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Das Magazin des Vereins „Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V.“

Miteinander ...

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Ausgabe 9 - August 014

Sprachpaten für Kinder und Flüchtlinge

... Deutsch lernen 

Lebendige Bücher

Kulturen erleben

Filmfestival

Dass es so schwer ist, neu anzufangen  Seite 6

Keine Chance für Rassismus  Seite 10

Magische Momente des Miteinanders  Seite 0

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Vorstellung GLL

Wer sind wir? Wir sind ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Passau, der sich für Bildung und Soziales auf regionaler und europäischer Ebene engagiert. Durch unsere Aktivitäten und Projekte wollen wir dazu beitragen, Diskriminierungen und Ungleichheiten in Gesellschaft, Bildung und Arbeitswelt zu beseitigen. Darüber hinaus möchten wir das gegenseitige Verstehen und Lernen der Menschen in Europa fördern. Schwerpunkt der Aktivitäten liegt in Ostbayern.

Was tun wir? Zu folgenden Themenbereichen führen wir Projekte und Aktionen durch:

Ehrenamtliches Engagement Wir lieben und leben freiwilliges Engagement. Deshalb unterhalten wir die Online-Plattform „Tatennetz“ zur Vermittlung von Ehrenämtern, bieten persönliche Ehrenamtsberatungen an und führen Schulungen und Messen durch.

Toleranz und Vielfalt Unsere Vision ist eine bunte Gesellschaft voller Respekt und Toleranz vor dem Nächsten. Wir ermöglichen Menschen unterschiedlichster Herkunft, Alter und Geschlecht, sich gegenseitig kennenzulernen und so Vorurteile abzubauen.

Chancengleichheit Eine gerechte Gesellschaft lebt davon, dass sie jedem Menschen die gleichen Chancen bietet, seine Vorstellungen vom Leben zu verwirklichen. Bestehenden Unterschieden zwischen den Geschlechtern in Gesellschaft und Arbeitswelt setzen wir unser Engagement entgegen.

Integration von Benachteiligten Mit unseren Aktivitäten sorgen wir dafür, dass Menschen am Rande der Gesellschaft wie sozial benachteiligte Jugendliche, Ältere, MigrantInnen, Menschen mit Behinderungen, Langzeitarbeitslose und gering Qualifizierte in die Mitte der Gesellschaft gerückt werden.

Miteinander in Europa Ein vereintes Europa braucht Menschen, die sich kennen und zusammenarbeiten. Wir fördern das Kennenlernen und Verstehen über Grenzen hinweg. Für ein besseres Miteinander in Europa.

Impressum Miteinander. Das Magazin von Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V. Ausgabe 9 - August 2014 Herausgeber: Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V. (GLL), Leopoldstr. 9, 94032 Passau Tel. +49 (0)851/2132740, Fax +49 (0)851/2132739, info@gemeinsam-in-europa.de, gemeinsam-in-europa.de Chefredaktion: Perdita Wingerter (pw), Andreas Schrank (asc); Redaktion: Sybille Holz (sh), Teresa Anetsberger (ta); Layout und Design: Andreas Schrank V.i.S.d.P.: Perdita Wingerter, Geschäftsführerin GLL „Miteinander“ erscheint in unregelmäßigen Abständen online unter www.issuu.com. Alle Rechte vorbehalten. Text- und Bildkopien nur mit Genehmigung. Die Bildrechte liegen bei GLL, sofern nicht anders angegeben. 

Miteinander. Das Magazin von Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V.


Editorial

Editorial

Seit fast vier Jahren gibt es nun unsere Vereinszeitschrift „Miteinander“. In diesen vier Jahren hat sich der Verein verändert. Er stemmt mehr Projekte, ist enger europäisch vernetzt und wird stetig professioneller. Den hohen Anspruch an Professionalität, von dem unser Engagement lebt, wollen wir nun auch in „Miteinander“ sichtbar werden lassen. Dazu haben wir das Design und Layout der Zeitschrift komplett überarbeitet. Übersichtlichkeit, Lesefreundlichkeit und graphischer Anspruch waren dabei die tonangebenden Prinzipien. Der Relaunch bedeutet aber nicht nur eine optische Optimierung, sondern auch eine inhaltliche Straffung: Wir haben die Vereinsziele in fünf klar definierte Punkte mit jeweils eigener Erkennungsfarbe zusammengefasst (siehe linke Seite), die wir von nun an bei jedem Artikel in der Vereinszeitschrift als kleine Symbole in der Kopfzeile angeben. Diese Neustrukturierung der Zeitschrift war nur möglich, da mir Perdita viel Zeit zur Verfügung stellte, mich ausschließlich dem lange vernachlässigten Thema „Vereinszeitschrift“ zu widmen. In dieser Zeit konnte ich mir intensiv Gedanken zum neuen Layout machen und diverse Artikel verfassen. Wie Sie sicherlich schon bemerkt haben, liegt der Schwerpunkt dieser Zeitschrift auf dem Themenbereich „Deutschlernen“. Wir haben mittlerweile zwei Projekte, die Menschen mit nichtdeutscher Muttersprache dabei helfen wollen, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Bei beiden Projekten stellen wir diesen Ehrenamtliche an die Seite, die sich regelmäßig mit ihnen treffen und als Pate mit ihnen üben, sprechen und Spaß haben. Die Zielgruppen sind unterschiedlich: Einmal stehen Kinder mit Migrationshintergrund im Vordergrund, die in Deutschland die Schule besuchen, ohne die Sprache zu beherrschen. Im anderen Fall richtet sich unser Angebot an Flüchtlinge (der korrekte Titel laut deutschem Recht lautet „Asylbewerber“), die meist keinen Anspruch auf geregelten Deutschunterricht haben und denen so jede Chance auf Eingliederung in die Gesellschaft verwehrt bleibt. Als Koordinator bilden wir die Paten aus, ordnen ihnen Förderbedürftige zu und begleiten sie bei ihrem Engagement.

Mit der Fertigstellung dieser Zeitschrift möchte ich mich auch vom Verein verabschieden. Ein ganzes Jahr lang habe ich bei „Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V.“ Bundesfreiwilligendienst geleistet, eine Zeit, die mir ein Leben lang in Erinnerung bleiben wird. Noch nie zuvor durfte ich zugleich so anspruchsvolle und spannende Tätigkeiten ausüben, meinen Interessen nachgehen, eigenverantwortlich arbeiten, aber auch so viel Neues und Nützliches lernen, was ich später immer wieder brauchen werde, darunter, was Stress, Zuverlässigkeit und Verantwortung bedeuten. Ich bin nach Litauen, Tschechien, Polen und England gereist, um Menschen aus ganz Europa zu treffen, die ebenfalls vom Geist des Ehrenamts beseelt sind. Ich durfte ihre Freude an der Arbeit spüren und sehen, was Europa bedeutet: Nicht die weit entfernte Brüsseler Bürokratie, sondern Menschen wie du und ich, die an eine gemeinsame Idee glauben. Nie werde ich bereuen, mir diese Zeit nach dem Abitur genommen zu haben. Denn sie half mir auch auf dem Weg meiner Studienwahl. Als Verantwortlicher für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Vereins erkannte ich, nachdem ich mehrere Psychologen auf europäischem Parkett persönlich kennenlernen durfte, wie vielfältig und weit das Spektrum eines Psychologiestudiums ist und dass sich meine Intention, eine journalistische Laufbahn einzuschlagen, elegant damit kombinieren lässt. Nicht zuletzt dafür möchte ich Perdita Wingerter, ihrem Team und allen Menschen, die mir während dieses Jahres zur Seite standen, besonders den lieben Sprachpatinnen und Sprachpaten, von ganzem Herzen danken. Ihr habt mir eine wunderschöne Zeit geschenkt! Mit der Veröffentlichung dieser Zeitschrift möchte ich etwas davon zurückgeben und Ihnen viel Spaß bei der Lektüre wünschen. Für Anregungen, Wünsche und Kritik sind ich und das ganze Team von GLL jederzeit offen.

 Andreas Schrank Mitglied der Chefredaktion

Ihr Andreas Schrank Ausgabe 9 - Juli 2014

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Inhalt

INTRO

Vorstellung | Wer sind wir?

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Impressum

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Editorial

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Inhalt

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Lebendige Bücher | Dass es so schwer ist, neu anzufangen

6

Was ist eigentlich... | Xenos?

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Interkulturelle Filmreihe | Von Mensch zu Mensch

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Interkulturelles Fest | Kulturen erleben

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Kinder - Erleben - Kulturen | Keine Chance für Rassismus

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Kinder - Erleben- Kulturen Keine Chance für Rassismus

Sprache schafft Zukunft Ein ausführlicher Leitartikel zum neuen Flagschiffprojekt „Sprachpaten für Kinder“

Lebendige Bücher Dass es so schwer ist, neu anzufangen



Miteinander. Das Magazin von Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V.


Inhalt

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Filmfestival „Überall dabei“ Magische Momente des Miteinanders

Sprachpaten für Flüchtlinge Integration leben - ganz praktisch

MITEINANDER DEUTSCH LERNEN

VERMISCHTES

MigNet | Willkommensstruktur mit Herzblut

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Festival der Kulturen | Die Welt zu Gast in Passau – GLL mittendrin

27

Sprachpaten für Kinder | Sprache schafft Zukunft Interview | „Jetzt trau ich mich mal!“

16

Fotoausstellung | Interkulturalität ist überall

28

Materialien | Was ist in der Sprachpatenkiste?

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emPower | Empowerment von Migranten

30

Ehrenamtliche | Die Sprachpatenteams im Überblick

18

Filmfestival | Magische Momente des Miteinanders

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Austauschtreffen | Raum für Kommunikation

20

Schulranzenaktion | Teambuilding für eine gute Sache

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Sprachpaten für Flüchtlinge | Integration leben - ganz praktisch

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Schluss | Ausblick

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Materialien | Am Anfang war die Idee. Am Ende die Sprachpatenbox

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Ausgabe Ausgabe99--Juli Juli2014 2014




Toleranz und Vielfalt + Integration

Lebendige Bücher erzählen

Dass es so schwer ist, neu anzufangen Schüler der Nikolaschule erleben Menschen mit Migrationshintergrund oder Auslandserfahrung

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„Ich habe mir nicht vorstellen können, dass Jugendliche sich für die Geschichte einer älteren Frau wie mir interessieren könnten. Aber die Schüler waren so interessiert und höflich und hatten auch viele Fragen,“ erzählt Zuzana Janotta aus Tschechien, die den Kindern über ihre Kindheit im Sozialismus, aber auch über die Schönheiten Tschechiens berichtet hatte. „Ich war überrascht, die Kinder waren viel smarter, als ich mir das vorstellen konnte. Sie haben zum Teil wirklich sehr reflektierte und intelligente Fragen über meine Heimat Äthiopien gestellt,“ bericht auch Getnet Abebe, Doktorand der Informatik. Getnet und Zuzana haben sich zusammen mit 15 anderen Menschen bereit erklärt, Schülern der Nikolaschule in Passau an einem Vormittag von ihren Erfahrungen als Fremde in einem neuen Land zu erzählen. Dabei waren unter anderem eine Asylbewerberin aus Nigeria, ein Sprachschüler aus Moldawien, Studenten aus China, Spanien oder Mexiko, aber auch Deutsche, die selbst

längere Zeit im Ausland gelebt haben. Aber auch zwei Schülerinnen stellten sich als Lebendiges Buch zur Verfügung und erzählten ihren Mitschülern über die Traditionen und das Land ihrer Eltern. Gülhan, 14 Jahre aus der 7. Klasse, ist selbst in Deutschland geboren, ihre Eltern kommen jedoch aus der Türkei. Sie hat von ihren Urlauben bei der Oma aus dem Dorf Aksary bei Ankara berichtet, Bräuche bei ei-

„Ich war überrascht, wie smart die Kinder waren“ Zuzana Janotta ner traditionellen türkischen Hochzeit erklärt. Aber sie beantwortete auch viele Fragen ihrer interessierten „Leser“. „So wollten die anderen z. B. wissen, warum Mädchen Kopftücher tragen oder ob es bei dem Dorf meiner Oma noch Plumpsklos gibt,“ erzählt Gülhan. „Von

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Toleranz und Vielfalt + Integration Gülhans Geschichte hat mir vor allem gefallen, wie sie in der Türkei heiraten und was man so in der Türkei isst und trinkt“, erzählt Lisa, 11 Jahre, aus der 5. Klasse. Organisiert haben die Aktion der Verein „Gemeinsam leben & lernen in Europa“ und deren Hochschulgruppe „Gemeinsam in Europa“. Unterstützt wurden sie dabei von der Volkshochschule im Rahmen ihres XENOS-Projekts „Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos“ sowie engagierten Lehrern der Nikolaschule. „Wir wollen durch die persönlichen Geschichten Menschen berühren und ihr Denken nachhaltig im positiven Sinne beeinflussen. Sie sollen erfahren, wie es ist, sich fremd zu fühlen, sich in einer neuen Umgebung, Sprache und Kultur zurechtfinden zu müssen, um sich dann hoffentlich zukünftig gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund toleranter, offener und interessierter zu zeigen“, erklärt Perdita Wingerter von GLL, die die Idee zu dieser Aktion hatte. Dieses Ziel verfolgen auch der Lehrer Norbert Walleder und die Schulsozialarbeiterin Sibylle Wallisch und sind begeistert von dem Ergebnis: „Alle Kinder, die mitgemacht haben, waren begeistert“, erklärt Sibylle Wallisch. „Sie haben noch lange über ihre „Bücher“ und deren Geschichten, aber auch über ihre Erfahrungen und Gefühle gesprochen. Es ist einfach etwas anderes, aus einem Buch oder in einem direkten Gespräch etwas zu lernen: es ist viel persönlicher und die Kinder nehmen es viel eher auf.“ Davon ist auch ihr Kollege Norbert Walleder überzeugt: „Was mich überzeugt hat, ist diese Arbeit in Kleingruppen. Frontalunterricht, das haben sie ja schon in der Schule. Ich bin sehr positiv überrascht, wie intensiv die Schüler auf die Geschichten ihrer Bücher eingegangen sind und wie sehr sie anschließend darüber diskutiert haben. Das müssen wir unbedingt wieder machen, das darf keine einmalige Aktion bleiben.“ Daran sind auch die Organisatoren interessiert, schließlich ist es auch sehr mühsam eine solche Aktion zu organisieren. „Es war sehr schwierig Menschen davon zu überzeugen, ihre Geschichte zu erzählen“, berichten Rahel Rude und Ramona Scharl von der Hochschulgruppe. „Es ist – vor allem für Flüchtlinge – nicht leicht, so viel Persönliches von sich Preis zu geben und Vergangenes wieder aufleben zu lassen.“ Aber die Mühe hat sich gelohnt, weil

die Kinder auch Fragen stellen konnten, die man sich sonst so nicht so traut zu stellen. „Ein Schüler wollte wissen, ob alle Menschen in Äthiopien dunkle Haut haben und warum die Haut überhaupt dunkel ist. Eine Schülerin konnte es kaum glauben, dass es in Äthiopien keinen Freizeitpark mit Achterbahn und Wasserrutschen gibt, schließlich würde das doch viel Spaß machen und alle Kinder müssten doch das machen können“, berichtet Rahel Rude schmunzelnd. Die „Lebendigen Bücher“ waren am Schluss auch sehr berührt. „Die Schüler haben mich gesiezt und waren sehr respektvoll und interessiert“, so Yining, 19 Jahre, Jurastudentin aus China. Viele fanden es schön, mal ihre Sicht erläutern zu können, selbst gehört zu werden: „Man sollte mit Afrika nicht nur Armut und Hunger verbinden“, hofft z.B. Sandra,

39, Verkäuferin und Flüchtling aus Nigeria. „Es gibt auch viel Positives. Und ich wünsche mir, dass die Menschen einfach freundlich zu Ausländern sind. Und das habe ich hier erlebt.“ Berührt waren sie auch von den vielen Wünschen, die die Kinder an eine Tafel geschrieben hatten: „Ich wünsche meinem Buch, dass es schnell Deutsch lernt, viele Freunde findet und viel Glück, Freude und Gesundheit in ihrem weiteren Leben in Deutschland hat!“ Aber die Kinder haben auch viel Neues erfahren, was sie nachdenklich gestimmt hat. „In Nigeria muss man alles beim Arzt bezahlen, sonst wird man nicht behandelt, es gibt keine Krankenversicherung wie bei uns. Und bei Homosexualität gibt es eine 14-jährige Gefängnisstrafe“, hatte z.B. Johannes, 14 Jahre, erfahren. Auf einer Tafel hatten die Schüler Gelegenheit ihr Gelerntes aufzuschreiben. „Ich habe immer gedacht, dass die Karibik ein Traumort ist, aber für die Einheimischen ist das nicht so.“ „Ich hatte nicht gewusst, dass es so schwer ist, neu anzufangen.“ „Ich kannte ja nur die Vietnamesenstände hinter der Grenze. Aber in Tschechien gibt es ja viele Sehenswürdigkeiten und Prag liegt ja gar nicht so weit weg von Passau, da könnte ich ja mal mit meiner Familie hinfahren.“ pw

Zitat „Die Fragen der Kinder waren wirklich erstaunlich: „Warum sind deine Haare so kraus? Haben alle Leute so dunkle Haut wie du? Warum ist die Haut eigentlich so dunkel?“ Das sind Fragen, die vielleicht viel mehr Menschen haben, aber sich nicht trauen zu fragen. Die Kinder hatten da keine Scheu und das hat mir gut gefallen, weil es sie wirklich interessiert hat. Sie haben auch ganz naive Fragen gestellt, z.B. warum es denn keinen Freizeitpark mit Wasserrutsche gibt? Aber es gab auch ganz differenzierte Fragen, zum Beispiel nach den Unterschieden zu Deutschland, ob es Kriminalität und auch Polizei gibt. Ein Junge hat mich überrascht, da er sich im Vorfeld schon über Äthiopien informiert hatte und ganz gezielt Fragen gestellt hat, z. B. über einen ganz bestimmten Stamm. Und sie waren ganz überrascht, dass es in Afrika auch kühl werden kann. Die Kinder waren viel reifer und smarter, als ich erwartet hatte. Ich war froh, dass ich mitgemacht habe, weil ich ja am Anfang gar nichts Persönliches über mich erzählen wollte. Aber das war eine schöne Erfahrung, weil die Kinder so wissbegierig waren. Getnet Abebe Informatiker, Doktorand an der Universität Passau

Ausgabe 9 - Juli 2014

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Was ist eigentlich...

Machverhältnisse im Ungleichwicht

... Xenos?

Von Mensch zu Mensch

Xe|nos von altgriechisch ξένος – xénos: fremd, feindlich

Interkulturelle Filmreihe im Scharfrichterkino durchgehend ausverkauft

Als Bestandteil des Europäischen Sozialfonds (ESF) fördert das Bundesprogramm „Xenos - Integration und Vielfalt“ Maßnahmen gegen Ausgrenzung und Diskriminierung in den Bereichen Betrieb, Verwaltung, Ausbildung, Schule und Qualifizierung. Ziel ist es, benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene mit und ohne Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft (wieder)einzugliedern. Für die lokalen und regionalen Problemlagen sollen praxisbezogene Lösungsansätze unter Anwendung bereits erprobter und bewährter Konzepte und Methoden entwickelt und gute Projektansätze implementiert werden. Eine regionale Initiative innerhalb des Bundesprogramms ist das Projekt „Grenzenlos tolerant – Toleranz grenzenlos“, das die Volkshochschulen Passau, Freyung-Grafenau, Cham und Hof, letzere in der Leitungsfunktion, von 2012 bis 2014 durchführen. Für Integration und gegen Fremdenfeindlichkeit vorzugehen steht an erster Stelle des Projekts. Diese zwei Hauptanliegen sollen durch die drei Säulen „verbesserte individuelle Integrationschancen“, „neue Formen der Begegnung“ und eine „regionale Sensibilisierung der Öffentlichkeit“ hervorgerufen werden. Auch zwei Projekte, an denen der Verein „Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V.“ beteiligt ist, finanziert die vhs Passau über das Xenos-Programm: Zum einen die Informationsseite für Migranten und Zugezogene „Mignet Passau“, die online unter www.mignet-passau.de Daten zu allen erdenklichen Lebensbereichen bereithält – und das in sechs Sprachen (siehe auch Seite 21). Zum anderen finanziert der Fonds die Sach- und Infrastrukturkosten des Sprachpatenprojekts für Kinder (siehe Seiten 12 ff.). red

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Was bedeutet Macht? Braucht es staatliche Kontrolle und Geld, um Macht auszuüben, oder reichen vielleicht auch Emotionen wie Hass und Liebe? Diesen Fragen wollte das Scharfrichterkino in Zusammenarbeit mit der Hochschulgruppe des Vereins „Gemeinsam leben & lernen in Europa“ im Rahmen einer Filmreihe auf den Grund gehen. Vier Filme haben die Organisatoren ausgewählt und näherten sich dem Thema so von völlig verschiedenen Richtungen. Beim ersten Dokumentarfilm “Bottled Life“ deckte der Schweizer Journalist Res Gehringer auf, wie der Nestlé-Konzern den globalen Handel mit abgepacktem Trinkwasser dominiert. Der Spielfilm „Black Brown White“ erzählte von einem Menschenhändler, der zum ersten Mal mit der Wahrheit der Menschen, die er transportiert, konfrontriert wird. Bei „The Act of Killing“ spielten Massenmörder, die 1965 in Indonesien eine Millionen Chinesen umbrachten, sich selbst. Und in „Paradies Liebe“ folgten die Zuschauer einer Österreicherin auf ihrem Urlaub in Kenia, wo sie zur Sextouristin wurde. Zu allen Filmen war im Anschluss die Möglichkeit geboten, sich auch interaktiv mit der Thematik auseinander zu setzen. Bei „The Act of Killing“ war sogar die Co-Regisseurin Christine Cynn anwesend und stand für Fragen offen. red

Das Organisationsteam der Hochschulgruppe „Gemeinsam in Europa“ (von li nach re): Ramona Scharl, Leon Biermann, Rahel Rude, Josephine Fontaine

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alle Plakate © entsprechende Produktions-/Vetriebs-/Verleihfirmen

Toleranz und Vielfalt + Integration


Toleranz und Vielfalt + Integration

Interkulturelles Fest und Preisverleihung

Kulturen erleben Türkisch schmecken, polnisch riechen, afrikanisch trommeln, mexikanisch sehen und bulgarisch fühlen – im Rahmen des GLL-Projekts „Kinder – Erleben – Kulturen“ können Kinder im Kita- und Grundschulalter in Passau mit allen Sinnen andere Kulturen erleben. Die Jury des bundesweiten Wettbewerbs „Deutschland Land der Ideen“ zeichnete das Projekt bei einem Festakt in der Alten Apotheke in Passau-Innstadt als herausragende „Bildungsidee“ aus. In interkulturellen Workshops machen ehrenamtlich engagierte junge und ältere Menschen mit Migrationshintergrund Geschichte und Kultur ihrer jeweiligen Herkunftsländer verständlich. Den Workshops liegt ein jeweils individuell erarbeitetes Schulungskonzept zugrunde, das die ehrenamtlichen Botschafter unterschiedlicher Herkunft gemeinsam mit den Projektverantwortlichen des Passauer Vereins „Gemeinsam leben & lernen in Europa“ entwickeln (Seite 10). „Vorurteile werden früh in der Kindesentwicklung durch Eltern und die Umgebung vermittelt. Wir setzen daher im Kindergarten- und Grundschulalter an und vermitteln Wissen und Verständnis für andere Länder und Kulturen“, erläutert die Geschäftsführerin des Vereins „Gemeinsam leben und lernen in Europa“, Perdita Wingerter, das Konzept. Sibel Sagdic, Repräsentantin der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“, lobte die Nachhaltigkeit des Angebots: „Durch das direkte und persönliche Erfahren anderer Kulturen bauen die Kinder frühzeitig Vorurteile ab und lernen Toleranz gegenüber Andersartigem zu üben. Wir freuen uns, dieses vorbildliche Engagement sichtbar machen zu können.“ Für das leibliche Wohl und die musikalische Unterhaltung sorgte die Deutsch-Russische Gesellschaft. Als Rahmenprogramm erzählten Ehrenamtliche als „Lebendige Bücher“ von ihrer Heimat oder Auslandserfahrungen.

oben: GLL-Vorstandsvorsitzender Toni Fischer (v.l.), Ehrenamtliche Meral Tekin, Dr. Wolfgang Dorn vom Kinderschutzbund, Ehrenamtliche Anita Windpassinger, GLLGeschäftsführerin Perdita Wingerter, Projektkoordinatorin Johanna Niederhofer, Claudia Roth, Leiterin des Altstadtkindergartens, und Sibel Sagdic von der Initiative„Deutschland - Land der Ideen“ freuen sich über den Preis Mitte links: Perdita Wingerter im Gespräch mit Festgästen Mitte rechts: Ein reichhaltiges Buffet mit russischen Spezialitäten hatte die Deutsch-Russische Gesellschaft vorbereitet. unten: Auch eine „LebendigeBücher“-Aktion fand während des Abends statt.

Rund 1 000 Bildungsprojekte aus ganz Deutschland haben in diesem Jahr am Wettbewerb „Ideen für die Bildungsrepublik“ teilgenommen. Eine unabhängige Expertenjury wählte insgesamt 52 Projekte aus, die sich in herausragender Weise für mehr Bildung von Kindern und Jugendlichen stark machen. Ziel des Wettbewerbs ist es, die Vorreiter einer gesellschaftlichen Bewegung für mehr Bildung sichtbar zu machen und andere zum Nachahmen zu ermutigen. Die Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ hat den Wettbewerb zusammen mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie der Vodafone Stiftung Deutschland im Januar 2013 bereits zum dritten Mal ausgerufen. Schirmherrin des Wettbewerbs ist Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka. Ausgezeichnet wurde unser Projekt „Kinder – Erleben – Kulturen“, bei dem junge und ältere Menschen mit Migrationshintergrund Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter ihr Land und ihre Kultur mit allen fünf Sinnen näher bringen. Ausgabe 9 - Juli 2014

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Ehrenamt + Toleranz und Vielfalt + Integration

Kinder - Erleben - Kulturen

Keine Chance für Rassismus

Vorurteile abbauen und Migranten die Chance geben, selbst aktiv zu werden: Mit diesem Ziel ist das Projekt „Kinder – Erleben – Kulturen“ seit fünf Jahren erfolgreich

Ivett Szücs bereitete ihr erstes ehrenamtliches Engagement große Freude, z.B. beim Kochen, Tanzen und Singen mit den Kindern

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„Mmm – das schmeckt ja lecker, kann ich noch etwas haben?“ Felix schneidet sich noch ein Stück von der bulgarischen Süßigkeit ab. Angelika Bauer hat sie von ihrer letzten Reise aus Bulgarien mitgebracht. Zusammen mit der bulgarischen Studentin Albena Sotirova hat sie 10 Kindern im Rahmen des Ferienprogramms des Kinderschutzbundes etwas über ihr Heimatland beigebracht. Veranstaltet wurde das Ganze vom Verein „Gemeinsam leben und lernen in Europa“, der sich u. a. zum Ziel gesetzt hat, Vorurteile und Rassismus zu bekämpfen und sich für die Integration von Migranten einzusetzen. Und der Workshop bot Albena und Angelika reichlich Gelegenheit, den Kindern beizubringen, dass in Bulgarien Vieles zwar anders, aber genauso viel auch sehr ähnlich wie in Deutschland ist. Die Kinder durften raten, wo Bulgarien liegt,

sahen Bilder von verschiedenen Landschaften, hörten bulgarische Kinderlieder und sahen Videos von typischen Volkstänzen. Aber die Kinder durften auch selbst aktiv werden. Als erstes wurde die bulgarische Flagge und Marteniza, bulgarische Glückbringer aus roter und weißer Wolle, gebastelt. Dann bekamen die Kinder ihren Namen in Bulgarisch, einer kyrillische Schriftvariante, aufgeschrieben. Besonders Spaß machte den Kindern, auf alten Kindergarten- und Schulfotos zu raten, welches der abgebildeten Kindern wohl Albena sei. Auch die Fotos von Albenas Familie waren spannend. Das bulgarische Geld wurde neugierig betrachtet und viele Fragen wurden gestellt. Und dann wurde gemeinsam gekocht. Auf dem Kochplan stand Tabator, eine kalte Gurkensuppe, und Schopska-Salat geschnippelt. Die Kinder waren mit Eifer dabei. Am Ende saß man gemeinsam am Tisch und probierte das Selbstgemachte, aber auch den leckeren Osterkuchen, den Angelika mitgebracht hatte. Schon im sechsten Jahr findet das Projekt nun statt. Die Ehrenamtliche des Vereins Ivett Szücs, die aus Ungarn stammt und bei „Kinder – Erleben – Kulturen“ ihre Heimat den Kindern präsentierte, war begeistert von dem Projekt, zumal es ihr erstes ehrenamtliches Engagement war: „Bisher habe ich mich immer nur dafür interessiert, wie man möglichst viel Geld verdienen kann. Ich habe Management

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Ehrenamt + Toleranz und Vielfalt + Integration Viel Spaß beim interkulturellen Workshop zu Mexiko hatten nicht nur die Kinder, etwa beim Schlagen nach der Piñata, sondern auch Ehrenamtlicher Jesus Enrique Hernandez Zumaya (rechts) kam dabei voll auf seine Kosten

und Finanzwirtschaft studiert. Sich für andere Menschen einzusetzen kam mir nicht in den Sinn.“ Die Arbeit im Verein, besonders für den Workshop, habe ihr die Augen geöffnet, wie wichtig freiwilliges Engagement ist: „Indem man seine eigene Kultur anderen näherbringt und so zeigt, dass nichts Bedrohliches an ihr ist, baut man Vorurteile ab und nimmt den Kindern die Angst vor dem Fremden. Dadurch wird interkulturelle Verständigung möglich“, war sich Szücs sicher. Sie hatte sehr viel Spaß in der Arbeit mit den Kindern, besonders beim Tanzen und Singen blühte sie auf. Auch für den Freiwilligen Jesus Enrique Hernandez Zumaya aus Mexiko

war die Arbeit mit Kindern anfangs ungewohnt. Als Student der Elektrotechnik kam er für ein paar Wochen nach Deutschland, um seine Deutschkenntnisse zu verbessern. „Das war für mich eine völlig neue Erfahrung, die mir aber unglaublichen Spaß gemacht hat“, freute sich Hernandez Zumaya. Besonders beeindruckte ihn, wie aufgeschlossen und offen die Kinder seiner Kultur gegenüber waren. „Die Kinder kamen völlig begeistert aus dem Workshop. Es scheint ihnen viel Spaß gemacht zu haben“, erzählte Evi Buhmann, die Vorsitzende des Kinderschutzbundes. Die Verantwortlichen versprachen, auch nächstes Jahr wieder dabei zu sein, um den Kindern wieder ein neues Land erleben zu lassen. red/asc

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Ehrenamt + Toleranz und Vielfalt + Integration

Sprachpaten für Kinder

Sprache schafft Zukunft Es ist ein Projekt der Superlative: 85 Ehrenamtliche, 25 Schulen, das Schulamt und die Volkshochschule Passau ziehen gemeinsam mit unserem Verein an einem Strang, um 110 Kindern mit Migrationshintergrund die Integration zu erleichtern. Das Deutschlernen ist dafür essenziell. Am Anfang war das Wort. Nicht ohne Grund beginnt die Bibel mit dieser Zeile. Denn „das Wort“, sprich: die Sprache, ist ein einzigartiges Mittel der Kommunikation, das in dieser ausgefeilten Form nur der Mensch besitzt. Ein Mittel, mit dem er seine Gedanken und Gefühle, Erinnerungen und Pläne austauschen kann. Ein Mittel, das die „Erfolgsgeschichte“ des Menschen überhaupt erst ermöglicht hat. In der modernen Gesellschaft ist es umso wichtiger, sich sprachlich verständigen zu können. Denn nur wer die Sprache eines Landes beherrscht, hat die Aussicht auf eine gute Bildung und folglich einen zukunftsfähigen Beruf. Menschen, die neu nach Deutschland kommen, fehlt dieses sprachliche Fundament meistens und hindert sie, in Deutschland einen Job zu finden, soziale Kontakte aufzubauen, sich eine neue Existenz zu schaffen. Was schon für Erwachsene, die nach Deutschland einwandern, unabdingbar ist, hat für Kinder einen noch viel höheren Stellenwert. In ihrem Alter werden die Grundsteine für das spätere Leben gelegt. Das Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ hat dabei durchaus einen wahren Kern: Gerade beim Sprachenlernen gibt es große Unter12

schiede zwischen Kindern und Erwachsenen. So kann ein Kind unter 10 Jahren eine Fremdsprache noch so einwandfrei wie seine Muttersprache erlernen, während der Spracherwerb bei zunehmendem Alter immer schwerer fällt. Warum Sprachpaten? Gerade deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, Kindern so früh und so schnell wie möglich die Sprache des Landes, in dem sie leben, beizubringen. Leider wird von politischer Seite dafür nur wenig Unterstützung geboten. Besonders im ländlichen Raum stehen häufig keine eigenen Förderlehrkräfte an den Grundschulen zur Verfügung. So kommt es, dass allein im Landkreis und in der Stadt Passau mehr als 100 Kinder ohne oder mit nur sehr geringen Deutschkenntnissen im Unterricht sitzen. Sie verstehen oft kaum ein Wort, müssen aber dennoch alle Fächer besuchen, ohne etwas daraus mitnehmen zu können. An dieser Stelle dachte sich „Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V.“: „Wir müssen etwas tun!“ Perdita Wingerter, Geschäftsführerin des überwiegend ehrenamtlich organisierten Vereins, erklärt dazu: „Wir waren damals vom Sprachpatenprojekt des Freiwilligenzentrums Strau-

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Inge Dick zeigt ihrem Patenkind Nihad deutsche Kinderbücher und bringt ihm so Deutsch bei


Eins zu eins erfolgt die Zuordnung zwischen Kind und Sprachpate. Nur so ist individuelle Betreuung gew채hrleistet - ein Erfolgsgeheimnis des Projekts

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Ehrenamt + Toleranz und Vielfalt + Integration

bing sehr beeindruckt und wollten etwas ähnliches auch in Passau und Umgebung aufziehen“ (weitere Infos zur Entstehung siehe Interview Perdita Wingerter Seite 16). Gemeinsam mit dem Staatlichen Schulamt sowie der Volkshochschule Passau schloss sie eine Allianz für bessere Sprachintegration von Kindern mit Migrationshintergrund in Stadt und Landkreis Passau. Während das Schulamt sich vor allem um die Koordination der Schulen kümmern und die vhs als Bildungsträger grundlegende finanzielle Mittel über das EU-Programm „Xenos – Toleranz grenzenlos, grenzenlos tolerant“ akquirieren sowie geeignete Schulungsräume für die Ausbildung zum Sprachpaten zur Verfügung stellen sollte, lag es am Verein, Ehrenamtliche für das Projekt zu aktivieren, sie auszubilden und mit einem Kind zu „matchen“, d.h. nach bestimmten Kriterien, vor allem der räumliche Nähe, ein Kind einem Sprachpaten zuzuordnen und die langfristige Betreuung des Projektes zu übernehmen. Ausbildung Die Schulung besteht aus drei Teilen. Mit der Frage „Was ist die Rolle und Aufgabe des Sprachpaten?“ beginnt die Ausbildung. „Als allererstes wollen wir von unseren neuen Paten wissen, was sie sich unter dem Engagement vorstellen und wie sie mit prekären Situation, die während der Patenschaft auftreten können, umgehen. Dann erklären wir ihnen die Rahmenbedingungen des Projekts und 14

Sprachpaten bei ihrer Ausbildung: Miteinander zu reden und zu diskutieren ist elementarer Bestandteil der Schulungen klären die Teilnehmer auf, ob sie in den durchgespielten Fällen richtig gehandelt haben“, beschreibt Wingerter die ersten Schulungsinhalte. Die Referentin der zweiten Schulung ist Claudia Hasenkopf, offizielle Beraterin für Migration in Niederbayern. Die Grundschullehrerin gibt Seminare zum Thema „Deutsch als Zweitsprache“ für ihre Kolleginnen im ganzen Regierungsbezirk. Doch auch die Sprachpaten profitieren von ihrer Kompetenz: „Kinder lernen eine Sprache ganz anders als Erwachsene. Für erstere sind weniger das sture Pauken von Grammatik und Vokabeln entscheidend, sondern das ständige Hören der Sprache. Sie lernen eine zweite Sprache also ähnlich wie ihre Muttersprache. Deshalb appelliere ich an alle Sprachpaten: Versetzen Sie Ihre Kinder in ein Sprachbad!“ Den Empfehlungen der Expertin folgt der Verein und empfiehlt den Einsatz von Spielen und Bilderbüchern. Diese konkrete und alltagsnahe Herangehensweise ans Deutschlernen ist sicherlich ein Markenzeichen des Sprachpatenprojekts. Indem die Sprachpaten den Kindern erzählen, vorlesen, mit ihnen Spiele spielen und sie dabei stets zum Reden animieren, aktivieren sie die natürliche Veranlagung zum Spracherwerb und helfen dem Kind, ihr Deutsch spürbar zu verbessern. Die Atmosphäre unterschei-

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Praxisnah sind die drei Schulungen des Sprachpatenprojekts aufgebaut: Viele konkrete Tipps und Materialien sind ein fester Bestandteil


Ehrenamt + Toleranz und Vielfalt + Integration det sich dabei von der klassischen Unterrichtssituation: Nicht 20, sondern nur ein einziges Kind wird von einem Menschen betreut, der allein des Kindes wegen, aus freiem Willen und ohne finanzielle Entschädigung in die Schule kommt und seine Unterstützung anbietet.

dass die Kontaktaufnahme tatsächlich erfolgt“, erläutert er diesen organisatorischen Kniff. Die Partner vereinbaren auf der Grundlage der Angaben im Schulinfoblatt den wöchentlichen Termin für das gemeinsame Treffen. Im Idealfall erhält der Sprachpate eine kleine Einführung zu Schule und Patenkind. Wie die Sprachpaten ihre Stunde inhaltlich aufziehen, ist ihnen freigestellt. „Wir setzen lediglich voraus, dass die Kinder dabei Deutsch lernen“, formuliert Perdita Wingerter das freie Konzept. Auch steht das spielerische Lernen im Vordergrund. Doch der Kreativität der Sprachpaten sind keine Grenzen gesetzt – und viele von Ihnen nutzen diese Freiheit ausgiebig (Seite 20).

Das Geheimnis: eins zu eins In der Eins-zu-Eins-Zuordnung liegt auch ein Erfolgsgeheimnis des Projekts. „So stellen wir eine individuelle Betreuung sicher, die ganz auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht“, führt Wingerter aus. Zudem werde der Pate zu einer Bezugsperson für das Kind, um das sich die Eltern häufig nicht in ausreichender Weise kümmerten. „Viele Kinder freuen sich tierisch auf die wöchentlichen Treffen“, ergänzt sie. Unterstützung auf Dauer Zurück zur Ausbildung: Nachdem die Sie sind aber keinesfalls auf sich alleine Sprachpaten die Prinzipien des Projekts gestellt: Neben der praktischen Anrekennen und viele praktische Tipps zum gungen aus den Deutschkursen ist der Spracherwerb mitgenommen haben, Verein immer damit beschäftigt, neue beschäftigen sie sich mit Interkulturali- Materialien, Methoden, Übungen und tät. „Uns ist bewusst, dass zwischen Pate Spiele zu finden und diese allen Sprachund Kind häufig kulturelle Unterschiede paten verfügbar zu machen – nicht nur bestehen. In der dritten Schulung wollen bei den monatlichen Austauschtreffen, wir die Freiwilligen deshalb für das Thema sondern auch über eine geplante Onlinesensibilisieren und beleuchten, wie man Plattform, auf die Sprachpaten auch eidiese Unterschiede überwinden kann“, gene Inhalte hochladen können. erklärt Verena Hosbach, die das Seminar Bei diesen Veranstaltungen geht es ehrenamtlich hält. Sehr konkret wird es aber nicht nur um den Austausch von dann im zweiten Materialien Teil, wenn es daMetho„Versetzen Sie Ihre Kinder in ein und rum geht, wie der den, sondern Sprachpate das Sprachbad!“ gegenseitige erste Treffen mit Claudia Hasenkopf Erfahrungsbedem Kind am berichte über die sten gestaltet. Arbeit mit den Nach erfolgreich abgeschlossener Aus- Patenkindern stehen im Vordergrund und bildung geht es endlich los: Hat der sind Teil jedes Treffens. Darüber hinaus Sprachpate alle nötigen Unterlagen ein- bietet der Verein auch Fortbildungen zu gereicht und erfüllt er die Teilnahmevo- bestimmten Themen an, die die Sprachraussetzungen, macht sich der Verein paten selbst mitbestimmen können. daran, jedem Sprachpaten „sein“ Kind Dass dieses Projekt nicht auf die Regizuzuweisen. Sobald die Paare festste- on Passau beschränkt bleiben wird, ist hen, informiert er gleichzeitig Sprach- schon jetzt absehbar. „Wir haben schon paten und Schule des zugeordneten Anfragen von Freyung-Grafenau über Kindes. „Wir statten den Sprachpaten München bis Bocholt in Nordrhein-Westaußerdem mit Basisinfos zur Schule aus, falen erhalten“, ist Andreas Schrank stolz die auch die Kontaktdaten des dortigen auf das gemeinsame Projekt, das mittAnsprechpartners enthalten“, weiß An- lerweile auch Bestandteil des Bildungsdreas Schrank. Als Bundesfreiwilligen- netzwerks „PASSgenAU“ ist. dienstleistender ist er für die Organisati- „Das Wort“ verbreitet sich so über ganz on verantwortlich. Auch die Schule erhält Deutschland – und schafft damit eine einen Brief mit den Angaben zum neuen bessere Zukunft für Kinder. asc Sprachpaten. Schule wie Sprachpate sind nun aufgerufen, miteinander in Kontakt zu treten. „Wir gehen so auf Nummer sicher, Ausgabe 9 - Juli 2014

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Ehrenamt + Toleranz und Vielfalt + Integration

Perdita Wingerter im Interview über Sprachpaten

„Jetzt trau ich mich mal!“ Perdita Wingerter, die Projektinitiatorin und Geschäftsführerin des Vereins, spricht mit Miteinander über das Projekt „Sprachpaten für Kinder“ – und erklärt, warum die Teilnehmerzahlen so explodiert sind.

Auf welchem Weg kam dir die Idee zum Projekt? Bei der Verleihung des Integrationspreises der Regierung von Niederbayern an unseren Verein unterhielt ich mich mit dem Deutsch-alsFremdsprache-Lehrer Hans Witzlinger von der vhs Passau. Er beklagte sich darüber, dass es zwar viele Angebote zum Deutschlernen für Erwachsene gebe, aber keine für Kinder. So passiere es häufig, dass Kinder eingeschult würden und im Unterricht säßen, ohne dem Unterrichtsgeschehen folgen zu können. Bei der Preisverleihung waren außerdem Vertreter der Sprachpaten aus Straubing dabei, die sehr begeistert von ihren Erfahrungen mit dem Projekt erzählt haben. Wir haben dann einfach nur eins und eins zusammengezählt und uns an die Planung gemacht.

Warum gerade diese Form der Sprachförderung? Der Ansatz einer Patenschaft ist sehr gut geeignet für die Lösung eines komplexen Problems wie des Spracherwerbs. Das Kind bekommt einen individuellen Ansprechpartner, den es regelmäßig trifft, und kann so sukzessive ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufbauen. Außerdem mussten wir auch die örtlichen Rahmenbedingungen berücksichtigen. Der Landkreis Passau ist ein Flächenlandkreis; die Kinder mit Migrationshintergrund leben sehr weit gestreut, pro Schule gibt es häufig nur einige wenige von ihnen. Von staatlicher Seite lohnen sich Massenangebote, wie sie sie in Großstädten gibt, nicht. Wir Perdita Wingerter bei einer Sprachpaten-Schulung haben uns daher für ein dezentrales Angebot – jeweils vor Ort in den Schulen – mit zentraler Koordinierung durch unseren Verein entschieden. Im Schulamt und der Volkshochschule haben wir dafür zwei gute Kooperationspartner gefunden. Inwiefern passt das Projekt zu den Grundsätzen des Vereins? Wir sind gut darin, Menschen zu motivieren, sich gesellschaftlich einzubringen. Kindern mit Migrationshintergrund ehrenamtlich Deutsch

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beizubringen passt daher sehr gut zu unseren Zielen. Gleich mehrere von ihnen treffen auf das Projekt zu: Förderung von Integration und Vielfalt in der Gesellschaft, Vernetzung von Akteuren, bürgerschaftliches Engagement und natürlich die Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Doch auch die Art, wie wir arbeiten, spiegelt das Sprachpatenprojekt sehr gut wider: Wir ermächtigen Menschen, selbst aktiv zu werden und zusammenzuarbeiten. Wir reden nicht nur über Probleme, sondern wir tun etwas dagegen und zeigen so auch anderen, dass man etwas tun kann. Wie wird das Projekt finanziert? Engagierte Leute allein reichen nicht für die erfolgreiche Umsetzung eines Projekts. Wir haben uns daher über die vhs um Mittel aus dem EU-Förderprogramm „Xenos“ bemüht und diese auch erhalten. Sie decken allerdings nur unsere Sach- und Infrastrukturkosten ab – und auch das nur bis Ende 2014. Die Arbeit im Projekt geschieht dagegen fast ausschließlich ehrenamtlich. 90 Ehrenamtliche sind in dem Projekt involviert – und das, obwohl die Bereitschaft zu freiwilligem Engagement in der Gesellschaft generell rückläufig ist. Wie passt das zusammen? Das Ehrenamt ist nicht auf dem Rückzug, sondern es wandelt sich. Leute wollen sich nicht mehr auf unbestimmte Zeit für unbestimmte Aufgaben verpflichten. Ämter in Vereinsvorständen zu besetzen wird so zunehmend schwieriger.

„Wir zeigen anderen: Man kann etwas machen!“ Perdita Wingerter Das Sprachpatenprojekt hat jedoch zwei entscheidende Vorteile. Zum einen ist die Aufgabe klar definiert: Dem Patenkind die deutsche Sprache beizubringen. Zum anderen steht auch das Ende der Sprachpatenschaft von Beginn an fest: Sobald das Kind Deutsch verstehen und sich auf Deutsch verständigen kann – nicht früher und auch nicht später. Diese inhaltliche und zeitliche Überschaubarkeit bewegt viele Leute dazu, über ihren Schatten zu springen und sich für andere einzusetzen.

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Ehrenamt + Toleranz und Vielfalt + Integration Auch unsere mediale Präsenz spielt sicherlich eine Rolle. Viele haben häufig Zeitungsartikel zu unserem Projekt gelesen und so gesehen, dass das Projekt seriös und effektiv ist. Das gab ihnen die Gewissheit, sich zu sagen: „Jetzt trau ich mich mal!“ Ursprünglich war das Programm nur als Pilotprojekt mit 15 Teilnehmern geplant. Wie kam es zu der massiven Ausweitung der Teilnehmerzahlen? Zu Beginn unserer Planungsphase wollten wir das Potenzial des Projekts herausfinden und haben daher die Schulen gefragt, ob und wieviele Sprachpaten sie gebrauchen könnten. Unsere Recherche brachte insgesamt 30 bis 40 in Frage kommende Kinder hervor. Viele Schulen sagten uns sogar, sie hätten gar keinen Bedarf. Auch das Anwerben von Schulungsteilnehmern war anfangs extrem mühsam. Zur ersten Infoveranstaltung in Vilshofen kam kein einziger, auch die Treffen in Passau und Pokking waren sehr schlecht besucht. So konnten wir in der ersten Schulungsreihe in Passau nur

drei Sprachpaten ausbilden. Doch nachdem das Bild und ein Artikel in der Zeitung waren, hatten wir für die zweite Schulung in Pocking schon 20 Interessenten und letztlich 13 fertig ausgebildete Sprachpaten. Dann kam das neue Schuljahr. Wir haben nochmals bei den Schulen nach dem Bedarf gefragt und wurden jetzt mit ganz anderen Zahlen konfrontiert: 80 Kinder mit Förderbedarf! Allerdings hatten wir zu diesem Zeitpunkt nur 16 Sprachpaten. Ich konnte es nicht aushalten, so vielen Kinder keinen Ehrenamtlichen an die Seite stellen zu können – und brachte daher ein Foto von der zweiten Schulungsreihe in die Zeitung. Von nun an klingelte das Telefon fast im Minutentakt. 40 Leute nahmen an der dritten Schulung teil. Nach der fünften Schulungsreihe konnten wir jedem Kind einen Sprachpaten zuordnen, eine vollständige Versorgung war sichergestellt. Jetzt sind wir gespannt auf die Anmeldungen zum neuen Schuljahr und führen zu Schuljahresbeginn möglicherweise eine weitere Schulung durch. asc

Was ist in der Sprachpatenkiste? »

Spaß am Lernen steht bei uns an oberster Stelle. Das zeigt sich auch am Inhalt der Sprachpatenkiste, welcher von uns sorgfältig ausgewählt wird, um eine gute Balance zwischen Lernmaterial an sich, in Form von Büchern, und Spielen zu finden. Um ein abwechslungsreiches Lernen zu gestalten, werden von unserer Seite stets neue Materialien hinzugefügt. Auch die Sprachpaten bzw. Sprachpatinnen an sich sind Mitgestalter dieser Vielfalt an Möglichkeiten, Kindern Deutsch beizubringen, da sie uns Anregungen und Vorschläge geben, die mithilfe der Sprachpatenkiste für alle zur Verfügung stehen. In der folgenden Infobox sehen Sie einen Überblick über den derzeitigen Bestand der Sprachpatenkiste. ta

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Bücher zum Thema Grammatik, ein Buch mit 200 Diktaten, ein Bildwörterbuch, ein dialogisiertes Lesetraining und ein Buch zum Thema Europa Ein Hefter mit Übungsmaterial und einem Lerntagebuch Spiele (z.B. ein Tier-Memory, ein Ball-Domino, ein Sportquiz, ein Kartenspiel, ein Würfelspiel…) Laminierte Karten (z.B. das ABC, Wortkarten, Wiewörter, Tunwörter, Übersicht über das Haus und seine Räume…) Ein Maßband Ein Springseil Spielgeld Ein Stempel und ein Stempelkissen

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Ehrenamt + Toleranz und Vielfalt + Integration

Die Sprachpatenteams im Ăœberblick

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Ehrenamt + Toleranz und Vielfalt + Integration

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Ehrenamt + Toleranz und Vielfalt + Integration

Austauschtreffen Sprachpaten für Kinder

Raum für Kommunikation „Sprechen und Hören ist Befruchten und Empfangen“

Novalis

Die monatlichen Austauschtreffen führen wir immer abwechselnd in Passau, im südlichen und im nördlichen Landkreis durch, damit die Sprachpaten dabei keine übermäßigen Anfahrtswege auf sich nehmen müssen. Um die Vielfalt der Möglichkeiten eines erfolgreichen Lernens darzustellen, steht jedes Treffen unter einem anderen Motto. „Grammatik leicht erklärt“ stand im Mittelpunkt der letzten Zusammenkunft im Juni in Vilshofen a. d. Donau. Häufig tauchen Fragen wie „Was ist nochmal ein Nomen?“, „Wie erkläre ich, wann ich welchen Artikel verwende?“ oder „Wie bringe ich dem Kind die deutsche Grammatik spielerisch bei?“ auf. Austausch steht im Vordergrund Nach einer Einführung von unserer Seite mit hilfreichen Grammatiktipps begann der gemeinsame Austausch, bei dem jeder die Möglichkeit ergriff, um zu erzählen, auf welche Art und Weise er die Grammatik erklärt und welche Materialien der Sprachpate oder die Sprachpatin verwendet. Nach diesen neuen Anregungen besteht bei jedem Treffen die Gelegenheit seine grundsätzlichen Erfahrungen mit dem Kind sowie eventuell auftretende Fragen und Probleme anzusprechen. Dieser Teil ist für unseren Verein von entscheidender Bedeutung, um das Konzept und die Umsetzung des „Sprachpatenprojekts für Kinder“ ständig zu verbessern und weiterzuentwickeln. Der Anfang und das Ende jedes Austauschtreffens wird jeweils individuell gestaltet. So stand in Vilshofen a. d. Donau zu Beginn eine Entspannungsübung von einem Sprachpaten auf dem Programm, die allen zeigen sollte, dass man das richtige Maß an Lernen bei jeder Einheit mit dem Kind treffen sollte, indem man anfangs zuerst vom Schulunterricht abschalten kann. Schließlich steht bei uns der Spaßfaktor des Kindes am Lernen im Vordergrund. Das zeigt sich auch an den Materialien und Spielen, die von uns vorbereitet werden. Bunte Memorys, wie z.B. das Tier-Memory, und ein Kartenspiel sind ebenso Bestandteil unserer Sprachpatenkiste, die man an jeder Schule vorfindet, wie ein Bildwörterbuch und ein Grammatikbuch. Jeder Sprachpate bzw. jede Sprachpatin entscheidet selbst, welche Materialien er oder sie aus der Kiste verwendet und in welchem Maß. Bei jedem Austauschtreffen kommen neue Materialien von unserer Seite hinzu. Abschließend führten wir beim letzten Austauschtreffen in Vilshofen a. d. Donau eine Evaluation zu dem kompletten Sprachpatenprojekt für Kinder durch. 13 auf Plakaten geschriebene Fragen wurden im gesamten Raum verteilt und von jedem Einzelnen mithilfe eines Klebepunktes beantwortet. Beispiele dafür sind folgende Fragen: „Wie zufrieden sind Sie insgesamt mit dem Sprachpatenprojekt?“, „Sehen Sie Fortschritte bei dem Kind?“ und „Kommen Sie gerne zum Austauschtreffen?“ ta

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Integration

Referenten bei den Austauschtreffen waren bisher:

Online-Informationsplattform „MigNet“

Willkommensstruktur mit Herzblut

Perdita Wingerter Geschäftsführerin von „Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V.“ und Projektinitiatorin

Sylvia Seider-Rosenlehner Gesundheitsamt Passau Präventionsstelle

Marietta Stöckl Sprachpatin

Alois Weber Sprachpate

Marina Guggenthaler/ Teresa Anetsberger GLL-Praktikanten

„Am Anfang kannte ich mich gar nicht aus, als ich nach Passau kam. Ich konnte zwar ganz gut Deutsch, aber hier war alles ganz anders als in Ungarn. Daher brauchte ich ziemlich lange, bis ich wusste, wie alles in Deutschland funktioniert und wer für was zuständig ist,“ erzählt Krisztina Lantos aus Pécs, die wegen ihres Studiums nach Passau kam. Und bei solchen Problemen will die vhs Passau helfen. Zusammen mit drei anderen Volkshochschulen aus der Region führen sie im Rahmen des Förderprogramms Xenos Projekte durch, um Integration zu fördern und Rassismus zu bekämpfen. „Wir wollen eine Willkommensstruktur schaffen,“ erklärt Verbandsvorsitzender Herman Baumann. „Wenn wir im Ausland sind, sind wir die Ausländer und wollen schließlich auch gut behandelt werden. Denn wir sind ja alle Menschen.“ So gibt es bei der vhs eine Beratungsstelle als erster Anlaufpunkt für Migranten, die hier eine individuelle Integrationsplanung und -begleitung brauchen. Dabei steht das Dialogzentrum in Kontakt mit anderen Fachdiensten und Einrichtungen, an die eventuell weiter verwiesen wird. Seit kurzem gibt es unter der Webadresse www.mignet-passau.de auch ein Informationsportal für Migranten aus Stadt und Landkreis Passau. Hier finden Menschen aus dieser Region – egal ob sie zugezogen sind oder ursprünglich aus einem anderen Land kommen – alle wichtigen Informationen zu Leben, Lernen und Arbeiten in Deutschland und der Region. „Mit dem Informationsportal „MigNet Passau“, das über das EU-Programm XENOS finanziert wurde, wollen wir den Menschen - vor allem aber Migrantinnen und Migranten - helfen, sich besser orientieren, informieren und damit integrieren zu können,“ erklärt Hans Martin, Ansprechpartner bei der vhs für das Programm Xenos. Unterstützung holte sich die vhs beim Verein „Gemeinsam leben & lernen in Europa“, der das Projekt praktisch umsetzte. Im Rahmen

des Programms Xenos hat die vhs Passau den Verein „Gemeinsam leben & lernen in Europa“ beauftragt, für Migranten aus Stadt und Landkreis Passau eine umfassende onlinegestützte Informationsplattform zu schaffen. Projektleiterin Perdita Wingerter erklärt dazu: „Unser Ziel war es, die Fülle an Informationen, die für das Leben, Lernen und Arbeiten in Deutschland relevant sind, übersichtlich und einfach formuliert darzustellen, und eine intuitive Menüführung zu ermöglichen.“ Für weiterführende Informationen werden bei den einzelnen Einträgen die relevanten Ansprechpartner vor Ort inklusive Name, Adresse, Telefonnummer, Email, Homepage genannt. Damit ist diese Plattform auch für Bürgerinnen und Bürger ohne Migrationshintergrund eine wichtige Informationsplattform geworden. Bei der Entwicklung und Umsetzung des Online-Projektes wurden von Anfang an immer Migranten eingebunden und das Endprodukt von Teilnehmern des letzten Integrationskurses getestet. „Wir wollten sicher stellen, dass die Webseite wirklich ihren Zweck erfüllt und nah an den Bedürfnissen der Menschen ist“, sagt Krisztina Lantos, die maßgeblich bei dem Projekt mitgewirkt hat. Überhaupt haben viele Menschen an dem Projekt mitgewirkt, erzählt Perdita Wingerter : „Es steckt viel Herzblut und auch viel zusätzliches ehrenamtliches Engagement in dieser Webseite, sonst hätten wir ein solch komplexes und umfangreiches Projekt nie stemmen können!“ red  www.mignet-passau.de  www.mignet-cham.de

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Zweiseitige Vorlage Nr. 3

„Ich will nicht immer nur klug daherreden, sondern was ganz Praktisches machen, um Flüchtlingen zu helfen“: Diese Motivation bewegte Jakob Donath dazu, sich als Sprachpate zu engagieren.

Das neue Pilotprojekt von GLL: Ehrenamtliche Paten helfen Flüchtlingen beim Deutschlernen



Gemeinsam mit 17 anderen Teilnehmern absolvierte der Gymnasiast eine entsprechende Ausbildung des gemeinnützigen Vereins „Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V.“ (GLL). Als jüngster Pate will der 17-Jährige nun dafür sorgen, dass Asylbewerber die deutsche Sprache und Kultur kennenlernen. Denn deren Situation ist in unserem Land alles andere als einfach: Geflohen vor Krieg und Hunger, landen sie nach abenteuerlichen Reisen in Deutschland. Sie verbringen Monate in den Aufnahmelagern und werden dann auf die Landkreise verteilt, wo sie meist in Gemeinschaftsunterkünften ihr Dasein fristen. Staatliche Angebote zur Integration, wie Deutschkurse, stehen nur für einen Bruchteil der Asylbewerber zur Verfügung. „Dagegen wollten wir etwas tun“, erklärt Perdita Wingerter. Die Geschäftsführerin des überwiegend ehrenamtlich organisierten Vereins hatte die Idee zum Projekt „Rede mit

mir“. Nach dem Vorbild von „Sprachpaten für Kinder“, die der Verein seit einem Jahr erfolgreich schult und koordiniert, bildete er nun Sprachpaten für erwachsene Flüchtlinge aus. Pate und Flüchtling treffen sich einmal wöchentlich für mindestens eine Stunde, um im Gespräch das Deutsch des Flüchtlings zu verbessern – und nebenbei auch sein Verständnis der deutschen Kultur zu erhöhen. Ausbildung in fünf Einheiten Viel zu tun gibt es für die Ehrenamtlichen Kathrin Zenger und Sybille Holz, die das Projekt planen und umsetzen. Um die Paten optimal auf ihre Aufgabe vorzubereiten, konzipierten sie in Zusammenarbeit mit Organisationen aus dem Bereich Migration eine fünfteilige Schulungsreihe. Unterstützt wird das Projekt vom Bayerischen Sozialministerium und der Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (LAGFA) Bayern.

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Sprachpaten für Flüchtlinge

Integration leben ganz praktisch Miteinander Sprechen ist die Essenz des Projekts „Sprachpaten für Flüchtlinge“

In der Einführungsveranstaltung machten die dengemeinde, informierten über bestehende Praktikantinnen die Freiwilligen mit der recht- Angebote, Deutsch zu lernen. Sybille Holz lichen Situation von Flüchtlingen in Deutsch- stellte die von ihr eigens für das Projekt entland vertraut. Vertreterinnen der Flüchtlings- wickelten Lern- und Arbeitsmaterialien vor hilfeorganisation „NoBorder“ erläuterten und gab den Teilnehmern gemeinsam mit anschaulich, mit welchen Schwierigkeiten Kathrin Zenger viele konkrete Hilfestellungen Asylbewerber hier zu kämpfen haben. Die zum besseren Deutschlehren und -lernen an GLL-Ehrenamtliche die Hand. Verena Hosbach, der aus der Praxis „Es hat mich gefreut, zu jedem Tipps ehemalige Schulleiter präsentierte Isabel Hannes Schober, der Abend hinzugehen“ Wagner vom Asylcasich für ein SchulproBernhard Krohn fé, die gemeinsam mit jekt in Uganda engazwei Flüchtlingen an giert, sowie Marcel der vierten Schulung und Azzan Hassan von der Deutsch-Musli- teilnahm. Die Ehe-, Familien- und Lebensbemischen Gesellschaft verbesserten die in- raterin Eva Freymadl von „Pro Familia“ verterkulturelle Kompetenz der neuen Paten. mittelte Strategien zur Abgrenzung. Perdita Der dritte Termin stand ganz im Zeichen der Wingerter erklärt hierzu: „Wir können nicht Sprachförderung: Antje Hausold und Theresa die Vielfältigkeit der Probleme lösen, denen Vatter, Engagierte bei den ehrenamtlichen Flüchtlinge täglich ausgesetzt sind. Deshalb Deutschkursen der Evangelischen Studieren- haben wir einen Aspekt ausgewählt, um den Ausgabe 9 - Juli 2014

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Ehrenamt + Toleranz und Vielfalt + Integration + Chancengleichheit

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wir uns kümmern: Deutsch und Deutschland verstehen.“ Mithilfe dieses Trainings soll es den Ehrenamtlichen leichter fallen, in ihrem Ehrenamt auch Grenzen zu setzen, so die Geschäftsführerin.

 Ein erstes Beschnuppern wagen Sprachpaten und Flüchtlinge beim Kennenlerntreffen.  Als Teil ihrer Ausbildung unterhalten sich die angehenden Sprachpatinnen und -paten intensiv über ihre neue Aufgabe.

ehrenamtlich für die Integration von Flüchtlingen einzusetzen“, betonen Zenger und Holz. „Sie schaffen so die Grundlage dafür, dass diese sich langfristig in Deutschland willkommen fühlen.“ red/asc

Gewappnet für schwierige Situationen „Wie gehe ich mit schwierigen Situationen um?“: Mit dieser Frage beschäftigte sich die letzte Schulung. Außerdem erarbeiteten die Teilnehmer Vorschläge für die Gestaltung des ersten Treffens. Zum Abschluss stellte der Verein den Sprachpaten Personen und Organisationen vor, die sich in der Region mit der komplexen Flüchtlingsthematik beschäftigen – „ein Netzwerk, auf das sie sich verlassen können“, ist sich Wingerter sicher. Das Fazit von Bernhard Krohn zur Ausbildung fiel eindeutig aus: „Die Vorbereitung war sehr abwechslungsreich und super strukturiert, ich habe Klarheit über meine Aufgabe als Sprachpate gewonnen. Es hat mich gefreut, zu jedem Abend hinzugehen“, war der Berufsschullehrer begeistert. Auch der Direktor des Landwirtschaftsamtes, Wolfgang Niller, war voll des Lobes: „Klare Struktur, professionelle Umsetzung – ich fühle mich gut auf mein neues Ehrenamt vorbereitet.“ „Jetzt kann es losgehen“, freut sich Organisatorin Kathrin Zenger. Insgesamt elf Männer und sieben Frauen im Alter von 17 bis 76 Jahren, die die Ausbildung zum Sprachpaten erfolgreich abgeschlossen haben, werden in den nächsten zwei Wochen auf einer Kennenlernveranstaltung ihren Sprachpartner finden – weit mehr als ursprünglich geplant. „Wir sind erstaunt, wie viele Menschen bereit sind, sich 24

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Ehrenamt + Toleranz und Vielfalt + Integration + Chancengleichheit Lebensmittelmemory, Deutschlandkarten und Wort-Bild-Tabellen sind nur einige der Materialien, die die Sprachpatenbox beinhaltet

Materialien Sprachpaten für Flüchtlinge

Am Anfang war die Idee. Am Ende die Sprachpatenbox. Das Projekt „Rede mit mir: Sprachpaten für Flüchtlinge“ wurde vom Verein entwickelt, um Flüchtlingen durch die Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse die Möglichkeit zu geben, sich mit der einheimischen Bevölkerung auseinanderzusetzen und Alltagsprobleme selbstständig lösen zu können. In Zusammenarbeit mi der ESG Passau (Evangelische Studierenden Gemeinde) entwickelten wir daher 10 verschiedene Redeanlässe, die von den dortigen, ehrenamtlichen Sprachlehrerinnen und -lehrern als oftmals problematisch für die Flüchtlinge beschrieben wurden. Kommunikation steht im Vordergrund Wir hatten somit inhaltlich ein Projektziel vor Augen, die Frage war nur, auf welchem Weg wir dieses Ziel bestmöglich erreichen. Die im Handel erhältlichen Bücher für Deutsch als Zweitsprache haben ihren Fokus meist auf Grammatik und Vokabeln. In unserem Projekt sollte aber die Kommunikation das bedeutendste Element sein. Also entschieden wir uns dazu, das benötigte Material selbst herzustellen. Ähnlich zu dem, was wir auch bereits bei unserem Sprachpatenprojekt für Kinder realisiert haben: einen Sprachpatenkoffer. Aber nicht einen Koffer pro Schule, sondern einen Koffer pro Sprachpate, da sich Pate und

Sprachpartner immer individuell an ganz unterschiedlichen Orten treffen. Und der Sprachkoffer wurde ziemlich schnell zur Sprachpatenbox. Die Gründe liegen darin, dass die Box handlicher ist und mehr Material Platz darin findet. Gerade der letzte Punkt sollte sich bis kurz vor Übergabe der Boxen als Knackpunkt erweisen. Zunächst fing ich aber damit an, mir zu überlegen, wie man den jeweiligen Gesprächsanlass am sinnvollsten aufbereitet. Dabei stellte ich mir Fragen in Bezug auf die Grundkenntnisse der Sprachpartner im Deutschen, ihrer Lesefähigkeit und ihren Einblick in das deutsche Schriftsprachsystem generell. Wenn ich an die Sprachpaten dachte, war mir klar, dass nicht jeder Pate einen pädagogischen Hintergrund vorweisen konnte. So wird es von unserem Projekt ja auch gar nicht erwartet. Also lag mein Auftrag darin, Material zu erstellen, das von „Sprachschülern“ mit unterschiedlichem Niveau und „Sprachlehrern“ mit weit streuenden pädagogisch-didaktischen Erfahrungen benutzt werden konnte. Für Anfänger und Fortgeschrittene Da die Sprachniveaus der Sprachpartner sich auf ganz unterschiedlichen Leveln befinden konnten, war es ein Anliegen, dass man mit dem Material sowohl als Einsteiger als auch als Fortgeschrittener im Umgang mit der deutschen Sprache arbeiten konnte. Aus diesem Grund versuchte ich, wo es mir möglich war, mit aussagekräftigen Bildern als Unterstützung zu arbeiten. Die verwendeten Bilder haben aber noch einen weiteren Vorteil: Sie sprechen den visuellen Lerntyp an. Dieser reagiert beim Lernen besonders gut auf visuelle Reize, wie etwa Farben oder Muster. Der eher auditive Lerntyp wird in unserem Projekt durch das Hören der Wörter und Sätze angesprochen, die der Sprachpate mit richtiger Betonung und Satzmelodie ausspricht. Und nicht zuletzt haben wir auch viele Materialien, die den haptischen Lerntyp ansprechen: er hat Dinge gerne in der Hand, ordnet und sortiert nach einem bestimmten System. Für diesen Lerntyp habe ich einige Spiele gestaltet, bei denen Kärtchen zugeordnet oder Reihenfolgen gelegt werden müssen. Als Beispiel sei das Lebensmittelmemory genannt, dass

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Ehrenamt + Toleranz und Vielfalt + Integration + Chancengleichheit sich sowohl beim Gesprächsanlass „Einkaufen“, aber auch bei der Thematik „Kochen“ verwenden lässt. Die in der Sprachpatenbox enthaltenen Spiele sollen aber nicht nur unterschiedliche Lerntypen ansprechen. Sie sollen dem Sprachpartner auch die Möglichkeit geben, sich in Eigeninitiative mit dem Lernstoff auseinanderzusetzen und somit vom passiven Wissensaufnehmer zum aktiven Wissensanwender zu werden. In vielen Herkunftsländern unserer zu betreuenden Flüchtlinge herrscht ein eher autoritär aufgebautes Schulsystem vor. Sie sind es daher gewohnt, in sehr großen Klassen zu sitzen und den ganzen Tag etwas von der Tafel abzuschreiben, was ihnen der Lehrer vorgibt. Lernen ist dann oftmals reines auswendig lernen. Nur beim Sprachenlernen funktioniert das nicht zu hundert Prozent. Natürlich braucht

So sehen die Koffer im fertigen Zustand aus

Sybille Holz Als ausgebildete Lehrkraft für Grundschule mit Schwerpunkt Anglistik konzipierte sie die Lehrund Lernmaterialien der Sprachpatenbox. Das Ergebnis lesen Sie in diesem Artikel. 26

man einen Grundwortschatz und einen Einblick in die Grammatik, aber das Anwenden der Sprache hängt auch mit kulturellen Gegebenheiten zusammen. Als Beispiel wäre hier die Verwendung des „Sie“ und des „du“ angeführt. In manchen Sprachen, wie beispielsweise im Englischen, gibt es gar keine Höflichkeitsform bei der Anrede. Diesen Unterschied klar zu machen, damit beispielsweise auf dem Amt keine Missverständnisse aufkommen, ist auch ein Teil der Aufgabe eines Sprachpaten. Vorbereitung auf deutsches Schulsystem Eng damit verbunden ist auch der Versuch, die Flüchtlinge auf das deutsche Schulsystem vorzubereiten. Viele Flüchtlinge möchten hier eine Ausbildung machen oder sogar studieren, weil ihnen die Abschlüsse aus dem Heimatland hier nicht anerkannt werden und sie sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen wollen. Wie bereits erwähnt, sind sie aber ein ganz anderes Schulsystem gewohnt und ohne Vorbereitung auf das deutsche Schulsystem zunächst überfordert. In der Berufsschule müssen sie nämlich eigenaktiv arbeiten, Problemlösestrategien entwickeln und sich mit Transferaufgaben auseinandersetzen. Unser Material gibt hierzu Möglichkeiten. Zu Beginn können die Sprachpaten noch vermehrt Anweisungen geben. Mit der Zeit können dann aber Spiele und Bildkar-

ten eingesetzt werden, um freier zu arbeiten und dem Sprachpartner mehr Verantwortung für seinen Lernerfolg zu geben. Diese Verantwortung für den eigenen Lernfortschritt wird auch durch Hausaufgaben verdeutlicht. Sie sind ein Bestandteil des Materials und dienen dazu, den Lernfortschritt des Sprachpartners festzustellen. Entweder setzt sich der Flüchtling noch einmal vertiefend mit einem Thema in der Hausaufgabe auseinander, dass heißt, er beschreibt oder zeichnet beispielsweise das beim Thema „Kochen“ bereits mündlich erwähnte Lieblingsgericht oder er bereitet sich mit der Hausaufgabe auf die nächste Sitzung vor, zum Beispiel zum Thema „Mein Heimatort“. Die Hausaufgaben sind keine Verpflichtung, stellen aber ein Angebot dar, sich über das Treffen mit dem Sprachpaten hinaus noch mit der deutschen Sprache auseinanderzusetzen. 1000 Blatt Papier und 400 Stunden Arbeit Die erwähnten Hausaufgabenblätter befinden sich in einer gesonderten Mappe, genauso wie die pädagogisch-didaktischen Anleitungen für die Sprachpaten und das Material selbst. Die in Handarbeit ausgeschnittenen und laminierten Kärtchen, Puzzleteile und Dominosteinchen haben wir jeweils einzeln in Umschläge verpackt, damit nichts in der Sprachpatenkiste durcheinanderkommt. Um die 1000 Blatt Papier, nahezu 200 Laminierfolien, 200 Briefumschläge und 400 Stunden Arbeit stecken in unseren 20 Kisten. Dazu kommt noch ein Bildwörter- und ein Grammatikbuch ebenso wie reichlich Zusatzmaterial, zum Beispiel Buspläne, Infomaterial zum Thema „Europa“ und ein Passauer Stadtplan. Die Kapazität der Boxen stellte sich am Ende dann gerade noch als passend heraus. Je nachdem, wie das Projekt sich in Zukunft gestaltet und wie viele Zusatzmaterialien bei den jeweiligen Austauschtreffen hinzukommen, müssen wir unsere Boxen vielleicht bald etwas größer kalkulieren und uns eine kreative Idee zum Platzmanagement einfallen lassen. Gerade diese Kreativität und Liebe zum Detail merkt man an unserer Sprachpatenbox. In jeder freien Minute haben die im Büro anwesenden Mitarbeiter ausgeschnitten und laminiert und sogar einige der Sprachpaten haben uns unterstützt. Bei der Präsentation der Boxen waren die Sprachpaten begeistert, einige hätten am liebsten sofort mit ihrer Patenschaft begonnen. Wir hoffen nun, dass sich das Material in der Praxis bewährt und das Projekt gut anläuft. Schließlich würde sich jeder im Büro freuen, wenn es zu einer zweiten Ausbildungsrunde für Sprachpaten für Flüchtlinge kommt! Im Ausschneiden und Laminieren sind wir inzwischen geübt… sh

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Ehrenamt + Toleranz und Vielfalt

Festival der Kulturen

Die Welt zu Gast in Passau – GLL mittendrin

„Es sind Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen“: Getreu dieses Mottos beteiligte sich GLL mit einem Stand am Festival der Kulturen, das dieses Jahr im ganzen Innenstadtbereich stattfand. Sprachpaten berichteten persönlich von ihren Erfahrungen. Das Motto des ersten Festivals der Kulturen in Passau vom 28.Mai bis 31.Mai hieß „die Welt zu Gast in Passau“. Wenn man durch die Straßen der Innen- und Altstadt schlenderte, bestätigte sich dieser Eindruck recht schnell. Fremde Kulturen aus aller Welt und Gäste aus Passaus neun Partnerstädten trugen zu einem bunten Stadtbild bei. Durch dieses besondere Kulturangebot hatten aber auch Passauer Vereine und Institutionen die Möglichkeit, sich der Passauer Bevölkerung vorzustellen. Kuchenverkauf und Kinderrallye Der Verein „Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V.“ beteiligte sich am Festival der Kulturen mit einem Infound Kuchenstand. Bereits am Donnerstag, den 26. Mai stellten Mitarbeiter des Vereins trotz schlechter Wetterbedingungen unseren Stand in der Ludwigstraße vor dem K&L auf. Am darauffolgenden Tag wurde der Stand in der Früh bereits von fleißigen Kuchenlieferanten bestückt. Später folgten noch die selbstgemachte Ingwer-Zitronen-Limonade und Blätterteigtaschen. Um den Durst zu stillen, hatten wir auch noch Kaffee und alkoholfreie Getränke im Angebot. Gemütliche Bierbänke luden die

Passanten zum Verweilen ein und ganz nebenbei konnten sich die Menschen über den Verein und laufende Projekte informieren. Für die kleinen Besucher gab es das Angebot, an einer interkulturellen Kinderrallye teilzunehmen. Hier war vor allem die Kommunikation mit den Standbetreibern am Festival gefragt, um beispielsweise die Frage zu beantworten, was „Vielen Dank“ auf Italienisch heißt oder Flaggen zuzuordnen. Auf einer großen Weltkarte konnten die Erwachsenen die Orte markieren, an denen sie schon zu Besuch waren und an einer langen Schnur ihre schönsten interkulturellen Erinnerungen oder besondere Sprüche niederschreiben. Viele Menschen über Verein informiert Alles in allem konnten viele Menschen über die Arbeit des Vereins informiert werden. Es fanden sich sogar Interessenten für die Ausbildung zum Sprachpaten für Kinder oder für Flüchtlinge. Beim nächsten Festival der Kulturen wird der Verein mit Sicherheit wieder vertreten sein! sh

Alle Bilder S. 27 © Tobias Schmidt/Mein Passau

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Toleranz und Vielfalt

Fotoausstellung „Offen für Fremdes“

Interkulturalität...

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Interkulturalität ist überall. Um diese sichtbar zu machen, wurden Einwohner Passaus nach ihren interkulturellen Erfahrungen und Beziehungen, dem damit verbundenen persönlichen Gewinn sowie der Offenheit gegenüber „Fremdem“ in ihrem Leben befragt und fotografiert. Die befragten Personen stammen aus verschiedenen Nationen und gehören unterschiedlichen Altersgruppen an, um eine möglichst breite Schicht zu repräsentieren. Die Fotoausstellung soll die Betrachter der Bilder dazu anregen, sich über die Vorteile und den Gewinn, den das interkulturelle Miteinander für einen selbst birgt, Gedanken zu machen sowie die eigenen Einstellungen und Erfahrungen zu reflektieren. Die Projektidee wurde durch den Verein „Gemeinsam leben & lernen in Europa e.V.“ in Kooperation mit der Hochschulgruppe „Gemeinsam in Europa“ umgesetzt.


Toleranz und Vielfalt

Ausstellung Die Ausstellung umfasst nach vollständiger Umsetzung 40 Leinwände im DIN A3-Format. Jede Leinwand bildet eine oder mehrere Personen mit einem Zitat ab. Die Eigentümer der Ausstellung sind der Verein „Gemeinsam leben & lernen in Europa e.V.“ (GLL) sowie die vhs, welche die Umsetzung des Projektes zugleich als Sponsor mit 2000 Euro unterstützte. GLL und vhs sind Eigentümer der Leinwände, das Ausleihen ist jedoch möglich. Ausleihen der Ausstellung Die Leinwände können zum Zweck einer Ausstellung gegen eine Aufwandsentschädigung ausgeliehen werden. Als erstes hat davon das City-Marketing Passau (CMP) Gebrauch gemacht und beim Festival der Kulturen Ende Mai 2014 die ersten 20 Leinwände in den Schaufenstern ihrer Mitgliedergeschäfte ausgestellt.

...ist überall

Ausgabe 9 - Juli 2014

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Toleranz und Vielfalt + Integration + Europa

EU-Projekt „em:Power“

Empowerment von Migranten Migranten bringen ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihre Begabungen mit in ihre neue Heimat. Allerdings werden diese Fähigkeiten nicht immer anerkannt oder genutzt. Aber es gibt viele gute Beispiele, wie Menschen und Organisationen Migranten dabei unterstützen können, sich zu integrieren, aber auch vor allem sich aktiv gesellschaftlich zu engagieren, mitzuwirken und ihr Können und ihre Fähigkeiten einzubringen. Vor diesem Hintergrund entstand eine Projektidee: „In unserem Verein ist das Miteinander und das Engagement von Migranten eine Selbstverständlichkeit. Sie sind bei uns im Vorstand, Mitglieder, engagieren sich in Projekten oder nehmen an unseren Veranstaltungen teil“, erklärt Perdita Wingerter, Geschäftsführerin von GLL. „Empowerment von Migranten wird oft gefordert, aber wie man dies praktisch mit Leben füllt, das ist vielen Verantwortlichen dann doch nicht klar.“ Und daher suchte Frau Wingerter Partner in Europa, die ähnliche Ziele verfolgen. Sie fand das interkulturelle Zentrum „Kompassi“ in Kuopio/Finnland und das bfi in Linz/Oberösterreich, dem größten privaten Bildungsanbieter in Österreich, als engagierte Mitstreiter. Und über das EU-Programm „Grundtvig Learning Partnerships“ konnten sie sich gegenseitig besuchen, Erfahrungen austauschen und gemeinsam ihre positiven Beispiele sammeln.

Wie man Migranten praktisch dabei unterstützen kann, sich aktiv in ihrer neuen Heimat einbringen zu können

Aktives Engagement in der Gesellschaft Gemeinsames Ziel war es, erfolgreiche Beispiele für aktives Engagement und Beteiligung von Migranten in der Gesellschaft und entsprechende Projekte aufzeigen, die als sogenannte „best practices“ auch auf andere Länder übertragbar sind. Im Fokus stehen Projekte, die Migranten aktiv beteiligen und zur Mitwirkung und aktivem Engagement in der Gesellschaft auffordern, und damit zur sozialen Integration beitragen. Außerdem wollten sie – basierend auf eigenen Erfahrungen – praktische Tipps sammeln, wie man die Kommunikation, Begegnung und das Miteinander zwischen Migranten und der örtlichen Bevölkerung gut gestalten kann. Das Ergebnis des Projektes war ein Leitfaden für Organisationen und Kommunen, wie man Empowerment von Migranten ganz praxisnah umsetzen kann. Um so viele engagierte Menschen, Organisationen und Kommunen zu erreichen, ist der praxisbezogene Leitfaden als kostenloser Download auf den Webseiten der 30

Miteinander. Das Magazin von Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V.

Die gemeinsame Vorstellungsrunde

Bei der Arbeit am neuen Leitfaden (rechte Seite unten), der zahlreiche gute Beispiele aus der Praxis enthält

Vorstellung einer good practice

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Toleranz und Vielfalt + Integration + Europa Projektpartner zu finden. „Dabei war es uns aber von Anfang an wichtig, nicht ‚über‘ Migranten zu sprechen, sondern ‚mit‘ ihnen,“ so Wingerter. Daher waren von Anfang an Migranten an der Entwicklung des Leitfadens beteiligt: Varsha Shurpali aus Indien und Tsega Kiflie aus Äthopien, die beide seit Jahren in Finnland leben und im interkulturellen Zentrum arbeiten, sowie die Ungarin Krisztina Lantos, die sich als Freiwillige im Verein GLL engagierte. Außerdem wurden viele Migranten nach ihren persönlichen Einschätzungen und Erfahrungen befragt, um ihnen eine Stimme zu geben und nah an deren Lebenspraxis zu sein. Perdita Wingerter und Johanna Niederhofer, Ehrenamtliche von GLL, Gabriele Einsiedler, Projektkoordinatorin bei bfi Oberösterreich sowie Maarit Rönkönharju, Leiterin des interkulturellen Zentrums in Kuopio, hingegen brachten ihre praktischen Erfahrungen in der Projektarbeit mit Migranten ein.

Die Teilnehmer des Arbeitstreffens in Linz (AT)

Führung durch die Produktionsschule e

Gemeinsam kochen als positives Beispiel für Empowerment

Harmonische Zusammenarbeit Die Zusammenarbeit der Partner gestaltete sich sehr harmonisch. „Manchmal denke ich, wir hätten noch einen Partner aus Südeuropa gebraucht: wir arbeiteten alle so effizient und hielten uns an unsere Arbeits- und Zeitpläne. Vielleicht fehlte uns noch ein wenig Chaos und Aufregung“, bemerkte Maarit Rönkönharju lachend. Ihre Kollegin Gabriele Einsiedler, die viel in europäischen Projekten arbeitet, war hingegen sehr froh über diese konstruktive Zusammenarbeit. „Ich habe wirklich sehr gerne in dem Projekt mitgearbeitet. Besonders beeindruckt hat mich, mit wie viel ehrenamtlichen Engagement und mit wie vielen geringen Mitteln meine Partner ihre vielen Projekte stemmen. Das war sehr beeindruckend.“ Und Perdita Wingerter hat viele neue Inspirationen von ihren Partnern mitbekommen: „Meine mittelfristige Vision ist es, auch ein vergleichbares interkulturelles Zentrum wie unsere finnischen Kollegen in Passau zu haben, nämlich einen Ort, der viele Freiräume für ehrenamtliches Engagement von Migranten und Einheimischen lässt und unkomplizierte Begegnung ermöglicht. Auch die Idee der Kulturlotsinnen aus Linz hat mich sehr beeindruckt, da es Besuchern schnell den Blick dafür eröffnet, wie Migranten ihre neue Heimat sehen und erleben. Das könnte man ohne Probleme hier organisieren.“ Und auf das Ergebnis, den Praxisleitfaden, sind alle Beteiligten stolz: „Wir alle hoffen, dass unsere Beiträge und Ratem:Powe schläge motivierend und hilfreich dabei r sein werden, bürgerliches Engagement, Beteiligung und Empowerment von MiGUIDE granten in ganz Europa zu fördern. Es ist unsere Vision, dass nicht nur Entscheidungsträger, sondern auch ganz normale Menschen begreifen, dass in Migranten Potenzial steckt, sie voller Fähigkeiten sind und dass sie Stärken und Ressourcen besitzen, von denen ihr neues Heimatland auf allen Ebenen profitieren kann, wenn Ein praxis orientierte Migranten in der Gesellschaft integriert r Leitfade n. sind und aktiv daran teilnehmen können.“ pw Engaged Migrants: Overcom Pathway s ing Wor ries , Exclusi on & Rac ism

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Los geht’s – Informationen sammeln

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ins Leben rufen, sollten Sie Bevor Sie ein Projekt mit MigrantInnen in Ihrem Land und besich über die Situation von MigrantInnen soll zum einen dazu beisonders in Ihrer Region informieren. Dies für MigrantInnen in Ihrer tragen, dass Sie ein besseres Verständnis die gesetzlichen RahmenSie dass anderen, zum und haben Region Regierung auf nationaler bedingungen für Integration, die von der besser verstehen. und regionaler Ebene aufgestellt wurden,

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Ehrenamt + Toleranz und Vielfalt + Integration + Chancengleichheit

Filmfestival „Überall dabei“

Magische Momente des Miteinanders  Bei der Pressekonferenz im Vorfeld des Festivals waren Vertreter aller Filmpartnerorganisationen und die Veranstalter von „Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V.“ mit dabei

Das bundesweite Filmfestival der „Aktion Mensch“ zum Thema Inklusion organisiert GLL für Passau

Mit einem begeisternden Auftritt von G-Schülern vor den Besuchern des ausverkauften Scharfrichterkinos endete das inklusive Filmfestival „Überall dabei“. Und als dann noch Judith, eine junge Schülerin mit Downsyndrom, enthusiastisch zu der Musik ihrer Mitschüler tanzte, war die Stimmung auf dem Höhepunkt. Anschließend wurde weitergefeiert und diskutiert. Markus Schedina, ein junger Musiker mit Downsydrom, bezauberte die Zuhörer mit seiner Musik auf dem Keybord. Bereits zum vierten Mal organisierte der Verein „Gemeinsam leben und lernen in Europa“ (GLL) zusammen mit den Kinobetreibern Ves-

per das bundesweite Filmfestival der „Aktion Mensch“ in Passau. Insgesamt waren sechs ausgewählte Spiel- und Dokumentarfilme zur Inklusion von Menschen mit Behinderungen zu sehen gewesen. Die sechs Filme von „überall dabei“ machen Menschen mit Behinderungen selbst zum Thema: Wie kommunizieren sie, wie nehmen sie die Welt wahr, wie überwinden sie die oftmals gleichen Hürden mit unterschiedlichen Fähigkeiten? Aber die Filme stellen auch die Frage: Wie entwickeln wir uns weiter, wie verändern wir uns und unsere Gesellschaft? Und zu solchen Diskussionen kam es immer nach den Filmen. Der Verein GLL hatte zu jedem Film Organisationen als Filmpaten gewinnen können, die sich für Menschen mit Behinderungen einsetzen und die bei jedem Film anschließend als Diskussionspartner zur Verfügung standen und berichteten, wie es Betroffenen hier vor Ort geht und welche Beeinträchtigungen sie erleben.

Fleißig getrommelt wurde bei der Eröffnung: Das inklusive „Passauer Trash Orchester“ unter der Leitung von Stefan Spatz präsentierte sein Können

alle © Aktion Mensch

Gezeigte Filme

Rachels Weg. Aus dem Leben einer Sexarbeiterin 3

Deaf Jam

Zwillingsbrüder. 53 Szenen einer Kindheit

Miteinander. Das Magazin von Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V.


Ehrenamt + Toleranz und Vielfalt + Integration + Chancengleichheit Absolut barrierefrei Zugleich wollte das Filmfestival Barrieren für Behinderte abbauen: Durch die weitgehend barrierefreie Organisation konnten auch blinde und gehörlose Menschen per Audiodeskription und Untertitel die Filme genießen. Die jeweils anschließenden Diskussionen wurden zusätzlich von der Gebärdensprachdolmetscherin Sabine Schwarzberg und einem

Gelebte Inklusion: Audiodeskriptionen für sehbehinderte Menschen, Untertitel für hörbehinderte Menschen und Gebärdensprachdolmetschern für Gehörlose

Kappelle Franck in der Alten Apotheke zu sehen. Inklusion miterleben Insgesamt war das Filmfestival eine Gelegenheit Inklusion nicht nur theoretisch zu thematisieren, sondern Inklusion unmittelbar und praktisch mitzuerleben. „Dies passiert leider viel zu selten und ich wünsche mir viel mehr Veranstaltungen dieser Art in unserer Region, damit mehr Menschen daran teilnehmen können!“ erklärte Konrad Lorenz, 1. Vorsitzender des Gehörlosenvereins „Dreiflüsse“ Passau, der als Schirmherr des Filmfestivals an jedem Spieltag mit Begeisterung dabei war. Auch die 8 Filmpaten, Organisationen und Vereine aus der Region und Österreich, zeigten sich sehr zufrieden mit dem gelungenen Festival. „Wir sind natürlich auch gerne beim nächsten Filmfestival wieder dabei“, kündigte Sissi Geyer, 2. Vorsitzende der Lebenshilfe an. „Es war ein schönes Gefühl, auch mal von unserer Arbeit und unseren Angeboten sprechen zu können und wahrhaftes Interesse daran zu verspüren“, betonte Josef Wenk, Leiter der Passauer Donauhof-Werkstätten. „In Niederbayern gibt es nichts Vergleichbares. Wir können wirklich auch stolz sein, dass es so eine Veranstaltung bei uns gibt,“ betonte Gottfrieda Kues, Fachbereichsleiterin für Wohnen und Tagesstätten im Caritasverband Passau. red

Schriftdolmetscher synchron übersetzt. Und für Rollstuhlfahrer stellte die Lebenshilfe ihre Auffahrrampen zur Verfügung. So konnten auch Blinde, Taubstumme, Rollstuhlfahrer etc. am Filmfestival teilnehmen und sich aktiv an den Diskussionen beteiligen. „Wir haben magische Momente in diesem Filmfestival erlebt: Gebärdende, Blinde, Schwerhörige und NichtBehinderte diskutierten intensiv miteinander – seltene Momente, wo ein Miteinander möglich wurde“, erklärt Perdita Wingerter, Leiterin des Filmfestivals. „Es war eine ganz neue Erfahrung für mich so viele unterschiedliche Möglichkeiten der Kommunikation gleichzeitig zu erleben. Das hat mich sehr beeindruckt,“ resümiert Mitorganisatorin Katharina Grimbs vom Verein GLL. Sie hat auch die begleitende Fotoausstellung „Überall dabei“, die behinderte Menschen aus unserer Region im Forum des Cineplex-Forums zeigte, organisiert. Diese gesamte Ausstellung „Überall dabei“ war bei Auch viele Gelegenheiten zur Diskussion über der nun abschließenden Finissage mit einem Inklusion bot das Fimfestival interkulturellem Adventskonzert der Linzer

Blind

Die Kunst sich die Schuhe zu binden

„Überall dabei“ ist das fünfte bundesweite Filmfestival der „Aktion Mensch“. Es zeigt in 40 Städten sechs ausgewählte Spiel- und Dokumentarfilme zur Inklusion von Menschen mit Behinderung. „Das Filmfestival ermöglicht uns, für das Thema Inklusion zu sensibilisieren, aufzuzeigen, wer hier vor Ort in dem Bereich aktiv ist und Unterstützung anbietet und eine Diskussion zur praktischen Umsetzung von Inklusion anzuregen“, erklärt die Geschäftsführerin Perdita Wingerter, die zusammen mit Katharina Grimbs und einigen Ehrenamtlichen das Filmfestival organisiert. Die sechs Filme von „Überall dabei“ machen Menschen mit Behinderungen selbst zum Thema: Wie kommunizieren sie, wie nehmen sie die Welt wahr, wie überwinden sie die oftmals gleichen Hürden mit unterschiedlichen Fähigkeiten? Aber die Filme stellen auch die Frage: Wie entwickeln wir uns weiter, wie verändern wir uns und unsere Gesellschaft? Das Filmfestival will die Besucher anregen, über eine lebenswerte, gerechte, menschenwürdige und inklusive Gesellschaft zu diskutieren.

Mensch 2.0 Ausgabe 9 - Juli 2014

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Integration

Kanadische Investmentfirma spendet Schulranzen

Teambuilding für eine gute Sache Warum nicht Teambuilding mit einer guten Sache verbinden? Die kanadische Investmentfirma IG Investors Group hatte für über 100 Mitarbeiter eine Flusskreuzfahrt von Vilshofen nach Budapest gebucht und nutzte den Aufenthalt auf dem Boot für verschiedene Gruppenbildungsprozesse – aber auch für eine gute Tat. Mit Unterstützung der amerikanischen Firma impact4good wurde für die Mitarbeiter eine philanthropische Veranstaltung mit dem Namen „Trivial Pursuit – School Supply Edition“ organisiert: die Mitarbeiter packten Schulmaterialien in 180 Schulranzen, die dann bedürftigen Kindern in Passau und Umgebung zu Gute kommen sollten. Von Kanada über Nairobi zu GLL Und um dies realisieren zu können, suchte Alan Ranzer, Chef von impact4good einen lokalen Ansprech180 Schulranzen spen- partner. Sein deutscher, ehemaliger dete die IG Investors Studienkollege Holger Wagner, der Group an bedürftige mittlerweile in Nairobi für Oxfam als Kinder in Passau und Landesdirektor für den Südsudan Umgebung arbeitet, half ihm bei der Suche. Bei seinen Recherchen stieß er auf das „Tatennetz“, eine Passauer Ehrenamtsbörse im Internet, die der Verein „Gemeinsam leben & lernen in Europa“ betreibt. Er kontaktierte die Geschäftsführerin Perdita Wingerter, die sofort zusagte, die Koordination der Verteilung der Schulranzen durch den Verein zu übernehmen. Zusammen mit der Caritas, der Diakonie, dem Kinderschutzbund aus Passau und Vilshofen sowie der pro familia Passau wird der 34

Verein sicherstellen, dass die Schulranzen an bedürftige Kinder verschenkt werden. Eva Hörtner, eine Ehrenamtliche des Vereins, übernahm die praktische Organisation vor Ort. Am Donnerstag besuchten dann die Vertreter der verschiedenen Organisationen die kanadische Firma auf dem Schiff, das in Passau ankerte. Auch Kinder waren mitgekommen: die kleine Moischell aus Afghanistan und Jetina, Eblina und Pleron aus dem Kosovo. Die Mitarbeiter von IG Investors Group hatten schon am frühen Nachmittag Taschenrechner, Blöcke, Stifte, Spitzer, Lineal, Tacker, Farbstifte, Textmarker und Notizblöcke in jeden Schulranzen gepackt. Und Alan Ranzer hatte für alle eine Überraschung vorbereitet: zusammen mit Mitarbeitern von IG Investors Group bastelten die Vertreter aus Passau und die Kinder dann noch Schultüten, die reichlich mit Spielzeug und Süßigkeiten gefüllt wurden. Diese deutsche Tradition der Schultüten kannten weder die Kanadier noch die anwesenden Kinder. Die bunten, voll gepackten Schultüten werden nun in Passau an Flüchtlingskinder verteilt. Murray Taylor, Präsident und Geschäftsführer von IG Investors Group, bedankte sich am Schluss bei den Anwesenden: „Ihre Arbeit hier vor Ort ist wirklich beeindruckend. Ich hoffe, wir konnten Sie mit unserer Aktion ein klein wenig unterstützen. Es ist schließlich wichtig, dass wir uns auch als Firma für eine gute Sache einsetzen.“ red/pw

Miteinander. Das Magazin von Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V.


Integration

#10

In der nächsten Ausgabe lesen Sie: Europa Eine Vorstellung unserer europäischen Projekte VoluMe und Reference, ein Rückblick auf das Europäische Jahr der Bürgerinnen und Bürger, das 2013 stattfand, und eine Europaveranstaltung im Passauer Rathaussaal.

Miteinander der Generationen Die Projekte SMILE zum generationenübergreifenden Lernen und Words connecting generations, das sich mit der mündlichen Verbreitung von persönlichen Geschichten und Geschichte, ebenfalls in generationenübergreifender Zusammenarbeit, beschäftigt. Gender Der diesjährige Boys‘ Day im Fokus von Miteinander, mit besonderem Blick auf die erstmals stattgefundene Haushaltsrallye, sowie die Kulturabende, eine neue Veranstaltungsreihe des Internationalen Frauentreffs.

© M. Khayrul Hasan

Das Team von GLL beim gemeinsamen Betriebsausflug an die Schlögener Schlinge

Als Organisation, die sich der Gleichberechtigung von Mann und Frau verschrieben hat, versuchen wir, wann immer es uns möglich ist, sowohl die weibliche als auch die männliche Geschlechtsform zu verwenden. Aufgrund der besseren Lesbarkeit und zur Vermeidung von Redundanzen verzichten wir allerdings gelegentlich darauf. Die dann verwendete männliche Form ist geschlechtsneutral und wertfrei zu verstehen und bezieht selbstverständlich die weibliche Form mit ein.

Ausgabe 9 - Juli 2014

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Š M. Khayrul Hasan Š by Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V., MMXIV

Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V. Leopoldstr. 9 - 94032 Passau Tel. 0049 (0)851 2132740 - Fax 0049 (0)851 2132739 info@gemeinsam-in-europa.de

www.gemeinsam-in-europa.de

Miteinander Ausgabe 9 (August 2014)  

Dieses Mal geht es in unserer Vereinszeitschrift um die Vereinsziele Integration und Toleranz, vor allem um unsere beiden Sprachpatenprojekt...

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