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amatom30 Herausgegeben von der IPPNW Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung | Ausgabe 2018 | Spende 1 Euro

ein Magazin von kritischen, jungen Mediziner*innen

I P PN W

Der Amatom wird 30 und die Welt spielt verrückt!

Themen: Kommerzialisierung des Gesundheitswesens – Fracking – Zivilschutz in Deutschland – DRK im National­ sozialismus – Psychiatrie – Atomwaffenverbot – u.v.m.


Inhalt 1 Editorial 2 Das Amatom-Phänomen

Ein Plädoyer für kritische Kreativität!

3 Freiheit für Dr. Ismail Bes¸ikçi 4 Freiheit für die Menschlichkeit in der Türkei 5 Ja zum Verbot von Atomwaffen, Nein zur Aufrüstungsspirale 122 Staaten gestalteten im Juli bei den Vereinten Nationen eine neue Friedenspolitik

7  Friedensnobelpreis für Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) Rückenwind aus Oslo für die Ächtung von Atomwaffen

8 „Wir müssen uns bewusst sein, dass wir ein Problem haben“

Atomkritische Nachwuchsförderung bei der Sommerakademie des Fachportals Atommüllreport.de

10 Fracking – ein Risiko für Gesundheit und Umwelt 13 Die unsichtbare Hand im Teppichboden 16 Hilfe, der Patient spricht kein Deutsch!

Über die Bedeutung und die Möglichkeiten der Behandlung fremdsprachiger Patienten.

18 Patienten-Erleben von Sprache und Kommunikation in der Psychiatrie 20 Zwischen Norm und Wahn

Strafpsychiatrie in der ehemaligen Sowjetunion

22 Female Genital Mutilation and Cutting Die grausame Missachtung von Menschenrechten

24 Wenn Nachsorge besser ist als Vorsorge… Zivilschutz in der BRD

28 Ein blinder Fleck

Wie aus dem Deutschen Roten Kreuz ein Braunes Kreuz wurde

31 Etwas fehlt, Etwas Großes 33 Leichenshow im Zirkuszelt 34 What to do on rainy days?

Bücher und Filme, empfohlen von IPPNW-Studis & -mitgliedern

37 famulieren&engagieren Auslandsberichte

39 Alle Jahre wieder – IPPNW Fahrradtour und Internationales IPPNW-Treffen in Großbritannien 41 Ansprechpartner*innen und Kontaktadressen IPPNW-Lokalgruppen an fast allen Unis

Impressum Redaktion: Ewald Feige (Berlin), Antonia Neuberger (Mainz), Michael Rietsche (Mainz), Jeremia Weber (Hannover), Julia Weber (Ludwigsburg), Lara Weibezahl (Göttingen). Anschrift: der amatom, c/o IPPNW, Körtestraße 10, 10967 Berlin, Tel. 030/698 074-0, Fax 030/693 81 66. Verleger: Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs/ Ärzte in sozialer Verantwortung e. V., Körtestraße 10, 10967 Berlin. Bankverbindung: Bank für Sozialwirtschaft, IBAN DE39 1002 0500 0002 2222 10, BIC BFSWDE33BER Gestaltung und Satz: Tim Jech. Bilder: Titelfoto: Andreas Strehl, Tassilo Jungenitz; S. 4: Sigrid Ebritsch; S. 5: Leo Hoffmann-Axthelm; S. 6: Ralf Schlesener, Xanthe Hall; S.8, S.9: Juliane Dickel; S.10: cartooncreator.nl; S.17: Christina Harms; S. 21: Alessandra Cugno; S. 22: WHO; S. 28: Bundesarchiv, Bild 102-13054/CC-BY-SA 3.0; S. 33: via Wikimedia Commons, DaB, CC-BY-SA-3.0 S. 37, S.38: f&e-Teilnehmer*innen. Nicht gekennzeichnete: privat oder IPPNW-Archiv. Druck: ddl-berlin.de, Druckerei Dienst Leistungen, Berlin. Papier: Circle matt, Recycling & FSC. Auflage: 6.000, erscheint jährlich, für studentische Mitglieder der IPPNW kostenlos. Nachdrucke bedürfen der schriftlichen Genehmigung. V.i.S.d.P.: Ewald Feige


Editorial

Editorial Traue keinem über 30! – hat dieser Spruch aus den 60er Jahren noch Bestand? Darf man sich überhaupt noch eine Studierendenzeitschrift schimpfen, wenn man alt genug ist, um schon zu Ü-30-Partys eingeladen zu werden? Was haben wir in 30 Ausgaben Amatom erreicht, wo geht es hin? Vor diesen und vielen weiteren Fragen standen wir als Redaktion des Amatom dieses Jahr. Haben wir Antworten gefunden? Vielleicht. Die Geburtsstunde des Amatom ist in die Annalen der Geschichte eingegangen. Wer könnte das monumentale Gewicht des Wintersemesters 1991/1992 ­vergessen, als der Amatom das Licht der Welt erblickte? Wer mitgerechnet hat, wird merken, dass Alter und Geburtsjahr augenscheinlich nicht übereinstimmen. Hat der Amatom also einen gefälschten Pass? Ist er womöglich – ein illegaler Einwanderer? Was für ein Name ist „Amatom“ überhaupt? Ein Schreibfehler, ein Systemfehler, eine gewollte Abweichung von der Norm? Keine Sorge, wir haben die Antwort! (Vielleicht.) Auf jeden Fall haben wir uns eine Antwort gemacht und sind in den alten Ausgaben auf Spuren­ suche gegangen! Das Ergebnis könnt ihr in unserem Jubiläumsteil nachlesen. Darüberhinaus findet ihr in dieser Ausgabe noch Artikel zu anderen, ebenso wichtigen Fragestellungen. Felix beleuchtet in seinem Artikel die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens. Es ist an uns, eine Antwort auf den wachsenden Konflikt zwischen dem Anspruch humanitärer Versorgung und gewinnorientierten Organisationsstrukturen im Gesundheitswesen zu finden. Die Hoffnung nicht aufzugeben, zeigt uns die Entscheidung in New York, von der uns Anne Balzer von ICAN berichtet. Die langjährige Lobbyarbeit von zivilgesellschaftlichen und politischen Institutionen, nicht zuletzt der IPPNW und ICAN, wurde mit einem Ja von 122 Staaten zur Abschaffung der Atomwaffen belohnt. Der Vertrag zum Verbot von Atomwaffen ist ein historischer Schritt in eine friedlichere Richtung und weg von der nuklearen Abschreckungspolitik – wenn es auch nicht der letzte Schritt sein kann. Wir vom Amatom hoffen, dass dieses Magazin noch viele weitere Schritte gemeinsam mit den IPPNW-Studierenden gehen wird, dass wir weiterhin ermuntern, diskutieren, kritisch hinterfragen und berichten dürfen, auch in weiteren 30 Jahren. Dem Amatom geht noch lange nicht die Puste aus – und euch? Viel Spaß beim Lesen wünscht Euer Dr. Amatom

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30 Jahre AMATOM

Das Amatom-Phänomen: Ein Plädoyer für kritische Kreativität! Der Amatom bereichert seit 1991 die Medienlandschaft Deutschlands und die Arbeit der IPPNW. Ist er damit nicht ein überholtes Konzept? Ein Relikt aus Papier, ein Anachronismus in unserer modernen Zeit? Wir denken „Nein“ und können das sogar pseudowissenschaftlich begründen! Im klinischen Alltag werden immer ö­ fter nicht nur medizinisches Fachwissen, sondern auch sogenannte „Soft Skills“ gefordert. Dazu gehören die Fähigkeit des aktiven Zuhörens, Empathie und sozial verträgliches Verhalten. Medizinstudierende sind immer mehr dazu angehalten, Eigenschaften wie kritisches Beobachten und Beurteilen, Zuhören und sprachliches Ausdrucksvermögen zu besitzen oder zu entwickeln. Diese helfen ihnen im späteren Berufsleben mit ihren Patienten in Kontakt zu treten und zu kommunizieren. Auch die Studienlage ist sich dahingehend einig, dass die Anamnese enorm wichtig für die spätere Diagnose und Therapie ist. Und das bedeutet nun einmal: mit dem Patienten reden. Der Schreibakt gibt einem die einmalige Möglichkeit, diese Fähigkeiten zu erlernen, zu üben und zu verbessern. Insbesondere fördert er die Fähigkeit, sich selbst auszudrücken, (sich selbst) zu organisieren, zu beobachten und zu beschreiben. Was auf dem Papier gestelzt klingt, macht die Wirklichkeit nicht besser. So bietet sich im kreativen Akt die einzigartige Möglichkeit, kommunikative Fähigkeiten zu erproben, sich auszuprobieren, sich auszudrücken und im Ausdruck beschränken zu lernen – und vor allem mit einem Publikum, den Lesenden, in metaphorische Verbindung zu treten. Wie kann ich die Lesenden erreichen, wie das vermitteln was ich sagen möchte? Fragen, die auch für den Umgang mit Patienten sehr wichtig sind!

Artikelherkunft weltweit

Zusammenfassend kann man sagen: der Amatom bereichert nicht nur inhaltlich, sondern gibt Medizinstudierenden auch eine dringend benötigte kreative Entfaltungsmöglichkeit, in der sie für ihr späteres Arbeiten wichtige Eigenschaften wie Verbali­sation und kritisches Beobachtungsund Beurteilungsvermögen üben können!

Zudem bietet er eine Möglichkeit, sich mit Themen außerhalb des Lehrplanes auseinanderzusetzen, sich und andere dafür zu sensibilisieren und damit zu einem wohlgerundeten Individuum und nicht zu einem Fachidioten zu werden. In diesem Sinne: Seid kreativ und kritisch und kommt zum Amatom! ;-)

Steckbrief Amatom Geburtsstunde: Wintersemester 1991/92 (Hamburg), York Dhein­ Gründungsmitglieder: Kerstin Jahn (Frankfurt), Ulrike Behn ­(Erlangen), Martin Sielk (Hamburg), Lars Pohlmeier (Bremen) Ausgaben: unglaubliche 30! Jahr im November Erscheinungszyklus: anfänglich jedes Semester, seit 1995 jedes Maskottchen: Ewald <3 doch geklappt. Und wer Motto: „Dieses Jahr werden wir NIE damit fertig!… Oh, hat macht jetzt das Layout?“ rbeitet, ungefähr 4,2 Seit der Gründung haben 196 Autor*Innen am Amatom mitgea Kugelschreiber 156 Mio. Seiten wurden gedruckt, 2,4 Mio. Wörter geschrieben, mal persönlich 134 iert, zerbissen, 7423 E-Mails geschrieben, 600 Stunden telefon vernichtet, olade Schok getroffen und diskutiert, 89 kg Gemüse verkocht, 967 Tafeln stens 28 minde und t 42 Katzenbilder angeschaut und geteilt, 1895 Stunden gelach Weinflaschen geleert.


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Freiheit für die Menschlichkeit in der Türkei „Freiheit für Dr. Ismail Bes¸ikçi – Freiheit der Meinung und Wissenschaft in der Türkei“ – niemand würde sich momentan über diese Schlagzeile wundern. Aber: Sie ist 20 Jahre alt, der zugehörige Text stammt aus dem Amatom Nr. 10. Anlass genug für einen Artikel zur heutigen Lage in der Türkei, dachte ich mir. Nur: Wo soll ich, wo soll überhaupt jemand anfangen, der über die aktuelle Lage der Türkei berichten möchte? Wie einen Überblick geben über all die kleinen, großen und riesengroßen Katastrophen, die in diesem Land, einer Demokratie am Abgrund, aktuell und schon seit längerer Zeit passieren? Eine Freundin berichtete mir von Bekannten in der Türkei, die ein Lebensgefühl der Angst, der Repression, des gegenseitigen Misstrauens unter der Bevölkerung, der Unfreiheit und des drohenden Unglücks beschreiben, wie man es sich wohl 1933 in unserem Land, Deutschland, vorstellen kann. Wo soll ich anfangen, wo aufhören? Bei den abertausenden Menschen – Wissenschaftler*innen, Ärzt*innen, Lehrer*innen, Anwält*innen, Richter*innen, Hochschuldozent*innen, Journalist*innen, Politiker*innen, Polizist*innen und so vielen anderen, die ihre Arbeit verloren haben? Zur Aufgabe gezwungen, verfolgt, verhaftet und angeklagt – oft, meistens, für das „Unrecht“, eine andere Meinung als die Regierung Michael Rietsche von R. T. Erdogan zu vertreArzt in Weiterbildung ten, und diese kundzutun. & Wissenschaftlicher Ich möchte mich nicht in der Mitarbeiter Geschichte des Putsches in Frankfurt am Main von 2016 und dessen Folgen m.rietsche@posteo.de verlieren, nur so viel – ein Putsch ist keine alternative Handlungsmöglichkeit in einer Demokratie, niemals. Auch nach Meinung der türkischen Opposition übrigens, die ihn klar verurteilt hat. Einen solchen Putschversuch aber als Rechtfertigung und Mittel zu nutzen, alle unbequemen „Störenfriede“ des eigenen Machtstrebens aus dem Weg zu räumen – dies ist genau so wenig eine Handlungsmöglichkeit in einer Demokratie.

Soll ich über die Angst schreiben, die eigene Meinung zu sagen, weil frau/man denunziert werden könnte? Die Angst vor der Zukunft in einem Land, in dem man als frei denkender Mensch, gleich welcher Religion oder Weltanschauung, nicht mehr atmen kann? Über die militärischen Übergriffe der Türkei auf andere Staatsgebiete, wie Nordsyrien, um eine dortige Souveränität der kurdischen Bevölkerung zu verhindern? Apropos kurdische Bevölkerung: Terror und Gewalt sind immer zu verurteilen, und kein Zweck heiligt das Blutvergießen. Dies gilt für Mörder*innen in den Reihen von kurdischen Extremist*innen, wie auch für Mörder*innen in den Reihen des türkischen Militär- und Polizeiapparats, die letztlich auf den Befehl von Präsident Erdogan hin handeln. Welcher tiefverwurzelte Konflikt zwischen Völkern oder ethnischen Gruppen konnte in der Geschichte durch noch mehr Gewalt gelöst werden? Mir ist bewusst, wie emotional das Thema der Kurd*innen in und außerhalb der Türkei diskutiert und gesehen wird. Dies sehr oft weder ausgewogen, noch vollständig, noch neutral – vielleicht ist dies nicht möglich, da zu viel Leid und Grausamkeit die Geschichte bestimmt. Und letztlich habe ich weder das Wissen, noch die Erfahrung, noch ein großes Recht als Außenstehender, die Konflikte ausreichend zu beurteilen. Aber: Spätestens nach den Protesten im Gehzi Park hat sich die staatliche Repression massiv verstärkt. Demokratischen Strukturen und einem friedlichen, demokratisch fundierten Streben nach Veränderung wurde mit brutaler Gewalt, Verfolgung und Unterdrückung begegnet. Dies ist Zeichen einer Diktatur.

Ich könnte Seiten über Seiten schreiben, und letztlich über alles und nichts reden. Worüber ich allerdings schreiben möchte, hier und jetzt, das ist Hoffnung, so schwer es auch fällt. Die Hoffnung und das Vertrauen darauf, dass es in der Türkei noch immer, und immer wieder, und einmal wieder, freie und frei denkende Menschen mit durchaus vielen verschiedenen Meinungen gibt und geben wird. Dass kein unterdrückendes Regime je von Dauer war, ja dass auch bei nach Macht strebenden Menschen, zu denen Herr Erdogan sicherlich gehört, vielleicht ein Umdenken möglich ist. Dieser Artikel sollte eine Brücke schlagen zwischen den Zeiten von 1997 und 2017. Leider ist es gerade viel schlimmer als damals. Die gefühlte Hilflosigkeit ist – mindestens – die gleiche. Es wird sichtbar, wie alt die Repression in der Türkei ist. Ebenso, wie massiv sie in den letzten Jahren zugenommen hat. Bleiben die Hoffnung und das Vertrauen, dass Menschlichkeit und Vernunft doch wieder zu regieren beginnen, und der Mut, bis dahin nicht aufzugeben. Unabhängig von jeder politischen Überzeugung möchte ich mit den Worten Rosa Luxemburgs enden: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – ­mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der »Gerechtigkeit«, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die »Freiheit« zum Privilegium wird.“


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Ja zum Verbot von Atomwaffen, Nein zur Aufrüstungsspirale 122 Staaten gestalteten im Juli bei den Vereinten Nationen eine neue Friedenspolitik Am 7. Juli stimmten 122 Staaten bei den Vereinten Nationen mit JA. Ja zu einem Vertrag zum Verbot von Atomwaffen. Damit sind Entwicklung, Herstellung, Erwerb, Besitz, Lagerung, Weitergabe, Einsatz und Tests von Atomwaffen verboten. Auch jegliche Unterstützungsleistungen hierzu werden untersagt. Mitglieder von ICAN (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons) und IPPNW, die schon lange für dieses Ziel kämpfen, waren bei den historischen Verhandlungen in New York vor Ort. Rolle der Zivilgesellschaft Während der ersten Verhandlungsrunde im März wurde die Einbindung der ­Zivilgesellschaft von den Anwesenden als besonders offen empfunden. Vertreter*innen konnten die Verhandlungen nicht nur direkt verfolgen, sondern hatten auch die Gelegenheit, Statements abzugeben. Auch in den ersten Tagen der zweiten Verhandlungsrunde im Juni und Juli konnte die Zivilgesellschaft direkt bei den Verhandlungen anwesend sein. Im Verlauf zogen sich die Diplomat*innen jedoch in geschlossene Verhandlungen zurück. Dennoch war der Austausch ungewöhnlich offen und kooperativ. Nach Abschluss der Verhandlungen gab die Präsidentin Elayne Whyte Gomez das Wort noch einmal an die Hibakusha 1 Setsuko Thurlow. Damit hatte ein Opfer des Atomwaffenabwurfes über Hiroshima das letzte Wort in diesen historischen Verhandlungen – ein starkes Zeichen an alle teilnehmenden Staaten und auch an die Abrüstungsskeptiker. Ein starkes Zeichen auch an die künftige Bündnispolitik der NATO. Die Niederlande haben als einziges NATO-Mitglied an den Verhandlungen teilgenommen. Dies ist insbesondere bemerkenswert, da die Inhalte des Verbotsvertrages den Auflagen zur Teilhabe an der Nuklearen Abschreckung im Rahmen der NATO widersprechen. Die Niederlande forderten eine Abstimmung über die Annahme des Vertrages, da sie eine sonst mögliche Konsensentscheidung aufgrund der oben genannten Regu-

larien nicht hätten mittragen können. Eine Konsensentscheidung hätte bedeutet, dass der Vertrag angenommen wird, wenn alle Staaten den verlesenen Text akzeptieren und es keine gegensätzlichen Äußerungen gibt. Diesem Prinzip wird international hohe Bedeutung beigemessen. Durch die Abstimmung wurde aber verdeutlicht: 122 Staaten stimmten für die Annahme des Vertrages, Singapur enthielt sich und die Niederlande stimmten dagegen. Nachdem das Ergebnis auf den Bildschirmen aufleuchtete, atmeten viele Delegierte im Saal auf. Zwar stand nicht in Frage, dass der Vertrag mehrheitlich angenommen werden würde, aber alle Anwesenden waren sich des historischen Moments bewusst.

Bedeutung des Vertrages Die prominente Rolle, die einer Hibakusha eingeräumt wurde, zeigt auch: Mit dem Vertrag vollzieht sich eine Wende in der Nuklearpolitik. Menschliche Sicherheit und die katastrophalen humanitären Folgen von Atomwaffen stehen zum ersten Mal im Zentrum eines internationalen Abrüstungsvertrages. Maßgeblich für diesen Prozess waren die internationale Zivilgesellschaft und

Staaten, die keine Atomwaffen besitzen. Sie haben den Aufstand gegen die Nuklearmächte gewagt und eine neue Ära in der Abrüstungspolitik eingeleitet.

Inhalte des Vertrages Die Präambel des nun beschlossenen Abkommens erklärt, dass die katastrophalen Folgen eines Einsatzes und die Risiken, die die Existenz der Atomwaffen mit sich bringen, ein Verbot von Atomwaffen rechtfertigen. Hinzu kommen das Verbot der Einsatzdrohung „use or threaten to use“ (Artikel 1.(d)), womit jede Politik der Abschreckung eindeutig delegitimiert wird, sowie das Verbot der Stationierung in Artikel 2. Damit handelt künftig auch die Bundesregierung mit der nuklearen Teilhabe in der NATO und der Verfügung über US-Atomwaffen in Deutschland gegen geltendes Völkerrecht. Eine seit Jahrzehnten juristisch hoch umstrittene Praxis findet damit eine eindeutig völkerrechtliche Klärung. So setzt der Vertrag einen Kontrapunkt zu den weltweiten Aufrüstungsdynamiken. Erstmals sieht ein Vertrag umfassende Verpflichtungen aller Staaten zur Sorge für Opfer von Atomwaffenein- Anne Balzer, ICAN sätzen und -tests vor. Dies Deutschland, 26, umfasst medizinische und studiert Politikwissenpsychologische Unterstüt- schaften im Master an zung, Rehabilitation und vor der Freien Universität allem auch Schutz vor Diskri- Berlin, anne@ican.berlin minierung. Außerdem wird ein bisher kaum beachteter Aspekt nun geregelt: Die Staaten werden in dem Vertrag auch zur Umweltrehabilitation verpflichtet. Ein weiteres Novum ist die Formulierung zu genderspezifischer psychologischer Hilfe, Rehabilitation und medizinischer Unterstützung. Damit wird anerkannt, was wissenschaftlich längst klar ist: Das Radioaktivität zum Beispiel unterschiedliche Auswirkungen auf die Reproduktionsfähigkeit von Männern und Frauen sowie auf das Risiko an Krebs zu erkranken hat.


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Sicherheitsstandards Um eine umfassende Kontrolle und Etablierung von Sicherheitsstandards zu gewährleisten, orientieren sich die Vorgaben am Atomwaffensperrvertrag. Auch im neuen Verbotsvertrag gilt die IAEO (International Atomic Energy Agency) als Institution zur Kontrolle der Sicherheitsbestimmungen. Haben Staaten bereits Abkommen mit der IAEO abgeschlossen, werden diese mit dem Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag einfach übernommen. Wenn ein Staat bereits das sogenannte Zusatzprotokoll zum Safeguards-Abkommen unterzeichnet hat, gilt dieses ebenfalls weiter. Das Zusatzprotokoll stellt derzeit das umfassendste Kontrollwerk für Sicherheitsstandards dar. Jede Vertragspartei, die Mitglied des Verbotsvertrages ist, muss aber zumindest ein einfaches Safeguards-Abkommen ohne Zusatzprotokoll abschließen oder abgeschlossen haben.

Offenheit des Vertrages Der Text schafft eine solide Grundlage für die Einbeziehung der Atomwaffenstaaten. Damit kommt die Welt dem langfristigen Ziel, der völligen Abschaffung bestehender Atomwaffen, einen Schritt näher. Es gibt zwei Möglichkeiten beizutreten. Der erste Weg beschreibt den sogenannten „Join and destroy“-Ansatz. Demnach kann sich ein Atomwaffenstaat dem Vertrag zuerst anschließen und danach seine Atomwaffen eliminieren. Ein Atomwaffenstaat, der plant, dem Vertrag beizutreten, muss alle Informationen über seinen Atomwaffenbestand offenlegen, seine Atomwaffen außer Betrieb nehmen und einen Plan vorlegen, wie sie zerstört werden. Der Zeitraum für die Elimi-

nierung soll begrenzt sein. Dieser ist jedoch noch nicht im Vertrag definiert und muss dann im spezifischen Fall ausgehandelt werden. Die Organisation, die die Zerstörung überprüft und mit dem Staat aushandelt, wie viel Zeit benötigt wird, ist ebenfalls noch nicht benannt. Die umgekehrte Reihenfolge ist jedoch auch möglich: Erst abrüsten und danach dem Abkommen beitreten (destroy and join).

Was ist zu kritisieren? Die Verankerung des Rechts auf zivile Nutzung von Nukleartechnologie in der Präambel ist problematisch. Wie im Fall von Indien hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass die zivile Nutzung oft die Basis für die militärische Entwicklung von Atomwaffen bildet. Auch die Diskussionen um das Iranische Atomprogramm verdeutlichen, wie schwer sich die Trennung der friedlichen und militärischen Nutzung von Atomenergie überwachen lässt. Der Vertrag zum Verbot von Atomwaffen hat weder die Aufgabe, noch die Kapazitäten, die zivile Nutzung so umfassend wie nötig zu regeln. Ein weiterer Schwachpunkt ist die Möglichkeit des Austritts aus dem Vertrag. Hier zeigt sich, dass der Verhandlungsprozess kein einfacher war. Die Austrittsklausel ist ein Kompromiss, den ehrgeizige Staaten letztlich für eine größere Zahl an Unterzeichnern eingehen mussten. Die Zeitspanne, um aus dem Vertrag auszutreten, ist mit zwölf Monaten zwar kürzer als ursprünglich gefordert, aber zumindest länger als in vergleichbaren Verträgen. Außerdem ist kein Austritt in Zeiten möglich, in denen der betreffende Staat in einen bewaffneten Konflikt invol-

viert ist. Die Hürden für einen Austritt sind somit also trotzdem relativ hoch.

Wie geht es jetzt weiter? Der Austausch mit Vertreter*innen des Auswärtigen Amtes zeigt, dass sich die Ablehnung des Verbotsvertrages verfestigt. Immer wieder wird auf die Abwesenheit der Nuklearstaaten und eine mögliche Schwächung des internationalen Kontrollregimes durch den Vertrag verwiesen. Das nun vorliegende Vertragswerk zeigt aber, dass diese Argumente langfristig nicht haltbar sind. Daher sollten wir auch weiterhin den Austausch mit etablierten und neuen Bundestagsabgeordneten suchen und zeigen, dass die Zivilgesellschaft gegen Aufrüstung und für den Vertrag ist. Außerdem sollte verstärkt Bildungsarbeit geleistet werden, um künftige Generationen für das Thema zu sensibilisieren. Auf internationaler Ebene haben die atomwaffenfreien Staaten ab jetzt ein Recht auf Mitsprache und ein Vertragswerk, auf das sie sich berufen können. Der Vertragstext macht den Weg frei für ein umfassendes Kontroll- und Verifikationsregime, das für alle gleichermaßen gilt. Denn bisher mussten sich nur Staaten, die keine Atomwaffen besitzen, Sicherheitsvorkehrungen unterziehen. Jetzt wurde die Grundlage ­dafür geschaffen, dass auch Atomwaffenstaaten in die Pflicht genommen werden. Der Vertrag gibt auch einen neuen Anstoß zur Änderung des Diskurses. Durch die Aberkennung der vermeintlichen Legitimität der Atomwaffen, die aus dem Atomwaffensperrvertrag stammt, wird auch die nukleare Abschreckung in Frage gestellt.


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Dennoch muss sich der Vertrag zunächst im internationalen Völkerrecht etablieren und argumentativ angewendet werden. Dazu bieten unter anderem die Konferenzen zur Überprüfung des Atomwaffensperrvertrags den richtigen Rahmen.

Der Vertrag wurde am 7. Juli 2017 in der UN-Vollversammlung feierlich angenommen, am 20. September zur Unterschrift freigegeben. Notwendig sind 50 Ratifizierungen, damit der Vertrag 90 Tage später in Kraft tritt.

Damit hat die internationale Staaten­ gemeinschaft einen historischen Schritt gemacht. Einen Schritt für eine friedlichere und sicherere Welt. Bezeichnung für die Überlebenden des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und Nagasaki. 1

Friedensnobelpreis für Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) Rückenwind aus Oslo für die Ächtung von Atomwaffen

Die ärztliche Friedensorganisation ­IPPNW gratuliert der International Campaign to Abolish Nuclear Weapons (ICAN) zu der heutigen Nominierung für den Friedensnobelpreis. Wie das Nobelpreiskomitee in Oslo mitteilte, erhält ICAN die Auszeichnung für ihre Arbeit, Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Konsequenzen von Atomwaffen zu lenken. ICAN habe sich bahnbrechend um ein vertragliches Verbot dieser Waffen bemüht. Der Vorsitzende der IPPNW Deutschland, Dr. Alex Rosen, saß 2006 im internationalen Vorstand der IPPNW, als dieser die Kampagne ins Leben rief. Heute hat ICAN 468 Partnerorganisationen in über 100 Ländern. „Die Verleihung des Friedensnobelpreises an unsere Kampagne ICAN erfüllt uns mit großem Stolz. Sie gibt unserer Arbeit für die Abschaffung der Atomwaffen Rückenwind und wird in den kommenden Monaten und Jahren weltweit das Engagement für den Atomwaffenverbotsvertrag stärken“, so ­Rosen. ICAN hat die internationale Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Folgen von Atomwaffen gelenkt. Auf drei Staatenkonferenzen konnten die Argumente von Atombomben-Überlebenden (Hibakusha), MedizinerInnen und humanitären Hilfsorganisationen eine große Mehrheit der Staaten von der Notwendigkeit eines Atomwaffenverbotes überzeugen. Atomwaffen sind die grausamsten aller Massenvernichtungswaffen. Eine einzige Atomwaffe kann bis zu eine Million Menschen töten, wenn sie

über einer großen Stadt abgeworfen wird. Weltweit gibt es noch etwa 15.000 Atomwaffen. Im Gegensatz zu chemischen und biologischen Waffen waren Atomwaffen bislang nicht völkerrechtlich geächtet. Gleichzeitig sind die Atomwaffenstaaten ihren Abrüstungsverpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag nicht nachgekommen. Momentan rüsten sie ihre Atomarsenale sogar auf, was die Gefahr eines Einsatzes drastisch erhöht, zumal die Zahl der Atomwaffenstaaten seit Ende des Kalten Krieges gewachsen ist. Hinzu kommt die erhöhte Gefahr aufgrund von Cyberangriffen auf Atomwaffensysteme. Daher haben in diesem Jahr 122 Staaten beschlossen, die völkerrechtliche Lücke zu schließen und Atomwaffen vertraglich zu verbieten. Das am 7. Juli 2017 in New York beschlossene Abkommen verbietet sowohl den Einsatz von Atomwaffen als auch die Androhung eines Einsatzes. Damit wird die nukleare Abschreckung geächtet. Darüber hinaus werden Entwicklung, Herstellung, Erwerb, Besitz, Lagerung und Erprobung sowie der Transfer und die Stationierung von Atomwaffen verboten. Der Vertrag wurde zwar bislang von den Atomwaffenstaaten boykottiert, entfaltet jedoch seine Wirkung aufgrund der Schaffung neuer völkerrechtlicher Normen und einer Stigmatisierung dieser schrecklichsten aller Massenvernichtungswaffen. Nach Inkrafttreten des Vertrages sind die im rheinland-pfälzischen

Büchel stationierten US-Atomwaffen nicht mehr mit dem Völkerrecht vereinbar. Die öffentliche Aufmerksamkeit für den Atomwaffenverbotsvertrag werden IPPNW und ICAN im kommenden Jahr nutzen, um weitere Staaten zu überzeugen, dem Abkommen beizutreten. Die deutsche IPPNW appelliert an die neue Bundesregierung, Deutschlands bisherige Blockadehaltung aufzugeben und den Atomwaffenverbotsvertrag zu unterzeichnen. Das würde bedeuten, dass die Atomwaffen abgezogen werden müssten und Deutschland sich nicht mehr an der NATO-Planung für Atomwaffen­ einsätze beteiligen dürfte. Die gefährliche Eskalation des atomaren Konflikts zwischen Nordkorea und den USA zeigt, dass Atomwaffen Konflikte anheizen statt Sicherheit zu schaffen.

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„Wir müssen uns bewusst sein, dass wir ein Problem haben“ Atomkritische Nachwuchsförderung bei der Sommerakademie des Fachportals Atommüllreport.de Vom 02. bis 06. August diskutierten 21 Student­Innen und junge WissenschaftlerInnen in der Bundesakademie in Wolfenbüttel mit Experten über technische, medizinische und geologische Aspekte der Atommülllagerung.

überirdischen Atomwaffentests der 50er und 60er Jahre. Aufgrund des Abkommens gegen Atomwaffentests müsste sich die Konzentration nun alle 30 Jahre halbieren. Durch Exkursionen gewannen die TeilnehmerInnen praktische Einblicke in geplante, aber auch in bereits fehlgeschlagene Lagerungen. Eine Gruppe besichtigte das Salzbergwerk Asse. In dem sogenannten Versuchslager wurde von 1967 bis 1978, mit teils fragwürdigen Mitteln, Atommüll verbracht. Problematisch ist, dass stetig Wasser in das Bergwerk eindringt und es Gefahr läuft „abzusaufen“. Der Streitpunkt ist, ob die radioaktiven Stoffe unter technischer Anstrengung und höherer Belastung der Bevölkerung herausgeholt werden können und sollen. Oder ob man das Bergwerk verfüllt und hofft, dass die abgegebene Radioaktivität gering bleibt.

Zwar ist der Atomausstieg in Deutschland beschlossen, der Umgang mit dem hochradioaktiven Müll wird aber noch Generationen beschäftigen. Endlagersuche und Einlagerung werden mindestens 70 Jahre dauern. Wie lange die Lagerstätte dann überwacht und ob sie einige Jahrzehnte später komplett verschlossen werden soll, ist umstritten. Bereits die erste Hürde, ein Endlager zu finden, birgt Zündstoff. Denn der Gesetzgeber hat sich entschieden, der ausgewählten Endlagerregion kein Vetorecht zuzugestehen. Das­bedeutet, dass ein solches Endlager zur Not auch gegen den Willen der Anwohner gebaut werden kann. Die ProtagonistInnen der vergangenen 40 Jahre Auseinandersetzung um Atomkraft werden zunehmend verschwinden. Um nachfolgenden Generationen ihre Erfahrungen und ihr fach­ liches Wissen weiterzugeben, veranstaltete das atomkritische Fachportal Atommüllreport.de dieses Jahr erstmals eine Sommerakademie. Atommüllreport.de wird von Umwelt- und Anti-Atom-Organisationen getragen und basiert auf der „Bestandsaufnahme Atommüll“, mit der die Politologin Ursula Schön-

berger 2012 erstmals einen kompletten Überblick über den Atommüll in Deutschland gegeben hat. Die IPPNW ist Mitglied im Trägerkreis des Fachportals, unterstützt dessen Arbeit und war maßgeblich an der Planung und Durchführung der Sommerakademie beteiligt. Die Veranstaltung begann mit einem geschichtlichen Überblick über Atom­ energie und die Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland von Journalist und Autor ­Bernward Janzing. Dr. Alex Rosen, Kinderarzt und Vorsitzender der IPPNW, informierte über medizinische Grundlagen und Wirkung von Radioaktivität. Er räumte mit dem Irrtum auf, dass die Halbwertszeit etwas über die zeitliche Gefährlichkeit eines radioaktiven Stoffs aussage. Sie gäbe lediglich an, wie lange es dauere, bis durch Zerfall die Radioaktivität eines Radionuklids auf die Hälfte gesunken sei. Die Konzentration von Caesium137 im Boden hätte in den letzten Jahrzehnten messbar zugenommen. Das sei menschengemacht und resultiere einerseits aus der Atomindustrie und andererseits aus den

Die andere Gruppe besichtigte das ehemalige Erzbergwerk Schacht Konrad, das 2002 als Lager für schwach- und mittel­ radioaktiven Atommüll genehmigt wurde. Die Einlagerung wird aktuell vorbereitet, kann aber frühestens 2022 beginnen. Geologe Jürgen Kreusch berichtete über die grundlegenden Probleme der Endlagerung. Im Fall von Schacht Konrad sei problematisch, dass der Langzeitsicherheitsnachweis sehr alt ist und daher nicht dem heutigen Stand entspricht. Außerdem hat Kreusch Zweifel an der angewandten Modellrechnung, die auf Annahmen basiere und nicht auf Fakten. Der Nachweis, der vom damaligen Betreiber angefertigt wurde, sei daher nicht belastbar. Sicherlich ist so ein Nachweis für ein Endlager für hochradioaktiven Müll schwer zu führen, da die Frage ist, über welchen Zeitraum so ein Sicherheitsausmaß geführt werden soll: 100, 1.000, 10.000 Jahre? Für einen solchen Nachweis müsste man eigentlich Kriterien neu festlegen, eben nach dem heutigen Stand und den Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik. A ­ußerdem ist Kreusch der Meinung, sollte solch ein aktueller Test durchgeführt werden, sei Schacht Konrad nicht haltbar, weil es zu viele Austrittsmöglichkeiten für kontaminiertes Wasser gäbe.


Atom und Umwelt

Diplom-Physiker Wolfgang Neumann vom Gutachterbüro INTAC GmbH in Hannover informierte über den Bestand des deutschen Atommülls, sowie die Probleme der Zwischenlagerung. Die Genehmigungen für die Zentrallager Gorleben und Ahaus ­enden 2034, für die Zwischenlager an Atomkraftwerken 2046. Mit der Einlagerung im geplanten Endlager für hochradioaktiven Müll kann aber frühestens 2050 begonnen werden, die Dauer des Einlagerungsprozesses wird auf etwa 40 Jahre geschätzt. Die daraus resultierende Lücke von mehr als 16 Jahren mache eine Verlängerung der Zwischenlagerung notwendig. Die dafür notwendigen Behälter müssten aber lediglich einen Sicherheitsnachweis für 40 Jahre haben. Dieser basiere auf überwiegend theoretischen, punktuellen Untersuchungen und beinhalte keine Experimente zur Strukturentwicklung. Aufgrund der zu erwartenden Verlängerung der Zwischenlagerung müsste ein validierter Sicherheitsnachweis für mindestens weitere 40 Jahre erbracht werden. „Eine Zwischenlagerung deutlich über 40 Jahre hinaus erfordert – unabhängig vom Standort – neue Genehmigungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung, einschließlich der Vorsorge nach dann gegebenem Stand von Wissenschaft und Technik“, so Neumann. Diplom-Ingenieur Manuel Reichardt vom Institut für Massivbau der TU Braunschweig beschäftigte sich im Rahmen der Forschungsplattform ENTRIA mit Zwischenlagerkonzepten in anderen Staaten und den Voraussetzungen für eine Langzeitzwischenlagerung. Er zeigte grundlegende Zwischenlagertechnologie und deren Eigenschaften, abhängig von der bautechnischen und stofflichen Zusammensetzung der Lagerbehälter und der umgebenden Lagerstätte. Die Abkürzung ENTRIA steht für die etwas sperrige Bezeichnung: »Entsorgungsoptionen für radioaktive Reststoffe: Interdisziplinäre Analysen und Entwicklung von

Bewertungsgrundlagen Problemstellung«. Fünf Jahre wurde hier, mit Förderungsmitteln des Forschungsministeriums in Höhe von 15 Millionen Euro, interdisziplinär geforscht. Denn die Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Müll birgt nicht nur neue Auseinandersetzungen, sondern auch neue Technik, neue Behörden – und neue Jobs. Darauf wurden auch die TelnehmerInnen der Sommerakademie von mehreren Referenten hingewiesen und empfohlen den Prozess nicht nur kritisch zu begleiten, sondern auch mitzugestalten. Dies hob auch Dr. Wolfgang Irrek hervor. Der Professor für Energiesysteme und Energiewirtschaft an der Hochschule Ruhr-West informierte zudem über Kosten und Finanzierung des Rückbaus der Atomkraftwerke und der Atommülllagerung. Für Stilllegung und Rückbau würden die Betreiber finanziell verantwortlich bleiben, Finanzierungssicherheit sei aber nicht gewährleistet. Die Zwischen- und Endlagerung bezeichnete Dr. Irrek als »Ablasshandel«, da der Staat gegen eine Pauschale alle Risiken übernommen habe. Es sei fraglich, ob die Interessen heutiger und zukünftiger Generationen dabei ausreichend berücksichtigt würden. Auf jeden Fall ergäbe sich daraus ein wachsender Bedarf an kritischer Kompetenz für mehrere Jahrzehnte Die Veranstaltung brachte intensiven Input, wurde von den Teilnehmenden als informativ und gelungen bezeichnet und ermöglichte Studierenden den Erwerb eines ECTS-Punkts. Eine Stimme der zukünftigen Generation ist die 23-Jährige Thuy Linh, die Humanmedizin in Hannover studiert und IPPNW-Mitglied ist. Sie nehme aus der Veranstaltung

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mit, „dass man sich gesellschaftlich für diese Sache engagiert und es nicht anderen überlässt. Man muss dranbleiben und sich informieren. Und ich bin dann doch auch erschrocken darüber, was sich der Mensch da geschaffen hat. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir tatsächlich ein Problem haben, mit dem wir nicht umzugehen wissen und das eine Lösung erfordert.“ Eine Lösung, zu der die Plattform Atommüllreport.de mit atomkritischer Nachwuchsförderung beitragen möchte. Sie will den kritischen Sachverstand der jungen Menschen fördern und ihr Wissen nachfolgenden Generationen zur Verfügung stellen.

Zur Person: Juliane Dickel Juliane Dickel ist freie Journalistin in Berlin. info@juliane-dickel.de Aufgewachsen im Dreieck www.juliane-dickel.de Asse, Schacht Konrad und Morsleben war sie kontinuierlich mit dem Thema Atomkraft konfrontiert. Sogar ihr Studium der Japanologie gewann mit der Fukushima-­ Reaktorkatastrophe 2011 tragische atompolitische Aktualität. Aktuell beschäftigt sie sich mit der „Generationenfrage Atommüll“ und der atompolitischen Nachwuchsförderung durch Initiativen und Politik.


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Atom und Umwelt

Fracking – ein Risiko für Gesundheit und Umwelt Ecolog-Institut 1994: „Die ganze Erde wird mehr und mehr ein Großlabor, in dem wir je nach Einstellung und Profession gespannt oder erschreckt beobachten, welche Folgen der massenhafte Einsatz von Chemikalien hat – nur, dass wir dieses Labor nicht wieder so einfach aufräumen können, wenn wir merken, dass das Experiment missglückt.“ 1. Was ist »Fracking«? Die Ergasförderung ist seit langem für Niedersachsen wichtig. Etwa 8.000 Mitarbeiter sind unter Berücksichtigung auch der Zulieferindustrie dort beschäftigt. In früheren Jahren wurde ein Erdöl- oder Erdgasvorkommen »angebohrt« und das Material an die Erdoberfläche gepumpt, soweit es nicht unter Druck stehend spontan an die Oberfläche trat. Seit die Ergiebigkeit der Förderfelder zurückging, wurde das sogenannte ­Fracking bei der Förderung eingeführt. Um die im geologischen Material noch vorhandenen eingeschlossenen Restmengen an Kohlenwasserstoffen freizusetzen, wird ein Gemisch aus teils hochtoxischen Chemikalien, Dr. med. Paul Matthias Bantz Sand und Wasser – das sog. Internist/Betriebsmedizin/ »Fluid« – unter hohem Druck Umweltmedizin in Tiefen bis 5.000 Meter geRotenburg/Wümme pumpt. Dadurch entstehen im geologischen Material Risse, aus denen die dort noch vorhandenen Restmengen des eingelagerten Erd­ gases freigesetzt werden. Zusammen mit dem so gewonnenen Erdgas gelangen auch toxische Substanzen wie Arsen, Quecksilber und radioaktive Isotope an die Oberfläche. Diese toxische Mischung wird nach Abtrennung des Erdgases als Lagerstättenwasser bezeichnet, von dem in Niedersachsen pro Jahr rund 11 Millionen Kubikmeter anfallen. Die Entsorgung des Lagerstättenwassers erfolgt in der Regel in nicht geschlossenen Kreisläufen. Schadstofffreisetzungen wurden immer

wieder nachgewiesen, die Gesundheit von Mensch und Tier gefährden. Zudem wird die Verpressung von Schadstoffen in die Tiefe durch stillgelegte Bohrungen als Methode der billigen Entsorgung zu einer Gefahr für unsere Trinkwasserreservoire. Überschüssiges oder noch nicht gereinigtes Erdgas wird offen verbrannt – das sog. »Abfackeln«, wobei ebenfalls große Mengen toxischer Schadstoffe freigesetzt werden. Wegen der oft unkontrollierten und unvollständigen Verbrennung entstehen zusätzlich eine Vielzahl giftiger und teils auch krebserregender Substanzen. Es gibt bisher kaum verwertbare Messergebnisse an den Fackeln. Im laufenden Normalbetrieb in Deutschland werden jährlich enorme Schadstoffmengen freigesetzt: Neben den ca. 10 Tonnen flüchtigen Kohlenwasserstoffen, davon allein 1,5 Tonnen Benzol, werden ca. 140 Tonnen Methan und 114 Tonnen Quecksilber frei.

auf, drei nämlich sind stark wassergefährdend, ­ 12 wassergefährdend, 22 schwach wassergefährdend, 10 nicht wassergefährdend. Das bedeutet, dass diese Inhaltsstoffe wegen möglicher Verursachung von Gesundheitsschäden nicht in die Umwelt gelangen dürfen.

2. Die Situation und Proble­matik vor Ort: Statt statistisch zu erwartender 21,3 bösartiger hämatologischer Neuerkrankungen wurden im Zeitraum 2003–2012 in der Gemeinde Bothel 41 Fälle beobachtet, in der nahen Kreisstadt Rotenburg sind ebenfalls 30 % mehr Menschen erkrankt. In dieser Region befinden sich eng beieinanderliegend ca. 50 Bohrstellen. Man vermutete die Umweltverschmutzungen durch die Erdölfirmen, als deren mögliche Quelle nicht nur die direkten Bohrlöcher und die Nutzung des Fluids, sondern auch das immer wieder in die Umwelt gelangende Lagerstättenwasser, das Abfackeln und das teils illegale Ablagern von sog. Bohrschlamm in offenen Gruben angesehen wurden. In Niedersachsen werden ca. 500 dieser Gruben vermutet, deren Lokalisation überwiegend noch nicht bekannt ist. In einigen dieser Gruben wurden hochtoxische Substanzen nachgewiesen, die in der Altmark bereits in das Grundwasser gelangt sind.

In Deutschland wurde laut einer Studie des Umweltbundesamtes bereits 2012 von mindestens 112 Additiven ausgegangen, die verschiedene Chemikalien enthalten, darunter Stoffe, die sehr giftig, krebserregend, erbgutverändernd und auch die Fertilität negativ beeinflussend sind. Für ­ das UBA-Gutachten (Seiten 300 bis 340 und 347) wurden 80 Sicherheitsdatenblätter der Lieferfirmen der Frackflüssigkeiten ausgewertet.

Das Umweltbundesamt kritisierte b­ ereits 2012 die chemische Umweltbelastung durch die Zusammensetzung des Fluids und sprach von hohem Gefährdungspotential: „Die Umweltverträglichkeitsprüfung Bergbau und die darauf gestützte bisherige Praxis der Bergbehörden, auf eine UVP-Vorprüfung zu verzichten, erfüllen nicht die durch den EU-Gerichtshof konkretisierten Anforderungen an die Umsetzung der Richtlinie. […] Verpressung bedeutet ­Risiken für Grundwasser und Umwelt“.

Danach waren sechs Zubereitungen ­giftig, sechs umweltgefährlich, 25 gesundheitsschädlich, 14 reizend, 12 ätzend und nur 27 nicht gefährlich. Einige Additive ­weisen auch G ­efährdungsmerkmale für Wasser

Auf Veranlassung von Bürgerinitiativen und nach Recherchen von Medienvertretern wurden die kritisierten Schadstoffe, wie Benzol und Quecksilber, in Bodenproben nachgewiesen. Ein Biomonitoring – der


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sie auch schon von internationalen Wissenschaftlern in bereits verfügbaren Studien dargelegt wurden. Nachweis in Blutproben oder Gewebeproben der Anwohner – ist leider sehr aufwendig und teuer. Dennoch hat der Kieler Toxi­ kologe Dr. Kruse eine exponierte Familie vor Ort genauer untersuchen können. Alle Familienmitglieder, die in enger Nachbarschaft zu einer Bohrstelle lebten, litten an Leukämie oder Non-Hodgkin-Lymphom und waren erkennbar mit verursachenden Schadstoffen belastet. 2016 wurde zusätzlich eine Grünkohl-Testpflanzung angelegt und es zeigte sich – je dichter die Pflanzen an den Förderstellen standen, umso höher war deren Schadstoffbelastung. Gleiches konnte für Pilze nachgewiesen werden. Diese Beobachtung deckt sich auch mit den Ergebnissen zahlreicher internationaler Studien, die zu dem Schluss kommen: „Je dichter eine Bevölkerungsgruppe sich an den Förderstellen aufhält, um so häufiger erkranken die Menschen.“ 2013 hatte das Gesundheitsministerium des Landes Niedersachsen von der Organisation »GENUK« (Gemeinnütziges Netzwerk für Umweltkranke) sehr gut recherchierte Befunde erhalten. Die Forderung nach einer Abklärung durch eine Zusammenhangsstudie lehnte das Ministerium ab. Äußerungen von NGOs werden selten ernst genommen – hierzu ein Zitat aus dem damaligen Antwortschreiben des Ministeriums: „Ich habe Ihre vorgetragenen Beobachtungen zu gesundheitlichen Effekten in diesem Zusammenhang mit Interesse gelesen und bin der Auffassung, dass alle substantiierten Beobachtungen ernst genommen werden müssen. Leider reichen die in Ihrem Schreiben vorgetragenen Eckpunkte zur gewünschten Begleitstudie nicht aus, um ein derartiges Projekt bereits jetzt abschließend beurteilen zu können.“ Politik und Behörden konnten erst nach einem offenen Brief unserer lokalen ­IPPNW-Gruppe an Politik und Medien zu Aktivitäten bewogen werden. Danach ergab eine erste Studie des Landesgesundheitsamtes Hinweise für die vermuteten Zusammenhänge der Erkrankungen mit den Produktionsstätten der Erdgasindustrie, wie

Erdölfirmen, hier besonders EXXON, r­eagierten mit PR-Aktionen auf die zahlreichen kritischen Artikel und Sendungen, um die unruhig werdende Bevölkerung zu beruhigen. In aufwendigen Broschüren wurde die angebliche Harmlosigkeit der Frackingaktionen mit teils bewusst falschen Behauptungen dargelegt. Hierzu einige Beispiele unter vielen: Die freigesetzte Radioaktivität wird euphemistisch als »natürliche Radioaktivität« bezeichnet – dazu EXXON: „Die vereinzelt auftretende natürliche Radioaktivität ist so gering, dass sie nicht kennzeichnungspflichtig ist.“ Immerhin gibt EXXON in seinem Umweltbericht betriebsintern selbst eine Menge von 88 Bq/g an. Es gibt jedoch keine Schwelle für Radioaktivität, unterhalb derer von Schadlosigkeit gesprochen werden kann. EXXONs irreführende Reaktion auf e­ inen kritischen Leserbrief: (19.04.16) „Der Schreiber behauptet, es sei unbestritten, dass Benzol, Quecksilber, Radium 226 und Radon krebserregend seien. Das ist falsch. So ist insbesondere Quecksilber nicht krebs­erregend, auch wenn dies von vielen Stellen behauptet wird.“ Am 07.05.16 äußerte sich EXXON entgegen aller wissenschaftlicher Erkenntnisse: „Weder das Erdgas, noch Lagerstättenwasser oder die eingesetzten Frackingflüssigkeiten enthalten Stoffe, die die erhöhte Rate der beiden Krebsarten erklären würden. Der einzige krebserregende Stoff bei der Erdgasförderung ist Benzol.

Und das greift die Leber an. Doch beim multiplen Myelom ist die Milz betroffen. Für diese Krebsart sind die Risikofaktoren ganz andere: Land- und Forstwirtschaft, ­Lacke, Farben, Pestizide, Herbizide und auch ­Immunschwäche.“ Zum Vorwurf der möglichen Grundwasserverschmutzung: „Kann nicht passieren, unsere Leitungen sind durch Zementummantelungen hochsicher.“ In jedem Fördergebiet treten immer wieder Erdbeben auf, die nach gutachterlich anerkannter Meinung durch die Aktivitäten der gasfördernden Industrie ausgelöst werden. Zementummantelte Röhren können nicht lange dichthalten. Laut einer Untersuchung der Technischen Universität Darmstadt bekommt selbst der ­ stärkste »Tiefbohrzement« bei Setzungskräften Risse. Nach einer kanadischen Untersu­ chung sind 5% der Leitungen von Beginn an nicht ganz dicht, nach 30 Jahren konnten dort bereits 30% als undicht nachgewiesen werden. Auch im niedersächsischen Fördergebiet wurden Leckagen beobachtet und erforderten Bodensanierungen in größerem Umfang. Problematisch ist jedoch nicht nur der Verschmutzungseffekt, sondern auch der Wasserverbrauch: „Der […] Wasserbedarf bei der ­ unkonventionellen Gasförderung (sowohl ­ Schiefer- wie Tightgasförderung) übersteigt in einigen Regionen Niedersachsens den vielfach schon heute als kritisch angesehenen Wasserbedarf für die landwirtschaft­ liche Beregnung so deutlich, dass an dieser Stelle eine hohe Wahrscheinlichkeit von Nutzungskonflikten zwischen Erdgasförderung und Landwirtschaft zu konstatieren ist. Dies, zumal

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Atom und Umwelt

Wasserverluste und Trinkwasserverbrauch durch Fracking

Schiefergas

Wasserverlust

Entspricht dem täglichen Trinkwasserverbrauch (in Deutschland rund 122 Liter/Kopf) von circa:

pro Frack

ca. 1.100 m 3 – 4.000 m 3

9.000 – 32.000 Menschen

pro Bohrung

ca. 12.000 m 3 – 29.000 m 3

98.000 – 237.000 Menschen

pro Erschließungsgebiet *

ca. 5,6 Mio.m 3 – 43,7 Mio.m 3 45.900.000 – 358.196.000 Menschen

Tight Gas

Wasserverlust

Entspricht dem täglichen Trinkwasserverbrauch (in Deutschland rund 122 Liter/Kopf) von circa:

pro Frack

ca. 37 m 3 – 2.300 m 3

300 – 18.800 Menschen

pro Bohrung

ca. 73 m 3 – 5.700 m 3

pro Bohrplatz

ca. 30.000 m – 60.000 m

pro Erschließungsgebiet *

ca. 1,7 Mio. m 3 – 12,8 Mio. m 3

3

600 – 46.700 Menschen 3

246.000 – 492.000 Menschen 13.900.000 – 178.600.000 Menschen

* hier exemplarisch 260 km 2

mit fortschreitendem Klimawandel und zunehmend trockeneren Sommern auch die Notwendigkeit von landwirtschaftlicher Beregnung in heute noch weniger dürregefährdeten Regionen zunehmen wird.“ (Aus: »Bohrplätze oder Ackerfrüchte? Wasserverbrauch und Kontamination durch Fracking und die Auswirkungen auf die Landwirtschaft« von Andy Gheorghiu)

Die Belastung von Mensch und Umwelt mit toxischen Stoffen durch Frackingmaßnahmen ist jedoch nicht das einzige ­kritikwürdige Problem. Die dadurch jährlich freigesetzte Methanmenge wird von Klimaforschern wegen des negativen Effektes auf das Klima intensiv angemahnt. Methan wirkt um ein Mehrfaches stärker schädigend auf die Atmosphäre als Kohlen­dioxyd.

Die zu kritisierenden Probleme vor Ort sind leider auch Folge mangelnder Aufsicht durch die Behörden, denen sachkundiges Personal fehlt.

Aus dem Methan im abgefackelten Gas entsteht bei der Verbrennung das klimaschädliche Kohlendioxid (CO2). Aufgrund der großen Mengen (z. Zt. über 1 % der weltweiten CO2-Emissionen) entsteht hier eine erhebliche Klimabelastung. Hierzu trägt auch unverbrannt entweichendes Methan bei, dessen Klimaschädlichkeit ­ noch viel intensiver ist.

Seit 2016 gibt es eine aktuellere Version des alten Bergbaugesetzes von 1935, das der Industrie weitgehend freie Hand ließ. Jedoch wurden aus politischen Gründen noch zu viele industriefreundliche Kompromisse akzeptiert. Sowohl Bürgerinitiativen als auch wir Ärzte fordern Korrekturen. Zwar gibt es in dem Gesetz eine Verbesserung hinsichtlich der Trinkwassersicherung, jedoch ist keine Gesundheitsverträglichkeitsprüfung vorgesehen. Das heißt, die vielen Erkrankungen und Indizien, die es bereits auch international für einen Zusammenhang mit Fracking gibt, finden keine Berücksichtigung. Gleich, ob Fracking oder nicht und egal welche Art von Fracking: Giftige Substanzen dürfen nicht von der Industrie mutwillig in die Umwelt entlassen werden. Darum kritisieren wir das Gesetz.

3. Die sich im Interesse der Bevölkerung und der Umwelt ergebenden Forderungen: 1. Studie: Eine unabhängige prospektive Fall-Kontroll­ studie mit Schadstoffmessungen für wahrscheinlich verursachende Stoffe, die Zusammenhänge sichern kann und dafür inhaltlich, personell und finanziell ausreichend ausgelegt ist, muss unter fortgesetzter Beteiligung von Bürgerinitiativen und Ärzten der IPPNW-Gruppe umgehend geplant und durchgeführt werden. Hierfür sollte ein bereits bestehender Austausch mit Wissenschaftlern im In- und Ausland inten-

siv genutzt werden. Erste Gespräche hierzu haben bereits mit dem Niedersächsischen Landesgesundheitsamt stattgefunden. 2. Sofortige Schadensminimierung: Der volle Umfang bereits bestehender Kontrollmöglichkeiten der Gas- und Ölindustrie durch Behörden muss ausgeschöpft werden. Die ausführenden Institutionen müssen hierfür ausreichend ausgestattet werden (u.a. LBEG, Gewerbeaufsichtsämter). Eine unabhängige adäquate Schadstoffmessung ist unabdingbar – hier müssen unbedingt auch radioaktive Substanzen Beachtung finden. Es ist nicht zu vertreten, Verursacher von Schäden einer Selbstkontrolle zu überlassen. 3. Hinweisen zu Umweltschädigungen muss zeitnah nachgegangen und die Vergehen ggf. sofort beendet und behoben werden (im Sinne des Verursacherprinzips). 4. Die Möglichkeiten der Sanierung von Bohrschlamm enthaltenden Gruben müssen geprüft und auf der Grundlage des Verursacherprinzips umgesetzt werden. 5. Alle rechtlichen Möglichkeiten zum Schutze des Trinkwassers sind anzuwenden. 6. Umweltverträglichkeitsprüfungen müssen durchgeführt werden. 7. Wir fordern auf der Grundlage des Vorsorgeprinzips ein Moratorium für ­Fracking. 8. Umgehendes Verbot der Freisetzung toxischer Substanzen in die Umwelt.

Thomas Hobbes (1650) – ein bekannter Sozialökonom: „Wenn der Staat lebensgefährdende Verhältnisse erzeugt oder duldet, steht es dem Bürger frei, das zu verweigern. Denn Gefahren werden industriell erzeugt, ökonomisch externalisiert, juristisch individualisiert, naturwissenschaftlich legitimiert und politisch verharmlost.“


Gesundheit und Gesellschaft

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Die unsichtbare Hand im Teppichboden 30 Jahre AMATOM: Auch dieses Thema wurde im amatom in der Vergangenheit schon öfter diskutiert. So z.B. 2002 in der Ausgabe Nr. 15: „Abschied von der Solidarität – her mit den Profiten“ von Tobias Weismüller, den wir aus Platzmangel hier leider nicht noch einmal abdrucken können. Er steht aber auf unserem Blog: amatomblog.wordpress.com Wenn in den Stationen für Privatpatient*innen und in sogenannten Hotelkliniken Teppichboden verlegt wird und neue Flachbildschirme angeschraubt werden, dann wird Geld, das für Gesundheitsversorgung vorgesehen war, für eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit einzelner Kliniken ausgegeben. Wenn Aktionär*innen von börsen­ notierten Klinikkonzernen Dividenden ausgeschüttet bekommen, dann wird das Gesundheitssystem zur Erweiterung persönlichen Reichtums benutzt. Wenn Ärzt*innen und Pfleger*innen zu wenig Zeit für die sozialen und gesellschaftlichen Dimensionen der Medizin, haben, dann auch, weil sich das nicht abrechnen lässt. 124. Hauptversammlung des Marburger Bund 2013: „Wir Ärztinnen und Ärzte werden zunehmend als Produktionsmittel instrumentalisiert und können unseren eigentlichen Auftrag am Patienten nicht mehr angemessen erfüllen. Dies führt zunehmend zu ethischen Konflikten, die kurative, helfende Medizin wird immer weiter marginalisiert.“ Und wenn Menschen und ihre Krankheiten unter ökonomischen Gesichtspunkten als ein Mittel zum Zweck betrachtet werden, wenn Gesundheitsleistungen als Waren angeboten werden, dann hat das schwerwiegende Auswirkungen auf unsere Arbeit, unsere Gesundheit und unser gesellschaft­ liches Zusammenleben. Je mehr ich in den klinischen Alltag hinein­wachse, desto mehr offenbaren sich mir Probleme und Widersprüche unserer Arbeit unter den jetzigen Verhältnissen. Einige unserer Kolleg*innen haben sie schon dazu gebracht, die klinische Arbeit frustriert

aufzugeben, gar nicht erst zu beginnen oder in einem Zustand der inneren Kündigung resigniert weiter zu machen. Jürgen Lichey, Wolfgang Schilling und Günther Jonitz im Deutschen Ärzteblatt 16. Juni 2017: „Die Verwandlung der Krankenhäuser in kostenorientierte, betriebswirtschaftliche Unternehmen ist eine Fehlentwicklung ­historischen Ausmaßes.“ In unserer IPPNW-Studierendengruppe haben wir uns gefragt, wie die Ökonomisierung oder Kommerzialisierung vonstatten­ geht, wie die Finanzierung des Gesundheitssystems funktioniert, welches Ausmaß Privatisierungen angenommen haben und was die Folgen einer solchen Umgestaltung sind. Über die letzten zwei Jahre habe ich mich intensiv, unter anderem durch die Arbeit im Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte, in das Gesundheitssystem und die ökonomischen Grundlagen eingelesen, Veranstaltungen besucht und Menschen zugehört, die in politischer Ökonomie und Gesundheitspolitik erfahren sind. Ich möchte teilen, was ich gelernt habe, weil ich glaube, dass wir uns mangels politischer und ökonomischer Wissensvermittlung in unserem universitären Curriculum selbst bilden und austauschen müssen, um uns konstruktiv kritisch äußern zu können.

Freie Märkte und Waren Die Reformen des deutschen Gesundheitssystems der letzten Jahrzehnte reihen sich ein in die marktradikalen oder neoliberalen Umgestaltungen, die weltweit Gesellschaften verändern und sich auf ­ immer mehr Lebensbereiche ausbreiten1. Ich verwende das Wort Neoliberalismus hier, um eine ökonomische und politische Ideologie zu beschreiben, die durch Privatisierungen,

Deregulierung, Rückbau sozialer Sicherungssysteme und Austerität, also Sparmaßnahmen, gekennzeichnet ist 2. Hinzu kommen soziale und ethische Normen, wie die Betonung der individuellen Leistungsbereitschaft und unternehmerischer Freiheit als Antrieb gesellschaftlichen und ökonomischen Fortschritts, die Akzeptanz sozialer Ungleichheit als ein notwendiges Übel und ein allgemeines Misstrauen gegenüber staatlicher Steuerung. Es wird damit tendenziell eine Gesellschaft gefördert, die geprägt ist von individualisiertem, marktwirtschaftlichem und entpolitisiertem Denken und Handeln. Solidarische und demokratische Argumentationen und Gestaltungsmöglichkeiten hingegen verlieren an Wert. Dazu wird die marktwirtschaftliche Logik von Konkurrenz und Warenaustausch auf zuvor nicht-kapitalistische Bereiche gesellschaftlichen Lebens ausgeweitet. Um staatlich, kommunal oder kollektiv organisierte Bereiche des gesellschaftlichen Lebens für private Investitionen und Profit zu öffnen, wird soziale Infrastruktur abgebaut und öffentliche Daseinsvorsorge privatisiert. Dazu zählen die Wasser- und Stromversorgung, Straßen, öffentlicher Verkehr, Schulen, Grenzsicherung, Gefängnisse, die Versorgung geflüchteter Menschen sowie Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen. Durch diese Erweiterung des Marktes werden Dinge und Handlungen als Waren umdefiniert, soziale Verhältnisse zunehmend individualisiert und wir Bürger*innen, Patient*innen und Gesundheitsarbeiter*innen finden uns Felix Ahls felix.ahls@posteo.de, wieder als Kund*innen, Praktisches Jahr Verkäufer*innen und Kon- in Duisburg sument*innen.

Gesundheit und Krankheit werden zu Waren Konkret wurde in Deutschland seit den 1980er Jahren die Krankenhausfinanzierung vom Selbstkostendeckungsprinzip zu einer wettbewerbsorientierten und leistungsbezogenen Finanzierung umgestaltet.


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Von 1972–1985 galt das Selbstkostendeckungsprinzip, nach dem die tatsächlich entstehenden laufenden Kosten für Personal und Material über tagesgleiche Pflegesätze von den Krankenkassen erstattet wurden. Es galt das Verbot Gewinne zu machen. Gab es Überschüsse, wurden die Pflegesätze zum nächsten Jahr erniedrigt, gab es Verluste, wurde nachgezahlt. Die Kassen prüften die Wirtschaftlichkeit der erbrachten Leistungen. Investitionen in bauliche Maßnahmen übernahmen Bund und Länder, sodass sich eine duale Finanzierung ergab. Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin: „Wären DRGs ein Medikament, müsste es es sofort vom Markt genommen werden. Alle Nebenwirkungen sind aufgetreten und fast alle Wirkungen ausgeblieben.“ Unter dem Schlagwort der Kostenexplosion wurde der marktkonforme Umbau als notwendig für eine Kosten­ dämpfung legitimiert. Die Einschätzung, dass die behauptete Kostensteigerung vor allem auf fehlender Effek­tivität und Fehlanreizen des aktuellen Finanzierungssystems basierte und dass deswegen eine umfassende Rationalisierung im Gesundheitssystem stattfinden müsse, ist aus mehreren Gründen nicht haltbar. Aufgrund eines sinkenden Lohnniveaus und damit sinkender Beitragszahlungen war ein Einnahmenrückgang der gesetzlichen Krankenversicherungen, die 90 % der Gesundheitskosten tragen, zu beobachten 3. Das Problem waren also eher die zu niedrigen Einnahmen als zu hohe Ausgaben. Zudem wird so ein gesellschaftlich und volkswirtschaftlich zu betrachtendes Feld mit einer betriebswirtschaftlichen Sichtweise beschrieben. Dazu stand kürzlich im Deutschen Ärzteblatt: „Noch schwerwiegender ist der daraus abgeleitete Irrglaube, die Volkswirtschaft sei eine Betriebswirtschaft im Großen. Dieses Denkschema unterwirft dann folglich das Gesundheitswesen als Ganzes dem Gewinnzwang und drängt das ethische Ziel der Daseinsvorsorge in den Hintergrund.“ 4 Nichtsdestotrotz ist seit Mitte der 1980er Jahre die Kommerzialisierung der Gesundheitsversorgung umgesetzt worden. Das Verbot mit Krankenhäusern Gewinne zu erwirtschaften wurde aufgehoben, sodass private Konzerne auf diesen neu geschaffenen Markt drängten und in Deutschland im Jahr 2015 bereits 35 % der Krankenhäuser

besaßen, bei Vorsorge- oder Rehabilita­ tionseinrichtungen waren es sogar 54%.5 Mit den 2004 eingeführten Fallpauschalen gilt nun ein Abrechnungssystem, mit dem Krankenhäuser die laufenden Kosten über pauschale, festgelegte Beträge für bestimmte Krankheiten und Behandlungen, die sogenannten German Diagnosis Related Groups (G-DRGs), erstattet bekommen. Da die Preise für die einzelnen G-DRGs landesweit einheitlich sind, ist so die Möglichkeit des Wettbewerbs geschaffen worden. Die Kliniken konkurrieren jetzt darum, wer mit der gleichen Vergütung über G-DRGs am meisten oder überhaupt Gewinn erwirtschaften kann, was dazu führte, dass trotz steigender Fallzahlen Kliniken geschlossen und massiv Betten und Personal abgebaut wurden. Denn die größte Interventionsmöglichkeit zur Kostensenkung sind Personalkosten, was zu steigender Arbeitsbelastung führt und damit zu sinkender Behandlungsqualität beiträgt. Gerade in der Pflege wird dabei gespart, da im jetzigen Finanzierungssystem vor allem ärztliche Handlungen Einnahmen bedeuten, wohingegen Löhne bei Pflege und anderen Berufsgruppen für die Kliniken vornehmlich Ausgaben darstellen. In Deutschland gibt es im europäischen Vergleich das höchste Verhältnis von Patient*innen zu Pfleger*innen, was wiederum direkt zu einer Steigerung der Mortalität führt.6 7 Die duale Finanzierung wurde beibehalten. Die notwendigen Investitionen werden aber gesetzeswidrig zu etwa 50% durch die Erlöse aus Einnahmen durch DRGs und durch Kredite bezahlt.8 Es werden für Patient*innenversorgung und Personal vorge­ sehene Mittel für bauliche und andere versorgungsfremde Maßnahmen verwendet. Bundesministerium für Gesundheit: „Die deutsche Gesundheitswirtschaft ist eine dynamische Wirtschaftsbranche mit hoher Innovationskraft und erheblicher ökonomischer Bedeutung für den Standort Deutschland.“

Abrechnung und Vernunft Wie die Auswirkungen dieser Umstrukturierungen aussehen, lässt sich auch aus der Überlegung ableiten, wie eine Klinik im jetzigen Finanzierungssystem mit Fallpauschalen vernünftig handelt. Sowohl um eine möglichst große Profitrate für das Unternehmen zu erzeugen, als auch um überhaupt als Klinik zu überleben muss Gewinn erwirtschaftet werden.

Dazu müssen möglichst viele Menschen mit lohnendem Verhältnis von Ausgaben zu Einnahmen, das heißt mit „lukrativen“ Erkrankungen aufgenommen werden und an ihnen möglichst viele ertragreiche diagnostische oder therapeutische Prozeduren durchgeführt werden. Und das mit möglichst wenig personellem Aufwand, größtmöglicher Auslastung der vorhandenen Gerätschaften, OP-Säle und Betten sowie in möglichst hoher Geschwindigkeit. Es geht also um Fallzahlsteigerung, Liegezeitverkürzung, Personalabbau, Ausweitung invasiver Prozeduren, Lohnabbau und Selektion gewinnbringender Patient*innen. Diese Überlegungen sind unter dem Zwang der Konkurrenz in einem betriebswirtschaftlichen Sinne für das einzelne Unternehmen vernünftig. Was für diese Akteure im Gesundheitswesen profitabel ist, erzeugt aber nicht unbedingt einen gesellschaftlichen Nutzen. Es steht dem zuweilen gerade gegenüber. Die Qualität und Verfügbarkeit medizinischer Versorgung sinken, wie auch der 119. Deutsche Ärztetag feststellte.9 Die Versprechen der neoliberalen Umgestaltung – Kostensenkung und effektiver Einsatz der Ressourcen – wurden nicht gehalten. An den stetig zunehmenden Gesundheitsausgaben sind die privaten Klinikkonzerne überdurchschnittlich beteiligt. Sie weisen die größte prozentuale Zunahme an behandelten Fällen auf und den höchsten Case-Mix-Index, das heißt, die schwereren Erkrankungen und den höheren Ressourcenaufwand 10. Es besteht zudem kein gesellschaftlicher Nutzen darin, wenn Geld aus der solidarischen Krankenversicherung in die Erweiterung transnationaler Gesundheitskonzerne fließt 11 oder in das private Vermögen der beteiligten Aktionär*innen.


Gesundheit und Gesellschaft

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: „Die Gesundheitswirtschaft ist einer der größten deutschen Wirtschaftssektoren. Sie erwirtschaftet etwa 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und ist in den letzten Jahren stärker und stabiler gewachsen als die Gesamtwirtschaft.“ Diese Zusammenhänge beinhalten einige der zugrundeliegenden Widersprüche, die unser gesellschaftliches Leben kennzeichnen. Dieses findet in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem statt, in dem die Verfügungsmacht über die Produktion und die Verteilung von Gütern bei privaten Kapitaleigentümer*innen liegt. Das individualistische Handeln dieser untereinander konkurrierenden Eigentümer*innen und Unter­ nehmen prägt maßgeblich unsere Lebensumstände. Diese gesellschaftliche Macht nimmt mit der steigenden Konzentrierung des privaten Eigentums weiter zu. Der Kapitalismus ist in seiner Substanz nicht demokratisch und nicht gemeinwohlorientiert. Daher ist seine Logik prinzipiell ungeeignet als Grundlage der Organisation einer bedarfsgerechten, solidarischen Gesundheitsversorgung. Marktwirtschaftliches Denken und Handeln zerstört die auf Vertrauen und Abhängigkeit basierende Beziehung zwischen Ärzt*innen und Patient*innen. Im Kapitalismus ist kein Platz für ärztliches und pflegerisches Handeln, das seine soziale Verantwortung in den Mittelpunkt stellt.

Verhältnisprävention Die Verhältnisse, unter denen wir leben und arbeiten, wirken sich auf die Art aus, wie wir mit Menschen in Kontakt treten und formen unser Verständnis und unsere Wahrnehmung der Welt. Was bedeutet es dann, wenn Gesundheitsversorgung nach kapitalistischen Regeln funktioniert? Wenn darin Konkurrenz, Angebot und Nachfrage die Entscheidungen prägen und die eigene ärztliche Tätigkeit als Ware verkauft und missbraucht wird. Es ist eine entscheidende Frage, wie wir eine Medizin praktizieren können, die auf Menschlichkeit basiert, die Patient*innen als Ziel unserer Bemühungen und nicht als Mittel zum Zweck behandelt, während marktwirtschaftliche Regeln weiter den klinischen Alltag einnehmen und durch Zeitdruck und Personalmangel die klinische Arbeit einer ständigen Krisenverwaltung ähnelt.

Trotz der bekannten negativen Auswirkungen einer kapitalistisch deformierten Gesundheitsversorgung wird die stationäre, wie auch die ambulante Versorgung weiter kommerzialisiert. Dabei stützt sich die ­Argumentation auf den Glauben an die unsichtbare Hand des Marktes, die Wohlstand und Stabilität für alle verspricht. Und das obwohl große Untersuchungen über viele Jahrzehnte zeigen, dass neoliberale Reformen gerade im Gesundheitswesen zu einer Verschärfung der krisenhaften Situationen führen, in denen sie meist umgesetzt werden.12 Durch diese Ideologie erodieren zusehends die erkämpften Fortschritte im Bezug auf Arbeiter*innenrechte, Demokratie und gesellschaftliche Solidarität, während die ökonomische Ungleichheit zunimmt, soziale Sicherungssysteme wegbrechen und Gefühle von Ohnmacht und Entfremdung zunehmen.13 Die zunehmende soziale Ungleichheit und aggressive Umverteilung des gesellschaftlich erschaffenen Reichtums in privates Eigentum sind nicht naturgegeben. Und auch die Kommerzialisierung der Gesundheitsversorgung ist nicht alternativlos. Der Widerstand dagegen wächst in den letzten Jahren. 119. Deutscher Ärztetag 2016: „Zwölf Jahre nach der Einführung des G-DRG-Systems als Abrechnungsgrundlage mit paralleler Ökonomisierung der Medizin sieht der 119. Deutsche Ärztetag 2016 heute mit großer Sorge die negativen Folgen dieses Systems. Das G-DRG-System setzt Anreize zur Fallzahlsteigerung und zu sachkostenintensiven Prozeduren. Der systembedingte Konkurrenzkampf der Krankenhäuser untereinander führt zu einer permanenten ökonomischen Wachstumsstrategie bei gleichzeitigem Kostensenkungswettbewerb zu Lasten der Beschäftigten.“ Der 116. Deutsche Ärztetag forderte 2016 die Abschaffung der G-DRGs oder ähnlicher Abrechnungssysteme als a­ lleinige Abrechnungsgrundlage. Das Bündnis „Krankenhaus statt Fabrik“ setzt sich für ein Ende der marktwirtschaftlich gesteuerten Gesundheitsversorgung ein und plädiert für eine bedarfsgerechte und gemeinwohlorientierte Gesundheitsversorgung. Der breite Widerstand aus Fachkreisen gegen eine dem DRG-System ähnliche Vergütung im psychosomatischen und psychiatrischen Bereich hat die Einführung des sog. PEPP

(Pauschalierendes Entgeltsystem Psychiatrie und Psychosomatik) zunächst verschoben und zumindest in Teilen abgeschwächt. Es gibt zunehmend Streiks für mehr Personal im Krankenhaus, die mitunter erfolgreich sind und auf viel Unterstützung treffen. 14 Wir können versuchen an unseren Idealen festzuhalten, an den Gründen, aus ­denen viele von uns angefangen haben Medizin zu studieren. Interessenverband kommunaler Krankenhäuser e.V.: „Das Gesundheitswesen ist kein sich selbst regulierender Markt – deshalb darf es auch nicht als solcher behandelt werden!“ Dazu gehört auch zu verstehen, was dem im Wege steht. Was es schwierig macht, Medizin als sozialen Beruf auszuüben. Warum sich unsere Arbeitsbedingungen verschlechtern. Und daraufhin zusammen zu versuchen, im Sinne grundlegender Verhältnisprävention, die Verhältnisse, die diese Probleme verursachen, zu ändern. Der Deutsche Ärztetag 2016 forderte alle Ärzt*innen auf, sich „gemeinsam gegen die Entmenschlichung der Krankenversorgung zu stellen“. 15 Dies beinhaltet, die neoliberale Reduk­ tion menschliches Lebens auf ein individualistisches, marktkonformes Funktionieren zurück zu weisen und eine solidarische und demokratische Lebensweise zu leben und zu stärken. Für eine Gesellschaft einzutreten, in der sich Macht, Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe nicht nach Eigentumsverhältnissen verteilen, in der nicht einfach akzeptiert wird, dass viele Menschen abgeschlagen in krank machenden Arbeits- und Lebensbedingungen verharren müssen. Auf vielen Ebenen prägt marktwirtschaftliches Denken und Fühlen unser Leben. Gerade in der Gesundheitsversorgung, die ein so wichtiger Bestandteil jedes Einzelnen und der Gesellschaft ist, gibt es dabei aber individuelle und kollektive Widerstände. Im Bezug auf Gesundheit hat die kapitalistische Lebensweise, die uns formt, es nicht so einfach sich weiter durchzusetzen. Hier stehen ihr die Würde der Patient*innen, das starke soziale Rückgrat vieler Gesundheitsarbeiter*innen und gemeinschaftliche Erfahrungen von Solidarität gegenüber. Eine Antwort auf die Vermarktwirtschaftlichung unserer Gesundheitsversorgung

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Gesundheit und Gesellschaft

muss ein gemeinsames Eintreten für eine menschliche Medizin sein und nicht ein Einigeln in den eigenen Erfolg, ins Private oder Sarkasmus und Resignation. Wir müssen uns aktiv dafür einsetzen, dass sich unsere Gesundheitsversorgung am Bedarf der Bevölkerung orientiert und sich durch Gerechtigkeit in Zugang und Versorgung auszeichnet. Konkrete Schritte wären die Einführung eines neuen, bedarfsgerechten Finanzierungssystems mit verbindlichen Regelungen zur Personalbesetzung, die Rekommunalisierung der Krankenhäuser und eine Planung der Gesundheitsversorgung nach demokratischen statt marktwirtschaftlichen Prinzipien.

Quellen & Literatur: 1.

 19. Deutscher Ärztetag: Beschlussprotokoll, 1 Hamburg, 24. bis 27. Mai 2016

2

Statistisches Bundesamt

3

9

J ürgen Kromphardt: „Konzeptionen und Analysen des Kapitalismus“, 4. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2004

10

P ositionspapier des Interessenverbandes kommunaler Krankenhäuser e.V. zur Gesundheitspolitik, 2013

 ündnis Krankenhaus statt Fabrik: „Fakten und ArguB mente zum DRG-System und gegen die Kommerzialisierung der Krankenhäuser“, Maintal, 2016

11

 eutsches Ärzteblatt: „Ärztekammer Berlin fordert D Richtungswechsel bei der Krankenhausvergütung“, 16. März 2016

4

S almaan Keshavjee: „Blind Spot. How Neoliberalism Infiltrated Global Health“, University of California Press, 2014

12

 avid Stuckler, Sanjay Basu: „The Body Economic: D Eight experiments in economic recovery“, from Iceland to Greece, Allen Lane, 2013

5

 arl Marx: „Philosophische und ökonomische SchrifK ten“, Reclam, Stuttgart 2008

13

 aomi Klein: „Die Schock-Strategie“, Fischer N Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2014

6

 24. Hauptversammlung des Marburger Bund: 1 „Beschluss Nr. 4 – Stopp dem DRG-System in der jetzigen Form“, 2013

14

7

 endy Brown: „Neoliberalism and the End of Liberal W Democracy“, Theory & Event, 2003

P rof. Dr. Michael Simon: „Unterbesetzung und Personalmehrbedarf im Pflegedienst der allgemeinen Krankenhäuser: Eine Schätzung auf Grundlage verfügbarer Daten.“, Hochschule Hannover, 2015

15

L inda H Aiken: „Nurse staffing and education and hospital mortality in nine European countries: A retrospective observational study“, The Lancet, Volume 383, No. 9931, p1824–1830, 2014

8

J ürgen Lichey, Wolfgang Schilling, Günther Jonitz: „Die Mär der Kostenexplosion“, Deutsches Ärzteblatt, Jg. 114, Heft 24; 16. Juni 2017

Hilfe, der Patient spricht kein Deutsch! Hilfe, der Arzt verlässt sein sicheres Terrain! Über die Bedeutung und die Möglichkeiten der Behandlung fremdsprachiger Patienten. Eine psychotherapeutische Stellungnahme

In der Medizin begegnen uns immer wieder Patienten (und ­Ärzte), die unsere Sprache nicht sicher sprechen. Die Diskussionen rund um dieses Phänomen haben insbesondere infolge des Flüchtlingszustroms 2015 noch einmal an Brisanz gewonnen. Viele Kollegen verlangen als Voraussetzung für die Behandlung direkt nach Dolmetschern. Zunächst ist es wichtig vorwegzunehmen: Wir haben eine Verpflichtung, diese Patienten genauso professionell zu behandeln! Das muss so deutlich ausgesprochen werden, denn die Realität sieht leider anders aus: Unter Psychotherapeuten ist es zum Beispiel bekannt, dass eine bedenklich große Zahl an Kollegen die Behandlung von fremdsprachigen Patienten schlicht ablehnt bzw. sie als unmöglich betrachtet. Die langen Wartezeiten auf einen Behandlungsplatz machen für diese und andere medizinische Professionen auch tatsächlich ein „Rosinenpicken“ möglich – das heißt die

Behandlung vermeintlich „einfacher“ Patienten (deutschsprachig, leicht erkrankt, günstige Prognose) wird klar präferiert.

„Das kann ich gar nicht, dafür bin ich nicht qualifiziert.“ Tatsächlich ist die Behandlung fremdsprachiger Patienten herausfordernd. Gerade in der psychotherapeutischen Arbeit ist die Sprache elementar. Aber auch in nahezu allen anderen Fachbereichen müssen insbesondere zur Anamnese viele Informationen

eingeholt und dazu dem Patienten viele ­Fragen gestellt werden. In der Psychotherapie kommen bei einigen Kollegen die Vorbehalte gegenüber der Behandlung komplexer Traumafolge­ störungen hinzu (hohes Anforderungs­ niveau, langwierig, viel Netzwerkarbeit erforderlich, mitunter auch für den Therapeuten belastend,…). Letztlich stehen unsere beruflichen Routinen bei fremdsprachigen Patienten nur eingeschränkt zur Verfügung und das verursacht Verunsicherung.


Gesundheit und Gesellschaft

Und ohne Dolmetscher? – eine Ermutigung

Aber wer, wenn nicht wir? Über die reine Krankenbehandlung h­ inaus, stehen insbesondere die psychiatrischen und psychotherapeutischen Kollegen immer auch in einer gesellschaftlichen und politischen Verpflichtung. Verschiedene Autoren weisen nun auch im Rahmen der „Flüchtlingsdebatte“ in Fachjournalen und einzelnen Artikeln erneut darauf hin: Die Sozialpsychiatrie sollte einen „reflektierten und hartnäckigen Diskurs auf Augenhöhe zum Abbau von Unbehagen, Wut und Stereotypen [in der Gesellschaft] moderieren“, schreiben so zum Beispiel Speerforck et al 2016. Die Gleichbehandlung von Patienten unabhängig von ihrer Muttersprache, Religion, etc. sollte für medizinische Berufe selbstverständlich sein und fungiert als Vorbild für unsere gesamte Gesellschaft.

Wie soll das gehen? Handelt es sich um einen einzelnen Facharztbesuch ist es oft möglich, dass ein Familienangehöriger oder Bekannter mit besseren Sprachkenntnissen den Patienten begleitet und als Übersetzer fungiert. Familiendynamisch birgt dieses Vorgehen allerlei Verstrickungspotenzial – welche Tochter möchte schon gerne das Hämorrhoiden-­ Leiden ihres Vaters dezidiert übersetzen? Dennoch bleibt es eine niedrigschwellige und gängige Lösung. Schwieriger wird es bei längerfristigen oder sehr intimen Erkrankungen und eben in der Psychotherapie. Dolmetscher stehen nicht flächendeckend zur Verfügung. Sie müssten zudem entsprechend angeleitet sein, um in einer Behandlung wirklich hilfreich werden zu können: Zum Beispiel in der Notwendigkeit, streng „eins zu eins“ zu übersetzen. Dolmetscher verkomplizieren zudem die Arzt-Patienten-Beziehung erheblich allein durch die ständige Anwesenheit einer dritten Person im Raum (Triangulierung, Übertragungen, Scham, etc.).

Meine Erfahrungen als Psychotherapeutin mit fremdsprachigen Patienten begannen sich während meiner Arbeit in der Akutpsychiatrie weiterzuentwickeln. Es handelte sich um die Klinik, der Duisburg Marxloh (inzwischen auch medial bekannt als Stadtviertel mit sehr hohem Ausländeranteil) als Pflichtaufnahmegebiet zugeteilt ist. Über eine strukturell vorgesehene Möglichkeit, Dolmetscher in die Behandlungen hinzuzuziehen, verfügte die Klinik in dieser Zeit nicht. Eine Möglichkeit, die Behandlung von Patienten aufgrund der Sprachbarriere abzulehnen, gab es nicht (Ja, es gibt Mediziner und Psychotherapeuten, die diese Möglichkeit suchen und nutzen!). Also begann ich mir zu behelfen. Inzwischen arbeite ich in eigener Praxis und schätze die Arbeit mit fremdsprachigen Patienten für ihre Besonderheiten. Ich nehme diese selbst bei äußerst geringen Deutschkenntnissen in die Psychotherapie auf, solange eine noch ausreichend gute Prognose dies zulässt. Ein klares Vorgehen gibt es dabei nicht, wäre aufgrund der massiven individuellen Unterschiede wohl auch kaum auszumachen. Einige Patienten können zumindest etwas Englisch oder Französisch. Die meisten können zumindest einfachste Dialoge auf Deutsch führen. Es gibt gute und schnelle Übersetzungs-Apps, die insbesondere bei einzelnen, wichtigen Fragen zu Rate gezogen werden können. Familienstammbäume können aufgezeichnet werden, Geburtsund Todesjahrgänge eintragen ist in Zahlen immer möglich. Das Einladen von Angehörigen bekommt einen besonderen Wert und kann zurückhaltend, aber wiederholt genutzt werden. Und ein außerordentlich großer Teil der Behandlung findet nonverbal statt oder ist nonverbal möglich. Allein durch das ehrliche Zugewandtsein, die uneingeschränkte Aufmerksamkeit oder das Bemühen um Verständnis erfahren die Patienten bereits einen wichtigen Teil psychotherapeutischer Wirkfaktoren und in der Folge eine erste Entlastung. Regelmäßige Psychotherapie kann zudem eine erhebliche Motivation darstellen, schnellstmöglich das eigene Deutsch zu verbessern.

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In diesem Zusammenhang dürfen wir uns auch erlauben zu fragen: Wie lange ist der Patient eigentlich schon in Deutschland? Wie lange dauert es, die deutsche Sprache konversationssicher zu beherrschen? Die Allermeisten können bereits innerhalb weniger Wochen und Monate immense Fortschritte erzielen. Gelingt dies nicht, gilt es zu hinterfragen, woran es scheitert. Eine Langzeit-Psychotherapie umfasst mitunter einen Zeitraum von mehreren Jahren. Bei dieser Dauer werden auch die sprachlichen Fortschritte in der Behandlung in der Regel sichtbar und nutzbar.

Fazit? Die Arbeit mit Patienten aus verschiedenen Kulturen stellt für alle medizinischen Berufe eine persönliche und professionelle Herausforderung und Bereicherung dar. Sie fungiert zudem als Vorbild für Integration und Gastfreundschaft und hat besondere gesellschaftliche Bedeutung.

Lea Dohm, Dipl.-Psych., Psycholog. Psychotherapeutin. leadohm@gmx.de

Quellen: Green, E.G.T. u. Staerkle, C. „Migration and multiculturalism“. In: Huddy, L., Sears, D.O. u. Levy, J. (Hg.) „Oxford handbook of Political Psychology“. Oxford University Press, 2013. Kinnvall, C. „The Political Psychology of Multiculturalism“. Vortrag im Rahmen der ISPP Summer Academy, Edinburgh, 29.06.2017 Peseschkian, H. „Transkulturelle Globalisierung. Über die gesellschaftliche Verantwortung von Psychiatern und Psychotherapeuten als Pioniere, Aufklärer und Brückenbauer im heutigen multikulturellen Europa“. In: Nervenheilkunde 8/ 2017, Schattauer 2017. S. 608-615 Speerforck, S., Schomerus, G. & Freyberger, H. J. „Wir brauchen eine Grundhaltung der vorurteilsfreien Begegnung im öffentlichen Raum, auch in Zeiten des `Wutbürgers´. Ein sozialpsychiatrischer Debattenbeitrag“. In: Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie Jg. 64, Heft 1, 2016. S. 67–71 Volkan, V.D. „Immigrants and Refugees. Trauma, ­Perennial Mourning, Prejudice, and Border Psychology“. Karnac, 2017


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Gesundheit und Gesellschaft

Patienten-Erleben von Sprache und Kommunikation in der Psychiatrie wird gezeigt, dass zwischen dem, was Professionelle verbal vermitteln, und dem, was sie durch die Gestaltung des kommunikativen Settings zum Ausdruck bringen, teils massive Widersprüche bestehen.

Vorbemerkung In den folgenden Text fließen verschiedene Perspektiven ein: Zum einen bin ich promovierte Linguistin und beschäftige mich seit langem intensiv mit Theorie und Praxis der Kommunikation. Zum anderen war ich mit Sprache und Kommunikation in der Psychiatrie ganz konkret persönlich konfrontiert, als ich wegen einer schweren Depression mehrere Monate auf einer akutpsychiatrischen Station behandelt wurde. Im Nachhinein habe ich mein dortiges Erleben analysiert, woraus einige Publikationen und Vorträge entstanden sind. Der folgende Beitrag fasst die zentralen Aussagen knapp zusammen und verweist auf weiterführende Literatur.

Kommunikation in der Psychiatrie: ein komplexes Thema Wenn im Rahmen der Psychiatrie-Forschung das Thema Sprache beleuchtet wird, so steht meist die professionelle Kommunikation in therapeutischen bzw. pflegerischen Settings im Mittelpunkt. Gefragt wird beispielsweise nach der optimalen Informationsvermittlung in der Psychoedukation oder nach speziellen Methoden der Gesprächsführung, die den Patienten zur Mitarbeit bei der Erreichung therapeutischer Ziele bewegen sollen. Aus eigenem Erleben als Patientin weiß ich jedoch, dass die Wirkung von Sprache und Kommunikation in der Psychiatrie wesentlich umfassender ist. Meine Erfahrungen sind in Publikationen 1, 2) eingeflossen, die sprachwissenschaftlich fundiert verdeutlichen, wie durch das Zusammenwirken von verbalen, nonverbalen und paraverbalen Signalen komplexe, durchaus nicht immer intendierte Botschaften entstehen. Zudem

Dieser Befund erhält dadurch ein besonderes Gewicht, dass Menschen in akuten psychischen Krisen vulnerabel und in ihrer Selbstwahrnehmung verunsichert sind. Dies führt zu einer hohen Sensibilität gegenüber den Botschaften, die das Umfeld vermittelt oder zu vermitteln scheint. Gelingende Kommunikation kann maßgeblich zur Genesung beitragen. Aus Sicht der Betroffenen misslingende Kommunikation kann aber auch zusätzlich kränkend und krank machend wirken. Vor diesem Hintergrund rückt die Frage in den Fokus, wie sich das gesamte kommunikative Setting der Akut-Psychiatrie auf das Selbstbild von Patientinnen und Patienten auswirkt: Was wird zu Patienten gesagt? Wie wird mit Patienten kommuniziert? Und was bedeutet das alles für die Selbstwahrnehmung der Betroffenen? Im Folgenden werden dazu einige Aspekte und Beispiele genannt.

Was wird über Patienten gesagt? Das Selbstbild psychisch kranker Menschen wird zum einen durch das gesellschaftlich vermittelte Bild bestimmt. ­Neuere Untersuchungen der Stigma-Forschung 3 zeigen, dass zwar viele Menschen glauben, es gebe mittlerweile mehr Toleranz gegenüber psychischen Erkrankungen. Die gleichen Befragten lehnten aber mehrheitlich einen persönlichen engen Kontakt zu Betroffenen, z.B. als Kollegen, Freunde oder Nachbarn, ausdrücklich ab. Diese persönliche Ablehnung nahm im Vergleich zu früheren Befragungen sogar zu. Eine weitere Quelle für die Selbstwahrnehmung von Psychiatrie-Patientinnen und Patienten sind öffentliche Äußerungen von professionell in der Psychiatrie Tätigen (die natürlich zudem auch die öffentliche Meinung insgesamt beeinflussen). Hier ist eine große Divergenz der vermittelten Haltungen festzustellen: Es gibt Publikationen, die sich über die Betroffenen mit Respekt

und Sensibilität äußern 4 und sie selbst zu Wort kommen lassen 5. Manche Fachbeiträge von Professionellen bringen aber das genaue Gegenteil zum Ausdruck. Zur Veranschaulichung möge das folgende Zitat eines leitenden Facharztes für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie dienen, das sich pauschal und ohne diagnostische Einschränkungen auf »schwierige Patienten« bezieht: „Der Tendenz zu sadistischer Projektion, Verleugnung, Entwertung, Sucht, Suizidalität, Angst, Wut, Perversion und Depression auf Patientenseite steht die permanente Verpflichtung des Therapeuten gegenüber, zuzuhören, sich einzufühlen und standzuhalten.“ 6

Was wird zu Patienten gesagt? In den ambulanten und noch viel intensiver in den stationären Behandlungs-Settings sind die Betroffenen unmittelbar mit den Haltungen der Professionellen konfrontiert. Für die Selbstwahrnehmung psychisch kranker Menschen macht es dabei einen erheblichen Unterschied, ob sie, beispielsweise im Rahmen der „Psychoedukation“, über ihre Krankheit belehrt werden, oder ob ihnen selbst der Experten-Status für ihre Erkrankung und für ihr Leben zuerkannt wird und ein Austausch mit den Professionellen auf Augenhöhe erfolgt. Ich erinnere mich noch gut an den Satz, mit dem ein leitender Psychologe während meines Klinikaufenthaltes jede so genannte Depressions-Runde (die eigentlich dem Austausch zu verschiedenen Fragen dienen sollte) einleitete: „Sie haben heute die Möglichkeit, von einem Experten fundierte Informationen zu erhalten. Nutzen Sie diese Chance.“ Der Experte war er selbst; die Chance, ihm zu lauschen, wurde den Patienten gewährt. Ebenso aussagekräftig ist der Begriff „Fallverantwortliche“ für die behandelnde Therapeutin: Ich bin der „Fall“, die Verantwortung für mich liegt bei meinem Gegenüber. Auch wenn die Formulierung vermutlich in erster Linie bürokratischen Erfordernissen geschuldet ist, bringt sie doch auch eine paternalistische Grundhaltung zum Ausdruck.


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Wie wird mit Patienten kommuniziert? Nicht nur das Gesagte selbst, sondern auch die gesamte Rahmung der Kommunikation vermittelt Botschaften. Ich selbst habe Oberarztvisiten erlebt, die in Setting und Inhalt den Charakter von Gerichtsverhandlungen hatten – mit entsprechend traumatischen Folgen (vgl.1, 7). Dies war nur der extremste Ausdruck einer auch sonst teilweise erlebten hierarchischen Strukturierung, in der die psychisch kranken Menschen zu passiven Empfängern von Anweisungen und Hilfe-Leistungen wurden. In einem solchen Kontext wirkten dann auch therapeutische ­ Standardsätze wie „Das haben Sie gut gemacht“, „Sie sind auf einem guten Weg“ etc. nicht mehr selbstwertstärkend und ermutigend, sondern eher auf eine herablassende Weise wohlwollend. Die Kommunikation mit Professionellen der Psychiatrie wurde teils schon dadurch erschwert, dass aus Zeitnot ein wirkliches In-Beziehung-Treten gar nicht möglich war. Äußere Hinweise dafür waren z.B. eine häufig geschlossene Stationszimmertür, die eine Kontaktaufnahme von vornherein verhinderte, oder fehlender Blickkontakt in Gesprächen, weil nebenbei in Akten geblättert wurde. Umso mehr ist es andererseits zu würdigen, dass sich eine ganze Reihe von Professionellen trotz schwieriger Rahmenbedingungen erkennbar bemühten, den Patienten mit Empathie, Respekt und persönlicher Offenheit zu begegnen. Bei diesen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern fühlte ich mich als ganzer Mensch wahrgenommen, nicht nur als Symptomträgerin. Und ich konnte die Erfahrung machen: Es darf mir auch mal schlecht gehen, ohne dass ich deshalb ein schlechter und schuldiger Mensch bin. Diese oft implizit, wesentlich auch nonverbal vermittelte Botschaft – zum Beispiel schlicht durch Handhalten in einer Krisensituation – hat mir dabei geholfen, die Erkrankung als einen Teil meines

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L­ebens anzunehmen und meine persönlichen Wege des Umgangs damit zu finden.

werden Patienten mal auf die eine, mal auf die andere Weise behandelt.

Folgen für die Selbstwahrnehmung der Betroffenen

Bei aller berechtigten Kritik an diesem unbefriedigenden Zustand gibt es doch auch Entwicklungen, die hoffnungsvoll stimmen. So findet das aus dem anglo-amerikanischen Raum stammende Recovery-Konzept (s.o.) inzwischen auch in Deutschland zunehmende Beachtung. Mit dem „Weddinger Modell“ setzt erstmals hierzulande eine Psychiatrische Klinik die Grundsätze von Recovery, Empowerment und Salutogenese konsequent in die Praxis um und schafft damit „in der stationär-psychiatrischen Versorgung einen Raum (…), in dem Individualität, Subjektivität und Authentizität gewährleistet werden“ 10, S.20. Es wäre unbedingt zu wünschen, dass Dr. phil. Elke Prestin, dieser Ansatz in der Praxis Bielefeld prestin@web.de weitere Verbreitung findet.

Nach meinem persönlichen Eindruck werden die erheblichen Selbstzweifel, Schuldgefühle und Ängste, die z.B. mit einer Depression (aber auch mit vielen anderen psychischen Erkrankungen) einhergehen, gar nicht ausschließlich durch die Krankheit selbst verursacht. Vielmehr tragen sowohl die gesellschaftliche Stigmatisierung als auch die Zuschreibung der Patientenrolle in einem hierarchischen psychiatrischen Behandlungssystem dazu bei, dass psychisch kranke Menschen auch außerhalb akuter Krankheits-Episoden an sich selbst (ver-) zweifeln. Andererseits kann die Psychiatrie durchaus zu einer positiven Selbstwahrnehmung von Patientinnen und Patienten beitragen. Auch das habe ich, wie oben erwähnt, selbst erlebt und bin dafür dankbar. Eine solche heilsame Wirkung entsteht dann, wenn die Kommunikation soweit irgend möglich auf Augenhöhe erfolgt, die Betroffenen also nicht in die Rolle passiver Anweisungsempfänger gedrängt werden, sondern Subjekte ihres Lebens und ihres persönlichen Genesungsprozesses sind, wie es beispielsweise der Recovery-Ansatz (vgl. 8, 9) vorsieht. Wichtig ist zudem, dass die psychische Erkrankung selbst als ein (vielleicht vorüber­ gehend in den Vordergrund getretener) Bestandteil einer vielfältigen, lebendigen Persönlichkeit gedeutet wird.

Ausblick Die von mir persönlich erlebte Dichotomie ganz unterschiedlicher professioneller Haltungen – paternalistisch vs. respektvoll und ermutigend – ist bis heute ein Kennzeichen der Psychiatrie-Landschaft. Je nach Klinik und Behandlungskonzept, oft aber auch schlicht je nach Persönlichkeit und Wertvorstellungen einzelner Mitarbeitender,

http://elke-prestin.de

Literatur 1

P restin, E. & Schulz, M. (2011). „Ich habe mir überlegt, was Ihnen wohl am meisten weh tut“ – Kommunikation in der stationären Akut-Psychiatrie. Psych Pflege. 17: pp. 87–98.

2

P restin, E. (2016). Patientenseitiges Erleben einer Depression und ihrer Behandlung. In: Hax-Schoppenhorst, Th. & Jünger, S. (Hg.), Das Depressions-Buch für Pflege- und Gesundheitsberufe. Menschen mit Depressionen gekonnt pflegen und behandeln. Göttingen: Hogrefe, 180–189.

3

 ngermeyer, M. et al. (2014). Changes in the percepA tion of mental illness stigma in Germany over the last two decades. Eur Psychiatry. 29 (6): pp. 390-5.

4

 ock, Th. (2014). Eigensinn und Psychose: »NonB compliance« als Chance. Paranus.

5

S chulz, M. & Zuaboni, G. (Hg.) (2014). Die Hoffnung trägt. Psychisch erkrankte Menschen und ihre Recovery­geschichten. BALANCE buch + medien verlag (Köln).

6

 ettig, J. (2006). Der schwierige Patient. Risiken der W Psychotherapie. Ars Medici. 25/26: p. 1213.

7

P restin, E. (2015). Heilsames Risiko: Inakzeptanz als Weg der Genesung. Psych Pflege. 21: pp. 41–44.

8

 urr Ch., Schulz M., Winter A., Zuaboni G. (Hg.) B (2013). Recovery in der Praxis. Voraussetzungen, Interventionen, Projekte. Köln: Psychiatrie-Verlag.

9

 nuf A. (2009): Recovery, Empowerment und K Peer-Arbeit. In: Utaschowski J., Sielaff G., Bock Th. (Hg.): Vom Erfahrenen zum Experten. Wie Peers die Psychiatrie verändern. Bonn: Psychiatrie-Verlag, 33–47.

10

 ahler L., Jarchov-Jädi I., Montag Ch., Gallinat, J. M (2014). Das Weddinger Modell. Resilienz- und Ressourcenorientierung im klinischen Kontext. Köln: Psychiatrie-Verlag.


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Gesundheit und Gesellschaft

Zwischen Norm und Wahn Strafpsychiatrie in der ehemaligen Sowjetunion Schizophrenie – Spaltungsirresein. Eine Folge mangelnder Anpassung des Einzelnen an die kollektive Norm? Das glaubten jedenfalls die Sowjet-Psychiater und sperrten deshalb politische Dissidenten in so genannte „Spezialkliniken“. Manche vegetierten dort ganz ohne Behandlung, andere wurden mit Psychopharmaka und Elektroschocks mundtot gemacht. Das Krankenhaus „besonderen Typus“ für die Illusion einer glücklichen Gesellschaft. Der Chefpsychiater Andrej Sneschnewski, Präsident der Akademie der medizinischen Wissenschaften und Direktor des Moskauer Instituts für Psychiatrie, entwickelte die Theorie der „schleichenden Schizophrenie“, mit der die Einweisung von über 7.000 Sowjetbürgern pro Jahr legitimiert wurde. Demnach verbreitet sich die Krankheit unmerklich, wie ein schleichendes Gift, bis sie den gesamten Körper eingenommen hat. Geholfen werden könne nur im Frühstadium. „Übertriebene oder ausAlina Weber 3. Semester bleibende Hitzigkeit, ÜberHumanmedizin, Freiburg heblichkeit, Neigung zur linchen.weber@gmx.de Wahrheitssuche, mangelnde Anpassung an die soziale Umwelt, Reform- und Oppositionszwang“ – Eintragungen in den Krankenakten von Patienten, die unter der „schleichenden Schizophrenie“ litten. So zum Beispiel die berühmte Dichterin, ­Menschenrechtlerin, Gründerin und Herausgeberin von Samisdat-Literatur 1 Natalja Gorbanewskaja, die 1969 wegen Protesten gegen den Einmarsch der Sowjets in die Tschechoslowakei verhaftet und schließlich 1971 in die Kasaner Sonderpsychiatrie eingewiesen wurde. 1869 durch den Auftrag des Zaren erbaut und unter Stalin zu einer geschlossenen Anstalt umfunktioniert, wurde sie schließlich 1954 mit der KGB-Gründung 2 und dem Erlass eines Gesetzes, das jede Art von Dissidententum als besonders schwerwiegende Straftat definierte, zu einem Zentrum der sowjetischen Strafpsychi-

atrie. Diese Einrichtungen waren nicht dem Gesundheits- sondern dem Innenministerium unterstellt – ein Beleg für politisch motivierte Verhaftungen fern von medizinischer Wissenschaftlichkeit. Das sowjetische Regime war ein undurchschaubares, fundamentloses Machtkonstrukt, basierend auf den politischen Interessen der Staatsoberhäupter. Jedwede Art des Andersdenkens wurde so im Keim erstickt. Keine Chance für demokratische Vielfältigkeit und Entfaltung. Doch wie kam es zu einer Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik? Dafür war das berühmte Moskauer Serbski-Institut die Schlüsselinstitution. Widerständler wurden festgenommen und in U-Haft von einem gerichtsmedizinischen Gutachterausschuss des Instituts verhört. Von den Psychiatern wurde dann die „schleichende Schizophrenie“ diagnostiziert. Diese Pathologisierung befreite den „Patienten“ von jeder Verantwortung für seine angebliche Tat. Er war ja krank. Daraufhin folgte die Einlieferung in eine Sonderpsychiatrie. Zwischen 1967 und 1987 wurden so über zwei Millionen Menschen von der sowjetischen Regierung aus politischen Gründen weggesperrt, für geisteskrank erklärt und einer psychiatrischen Zwangsbehandlung unterzogen. Es ist nicht so, dass sich die Öffentlichkeit nicht für diese Verbrechen interessierte – nur hatten die Wenigsten den Mut, dagegen vorzugehen. Psychiater weltweit begründeten dies mit Kollegialität gegenüber ihren sowjetischen Kameraden, Nichteinmischung und Vermeidung politischer Spannungen. Einige Ärzte und Pfleger von damals arbeiteten auch nach der Perestroika weiter und sind teilweise bis heute im Amt. Die Befugnisse des Geheimdienstes FSB reichen aktuell so weit, dass er Personen zur „vorbeugenden Maßnahme“ vorladen und verwarnen kann, die in ihren Augen die Arbeit des FSB behindern. Vie-

le Psychiater bekennen sich aus Angst vor Benachteiligung nicht mehr offiziell zu ihrer Mitgliedschaft in der Unabhängigen Psychiatrie-Vereinigung. Doch Manches hat sich auch seitdem getan: Zu Beginn der 90er Jahre wurde in Russland ein internationales Klassifizierungssystem für Krankheiten (ICD) eingeführt. Ein Gesetz über „Psychiatrische Hilfestellung“ aus dem Jahr 1993 legt fest, dass eine Zwangseinweisung nur in rechtlich geregelten Fällen möglich ist. Jedoch ist es offenkundig schwierig, Psychia­ tern Vorsatz nachzuweisen. Darüber, was sich im 20. Jahrhundert in den klinischen Anstalten abspielte, wird bis heute größtenteils geschwiegen. Sicher ist nur, dass es in Russland immer wieder zu willkürlichen Festnahmen kommt und immer noch viele Menschen unter der Repression der Regierung leiden. So zum Beispiel die russische Performance-Künstlerin und Aktivistin Ekterina Nenasheva, die im Rahmen eines Kunstprojekts zum Thema ‚Between Here And There‘ öffentlich eine VR-Brille trug, durch die man 360-Grad-­ Fotografien über das Leben in russischen Psychiatrien sah. Daraufhin wurde sie festgenommen und in eine psychiatrische Anstalt gebracht. Nenasheva schreibt in einem Beitrag auf ihrer Facebook-Seite, dass die Behörden die Inhaftierung damit begründet hätten, es sei streng verboten, sich auf ­öffentlichen Plätzen in eine Virtual Reality zu begeben. Sie wurde verhört und dazu aufgefordert, ein Formular zu unterschreiben, das ihre freiwillige Einweisung bezeugte. Als sie die Unterzeichnung verweigerte, wurde sie in eine andere Klinik gebracht, weiter befragt und schließlich freigelassen. Auch die deutsche Justiz geriet in der Vergangenheit mehrfach in Bedrängnis. Das zeigt der Fall um Gustl Mollath. 2003 unter anderem wegen Körperverletzung an seiner damaligen Frau, Petra Mollath, angeklagt, erfolgten mehrere Aufenthalte in bayrischen Kliniken und schließlich die Zwangseinweisung in die Forensische Psychiatrie Bayreuth. Ohne eine persönliche Untersuchung attestierte der Gutachter Dr. Klaus Leipziger, der Patient leide an einem paranoiden Wahn, der auch Mollaths Vorwürfe von Schwarzgeldgeschäften seiner Frau und Mitarbeitern eines deutschen


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Geld­ instituts erklären sollte. Im August 2006 wurde Mollath durch das Amtsgericht Nürnberg wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen, doch seien seine Gedanken Teil eines paranoiden Wahnsystems, das eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle. Es erfolgte die Zwangseinweisung. Trotz Mollaths Anschuldigungen gegenüber seiner Frau und das Vorbringen von glaubwürdigem Beweismaterial, hat es nie ein Verfahren wegen Schwarzgeldwäsche gegeben. Zusammen mit Rechtsanwälten, Zeugen und Steuerfahndern kämpfte Mollath fast sieben Jahre für ein Wiederaufnahmeverfahren. Die Zweifel an dem Urteil des Richters häuften sich. Es wurden Vorwürfe über eine selektive Berücksichtigung von Beweismitteln und an den Gutachten laut. 2014 wurde Gustl Mollath endlich freigesprochen. Die „Novellierung des Rechts der Unterbringung psychisch Kranker Straftäter“ wurde letztlich 2016 beschlossen, um ähnliche Fälle zukünftig zu vermeiden.

der berühmte Maler Vincent van Gogh, der Philologe Friedrich Nietzsche und auch der Dichter Jakob Lenz nach heutigen Einschätzungen als psychisch krank gegolten und wären in medikamentöser Behandlung ­gewesen.

Dass es immer wieder zu Fehleinschätz­ ungen durch die Rechtsprechung und Gutachter kommt, zeigt auch eine von ­Ursula Gresser geleitete Studie der Ludwig-­ Maximilians-Universität München. Demnach soll jeder vierte befragte Gutachter von der Justiz eine Tendenz signalisiert bekommen haben, unter den Psychologen hatte jeder zweite diese Erfahrung gemacht, unter den Psychiatern jeder Dritte.

„Er schien ganz vernünftig, sprach mit den Leuten; er tat Alles wie es die Andern taten, es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen; sein Dasein war ihm eine notwendige Last. – So lebte er hin.“

Auf die Frage, ab wann ein Mensch als psychisch krank einzustufen ist, gibt es keine einstimmige Antwort. Nicht erst seit dem Bestseller „Irre – Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“ von Manfred Lütz ist sicher, dass es sich lohnt, die Perspektive zu ändern. Wahrlich hätten viele Künstler, wie zum Beispiel

Doch was ist überhaupt die Norm, von der wir alle ausgehen, was ist Normalität? Wer hat das Recht, dort Maß anzulegen und ab wann ist ein Verhalten als „abweichend“ einzustufen? Wo verläuft die Grenze ­zwischen gesund und krank? So fiel es Lenz in Georg Büchners gleichnamiger Erzählung aus dem Jahr 1839 schwer, sich an seine Umwelt und die vorherrschenden Verhältnisse anzupassen. Er verfällt immer mehr dem Wahn und die Menschen in seiner Umgebung versuchen vergeblich, ihn zu einem „normalen“ Verhalten zu bewegen. Voll Resignation und Hoffnungslosigkeit schreibt Büchner am Ende:

Er tat Alles wie es die Andern taten… Aber geht es nicht genau darum, es gerade nicht so zu tun, wie es die anderen tun? Brachte nicht gerade der Mut zum Anderssein Kunstwerke hervor, die uns heute noch in ihren Bann ziehen? „Die Normalität ist eine gepflasterte S­ traße; man kann gut darauf gehen, doch es wachsen keine Blumen auf ihr.“  (Vincent van Gogh).

1

R ussisch für „Selbstverlag“; bezeichnete in der UdSSR die Veröffentlichung von nicht system­ konformer Literatur

2

Russisch für „Komitee der Staatssicherheit“

Quellen: Blettner, A. Psychiatrie in Kasan, „Ärzte verhalten sich wie Gefängniswärter“, Deutsches Ärzteblatt. Deutsches Ärzteblatt, 10.04.1992. Bondy, F. Eingewiesene und Ausgewiesene – Aufklärung über die sowjetische Strafpsychiatrie. ZEIT Nummer 32/1978. Büchner, G. „Lenz“ (1839). Reclam, Ditzingen, 2001. Der Fall Gustl Mollath, Chronologie. http://www.gustl-for-help.de/index.html, 15.08.2017. Der sowjetische Geheimdienst, www.runde-ecke-leipzig.de, 28.08.2017. Gustl Mollath, www.wikipedia.de, 15.08.2017. Knipp, E. und Tauch, H. Dissident, also geisteskrank. Deutschlandfunk, ausgestrahlt am 28.09.2010. Mehr Verhältnismäßigkeit bei der Unterbringung psychisch kranker Straftäter. Pressemitteilung Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, 29.04.2016. Natalja Jewgenjewna Gorbanewskaja, www.wikipedia.de, 28.08.2017. Roache, M. Punitive Psychiatry Reemerges in PostSoviet States. www.codastory.com, 19.07.2017. Russische Künstlerin trägt VR-Brille und wird verhaftet. www.vrodo.de, 30.08.2017. Smirnova, J. Russland schickt Gegner in die „Strafpsychiatrie“. https://www.welt.de, 18.10.2013. Wenn Psychiatrie zur Diagnose wird. http://geschichte.history.info, 15.08.2017. Was ist Samisdat-Literatur? www.wissen.de, 30.08.2017.

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Gesundheit und Gesellschaft

Female Genital Mutilation and Cutting Die grausame Missachtung von Menschenrechten Trotz internationaler Verbote wird weibliche Genitalverstümmelung (engl.: female genital mutilation and cutting bzw. FGM/C1) weltweit noch in über 30 Ländern praktiziert. Dabei handelt es sich vor allem um afrikanische Staaten, sowie um weitere Länder in Asien und im Nahen Osten. Durch die Migrationsbewegungen sind aber auch in Europa immer mehr Mädchen betroffen. In Deutschland sind es etwa 50.000, die von einer Genitalverstümmelung bedroht sind.

Unter FGM/C werden alle Prozeduren verstanden, die zu einer partiellen oder totalen Entfernung des äußeren weib­lichen Genitale führen, sowie andere Verletzungen der weiblichen Genitalorgane aus nicht-medizinischen Gründen (Definition der Weltgesundheitsorganisation, WHO). Die WHO unterteilt FGM/C in vier verschiedene Formen. Bei Typ I wird die Klitoris teilweise oder vollständig entfernt, eventuell zusammen mit der Klitorisvorhaut (Klitoridektomie). Bei Typ II werden die kleinen Schamlippen entfernt und teilweise auch die großen (Exzision). Typ III beschreibt die sogenannte Infibulation. Dabei wird der Vaginaleingang nach Entfernung der kleinen und großen Schamlippen sowie der Klitoris fast komplett verschlossen, entweder durch eine Naht oder durch die Prozesse der Wundheilung. Typ IV bezeichnet jede andere Form von genitaler Verstümmelung bei Mädchen und Frauen, z.B. piercen oder verätzen. Als Deinfibulation wird die operative Eröffnung des Vaginaleingangs einer Frau bezeichnet, bei der eine Infibulation durchgeführt wurde. Das kann u.a. vor der vaginalen Entbindung eines Kindes notwendig werden. Julia Weber Weltweit leiden über 200 Ärztin in Weiterbildung, Millionen Mädchen und Klinikum Ludwigsburg, ­Frauen unter den Folgen von weberjuli@gmx.de

FGM/C. Zur Vorstellung: Das sind ungefähr zweieinhalbmal so viele Mädchen und Frauen, wie Menschen in ­ Deutschland Leben. Jährlich sind weitere drei Millionen Mädchen und Frauen gefährdet, Opfer einer Genitalverstümmelung zu werden. Meistens sind dies Mädchen im Kindes- bis Jugendalter. Die enormen Auswirkungen auf die physische, psychische

und sexuelle Gesundheit der Mädchen und Frauen lassen sich kaum begreifen. Akute Folgen sind Blutungen, Schmerzen (die Prozeduren werden ohne jedwede Anästhesie durchgeführt) und Infektionen durch die Verwendung unsteriler Instrumente (wie ­Rasierklingen, Messer oder gar Glasscherben). Am Ende dieser traurigen Hierarchie steht der Tod durch Verbluten oder durch Infektionen. Zu den langfristigen Folgen ­gehören Schmerzen beim Wasser lassen, Menstruationsprobleme, Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr) und chronisch-rezidivierende Infektionen. Auch die Geburt eines Kindes birgt Risiken wie eine verlängerte Entbindungsdauer, eine ­höhere Rate an Kaiserschnitten sowie eine erhöhte Sterblichkeit der Neugeborenen. Zu den psychologischen Folgen zählen posttraumatische Belastungsstörungen, Angststörungen und Depressionen. Was sind also die Gründe dafür, dass FGM/C trotz all dieser schrecklichen Auswirkungen immer noch praktiziert wird? Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Die Ursachen sind vielfältig und soziokulturell, politisch und wirtschaftlich bedingt. Über allen Begründungen steht die soziale Akzeptanz von FGM/C in einigen Gesellschaften. Es ist Teil ihrer Geschichte und ihrer Kultur. Durch FGM/C soll die Jungfräulichkeit der Mädchen und jungen Frauen bis zur Hochzeit erhalten bleiben, es soll die Heiratschancen erhöhen und rein und schön wirken. Gerade der soziale Druck und die gesellschaftliche Akzeptanz sind es, die ein Ende dieser Praktiken so schwierig machen. Es gibt außerdem eine enge Verbindung zwischen der Aufrechterhaltung von strikten Genderrollen, die Frauen die Kontrolle über ihr Leben verbieten und der mangelnden Überzeugung, dass FGM/C abgeschafft werden muss. Laut

1

E s ist dabei wichtig, nicht den Begriff „female circumcision“ zu verwenden, da hierdurch die Grausamkeit des Vorgangs nicht deutlich wird.

der WHO stellt FGM/C eine „extreme Form von Diskriminierung gegenüber Frauen“ dar (WHO fact sheet „female genital mutila­ tion“, 2017). Die WHO weißt in ihren Leitlinien zum Management von Gesundheitsproblemen nach FGM/C auch auf die Verletzung zahlreicher Menschenrechte durch die Genitalverstümmelung hin: Das Recht eines jeden auf das für ihn erreichbare Höchstmaß an körperlicher und geistiger Gesundheit, das Recht auf körperliche Unversehrtheit, das Verbot jedweder Art von Gewalt und Folter, das Recht auf Gleichheit zwischen den Geschlechtern sowie grundlegende Kinderrechte. Hier sieht die WHO die jeweiligen Regierungen in der Pflicht, Mädchen und Frauen vor FGM/C zu schützen und vor ­allem auch eine Medikalisierung von FGM/C zu verhindern. Denn die Prozedur ist keinesfalls sicherer, wenn sie durch medizinisches Personal erfolgt. Im Gegenteil, es ist Ärzt*innen und anderen Heilberufler*innen strengstens untersagt, sich an FGM/C zu beteiligen.


Gesundheit und Gesellschaft

Abbildung mit freundlicher Genehmigung entnommen aus: Berg RC, et al. BMJ Open 2014.

Doch wie lässt sich FGM/C konkret beenden? Es gibt eine Reihe Projekte und Organisationen, die sich mit dieser Frage ­beschäftigen und aktiv gegen FGM/C vorgehen. So findet sich unter Punkt 5 der „Sustainable Development Goals“ der UN zur Gleichstellung der Geschlechter das Ziel, FGM/C bis zum Jahr 2030 überall zu beenden. Die Organisation WADI e.V. engagiert sich vor allem im Irak und im Iran durch Aufklärungs- und Lobbyarbeit, z.B. mittels Fernsehspots, Filmen, mobilen Aufklärungsteams und einer Hotline für anonyme Beratungen. Eine etwas andere Strategie verfolgt die Organisation TARGET mit einer Geburtshilfeklinik am Rande der Danakilwüste in Äthiopien, in der Frauen nach FGM/C eine sichere Entbindung ihres Kindes ermöglicht werden soll. TARGET ­ ­bekämpft aber nicht nur die Folgen, sondern auch die Ursachen: Das Afar-Volk hat FGM/C inzwischen zur Sünde erklärt und dies im Stammesgesetz fest­ geschrieben. Und sie kooperieren mit hochrangigen islamischen Autoritäten, da die meisten Opfer Musliminnen sind. Mit der „TaskForce für effektive Prävention von Genitalverstümmelung“ gibt es auch eine Organisation, die sich für die betroffenen oder bedrohten Mädchen und Frauen in Deutschland engagiert und u.a. eine Notruf-Hotline eingerichtet hat. Diese und weitere Projekte sind ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Hilfe & Beratung:

TARGET – Gezielte Aktionen für Menschenrechte. https://www.target-nehberg.de/index.php (aufgerufen am 19.07.2017).

Notruf Genitalverstümmelung 01803/76 73 46 info@taskforcefgm.de

TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V. http://www.frauenrechte.de/online/index.php (aufgerufen am 13.08.2017).

Terre des Femmes, Menschenrechte für die Frau e.V. In Notfällen: 08000/116 016 Kostenlose und anonyme Beratung: 030/4050 46 99 30 beratung@frauenrechte.de www.frauenrechte.de/online/index.php

Quellen: Berg, RC, Underland, V et al. Effects of female genital cutting on physical health outcomes: a systematic review and meta-analysis. BMJ open 2014. Eliminating Female genital mutilation. An interagency statement. OHCHR, UNAIDS, UNDP, UNECA, UNESCO, UNFPA, UNHCR, UNICEF, UNIFEM, WHO. 2008. Reisel, D, Creighton, S. Long term health consequences of Female Genital Mutilation (FGM). Maturitas 80 (2015) 48–51. TaskForce für die effektive Prävention von Genitalverstümmelung. https://www.taskforcefgm.de (aufgerufen am 19.07.2017).

UN – Sustainable Development Goals. http://www. un.org/sustainabledevelopment/gender-equality/ (aufgerufen am 19.07.2017). UNICEF, Female Genital Mutilation/Cutting: A statistical overview and exploration of the dynamics of change. 2013. WADI – Verband für Krisenhilfe und solidarische Entwicklungszusammenarbeit e.V. https://wadi-online.de/ category/stop-fgm/ (aufgerufen am 19.07.2017). WADI – Verband für Krisenhilfe und solidarische Entwicklungszusammenarbeit e.V. Stop FGM Mideast – Der Kampf gegen Genitalverstümmelung. https://wadi-online.de/2017/06/25/stop-fgm-midest-der-kampf-gegen-genitalverstuemmelung/ (aufgerufen am 19.07.2017). WHO. Female Genital Mutilation – Factsheet. http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs241/ en/ (aufgerufen am 19.07.2017). WHO guidelines on the management of health complications from female genital mutilation. ISBN 978 92 4 154964 6. 2016. Workshop von Dr. Harlfinger, Dr. Chow und Dr. Joukhadar beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) am 19.10.2016 in Stuttgart.

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Humanität oder Politik?

Wenn Nachsorge besser ist als Vorsorge… Zivilschutz in der BRD »Pacemvolo, bellumparo« – »Den Frieden will ich, (deshalb) rüste ich zum Krieg«. Angesichts der aktuellen Entwicklungen in Zeiten gestiegener Terrorgefahren, Stellvertreterkriegen, sich verhärtenden Fronten, Aufrüstung, Modernisierung und den Forderungen nach mehr »Resilienz«7, könnte man diesen Ausspruch, der dem heiligen Augustinus zugeordnet wird, als den Wahlspruch vieler Regierungen interpretieren.

Sich für einen Krieg zu rüsten bedeutet aber nicht nur, Kasernen zu erweitern, die Rüstungsindustrie zu fördern und Soldaten zu rekrutieren und auszubilden – wir erinnern uns an Verteidigungsministerin von der Leyens Kampagne »mach was wirklich zählt«, mit dem Ziel, den Umfang der Bundeswehr bis 2024 auf insgesamt 198.000 Soldatinnen und Soldaten und rund 61.400 Haushaltsstellen für zivile Beschäftigte zu erhöhen 29. Es bedeutet auch, die Wehr ­(/Kriegs-)bereitschaft zu erhöhen und die strukturellen Voraussetzungen im Inland zu schaffen, um einen Krieg überhaupt erst führen zu können. Dazu gehören infrastrukturelle Maßnahmen, wie die Sicherstellung von Nachschubwegen, aber auch der Zivilschutz. Zivilschutz ist ein Unterpunkt der sogenannten Zivilen Verteidigung, dem nicht-militärischen Arm der Gesamtverteidigung. Weitere Unterpunkte der Zivilen Verteidigung sind: • die Aufrechterhaltung der Staats- und ­Regierungsgewalt, • die Versorgung der Bevölkerung und der Streitkräfte mit Gütern und Leistungen und • die Unterstützung der Streitkräfte.3 Der Begriff »Verteidigung« ist dabei ein Euphemismus aus der Gründungszeit der Bundesrepublik, zu der festgehalten wurde, von Deutschland solle kein Krieg mehr ausgehen. Der Artikel 87a des Grundgesetzes besagt, »Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf. […] Außer zur Verteidigung dürfen die Streitkräfte nur eingesetzt werden, soweit dieses Grundgesetz es ausdrücklich zulässt.« 8 Wie sollten die Begriffe

also anders lauten? Zumal der frühere Verteidigungsminister Peter Struck 2002 feststellte: »die Freiheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt«.9 Diese Auslegung des Verteidigungsgedankens – weg von einer Reaktion, hin zur Aktion – zeugt von einer geänderten Sicherheitspolitik.

Das neue Weißbuch und die KZV Auch das im Juli 2016 erschienene »Weißbuch zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr« und das neue »Konzept Zivile Verteidigung« (KZV) zeugen von e­ iner geänderten Sicherheitspolitik. »Diese Konzeption ist ein Basisdokument für die gesamte Aufgabenerfüllung im Bereich der Zivilen Verteidigung, der zivilen Notfallversorgung im Bund und soll in den kommenden Jahren auf allen Verwaltungsebenen umgesetzt werden. […] In den 90er Jahren war die Zivile Verteidigung einschließlich des Zivilschutzes nach Beendigung des ›Kalten Krieges‹ in Deutschland und zahlreichen anderen Staaten teils massiv zurückgefahren worden, um eine realistische ›Friedens­ dividende‹ zu erzielen.« 11 In Zeiten, in denen Sicherheitspolitik wieder deutlich mehr ­Gewicht beigemessen wird, gelte es nun ­neben der militärischen Verteidigung auch die Zivile Verteidigung an die veränderte Lage anzupassen, erklärt Wolfram Geier, der Leiter der Abteilung »Risikomanagement, Internationale Angelegenheiten« des BBK 11. In Sicherheitskreisen wird diese veränderte Lage vor allem durch einen Wandel des Spektrums, der Ursachen und des Charakters, äußerer sicherheitspolitischer Risiken und Bedrohungen gesehen. Während man zur Zeit des Krieges eine hohe territoriale Bedrohung durch konventionelle und nukleare Waffen in einer bipolaren Welt

annahm, werden die aktuellen sicherheitspolitischen Risiken gesehen in: • der Instabilität von zerfallenden und zerfallenen Staaten • der Konkurrenz um geopolitische Einflusssphären und Rohstoffe • dem Wirken des internationalen Terrorismus sowie international agierender organisierter Kriminalität • Klima- und Umweltkatastrophen • Engpässen bei der Versorgung mit natür­ lichen Rohstoffen • Pandemien • Migrations- und Flüchtlingsbewegungen • der Weiterentwicklung und Proliferation von Massenvernichtungswaffen. In dem Vorwort zum »Weißbuch zur S­icherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr« fasst Angela Merkel zusammen: »Die Welt im Jahr 2016 ist eine Welt in Unruhe. Auch in Deutschland und Europa spüren wir die Folgen von Unfreiheit, ­Krisen und Konflikten in der unmittelbaren Nachbarschaft unseres Kontinents. Wir erleben zudem, dass selbst in Europa Frieden und Stabilität keine Selbstverständlichkeit sind.« 7 Des Weiteren fordert sie eine gesteigerte Resilienz innerhalb Deutschlands und der Europäischen Union.7 Nur so könnten wir unsere offene Gesellschaft und unsere freiheitliche Art zu leben schützen.7 Aber wie sieht denn dieser Schutz aus? Das Wort »Resilienz« hat laut Duden zwei


Humanität oder Politik?

Bedeutungen. Zum Einen bezeichnet es die psychische Widerstandskraft und zum Anderen die »Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigungen zu überstehen«. Beide Wortbedeutungen können eine Antwort auf die Frage geben, wobei die psychologischen Mechanismen hier nicht weiter angesprochen werden sollen. Als ein Beispiel kann aber das Wort »Resilienz« selbst herangezogen werden. Durch eine nüchterne, versach­ lichende Sprache, voll von Substantivierungen, Komposita und Akronymen werden wir an Opferzahlen, Verluste und andere Notwendigkeiten gewöhnt. Diese Form der Verschleierung wurde bereits in den 50er Jahren benutzt, als es um die Vorbereitungen für einen Luftschutzsanitätsdienst, einer Maßnahme des Zivilschutzes, ging. Anstatt von »Luftschutz« wurde von »Erste Hilfe« gesprochen. Analog verwandte das Rote Kreuz seit 1952 die Bezeichnung »Katastrophenschutz« statt »Zivilschutz« 26. Diese sprachliche Vermischung erfüllte ihr Ziel auch insofern, als dass auch im Nachhinein die beiden Elemente des Bevölkerungsschutzes nach heutiger Definition nur schwer voneinander zu differenzieren sind. In der historischen Betrachtung wird bei diesen Maßnahmen von einem »Emotionsmanagement« gesprochen. 22 Gemeint ist damit die zwischen Beruhigung und Beunruhigung oszillierende Außendarstellung der Zivilschutzbemühungen. Mit den neu aufgelegten Basisdokumenten ist das Pendel zur Beunruhigung ausgeschlagen. Darin lässt sich eine fortgesetzte geistige Mobilmachung erkennen.

Erwarte das Unerwartete …oder das Undenkbare. Die FAZ titelte »Wir sind potentiell immer im Krieg« 28 und arbeitete präzise heraus, wie beängstigend die in der KZV beschriebenen Bestrebungen sind. Während es in dem 1972 herausgegeben »Weißbuch zur Zivilen Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland« noch hieß, »Die Bundesregierung betrachtet den Frieden als das höchste Gut. In ihrer Sicherheitspolitik lässt sie sich unverrückbar von dem Ziel leiten, dass von deutschem Boden kein Krieg mehr ausgehen darf«14 wird der Krieg als der neue Normalzustand angenommen. Der Autor des FAZ Artikels verdeutlicht es an der Einrichtung von Schutzräumen: »Während sich die Selbstverteidigung früher spezielle Räume schuf, die den Räumen für das normale Leben hin-

zugefügt wurden, ihnen also äußerlich blieben, zieht die Kriegsvorsorge heute in die innere Beschaffenheit des Wohnumfelds, in die Normalität selbst ein.«28 Während früher von Bunkern und nach dem zweiten Weltkrieg von Schutzräumen gesprochen wurde, bedient sich die KZV des Begriffs der »Härtung«. Für eine Gesellschaft, die in gehärteten Gebäuden lebt, ist der Krieg der Normalzustand der Vorstellungskraft. Es fällt ihr leichter, weitere Einschränkungen hinzunehmen. Wenn sich die Maßstäbe für das, was normal ist, erst einmal verschoben haben, ist es leicht die Maßstäbe für das, was richtig oder falsch, wertvoll oder wertlos ist, ebenfalls zu verschieben. Die Tatsache, dass nicht die Bundesministerin der Verteidigung, sondern der Bundesminister des Innern die Konzeption vorgestellt hat, kann ebenfalls als ein Indiz für die weitere Militarisierung der Politik der Inneren Sicherheit gewertet werden.5

Entwicklung des Zivilschutzes Nach dem gerade beendeten zweiten Weltkrieg herrschte innerhalb der Bevölkerung ein hohe Kriegsmüdigkeit und allgemeines Verlangen nach Frieden. Aus dieser Stimmung heraus ging man im September 1949, als die Bundesrepublik gegründet wurde, davon aus, künftig auf Schutzmaßnahmen für die Zivilbevölkerung bei Kriegshandlungen verzichten zu können. Außerdem fehlte es der frühen Bundesregierung noch an der für eine Verteidigung gegen äußere Einflüsse notwendigen Gesetzgebungskompetenz. Zusätzlich verbot der Kontrollrat der Alliierten jegliche Zivilschutzmaßnahmen. Unter Missachtung dieses Verbotes haben DRK-Präsident Geßler und zumeist in der Weimarer Republik bzw. der NS-Zeit geschulte Luftschutzexperten derweil unter stillschweigender Duldung von Mitgliedern der Bundesregierung erste Maßnahmen zum Aufbau eines Zivilschutzes eingeleitet. 26 22 Mit dem Beginn des Koreakrieges 1950 billigten die Alliierten einen »passiven Luftschutz« und stimmten ein Jahr später offiziell zivilen Luftschutzmaßnahmen zu. Zwei Monate nach dem Inkrafttreten des Deutschlandvertrages billigte das Kabinett im Juli 1955 das »Vorläufige Luftschutzprogramm«, das 1957 in das »Erste Gesetz über Maßnahmen zum Schutz der Zivilbe-

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völkerung« (ZBG) überführt wurde. Aus der Neuordnung des Zivilschutzes entstand 1997 das Zivilschutzgesetz (ZSG), welches 2009 in das heute gültige Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz (ZSKG) geändert wurde.

Zivilschutz als notwendige Voraussetzung für den Krieg Die Auseinandersetzung mit dem Zivilschutz ist in der ärztlichen Friedensbewegung Tradition. Das Hauptaugenmerk war dabei auf die als Katastrophenmedizin getarnte Wehrmedizin und die Triage gerichtet. Triage meint die nicht nach notfallmedizinischen Kriterien, sondern unter dem Kriterium der Dienst- und Wehrfähigkeit durchzuführende ärztliche Sichtung. 20 In den 80er Jahren wurde die Diskussion um den Protest gegen das vorgeschlagene GesundJeremia Weber heitssicherstellungsgesetz jeremia.weber@ erweitert. Der Friedensbewe- stud.mh-hannover.de gung wird eine einseitige Dar- 5. Semester Medizin stellung des Zivilschutzes als Medizinische Hochschule notwendige Voraussetzung Hannover (MHH) für den Krieg vorgeworfen.22 Diese Vorwürfe können nur als Versuch gewertet werden, die Friedensbewegung als realitätsfern, blauäugig usw. zu diffamieren. In den regierungseigenen Basisdokumenten, wie z.B. dem Weißbuch, wird daraufhin gewiesen, dass »die Partner des westlichen Bündnisses gemäß N ­ ATO-Vertrag nicht nur ihr militärisches, sondern auch ihr ziviles Verteidigungspotential bereits im Frieden aufzubauen und damit Vorkehrungen für den Verteidigungsfall zu treffen [haben]«14. Wie bereits angedeutet ist das Deutsche Rote Kreuz auf das Engste mit dem Zivilschutz verbunden und hat maßgeblich zu seiner Entstehung beigetragen. Aber selbst innerhalb des DRK fand, zumindest kurzzeitig, eine Reflexion der eigenen Zivilschutzbemühungen statt. In seiner Rede »Rotes Kreuz und Kriegsverhütung« warnte der Vizepräsident des DRK Walter Bargatzky »vor einer ›geistigen Routine für den Kata­ strophenschutz [Zivilschutz, Anm. d. A.]‹« und fragte »Was ist die Folge? Indem wir uns auf die äußere Katastrophe vorbereiten, bahnt sich die innere, die seelische an. Ohne das Licht des Friedens sinken wir herab zu bloßen Heilgehilfen menschlichen Elends,


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Humanität oder Politik?

zu Gliedern eines riesenhaften Technikums, eines Verbandsplatzes im Großen, an den Donner der Front gewöhnt.«.26 Er kritisiert weiterhin, dass mit einer Realistik, die einer militärischen Planung gleichkomme, alle erdenklichen Formen des Kriegsleidens behandelt würden, man sich aber über die Grundursache, den Krieg selber, ausschweige. 26

Zivilschutz als Teil des ­Rüstungswettlaufs Investitionen in den Zivilschutz eines Landes können, so wie es im aktuellen Weißbuch dargestellt wird, als eine Reaktion auf eine sich ändernde Sicherheitslage gedeutet werden. Gleichzeitig bedeuten sie aber auch selber eine Veränderung der Sicherheitslage! Sie geben keine so martialischen Bilder ab wie eine Militärparade, signalisieren aber ebenfalls eine erhöhte Bereitschaft zur gewaltsamen Auseinandersetzung und können so ihrerseits wieder Reaktionen im Sinne einer Aufrüstung bewirken. Militärische und Zivile Verteidigung gehen Hand in

Hand! In diesem Bewusstsein formulierte Horst-Eberhard Richter im Mai 1982 die sogenannte »Frankfurter Erklärung«, eine persönliche Willenserklärung alle kriegsmedizinischen Vorbereitungsmaßnahmen abzulehnen und sich nicht daran zu beteiligen. Darin heißt es, jede Vorbereitungsmaßnahme, die von einem möglichen Krieg ausgehe, fördere indirekt die Bereitschaft, sich auf etwas einzustellen, was um jeden Preis verhindert werden müsse.25 In der 1984 verfassten »Tübinger Erklärung« wurde diese Weigerung bekräftigt und festgehalten, »dass in einem modernen Krieg speziell in einem Atomkrieg, keinerlei Hilfe, insbesondere keine medizinische Hilfe, möglich ist. Niemand darf sich darüber Illusionen hingeben.«18 Weiter heißt es »Als ob in Vergessenheit geraten wäre, dass der Zweite Weltkrieg ein legalisiertes Verbrechen gegen die Menschheit gewesen ist, wird die Gesellschaft heute durch Militarisierung weiter Bereiche, so auch des zivilen Gesundheitswesens, […] bereits in den Spannungszustand versetzt.«18 Ein Beispiel für die Einschränkung bürgerlicher Rechte sind

die Sicherstellungsgesetze. Aber auch das bereits erwähnte Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz sieht zahlreiche Einschränkungen und Verpflichtungen vor: • nach §10 ebd. können die obersten Landesbehörden oder die von ihnen bestimmten oder nach Landesrecht zuständigen Stellen nach Maßgabe des Artikels 80a des Grundgesetzes das Aufenthaltsrecht einschränken. • nach §21 ebd. sind die gesetzlichen Berufsvertretungen der Ärzte, Zahnärzte, Tierärzte und Apotheker, die Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen sowie die Träger der Einrichtungen der gesundheitlichen Versorgung und ihre Verbände zur Mitwirkung bei der Planung und Umsetzung ergänzender Maßnahmen zur gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung im Verteidigungsfall verpflichtet. • nach §22 ebd. haben Einrichtungen der gesundheitlichen Versorgung ihre Leis-

Der Bevölkerungsschutz setzt sich aus dem Katastrophenschutz und dem Zivilschutz, der die Schnittstelle zur Verteidigung darstellt, zusammen. Er umfasst alle nicht-polizeilichen und nicht-militärischen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung. Der Katastrophenschutz ist Sache der Länder und wird nach deren Katastrophenschutzgesetzen (KatSG) umgesetzt. Verteidigung ist Sache des Bundes, über die dieser nach Art. 73 Abs. 1.1 des Grundgesetz die ausschließliche Gesetzgebung hat. Die militärische Verteidigung führt der Bund in eigener Zuständigkeit aus. Sie obliegt der Bundeswehrverwaltung, deren Führung die Bundesministerin der Verteidigung inne hat.

Im Falle des V-Falls, geht die Befehlsgewalt an die Bundeskanzlerin über, die Leitung der Bundeswehrverwaltung bleibt aber bei der Bundesministerin der Verteidigung. Die Zivile Verteidigung führen die Länder nach Maßgabe des Bundes durch, es sei denn, sie können diese nicht erfüllen oder es sprechen andere Gründe dagegen. In diesen Fällen wechselt die Zuständigkeit zum Bund. Basisdokument für die Zivile Verteidigung ist die „Konzeption Zivile Verteidigung“. Für die militärische Verteidigung ist es das „Weißbuch zur Sicherheitspolitik und der Zukunft der Bundeswehr“.


Humanität oder Politik?

tungsfähigkeit auf die Anforderungen im Verteidigungsfall umzustellen, zu erweitern und ihre Einsatzbereitschaft herzustellen. • nach §28 ebd. können die für den Katastrophenschutz zuständigen Behörden Männer und Frauen dazu verpflichten im Verteidigungsfall Hilfe zu leisten

bestimmt«14. Diese Bereitschaft kann einen Ansatz zur Veränderung bieten. Was also können wir tun? Wir können sie, ganz nach dem ärztlichen Prinzip »primum non nocere«, verweigern: Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin… Die Tübinger Erklärung fordert: »Wir bestehen auf einer Verbesserung der sozialen Bedingungen und auf den Erhalt einer intakten Umwelt als Voraussetzung menschlicher Gesundheit.«

• die Weigerung den in den oben genannten §§ festgelegten Weisungen nachzukommen, wird nach §30 mit Bußgeldern in Höhe von 10.000€ bedroht. In den Schlussbestimmungen heißt es dann lapidar »Die Grundrechte der körperlichen Unversehrtheit (Artikel 2 Abs. 2 Satz 1 des Grundgesetzes), der Freiheit der Person (Artikel 2 Abs. 2 Satz 2 des Grundgesetzes),der Freizügigkeit (Artikel 11 Abs.1 des Grundgesetzes) und der Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel 13 des Grund­ gesetzes) werden nach Maßgabe dieses Gesetzes eingeschränkt.« [12, §31]

Eine einseitige Betrachtung der Friedensbewegungen? Wer den Frieden wirklich will, sollte Frieden vorbereiten! Dazu bedarf es eines konstruktiven Miteinanders in einer offenen Gemeinschaft. Anstatt Ängste zu schüren, Bedrohungen herauf zu beschwören und im Sinne einer Tertiärprävention Zivilschutzprogramme zu investieren, sollten wir unsere Kriegsbereitschaft zurückfahren und uns im Sinne einer Primärprävention in ziviler Konfliktbearbeitung üben. Das PeaceLab2016 war an dieser Stelle ein Schritt in die richtige Richtung.24 Die Integration des Katastrophenschutzes in den Zivilschutz ermöglicht es, sinnvolle Vorbereitungsmaßnahmen, etwa gegen Naturkatastrophen zu missbrauchen. An dieser Stelle ist ein geändertes Selbstverständnis der Hilfsorganisationen im Bezug auf ihre Aufgabe im Zivil- und Katastrophenschutz wünschenswert. Wenn eine vollständige Trennung auch nicht möglich scheint, so sollte zumindest das Bewusstsein dafür geschaffen werden, zu welchen Zwecken das an sich begrüßenswerte Engagement umgelenkt werden kann. »Die Verteidigungspolitische Situation der Bundesrepublik Deutschland und damit auch das Konzept der zivilen Verteidigung werden weitgehend von der […] Verteidigungsbereitschaft der Bevölkerung

Dr. med. Gustav Osterwald. „Gesundheitssicherstellungsgesetz überfällig“. In: Deutsches Ärzteblatt 7 (Juni 1979)

15 

16

 undesministerium des Innern. Konzept Zivile B Verteidigung. Aug. 2016.

17

Bundesministerium des Innern. Rahmenrichtlinien für die Gesamtverteidigung. Bonn, Dezember 1989.

18

 . Medizinischer Kongress. Tübinger Erklärung. 4 1984.

19

R udolf Walter Leonhardt. „Wenn du den Frieden willst…“ In: Zeit Online (1981). Ruprecht Thomas M. Friedensbewegung im Gesundheitswesen. Neckarsulm: Jungjohann Verlagsgesellschaft, 1987.

20 

21.

 r. Thomas de Maiziere. „Leitlinien für einen starken D Staat in schwierigen Zeiten“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (Jan. 2017).

22

J ochen Molitor. „Die totale Verteidigung? Zivilschutz – aus zeithistorischer Perspektive“. In: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik (2015). doi: 10.1007/ s12399-015-0501-9.

23

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PeaceLab2016: Krisenprävention weiter denken. website. www.peacelab2016.de.

24 

25

Dr. Dieter Riesenberger. Das Deutsche Rote Kreuz. Eine Geschichte 1864-1990. München-Wien-Zürich: Ferdinant Schöningh Paderborn, 2000.

3

4

Bundesleistungsgesetz.

5

 undesregierung. Antwort der Bundesregierung auf B die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke, Frank Tempel, Dr. Andrè Hahn, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. Drucksache. 2016.

6

 undesregierung. Krisen verhindern, Konflikte bewälB tigen, Frieden fördern. Bundesregierung, 2017. Bundesregierung. Weissbuch zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr. Die Bundesregierung, Juli 2016.

7

8

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10 

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12 

Gesetz zur Sicherstellung von Arbeitsleistungen für Zwecke der Verteidigung einschließlich des Schutzes der Zivilbevölkerung (Arbeitssicherstellungsgesetz).

13 

14

 ichael Grube. Weißbuch zur zivilen Verteidigung der M Bundesrepublik Deutschland. Bispingen, 2016.

Horst-Eberhard Richter. Frankfurter Erklärung.

26 

Dr. Dieter Riesenberger. Für Humanität in Krieg und Frieden: das internationale Rote Kreuz 1863-1977. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1992. isbn: 3-525-01348-5.

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 ark Siemons. „Sind wir potentiell immer im Krieg?“ M In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (Aug. 2016).

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 undesministerium der Verteidiung. Bundeswehr B wächst weiter mit den Aufgaben. Feb. 2017.

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Ein blinder Fleck. Wie aus dem Deutschen Roten Kreuz ein Braunes Kreuz wurde Beim letztjährigen IPPNW-Kongress »Medizin und Gewissen« in Nürnberg wurde unter anderem die enge Verstrickung des DRK mit dem NS-Regime und der SS thematisiert. Ein Thema, dessen Tragweite bis heute nachwirkt. Die Redaktion hat Horst Seithe gebeten, diese unselige Geschichte zu beleuchten.

Mit der Niederlage der Deutschen Wehrmacht im 1. Weltkrieg geriet auch das deutschnational gesinnte Rote Kreuz in den Strudel der Umwälzungen der Nachkriegszeit. Es sah sich im Kontext der Demilitarisierung durch den Versailler Vertrag in seiner Existenz bedroht. Es startete ein langjähriges aktives Krisenmanagement, um die Organisation und die wehrmachtsnahe Identifikation zu retten. Beides gelang. Einerseits gelangte diese Wohlfahrts -und Sanitätsorganisation wegen ihres enormen wehrmachtsunterstützenden Potentials gegen Ende der Weimarer Republikin den Fokus der Nationalsozialisten. Andererseits biederte sich das DRK zügig den Nazis an, da es in seiner absehbaren RemilitaDr. med. Horst Seithe, risierung Vorteile wähnte. Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin i. R., Zeitnah nach der MachtHistoriker, Nürnberg, ergreifung versuchten die horsei@7fun.de Nazis auf allen Ebenen

ihren Einfluss im DRK auszubauen. Rückblickend ist kaum eine Gegenwehr erkennbar. Anfangs beklagte sich der DRK-Präsident von Winterfeldt-Menkin­ (DNVP) noch beim Ehrenpräsidenten des DRK, dem Reichspräsidenten von Hindenburg, über nationalsozialistische Übergriffe. Kurz darauf aber signalisierte er im voraus­ eilenden Gehorsam, politisch missliebige Personen aus dem DRK zu entfernen. Unter offenen Bruch der politischen, konfessionellen und rassischen Neutralität wurden sie innerhalb kurzer Zeit aus ihren Ämtern entfernt. Parteimitglieder durften während des DRK-Dienstes ihre NSDAP-Parteiabzeichen zur Dienstkleidung tragen. Funktionsträger mussten fortan arischer Abstammung sein. Den bisherigen Höhepunkt der Anbiederung und Selbstgleichschaltung bildete die Ergebenheitsadresse vom 12. Mai 1933

an Hitler, in der DRK-Präsident von Winterfeldt-Menkin u.a. ausführte: „Das Deutsche Rote Kreuz verehrt in I­hnen, Herr Reichskanzler, einen Führer, der in wenigen Monaten stürmischer Entwicklung die Erneuerung des Deutschen Reiches vollzogen hat.... Im Namen dieser 1,5 Mill. Männer und Frauen vom Deutschen Roten Kreuz erkläre ich die unbedingte Bereitschaft, uns Ihrer Führung zu unterstellen und Ihnen zu folgen.“ Da es trotz aller staatlichen Patronage unkontrollierbare Angriffe auf das DRK weitergingen, wurde als nationalsozialistische Vertrauensperson der 63-jährige General­ oberstabsarzt a. D. und Chef des Sanitätswesens der SA, Dr. med. Paul Hocheisen als stellvertretender Präsident des DRK inthronisiert. Als Zielvorgaben sollte er umsetzen: „Die straffere Zusammenfassung unter Führung des Präsidenten, die Anwendung des Führerprinzips in allen Gliederungen, die Hinwendung zu den Ursprungsaufgaben des Roten Kreuzes,….“. Die neue Satzung vom November 1933 brachte die bisherige Entwicklung zum ­vorübergehenden Abschluss. Als Hauptaufgabe wurde die „Mitwirkung am amtlichen Sanitätsdienst des Heeres im Kriege, bei öffentlichen Notständen und inneren Un­ ruhen sowie deren Vorbereitung“ hervorgehoben. Wohlfahrtsaufgaben büßten in der Folgezeit zunehmend an Bedeutung ein. Sanitätsdienstliche Aspekte rückten dafür weiter in den Vordergrund. Außerdem wurde der Reichspräsident Schirmherr des DRK. Das Führerprinzip wurde auf allen Ebenen eingeführt. Von den Mitgliedern wurden eine vaterländische Gesinnung und selbstloser Dienst für die Volksgemeinschaft erwartet.

Von Winterfeldt-Menkin hatte das DRK dem NS-Staat zugeführt. Trotz Protektion von Repräsentanten der alten nationalkonservativen Eliten konnte er jetzt fallen gelassen werden. Zum 1. Dezember 1933 berief Reichspräsident von Hindenburg den Dr. jur. h.c. Seine Königliche Hoheit Karl-Eduard-Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha zum neuen Präsidenten des DRK. Er war Spross eines alten Adelsgeschlechtes mit internationalen familiären Verflechtungen und ein hochrangiger nationalsozialistischer Funktionär. Unverzüglich verlangte er von den Mitgliedern „das Gelöbnis unbedingter Treue zum obersten Führer zu erneuern“. In der Folgezeit kam es zu Kompetenzstreitigkeiten zwischen Hocheisen und dem neuen Präsidenten, der seine Position als „noddingmandarin“ einschätzte. Der Präsident inszenierte sich fortan geschickt als Gentleman-Nazi und übte bis Kriegsende repräsentative nationale und internationale Aufgaben aus. Obwohl die Nationalsozialisten das DRK nun weitgehend beherrschten, gingen die Konflikte mit den NS-Frauenschaften, den SA-Sanitätsgruppen und der erstarkenden nationalsozialistischen Volkswohlfahrt weiter. Diese Rivalitäten und Kompetenzrangeleien innerhalb des polykratischen NS-Regimes gipfelten in der Einschätzung Hocheisens vom März 1934, dass der „Bestand des Deutschen Roten Kreuzes wirklich ernsthaft gefährdet“ sei. Da die Reichsregierung diese bedrohliche Entwicklung wegen der außenpolitischen Reputation und aus wehrpolitischen Gründen unterbinden musste, garantierte sie durch ein weiteres Bündel an Maßnahmen endgültig die Existenz des DRK. -Im März 1934 ratifizierte die Reichsregierung die Genfer Konvention vom Juni 1929.-Die Führerin der NS-Frauenschaft, Gertrud Scholtz-Klink, wurde im Mai 1934


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in Personalunion zur Reichsfrauenführerin des DRK berufen.-Rudolf Hess ordnete im Juni 1934 an: „Das Deutsche Rote Kreuz als Träger der völkerrechtlichen Aufgaben…. ist ein notwendiger Bestandteil des nationalsozialistischen Staates. Es ist deshalb in seinem Bestand und Ausbau zu schützen und zu fördern…selbstständige Eingriffe in seine Organisation, Beschränkung seiner Tätigkeit dürfen von keiner parteilichen Stelle erfolgen.“-Nach dem Tod Hindenburgs im August 1934 übernahm Hitler selbst die Schirmherrschaft

Grawitz konnte aufgrund seiner Ernennung durch Hitler und wegen seiner hohen SS-Ämter und politischen Vernetzungen machtvoll auftreten. Davon machte umgehend Gebrauch, indem er SS-ähnliche Organisationsstrukturen implementierte und die Professionalisierung der Führungskader vorantrieb. Ziel war es, das DRK weiter zu zentralisieren, zu militarisieren und effizienter zugestalten.Formal abgeschlossen wurde dieser Prozess mit dem DRK-Gesetz vom 9. Dezember 1937 und der Satzung vom 24. Dezember 1937.

Damit hatte sich das DRK vollends unter die Fittiche der NSDAP begeben. In dieser ersten Phase der nationalsozialistischen Transformation blieb die bifunktionale zivile, karitative und die militärische Ausrichtung unter NS-Vorgaben noch erhalten. Mit der forcierten Aufrüstung und der Vorbereitung des Angriffskrieges begann der finale Transformationsschritt. Er sollte in der völligen nationalsozialistischen Durchdringung und offenen Remilitarisierung des gesamten DRK‘s enden.

Das DRK als NS-Organisation und die Nachwirkungen

Um diesen Prozess personell abzusichern, wurde zum 1. Januar 1937 der 37-jährige Reichsarzt der SS und der Polizei, der SS-Obergruppenführer und Chef des SS-Gesundheitsdienstes, Dr. med. Robert Grawitz von Hitler zum stellvertretenden und später zum geschäftsführenden Präsidenten ernannt. Grawitz war ein organisationserfahrener Arzt mit typischem nationalsozialistischen Karrieremuster. Mit ihm und seinen verlässlichen Mitarbeitern, die zahlreich aus der SS abkommandiert wurden, erhielt die SS einen nahezu ungebremsten Einfluss im DRK. Mit Grawitz sind auch der Chefarzt der DRK-Krankenanstalten Hohenlychen, Prof. Dr. med. Karl Gebhardt, und der Finanzchef des SS, Oswald Pohl, als weitere Präsidiumsmitglieder in Personalunion in die verbrecherischen Menschenversuche in den Konzentrationslagern involviert. In seiner programmatischen Antrittsrede unterstrich Grawitz, „dass 1. das Deutsche Rote Kreuz ein gesunder, den Lebensgesetzen des nationalsozialistischen Reiches sich organisch einfügender Bau sein muss, der 2. entsprechend seiner Zweckbestimmung den an ihn in Frieden und Krieg gestellten Anforderungen unbedingt zu genügen hat und 3. dessen Organisationsform und Führung die Möglichkeit und den Anreiz der freiwilligen Mitarbeit weiter Kreise des deutschen Volkes gewährleisten muss“.

Mit dem DRK-Gesetz und der neuen Satzung wurde 1937 „die völlige Neugestaltung des Deutschen Roten Kreuzes im Geiste nationalsozialistischer Führung“ verwirklicht, „um die Bereitschaft des Deutschen Roten Kreuzes zur Erfüllung seiner Aufgabe durch die straffere Zusammenfassung seiner Kräfte zu erhöhen“. Die bis dahin bestehenden 8.961 Mitgliedsorganisationen mit ihren inzwischen 1,6 Mill. Mitgliedern wurden zum neuen Deutschen Roten Kreuz mit zentralistischem Aufbau gemäß Führerprinzip zusammengefasst. Die freiwillige ehrenamtliche Mitgliedschaft wurde beibehalten. Austritte wurden allerdings als Sabotage diffamiert.

Alle Führungs- und Einsatzkräfte wurden auf Hitler vereidigt: „Ich schwöre Treue dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler. Ich gelobe Gehorsam und Pflichterfüllung in der Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes nach den Befehlen meiner Vorgesetzten“. Alle Energien hatte das DRK nun auf die Mitwirkung am amtlichen Sanitätsdienst der Wehrmacht und am Sanitätsdienst des Luftschutzes zu fokussieren, um der Wehrmacht medizinisch und sanitätsdienstlich geschultes Personal zur Verfügung zu stellen.

Diese nationalsozialistische Umgestaltung drückte sich symbolisch in dem neuen Wahrzeichen des DRK aus. Der nationalsozialistische Reichsadler hält das Rote Kreuz nun auch offiziell sichtbar in seinen Fängen fest.

Das Wahrzeichen des DRK ab 1937 Das nun monofunktionale DRK war spätestens mit dem DRK-Gesetz ein integraler Bestandteil des nationalsozialistischen Staates und seines zivilmilitärischen Komplexes. Die Aufgabe des DRK reduzierte sich ab sofort darauf, dem Heer, den SS-Divisionen und dem Luftschutzdienst kostengünstig und in möglichst großer Anzahl geschultes Personal bereit zu stellen, um Verwundete zur versorgen und deren Kampffähigkeit wiederherzustellen und die Zahl ziviler Bombenopfer zu reduzieren. Dazu sollte es bisher ungenutzte personelle Ressourcen, besonders innerhalb der weiblichen Bevölkerung und der Ärzteschaft, erschließen und medizinisch schulen. Ab 1937 wurden insgeheim Mobilmachungspläne der DRK-Sanitätskolonnen/ Bereitschaften und Schwesternschaften vorbereitet. 1938 unterstütze es den Bau des „Westwalls“. Intensiv wurde in sanitäts­ taktischen Übungen die Kooperation mit der Wehrmacht vertieft. Am 25. und 26. August 1939 rückten DRK-Einheiten in die vorgesehenen Bereitstellungsräume ein. Wenige Tage später begann mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen der 2. Weltkrieg.

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Tun und Handeln ein nationalsozialistisches Sanitätskorps, wenn es sich auch mit Rücksicht auf die Genfer Konvention Deutsches Rotes Kreuz nennt“. Vom Charakter her und de facto war es eine nationalsozialistische, von der SS durchdrungene Hilfsorganisa­ tion mit staatlicher Anerkennung, die in den zivilmilitärischen Komplex des Nazi-Regimes fest eingebunden war.

Neben den Präsidenten und geschäftsführenden Präsidenten waren zum 1.April 1939 von 6 der 7 Amtschefs im Präsidium NSDAP-Mitglieder. Alle 13 Landesführer waren hohe NSDAP-Parteimitglieder, einige sogar in Personalunion Gauleiter. Fast 90 % der Generalsränge und 87 ‚% der Feldführer- und Oberstränge und 49 % der Wachführer waren Parteimitglieder. Der Organisationsgrad der männlichen Führungskräfte schwankte zwischen 72% in der Landesstelle XIII (Nürnberg) und 48% in der Landesstelle XII (Darmstadt). Bei den weiblichen Führungskräften ragte die Landesstelle II (Stettin) mit 46 % heraus. Der niedrigste Organisationsgrad fand sich in der Landesstelle V (Stuttgart) mit 21 %. Von den deutschen Ärzten waren ca. 18 % Mitglieder im DRK. 15 der I6 Ärzte im Generals- und Generalhauptführerrang waren NSDAP-Mitglieder. Von den leitenden Ärzten des DRK waren 68,1 % in der NSDAP. Damit lag der Organisationsgrad der leitenden DRK-Ärzte in der NSDAP deutlichhöher als in der gesamten Ärzteschaft im Deutschen Reich. Von den leitenden Ärztinnenwaren 39,4 % Mitglied der NSDAP. Damit stellt sich die Frage, ob das DRK als NSDAP-Parteiorganisation einzustufen ist. Dies wurde schon im III. Reich kontrovers diskutiert. Es sind 2 diesbezügliche Versuche von Seiten des DRK bekannt, um dadurch weitere Vergünstigungen zu erlangen. Die endgültige Lösung dieser Thematik wurde aber auf die Nachkriegszeit verschoben. Eine treffende Charakterisierung des DRK publizierte der DRK-Generalführer Breckenfeld 1939: „Es ist in seiner Aufgabenstellung, seiner Gesinnung und seinem

Auf die Kriegsjahre sei hier nur kurz eingegangen. Es gab verschiedene organisatorische Anpassungen an die Kriegs­ erfordernisse. Der neue monumentale neue Präsidialsitz in Potsdam-Babelsberg wurde 1943 bezogen. Letztlich scheiterten das Wehrmachtssanitätswesen und damit auch das DRK an dem Massenanfall von Verwundeten und Verletzten im Krieg und beim Luftschutz. Auch nur streifen möchte ich die Rolle des DRK bei Besuchen des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Konzentrationslagern. Es half erfolgreich mit, die wahren Absichten und katastrophalen Zustände zu vernebeln und das IKRK von kritischen Stellungnahmen abhalten. Dass es sich nicht für die KZ-Häftlinge einsetzte, verwundert niemanden mehr. Der ihm bekannte Holocaust wurde ohne Protest geduldet. Mehrmals zweckentfremdete das DRK eigene finanzielle Mittel, um die SS mit Krediten zu unterstützen. Abschließend sei noch erwähnt, dass nach 1945 Kriegsverbrecher wie Dr. Rudolf Mengele oder Adolf Eichmann mit IKRK-Pässen fliehen konnten. Die Rolle des DRK dabei ist weiterhin ungeklärt. Das Versagen des DRK im III. Reich war bereits in seiner Struktur konstitutionell angelegt zu sein. Die Achillesferse war und ist die große Staatsnähe. Seit seiner Gründung gab es auf allen Ebenen starke personelle Verflechtungen bis zu den Spitzen aus Mi-

litär, Parteien und Staatsämtern. Dies mag in einem demokratischen Staat tolerierbar sein. Während einer menschenverachtenden Diktatur besteht aber die große Gefahr, dass diese Symbiose zum Bruch mit den eigenen normativen Idealen wie Menschlichkeit, Überparteilichkeit, Neutralität, Unabhängigkeit, Freiwilligkeit und Universalität führt. Wissentlich hat das Deutsche Rote Kreuz im Dritten Reich gegen seine eigenen Prinzipien fundamental verstoßen. Diese willfährige Verstrickung mit dem nationalsozialistischen Unrechtsregime und besonders mit der SS wurde vom DRK jahrzehntelang aktiv verleugnet, indem es sich als aufopferungsvolle humanitäre Organisation stilisierte, die Millionen Menschen geholfen habe. Ansätze einer realistischeren Annäherung an die NS-Zeit sind nach jahrzehntelanger Vertuschungsliteraturerst in den letzten Jahren erkennbar. So ließ das DRK-Präsidium unter Knut Ipsen und Rudolf Seiters die Organisationsgeschichte im Dritten Reich (2010) niederschwellig, aber so umfänglich darstellen, dass wohl nur wenige dieses deskriptive Buch gelesen haben. Eine offizielle Schuldanerkennung wurde bis heute nicht ausgesprochen. Öffentliche oder vereinsinterne Veranstaltungen zur NS-Verstrickung wurden nicht durchgeführt oder sogar aktiv unterdrückt. Hier hat das DRK noch viel nachzuholen, um seine beschädigte Glaubwürdigkeit wieder zu verbessern. Daher bleibt zu fordern, dass sich das Deutsche Rote Kreuz endlich glaubwürdig und nachhaltig der Last seiner Geschichte stellt und diese Last nicht immer wiederabzuschütteln versucht. Denn wie formulierte es einst der Münsteraner Nestor der deutschen Medizingeschichte, Prof. Richard Toellner, so treffend: „Mit der Last geht die Lehre verloren. Die Last ist die Lehre“.


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Etwas fehlt, Etwas Großes Ein fremdes Stillschweigen herrschte plötzlich da, wo das Kind am Rand des Gehsteigs saß und erschrocken seine Hände anstarrte. Etwas fehlte! Ergebnislos versuchte es sich daran zu erinnern, wie viele Finger es hatte. Eines war ihm aber sicher. Etwas fehlte! Viele Leute lagen vor ihm auf der Straße, trotzdem erkannte es seine Mutter sofort und rannte auf sie zu. Sie konnte nicht mit ihm reden. Aber sie hatte die ihm fehlenden Finger in ihrer Hand. Ein lautes Geschrei hatte die Stille ersetzt. Die Sirenen heulten und fremde Männer hatten seine schlafende Mutter und die Finger mitgenommen. Hätte es doch in diesem Moment sprechen können. Andere Männer brachten es in einen Krankenwagen. Das Kind war eingeschlafen und wurde erst im Waisenhaus wieder wach. Etwas fehlte! Etwas Großes. Wer kann das Kind von seinem Gedächtnis befreien? Wer kann ihm die Frage beantworten, wann seine Mutter wieder aufsteht? Das Kind wird aufwachsen, aber ihm wird immer Etwas Großes fehlen.

kannten ihren Körper besser als sie selbst. Er lag da, wartend. Aber diesmal nicht auf sie, sondern auf jemanden, der seine Leiche erkennen würde.

Wie ist er ein Märtyrer geworden?

Ihr fiel aber auf dem Weg ein, dass niemand davon erfahren durfte, dass sie diesen jungen Mann kannte. Schande!

Wir sollen glücklich sein. Aber er ist gestorben, sogar ermordet.

Die Liebe ist immer noch verboten in diesem Land, wo Leute einfach so ums Leben kommen. Die Ehre der Familie interessierte sie aber in diesem Moment nicht.

Und die Kinder waren immer noch hungrig. Sie wusste, dass die Fernsehkameras bald kommen. Sie soll die übliche Rede wiederholen. „Er starb für Syrien. Sein Tod bedeutet nichts gegenüber dem erhofften Sieg. Für das Land sind wir alle bereit, Märtyrer zu sein.“

Als sie den Explosionsplatz erreichte, erstarrte sie. Nichts war da!

In einem kriegsmüden Land ist der Tod von unschuldigen Menschen gar nicht wichtig. Die Leute sind das gewöhnt. Die Toten sind zu beneiden und die Lebenden zu bedauern.

War es bloß ein Traum? Einen Verkehrspolizisten, der da stand, fragte sie, ob hier vor einer Weile etwas vorgefallen sei. „Eine kleine Explosion“, antwortete dieser. Die Opfer waren zum Leichenhaus transportiert und das Trümmerfeld geräumt worden. Das Leben musste weitergehen. So schnell geht das Leben weiter?

Sie ist sich sicher. Er war in eine weiße Decke eingehüllt im Fernsehen zu sehen. Seine Lippen aber waren nicht bedeckt. In diesen Lippen irrte sie sich nicht. Stundenlang hatte sie die Wärme dieser Lippen genossen. Diese Lippen

Schreiend hatten viele Männer an die Tür ihres fast zusammengefallenen Hauses angeklopft. Ihr Mann war aber kein Soldat. Mit diesem verdammten Krieg hatte er nichts zu tun.

Er wollte das Dach reparieren, damit es nicht mehr reinregnet. Er war aber im falschen Platz zur falschen Zeit. Seinen Kindern hatte er zum Abendessen Brot versprochen. Die Explosion zerstreute seinen Körper überallhin und das Brot auch.

Die Autos fuhren in alle Richtungen eben da, wo er vor kurzem lag. Junge Schüler liefen lachend an dem Platz vorbei. Einige Leute boten ihre Waren auf dem Gehsteig zum Verkaufen an.

Er war einer dieser 30 Opfer!

Er ist als Märtyrer gefallen, seid glücklich! Seid stolz auf ihn!

Von ihm war nicht viel übrig. Ohne an irgendwas zu denken, rannte sie dorthin, in der Hoffnung, dass sie seinen Duft zum letzten Mal riechen konnte, bevor der Duft mit seiner Seele zum Himmel flüchtete.

Eine Eilmeldung war in Begleitung von nationalen Liedern im Fernsehen zu sehen. Viele ignorierten sie einfach. Andere sagten desinteressiert: „Diesmal ist es denen nicht gelungen, nur 30 Tote“.

In meinem Heimatland ist der Tod gnädiger als das Leben.

Und erzählte jedem, dass das Leben gestoppt werden muss!

Der zerrissene Körper ihres Freundes lag vor einer Stunde noch da. Ein paar Tropfen seines Blutes waren immer noch zu sehen. Das Leben ging weiter und sie blieb da ­stehen.

Tarek Bashour Sachbearbeiter Ausländerbehörde in Wismar tarekbashour@ hotmail.com

Die Rolle spielte sie perfekt. Jedoch wusste sie, dass ihr Mann der Märtyrer des Brotes, des Hungers, der Märtyrer des Leids war. Das Märtyrertum wurde drei Tage lang gefeiert. Am vierten Tag hatten die Kinder aber wieder Hunger. Die Mutter war nun dran. Die weißen Hände ließen sie nicht allein. Sie sind mit Brot und Essen zu ihr gekommen. Das Weiß dieser Hände hinterließ aber viele Spuren auf ihrem jungen, sonnengebräunten Körper. Der Preis der Sättigung der Kinder war ihr Körper.


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Die Frauen der Nachbarschaft nannten sie nun „die Hure“. Sie war aber, wie ihr Mann, nur eine Märtyrerin des Brotes. Wie Heuschreckenschwärme sind die neuen Eroberer mit ihren schwarzen Fahnen von überall hergekommen, und verwüsteten jede Stadt und jedes Dorf, dass sie betreten haben. Massenflucht herrschte über großen Teilen des Landes. Welche Religion man hat, war zum ersten Mal seit Anfang des unmenschlichen Krieges nicht wichtig. Alle, die sich nicht zum islamischen Staat bekannten, waren zu töten. Abgehackte Köpfe waren der neue Trend. Die ganze Welt fühlte sich angesprochen und hat sich gegen den IS verbunden. Kein Staat unterstützt angeblich den IS. Jedoch wird der IS immer wieder mit militärischem Material ausgerüstet. Kampfflugzeuge von verschiedenen Nationen bombardieren Syrien im Namen der IS-Bekämpfung. Immer wieder werden Zivilisten getötet, aber: „egal, sie sind nur Syrer“. Sie sind sowieso tot.

Wer die Reise nach Europa finanzieren konnte, ist nun da. Für viele jedoch reichten die Ersparnisse nur bis in die Türkei, in den Libanon oder nach Jordanien. Und sie sind dort gestrandet. Viele der Verbliebenen bewohnen die Schulen, die Parks oder die Straßen innerhalb Syriens. Alle beten jeden Tag darum, dass wieder Frieden herrscht. Aber um Frieden wiederherzustellen, darf man nicht nur tatenlos daneben stehen.

Tausende warten verzweifelt in Syrien und in den angrenzenden Ländern auf die Genehmigung der Familienzusammenführung. Millionen von Menschen warten im Libanon, in der Türkei und in Jordanien auf jemanden, der sie als Mensch, als ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft wahrnimmt. Viele warten jedoch in Syrien auf den Tod. Erwartungen an das Leben haben sie schon lange verloren.

Fast jeder Fernsehsender auf der Welt hat die syrischen Flüchtlinge auf der Flucht nach Europa begleitet. Deutschland hat die Flüchtlinge willkommen geheißen und öffnete seine Grenzen. Die Willkommenskultur, die zu Beginn so groß und stark war, lässt aber seit Anfang 2016 allmählich nach.

Ein ganzes Volk ist das Opfer. Ein ganzes Volk ist das Opfer des syrischen Regimes, das Opfer der Opposition, das Opfer der großen Weltmächte. Ein ganzes Volk ist ein Opfer des Wartens.

Erstaunlich, wie die Flucht die Menschen verändert. Hochqualifizierte Leute interessieren sich auf einmal nur noch dafür, ob sie die Flüchtlingseigenschaft oder „nur“ subsidiären Schutz zuerkannt bekommen. Junge, hochmotivierte Leute haben auf ihre Träume verzichtet, und sich an das Nichtstun und die vielen sozialen Leistungen gewöhnt. Viele suchen sich eine kleine Gemeinschaft, wo sie sich von der unmoralischen, westlichen Gesellschaft isolieren können.

Der IS scheint unbesiegbar zu sein. Oder noch schlimmer, die Welt will den IS nicht besiegen.

Egal, wie gut man sich integriert hat, wie gut man die Sprache beherrscht. Egal, welche Religion oder Hauptfarbe man hat. Egal, ob man eingebürgert wurde oder einen fremden Pass besitzt.

Vor der Furcht des Todes packten sie das, was ihre Hände schnell erreichten, ein und begaben sich auf die Flucht. Einige mit Autos, andere mit Motorrädern und viele zu Fuß.

Ein Ausländer in Deutschland bleibt für immer ein Ausländer. Immer wieder muss ich feststellen, dass wir diesem Land nicht angehören. Und jeden Tag sind wir erneut auf der Suche nach einem Gefühl von Heimat.

Egal in welche Richtung. Hauptsache von hier weg. Aber auch die Flucht kennt die sozialen Unterschiede.

Die Hoffnung haben wir aber nicht aufgegeben. Wir warten noch. Die ganzen Syrer auf der Welt warten.

Die Zukunft des Kindes, das am Rand des Gehsteigs saß, kann geändert werden. Das Kind wird aufwachsen und entweder verlangt es die Rache für seine Mutter, oder es sorgt dafür, dass kein Kind seine Mutter verliert. Das Mädchen, das ihren Freund verloren hat, hätte unter anderen Umständen Gehör in der Gesellschaft bekommen und die Welt aufrütteln können, anstatt dessen konnte sie aber „nur“ auf der Straße wie verrückt die Leute ansprechen. Diese Mutter, die ihren Körper und ihre Seele für ihre Kinder geopfert hat, kann allen Religionen der Welt zeigen, was Selbstaufgabe bedeutet. Das kleine Land namens Syrien, könnte ein sehr schönes sein, wenn wir leben und lieben dürften. Das Kind hat die Finger verloren, dass Mädchen den Freund und die Mutter ihre Würde. Die ganze Welt aber die Menschlichkeit. Etwas fehlt, Etwas Großes!  

Tarek Bashour Wismar den 30.06.2017


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Leichenshow im Zirkuszelt Manege frei: In Göttingen gastierte bis zum 25. Mai 2015 ein ganz besonderes Zelt. Schon Wochen vorher luden viele Plakate, die in ganz Göttingen verteilt waren, zu diesem Ereignis ein: Die anatomische Ausstellung »Echte Körper«, bei der es sich NICHT um Gunther von Hagens KÖRPERWELTEN-Ausstellung handelt, zeigt plastinierte Leichen-Exponate. Musik, wie sie zu Meditationsübungen genutzt wird, empfängt den Zuschauer beim Betreten des spärlich beleuchteten Ausstellungsraums, der die Form eines Zirkuszeltes hat. Lichtquellen sind auf die Attraktionen gerichtet. Die Leichen wurden so präpariert, dass man schnell vergisst, vor echten Körpern zu stehen. Sie sind ad abstractum geführt. Der überraschende Anblick lässt einen nahezu reflexartig auf die eigenen Hände einen prüfenden Blick werfen: Sie wirken doch sehr viel echter, sind mit Haut überzogen und nicht plastiniert. In Vitrinen hängen einzelne Gliedmaßen, bei denen die Muskeln fixiert wurden. Leicht und befremdlich zittern die Gliedmaßen im Wind, der durch die Vitrine bläst. In anderen Vitrinen befinden sich Köpfe, zum Teil vertikal durchgeschnitten mit Blick auf das Gehirn. Ist das die auf der Ausstellungshomepage versprochene „respektvolle“ Darstellung? Ist es vor allem eine den Menschen würdigende Ausstellung? Die Würde des Menschen ist nicht im Leben nur unantastbar, sondern geht auch über den Tod hinaus. Fragen drängen sich auf: ,,Woher kommen diese Leichen? Wie ist derjenige Körperspender geworden? Wollte er oder sie ausgestellt werden?“ In dem Zelt findet sich nicht ein einziger Text, der Auskunft über die Herkunft der Leichen oder über die Herstellungsweise der Exponate geben kann. Die Besuchenden werden in keiner Form auf das vorbereitet, was sie sehen werden, wenn sie das Zelt betreten. Dabei ist es aber für das Lehren anhand von Leichen von äußerster Wichtigkeit, Sensibilisierung für das Nichtselbstverständ­ liche und durchaus Verstörende zu schaffen, zu erklären, wie es zu dieser Ausstellung kommt, wie der Körper seinen Weg in die Glaskästen gefunden hat. Erst beim Nachre-

cherchieren auf der Ausstellungshomepage stellt sich heraus, dass die Leichen Körperspender aus den USA sind und von der Firma Corcoran Laboratories (Michigan) für Krankenhäuser und Universitäten als Lehrexponate hergestellt werden. Entscheidet sich ein Körperspender plastiniert zu werden, so kann er sich auch bereit erklären als Ausstellungsstück genutzt zu werden. Dazu bedarf es allerdings auch des Einverständnisses der Angehörigen. Kinder schlendern von Exponat zu Exponat, ohne jegliche Erstauntheit über das, was sie gerade sehen. Verstehen sie es überhaupt? Ist ihnen bewusst, dass es sich wirklich um echte Körper handelt oder ist das Konservierungsverfahren schon zu entfremdend? Empfinden sie es als normal, dass Menschenkörper ausgestellt werden? Dezent weist ein kleines Schild am Eingang darauf hin, auf Fotografieren zu verzichten. Und doch lassen es sich einige Erwachsene nicht nehmen, ein Selfie mit dem frei von Glas sitzenden Muskelpräparat-Menschen zu machen. „Nicht, Papa“, ruft seine junge Tochter dazwischen. Sie hat im Gefühl, dass das irgendwie nicht richtig ist. Die Ausstellung schafft es nicht, den Respekt vor den Körpern zu vermitteln. Das Respektempfinden muss von den Besuchern selbst als Grundhaltung mitgebracht werden. Ist diese Haltung allerdings nicht vorhanden, wird die Ausstellung die Besuchenden zumindest nicht gezielt zu dieser führen oder den Respekt einfordern. Eine Familie steht vor den Embryologie-Präparaten, die beinahe aus jedem Monat der Schwangerschaft ein Embryo bzw. einen Fötus bereithält. „Oh, schau mal, da ist ein Baby, oh wie süß!“, sagt eine Mutter und winkt ihre Tochter herbei.

„Sieh‘ nur, bis hier kann man abtreiben. Das ist ja schon ein richtiger Mensch“, sagt ein junger Vater etwas schockiert zu seiner Begleiterin. Die Information entnimmt er aber keinem Plakat, sondern bringt sie selbst mit. Ein gutes Beispiel dafür, dass nahezu keinerlei ethische Botschaft mit der Ausstellung beabsichtigt ist. »Echte Körper« trägt den reizvollen didaktischen Slogan „Von den Toten lernen“. Die zahlreichen Texte, die die Exponate begleiten, drehen sich nicht nur um Begleitinformationen zu Organen, Knochen und Haut, sondern auch um gesundheitliche Themen wie Hautkrebs, Rauchen oder Aids. Doch diese Informationen sind isoliert, Rebecca Klischka werden nicht in Verbindung 7. Semester Medizin, mit den Leichen gebracht Göttingen und rechtfertigen somit auch rebecca.klischka@ nicht, dass die plastinierten stud.uni-goettingen.de Leichen als Lehrobjekte ausgestellt werden könnten. Nur die mit einem Blasebalg aufblasbaren Lungen zeigen anschaulich, was eine gesunde Lunge von einer Raucherlunge unterscheidet. Zudem ist es fraglich, ob das Thema Organspende zwischen all den Leichen im Zelt den richtigen Ort gefunden hat. Begeisterte Stellungnahmen von Spendern, Empfängern und der Katholischen Kirche zu diesem Thema werden auf großen Plakaten repräsentiert. Es wirkt beinahe wie Werbung der Organspende-Lobby. Makaber ist, dass in direkter Nähe dieser Texte ein plastinierter Körper liegt, neben dessen Arm ein Blutdruckmessgerät positioniert ist. Verstörend ist der Anblick auf einen etwa zweieinhalb Meter langen Glaskasten, der Querschnitte von ca. 3 cm Breite durch


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den gesamten Körper, hintereinander aufgereiht, ausstellt. Von Beschriftungen ist nichts zu sehen. Ein ähnliches Bild findet sich nahe des Eingangs: Eine abgezogene Haut eines Körpers liegt in einem Glaskasten. Darüber ein Plakat, das mikroskopisch den Aufbau der Haut erklärt, jedoch steht kein entsprechendes mikroskopisches Präparat zur Verfügung. Leider ist auch keine Fachkraft anwesend, die die Ausstellung betreut und den Lehrfaktor unterstützen könnte. Die Ausstellung setzt scheinbar darauf, dass ihre Besucher schon Vorwissen mitbringen und dieses auf die Präparate anwenden können. Schulklassen bekommen vergünstigten Eintritt. Allerdings müsste dann die Lehrkraft die Führung – und nicht zu vergessen die sensible Heranführung an die toten Körper – übernehmen.

noch vor der eigentlichen Aufklärungszeit im 16. Jahrhundert, in der Renaissance, die Wiedergeburt der Antike und die Zeit des Humanismus. Auch er zeigte der Öffentlichkeit Sektionen an Leichen, doch muss man bedenken, dass dies unter anderen Bedingungen geschah. Die Sektion wurde von ihm begleitet und durchgeführt, die Präparationsschritte konnten Stück für Stück mitverfolgt werden, es handelte sich nicht um Ausstellungsstücke, sondern um einen Körper für die Lehre. Heute gibt es dazu zahlreiche, der Öffentlichkeit zugängliche Anatomiebücher mit Bildern von „echten“ Körpern, zahlreiche Lehrpräparationsfilme stehen zur Verfügung, bei denen es tatsächlich um die Lehre vom Körper und nicht um Präsentation oder das Konservierungsverfahren bzw. dessen Ergebnisse geht.

Auf der Homepage und in der Ausstellung findet sich auch der Verweis (oder soll es das Vorbild sein?) auf einen der ersten „großen“ Anatomen: Andreas Vesalius. Er lebte

Insgesamt ist also kritisch zu fragen, ob die Ausstellung ihrem eigenen pädagogischen und didaktischen Anspruch „von den Toten lernen“ gerecht wird und ob die

­ ürde des Menschen hier tatsächlich noch W gewahrt wird. Wie ist eine solche Ausstellung ethisch zu rechtfertigen? Das Ganze wirkt vielmehr wie eine „Zurschaustellung“, eine Wanderausstellung, ein Wanderzirkus, der sein eigentliches Ziel verfehlt hat und darauf setzt, den Menschen für Geld eine Attraktion zu bieten, die aufgrund ihres durchaus faszinierenden, abstrakten, vielleicht sogar „Gruselfaktors“ bewusst Anziehungskraft ausübt. Statt seltener Tiere, handstandmachender Elefanten oder durch Feuerreifen springender Tiger bekommt man den toten Menschen präsentiert. Den „echten Körper“, wie es auf den Plakaten heißt. Gegen Tierauftritte in der Manege wird zu Recht aus ethischen Gründen demonstriert – wer setzt sich ein gegen die Zurschaustellung des Menschen, der Toten wie der Lebenden? Eine Vorstellung ist immer nur solange im Programm, wie es ein Publikum dafür gibt.

What to do on rainy days? Bücher und Filme, empfohlen von IPPNW-Studis & -mitgliedern

GRAPHIC NOVELS Maus. Die Geschichte eines Überlebenden von Art Spiegelman (1986 bzw. 1991) Spiegelman schildert in eindrücklichem Schwarzweiß-Comicstil die Erlebnisse seines Vaters, einem Überlebenden des Holocausts und Auschwitz. Er zeigt aber auch die eigenen Reaktionen auf diese Erzählungen. Dies alles in einer genialen Form: Die (schonungslos realistische) Geschichte wird als Fabel erzählt, die Protagonisten sind Tiere – Juden sind Mäuse, Deutsche sind Katzen, US-Amerikaner Hunde, Schweden Rentiere, Briten Fische usw. Gibt ein Charakter vor, einer anderen Gruppe anzugehören, so trägt

sie/er die entsprechende Tiermaske. Durch diese Form (und durch das Medium Comic) wahrt der Autor nicht nur „Abstand vom erzählten Grauen“ (Wikipedia), sondern zeigt schon in der Form, im Stil die historisch stattgefundene Maskierung des Holocausts durch die Nazis, aber auch das Leugnen und/oder das Nicht-wahrhaben-wollen der Bevölkerung. „Maus“ wurde 1992 als erster Comic überhaupt mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und „gilt bis heute als eine der ambitioniertesten und besten Graphic Novels“. (Wikipedia)  

Micha, Mainz

Barfuß durch Hiroshima von Keiji Nakazawa (1973). Manga mit autobiographischem Einfluss des Autors zum Atombombenabwurf über Hiroshima. K. Nakazawa verlor bei dem

Angriff Vater, Bruder und Schwester. Seine Mutter starb 1966 an den Folgen der atomaren Explosion, er selbst litt seit der Explosion unter D ­ iabetes mellitus. Die Handlung setzt in Hiroshima, einige Tage vor Abwurf der Atombombe, ein. Die nachfolgenden Ereignisse sind realistisch-schonungslos dargestellt, vermitteln durch den Comicstil aber wiederum die kindliche Sicht des jungen Protagonisten. „Barfuß durch Hiroshima“ inspirierte Spiegelman bei seiner Arbeit an „Maus“, er schrieb das Vorwort der deutschen Ausgabe. Trotz, und gerade wegen aller Härte, sehr empfehlenswert. 

Micha, Mainz


IPPNW

BÜCHER Das Café am Rande der Welt von John Strelecky (2007) Ein literarischer Katalysator um sich gedanklich darauf ein­ zulassen, was es für einen selbst heißt, ein erfülltes Leben zu führen.  

(sinn­ gemäßes Zitat des Autors). Echte Recherchen in Nordkorea sind quasi unmöglich und gleichzeitig lebensgefährlich. In meinem Lieblingscafé bin ich zufällig in die Lesung des Autors gestolpert, habe das Buch spontan gekauft und bin seitdem sehr froh darüber. Bei allen Hintergründen, die man erfährt, ist die Geschichte von Seonghan und Jeongah so nah, so klar, dass man einfach immer weiterliest. 

FILME Bowling for Columbine (2002) Zynischer, dabei fesselnder und erschütternder Michael Moore-Klassiker über die Waffengesetze und Amok­ läufe der USA, dessen Aktualität mehr zu- als abnimmt.

Micha, Mainz

Philipp, Hamburg



ERDOGAN: Die Biographie von Cigdem Akyol, Herder (2016) Recep Tayyip Erdogˇan ist eine der schillerndsten Figuren auf der internationalen politischen Bühne. Er führte die Türkei in eine nie dagewesene Phase der Stabilität und des wirtschaftlichen Aufschwungs. Unter seiner Regierung bewegte sie sich immer weiter in Richtung Europa. Er führt aber auch einen rücksichtslosen Kampf gegen politische Gegner und kritische Medien und initiiert die Re-Islamisierung der Türkei. In ihrer umfassenden Biografie zeichnet Cigdem Akyol den Weg Erdogˇans von einer Kindheit in ärmlichen Verhältnissen bis ins höchste politische Amt der Türkei nach. „Eine angenehm differenzierte Biografie, die Erdogˇans immer repressiveres Herrschaftssystem ebenso beleuchtet wie seine anfänglichen Erfolge als Reformer.“ (Luisa Seeling, Süddeutsche Zeitung) 

Christa, Mainz

Schatten ohne Licht von Marcus S. Theis (2017) Debütroman des jungen Autors über das Leben eines nordkoreanischen Geschwisterpaares vor, während und nach ihrer Flucht. Gibt superspannende Einblicke in die Geschichte und die Lebensrealität in Nordkorea – wobei der Roman „eine der Wirklichkeit bestmöglich angenäherte Fiktion darstellt“

Weil es sagbar ist – über Zeugenschaft und Gerechtigkeit von Carolin Emcke, Fischer-Verlag (2013) „Die Erzählung aus den Lagern, aus den Gefängnissen, die Geschichten von Folter und Gewalt, von struktureller Entrechtung und Misshandlung, die Berichte von Vergewaltigungen und sexualisierter Gewalt, sie mögen gebrochen sein und unvollständig, sie mögen leise erzählt werden oder gebrüllt, sie mögen poetisch oder nüchtern daher kommen – aber sie bilden das bewegliche, unfertige zeitoffene Narrativ unserer Gesellschaft.“ (Zitat des Covers)  

Christa, Mainz

Schiffbruch mit Tiger (engl.: „Life of Pi“) von Yann Martel (2004) Ein ungewöhnliches, tief berührendes und dabei grunderfri­ schen­des Buch über Religionen (Pi, der Protagonist, ist sowohl Hindu, Christ als auch Moslem – warum eigentlich nicht, könnte man sich fragen?), über den Überlebenskampf, den Schiffbruch und ein bengalischer Tiger mit sich bringen, vor allem aber handelt es vom inneren (Über-)Leben und der Auseinandersetzung mit sich selbst. Vergesst den Film, lest das Buch! Alles Wichtige spielt sich in Pi Patel selbst ab. Disclaimer: Ihr könntet danach an Gott (eurer Wahl) glauben ;) 

Micha, Mainz

Lea, Hannover

Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964) Superguter Anti­kriegs­ film, der ein schwerwiegendes Thema ­satirisch-leichtfüßig aufnimmt, ohne seine Botschaft aus den ­Augen zu verlieren.  

Antonia, Mainz

Vol spécial (2011) Excellenter Film über die Zustände im Umgang mit Geflüchteten am Beispiel der Schweiz. Johannes

Haiti: Tödliche Hilfe (2013) Krass guter Film über Entwicklungszusammenarbeit und deren Folgen. Sehr kritisch! Freeware auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=sqvBtbD5bmU Johannes

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IPPNW

…first do not harm (1997)

Der große Diktator (1940)

BLADE RUNNER (1982)

Die Geschichte eines Jungen mit Epilepsie und seiner Mutter, die gegen starke Widerstände des behandelten Arztes einen alternativen (heute etablierten) Therapieansatz sucht: die ketogene Diät. Ein kritischer Film über Engstirnigkeit in der Medizin. Pflicht vor jedem Auslandsaufenthalt als Famulus.

Ein Meisterwerk von und mit Charlie Chaplin – vielleicht das Meisterwerk. In jedem Fall eines mit unerschütterlicher Weitsicht, auch gegen den Zeitgeist: Als er 1938 mit der Arbeit begann, wurde er noch belächelt (milde ausgedrückt) – ein Jahr später galt er halb als Prophet, halb als Genie. Chaplin wehrte sich lange gegen den Tonfilm, er sagte: „Wenn der Tramp beginnt zu sprechen, ist er tot.“ Dieses Thema war ihm so wichtig, dass er die Figur seines Lebens dafür opferte. Dank ihm könnt ihr nun Chaplins „Rede an die Menschheit“ hören – nichts hat mich je in einem Film so bewegt. Und nach 77 Jahren könnte – sollte! – man diese Rede noch immer, und immer wieder, auf jedes T-Shirt drucken und auf jede Wand der Welt sprayen.

zeigt einen schmut­ zigen Großstadtmoloch, der Androiden generiert, die sich nach Menschsein sehnen. Fragen nach objektiver Realität stehen der tra­ gischen, zutiefst humanis­ tischen Erkenntnis gegenüber, dass mit jedem vergangenen Leben ein unschätz­ ­ barer Wissensverlust einhergeht. Meisterwerk, herausragend i­nszeniert.



Johannes, Micha (Mainz)

And the band played on (1993) Super Spielfilm (basierend auf wahren Begebenheiten) über die Entdeckung des HI-Virus, der einem nicht nur ein Gefühl für die Anfangsjahre der AIDS-Epidemie gibt – neben den damaligen Vorurteilen, den gesellschaftlichen und politischen Spannungen werden auch die naturwissenschaftlich-medizinische Forschung und ihre Schattenseiten (!) kritisch beleuchtet. 



Micha, Mainz

SOYLENT GREEN (dt.: Jahr 2022… die überleben wollen) Sci-Fi-Klassiker von 1973 zum Thema Überbevölkerung und Umweltverschmutzung. Unter dem Deckmantel der Detektivgeschichte vermittelt SOYLENT GREEN ein starkes Umweltbewusstsein.

Micha, Mainz

PUNCTURE – David gegen Goliath (2011) Ein von Chris Evans sensationell verkörperter Anwalt vertritt eine Krankenschwester gegen die Pharmalobby. Unei­tler Tribut aus dem Spannungsfeld Justiz­ thriller im Kampf gegen immer härtere Widerstände. Für die Gerechtigkeit. Die Relevanz. Das Retten von Leben. Eine wahre Geschichte. 



Vincent, Filmakademie Baden-Württemberg

DISTRICT 9 (2009) Aliens stranden in Afrika und sind auf ­ die Hilfe der Menschen angewiesen. Satirischer Einblick in den Apartheid-Apparat. Unverwechselbar.

Vincent, Filmakademie Baden-Württemberg 



Vincent, Filmakademie Baden-Württemberg



Vincent, Filmakademie Baden-Württemberg

LA JETÉE (1962) Kunstvoller Foto­ roman über den einzigartigen Halt, den die Erinnerung eines Menschen gibt. In diesem poetischen Tagtraum sind Sehnsüchte, Liebe und Erinnerungen der Menschheit letzte Hoffnung, angesiedelt in einer radioaktiven Welt nach dem dritten Weltkrieg. 

Vincent, Filmakademie Baden-Württemberg


IPPNW

Famulieren & engagieren 2017 f&e – famulieren und engagieren ist ein Austauschprogramm für IPPNW-Studierende. In Gastländern wie z.B. Kenia, Bosnien oder Israel werden Famulatur und Engagement in einem friedens- oder sozialpolitischen Projekt kombiniert. Vor allem zählen die Begegnungen mit Menschen – in einem fremden Gesundheitssystem, mit einer anderen Geschichte, mit einem entgegengesetzten – oder auch gleichgesinnten – Wertekosmos. Einige f&e-ler*innen aus diesem Jahr haben Gedanken und Eindrücke festgehalten und in Zusammenhang mit Frieden und Gesundheit gebracht. Eine Hommage an das, was f&e ist und was es mit uns macht: Verwirrung stiften, Gedanken anstoßen, Euphorie ent­ fachen und lange nachwirken... aber seht selbst! Bewerbungen und mehr Infos unter: www.studis.ippnw.de/famulieren-engagieren ISRAEL

Meine Eindrücke zum Thema „Zusammenhang von Frieden und Gesundheit“ in Israel waren vielfältig und manchmal nur unterschwellig oder nur zu vermuten. Zunächst einmal spürte ich, dass in Israel kein stabiler Frieden im Sinne von Entspannung herrscht, sei es im Konflikt mit den Palästinensern oder mit Syrien, dem Libanon oder dem Iran. Das Militär ist überall präsent, bewaffnet, uniformiert oder nicht. Im Alter von 18 Jahren müssen Jungen für drei und Mädchen für zwei Jahre zum Militär. Obwohl viele, mit denen ich sprach, dieser Zeit auch Gutes abgewinnen konnten, ist unumstritten, dass viele auch Schäden davon tragen. Damit meine ich sowohl körperliche, z.B. orthopädische Verletzungen, als auch psychische Belastungen, ob nun durch die Härte der Ausbildung bedingt oder durch tatsächliche Konfrontation mit einem Gegner. Nicht wenige werden danach mit Posttraumatic Stress Disorder diagnostiziert. Ich spekulierte, ob auch ein gewisses gesteigertes Risikoverhalten damit assoziiert ist. Die Prävalenz von PTSD in der Zivilbevölkerung ist stark assoziiert mit der zeitlichen Einordnung, ob ein aktiver Krieg

herrscht, oder z.B. viele Terrorattacken wie zur Zeit der Intifada. Darüber hinaus gibt es natürlich auch viele Menschen mit physischen Kriegsverletzungen. So lernte ich einen jungen Mann kennen, der im zweiten Libanon-Krieg 2006 verletzt wurde, ebenso einige Patienten in der gerontopsychiatrischen Ambulanz.  Marieke Bea, Hannover

INDIEN Wenn wir Gesundheit als etwas betrachten, das mehr ist als die bloße Abwesenheit von Krankheit, als etwas Umfassenderes, auch den Geist und die Seele Betreffendes – wie es die Definition der WHO vorgibt – sind wir schon ziemlich nah an der Bedeutung von Frieden. Zumindest an der von innerem Frieden. Und unter anderem für die Suche nach äußerem Frieden, der Menschen überall auf der Welt verbinden sollte, machte ich mich auf nach Indien. Das Programm famulieren&engagieren versucht nämlich diese Brücken zu schlagen – zwischen 13 Ländern, zwischen jungen Mediziner_innen, zwischen Gesundheit und Frieden – aber wie genau sind diese beiden wichtig klingenden Worte eigentlich verbunden?

In dem Moment, als ich im heiß-schwülen Mumbai erstmals indischen Boden betrat, hätte mich diese Frage kaum weniger beschäftigen können. Ich musste mich erstmal zurecht finden in dem intensiven Wirrwarr aus Menschen, Gerüchen der Garküchen am Straßenrand, den streunenden Hunden, dem dröhnenden Dauerhupen einer schier unglaublichen Masse an Autos. Erst als mein Gepäck und ich gut verstaut im Wagen meiner Abholer waren, wurde mir so langsam klar, was es heißt, Frieden im Kleinen aufzubauen – man kommt mit völlig unbekannten Menschen ins Gespräch. Beide Seiten teilen aber Neugier und ein Grundvertrauen. Über zwei Monate hinweg habe ich viele beeindruckende Menschen kennengelernt, die auf ihre Weise dazu beitragen, dass wir alle in einer friedlicheren Welt leben können. Ganz besonders denke ich dabei an das Team, mit dem ich in Bangalore zusammenarbeiten durfte, das einen Onlinekurs zu medical peace work erarbeitet und damit bisher schon über 2000 Leute auf der ganzen Welt erreicht hat. In sechs Wochen lernt man dabei Friedensarbeit vom Mikrobis zum Makrolevel kennen und die Themen spannen sich von häuslicher Gewalt bis hin zu den gesundheits- und friedensgefährdenden Effekten des Klimawandels. Das alles ist völlig kostenlos. Dass Menschen so etwas ehrenamtlich stemmen, gibt mir Hoffnung, dass Gesundheit und Frieden immer stärker zusammenwachsen. Und ich freue mich, dass ich zusammen mit anderen ­einen kleinen Beitrag dazu leisten durfte. 

Anna André, Dresden

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IPPNW

KENIA

Von Anfang August bis Ende September 2017 war ich im Rahmen des „Famulieren&Engagieren“-Programms der IPPNW in Kenia. Meine Famulatur wollte ich im County Krankenhaus in Kilifi, einer Kleinstadt an der Küste, absolvieren. Bei meiner Ankunft erfuhr ich allerdings, dass eine Famulatur wegen eines Streiks des Krankenpflegepersonals dort nicht möglich sei. Hinzu kam, dass eine Woche nach meiner Ankunft Präsidentschaftswahlen in Kenia stattfanden. Iwaret, eine sehr nette Ärztin der IPPNW und Gastgeberin in Kilifi, klärte mich darüber auf, dass ich unabhängig vom Streik meine Famulatur während der Präsidentschaftswahlen nicht antreten könne, aufgrund zu erwartender Unruhen. (Bei den vorletzten Präsidentschaftswahlen 2007 kamen bei landesweiten Unruhen über 1000 Menschen ums Leben.) Ich flog daher mit Iwaret zu ihrer Familie nach Nairobi, bei der ich auch wohnen durfte. Wir konnten drei Tage vor und nach der Wahl aus Sicherheitsgründen die Wohnung ihrer Eltern nicht verlassen. Glücklicherweise kam es nach der Wahl in Nairobi nur zu vergleichsweise leichten Ausschreitungen.  Wegen des andauernden Streiks in Kilifi bemühte ich mich die Hospitation bei meinem sozialen Projekt am Kenyatta National Hospital in Nairobi vorzuziehen. Nach einigen bürokratischen Hürden fing ich dort im Mental Health Department beim „Gender Based Violence Programme“ (GBVP) an. Hierbei handelt es sich um ein nationales Gesundheitsprogramm für Frauen, die sexuelle, physische und/ oder psychische Gewalt erlitten haben. Zunächst werden betroffene Frauen gynäkologisch untersucht, die Gewaltumstände forensisch dokumentiert und eine Postexpositions-Prophylaxe (PEP) durchgeführt. Letztere umfasst ein Antiretrovirales Medikament (HIV-Prophylaxe) sowie die „Pille danach“. Gleichzeitig wird den Frauen auf Wunsch eine psychosoziale Betreuung zur Verarbeitung des seelischen Traumas angeboten. Die Begleitung wird durch ein Team

von PsychologInnen, KrankenpflegerInnen und SozialarbeiterInnen sichergestellt. Ich war vor allem bei den psychosozialen Beratungsgesprächen involviert. Dieses Programm zur Hilfe für Frauen, welche Gewalt erfahren haben, empfand ich in der Durchführung sehr professionell und äußerst sinnvoll. Allerdings ist das Projekt teilweise gefährdet, da die finanziellen Mittel, besonders für die kostenlose Bereitstellung der PEP, durch deutsche Entwicklungsgelder bald auslaufen wird.  Claudia Schorr, Berlin  

Foto: Claudia mit Iwaret Mary Otiti (Ärztin und Epidemiologin) in Nairobi

KOSOVO Vor allem durch Gespräche mit Menschen, die mir persönliche Erfahrungen schilderten, wurde mir klar, dass die ethnische Spaltung, wie sie hier im Kosovo herrscht, auf unzähligen Ebenen Ausdruck findet – u.a. beim Thema Gesundheit, namentlich dem Zugang zu gesundheitlichen Einrichtungen. So sind beispielsweise im Universitätsklinikum Pristina (QKUK) die Patient*innenrechte auf Albanisch, Serbisch und Englisch aufgelistet. Jedoch wird das QKUK so gut wie nicht von serbischen Patient*innen aufgesucht. Die serbische Population konsultiert die Versorgungszentren in mehrheitlich serbischen bewohnten Gebieten, welche wiederum von der dort lebenden albanischen Minderheit nicht in Anspruch genommen werden. Ethnische Zugehörigkeit spielt also selbst im Falle von Krankheit eine Rolle. Spinne ich den Gedanken weiter, stelle ich fest, dass ­Ethnie nicht nur „selbst“ im Falle von Krankheit eine Rolle spielt, sondern dass – z.B. im Hinblick auf Kriege – die Abwesenheit von Gesundheit in kausalem Zusammenhang zur Gruppenzugehörigkeit steht. Eine friedliche, d.h. nicht nur gewaltfreie, Koexistenz ist also unabdingbar für eine wirklich allen zugängliche medizinische Versorgung und somit Gesundheit. 

Karolin Kirchgaesser, Leipzig

BELGRAD

Über den Zusammenhang von Frieden und Gesundheit Der Begriff „Frieden“ beschreibt neben der Abwesenheit von Gewalt (negative peace) einen Zustand vollständiger Harmonie (positive peace). Dazu gehört unter anderem die Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse. Zudem spielt die Fähigkeit, einen Konflikt gewaltfrei lösen zu können, eine wichtige Rolle. Gesundheit ist ein Grundbedürfnis. Somit ist bei fehlender medizinischer Versorgung, nach hier genannter Definition*, eine essentielle Voraussetzung für Frieden nicht erfüllt. Gewalt führt zur Schädigung der Gesundheit und stellt das Gegenteil von Frieden dar. Ein Beispiel für gewaltsames Vorgehen ist die „Operation Allied Force“ von 1999. Die NATO warf im Zusammenhang mit dem Kosovokrieg Sprengkörper über der Bundesrepublik Jugoslawien, darunter Belgrad, ab. Die Zulässigkeit aus völkerrechtlicher Sicht ist umstritten. Auch die Notwendigkeit der Verwendung von Streubomben und die gesundheitlichen Folgen von Uran-ummantelter Munition sind fraglich. Ein gewaltfreier und friedlicher Lösungsansatz sieht anders aus.   Inga Schwittai aus Mainz (*Quelle: http://www.medicalpeacework.org/)


IPPNW

Alle Jahre wieder – IPPNW Fahrradtour und Internationales IPPNW-Treffen in Großbritannien Der im regelmäßigen Turnus stattfindende Weltkongress der IPPNW wurde dieses Jahr von Medact, der britischen IPPNW-Sektion, unter dem Titel “Health through Peace” vom 3.9. bis zum 7.9. in York ausgerichtet.

Traditionsgemäß fand im Vorfeld der Konferenz eine Fahrradtour mit Ärztinnen und Studierenden aus 7 Ländern (Pakistan, Indien, Russland, Kenia, Deutschland, Nicaragua und Nepal) statt. Start der Tour war dieses Jahr in Faslane, einem Marine-Stützpunkt nahe Glasgow, von dem aus die britischen, mit atomaren Sprengköpfen ausgestatteten U-Boote (sog. Trident-Submarines), starten. Die genauen Fahrtrou-

ten dieser U-Boote sind Staatsgeheimnis. Bekannt ist aber, dass die Sprengköpfe zu Wartungszwecken regelmäßig zu einem Militärstützpunkt im Süden Englands transportiert und von dort wieder zurückgebracht werden – einmal quer durch Großbritannien! Dennoch ist das Thema Atomwaffen in der Öffentlichkeit in England kaum präsent – dafür setzen sich in Schottland Zivilgesellschaft und Parlament

für eine Verlegung der nuklearen U-Boote ein. Sollte dies gelingen, bleibt der britischen Regierung wahrscheinlich aufgrund mangelnder Alternativen nur die Auflösung ihres Atomwaffenprogramms übrig. Um die Debatte mehr in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken, trafen sich die Teilnehmer zu Austausch und Diskussion (und Afternoon Tea!) mit Repräsentanten des schottischen Parlaments sowie der lokalen Zivilgesellschaft. Am Ende der Fahrradtour wurden die Teilnehmer von einer internationalen Delegation in York empfangen und konnten zufrieden auf 570 zurückgelegte Meilen, viele fruchtbare Gespräche und regen Austausch von Wissen, Erfahrung und Aktionsideen zurückblicken. Am Sonntag fand zeitgleich mit dem Treffen des IPPNW Councils das Internationale Studierendentreffen statt. Die Studierenden lauschten einem eindrücklichen Vortrag über Hibakusha und die Auswirkungen der Nuclear Chain, diskutierten Medical Peace Work und die Seenotrettung auf dem Mittelmeer unter humanitären und ethischen Gesichtspunkten und erfuhren mehr über das ReCap Projekt in Palästina. Auch das unermüdliche Engagement von indischen Medizinstudierenden hin zu einer friedlichen Lösung des Konflikts mit Pakistan (immerhin verfügen beide Länder über Atomwaffen!) und die Vernetzungsarbeit im asiatischen Raum bis hin zu den vielen tollen Aktivitäten auf dem West-Balkan verdeutlichen, wie bereichernd die internationale Arbeit der Studierenden für die IPPNW ist. Nicht zuletzt mussten sich die Studierenden von

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IPPNW

humanitärer Arbeit in Konfliktsituationen und ziviler Friedensarbeit diskutiert.

Aino Weyers (Deutschland) und Bimal Kadhka (Nepal) verabschieden, die in den letzten drei Jahren hervorragende Arbeit als Internationale Studierendensprecher geleistet haben. Kelvin Kibet aus Kenia und Franca Brüggen aus Deutschland sind das neue Internationale Studi-Spitzenduo – an dieser Stelle einen herzlichen Glückwunsch! Im IPPNW Council, das einen Tag vor und einen Tag nach der tägigen Kernkonferenz stattfand, trafen sich die Vertreter der einzelnen Ländergruppen zum inhaltlichen Austausch und zur Festlegung einiger organisatorischer und struktureller Rahmenbedingungen. Die Konferenz selbst begann am Montag Morgen mit brennenden Appellen der IPPNW Co-Präsidenten für das Anfang Juli in der UNO beschlossene Atomwaffenverbot. Nachdem nun ein Regelwerk für die Ächtung von Atomwaffen existiert, gilt es politischen Druck auf die Staaten auszuüben, dieses zu unterzeichnen und ernst zu nehmen. Nur so kann die Abschaffung von Atomwaffen erreicht werden. Um es mit den Worten von Dr. Alex Rosen auszudrücken: „Jetzt, wo die völkerrechtliche Ächtung von Atomwaffen beschlossen ist, fängt die wirkliche Arbeit erst an.” Dass diese Aufgabe Hartnäckigkeit und Ausdauer fordert, steht außer Frage. Wie viel Energie und Bereitschaft das scheinbar Unmögliche anzugehen in dieser – unserer – Bewegung stecken, war aber für jeden zu spüren, der den Kongress besuchte. Neben diesem verbindenden Element wurden aber auch die verschiedenen regionalen Positionen innerhalb der IPPNW vorgestellt. Dabei wurde klar, dass wir wahrhaftig eine internationale NGO sind, mit all den unterschiedlichen regionalen Ansätzen, die dazugehören. Neben dem Atomwaffenvertrag und Strategien zur Umsetzung desselben, wurde in den Panels auch über die Herausforderungen

Doch ohne die Vielzahl interaktiven Workshops mit neuen Denkanstößen und Partizipation aller Teilnehmerinnen würde es einem Kongress an Farbe fehlen. Auch die deutsche IPPNW beteiligte sich fleißig mit Sessions zu den Themenfeldern Atomenergie und Atommüll sowie Frie- den und Medizin in sozialer Verantwortung (u.a. Refugee Health und Medical Peace Work). Auch die vielen gemeinsamen Abende im Pub oder im »German House« – unsere Unterkunft, die schnell zum Treffpunkt für die internationalen Studierenden wurde – schweißte uns alle weiter zusammen in unserer internationalen IPPNW Familie und so entstanden viele neue Freundschaften und Ideen für zukünftigen Austausch. Mit den Eindrücken einiger unserer internationalen Mitstreiter*Innen schließen wir ab. Denn besser können wir es selbst nicht ausdrücken: “I see this congress as a rainbow with the color of peace and the students as butterflies who flew all over this beautiful rainbow to spread this beauty all around the globe. I believe this image is magnificent from every part of the world since it represents the effort and empathy for having a world filled with peace.” (Ghazal, Iran)

“The congress was well organised and had a wide range of speakers on plenary topics as well as diverse workshops. I enjoyed how every participant was willing to interact with someone new. I can actually say: I felt the true spirit of IPPNW familiy!” (Kelvin, Kenia)

“It was nice to meet people who share my opinion from all around the world. [...] Each time I am surprised with some new facts about nuclear weapons. This time I was particularly surprised about the treatment of patients [...] in hospitals in some parts of the world. As usually most information that comes from media is under control of politics those information never comes to us. I have a strong feeling that many people aren‘t even aware of the disaster that is going on and how badly it can end. But I also strongly believe that we can do a lot to change that!” (Marija, Kroatien)


Kontakt

Ansprechpartner*innen und Kontaktadressen IPPNW-Lokalgruppen an fast allen Unis An vielen Unis gibt es lokale IPPNW-Studierenden­ gruppen. Wenn Du Interesse hast, wende Dich einfach an die Geschäftsstelle oder direkt an die entsprechende Ansprechpartner*in. Auch die Arbeitskreise der IPPNW freuen sich immer über studentische Mitarbeit. IPPNW-Geschäftsstelle Körtestr. 10, 10967 Berlin Tel: 030-698074-0 | Fax: 030-693 8166 E-Mail: ippnw@ippnw.de | www.ippnw.de Ansprechpartner für Studierende in der Geschäftsstelle ist Ewald Feige: Tel: 030-698074-11, feige@ippnw.de Zuständig für das Programm famulieren & engagieren ist Anne Jurema, jurema@ippnw.de und Maren Janotta, janotta@ippnw.de Studierende im Vorstand der IPPNW Der Vorstand der IPPNW wird alle zwei Jahre vom höchsten Gremium unseres Vereins, der Mitgliederversammlung, gewählt. Ihm gehören acht Personen sowie der International Councillor an. Als StudentIn im Vorstand vertritt man/ frau die Interessen der Studierenden, setzt sich ein für Studierenden­arbeit und informiert die Studierenden in der IPPNW über das, was sich im Verein so alles bewegt. Diese Aufgabe übernimmt derzeit Claudia Böhm, boehm@ippnw.de . Studierendensprecher*innen der IPPNW Jedes Jahr werden im Wintersemester beim bundesweiten Studierendentreffen zwei Studierende gewählt, die die Funktion der Sprecher*innen übernehmen. Zur Zeit sind es Claudia Böhm, boehm@ippnw.de (bis November 2017) und Max Arslan, max.arslan@gmx.de Aktuelle Infos unter: www.ippnw.de/der-verein/studierende.html Mailingliste: ippnw-studies@ippnw-lists.de Anmeldung unter: https://listi.jpberlin.de/ mailman/listinfo/ippnw-studies oder per Email an feige@ippnw.de Facebook-Seite: https://www.facebook.com/ippnwstudies/ Die internationale IPPNW-Studierenden­ homepage: www.ippnw-students.org

Amatom: Blog: https://amatomblog.wordpress.com/ Facebook: https://www.facebook.com/ amatom­isawesome/ Twitter: https://twitter.com/Amatomisawesome

Studierendengruppen Aktuelle Kontakte auch unter https://www.ippnw.de/der-verein/studierende. html oder über die Geschäftsstelle.

Leipzig: Madeleine Sittner Madeleine.Sittner@web.de Lübeck: Claudia Böhm boehm@ippnw.de Mainz: Karla Kerber karla@kerber-hd.de Münster: Jan Roseland roseland.jan@googlemail.com Regensburg: Sophie Flemmer ippnw.regensburg@gmx.de www.regensburg.ippnw.de Rostock: Johanna Matthews johanna.matthews@uni-rostock.de ippnw-HRO@web.de

Berlin: Kilian Runte runte@ippnw.de

Tübingen: Lilian Tashiro lilian-noe@hotmail.de studigruppe-tuebingen@ippnw.de

Bochum: Martin Korte Martin.korte@ruhr-uni-bochum.de

Witten-Herdecke: Lisa Lombardo lombardo.lisa@web.de

Dresden: Franziska Pilz pilzfranzi@googlemail.com

Würzburg: Simon Lopez simonlopez@gmx.de

Düsseldorf: Max Arslan max.arslan@gmx.de duesseldorf@ippnw.de

Arbeitskreise

Erlangen: Anna Maria Lehner Anna-Maria.Lehner@gmx.de Gießen: Ines Dudzic ines.dudzic@yahoo.de Göttingen: Manuel Altherr manuel.altherr@posteo.de Hannover: Jeremia Weber jeremia.weber@stud.mh-hannover.de ippnw@ mhh-asta.de Heidelberg/Mannheim: Katharina Wahedi katharinawahedi@googlemail.com Köln: Anna Schaupp anna.schaupp@posteo.de

AK Atomenergie: Henrik Paulitz, paulitz@ippnw.de AK Flüchtlinge & Asyl: Carlotta Conrad, conrad@ippnw.de AK ICAN: Dr. Inga Blum, ingablum@gmx.de AK Medical Peace Work: Dr. Eva-Maria Schwienhorst-Stich eva.schwienhorst@googlemail.com AK Medizin & Gewissen: Dr. Caroline Wolf medizinundgewissen@ippnw.de AK Süd-Nord: Dr. Helmut Fischer Dr.Helmut.Fischer@gmx.de

Der Amatom braucht Hilfe! Dir gefällt der Amatom? Du hast vielleicht eine Idee für einen spannenden Artikel, Spaß am Layouten, Editieren oder einfach Lust mitzuhelfen? Dann schreib eine E-Mail an feige@ippnw.de und sei beim nächsten Treffen mit dabei! Das Amatom-Team sucht immer Nachwuchs und freut sich über motivierte­ Neuzugänge – und keine Angst, falls du noch keine Erfahrung hast: dafür sind wir ein Team!

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IPPNW: Frieden durch Gesundheit

Medizinstudierende für Gerechtigkeit und Frieden in einer Welt ohne atomare Bedrohung Was ist die IPPNW? IPPNW steht für Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges. In Deutschland heißt die IPPNW zudem „Ärzte in Sozialer Verantwortung“. Die IPPNW wurde 1980 zur Zeit des Kalten Krieges gegründet. Heute arbeitet sie in 80 Ländern für eine menschliche Medizin und eine friedliche Welt ohne atomare Bedrohung.

Was macht die IPPNW?

Die IPPNW • forscht: z. B. in Studien über die Gesundheitsfolgen von Uranmunition und ionisierender Strahlung •  setzt sich für Benachteiligte ein: z.  B. bei direkten Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgern für eine gute Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen in Deutschland • klärt auf: zum Beispiel mit Info-Ständen und Publikationen über die Risiken von Atomwaffen und der Nuklearen Kette.

Anmeldung

Nur Atomkrieg und sonst nichts?

Ist die IPPNW eine Hilfsorganisation?

Nein, längst arbeitet die IPPNW zu vielen Themen wie Ethik in der Medizin, Global Health, Flüchtlingsfragen, medizinische Friedensarbeit oder Atomenergie. Die IPPNW hat mehrere bundesweite Arbeitskreise und veranstaltet Kongresse.

Nein, aber… die IPPNW arbeitet vor allem präventiv. So sollen Konflikte gar nicht erst entstehen. Durch die internationalen Kontakte der IPPNW entstehen aber oft konkrete Hilfsaktionen, wie die Kinderhilfe Irak.

Nur was für Ärzt*innen?

Alle Aktivitäten sind offen für Interessierte. Das Besondere: Die IPPNW gibt lokalen Gruppen sehr viele Freiheiten und volle Unterstützung bei den Aktivitäten.

Im Gegenteil! In Deutschland allein gibt es 1.000 studentische Vollmitglieder. Studierende arbeiten oft lokal in Studierendengruppen. Jedes Jahr finden ein bundesweites und ein europäisches Studierendentreffen statt.

Was kann ich machen?

Mehr Informationen? www.ippnw.de

Mit dem IPPNW-Programm famulieren & engagieren können Studierende weltweit in Partnerprojekten Erfahrungen sammeln und sich einbringen. bitte ausschneiden und einsenden oder faxen an die IPPNW 030–693 8166 Für Studierende kostet das im Jahr 32 Euro | Für Ärztinnen und Ärzte 120 Euro

Ja, ich werde Mitglied und unterstütze die Ziele der IPPNW.

Studierende Mitglieder erhalten das Magazin „IPPNWforum“ und den „amatom“ kostenlos. SEPA-Lastschriftmandat: Ich ermächtige / wir ermächtigen IPPNW e.V., Zahlungen von meinem (unserem) Konto mittels Lastschrift ­einzuziehen. Zugleich weise ich mein (weisen wir) unser Kreditinstitut an, die vom IPPNW e.V. auf mein (unser) Konto gezogenen Lastschriften ein­ zulösen. Hinweis: Ich kann (wir können) innerhalb von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die ­Erstattung des belasteten Betrages ­verlangen. Es gelten dabei die mit ­meinem (unserem) Kreditinstitut ­vereinbarten Bedingungen.

Vorname und Name des/der KontoinhaberIn

E-Mail

Straße und Hausnummer Postleitzahl und Ort bei Kreditinstitut BIC IBAN Unterschrift

Gläubiger-Identifikationsnummer: DE16IPP00000010836 Mandatsreferenz: wird im Zuge der Bestätigung mitgeteilt

Vor dem ersten Einzug einer SEPA-Lastschrift wird mich (uns) der Verein IPPNW e.V. über den Einzug in dieser Verfahrensart unterrichten.

Amatom30  
Amatom30  

Magazin für Medizinstudierende Ausgabe für 2018

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