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„Es gibt keinen Königsweg“ Burnout-Behandlung

C In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der Kliniken vervielfältigt, die sich auf die Behandlung von Burnout spezialisiert haben. Ausgebrannten Führungskräften versprechen die Zentren eine vergleichsweise schnelle Heilung. Doch ist die Therapie auch nachhaltig? managerSeminare sprach mit Klinikleiter Joachim Galuska über die erfolgskritischen Faktoren einer stationären Behandlung.

Das Thema Burnout hat in den vergangenen zwei Jahren extrem viel Aufmerksamkeit bekommen. Gibt es tatsächlich einen Burnout-Boom? Joachim Galuska: Wir Fachleute beobachten schon seit fünf bis zehn Jahren und mit zunehmendem Erschrecken, dass die psychischen Störungen in der Bevölkerung zunehmen – und zwar in allen Schichten, Altersgruppen, bei beiden Geschlechtern und übrigens auch in allen Berufen. Seit jedoch die Krankenkassen Alarm schlagen und Medien berichten, ist das Thema in der Gesellschaft angekommen. Der Begriff Burnout hat so viel Resonanz, weil er es leichter macht, über das Thema zu sprechen. Nach dem Motto: Ich habe unglaublich

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viel getan, ich habe viel gearbeitet, und jetzt habe ich das Recht, erschöpft zu sein. Aus dieser Betrachtungsweise kann man das Thema scheinbar besser annehmen und reflektieren. Wir Experten finden es grundsätzlich gut, dass überhaupt über das Thema gesprochen wird – egal in welcher Form. Warum gibt es dann heute mehr psychisch belastete Menschen? Galuska: Man kann dabei von einem internationalen Phänomen sprechen, das mit zunehmendem Wohlstand einhergeht. Je mehr Industrialisierung, je mehr Wohlstand, umso mehr psychische Erkrankungen. Die Frage ist: Woran liegt das? Sind wohlhabende Menschen anfälliger? Wir glauben heute, dass die Hauptursache darin liegt, dass die sozialen Bindungen abnehmen, bzw. die Fähigkeit, Beziehungen einzugehen. Das heißt: Die Menschen haben weniger tragfähige Beziehungen und sind weniger eingebunden in soziale Systeme, die sie führen, z.B. Familie, das Dorf oder der Freundeskreis. In einer Dorfgemeinschaft gab es früher

Der Interviewpartner: Dr. med. Joachim Galuska ist Gründer, Geschäftsführer und Ärztlicher Direktor der Heiligenfeld Kliniken, die auf die Behandlung von psychosomatischen Erkrankungen spezialisiert sind. Als Initiator der bundesweiten Kampagne „Aufruf zur psychosozialen Lage in Deutschland“ setzt er sich für einen neuen Ansatz der Prävention von psychosomatischen Erkrankungen ein. Für sein ehrenamtliches Engagement wurde Dr. Joachim Galuska im Jahr 2010 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

zwar eine stärkere soziale Kontrolle. Das war ein Korsett, das einengte und nicht immer gut war. Es bot Menschen jedoch auch einen Orientierungsrahmen und gab Struktur. In unserer Gesellschaft gibt es solche sozialen Korsetts kaum noch. Das hat Vorteile. Es führt jedoch auch zu mehr Orientierungslosigkeit und Überforderung. Bisher sind sich Experten uneins darüber, was Burnout genau ist und als was es einzustufen ist: eine Modekrankheit oder einfach nur ein neues Wort für einen Nervenzusammenbruch. Wie definieren Sie Burnout? Galuska: Für mich ist Burnout keine Krankheit, sondern ein Entwicklungsprozess, der in Phasen verläuft und letztlich zu einer psychischen Erkrankung führt. In der letzten Stufe des Burnout-Prozesses bricht die Leistungsfähigkeit komplett zusammen. Meist treten dann Symptome in einer Form auf, die für den Menschen typisch ist. Das können beispielsweise Rückenoder Kopfschmerzen sein. Andere sogenannte Muster der Dekompensation


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sind Angstzustände, Drogen- oder Alkoholsucht. Am weitaus häufigsten ist jedoch die Depression. Uneinigkeit gibt es nicht nur zur Diagnose, sondern auch zur richtigen Behandlung von Burnout. Wie sieht die optimale Hilfe für Betroffene aus? Galuska: Es gibt keinen Königsweg – also: die eine Methode oder Therapie, die Heilung verspricht. Wichtig ist nur, sich in professionelle, das heißt, fachärztliche Hände zu begeben. Psychische Erkrankungen heilen nicht von alleine. Hat ein Betroffener bereits eine Depression, eine Sucht, Ängste oder eine Erschöpfung ausgebildet, reicht es einfach nicht, weniger zu arbeiten. Burnout ist ein Prozess, der nicht innerhalb von wenigen Wochen stattgefunden hat und der daher auch nicht innerhalb kurzer Zeit umgekehrt werden kann. Um aus den pathologischen Mustern herauszukommen, sind mindestens vier oder sechs Wochen in einer Klinik nötig. Viele empfinden den Schritt in eine Klinik als sehr radikal. Ist eine stationäre Behandlung bei Burnout immer notwendig? Galuska: Die entscheidende Frage lautet für Betroffene: Hilft mir das Umfeld, in dem ich lebe, die Einsichten, die ich etwa in einer ambulanten Therapie gewonnen habe, umzusetzen? Oder bringt mich mein Umfeld eher dazu, im Burnout-Denken, in der Kontaktlosigkeit, in der Selbstzerstörung zu bleiben? In diesem Fall ist ein Klinikaufenthalt in jedem Fall anzuraten. Denn wenn Betroffene nur alle vierzehn Tage einen Coaching- oder Therapietermin wahrnehmen, ansonsten aber in dem

Umfeld bleiben, in dem sie sich selbst überfordert haben oder in dem sie überfordert wurden, ist es kaum möglich, aus den eingefahrenen Mustern herauszutreten. Dann besteht sogar die Gefahr einer Chronifizierung. Ich weiß natürlich auch, dass ein solcher Klinkaufenthalt oft mit einer Stigmatisierung verbunden wird. Alles Seelische wird gerade bei Führungskräften als Schwäche angesehen. Das ist ein Problem, mit dem sich jeder auseinandersetzen muss. Vielleicht hilft die Frage: In was für einer Welt will ich Karriere machen? Ist Erfolg tatsächlich nur möglich, wenn ich mich selbst vernachlässige? Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Kliniken, die sich auf die Behandlung von Burnout spezialisiert haben. Welche Vorteile bietet eine stationäre Behandlung? Galuska: Eine Klinik stellt Betroffenen eine andere Kultur zur Verfügung als die, in der sie krank geworden sind. Man kann zwar nicht unbedingt sagen, dass eine Unternehmenskultur den Burnout-Prozess bewusst fördert. Oft sind jedoch Selbstüberforderung und eine einseitige Leistungsorientierung unbewusste Merkmale eines Arbeitsumfeldes. Wenn ich da drin bleibe, kann ich nicht gesund werden, weil die Kultur so stark ist, dass ich von außen und von innen her beeinflusst werde. Von außen heißt: durch mein Umfeld, meine Vorgesetzten, meine Kollegen. Von innen heißt: durch mein eigenes Arbeitskonzept, durch meine eigene Vorstellung davon, wie ich meine Arbeit organisiere und reguliere. Das ist einseitig, und das ist untauglich an dieser Stelle. Es gibt viele Vorurteile über solche Klinikaufenthalte. Klären Sie uns auf: Wie sieht der Aufenthalt in einer Klinik ganz konkret aus? Galuska: In der Regel folgt nach der stationären Aufnahme ein längeres Gespräch mit dem zuständigen Arzt. Dieser nimmt zunächst alle Symptome auf, fragt nach der Biografie, nach der Entwicklung, nach den Hintergründen und versucht, sich so ein vollständiges Bild von der Problematik zu machen. Meist folgen dann körperliche Untersuchungen, um organische Ursachen

abzuklären. Nach dem diagnostischen Teil erhält der Patient ein individuelles Behandlungsprogramm. Das besteht meist aus Einzelgesprächsterminen bei Therapeuten und Gruppentreffen. In der Regel finden diese dreimal in der Woche für 100 Minuten mit anderen Patienten statt, die ähnliche oder auch andere Probleme haben. Weitere Therapiemaßnahmen können Krankengymnastik oder Massagen sein, Kunsttherapie, Rhythmus- oder Tanztherapie, oder Gruppen, in denen man den Umgang mit Aggressionen übt. Daneben gibt es Gruppentreffen zum Thema Lebensführung. Das ist so etwas wie Selbstmanagement. Dort sollen die Patienten lernen, emotionale Zustände zu steuern, aber auch ihr gesamtes Gesundheitsverhalten zu überprüfen. Das funktioniert meist wie ein interaktives Seminar: Die Patienten bekommen Informationen und Arbeitsblätter, die sie durcharbeiten und mit Mitpatienten diskutieren. Dann können Patienten auch Gymnastik oder Sport machen, an Entspannungsverfahren oder Meditation teilnehmen. In Terminen mit dem behandelnden Arzt wird regelmäßig geschaut, ob die vereinbarten Ziele in den festgelegten Therapien erreicht werden können. Gegebenenfalls wird dann der Behandlungsplan verändert. Wie steht es um die Genesungschancen bei Burnout? Galuska: Die sind sehr hoch. Und das ist die gute Nachricht: Wir können 90 Prozent der Patienten nach sechs bis acht Wochen mit einem klaren positiven Ergebnis entlassen. Das heißt

Service Linktipp A www.psychosoziale-lage.de 2010 lancierte ein Kreis leitender Ärzte von psychosomatischen Kliniken einen Aufruf zur psychosozialen Lage in Deutschland. Ziel der Initiative ist es, den offenen Dialog über die psychosoziale Lage, ihre möglichen Ursachen und sinnvolle Handlungsansätze zu fördern. Die Liste der Erstunterzeichner gibt einen Überblick über ganzheitlich arbeitende Burnout-Kliniken.

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nicht, dass sie dann völlig geheilt sind. Die meisten sind nach der Klinik auch nicht direkt arbeitsfähig. Aber der Abwärtsprozess des Burnout kann auf jeden Fall in dieser Zeit in eine andere Richtung gedreht werden. Die psychische Erkrankung ist dann soweit im Griff, dass man mit ambulanten Mitteln weiter behandeln kann. Natürlich kommt das sehr stark auf den Grad der Verzweiflung und die Schwere der Störung an, mit der die Patienten zu uns kommen. Ich

sage immer: Die Hälfte der Arbeit ist es, sich selbst zu finden und sein eigenes Leben innerlich neu zu orientieren. Die zweite Hälfte besteht darin, das in der Klinik Gefundene in die eigenen Lebensumstände zu integrieren, also in das Arbeitsumfeld, die Freizeit, die Beziehungen, den Umgang mit sich selbst. Eben all das, was im Leben eine Rolle spielt. Das Interview führte Nina Peters C

Burnout-Kliniken im Überblick Klinik

Leitung (Chefarzt)

Kosten

Gelderland Klinik Geldern, Clemensstraße, 47608 Geldern, Tel.: 02831/137-0, Fax: 02831/137-221, verwaltung@gelderlandklinik.de, www.gelderlandklinik.de

Dr. med. Udo Simson, Dr. med. Klaus Peter Krieger

125 Euro Tagessatz (Behandlung und Unterkunft)

Klinik Medical Park Chiemseeblick, Rasthausstraße 25, 83233 Bernau-Felden, Tel.: 08051/9615-0, Fax: 08051/9615-324, chiemseeblick@medicalpark.de, www.medicalpark.de

Prof. Dr. med. Michael Bach, Dr. med. Dr. phil. Dipl.-Psych. Heinz F. Golling

Akut: ab 170,83 Euro Tagessatz, zzgl. Therapien; Reha: ab 220 Euro (inkl. Therapien)

Oberbergkliniken (3 Standorte) 1. Oberbergklinik Berlin/Brandenburg, Am Glubigsee 46, 15864 Wendisch Rietz, Tel.: 033679/64-100, Fax: 033679/64-200 2. Oberbergklinik Schwarzwald, Oberberg 1, 78132 Hornberg, Tel.: 07833/7920, Fax: 07833/792825 3. Oberbergklinik Weserbergland, Brede 29, 32699 ExtertalLaßbruch, Tel.: 05754/87-0, Fax: 05754/87-1150 www.oberbergkliniken.de

1. Dr. med. Peter Michael Roth 2. Christoph Middendorf 3. Dr. Hermann J. Paulus, Prof. Dr. Ulrich Voderholzer

Tagespflegesatz von 269 Euro zzgl. MwSt. und individuell abrechenbare ärztliche Zusatzleistungen von 120 Euro zzgl. MwSt.

Schön Klinik Roseneck, Am Roseneck 6, 83209 Prien am Chiemsee, Tel.: 08051/68-0, Fax: 08051/68-3544, www.schoen-kliniken.de

Prof. Dr. Ulrich Voderholzer

Tagessatz: 162,42 Euro, zusätzlich buchbar Komfortpaket 1 (u.a. Unterbringung im Einzelzimmer) für 86,80 Euro pro Tag, Komfortpaket 2 für 55,78 Euro pro Tag

Privatklinik Hohenegg, Privatklinik Hohenegg AG, Hohenegg 4, Postfach 555, CH-8706 Meilen, Tel.: +41 44/92512-12, Fax +41 44/92512-13, privatklinik@hohenegg.ch, www.hohenegg.ch

Dr. med. Toni Brühlmann

900-1.100 CHF, je nach Zimmerkategorie, Anzahl der Arztgespräche und Zusatzprogramm (z.B. Shiatsu, Qi Gong etc.)

sysTelios Gesundheitszentrum, Am Tannenberg 17, 69483 Wald-Michelbach, Tel.: 06207/9249-0, Fax: 06207/9249295, mail@sysTelios.de, www.sysTelios.de

Dr. med. Dipl. rer. pol. Gunther Schmidt

321,30 Euro

Parkklinik Heiligenfeld, Bismarckstr. 36-44, 97688 Bad Kissingen, Tel.: 0971/84-3000, Fax: 0971/84-3029, www.parkklinik-heiligenfeld.de

Dr. Joachim Galuska, Dr. Klaus Buch

330 Euro

Privatklinik Bad Zwischenahn, Seestraße 2, 26160 Bad Zwischenahn, Tel.: 04403/9791-0, info@privatklinikzwischenahn.de, www.privatklinik-zwischenahn.de

Dr. Friedrich Ingwersen

260 Euro Tagessatz plus 82,12 Euro Einzelzimmerzuschlag plus 40 Euro Chefarztbehandlung

Gezeitenhaus Klinik, Gezeiten Haus GmbH, Venner Straße 55, 53177 Bonn, Tel.: 0228/7488-0, Fax.: 0228/7488-09, www.gezeitenhaus.de

Dr. med. Manfred Nelting

stationär: 418 Euro Tagessatz, 39 Euro Zuschlag für Einbettzimmer; Tagesklinik: 291 Euro Tagessatz

managerSeminare know-how | Heft 176 | November 2012

Interview Dr. Joachim Galuska in ManagerSeminare - Es gibt keinen Königsweg  

Der Ärztliche Direktor und Gründer der Heiligenfeld Kliniken für psychosomatische Medizin gab der Zeitschrift ManagerSeminare ein Interview...