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POPULÄRKULTUR SATIRE KONTRAPRODUKTION NO. 1 / 2007 HYDRAZINE.AT P.b.b. Verlagspostamt Wien Mai 2007 Österreich: 9 Cent Deutschland: 99 Cent Schweiz: 999 Cent Benelux: Vergesst es!


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Impressivo Herausreicherin: MedienManufaktur Wien; Redaktionstyrann: Curt Cuisine; Autor/innen: Thomas Flicker (tomtom), Konrad Gregor (grog), Alice Gruber (alce), Marc-Andre Heim (mäx), Gregor Lauss (grrr), Bernhard Lang (dipl.ing. huber, frau beischl), Georg Moser (prof), Martin Strecha (moped), Christian Orou (l’orou); Fotos: wie gekenngezeichnet; Sorry bei ungenannten Fotografen bzw. Agenturen (wir haben die Fotos nur ausgeborgt und bringen sie gleich morgen wieder); Layout: Cuisine bzw. Seite 23: Dipl.-Ing. Huber; Redaktionsanschrift: Knöllgasse 9/41, 1100 Wien; Druckerei: Leodruck, Allemagne; Erscheinungsort: Wien, Verlagspostamt 1150, Wien. P.b.b. Kontakt: office@hydrazine.at Verkaufspreis: 9,- Cent www.hydrazine.at

Vermutlich haben Sie sich schon gefragt, was das für eine Zeitschrift sein soll. Wahrscheinlicher ist natürlich, dass Ihnen das egal ist, aber wir wollen vom Positiven ausgehen und annehmen, dass es sie doch interessiert ... Aber was rede ich denn da! Natürlich ist es Ihnen piepegal, Sie denken auch nur an Zaster und Karriere! Wir reißen uns den Arsch auf, damit Sie in diesem medialen Einheitssumpf ein wenig Abwechslung und Ironie genießen dürfen – und was ist der Dank?! Das Beste wäre, man würde diese ganze, marode neoliberale Sch ... Verzeihung, darf ich kurz übernehmen? Ich möchte mich in aller Form für unseren ehemaligen Chefredakteur Gernot entschuldigen. Gernot hat harte Wochen hinter sich. Tag und Nacht hat er der Hydra in den Rachen geworfen, während seine Ehefrau mit phönizischen Seefahrern ins Bett hüpfte und der Stadtsenat täglich zwei Strafzettel auf die Windschutzscheibe seiner Puch-500-Galeere klebte. Zu allem Überfluss hat Gernot zu tief ins Glas geschaut, weil es eben doch, da sollten wir ganz ehrlich sein, ein knochentrockener Job ist. Das gilt für uns alle. Nehmen wir zum Beispiel Ingenieur Huber. Um seine Artikel zu schreiben, erfand er kurzerhand die Zeitmaschine, reiste damit quer durch die Jahrhunderte, hätte kurz vor 1877 beinahe einen tödlichen Zusammenprall mit einem sturzbesoffenen August gehabt, der mit überhöhter Lichtgeschwindigkeit unterwegs war, nur um dann von den Eltern Franz Schuberts aus dem Haus gejagt zu werden. “Ihr schamlosen Typen von der Sensationspresse!” rief der alte Vater Schubert unserem Ingenieur nach. Sensationspresse! Das uns! Oder Martin Moped. Seit Jahr und Tag schon abonniert auf eine Vortragsreise durch die EU, um täglich zu früher Abendstunde rhetorische Perlen über

die Kultur des austropopulären Abendlandes zum Besten zu geben. Doch vor kurzem versagte ihm seine Zunge den Dienst, um sich auf ihren Gaumenteil zurückzuziehen und ihrem Herrn und Schlucker zu deuten: “Mit mir nicht mehr!” Darum gibt es die unverzichtbaren Erkenntnisse des Instituts für Zeitgenössische Kulturgeschichte endlich in schriftlicher Form. Oder, als letztes von vielen Beispielen, unsere bezaubernde Alice. Während unsereins jeden Abend lange vor Mitternacht die Pantoffeln in die Ecke wirft, um den Schlaf der Gerechten zu genießen, beginnt der Abend für Alice erst dann seine zartesten Knospen auszutreiben. Nacht für Nacht schlägt sich Alice dieselben um die Ohren, meist verfolgt von schmachtenden Schlagzeugern oder Alkoholvertriebsprofessionisten. Der bittere Auftrag jede Nacht: Amüsement um jeden Preis! Sie sehen also, der Hydra zu dienen ist alles andere als ein einfacher Job, es ist eine Lebensaufabe, die unbescholtenen Menschen alles abverlangt. Man sollte sich deswegen nicht wundern, wenn die Nerven der Redaktion blank liegen und jedes Anzeichen von Geringschätzung unkontrollierbare Reaktionen hervorruft. Verzeihen Sie also unserem ehemaligen Chefredakteur Gernot seine anfängliche Entgleisung und nehmen Sie unsere einzige Erklärung zur Beschaffenheit dieses periodischen Druckwerks zur Kenntnis. Dieses Magazin heißt Hydra, die MitarbeiterInnen nennen wir Hydranten, die dazu passende Website hört auf den Namen hydrazine.at. Danke! Curt Cuisine Redakteur, Entrepreneur, Bankrotteur

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Das ist übrigens Matthi. Warum? Ach, nur ein kleiner Tipp ...

EMO IST EIN SKANDAL! RICHTIG! ABER WAS ZUM TEUFEL IST EMO? EIN MEGATREND, DEN KEINER KENNT UND DEM NIEMAND FOLGEN WILL? HYDRA VERRÄT ES EUCH ... EXKLUSIV NATÜRLICH!


Ein Bundesrealgymnasium in Wien. Die Pausenglocke klingelt. Über den Schulhof läuft neben einem Dutzend pausbackiger Burschen und Mädchen auch Gisy. Aschefahl, Kayal unter den Augen, die hellbraunen, gelsatten Haare bedecken das halbe Gesicht. Eigentlich heißt sie Gisella, aber Gisy beschreibt ihre Identität einfach besser. Sie ist 16 Jahre alt und hat der Welt einiges mitzuteilen. “Ich finde mich gar nicht hübsch, bin oft verzweifelt und würde mir gerne zweimal am Tag die Pulsadern aufschneiden. Ich stehe auf Bands wie The End of Julia, Hey Mercedes oder Time spent driving – und meine Hello Kitty Umhängetasche würde ich auch niemals hergeben. Frauenrechte finde ich gut, Politik ...äh, keine Ahnung, aber nach meinem nächsten Selbstmordversuch möchte ich noch viele coole Erfahrungen sammeln.” Gisy ist Emo. So wie Bernie und Matthi, die eigentlich Soulmaster MC und Funkadelic heißen. Zumindest waren das die Namen, die ihnen ihre Eltern gegeben haben, aber “mit diesem Aggro-Schrott meiner Parentals will ich nichts mehr zu tun haben”, begründet Matthi seinen mutigen Schritt hin zu einem neuen Lebensgefühl. Seitdem es im HipHop nur noch um harte Schale, harte Sprüche und harte Erektionen geht, bleibt in dieser Jugendkultur wenig Platz für Gefühle. Und Gefühle sind genau das, wovon Matthi, Bernie und Gisy mehr haben wollen. Sie wollen wieder weinen und schwach sein dürfen – ohne diesen ganzen Genderdingsbumskram! Sie wollen ganz einfach Emo sein. Was aber ist Emo? Das scheint zunächst ganz einfach. Emo steht für Emotional, heißt also nichts anders als gefühlvoll. Punktgenau ins Deutsche

übersetzt müsste die erste deutsche Emo-Bewegung also eigentlich “Gef” heißen ... Geschichtlich betrachtet geht der Begriff Emo auf “Emotional Hardcore” zurück. Hardcore war eine aus dem Punk hervorgehende Musikrichtung, variantenreicher zwar, aber zumindest zwei wesentliche Paradigmen des Punkrock weiterhin beherzigend: Laut und wild auf der Bühne, aber bloß keine Gitarrenexzesse! Nachdem das noch eine Menge Möglichkeiten offenlässt, gab es Hardcore in verschiedensten Variationen, von Speedcore über Grindcore bis eben hin zum Emotional Hardcore. Hier waren die Songs melodiöser, die Texte persönlicher gehalten. Das war irgendwann Mitte der 80er Jahre. Bandnamen wie Hüsker Dü oder Fugazi werden hier oft genannt. (siehe Kasten links, nein rechts, nein, nächste Seite)

“Nach meinem nächsten Selbstmordversuch möchte ich noch viele coole Erfahrungen sammeln.”

In der Zwischenzeit ist viel Musik über den großen UKW-Empfänger des Lebens gelaufen. Grunge kam und ging. Britpop kam und ging. Trip Hop kam und ging. House kam und zog nach Berlin. HipHop kam in die Charts und blieb dank wackelnder Frauenhintern für immer dort. Eine ganze Menge hübscher Frauen kamen und gingen an mir vorbei, ohne mich nur eines Blickes zu würdigen. Der ganze DJ-Schnickschnack kam und blieb. Und Anfang dieses Jahrtausends kam die harte Gitarrenmusik zurück. Und mit der Härte kamen die Tränen ... Aber offenbar heulen nur die Fans. Denn spricht man Bands an, die als Emo gelten, gibt es das schnell große Meckern. So passiert unlängst dem deutschen Branchenblatt musikexpress bei einem Interview mit My Chemical Romance. “Wir waren am Anfang so

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GREGOR VERSUCHT SICH IN DER HOHEN KUNST DER TRAUER. SCHAUEN WIR IHM BEIM SCHEITERN ZU!

Gregor beginnt. Erster, hingerotzter Versuch. Melancholie, Verklärung und ... “Hoffentlich stimmt die Kohle!”

Zweiter Versuch. “Meine Güte, wie mich dieses Traurig-sein anwidert.” Nicht schlecht, Gregor, nicht schlecht!

Nicht-Emo, dass uns niemand auf Emo-Tourneen mitnehmen wollte”, heulte da Gerard Way, der Sänger der Band, den Interviewer an, um dann (nachdem er im Prinzip schon alles gestanden hatte) auf den Standardsatz aller harten Jungs zu pochen: “Wir sind eine fucking Rockband!”

offenbar eine Menge Erfahrung hat, aber wir können sie nirgends finden, bis uns Bernie aufklärt, dass Gisy in der Zwischenzeit auf die Toilette gegangen ist, um sich die Pulsadern aufzuschneiden. Wir suchen also jemand anderen, um diese Frage zu beantworten.

Wieder flossen im Interview die Tränen, der Journalist musste eine Pause machen, um das Mikrophon zum Trocknen aufzuhängen. Wenig später sollte dann der deutsche Experte Christian Hirr die schlimmen Worte sagen: “My Chemical Romance gehen damit hausieren, wie fertig und verzweifelt sie sind”. (Warum der Mann übrigens Experte ist? Na, er ist Deutscher!)

“Ist Emo ein ernstzunehmender Trend, oder geht es nur um die große Abzocke”, fragen wir Markus Scheibe, Vorstandsdirektor des zweieinhalbgrößten Musikvertriebs Österreichs. “Keinesfalls! Das sind aufrichtige Mädchen und Jungs, die überhaupt kein Interesse an Geld haben. Genauso wie wir! Also ehrlich, Abzocke! Sie machen mir Spaß, ich weiß gar nicht, wie man das schreibt.”

Ähnlich sehen das Gisy und Matthi. “Diese ganzen Bands, die Emo nur aus einer Attitüde heraus und des Geldes wegen machen, sind gar nicht Emo. Die sind auch überhaupt nicht authentisch. Wahrer Emo berührt mich ganz tief da drinnen. Dort, wo ich mich selbst nicht auskenne”, sagt Bernie. Und Gisy ergänzt. “Ich muss es spüren, wenn ich im Mediamarkt vor dem CD-Regal stehe. Da kommt total was rüber. Das hat nichts mit diesem Politikdingsbumskram zu tun. Das ist voll persönlich.” Und Bernie ergänzt. “Ich bin so traurig, ich könnte den ganzen Tag nur fernsehen.”

Aber irgendetwas muss doch dran sein an diesem Phänomen? Außerdem hat unlängst eine Umfrage deutscher Experten in deutschen Städten bei deutschen Jugendlichen (wer und wo sonst!) ergeben, dass Kids immer mehr als attraktive Zielgruppe entdeckt werden, weil das Taschengeld steigt und konsumkritische Einstellungen noch nicht so ausgeprägt sind. “Ich weiß von keiner derartigen Untersuchung”, so Markus Scheibe, und fügt hinzu: “Wenn so etwas untersucht wurde, dann sicher nicht von uns. Ich persönlich habe nie an so einer Untersuchung teilgenommen, maximal mein Mercedes SE, ohne mir allerdings davon zu erzählen. Und der Gedanke, dass mein Mercedes SE Dinge anstellt, ohne mir etwas davon

“Wieviel gibt’s du im Monat aus, um deine Emo-Credibility zu erhöhen?”, wollen wir Gisy fragen, die damit

Ja ... da baut sich was auf. Ganz hervorragend. “Matura verhaut! Moped im Ackergraben! Kein Kuss von Mami!”

zu sagen, macht mich ganz traurig. Jetzt sehen sie mal, ich bin schon ganz verheult. Ich hoffe, ihnen wird nun klar, dass Emo nicht einfach nur heiße Luft ist. Gefühle gibt es wirklich. Und es ist überhaupt nichts falsch daran, wenn man für Gefühle Geld ausgibt.” Und was sagen Matthi, Bernie und Gisella dazu? Hallo? Wo seid ihr denn? Ah, ich erfahre gerade von meinem Assistenten Gregor, dass alle drei wegen versuchtem Suizid ins AKH eingeliefert wurden. Gregor hat außerdem gehört, ein Vertreter der Musikindustrie sei bereits auf dem Weg ins Krankenhaus, um mit den Dreien Klartext zu reden. Denn so war das natürlich nicht geplant. “Ihr sollt ergriffen sein, aber nicht deprimiert, zornig, aber nicht rebellisch. Wer soll die ganzen CDs kaufen, wenn Ihr Euch wirklich umbringt?” In dieser Hinsicht können auch die Vertreter der Industrie richtig Emo sein und Gef zeigen. Aber ist das alles wirklich ein Trend? Wie bin ich überhaupt auf diese Idee gekommen? Ach, richtig! Gregor meinte, dass Emo gerade absolut angesagt ist. Und Gregor muss es wissen, denn er ist nicht nur unser Redaktionsassistent, er ist auch jung und ... in Gisella verknallt, wie ich gerade superexklusiv von Bernie erfahre, der sich trotz einbandagierter Unterarme auf den Schulhof zurückschleppt. Jetzt wird mir vieles klar! Ich habe mich schon gefragt, warum wir uns ausgerechnet hier herumtreiben ...


Uups. Eine Spur zuviel. Wenn die Trauer ins Skurile driftet. Männer sind da sehr anfällig. Alte Heulwampe!

Jetzt aber! Die Vollendung! “Mama hat mich nie! Papa war ein rollender Stein! Das hier könnt ihr nie bezahlen!”

Offenbar will es Gregor einfach nicht wahrhaben, dass Gisella nicht mehr auf Tomte, Kettcar oder Locas in Love steht. Und nicht mehr auf ihn natürlich. Darum brüllt er die ganze Zeit: “Fuck Matthi!” Gut so, Gregor, lass es raus! Sie liebt dich nicht mehr! Sieh es ein! Das sind Schmerzen, das sind Emotionen. Das ist, verdammt, das ist Emo. Jetzt hast du es geschnallt! Schau, da kommt auch schon Markus Scheibe und will dir ein paar CDs und eine Umhängetasche verkaufen. Nur weiter so! Am Ende borgt dir Gisella sogar noch ihre Rasierklinge. Dann wird es erst Emo! Curt Cuisine, hat Gregor einen Tag unbezahlten Urlaub gewährt, damit er sich ausweinen kann (da sehen Sie: so EMOtional geht es in unserer Redaktion zu!)

Ah, fertig! “Oh, verdammt, die hab’ ich jetzt verdient. Diese ganzen Tränen ... Oh, war das gut. Puuh.”

Wenn das Zeigen von Gefühlen bereits als Trend gilt und Kajal auf einem Männergesicht als Novum verscherbelt wird, darf man sich nicht wundern, wenn als offizielle Wurzeln von Emo Bands genannt werden, die damit soviel zu tun haben, wie eine Thunfischdose mit einer gut gestimmten Gitarre. (Diesen Vergleich haben wir geklaut, von niemand Geringerem als Georg Seeßlen. Ach, den kennen sie nicht? Egal, kann ja nicht jeder eine bildungsbürgerliche Stütze unserer Scheißhochkultur sein. Andererseits, wenn sie sich schon diesen klassischen Erläuterungskasten reinziehen, gehören sie ja wohl doch zu denen, die alles ganz genau wissen wollen?!) Wo waren wir? Ah, qui, die Ursprünge von Emo. Da finden sich tatsächlich Namen wie Hüsker Dü und Fugazi. Ja, okay, die sind nie mit einem Che Guevara Shirt auf der Bühne herumgehopst und waren nie zornig gegen eine Maschine. Und, genau, sie waren nie Teil einer Jugendbewegung (Danke für Seattle, Dirk!), aber Fugazi als Tränendrüsenmutterband zu bezeichnen, das ist wirklich arg. Um nicht zu sagen urarg. Wir sagen auch noch: “Bam!” Und erklären sonst gar nichts, wofür gibt es denn das Internetz?!

Und das ist natürlich Gisella (nach ihrer Heilung von Emo). Gregor, du Armer ...

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12. August 2006 Zufällig in einer Ramschkiste meines Lieblingsplattenladens entdeckt: Good News For People Who Love Bad News von Modest Mouse. Noch nie gehört. Der Verkäufer zuckt mit den Achseln. Ich höre rein, eine sperrige Sache, aber nicht uninteressant. Also mitgenommen. Warum nicht? Hätte ich damals gewusst ... 14. August 2006 Hin und wieder hineingehört in die Good News von Modest Mouse. Irgendetwas verbirgt sich in diesen leicht redundanten Rhythmen und den ebenso manischen wie depressiven Melodien. Aber ich komme trotzdem nicht weiter als bis zur CD-Hälfte. Etwas schwelt, ich weiß nicht was. Vielleicht liegt es am Wetter.

IST MUSIK GEFÄHRLICH? DEFINITIV! UND NICHT NUR FÜR ROCK ’N’ ROLLER, SONDERN EBENSO FÜR UNSCHULDIGE KONSUMENTEN.

HYDRA PRÄSENTIERT DAS ERSCHÜTTERNDE TAGEBUCH EINER ABHÄNGIGKEIT ... WELTEXKLUSIV, NATÜRLICH!

23. Oktober 2006 Weil ratlos vor dem Plattenregal stehend, nach langer Zeit wieder einmal zu Modest Mouse gegriffen. Was für ein Wiedererkennen! Plötzlich habe ich das Gefühl, diese Musik kommt tief aus meinem Inneren. Seltsam. Die CD am Abend gleich noch mal gehört. Und dann nochmal. 25. Oktober 2006 The good times are killing me. Genau. Die Good News mittlerweile so oft gehört, dass ich gar nicht mehr klar


Pics for Addicts: Aus dem Substitutionsprogramm von Pat Graham (patgraham.org)

denken kann. Ich bin restlos mit hochprozentigen Melodien abgefüllt. Und ich habe Hunger nach mehr! Also ab in den nächsten CD-Store mit mir, wo ich dann vor dem Regal die bange Wahl habe: The Lonesome Crowded West oder The Moon and Antarctica. Heute weiß ich: Es hätte keinen Unterschied gemacht. 30. Oktober 2006 Immer noch diese Gänsehaut, wenn Isaac Brock What's that riding on the everything singt. Zweiter Cut aus The Moon and Antartica. Aber egal welche Nummer auf welcher CD, alle Stücke saugen sich in mich hinein. Ich bin mir sicher, nicht ich höre diese Musik sondern umgekehrt. It’s like eating snowflakes with plastic forks. Mir wird klar, dass in dieser Musik ein Mysterium verborgen liegt. Oder noch Schlimmeres. I guess you guessed that i’d catch hell, but i just caught a cold. Auf jeden Fall komme ich nicht mehr los davon. Ohne Kopfhörer die Wohnung verlassen? Undenkbar. Ich kann doch nicht pudelnackt auf die Straße! 2. November 2006 Nicht zur Arbeit gegangen. Der Boss hat mir den Walkman verboten, nachdem ich auf seine nichtssagenden Anweisungen nicht mehr reagiert habe. Was bedeutet das schon: Den Stapel hierhin schlichten, den Stapel

dorthin schlichten. Alltagsunfug. I’ve seen so many ships sail in, just to head back out again and go off sinking. Isaac hat wie üblich die passenden Worte parat. Abgesehen davon wäre es sowieso unmöglich für mich, den Tag ohne Cities made of ashes zu überstehen. Riesenstreit auch mit Isabella. Wegen mangelnder Kommunikation und so. “Du stinkst schon wieder nach CD-Player”, schreit sie. Sie will einfach nicht verstehen, dass diese Musik wichtig ist. Dass sie mir etwas Wichtiges zu sagen hat. Zum Beispiel It's all nice on ice (all right). 7. November 2006 Job verloren. Keine Zeit dafür. Tagsüber durch die Plattenläden der Stadt. Nachts im Internet. Alle Daten gegoogelt, alle Veröffentlichungen recherchiert, alle Tourdaten notiert. Nur für den Fall, dass ich in die VS von A gehe. Dort, wo Menschen wie Isaac leben. Aber angeblich ist er nicht auszuhalten. Unwirsch, unfreundlich, verschlossen. Und singt: And it’s hard to be a human being. Nur seine besten Freunde ertragen ihn. Da würde ich gerade noch fehlen. Aber ich sollte es tun. Ich sollte alles hinter mir lassen. Was hält mich hier noch? 12. November 2006 I’m not the dark center of the universe like you thought. Ich glaube kein Wort.

Isaac ist in Wahrheit dieser dunkle Mittelpunkt des Universums und ich bin ein Asteroid auf einer Überdosis Mollakkorde. Das Oeuvre von Modest Mouse besitze ich mittlerweile komplett. Mehrmals auch der mahnende Appell: Wenn du jetzt alles via Internet kaufst, was bleibt dann noch? Aber dafür ist es ohnehin zu spät. Streit auch mit meinen besten Freunden. Habe mich zu dem Satz hinreißen lassen, dass diese Musik das Bedeutendste ist, was sich je auf dem dritten Planeten ereignet hat. Ich weiß, es war übertrieben. Die Beatles und die Atombombe waren auch wichtig. 24. November 2006 Hässliche Szene mit Isabella. Sie hat herausgefunden, dass ich sie die ganze Zeit über angelogen habe. Es hat nicht gereicht, dass ich die ganzen Posters abgehängt, die Sweatshirts und Badges wieder weggeräumt habe. Sie verlangt von mir auch, dass ich die CDs wegwerfe. Ich hätte ernsthafte Probleme, sagt sie. Sie hat keine Ahnung. Ein Problem hätte ich ohne diese Musik. Lasst sie mich einfach hören, verdammt! Dramamine klingt, als wäre Isaac wenige Sekunden vorher aus einem Raumschiff ausgestiegen, nun völlig

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mich ans Bett zu schnallen. Einer von ihnen pfeift schelmisch Sympathiy for the devil. Ich berufe mich auf die Genfer Konvention. Und werde hämisch ausgelacht. Diese Heimtücke! 4. Jänner 2007 Die Therapie beginnt langsam zu wirken. Die erste Nummer, auf die ich positiv reagiert habe, war For the benefit of mr. kite von den Beatles. Wenn gleichzeitig Deathmetal und Freejazz im Hintergrund düdeln. “Das ist ein Anfang”, sagt Gabi und summt mir I’m sailing ins Ohr. Ich werde Sie beim Obersten Gerichtshof in Den Haag dafür verklagen.

verwundert darüber singend, was denn das überhaupt für ein Planet ist. Ich verstehe ihn so gut. Ach ja, Isabella will mich verlassen. Samt der Kinder. Ich werde mich gleich morgen damit auseinandersetzen. Aber vorerst gibt es da noch diese eine Single, die ich unbedingt haben muss. Life of arctic sounds. Wenn ich die habe, dann wird alles gut sein, wird alles wieder in Ordnung kommen. 9. Dezember 2006 Heute vor verschlossener Wohnung. Habe ganz vergessen, dass schon wieder ein neuer Monat begonnen hat. Mittlerweile habe ich herausgefunden, warum Modest Mouse eine so hypnotische Wirkung auf mich hat. Es sind diese signifikanten Harmonien. Ein Optimist würde das Stil nennen, ein Pessimist vermutlich ätzen, dass es immer dasselbe ist. Nur anders arrangiert, anders betont, mal härter, mal sentimentaler gespielt. Manchmal beides gleichzeitig. In Head South brüllt Isaac die Melodie, während Nicole Johnson dieselben Noten zur gleichen Zeit engelsgleich dahinhaucht. Alle Musik der Welt fällt hier ineinander und wird zu einer einzigen Nummer. I came as ice. I came as a whore. I came as advice that came too short. Perfekt. Nur eine einzige Nummer, die ich seit fast drei Monaten Tag und Nacht höre. Ein Mantra, das mich völlig gefangen nimmt, eine

mentale Sperre auslösend. Everyone's afraid of their own life. Und ununterbrochen ist mir, als müsste ich heulen. Grundlos. Das wird doch keine Emodemie sein? 27. Dezember 2006 Der Weihnachtsabend war fürchterlich. Nach dem zweiten Weihnachtslied bin ich ausgezuckt, habe mich in meinem Zimmer eingesperrt und CDs gehört. Bis ich bewusstlos weggesackt bin. Ich will nichts mehr wissen von der Welt da draußen. Heute hat mir Isabella das Messer angesetzt. Wenn ich die Kinder je wieder sehen will, dann... Außerdem sei Isaac Brock ein Misanthrop. Das muss sie aus dem Internet aufgeschnappt haben. Diese Heimtücke! Wahre Künstler sind eben etwas komplizierter. Well there’s one thing to know about this globe, it’s bound and it’s willing to explode (and that’s alright). Das sagt er ja nur so. Als Isabella eine meiner CDs demonstrativ in zwei Stücke bricht, erleide ich einen Nervenzusammenbruch. 29. Dezember 2006 In der Entzugsklinik. Jetzt kümmert sich Gabi um mich. Sie ist staatlich geprüfte Musiktherapeutin. Täglich erklärt sie mir, dass es noch andere Musik gibt. Die Stones. Die Beatles. Rod Stewart. Robbie Williams. Britney Spears. “Dreck!”, schreie ich, völlig außer mir. Und die Pfleger kommen wieder, um

13. Februar 2007 Gestern wollte ich ein Kind von Britney Spears, ein Kind der Liebe und der Musik. “Bravo”, sagte Gabi, und Dr. Müller, der Klinikvorstand, meint, ich könnte nun bald nach Hause. Allerdings müsste ich noch eine Zeit lang unter Beobachtung stehen. Gabi ist stolz auf mich. Und auf sich selbst. Letztlich war es ihre Abba-Therapie, die den Durchbruch gebracht hatte. Ich gestehe, dass es wirklich geholfen hat. Die ersten Wochen musste ich zwar jeden Tag kotzen, aber heute stehe ich auf Glitzerhemden und greife nach dem Duschen zum Fön. Lebensängste und verschrobene Gedanken sind mir völlig fremd geworden. Das Schönste im Leben sind Liebeslieder und ganz viel Geld. Zwischendurch bewundere ich sogar Reinhard Fendrich.

“Letztlich war es die Abba-Therapie die den Durchbruch brachte.” 23. Februar 2007 Als geheilt entlassen. Isabella und Gabi sind gute Freundinnen geworden. Sie sitzen viel zuhause und reden miteinander, nebenbei die Kinder erziehend. Ich darf den Fernseher ein- und ausschalten. Ich fahre jetzt öfters raus aufs Land zu den Großeltern. Dort sitze ich in der Abenddämmerung am Fenster und starre hinaus in den Wald. Ich glaube, ich sollte mich allmählich um meine Pensionsvorsorge kümmern. Der tonlose Gedanke an ein Sparbuch erfüllt mich mit innerem Frieden. Ich werde nie wieder dissonante Musik hören. 3. April 2007 Am Dach des Twin Towers. Gestern habe ich im Internet gelesen, dass We were dead before the ship even sank


Ende März erschienen ist. Erst habe ich die Meldung nur überflogen, es schien gar keine Wirkung auf mich zu haben. Aber um drei Uhr nachts bin ich blitzwach in meinem Bett gelegen. Und jetzt stehe ich hier und blicke hinab in die Tiefe, während mir der Wind um die Ohren pfeift. Ich muss mich selbst belächeln dafür, dass ich auch nur eine Sekunde an Heilung dachte. My brain’s the burger and my hearts the coal. I’m trying to get my head clear, i push things out through my mouth, but get refilled through my ears... Es gibt einen einzigen Gedanken, der mir noch vernünftig erscheint. Soll ich gleich springen, ohne von We were dead und damit erneut von Modest Mouse abhängig zu werden? Oder soll ich mich noch einmal dieser Agonie des Musikhörens hingeben? Auf alles pfeifen, der Verwahrlosung in einem Rinnstein am Rande der Stadt preisgegeben, völlig desinteressiert an der Welt, solange noch Batterien im Walkman sind? Aber was ist danach? Was ist, wenn ich diese allerletzte Modest Mouse CD gehört habe? Wenn Isaac Brock vielleicht auch gar keine neue Musik mehr macht? Dann ist endgültig Schluß! Keine müde Note mehr! Dann doch wieder zu Abba zurück? Der Gedanke an Föngeräusche beruhigt mich für einige Sekunden. Immer wieder versuche ich mir diesen simplen Gedanken ins Gedächtnis zu rufen. Dass es auch noch andere Musik gibt. Dass es auch noch andere Musik gibt. Aber der Gedanke bleibt abstrakt. Ungreifbar. So wie die endlose Tiefe, die unter mir klafft. Aber Moment, höre ich nicht etwas? Da! Weiter unten pfeift der Wind ein paar Töne in Moll. Klingt wie die Obertöne eines verschrobenen Gitarrenriffes. Ich muss ein paar Schritte nach vorne gehen, um besser zu hören. Nur ein paar Schritte. Sekunde, ich bin gleich zurück. Konrad Gregor, war bis zum 28. März Mitglied in unserem Redaktionsteam. Den Text haben wir exklusiv aus seiner blutverschmierten Jacke am Fuße der Twin Towers gezogen.

This is a long drive for someone with nothing to think about Die CD, bei der Isaac aus dem Raumschiff stieg. Nur mittelschwere Abhängigkeit erzeugend, weil anfangs sehr sperrig. Zum Glück auch im Fachhandel nur schwer erhältlich. The lonesome crowded west Hier wird es gefährlich: Bei der ersten Verabreichung ebenfalls spröde, aber mit zunehmenden Konsum umso suchterzeugender. Ein wahres Wort dazu von Tim McMahan: “The first spin leaves you feeling dissonant, confused [...] After spending a few hours with the CD, you begin hearing where the band is headed. After a week, you’re there with them.” Himmel, Kinder, lasst die Finger davon! The moon and antarctica Das psychedelische Cover sagt schon alles. Es ist die Killerdroge schlechthin. Nicht beim ersten, nicht beim zweiten Mal, aber wer einen dritten Anlauf schafft, kommt so schnell nicht mehr von diesem Gift weg. Auch als extended version erhältlich. (Diese Hunde!) Good news for people who love bad news Gefährlich vor allem als Einsteigerdroge. Glauben Sie bloß nicht, sie wären dagegen gefeit, nur weil sie die CD nach den ersten fünf Nummern weglegen. Es wird Sie Wochen später vielleicht umso schlimmer erwischen.

We were dead before the ship even sank Gefährlich, weil brandneu auf dem Markt. Wie stets ist es entsetzlich mitanzusehen, wenn sich nichts ahnende Jugendliche in dunklen, verschlagenen CD-Verkaufshöhlen an schmutzige, kleine CDPlayer drücken, um ein wenig an den verbotenen Früchten zu lauschen. Und um dann mit solchen CDs ahnungslos in die Abhängigkeit gelockt zu werden! Daneben existieren weniger reguläre Drogen, etwa eine Live-CD namens Baron Von Bullshit Rides Again. (Kein Scherz!) Der Streit verschiedener Labels um die rauscherzeugenden Produkte brachte zudem einige Nebenprodukte hervor. Z.B. mit Building Nothing Out Of Something (1999), eine Compilation mehrerer Singles. (Allesamt nicht auf den Longplayern vertreten.) Sad Sappy Sucker (1994) steht für das Frühwerk, The Fruit That Ate Itself (1996) und Everywhere And His Nasty Parlour Tricks (2001) sind mehr oder weniger eigenständige EPs. Das ist also der Stoff für die ganz hoffnungslosen Fälle. Allen anderen sei gesagt: Hände weg von diesem Zeug, wenn ihr euer Leben nicht ruinieren wollt! (grog)

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DIE HEIMISCHE RAMPENSAU IST DURCHAUS KEINE VOM AUSSTERBEN BEDROHTE TIERART. ALLERDINGS LASSEN QUALITÄT, ANMUT UND ORIGINALITÄT VIELER EXEMPLARE WOHL ZU WÜNSCHEN ÜBRIG. BEGRÜSSEN SIE MIT UNS EINEN DER RAREN ZWÖLFENDER DIESER ZUNFT. RAMPE FREI FÜR HERRN HERMES. Hydra: Herr Hermes! Sie sind beliebter FM4-Moderator und stellen sich künftig mit Ihrer Sendung Chez Hermes monatlich dem gemeinen Volk im Stammlokal. Warum? Herr Hermes: Ich hoffe, dass nicht nur gemeine Leute in meine Shows kommen! Die diesjährige Tour ist die Fortsetzung der Live-Sendungen der letzten Jahre. Diese fanden allesamt in Wien statt. Um auch einmal den Chez Hermes-Fans in den Bundesländern zu danken, reise ich ihnen entgegen und durchs Land. Von Bayern bis Graz und schräg zurück verläuft die Tour-Linie. Mit im Gepäck ist viel Freneterei, interessante Bühnengäste und FM4Musik. H: Herr Hermes, auf welcher Ihrer Tourstationen werden Sie auf die größte Fangemeinde stoßen? (Und warum bitte ausgerechnet dort?) HH: Das lässt sich schwer beantworten, da die Veranstaltungsorte, die mein Management gebucht hat, sooo klein sind, dass, egal wie viel Publikum kommt, auf jeden Fall Gäste wegen Platzmangels abgewiesen werden müssen. Mit mir und dem Techniker ist die Hütte praktisch immer schon voll. Ich erwarte also durchwegs ausverkaufte Hallen.

Foto: Stefan Csaky

H: Herr Hermes, Ihre Tour heißt live & hardcore. Was ist denn da so hardcore? HH: Die Show beginnt mit einem Tierversuch und ich ziehe mich aus. Darob ist übrigens auch fotografieren und filmen nicht gestattet, sonst sind die Besucher/innen der nächsten Termine der naturnahen und geilen Spannung via youtube beraubt. Zeichnungen wie in Gerichtssälen sind natürlich gestattet und erwünscht.


H: Herr Hermes, sind Sie auch der Meinung, dass Menschen mit großem Hang sich zu produzieren, zu wenig Liebe in der Kindheit erfahren haben? HH: Liebe ist doch nur eine Erfindung von Medien wie dem Ihrigen! H: Herr Hermes, Sie sind leidenschaftlicher Bowlingkunst-Amateur und sogar Obmann eines drittklassigen Bowlingvereins. Ist die schwere Kugel ein willkommener Ausgleich zur leichten Muse eines Jugendsenders? HH: Dieser Sport ist mein Zen. Ich finde Ausgleich, Ruhe und Befriedigung in den harmonischen Bewegungen und karierten Bowlinghosen. Um Bob Dylan mit der späteren Lebowski-Hymne zu zitieren… ein Sport to get through to the man in me. (Im Übrigen bin ich kein BowlingkunstAmateur, sondern Profi-Bowler.)

“Liebe ist doch nur eine Erfindung von Medien wie dem Ihrigen!” H: Herr Hermes, apropos! Sie sind ja nun auch nicht mehr der Jüngste: Wie halten Sie sich für Ihren Job bei einem Jugendsender eigentlich so fit? HH: Ähm ... Ich bin 32 und damit der Jüngste unter den Altmännerstimmen bei FM4! Mein guter Freund und Kollege Fritz Ostermayer weigert sich mit seinen 86 Jahren immer noch, in Pension zu gehen, und hat bereits fünf Mal einen golden Handshake von der ehemaligen Chefin ausgeschlagen, also kommen Sie MIR nicht so untergriffig! Ich genieße die Blüte meines

Lebens und erhalte ihre Fitness durch die drei absolut nicht verwandten Ballsportarten Squash, Bowling und Sex. H: Herr Hermes, Sie sind ElmayerAbsolvent. Wie halten Sie es im Ernstfall mit Publikum, das sich der Rollenverteilung Bühne-Publikum nicht beugen möchte? HH: Als letzten Nothammer habe ich allerdings immer einen angeschlossenen Gartenschlauch unter meinem Tisch liegen. Sie kennen das ja vielleicht, zornige Kinder in ihren narrischen 5 Minuten sind am einfachsten mit einer kalten Dusche wieder zu beruhigen … H: Herr Hermes, können Sie uns bitte kokettfrei sagen, wie sehr Sie es genießen, wenn Sie auf der Straße erkannt werden? Werden Sie auf der Straße erkannt, und wenn ja, auch von Fremden? HH: Nachdem ich meinen Briefträger durchaus als Fremden empfinde und dieser mich in meiner Strasse hin und wieder auch erkennt, kann ich Ihre Frage durchaus mit einem stolzen “Ja, ich werde erkannt!” beantworten. Meine Bäckchen erröten, wenn dies geschieht und meine Hand zuckt reflexartig zum Stift in der Smokingsakkoinnentasche. Bis dato war mein Briefträger allerdings weder an Autogrammen, noch Fotobildern von meiner Person interessiert. H: Herr Hermes, wir bedauern, dass niemand Ihnen eingeschriebene Briefe sendet, aber dürfen wir Ihnen für die Leserinnen und Leser der Hydra einige Freikarten abschwatzen? HH: Zu verschenken habe ich gar nichts. Aber für Hydra-Leser/innen

gibt’s zwei Gästelistenplätze für das Theater am Spittelberg. H: Herr Hermes, dürfen wir uns bitte für dieses angenehme Gespräch sehr herzlich bedanken, Ihnen alles Gute wünschen, Sie weiterhin super finden und Ihnen als kleines Dankeschön einen Fisch schenken? HH: Danke, gerne! Lebend, gebraten oder Silber-? H: Lassen Sie sich bitte überraschen! Das Gespräch an die Grenzen des Erträglichen führte Martin Moped Chez Hermes immer dienstags Mitternacht auf FM4. Sowie im FM4 Doppelzimmer Sonntag 13-15 Uhr. www.herrhermes.com

GEWINN DIR WAS! Sie können erstens zwei Gästekarten für “Chez Hermes” am 14.6. im “Theater am Spittelberg” gewinnen. Ein Mail an office@hydrazine.at genügt, schon sind sie dabei. Oder sie wollen das neue Album "sans détours" von Plexus Solaire gewinnen (wird hurtig mit dem Postfuchs zugesandt). Dann gilt es folgende knifflige Frage zu beantworten. Sie sehen hier zwei typische Österreicher.

Und nun zwei typische Franzosen. Bloß: Welche davon sind es?

Die einzig richtige Antwort, am besten mit Vor, Zu- und Abnahme, wiederum an die unten, nein oben genannte Adresse. Schon gewonnen!


Werbung

Unbezahlte Anzeige. Wirklich. Die macht das umsonst. Ist eigentlich sogar Schwarzarbeit. (Klingeling. Ja, spricht dort die Polizei? Ich will da was melden ...)

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Prada & Meinhof 1 Dummer Seemannshut in Marine und Sand. 2 Gettysburgjacke mit Jaucheflecken und Abzeichen. 3 Hochgestecktes Hosenetwas, Jeans und Chiffon. 4 Baumwollsocken mit eingenähter Lammkeule. 5 Acht-Loch-Doc-Martinis.

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Bande

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Die Situation ist längst untragbar geworden! Die Behörden haben versagt! Und die Politik erst recht! Unschuldige Menschen kommen zum Handkuss, müssen unter dem repressiven Selbstverständnis einer engstirnigen und bürokratieverseuchten Politik leiden! Die ministeriellen Erklärungen erzeugen weitaus mehr Argumentationsnotstand, als sie zu erklären vermögen! Und sind ohnehin kinderleicht zu durchschauende Ablenkungsversuche vom Wahren und Eigentlichen! Aber dieser Sand ging vielleicht in die Augen der Massen, die kritischen Intellektuellen dieses Landes lassen sich dadurch nicht so leicht täuschen! Ich verrate nicht zuviel, wenn ich den geschätzten Lesern und Innen verrate, sofern es ihnen nicht längst wie Schuppen von den Augen gefallen ist, dass ich einer der kritischen Intellektuellen dieses Landes bin, wenn nicht gar DER kritische Intellektuelle dieses Landes. Weiter unten finden Sie Hinweise auf mein aktuelles Buch, das wie üblich substantiell und verwegen zugleich ist, sprachlich ausgefeilt und den dringlichen Problemen unserer Zeit wie eine Raubkatze im Nacken sitzend. Aber lassen wir das bescheidene Selbstlob vorerst zur Seite (mich versteht außer mir ohnehin kaum jemand) und widmen wir uns wieder dem eigentlichen Thema, der derzeitigen Krise der Politik. Denn diese Regierung ist unfähig, die Politiker lügen uns die Hucke voll, und hinter den Kabinettstüren wächst und gedeiht eine neue Form des Proporzes und der Misswirtschaft, für die ich auch konkrete Zahlen nennen könnte, wenn ich nicht zu faul wäre, das zu recherchieren.

Habe ich schon expliziert, von welcher Krise überhaupt die Rede ist? Jetzt ist es mir glatt entfallen. Nicht so wichtig. Erstens stimmt es immer, was ich sage, egal zu welchen Thema, zweitens würde die Welt ohne meine eloquent formulierte Meinung ohnehin nicht überleben, und drittens sind es nur noch wenige Zeilen, bis ich meine Kolumne vollendet habe und mein Honorar einstreichen kann.

“Dieser Sand ging vielleicht in die Augen der Massen, aber ein kritischer Intellektueller lässt sich nicht so leicht täuschen!”

Natürlich ist dieses Honorar angesichts der Genialität meiner Ergüsse viel zu mickrig, aber den Intellektuellen geht es hier wie den Künstlern. Stets unterbezahlt, stets geringgeschätzt. Es stimmt schon, was Christian Ludwig Attersee sagt: “Der Beruf des Künstlers ist der härteste der Welt!” Und der Beruf der Intellektuellen ist der allerhärtestere. Wenn Sie sich diese Botschaft von meinem bescheidenen Appercu merken, dann haben Sie auf jeden Fall das Wichigste davon verstanden. Ruppert Misslich (41) lebt und arbeitet als Autor und Entrepreneur in Wien Letzte Buchveröffentlichungen: "Kontrovers aus Passion", Edition Surhschlamp; "Popkultur unter der Lupe. Was dahinter steckt. Hinter allem, meine ich.",Verlag Der Verlag Besuchen Sie mich auf meinem Blog www..ich-habe-stets-recht.at

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Ästhetischer Versuch über Schubert, Suppen & Schnurrhaare.

Nicht nur die Musikwissenschaft, auch ambitionierte Laien haben in den letzten Jahrzehnten einen stark steigenden Trend, hin zur “Elektrischen Musik” wahrgenommen. Nun ist das Elektrische an sich nicht verwerflich. So manch beachtenswerter junger Künstler hat sich des Elektrons bedient und bemerkenswertes geschaffen. Betrachten wir Karlheinz Stockhausens imposantes wie amüsantes Werk, stellen wir fest, es ist fast gänzlich elektrisch. Sollten wir trotzdem Anlass zur Sorge haben? Ich befürchte: Ja! Es ist der ausufernde Eklektizismus, zu welchem die Elektrik geradezu verführt. Eine erkleckliche Anzahl junger Menschen glaubt, bloßes “Knopferldrücken” am elektrischen Gerät sei schon Kunst und läuft rasch Gefahr, in einer “Eklektischen Sackgasse” zu landen.

Der “Bontempi Effekt”. “Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nur schwer und der alte Hansl nimmermehr!” Gemeint sind jene musikalischen Grundlagen, welche dem jungen Talent ein Fundament geben sollen – eine Plattform sozusagen – oder, wenn man so will: eine Basis. Das wahllose Drücken der Rhythmustaste, zeugt jedoch nicht von Schaffenskraft, sondern vom Rückzug aufs Gefällige, Beliebige. Wie können wir die Jugend weg von der “Convenience-Konservenkultur”, und hin zu freiem, selbstständigen Schaffen bewegen? Indem wir sie lehren: Die ganze Welt ist ein Instrument! Das Straßenpflaster, auf welchem der Schuh “klackklack” seinen Rhythmus trommelt. Eine raschelnde Buchseite. Ein Kamm und etwas Butterpapier... Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Kreativität wagen! Es lässt sich buchstäblich alles bespielen. Nehmen wir eine schlichte... Suppe. Um welche Suppe es sich im Detail handelt, ist unerheblich und “Geschmacksache”. Des jungen Schubert erstes Instrument war – Sie haben es wahrscheinlich schon erraten – die Suppe. Der etwa fünfjährige Franzl forderte einmal: “Vater, ich brauche ein Pianoforte.” Der


Übrigens nur bei uns ... mit, ähem, intergalaktischer Exklusivität!

strenge Vater fasste den Sohnemann scharf ins Auge und entgegnete: “Franzl, du lernst -mir erst die Suppe spielen!” Franzl wird Anfangs wohl an einen Scherz des Vaters gedacht haben, wurde aber durch den gestrengen, auffordernden Gestus seines Vormunds rasch eines Besseren belehrt. Schon hörte man Mutter eifrig in der Küche Suppe kochen. Der junge Schubert ward kurzerhand auf sein Zimmer verwiesen, mit nichts als einem Topf Suppe und Czernis Etüdensammlung. Wir sehen schon, der Weg zur Meisterschaft ist nicht immer leicht, aber man wächst mit den Aufgaben. Franzl versuchte also dies und jenes, er beschäftigte sich eingehend mit der Backerbse und dem Schöberl, er versuchte die Nudel zu zupfen, aber kein passabler Ton kam heraus. Schubert: “Wie in Herrgottsnamen soll ich nur die Suppe spielen?”

Übung macht den Meister. Tage vergingen. Ab und an rief es hinter verschlossener Tür hervor: “Mutter, mehr Suppe!” Nach Wochen heftigen Übens war Franzl noch immer auf keinen grünen Zweig gekommen. Als er endlich die Tür seiner Kammer öffnete, um Vaters Rat einzuholen, sah er ungesund und übernächtigt aus, was am vielen Üben lag, aber auch an einseitiger Kost (Suppe). “Vater, beharrte Franzl. Ich habe alles probiert und nun weiß ich genau: Ich kann die Suppe nicht spielen!” Vater meinte nur: “Grünschnabel, hast du denn immer noch nicht begriffen? Du musst eins werden mit der Suppe!” Endlich ging Franz ein Licht auf. Er steckte einen großen Löffel Suppe in den Mund, warf den Kopf nach hinten... und gurgelte!

Die Früchte der Arbeit ernten. Dies waren die schönsten Momente in Schu-

berts Jugend: Wenn die ganze Familie am Mittagstische saß und Vater plötzlich rief: “Chopin! Revolutionsetüde!”, oder “Paganini! Pizzicato!” Schon gurgelte Schubert drauflos. Mutter und Geschwister stimmten ein und auch Vater - ein bekannter Knödeltenor - ließ seine Stimme ertönen. Eine schöne Anekdote, wie ich meine.

Suppe für alle. Das lange vergessene “Suppegurgeln” kommt im Kreise des Bildungsbürgertums Gott sei Dank wieder zu Ehren. Diverse Stiftungen bemühen sich löblicherweise, diese Kunstform auch „breiteren” Schichten zugänglich zu machen. Vor allem jene seien aber gewarnt: Immer erst mit kleinen Suppeneinlagen beginnen! Der Leberknödel ist und bleibt die Einlage der Fortgeschrittenen!” Freilich, wer keine Suppe mag, kann frohen Herzens auf den reichhaltigen Fundus seiner Umwelt zurückgreifen, er wird gewiss fündig werden. Man kann nicht oft genug wiederholen: Alles lässt sich bespielen. Ein Stück Butter und zwei Oliven. Ein Tannenzapfen. Ein Eichhörnchen oder der Hauskater. Wer den Kater spielt, schlägt sogar 2 Fliegen mit einer Klappe. Zum einen macht er wunderschöne Hausmusik – ist das etwa nichts?

Musik und Pädagogik. Zum anderen ist die Bespielung des Katers für ebenjenen von hohem pädagogischen Wert (davon später). Wie bespielt man einen Kater? Ich möchte Ihre Kreativität keinesfalls beeinflussen, folgende Methode hat sich jedoch bewährt: Fixieren sie ihren Kater (vorsichtig!) mit doppelseitiger Klebefolie bäuchlinks auf dem Parkettboden. Dann bitten sie ein Familienmitglied oder einen guten Freund, dessen Schnurrhaare etwas anzuspannen (nicht zu fest!). Nun können Sie mit dem Violinbogen (sanft!) über

die Schnurrhaare streichen. Sie werden hören, wie der Kater, den gestrichenen Schnurrhaaren entsprechend, verschiedene Töne erzeugt. Übung macht auch hier den Meister. Übrigens, Katers Schnurrhaare lassen sich auch hervorragend zupfen!

Der Kunst Opfer bringen! Vielleicht wird ihnen aus dem Kreise selbsternannter “Katzenfreunde” Kritik entgegenschlagen. Man wird sie zu belehren versuchen: „Diese Art Musik sei zwar recht interessant. Andererseits könne niemand zweifelsfrei belegen, ob denn dem Kater das Musizieren genausoviel Freude bereite wie uns Menschen”. Obwohl jene “Katzenfreunde” objektive Argumente selten an sich heranlassen, sei hier klar festgestellt: Der Kater kann doch bitte auch einmal zur musikalischen Familienerbauung beitragen! Mutter steht den lieben langen Tag in der Küche – und kocht! Vater kommt erst spät abends von der schweren Arbeit! Die Kinder lernen fleißig! Und der Kater? Er liegt den ganzen Tag auf dem Sofa - und schnurrt! Die regelmäßige Bespielung des Katers zeigt jenem, dass auch er eine nützliche Aufgabe im Haushalt hat. Man gibt ihm derart zu verstehen: “Du wirst gebraucht!” In einer Gesellschaft, die uns allen immer mehr abverlangt, sollte dieser bescheidene Beitrag nicht zu viel verlangt sein.

Dipl. Ing. Huber ist Musikpädagoge und hat zahlreiche Beiträge zum Thema publiziert. Huber – Lebensgefährte von Frank Schirrmacher (FAZ) – tat sich zuletzt durch seine umstrittene Polemik “Die Frau und der Herd” hervor. Er lebt und arbeitet in Buxtehude.

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EINE IZKVORLESUNG VON MARTIN MOPED ÜBER DIE INTERNATIONALE ÖSTERREICHISCHE ROLLE IN SACHEN FUSSBALL UND POPMUSIK. BASIEREND AUF

HISTORISCHEN BZW. MIT HORST HRUBESCH PAROLI LAUFENDEN FAKTEN.*

*Ursprünglich auf Einladung der Bundesrepublik Deutschland im Haus der Berliner Festspiele abgehalten.


Die Zeitgenössische Kulturgeschichte ist eine Geschichte der Irrtümer. Das IZK tritt an, diese Irrtümer ins rechte historische Licht zu rücken, ihnen den gebührenden Platz in den Annalen der Populärkultur einzuräumen und sie zu verifizieren. Österreich hat mit dem Staatsvertrag 1955 unter dem Eindruck des angeblichen Wunders von Bern (1954) die Neutralität angenommen. Damit bekannte sich das Land nicht nur zu lebenslangem Schifahren, sondern vor allem zur Existenz als Staat mit immerwährendem Beobachterstatus in den außenpolitischen Disziplinen Fußball und Pop-Musik. Österreich und seinen StaatsbürgerInnen war es zu Gunsten seiner objektiven Schiedsrichterrolle fortan verboten, sich an internationalen Fußballturnieren und/oder Charts zu beteiligen. Lediglich der UN-Sicherheitsrat ist befugt, Österreich zu Teilnahmen zu entsenden, wenn dies höhere Prinzipien wie die Schaffung des Weltfriedens (Cordoba 1978) oder die Wahrung der Abendländischen Kultur (DJ Ötzi) erfordern. Solche UN-Resolutionen zu verabschieden, war innerhalb der letzten 44 Jahre nur vier Mal nötig: 1978: Cordoba, um den Geist von Malente zu vertreiben. 1982: Gijon, um den Geist von Cordoba zu vertreiben (Langzeit-Stufen-Therapie) 1990: Damit die DDR nicht mitfahren musste. 1998: Da hat man sich einfach geirrt. (Beckenbauer sagte damals: “Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser”, aber das hat auch niemand verstanden.) In Europameisterschaften musste Österreich Gott sei Dank nie eingreifen – knapp war es nur 1992, als Jugoslawien auszuschließen war, aber da hat man sich mit Dänemark geeinigt: “Bitte fahrt Ihr hin und werdet Europameister, wir bleiben noch ein bisserl beim McDonald's.” Wir Österreicherinnen und Österreicher können uns aber vorstellen, wie sich diese eiserne Staatsraison auf die Psyche eines Landes auswirkt, wo es doch in den Fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch hieß: “Die Brasilianer sind die Österreicher Südamerikas!” Nicht einmal die eherne Achse BrandtPalme-Kreisky konnte verhindern, dass

Österreichs Mütter Knipser vom Schlage eines Krankl, eines Pacult oder eines Polster gebaren, die durch ihre Unachtsamkeit beinahe die Nachkriegsordnung nachhaltig ins Wanken gebracht hätten. Diese aber sind nur die Gipfel des Eisbergs österreichischen Ballestertalents! In Wahrheit strotzt die Alpenrepublik vor jungen, hungrigen Ronaldinhos, Beckhams, Torres' – allein: Sie dürfen nicht! Der Kreativität der österreichischen Politik ist es zu verdanken, dass durch geschickte Selektion die jungen Talente gesichtet – und sofort aus dem Verkehr gezogen werden. Schließlich gilt es, Österreichs Neutralität zu verteidigen! Aus den talentiertesten der tickenden Zeitbomben werden dann Automechaniker, Schnitzelköche, Kammerjäger mit vollkommen überzogenem Gehalt eines Spitzenfußballers.

In Wahrheit strotzt die kleine Alpenrepublik vor jungen, hungrigen Ronaldinhos, Beckhams, Torres' – allein: Sie dürfen nicht! Wenn Sie also das nächste Mal in Wien einem Fiakerfahrer begegnen: Kein Trinkgeld geben! – der kriegt vom österr. Bundeskanzler so viel wie ein italienischer Ligaschiedsrichter von Berlusconi. Oder glauben Sie ernsthaft, Gerry Friedle wurde wegen seines Gesangstalents zu DJ Ötzi umgeschult? Überhaupt wurden die meisten österreichischen Fußballtalente in beinharten Umerziehungsstätten und sonders ohne Wissen zu Austropopperinnen und Autropoppern gemacht, weil da die horende Gehaltsfortzahlung am angemessensten erschien. Auch Starmania ist so eine Schmiede. Oder wo glauben Sie, kommt der Name Christl Stürmer her? Solch brachiale Methoden führen allerdings nicht selten zu schweren Traumata, die landläufig “Morbus Austropop” genannt werden. Männer sind vom Austropop häufiger betroffen als Frauen. Der Austropop kann Auslöser für eine schwere Depression sein, wenn der Betroffene realisiert, seine eigentlichen Ziele nicht erreicht zu haben. Die vom Morbus Austropop solcherart befallenen Männer nennen wir demnach Austropopper.

Es gibt aber auch seltene Fälle an weiblichen Betroffenen, die dafür umso härter vom Schicksal geprüft werden. Die Symptome spiegeln sich hiebei oft direkt im Oeuvre wider und äußern sich in schweren psychosomatischen Krankheitsbildern. Bekannte Beispiele: Antonia: Meine Pampelmusen sind a Wahnsinn in der Blus’n klagt sie, oder Maria Bill: Dauernd flieg' i mit'm Kopf an deine Scheib'n, oder Marianne Mendt mit der schlimmsten Form, dem Austropop als Tinitus: A Glock'n, die 24 Stunden läut’ “Das geht so nicht!”, sprang Peter Rapp ein, und legte damit den Grundstein zum ersten Austropop RehabZentrum auf Mallorca: “Die Große Chance!” Eine schmucke kleine Finka wurde dort unter der Patronanz des Mr. Spotlight zur Klinik umgebaut. Rührende Rappistenmönche kümmern sich Tag und Nacht um die schwersten Fälle des Austropop. Denn wir wissen: Die Krise als Chance – Austropop als Chance! Gleich am schmiedeeisernen Eingangstor stehen in großen Lettern die Worte des großen Philosophen Robert Seeger: “Wer die Chancen nicht nützt – ein altes Sprichwort – der bekommt dann die Tore bezahlt!” Ein malerischer Kiesweg führt an einem romanischen Wurlitzer vorbei, bis man schließlich in der guten Stube steht, und die Patienten beim (Austro)Poppen antrifft.

“Wer die Chancen nicht nützt – ein altes Sprichwort – der bekommt dann die Tore bezahlt!” “Anfangs”, so Mentor Rapp, “sitzen sie noch da wie die Hascherln! Völlig ohne Selbstvertrauen, mit einer Frisur wie in den 80ern, einem Durscht wie ein Simmeringer und der Kreativität von einem Moped! Aber bald bringen wir sie wieder in die Charts!” Eigene, wissenschaftlich ausgearbeitete Trainingsprogramme wirken dabei wahre Wunder. Etwa erste Wiederbetätigungsversuche bei der “Neigungsgruppe Klingeltöne” oder in den geschützten Werkstätten bei der Produktion von Luftgitarren oder neuen Moik-Maschinen. Auch Reinhold Bilgeri darf seine Sonnenbrille immer und immer wieder reproduzieren.

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“Wir freuen uns über eine 95%ige Heilungsrate!”, ist Rapp stolz. Nur ein einziger, wirklich guter Fußballer durfte in Österreich auf Grund seiner geistigen Brillianz auch einer werden – und war auch von Anfang an in die geheimen Missionen der österreichischen Außenpolitik eingeweiht: Die Rede ist von Herbert Prohaska, dem größten Fußballer des letzten Jahrhunderts. Er diente seinem Land aufopfernd bis zum Ende seiner Karriere im Fußballgeschäft! In der bekannten Simmeringer Kaderschmiede des Eisenbahnervereins Ostbahn XI brachte ihm sein Jugendtrainer täglich zwischen 5 und 6 (also zwischen Bier Nummer 5 und 6) das Gaberln bei, um vom Folgeklub Austria Wien aus Österreich 1977 in Izmir nach Cordoba in Argentinien zu schießen. Die Teilnahme war diesmal aus den bekannten Gründen Befehl. Er – und nicht etwa Krankl – führte Österreich dort zum Sieg über Deutschland. Bald wurde er aber dem österreichischen Fußball zu gefährlich, und er musste unter seiner Mittelfeldregie mit AS Roma italienischer Meister werden, boxte mit der Nationalmannschaft 1989 die DDR aus dem Bewerb, und wurde später in einer politisch extrem heiklen Situation zur Schlüsselfigur, nämlich zum Österreichischen Teamchef auserkoren. 1999, der Balkan, insbesondere Kosovo, standen vor der Zerreißprobe. Entgegen ursprünglicher Intention durfte Österreich keinesfalls Europameister 2000 werden! Chirac musste mit dem Titel für Frankreich ein Kompensationsangebot für seine völlig fehlgeschlagene Balkanpolitik gemacht werden. Fels in der Brandung: Herbert Prohaska. Österreich durfte in einem entscheidenden Qualifikationsspiel am 27.3.1999 in Valencia NICHT gegen Spanien gewinnen, um erst gar nicht zur EM zu fahren. Prohaska hatte seine Mannschaft hervorragend eingestellt, der Schlachtgesang war längst komponiert: “Spiel um Spiel verlieren wir ganz knapp, der Gegner schießt ein Törchen mehr und wir, wir steigen ab.” Zur Pause lag man 0:5 zurück – aber: Sollte das reichen? Erst Anton Pfeffer, verteidigender verlängerter Arm auf dem Feld, beruhigte die Nation in dem er zur Pause den Reportern sagte: “Hoch wer ma's nimmer g’winnen!” Martin Moped Dozent am Institut für Zeitgenössische Kulturgeschichte

Ich will mich null nähern! Null ist ein wesentlicher bestandteil unserer ziffern. Der arabischen ziffern. Sogar deren namensgeber. Sifr im arabischen heißt null. Bei uns steht sifr für ziffer, die buchstaben im alphabet unserer zahlen. Null steht für nichts.

stehen drängt sich förmlich auf, ich widerstehe, auch noch farben ins spiel zu bringen, die den naturgegebenen zusammenhang von politik & null belegen.) Ich widerstehe nicht: blau-orange! ... wieder ein aspekt von null: Du null! = du nichts!

Das stimmt so natürlich nicht. Aber hallo! Jetzt plötzlich passt es? Über eine negative definition werde ich mich null nicht nähern können. Null hat nichts mit negativ zu tun. (mit neutral wahrscheinlich auch nicht). Was null also nicht ist, scheint einfach. So einfach wie alles was nicht blau oder orange ist. Oder aber natürlich auch nicht grün, zum beispiel. Über nichts komme ich also nicht näher zu null. ... zu null! Ein neuer aspekt: 3:0, 1:0, oder natürlich auch 0:0 (aber nicht: nichts zu nichts). Wenn also etwas zu null ausgeht, dann zählt irgendwer mit. Wenn wer mitzählt, dann geht es um irgendetwas (ist “nichts” auch ein teil von irgendetwas? - dann geht es um nichts?).

Für meinen teil habe ich also erfahren: Mit null alleine bin ich eher hilflos. Ich kann mir ohne “nichts” nicht weiterhelfen. Wenn aber irgendetwas mit null in zusammenhang gebracht wird, dann lohnt es sich fast nicht über null nachzudenken, so klar und eindeutig strahlt ihre (sie, die null? nicht der oder das null?) ihre also, bedeutung durch die begriffliche dunkelheit. Sie (die bedeutung) erhellt die nistplätze des unverstands, die abgründe der zeiten! Zeiten in denen ungeheuer wie eine hydra erst geboren werden können, ja sogar geboren werden sollen! Denn jeder zeit ihre ungeheuer! Michael Herz Zahlen- und Bingomeister bingomitherz.twoday.net

Noch vier null null tage bis zur em! Nein! Noch vierhundert! ... eine neue bedeutung von null! Null ist nicht nur nichts, es geht bei null um etwas und hier zeigt sich, dass null im dekadischen system, (unserem gebräuchlichsten mathematischen denksystem) zahlen zu ungeahnten höhen aufsteigen lassen kann. Vorausgesetzt, null stellt sich schön und brav und bescheiden hinten an! (der politikerwitz mit nullen die vorne


Würden Sie uns glauben, wenn wir hier “Bezahlte Anzeige” hinschreiben? Nein? Schade. Sie sind kein Grafiker, oder? Sie kennen nicht die wohlfeile Befriedigung, eine Seite einfach leer zu lassen. Nur einen Satz hinzuschreiben. Schon das ist zuviel eigentlich. Ach, die Aufgabe eines Grafikers ist es, eine Seite auf stilvolle Weise zu befüllen? Außerdem ist uns wohl nichts besseres eingefallen für diese Spalte hier? Überhaupt hätten sie alles viel besser und cooler gemacht. Sicher. Sie sind der Leser. Sie haben immer recht.

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Da staunten wir Bauklötze! Die Badehosen – ein halbintellektuelles Liechtensteiner Bandprojekt und mittlerweile mehr als geheimer Tipp – verweigert sich seit der Gründung 2003 bewusst sämtlichen Gesetzen der Vermarktung. Keine kaufbaren Tonträger, keine Agentur und vor allem kein Webauftritt. Warum das Werk nicht für sich selbst sprechen lassen – so das Credo.

Kennen Sie das? Der Song ist cool, aber man versteht nur die Hälfte. Singen will man ihn trotzdem, also geht’s los mit lautmalerischer Dichtkunst. Fällt eh niemanden auf, zumindest solange kein Brite oder Amerikaner um die Ecke biegt. Aber was tun wir da der englischen Sprache an! Die will sich durchaus rächen, drum schickt sie uns Perry, der, na ja, nur halbwegs gut Deutsch kann, aber eine heiße Affäre mit deutscher Popmusik hat. “Die Wortmelodie, so teutonisch”, sagt er schelmisch. Und er zeigt uns, wie man einen Song richtig vom Englischen ins Teutsche übersetzt. Vorhang auf für Perry und einen seiner absoluten Lieblingssongs. Fratz ist groß mit Bier kein Schwatz. Aha. Kette Himmel Dur Zwerg ab. Aha. Geht nur Pass Hass du verstößt. Aha. This is what you got to know. Loved you though it didn't show. Ich leb' hier nicht, du lebst hier nicht. Da Da Da. Soso, du denn Exzess zu spät. Aha. Und du mein Stars nichts mehr klebt. Aha. Und dies Omen van der Schmell. Aha. After all it's said and done. It was right for you to run. Ich kleb' hier nicht, du klebst hier nicht. Da Da Da. Na? Erkannt? Was, kindisch!? Das hätten Sie uns schon auf Seite Drei sagen müssen! (cui)

... verächtlich grinsen, weil du diesen Toaster noch nicht hast, dann solltest du a) einen Chauffeur für deine täglichen Shoppingnachmittage anstellen, b) einsehen, dass Menschen wie Du nichts in Geschäften außerhalb des ersten Bezirks verloren haben, c) endlich auch den vergoldeten Hometrainer von SlickRick, die platinbesetzte Lungenflöte von Krokodok, den diamantenverzierten Klodeckelschoner von Hampscott oder die flambierte I-Pod-Kollektion von Hagestolz ‘n’ Friends kaufen. Gönn’ es Dir, Du hast es verdient! (greg)

Partisanen-Propaganda ist die adäquate Antwort der Community. Auch eine Art der Fankommunikation. Dass einem Großteil der Welt damit ein Stück höchster Lebensfreude vorenthalten wird, sind sich eingefleischte AdorantInnen sicher. Bezaubert doch das Quintett rund um Sängerin Astrid Dorst (so viel wenigstens wissen wir) mit musikalischer und stimmlicher Kost aus der Haute Cuisine internationaler Populärmusik. Alleine der Titel Polly's Popcorn lässt Damen wie Joss Stone oder Amy Winehouse blass wie Backpapier aussehen. Im Feber fuhr eine kleine, aber umso neugierigere Delegation der Hydra zu einem Konzert in den “Wild-at-HeartClub” nahe Lubljana, um wenigstens ein Interview zu erhaschen – Pustekuchen! “No Interviews! No Photos! No Recordings!” Gefilzt wurde am Eingang wie auf der Berliner Fanmeile und so, dass Herr Platter seine helle Freude hätte. Nichts zu machen – vor der Backstage-Tür war Schluss! Das Publikum des mit mehr als 200 Menschen knackvollen Clubs wurde dafür mit einem Live & Performance-Erlebnis belohnt, das es lange nicht vergessen wird! Und schön auch zu merken, wie aufgeschmissen wir alle sind, wenn alle modernen (und ja eigentlich noch so jungen) Kommunikations-Tools streiken. Nächste Konzerte? Woher denn wissen? Watch out for these Freaks! (moped)


Mit "funktioneller" Musik wird bereits seit den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts experimentiert und vor allem auf den Nerv gegangen. Sie soll nicht bewusst wahrgenommen werden, sondern vielmehr eine "Atmosphäre" schaffen, sie soll beruhigen. Dissonanzen? Niemals! Und die Lautstärke bewegt sich knapp über dem Geräuschpegel, um ihr ja keine Aufmerksamkeit schenken zu müssen. Eingängige Melodien, durch den Fleischwolf gedreht.

Ein Test. Das Foto oben zeigt eine Werbung. Ohne Witz. Die gibt es wirklich. Es geht, sie sehen es ganz unten, um Dessous. Klingeling? Noch nicht? Lassen Sie sich ruhig Zeit. (Pfeifgeräusche.) Na, schon klar? Nein, wir verraten die Lösung nicht. Wir sagen nur: Holzhammer! Und wie! (red)

In Hamburg wird der Bahnhof mit klassischer Musik beschallt und dem gemeinen Junkie damit bedeutet: “Du hier? Sicher nicht!” Die Psychoakustik scheint doch ein rechtes Wunderwuzzerl zu sein! Alles gut und verehrt, schöne Leserinnen und Leser, aber ... ABER! Der Lokaltermin im neu eröffneten “Café Drechsler” ergab folgenden Aufzug: Ein schicksig herausgebrezeltes Innenleben (“Stardesigner” Sir Terence Conran ... Und?) Ein Extrazimmer für ChristinaStürmer-Interviews Das Biergebinde ausschließlich(!) 0,3l (Und Schnaps nur aus der USB-Verschlusskappe oder was?!) UND: Gedudel, knapp über dem Geräuschpegel & aus der Dose. Liesl Gehrer hin oder her – NeoGschäftsführer Manfred Stallmajer hat seine Bildung in der Prä-Pisa-Ära genossen. Hier liegt nun der eindeutige Beweis vor: Fahrstuhlmusik fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu! Denn: Ob die Frittatensuppe im Drechsler so heiß gegessen wie gekocht wird, wissen wir nicht, schreiben tut sie sich jedenfalls anders. Wahrscheinlich aber waren wir Krügerl-Junkies auf dem falschen Bahnhof. (moped)

RICHTIG. DAS HIER SIND KURZE TEXTE. EINFACH SO. BUNT GEMISCHT. WER ES GANZ GENAU WISSEN WILL: AB HIER BEGINNT DIE HÖLLE DER VERSTREUTEN MELDUNGEN.

Tief durchatmen. Hier kommt eine Meditation für Kulturgestresste. Oder Shiatsu. Oder Farbtherapie. Oder Atemübungen. Oder Yoga. Oder ... egal. Scheiß drauf! Denn darum geht's im Grunde. Nicht: “Jetzt setz dich mal da hin und finde deine Mitte. Spürst du schon die positiven Schwingungen in diesem Raum ...” Sondern: Schluss mit dieser Pseudoinvolviertheit. Man muss nicht seine Mitte irgendwo finden, sondern nur all jene Dinge vertreiben, die sich permanent in die Aufmerksamkeit drängen, sich hineinschleimen in das Hirn. Das ist gar nicht so einfach, da muss man sich schon anstrengen. Meist schon früh am Morgen, gleich nach dem Zeitunglesen. Oder erst recht nach dem Pausentratsch in der Firma. Am besten geht das mit einem Mantra, das man vor sich her summt. Hier mal ein Versuch. “Mir geht Paris Hilton am Arsch vorbei.” Nicht brüllen, nicht jammern, sondern ganz genüsslich vor sich her flöten oder summen, mit einem abgründigen Lächeln (obwohl, das ist dann schon für Fortgeschrittene). Na, wie fühlt sich das an? Machen wir gleich weiter. “Mir geht Helmut Elsner am Arsch vorbei.” Ja! Gut! Sie machen das. “Mir geht die gesamte Innenpolitik am Arsch vorbei. Mir geht der gesamte sogenannte Kulturbetrieb am Arsch vorbei.” Wird immer besser. Fühlen Sie, wie es pulsiert? Wie die Kräfte der Gelassenheit durch sie hindurch fließen? “Mir geht 2008 jetzt schon am Arsch vorbei.” Perfekt! Jetzt haben Sie den Bogen raus. (cui)

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nur mit Mundpropaganda und weitergegebenen Copies erklärbar – damit aber erschöpfend. Insgesamt elf Sängerinnen weist die Homepage der Band auf, die sich um Marc Collin und Olivier Libaux (bitte französisch lesen) und ihre Hirnidee – nämlich Hits in akustisches Salonformat zu kleiden – scharen. Zwei dieser wunderbaren Damen machten die Reise mit nach Wien.Welche, wissen wir nicht.

NOUVELLE VAGUE & PLEXUS SOLAIRE 28.02.07 ARENA

Bass, Gitarre, Keybord, Schlagzeug und die Reli-Lehrer-Melodika mit Schlauchmundstück begleiten, was sich dann zu einem fabelhaften Revueabend der Populärkultur entwickelt. Ob 17- oder 57-jährig, das Publikum liebt Wiedererkennbares im Kleid der samtenen Salonrevolution. Sei's nun Joy Division, The Clash oder gar Grauzone. Zwei furiose Frauen verstehen sich da lasziv, dort lolitahaft, hier intelligent – am Ende aber gewiss und jedenfalls unvergesslich – nicht als musiktheorieverliebte Gesangskunsteinlagen, sondern darin, das Publikum exzessiv an ihrem sich während des Konzerts immer offener zu Tage tretenden Wahn im Bestsinn teilhaben zu lassen. So, jetzt ist dieser Satz auch vorbei, aber er musste raus!

Fotos: Sepp Dreissiger, James Looker

Wie sonst wäre zu erklären, dass es - nach der biologischen Fortpflanzung - eines der größten Vergnügen ist, Teil dieser Jubelbewegung zu sein. Schlussendlich waren vom Balkon des Konzertsaals frenetische "Bravo!"-Rufe zu hören – netrebkoid und gehörig! Saublöd nur, dass seither die Nouvelle Vague-CDs alleine fast ein bissl langweilig sind... (moped) www.plexussolaire.com www.nouvellesvagues.com

Heissa, war das eine Nacht! Roman und Antonia feierten Namenstag. Aber das ist nur für Ungarinnen und Ungarn interessant, die ihn zelebrieren. Und in Ungarn beginnt der Osten – dort, wo momentan der Bartl-Bácsi den heißesten Musik-Most herholt. Zwischen Vojvodina und Wladiwostok. Denkste! Weil nämlich: Nicht nur! Da ist noch westliches Land vor dem Atlantik in Sicht! Ein kleines globales Dorf namens Frankreich wehrt sich gegen die Vereinnahmung der Supermacht – nicht nur kulinarisch. Und die Ergebnisse multikultureller Formeln betragen neben 7/8 gerne auch 3/4.

Woher das französische Cover-Kollektiv Nouvelle Vague seine Beliebtheit schöpft, ist

Foto: Ryan Muir

Mögen Altvordere sagen, was sie wollen, aber die umgebaute Arena in Wien ist schlicht eine schöne Musikhalle. Und sie ist an diesem Februarabend bummvoll. Hier zu eröffnen, muss für die erfrischende, halbheimische, weil andererseits halbfranzösische Kombo Plexus Solaire eine Freude gewesen sein. Eine, die allen vier Männern auch ins Gesicht geschrieben war. Plexus Solaire verbreiten mit ihrem französisch gesungenen, swingenden Savoir Vivre tatsächlich ein bisschen von dem Lebensgefühl, das Reisende nach Frankreichtrips neben der Packung Gitanes so gern im Handgepäck mit nach Hause nehmen wollen – geht aber nicht.Wahrscheinlich ist das Konservieren auch auf Tonträger nicht möglich, dennoch sei die pressfrische CD Sans Détours hier ohne Umwege empfohlen – mehr aber noch die Live-Werkschau!

JARVIS COCKER 20.01.07 ARENA

Was ist vom 12. FM4 Geburtstagfest zu erwarten? Nur das Beste natürlich! Da geht einiges! Heftig an jungen Körpern reiben, stundenlang am Häusl anstehen und endlich richtig lange auf Bier warten. Gesund ist das alles, gerade an der frischen Luft! Denn Reibung wärmt, nicht zu pinkeln trainiert den Beckenboden, und 20 Minuten um ein Bier betteln heißt tatsächlich nur das Nötigste trinken. Herrlich!

Allerdings schafft’s die klassiche Festivalgemeinde doch, von allem zuviel abzukriegen. Aber das mag man ja, oder? Immer wieder schön die schreienden “Bist du deppat, Oida!” Jungs neben sich zu haben, so macht uns auch wenigstens nicht die Musik vorne taub. Sind die etwa gekommen, um sich zu beschweren oder um zu bleiben? Hauptsache kommen, ist ja durchaus eine Party-Devise, und da sind wir schon bei Mr. Jarvis Cocker. Der stackst auf die Bühne, hebt an und Aha, siehe da, Ruhe jetzt Jungs, hier passiert etwas, das, hätte man je Harry Potter gelesen, sich wohl auch wortreich beschreiben ließe, sich aber auch ganz banal als: “Zau – ber – haft” ausgeht. Hat gar ein Engel berührt mein Haar, hier am Stroh stehend... äh, Stroh? Reicht eigentlich ein sorglos gesnippter Tschick, um die Arena im Jänner 2007 bei nächtlichen 15° Celsius plus in Brand zu setzen? Und wieso ist das Stroh da? Wegen uns Schafen etwa? Also, äh, egal. Engel, Haar, Stroh, Jänner ... genau, dieser komplett versiebte Jänner ... Ja, versiebt! Unglaublich, wie versiebt, verbockt, vertrackt, verwutzelt, versengt, vertan, vergängelt und vertrabt so ein neues Jahr beginnen kann! Der Februar nicht minder mies, der März mäandert auch! Die Initiative zur neuerlichen Neujahrsbegehung unbedingt starten! Philharmoniker neu hochfahren und gleich auch dieses ganze Kalenderdings: Ctrl-AltDel! Format C! Aber hurtig! So! Jetzt ist es besser. Also nochmal! Ich am Stroh stehend, der Engel, mein Haar (seufz), und schon ist es da, das Wunder nach dem Dreikönigstag: Ein dürrer Engländer in Tweedjacke und Pullunder fasst mit einem Handstreich mitten in das müde alte Herz, reißt es heraus, fächelt ihm Luft zu und setzt es entzückt shakend wieder ein. Darf der das? Wir sind hier immerhin nicht erst seit Gestern, wir lassen uns nicht wegwehen von purer Gefälligkeit, wir waren schon beim “Fm4 ist 0”-Fest im Bach! Damals! Verdammt! (Rechnet eh niemand nach, wie alt ich ...) Da könnte fast Gänsehautstimmung aufkommen, denn vorne spielt, gut abgekocht, die schönste Musik. Klassisch wird britgerockt und jugendlicher Übermut eisern abgestellt: Fan, gröhlend: “Comon People!” - Jarvis, murmelnd: “Wrong decade, sucker, definitly wrong decade.” Entledigt sich des Jackets, monologisiert über das Wetter und singt von den cunts, ruling the world, tänzelnd, raumgreifend gestikulierend, großes Theater, Augen zu. Als Zugabe gibt man allen Ernstes Paranoid von Black Sabbath! Schwingende Luft in gewellten Teilchen trifft ja immer auch den Magen, sagt man. Das “Bauchgefühl” wird aktiviert, der Kopf ginge dann leer aus. Soso? Na, schadet ja nix, schon gar nicht hier! Im Zweifesfall kommt eben der schale Nachgeschmack von den Zigaretten. Im Zweifelsfalle ist es auch Smoke, that gets in your eyes. Und im Falle des Falles ist Fallen einfach alles. So, und jetzt nichts wie raus hier. (alice) www.jarviscocker.net


Foto: B72

WRECKLESS ERIC & AMY RIGBY 08.02.07 B72

Donnerstagskonzerte sind immer schlecht, weil a) wenn sie gut sind, die Arbeitsfähigkeit tags darauf eingeschränkt ist; b) wenn sie schlecht sind, die Arbeitsfähigkeit tags darauf nicht vorhanden ist. Denn im Fall a) muss nach dem Konzert die Freude geteilt werden, intensiv, ausführlich, mit möglichst vielen Menschen - und unbedingt mit der Band selbst. Im Fall b) muss nach dem Konzert noch viel intensiver besprochen werden, was alles nicht gepasst hat, wie es passen könnte, wer stattdessen spielen hätte sollen, und wie zum Teufel dieses unbefriedigende Gefühl wieder verschwindet. (Ja, ich weiß, da gibt es verschiedene Optionen, wir reden hier aber von Umtriebigkeiten, die in aller Öffentlichkeit stattfinden können sollen - und nicht in der Verhaftung einer oder mehrerer Personen enden!) Der Arbeitsfreitag ist also nach Donnerstagskonzerten immer vergeigt. So ist das. Ehernes Gesetz, Diktum, Fakt, gültige Wahrheit, No Discussion about that! Die Ausnahme bestätigt die Regel. Also: Wreckless Eric hatte einen Hit und wird trotz schlagerartigen Melodien eisern dem Punkrock zugerechnet. Der Hit ist Whole Wide World, und das mit dem Punk kommt logisch, weil der Mann aufgrund seines Geburtsjahres und Landes (1954 & UK) samt frühkindlicher Musikvernarrtheit gute Chancen hatte, Teil der Jugendbewegung zu werden. Richtig erfolgreich mit unterschiedlichen Bands war er dennoch nie (könnte sein wegen reger und unerschütterlicher Zwiegespräche mit Teufel Alkohol). Mittlerweile aber trocken wie sein Humor, tourt er (dankenswerterweise) regelmäßig mit Klampfe, am liebsten in Wohnzimmern, wie man hört. Amy Rigby hingegen ist in der Welt der Ahnenverehrung durch alte Männer nicht ganz so präsent, trotz Geburtsjahr und -land (1959 & US of A), dennoch ist sie als klassiches “Rockgirl Next Door” auch nicht direkt ungeübt in der Art, ein entsprechendes Leben zu führen. Sprich: New York, CBGBs, aber als alleinerziehende Mutter (Schlagzeu-

ger geheiratet, schwanger geworden, Schlagzeuger weg! Wer heiratet einen Schlagzeuger? Nie und nimmer fängt sich frau was mit einem Schlagzeuger an! Auch ehernes Gesetz, Jesus, so was weiß mittlerweile Jede! Gute Güte, Schlagzeuger! Perfekter Beat, gutes Timing, Rhythmusgefühl, jahaaa, aber: Wie lange kann einer zuhören, der im Job mit allen vieren zappelt und dabei 100 dB erzeugt? Eben!) wohl durchaus mit anderen Härten des Seins konfrontiert, als lediglich mit Leberhärten, tourt auch sie unermüdlich. Und zwar dieses Jahr mit Eric, denn die beiden sind in ein Paar und leben mittlerweile in Frankreich. Heißa, Donnerstagabends also ein Paar mit Klampfen und Haus in Frankreich, ja, das wird sicher, gähn ... Im halbvollen B72 beginnt Eric und beschwert sich im tiefsten Cockney Slang, ein riesiges Häferl in der Linken gefährlich über der Gitarre schwenkend, erstmal über das Pisswasser, das sie hier Tee nennen. Und fängt dann doch an, rotznasig und mit der Präpotenz derer, die die 80iger überlebt haben, zu spielen. Die Songs allesamt melodiös, grade runtergeschlagen, mhmh, da wäre dann so ein Schlagzeuger doch willkommen, statt dessen steigt Amy ein und als Duo schrammt das dann ordentlich dahin. Zwei Welten, zwei straighte Stimmen, passt. Es zuckt jetzt nicht direkt wer aus im Publikum, aber wohlwollend sind wir schon, kriegen ja auch was zu lachen. Beschwerde des rücksichtslosen Briten: Die Klimanlage! Es zieht! Keiner von den B72-Leuten reagiert. Aha, beruhigend, die verstehen auch nur die Hälfte. Grundsätzlich englisch ist das schon, aber ... Wichtig in so einer Situation: Immer ein gefülltes Glas und mit den anderen an den richtigen Stellen grinsen. Gelingt vor allem bei der kurzen Lesung aus der Biographie hervorragend. Breiter grinsen dann bei Frau Rigby’s Dancing with Joey Ramone (Den hätte sie nehmen sollen, hehe). Und tatsächlich kiegen wir Whole Wide World gespielt, da wird es auch ohne Tee in absurden Häferln warm ums Herz, kicherig allemal verzaubern zwei schon sehr Süße auf der Bühne endgültig mit Leavin On A Jetplane. Hey, ewig nicht mehr gehört, also Entspannung jetzt, es muss gar nicht mehr heftig besprochen, gefreut und gelobt werden. Besser beim Nachhauseweg selbst trällern: Was soll’s, ist bloß Donnerstag, morgen tut’s mal nicht weh, auch fein, denn immerhin haben wir nicht Fall b). (alice) www.wrecklesseric.com www.amyrigby.com

LAMBCHOP & HANDS OFF CUBA & DAFO STRING QUARTET 22.11.06 KONZERTHAUS

Rucksack und Jacke abgeben ist Pflicht, auch das noch: “Eintreten erst beim nächsten Applaus.” Dem verfrackten Türsteher flugs entwischt, reingeschlichen in die feine Stube: Es läuft bereits das Vorspiel: Hands Off Cuba, neuerdings dem vielköpfigen Kotelett einverleibtes Elektronikduo, setzen pinkfloydesk sphärische Sedative frei. Eine halbe Stunde durch. Nur die vereinzelt dreingestreuten Bass-, Gitarren- und Schlagzeugklänge ließen (zumindest partiell) wach bleiben. Namensnennung und Applaus. Dann ein heftiges Break: Als Überleitung folgen geschwinde Aufwärmübungen der Streicherinnensektion namens Dafo String Quartet, evozieren den Vergleich mit Rimsky-Korsakows Hummeln, nur: Zu High Speed Killerbienen mutiert, gleichsam mit 45 oder 78 U.p.M. abgespielt. Weiter schweifen die Gedanken zu kleinen Toden, Infarkten und Defibrilator. Nach abruptem Ende tosender Beifall. Auch die vier Damen werden gebührend vorgestellt. Danach der gewohnte Lambchop Sound: Schwermut, leicht wie ein Hauch. Nicht zufälliger Weise hat der Mann schon vor Jahren eleganten Soul von Curtis Mayfield gecovert. Klaviertakte wabern, hie und da jammert eine Steel Guitar. Hauptsächlich Stücke vom aktuellen Album Damaged, die übrigen von den Vorgängern Aw C'mon, Is A Woman und Nixon. Leicht überspannt, höchst persönlich unterstrichen mit impulsiven Bewegungen bis hin zu spasmischen Verrenkungen von Kurt Wagner selbst. Wie es dem Herrn gefallen will: Quasi sich selbst samplend wird in aller Eigenmacht des (ganz in sich zentrierten) Schöpfers darüber gesungen, auch knapp (auch weniger knapp) darunter, davor und dahinter. Be- und entschleunigend, lustvolles Spannungszügel Stimmband, glucks. Zwischendurch jäh hervorbrechend entlädt sich geballte Energie, Betonungen arten zunehmend in kläffende Schreie aus. Ergreifend, die Ergriffenheit: Möchte da Bellen aus ihm dringen? Will er sitzen, soll er tanzen? Sitztanzen in aller Leidenschaft. Zu vollständiger Bewegungslosigkeit hingegen verdammt ist das Publikum in den Polstersesseln. Selbst wo kurz Zeit zu klatschen eingeräumt wird, ist der Applaus bald wieder abgewunken. Höfisch höflich auch die Vorstellung der Bandmitglieder und Hervorhebung der Solisten, artig der Dank für die (wiederholte) Möglichkeit “in the city of music” in solcher Halle spielen zu dürfen. Nach einem derart distanzierten Konzert ein seltsam anmutendes Extro: zu Gassenhauern wie beispielsweise Corrosion von den Sisters Of Mercy, wird gospelkirchenartige Mitmachstimmung verbreitet. Kurt Wagner animiert zum Mitklatschen, komisch. Seine Art von Dank für zweieinhalb Stunden stillsitzen? Ruhe im Saal! Darauf legt er jedenfalls Wert. (mäx)

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BROKEN SOCIAL SCENE “Broken Social Scene” 2005

REGINA SPECTOR “Begin To Hope” 2006

MADONNA “The Early Years” 2007

THE VIEW “Hats Off to The Buskers” 2007

BROKEN SOCIAL SCENE “Broken Social Scene” 2005

Weiter mit IBI Dreams of Pavement, vor dem ersten Einsatz, Bass, Gitarre, Schlagzeug dreschen schon, also genau bei well, I got > TADAM < shot right in the back sollte die U-Bahn gerade aus der Station fahren, du in Fahrtrichtung sitzen, die Schubkraft deinen Kopf leicht nach hinten drücken ... und du hast einen kleinen, feinen Headbang, right in time, ohne auch nur einen Muskel bewegt zu haben. Precious, isn’t it?

"Lesbisches Outing, früh am Morgen", dachte ich, ein wenig eifersüchtig auch, wie das so Männerart in diesen Dingen ist. Zwei Tage später, ein anderes CD-Geschäft. Da lungert Regina wieder herum, aufreizender dieses Mal. "Ich bin günstig zu haben", ruft sie mir zu. Ich komme auf Touren, zücke meine Brieftasche, vergesse für einen Moment jegliche monetäre Besonnenheit, und wenig später kullern wir schon intim herum. Im Auto, im Schlafzimmer, sogar mitten auf der Straße. Es war wild und heiß und leidenschaftlich. Ich habe mich richtig verknallt. So ging das zwei, drei Wochen lang. Dann plötzlich war es aus, verflog das Gefühl, wurde schal und langweilig und ich hab' sie stehen gelassen. Seither nicht mehr viel an sie gedacht, mit Anderen rumgemacht, auch Männer dabei, ich geb's zu, und es war gut so. Nur manchmal schau ich noch rüber zu ihr, denke mir: Wenn ich wieder mal Lust auf raffinierten Kitsch mit Zuckerhäubchen habe, werde ich sicher wieder schwach werden und mich für eine Nacht Hals über Kopf in sie verknallen. Aber eine Frau fürs Leben, ich weiß nicht ... (cuisine)

früheste Frühphase in der umtriebigen Londoner Punkszene 1978. Madonna als blutjunge Screamqueen und Leadsängerin der wenig bekannten, aber ihrer Zeit weit voraus eilenden DeathSpeedTrashHardCoreFuckMetalBand RazorRazor. Jeder Song nicht länger als eine Minute, Madonna permanent zwischen hohem C und Gurgelgeräuschen hin und her pendelnd. Kurz danach, 1979, versuchte Madonna erfolglos den Part von Mary in Zappa’s Joe’s Garage zu übernehmen, der letztlich von Dale Bozzio so kongenial verkörpert wurde (wir erinnern uns: With leather?). Die Compilation bietet Privatmitschnitte ihrer Probeaufnahmen. Besonders hörenswert Madonnas Version der Wet TShirt Nite - und natürlich, ihre verzweifelten Versuche, den guten Frank zu überzeugen, sie in die Band aufzunehmen. Zwei Jahre später taucht Madonna mit hochgesteckter Fönfrisur als Backgroundsängerin von Human League, Adam Ant und schließlich Wham! auf. Die ursprünglich sofort nach der Aufnahme gelöschten Tondokumente wurden nun von gefeuerten Studiomitarbeitern hinter einer Blumenkiste neben dem Notausgang gefunden und für unfassbare Summen an den erstbesten Studioboss verkauft. Übrigens, die CD wurde wegen dem oben erwähnten Track gleich nach der Veröffentlichung wieder zurückgezogen und ist nirgends zu kaufen. Aber es gibt sie. Echt! (grog)

Morgens ist man ja immer unterwegs zu etwas, zu einem klaren Ziel. Da ist vordefiniert, wann was zu geschehen hat, da wird nicht rumgestromert, da gibt es mindestens ein Ding zu erledigen - und oft genug ist es (dummerweise) Arbeit. Morgens geht es also immer geradeaus, quasi straight to … hell? Nicht mit Broken Social Scene. Die kanadische Supergroup, die im Kollektiv und in wechselnder Besetzung tourt und produziert, baut unglaubliche Songs mit aberwitzigem Einsatz von Instrumenten. Das ist gerade auch live (5 Gitarren!) ein bombastisches, hymnisch herzerfüllendes Erlebnis. Wer gerade singt, schlagzeugt oder basst, ist nie ganz klar und kommt auf Platte herrlich poppig bis rockig daher, immer überraschend und ordentlich krachig.

Geht auch wunderbar bei It’s All Gonna Break. Einsatz nicht verschlafen und wenn die Bahn gerade nicht anfährt, leicht ein Bein heben und kurz mal kicken, dann einen Vogel suchen, dessen Flügelschlag zum Beat passt. Dazu hast Du Zeit genug, der Song dauert 9:55 bei wechselnden Tempi, da passt eine träge Krähe genauso wie ein windiger Spatz. (alice)

Daher: 7/4 Shoreline morgens in der U6 hält beinahe die Zeit an, lässt dich dein eigenes Video drehen, mit dem was du siehst, wenn du nur den Kopf drehst. Vom Gesicht des schlafenden Hacklers zu den verkrampft an Handtaschenhenkeln klebenden Händen der Frau über den starren Blick des runden Mädchens hinaus aus dem Fenster, an dem, wenn du Glück hast (ja, manchauch du ...) gerade bei if you try to steal the beat, the beat will steal you die Fenster des Gemeindebaus zwischen Nußdorfer Straße und Spittelau vorbeiziehen, wie extra von Jim Jarmusch für dich so in Szene gesetzt.

Regina hab' ich auf go-tv gesehen und mich sofort in sie verliebt. Tags darauf ging ich ins CDGeschäft und wir haben ein bisschen rumgefummelt. Nur so, um uns mal kennen zu lernen. Aber irgendwie hat es nicht gepasst. "Nicht die Richtige für mich", dachte ich, und bin wieder gegangen. Hab' sie auch gleich wieder vergessen. Aus dem Gedächtnis gestrichen. Ein paar Tage später, früh morgens zufällig Ö1 gehört. Eine Moderatorin stellt mit wehmütiger Lakritzestimme Regina vor. Lobpreist die CD und gesteht der verschlafenen Hörerschaft ihre ein wenig inkorrekte Leidenschaft zu dieser Frau ein.

REGINA SPECTOR “Begin To Hope” 2006

MADONNA “The Very Years” 2007

Nun gut, diese Sammlung früher Aufnahmen der berühmten Popdiva ist musikalisch nicht gerade das, was wir fachkundigen Rezensenten als unverzichtbar bezeichnen würden, aber es ist immerhin beruhigend zu erfahren, dass auch eine erfolgreiche Popröhre wie Mme M. erst ihren Weg suchen musste. Nicht jedermanns Geschmack ist etwa die

THE VIEW “Hats Off to The Buskers” 2007

Was haben wir denn da? Schon wieder ein paar Lausbuben?


50 JAHRE POPMUSIK “Süddeutsche Edition” Viele, viele Jahre

BEIRUT “Gulag Orkestra” 2007

ARCTIC MONKEYS “You’re favourite nitemare” 2007

MIDLAKE “Van Occupanther” 2007

Oder das der Frau. Oder das der Kinder. Dann kann man ihnen einmal vorspielen, was im Jahr ihrer Geburt gerade aktuell war. Aber sicher nicht die ganze Serie. Ganz! Sicher! Nicht!

ner CD, die dann monatelang den CD-Player belegt (Zuletzt Queen: News of the world. Die CD steckt auch in der Schultasche, damit die Schule den richtigen Sound bekommt), greift gerne zum Jahr 1979. Vor allem wegen der Nummer 17. The Specials: A message to you rudy. Da hat die Lotteriegesellschaft ganze Arbeit geleistet.

RICHTIG. DIESE SEITE IST VOLLGESTOPFT MIT REZENSIONEN. VIEL ZU LANGE NOCH DAZU. WENIGSTENS SIND NICHT ALLE ERNST GEMEINT. Kommt mal her und zeigt mir Eure Gitarren! Na, die sind ja viel zu groß für Euch! Wisst Ihr denn überhaupt, wie man damit spielt? Ach so?! Den Gurt ganz lang, damit das Teil cooool bis zu den Knöcheln durchhängt? Ja, ja, dachte ich mir schon. Aber ich meinte die Griffe, die Harmonien, das musikalische Knowhow? Scheiß was drauf? Ja, verstehe. Wie alt seid Ihr denn so im Schnitt. 18 Jahre? Tstststs! Habt Ihr überhaupt schon mal mit einem Mädchen ...? Ach, gleich mehrere? An jedem Finger ein Dutzend? Ja, ja ... Lasst mich mal in Eure Haare schauen. Total struppig! Kauft die Mama noch das Shampoo? Ach, die Oma? Die ist überhaupt das Größte? Mit der hängt man gerne mal rum und schlürft einen Tee? Ist so üblich in Schottland? Schottland! Ich wusste gar nicht, dass es dort laute Gitarrenmusik gibt. Wie nennt sich das noch gleich? Bohemian Britpop? Wenn Ihr meint ... Übrigens, Dir rinnt Rotz aus der Nase. Willst Du vielleicht ein Taschentuch? Ja, okay, schon verstanden, ich verzieh mich gleich. Also, jetzt hör mal, “alter Sack” musst du nicht zu mir sagen. Gefällt mir ja eh, dieser Krawall, den Ihr da macht. Ich meine, okay, es ist nicht ganz The Clash und dem Himmel sei's gedankt - auch nicht Blur, sondern irgendwas ... äh, Verrotztes dazwischen, aber: Hut ab, Jungs! He, wartet mal, wo wollt Ihr denn hin? Ich bin ja noch gar nicht fertig, ich wollte Euch doch gerade... He, Hallo… ich rede mit Euch ... [Ein paar Sekunden später] Was? Nein, Herr Inspektor, ich habe nur ein paar Worte mit diesen Jungs gewechselt. Die haben eine neue CD ...

Was?! “Unsittlich angequatscht?! Zwischen ihre Beine geschielt?” Ja, sind sie denn ... So ein Unfug! Au! Lassen Sie mich los! Hilfe! Loslassen! Nein, ich will da nicht rein! Ich bin unschuldig! Ich bin Rezensent! Ehrlich! Warum hilft mir denn niemand! (cuisine) 50 JAHRE POPMUSIK “Süddeutsche Edition” Viele, viele Jahre

Angefangen hat es damit, dass ich mir drei Bände gekauft habe. Nur einmal zum Ansehen. Und Anhören. Der Titel war vielversprechend. 50 Jahre Popmusik. Von 1955 bis 2005 gibt es je einen Band. Mit CD! Also hab ich mir die drei Bände, selbstverständlich aus verschiedenen Jahrzehnten, gekauft. Die Bücher waren ganz nett aufgebaut. Erst ein kurzer Überblick über das Jahr, geschrieben von verschiedenen Autoren mit Bezug zur Popmusik. In der Mitte eine Fotostrecke und ein Fundstück, bei dem es sich um ein Interview oder einen Artikel, im jeweiligen Jahr erschienen, handelt. Am Ende zu jedem Song der CD eine kurze Story. Die Auswahl der Songs war OK. Eine gute Mischung zwischen Mainstream und Unbekanntem. Ganz nett, aber nicht wirklich überzeugend. Ich hab mir das Versprechen gegeben, diese Serie wird sicher nicht vollständig erstanden. Ganz! Sicher! Nicht! Dann kamen verschiedene Geburtstage. So ein Jahrgang zum Geburtstag, das wär doch ein nettes Geschenk. Und wenn man schon einen Band kauft, dann kann man doch auch für sich selbst einen mitnehmen. Zum Beispiel das eigene Geburtsjahr.

Irgendwann flanierend im CDStore. Die ganze Serie wird auf einer Wand präsentiert. Mal schauen, was den Autoren zu den Achtzigern eingefallen ist. Und 1995 ist auch ein blinder Fleck auf meiner musikalischen Landkarte. Wieder hab ich das eine oder andere Bändchen erstanden. Aber die ganze Serie? Ich bin doch nicht blöd, Mann! Schon standen fast dreißig Bücher im Regal. Die Siebziger und Neunziger waren überrepräsentiert, die Fünfziger und Sechziger sehr lückenhaft besetzt. Wäre schon toll, auch diese Jahrzehnte ein wenig kennen zu lernen. Zumindest den Anfang und das Ende sollte man haben. Aber die ganze Serie? Na ja. Irgendwann wurden die Lücken immer weniger. Wie sieht das denn aus? Und was hab ich gegen das Jahr 1985? War die Musik 1959 so schlecht? Nein, sicher nicht. Bald war die Sammlung vollständig und der Familienteil mit dem Y-Chromosom greift immer wieder gerne zu und legt eine CD auf. Dabei gibt es unterschiedliche Vorlieben. Der Jüngste nimmt die Jahre wahllos aus dem Regal, hat aber jetzt das Jahr 1985 als Favorit. Vor allem Track Nummer 5 (Run DMC: King of Rock) muss öfter wiederholt werden. Das mittlere Y-Chromosom, es ist sehr wählerisch, bleibt gerne bei ei-

Der gestresste Vater hingegen legt sich gerne das Jahr 1955 auf. Eine wunderbare Mischung von Blues, Country, Schlager und den Anfängen von Rock´n´Roll. Und wenn es niemand merkt, drücke ich auch die Repeat-Taste. Bei der Nummer 12. Tennessee Ernie Ford: Sixteen Tons. Aber die nächste Serie lasse ich aus. Ganz! Sicher! (l’orou)

BEIRUT “Gulag Orkestra” 2007

Pfff ... keine Lust mehr. Ja, die ist auch gut.Junger Amerikaner macht auf alte Tisganer. Mhm. ARCTIC MONKEYS “You’re favourite nitemare” 2007

Und die ist auch noch gut. Klar. Nicht nur weil angesagt. MIDLAKE “Van Occupanther” 2007

Und die erst recht.

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TENACIOUS D “The Pick of Destiny” 2007 [DVD]

DONALD DAVIDSON “Vernünftige Tiere” 2005

NINA RUZICKA “Der Tod und das Mädchen” Die Biblyothek, edition moritate

ALEX KAPRANOS “Sound Bites” Kiepenheuer und Witsch

TENACIOUS D “The Pick of Destiny” 2007 [DVD]

Rockmusik seit ... egal, mir bleibt nur noch, die CD zum Film in den Discman zu werfen und nachts davon zu träumen, dass auch kleine Dickerchen in Hollywood Fuß fassen können. (grrr)

NINA RUZICKA “Der Tod und das Mädchen” Die Biblyothek, edition moritate

nes Polizisten auf einer einsamen Raststätte verschwinden lassen wollen, an den Film “Immer Ärger mit Harry” (den sie auch zitiert). Falls man das eine oder andere Zitat nicht versteht oder erkennt, kein Problem. Im Anhang zu jedem Band finden sich Hintergrundinformationen, die die manchmal sehr spezifischen Anspielungen erklären. “Der Tod und das Mädchen” ist als klassischer Comic konzipiert, der die Leser/innen Bild für Bild durch die Geschichte führt. Die Charaktere sind mit Liebe zum Detail gestaltet. (Ein Höhepunkt: Der kleine Tod mit Kapuzensweater.) Mit dem nun vorliegenden dritten Band schließt Nina Ruzicka den ersten Teil der Reihe ab. Es bleibt zu hoffen, dass sie bereits an einem weiteren Teil arbeitet. (l’orou)

Nach den Hollywoodkommerzabstürzen “King Kong” und “Liebe braucht keine Ferien” ist Jack Black zurück. Und zwar nicht als wahnwitziger Tierhändler oder schmusendes Dickerchen, sondern genau dort, wo er hingehört: Hinter die Gitarre. Mit “Pick of Destiny” (dt. “Kings of Rock”) schaffen Kyle Gass und Jack Black unter Regie von Liam Lynch ein trashiges RockMusical, das zwar keinen Tiefgang, aber umso mehr Unterhaltung bietet. Die Story ist einfach gestrickt, aber wunderbar abgedreht: Jack (TscheyBee) und Kyle (KeyGee) gründen die Band Tenacious D und machen sich auf die Suche nach dem “Pick of Destiny”. Mit dessen Hilfe wollen sie die beste Band der Welt werden. Das besagte Pick, ein Vorderzahn des Teufels persönlich, verleiht übermenschliche Gitarrenskills, steckt jedoch zwischen den Seiten von Angus Youngs Gibson SG im “Rock an Roll Museum”. Was folgt, ist ein wahnwitziger Roadtrip Richtung Ruhm, der mit einer bizarren Rock-Off-Challenge mit Dave Grohl (gespielt vom Leibhaftigen selbst) endet. Der Rest der Story ist so komplex, dass ein dreijähriges Mädchen sie erzählen könnte. Am meisten belohnt der Film jene Fans, die bereits vorher fleißig die Texte der vorab erschienen CD gelernt haben. Alle anderen sind entweder Rockmuffel oder haben die witzigste Wiederbelebung der

DONALD DAVIDSON “Vernünftige Tiere” 2005

Mit einer Liebhaberausgabe berühmter Satiriker der Weltgeschichte versucht sich der bislang unbekannte Verlag Suhrkamp einen Namen in der Verlagsszene zu machen. Die Reihe “Essenzen. Wenig Buchstaben für viel Geld” präsentiert Auszüge aus den Werken bislang wenig bekannter Humoristen. Essenzen, also: Humoristisches in leicht verdaulicher Länge. Darunter Zwerchfellerschütterndes wie “Über den Tod” von Ernst Tugendhat, “Theorie der Halbbildung” von Theodor W. Adorno, “Das Reale des Christentums” von Slavoj Zizek. Oder eben auch “Vernünftige Tiere” von Donald Davidson, einem ganz Großen der Satirekunst. Mit einer Handvoll Kalauer erzählt Davidson die Geschichte der Annahme, es gäbe so etwas wie eine angeborene Vernunft, die Tiere von Menschen trennen würde. (Tiere übrigens metaphorisch zu verstehen, etwa: “Du Tier!”) “Vernunft”, so Davidson locker flockig in seinem kleinen Leckerbissen der Humoristik, “ist ein soziales Merkmal. Nur wer kommuniziert, hat es.” Wer reden kann ist also bereits vernünftig. Vielredner sind demnach Intelligenzbestien. Wir empfehlen, das Buch laut vorzulesen. (cuisine)

Der Tod hat es nicht leicht. Er kann nicht einfach kommen und jemanden holen. Man muss dem Tod ins Angesicht blicken und seinen Namen nennen. Von dieser Theorie geht zumindest Nina Ruzicka in ihrer Comic-Serie “Der Tod und das Mädchen” aus. Mit welchem Namen man ihn dabei bedenkt, ist dem Tod egal. Er gibt sich mit jedem zufrieden. Egal ob Freund Heyn, Gevatter, Rumpelstilzchen oder Fahrzeughalter, kaum ausgesprochen, hat das irdische Leben ein Ende. Doch der Tod ist nicht fehlerlos. Er stolpert tollpatschig durch das Leben der Menschen, verursacht Massenunfälle auf der Autobahn und holt sich auch einmal aus Versehen einen Polizisten. Mit dem Mädchen hat der Tod eine spezielle Beziehung. Schon als Kind sollte er sie holen, doch scheiterte er an widrigen Umständen und am Starrsinn der Kleinen. Denn standhaft weigert sie sich, ihm einen Namen zu geben. So der Ausgangspunkt der Geschichte. Gemeinsam stolpern sie drei Bände lang durch verschiedenste Abenteuer, besuchen ein Krankenhaus, spinnen zarte Bande am Strand und versuchen, den untreuen Freund des Mädchens auf die Schliche zu kommen. Nina Ruzicka gelingt es, mit dem ernsten Thema Tod sehr spielerisch umzugehen und ihre Hauptfiguren in aberwitzige Situationen zu bringen. So erinnert die Art, mit der die beiden die Leiche ei-

ALEX KAPRANOS “Sound Bites” Kiepenheuer und Witsch OLE PLOSTEDT & JÖRG RAUFEISEN Rote Gourmet Fraktion Kiepenheuer und Witsch

Manche Hobbymusiker werden Köche, manche Köche werden Sänger in einer Popband und manche Köche hängen ihre weißen Kittel und Mützen an den Nagel und bekochen Rockstars auf ihren Tourneen. Eines haben alle drei gemeinsam: Sie haben ihre Erlebnisse oder Rezepte auf Papier drucken lassen. Die Qualität von Jamie Olivers Kochbüchern soll hier nicht Thema sein. Das neue Buch des Sängers der Band Franz Ferdinand, Alex Kapranos, und das 2004 er-


OLE PLOSTEDT & JÖRG RAUFEISEN Rote Gourmet Fraktion Kiepenheuer und Witsch

BEATIFICA “Der Tod und das Mädchen”

PREACHER Die Biblyothek, edition moritate

OKAMI Ein “Game”, wird hier aber nicht rezensiert

BEATIFICA “Der Tod und das Mädchen”

nostalgischen Gründen habe ich mir gerade wieder Band 1-3 gekauft. Das Schönste sind die überall lustvoll brennenden Zigaretten.

JA ... GENAU! DERSELBE SCHEISS NOCHMAL. NUR SIND ES EBEN BÜCHER JETZT. BÜCHER? DAS SIND SO DINGER MIT BUCHSTABEN DRINNEN. schienene Werk der Roten Gourmet Fraktion hingegen schon. Kapranos ist ein scharfer Beobachter. Er seziert die Stationen seiner kulinarischen Reise oft bis zur Unkenntlichkeit. Manchmal verliert er sich in den Beschreibungen der Zutaten und Lokalitäten, zwanghaft darauf bedacht, kein Detail zu vergessen und gerät ob der Einzigartigkeit der Speisen in poetische Schwärmerei. Dabei vergisst er aber, seinem Buch Linie und Struktur zu geben. Er springt durch die Zeiten und von Kontinent zu Kontinent. Beim Lesen wird man nicht durch das Buch geleitet, man wird von Kapitel zu Kapitel gestoßen.

Wer tiefer in das Thema "Was machen Musikanten, wenn das Publikum die Halle verlassen hat" eindringen will, sollte gut zehn Euro in das 2004 erschienene Buch “Rote Gourmet Fraktion” von Ole Plogstedt und Jörg Raufeisen investieren.

Trotzdem gelingt es Kapranos, die geneigte Leserin und den geneigten Leser durch seine Liebe zu kulinarischen Details zu fesseln. Wussten Sie zum Beispiel was Muskelmägen sind? Und dass man sie essen kann? Wie angeblich auch mit Innereien und Hafermehl gefüllte Schafsmägen, dem fachkundigen Publikum unter dem Namen Haggis bekannt. (Ob diese Mahlzeit allerdings auch der durchschnittliche, an britische Küche nicht gewöhnte mitteleuropäische Magen länger als eine Minute behalten kann, darüber schweigt Kapranos.)

In “Rote Gourmet Fraktion” erzählen sie einerseits von ihrem Weg, der sie weg von den Küchen diverser Nobelhotels, hin zu zugigen Veranstaltungshallen führte. Sie geben aber auch einen Einblick in das Leben, das Bands auf Tour führen. Manchmal scheint es beim Lesen, als ob man einen Schelmenroman vor sich hat, so dicht sind die Anekdoten gesetzt. Dabei vergessen die Autoren aber nicht, auch die Schattenseiten des Tourlebens zu beleuchten. So sind die Streiche, die sie sich und anderen spielen, ein Ventil, das einen Arbeitstag mit sechzehn Stunden, nach dem man mit einem Bus zum nächsten Gig fährt, erträglich macht.

Wer näheres über das Tourleben von Franz Ferdinand erfahren will, sollte sich die gut acht Euro sparen, denn er wird enttäuscht werden. Lediglich die Marotten seiner Bandkollegen sind Kapranos ein paar Zeilen wert. Amüsant zu lesen ist die Rache des Autors an einem Hoteldirektor, der ihm verbot, in der Lobby des Hotels sein Otha zu verzehren.

Plogstedt und Raufeisen gründeten Mitte der Neunziger Jahre ein Catering-Unternehmen, das sich zum Ziel gesetzt hat, Musikanten das Leben auf Tour möglichst angenehm zu gestalten. Sie begleiteten die Toten Hosen, die Ärzte und Rammstein auf ihren Touren und richteten das Catering bei großen Festivals aus.

Im Anhang finden Rezepte, mit denen die RGF ihre Stars Backstage verwöhnen. Wer sich also einmal wie ein Rockstar nach einem Konzert fühlen will, sollte sich unbedingt als Nachspeise ein Jägermeistermousse oder eine Gummibärchenlasagne gönnen.(l’orou)

PREACHER Die Biblyothek, edition moritate

Bernadette mochte keine Comics, die waren ihr zu wenig intellektuell. Für Bernd waren Comics heilig. Ich hingegen hatte keine Ahnung: weder von Intellektualität, noch von Comics. Das war vor 15 Jahren und Bernd erweiterte meinen Horizont, wie weiland der alte Gödel jenen der Formalisten. Bernd (nicht Gödel!) gab mir Akira (von Katsuhiro Otomo) zu lesen und Sin City (von Frank Miller) zu bestaunen. Und wenn ich heute auch nicht mehr mit ihm rede, dafür werde ich ihm dankbar sein bis Eins und Eins gleich Drei über der elementaren Zahlentheorie sein wird. Die erste Regel bei Comics ist, dass man sie in engen, schwach beleuchteten, angrammelten Löchern kauft, deren Inhaber/innen sich selten von ihrer Umgebung (positiv) abheben. Die zweite Regel ist, dass es nur amerikanische und japanische Comics gibt. Die dritte habe ich vergessen, aber sie war so schön wie die Tarskische Quantorenelimination. Nach Regel No. 2 ist Beatifica Blues kein Comic, weil aus Frankreich. Beatifica Blues erzählt die Geschichte von Valdo Slack, der in einer zukünftigen, atomschlaggeschädigten Erde sein Dasein als Ex-Designer der Glücksdroge Beatifica fristet. Und wir fristen mit. Die Serie wurde nach den ersten drei Ausgaben eingestellt. Aus

Preacher ist ein böses, fieses und gemeines Comic. So könnten die script books von Tarantinofilmen aussehen, bevor die Zensur zuschlägt. Preacher erzählt die Geschichte von Jesse Custer, Tulip O'Hara und Poseidas Cassidy. Jesse wird heimgesucht von Genesis, dem Affärenresultat eines Engels und einer Teufelin. Hinfort spricht er mit der Stimme des Herren. Er erfährt, dass Gott sich auf sein Altenteil zurückgezogen hat und begibt sich auf einen Kreuzzug, um diesen verantwortungslosen Pensionisten zur Rede zu stellen. Unterwegs trifft er Tulip wieder, seine Jugendliebe, deren Umschulung von der Autodiebin zur Profikillerin nicht so recht gelingen will. Und Cassidy? Findet es doch selber raus! Die Wir-treten-Gott-in-denArsch-Storyline wird in epischer Breite ausgelutscht, unterbrochen von Zwischenschaukämpfen mit den Gralsrittern, Hintergrundinformationen zu den Protagonisten und Ähnlichem. Die Serie geht über ein gutes Dutzend Bücher, sowie einiger Specials. Aber daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, schließlich ist auch der Beweis der Fermatschen Behauptung ein elendslanger. (prof_moser)

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EIN PAAR FRAGEN AN FRAU STENZEL HÄTTE DA NOCH TOM. Das Drogenproblem der Inneren Stadt ist so gut wie gelöst. Seit heute weiß ich das. Wiens Untergrundbahnblatt hat mir und ungezählten anderen gelangweilten U-Bahn-Passagieren die unvergleichliche Idee der Bezirksvorsteherin kundgetan. Die Musik wird, wenngleich nicht die Welt, so doch einen Teil davon – den Karlsplatz – für die gute, also christlichbürgerliche Gesellschaft retten. Mittels großflächiger Beschallung von Opernpassage und Park vor der Karlskirche mit klassischer Musik soll Drogendealern, deren Kundschaft und sonstigen Herumlungerern der Karlsplatz vergällt werden. Umso schmackhafter wird dieser dadurch freilich für die korrekt eingestellten MitbürgerInnen und erwünschten ausländischen Gäste. Da bleiben kaum noch Fragen offen, magere 37 hätte ich: 1. Womit wird der Soundteppich geknüpft? 2. Mit Hilfe wetterfester Lautsprecher im Geäst? 3. Sind auch Live-Übertragungen aus dem Musikverein eingeplant, möglicherweise mit Übertragung auf Großbildleinwände, um so all jenen, die in der Abo-Erbfolge für das Philharmonische an abgeschlagener Stelle rangieren, die hohe Kunst zumindest um einen Straßenzug näher zu bringen? 4. Stünde das Anti-Drogen- und Obdachlosen-Programm am Karlsdann nicht in Konkurrenz zum Sommerprogramm auf dem Rathausplatz? 5. Soll womöglich gar vor Ort musiziert werden? 6. Wer spielt auf? 7. Werden Orchester aus Städten geladen, die Erfahrung mit der Drogenproblematik haben? 8. Etwa ein Musikerkollektiv aus der Stadt, die zu werden Wien nicht wollen soll: das Chicago Symphony Orchestra? 9. Möglicherweise noch geeigneter,

Lieber Chef! Hier meine Textspende, “Enten füttern” ist der Kolumnentitel. Alle anderen Ideen (“Sofa-Empfehlung zum teuersten Gemälde der Welt”, “Meine schönsten Briefmarken – Rückblick eines beschränkten Philatelisten”, oder Teil 1 der Serie “Meine langweiligsten Hobbies”) wurden wieder verworfen ... LieberTom! Ewig schade drum!

das Royal Concertgebouw Orchestra aus Amsterdam? 10. Warum nicht auch Zwangsverpflichtung lärmender StraßenmusikantInnen von Kärntner Straße und Graben zum Klassikdienst am Karlsplatz: Ein Schlag, zwei Fliegen? 11. Unter Umständen will die oberste Bezirkshirtin auf Nummer sicher gehen und mit der Exekutive zusammenarbeiten? 12. Könnte diese eine musizierende Eingreiftruppe bilden? 13. Eine Drogen Orchester Polizei Einheit analog zur WEGA? 14. Was definiert die Qualität der zweckdienlichen Musik? 15. Die Werke welcher Komponisten sind besonders geeignet, die Gehörgänge unliebsamer Individuen zu beleidigen? 16. Vielleicht muss die klassische Musik einfach nur schlecht gespielt sein, um ihre zersetzende Wirkung zu entfalten? 17. Wäre dann ein Orchester von Volkshochschulen-Erstsemestern die Lösung? 18. Oder von Volkspartei-Politikern? 19. In welchem Zeitraum täglich ist die musikalische Untermalung der (Dann-)Karlsplatz-Idylle geplant? 20. 24 Stunden am Tag? 21. Zieht hier ein dunkler Widerspruch im genügend bekannten lichten Bestreben der Bezirksherrscherin auf, die Innere Stadt in eine ungestörte Oase der Totenstille zu verwandeln? 22. Dann doch nur bis 22 Uhr? 23. Hallen aber die Klänge der Streicher, Holz- und Blechbläser in den Ohren der Verwunschenen

lange genug nach, so dass sie nicht nächtens in ihr Revier zurückkehren? 24. Im Rückkehrfall, wann werden sie morgens symphonisch geweckt? 25. Und wohin sollen die Drogendealer und -süchtigen, vor allem aber obdachlose Herumlungerer vor der Klassik fliehen? 26. Nach Hause? 27. In die angrenzenden Bezirke? 28. Werden nachhaltige Problemlösungen überbewertet? 29. Muss in der Folge damit gerechnet werden, dass die “Klassikzone” Schritt für Schritt erweitert wird, nicht unähnlich der Kurzparkzone im Zuge der Parkraumbewirtschaftung? 30. Wirkt die klassische Waffe tatsächlich so zielgruppengenau? 31. Ist klassische Musik das Weihwasser des Drogenteufels? 32. Sind Liebhaber dieser Klänge gegen die Verlockung berauschender Substanzen und öffentliches Herumlungern gefeit? 33. Liegt also die Erziehung der Kinder zur E-Musik als Suchtprävention auf der Hand? 34. Begründet das die Ignoranz des schulischen Musikunterrichts gegenüber Rock- und Pop-Musik? 35. Berücksichtigt die klassische Idee aber die Anpassungsfähigkeit des Marktes? 36. Agieren findige Dealer zukünftig mit situationsgerechten Lockangeboten: Bei Suchtmittelkauf – Ohropax gratis? 37. Quietscht hier etwa gar Federvieh?


JA, ICH UNTERSTÜTZE HYDRA MIT EINEM FÖRDERABO VON 20,- EURO FÜR VIER AUSGABEN,

warum zum teufel ein remake?

wie komme ich zu diesem heft?

Gute Frage. Hätte sich eine ehrliche Antwort verdient. Aber nicht in diesem Leben. Und nicht auf dieser Welt. Trotzdem eine Antwort. Das neue Logo! Das musste einfach hinein.

Der Nachdruck einer exklusiven Sonderedition von 250 Stück würde lumpige

Nein. Okay. Wir geben es zu. HYDRA #1 war ein Reinfall. Weil wir keine Ahnung hatten, wo wir hin wollten. Dass sich im Heft acht Seiten Rezensionen befinden, sagt schon alles, oder?

€ 592,kosten. Finanziere den Nachdruck und das Heft gehört Dir. Selbstverständlich wäre das eine sponsored issue, worüber wir gerne im Detail plaudern können. Schreib an office@hydrazine.at

Insbesondere aber wurmte das Layout. Darum haben wir das Heft einfach in die Waschmaschine gesteckt und einen auf Levis-Jeans gemacht. Siehe da: Gleich viel cooler das Teil ...

HYDRA No. 1 entstand in Zusammenarbeit mit der medienMANUFAKTUR Wien.

egal wann diese erscheinen (und wenn es 2037 wird!), verlange aber im Gegenzug, dass mir die Hydranten abwechselnd die Haare kämmen, den Nacken kraulen, die Ohrläppchen auspusten, und das nicht seltener als dreimal die Woche, nicht öfter allerdings als siebenmal die Woche (ich habe ja auch ein Privatleben, wo soll das hinführen); dann hätte ich gerne, dass mir die Hydranten täglich meine Morgenzeitung ans Bett bringen, und zwar auf Händen und Knien krabbelnd, den Kopf gesenkt, auf dem Rücken die eingerollte Zeitung, daneben ein Wachsblumenstrauß und zwei von einer berühmten Filmdiva der 30er Jahre angeknabberte Strohhalme; außerdem verlange ich, dass Alice eine Anti-Hangover-Maschine erfindet und sie kostenlos der Menschheit zur Verfügung stellt; Und ich will dieses Schnurrbartdings vom Dipl.-Ing. Huber bei mir Zuhause auf der Kommode stehen haben ... hm,, ich denke, das ist alles.

Datum, Unterschrift



Hier ausschneiden, dann dort drüben und dann quer über das Tischtuch ihres Stammwirten. Und wenn Sie so frei sind, können Sie gleich die erstbeste Ausgabe von ÖSTERREICH zerschnipseln. Danke! Und dann per Post an Kulturverein HYDRA, Knöllgasse 9/41, 1100 Wien schicken. Oder einfach so ein Mail an office@hydrazine.at oder noch besser, einfach das Geld mit Name und Anschrift überweisen

KTO NR 28835968400 BLZ 20111 KENNWORT 4X HYDRA

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