STEFAN HIRSIG | Mönch | Exhibition catalogue Haverkampf Leistenschneider | 2022

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--- Mönch ---

STEFAN HIRSIG



MÖnch,

2007

290 × 260 cm / 114 1/4 × 102 1/3 in


2


MÖnch,

2022

230 × 175 cm / 90 1/2 × 69 in


4


Das Orakel spricht, 2022

230 × 175 cm / 90 1/2 × 69 in


6


Gut Gewinnt,

2022

230 × 175 cm / 90 1/2 × 69 in


8

Prophetin,

2022

155 × 135 cm / 61 × 53 1/4 in


Das Beste zum SchluSS,

2022

160 × 145 cm / 63 × 57 in


10

Mirakel F,

2022

250 × 200 cm / 98 1/2 × 78 3/4 in



12


Make ... Not ... !,

2022

190 × 160 cm / 74 3/4 × 63 in


14

Im sechsten Element,

2022

155 × 135 cm / 61 × 53 1/4 in


F gewinnt Oberhand,

2022

155 × 135 cm / 61 × 53 1/4 in


16


Du mir so Ich,

2022

190 × 160 cm / 74 3/4 × 63 in


18


Anno Kumpelnest,

2022

230 × 175 cm / 90 1/2 × 69 in


20

I found myself in another part of the world,

213 × 197 cm / 83 3/4 × 77 1/2 in

2008


FrÉdÉric Schwilden

Bilder wie Satelliten und Kinder

Er hat den Stein der Weisen nicht gesucht. Gefunden hat ihn Stefan Hirsig trotzdem. Er erzählt das beiläufig. Er sitzt da in seiner Wohnung mit dem weißen Haar eines Mannes, der viel erlebt und trotzdem seine jungenhaften, neugierigen Augen behalten hat. Er sagt: „Malen ist meine Überlebensstrategie. Mich hat schon immer beschäftigt, dass es mich irgendwann nicht mehr geben wird. Aber nicht aus Eitelkeit.“ Die Antwort auf die unausgesprochene Frage „Was bleibt, wenn man selber geht?“ hat er inzwischen gefunden. „Meine Bilder wird es immer geben.“ Es ging eigentlich darum, warum er überhaupt malt. Ursächlich, erzählt Hirsig, war‘s eine Notlösung. Er hatte keine Lust auf Abitur. Vielleicht hatte das Abitur auch keine Lust auf ihn. Damals in West-Berlin, wo er zwischen der neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe und der Mauer aufwuchs. Aber weil sein Vater Maler war, und Professor an der Hochschule der Künste, wusste Stefan Hirsig, dass man an der Akademie auch ohne Abitur studieren kann. So hat das angefangen. Aber, wie gesagt, eigentlich ging es darum, warum er immer noch malt. Einige wollen bewundert werden. Andere Geld verdienen. Aber Hirsig möchte in Kontakt mit Menschen, mit der Welt treten und bleiben. „Das ist doch Wahnsinn, wenn man zufällig Leute trifft, die man gar nicht persönlich kennt, und die haben ein Bild von einem. Da trifft man jemanden in Amerika, und der hat ein Bild von mir. Und das hängt da und kommuniziert mit dem. Überall setz’ ich meine Bilder wie Satelliten, wie Kinder in die Welt.“ Hirsigs Bilder sind im besten Sinne absolute und freie Kunst. Er liefert keine Handlungs- und Gebrauchsanweisungen mit. Er fängt immer mit expressiven Gesten an, der Übersetzung von Gedanken und Gefühlen in Bewegung auf dem Bild. Das ist im fast biologischen Sinne Schöpfung. Er nennt das Verfahren „gerichteter Zufall“. Er sagt, er versucht nicht, über das Endergebnis nachzudenken. Früher hätte er seine Bilder richtig zerdacht, aber Fühlen ist natürlicher und wahrer als Denken. Er lässt Formen wie Organis-

Paintings like Satellites and Children

He wasn’t searching for the philosopher’s stone. But Stefan Hirsig found it anyway. He mentions this in passing. He’s sitting in his apartment, with the white hair of a man of considerable experience who has still kept his boyish, inquisitive eyes. He says: “Painting is my survival strategy. I’ve always thought about the fact that at some point I won’t be around anymore. But not out of vanity.” He has meanwhile found the answer to the unspoken question, “What remains once you leave?” “My paintings will always be around.” The question was actually about why he paints at all. Originally, Hirsig says, it was a makeshift solution. He didn’t want to do his Abitur (the German qualification for university entrance). Maybe the Abitur didn’t want him either. This was back in West Berlin, where he grew up between Mies van der Rohe’s Neue Nationalgalerie and the Wall. However, because his father was a painter and professor at the Hochschule der Künste, Stefan Hirsig knew you could study at the academy without an Abitur. That’s how it started. But, as I was saying, the question was actually about why he still paints. Some artists want to be admired. Others want to make money. But Hirsig wants to connect and stay in contact with people, with the world. “It’s crazy when you happen to meet people you don’t know personally, and they have one of your paintings. You meet someone in America, and he has one of your paintings. And it’s hanging there and communicates with him. I send my paintings everywhere into the world like satellites, like children.” Hirsig’s paintings are, in the best sense, absolute and free art. He doesn’t provide any operating instructions. He always starts with expressive gestures, the translation of thoughts and feelings into movement within the picture. This is creation in an almost biological sense. He calls this process “directed chance.” He says he tries not to think about the end result. He tells me that in the past he could really overthink his paintings, but feeling is more natural and true than thinking. He allows forms to grow on the canvas like organisms. “I let them become characters. That sounds a bit cheesy, like when you create a golem out of a lump of clay.” The paintings are finished “when they suddenly speak to me.”


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men auf der Leinwand wachsen. „Ich lasse sie Charaktere werden. Das klingt ein bisschen kitschig, wie wenn man aus einem Klumpen Ton einen Golem erschafft.“ Fertig sind die Bilder, „wenn sie plötzlich zu mir sprechen.“ Das ist wirklich wie bei eigenen Kindern. Wenn man merkt, das sind ja nicht nur Zellen, fünfzigfünfzig von einem selbst und seinem Partner, nein, da entsteht ein eigenständiges Wesen. Mit eigenem Bewusstsein. Eigenen Gefühlen. Eigenen Ideen. Eigenem alles. Vor ein paar Jahren kamen die Helikopter-Eltern. Das waren die, die Kinder in SUVs in die Schule fuhren und, wenn sie eine Dreiminus hatten, mit dem Anwalt drohten. Das Resultat sind junge Erwachsene, so unselbständig wie lange nicht. Und nach den Helikopter-Eltern kamen die Helikopter-Künstler. Das waren die, die ihre Arbeiten vor allem und jedem schützen wollten. Die genau sagten, wie man ihre Werke anschauen, rezipieren oder bewerten sollte. Stefan Hirsig hat das nie gemacht. Er weiß darum, dass gutes Künstlerwie Eltern-Sein, loslassen bedeutet. „Wenn die Bilder fertig sind, entfernen sie sich wieder, dann sind sie frei. Sie gehören nicht mehr mir, sondern der Welt.“ Sie sind, wie junge Erwachsene, die gerade noch Kinder waren, mündig geworden – mit allen Konsequenzen der Freiheit. „Kinder, die du in die Welt schickst, können auch drogenabhängig werden“, sagt er. „Aber an der Möglichkeit des Falls darf man nicht verzweifeln.“ Freiheit bedeutet, Unsicherheit auszuhalten. Unsicherheit und Uneindeutigkeit sind die derzeit am meisten gebrauchten Kräfte der Kunst in einer Gegenwart, die alles in Ja oder Nein, Gut oder Böse unterteilen will. „Is she big, is she small? Is she a she at all“, sangen die Kinks. Etwas nicht genau zu wissen, und diese Unschärfe als Spannung zu genießen, ist die Lösung des Dilemmas Jetzt. Und genau diese Lösung bietet Stefan Hirsig in seiner zeitlosen Malerei. Die Arbeiten mit Titeln wie Mönch, Das Orakel spricht, Gut Gewinnt oder Anno Kumpelnest, legen Fährten in Realität und Unwirklichkeiten. Es geht nicht um Wahrheiten, die es eh nicht gibt, sondern um Wahrhaftigkeit.

It really is like having your own children. When you realize they aren’t just cells: fifty-fifty of you and your partner. No, an independent being comes into existence. With its own consciousness. Its own feelings. Its own ideas. Its own everything. A few years ago, the helicopter parents arrived. They were the ones who drove the kids to school in SUVs and threatened to lawyer up if they got a C-minus. As a result, young adults are more dependent than they’ve been for a long time. And following the helicopter parents came the helicopter artists. They were the ones who wanted to protect their art from everyone and everything. They told us exactly how to view, interpret, or evaluate their work. Stefan Hirsig has never done this. He knows that being a good artist, like being a good parent, means letting go. “When the paintings are done, they move away again, and then they’re free. They don’t belong to me anymore, they belong to the world.” Like young adults who were only just kids, they’ve come of age – with all the consequences of freedom. “The children you send out into the world can also become drug addicts,” he says. “But you can’t let that possibility discourage you.” Freedom means enduring uncertainty. Uncertainty and ambiguity are, at present, the most frequently used forces of art in a contemporary world that aims to divide everything into yes or no, good or bad. “Is she big, is she small? Is she a she at all,” sang the Kinks. Not knowing something for sure, and enjoying this vagueness as tension, is the solution to the dilemma of the Now. And it is precisely this solution that Stefan Hirsig offers in his timeless paintings. Works with titles like Mönch (Monk), Das Orakel spricht (The Oracle Speaks), Gut Gewinnt (Good Wins), or Anno Kumpelnest lay tracks in reality and

Spencer Brownstone, NYC 2007


Hirsig findet die vor allem nachts. Dann, wenn er alleine in seinem Atelier ist. Er malt meistens bis in die frühen Morgenstunden. Ganz allein. Häufig an einem Dutzend Bilder gleichzeitig. Wenn alles draußen schläft, die Studenten, die Lehrer, die Party Kids, die Medienleuten, die Biomarktverkäufer da im Berliner Prenzlauer Berg. Dann macht er den Plattenspieler an. Dann kratzt die Nadel Töne in die Luft. Oasis, Kraftwerk oder The Specials klingen im Raum. Der harte Boden ist mit Farbspritzern wie von einem Pilzmyzel überwuchert und durchdrungen. Da liegen Farbtuben, Spachtel und ein Zollstock. Das ist kein Studio, kein Loft. Das ist Stefan Hirsigs Arbeitsplatz, seine Werkstatt. Es geht nicht um Gemütlichkeit, um Instagrammability, es geht um alles: es geht um die Kunst der Kunst willen. Hirsigs Arbeit ist kein Kommentator flüchtiger Gegenwart. Bei Hirsig gibt es keine Banalitäten gemalter Essays über Randnotizen egaler Diskurse.

unrealities. It’s not about truths – which don’t exist anyway – but about truthfulness. Above all, Hirsig finds it at night. When he’s alone in his studio. He usually paints until the early hours of the morning. All alone. He often works on a dozen paintings at a time. When everything outside is asleep – the students, the teachers, the party kids, the media folks, the organic market vendors out there in Berlin‘s Prenzlauer Berg district. That’s when he switches on the record player. That’s when the needle scratches sounds into the air. Oasis, Kraftwerk, or The Specials echo through the room. The hard floor is overrun and permeated with paint splatters like mycelium. Tubes of paint, spatulas, and a folding ruler are strewn about. This isn’t a studio; it isn’t a loft. This is Stefan Hirsig’s workplace, his workshop. It’s not about coziness, not about Instagrammability. It’s about everything: it’s about art for art’s sake. Hirsig’s work doesn’t comment on the fleeting present. There are no trite painted essays here on the marginal


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Er malt die ungeordnete Metaphysik menschlichen Bewusstseins in Form, Farbe, Perspektive, Ordnung und Chaos. Darin liegt die Kraft seiner Bilder. Die Tragik der Gegenwart ist die Reduzierung der Welt und ihrer Bewohner auf die konkrete Summe ihrer Attribute. Aber die Welt und ihre Bewohner sind nicht konkret. Sie sind nicht logisch. Sie sind kompliziert. Stefan Hirsigs Malerei wird ihnen gerecht. Die Gegenwart geht. Die Kunst bleibt. Für immer. In Hirsigs Bildern.

Chateau de Chamarande, 2006 (Foto Sandine Aubrey)

notes of irrelevant discourses. He paints the disordered metaphysics of human consciousness in form, color, perspective, order, and chaos. This is the power of his paintings. The tragedy of the present is the reduction of the world and its inhabitants to the concrete sum of their attributes. But the world and its inhabitants aren’t concrete. They aren’t logical. They’re complicated. Stefan Hirsig’s paintings do them justice. The present leaves. The art remains. Forever. In Hirsig’s paintings.


World Apart,

2008

178 × 160 cm / 70 × 63 in


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Boing Boing BÄng,

2008

167 × 145 cm / 65 3/4 × 57 in


Soul Tempura,

2008

210 × 227 cm / 82 2/3 × 89 1/3 in


28

Adrenalin II, 2004

250 × 212 cm / 98 1/2 × 83 1/2 in


MONK, 2007

227 × 210 cm / 89 1/3 × 82 2/3


30

Gespenster,

2007

220 × 200 cm / 86 2/3 × 78 3/4 in


The Way We Were, 2008

162 × 145 cm / 63 3/4 × 57 in


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untitled (Desastres III),

2017

250 × 200 cm / 98 1/2 × 78 3/4 in


Harriet Zilch

Everything between Wunderkammer and Abyss . . . Thoughts on Stefan Hirsig’s painting

All das zwischen Wunderkammer und Abgrund … Gedanken über die Malerei von Stefan Hirsig

I.

Die Gemälde von Stefan Hirsig sind weder diskret noch selbstgenügsam, sondern mit ihrer zumeist intensiven Tonalität, vibrierenden Dynamik und energetischen Atmosphäre ebenso kühn wie rätselhaft. Seine Werke besitzen eine enorme Anziehungskraft, und so betrachten wir diese Bildwelten nicht als Außenstehende, den Aufbau mit seinen archäologisch anmutenden Schichtungen, die geometrischen Strukturen, Farbverläufe und figürlichen Bezüge studierend, sondern werden in die Kompositionen förmlich hineingezogen. So unvermittelt ein Wirbelsturm das Mädchen Dorothy und ihren Hund Toto in das zauberhafte Land Oz trägt, so unmittelbar befinden auch wir uns in einem Kosmos, der durch seine eigenen Gesetzmäßigkeiten definiert ist. Trotz dieser unmittelbaren Involviertheit entziehen sich die Werke von Stefan Hirsig einer schnellen Konsumierbarkeit. Dies mag auch daran liegen, dass sie maßgeblich durch querschießende Antagonismen geprägt sind: Eklektizismus und Rekurrenz, Präsentation und Entzug, Wagnis und Berechnung, Akzeptanz und Widerstand schließen sich in diesen Kompositionen nicht aus, sondern leben in einer sich gegenseitig bereichernden Koexistenz. Stefan Hirsig jongliert meisterhaft mit diesen vermeintlich unauflösbaren Ambivalenzen, die auf seinen Leinwänden jedoch zu einem organischen Ganzen verwachsen. Es zeigt sich eine generelle Atemlosigkeit in der künstlerischen Umsetzung, die die zumeist großformatigen Gemälde prägt: Dynamische Flächen treffen auf grafische Strukturen, dominante Farben auf stumpfe Töne, abstrakte Gestik auf Erinnerungen an Figürliches. Großzügige Pinselschwünge und pointierte Farbwerfungen stehen filigranen Liniengespinsten gegenüber. Kristalline Strukturen aus Dreiecken und exakt konstruierte Kreisformationen kontrastieren mit Farbschüttungen, die den Zufall beherzt einladen. Dieser ist als produktive Störung unerlässlich, da er eine auf ein vordefiniertes Ziel zusteuernde Werkgenese verhindert. Der Zufall, bewusste Brechungen und intuitive Entscheidungen gestalten die Bildfindung riskant, prägen aber das Ergebnis in seiner Dynamik und spannungsvollen Heterogenität.

I.

Stefan Hirsig’s paintings are neither discrete nor self-sufficient. They are as bold as they are enigmatic, often with an intense tonality, oscillating dynamics, and energetic atmosphere. His works possess an immense magnetism, and we view these visual worlds not as outsiders examining the work’s construction and its archaeological layering, its geometric structures, color gradients, and figurative references—we are literally drawn into the compositions. As abruptly as the tornado that sweeps Dorothy and her dog Toto into the magical land of Oz, we too suddenly find ourselves within a cosmos governed by its own laws. Despite this level of direct involvement, Hirsig’s work evades quick consumption. This may also be due to the fact that the paintings are largely characterized by obstructing antagonisms: eclecticism and recurrence, presentation and withdrawal, risk and calculation, acceptance and resistance do not exclude each other in his compositions, but rather coexist in a mutually enriching relationship. Adeptly, Hirsig juggles these supposedly inextricable ambivalences, which merge into an organic whole on his canvases. There is a general breathlessness to the artistic expression that characterizes the mainly largeformat paintings: dynamic surfaces meet graphic forms, dominant colors meet subdued tones, abstract gestures meet reminiscences of the figurative. Generous brushstrokes and poignant splashes of paint are juxtaposed with delicate meshed lines. Crystalline structures of triangles and precisely constructed circular forms contrast with spills of paint that boldly invite chance. As a productive disturbance it’s indispensable, for it prevents the genesis of a work with a predefined aim. Chance, deliberate breaks, and intuitive decisions make for a risky painting process, however, the result is a dynamic one and characterized by an exhilarating diversity. When we view these paintings through the lens of painting history, we recognize a multitude of references that are made with unerring plausibility. While never direct quotations or referrals, Hirsig‘s painterly and compositional decisions demonstrate his familiarity with the avant-garde movements of modernism, abstract expressionism and tachisme, the collage technique of Kurt Schwitters or Georges Braque, Jackson Pollock’s drip paintings, the paint


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Blicken wir auf diese Gemälde in Kenntnis der Malereigeschichte, so zeigt sich eine Vielzahl an Bezügen, die mit zielsicherer Plausibilität gesetzt wurden. Nie handelt es sich um direkte Zitate oder Verweise, jedoch trifft Stefan Hirsig malerische und kompositorische Entscheidungen, die seine Vertrautheit mit den Avantgardeströmungen der Moderne, dem Abstrakten Expressionismus und Tachismus, der Collagetechnik von Kurt Schwitters oder Georges Braque, den Drip Paintings von Jackson Pollock, den Farbschüttungen von Helen Frankenthaler und Morris Louis oder auch den alchemistischen Experimenten von Sigmar Polke dokumentieren.

II.

Ein gutes Bild zeichnet sich auch dadurch aus, dass wir ihm als Betrachtende noch etwas hinzufügen können. Im Widerspruch zu einer omnipräsenten Bildindustrie, die interpretatorisch eindeutige Bildinformationen produziert und uns immer wieder das bereits Vertraute anbietet, kann Malerei anspielungsreiche, visuelle Metaphern entwerfen, die unserer komplexen Welt wohl eher entsprechen. Sie ist kein eindimensionales Welterklärungsmodell, sondern lässt Leerstellen für neue Assoziationsräume und Bezugsfelder. Wohl auch deshalb erweist sich die Malerei als bemerkenswert beharrlich: Immer wieder für tot oder obsolet erklärt, wird sie auch durch eben jene Bildindustrie weder abgelöst noch in die Bedeutungslosigkeit verbannt. Um die Malerei muss nicht getrauert werden: There’s life in the old dog yet … Diese visuellen Schlupflöcher, die zu Anknüpfungspunkten werden können, finden sich auch in den Werken von Stefan Hirsig. Durch die Malerei, so formuliert es der Künstler, erschaffe er ein in Ausdruck und Charakter eigenständiges Gegenüber, einen komplexen Organismus mit individueller Persönlichkeit. Mit der Vollendung des Werkes emanzipieren sich die biomorphen Gestalten jedoch von ihrem Schöpfer: Sie entschwinden. Sie verselbständigen sich und genießen echte Unabhängigkeit. Verlassen sie das Atelier und finden in Galerieräumen, Museen oder privaten Refugien eine neue Heimat, dann schlagen

spills of Helen Frankenthaler and Morris Louis, or even Sigmar Polke’s alchemical experiments. A good painting is also characterized by the potential that we, the viewers, are able to add something to it. In contrast to the omnipresent visual industry, which produces clearly interpretable imagery, always presenting us with what is already familiar, painting can create allusive visual metaphors that correspond to our complex world. Instead of being a one-dimensional model for explaining the world, it leaves empty spaces for new associations and fields of reference. This is likely one of the reasons why painting has proven to be remarkably persistent: time and again declared dead or obsolete, it has been neither replaced nor relegated to insignificance by the visual industry. There is no need to mourn painting—there’s life in the old dog yet . . . These visual loopholes, which have the potential of starting points, are also found in Hirsig’s work. Through painting, the artist says he can create a

II.

Klosterfelde, Berlin 2008


sie das nächste Kapitel in ihrer Biografie auf und treten in Dialog mit neuen Protagonist*innen, die explizit eingeladen sind, in diese Bildwelten hineinzuschlüpfen, sie weiterzuspinnen und mit individueller Erfahrung anzufüllen.

III.

Ein Mönch ist eine ausgesprochen ambivalente Figur: Er lässt uns an den bierbrauenden Klosterbruder denken, der sich dem Leitsatz Liquida non frangunt ieunum verschrieben hat. Zugleich repräsentiert er Askese, Demut, mystische Hingabe und eine kompromisslose Fokussierung auf eine innere, selbstreflektorische Welt. In dieser, zumeist intrinsisch motivierten Verschreibung, in dem Drang, nur so und nicht anders leben zu können, besteht eine Schnittmenge zum Künstlertum. Auch dieser Weg erscheint vielfach alternativlos und gleichsam radikal, denn nicht nur das Werk, sondern stets auch der Mensch setzt sich der Öffentlichkeit aus, macht sich angreifbar wie verwundbar.

counterpart of independent expression and character: a complex organism with an individual personality. With the completion of the work, however, the biomorphic figures emancipate themselves from their creator—they depart. They become autonomous and enjoy true independence. Once they leave the studio and find a new home in gallery spaces, museums, or private retreats, they enter the next chapter of their biography and begin a dialog with new protagonists who are explicitly invited to slip into these visual worlds, to expand them, and fill them with individual experience. The monk is a decidedly ambivalent figure— a beer-brewing friar, dedicated to the motto Liquida non frangunt ieunum comes to mind. Simultaneously, he also stands for asceticism, humility, mystical devotion, and an uncompromising focus on an inner, self-reflective world. There is an intersection with the life of an artist in this mostly intrinsically motivated order, and the urge to be able to live in only this way and no other way.

III.


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A girl called gun,

2018

240 × 300 cm / 94 1/2 × 118 in


untitled (Desastres II),

2017

240 × 300 cm / 94 1/2 × 118 in


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Stefan Hirsig nennt seine Ausstellung bei Haverkampf Leistenschneider Mönch und zeigt in diesem Kontext sein gleichnamiges Gemälde aus dem Jahr 2007, das als zentraler Bezugspunkt für Mönch (2022) sowie die übrigen aktuell entstandenen Arbeiten fungiert. Seine Bilder scheinen sich zu einer Art Familientreffen versammelt zu haben: Sie gruppieren sich umeinander und interagieren miteinander; sie sind autark und dennoch wesensverwandt. Gemeinsam haben alle Werke, dass sie um verschiedene Aspekte und Grade der Sichtbarwerdung von Figur kreisen: eine Fragestellung, die seit Jahren das Schaffen von Stefan

This path also often appears to be without alternative and, as it were, radical, because not only the oeuvre, but also the individual is always exposed to the public, unguarded and vulnerable. Hirsig has titled his exhibition at Haverkampf Leistenschneider Mönch (Monk). Here, he shows a painting of the same name from 2007, which forms the central point of reference for Mönch (2022), along with a number of more recent works. His paintings seem to be gathered in a kind of family reunion: they cluster around each other and interact; they are autonomous and nevertheless of a similar nature. All the works have in common that they

Hirsig durchzieht. So erscheinen einige seiner neuen Gemälde gänzlich abstrakt, während sich bei anderen Hände, Augen oder Physiognomie in den Bildvordergrund drängen. Teils artikuliert sich lediglich eine vage Vorstellung von Figur; teils zeigen sich einzelne, nahezu emblematische Gestalten mit dezidiert porträthaften Zügen oder auch comicartigen Formulierungen. Dass Figur auch in diesen aktuellen Werken eine zentrale Rolle gewinnt, besitzt wohl eine innere Logik, sagt Stefan Hirsig doch, dass er sich in einem

revolve around different aspects and degrees of making the figure visible: an investigation that has permeated Hirsig’s oeuvre for years. Thus, some of his new paintings appear completely abstract, while in others, hands, eyes, or physiognomic elements are

Schnee von heute

Haverkampf Galerie 2017


untitled (Desastres V),

2017

250 × 200 cm / 98 1/2 × 78 3/4 in


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schöpferischen Prozess immer wieder ein Gegenüber erdenkt. Dieses Gegenüber folgt jedoch keinem Narrativ, sondern ist lediglich der Malerei und ihren Gesetzmäßigkeiten verpflichtet. Die Figur besitzt keine realitätsbezogene Logik, da die Fragen der Komposition ausschließlich für das Bild und der Logik des Bildes folgend gelöst sind. So entsteht die verwirrende Situation, dass wir als Betrachtende Figuren sehen, diese jedoch sowohl figürlich als auch abstrakt gelesen werden können. Wir sehen etwas, das wie eine Darstellung von etwas wirkt, aber keine ist. Wir sehen etwas, das eine Geschichte zu haben scheint, aber keine besitzt. Unter diesen Voraussetzungen hat die Unterscheidung zwischen Abstraktion und Figürlichkeit keine Relevanz. Auch für die aktuellen Arbeiten von Stefan Hirsig gilt: Jedes seiner Gemälde repräsentiert das Ergebnis einer eigenen Entwicklung, deren einzige Direktive die dem Medium Malerei eigene Verschmelzung von Einschränkung und Möglichkeit ist. Jedes Werk erscheint als Resultat einer Reihe von Entscheidungen, die innerhalb einer Choreografie aus Kalkül und Wagnis getroffen wurden. Seine Gemälde entstehen in gleichem Maße aus absichtlicher Zerstörung, wie gewolltem Schaffen und zeigen die Spuren von fortwährender Bewegung. Erinnerungen an vergangene Elemente bleiben wie Phantombilder unter der finalen Oberfläche bestehen, während beharrliche Wechsel für Interruptionen sorgen. Auch die Sorge davor, Stereotypen zu generieren oder eine „Methode“ zu entwickeln, befördert dieses unermüdliche Experimentieren und Vorwärtsschreiten. Im Ergebnis stehen die Gemälde von Stefan Hirsig nicht für glatte Lösungen, sondern suchen nach den dissonanten Augenblicken, die sich schwer einordnen lassen. Und so werden wir sie immer wieder neu befragen und werden neben dem bereits-einmal-Gesehenen noch ein so-noch-nicht-Gesehen und vielleicht auch ein so-überhaupt-noch-nie-Gesehen entdecken.

pushed to the foreground of the painting. In some cases, only a vague idea of the human form is articulated; in others, individual, almost emblematic figures appear with decidedly portrait-related traits or even comic-like appearance. The fact that the figure also maintains a central role in these recent works must follow an inner logic, as Hirsig claims he always imagines a counterpart in the creative process. This counterpart, however, doesn’t adhere to any narrative, but is bound only to painting and its rules. The figure possesses no reality-based logic—all compositional questions are resolved solely within the work and follow the logic of the painting. This creates the confusing situation where we, the viewers, see figures that can be read both figuratively and abstractly. We see something that appears to be representational, but is not. We see something that seems to have a story, but does not. Under these conditions, the distinction between abstraction and figuration has no relevance. The same applies to Hirsig’s current works: each of his paintings represents the result of its own development, the sole directive being the fusion of restriction and possibility, which is inherent in the medium of painting. Each work appears as the result of a series of decisions made within a choreography of calculation and daring. His paintings emerge in equal measure from deliberate destruction as well as intentional creation, and exhibit traces of perpetual movement. Memories of past elements linger like phantom images below the final surface, while persistent shifts provide for interruptions. The apprehension of generating stereotypes or developing a “method” also fuels this relentless experimentation and continuing progression. As a result, Hirsig’s paintings do not represent smooth solutions, but moreover search for dissonant moments that are difficult to categorize. And so, we find ourselves constantly questioning them, and discovering, in addition to the seenbefore, the never-seen-as-such, and perhaps the never-seen-before.


untitled (Desastres VII),

2017

280 × 165 cm / 110 1/4 × 65 in


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Pathos Amputare Auratis,

2018

250 × 200 cm / 98 1/2 × 78 3/4 in



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Interitus Ambivalentio Hot,

2018

220 × 160 cm / 86 2/3 × 63 in


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DANGER,

2018

Installation view Haverkampf Galerie



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Divergente Intensio, 2018

170 × 140 cm / 67 × 55 in


Ductus Danger Est,

2018

170 × 140 cm / 67 × 55 in


50


Divergentio Homunculi,

2018

180 × 140 cm / 70 3/4 × 55 in


52

Hot Deal Permagna Supra, 2018

210 × 160 cm / 82 2/3 × 63 in


Divergentio Precox,

2018

240 × 175 cm / 94 1/2 × 69 in


54


J.P.,

2021

140 × 125 cm / 55 × 49 1/4 in


56

HÜter,

2019

290 × 250 cm / 114 1/4 × 98 1/2 in


Hirtin,

2019

290 × 250 cm / 114 1/4 × 98 1/2 in


58


Aktivist,

2019

290 × 250 cm / 114 1/4 × 98 1/2 in


60


Gemengelage,

2021

160 × 155 cm / 63 × 61 in


62

Nachtschwarm,

2021

140 × 125 cm / 55 × 49 1/4 in


Flirt,

2021

180 × 160 cm / 70 3/4 × 63 in


64


Eremiten,

2020

180 × 160 cm / 70 3/4 × 63 in


66

Der Blick aufʼs Ganze,

2021

180 × 160 cm / 70 3/4 × 63 in


Hallo,

2021

140 × 125 cm / 55 × 49 1/4 in


68

ZÄhmung,

2021

180 × 160 cm / 70 3/4 × 63 in


Stefan Hirsig, geboren 1966 in West-Berlin, studierte in den Jahren von 1988 bis 1993 an der Hochschule der Künste Berlin bei Bernd Koberling.

Hirsig ist ein Maler dynamischer und kraftvoller Kompositionen, alles ist in Bewegung. Er suchte von Anfang an seinen eigenen Weg, die moderne Malerei für seine charakteristische künstlerische Sprache nutzbar zu machen. wurden Stefan Hirsigs Arbeiten in zahlreichen Galerie- und Museumsausstellungen präsentiert, u.a. in der Galerie Martin Klosterfelde, Berlin, im Neuen Museum Weserburg Bremen, im Museum Morsbroich, Leverkusen, bei Sprüth Magers, München, Heinrich Erhardt, Madrid, Marella Arte Contemporanea, Mailand, und Spencer Brownstone, New York. Seit 2017 wird er von Haverkampf Leistenschneider, Berlin, vertreten.

Seit 1994

Stefan Hirsig, born in 1966 in West Berlin, studied with Bernd Koberling at the Berlin University of the Arts from 1988 to 1993.

Hirsig is a painter of dynamic and powerful compositions, everything is in motion. From the beginning, he sought his own way of harnessing modern painting for his characteristic artistic language. Since 1994,

Klosterfelde, Berlin 2007

Stefan Hirsig's work has been presented in numerous gallery and museum exhibitions, including Galerie Martin Klosterfelde, Berlin; Neues Museum Weserburg Bremen; Museum Morsbroich, Leverkusen; Sprüth Magers, Munich; Heinrich Erhardt, Madrid; Marella Arte Contemporanea, Milan; and Spencer Brownstone, New York. Since 2017, he has been represented by Haverkampf Leistenschneider, Berlin.

Alle Bilder vor 2008 Acryl auf Leinwand / ab 2008 Acryl, Öl auf Leinwand All works until 2008 acrylic on canvas / since 2008 acrylic, oil on canvas


Dieser Katalog erscheint anlÄsslich der Ausstellung / This catalogue is published on the occasion of the exhibition

STEFAN HIRSIG Mönch 28. April – 4. Juni 2022 April 28 – June 4, 2022

Haverkampf Leistenschneider Berlin

Philipp Haverkampf & Carolin Leistenschneider Mommsenstraße 67 10629 Berlin, Germany www.haverkampfleistenschneider.com

Texte / texts

Dr. Harriet Zilch, Frédéric Schwilden

Übersetzung / Translation Gestaltung / Design

buero noc, Sarah Nöllenheidt

Fotografie / Photography DAnk / Thanks to

Bonnie Begusch, Anne Fellner Jens Ziehe

Marco Meiran

Haverkampf Leistenschneider Stefan Hirsig Autorin, Autor und Fotografen / authors and photographers

© 2022

ISBN

978-3-9824548-0-1

Printed in Germany