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M EDIENWANDEL Zur systemtheoretischen Rekonstruktion der Medien­ theorie 1 1. Einleitung Lassen Sie mich mit einer Paradoxie beginnen: In der Ge­ schichte der Menschheit ist der Sehsinn überwiegend mit positiven Wertungen verknüpft worden. Weitsicht und Weisheit erscheinen sprachlich eng gekoppelt. Heute, da wir mit den neuen elektronischen Bildmedien über Mittel verfügen, die uns tatsächlich eine nie zuvor gekannte Weit­ sicht ermöglichen, scheint die tradierte Sinnverbindung aufgelöst: Bezüglich der neuen Medien2 besteht der Ver­ dacht, daß sie uns eine trügerische "Wirklichkeit aus 2. Hand" lieferten3, was insbesondere für Kinder und Jugend­ liche mit noch nicht gefestigter Wirklichkeitswahrnehmung gefährlich sei. Gerade das Telemedium mit dem Namen Fernsehen wird in diesem Sinne als Bedrohung wahrge­ nommen.4 Eine einfache Erklärung dafür liegt auf der Hand: Ge­ rade weil der Sehsinn eine herkömmlich so prominente Rolle in unserer Wirklichkeitswahrnehmung spielt, nehmen wir die offenkundige Möglichkeit der technischen Manipu­ lierbarkeit der diesbezüglichen Sinneseindrücke als Gefahr wahr. Obwohl das Fernsehen in Wirklichkeit ein audiovisu­ elles Medium ist, scheint unser Hörsinn weniger von Mani­ pulationsgefahr betroffen. Hören war eben schon immer verknüpft mit Abhängigkeit.5 Natürlich ist es nicht der Hö r­ sinn selbst, der den Eindruck sozialer Abhängigkeit vermit­ telt. Es geht um das Hören gesprochener Worte: in jedem Wort steckt die Abhängigkeit von einem sozial geteilten Zeichenvorrat. Ob wir Worten trauen können, ist nie gewiß. Was wir sehen können, scheint uns sicherer, weil (und so­ weit) wir dabei nicht auf die Wahrnehmungen Anderer, auf Kommunikation, angewiesen sind. (Das sichtbar Niederge­ schriebene soll ja schon lügen können "wie gedruckt".) 1

Diese Vorlage hat der Vorbereitung auf einen Vortrag gedient, den ich im Rahmen einer Vortragsreihe des Fachbereichs Sozialwissenschaften am 17.Januar 1990 18-20h in der Bibliothek der Universität Osnabrück, Al­ te Münze, R.114 gehalten habe. Die Fußnoten stellen Nebenaspekte und Querbezüge mit Bezug auf umfangreichere medientheoretische Skizzen dar, die ich im Rahmen einer laufenden größeren Arbeit zur Rekon­ struktion von Sozialisationstheorie erstellt habe. Der Text ist nur redak­ tionell, nicht in der Sache verändert gegenüber der Fassung von 1990. Die in dieser Fassung verwendete Unterscheidung zwischen Kommuni­ kation und Wahrnehmung wird vom Verf. (1993) nicht mehr vertreten. 2 Gewöhnlich werden mit dem Wort Medien solche der "Presse" gemeint, obwohl diese Medien mit ihrer technischen Herkunft aus der Drucker­ presse ja nur noch wenig zu tun haben. Es wird deshalb zwischen "alten" Medien (die v.a. gedruckte Wortfolgen aber auch Bilder mitteilen) und "neuen" Medien unterschieden (die elektronisch aufbereitete Bilder, Tö ­ ne und Worte mitteilen). 3 Evtl. Zitat: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.) Medien und Kommunikation als Lernfeld, S. 41; oder Karl Bauer, Heinz Hengst, Wirklichkeit aus 2.Hand. Kindheit in der Erfahrungswelt von Spielwa ­ ren und Medienprodukten, Hamburg 1980 4 S. z.B. Marie Winn: Die Droge im Wohnzimmer ...Historisch ist interes­ sant, daß die Bedeutung der elektronischen Medien für unserer Wirk­ lich keitswahrnehmung - vom Morsegerät übers Telefon und Radio - erst ins Blickfeld der Kulturkritik, und insbesondere solcher mit pädagogi­ schen Wertvorstellungen geriet, als auch bewegte Bilder mitgeteilt wer­ den konnten. 5 Diese soziale Dimension klingt nach in Worten wie Gehorsam, "Hörig ­ keit" (vgl. Doelker a.a.O. S. 218f) - die Tugenden des Sehenden hinge­ gen, Weitsicht und Weisheit, gelten als durch Einsamkeit erkauft.

Die visuelle Wahrnehmung in der Interaktion unter Anwesenden bezieht ihre Vorrangstellung in unserer Wirk­ lichkeitswahrnehmung offenkundig aus den lebens­ geschichtlichen Erstanpassungen unseres Bewußtseins6. Wenn wir uns allerdings von dieser (unreflektierten) Erfah­ rung ausgehend zu einer negativen Bewertung aller anderen Medien der Wahrnehmung verleiten lassen, so stützen wir uns auf eine Rangordnung, die eher archaischen (schriftlo­ sen) Kulturen als unserer Gegenwart angemessen wäre. Hinter der auf neue Medien bezogenen Redeweise von der "Wirklichkeit aus zweiter Hand" steht die unausge­ sprochene Annahme, daß wir einen Direktzugang zur Wirk­ lichkeit - ohne Medien - besäßen. Ich möchte diese uns in der Alltagseinstellung begleitende Annahme hier in Zweifel ziehen. Ich tue dies nicht in der Absicht, irgendwelche Me­ dien anzugreifen oder zu verteidigen, sondern ihre Funktion besser zu verstehen. Vielleicht renne ich offene Türen ein, wenn ich argumentiere, daß es bei etwas distanzierter Be­ trachtung schwerfällt zu entscheiden, welche Wirklichkeit eigentlich "aus erster Hand" ist.7 Ich vertrete allerdings nicht die Ansicht, daß die Medienabhängigkeit unserer Wahrnehmung das Spätprodukt gegenwärtiger ("postmo­ derner") Gesellschaftsstrukturen sei. Ich gehe vielmehr davon aus, daß es sich hier um eine Abhängigkeit handelt, die schon immer gegeben war. Ich verknüpfe, diese An­ nahme mit der These8, daß die Entwicklung der neuen Me­ dien es uns erleichtert, diese Medienabhängigkeit unserer Wirklichkeitskonstruktionen zu erkennen. Ich werde zu zeigen versuchen, daß es sich um eine Abhängigkeit han­ delt, die uns einerseits aus gutem Grund in der Alltagsein­ stellung gewöhnlich verborgen bleibt, die wir andererseits aber doch erkennen müssen, um notwendige Veränderungen unserer Wirklichkeitskonstruktionen vollziehen zu können. Ich beziehe mich mit diesem Thema auf eine in der Öffentlichkeit (und den einschlägigen Wis­ 6

Abgesehen von gattungsgeschichtlichen Gründen für die Vo rrangstellung des Sehsinnes, auf die ich an dieser Stelle nicht eingehen will. Dasselbe thesenhaft: - Es gibt keine Wirklichkeit aus 1. Hand - zumindest wenn damit eine Aussage über den Wahrheitsgehalt von Wahrnehmu n­ gen gemeint ist (und nicht bloß eine Aussage über unsere ontogenetisch entwickelten Wahrnehmungsgewohnheiten) - also macht es auch keinen Sinn in wertender Absicht von Wirklichkeit aus 2. Hand zu reden. - Alle menschliche Wirklichkeitswahrnehmung ist ein symbolisch-sinnhaftes Konstruieren von Wirklichkeit unter Verwendung von Medien, die be­ stimmte Möglichkeiten der Wahrnehmung vorselegieren. Ein Medium ist kein (Gewißheits-)Fundament, auf das man bestimmte Aussagen bauen kann, sondern nur eine lose Koppelung von Ereignissen, die es ermöglichen, bestimmte Formen zum Ausdruck zu brin gen. - Auch die­ ser Vortrag ist bloß eine solche Konstruktion von Wirklichkeit - und noch dazu Eine, die unter Verwendung eines hochspezialisierten Medi­ ums (der wiss. Wahrheitssuche) erfolgt, die es erlaubt (aber auch er­ zwingt) die Konstruktion offen zu halten für laufende Umbaumaßnah­ men. 8 Ein wohlmeinender Kollege hat mir dringen geraten, an den Anfang meines Vortrags eine These zu stellen, und mich darauf zu beschränken, diese eine These zu erläutern. Es fällt mir schwer, diese These nicht zu global zu formulieren (und dann mit den beschränkten Ausführungen zu enttäuschen): Ich behaupte, daß mit der Entwicklung neuer Medien der Mitteilung nicht nur die (häufig beschworenen) Risiken des Wirklich­ keitsverlusts, der Verunsicherung des Bewußtseins, sondern auch (ange­ sichts unserer gesellschaftlichen Entwicklung dringend benötigte) Chan­ cen zunehmen, für Änderungen unserer Wirklichkeitskonstruktionen, Lernpro zesse des Bewußtseins. Diese These ist freilich zu allgemein gehalten, um hier angemessen ausgeführt zu werden. Ich werde mich im Folgenden darauf beschränken, die Seite des Chancengewinns zu erläu­ tern (über die Risiken ist weit mehr schon gesagt) und ich werde mich darauf konzentrieren müssen zu zeigen, wie dies überhaupt möglich ist. Ich werde auch darauf verzichten, Ausführungen über die gesellschaftli­ chen Entwicklungen zu machen, die m.E. die Wahrneh mung dieser Chancen dringend erforderlich machen. 7


K.G.: Medienwandel senschaftsdisziplinen) bereits breit geführte Debatte über die Funktion der "neuen" Medien in der Gesellschaft und ihre Wirkung auf die Entwicklung von Bewußtsein. Um diesem Thema einige neue Aspekte abzugewinnen, gehe ich auf zwei Bedeutungen des Medienbegriffs ein, die weitge­ hend nur in wissenschaftlichen Fachsprachen (der Soziolo­ gie und der Psychologie) Verwendung finden. Anwesende Soziologen werden es ohnehin erwartet haben, daß in diesem Vortrag der - vom All­ tagssprachgebrauch in etwas irritierender Weise abwei­ chende - Medienbegriff der Soziologie (der funktionalisti­ schen Theorietradition seit Parsons) herangezogen wird. Ich werde das (ansatzweise) tun im Anschluß an die Fassung, die N. Luhmann dieser Begrifflichkeit gegeben hat. Aller­ dings geht es mir bei dieser Bezugnahme auf die Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien hier nur um die theoretische Rekonstruktion der evolutionär ve r­ schiedenartigen Stellung der Kommunikationsmedien einer­ seits und der oben angesprochenen Medien andererseits, die ich demgegenüber als Mitteilungsmedien bezeichnen möch­ te. Die evolutionäre Stellung der Mitteilungsmedien muß m.E. noch in anderer Hinsicht spezifiziert we rden durch Abgrenzung gegenüber Medien, die ich unter Bezug auf Erkenntnisse der Wahrnehmungs- und Entwicklungspsy­ chologie als Wahrnehmungsmedien bezeichne. Im Folgen­ den werde ich mich vor allem auf die Darstellung dieses Typs von Medien konzentrieren. Ich versuche eine Evolu­ tion der Wahrnehmungsmedien als Parallelentwicklung zur Evolution der Mitteilungs- und Kommunikationsmedien (und damit zugleich einen coevolutionären Zusammenhang von menschlichem Leben, Bewußtsein und Kommunikati­ on) zu rekonstruieren.9. Ich werde im Rahmen dieses Vortrags nur am Rande auf pädagogische Aspekte der Medientheorie eingehen, die ja in der öffentlichen Diskussion die größte Rolle spielen. Die Arbeit, in deren Rahmen ich die hier vorgestellten me­ dientheoretischen Überlegungen entwickelt habe, soll Diese im Hinblick auf eine Analyse des modernen Bildungssy­ stems spezifizieren. Wenn pädagogisch-praktische Fragen in der anschließenden Diskussion eine Rolle spielen sollten, werde ich versuchen, auf diese Fragen einzugehen. Ich stelle die pädagogischen und wertenden Bezüge aber be­ wußt hintan, um zunächst eine theoretisch distanzierte Be­ trachtung der Funktion von Medien zu ermöglichen. 2. Zur System- und Medientheorie Luhmanns Nach Luhmanns Auffassung liegt in der Entwicklung der allgemeinen Systemtheorie der letzten 20 Jahre - ihrem Umbau von einem kybernetisch fundierten Pla­ nungsinstrumentarium zu einer v.a. durch Entdeckungen in der Neurophysiologie fundierten Theorie selbstreferentieller 9

Theoriestrategisch formuliert: Es geht mir darum, eine Verbindung herzu­ stellen zwischen der (eher esoterischen) Medientheorie der funktionali­ stisch-systemtheoretischen Gesellschaftstheorie und der (eher populä­ ren) Medientheorie der (Massen-)kommunikationsforschung. Dabei greife ich auf einen dritten Theoriestrang zurück: die Medientheorie der Wahrnehmungspsychologie und ihre evolutionsbiologischen Grundla­ gen. Es ist wohl klar, daß es hier nicht möglich ist, diese unterschiedli­ chen Theorietraditionen zu referieren. Meine Auswahl für diesen Vo r­ trag zielt auf die Ve rknüpfung der drei Theoriestränge durch eine sy­ stem- und evolutionstheoretische Rekonstruktion, die wiederum an Luhmanns Vorgaben anschließt. Die Luhmannsche Systemtheorie ist also noch in einem weitergehenden Sinne Grundlage dieser Beschrei­ bung, ohne daß ich diese Voraussetzungen hier voll explizieren kann.

2 Systeme - "ein Bruch mit Denkgepflogenheiten, die das Abendland bisher beherrscht haben, mit Folgen für eine Neuordnung des Wissens, die überhaupt noch nicht abzu­ schätzen sind."10 Den wichtigsten Aspekt dieses Bruchs sieht Luhmann darin, daß jene tradierte Werthierarchie aufgelöst wird, worin Selbstbezüglichkeit als ein Privileg des Menschen bzw. seines Bewußtseins angesehen wurde, während die Entwicklung der Systemtheorie dazu zwingt, verschiedene Arten von selbstreferentiellen Systemen (in der Evolution) zu unterscheiden. Diese Dezentrierung werde verschärft, wenn man den von Maturana und Varela entwickelten Begriff autopoieti­ scher Systeme zugrundelegt. "Dieser Begriff bezeichnet Systeme, die die Komponenten aus denen sie bestehen, durch das geschlossene Netzwerk ebendieser Komponenten selbst produzieren und reproduzieren. Sie bestehen aus selbstproduzierten Elementen und sind durch eine rekursiv­ geschlossene Organisation gekenzeichnet."11 Diese Theorie­ lage erzwinge weitere Begriffsklärungen für die Anwen­ dung der Systemtheorie in verschiedenen Wissenschaftsbe­ reichen. Einstweilen gebe es diesbezüglich konkurrierende Theorieangebote. Luhmann bezichtigt sich selbstironisch, in dieser Lage zur Konfusion beigetragen zu haben mit seinem Vorschlag, "sich nicht auf den einen Fall der Autopoiesis des Lebens zu beschränken und alles weitere aus ihm abzu­ leiten, sondern drei verschiedene Arten von Autopoiesis zu unterscheiden, nämlich Leben, Bewußtsein und soziale Kommunikation"12. Mit diesem Theorievorschlag hat sich Luhmann er­ hebliche Rezeptionsprobleme in den Geistes- und Sozial­ wissenschaften eingehandelt. Nimmt man für Leben, Be­ wußtsein und Kommunikation nicht gleichartige Elemen­ taroperationen an, so "muß man von ganz verschiedenarti­ gen sich selbst reproduzierenden Systemen ausgehen, die füreinander Umwelt sind ..."13 Der Vorschlag erscheint zwar durchaus vereinbar mit unserer Alltagswahrnehmung - was weiß mein Bewußtsein von meinem Körper? und was weiß die Kommunikation, an der ich teilnehme, von meinem Bewußtsein? - verstößt aber gegen eine starke Theorietradi­ tion, die der Konstruktion eines allwissenden (oder gar: alles versöhnenden) Subjekts verhaftet ist. Luhmanns Theorievorschlag impliziert nun aller­ dings, daß der Zusammenhang von Leben, Bewußtsein und Kommunikation mit denselben Theoriemitteln rekonstruiert werden kann. An dieser Stelle setzen meine Überlegungen zur Verwendung der Medientheorie ein.14 Die funktionali­ stische Medientheorie Parsons ist von Luhmann auf die 10

Typoskript Selbstreferentielle Systeme, 1989 S.1

Typoskript Selbstreferentielle Systeme, 1989 S.2

Typoskript Selbstreferentielle Systeme, 1989 S.2

13 Typoskript Selbstreferentielle Systeme, 1989 S.3

14 Luhmann hat diesbezüglich zunächst vorgeschlagen, den Begriff der

Interpenetration aus der Parsonschen Systemtheorie einzusetzen, räumt aber ein, daß bei der Übernahme dieses Begriffs in den Theorierahmen selbstreferentieller Systeme wesentliche Änderungen erforderlich sind, die noch keineswegs zureichend geklärt sind. "Ich stelle mir vor, daß dieser Begriff im Laufe seiner weiteren Klärung eine Art Dachbegriff für die Beobachtung der Beziehungen zwischen psychischen und sozia­ len Systemen werden könnte, und speziell ein Begriff für die Beobach­ tung von Kausalitäten, die unter Umständen in den beobachteten psychi­ schen bzw. sozialen Systemen weder bewußtseinsmäßig noch kommu ­ nikativ aktualisiert werden." Typoskript Selbstreferentielle Systeme, 1989 S.6 - Ausführlichere Behandlung des Interpenetrationsbegriffs in SoSy S.286f. (Vgl. meine vorläufigen Bemerkungen zur Unterbe­ stimmtheit dieses Begriffs in: Sozialisation als Evolution psychischer Systeme) 11 12


K.G.: Medienwandel Theorie autopoietischer Systeme umgestellt und weitrei­ chend reformuliert worden. Allerdings hat Luhmann diese Rekonstruktion des Medienbegriffs bisher auf soziale Sy­ steme beschränkt.15 Noch ein Hinweis zur Terminologie: Medium wird in Luhmanns neueren Fassungen (im Anschluß an ent­ sprechende Formulierungen bei Heider) von Form unter­ schieden durch die striktere Koppelung von Ereignissen. Das Medium ist stets die lose Koppelung von Ereignissen, in der sich die striktere Form einprägen bzw. lesen läßt. Diese Unterscheidung steht also quer zu der umgangs­ sprachlichen Unterscheidung zwischen Form und Inhalt. (Zumindest bei Mitteilungsmedien ist die Form der Inhalt.) 3. Zur Unterscheidung von Medien der Wahrnehmung, Mitteilung und Kommunikation Es lassen sich m.E. folgende, aufeinander aufbauende Me­ dium/Form-Beziehungen unterscheiden: 1. Medien der Wahrnehmung koppeln Wahrnehmungen mit anderen Wahrnehmungen und ermöglichen Bewußtsein. 2. Medien der Mitteilung koppeln Bewußtsein mit anderem Bewußtsein und ermöglichen Kommunikation. 3. Medien der Kommunikation koppeln Kommunikation mit anderer Kommunikation und ermöglichen die Evolution komplexerer Strukturen der Kommunikation. ad 1: Menschliches Bewußtsein ist auf metabolischer Ebene offen für sensorische Wahrnehmungen, andererseits aber selbstre­ ferentiell geschlossen auf der Ebene sinnhafter Operationen. Im Unterschied zu Sozialsystemen sind psychische Systeme damit in der Lage, sensorische Wahrnehmungen symbolisch auszuformen. Alle sensorisch wahrnehmbaren Ereignisse eignen sich als Medien der Wahrnehmung. 16 Diese Erei­ gnisse dürfen nicht verwechselt werden mit ihren physikali­ schen Ursachen in der Umwelt. Es handelt sich um die in­ terne Verarbeitung von Reizen, die über Rezeptoren an der Systemgrenze des Bewußtseins wahrgenommen werden. Nicht die physikalische Ursache des Reizes selbst wird 15

Abgesehen von einigen Randbemerkungen über Bewußtsein als Medium in: Wirtschaft der Gesellschaft .. In jüngsten Veröffentlichungen gibt Luhmann zu erkennen, daß mithilfe einer reformulierten Medientheorie die Coevolution von Leben, Bewußtsein und Kommunikation umfassen­ der rekonstruiert werden könnte s.Reden und Schweigen S.11f. Diese Bemerkungen stehen im Rahmen einer noch nicht abgeschlossenen Re­ vision der Medientheorie mittels der Unterscheidung zwischen Medium und Form, an die ich im Folgenden anknüpfe. 16 Luhmann thematisiert Medien der Wahrnehmung nicht gesondert (abge­ sehen von dem Verweis auf die wahrnehmungspsychologische Medi­ um/Form-Unterscheidung bei Heider s.oben) weil Wahrnehmung ihn offensichtlich nicht als eine allgemeine (psychische) Voraussetzung von Kommunikation interessiert sondern nur als Alternative zu Kommunika ­ tion in dem Sonderfall von Interaktionssystemen: "Mit dem Abgren­ zungskriterium der Anwesenheit wird die besondere Bedeutung von Wahrnehmungsprozessen für die Konstitution von Interaktionssystemen zur Geltung gebracht. Wahrnehmung ist, im Ve rgleich zu Kommunika ­ tion, eine anspruchslosere Form der Informationsgewinnung. Sie ermö g­ licht Information, die nicht darauf angewiesen ist, daß sie als In­ formation ausgewählt und kommuniziert wird. Das gibt eine gewisse Sicherheit gegenüber bestimmten Irrtumsquellen, insbesondere gegen­ über Täuschung und psychisch bedingter Verzerrung. Auch evolutionär gesehen ist Wahrnehmung die primäre und verbreitetste Informations­ weise, und nur in wenigen Fällen verdichtet sie sich zu Kommunikati­ on." (SoSy S. 560 s. ausführlicher S.560-566) nochmal nachlesen: die Unterscheidung zwischen Wahrnehmung, Beob­ achtung und Kommunikation in Kap.4 SoSy S. 191-241

3 wahrgenommen sondern eben nur die Art oder Intensität des Reizes. Ein medial wahrnehmbares Ereignis ist, was über das Körpersensorium (in der Interpenetration des psychi­ schen Systems mit Organsystemen) an der SystemUmweltgrenze des Bewußtseins Reize auslöst, die dann sinnhaft interpretiert werden (und zB. auf physikalische Ursachen bezogen werden können). Die Sinnesausstattung der Menschen (visuell, auditiv, taktil, olfaktorisch und evtl. elektrisch) bildet die gesonderten, aber kombinierbaren "Kanäle", über die etwas wahrgenommen werden kann. Auch Ereignisse der Mitteilung und der Ko mmunikation müssen zunächst in dieser Weise wahrgenommen werden können. Bei Medien der Wahrnehmung handelt es sich stets um die lose Koppelung von sensorisch wahrnehmbaren Ereignissen der menschlichen Nahumwelt im menschlichen Bewußtsein. Die wahrgenommenen Ereignisse (Reize) sind ebensowenig symbolischer Natur wie die (organischen) Kanäle, über die sie wahrgenommen werden. Aber nur das menschliche Bewußtsein ist durch rekursive Verknüpfung in der Lage, sensorisch wahrgenommene Ereignisse selektiv zu verarbeiten. Diese Selektivität des Bewußtseins läßt sich beschreiben als eine Differenzierung zwischen loser und fester Koppelung der wahrgenommenen Ereignisse. Die lose Koppelung bildet das Medium (oder den Hintergrund der Wahrnehmung), die festere Koppelung die Form (oder den Focus der Wahrnehmung). Diese Differenz ermöglicht es dem Bewußtsein, sich von der 1:1 Beziehung zur Umwelt abzulösen und auf seiner eigenen Grundlage sinnhaft­ selektiv zu operieren. Die erste Sinndimension des Bewußtseins ist Zeit. Der Zeithorizont von Sinnoperationen wird vom Bewußt­ sein gegen die bloße Momenthaftigkeit sensorischer Wahr­ nehmungen erzeugt.17 Die Fähigkeit des Bewußtseins zur rekursiven Verknüpfung sensorisch wahrgenommener Erei­ gnisse setzt (abgesehen von dem Sensorium der Wahrneh­ mung) den Gedächtnisspeicher des menschlichen Gehirns voraus. Die sinnkonstituierende Koppelung von Wahrneh­ mungen mit anderen Wahrnehmungen ist vor allem durch die gattungsgeschichtliche Evolution dieses Speichers mö g­ lich geworden. Der Gedächtnisspeicher des menschlichen Gehirns bleibt auch die Grundlage für aufeinander aufbauende Dif­ ferenzierungen zwischen loser und fester Koppelung in der Wahrnehmung, die in der Coevolution mit menschlichen Sozialsystemen entstehen und technisch erweiterte Spei­ chermöglichkeiten einbeziehen. Die Evolution der Wahr­ nehmungsmedien läßt sich beschreiben als Entwicklung der Fähigkeiten des Bewußtseins, technisch erweiterte Spei­ chermöglichkeiten - über die natürlichen Speichermöglich­ keiten des menschlichen Hirns hinaus18 - für die rekursive Verknüpfung von Wahrnehmungen zu benutzen. Die tech­ nische Evolution externer Speichermöglichkeiten ist freilich 17

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Der Begriff der Sinngeneralisierung umschreibt die allgemeinste Form, in der das einzelne Sinnereignis der bloßen Temporalität, dem sofortigen Verschwinden entrissen wird. "Generalisierung in diesem Sinn ist ein Instrument der Bewältigung des Komplexitätsgefälles zwischen Umwelt und System. ... Generalisierung hat auch die sinnspezifische Funktion, die Mehrheit der Sinndimensionen zu überbrücken und sie an jedem be­ sonderen Sinnmoment zugänglich zu halten. Sinn wird in allen Dimen ­ sionen, wenn man so sagen darf, angeneralisiert." SoSy 137 Das menschliche "Gedächtnis" (im neuronalen System) ist in dem hier vorgestellten Sinn kein Bestandteil des Bewußtseins sondern ebenso ein externer Speicher wie die technischen Erweiterungen. Vgl. SoSy 102f Anm.19


K.G.: Medienwandel nur möglich auf der Grundlage von schon sozial codiertem Sinn, also in der Coevolution mit den (erst noch zu be­ schreibenden) Mitteilungs- und Kommunikationsmedien. ad 2: Ein Beispiel für den Unterschied von Wahrnehmung und Mitteilung: A. versucht möglichst geräuschlos ein Auto zu knacken, was aber mißlingt, denn Autobesitzer B. nimmt ein verdächtiges Geräusch wahr. Hieraus mag sich eine Kommunikation ergeben, sie war jedoch von A offenkundig nicht intendiert. Bei dem Geräusch handelte es sich nicht um eine Mitteilung. Das Geräusch eignete sich aber für B. als Medium der Wahrnehmung. Als Bestandteil von Mittei­ lungsmedien sind nur solche Ereignisse zu bezeichen, die sich einer Selektion verdanken, die mit der Intention zu kommunizieren (also bestimmte Systemzustände zu koordi­ nieren) verbunden ist. Handelte es sich bei Wahrnehmungen zunächst um die einfache Kontingenz des wahrnehmenden Bewußtseins, das bestimmte Objekte/Er eignisse seiner Nahumwelt als Anzeichen für bestimmte Sinnzusammenhänge selegiert, so handelt es sich bei der Wahrnehmung von Mitteilungen um doppelte Kontingenz: Zunächst die des Absendersystems, das seinerseits sinnhaft interpretierte Ereignisse wählt, um sie mitzuteilen - und dann die Wahrnehmung der Mittei­ lung, die im Kontext des Empfängersystems erneut sinnhaft selegiert wird. Um einerseits die (in solche Wahrnehmung eingebauten) Täuschungsrisiken zu verringern und anderer­ seits die Anschlußbedingungen von Bewußtsein an Kom­ munikation zu sichern, muß das Empfängersystem zwischen Informationsofferte (in der Sachdimension allen Sinns) und Mitteilungshandlung (in der Sozialdimension) unterschei­ den. (Ich komme auf diese Unterscheidung zurück.) Eine solche Wahrnehmungsoperation kann als Verstehen be­ zeichnet werden. Mit dieser Operation emergiert ein System mit dem eigenständigem Operationsmodus Kommunikation (als Einheit von Information, Mitteilung und Verstehen). Bei der Wahrnehmung von Mitteilungen handelt es sich um eine Koppelung von symbolischen und metaboli­ schen Ereignissen, die ihrerseits zum Medium symbolischer Wahrnehmung wird. Die Wahrnehmung von Mitteilungen setzt voraus, daß die darin verwe ndete lose Koppelung von Ereignissen als bereits symbolisch codierte Zeichen wahr­ genommen werden. Aber wie ist ein solcher - sozial geteil­ ter - Zeichenvorrat möglich? Die Antwort ist (hier notwen­ dig verkürzt): durch Kommunikation. Das Bewußtsein lernt durch Teilnahme an Kommunikation und rekursive Ver­ knüpfung diesbezüglicher Wahrnehmungen, daß die Ko n­ tingenz in der Wahrnehmung von Mitteilungen bereits vor­ ab durch einen sozial geteilten Zeichenvorrat reduziert ist. Damit wird es möglich, die spezifische Form (als Informa­ tion) vom Medium zu unterscheiden. (Ich komme darauf zurück, den Mechanismus näher zu beschreiben, der diesen Lernprozeß des Bewußtseins ermöglichen könnte.) Kommunikation läßt sich als Operationsweise eines Systems eigener Art beschreiben, weil es sich bei den Ele­ mentaroperationen um eine (emergente) Ebene der Sinnge­ neralisierung handelt, die von keinem individuellen Be­ wußtsein erreicht werden kann. Der Wiedereintritt der auf der Ebene emergenter Kommunikation ermöglichten sym­ bolischen Generalisierungen in die Wahrnehmungen des Bewußtseins ermöglicht die Evolution von Mitteilungsme­ dien. Die Wahrnehmungsfähigkeit des Bewußtseins für Ereignisse auf metabolischer Ebene geht als Voraussetzung

4 in die Wahrnehmung von Mitteilungen ein. Auch jede Mit­ teilung ist gebunden an metabolisch wahrnehmbare Zei­ chen. Die Mitteilungen eines Absenders müssen als senso­ risch wahrnehmbare Ereignisse in der Nahumwelt eines Empfängers ankommen. Auf metabolischer Ebene findet ein Übertragungsereignis statt - seien es die Schallwellen einer Sprechhandlung oder ein Telex. Mitteilungsmedien sind also insofern Übertragungsmedien. Die Selektion der für Mitteilungen verwendbaren (sensorisch wahrnehmbaren) Zeichen bestimmt den Mö g­ lichkeitsraum für Kommunikation, also für den Aufbau von Sozialsystemen: akustische Lautfolgen, die gleichzeitig ans Ohr des Sprechers und des Hörers dringen und sofort ve r­ gehen, oder optische Zeichenfolgen, die auf Stein, Perga­ ment, Papier fixiert die räumliche und zeitliche Distanzie­ rung zwischen Schreiber und Leser ermöglichen. Die tech­ nische Erweiterung der Mitteilungsmedien durch symboli­ sche Zweitcodierung metabolisch wahrnehmbarer Ereignis­ se basiert auf der Vorabreduktion doppelter Kontingenz durch symbolische Generalisierungen der Kommunikation. ad 3:

Die alle Kommunikationsve rsuche begleitende doppelte

Kontingenz löst sich auf, wenn Kommunikation gelingt.

Diese Auflösung wird eigentlich nur wahrnehmbar im Son­

derfall der Neuemergenz von Kommunikation in einfachen

Interaktionssystemen. Sie geschieht unmerklich in laufender

Kommunikation, weil das wahrnehmende Bewußtsein dabei

auf einen immer schon geteilten Zeichenvorrat zurückgreift.

Zweifellos besteht ein großer Teil unserer Al ltags­ kommunikation aus Operationen, in denen die Differenz zwischen Information und Mitteilung sehr gering ist. Oder anders gesagt: die Funktion dieser Kommunikation für das beteiligte Bewußtsein ist nicht Veränderung sondern bloß Bestätigung existenter Bewußtseinsstrukturen. Auf der anderen Seite ergibt sich aber ein ständig wachsender Be­ reich funktional differenzierter Kommunikation, in der die Verstehensanforderung bezüglich der Differenz von Infor­ mation und Mitteilung sehr hoch angesetzt ist und wo die in der Alltagskommunikation entwickelten Einstellungen nicht ausreichen würden, um diesen Anforderungen zu genügen. Deshalb hat sich auf der Grundlage funktionaler Differen­ zierung in der Moderne schließlich ein weiterer Typ von Medien herausgebildet: Symbolisch generalisierte Komm­ munikationsmedien. Luhmann nennt als wichtigste: Eigen­ tum und Geld, Macht und Recht, Wahrheit, Liebe. Bei den symbolischen Kommunikationsmedien han­ delt es sich wiederum um eine lose Koppelung von Ereig­ nissen (die verschiednen Systemen angehören) vermittels derer spezifischere kommunikative Sinnselektionen Form annehmen können. Sobald Sinn - durch rekursive Verknüp­ fung von Wahrnehmungen und die Wahl eines geeigneten Mitteilungsverhaltens - kommunizierbar geworden ist, (also die doppelte Ko ntingenz der Wahrnehmung einer Mittei­ lung durch ein emergentes Sozialsystem aufgelöst ist) kön­ nen nicht mehr nur einfache Sinnkonstruktionen über die symbolische Codierung von Medien mitgeteilt sondern durch wiederholte lose Koppelung zu Medien innerhalb der Kommunikation werden. Symbolisch generalisierte Kom­ munikationsmedien ermöglichen spezifischere, unwahr­ scheinlichere Sinnselektionen durch rekursive Verknüpfun­ gen von Kommunikation. Auch diese Steigerungsform bleibt an die Umwelt­ voraussetzungen eines metabolisch wahrnehmungsfähigen


K.G.: Medienwandel Organismus und die Koppelung metabolischer und sym­ bolischer Ereignisse durch Wahrnehmungsmedien gebun­ den. Komplexe Strukturen der Kommunikation werden für das teilnehmende psychische System wahrnehmbar und v.a. auch unterscheidbar über die generalisierten Symbole der Kommunikationsmedien. Die Verschiedenheit der Symbole hat eine diskriminierende Funktion für die Wahrnehmung strukturell verschiedner kommunikativer Ereignisse. Diese Funktion setzt aber ebenfalls schon eine lose Koppelung der generalisierten Symbole mit entsprechenden metabolischen Ereignissen - z.B. die "Farbe des Geldes", die "Macht der Gewehrläufe", "sex appeal" etc.- in der Wahrnehmung des Bewußtseins vo raus. 4. Medien als Mechanismen der Evolution Ich habe versucht, die genannten drei Medienarten als auf­ einander aufbauende (nicht aber: sich funktional ersetzende) Medium/Form-Differenzierungen zu beschreiben. Eine wichtige Konsequenz der hier skizzierten Unterscheidung besteht darin, daß z.B. das Fernsehen nicht nur als Teil der Evolution der Mitteilungsmedien sondern auch als Teil der Evolution der Wahrnehmungsmedien zu betrachten ist. Diese Betrachtungsweise steht natürlich quer zu den Kom­ paktannahmen unserer Alltagssprache, in denen wir Fernse­ hen, Computer etc. (aber auch gesprochene Sprache19) je­ weils als ein Medium behandeln, das sich im wesentlichen durch seine technischen Merkmale (und allenfalls seine Auswirkungen auf Bewußtsein und Kommunikation) unter­ scheidet. Die hier getroffene Unterscheidung20 bezieht sich auf die je verschiedenen Selektivität der drei Medienarten in der Coevolution von lebenden, psychischen und sozialen Systemen oder anders ausgedrückt: in ihrer Funktion als evolutionärer Mechanismus. Die Medien der Wahrnehmung, Mitteilung und Kommunikation stehen nicht in der Weise in einer evolutio­ nären Abfolge, daß etwa symbolisch generalisierte Kommu­ nikationsmedien die höchste Errungenschaft darstellten, die

5 die anderen Medien ersetzen kann.21 Die gattungsgeschicht­ lich älteren Medienarten verschwinden nicht sondern unter­ liegen im Zusammenwirken selbst einer Evolution. (Es handelt sich um Evolution der evolutionären Mechanis­ men). Die größte Dynamik für soziale Evolution geht an­ scheinend von der Evolution der Mitteilungsmedien aus, die ihrerseits Strukturen der Wahrnehmung und der Kommuni­ kation unter Veränderungdruck setzen.22 Der Variati­ onsdruck der Mitteilungsmedien - die technische Vervielfäl­ tigung möglicher Kommunikation auf den verschiedensten Ebenen der Gesellschaft - erzeugt erhöhten Selektionsbe­ darf, der durch die Entwicklung von symbolisch genera­ lisierten Kommunikationsmedien befriedigt wird. Gestei­ gerte Variation und erhöhte Selektivität der Kommunikation zusammen erzeugen erhöhten Restabilisierungsbedarf der Kommunikation, der einerseits durch Systemdifferenzie­ rung (Binnendifferenzierung des Gesellschaftssystems) und andererseits durch eine Evo lution der Wahrnehmungsmedi­ en (und eine entsprechende Binnendifferenzierung der psy­ chischen Systeme) aufgefangen werden muß.23 (Dies Einerseits/Andererseits bezieht sich auf die je­ weiligen Ausgangsbedingungen der Coevolution psychi­ scher und sozialer Systeme. Im Folgenden richte ich das Augenmerk verstärkt auf die Seite der psychischen Syste­ me.)

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Sprache ist nach dieser Auffassung nicht ein Medium sondern ein Be­ standteil aller drei hier skizzierten Medium/Form-Beziehungen. Die als Sprache bezeichneten Phänomene (besonders flexibler Koppelung sym­ bolisch-metabolischer Ereignisse) lassen sich weder auf einfache Inter­ aktionssysteme noch auf die Mitteilungskomponente der Kommunikati­ on beschränken, sondern differenzieren sich in Medien der Wahrneh­ mung, Mitteilung und Kommunikation aus, (ohne aber mit einem dieser drei Medientypen zusammenzufallen). Die Differenzierung kann entlang der Unterscheidung zwischen Sender- und Empfänger-Leistungen re ­ konstruiert werden: Bei gesprochener Sprache handelt es sich um die selektive Wahrnehmung der Lautfolge, der schon sinnhaft gekoppelten einzelnen Lautereignisse, die ans Ohr dringen - die bestimmte Informa ­ tion wird auf dem Hintergrund dieses Mediums herausgelesen - im Un ­ terschied zu der medialen Koppelung von Sinn und Stimmbandmo ­ dulationen, die als Mitteilungshandlung gewählt wurde, um eine be­ stimmte Information mitzuteilen. Schon bevor das Empfängerbewußt­ sein die bestimmte Information zur Kenntnis nimmt, muß "sein Ohr" gelernt haben, die Lautfolge sinnhaft zu interpretieren. Die Form ist also sinnhafte Wahrnehmung in einem schon sozialisierten (mit symboli­ schen Wahrnehmungen gekoppelten) Medium. Aber natürlich gibt es Medien der Wahrnehmung, die in geringerem Maße Sozialisation vor­ aussetzen als Sprache, und es gibt den Grenzfall der primären Koppe­ lung von "proximalem" Ob jekt der Wahrnehmung mit einer Vorstellung über die Welt der "distalen" Objekte dahinter (s. m. Ausf. zu Heider a.a.O.). Es handelt sich bei der hier gemachten Unterscheidung um eine Konse­ quenz der grundlegenden Unterscheidung zwischen Bewußtsein und Kommunikation als verschiedenartig operierender autopoietischer Sy­ steme.

Vgl. Zit. oben mit Äußerungen in dieser Richtung bei L; insbesondere Wahrnehmung als eine minderwertigere Art von Informationsgewin­ nung Vgl. L.s Hinweis auf Sprache als Variationsmechanismus der SinnEvolution, zB. Soz:Aufkl.3, 185. Im Unterschied zu J.Künzler a.a.O. sehe ich darin allerdings noch keinen Widerspruch zur Annahme gestei­ gerter Verstehensmöglichkeiten: Evolutionärer Erfolg beruht nicht allein auf dem Selektionsmechanismus oder dem Zusammentreffen aller 3 Mechanismen. Bereits Variation kann als Steigerung von Möglichkeiten beschrieben, die das Gelingen von Kommunikation sowohl wahrschein­ licher wie unter spezifischeren Gesichtspunkten auch unwahr­ scheinlicher macht. Ich versuche im Folgenden, eine eigenständige Evolution von Wahrneh­ mungsmedien zu konstruieren, Alternativ wäre von einer Evolution der Wahrnehmung entlang der evolutionär aufeinanderaufbauenden Medi­ um/Form-Beziehungen zu sprechen. (Noch zu prüfende Anschlußpunkte: 1. L.s Symbiotische Mechanismen als Bestandteil der Evolution der Wahrnehmungsmedien 2. Individuali­ sierung und Individuation (Stufe 3 der Selbstreferentialität des Bewußt­ seins) als Bestandteil der Evolution der Wahrnehmungsmedien 3. Evolu ­ tion der Wahrnehmungsmedien i.e.S. als Sozia lisation bzw. Individuali­ sierung der Körperwahrnehmungen - vgl. der Körperbezug der päd. Km. - s. auch Alois Hahn in Materialität der Kommunikation mit der These, daß die Vorstellung vom Körper als Einheit selbst ein historisch spät entwickeltes kognitives Konzept ist.) Die evolutionäre Entwicklung, die ich hier zu rekonstruieren versuche, läßt sich mithilfe der Unterscheidung zwischen Medien und Formen nur bis zu einem bestimmten Punkt tautologiefrei beschreiben. Ich stoße un­ vermeidlich auf die Wilkürlichkeit der gewählten Ausgangsunterschei­ dung. Das Problem konnte zunächst durch Ebenendifferenzierung, Un­ terscheidung verschiedener Medienarten bearbeitet werden. Wenn ich die drei Medienarten als evolutionäre Folge wiederholter MediumForm-Differenzierungen beschreibe, so entzieht sich die basale Ebene dieser Beschreibung. Ich kann das Problem mithilfe einer anderen Unterscheidung z.B. der Beschreibung der Medien mithilfe der System/Umwelt-Unterscheidung umgehen, allerdings ohne damit eine Letztbegründung beanspruchen zu können. Da Formen der Wahrnehmung nur möglich sind vermittels Me­ dien, die sich der Wahrnehmung entziehen, sind Medien auf der basalen Ebene im streng empirischen Sinne nicht wahrnehmbar (s. Heider-Ref.). Diese mit hilfe der Medium/Form-Unterscheidung evolutionstheoretisch nicht mehr weiter auflösbare Medienart nenne ich Wahrnehmungsmedi­ en. Ob es solche Medien gibt, ist i.e.S. nicht empirisch überprüfbar. Bei der Konstruktion von Wahrnehmungsmedien handelt es sich um eine Hypothese wie der von den Schwarzen Löchern in der Astrophysik.


K.G.: Medienwandel 5. Variation der Wahrnehmung: Die Differenz von In­ formation und Mitteilung Evolutionstheoretisch betrachtet muß ein erhebliches Varia­ tionspotential des Bewußtseins bestehen, damit Kommuni­ kation als Synthese der drei Selektionen (Information, Mit­ teilung und Verstehen) zustande kommen kann. In der Lite­ ratur zur Sozialisationstheorie wird diese Variation überwie­ gend als Anpassung des Bewußtseins an (normalerweise bereits) emergente Strukturen sozialer Systeme beschrieben. Solche Beschreibung zieht jedoch vorschnell die Kontin­ genzspielräume des Bewußtseins in der Coevolution von psychischen und sozialen Systemen ein. Auf der Grundlage der Unterscheidung autopoietischer Sinnsysteme mit den verschiedenartigen Elementaroperationen Kommunikation und Bewußtsein muß eine andere Beschreibung gesucht werden. Alle Kommunikation sozialisiert, sagt Luhmann ge­ gen jene pädagogisierten Auffassungen von Sozialisation, die den Vorgang stets schon unter bestimmten Kriterien des Gelingens beschreiben. Diese Formulierung könnte nun dahingehend mißverstanden werden, daß Sozialisation nicht mißlingen könne. Sozialisation kann mißlingen, weil Ko m­ munikation - als Synthese aus Information, Mitteilung und Verstehen - mißlingen kann. Die kommunikative Synthese kann an jeder dieser drei Operationen scheitern. Die Frage nach der Möglichkeit (bzw. Wahrscheinlichkeit) des Gelin­ gens von Sozialisationsprozessen verweist auf die Frage, welche Funktionen die skizzierten drei Medienarten für das Gelingen der drei Operationen haben, deren Einheit erst Kommunikation ausmacht. Medien werden in der menschlichen Evolution ge­ braucht, weil Menschen als natürlich-individuelle Einheiten existieren und Raum-, Zeit- und Sinndifferenzen überbrük­ ken müssen, um zu kommunizieren. Wahrnehmungs- und Mitteilungsmedien sind u.a. dadurch gekennzeichnet, daß sie sinnhafte Kommunikation ermöglichen, indem sie die Differenz zwischen der Verstehensbereitschaft eines Men­ schen (Ego) und der Mitteilungsofferte eines anderen Men­ schen (Alter) durch mit dem menschlichen Organismus in Raum und Zeit wahrnehmbare Zeichen überbrücken. Auch symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien, die auf die Überbrückung von sozialen Sinndifferenzen spezialisiert sind, benötigen sinnlich wahrnehmbare Zeichen, um ihre Funktion in der Kommunikation zu erfüllen.24 Im Unterschied zu bloßer Wahrnehmung (auch der Wahrnehmung, daß Andere etwas wahrnehmen) ist eine entscheidende Bedingung für die Teilnahme des Bewußt­ seins an Kommunikation seine Fähigkeit, zwischen Infor­ mation und Mitteilung zu unterscheiden. Diese Unterschei­ dung konkretisiert sich in der Unterscheidung zwi schen Subjekten (Personen, an die man die Mitteilung adressieren kann) und Objekten (Sachverhalte, über die man informie­ 24

Dies ist eine protosoziologische Beschreibung. Sie unterscheidet sich allerdings von Luhmanns entsprechender Definition (im Anschluß an F. Heider) als lose gekoppelter Ereignisse - im Ggs. zu den strikter gekop­ pelten Ereignissen der medienvermittelten Form. Die L.sche Beschrei­ bung ist m.E. mit der o.a. ko mpatibel, aber zu allgemein, um die Medi­ enfunktion in der Kommunikation - und insbesondere in der Coeveoluti­ on psychischer und sozialer Systeme - vollständig zu bestimmen. Die mediale Koppelung erscheint ja lose nur in der Beschreibung des ab­ schließenden Ve rstehens der Information, also der Autopoiesis des Sozi­ alsystems. In der Beschreibung des teilnehmenden Bewußtseins, also der bewußtseinsstrukturierenden Sozialisation, kann sich das Medium - ge­ rade weil es als solches nicht wahrgenommen wird - als das Rigidere, jedenfalls strikter Durchschlagende erweisen.

6 ren will). Ohne diese Unterscheidung findet keine Kommu­ nikation statt. Allerdings kann diese Unterscheidung auf sehr verschiedenartige Weise vollzogen werden. Es handelt sich um eine Unterscheidung, deren Grenzlinie selbst der gesellschaftlichen Evolution unterliegt25. Variationen der Wahrnehmung des Bewußtseins las­ sen sich weder auf die Informationskomponente noch auf die Mitteilungskomponente der Kommunikation zurückfüh­ ren. Allein die Wahrnehmung der Differenz ist in diesem Sinne sozialisationswirksam. Daß die Aufnahme von In­ formationen, neuem Sinn in Bewußtsein, Bewußtsein ver­ ändert, erscheint offenkundig. Aber Information setzt die Wahrnehmung einer Di fferenz zwischen bereits bekanntem und noch nicht bekanntem Wissen (Strukturen des Bewußt­ seins) bereits voraus. Erst im Akt des Verstehens ent­ scheidet sich, ob Alters Mitteilung überhaupt einen Infor­ mationswert für Ego hat. Andererseits setzt auch die Wahrnehmung einer Mit­ teilung bereits sozialisierte - oder gattungsgeschichtlich verankerte - Teilnahmemotive und jenen geteilten Zei­ chenvorrat voraus, der es dem Bewußtsein ermöglicht, an Kommunikation anzuschließen. Die Unterscheidung zwi­ schen Information und Mitteilung kann überhaupt nur zu­ standekommen auf der Grundlage eines vorgängigen So­ zialisationsprozesses des Bewußtseins: der medienspezifi­ sche Zeichenvorrat, die lose Koppelung symbolisch codier­ ter Zeichen muß bereits bekannt (erlernt) sein, damit im lose Gekoppelten eine fester gekoppelte Form, die Information, herausgelesen werden kann. Inwieweit die Fähigkeit des wahrnehmenden Be­ wußtseins den symbolisch codierten Charakter einer Mittei­ lung "lesen" zu können bei einem bestimmten Mitteilungs­ medium - und ähnlich dann bei bestimmten Kommunikati­ onsmedien - gegeben ist, ist eine Frage der "kulturellen" Ausbreitung dieses Symbolvorrats, die bekanntlich auch durch Bildungseinrichtungen (Alphabetisierung, Me­ dienreflexion) gefördert werden kann. Wenn die in einem neuen Medium verwendete Koppelung von Material und Symbolen dem Empfänger nicht vertraut ist, so wird er zwar etwas wahrnehmen, aber nichts verstehen ("lesen") können. So kommt nur die einfache Kontingenz der Wahrnehmung, aber nicht der sozialsystembildende Effekt doppelter Ko n­ tingenz zustande. Die Frage, wie es dem Bewußtsein möglich ist, an Kommunikation anzuschließen, läßt sich offenbar anhand des beschriebenen Variationsmechanismus der Wahrneh­ mung nicht zureichend beantworten. Die Gründe liegen in der Sache selbst. Die kognitiven Voraussetzungen der Un­ terscheidung von Information und Mitteilung sind aus Gründen der Bewußtseinsentwicklung steigerbar und aus Gründen der Gesellschaftsentwicklung nicht abschließend bestimmbar. In einer Rekonstruktion dieser coevolutionären Voraussetzungen der Kommunikation, muß dem binären Differenzschema (Information/Mitteilung) eine offene Skala kognitiver Fähigkeiten entsprechen. Andererseits muß (im Rahmen derselben theoretischen Konstruktion) nun gezeigt werden, wie menschliches Bewußtsein bei solcher Offenheit (Variation) gegenüber Kommunikation seine Autopoiesis durch einen spezifischen Schließungsmechanismus (Selek­ tion) wahrt. 25

Luhmann, Niklas: Wie ist Bewußtsein an Kommunikation beteiligt? In: Materialität der Kommunikation, Hg. H.U.Gumbrecht und K.L.Pfeiffer, Suhrkamp, Ffm.1988, S.884-905. S. 898


K.G.: Medienwandel 6. Selektion der Wahrnehmung: Das Verschwinden des Mediums hinter der Form Die Selektivität der Wahrnehmung wird vom Bewußtsein selbst in der Coevolution mit den wahr nehmungsrelevanten Organsystemen bestimmt. Bei der Beschreibung der Wahr­ nehmung von Mitteilungen und der Wahrnehmung von Kommunikation gerät die Beschreibung jedoch in einen Zir­ kel. Wie kann das Bewußtsein mit selbstproduzierten Wahrnehmungen sich einstellen auf die Selektivität von Mitteilungen, also auf symbolisch vorcodierte Ereignisse, die einem Absender/Ego als Handlungen zugerechnet wer­ den können? Und wie kann das selbstreferentiell operieren­ de Bewußtsein sich einstellen auf emergente Sozialsysteme i.S. hochselektiver Anschlußbedingungen von Bewußtsein an gesellschaftlich bereits evoluierte Strukturen der Kom­ munikation? (Ich versuche jetzt einen Mechanismus der Medium/Form-Beziehung zu beschreiben, der dies möglich macht.) In der Wahrnehmungspsychologie gibt es die Unter­ scheidung zwischen »Figur« und »Grund« die sich durch eine Grenzziehung darstellen, in der es niemals möglich ist, beide Seiten gleichzeitig wahrzunehmen. Zu den bekannte­ sten Experimenten zählen Zeichnungen, in denen jeweils eine an_dere Figur wahrgenommen wird, wenn die Grenze gewissermaßen»von der anderen Seite gesehen wird, also die Figur-Grund-Relation ausgetauscht wird. Es handelt sich um ein Modell, das dazu dienen soll, die Zuordnung der wahrgenommenen Welt zu Prozessen im Gehirn (und damit die Emergenz von Bewußtsein) zu beschreiben. In diesem Beschreibungsmodell des menschlichen Wahrneh­ mungssystems wird die ältere Unterscheidung Figur/Grund heute (terminologisch) ersetzt durch die Unterscheidung Form/Medium. Der Hintergrundcharakter des Mediums ist zugleich der konstitutive Grund dafür, daß das Medium selbst nicht wahrgenommen werden kann. Das Medium bildet gewissermaßen den Nullpunkt eines Koordinatensy­ stems im Bewußtsein, der sich mit der Wahrnehmung selbst verschiebt, aber doch stets bloß als Nullpunkt wahrgenom­ men wird. 26 Die skizzierte wahrnehmungspsychologische Medi­ um-Form-Unterscheidung läßt sich m.E. mit der von Luh­ mann neuerdings vertretenen Unterscheidung zwischen loser und rigider Koppelung27 verbinden und für die Be­ schreibung der Coevolution von psychischen und sozialen Systemen nutzen: Die Medium/Form-Beziehung, die in der Beschreibung von Sinnsystemen überhaupt als Differenz von loser Koppelung und rigider Form erscheint, kann in der Beschreibung des psychischen Systems als Differenz zwischen Vorgegebenheit (für die jeweilige Wahrnehmung) und Kontingenzerfahrung wiederkehren. Wirklichkeitswahrnehmung wurde beschrieben als rekursive Verknüpfung von Wahrnehmungen. Bei der Be­ schreibung von Medien der Wahrnehmung geht es nun um den evolutionären Pfad, der zur Überwi ndung der Probleme der Selbstreferenz solcher Wahrnehmung beiträgt.28 Medien der Wahrnehmung repräsentieren immer den Teil der Wirk­ 26

Vgl. N. Bischoff, Vortrag über frühkindliche, insbesondere ödipale Entwicklung in Osnabrück vom 6.7.89; veröffentlicht als "Phase Transi­ tions in Psychoemotional Development" in: H.Haken & M.Stadler (Eds.) Synergetics of Cognition, (Springer Serie in Synergetics) Berlin, Sprin ­ ger Verlag 1989 27 s. u.a. Kap.II Ges.th mit bezug auf Fritz Heider 28 s. v.Förster, in Watzlawick

7 lichkeit (also der systeminternen Reizverarbeitung) den das System nicht wahrnimmt, dessen Wahrnehmung sogar blok­ kiert werden muß, um etwas wahrnehmen zu können (und nicht alles und damit nichts). Das Medium ermöglicht also immer die Blockierung der Selbstreferenz (eines Teils) der Wahrnehmung, wodurch erst (der andere Teil der) Erei­ gnisse als Form (Struktur, Relation) wahrgenommen wer­ den kann. 29 Bei allen beschriebenen Medienentwicklungen han­ delt es sich - im Hinblick auf Bewußtsein - auch um Mittel der Blockierung von Selbstreferentialität der Wahr­ nehmung, also um Invisibilisierung spezifischer Systemope­ rationen für das System selbst. Die unendliche Vielfalt (Kontingenz) möglicher gedanklicher Assoziationen aus Anlaß einer (anlaufenden) Kommunikation, wird durch Medien reduziert: Interaktionsnahe Formen der Kommuni­ kation schalten nicht nur Sinn-Assoziationen aus, die (zu­ mindest im Augenblick) nicht sprachlich formulierbar sind, sondern zunächst die visuellen und lautsprachlichen Erei­ gnisse selbst, die als Medium dienen30. Die technischen Zweitcodierungen von Sprache und Bildverwendung in den Mitteilungsmedien konzentrieren die Form-Wahrnehmung auf Material der Nahumwelt, das sich als Sinnträger in be­ sonderer Weise eignet, und schalten auch damit in diesem Material nicht darstellbare Sinnbezüge aus. Die Wahrneh­ mung von Zeichencodierungen, die sich in der Kommunika­ tion bewährt haben, wird normalerweise mitvollzogen, ohne daß das adressierte Bewußtsein sie als Selektionen wahr­ nimmt. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien schalten weitere Sinnbezüge aus, die typisch für andere (aktuell nicht relevante) Funktionssysteme sind.31 Hier sind es die sprachlichen Symbole32 selbst, die durch ihre Ge­ neralisierung zu Medien der Wahrnehmung i.S. eines nicht mehr hinterfragbaren (und eben dadurch selektiven) Koor­ dinatensystems für den Anschluß des Bewußtseins an spezi­ elle Kommunikation werden können. Diese Funktion der Invisibilisierung von Kontingenz für Bewußtsein findet auf verschiedenen Ebenen der Wahr­ nehmung statt33. Je nach Art und Anlaß der Wahrnehmung 29

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In der Diskussion über "neue Medien" wird das Verschwinden des Mediums hinter der Botschaft als eine typische Erscheinung der neueren Medienentwicklung beschrieben (vgl. "Mediendämmerung. Zur Archäo­ logie der Medien." Hg. P.Klier, J.L.Evard, Edition Tiamat, Berlin 1989, S.7). Einer solchen (wertend gemeinten) Beschreibung wird hier wider­ sprochen mit dem Argument, daß es sich um einen Sachverhalt handelt, der schon immer für die Wahrnehmung galt. Die Neuigkeit scheint darin zu bestehen, daß dieser Sachverhalt selbst als Rela tivierung der intiuiti­ ven Gewißheit einer primären Wirklichkeit wahrgenommen wird. Dies scheint eine Wirkung der neuen Medien zu sein. Die Wirkung liegt also nach meiner Ansicht nicht - wie manche Kulturkritiker meinen - in der Illusionierung des Bewußtseins i.S. der erhöhten Täuschungsanfälligkeit für medial vermittelte Wahrnehmungen sondern in der zunehmenden Reflexivität unseres Bewußtseins, die uns empfindlich macht für die Wahrnehmung der Medienabhängigkeit aller unserer Wahrnehmungen. Zum Verschwinden des komplexen Mediums Sprache in der Wahrneh­ mung der Sprecher/Hörer in der Einstellung auf mündliche Kommunika ­ tion s. Immelmann a.a.O. S 661f "die lautsprachliche Form eines Worts (wird) Stück für Stück aus Einheiten wie Vokalen, Konsonanten, Silben­ teilen, Morphemen usw. erstellt. Dieser Vorgang verläuft ohne bewußte Kontrolle; nur das gelegentliche `Entgleisen` dieses Prozesses ist der Beobachtung direkt zugänglich." S.668 S. Luhmanns Hinweis auf Konvertibilitätssperren in symbolischen Kommunikationsmedien SoSy .. s.L.s Hinweis auf die sinngeneralisierende Funktion der Sprache jenseits bloßen Zeichengebrauchs in Sosy ... Über die Funktion dieser Medien für Kommunikation, also die selbstre­ ferentiellen Operationen von Sozialsystemen ist damit nicht mehr ge­ sagt, als daß es sich um deren coevolutionäre Vo raussetzungen handelt.


K.G.: Medienwandel müssen nicht immer auch alle drei Invisibilisierungsstrate­ gien beteiligt sein. Stets handelt es sich aber um die Enttau­ tologisierung der selbstreferentiellen Operationen des Be­ wußtseins: - Im Falle der einfachen Wahrnehmung wird die Selbstbezüglichkeit des Bewußtseins durchbrochen zugun­ sten der selektiven Wahrnehmung von "Wirklichkeit" der Umwelt. - Im Falle von Mitteilungen wird die Selbstbezüg­ lichkeit des Bewußtseins durchbrochen zugunsten der selek­ tiven Wahrnehmung der kommunikativen Intentionalität anderen Bewußtseins. - Im Falle (schon emergenter Einheiten) der Kommu­ nikation wird die Selbstbezüglichkeit des Bewußtseins durchbrochen zugunsten der selektiven Wahrnehmung be­ stimmter Strukturen von Kommunikation . Der für die Funktion der Wahrnehmung konstitutive Verlust an Wahrnehmbarkeit des Mediums läßt sich entlang der drei Arten von Anlässen differenziert beschreiben: Im Falle der einfachen Wahrnehmung von Umweltereignisen ist der Wahrnehmungsverlust des Mediencharakters wahr­ scheinlich am höchsten. Für sich entwickelndes kindliches Bewußtsein gilt es sogar als phasentypisch, daß Wort und Sache verwechselt werden.34 Aber auch für die einfache (sprachliche wie außersprachliche) Interaktion - ontogene­ tisch das primäre Medium symbolischer Sinn­ generalisierung und Referenzmedium für alle Zweitcodie­ rungen technisch erweiterter Mitteilungsmedien - gilt, daß die Medienabhängigkeit der Wahrnehmungen normaler­ weise nicht wahrgenommen wird. (Einen diesbezüglich instruktiven Sonderfall bildet die Wahrnehmung der soge­ nannten "Körpersprache".) Erst auf einer höheren Stufe des Bewußtseins - und wahrscheinlich unter dem Einfluß der Schriftkultur - wird die Differenz im Bewußtsein eingeholt. Beim geschriebenen Wort bleibt der mediale Charakter jederzeit bewußtseinsfä­ hig. Dh. es wird nicht ve rgessen, daß das Lesen von Buch­ staben nicht identisch mit dem Gemeinten ist - auch wenn mit dem Verstehensakt der Akt des Entzifferns in den Hin­ tergrund treten muß. Von allen Mitteilungsmedien am leich­ testen bewußtseinsfähig bleibt - entgegen einer verbreiteten kulturkritischen These35 - der mediale Charakter der neuen elektronischen Medien.36. Damit Lesen und Schreiben zum Medium wird, bedarf es offenkundig längerfristiger An­ strengung - eine Übung, die ja im Mittelpunkt der weltwe iDie Figur-Grund-Unterscheidung stellt also nur ein Beobachtungssche­ ma für die Medium-Form-Beziehung bereit, in der Bewußtsein metabo­ lische Ereignisse als Zeichen für Sinn, schon symbolisch codierte meta­ bolische Er eignisse oder bereits symbolisch codierte Ereignisse wahr­ nimmt. Das heißt nicht, daß dieselben Medien nicht auch anders beo­ bachtet und beschrieben werden können. Die Literatur über Sprache und Medien ist voll davon. Aber nur mit dieser Unterscheidung wird m.E. beobachtbar, was die Medien in der Coevolution von psychischen und sozialen Systemen auf der Seite des Bewußtseins vermitteln. 34 s. Piaget, vgl. L.s Abstraktion von diesem Faktum in GthII im Hinblick auf die Universalität der Unterscheidung von Information und Mittei­ lung 35 Die These, daß bei den Telemedien der Mediencharakter relativ bewuß­ ter bleibt, bezieht sich auf die Sozialisation des Bewußtseins im Ge ­ brauch der Medien. Diese These drückt sich oft in dem allgemeinen Ma­ nipulationsverdacht gegenüber dem Medium aus. Diese These wider­ spricht nicht der anderen - oft mit kulturkritischer Intention vorgebrach­ ten - These, daß es zB. beim Fernsehen (aufgrund s einer anderen Tem­ poralstruktur) schwieriger ist, sich reflexiv zur eigenen Individualität als wahrnehmendes Bewußtsein zu verhalten. 36 Empir. Untersuchungen dazu zit., Baacke, Doelker?

8 ten Ausdehnung des entsprechenden Funktionssystems steht. Solche nachhaltige Bemühung des sich entwickelnden Bewußtseins kann leicht zur Verdrängung des ganzen Sach­ verhalts führen. Und dabei wird schon vergessen, wieviel Zeit und Mühe - ganz ohne Schule - bereits das sich entwic­ kelnde Bewußtsein des Kleinkinds benötigt, um überhaupt zu einer konstanten Person- und Dingwahrnehmung zu ge­ langen, ohne die sich natürlich-sprachliche Kommunikation gar nicht entwickeln könnte.37 Während der Wahrnehmungsverlust (die formbezo­ gene Blockierung der Wahrnehmung) bei den Mitteilungs­ medien in etwa proportional zu der raum-zeitlichen Reich­ weite der damit erschlossenen Kommunikationsmöglichkei­ ten sich hierarchisch (i.S. von Nähe- und Distanz) differen­ ziert, läßt sich bei den funktionssystemspezifischen symbo­ lischen Kommunikationsmedien keine (solche) hierar­ chische Ordnung feststellen. Die generalisierten Symbole stehen für die Einheit der Differenz funktionssystemisch verschiedener - aber prinzipiell gleichwertiger - Kommuni­ kation in der Wahrnehmung. Das Verschwinden des Mediums hinter der Form funktioniert unter der Voraussetzung, daß - wie oben ge­ zeigt - das Erlernen des symbolischen Codes, der im Medi­ um verwendet wird, bereits erfolgte. Ob und inwieweit für das individuell teilnehmende Bewußtsein die symbolische Codierung bzw. Symbolgeneralisierung die Funktion von Medien annehmen kann (und sich dementsprechend der bewußten Wahrnehmung entzieht) hängt von lebenslang möglichen, prinzipiell nicht abschließbaren Sozialisations­ prozessen des Bewußtseins ab.38 Ist der medienspezifische Code erlernt (habitualisiert), funktioniert auch das Medium gewissermaßen im Hintergrund der Wahrnehmung. Ist er nicht erlernt, ist zwar die Wahrnehmung nicht blockiert (beim Buch sehe ich Kolonnen schwarzer Zeichen und evtl. Bilder, beim Fernsehen beides) wohl aber der Informations­ gehalt der Mitteilung. Ich habe bisher einfachheitshalber unterstellt, daß der Fall, in dem die Differenz zwischen Information und Mittei­ lung nicht wahrgenommen wird, dann eintritt, wenn ein entsprechender Symbolvorrat den wahrnehmenden Bewußt­ seinssystemen nicht zur Verfügung steht. Dies ist jedoch nur ein Grenzfall. Es sind beliebig viele Fälle denkbar, in denen das Bewußtsein sich nicht die Mühe macht, diese Unterscheidung zu vollziehen bzw. den im wesentlichen oder teilweise bekannten Symbolvorrat im Gedächtnisspei­ cher (oder im Rückgriff auf externe Speichermedien wie z.B. Lexika) zu mobilisieren. Und es gibt den gar nicht so seltenen Fall, daß das wahrnehmende Bewußtsein gar nicht an der Informationskomponente sondern nur an der Mittei­ lungskomponente interessiert ist. Genauer zu beschreiben 37 38

Vgl. Spitz, Piaget

Welche symbolischen Generalisierungen und Differenzierungen der

Kommunikation hier bewußtseinswirksam werden, hängt allerdings wohl nicht bloß von gesellschaftstypischen Biografieverläufen (Eltern ­ haus/Schule) und biografischen Zufällen ab, sondern hat sein gattungs­ geschichtliches Fundament in den ontogenetisch wiederholten Primärad­ aptionen des Bewußtseins in einfacher Interaktion. - In dieser Hinsicht wäre es interessant, der tradierten Verknüpfung einerseits des Sehsinns mit gesicherter Erkenntnis (und Autonomie) andererseits des Hörsinns mit Bindung (und Abhängigkeit, "Hörigkeit") nachzugehen. Das Eine symbolisiert die Verselbständigung der Form oder des Informations­ komponente, das Andere die Verselbständigung des Mediums oder der Mitteilungskomponente. Vgl. Doelker S. 218f mit dem interessanten Hinweis, daß die traditionelle Hochschätzung des Sehsinnes gerade durch das Fernsehen in Verruf geraten ist.


K.G.: Medienwandel bleibt nun, was in diesem Fall in der Wahrnehmung pas­ siert, und welche Funktion das hat. 7. Restabilisierung der Wahrnehmung: Das Ve rschwin­ den der Form hinter dem Medium Soziale Systeme haben kein eigenes Instrumentarium zur sinnhaften Wahrnehmung ihrer Umwelt. Sie benötigen dazu Menschen, weil menschliches Bewußtsein über die Koppe­ lung mit menschlichen Organsystemen eine Schnittstelle zur sinnlich-physischen Welt hat. Diese Koppelung vorausge­ setzt können Sozialsysteme aber menschliche Wahrneh­ mungen und Mitteilungen zu Sinnselektionen verketten, die in anderen Medien/Form-Beziehungen der Kommunikation nicht zugänglich wären. Die Erweiterung der Kommunika­ tion ist möglich, weil das jeweilige Medium an sich - und nicht die spezifische Sinnselektion - das Bewußtsein faszi­ niert. Aber was an den Mitteilungsmedien ist es eigentlich, das diese Anziehungskraft auf Bewußtsein ausübt? Bei allen die Grenzen der Interaktion unter Anwesen­ den mit technischen Mitteln überschreitenden Medien liegt eine gewisse Ambivalenz des Mediums gegenüber Ko m­ munikation vor. Es bleibt ja durchaus ungewiß, ob die im Medium exerzierte Operation - die Mitteilungshandlung oder Übertragung - am Ende in Kommunikation eingeht oder nicht. Jede der drei Komponenten von Kommunikation ist ein kontingentes Ereignis.39 Mitteilungsoperationen er­ zeugen doppelte Kontingenz - wenn sie von einem Bewußt­ sein als solche wahrgenommen (also verstanden) we rden. Aber nichts zwingt das Bewußtsein, seine Wahrnehmung (zB. bei der Lektüre einer Zeitschrift im Wartezimmer eines Zahnarztes) auf den Informationscharakter des Gelesenen zu richten. Wenn ich nur die Zeit "totschlagen" möchte, interessiert mich nicht der Wahrheitsgehalt des Gelesenen und ich brauche mir auch keine Rechenschaft darüber zu geben, wer das aus welchen Gründen geschrieben hat. Ich kann meine Wahrnehmung vom Medium "faszinieren" lassen, ohne mich dadurch zur Teilnahme an Kommunikati­ on "mitreißen" zu lassen.40 Ich habe bewußt ein Beispiel mit Printmedien ge­ wählt, weil mit Bezug auf das Fernsehen ja ohnehin Viele meinen, daß es mit Kommunikation nichts zu tun hat. Ma­ cLuhans Formel "das Medium ist die Botschaft" deutet es an: was immer mit dem Medium gesagt oder mit dem Ge­ sagten gemeint sein soll, ist gleichgültig - entscheidend ist die - ggf. Raum und Zeit übergreifende - Verbindung, die sich in der Wahrnehmung herstellt.41 Dabei wäre es m.E. ganz verkehrt zu bestreiten, daß das Fernsehen, Informatio­ nen mitteilt, die zu Bestandteilen von Kommunikation in emergenten Sozialsystemen werden.42 Allerdings ist das Gelingen von Kommunikation unter Verwendung dieser 39

vgl. GthII,3

vgl. L. Reden und Schweigen S.12 - hier allerdings kein Hinweis auf die

mitlaufende Möglichkeit der Entkoppelung von Wahrnehmung und Mit­ teilung 41 Doelker verweist auf eine Reihe von gattungsgeschichtlich evoluierten Verhaltensmustern, die auf die bildliche Wahrnehmung - insbesondere bewegter Bilder - reagieren. Auch auf den ersten Blick entgegengesetzt erscheinende Verhaltensmuster wie zB. Meditation - Doelker a.a.O. S107ff . Ein solcher Rekurs kann wahrscheinlich erklären, wie es kommt, daß bei den elektronischen Bildmedien, stärker als bei den Printmedien, Möglichkeiten zum Zuge kommen, die Differenz zwischen Information und Mitteilung zugunsten der Mitteilungskomponente im Medium zu ignorieren. 42 Aktuelles Beispiel die Rolle des Fernsehens bei den Volkserhebungen in Osteuropa 40

9 Medien an gesteigerte Voraussetzungen in der Evolution der Wahrnehmung gebunden. Sind die Operationen der Mitteilung und des Verstehens raum/zeitlich auseinanderge­ zogen, so steht es zunehmend in der Freiheit der Rezipien­ ten43, ob sie eine Mitteilung als solche (und damit doppelte Kontingenz) wahrnehmen oder ob sie dieses Vorkommnis auf eine bloße Wahrnehmung (einfache Kontingenz) reduzieren. Streng genommen ist es nur in der Interaktion unter Anwesenden schwer, "nicht zu kommunizieren". 44 Die Verselbständigung der Mitteilungskomponente ist keineswegs ein Phänomen, das erst bei den neuen Medi­ en auftritt. Die gattungsgeschichtliche Grundlage ist die durch Mitteilungshandlungen hergestellte Bindung zwi­ schen zwei (oder mehr) Personen - jenseits des Inhalts der Mitteilung. Bereits in einfachen Interaktionssystemen kann das Hören sich offenkundig gegenüber dem Wahrnehmen des Inhalts (dem Verstehen) verselbständigen. Begriffe wie "Hörigkeit" bezeichnen diesen gattungsgeschichtlich ererb­ ten Aspekt der Verselbständigung der Mitteilungs- und Be­ ziehungsebene der Kommunikation.45 Die Möglichkeit der Verselbständigung der Mitteilungskomponente der Kom­ munikation als Bindungs- und Beziehungssuggestion läßt sich in allen Mitteilungsmedien rekonstruieren. Beim Rund­ funk ist es das bloße Hören von Stimmen, oder sogar des Rhytmus einer Musik (Herzschlag). Beim Fernsehen der "Blickkontakt" mit dem Sprecher, der in die Kamera blickt, aber auch das Wiedererkennen vertrauter Personen und Dekors in Serien. All dies hat dieselbe Funktion wie der "small talk" in der Alltagskommunikation, bei dem eben­ falls der Informationsaspekt hinter dem Mitteilungsaspekt zurücktritt. Im Unterschied zu dem Selektionsdruck, der sich aus jeder Formwahrnehmung ergibt, dient die Ve rselbständi­ gung des Mitteilungsmediums gegenüber der Form der Restabilisierung der Wirklichkeitswahrnehmungen des Bewußtseins.46 Diese Verselbständigung, die gewisserma­ ßen die Enttautologisierung der Selbstreferenz des Be ­ wußtseins stört, ist keineswegs bloß eine Kommunikation "deformierende", gewissermaßen pathologische Möglich­ keit. Sie läßt sich auch als eine Regression im Dienste der Veränderung des Bewußtseins beschreiben. Das Ve r­ schwinden des Mediums hinter der Form kann gezielt durch Reflexion über das Medium blockiert werden. Die in Mitteilungsoperationen verwendete "Sprache" muß erlernt werden, damit Kommunikation stattfinden 43

"Rezipieren" kann eben beides heißen: aufnehmen und annehmen. (s. Doelker S. ...) Ersteres bezieht sich auf die bloße Wahrnehmung und impliziert keinerlei Stellungnahme zu der Information als Mitteilung. Rezipieren i.S. von annehmen bezieht sich auf den Charakter der Infor­ mation als Mitteilung. Die Wahrnehmung dieser Differenz konstituiert Kommunikation und gleichzeitig die Möglichkeit der Ablehnung. Das Annehmen der Mitteilung geht mit der Möglichkeit (und gesteigerten Wahrscheinlichkeit) der Ablehnung des Mitgeteilten einher. Mittei­ lungsmedien ermöglichen Kommunikation nur um diesen Preis. Um die Unwahrscheinlichkeit der Annahme des Mitgeteilten selbst in Wahr­ scheinlichkeit zu transformieren, bedarf es der symbolisch genera­ lisierten Kommunikationsmedien. 44 Watzlawick 45 Argument von Doelker, S. 138f 46 Möglicherweise ist es dieser Restabilisierungsmechanismus einer Kom­ munikation ohne Inhalt für die Wirklichkeitswahrnehmung, die Heinz v. Förster mit der Andeutung meint, daß die Wahrnehmung einer "Bezie ­ hung zwischen dem Du und dem Ich" die Überwindung des konstrukti­ vistischen Solipsismus bringe. Das Konstruieren von Wirklichkeit, in: P. Watzlawick (Hg.) Die erfundene Wirklichkeit, München 1985, S. 59


K.G.: Medienwandel kann. Bei jedem Lernvorgang geht es um die Rückkop­ pelung an Primäradaptionen des Bewußtseins, die sich on­ togenetisch in einfacher Interaktion herausgebildet haben. Mitteilungsoperationen sichern sich die nötige Aufmerk­ samkeit anderen Bewußtseins dadurch, daß im Medium selbst das Bindungspotential der Kommunikation sich aus­ drückt.47 Die gattungsgeschichtlich für die mediale Koppe­ lung zur Verfügung stehenden symbolischen und metaboli­ schen Ereignisse sind deshalb wahrscheinlich keineswegs beliebig. Der Bindungs- und Beziehungsaspekt des Medi­ ums verschafft dem Bewußtsein die notwendigen Motive, sowohl um den kulturell geteilten Symbolvorrat des Mittei­ lungsmediums zu erlernen48, wie auch um (kreativ) Beiträge für neue symbolische Generalisierungen in die Kommunika­ tion einzubringen. Die Restabilisierungsfunktion der Ver­ selbständigung des Mediums für Bewußtsein kann so zur Voraussetzung jeder Weiterentwicklung des Bewußtseins werden.49 - Nachbemerkung zu Pädagogik und Medien Charakteristisch für eine pädagogische Grundhaltung ist (seit Rousseau) das Bekenntnis zur pädagogischen Funktion der Primärwahrnehmung50 dh. zur Fiktion eines Lernens ohne Medien. Daß die Schulpädagogik in der Praxis stets dagegen verstoßen hat, daß sie zumindest im Hinblick auf Sprache und Schrift sogar hauptsächlich mit Medienreflexi­ on beschäftigt ist, hat nicht zur Infragestellung dieses Prin­ zips geführt sondern wurde stets nur zum Anlaß der wieder­ kehrenden Forderung nach "Wiederannäherung" der Schule an das "Leben" (womit der auf einfache Interaktion be­ schränkte Horizont der Wahrnehmung gemeint ist). Im Hinblick auf die "neuen Medien" zeigt sich Päd­ agogik bis heute weniger an Reflexion als an Ve rhinderung intereressiert.51 Pädagogen, die sich diesbezüglich für Reali­ 47

Vgl. das "illokutive" Potential der sprachlichen Kommunikation bei Habermas nach Searle(?) . Diese Rekonstruktion von Bindungspotential ist aber zu unterscheiden von jeglichem Bindungsautomatismus, also Zwang. In ontogenetischer Perspektive geht es um die Rekonstruktion der frühkindlichen Symbiose und ihrer lebensgeschichtlichen Auflö­ sung. 48 Ein naheliegendes Beispiel sind die freiwilligen Sprachkurse in VHSen. 49 Generell bedeutet Restabilisierung der Wahrnehmungsstrukturen stets Rückkoppelung der Wahrnehmungsme dien - in gesteigertem Maße Kor­ respondenz des Bewußtseins mit extern gespeichertem Wissen - an on­ togenetische Primäradaptionen der Wahrnehmung. Evolution der Wahrnehmungsmedien bedeutet Evolution der Koppe­ lungsmuster des Bewußtseins zwischen neuen und schon gespeicherten Wahrnehmungen. 50 Ein Beispiel zur Frage der Primärerfahrung, die der medienvermittelten Erfahrung gegenübergestellt wird: Wer Madame Bovary gelesen hat, weiß möglicherweise mehr über diese Frau als über die eigene Mutter, über deren Vergangenheit weniger leicht nachvollziehbare Informatio ­ nen existieren. Ein ganz anderes Beispiel läßt sich mit Bezug auf die Wahrnehmung von Geschwindigkeit konstruieren: Der Mensch bemerkt sie, wenn er Dinge an sich vorbeiziehen sieht - jedoch nicht mehr, wenn er in einem geschlossenen Fahrzeug sitzt. Er kann sie noch als Druckgefühl wahr­ nehmen, wenn sich das Fahrzeug beschleunigt oder verzögert - jedoch nicht, wenn die Geschwindigkeit gleichbleibt. Für die Geschwindigkeit, die sein Körper mit der Bewegung des Planeten erfährt, hat der Mensch kein Organ. 51 "Unabhängig vom Anspruch von Kunst sind auch heutige Anstrengun­ gen gegen niveaulose Bildmedien - die Ge walt - und Pornodiskussion gehört in einigen Aspekten dazu - Ausdruck einer Haltung, die dem Bild besondere Wirkungen zubilligt und deshalb nach einem pädagogischen Korrelat zur Magie ruft: dem Verbot. Für viele, auch heute noch, ist deshalb Medienpädagogik eine Prohibitionspädagogik. Daß man damit archaischen Refle xen folgt, ist einem kaum bewußt. Man ist höchstens enttäuscht über die Eirkungslosigkeit dieser Gegenma gie." Christian

10 sten halten, argumentieren häufig, daß man sich mit den neuen Medien beschäftigen müsse, weil sie nun einmal da sind (also auch durch Verdrängung aus der pädagogischen Kommunikation nicht aus der kindlichen Erfahrungswelt verschwinden). Diese Haltung läuft jedoch oft genug bloß darauf hinaus, die kindliche Medienerfahrung pädagogisch selegieren zu wollen (statt die diesbezügliche Selektivität des kindlichen Bewußtseins zu steigern). Die Aufgabe dies­ bezüglicher Pädagogik besteht aber zunächst darin, den spezifischen Code des Mitteilungsmediums lesbar und da­ mit die Differenz zwischen Information und Mitteilung wahrnehmbar zu machen, die erst die Teilnahme an den kommunikativen Strukturen gegenwärtiger Gesellschaft ermöglicht. Die Funktion der Mitteilungsmedien und insbesonde­ re der neuen Medien ist es, die Möglichkeiten des Lernens aus Erfahrung über den Horizont der sogenannten Primärer­ fahrung auszudehnen. Nicht nur durch Tradierung vergan­ gener Erfahrungen sondern mehr noch durch Antizipation künftiger Erfahrungen gilt es heute zu lernen (s. zB. Szena­ rien ökologischer Katastrophen). Prinzipiell ermöglichen es gerade die neuen Medien, den Umgang mit Risiken zu er­ lernen, die für jede Primärerfahrung tödlich verlaufen müß­ ten. (Bekanntes Beispiel: Autoverkehr in der Sendung "Der 7. Sinn".) Unbestreitbar kann die (pädagogisch oder anders mo­ tivierte) Medienkritik der Aufklärung der Gesellschaft über sich selbst dienen. Aber nicht jede Medienkritik ist in die­ sem Sinne konstruktiv. 52 Behauptungen wie die Postmans, daß das Fernsehen als Medium schlechthin der kognitiven Entwicklung schade, führen nicht zu einem reflexiveren Umgang mit dem Medium sondern blockieren nur entspre­ chende Möglichkeiten. Solche Behauptungen verkennen, daß die in einer funktional differenzierten Weltgesellschaft vom Einzelnen anzueignenden Erfahrungen in der zur Ve r­ fügung stehenden Lebens- und Lernzeit nicht mehr ohne diese Medien vermittelt werden können.53

Doelker, Kulturtechnik Fernsehen: Analyse eines Mediums (Klett) Stuttgart 1989 S. 42 52 Ich halte es für irrig oder irreführend, wenn Mitteilungsmedien als diffus, strukturlos, entdifferenzierend für die Wahrnehmu ngen des Bewußtseins beschrieben werden - wie dies für die neuen audiovisuellen Medien in kulturkritischer Absicht häufig geschieht. (So zB. auch G. Frank, in Radde u.a.) Als solche können sie der Reflexion erscheinen, weil - wie noch zu zeigen - die Invisibilisierung der Medienstrukturen gerade das Ge heimnis der Medienwirkung ist. Wenn die Struktur des Mediums die Struktur der Information überlagern würde, wäre keine Information möglich. Andererseits ist es durchaus möglich, Strukturen des Mediums - etwa im Vergleich zu anderen Medien - über die jeweils andere Medi­ um-Form-Differenz zu beobachten. Dann wird erkennbar, daß das sich entwickelnde Bewußtsein von Kindern und Jugendlichen durchaus bei jedem Medium - von der "natürlichen" Sprache bis zu den neuen Medien - den Umgang mit dem Medium erst lernen muß: Nicht schon als refle­ xive Unterscheidung zwischen Medium und Form sondern zunächst als enttautologisierende Blockierung der Wahrnehmung der Strukturen des Mediums zugunsten der Formwahrnehmung. (Vgl. konkrete Hinweise auf entsprechende Lernprozesse bei Film, Fernsehen und Computerspie­ len bei Greenfield.) 53 Wer die elektronischen Bildmedien nicht in der Absicht kritisiert, ihren Gebrauch reflexiver zu gestalten sondern sie für überflüssig zu erklären, muß m.E. wissen, daß er fundamentalistische Bewegungen unterstützt, und er sollte sich klar darüber werden, welche evolutionären Errungen­ schaften gegenwärtiger Ge sellschaftsstrukturen er damit aufzugeben be­ reit ist.


Kg 1990 medienwandel  
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