, und dass jede sozile Gruppe die zunächst gleichen Rechte auf Partizipation und auch Einflussnahme auf die Gesellschaft hat. Die Vorstellung von Integration wäre dann

um den Aspekt der gemeinsamen Prägung der Gesellschaft durch verschiedene gesellschaftliche Gruppen zu erweitern. Erst dann kann ein kontinuierlicher, positiver Kontakt zustande kommen und den erhofften Effekt zur Reduktion von Abwertungen dauerhaft aufweisen, so dass sich insgesamt eine weniger am Konflikt und vielmehr an demokratischer Gleichheit orientierte Gesellschaft weiter entwickeln kann. Sie würde Minderheiten als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft begreifen und könnte somit auch offen für Einwanderung und gesellschaftliche Diversität generell sein. Da die Gesellschaft bereits heterogen ist, und Konflikte meist schädlich für Personen sind, ist es eine zentrale Aufgabe, an dieser vielfältigen Gesellschaft zu arbeiten, um ein gesünderes Zusammenleben zu ermöglichen.

Quellen: • Heitmeyer, W. (2002-2011): Deutsche Zustände. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp. • Altemeyer, B. (1981): Enemies of freedom. Understanding Right-Wing Authoritarianism. San Francisco, CA: Jossey-Bass Publishers. • Groß, E.M., Gundlach, J., & Heitmeyer, W. 2010. “Die Ökonomisierung der Gesellschaft. Ein Nährboden für Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in oberen Status- und Einkommensgruppen”, in: W. Heitmeyer (Ed), Deutsche Zustände, Folge 9. Berlin: Suhrkamp, 138–157. • Pettigrew, T. F. (1998). Intergroup contact: Theory, research and new perspectives. Annual Review of Psychology, 49, 65-85. • GMF-Studien 2002 – 2012: http://www.uni-bielefeld.de/ikg/projekte/GMF_Survey.html • Studie Fragile Mitte (2014): http://www.fes-gegenrechtsextremismus.de/pdf_14/FragileMitte-FeindseligeZustaende.pdf Grafik S. 16 oben: Andreas Zick, Anna Klein, 2014. „Fragile Mitte Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014. „ URL: http://www.fes-gegenrechtsextremismus.de/pdf_14/FragileMitte-FeindseligeZustaende.pdf [Stand: 12.10.2015]

Sprache – Grenze der Medizin? Von Wortbrücken und Kommunikationsmauern

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anguage is a process of free creation; its laws and principles are fixed, but the manner in which the principles of generation are used is free and infinitely varied. Even the interpretation and use of words involves a process of free creation. Noam Chomsky

Wie auch die verschüttete Tomatensoße an der Wand eines Kuntsmuseums verschiedene Reaktionen von intellektueller Verunsicherung, schlecht versteckter Verwirrung bis hin zu offenem Amüsement hervorrufen kann, ist auch Sprache und ihre Anwendung ein kreativer Prozess, der unterschiedliche Resonanzen auslösen kann. Ein Verständigung verzerrendes Echo geistert nicht nur durch private Gespräche, sondern kann insbesondere im professionellen Kontext jede Einvernehmlichkeit verschlingende Wellen schlagen. Wenn Medizinerinnen anfangen „Influenza“ statt „Grippe“ zu sagen, um ihre eigene intellektuelle Überlegenheit herauszustreichen, ist es kein Wunder, dass Patientinnen sich dementsprechend nicht verstanden oder nicht wichtig genommen fühlen. Nichtsdestotrotz ist diese bewusste Abgrenzung nur in seltenen Fällen ursächlich für ein solches sprachliches Überangebot an Fachwörtereien, vielmehr gehen eine Reihe von Faktoren Hand in Hand um dieses grundsätzliche Problem zu ver-

schärfen – um dann besser allen anderen auf die Nerven zu gehen. Nicht selten wird man als Medizinerin mit dem Vorwurf konfrontiert, auf Partys die ultimative Spaß- und Gesprächsbremse zu sein, weil einfach niemand versteht, worüber man nun jetzt wieder schwafelt und es ehrlich gesagt den meisten Medizinerinnen zusätzlich noch an dem nötigen Humor mangelt, auch mal über sich selbst einen Witz zu machen.

tauschen und spart sich in den meisten Fällen eine dreiminütige Rede. In Bethlehem durfte ich die Erfahrung machen, dass immer wieder auch englische Wörter im arabischen Sprachfluss auftauchten, da oft ein englisches Wort für einen ganzen arabischen Aufsatz ausreichte. Unpraktisch wird es dann, wenn zum Beispiel Abkürzungen verschieden ausgelegt werden. So kann HI als Hämophilus influenzae gelesen werden, oder auch als Herzinsuffizienz. Niemals jedoch als Herzinfarkt, denn das wäre wiederum mit MI, von Myokardinfarkt, abzukürzen. Nachfragen ist in solchen Angelegenheiten eine Pflicht und keine Schande – das Leben von Patientinnen ist viel zu kostbar, um damit Fachidioten-Bingo zu spielen.

Auch wenn sich die meisten Gesprächspartner von Medizinerinnen ab einem gewissen Punkt wie Idiotinnen vorkommen, sind doch meist die Medizinerinnen durch ihr Studium zu Fachidiotinnen verkommen. Griechisch, Latein und Englisch – um sich im vielfältigen Sprachdschungel der Medizin nicht zu verirren, braucht es oft mehr als ein gutes Ohr. Klar macht eine Fachsprache auch Sinn – man kann Inhalte besser und genauer vermitteln, sich z.B. über die genaue Lokalisation und Beschaffenheit von Verletzungen und Krankheiten aus-

Doch auch von anderer Seite droht Gefahr. Sind Ärztinnen nämlich oft noch im Irrgarten des Fachjargons verschollen, schallt es aus ganz anderer Richtung von den Patientinnen. Manchmal wissen die Medizinerinnen dann gar nicht, was die Patientin nun mit Blutsturz meint oder wo für sie der Fuß beginnt (in Schwaben wird grundsätzlich alles unterhalb der Hüfte als „Fuß“ bezeichnet). Gefährlich wird es dann, wenn sie vermeintlich die Patientin genau verstehen oder ihr Unverständnis nicht zugeben wollen. Dann wird am Ende vielleicht sogar


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etwas behandelt, was gar nicht behandlungsbedürftig ist, während die gesundheitsgefährdende Erkrankung übersehen wird. Das Gespräch zwischen Ärztin und Patientin nimmt im klinischen Kontext eine entscheidende Rolle ein. Es hat gleich mehrere Funktionen: es dient der Anamneseerhebung und Erkundung über die Befindlichkeit, informiert die Patientin über Krankheit und Behandlung (Aufklärungspflicht!), wirkt beratend und motivierend und spendet Trost und Mitgefühl. Jede Nachricht hat vier Seiten, sowohl auf der Sender- als auch der Empfängerseite: Sachebene, Selbstkundgabe, Beziehungsebene und Appellebene. Die verschiedenen Nuancen herauszuhören kann schwierig sein, so kann sehr leicht eine Sachaussage auf die Beziehungsebene gehoben und dementsprechend emotionalisiert werden oder Aussagen werden über das Selbstoffenbarungsohr psychologisiert („Das sagst du ja nur, weil du...“). Gestik und Mimik spielen eine weitere, nicht zu unterschätzende Rolle, da man niemals nicht kommunizieren kann, auch wenn es nur ein leerer Gesichtsausdruck ist, der von anderen Menschen mit ihren eigenen Zuschreibungen bemalt wird. Ein spezifisches Problem der Ärztin-Patientin-Kommunikation ist, dass sie grundlegend asymmetrisch ist. Asymmetrische Kommunikation bezieht sich auf einen unterschiedlichen Wissenstand und unterschiedliche Chancen, das Gespräch zu bestimmen. Ärztin und Patientin befinden sich in einer Diensleistungssituation, in der die Ärztin über mehr Wissen verfügt und der Patientin gegenüber eine höhergeordnete Position innehat. Ziel der Kommunikation ist es daher, die Patientin zu informieren und aufzuklären und so die Asymmetrie zu verhindern. Gelingt dies nicht, können die folgenden Informationsdefizite schlechtere subjektive Befindlichkeit, mehr Angst, höhere physiologische Stressreaktionen, höherer Schmerzmittelverbrauch, höhere postoperative Komplikationsrate, mehr Komplikationen während schwieriger diagnostischer Eingriffe auslösen. Darüber hinaus trägt erwiesenermaßen eine gute Kommunikation zwischen Ärztin und Patientin zur allgemeinen Zufriedenheit der Patientin bei (Wanzer et al 2004 ; Clark 2003 ; Asnani 2009). Dies kann dazu führen, dass Patientinnen sich eher an die Vorgaben der Ärztin halten und ein Ver-

In Kambodscha werden Raucher gerne ausgelöscht... trauensverhältnis geschaffen wird, in dem Informationen offen weitergegeben werden. Eine Studie von Peterson et. al. (1992) suggeriert, dass der Großteil der für die Diagnosestellung relevanten Informationen in der Anamnese gesammelt werden. Die Genauigkeit dieser Diagnose hängt demnach substantiell mit dem Entgegenkommen der Patientin zusammen. Auch die Bereitschaft der Patientinnen, Klage einzureichen, steigt mit ihrem Gefühl, nicht in die äztlichen Entscheidungsprozesse eingebunden zu sein und mit ihren Bedürfnissen nicht gehört zu werden (Huntington et al 2003; Beckman et al 1994). Durch das enge Zeitmanagement in den Kliniken können Patientinnen ihre Geschichte oft nicht in einem ihnen genehmen Tempo erzählen – Unterbrechungen und Ungeduld der behandelnden Ärztin können dazu führen, dass Informationen, die als nicht wichtig erachtet werden, unterschlagen werden, was zu Fehldiagnosen führen kann. Aber auch innerhalb des ärztlichen Teams kann es zu Kommunikationsschwierigkeiten kommen, die zu Behandlungsfehlern führen können. Eine respektvolle Kommunikationskultur zwischen Ärztinnen und Pflegerinnen kann Fluktuation vermindern und die Jobzufriedenheit erhöhen, was sich auch auf die Patientinnenzufriedenheit auswirkt (Lein et al 2007; DiMeglio et al 2005).

Sprache als Behandlungshindernis? Die Sprachbarriere zwischen Ärztin und Patient ist so gering wie möglich zu halten. Ganz ausmerzen lassen wird sie sich wohl nicht, wenn man die dialektisch geprägten Sprachanwendungen und variierenden Wortschätze auch innerhalb eines national-

staatlichen Raumes wie z.B. Deutschland miteinbezieht, doch wird sie manchmal zwischen anderssprachigen Patientinnen und ärztlichem Personal zum unüberwindlichen Hindernis. Eine besondere Schwierigkeit hierbei liegt im Hinblick auf Migrantinnen bei der Beschaffung von Dolmetscherinnen. In den meisten Fällen führt dieser Mangel dazu, dass Verwandte für die Patientin übersetzen. Insbesondere wenn Geflüchtete durch verschiedenste Gründe wie die Flucht oder ihre Fluchtgründe traumatisiert wurden, kann es dem angemessenen therapeutischen Umgang mit ihnen im Wege stehen, wenn Angehörige als Übersetzerinnen dienen. Bestimmte zwischengeschlechtliche Themen, wie unter anderem genderspezifische Gewalterfahrungen, lassen sich schwer durch ein männliches Familienmitglied vermitteln, aber auch das Recht auf Autonomie kann in diesem Kontext nur schwer gewahrt werden. Zudem besteht die Gefahr, dass die Angst vor möglichen Konsequenzen die Patientinnen über für ihre Gesundheit relevanten Ereignisse schweigen lässt. Insbesondere wenn Kinder für ihre Eltern übersetzen, kann dies das Autoritätsgefüge innerhalb der Familie verschieben. Dies kann unter anderem dazu führen, dass therapeutische Anordnungen möglicherweise nicht mit derselben Verbindlichkeit behandelt werden, wie ohne diesen zusätzlichen Kommunikationsschritt. Nicht zuletzt können durch Amateurübersetzerinnen interkulturelle Verständigungsschwierigkeiten nur schwer aufgefangen werden. Nicht überall auf der Welt werden Symptome der gleichen Krankheit in gleicher Weise beschrieben und es ergeben sich kulturelle Unterschiede in der Wortwahl. In China beispielsweise wird für

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Auch in die Werbung hat sich das Kommunikationsdilemma eingeschlichen. psychiatrische Krankheiten nicht die DSMKlassifikation verwendet, sondern das CCMD (Chinese Classification of Mental disorders), welches eine ähnliche Struktur wie die ICD- und DSM-Klassifikation besitzt und zusätzlich kleine Abweichungen in Diagnosekriterien und mehrere kulturspezifische Krankheitsbilder aufweist. Statt Depression wird in China die weniger stigmatisierende Diagnose von Neurasthenie (auch bekannt als „shenjing shuairuo”) gestellt, die sowohl körperliche als auch emotionale Komponente, wie eine niedergedrückte Stimmung, umfasst. Chinesinnen neigen kulturbedingt dazu, emotionale Probleme somatisch darzustellen, und es fügt sich besser in ihre Vorstellung von Krankheitsentstehung durch Ungleichgewicht zwischen Vitalorganen und innerhalb des „Qi“ ein, ihre seelischen Beschwerden unter eine auf den Körper bezogene Diagnose zusammengefasst zu sehen. Wie auch der Döner ein hybrides deutsch-türkisches Produkt ist, nehmen viele Migrantinnen die kulturspezifischen Eigenheiten in Bezug auf Gesundheit und Krankheit mit hinüAntonia Neuberger ber in den deutschen All10. Semester, Mainz tag. Diese außer Acht zu antonia.neuberger@ lassen, ist eine sträfliche web.de Vernachlässigung der indi-

viduellen Patientinnengeschichte, führt aber auf der anderen Seite häufig zu Missverständnissen oder mangelnder Compliance. Professionelle Dolmetscherinnen können helfen, einige der Schwierigkeiten in der Kommunikation mit Patientinnen auszumerzen. Sie sprechen nicht nur sowohl die Sprache der Patientin als auch die der Ärztin sehr gut, darüber hinaus kennen sie sich mit professionellen Begriffen aus und sind im besten Fall auch mit dem Ablauf im Krankenhaus gut vertraut. Des Weiteren begegnen sie dem Fall und den Beteiligten unparteiisch und können im Falle von auftretenden Konflikten als neutrale Vermittlerin dienen. Insbesondere die ungleiche Machtstruktur im Verhältnis von Ärztin und Patientin und kulturelle Unterschiede sorgen für ein potenzielles Minenfeld an Missverständnisse, Frustrationen und Fehlern. Dies kann durch eine professionelle Dolmetscherin als Vermittlerin, wenn nicht ganz vermieden, so doch zumindest reduziert werden. Sprache ist und bleibt das wichtigste Hilfsmittel der Medizin und die Anamnese das wichtigste Diagnosekriterium. Daher ist ein sensibler und kritischer Umgang mit Sprache allen Medizinerinnen dringend ans Herz gelegt. Und das meine ich wortwörtlich

Quellen: • Asnani MR. (2009). Patient-physician communication. WestIndian Med J • Beckman, H. B., Markakis, K. M., Suchman, A. L., & Frankel, R. M. (1994). The doctor-patient relationship and malpractice. Lessons from plaintiff depositions. Archives of Internal Medicine • Clark, P. A. (2003). Medical practices’ sensitivity to patients’ needs: Opportunities and practices for improvement. Journal of Ambulatory Care Management • DiMeglio K, Lucas, S. Lucas, & Padula, C. (2005). Group Cohesion and Nurse Satisfaction. Journal of Nursing Administration • Huntington, B., & Kuhn, N. (2003). Communication gaffes: A root cause of malpractice claims. Baylor University Medical Center Proceedings • Lein C., & Wills CE. (2007). Using patient-centered interviewing skills to manage complex patient encounters in primary care. American Academy of Nurse Practitioners • Peterson, M. C., Holbrook, J., Von Hales, D., Smith, N. L., & Staker, L. V. (1992). Contributions of the history, physical examination and laboratory investigation in making medical diagnoses. Western Journal of Medicine • Wanzer, M. B., Booth-Butterfield, M. & Gruber, K. (2004). Perceptions of health care providers’ communication: Relationships between patient-centered communication and satisfaction. Health Care Communication Die weibliche Form steht in diesem Text stellvertretend für alle anderen Geschlechtsformen. Ich habe dies bewusst gewählt, um den subtilen Einfluss, den Sprache auf uns haben kann, deutlich zu machen. Furore hatte zuletzt die Universität Leipzig damit ausgelöst, in ihrer Grundordnung nur die weibliche Funktionsbezeichnung zu verwenden.


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Solidarische Gesundheitsarbeit in Thessaloniki Medizinische Versorgung durch ehrenamtliche Kollektive: Grundlage für eine neue Gesellschaft

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hy are we doing this? Because we cannot live otherwise. We cannot care only for ourselves. Because we believe that another society can exist.“ Zwei Tage nach dem Referendum in Griechenland. Eine überraschend große Mehrheit hat „Ochi“, „Nein“, zur Austerität gesagt. Von Felix Ahls

Ich habe Menschen in Thessaloniki getroffen, die sich zu einer feiernden Demonstration trafen, solche, die erschöpft waren nach einer harten Woche der Mobilisierung, die sich nicht entscheiden konnten welches Gefühl sie mir beschreiben sollten und solche, die zwar mit „Ochi“ gestimmt haben, aber keine Feiern auf den Straßen ertragen würden. Denn die soziale Krise nach sieben Jahren Wirtschaftskrise, nach fünf Jahren der Austeritätspolitik, hat weder der Regierungsantritt von Syriza m Februar spürbar gelindert, noch wird nach dem, in die Geschichte der EU eingehenden, Referendum schnell eine Erleichterung eintreten. Die nächsten Wochen und Monate werden politisch kompliziert, kräftezehrend und die Menschen in Griechenland werden weiter leiden.

Weil alle leiden: Eine Klinik für alle. Zwei Tage nach dieser möglichen Wende im Umgang mit der europäischen Wirtschaftskrise sind die Aktiven der sozialen Bewegungen in Griechenland sehr beschäftigt. Trotzdem treffe ich im Κοινωνικό Ιατρείο Αλληλεγγύης (KIA), der Sozialen Klinik der Solidarität, eines ihrer Mitglieder. Die KIA wurde im November 2011 eröffnet, als Reaktion auf die sich verschärfende humanitäre Krise. Im Winter zuvor haben mehrere hundert nach Griechenland immigrierte Menschen, auch in Thessaloniki, mit einem Hungerstreik für die ihnen verweigerten Rechte gekämpft. In der Unterstützung dieses Protests haben sich die ersten Mitglieder der KIA kennengelernt und bald beschlossen einen permanenten Ort der primären Gesundheitsversorgung zu schaffen, der als Gegenwehr verstanden werden sollte. Gegen die Erosion der sozialen Rechte, die mit den Sparauflagen der Troika und der damaligen griechischen Regierung

einhergegangen waren und bisher über ein Drittel der Bevölkerung ohne Krankenversicherung zurückgelassen haben. Waren es zu Beginn in erster Linie Migrant*innen ohne gültigen Aufenthaltsstatus, die von den Mitgliedern der KIA versorgt werden sollten, kamen schnell auch Menschen mit griechischem Pass, mittlerweile sogar solche, die noch eine Krankenversicherung bezahlen können. Denn durch Personalabbau, gekürzte Ausgaben und, nach dem Aussetzen der Kreditzahlungen durch die Troika, auch schlicht der Mangel an Geld, können die staatlichen Krankenhäuser und Vertragsärzt*innen nicht einmal mehr die Versorgung der Versicherten sicherstellen. Da viele Menschen aber nichts mehr hinzu zahlen können, kommen sie in die KIA.

Ein politischer Ort. Diese findet man im ersten Stock eines unscheinbaren Gebäudes in der Nähe des Bahnhofs, welches die GSEE, der Dachverband der Gewerkschaften der Arbeitnehmer der Privatwirtschaft, zur Verfügung gestellt hat. An den Wartenden vorbei gelangt man zu zwei Untersuchungszimmern und einem zahnärztlichen Behandlungsraum mit zwei Behandlungsstühlen. Die eine Wand des Empfangsraums ist voll mit Aktenordnern, in denen sich die Geschichten der tausenden Patient*innen befinden, die in den letzten vier Jahren auf Unterstützung angewiesen waren. Daneben befindet sich die Apotheke. Diese Ambulanz soll in ihrer Struktur und ihren Aktivitäten auch ein Gegengewicht sein zur Ökonomisierung des Gesundheitssystems, zur Vereinzelung der Menschen, zur Entwürdigung durch die vorherrschende Struktur der Gesellschaft.

„Hier wirst du als menschliches Wesen behandelt, nicht als Ware.“ Das steht in einem der ausliegenden Hefte, das in sechs Sprachen die kollektive Organisierung der Klinik beschreibt. Es geht um die tägliche Gesundheitsversorgung, ebenso wie um die Bekämpfung der gesellschaftlichen Mängel. In ihrer Erscheinung ähnelt die KIA einer üblichen, vollen Arztpraxis, bis auf den Unterschied, dass das Selbstverständnis als politisch wirkendes Kollektiv sich in aufgehängten Plakaten des antirassistischen Festivals in Thessaloniki widerspiegelt, solchen, die für das „Ochi“ beim Referendum werben, in Fotos von Demonstrationen, z.B. der deutschen Migranten- und Geflüchtetenbewegung, und in zapatistischen Wandmalereien zeigt. Es liegt ein Flyer der selbstverwalteten Fabrik Vio.Me aus, die nach ihrer Besetzung nun durch die Arbeiter*innen geführt wird. Meine Gesprächspartnerin betonte die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Bewegungen von Erwerbslosen, Migrant*innen und Arbeiter*innen, die in den letzten Jahren

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des gemeinsamen Kämpfens gewachsen sind. Demgegenüber wird keine Unterstützung vom Staat, durch Parteien, Kirchen oder Pharmaunternehmen angenommen, weil ihr rein caritativer Ansatz den Prinzipien der KIA widerspricht und Abhängigkeiten verhindert werden sollen. Die Klinik hat keinen rechtlich anerkannten Status als Gesundheitszentrum, arbeitet also seit ihrer Gründung ohne legale Befungnisse. Die KIA besteht zur Zeit aus etwa 200 aktiven Mitgliedern, die sich in die Wochenpläne eintragen, um Menschen zu untersuchen und zu behandeln, im Sekretariat oder der Apotheke zu arbeiten, die sich um Publikationen kümmern oder an Demonstrationen teilnehmen, um politischen Druck zu erzeugen oder kostenlose Behandlungen in Krankenhäusern zu erwirken. Sie sind Psycholog*innen, Physiotherapeut*innen, Ärzt*innen, Rentner*innen und Arbeiter*innen anderer Berufe, die neben Arbeit und anderen Verpflichtungen und trotz der eigenen schwierigen Situation in die Ambulanz kommen um dort zu arbeiten. Es gibt wöchentliche Sprechstunden für Pädiatrie, Dermatologie, Physiotherapie, Neurologie, Psychiatrie, Hals-Nasen-OhrenHeilkunde und tägliche zahnheilkundliche Behandlungen. Außerdem gibt es eine Schwangerschaftssprechstunde und zweimal wöchentlich die Medikamentenausgabe für chronisch Kranke. Außerhalb der Ambulanz existiert ein Netz solidarischer Arztpraxen, von Krankenhausärzt*innen, Apotheken und Laboren, die weitere Fachrichtungen abdecken, teure und aufwendige Untersuchungen oder OpeFelix Ahls rationen ermöglichen solUni Düsseldorf len. Entscheidungen wer10.Semester den im zweimal monatlich felix-ahls@web.de stattffindenden Plenum im Konsensprinzip getroffen,

und die einzelnen Bereiche haben einzelne Komittees, die sich der Organisation der täglichen Arbeit widmen. Die Klinik finanziert Material und Medikamente durch Spenden, die mit Konzerten und Ausstellungen gesammelt werden, von Einzelpersonen, solidarischen Gruppen und die nach dem drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit vor allem von ausländischen, Gewerkschaften stammen. Außerdem durch den Verkauf eines mit viel Arbeit hergestellten Kalenders, der auch Material zur politischen Bildung und internationale Solidaritätsbekundungen enthält.

Eine andere Gesellschaft Nicht nur nach außen wird die Deutungshoheit der herrschenden Politik in Frage gestellt und bekämpft. Im Umgang mit den Menschen, die die Klinik besuchen, soll diesen auch Würde und Selbstvertrauen zurückgegeben werden, indem die Schuld an ihrem Zustand nicht der eigenen Faulheit oder Unfähigkeit zugeschrieben wird, sondern den zerstörerischen gesellschaftlichen Gegebenheiten in Griechenland und Europa. Deshalb ist jede*r dazu aufgerufen in der Sozialen Klinik der Solidarität mitzuarbeiten und Teil zu werden: „Wir sind nicht hier, weil wir gutherzig sind, besser gestellt oder besser Bescheid wissen. Wir sind hier weil wir überleben, uns gegenseitig unterstützen und kämpfen wollen.“ Es soll ein Ort sein, an dem kollektives, solidarisches Leben erfahren werden soll, um eine Grundlage für eine andere Gesellschaft zu bilden. Dass sich in Griechenland nach dem Nein vom Sonntag die Möglichkeit bietet, trotz der bevorstehenden schwierigen Zeiten einen neuen Weg einzuschlagen, das spricht auch aus den Erfahrungen der KIA. Dort haben sie schon zu Beginn der Krise nein zur egoistischen Gleichgültigkeit und Resignation gesagt, um ja zu sagen zu den eigenen Ideen einer gleichberechtigten, freien Lebensweise jenseits der neoliberalen Ideologie von Konkurrenz, Bevormundung

durch Technokraten und zu Tode gesparten Sozialstaaten, die die Menschen von sich und voneinander entfremdet. Leider ist erst Leid, Krankheit und Tod in Griechenland zur Normalität geworden, bis von dort eine kleine Hoffnung ausgehen konnte, die nun auch durch internationale Vernetzung und Solidarität aufrechterhalten werden muss. Es soll in Griechenland zur Zeit über 40 solidarische Gesundheitskollektive geben, die Material und Erfahrungen austauschen und mit anderen kollektiv arbeitenden Orten in Kontakt stehen. Gruppen und Menschen aus dem Rest Europas hat meine Gesprächspartnerin aufgerufen mit Öffentlichkeitsarbeit und finanzieller Unterstützung den Freund*innen und Kolleg*innen in Thessaloniki und Griechenland bei ihrer wichtigen Arbeit zur Seite zu stehen. Die Gemeinsamkeiten in Aufbau und Betätigungsfeld mit den vielen solidarischen, medizinischen und politischen Netzen und Kollektiven in Deutschland, wie Medibüros, Medinetzen und medizinischen Flüchtlingshilfen und die Reisen und Berichte z.B. von IPPNW, dem Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (Vdää) oder Medico International sind dazu eine gute Grundlage. Noch einmal in eigenen Worten: „We are here to breathe free air. We need you as much as you need us. In order to defend life over death. In order to defend the Us against the human jungle that dominates out there.“ Kontakt: KIA – Κοινωνικό Ιατρείο Αλληλεγγύης Aisopou 24, 546 25 Thessaloniki 0030 (0)2310 520 386 koinwniko.iatreio@gmail.com


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Transkulturelle Psychiatrie Einblicke in die Arbeit mit traumarisierten Patient*innen am LVR-Klinikum Düsseldorf

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aut Amnesty International wurden in 2012 Menschen in 112 Ländern misshandelt und gefoltert. Obwohl es eine eindeutige Rechtsgrundlage gibt, die Folter verbietet, basierend auf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahr 1948, der Verabschiedung des Abkommens gegen Folter (CAT) 1984 und der Implementierung des UN-Ausschusses gegen Folter. In Deutschland kommen Ärzt*innen vor allem durch die Arbeit mit Flüchtlingen mit dem Thema Folter in Berührung. Von Julia Weber

Sei es im Rahmen eines alltäglichen Arzt-Patienten-Kontaktes, als Psychiater*in in der Traumatherapie oder bei der Arbeit in einem der spezialisierten, transkulturelle psychiatrischen Zentren. Wenn es sich bei dem Folteropfer um eine/n Asylberwerber*in handelt, ist besonders die Erstellung eines Gutachtens für das Asylverfahren von großer Bedeutung für den Schutz der Patientin oder des Patienten. Denn durch die UN-Konvention ist auch festgelegt, dass Menschen, die wegen Folter aus ihren Heimatländern geflohen sind, nicht dorthin zurückgeschickt werden dürfen. Grundlage für die Erstellung dieser psychiatrischen Gutachten ist das Istanbul-Protokoll. Beispielhaft für die verschiedenen spezialisierten psychiatrischen Zentren, in denen Menschen mit Migrationshintergrund bei jeglicher Art von psychiatrischen Erkrankungen professionelle Hilfe finden können, ist die transkulturelle psychiatrische Ambulanz in Düsseldorf. Dr. Ljiljana Joksimovic arbeitet dort als leitende Oberärztin und gibt einen spannenden Einblick in ihre tägliche Arbeit.

Wie ist die transkulturelle Ambulanz in Düsseldorf aufgebaut? Unsere transkulturelle Ambulanz ist Teil der Institutsambulanz der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des LVR-Klinikums Düsseldorf. An der Versorgung von Patient*innen mit Zuwanderungs- bzw. Fluchtgeschichte sind alle Ambulanzmitarbeiter*innen beteiligt. Sieben Kolleginnen und Kollegen haben jedoch ihren Arbeitsschwerpunkt in der transkulturellen Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie. Sie bieten muttersprachliche Psychotherapie u.a. in Albanisch, Bosnisch, Kroatisch, Kurdisch, Farsi, Persisch, Türkisch und

ständnisse und Einstellungen zur Gesundheit, Kommunikationsformen, gesundheitsund krankheitsrelevante Gewohnheiten von Menschen aus anderen Ländern, Kulturen und Gesellschaften zu kennen und dieses Wissen professionell, dass heißt neutral, aber empathisch und nicht bewertend, bei der Diagnostik und Therapie zu berücksichtigen. Außerdem gehört zur transkulturellen Kompetenz in der Psychotherapie, die Emotionen der Menschen aus anderen Kulturen zu kennen und diese in therapeutischer Weise so erreichen zu können, dass es zu seelischen Veränderungen im Sinne einer Genesung kommen kann.

Serbisch an. Außerdem arbeiten sie mit Sprach- und Kulturmittler*innen für weitere Sprachen. In der Ambulanz Dr. Ljiljana Joksimovic ist Fachärztin werden kultursensible und für Psychosomatische Medizin, Psytraumaspezifische Erstgechotherapie und Psychoanalyse, spräche zur Diagnostik und EMDR-Therapeutin und hat den ZuIndikationsstellung angesatz studiengang Gesundeitswissenboten. Nach der diagnosschaft und Sozialmedizin / Public Health tischen Abklärung erhalten in Düsseldorf abgeschlossen. Ihre ArPatient*innen folgende Bebeitsschwerpunkte sind Psychotrauhandlungsangebote: matologie, Belastungen am ArbeitsÄrztliche psychosomatischplatz und Gesundheit, Versorgungspsychotherapeutische oder forschung, transkulturelle Psychopsychologisch-psychotheratherapie und soziale Ungleichpeutische niederfrequente heiten und Gesundheit. Psychotherapie nach dem Kontakt: Ljiljana.Joksimovic@lvr.de sogenannten „Düsseldorfer Modell“, Beratungsgespräche, KriseninterDie Kolleg*innen müssen auch qualifiziert ventionen, gruppenpsychotherapeutische sein, die Beratung und Therapie unter EinAngebote, psychopharmakologische Versatz von geschulten Sprach- und Integrasorgung unter Berücksichtigung der kulturtionsmittlern durchführen zu können. Ganz bedingten Einstellungen zu Medikation, kulwichtig ist die Bereitschaft der Kollegen*intursensible kunsttherapeutische Angebote nen, ihren eigenen kulturellen Hintergrund sowie EMDR-Therapie. und die damit zusammenhängenden Prägungen zu reflektieren, sich kontinuierlich Die Behandlungen werden je nach Verfortzubilden und an transkulturellen Supersichertenstatus der Patient*innen über eine visionen teilzunehmen. Neben dem Wissen Behandlungspauschale der gesetzlichen aus der Psychologie und Medizin sind in der Krankenversicherung oder über SozialämArbeit mit Menschen mit Zuwanderungster finanziert. Die Entwicklung von neuen und Fluchtgeschichte das Wissen aus den Angeboten sowie die Konzeptentwicklung Gebieten der Ethnologie, medizinischen Sowird zum Teil durch die Finanzierung aus ziologie, der Ethik und der Geschichte von Drittmitteln, wie zum Beispiel aus dem Eurogroßem Vorteil. päischen Flüchtlingsfond, ermöglicht. Wie gehen Sie mit Sprachbarrieren bei Ihrer täglichen Arbeit um? Wie bereits erWelche Vorraussetzungen müssen die wähnt, wird die Sprachbarriere verschieärztlichen und psychologischen Mitarbeidentlich überwunden. Zum einen arbeiten ter*innen in der transkulturellen Ambulanz in unserer Ambulanz Kollegen*innen, die erfüllen? Neben der allgemeinen therapeuPsychotherapie in vielen Sprachen anbietischen Kompetenz benötigen die Mitarbeiten können, zum anderen haben wir das ter*innen eine transkulturelle Kompetenz. Glück mit der Unterstützung des KlinikträDas bedeutet im Einzelnen Krankheitsver-

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gers geschulte Sprach- und Integrationsmittler*innen einsetzen und finanzieren zu können. Aber viele unserer Patient*innen sprechen auch ausreichend gut Deutsch, sodass die Therapien mit geschultem Personal möglich sind. Bei der transkulturellen Psychotherapie geht es z.B. auch darum zu lernen, Menschen, die mit starkem Akzent und eher gebrochenem Deutsch sprechen trotzdem gut verstehen zu können und diese zu unterstützen, ihr Sprachwissen in der therapeutischen Sitzung maximal einsetzen zu können.

Suchen auch Asylbewerber*innen und Menschen ohne Papiere bei Ihnen Hilfe? Unsere Hilfe suchen auch Menschen, die sich im Asylverfahren befinden, meines Wissens gab es bisher keine Anfragen von Menschen ohne Papiere. Wie gestaltet sich Ihre Zusammenarbeit mit Jurist*innen im Rahmen eines Asylverfahrens eines/r ihrer Patient*innen? Nach Anfragen von Juristen und Gerichten werden unsererseits Stellungnahmen und Gutachten geschrieben. Je nach Kontext kann dies die Arzt-Patient-Beziehung belasten. Es ist hilfreich, wenn Jurist*innen und Ärzt*innen/Psychotherapeut*innen sich austauschen und die jeweilige Perspektive der anderen Berufsgruppe kennen. So können z.B. juristische Fragen so gestellt werden, dass sie aus ärztlicher Sicht besser und präziser zu beantworten sind. Wie ist der genaue Ablauf zur Erstellung eines Gutachtens auf Basis der Standards zur Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen? Wenn wir einen Auftrag zur Erstellung eines Gutachtens zur Begutachtung psychoreaktiver Traumafolgen erhalten, werden im Vorfeld einige Fragen geklärt, wie z.B. ob der Auftraggeber uns alle ihm vorliegenden Informationen übermittelt hat, ob wir uns gegenüber der zu begutachtenden Person voreingenommen fühlen, ob wir die Fragestellungen beantworten können, welche Sprache die/der zu Begutachtende spricht und ob qualifizierte Sprach- und IntegrationsJulia Weber mittler*innen für diese Humanmedizin, Sprache einbezogen wer10. Semester, Mainz jweber06@students. den können etc. In der uni-mainz.de Regel finden dann zwei bis

drei psychodiagnostische Gespräche statt, welche die Erhebung des Beschwerdebildes, der biographischen Anamnese, des psychopathologischen Befundes und des klinischen Interviews beinhalten. Ergänzend hierzu werden Testbatterien vorgelegt und die Vorbefunde ausgewertet. Das geschieht in der Regel im ersten Gespräch. Im zweiten Gespräch kommt es zu einer vertieften Diagnostik und es werden Fragen gestellt, die gezielt der Beantwortung der gutachterlichen Fragen dienen. Auch die Fragen nach Simulation oder Aggravation des zu Begutachtenden werden mit besonderer Sorgfalt analysiert. Nicht selten ist eine stabilisierende therapeutische Intervention notwendig, auch in der Gutachterrolle, insbesondere wenn es zu einer Symptomverschlechterung im Zuge der Begutachtung kommt. Daher ist es wichtig, bei schwer traumatisierten Patient*innen Gutachter zu bestellen, welche selbst traumatherapeutisch versiert sind. Bei komplexen Fragestellungen und bei Komplikationen, wie z.B. schwerer Symptomverschlechterung durch die Begutachtungssituation, ist ein dritter Untersuchungstermin mit etwas mehr Abstand von den ersten beiden Terminen oft sinnvoll und notwendig.

Inwieweit findet das Istanbul-Protokoll Eingang in Ihre tägliche Arbeit? Das Istanbul-Protokoll ist ein von den vereinten Nationen anerkannter Standard für die Untersuchung und Dokumentation von Folter, das in jedem Fall eine komplette physiologische und psychologische Untersuchung der/des zu Begutachtenden empfiehlt. Es findet als eine Art Leitlinie auch in unserer Arbeit Berücksichtigung. Auch wenn wir die psychischen Folgen der Folter und Trauma in der Regel begutachten. Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf bei der Diagnostik und Behandlung psychisch erkrankter Menschen mit Migrationshintergrund? Der Verbesserungsbedarf liegt m.E. im Bereich der Erhöhung von Behandlungskapazitäten und einer Erweiterung der transkulturellen Kompetenzen in den Einrichtungen der medizinischen Regelversorgung. Nehmen Sie als Person oder als Institution am öffentlichen Diskurs zur Migration in Deutschland teil? Die Arbeit mit Patientinnen und Patienten, die an Erkrankungen leiden, welche z.T. mit der Dramatik der gesellschaftlichen Veränderungen einhergehen, oder z.B. durch Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen begünstigt wer-

den, ist immer auch eine politische Arbeit. Wir setzen uns für unsere Patient*innen ein und versuchen u.a. im Rahmen von Forschungsaktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit etc. auf den besonderen Bedarf und die Risiken der Patient*innen mit Migrationshintergrund hinzuweisen. Persönlich bin ich als Vorsitzende des Dachverbandes für Transkulturelle Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum darum bemüht, in verschiedenen Bereichen für das Thema zu sensibilisieren. Weitere Infos findet Ihr unter www.baff-zentren.org oder unter www.transkulturellepsychiatrie.de

Quellen: Amnesty International. Amnesty Report 2013: Daten und Fakten zum aktuellen Stand der Menschenrechte in 159 Ländern der Welt. http://issuu.com/amnesty_de/ docs/air2013_facts/2?e=1450734/2520103 [Stand: 26.09.2015]. Amnesty International. Themenkoordinationsgruppe gegen Folter. http://www.amnesty-gegen-folter.de/ Main/InfosZuFolter [Stand: 21.09.2015]. Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer. http:// www.baff-zentren.org/behandlungszentren/ [Stand: 29.09.2015]. Dachverband der transkulturellen Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum e.V. http://www.transkulturellepsychiatrie.de [Stand: 29.09.2015]. Frewer A, Furtmayr H, Krása K, Wenzel T. IstanbulProtokoll : Untersuchung und Dokumentation von Folter und Menschenrechtsverletzungen. 2. Auflage. Göttingen: V&R Unipress 2012. Furtmayr H, Schmolze B, Wenk-Ansohn M. Ärztliche Dokumentation von Folgen der Folter. Verpflichtung im Namen der Menschenrechte. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 111, Heft 20, 16. Mai 2014. Homepage Transkulturelle Psychotherapie und Psychosomatik des LVR-Klinikums Düsseldorf. http:// www.klinikum-duesseldorf.lvr.de/de/nav_main/fachgebiete/psychosomatik/transkulturelle_angebote/Inhaltsseite_KV.html [Stand: 26.09.2015]. SBPM – Standards zur Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen (in aufenthaltsrechtlichen Verfahren). Herausgegeben von der Bundesärztekammer. Überarbeitete Fassung. Berlin: August 2012. Übereinkommen gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (Convention against Torture and Other Cruel, Inhuman or Degrading Treatment or Punishment (CAT)) vom 10.12.1984. Resolution 39/46 der Generalversammlung der UNO. In Kraft getreten am 26.06.1987.


Politik und Gesllschaft

Neue sichere Herkunftsstaaten Lebenswirklichkeit trifft deutsche Bürokratie

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in knappes Jahr nach der Erklärung von drei weiteren Ländern des Balkans zu „sicheren Herkunftsstaaten“ hinterfragt fast niemand mehr die Richtigkeit der Entscheidung. Vielmehr ist man froh, die potenzielle Anzahl von Flüchtlingen reduziert zu haben und betont bei jeder Gelegenheit die Schärfe, mit der man diese wegbereitende Entscheidung umsetze. Aber entspricht es der Realität, dass Menschen aus diesen Staaten keine Gründe zum Kommen haben, die unter unsere Asylgesetze fallen? Kann man tatsächlich von einem Staatssystem ausgehen, welches allen seinen Minderheiten den gleichen sozialen Schutz, Zugang zu Bildung und gesundheitliche Versorgung zukommen lässt? Von Mariella Loock

Am 8. November 2014 wurden Serbien, Mazedonien sowie Bosnien und Herzegowina per Gesetz zu sicheren Herkunftsstaaten. Ziel war, Asylanträge von dort schneller bearbeiten zu können, das heißt, ohne lange Prüfung ablehnen zu können. Denn Flüchtlinge aus sicheren Herkunftsstaaten haben pauschal kein Recht auf Asyl: Es wird angenommen, dass in diesen Ländern niemand schutzlos Verfolgungen aufgrund seiner Religion, Rasse, Nationalität, politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe ausgeliefert ist. Die öffentliche Debatte ähnelt hier häufig dem Resultat einer einfachen Schwarzweiß-Schablone: Da gibt es die guten Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, die wirklich um ihr Leben fürchten müssen und echte Gründe haben, nach Deutschland zu kommen. Und es gibt die bösen Flüchtlinge vom Balkan, auch „Wirtschaftsflüchtlinge“ genannt, die schlichtweg zu faul zum Arbeiten sind und sich auf Kosten unseres Sozialsystems ein gutes Leben machen wollen. Sie sind lediglich arm, müssen aber keinesfalls um ihr Leben fürchten und haben daher auch keine nachvollziehbaren Gründe, hier Asyl zu beantragen. Befeuert wird diese Sicht der Dinge durch die regelmäßigen medienwirksamen Aussagen unseres Innenministers, in denen er die nötige schnelle Abhandlung der Asylverfahren dieser Wirtschaftsflüchtlinge beschwört, da ihre Versorgung für unser Sozialsystem untragbar sei und es demnach bei einer Fortführung dieser mittelfristig kollabieren würde. Um bei der medialen Dominanz dieser Erklärungen dennoch zu einer objektiven Meinung zu gelangen, lohnt es sich, einen Blick in den Report der European Commission against Racism and Intolerance zu werfen, welcher in regelmäßiger Überarbei-

tung zu diesem Thema erscheint. Ebenfalls empfehlenswert ist der ausführliche Amnesty International Bericht über Roma in Serbien („Home Is More Than A Roof Over Your Head“). Der Report entstand zwischen 2010 und 2011, basierend auf Interviews mit Betroffenen, nationalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen sowie Regierungsvertretern. Im Folgenden werden die wichtigsten Erkenntnisse dieser beiden Berichte zusammengefasst wiedergegeben. Eine Bewertung der eingangs genannten Entscheidung, die drei Balkanländer zu sicheren Herkunftsstaaten zu erklären, sei anschließend jedem selbst überlassen. Die meisten der Balkanflüchtlinge gehören zur Gruppe der Roma. Den Anfang nimmt die Diskriminierung dieser sozialen Gruppe in dem Tatbestand, dass sie oftmals nicht mit Papieren ausgestattet werden. Betroffen sind hier häufig Roma, welche in den Balkankriegen aus ihren Heimatländern vertrieben wurden und als Flüchtlinge in einem Nachbarland leben sowie deren Kinder und Kindeskinder. Ohne Papiere können sie nicht auf ihr Staatsgebiet zurück – und die Anmeldung beim Amt kostet unverhältnismäßig viel Geld. Somit verweigert man ihnen jegliche Rechte: Sie können keine medizinische Versorgung in Anspruch nehmen, keinen Anwalt engagieren, nicht wählen, nicht zur Schule oder in andere Ausbildungsstätten gehen, nicht legal arbeiten und keine Anklage gegen Diskriminierungen erheben. Kurz: Sie haben keine Stimme in der Gesellschaft und der Politik. Das gilt vor allem für die Roma im Kosovo und die Rückkehrer aus westlichen Ländern, wo sie mitunter vergeblich Asylgesuche gestellt haben. Viele sind schwarz als Händler oder Ähnliches

beschäftigt. Sie können sich daher nicht einmal mindestversichern oder Hilfen vom Staat beantragen. Das UNHCR (Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen) hat in Serbien zwischen 2005 und 2010 2.000 Roma gezählt, die bei ihrer Geburt nicht registriert wurden. Dies entspricht vermutlich 5% der dort lebenden Roma. Diese Tatsache erlaubt den jeweiligen Regierenden, die sich gesetzlich sowie in den äußerst fortschrittlichen Verfassungen der Balkanländer der Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet haben, menschenrechtswidrige Aktionen gegen die Minderheitsbevölkerung der Roma durchzuführen. Am meisten leiden diese mit Sicherheit unter den Zwangsräumungen ihrer inoffiziellen Wohnstätten. Aufgrund ihrer immensen Armut leben viele Roma in diesen Ländern teils in Verschlägen, teils in Containern, teils in eilig aufgebauten Hütten, die nicht mehr Schutz bieten als ein Dach über dem Kopf. Den Regierenden sind diese slum-artigen Siedlungen ein Dorn im Auge, lenken sie doch den Blick auf Armut und Missstände des Landes. Anliegende Bewohner nehmen sie als Bedrohung wahr. Daher muss die Regierung nicht mit Widerspruch rechnen, wenn sie Roma ohne vorherige Warnung aus ihren Behausungen vertreibt, oft, ohne dass ihnen eine Wohnalternative geboten wird. Teilweise ziehen sie daraufhin wieder in illegale Häuser. Oder aber sie werden an den Rand der Großstädte umgesiedelt, wo sie in Metallcontainern leben, wie beispielsweise in Belgrad, Serbien. Dies geschieht oft unter Anwendung von Gewalt, da die Bewohner ihre Hütten nicht verlassen wollen. Unter dem Schutz des Gesetzes stehen die Räumungen seit August 2009, aber in der

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Politik und Gesllschaft

Asylanträge in Deutschland 2014

Praxis sind sie schon deutlich länger Realität. Verschiedene NGOs haben bereits 2002 auf die Räumungen aufmerksam gemacht. Dem Problem der völlig verarmten und perspektivlosen Roma nimmt sich die Politik jedoch bis jetzt nicht ernsthaft an. Amnesty attestiert daher vielen Roma unter den gegebenen Umständen keine andere Möglichkeit, als in den illegalen Siedlungen zu leben – ein Grund dafür, dass viele sich gezwungen sehen, das Land zu verlassen, um ein selbstbestimmtes Leben unter menschenwürdigen Bedingungen führen zu können. Das Recht auf ein solches Leben sichert die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948) eigentlich einem jeden zu. Da Armut langfristig nur mit Bildung bekämpft werden kann, wäre dies wohl ein sinnvoller Ansatzpunkt zur Integration der Minderheit ins staatliche System und damit Lösung des Problems auf nationaler Ebene.

Mariella Loock Masterstudentin Politikwissenschaft Jena Asyl e.V. Jena info@asyl-jena.de

Trotz einiger Programme zur Förderung der Bildung von Roma, versäumte es die serbische Regierung aber zum Beispiel bisher, Roma flächendeckend ins Schulsystem zu integrieren. Zunächst betrifft dies natürlich die Kinder, welche gar nicht erst registriert worden sind. Aber auch die übrigen sind überwiegend schlecht integriert. Dies liegt zum einen daran, dass die Roma-Familien ihre Kinder nicht auf die landesüblichen Vorschulen schicken, in denen sie auf die Schule vorbereitet werden sollen und niemand es ihnen nahelegt. Aufgrund dessen schneiden die Roma-Kinder

Quelle: BAMF

in den obligatorischen Einschulungstest oft schlecht ab oder bestehen gar nicht. Anstatt sie aber gezielt zu fördern, werden sie deshalb oftmals auf Sonderschulen geschickt, in denen ihnen höhere Bildung gänzlich versagt bleibt. Zum anderen streben die Bildungseinrichtungen auch keine Multikulturalität an, akzeptieren vor allem die Sprache der Roma nicht. Lehrer verteidigen Roma-Kinder oft nicht vor den Angriffen der Mitschüler, sondern bestärken diese eher darin, indem sie sie im Unterricht separieren. Bei den anderen Kindern gelten sie häufig als Außenseiter und werden teils mit Gewalt gemobbt. Beschimpfungen und Diskriminierungen sind ständige Begleiter der Kinder. Selbst wenn es einige also auf eine normale Schule schaffen, bleibt ihnen oft strukturell eine echte Chance auf Aufstieg verwehrt. Das Resultat findet sich unter anderem in den Bildungsquoten der Frauen der Roma: 22,6% von ihnen haben in Serbien keine Grundschule besucht; 25,2% ausschließlich eine Grundschule und nur 16,3% haben eine weiterführende Schule beendet (ECRI Report 2010). Sowohl die European Commission against Racism and Intolerance als auch Amnesty International kommen aufgrund ihrer Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass Angehörige der Minderheit der Roma auf dem Balkan systematisch benachteiligt und diskriminiert werden. Der Wortlaut der fortschrittlichen Verfassungen sowie verschiedener Anti-Rassismus-Gesetze, welche die faktische Gleichstellung aller Minderheiten mit der Mehrheitsgesellschaft fordern, weicht nach der Einschätzung Amnestys deutlich von der Lebenswirklichkeit ab oder ist so weitläufig gefasst, dass kein Handlungsbedarf entsteht. So findet beispielsweise die Thematik der Wohnsituation keinerlei Beachtung. Ämter zur Durchsetzung der Vorschriften gelten als chronisch unterbesetzt und -finanziert.

Deutlich wird der politische Unwille zur Veränderung der Situation auch daran, dass die Regierung kaum Statistiken über rassistische Verbrechen erhebt, allen voran Polizeigewalt gegen Roma. Die Erhebungen, die es gibt, sagen zudem nach dem Bericht des ECRI wenig aus. Serbiens Regierung hält dagegen, Roma-Studien an der Belgrader Uni etabliert zu haben sowie ein Radioprogramm in der Sprache der Roma eingerichtet zu haben, um sie über ihre Rechte zu informieren. Darüber hinaus gebe es seit Verabschiedung entsprechender Gesetze mehr Studenten, die Roma sind. Diese müssten keine Studiengebühren bezahlen. 350 Stipendien für Roma-Kinder, die auf eine weiterführende Schule gehen wollen, sollen bereitgestellt sein, sowie spezielle Mentoren in der Grundschule. Die Umsetzung und Auswirkungen dieser Maßnahmen sind unbekannt. Dennoch scheinen diese Reformen die Politiker hierzulande zu überzeugen, die betreffenden Länder pauschal als sichere Herkunftsstaaten einzustufen. Es wirkt mitunter, als richte sich die Bewertung eher nach den schriftlich fixierten Rechten und Absichtserklärungen der jeweiligen Regierung als nach der Lebensrealität vor Ort. Denn allen Maßnahmen zum Trotz bleiben Roma auf dem Balkan eine strukturell benachteiligte Minderheit, welcher die primären Rechte vorenthalten werden. Die Zwangsräumungen stellen eine Gefahr für Leib und Leben dar, da sie den Betroffenen jegliche Grundlage zum Leben rauben. Dies wiederum ist nach der Genfer Flüchtlingskonvention ein gerechtfertigter Grund, um Asyl in einem anderen Land zu beantragen. Vieles spricht nach den genannten Berichten dafür, Roma auf dem Balkan als diskriminierte Minderheit anzuerkennen, deren Mitglieder Verfolgung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe erleiden müssen. Es ist dabei offensichtlich, dass sie vom Staat keinen Schutz erwarten können. Wie ein jeder dabei zu unserer Verantwortung für diese Gruppe auch denken mag – in jedem Fall steht ihnen nach dem Gesetz ein ordentliches und auf den Einzelfall bezogenes Verfahren zu, in dem ausführlich geprüft wird, ob Gründe für die Vergabe von Asyl vorliegen. Wenn ja, muss ihnen Asyl nach internationalem und deutschem Recht gewährt werden.


Politik und Gesllschaft

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Psychotherapeut*innen: Mischt Euch ein! Die Bereitschaft, sich gesellschaftlich zu engagieren, nimmt zu.

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n Deutschland scheint es jüngst einen weit verbreiteten Wunsch nach gesellschaftlichem Engagement und Partizipation zu geben: Die aktuell stark gestiegenen Flüchtlingszahlen treffen auf eine deutlich gewachsene Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement. Und bereits Ende 2010 wurde der Essay „Empört Euch!“ von Stephane Hessel binnen kurzer Zeit zum Bestseller. Er ruft darin dringend zum Mitdenken und zum politischen Widerstand auf. Von Lea Dohm

Die IPPNW macht seit ihrer Gründung 1980 den Mund auf. Während der Fokus hier auf der Abrüstung nuklearer Waffen liegt, werden aktuelle Themen nicht ausgespart: Flüchtlinge, Ukraine, Türkei und viele mehr. Auch Gründungsmitglied Horst- Eberhard Richter nahm als Psychoanalytiker immer wieder Stellung zu aktuellen Anlässen. So ist zum Beispiel sein Engagement gegen den Irakkrieg 2003 vielen in Erinnerung geblieben. Auch seine Kulturanalysen befassten sich mit der Reflexion aktueller Denkströme und Massenphänomene, wobei er psychoanalytische und sozialphilosophische Themen miteinander verband. In der Psychologie hat die Zusammenarbeit mit Soziologen und Philosophen lange Tradition. Vor allem in der Sozialpsychologie finden Gruppenprozesse und Themen wie soziale Rollen, Einstellungen, Emotion, Kommunikation und Gruppendynamiken zentrale Beachtung. Sigmund Freud, als der Begründer der Psychoanalyse verfasste große kulturtheoretische und -kritische Schriften, die ihren Höhepunkt 1929 in „Das Unbehagen in der Kultur“ fanden. Er versuchte zudem in seiner Triebpsychologie die bösen, destruktiven, aggressiven Anteile des Menschen zu begreifen. Bekannt ist auch Freuds Briefwechsel mit Albert Einstein, in dem sich beide darüber austauschen, welche Möglichkeiten die Wissenschaft habe, Kriege zu verhindern. Fortgesetzt und erweitert wurden derartige, gesellschaftskritische Forschungsarbeiten unter anderem am Frankfurter Institut

für Sozialforschung. So fand zum Beispiel die Studie zum Autoritären Charakter von Theodor Adorno und Max Horkheimer große Beachtung. Zudem war die daraus folgende „Kritische Theorie“ für die 68er Bewegung von zentraler Bedeutung. Die Stimme der gegenwärtig praktizierenden Psychotherapeut*innen scheint indes erstaunlich leise zu bleiben. Psychotherapeutische Berufsverbände befassen sich aktuell mit Honorarverhandlungen oder der universitären Direktausbildung. In den Berufsverbänden scheint ein gesellschaftspolitisches Engagement nicht vorgesehen. Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) veröffentlicht regelmäßige Stellungnahmen zu speziellen Versorgungsaspekten wie die psychotherapeutische Versorgung von Flüchtlingen, psychisch kranken Straftätern oder in Hospizen und Pflegeheimen. Sie ist Mitbegründer der neuen Initiative „Sprachmittlung im Gesundheitswesen“ (Juli 2015), die sich für eine bessere Versorgung fremdsprachiger Patienten einsetzt. Doch ein Leitmotiv der IPPNW ist es, eine Bedrohung für Leben und Gesundheit bereits im Vorfeld abzuwenden. Dabei soll es eben gerade nicht darum gehen, wie zum Beispiel Opfer von Kriegen oder Folter am besten medizinisch versorgt werden können – sondern wie wir mit friedlichen Mitteln verhindern können, dass es überhaupt zu kriegerischen Auseinandersetzungen und damit einhergehenden Konsequenzen wie Menschenrechtsverletzungen kommt. Und zur Prävention von Gewalt, Krieg und Zerstörung – auch zu einem Abrüstungsprozess oder zur Schaffung von Dialogbereit-

schaft – können unter allen medizinischen Berufsgruppen Psychotherapeut*innen sicherlich außerordentlich viel beitragen! Psychotherapeut*innen beschäftigen sich in ihrem Berufsalltag damit, Kommunikationsprozesse zu fördern, zu vertiefen und gewaltfrei zu gestalten. Der Umgang mit starken Emotionen, schwierigen Charakteren und aufbrechenden Affekten gehört ebenfalls zu unserem Alltagsgeschäft. Durch psychotherapeutische Arbeit werden in vielen Fällen überhaupt erst die Voraussetzungen für eine gelungene Kommunikation geschaffen. Als elementar erscheint hier zum Beispiel die Arbeit an den Ich-Funktionen (Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmung, Selbststeuerung, Bindungsfähigkeit, Kommunikation, Abwehr). In welchen wesentlichen gesellschaftspolitischen oder kulturellen Fragen diese Themen von Bedeutung sein können, liegt auf der Hand. Stephane Hessel schreibt „Wenn man sich über etwas empört, wird man aktiv, stark und engagiert.“ („Empört Euch!“, Ullstein 2011)

Psychotherapeut*innen können sich aktiv, stark und engagiert einbringen.

Lea Dohm Dipl.-Psychologin/ Psychol. Psychotherapeutin, Stadthagen/Hannover leadohm@gmx.de


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IPPNW bundesweit

Was machen die IPPNW-Studierendengruppen und Medinetze in Deutschland? Berlin

Regensburg - Organisation des Studierendentreffens 2015 - Vorträge zu: Krieg in Syrien (Flüchtlinge), Waffenexporte - Buch „Die Verlorene Kunst des Heilens. Anleitung zum Umdenken“ (für das erste Semester) - Kontakt zum Bürgermeister bzgl. Mayors for Peace

Medinetz Rhein-Neckar - Treffen donnerstags 20 Uhr, abwechselnd in Mannheim und Heidelberg, Infos unter: www.facebook.com/MediNetzRheinNeckar - medizinische Versorgung von illegalisierten Patient*innen - Organisation anonymer Geburten/Operationen - Öffentlichkeitsarbeit - geplant: Zahnpflegeschulung von Kindern in Asylbewerberheimen

- Vorträge zu den Themen Zugang zum Gesundheitssystem, Pharmakonzerne, Fukushima, ICAN - Organisation des Europäischen Studierendenkongresses (ESC) - Vortrag mit ICAN und Hibakusha Ende Juni - Filmprojekt: Nuke Busters – Kurzfilm zum Thema AW, Physicians for Social Responsibility (PSR)

Das Jahr Lübeck - bisher ein Treffen - Medical Peace Work - Vorträge organisieren - Bücher zusammen durcharbeiten

Düsseldorf (duesseldorf@ippnw.de) - Vortragsabend „Braucht Gesundheit schwarze Zahlen? Die Rolle der Ärzt*innen im Unternehmen Krankenhaus“ - Stammtisch zum Thema Vergütungssysteme mit einer niedergelassenen Ärztin - ICAN-Aktionstag (Postkartenaktion und Waffelstand) - Stammtisch zum Thema Krankenversicherung - Weihnachtsfeier mit Wichteln - Filmabend: „Uranium – is it a country?“ - Vortragsabend zum Thema Pharmaindustrie - Wahlfach für das WS 2015/16 etablieren: „Soziale Verantwortung im ärztlichen Handeln“ - langfristig geplante Projekte: VL im Rahmen der Pharma-VL an der Heinrich-Heine-Uni zum Thema „Einfluss von Pharmareferenten“; Vortrag über Sinti und Roma (gegen Rassismus im Krankenhaus) in Zusammenarbeit mit STAY!; Refugee Law Clinic in Düsseldorf etablieren; Aktion gegen Kleinwaffen

Leipzig - Treffen mit Input zu Themen wie Nuclear Famine - lesen von Büchern und Artikeln - ICAN-Aktionstag - Zivilklausel: Verpflichtung der Uni, keine Forschungsgelder für Rüstung auszugeben > Kontakt zu Forschungsdekan und Forschungskommission, Filmabend (Dokumentation zur Zivilklausel) - Aktion zum 70. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki - 70.000 Kerzen-Aktion - Video-Marathon


IPPNW bundesweit

Dresden (dresden@ippnw-lists.de) - Bearbeitung von Cases aus dem neuen MedicalPeace-Work-Kurs (Fallstudien, die eine Situation oder Geschichte im Zusammenhang mit medizinischer Friedensarbeit behandeln) - semesterübergreifende Themen Gendermedizin und Migrant*innenmedizin - Besuch des Frauen- und Mädchengesundheitszentrums Medea e.V. - Besuch von Michelle Gin, Studisprecherin aus den USA > Workshop „Maternal Health influenced by Nuclear Weapons“ - Teilnahme am Medinetz-Bundeskongress in Jena

Göttingen - ein Hauptthema pro Semester: u.a. Pharmakonzerne, (globales) Gesundheitssystem, Flucht - Besuch vom Grenzdurchgangslager Friedland - Medical Peace Work (MPW) - Kooperation mit IPPNW-Ärzt*innen > Film: „Die Reise zum sichersten Ort der Erde“ - Versuch der Etablierung einer pharmakonzernkritischen Vorlesung (Kooperation mit MEZIS – Mein Essen zahl’ ich selbst)

Frankfurt/Main

(MedizinerInnen für Menschenrechte)

2015 Würzburg - Thema: vor allem Flüchtlinge - ICAN-Aktionstag mit Postkarten und Glühwein - Kochabende (evtl. Kochkalender) - Bridges of Understanding (Austausch mit Balkanstaaten) - Liste guter Bücher für die Erstitüte - Vortragsreihe 1 x im Monat in Zusammenarbeit mit medico / ProAsyl - Verhandlung mit Uni / Fachschaft über pharmakonzernkritische Pflichtvorlesung - Mahnmal für im Mittelmeer gestorbene Flüchtlinge

- http://www.mfm-frankfurt.de/ueber-mfm/ - Filmabend „Invisibles“ (Film von MSF) - Lektüreseminar zum Thema Anti-Psychiatrie-Kritik (zu antipsychiatrischen und psychiatriekritischen Perspektiven) - Wahlfachreihe zu Global Health

Medinetz Mainz e.V. - www.medinetzmainz.de, info@medinetzmainz.de - medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere / ohne Krankenversicherung - Benefizkonzert im Rathaus - PlatzDa!?-Aktionswoche - Sponsorenlauf - live in der SWR-Landesschau am 24.8.2015 - Stände bei verschiedenen Festen und Aktionen, z.B. interkulturelles Fest

Rostock - Treffen jeden Dienstag um 18 Uhr zum Plenum im Ökohaus, Hermannstraße 36, 18055 Rostock, www.medinetz-rostock.de | ippnw-hro@web.de Telefon: 0176 32750299 - zentrales Thema: Flucht - Wahlpflichtfach für Medizinstudierende zum Thema „Arzt werden – Mensch bleiben“ - Solikonzert der Hochschule für Musik und Theater Rostock für das Medinetz - Fortbildung in der Kinderklinik: „Medizinische Versorgung von Flüchtlingen“ - Soliparty vom Medinetz - Wintersemesterbeginn: Medinetz-Kino - Weihnachten mal anders

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IPPNW bundesweit

„Ich will hier nicht sein“ 24 MediBüros treffen sich zum achten MediBüro-Bundeskongress in Jena

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hr seid zu einem Kongress gekommen, der euch mit den Worten hergelockt hat: ‚Ich will hier nicht sein‘, begrüßte Jan Kummerfeldt vom MediNetz Jena die ersten 80 der rund 200 Teilnehmenden des achten MediBüro-Bundeskongresses in Jena. Von Kara Wullenkordt

Aus 40 Städten, fünf Ländern und von 24 der 34 medizinischen Flüchtlingshilfen kamen sie vom 22. bis 25. Mai 2015 in die Thüringer Universitätsstadt, um sich zu vernetzen, auszutauschen und in Seminaren weiter zu lernen, wie sie ihrem Ziel, das Menschenrecht auf medizinische Versorgung durchzusetzen, näher kommen können. „Wie sie damit auch näher an das Ziel kommen können, „nicht zu sein“ – denn die Wahrnehmung von Grundrechten zu ermöglichen sollte staatliche Aufgabe sein, und nicht eine von hunderten, tausenden Ehrenamtlichen. Der Begrüßung schloss sich Nadja Rakowitz vom Verein Demokratischer Ärztinnen und Ärzte (Vdää) an: „Ich will nicht, dass Ihr wachst und den Grund für diesen Kongress will ich nicht haben in einem reichen Land wie Deutschland.“ In den Workshops des Kongresses wurden die rechtlichen Rahmenbedingungen, die Behandlung papierloser Kinder, eigene Datenerhebung, Fluchtberichte oder die Arbeit einer Härtefallkommission thematisiert. Laura Hilb stellte die Refugee Law Clinic in Gießen vor, die Rechtsberatung für Geflüchtete und Menschen, die mit ihnen zusammenarbeiten, anbietet. „Die Einführung in das Asylrecht anhand von individuellen Fällen, die die Vortragende selber bearbeitet hat, war eine tolle Annäherung an ein komplexes Thema für Nicht-Jurist*innen“, resümiert Lisa Münke vom MediNetz Jena.

Kara Wullenkord, 8. Semester Medizin, MediNetz Jena kara.wullenkord@ posteo.de

Carlotta Conrad, Vorstandsmitglied der IPPNW und aktiv im Medinetz Dresden, zeigte in ihrem Workshop Möglichkeiten auf, als Ärztin oder Arzt politisch aktiv zu wer-

den. Am Beispiel der Altersschätzung mittels Röntgen bei methodisch fraglicher Aussagekraft, was eine Zeit lang anerkanntes Diagnostikum war und über das Schicksal von Geflüchteten entscheiden konnte, wurde in der Diskussion klar, dass bei Ärzt*innen ein größeres Bewusstsein diesbezüglich geschaffen werden sollte. Wiebke Bornschlegl von der Universität Erlangen-Nürnberg stellte in ihrem Workshop ihre Umfrage zur Behandlung papierloser Kinder vor. Sie befragte die Medinetze, warum kaum minderjährige Patient*innen zu ihren Klient*innen gehörten und pädiatrische Praxen nach dem Vorstellungsgrund der kleinen Patient*innen, wenn sie denn kämen. Ihre Annahme wurde dabei bestätigt: 100% der ambulanten Konsultationen waren akute Erkrankungen, die keinen Aufschub duldeten, sodass der zeitliche „Umweg“ über ein Medinetz selten gegangen wurde. Ihre Forderung: „Es muss möglich und erkennbar sein, dass Eltern ihre Kinder vorstellen können, ohne Gefahr zu laufen, ausgewiesen zu werden! Diese Akutversorgung kann nicht durch Medinetze gewährleistet werden.“ Suzanne Bruins stellte die Arbeit von „Ärzte der Welt“ vor, die langfristige Hilfe vor Ort in vielen europäischen und außer-

europäischen Städten leisten. In München betreiben sie die anonyme, mit ehrenamtlichen Fachärzt*innen besetzte Sprechstunde „open.med“ und werten statistisch aus, wer kommt und warum; die Berichte werden regelmäßig veröffentlicht. Mit ihren Workshop-Teilnehmer*innen besprach sie die Datenerhebung in den Medinetzen, die immer vor dem Spagat stehen, über die eigene Tätigkeit informative Aussagen treffen zu wollen, ohne zur Missinterpretation und willkürlichen Nutzung zu verleiten. Über die Situation der medizinischen Versorgung in Griechenland berichtete Ioanna Lymperopoulou von der Metropolitan Community Clinic in Helliniko. In der Klinik engagieren sich Ärztinnen und Ärzte sowie anderes medizinisches Personal für griechische und geflüchtete Kranke, die zu versorgen der Staat längst nicht mehr in der Lage ist. Das Pfingstwochenende 2015 hat gezeigt, dass viele engagierte Menschen schon einiges unternommen und erreicht haben, um ihrem Ziel der medizinischen Versorgung aller näher zu kommen. Über 200 Teilnehmende haben gezeigt: Sie wollen hier sein und sie werden nicht aufgeben sich dafür zu engagieren, eines Tages nicht mehr hier sein zu müssen. Save the Date: Das nächste bundesweite Treffen der Medibüros ist vom 22.-24. April 2016 in Berlin geplant. Das MediBüro Berlin hat außerdem 20-jähriges Jubiläum und plant am 22. April 2016 eine öffentliche Veranstaltung mit dem Titel: „20 Jahre Medibüro Berlin – Es ist uns keine Ehre“.


IPPNW international

Famulieren & engagieren 2015

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uch in diesem Jahr waren wieder 12 Studierende mit dem IPPNW-Programm in aller Welt, und vier Studierende aus Kenia, der Türkei, Nepal und Japan waren in Deutschland zu Gast. f&e verbindet medizinische Ausbildung mit sozialem Engagement: Die Studierenden gehen nicht nur für vier Wochen ins Ausland, um eine Famulatur zu absolvieren; sie bleiben darüber hinaus noch für mehrere Wochen in der Region, um in einem friedens- oder sozialpolitischen Projekt mitzuarbeiten. Für den Amatom machten sich die Studierenden auf die Suche, was in ihren Projektländern das Wort „Frieden“ bedeutet.

Indien Indien: Was einem da in den Sinn kommt, ist Frieden zwischen allen Religionen in einem Vielvölkerstaat. Was man oft vergisst: Immer noch Unterdrückung durch ein altes Kastensystem, weitverbreitete Armut und fast ausschließlich private Gesundheitsversorgung… Und der seit der Staatsgründung währende Konflikt mit Pakistan. Was denken also Ärzte hier über Frieden? „Habe Frieden mit Dir selbst. Nur dann kannst du Frieden mit anderen finden.“ „Das letzte Ziel der medizinischen Ausbildung – psychische und geistige Gesundheit für jeden; nur das wird Frieden möglich machen“ „Nur mit Gleichheit in Religion, Gender, Herkunft wird Frieden erst möglich“. Und dieser wird auch hier durch Extremismus von verschiedenen Seiten als gefährdet gesehen. Die Herausforderung bleibt: Man sei offen für alle Verschiedenheiten und strebe nach friedlichen Lösungen für Konflikte – Satyagraha. Raphael Seufert

Palästinensische Autonomiegebiete In Palästina an Frieden zu glauben ist nicht leicht. Zahran hat keine Hoffnung mehr. Seit 20 Jahren habe sich nichts mehr geändert. Solange auf beiden Seiten jemand profitiere, bliebe die Situation die gleiche. Die Men-

schen seien in einer Warteposition. Osama hingegen beschwört die Hoffnung. Sie müsse am Leben erhalten werden. Ob er sie wirklich fühlt? Er spricht sich gegen die Zwei-Staaten-Lösung aus. Sie sei durch die wachsenden israelischen Siedlungen sehr unwahrscheinlich. Lieber sähe er einen einzigen demokratischen Staat. Während ich in Bethlehem bin, wird die Mauer in Beit Jala weitergebaut. Es kommt zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und israelischen Soldaten. Uralte Olivenbäume werden gefällt. In libanesischen Flüchtlingslagern sterben Palästinenser. In Area C demoliert das israelische Militär Häuser von Palästinensern. Und selbst die, die noch auf den Frieden hoffen, zucken die Schultern, wenn man sie fragt, wie er erreicht werden könne. Sonja Siegel

die japanische Regierung nun ändern, um sich gegen „aufstrebende Militärmächte in Ostasien zu wappnen“. Viele Menschen sind deswegen besorgt und haben Angst, dass ihre Kinder wieder in den Krieg ziehen müssen und sich der Schrecken von 1945 wiederholen könnte. Ein Mönch im Kotai-ji, einem Zen-Kloster in Nagasaki, formulierte es ungefähr so: „Das wichtigste, um die Konflikte in der Welt zu lösen, ist Toleranz zwischen den Religionen, aber auch den Kulturen. Wir dürfen unsere Meinung nicht über die anderer erheben. Unser Ziel sollte es sein, dass alle Menschen miteinander leben, frei von Ängsten und Konflikten.“ Patrick Schmidt

Mazedonien

Japan

„Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern auch das Fehlen von Diskriminierung und Zwang. All das ist meiner Meinung nach in Japan aktuell bedroht durch die Regierung die versucht, unsere friedliche Verfassung zu verändern. Auch die evakuierten Menschen in Fukushima und die Hibakusha Hiroshimas werden noch immer diskriminiert. Ich weiß, wie labil der Frieden momentan in Japan ist.“ Diese Meinung vertritt nicht nur mein Freund Shintaro Takeuchi, sondern auch viele andere Japaner. Gerade in Hiroshima ist das Thema Frieden sehr wichtig für die Menschen und momentan dreht sich im Land alles um die Verfassung, die aktuell Militäreinsätze in fremden Ländern verbietet. Dies möchte

„Im Frieden zu leben bedeutet den echten Wert des Friedens zu vergessen. Wir, die Europäer, sind heutzutage privilegiert, keine Gefahr für Leib und Leben zu kennen. Selbstgefällig müssen wir aber nicht bleiben, denn den Frieden können wir jederzeitig leicht verlieren. Deswegen sollen wir immer versuchen mit denen, die den Frieden verloren, mitzufühlen und so weit wie möglich Hilfsbereitschaft zu zeigen.“ (Zoran M.) „Der Friede: Harmonie in der Gegenwart und etwas, das hochgeschätzt sein sollte. Nur wenn man seinen inneren Frieden findet, ist man in der Lage, den anderen Leuten und der Welt heilen zu helfen. Der Friede ist ein Gefühl, eine Gefühlslage, ein Instrument für die Erreichung dieses Ziels. Wenn unser gemeinsames Ziel Liebe und unser gemeinsamer Trieb Mitleid wäre, könnten wir allen helfen, den Frieden zu finden.“ (Stefanija

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Jovanova) „Peace is about understanding and accepting each other. It is about love and caring, not just for humans, but also peace comes when we comprehend and start living in harmony with nature. We think we live in a peaceful world, but we are not. Only when people stop seeing themselves as rulers of the world and they realize that humans are just a tiny little part of the Universe, we will reach peace.“ (Nenad Micov) Hannah Schmidt

BosnienHerzegowina BosnienHerzegowina Es gibt Fragen, bei denen man, je mehr Menschen man fragt, desto mehr vollkommen verschiedene und unerwartete Antworten bekommt. Genau das passiert, wenn man jemanden bittet, „Frieden“ zu definieren. Im historischen Museum, in dem ich gerade ein Praktikum mache, habe ich drei Menschen nach ihren Gedanken über Frieden befragt. Besonders interessant für mich war, dass der Krieg in Bosnien erst 20 Jahre her ist und die Menschen hier somit wissen, was es bedeutet, ohne Frieden leben zu müssen. Die erste war eine Mutter von zwei Kindern. Sie sagte mir das, was für jemanden wichtig ist, der sich um eine Familie kümmern muss. „Ein Dach über dem Kopf, genug zum Heizen im Winter und genug zu essen“. Das ist keine philosophisch hochtrabende Antwort, sondern genau das, was sie sich als Mensch, der den Krieg erlebt hat, für ihre Kinder wünscht. Die zweite Antwort kam von einem der Historiker im Museum und auch seine Antwort war an seinen persönlichen Wünschen orientiert. „Frieden heißt, dass es ein Morgen gibt“. Denn nur wenn man in eine sichere Zukunft blickt, kann man seine tägliche Arbeit zuversichtlich verrichten. Die dritte Antwort habe ich von einer jungen Kunststudentin bekommen. Sie sagte, Frieden sei die Abwesenheit von Chaos. Und Frieden kann nicht in den äußeren Umständen existieren, solange wir nicht Frieden mit uns selbst, der Natur und Gott gefunden haben. Erst dann können wir Frieden mit anderen und in der Gesellschaft finden. Wenn man die Gedanken dieser drei einander gegenüber stellt, sieht man, so finde ich, die Maslowsche Pyramide betätigt. Zunächst müssen die physiologischen Be-

dürfnisse befriedigt sein, dann kann man sich um die Individualbedürfnisse kümmern. Und erst wenn diese befriedigt sind, kann man mit der Selbstverwirklichung beginnen. Das Fundament dieser Pyramide ist immer der Frieden, aus dem dann wieder selbst Frieden generiert werden kann. Lena Hiegel

Rumänien Worum geht es bei dem Wort Pace, Frieden, den man sich hier in Hosman jeden Sonntag in der Kirche wünscht? Wenn man etwas beharrlicher nachhakt, beschäftigt die Menschen sehr das Zusammenleben mit den Roma. Man ist bemüht um ein friedliches Miteinander, auch wenn es noch stark kriselt, weil das Verständnis für die jeweils andere Lebensweise nicht vorhanden ist. Allerdings hat oft Nichtverstehen seinen Ursprung nur in Nichtwissen, ein Fakt an dem auch gearbeitet wird. Ein Weg ist über die Musik. Die Klänge der Roma sind beliebt, und so findet im kleinen Kreis doch immer wieder ein Zusammentreffen statt. Auf diese Weise entstehen Freundschaften und Vorurteile werden langsam abgebaut. Einige Tage konnte ich bei einer Roma-Familie verbringen. Dort war ein ständiges Kommen, Gehen und manchmal zum Essen bleiben von anderen Roma, aber vor allem von den Rumänen und Ungarn aus der Umgebung, ein sehr freundschaftlicher Umgang, der mir so noch nicht begegnet war. Als ich die Tochter der Familie nach dem Grund fragte, war ihre Antwort simpel: Wenn man den Leuten mit Respekt begegnet, wird einem dieser ihrerseits auch zuteil. Würden mehr Menschen sich diesen Grundsatz zu Herzen nehmen und die Andersartigkeit bestimmter Lebensweisen und Weltanschauungen akzeptieren und respektieren, wären wir einem friedlichen Zusammenleben schon deutlich näher als wir es derzeit sind. Maria Schneppert

Israel

Shalom – das einzige hebräische Wort, das ich kenne, als ich nach Israel komme. Shalom heißt Frieden… Angesichts der politischen Situation und den ständigen Unruhen wirkt es fast ironisch, jeden Tag unzählige Male die Begrüßung „Frieden“ zu hören. Oder hallt darin der unaufhörliche Wunsch nach Frieden nach, dessen Erfüllung hier so unerreichbar erscheint?! Ein Offizier der israelischen Armee hat mir Folgendes gesagt: „Ich glaube nicht, dass es in Israel heutzutage Frieden geben kann. Der Grund dafür ist Hass. Die Menschen haben Angst vor dem Fremden. Sie hassen aus Angst, fanatischen religiösen Ansichten, Ignoranz von anderen Gebräuchen, Sprache usw.“ Wie Frieden kommen kann? „Ich glaube der Frieden kommt, wenn wir Menschen aufhören uns zu hassen. Wir sind alle menschliche Wesen, die Leben, Zukunft, Familie, Freunde und Geliebte haben. Frieden kommt, wenn wir das von innen und außen begreifen.“ Und was hat der berühmteste Jude zum Thema Frieden zu sagen? Jesus hat versprochen: „Ich gebe euch meinen Frieden – einen Frieden, wie ihn die Welt nicht geben kann. Lasst euch durch nichts in eurem Glauben erschüttern, und lasst euch nicht entmutigen!“ Vielleicht gibt es in diesem Land, in dem Religionen aufeinander treffen, ja gerade dadurch Frieden, dass wir nicht aufhören an ihn zu glauben. Henriette Schierholz

Serbien

„Peace might be both the thing that is most wanted and the most misunderstood. I don‘t think that we have peace even in those times when there is no war in the country – there is no peace until there is no war, no poverty and no oppression in every single corner of the planet. The only thing that could lead us to peace is a good educational system that would educate people not to be followers of the dominant patterns, but to be able to think „outside of the box“ and realize that there is no real difference among humans. I think what leads to wars and fights is mostly fear of „the different“ – and we are always taught that which is different is wrong and wants to destroy us. People in power usually use these fears to do what benefits them the most.


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It is the duty of us all to help build a world that will make knowledge available to all humans, the knowledge that will at some point lead us to peace. It might seem as a mission impossible for us now, but then again, plans were thought to be impossible for such a long time in the history.“ (Ljubica Vlahovic) Franziska Pilz

Kenia

Davis Simiyu ist 29 Jahre alt und arbeitet seit zwei Jahren im Kakuma Mission Hospital als Pfleger. Frieden bedeutet für ihn, dass Menschen ohne Kämpfe, Beschränkungen ihrer Freiheit und Mobilität frei von Diskriminierung leben können. Hier in Turkana, der Region im Nordwesten Kenias, kommt es regelmäßig zu kämpferischen Auseinandersetzungen zwischen Gruppen verschiedener ethnischer Herkunft. Insbesondere auf der Straße, die hoch nach Kakuma führt, kommt es immer wieder zu gewalttätigen Überfällen auf Busse oder zu tödlichen Auseinandersetzungen zwischen lokalen Gemeinschaften. Generell hat Davis das Gefühl in Frieden zu leben, denn er lebt mit seinen Nachbarn in einem harmonischen Verhältnis. Er hat jedoch Angst vor der nächsten Präsidentschaftswahl im Jahr 2017. Denn die Erfahrung von 2007, als es während der damaligen Wahlen zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen mit zahlreichen Toten kam, hat ihn sehr geprägt. Der Friede der Menschen wird meist durch Politiker zerstört. Von Natur aus will kein Mensch einen anderen Menschen angreifen oder töten, sagt Davis. Die Flüchtlinge im Flüchtlingslager Kakuma können seiner Meinung nach einigermaßen in Frieden leben. Sie haben jedoch keine Freiheit, da sie von den Behörden überwacht und kontrolliert werden. Dennoch ermöglichen Kenia, die UNO sowie zahlreiche NGOs ihnen ein Leben in Frieden und in sicherer Distanz zu den Kriegen in ihren Heimatländern. Felix Lempp

Eindrücke von der Europäischen Studierendenkonferenz

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as Wochenende vom 8. zum 10. Mai 2015 stand ganz unter dem Motto «No weapons, no cry?! – Impact of arms on health, politics and society». Die Berliner Studierendengruppe der IPPNW lud zum 25. Europäischen Studierendentreffen. Von Therese Jakobs und Aino Ritva Weyers

Die immer wieder aktuelle Debatte um Teufelskreise aus Waffenexporten, Kriegen und bewaffneten Konflikten, deren körperliche, psychologische und soziale Auswirkungen, Traumatisierungen und weltweite Flüchtlingsströme wollten wir zum Leitfaden der Konferenz werden lassen und in Vorträgen, zahlreichen Workshops und bei Filmvorführungen Eindrücke erhalten, um die Diskussion bereichern zu können. Vertreten waren unter den Teilnehmenden neben deutschen Studierenden auch Studierende aus Norwegen, der Slowakei, Schweden, Mazedonien und Finnland. Die Bandbreite der Workshops reichte von Uranmunition, universitärer Rüstungsforschung, der ICAN (Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen) und der Divestment-Kampagne über psychosoziale Behandlung traumatisierter Geflüchteter in Europa und Nahost bis hin zu Gesundheitsschädigung von Schwangeren und Kindern durch radioaktive Strahlung und Medical Peace Work. Zum Auftakt des Treffens gab Dr. Alex Rosen, Vorstandsmitglied der IPPNW und Kinderarzt aus Berlin, dem Konferenzthema gemäß eine ausführliche Einführung in das Thema Waffen, insbesondere Kleinwaffen. Ein Highlight der Konferenz war der Besuch von Andrea Zarif, der Gründerin des Projekts „A Syrian Dream“. Die junge Psychologin aus Syrien kam nach dem Studium in Kanada zurück in den Nahen Osten und gründete angesichts der Situation in Syrien und den Flüchtlingsströmen in die umliegenden Länder ein Bildungs- und Kulturzentrum für syrische Kinder und Familien in Adana im Süden der Türkei. Dort bietet seit Januar 2014 ein Team aus Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und Künstler*innen psychosoziale Unterstützung, Kunst- und Theaterkurse, einen Ort der Begegnung und der Bildung für geflüchtete Kinder. Andrea Zafir sprach mit Leidenschaft von ihrem Projekt, von ihren Kolleg*innen und besonders von den Kindern, deren Alltagsnormalität, deren

Bildung und deren soziale Unterstützung sie zu rekonstruieren versuchen. In ihre Arbeit gab Andrea Zafir am späteren Vormittag noch tiefere Einblicke und auch andere Workshops am Samstag beschäftigten sich mit Geflüchteten, genauer mit der psychotherapeutischen Behandlung von traumatisierten Menschen in der Praxis. Im Anschluss empfingen wir hohen Besuch aus der autonomen Region Kurdistans, aus Kobanê. Der vertretende Außenminister Idriss Nassan war zur Zeit in Berlin und erklärte sich bereit, uns von der aktuellen Lage in Kobanê, den jüngsten Kämpfen mit dem IS, der Verteidigung der Stadt und seinen Einschätzungen dazu zu berichten. Im Podium diskutierten mit ihm, neben Andrea Zafir, die Europäische IPPNW-Vorsitzende Dr. Angelika Claußen, die viel Erfahrung in der psychotherapeutischen Arbeit mit Geflüchteten hat, vor allem im türkischsprachigen Raum. Besonders viele Fragen und Diskussionsbeiträge kamen aus den Zuhörerreihen. Eine Teilnehmerin aus Norwegen fand im Anschluss dazu diese Worte: „As members of an anti-violence movement, it was challenging and thought provoking to hear the reports from an armed struggle for democracy, gender equality and religous tolerance. An armed struggle, not because all parties want it, but because one party are left no option. A large group of anti-violence European students were faced with the harsh reality of the Syrian conflict.” Unser Team aus Helfer*innen und Organisator*innen kochte und backte bereits fleißig im Voraus, während wir (fast) nie müde wurden während des Wochenendes weiter zu kochen, die Kaffeekannen auszulasten, allerlei Lebensmittel via foodsharing zu retten und sogleich zu verarbeiten. So gab es ausgiebige Frühstücksrunden und Kaffeepausen bei Sonnenschein auf der Dachterrasse. Um die Stadt Berlin nicht zu kurz kommen zu lassen, wurde am Freitag

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Therese Jakobs, 9. Semester Humanmedizin, Berlin theresejakobs@posteo.de

Aino Ritva Weyers 5. Semester an der Charité Berlin arw@posteo.de

nachmittag bei der politisch-historischen Stadtführung durch den Prenzlauer Berg von Geschichten politischer Widerständler, wie Käthe Kollwitz, berichtet und der Wandel des Viertels beleuchtet. Außerdem unterstützte uns die Berliner UAEM-Gruppe mit einem Workshop, gestaltet als Rollenspiel, um Konflikte zwischen Pharmaunternehmen, NGOs aus der Entwicklungszusammenarbeit und politischen Vertretern im Kontext der pharmazeutischen Versorgung erlebbar zu machen.

Am Samstagabend schauten wir gemeinsam den semidokumentarischen Film „In this World“, der die Geschichte zweier junger afghanischer Cousins erzählt. Das Ziel London vor Augen, begeben sich die beiden auf die Flucht. Gezeigt werden auch die lebensbedrohlichen Schwierigkeiten und Hürden einer solchen Reise, Betrüger, Schleuser, Händler, unsichere Reisen, Verstecke und Flüchtlingscamps. Den Abschluss unseres Treffens machte am Sonntagmorgen Dr. med. Stefan Siegel, als Psychiater tätig, ehemals Arzt am Psychotraumazentrum des Bundeswehrkrankenhauses Berlin. Eingeladen haben wir ihn, um mehr über Traumatisierungen und Traumafolgestörungen bei Soldat*innen nach Auslands- und Kriegseinsätzen zu lernen. Am Sonntagnachmittag schloss

sich eine Gruppe von Teilnehmer*innen der Demonstration „Nein zu Krieg und Faschismus“ an. Durch die Straßen Berlins ziehend, wurde an die Befreiung der Konzentrationslager vor 70 Jahren erinnert. An dieser Stelle möchten wir noch einmal Antti Junkari für seine Arbeit als europäischer Studierendensprecher in den letzten zwei Jahren danken und freuen uns, dass Kilian Runte aus der Berliner Studierendengruppe seinen Posten neben Jonathan Lauryn einnimmt.


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14th World Summit of Nobel Peace Laureates

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n einer Erklärung thematisierten die IPPNW-Studierenden das problematische Unternehmensponsoring beim Welttreffen der Friedensnobelpreisträger. Sie forderten unter anderem mehr Dialog und Einbeziehung junger Menschen bei der Organisation des Treffens.

We, the students that participated in the 14th World Summit of Nobel Peace Laureates:

Nevertheless we perceive that important aspects need to be improved.

– Endorse the commitment to the values of the summit: Peace, nonviolence, sustainability, the rule of justice & unrestricted humanity. – Are in deep awe of the actions and stories of the NPLs. We are inspired by the repeated calls for the prevention of conflicts, and encouraged to denounce openly human rights violations as well as the destruction of our planet. – Are aware of the necessity of compromise and dialogue, incorporating contrasting views and interests, in order to achieve these goals. The focus on discourses and the interaction between NPLs and students in the workshops were especially helpful and we would like this opportunity to be continued in the following summits. – Were deeply moved by the act of reconciliation, which so touchingly happened between Dr. Shirin Ebadi and Tawakkol Karman during the summit. This scene reflected the concept of the summit – „Living peace“ – perfectly and we would like this platform to be maintained.

We propose the following: – A sponsoring in line with the values and ethics of the Nobel Peace Price. We are especially irritated by the domination of questionable advertisements throughout the fifth panel discussion, running the risk to undermine the authority of the NPLs on stage. – To enshrine the credibility of the above mentioned values by a consequent organization of the Summit. For example, in order to credibly support sustainability, the avoidance of plastic and food waste at the conference must be a concern. – To increase the presence of diverse viewpoints and the possibility to voice criticism in order to create a positive and respectful environment among the NPL and the youth, aimed at opening up a fruitful dialogue. – To focus on outcome oriented, interactive workshops and to embrace environmental issues in the workshops. – To enable the participation of the Summit to interested Youth from all around the globe and not only to those who are already

Werbeeinblendungen von Mazda während des Podium

s

affiliated with institutions that are connected to the Summit, therefore making it possible that a larger amount of students can experience this inspiring event. We, the students, therefore call upon the Permanent Secretariat of the World Summit of Nobel Peace Laureates to fulfill its responsibility of providing a sustainable framework and to allow more participation of the youth. Supported by: Aino Ritva Weyers, International Student Representative of IPPNW | Lilian M. Kurz, University of Konstanz | Clara Schlotheuber, University of Konstanz | Asia Colombo, John Cabot University | Mayu Adachi, Soka University of Japan | Lorenz Neuberger, University of Konstanz | Leila Mousavi Takieh, Studentpeace-bureau Heidelberg | Lerato A. Maleka, IPPNW | Thea Gutschke, University of Konstanz | Daniela Scheiblhofer, University of Konstanz | Annie Schaffrath, University of Konstanz | Mark Nairn, University of Konstanz | Vincent D. Gaertner, German Student Representative IPPNW | Noah Ayadi, Member of IPPNW | Antti Junkkari, European Student Representative of IPPNW | Kilian Runte, Member of IPPNW | Till Weyers, Member of IPPNW | Jonathan Lauryn, European Student Representative of IPPNW

Tibetische Mönche demonstrieren für den Dalai Lama

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Literatur

Vertreibung aus dem keimfreien Paradies Juli Zehs Roman „Corpus Delicti. Ein Prozess“ – Eine Rezension von Kara Wullenkord „Ich entziehe einer Gesellschaft das Vertrauen, die aus Menschen besteht und trotzdem auf der Angst vor dem Menschlichen gründet. Ich entziehe einer Zivilisation das Vertrauen, die den Geist an den Körper verraten hat. Ich entziehe einem Körper das Vertrauen, der nicht mehr mein eigenes Fleisch und Blut, sondern eine kollektive Vision vom Normalkörper darstellen soll.“ Juli Zeh Juli Zeh erschafft in „Corpus delicti“ die Dystopie einer gesundheitsoptimierten Gesellschaft in der es sich das Staatssystem zum Ziel gesetzt hat, alle Menschen in größtmöglicher Gesundheit glücklich und alt werden zu lassen. Dazu zeichnet ein Chip im Oberarm ständig alle Körperfunktionen auf, der Einkauf folgt nach Kohlehydrat- und Eiweißeinheiten, im Abwasser wird der Urin analysiert, der Hometrainer ist ein moralischer Imperativ, Erkältungen sind seit Jahrzehnten ausgerottet. In dieser Welt lässt Zeh ihre Protagonistin Mia Holl leben und zerschellen, und an ihr zerschellt jene Welt. Ein bisschen. Mia Holl ist eine rational gesinnte Biologin, zufrieden und erfolgreich innerhalb der gesteckten Ziele der sogenannten ‚Methode‛, dem zentralen Dogma. So hätte sie gesund bis ins anzunehmend hohe Alter leben können, hätte nicht ihr einziger Freund und Bruder sie an seinen freidenkerischen Überlegungen teilhaben lassen, und wäre dieser jetzt nicht tot. Moritz Holl wurde des Mordes nach Vergewaltigung überführt, mit seiner DNA am Tatort, dagegenstehend nur seine Beteuerung, unschuldig zu sein. „Das Leben ist ein Geschenk, das man auch ablehnen kann“, sind seine letzten Worte zu der Schwester, als die ihm in seiner Zelle die gewünschte Angelschnur, späteres Mittel zum Suizid, übergibt. Mia ist zerrissen, in Trauer, aber nicht kampfeslustig, sie will Zeit für sich, zum Verarbeiten der Ereignisse. Die wird ihr vom Gericht nach einigen Regelverstößen gegen die Gesundheitsordnung – vergessene Blutproben, eine Folge ihres Gemütszustandes – nicht so zugestanden. Ihr Pflichtverteidiger Kara Wullenkord, pocht auf einen Härtefall 8. Semester Medizin, und nimmt sie als GallionsMediNetz Jena kara.wullenkord@ posteo.de

figur für einen eigenen Feldzug gegen die ‚Methode‛ – und die Verteidigte macht sich nach erfolgtem gemeinsamen Angriff selbstständig. Er konnte die Unschuld des Bruders beweisen, die saubere Oberfläche des Staatssystems erhält einen Riss, der quer über Mias Seele verläuft. Die methodischrationale Anhängerin des Systems wird zu seiner entfesselten menschlich-rationalen Widerstandskämpferin über die es zu richten gilt, zum Corpus delicti. Juli Zehs Sprache liest sich flüssig für den überfliegenden Schnellleser. Obwohl es ihm nicht wohl ist ob des dargestellten Überwachungsstaats und seinen Methoden, ist er gut unterhalten mit ungewöhnlichen Vergleichen, einem kreativen Sprachgebrauch und einem klaren Stil, der ohne unnötige Komplexität auskommt. Zu unerwarteter Tiefe in der eher sachlich gehaltenen Romanlandschaft kommt es spätestens in den Gesprächen zwischen Mia und ihrem Bruder oder mit einem Journalisten, wenn alte philosophische Themen Anwendung finden, dem das Regime jeden Nutzen abgesprochen hatte – Juli Zeh versäumt es nicht, den Leser an den Grund ihres Schreibens zu erinnern. In dystopischen Klassikern wie George Orwells „1984“ oder Aldous Huxleys „Brave New World“ erscheint das dargestellte Gesamtbild zunächst abwegig, doch bevor man sich abwenden könnte, stolpert man

über Details. Was die Autoren vor 60 bis 80 Jahren ersannen, ist heute zum Teil Mainstream, an dem sich kaum jemand stört. Orwells „Big Brother“, diese anonyme Macht, die alles über jeden erfahren konnte, begrüßte sein Volk täglich über eine Fernsehansprache, gefolgt von gleichgeschalteten, kontrollierten Nachrichten, und eine Kamera am Gerät konnte nachvollziehen, ob der brave Bürger zuschaut. Heute geben Nutzerprofile über viele Lebensbereiche Auskunft und können relativ unkompliziert von Dritten erworben werden. Und an Kameras haben wir uns auch gewöhnt; die Laptopkamera wurde zwar nicht zur Überwachung designt, aber nicht selten sieht man sie überklebt, eine vage Idee eines solchen Missbrauchs scheint vielen Benutzern nicht zu weit her geholt. Ähnlich überkommt es den Leser bei der Lektüre Juli Zehs. Chipkarte im Bizeps – uns fällt der Gesundheitschip in der Versichertenkarte ein. SportpflichtprogrammeAnwärtern mit zu hohem Body-Mass-Index kann die Verbeamtung versagt werden. Naturwissenschaftliche Beweislast widerspricht persönlichen Aussagen – manche Berufsfelder haben täglich damit zu tun. „Ich entziehe jenem Idioten das Vertrauen, der das Schild am Eingang unserer Welt abmontiert hat, auf dem stand: Vorsicht! Leben kann zum Tode führen.“

Erkältungsviren: Ausgestorben. Traum oder Alptraum? Foto: Centers for Disease Control and Prevention, Dr. Fred Murphy


Kontakt

Ansprechpartner*innen und Kontaktadressen IPPNW-Lokalgruppen an fast allen Unis

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n vielen Unis gibt es lokale IPPNW-Studierenden­ gruppen. Wenn Du Interesse hast, wende Dich einfach an die Geschäftsstelle oder direkt an die entsprechende Ansprechpartner*in. Auch die Arbeitskreise der IPPNW freuen sich immer über studentische Mitarbeit.

IPPNW-Geschäftsstelle

Studierendengruppen

Körtestr. 10, 10967 Berlin Tel: 030-698074-0 | Fax: 030-6938166 E-Mail: ippnw@ippnw.de | www.ippnw.de

Aktuelle Kontakte auch unter: studis.ippnw.de/studierendengruppen.html oder über die Geschäftsstelle.

Ansprechpartner für Studierende in der Geschäftsstelle ist Ewald Feige: Tel: 030-698074-11, feige@ippnw.de

Berlin: Frederik Holz holz@ippnw.de

Zuständig für das Programm famulieren&engagieren ist Anne Jurema, jurema@ippnw Studierende im Vorstand der IPPNW Der Vorstand der IPPNW wird alle zwei Jahre vom höchsten Organ unseres Vereins, der Mitgliederversammlung, gewählt. Ihm gehören acht Personen sowie der International Councillor an. Als StudentIn im Vorstand vertritt man/frau die Interessen der Studierenden, setzt sich ein für Studierendenarbeit und informiert die Studierenden in der IPPNW über das, was sich im Verein so alles bewegt. Diese Aufgabe übernimmt derzeit Frederik Holz: 0163/7930164, holz@ippnw.de Studierendensprecher*innen der IPPNW Jedes Jahr werden im Wintersemester beim bundesweiten Studierendentreffen zwei Studierende gewählt, die die Funktion der Sprecher*innen übernehmen. Zur Zeit sind es Frederik Holz, holz@ippnw.de (bis November 2015) und Vincent Gaertner, gaertner@ippnw.de . Aktuelle Infos unter: studis.ippnw.de Mailingliste: ippnw-studies@ippnw-lists.de Die internationale IPPNW-Studierendenhomepage: www.ippnw-students.org

Bochum: Martin Korte martin.korte@ruhr-uni-bochum.de Dresden: Carlotta Conrad conrad@ippnw.de Düsseldorf: Bastian Holtkamp holtkamp@uni-duesseldorf.de duesseldorf@ippnw.de Duisburg/Essen: Raphael Seufert raphael.seufert@gmail.com Erlangen: Anna Maria Lehner Anna-Maria.Lehner@gmx.de

Leipzig: Lerato Arthur Maleka lerato.arthur.maleka@gmail.com Lübeck: Claudia Böhm claudia8boehm@gmail.com Magdeburg: Maria Buck mary.b@gmx.net Mainz: Antonia Neuberger antonia.neuberger@web.de München: Benedict Delf b.delf@yahoo.de Münster: Annamika Gogia annamikagogia@googlemail.com studis-muenster@ippnw.de Regensburg: Sophie Flemmer sophie.flemmer@web.de, ippnw.regensburg@gmx.de, www.regensburg.ippnw.de Rostock: Laura Förster laura.foerster@googlemail.com ippnw-HRO@web.de Witten-Herdecke: Max Walter max.christian.walter@gmail.com Würzburg: Eva Lauckner eva-lauckner@gmx.de

Frankfurt/Main: Marie-Sophie Keßner sophiekessner@hotmail.com www.mfm-frankfurt.de

Arbeitskreise

Gießen: Philipp Rumpf philipprumpf@gmx.de

AK Atomenergie: Henrik Paulitz, paulitz@ippnw.de

Göttingen: Lara Weibezahl L.Weibezahl@gmx.net

AK Flüchtlinge & Asyl: Frank Uhe, uhe@ippnw.de Anne Jurema, jurema@ippnw.de

Hamburg: Beatrice Wichert beatrice.wichert@gmx.de Hannover: Lena Grimm legri09@googlemail.com Heidelberg/Mannheim: Katharina Wahedi katharinawahedi@googlemail.com Jena: Robert Klunker robert.klunker@uni-jena.de ippnwjena@listserv.uni-jena.de Köln: Corinna Fischer corihome@web.de

AK ICAN: Dr. Inga Blum, ingablum@gmx.de AK Medical Peace Work: Dr. Eva-Maria Schwienhorst eva.schwienhorst@googlemail.com AK Medizin & Gewissen: Dr. Caroline Wolf medizinundgewissen@ippnw.de AK Süd-Nord: Dr. Barbara Bodechtel barbara.bodechtel@t-online.de

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IPPNW: Frieden durch Gesundheit

Medizinstudierende für Gerechtigkeit und Frieden in einer Welt ohne atomare Bedrohung Was ist die IPPNW? IPPNW steht für Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges. In Deutschland heißt die IPPNW zudem „Ärzte in Sozialer Verantwortung“. Die IPPNW wurde 1980 zur Zeit des Kalten Krieges gegründet. Heute arbeitet sie in 80 Ländern für eine menschliche Medizin und eine friedliche Welt ohne atomare Bedrohung.

Was macht die IPPNW?

Die IPPNW • forscht: z. B. in Studien über die Gesundheitsfolgen von Uranmunition und ionisierender Strahlung • setzt sich für Benachteiligte ein: z. B. bei direkten Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgern für eine gute Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen in Deutschland • klärt auf: zum Beispiel mit Info-Ständen und Publikationen über die Risiken von Atomwaffen und der Nuklearen Kette.

Nur Atomkrieg und sonst nichts?

Ist die IPPNW eine Hilfsorganisation?

Nein, längst arbeitet die IPPNW zu vielen Themen wie Ethik in der Medizin, Global Health, Flüchtlingsfragen, medizinische Friedensarbeit oder Atomenergie. Die IPPNW hat mehrere bundesweite Arbeitskreise und veranstaltet Kongresse.

Nein, aber… die IPPNW arbeitet vor allem präventiv. So sollen Konflikte gar nicht erst entstehen. Durch die internationalen Kontakte der IPPNW entstehen aber oft konkrete Hilfsaktionen, wie die Kinderhilfe Irak.

Nur was für Ärzt*innen?

Alle Aktivitäten sind offen für Interessierte. Das Besondere: Die IPPNW gibt lokalen Gruppen sehr viele Freiheiten und volle Unterstützung bei den Aktivitäten.

Im Gegenteil! In Deutschland allein gibt es 1.000 studentische Vollmitglieder. Studierende arbeiten oft lokal in Studierendengruppen. Jedes Jahr finden ein bundesweites und ein europäisches Studierendentreffen statt. Mit dem IPPNW-Programm famulieren & engagieren können Studierende weltweit in Partnerprojekten Erfahrungen sammeln und sich einbringen.

Anmeldung

Was kann ich machen?

Mehr Informationen? www.ippnw.de

bitte ausschneiden und einsenden oder faxen an die IPPNW 030–6938166 Für Studierende kostet das im Jahr 32 Euro | Für Ärztinnen und Ärzte 120 Euro

Ja, ich werde Mitglied und unterstütze die Ziele der IPPNW.

Studierende Mitglieder erhalten das Magazin „IPPNWforum“ und den „amatom“ kostenlos. SEPA-Lastschriftmandat: Ich ermächtige / wir ermächtigen IPPNW e.V., Zahlungen von meinem (unserem) Konto mittels Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich mein (weisen wir) unser Kreditinstitut an, die vom IPPNW e.V. auf mein (unser) Konto gezogenen Lastschriften einzulösen. Hinweis: Ich kann (wir können) innerhalb von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrages verlangen. Es gelten dabei die mit meinem (unserem) Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen.

Vorname und Name des/der KontoinhaberIn

E-Mail

Straße und Hausnummer

Postleitzahl und Ort

bei Kreditinstitut

BIC

IBAN Unterschrift

Gläubiger-Identifikationsnummer: DE16IPP00000010836 Mandatsreferenz: wird im Zuge der Bestätigung mitgeteilt

Vor dem ersten Einzug einer SEPA-Lastschrift wird mich (uns) der Verein IPPNW e.V. über den Einzug in dieser Verfahrensart unterrichten.

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amatom28 – Zeitschrift von und für kritische Medizinstudierende  

Grenzerfahrungen: No Borders, no Cry?! Versorgung von Flüchtlingen | Ukraine-Krise | solidarische Gesundheitsarbeit in Thessaloniki | Globa...

amatom28 – Zeitschrift von und für kritische Medizinstudierende  

Grenzerfahrungen: No Borders, no Cry?! Versorgung von Flüchtlingen | Ukraine-Krise | solidarische Gesundheitsarbeit in Thessaloniki | Globa...

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