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SOMMER 2018 AUSGABE 20

MACHT

Die Wahl Günter M. Zieglers zum Präsidenten der FU kam erwartet. Das Porträt eines Mathematikers, der Exzellenz an erste Stelle setzt.

MACHER FURIOS feiert zehnjähriges Jubiläum! Was denkt einer der Gründer heute über uns?

MAGENKNURREN

Ein Bericht zum Anbeißen: Was geht in den Imbissen und Mensen von Dahlem? Unser Autor hat für euch die Lage der Portion auf dem Campus gecheckt.

Identität Wer wir sind


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Editorial

Liebe Kommiliton*innen, vor zehn Jahren waren wir noch eine Idee: Die FU braucht ein Campusmagazin! Seitdem ist viel passiert. Heute haltet ihr die 20. Ausgabe FURIOS in den Händen. Anlässlich unseres Jubiläums haben wir uns gefragt, wer wir als Magazin eigentlich sind. Fest steht: Unsere Redaktion wandelt sich jedes Semester – und mit ihr FURIOS. Der Wolpertinger auf dem Cover, ein bayerisches Fabelwesen, vereint verschiedene Tierelemente in sich. Genau wie er, ist auch FURIOS vielfältig, und gewinnt durch Widersprüchliches dazu. Die vielen Redakteur*innen, Autor*innen und Illustrator*innen, die in der Vergangenheit an diesem, unserem Magazin gearbeitet haben, sind es, die es zu dem gemacht haben, was es heute ist. Dafür möchten wir Danke sagen. Auch die aktuelle Redaktion hat unzählige Nächte und Nerven geopfert, um dieses Heft zu ermöglichen. Wir sind ein bisschen stolz – aber Schluss jetzt, geheult wird nicht. Herzblut wurde uns in die Wiege gelegt. Für unsere Jubiläumsausgabe haben sich zwei unserer Redakteur*innen mit einem der FURIOS-Gründer unterhalten. Vom Aufeinandertreffen der Generationen lest ihr auf Seite 12. Doch natürlich handelt unser Titelthema Identität nicht nur von uns, sondern auch von euch. Gerade während des Studiums ist die Frage, wer man ist und wer man werden will, ständig präsent. Im Titelinterview auf Seite 6 haben wir eine Psychologin und eine Anthropologin gefragt, was das eigentlich ist, dieses Ich.

Die FU hat vor kurzem ein neues Gesicht bekommen: Der Mathematiker Günter M. Ziegler ist jetzt ihr Präsident. Wie kam es dazu und wie wird er sich an der Spitze der Uni schlagen? Unsere Politikredakteure haben ihn auf Seite 20 genauer unter die Lupe genommen. Einen Blick in die Vergangenheit hat hingegen unsere Wissenschaftsredakteurin gewagt. Sie stellt euch eine mutige Biologin vor, die während der NSZeit Widerstand leistete – im Privaten wie in der Forschung. Welche Rolle Erdbeeren dabei spielten, erzählt sie auf Seite 37. Natürlich haben wir uns auch wieder auf dem Campus umgesehen: Das E-Examination Center in der Fabeckstraße kennt ihr vielleicht schon von der ein oder anderen Klausur am Computer. Ein paar Geheimnisse des Gebäudes und der schon wieder überholten Technik werden auf Seite 28 gelüftet. Und wie sieht’s eigentlich mit der Futterversorgung in und um die Uni aus? Unserem Campusredakteur hat der Magen geknurrt und er hat sich auf die Suche nach den besten Essensspots in Dahlem begeben. Zum Betrinken solltet ihr aber lieber woanders hin, stellt er auf Seite 26 fest. Viel Spaß beim Lesen unserer Jubiläumsausgabe – auf die nächsten zehn Jahre FURIOS! Corinna Segelken und Rebecca Stegmann

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Das Traumpaar des Jahres.

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INHALT

Inhaltsverzeichnis

03 Editorial

TITELTHEMA: IDENTITÄT

38 Impressum

06 »Unsere Identität ist nie stabil«

12 »Man kann in zehn Jahren auch reifer werden«

08 Ich bin Viele

14 »Ressourcenverschwendung«

10 Zeig mir dein Passwort und ich sag dir, wer du bist

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Zwei Wissenschaftlerinnen beleuchten das Ich aus verschiedenen Blickwinkeln. Ein Gespräch über Kindheit, soziales Feedback und den Zwang, man selbst zu sein.

Martin Fischer gehörte 2008 zum Gründungsteam des neuen Campusmagazins. Im Interview blickt er zurück auf ein Jahrzehnt FURIOS. Zu unserem Jubiläum wollten wir wissen, wie über FURIOS gedacht wird. Dafür haben wir uns auf den Fluren der Rostlaube und bei unseren Kolleg*innen umgehört.

Eine Studentin mit dissoziativer Identitätsstruktur erzählt von Blackouts bei Prüfungen und dem Wechsel zwischen verschiedenen Identitäten in einem Körper. Wer sind wir im Netz und wie lässt sich unsere digitale Identität schützen?

Vier FU-Angehörige haben uns verraten, wo sie sich selbst in zehn Jahren sehen.

POLITIK 18 Koks, Krieg und Kommunisten

Während eines Auslandsaufenthalts in Kolumbien erlebt unser Autor die Spaltung der Bevölkerung — und hoffnungsvoll in die Zukunft schauende Kommiliton*innen.

22 50 Jahre 68 – Runter von der Straße?

Ein halbes Jahrhundert nach den 68er Protesten gehen wir der Frage nach, ob der Asphalt als Ort der politischen Auseinandersetzung ausgedient hat.

20 Thronfolge in Dahlem

Günter M. Ziegler soll als neuer Präsident die FU in die Zukunft führen. Was wird aus dem Spitzenmathematiker an der Spitze der Uni?

CAMPUS 24 Ewiger Ehemaliger: Unermüdlich gegen Rechts

30 Zehn Fakten für Klugscheißer*innen

26 Die Lage der Portion

31 Wo bin ich hier gelandet?

28 E-Klausur im Versuchslabor

38 Der empörte Student

Hajo Funke ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft — und kämpft auf der Straße gegen die AfD. Das Porträt eines Nimmermüden. Können von Tiefkühlpizza und Tütensuppe gepeinigte Mägen in Dahlems Servicewüste Erholung finden? Eine Suche nach Antworten in den Futterquellen des Campus. Computergestützte Prüfungen können mit dem Tempo des digitalen Fortschritts kaum mithalten — das zeigt das E-Examination Center. Ein Besuch.

Schon wieder bei verkochten Nudeln die Berghain-Stories eurer Kommiliton*innen reinziehen? Bringt ihnen doch stattdessen etwas über die Uni bei. Mit melancholischer Leere im Magen in einem Restaurant in Mexiko und in einer Berliner E-Sports-Bar voller Nippeltwister. Einen Porschefahrer regen die unmotorisierten Hippies auf, die ihn mit strafenden Blicken treffen, wenn er seinen Cayenne auf dem Campus spazieren fährt.

KULTUR 32 Mensch ohne Nation — Musik ohne Genre

34 Wortfrei!

33 Zwischen Drama und Dahlem

35 Die geklaute Rubrik: Hohlspiegel aus dem SPIEGEL

WISSENSCHAFT

36 Schwärmen von der Künstlichen Intelligenz

37 Walderdbeeren und Widerstand

Sechs Musiker*innen von drei Kontinenten — »Out Of Nations« überwindet Grenzen mit und in der Musik. Eine Schauspielerin erzählt von ihrer Suche nach der Balance zwischen Schauspiel und Studium.

Was können wir Menschen bei der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz von tanzenden Bienen und scheuen Karpfen lernen?

Unser Freitext ist diesmal ein Gedicht und handelt von dem Aufeinanderprallen zweier Welten in der U-Bahn. Wir haben die Kuriositäten aus Magazinen und Plakaten gesammelt, die sich auf dem Campus finden.

Elisabeth Schiemann repräsentiert eine andere Rolle der Wissenschaft im Dritten Reich. Sie leistete Widerstand im Privaten und in der Forschung.

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Titel

»Unsere Identität ist nie stabil« Obwohl wir alle sie besitzen, haben wir oft nur eine vage Vorstellung davon, was sie eigentlich ist – unsere Identität. Bettina Hannover, Professorin für Psychologie und Judith Albrecht, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie, beleuchten das Ich aus verschiedenen Blickwinkeln. Ein Gespräch über die Kindheit, soziales Feedback und den Zwang, man selbst zu sein.

Judith Albrecht

Text und Fotos: Rebecca Stegmann FURIOS: Wie sind wir zu den Menschen geworden, die wir sind? Albrecht: Die menschliche Identität bildet sich aus familiärer und gesellschaftlicher Sozialisation, aus kulturellen Kontexten, aber natürlich auch aus Erfahrungen wie Konflikten, Gewalt und Migration – also wohin man geht und was man dort erlebt. Das heißt, Identität ist nicht nur etwas, das man selbst wählt, sondern auch etwas, das in einem wächst und sich verändert. Es ist ein Reflexionsprozess zu entscheiden, mit welchem Teil einer lokalen Identität man sich identifiziert und welchen man ablehnt. Hannover: Die Psychologie markiert den Beginn der Herausbildung der Identität mit dem Alter von 18 Monaten, wenn Kinder erstmals in der Lage sind, sich selbst in einem Spiegel zu erkennen. Es wird davon ausgegangen, dass das Kind von da an soziales Feedback, das es von anderen bekommt, auf sich bezieht und beginnt, Wissen über sich selbst aufzubauen. Nach und nach kommen immer mehr Elemente dazu, die das Ich definieren. Typischerweise ist das früh das Merkmal »Ich bin ein Mädchen« oder »Ich bin ein Junge«. Denn Kinder machen schon von klein auf die Erfahrung, dass Geschlecht etwas ist, das sie begreifen müssen, um ihr soziales Umfeld zu verstehen. Das wird erstmalig im Alter zwischen zwei und drei Jahren relevant. Im Grundschulalter treten dann Merkmale hinzu, die zum Beispiel die eigene ethnische Zugehörigkeit betreffen.

Zuhause das Selbstbild mitgebracht hat ein wertvolles Kind zu sein oder nicht, verschieden umgehen. Und wenn uns im Erwachsenenalter jemand eine Rückmeldung gibt, werden wir davon weniger beeinflusst sein, als wir es im Alter von sechs Jahren gewesen wären. Das liegt daran, dass wir schon viele Erfahrungen gemacht und unsere Identität schon so umfassend definiert haben, dass eine Rückmeldung an diesem Selbstbild nicht so viel ändert. Außerdem neigen wir dazu die Kontexte, Aktivitäten und auch andere Menschen auszusuchen, die uns das Selbstbild, das wir bereits von uns haben, bestätigen. Haben manche Erwachsene gefestigtere Identitäten als andere? Hannover: Da spielt eine Rolle, ob Menschen sich eine Identität erarbeiten, sie sich also damit selbst intensiv auseinandersetzen. Das ist vor allem dann der Fall, wenn Menschen erleben, dass sie sich von ihrem Umfeld abheben. So wird zum Beispiel jemand der heterosexuell ist, sich seine sexuelle Identität weniger erarbeiten, als jemand der homosexuell ist. Wir können annehmen, dass sich diese erarbeiteten Identitäten weniger wahrscheinlich wandeln. Nochmal zusammengefasst: Was ist Identität?

Also sind Kindheit und Jugend entscheidend für die Identität?

Hannover: Identität ist das Bild, das Menschen von sich selbst haben. Das Wissen, das sie im Laufe ihres Lebens zu der Frage gewonnen haben, wer sie sind und wie sie sind. Generiert wird dieses Wissen durch Selbstbeobachtung und durch soziales Feedback, das wir von anderen bekommen.

Hannover: In der Kindheit und Jugend stellen sich Identitätsfragen natürlich besonders häufig. Aber Identität entwickelt sich lebenslang weiter, stabil ist sie nie. Sie festigt sich nur mit der Zeit, da wir lernen, soziales Feedback zu bewerten. Ein Kind, das von der Lehrerin gesagt bekommt, dass es etwas schlecht gemacht hat, wird mit diesem Feedback, je nachdem, ob es von

Albrecht: Aus anthropologischer Sicht ist Identität die Möglichkeit eines Menschen, sich selber in Beziehung zu Anderen zu setzen, also auch, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Wie stellt man das, was man ist, den Anderen, dem Kollektiv gegenüber dar und wie wird man von Anderen dargestellt – um diese Schnittpunkte geht es.


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Bettina Hannover

Das heißt Gruppen sind entscheidend für unsere Identität? Albrecht: Menschen schließen sich immer in Gruppen zusammen, ich bin immer Teil von etwas. Das kann ich mir manchmal aussuchen, manchmal nicht. Ich werde irgendwo geboren, da wirkt etwa die Geschichte und die Politik auf mich ein und ob ich einer Minderheit oder einer Mehrheit angehöre. Jetzt ist aber die Frage, wie wir diese Gruppen selbst definieren. Ich kann zum Beispiel sagen, das ich mich als Großstädter*in eher jemandem nahe fühle, der in einer anderen Großstadt in dieser Welt lebt, als jemandem, der in Deutschland auf dem Land lebt. Es wird oft von individualistischen und kollektivistischen Gesellschaften gesprochen, je nachdem welchen Stellenwert die Gemeinschaft hat. Was denken Sie über diese Aufteilung? Albrecht: Ich habe bei meinen Forschungen im Iran und Ost- und Nordafrika die Erfahrung gemacht, dass dort bei Entscheidungsfindungen, wie etwa Arbeitssuche oder Heirat, die Gemeinschaft und die Familie viel mehr einbezogen wird. Zudem spielt die Frage »Wer bin ich in Bezug auf meine Familie?« einfach eine andere Rolle als hier. Es geht darum, wie frei man ist, Dinge nur für sich entscheiden zu können. Ich würde es nicht zwingend kollektivistische oder individualistische Gesellschaften nennen wollen, aber die Rolle der Gemeinschaft unterscheidet sich an verschiedenen Orten sehr. Warum wird zurzeit der Stellenwert von Individualität – von »Sei du selbst« – so hoch gesetzt? Hannover: Das ist ein weltweiter Trend. »Sei du selbst« ist der prototypische Fall einer individualistischen Identität. Kinder in individualistischen Kulturen lernen von klein auf, dass ihre Identität darin besteht, sich von anderen zu unterscheiden. In stärker kollektivistisch organisierten Gesellschaften hingegen sind vor allem Gemeinsamkeiten mit anderen konstitutiv für die Identität. Kollektivistische Kulturelemente, zum Beispiel in

der Erziehung, verlieren an Bedeutung, wenn eine Gesellschaft sich in Hinblick auf Lebensstandard, Mobilität und technischen Fortschritt entwickelt. Albrecht: Wir leben in einer Gesellschaft, in der man sagt, das Individuum ist wichtig, der freiheitliche Gedanke ist wichtig. Diese Errungenschaften, die an vielen Stellen gut sind, sind gekoppelt mit einer sehr neoliberalen, kapitalisierten Idee vom Menschen – also einer ständigen Optimierung. Mir wird vermittelt, dass ich in meinem Leben alles selber wählen kann, dass ich alles aus mir machen kann, dass ich Träume haben muss, dass ich mich nur genug anstrengen muss. Ich glaube, dass diese unendlich vielen Wahlmöglichkeiten, die wir haben, die Sicht verstellen auf Dinge, die gegeben sind – gesellschaftliche Problematiken entpolitisieren. Wie wird Identität in der Zukunft aussehen? Hannover: Die Digitalisierung schlägt sich in unseren Identitäten nieder. Der soziale Austausch ist nicht mehr an Zeit und Raum gebunden, wir sind noch mehr sozialen Einflüssen ausgesetzt. Letztlich werden wir unsere Identität noch stärker individualisiert definieren. Albrecht: Ich glaube, durch die hohe Mobilität in einer globalisierten Welt werden Fragen wie »Wo fühle ich mich zugehörig?« an Bedeutung gewinnen. Auch die Frage der Identität in Bezug auf wir und die Anderen muss neu gedacht werden. Wenn Menschen vermehrt in unsere Gesellschaft kommen, ist es keine Lösung, Grenzen hochzuziehen und sich in eine Abwehrstellung zu begeben. Stattdessen müssen wir erneut reflektieren, wer wir selbst eigentlich sind.

Rebecca Stegmann hat beim Schreiben dieses Interviews Meredith Brooks Song »Bitch« rauf und runter gehört.


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Ich bin Viele Zwischen Vorlesungen, Prüfungen und Nebenjob verlangt uns Studieren viel Koordination ab – Menschen mit dissoziativer Identitätsstruktur organisieren zusätzlich noch multiple Persönlichkeiten. Eine Betroffene erzählt von Blackouts bei Prüfungen und Aufgabenverteilung zwischen verschiedenen Identitäten in einem Körper. Text: Carla Spangenberg Illustration: Manon Scharstein

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arissa* hat eine mündliche Prüfung. Ihr Dozent ist groß gewachsen, dickbäuchig und starker Raucher. Plötzlich wird ihr speiübel und schwindelig, sie sieht alles wie durch einen Nebelschleier und kann sich nicht auf die Fragen konzentrieren. Ihre Wahrnehmung verschwimmt und sie fühlt sich nicht mehr wie sie selbst. Sie fällt durch die Prüfung und erinnert sich später nicht einmal mehr daran. Larissa hat eine dissoziative Identitätsstruktur (DIS), ausgelöst durch die jahrelang vom Vater zugefügte Gewalt in ihrer Kindheit. Durch wiederkehrende Gewalterfahrungen kann es zur Dissoziation kommen. Das bedeutet, dass man sich von den eigenen Gefühlen und vom Körper abspaltet. Dieses Phänomen ist bekannt: Wenn wir uns beim Sport verletzen oder einen Unfall haben, sind wir häufig noch in der Lage, ins Krankenhaus zu fahren, ohne den Schmerz zu spüren. Teilweise können wir uns dann nicht mehr erinnern, wie wir überhaupt dorthin gelangt sind. Erleidet man wie Larissa täglich traumatische Erlebnisse, können sich mit der wiederkehrenden Dissoziation verschiedene Persönlichkeiten herausbilden. Die Identität spaltet sich auf. Die offizielle Diagnose lautet Dissoziative Identitätsstörung, doch Betroffene bezeichnen sich lieber als multiple Persönlichkeit und nutzen den Begriff der Identitätsstruktur. Damit verdeutlichen sie, dass die eigentliche Störung nicht bei den Opfern, sondern den Tätern liegt, die ihnen Gewalt zugefügt haben. Je nach Ausprägung variiert die Anzahl von Persönlichkeiten der Betroffenen und auch, ob diese voneinander wissen oder nicht. Im Fall von Larissa sind es sechs weibliche Charaktere verschiedenen Alters. Der Wechsel zwischen Persönlichkeiten wird durch Trigger ausgelöst. Das sind zum Beispiel Gerüche, Stimmen oder Menschen, die mit dem Trauma verbunden sind. Ihr Dozent erinnerte Larissa unbewusst an ihren gewalttätigen Vater. Während der Prüfung wechselte sie deshalb in die Persönlichkeit des hilflosen Kindes und war nicht in

der Lage, die Fragen zu beantworten. Damit es nicht zu solchen Blackouts kommt, lernt Larissa in ihrer Therapie, Trigger frühzeitig zu erkennen und die Charaktere so in sich zu integrieren, dass sie sie kontrollieren kann. Multiple Persönlichkeiten machen ca. 0,5-1% der Bevölkerung aus und viele von ihnen studieren. Auch wenn es hierzu keine konkreten Studien gibt, berichtet Claudia Igney von der DIS-Beratungsstelle Vielfalt e.V., sie kenne multiple Ärzt*innen, Jurist*innen, Pädagog*innen und Ingenieur*innen. Die Koordination von multiplen Persönlichkeitsanteilen erfordere organisatorische und geistige Kapazitäten, die eigentlich dafür sprechen, dass auch ein Studium möglich ist. Mithilfe ihrer Therapie schafft Larissa es immer besser, ihr inneres Team zu koordinieren: »Gemeinsam schaffen wir es, das Studium zu meistern und jeder übernimmt dabei eine wichtige Rolle: Die Kleinen schneiden aus, schreiben ab und markieren, während die Großen auswendig lernen und in den Vorlesungen gut zuhören. Wenn es dann auf eine Prüfung zugeht, müssen wir alle an einem Strang ziehen. Da kann es dann schnell mal zu Stress kommen, wenn die Kleinen lieber spielen oder aus dem Fenster schauen wollen.« Neben diesen großen inneren Herausforderungen, stehen Betroffene im Studienalltag vor vielzähligen äußeren Problemen. Das fängt für Larissa schon bei der Finanzierung an: »Für mich ist es eine ziemliche Katastrophe, dass während eines Krankheitssemesters kein BAföG gezahlt wird. So rutsche ich in die finanzielle Abhängigkeit der Täter.« Außerdem gibt es BAföG nur für die Regelstudienzeit – für jemanden mit regelmäßigen Klinikaufenthalten und depressiven Episoden ist die Einhaltung dieser geradezu utopisch.

* Larissa ist eine fiktive Person. Ihre Geschichte und ihre Aussagen basieren auf Gesprächen mit Betroffenen und Hilfsorganisationen.


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Um überhaupt BAföG zu bekommen, benötigt Larissa immer auch die Unterschriften der Eltern: »Für mich ist das jedes Mal ein riesiger Trigger. Die Unterlagen können nie einfach ans Amt gehen, es muss alles über mich laufen. Meinen Vater anzuschreiben und um die Unterlagen zu bitten, ist sehr demütigend. Jedes Mal, wenn er die Unterlagen bei mir einwirft, hat er die Gelegenheit, eine ‚Botschaft’ oder ein ‚Geschenk’ dazuzulegen. Überhaupt der Gedanke, dass er zum Brief kasten kommt, ist furchtbar.« Auch einen Nebenjob kann Larissa unmöglich annehmen: Neben Studium, Therapie und der Integration der verschiedenen Persönlichkeiten wäre diese zusätzliche Belastung zu groß. Deshalb wünscht sie sich mehr finanzielle Unterstützung von staatlicher Seite. Weiterförderung im Krankheitsfall und über die Regelstudienzeit hinaus wäre bei einer vorliegenden Diagnose schon ein Anfang.

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Viele Betroffene leiden außerdem an Stigmatisierung durch weit verbreitete Klischees, denn DIS ist ein beliebtes Thema in Filmen und Büchern. Dramatisierende Darstellungen wie Fight Club vermitteln den Eindruck, die verschiedenen Persönlichkeiten der Betroffenen seien bösartig oder gar gefährlich. Jael Noah Herzog vom Selbsthilfeportal Der bunte Ring widerspricht dem vehement: »Multiple Persönlichkeiten sind im Regelfall genauso harmlos, wie wenn Sie in der Uni mit 20 anderen Studierenden zu tun haben. Sie respektieren die unterschiedliche Ausprägung der Meinungen, Kleidungsstile, Gangarten und Kulturen. Dass diese verschiedenen Charaktere bei Betroffenen in einem Körper vereint sind, bedeutet nicht pauschal, dass sie gefährlich sind.« Aus Angst vor Zurückweisung thematisiert Larissa ihre DIS in der Uni nur selten: »Nur eine Mitstudentin weiß überhaupt Bescheid, denn ich rede nicht so offen darüber. Der Vorteil beim Studieren ist ja auch die Anonymität, damit geht es mir besser.« Die multiple Persönlichkeit ist eine notwendige Reaktion der Psyche auf traumatische Erfahrungen – ein Schutzmechanismus. Die Probleme, die Larissa durch Ämter und Stigmatisierung erfährt, bremsen sie zwar immer wieder aus, halten sie aber nicht davon ab, ihr Studium weiterzuverfolgen. Denn für sie und viele andere Betroffene ist die Uni ein wichtiger Ort, um ihr Trauma zu überwinden und in ein emanzipiertes Leben zu starten.

Carla Spangenberg ist für mehr Rückzugsräume in der Uni und schläft im Loft, wenn niemand guckt – auch während Redaktionssitzungen.

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Zeig mir dein Passwort und ich sag dir, wer du bist Dank Digitalisierung wird auch unsere Identität zu Nullen und Einsen. Das klingt nach Vereinfachung. Groteske Anforderungen an Passwörter und Verschlüsselungen lassen Nutzer*innen jedoch bisweilen verzweifeln. Wer sind wir im Netz und wie lässt sich unsere digitale Identität schützen? Text: Julian von Bülow Illustration: Valentin Gräpler

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ie beweisen wir, dass wir sind, wer wir vorgeben zu sein? Was poetisch klingt, ist für uns eigentlich Alltag: unser Ausweis, mit dem, im besten Fall, passenden Gesicht dazu. Während in der analogen Welt eine Plastikkarte unsere Identität bestätigt, ist man im Internet auf andere Mittel angewiesen. Hier ist es deutlich schwieriger zu zeigen, wer man ist – und deutlich einfacher, sich als jemand anderes auszugeben.

Doch selbst die sichersten Systeme sind nicht gegen Angriffe gefeit. Wer Identitätsmissbrauch begehen will, hat zwei Angriffspunkte: Entweder man liest die Daten mit, die der Authentifizierungsstelle zugesendet werden oder man greift in das sogenannte Enrollment der Identitäten ein, also in die Übergabe der Identifikationsmittel. Eine neue Kontokarte wird schließlich postalisch zugesandt und kann von anderen Personen abgefangen werden, sodass dabei immer ein Risiko besteht.

Die Bundesdruckerei, die für die Anfertigung von Personalausweisen und Reisepässen zuständig ist, hat der FU eine Professur zur Erforschung elektronischer Identität gestiftet. Deren Inhaber, Marian Margraf, steht nun vor keiner geringeren Aufgabe, als das Internet und unsere digitale Identität ein Stück sicherer zu machen. Aber wie genau zeigen wir dem Netz eigentlich, wer wir sind?

Um Datendiebstahl oder -manipulation im Internet zuvorzukommen, werden Identifikationsdaten verschlüsselt übermittelt. Margrafs Arbeitsgruppe betreibt Kryptoanalyse, das heißt sie forscht an der Sicherheit von Kryptoalgorithmen, damit Passwörter und Fingerabdrücke im Netz fälschungsund abhörsicher transportiert werden können. Dabei kommt es vor, dass das Team Sicherheitslücken bei kooperierenden Unternehmen oder in weltweit genutzter Technologie findet. »Dann gehen wir auf die Leute zu, lassen ihnen Zeit, das zu beheben und im Anschluss wird das veröffentlicht.« Große Nachfrage nach Sicherheitslücken besteht bei Geheimdiensten, denn diese nutzen unveröffentlichte Softwarefehler für Spionage aus. Mit denen arbeite man aber nicht zusammen, so Margraf. »Wenn wir von Sicherheit reden, dann soll das heißen, dass etwas wirklich sicher ist und nicht für einige sicher und für andere unsicher.«

»Digital gibt es mehrere Möglichkeiten, sich zu identifizieren«, so Margraf. Man kann dazu auf verschiedene Identifikationsfaktoren wie Wissen, Besitz oder biometrische Faktoren zurückgreifen. Die wohl bekannteste Methode ist die Abfrage von Benutzername und Passwort. Wer sich in das Netz der FU einloggt, behauptet mit dem Anmeldenamen eine Identität und beweist sie anschließend mit dem Passwort. Abfragen wie diese, die nur auf dem Faktor Wissen beruhen, sind vergleichsweise leicht auszuhebeln, beispielsweise wenn jemand bei der Passworteingabe auf die Finger schaut. Der Studierendenausweis hingegen ermöglicht Identifizierung durch Besitz, denn in der Karte ist eine Identifikationsnummer gespeichert, die dem*der Besitzer*in zugeordnet ist. Wer den Ausweis bei sich trägt, kann damit problemlos auf fremde Kosten kopieren oder in der Mensa essen – vorausgesetzt, das Personal prüft nicht das eventuell aufgedruckte Foto. Eine weitere Möglichkeit sind Fingerabdruck- oder Iris-Scanner, die auf Biometrie auf bauen und somit einmalige biologische Merkmale messen. Eine Kombination mehrerer Faktoren gewährleistet eine dementsprechend höhere Sicherheit. Aber natürlich gilt es, Aufwand und Kosten zu bedenken: Die Bücherausleihe per Iris- und Fingerabdruckscan wäre schließlich eher unverhältnismäßig.

Auch Nutzer*innen selbst können zur ihrer Sicherheit im Netz beitragen. Zwar bekräftigt der IT-Professor: »Die heute eingesetzten kryptografischen Verfahren können nicht von Geheimdiensten wie der NSA gebrochen werden. Da bin ich mir ziemlich sicher.« Trotzdem appelliert er an die Nutzer*innen, ihr Bewusstsein für digitale Sicherheit zu schärfen: Internetseiten sollten über das verschlüsselte https-Protokoll abgerufen werden und auch den Inhalt von E-Mails sollten Nutzer*innen verschlüsseln, damit niemand mitlesen kann. Bei Letzterem sei die Benutzerfreundlichkeit aber noch ausbaufähig. »Wenn ich Sicherheitsmechanismen etablieren will, dann muss ich mich immer darum kümmern, dass das für die Nutzer*innen nicht zu kompliziert ist.« Aus diesem Grund arbeiten der IT-Professor und seine Kolleg*innen am Institut für Informatik mit der Universität


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der Künste zusammen, um sich Anregungen für Design-Verbesserungen zu holen. Einerseits wollen Nutzer*innen einfach zu bedienende Produkte, andererseits sollen und wollen sie wahrnehmen, dass ihre Daten sicher verarbeitet werden.

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Digitale Identität geht heute aber weit über die reine Identifizierung hinaus. Will man sich in das FU-Netz einloggen und sieht Felder für Anmeldename und Passwort ist klar, dass man sich hier zu identifizieren hat. Doch die zunehmend vollständige Digitalisierung aller Lebensbereiche erlaubt es, neben der Frage: »Ist das die Person, die sie vorgibt zu sein?« auch die Frage: »Was macht diese Person aus?«, zu beantworten. Wann war eine Person online und wie lange? Welche Seiten hat sie besucht? Worauf hat sie geklickt? Und mit wem schreibt sie gerade? Aus diesen sogenannten Metadaten lassen sich Profile generieren, die womöglich mehr über unser Verhalten aussagen können, als wir selbst. Unsere digitale Identität wird somit immer komplexer.

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Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im Juni 2013, auf dem Höhepunkt der NSA-Affäre, das Internet als Neuland bezeichnete, waren die Lacher laut und zahlreich. Doch Margraf stimmt dieser Einschätzung vorsichtig zu: »Vor Snowden hat kein Mensch über Metadaten diskutiert. Wir haben aber keine Ahnung, was man daraus in fünf bis zehn Jahres für Erkenntnisse ziehen kann. Da befinden wir uns in einem Umbruch, das können wir noch gar nicht alles abschätzen.«

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Wir wir uns in Zukunft digital ausweisen werden, steht also noch zwischen Nullen und Einsen. Eine einfache Plastikkarte wird nicht ausreichen, um unsere digitale Identität nachzuweisen – dafür ist sie zu komplex und die Betrugsmöglichkeiten zu zahlreich. Bis wir online also so einfach beweisen können, wer wir sind, wie in der analogen Welt, gilt: Merkt euch bloß eure Passwörter!

Julian von Bülow nutzt für Passwörter meist Songtitel. ANZEIGE

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»Man kann in zehn Jahren auch reifer werden« FURIOS feiert zehnjähriges Jubiläum! Unsere erste Ausgabe erschien im Jahr 2008 – da gingen ein paar unserer heutigen Redakteur*innen noch in die Grundschule. Zu den ersten Redaktionssitzungen kamen bis zu hundert Studierende, seitdem wandelt sich die Redaktion jedes Semester. Und mit ihr FURIOS.

Martin Fischer gehörte damals zum Gründungsteam und stellte das neue Campusmagazin auf die Beine. Im Interview blickt der ehemalige FU-Student gemeinsam mit zwei unserer derzeitigen Redakteur*innen zurück auf ein Jahrzehnt FURIOS.

Interview: Anselm Denfeld und Carla Spangenberg Foto: Tim Gassauer

FURIOS: Vor zehn Jahren erschien die erste Ausgabe von FURIOS. Was hat Dahlem damals bewegt? Martin Fischer: Es war das 60. Jubiläum der Freien Universität. Damals hatte sie es überraschend geschafft, die ExzellenzInitiative zu gewinnen. Das hat einen unheimlichen Schub innerhalb der Uni ausgelöst. Bis dahin hatte die HU das Prestige, während die FU die Vorstadt-Uni war. Wer vor zehn Jahren bei einer Unizeitung arbeiten und so den Einstieg in den Journalismus machen wollte, ist zur UnAuf an der HU gegangen. Uns kam der Gedanke: Wir sind eine Exzellenzuni, aber wir haben kein Campusmagazin? Um zu schreiben, hättest du auch einen der zahlreichen Blogs an der FU betreiben können. Warum musste es ein gedrucktes Magazin sein? Es gab tatsächlich viele Blogs damals, ich hatte auch einen. Die waren sehr aktiv, blieben aber in ihrer kleinen Blase. Es wäre natürlicher gewesen, ein Onlinemagazin zu machen, weil viele von uns aus dieser Blogosphäre kamen. Aber wir mussten einfach ein gedrucktes Magazin produzieren, um auch auf dem Campus sichtbar zu sein! Wir haben damals angefangen, ohne zu wissen, ob es funktionieren wird. Es hätte auch schon vor der ersten Ausgabe scheitern können, weil irgendetwas mit der Finanzierung nicht klappt. Bei der ersten Ausgabe ist es ja nicht geblieben... Ich dachte immer, die dritte Ausgabe wird die schwierigste. Man schafft die erste und zweite, aber dann kommt ein Generationenwechsel und wenn du den nicht hinkriegst, ist meistens Schluss. Aber Claudia Schumacher war dann die erste richtige Chefredakteurin und hat ein super drittes Heft gemacht. Es folgte kein Absturz, sondern ein Feuerwerk. Wie habt ihr am Anfang zu eurer inhaltlichen Linie gefunden? Wir wollten uns von den Asta-Publikationen abgrenzen, aber auch nicht die Präsidiumslinie fahren, das hatte nicht viel Charme und Witz. Deswegen wollten wir vor allem über das Campusleben berichten und die großen politischen Themen

raushalten. Das mag engstirnig gewesen sein, aber diese Aufgabe allein ist schon komplex genug. Und wir wollten ein Heft machen, das überrascht. Jetzt muss ich aufpassen, was ich sage: Wir waren nicht unbedingt eine linke Publikation. Uns wurde vorgeworfen neoliberal zu sein… ...und bieder, antilinks, inhaltsleer... Ja genau, es war auch unser Ziel das zu werden! Natürlich nicht inhaltsleer, aber der Vorwurf neoliberal zu sein war schon okay, weil das das Letzte war, was man von einem Magazin von der FU erwartet hätte. Ich denke, viele von uns waren letztlich links, aber wenn wir ein erklärtermaßen linkes Magazin gemacht hätten, wäre niemand überrascht gewesen. Wie seid ihr mit der harten Kritik des Asta umgegangen? Wenn die Kritik nur schriftlich war, war das okay. Aber wenn man zwei Runden auf dem Campus machen musste, die erste, um Hefte auszulegen und die zweite, um zu schauen, ob sie schon jemand in den Mülleimer geworfen hatte, dann hat uns das wirklich geschadet. Oder wenn Inserenten angerufen wurden, damit sie nicht mehr bei uns werben. Das ist uns tatsächlich passiert und das überlebt ein Magazin nicht unbedingt. War das eine Reaktion auf das berüchtigte »Rudel Titten in Dahlem«? Noch heute müssen sich FURIOS-Redakteur*innen für diese Überschrift rechtfertigen. Musste dieser offensichtlich sexistische Unterwäsche-Kalender so unkritisch vorgestellt werden? Der Kalender war an der FU erschienen und ging schon durch die Berliner Presse, ohne dass es beim Sexismus-Referat vom Asta jemanden gestört hätte. Als wir darüber berichtet haben, war plötzlich Feuer unterm Dach, aber nicht gegen den Kalender, sondern gegen FURIOS. Es ging dem Asta nicht um Sexismus, sondern darum, uns vom Campus zu drängen, um kritische Berichterstattung seitens FURIOS über den Asta. Weil so viel Kritik kam, hat die Redaktion das im Nachhinein besprochen, wir haben uns dann aber entschieden, es nicht öffentlich zu diskutieren. Erstaunlich, dass das heute immer noch ein Thema ist. Wie steht ihr dazu?


Martin Fischer blickt zurück auf zehn Jahre FURIOS

Man hätte schon eine kritische Sexismusdebatte anstoßen können oder gerade diesen Vorwurf bringen können, dass sich niemand dafür interessiert, wie sexistisch der Kalender ist. Ja klar, der Kontext war ein anderer. Heute würde so ein Kalender vielleicht auch nicht mehr erscheinen. Im vergangenen Jahr haben wir das Gendersternchen eingeführt. Was hältst du davon? Wir haben damals absichtlich nicht gegendert. Rückblickend muss sich sagen, dass das ein bisschen infantiler Trotz war – eine billige Provokation. Inzwischen finde ich das schon sinnvoll, man kann in zehn Jahren ja auch reifer werden. Wie wichtig war dir die journalistische Qualität und wie viele Autor*innen hast du mit deiner Kritik verschreckt? Sicher fünfzig Prozent und mehr. Es gibt immer Leute, die zum ersten Mal schreiben und hart kritisiert werden, weil die Texte nicht den Standards entsprechen. Aber das ist die Konfrontation, die man braucht. Mein Gefühl war immer, dass Leute, die Kritik in der Redaktionskonferenz zulassen, daran wachsen und später richtig gut werden.

Womit haben wir dich enttäuscht? Denkst du manchmal: Das ist nicht meine FURIOS? Richtig enttäuscht nicht. Ihr seid ein bisschen linker geworden. Man merkt immer, wenn eine neue Generation ein Heft macht und noch einiges schief geht. Der Unterschied zum nächsten Heft, zu sehen, wie viel die im letzten halben Jahr gelernt haben, ist dann krass. Diese Wellenbewegung gab es immer wieder. Wie kann die Wellenbewegung von FURIOS weiter bergauf gehen? Bringt investigative Artikel, nach denen ihr Ärger mit Anwälten habt und Leute, die FURIOS loswerden wollen. Ich wünsche mir, dass ihr den Anspruch habt, kontrovers zu sein und euch Feinde zu machen. Dafür macht man das. Aber seid trotzdem lustig. Wenn ihr lustig seid und euch Feinde macht, dann habt ihr alles richtig gemacht.

Carla Spangenberg würde gerne mal Anselm Denfelds Eltern kennenlernen.

Martin Fischer hat Nordamerikanische Geschichte am John-F.-Kennedy-Institut studiert. Heute lebt und arbeitet er als Freier Journalist in Berlin. Spezialisiert hat er sich auf Datenjournalismus und recherchiert unter anderem für die ZEIT und NEON.


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Titel

»Ressourcenverschwendung« Keine Frage: Wir selbst finden uns großartig ;) Zu unserem Jubiläum wollten wir aber gerne mal wissen, was andere von uns halten. Dafür haben wir uns auf den Fluren der Rost- und Silberlaube und bei unseren Kolleg*innen anderer Magazine umgehört. Ihr habt auch eine Meinung zu FURIOS? Schickt uns Liebesbriefe, Kritik oder Anregungen gerne jederzeit an redaktion@furios-campus.de oder über unsere Social-Media-Kanäle.

Unsere Kolleg*innen »Konkurrenz belebt das Geschäft, oder so ähnlich. FURIOS macht vor, wie guter Studi-Journalismus geht. Schade, dass ihr nur halbjährlich erscheint, ihr hättet sicherlich mehr zu sagen. Dafür seid ihr ja online aktiv, und wir geben zu, dass wir doch ein wenig neidisch auf die stylische FURIOS-Website sind. Macht weiter so.« - Die UnAuf-Redaktion (Studierendenmagazin der Humboldt-Universität) »Im direkten Vergleich fällt sofort auf: Ihr seid nicht so gut wie das ZurQuelle Magazin. Aber ihr seid fitter in den traditionellen journalistischen Tugenden. Das macht ihr großartig. Ich merke immer wieder, wie sauber ihr arbeitet, das bewundere ich. Dann wiederum fehlt es euch häufig an Mut, an Kreativität und vor allem an Humor. Deswegen lese ich euch auch eher selten. Wenn ihr mir aber in der FU-Mensa begegnet, nehme ich euch mit und arbeite euch auch durch, wenn ich gerade vergessen habe, etwas anderes mit aufs Klo zu nehmen. Meistens werden meine Vorurteile leider widerlegt. Das stört mich dann. Einmal aber habe ich eine Ausgabe gelesen, die ich von Anfang bis Ende fürchterlich fand. Es ging um Essen. Da kann ich leider nicht eine positive Sache zu sagen. Ich will trotzdem gerne regelmäßiger mit euch trinken. Ihr seid nette Menschen.« - Robert Hofmann (Chefredakteur des Studierendenmagazins ZurQuelle) »Ich folge euch, wie auch den anderen Medien, die mich interessieren, über Social Media, vor allem über Twitter – und retweete immer gern, weil ich mir für euch da noch viel mehr Follower*innen wünschen würde. Wenn ich bei Twitter dann erfahre, dass ein neues Heft da ist, dann schaue ich es mir bei issuu.com an. Als FU-Alumnus interessiert mich alles rund um meine gute alte Uni.« - Markus Hesselmann (Redaktionsleiter Tagesspiegel Leute)

Unterwegs in der Rost- und Silberlaube »Ich will unbedingt bei euch mitmachen! Ich kann nur mittwochs nicht zu den Redaktionssitzungen kommen. Also ich finde FURIOS richtig geil. Cool, dass wir ein Campusmagazin haben, daraus entsteht eine Verbindung zwischen den Studierenden. Und auch cool, dass das so ein offenes Ding ist, dass jeder mal mitmachen, mal was schreiben kann. Ich find es super zum kreativen Austausch und auch für die Infos natürlich.« - Studentin im 2. Semester »Ich habe das Heft schon mal gesehen, aber nie reingeschaut. So Heftchen – wenn mal was Interessantes drin ist, nehm ich die mit, aber sonst ist es ja auch Ressourcenverschwendung.« - TU-Student, zum Lernen in der Phil-Bib »Der Name kommt mir ein bisschen bekannt vor.« - Student im 6. Semester »Nee, noch nie gesehen. Was soll denn das sein?« - Pförtner im K-Gang


Titel

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4 aus 40.000 Studierende, Lehrpersonal und andere Angestellte – über 40.000 Menschen gehen an der FU ihren Beschäftigungen nach. Seit fast zehn Jahren lassen wir an dieser Stelle vier von ihnen zu Wort kommen. Diesmal haben wir gefragt, wo sie sich in zehn Jahren sehen.

Text: Milena Osterloh und Victoria Weden Fotos: Tim Gassauer

Shayan Hashemian ist 23 und studiert Philosophie und Theaterwissenschaften im 6. Semester

»Ich wäre gerne Gründer einer Non-ProfitOrganisation« Meine Wurzeln liegen im Iran und in Frankreich. Da ich während meiner Schulzeit auf eine französische Schule gegangen bin, fühle ich mich der Sprache und Kultur schon immer stark verbunden. In zehn Jahren würde ich gerne in einem französischsprachigen Land leben, zum Beispiel in Belgien oder Frankreich – aber auch die Schweiz wäre eine Möglichkeit. Vielleicht haben meine Freundin und ich dann schon zwei oder drei Kinder. Aktuell belege ich zwei geisteswissenschaftliche Studiengänge, könnte mir allerdings gut vorstellen, eine Non-Profit-Organisation für Frauenrechte zu gründen, oder in einer zu arbeiten. Daher überlege ich nach meinem Bachelorstudium noch Rechtswissenschaften zu studieren.


Titel

Hannah Kenyon Lair ist 24 Jahre alt und studiert Soziologie im 2. Mastersemester

Mitchell Wolfmueller ist 27 und studiert English Studies im 6. Mastersemester

Mahima Rai ist 26 und studiert Bildungs- und Erziehungswissenschaften und Psychologie im 8. Semester

»Ich will keine US-Bürgerin mehr sein«

»Mein Traum ist es, zu schreiben«

»Das Schöne ist die Reise«

Ich möchte in zehn Jahren keine US-Bürgerin mehr sein. In Berlin wohne ich seit etwa einem Jahr und werde mindestens noch ein weiteres hier bleiben. Es ist definitiv kein schlechter Ort zum Leben, aber ich würde lieber irgendwohin, wo es keine Grenzen gibt – außerhalb eines Staates. Gerade studiere ich Soziologie, aber vielleicht wechsle ich noch zu Agrarwissenschaften oder Botanik. Ich denke, zehn Jahre sind ein bisschen zu kurz, doch irgendwann würde ich gerne einen gemeinschaftlichen Bauernhof leiten. Ich habe bislang keine Pflanzenkunde studiert, weil ein Berater mir sagte: »Wenn du dich der Landwirtschaft zuwendest, wirst du es im Leben zu nichts bringen.«

In zehn Jahren wäre ich gerne Lehrer oder Redakteur – am liebsten in Berlin, weil ich die Stadt einfach liebe. Mein Traum ist es, zu schreiben, aber gerade hier wird es sehr schwierig werden, einen Job zu finden. Es gibt einfach so viele Journalist*innen und Schriftsteller*innen in der Stadt, die Konkurrenz ist enorm. Die Frage ist, wie man mit etwas Besonderem herausstechen kann. Ich werde es auf jeden Fall versuchen. Gleichzeitig wünsche ich mir aber auch etwas mehr Ruhe in meinem Leben. Vielleicht lässt sich das ja vereinbaren und ich lebe in zehn Jahren mit Frau und Kindern in einer kleinen, aber schönen Wohnung in einem ruhigen Teil dieser großen Stadt.

Zurzeit studiere ich Bildungs- und Erziehungswissenschaften in Kombination mit Psychologie, möchte in meinem Master allerdings einen ganz anderen Weg einschlagen. Ich würde am liebsten in Richtung Internationale Beziehungen gehen, da ich mir in zehn Jahren gut vorstellen könnte, als Foreign Officer im Auswärtigen Amt zu arbeiten. Generell habe ich einen hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft und bin selbst gespannt zu sehen, wer ich in zehn Jahren sein werde. Das eigentlich Schöne und Wichtige ist jedoch die Reise dorthin und das Leben im Hier und Jetzt. Daher werde ich das hammer Mensa-Essen hier an der Freien Universität in meinem letzten Semester bewusst genießen.

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Politik

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Koks, Krieg und Kommunisten Unseren Autor hat es für ein Auslandsjahr nach Kolumbien verschlagen. In der Hauptstadt Bogotá erlebte er in den Wochen vor der Präsidentschaftswahl die Spaltung der Bevölkerung – und hoffnungsvoll in die Zukunft schauende Kommiliton*innen. Text und Fotos: Björn Brinkmann

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or spektakulärer Regenwaldlandschaft rauscht eine LKW-Kolonne über eine Brücke. An ihrer Spitze ein Jeep, die Sitze bezogen mit feinstem Leder. Auf dem Beifahrersitz einer der gefährlichsten, reichsten und berüchtigtsten Drogenbarone der Geschichte: Pablo Escobar. Schwer bewaffnete Polizisten erwarten seinen Transport. Doch Pablo bleibt kühl, verspricht ihnen Reichtümer. Hinter seiner Freundlichkeit lässt er durchblicken, was passiert, sollten die Beamten sein Angebot ablehnen. Pablo kennt jeden, Pablo kauft alle.

Beer Bars und Luxus-Läden. Doch fährt man in einem der überfüllten Metrobusse Richtung Süden, findet man sich in irregulär errichteten Comunas wieder. Diese lebendigen, aber oft extrem heruntergekommenen Armenviertel sind in den letzten fünfzig Jahren enorm angewachsen. Besiedelt werden sie von ehemaliger Landbevölkerung, die vor allem durch ultra-rechte Paramilitärs gewaltsam vertrieben wurde. Stadt und Land, vereint im Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg zwischen Staat, Kriminellen, Paramilitärs und verfeindeten Guerillas; zwischen links und rechts, arm und reich.

Vielleicht war es ein Fehler, die Serie Narcos unmittelbar vor meinem Auslandsjahr in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá anzufangen. Die Netflix-Produktion ist für viele Kolumbianer*innen zum Hassobjekt avanciert. Schließlich ballern sich die meiste Zeit zwei US-amerikanische Helden durch den kolumbianischen Großstadtdschungel. Auf die Zuschauenden prasseln die üblichen Klischees ein: tropisch, grün, voller Korruption und Gewalt, Salsa und organisierter Kriminalität. Und vor allem: Kokain. Kolumbien, der Staat gewordene Drogensumpf, in dem aus jedem LKW-Reifen das weiße Pulver rinnt. So weit, so dramatisch. Vielleicht war Narcos aber auch genau das Richtige. Schließlich bietet sich mir die Chance, die Vorurteile gegenüber Kolumbien an der Realität zu messen – und mit einigen von ihnen aufzuräumen.

Bis heute ist dieser Konflikt omnipräsent. Auch auf dem Campus der Universidad Nacional, meiner Universität, findet er sich wieder. Auf den weißen Wänden rufen zahllose Wandgemälde mit politischen Botschaften zum Aktivismus für den Frieden auf. Einige erinnern an die Opfer des sogenannten »Verschwindens«. Niemand weiß, wie viele Menschen während des Bürgerkriegs verschleppt und ermordet wurden – die Zahl bewegt sich wohl im fünfstelligen Bereich. Viele unliebsame Akademiker*innen waren plötzlich einfach nicht mehr auffindbar; ohne Begräbnis, ohne Nachricht, vom Campus getilgt. Auch heute noch werden jährlich dutzende Aktivist*innen ermordet.

Bogotá ist zwar nicht die Schweiz, aber die Wahrscheinlichkeit erschossen zu werden, ist relativ gering. Der bewaffnete Konflikt hat sich schon immer eher auf dem Land abgespielt. Was zwischen Einkaufszentren und Armutsvierteln herrscht, ist eine andere Form von Gewalt. Es ist die Gewalt einer schreienden Ungleichheit. In Bogotá kumulieren sich die sozialen Gegensätze auf engstem Raum: Im Norden der Stadt leben die reichen fünf Prozent der Gesellschaft zwischen Craft

Die Universität von Bogotá ist eine Stadt in der Stadt. Ein Labyrinth aus Fakultätsgebäuden, eingebettet in ein Mosaik aus Baumgruppen und Grünflächen, die sich zu fast jeder Uhrzeit mit kleinen Gruppen von Studierenden füllen. Auf dem zentralen Plaza Ché wird an zahlreichen Streetfood-Ständen lokale Küche angeboten. Andauernd sind irgendwo Instrumente zu hören. Wer den stickigen Bibliotheken für einige Minuten entkommen ist, lauscht den Geschichtenerzähler*innen in der Sonne. Über all das entfesselte Leben wacht, mit ewig ernster Kampfesmiene, das monumentales Abbild eines ikonischen Mannes. Es ist Ché Guevara.


Politik

Warum lässt du dich eigentlich nie blicken?* Politik

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Die größte und wichtigste öffentliche Universität Kolumbiens ist ein Gegenentwurf zur allgegenwärtigen Ungleichheit. Hier studieren Schulabsolvent*innen aus allen ökonomischen Schichten. Das dazugehörige Fördersystem funktioniert – man trifft hier sowohl Menschen, die umgerechnet circa 20 Euro pro Semester zahlen, als auch solche, die mehr als 600 Euro beitragen müssen. Auch wenn sich die Sprösslinge der reichsten Elite des Landes zumeist an die Berghänge mit ihren absurd teuren Privatuniversitäten begeben, entsteht hier an der »Nacho«, wie die öffentliche Uni zumeist genannt wird, ein Abbild der gesellschaftlichen Struktur des Landes – oder zumindest die Illusion von Gleichheit in der Bildung. In diesen Tagen gesellen sich zu den Geschichtenerzähler*innen auf dem Plaza Ché die Wahlkämpfer*innen des linken Präsidentschaftskandidaten Petro. Die seiner Rivalen sind auf dem Campus deutlich weniger willkommen – wegen ihrer kritischen Haltung zum Friedensprozess und den Verbindungen rechter Parteien mit bewaffneten Milizen. Bei der Wahl treten auch erstmals die kommunistischen FARC-Rebellen als demokratische Partei an. Nach 50 Jahren Krieg mit der Regierung wurde vor zwei Jahren ein Friedensvertrag abgeschlossen. Doch über dem gesamten Wahlkampf liegt der Schatten der Ära von Ex-Präsident Uribe, der mit eiserner Hand zwischen 2002 und 2010 den Krieg gegen die Guerillas führte – vor allem durch Allianzen mit brutalen Paramilitärs und anti-kommunistischen Todesschwadronen.

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»200 ermordete soziale Aktivisten seit dem Abkommen!« – ein Graffiti in der Politik-Fakultät erinnert in blutrot auf weiß an das andauernde Erbe der Gewaltexzesse der Uribe-Ära. Denn noch immer werden Aktivist*innen, die sich für die Rechte der ärmeren Schichten einsetzen, von Milizen ermordet. Die Rechten hingegen mahnen, wenn der linke Petro gewinne, werde Kolumbien zu einem zweiten Venezuela. Auf kolumbianisch heißt das »Castro-Chavismo«. »Die Leute sehen die vielen venezolanischen Flüchtlinge auf den Straßen und sagen sich ‚so schlimm soll es hier aber nicht werden’ und wählen rechts«, erklärt mir eine befreundete Kommilitonin, als wir abends im Universitätsgarten im Schein der Lagerfeuer diskutieren. Kaum einer hinterfrage, inwiefern sich die gemäßigten, sozialdemokratischen Forderungen des linken Kandidaten Petro vom Staatssozialismus in Venezuela unterscheiden. Während die Nacht hereinbricht, schweift mein Blick über den Platz voller junger Menschen, die aus verschiedensten Hintergründen hier versammelt sind. Diese Universität dürfte einige Netflix-Vorurteile erschüttern. Als intellektuelles Zentrum Kolumbiens bündelt und reflektiert sie den Zeitgeist vieler Studierender. Es ist der Zeitgeist einer Generation, die im Begriff ist, ein jahrzehntelanges Blutvergießen hinter sich zu lassen und in die Zukunft zu schauen.

Übrigens: Studenten zahlen bei unseren Vorstellungen nur 9,- Euro. ANZEIGE

Björn Brinkmann ist der geliebten Politikwissenschaft für ein Jahr bis nach Kolumbien gefolgt. Kolumbianisch kann er leider bis heute noch nicht.

*aus: »Im Herzen der Gewalt« von Édouard Louis in einer Fassung von Thomas Ostermeier, Florian Borchmeyer und Édouard Louis Regie: Thomas Ostermeier

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Politik

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Thronfolge in Dahlem Die FU hat einen neuen Präsidenten. Günter M. Ziegler soll die Uni in die Zukunft führen. Er gilt als zuverlässig und integer, Konflikte umgeht er und ähnelt damit seinem Vorgänger im Amt. Seine Wahl war ein Akt mit Ansage. Was wird aus dem Spitzenmathematiker an der Spitze der Uni? Text: Felix Lorber und Victor Osterloh Fotos: Kay Herschelmann und Victor Osterloh

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ährend im Henry-Ford-Bau der Akademische Senat (AS) der FU tagt, hat sich die Polizeikette vor dem Eingang geöffnet. Die Studierenden, die für einen neuen Tarifvertrag streiken, drängen in den Saal. Eine Sprecherin ergreift das Mikrofon und adressiert ihre Forderungen an den »Präsidenten Ziegler«. Dabei gibt der zu diesem Zeitpunkt gerade seine erste öffentliche Bewerbung um das Amt ab. Dass die Studierenden Ziegler ansprechen, scheint ein Missverständnis, jedoch nur auf den ersten Blick. Denn bereits knapp drei Monate vor der tatsächlichen Wahl im Mai 2018 ist abzusehen, wer Peter-André Alt als Präsident der Freien Universität nachfolgen wird: der Mathematiker Günter M. Ziegler. Als der Tagesspiegel im Dezember 2017 den Wechsel des bisherigen FU-Präsidenten zur Hochschulrektorenkonferenz vermeldet, wird Ziegler bereits als der aussichtsreichste Kandidat bezeichnet. Entscheidend sei letztlich, dass dieser »auf Akzeptanz in der ›Vereinten Mitte‹ stößt«, dem »Präsidentenwahlverein« also, der auch Vorgänger Alt aus seinen Reihen erhob und dem Ziegler selbst angehört. Obwohl es normal ist, dass Präsidiumswahlen an der FU schon von vornherein entschieden sind – selten gibt es überhaupt mehr als einen Kandidaten – ist die Geschichte Zieglers besonders. Vor allem, weil er selbst sie häufig erzählt: »Ich habe vom Weggang Peter-André Alts bei einer Sitzung des Exzellenzrats gehört. Eine Kollegin von rechts und ein Kollege von links sprechen mich an: ›Hast Du schon gehört, Alt will HRK-Präsident werden.‹ Da sag’ ich: ›Nee …‹ Und dann kommt gleich hinterher: ›Machst Du denn die Nachfolge?‹« Diese Anekdote ist fester Bestandteil von Zieglers Narrativ. Zu groß wäre die Unsicherheit an der FU gewesen, sich ernsthaft mit der externen Kandidatin Tanja Brühl auseinanderzusetzen. Ziegler entschied sich schnell: »Ich mache das«. Alles andere als eine Zusage wäre ein »Desaster« für die FU gewesen, sagt er.

Günter M. Ziegler ist Mathematiker

Es ist das Bild des vielseitig interessierten Mathematikers, der unverhofft zu höchsten Weihen aufsteigt, das seine Erzählung so attraktiv macht. Es wird zu einem der Hauptmotive seines Wahlkampfes – auch weil inhaltlich Neues kaum Platz findet zwischen der Fortführung der Exzellenzanträge und dem selbstbewussten Führungsanspruch der FU in Berlin. Günter Matthias Ziegler, 1963 in München geboren, hat in seiner Vita beinahe alle Preise stehen, mit denen ein Mathematiker so ausgezeichnet werden kann. Überraschend ist das nicht, Zieglers steiler Aufstieg deutete sich bereits früh an. Vielleicht schon bei der übersprungenen dritten Klasse, spätestens aber mit der Goldmedaille bei der Internationalen Mathematik-Olympiade, dem Elitestudium am Massachusetts Institute of Technology, der Promotion mit 24 und schließlich der Habilitation im Alter von nur 29 Jahren. Drei Jahre später wird Ziegler zum jüngsten Professor der TU berufen. Einige Wochen vor seiner Wahl empfängt Ziegler in der »Villa« der Mathematik, wie er das Institutsgebäude stolz bezeichnet, zum Interview. Mit lässig aufgeknöpftem Hemd sitzt er in seinem Büro und spricht über die Zukunft der FU. Die Freie Universität solle noch freier werden: frei in ihrer Forschung, frei in der Auswahl ihrer Studierenden. Ziegler gehört zu jenen, die Bildung als Produkt und eine Universität als Produzenten betrachten. Die Worte Exzellenz und Cluster – Vokabeln des bundesweiten Förderprogramms für forschungsstarke Elite-Universitäten, der Exzellenzstrategie – fallen häufig. Ziegler weiß, welche Themen er ansprechen muss, um die wichtigste Statusgruppe der Hochschulpolitik – die Professor*innen – zu bedienen. Er verspricht »Leadership«, Führungsstärke, und beschwichtigt, er werde den Rest der FU nicht über die möglichen fünf Exzellenzcluster im nächsten Jahr vergessen. In der Forschung liegt seine Stärke, hier ist er Zuhause.


Ziegler beim FURIOS-Interview im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen

Aus eigener Erfahrung versteht Ziegler, wie eng verschlungen Politik, Wirtschaft und Forschung an einer Universität sind, die zu großen Teilen von Drittmitteln abhängig ist. Dementsprechend vorsichtig navigiert er durch das Gespräch. »Ich habe immer das Problem, dass wenn ich sage, was ich anders machen will, das immer gleich nach Fundamentalkritik klingt.« Dies ist Ziegler derart unangenehm, dass es schwerfällt, überhaupt etwas Kritisches über das letzte Präsidium aus ihm herauszuholen. Er ähnelt seinem Vorgänger und Spezi Alt, wenn es darum geht, Dissens zu ignorieren. Wurden unter Alt Konflikte, wenn notwendig, auch mal ausgeschwiegen, so ist sein Nachfolger vor allem darauf bedacht, die Brüche innerhalb der Universität kleinzureden: »Ich glaube, dass es gar nicht die riesigen Kontroversen darüber gibt, wo es hingehen soll für die FU.« Dass seine Pläne zum Studierendenmarketing und seine Überlegungen, Studiengebühren wieder einzuführen, stark nach der ökonomisierten Universität klingen, die Studierendenvertreter*innen immer wieder anprangern, scheint Ziegler nicht zu stören. Spricht er davon, dass er »eigentlich nur Stärken an der Freien Universität« sieht, stoßen solche Äußerungen nicht überall auf Begeisterung. Gerade beim Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta) scheint Ziegler einen Nerv zu treffen. »Diese Aussage ist ein Schlag ins Gesicht all jener Menschen, die sich seit Jahren für bessere Arbeits- und Studienbedingungen, eine demokratische Hochschule und gerechten Hochschulzugang für alle einsetzen«, erklären die Studierendenvertreter*innen in einer Stellungnahme nach der Wahl. Doch längst nicht überall stößt der Mathematiker auf Abneigung. Zu Gast beim Berliner Science Slam 2010 zeigt Ziegler sich von seiner humorvollen Seite. »Mit den Beweisen in der Mathematik ist es eigentlich ähnlich wie mit dem Sex. Die haben stattzufinden zwischen Erwachsenen, bei

gegenseitiger Zustimmung und außerhalb der Öffentlichkeit.« Er hat hier sichtlich Freude daran, dem Publikum seine aktuelle Forschung anhand von Smarties zu erklären. Nicht ohne Grund gilt Ziegler unter seinen Studierenden als beliebt. Denn ob als Gast bei Stefan Raab oder als DJ bei der Professor*innenNacht, Ziegler probiert gerne Neues aus. Und so schlägt er auch am Ende des Interviews ein neues Format vor: »Politiker interviewen Journalisten. Das wäre doch mal was!« Am Tag der Präsidentschaftswahl steht Ziegler auf der Bühne im Henry-Ford-Bau. Das aufgeknöpfte Hemd hat er gegen einen marineblauen Anzug eingetauscht. Lässig lehnt er am Rednerpult, beantwortet Fragen aus dem Publikum. »Ich habe fünf Agendapunkte mitgebracht: Exzellenz, Internationalität, Diversität, Gemeinschaft und Attraktivität.« Ziegler als Macher; kurzzeitig in der Presse auf keimende Zweifel am Ausgang der Wahl sind verflogen. Alles andere als ein Sieg Zieglers wäre eine Sensation. So liegen auch die Blumensträuße schon bereit, als das Ergebnis bekannt gegeben wird. 39 der 61 Stimmen reichen zum Sieg. Hochrangige Gratulant*innen, darunter der ehemalige Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner sowie der Berliner Staatssekretär für Wissenschaft Steffen Krach, scharen sich um Ziegler. Im Audimax überwiegt die Zufriedenheit – oder ist es eher Erleichterung? Dass sich der interne Kandidat durchgesetzt hat, bedeutet für das Unternehmen FU so etwas wie Planungssicherheit. Und darum geht es. Das vollständige Interview mit Günter M. Ziegler im Vorfeld seiner Wahl findet ihr auf www.furios-campus.de Felix Lorber und Victor Osterloh hoffen, auch irgendwann die Popstars von FURIOS zu werden. Dafür müssten sie sich aber erstmal Twitter zulegen…


Politik

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? e ß a tr S r e d n o v r te n u 50 Jahre 68 – R Asphalt heute als Ort der rhundert zurück. Hat der Jah bes hal ein t lieg te Protes Der Höhepunkt der 68er ung ausgedient? etz ers nd na sei politischen Au r Text: Leon ha rd Rosenaue urg nb de Sie Illustration: Klara

O

b sie glaube, dass sich der demokratische Meinungsaustausch auf der Straße abspielen solle, wird Ulrike Meinhof 1968 in einem Fernsehinterview gefragt. Der Interviewer unterstellt den Studierenden, die Verantwortung für die Eskalation der Proteste zu tragen – ein Imageschaden für die Bundesrepublik. Die damalige Vorzeige-Linke und spätere RAF-Terroristin Meinhof kontert, sie halte die Straße keineswegs für ein geeignetes Mittel. Da aber die Möglichkeit der Meinungsäußerung in den Medien nicht gegeben sei, bleibe die Straße eben der einzige Ort, um öffentlich Kritik an den bestehenden Verhältnissen zu üben. Meinhofs Analyse der jungen Bundesrepublik trifft es auf den Punkt. Den Studierenden steht die Springer-Presse gegenüber, die 1968 über 30 Prozent der westdeutschen Presselandschaft beherrscht. Die Strukturen in den öffentlichen Hör- und Rundfunkanstalten sind starr. Auch die erhoffte Demokratisierung der Universitäten lässt auf sich warten und eine kritische politische Auseinandersetzung im Bundestag ist wegen der Mehrheitsverhältnisse der Großen Koalition kaum möglich. Weder an den Universitäten, noch gesamt-

gesellschaftlich sehen die Studierenden ihre Interessen vertreten. Übrig bleibt die Straße: Go-ins, Sit-ins, sich Gehör verschaffen mit auffälligen Demonstrationen. Diese Mittel fallen auf fruchtbaren Boden. Die Öffentlichkeit springt darauf an – insbesondere dann, wenn Gewalt im Spiel ist. Die Empörung bürgerlicher und konservativer Kreise hebt die Inhalte der Studierenden in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs. Die Straße – für die Studierendengeneration der 60er Jahre ein Ort, den es zu verteidigen gilt. Spielt sie heute, im Zeitalter von Online-Petitionen und Hashtags überhaupt noch eine Rolle? 50 Jahre später stoßen junge Menschen noch immer häufig auf Barrieren, wenn sie versuchen, am demokratischen Meinungsaustausch teilzuhaben. Medial bekommen sie wenig Aufmerksamkeit, häufig werden sie nicht ernst genommen. Nicht zuletzt die Bundestagswahl 2017 und die folgende Große Koalition, in denen beispielsweise Themen der Bildungs- und Hochschulpolitik kaum ein Thema sind, spiegeln diese Realität wider.


Politik

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Auch an der FU klagen Studierende zurecht seit jeher über mangelnde Mitbestimmungsrechte. So halten im Akademischen Senat noch immer die Repräsentant*innen der Professor*innen die absolute Mehrheit. Trotz einzelner Versuche, diese Gebilde aufzubrechen, scheint das System gefestigter denn je. Die Studierenden bleiben bei hochschulpolitischen Entscheidungen regelmäßig außen vor und auch die traditionellen Medien sind geprägt von der Vormachtstellung konservativer Verlagshäuser. Natürlich wird der Kampf um die Deutungsmacht heute auch im Netz ausgetragen. Die Utopie, dass soziale Netzwerke für mehr Demokratie und Transparenz sorgen, ist jedoch ein Trugschluss. Vielmehr bilden sie die Mehrheitsverhältnisse der Gesellschaft ab und verfestigen die bereits vorherrschenden Meinungsbilder. Themen, die Minderheiten betreffen, werden somit ausgeschlossen.

Ein Studium muss sich auch wohnen

Auch heute ist die Straße als Ort des Diskurses also keineswegs obsolet. In Frankreich kommt es zu Protesten, als die Regierung eine Hochschulreform ohne parlamentarischen Widerstand beschließt. Studierende besetzen darauf hin Gebäude, gehen auf die Straße. Professor*innen reagieren repressiv, in Montpellier sollen sie gar an gewalttätigen Angriffen auf die Studierenden beteiligt gewesen seien. Das mediale Echo ist groß, die Kritikpunkte der Studierenden in aller Munde. Auch an der FU hat es die studentische Gewerkschaft TVStud über die Straße in den Diskurs geschafft. Nahezu alle Berliner Zeitungen berichten nach den ersten Demonstrationen über die Forderungen der studentischen Beschäftigten. Ein Konflikt, der wohl den meisten Berliner*innen zuvor nicht bekannt war.

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Kritik an gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen in den öffentlichen Raum zu tragen, ist heute noch wie damals unverzichtbar für die demokratische Meinungsbildung. Erst auf der Straße, dem nackten Asphalt, wird politische Artikulation direkt und unmittelbar. Hier können Themen wachsen, die im Netz keine Klicks generieren oder zensiert werden. 50 Jahre später bleibt der Appell derselbe: Raus auf die Straße!

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Leonhard Rosenauer hat sich vor zwanzig Jahren entschieden den Asphalt zu erobern, als ihn ein Porschefahrer auf der Spielstraße angehupt hat.

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Campus

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Ewiger Ehemaliger: Unermüdlich gegen Rechts Hajo Funke ist Professor und Aktivist, Symbol der 68er Studierendenbewegung am OSI und entschiedener Kämpfer gegen autoritäre Strukturen. Der Politikwissenschaftler widerlegt die Thesen der Neuen Rechten und kämpft auf der Straße gegen die AfD. Das Porträt eines Nimmermüden. Text: Leonhard Rosenauer und Julian von Bülow Foto: Julian von Bülow

W Tag die

ir sitzen gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Hajo Funke im »Zwiebelfisch«, einer legendären Bar in Charlottenburg. Einen zuvor haben in Berlin Zehntausende gegen Af D demonstriert. Funke war selbst dabei.

Eigentlich ist der 73-Jährige emeritierter Professor, aber dass er sich seit 2010 offiziell im Ruhestand befindet, heißt nicht, dass er nicht weiterhin aktiv ist. Anfang diesen Jahres erschien sein neues Buch über die Studierendenbewegung. Auf Anfrage betreut er weiterhin Abschlussarbeiten und Dissertationen oder schreibt Gutachten. Zudem gibt er als Experte für Rechtsextremismus regelmäßig Interviews, in denen er sich entschlossen gegen die Neue Rechte positioniert. Ein Blick auf seine Kindheit gibt Rückschlüsse darauf, warum Funke den Kampf gegen Rechts zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Er wächst in einer katholischen Familie in Südoldenburg auf. Sein Vater habe zu »schwarzer Pädagogik«, also streng-autoritärer Erziehung geneigt und sich bis zu seinem Tod mit Motiven des Nationalsozialismus identifiziert. Trotzdem, erzählt Funke, habe er den Kontakt gehalten und seinen Vater immer wieder in die Debatte gezwungen – vergeblich. Das Studium der Politikwissenschaft beginnt Funke 1966 am Otto-Suhr-Institut (OSI). Zu diesem Zeitpunkt hat der 21-Jährige keinerlei Erfahrung mit Protest und zivilem Ungehorsam. Doch das ändert sich, als im Sommer ein studentischer Protest mit über 3000 Teilnehmer*innen im Henry-Ford-Bau stattfindet. »Da habe ich zum ersten Mal gedacht: Wir haben doch Macht.« Ein Jahr später, am 2. Juni 1967, findet in West-Berlin die Demonstration gegen den Staatsbesuch des Schahs von Persien statt – ein Schlüsselereignis für den gesellschaftlichen Umbruch der 1960er Jahre. Unweit des »Zwiebelfisch« wird Benno Ohnesorg in einem Hinterhof von einem Polizisten erschossen. Die Geschehnisse dieser Tage, so Funke, haben ihn politisiert und seinen Blick auf die bundesdeutsche Demokratie verändert. »Die Studierenden wurden dafür verantwortlich gemacht, dass Benno Ohnesorg getötet wurde. Diese Umkehrung aller Wahrheit hat mich tief empört. Kurze Zeit

später war aus dem empörten Ich ein Wir geworden.« Gemeinsam mit Kommiliton*innen ruft Funke, der Anfang 1968 in den Fachschaftsrat des OSI gewählt wird, zu einer mehrtägigen Besetzung des Instituts auf, um den Forderungen nach mehr Transparenz, Mitbestimmung und einem erweiterten Lehrplan Nachdruck zu verschaffen. Ohne Polizeieinsatz, und mit Verständnis des Institutsleiters, lässt sich die Auseinandersetzung in einen Reformprozess umlenken. Fünfzig Jahre später blickt Funke kritisch auf die 68er zurück: »Die großen Ziele haben wir nicht erreicht. Aber ein Kernerfolg war die Kulturrevolution in der Erziehung. In der Kritik am Kapitalismus waren wir leider nicht erfolgreich.« Das Autoritäre, die Forderung nach absolutem Gehorsam, stört Funke nicht nur in der Erziehung. In seiner wissenschaftlichen Karriere spielt die Überwindung des Undemokratischen fortan eine entscheidende Rolle. Nach dem Ende der Studierendenproteste und seinem Studienabschluss Anfang der 70er Jahre forscht er zunächst zu autoritären Arbeitsstrukturen, geht in Betriebe und versucht herauszufinden, wie sich die Bedingungen und Rechte der Arbeiter*innen und Angestellten verbessern lassen. Statt Gehorsam und starren Hierarchien fordert Funke echte Mitbestimmung. Doch mit der Zeit wendet er sich mehr und mehr der Extremismusforschung zu – ausgehend auch von der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit seines Vaters. Anfang der 80er Jahre beginnt er, sich intensiv mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, interviewt dafür emigrierte jüdische Wissenschaftler*innen. Darunter Historiker Saul Friedländer und Psychoanalytiker Heinrich Löwenfeld – ihn sucht Funke in den USA auf. »Ich bin denen hinterhergefahren. Das war mir wichtig. Und bis heute habe ich von denen am meisten gelernt«, erzählt er. Die Studie wird der Beginn einer langen akademischen Karriere, die sich fortan konsequent auf die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, den Antisemitismus und die Extremismusforschung fokussiert. Funke veröffentlicht zahlreiche Studien und Bücher, übernimmt 1988 den Lehrstuhl für Politik und Philosophie an der FU und lehrt vorübergehend an der UC Berkeley. Als er schließlich nach Berlin zurückkehrt, leitet er bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für Politik und Kultur am Otto-Suhr-Institut.


Hajo Funke ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft

Dabei ist Funke mehr als nur Wissenschaftler. Wie zu Beginn seiner Karriere sucht er den persönlichen Kontakt zu dem, was er erforscht. Während in München der NSU-Prozess stattfindet, reist der Professor durch Deutschland und recherchiert selbst, sammelt Quellen und Indizien. Die taz bezeichnet ihn darauf hin als Auf klärer und Aktivisten. Ob er den Rechtsextremismus, den er erforsche, auch heute noch auf der Straße aktiv bekämpfe? Er antwortet energisch, fast empört: »Ja, natürlich!« Funke wirkt alles andere als müde. Er bleibt optimistisch, auch wenn die Rechte weltweit erstarkt. Denn er ist überzeugt, dass es zumindest in Deutschland genügend demokratischen Widerstand gibt, um die Rechten im Zaum zu halten. Dabei ist er selbst längst zum Feindbild geworden: Auf Plattformen der Neuen Rechten, deren Ideologien er regelmäßig öffentlich entlarvt, erntet Funke häufig Anfeindungen. Was er unter Gerechtigkeit versteht, zeigt sich auch im Sommer letzten Jahres. Nachdem die FU-Dozentin Roldán Mendívil bezichtigt wird, sich antisemitisch geäußert zu haben, lässt die Geschäftsführung des OSI ein unabhängiges und vertrauliches Gutachten über ihre Äußerungen anfertigen. Ein halbes Jahr später findet eine Podiumsdiskussion über Antisemitismus am OSI statt. Neben der Dozentin sitzt Funke auf dem Podium. Er verteidigt Mendívil als der Repräsentant des OSI, Bernd Ladwig, sie vehement attackiert. Auf der Bühne legt er sogar das Ergebnis des vertraulichen Gutachtens offen: Es handele sich nicht um Antisemitismus. »Das war für mich ein Ausdruck von Zivilcourage. Und das würde ich sofort wieder machen.« Als unser Gespräch zu Ende ist und wir uns verabschieden, holt Funke zwei Bücher aus dem Rucksack und schenkt sie uns. Es ist sein neuestes Werk – der Titel: »Antiautoritär«. Das vollständige Interview mit Hajo Funke findet ihr auf www.furios-campus.de

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LR und JvB finden Abkürzungen doof, aber 145 Zeichen sind zu wenig, um zu sagen, dass


Campus

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Die Lage der Portion Der studentische Magen ist einiges gewohnt – Tiefkühlpizzen, Tütensuppen und literweise Alkohol treiben ihr Unwesen in Berliner WG-Küchen. Doch können gepeinigte Mägen in der Servicewüste des grünen Dahlems Erholung finden? Eine Suche nach Antworten in den Imbissen und Mensen des Campus. Text und Fotos: Anselm Denfeld

Salatzubereitung auf gigantisch

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er erste Schritt aus dem U-Bahnhof ist der schwerste. Noch könnte man umdrehen und sich eine Bifi am Automaten ziehen, wieder einsteigen und auf der Suche nach billigem Fast Food in Richtung Innenstadt fahren. Doch nicht in der Vorlesungszeit, denn die bedeutet Anwesenheitspflicht. Dank ihr müssen tausende Studierende Tag für Tag nach Dahlem kommen und dort das Spiel gegen den Hunger antreten. Die Reise zur Überprüfung der Lage der Portion beginnt im universitären wie kulinarischen Herz des Campus Dahlem, der Rost- und Silberlaube mit ihrer Hauptmensa. Es ist kurz vor acht und Herr Jarocki, der Leiter der Mensa II, gibt noch ein paar letzte Anweisungen. Er ist seit 1983 beim Studierendenwerk, hat sich hochgearbeitet und trägt inzwischen die Verantwortung für 91 Mitarbeiter*innen. Die sind schon seit Stunden auf den Beinen. Antipasti, Auflauf, belegte Brötchen – das meiste ist um diese Uhrzeit schon fertig. Nebenbei erzählt Jarocki vom Anspruch gesund, frisch und regional zu kochen und trotzdem für alle etwas Aufregendes anzubieten: »Zur letzten WM waren auch brasilianische Gerichte dabei«. Eine Mitarbeiterin mischt in einem Bottich in Badewannengröße Salat, aus einem Hahn schießt dampfende Suppe in einen riesigen Topf und eine der täglich verfügbaren veganen Optionen ist gerade geboren: Couscous mit Gemüse und ordentlich Tofu liegt auf etliche Bleche verteilt im Ofen und duftet. Über 5000 Esser*innen werden heute erwartet. Bei diesen riesigen Mengen gibt es keine Extrawürste – massentauglich muss es sein. Eine bestimmte kulinarische Richtung gäbe es nicht, auf den Tisch kommt, was finanziell umsetzbar ist. Trotzdem lassen einen die Angestellten des Studierendenwerks einen Moment vergessen, dass man an einer Massenuniversität

studiert. Denn wer hier grüßt, muss kein Stammgast sein, um fürsorglich bedient zu werden. Bis es soweit ist und die Theken öffnen, verstreichen aber noch ein paar Stunden. Zeit für einen Frühstückskaffee. Den gibt es nur ein paar Schritte weiter im Kauderwelsch, das sich von den vielen anderen studentisch betriebenen Cafés abhebt. Mit fair gehandelten Bio-Produkten wird hier für Gerechtigkeit im internationalen Handel gekämpft. Die heiße Brühe geht zum Glück leichter runter, als die idealistischen Ziele. Und dank fabelhaftem veganen Kuchen und Couscous scheint die Schlange zwischen den unzähligen Mitbringseln aus Tibet und Lateinamerika nie abzureißen. Allein, dass auf allen Schildern das eher fade Gözleme, ein gefülltes Fladenbrot, beworben wird, wenn es doch so viele Köstlichkeiten gibt, ist verwunderlich. Aber die Disco-Remixe beliebiger Reggae-Songs aus den Boxen reißen einen aus den marktwirtschaftlichen Gedanken. Hastig gilt es, das speckige Sofa und die bunt getünchten Räume zu verlassen. Zum Mittagssnack lädt das italienische Restaurant Galileo auf unscheinbaren Kreidetafeln. Wer neu an der FU ist, mag sich fragen: Welche*r Gastronom*in kann denn hoffen, einer hochqualitativen, subventionierten Mensa Konkurrenz zu machen? Aber sobald man die unscheinbare Treppe gegenüber der Mensa gefunden hat und die lichtdurchfluteten, dekadent westdeutsch anmutenden Räume betritt, ist klar, dass man sich hier außer Konkurrenz befindet. Man ist umgeben von älteren Paaren, die wohl aus der Nachbarschaft stammen, Forschungsgesellschaften und jeder Menge Graubärten. »You have to understand: I was the first linguist in Brazil. They just didn’t have that before!«, erzählt ein Wissenschaftler und erntet bei seinen Zuhörer*innen hornbrilliges Nicken.


Campus

Kippe und grüne Skyline

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Der Dahlem Delight im Faculty Club

Und auch im weiteren Gespräch wird so selbstzufrieden geschnackt, wie man es nur mit einer lebenslänglichen Professur in der Sakkotasche kann. Während die akademische Elite ihre italienischen Menüs verköstigt, zerteilen zwei Studentinnen mechanisch ihre Pizza, die es hier schon für vier Euro gibt. Den Espresso feiern aber alle. Solange man an der Uni keinen Elternbesuch auszuführen hat, bleibt es mit dem Galileo und seinem Schwertfisch auf der Karte wohl bei einer einmaligen Bekanntschaft. Schnell noch die mit 2,50 Euro teuerste Mate auf dem Campus geschnappt, dann beginnt mit vom Koffein wummernden Herzen die Wanderung quer durch die Rost- und Silberlaube. Unterwegs passiert man entspannte Studierende. Ob das am Essen liegt? Ein Student schwärmt euphorisch vom kulinarischen Angebot der Mensa – wirkt dabei aber auch sehr high. Dienstags und donnerstags gebe es Fisch, sein persönliches Highlight. »Die anderen Tage sind aber auch okay, heute hatte ich ein arabisches Hähnchen!« Auch seine Kommilitonin Sophie hat es dank der Mensa geschafft, acht Semester ohne Pausenbrot auszukommen. Auch wenn der Tag schon von Koffein überschwemmt wurde, muss es noch ein bisschen mehr vom Herzschrittmacher sein. Denn am Ende einer versteckten Treppe erstreckt sich das legendäre Café Pi mit seiner Dachterrasse, auf der man belegte Brötchen und Kuchen zu studentischen Preisen schnabulieren kann – auch vegan. Die typische Mahlzeit mit Blick auf die schaukelnden Baumwipfel Dahlems ist aber Käffchen mit Lungenbrötchen, die Glimmstengel hat hier

fast jeder im Mundwinkel. So erhaben das Gefühl, im Wind auf Bierbänken die Süchte zu befriedigen auch ist, mit der untergehenden Sonne verspürt der studentische Magen langsam wieder den Drang zur hochprozentigen Selbstzerstörung. Die wartet in Dahlem, seitdem das partyfreundliche Rote Café geschlossen ist, aber nur auf wahre Ortskenner*innen. Versteckt hinter dem Ethnologischen Museum feiert die gehobene Klasse ihre Exzesse im edlen Faculty Club, der Bar des Campushotels Seminaris. Wer in der Uni auf der bezahlten Seite des Vorlesungssaals steht, kann sich hier mit Cocktails wie dem »Dahlem Delight« oder dem anrüchig klingenden »Professor’s Passion« beduseln. Anonyme Loungemusik und blau schimmerndes Licht auf leeren Sesseln lassen eine Stimmung wie in »Lost in Translation« auf kommen und trösten nicht über den Preis von 20 Euro für zwei viel zu starke Cocktails hinweg. Auf dem flauschigen Teppich steht unzählige Male »Es sind die Begegnungen mit den Menschen, die das Leben lebenswert machen«. Was diesen Abend wirklich lebenswert macht, ist das wohlige Gefühl im Magen – das Gefühl, dass die Lage der Portion ganz okay ist. Zumindest solange man nicht vorhat, sich zu betrinken.

Anselm Denfeld würde Menschen, die ihn Amsel nennen, am liebsten erdrosseln.

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Campus

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E-Klausur im Versuchslabor Computergestützte Prüfungen können mit dem Tempo des digitalen Fortschritts kaum mithalten – das zeigt das E-Examination Center an der FU. Doch der gebremste Fortschritt hat Vorteile. Ein Besuch. Text und Foto: Marius Mestermann

E

s ist ein Millionenprojekt. Auf der Reise ins Neuland baut die Freie Universität eine zweite Haltestelle, noch in diesem Jahr soll das E-Examination Center 2.0 in Dahlem eröffnet werden. Zusätzlich zum bisherigen EEC entsteht im Campushotel Seminaris ein weiteres computergestütztes Prüfungszentrum, mit dem man bestens vorbereitet sei »auf die Herausforderungen der wachsenden Digitalisierung auch im universitären Bereich«, erklärte FU-Kanzlerin Andrea Bör bei der Bekanntgabe. Digitalisierung und Uni? Kein einfaches Thema. Fortschritt kann teuer sein und nicht immer fallen die ersten Gehversuche leicht. Das jetzige E-Examination Center der FU ist dafür ein gutes Beispiel. 1,3 Millionen Euro hat der Bau gekostet, hinzu kommen laufende Personal- und Modernisierungskosten. Und doch hat die Technik den Vorzeigebau längst eingeholt. Wenn die Computer im Saal hochfahren und Alexander Schulz’ Blick über die flackernden Displays streift, merkt man ihm an, dass in diesem Raum viel Herzblut steckt – auch seins. Schulz, der den Bereich E-Examinations an der FU koordiniert, erzählt von den ersten Gehversuchen mit E-Klausuren, als Studierende noch ihre eigenen Laptops mitbrachten und etliche der Geräte nicht mit der Prüfungssoftware kompatibel waren; von all den juristischen Kenntnissen, die er sich wegen der Sensibilität von Prüfungen über die Jahre aneignen musste. Und von dem umgebauten Chemie-Labor in der Fabeckstraße in Dahlem, das heute 151 Sitzplätze mit Bildschirmen beherbergt. Über 84.000 computergestützte Prüfungen sind dort seit der Eröffnung vor fünf Jahren durchgeführt worden. Das klingt erstmal viel. Andererseits schreiben wir das Jahr 2018, und die Prüfungssoftware ist für den Internet Explorer optimiert – kein Scherz. Doch wichtiger als eine hübsche Programmoberfläche ist im Kontext von Prüfungen, die letztlich über Lebensläufe entscheiden können, die Absicherung nach allen Seiten. Alle 30 Sekunden werden Backups der Klausuren auf den Prüfungsservern gespeichert, falls mal ein Computer abstürzen sollte. Und bei einem Stromausfall? Springen die Diesel-Aggregate im Data-Center der ZEDAT an. Schulz findet, dass sie mit einer »derartigen extrem stabilitäts- und sicherheits-

orientierten Einrichtung die richtige Wahl getroffen haben«. Auch wenn das bedeutet, dass man jahrelang am verstaubten Internet Explorer festhält, um Störungen zu vermeiden. Eine Spur der Vergangenheit zieht sich auch durch den Prüfungssaal selbst, der trotz Umbau den Charakter eines Versuchslabors behalten hat. Zahlreiche Variablen können hier kontrolliert werden, die Geräuschisolierung ist sagenhaft. Und was kaum ein Prüfling wissen dürfte: Hinter den hölzernen Spinden an der Wand werden noch heute Chemikalien in den zweiten Stock gepumpt. Doch warum der große Aufwand der E-Umstellung? Lehrende könnten die digitalen Klausuren »erheblich schneller« bewerten, argumentiert Schulz. Sie lernten auch mit jedem Mal dazu, »wie Prüfungsfragen immer besser konstruiert und formuliert werden können«. Dadurch steigt zwar kurzfristig der Aufwand für Professor*innen und ihre Hilfskräfte bei der Vorbereitung, danach profitieren aber auch sie von Zeitersparnissen bei der Korrektur, bestätigen mehrere von ihnen. Bei Multiple-Choice-Fragen können die Eingaben direkt ausgewertet werden, bei Freitextaufgaben erübrigt sich immerhin das Entziffern krakeliger Handschriften. Technische Grenzen gibt es hingegen etwa bei der Erfassung chemischer und mathematischer Formeln – hier sei »das klassische Papier dem PC derzeit noch überlegen«, gibt Schulz zu. Ändern könnte sich das mit Touchscreens. Mit dem Bau des neuen EEC würden die Kapazitäten auf 332 Plätze steigen – wären da nicht die Bauarbeiten am bisherigen Standort. So muss das jetzige EEC für ein paar Jahre schließen, erst danach sind beide Zentren parallel einsetzbar. Doch es gibt auch gute Nachrichten: In nicht allzu ferner Zukunft soll die Prüfungssoftware nicht mehr an den Internet Explorer gebunden sein.

Marius Mestermann entdeckt im Surfurlaub die schönsten Orte von Neuland.


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Campus

Zehn Fakten für Klugscheißer*innen Keine Lust, euch bei verkochten Nudeln und Sojageschnetzeltem schon wieder die Berghain-Stories eurer Kommiliton*innen reinzuziehen? Bringt ihnen doch stattdessen etwas über die Uni bei. Hier sind ein paar Zahlen für den Pausenpalaver. Text: Corinna Cerruti Illustrationen: Eric Tiedt

In den letzten zehn Jahren ist die Studierendenzahl um 9% gestiegen.

35.054 Studierende sind an der FU immatrikuliert. 7.660 davon kommen aus dem Ausland, 7 sind derzeit staatenlos.

Zwischen Sommer- und Wintersemester schwankt die Zahl der Studierenden. In der heißen Jahreszeit sind regelmäßig rund 10% weniger Studierende an der FU immatrikuliert.

Von der Bologna-Reform unbeeindruckt, befinden sich noch immer zwölf Studierende im Magister- sowie 127 im Diplomstudium.

59% aller Studierenden sind Frauen und 41% Männer. Der Anteil derer, die keinem der beiden Geschlechter angehören, wird von der Universität nicht erhoben, da das in den amtlichen Dokumenten angegebene Geschlecht verwendet wird. Diese lassen bis voraussichtlich 2019 nur die Optionen männlich und weiblich zu.

Obwohl Afrika bevölkerungsreicher ist als Nord- und Südamerika zusammen, finden sich an der FU nur 202 Studierende aus afrikanischen Ländern, während 1103 von den amerikanischen Kontinenten stammen.

Der größte Studiengang an der FU ist Rechtswissenschaft mit 2165 eingeschriebenen Studierenden. Der BWL-Bachelor ist mit 963 Studierenden auf Platz zwei. Die Veterinärmedizin mit 912 auf Platz drei.

Im Fachbereich Philosophie- und Geisteswissenschaften beträgt der Anteil männlicher Bachelorstudenten nur 32%.

Bei den MINT-Fächern sind Männer noch in der Mehrzahl, aber immerhin rund 45% der hier im Bachelor Eingeschriebenen sind Frauen.

Für einen Bachelorabschluss wird im Durchschnitt 7,9 Semester studiert. Für einen Masterabschluss sind es im Schnitt 5,7 Semester.

Der kleinste Bachelorstudiengang an der FU ist Griechische Philologie, lediglich sieben Studierende »tummeln« sich hier. Mit 22 Eingeschriebenen haben die Integrierten Koreastudien die zweitwenigsten, gefolgt von immerhin 25 Studierenden in den Integrierten Chinastudien.


Campus

Wo bin ich hier gelandet? The Mexicans will pay for the food Der Versuch, einen hungrigen Magen zum Schweigen zu bringen. Text: Leonhard Rosenauer »Ehrliche Mexikanische Küche« verspricht das Schild über dem Restauranteingang. Mit knurrendem Magen und Hundeblick nähere ich mich, doch bevor ich einen Fuß hinein setzen kann, zerrt mich meine Begleitung in ein Restaurant gegenüber mit mexikanisch-japanischer Fusionsküche. Hier heißt es jedoch erst einmal in die Warteliste eintragen. Wer einen Platz an den Tischen ergattern will, muss seinen Willen offenbar erst unter Beweis stellen.

gerade als ich den Mund öffne, unterbricht mich der Sound einer siebenköpfigen Straßenband. Im selben Moment stößt eine Kellnerin mit riesigen Tunnelohrringen, deren innere Leere mich melancholisch werden lässt, zu uns. Über den Rabatz hinweg, versuche ich ihr meine Wünsche entgegen zu brüllen. Doch ausgehungert und schwach wie meine Stimme mittlerweile ist, versteht sie, dass ich noch einen Moment brauche und trottet davon. Ich unterdrücke eine Träne.

Als ich in der sengenden mexikanischen Sonne auch den letzten Tropfen Flüssigkeit aus meinem Körper geschwitzt habe, sind wir endlich dran. Hip und progressiv wie der Laden ist, sitzen wir mit Mexikos botoxsüchtigen Jungunternehmer*innen an einem Tisch.

Beim zweiten Versuch habe ich die Speisekarte parat und tippe vehement auf die Bilder – geschafft! Als mein Essen kommt, breche ich mit letzten Kräften die Holzstäbchen auseinander. Doch bevor ich mir den ersten Bissen einverleiben kann, fragt meine Begleitung: »Och, sieht ja lecker aus. Darf ich mal probieren?« Über meine selbstbezahlte Mauer aus Coladosen hinweg, grapschen ihre Stäbchen nach meinem Lachsfilet. Ich weine.

Ich lasse mich nicht entmutigen und will ein Gespräch über das Armutsgefälle in der lokalen Gesellschaft beginnen, doch

Blasse junge Frau hat wieder mal kastriert Als Pazifistin hätte unsere Autorin beim Tekken-Turnier in der E-Sports-Bar lieber nur Drinks geschlürft. Aber Muskelprotzen virtuell die Fresse zu polieren, hat sie dann doch angestachelt. Text: Carla Spangenberg Illustration: Klara Siedenburg Eine Frau umschlingt den Kopf eines Mannes, der auf ihr liegt. Sie presst ihn so lange an ihre Brust, bis er zerfetzt. Mission Completed – Nina Williams wins! Siegessicher lege ich den Controller zur Seite. Nach dieser Aufwärmübung werde ich im anschließenden TekkenTurnier im Zweikampf an der Playstation alle plattmachen. Eigentlich hatte ich mich gesträubt, mit in die E-Sports-Bar zu kommen. An den Wänden hängen Hauptplatinen und auf die Toilette geht man zu Super Mario oder Peach. Alles hat einen leicht nerdigen Touch und der Barmann meidet hinter seinem neongrünen Brillengestell jeglichen Blickkontakt. Aber Tekken ist extrem sexy und ich habe Blut geleckt: Als Tochter einer Pazifistin und eines Wehrdienstverweigerers war mir die Welt virtueller Gewalt bisher entgangen. Der muskulöse King mit Leopardenkopf wird während des Turniers unter meinen High Heels zerquetscht. Auch den fetten Bob lege ich auf den Rücken. Die Combos aus Genicktritten und Nippeltwistern im Viertefinale stoppen jedoch meinen schon

sicher geglaubten Turniersieg. Anstelle eines Controllers nutzt mein Gegner seinen eigenen »Fight Stick«: einen viereckigen Kasten, der aussieht wie ein Xylophon mit Tasten. So ein Stick ermöglicht eine schnellere Bedienung und kostet 200 Euro. Eine sinnvolle Investition, denn er gewinnt und sahnt satte 20 Euro Preisgeld ab. Aber eine starke Kriegerin weiß, wann die Schlacht verloren ist. Also stürze ich mich an der Bar in ein neues Scharmützel: Beim Würfeln erspiele ich mir eine Armee aus Shots, mit der ich mir den Kopf wegballere.

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Kultur

Mensch ohne Nation – Musik ohne Genre Sechs Musiker*innen, drei Kontinente, ein Projekt: Die Band »Out Of Nations« lädt auf einen unberechenbaren Trip ein. Wer sich darauf einlässt, erlebt, wie Musik Grenzen überwinden kann. Text: Karo Tockhorn Fotos: Out Of Nations

»Out Of Nations«, das sind Lety ElNaggar, Fabian Timm, Ayman Mabrouk, Charis Karantzas, Christian Tschuggnall, Jonas Cambien und Produzent Khalil Chahine

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urch das Fenster der Friedrichshainer Wohnung strahlt die Sonne auf ein angenehmes Chaos aus Instrumenten und Notenblättern. Farbenfrohe Gegenstände und Dekorationen aus fernen Ländern zieren den Raum. Ein Hauch von Exotik und Zwanglosigkeit liegt in der Luft des Hauptquartiers von »Out Of Nations«. Sechs Musiker*innen und ein Produzent von drei Kontinenten, die über den Globus verteilt leben und gemeinsam in verschiedensten Ecken der Welt Konzerte geben, das sind »Out Of Nations«. Gegründet wurde das Musikprojekt 2014 in Kairo. Damals waren es nur Lety, jetzt Lead-Solistin, und Khalil. Über die letzten Jahre wuchs die Truppe dann zu dem heran, was sie jetzt ist, eine musikalische, multikulturelle Fernbeziehung. Neben der Leidenschaft zur Musik teilen die Künstler*innen eine gemeinsame Idee, der die Band ihren Namen verdankt: »Out Of Nations zu sein bedeutet, jeder Person unabhängig von ihrer Nationalität, Hautfarbe oder Geschlecht entgegenzutreten«, fasst Lety das Kernkonzept der Musiker*innen in Worte. Sie selbst wuchs als Tochter ägyptischer und mexikanischer Migrant*innen in Philadelphia auf und lebte zeitweise in Kairo. Ihre Geisteshaltung übersetzt die Band in Musik. »Genauso wenig, wie wir Menschen mit Vorurteilen begegnen, stecken wir Musik in festgeschriebene Genres«, so Dennis, der neuerdings

als Social Media Manager der Gruppe aktiv ist. Er schloss sich »Out Of Nations« an, als er Lety im FU-Masterstudiengang Global History kennenlernte. Die Musik soll für sich sprechen, ohne dass man sie mit einer bestimmten Erwartung hört. Im Debütalbum der Gruppe verschmelzen Einflüsse aus verschiedensten Richtungen. Mal bekommt man jazzige Klänge auf die Ohren, dann wird man von arabischem Folkgesang und orientalischen Melodien, die schon bald von elektronischen Bässen begleitet werden, in eine ferne Welt getragen. »Bei uns heißt es nicht: Lass uns einen libanesischen Punk Track aufnehmen«, erzählt Lety, »wir denken uns: Es ist Zeit für etwas Neues. Dann schreiben wir eine Melodie und würzen sie mit verschiedenen Einflüssen und Akzenten«. Auch auf der Bühne lädt »Out Of Nations« ihre Zuhörer*innen auf einen unberechenbaren Trip ein: Die Kostüme, visuellen Effekte und deren Interaktion mit der Band verstärken die intensive Musikerfahrung. So entsteht ein kollektives Gefühl, das trotzdem Platz für eigene Eindrücke und Emotionen lässt. Das gilt für Zuhörer*innen und Musiker*innen gleichermaßen. »Die Musik ist ein Produkt der gesamten Band, aber jedes Mitglied hat auf der Bühne seinen ganz eigenen Moment«, beschreibt der Bassist Fabian das Phänomen. Für ihn bedeutet Performen, sein Publikum zu verstehen und den »Vibe« einzufangen – vor allem im interkulturellen Kontext. »Als wir auf unserem Konzert in Kairo, den ägyptischen Folksong gespielt haben, habe ich ihn zum ersten Mal richtig verstanden – dadurch, wie das Publikum darauf reagierte«, berichtet er. Für die Band ist die Musik ein Weg um zu kommunizieren. Wer sich darauf einlässt, wird mitgenommen auf einen magischen Trip in ferne Welten, wo es keine Worte braucht. Das Debütalbum von Out Of Nations erscheint am 31. August 2018 bei Riverboat Records.

Lead-Solistin Lety

Das Einzige, was Karo Tockhorn in Schubladen steckt, sind ihre Socken – hin und wieder zumindest.


Kultur

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Zwischen Drama und Dahlem Sie spielt in international preisgekrönten Filmen und läuft mit Tausenden anderen Studierenden durch die Flure der FU. Eine Schauspielerin erzählt von ihrer Suche nach der Balance zwischen Schauspiel und Studium. Zum Schutz ihrer Privatsphäre veröffentlichen wir das Interview anonym. Interview: Sofie Eifertinger Illustration: Valentin Graepler FURIOS: Wirst du in der Uni häufig erkannt? Es geht. Nach einer Vorlesung im ersten Semester ist mal ein Mädchen zu mir hergekommen, um mich nach einem Autogramm zu fragen. Das hat mich total irritiert. Es ist, als ob jemand dir sagt, dass er deine Eltern kennt. Die Person weiß dann mehr über dich, als dir lieb ist (lacht). Was bedeutet das Schauspiel für dich? Beim Spielen lasse ich mich auf eine Rolle und ihre Geschichte ein, verbringe Zeit mit dieser Person. Wenn ich über einen längeren Zeitraum für ein Projekt arbeite, merke ich, dass ich beginne, die Handlung selbst zu durchleben. Wie ist es für dich, nach einem längeren Projekt an die Uni zurück zu kommen? Manchmal fühle ich mich wie ein Fremdkörper, wenn ich wieder fünf Wochen am Set verbracht habe. Ich habe dann immer ein bisschen Angst, dass mein Kopf mich im Stich lässt; dass ich eigentlich gerade noch woanders bin. Wenn ich zum Beispiel eine Weile eine Vierzehnjährige gespielt habe, merke ich, dass ich mich kleiner fühle und Leuten anders begegne. Macht sich das andersrum auch am Set bemerkbar? Ja, weil ich weiß, dass mich das Studium beeinflusst. Ich war mal parallel zu einem Projekt an drehfreien Tagen in der Bibliothek, um für eine Klausur zu lernen. Manchmal hatte ich auch meine Lernsachen am Set. Aber da habe ich mich gehemmt gefühlt. Schließlich sollte ich mich komplett auf den Film einlassen, zu 100 Prozent da sein. Trotz dieses Widerstands rede ich am Set erstaunlich viel über die Uni – und versuche so, die Welten doch miteinander zu vereinen. Würdest du manchmal lieber nur eingleisig fahren?

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Ich bin ein paar Mal kurz davor gewesen, das Schauspiel komplett sein zu lassen. Dann merke ich aber wieder, dass es ein schönes Gegengewicht ist. Es ist eine andere Welt, die das intellektuelle Streben im Studium ausgleicht. Filme machen ist immer auch ein sozialer Prozess, da ist Scheitern manchmal eher erlaubt. Ich bin jetzt seit fast eineinhalb Jahren in diesem Zwiespalt: Mache ich Sofie Eifertinger will manchmal das Eine oder das Andere? Ich denke, ich aus der Vorlesung ins Freiluftkino fliehen, mit Popcorn in der Hand muss etwas finden, in dem ich weder und Niveau auf der Wand. Aber Schauspielerin noch Studentin bin – sondern nur manchmal. nur ich selbst.


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Wissenschaft

Wort frei! Bist du die nächste Herta Müller? Sollte Marvel lieber deine Comics verfilmen? Ob nun Prosa, Lyrik oder Comic, ganz egal, wo eure Begabungen liegen – wir geben euch das Wort frei! In unserer gleichnamigen Rubrik könnt ihr euch ausprobieren. Also schickt uns eure künstlerischen Ergüsse, hier habt ihr das Wort.

Zweitzeugin Text: Christine Zeides Illustration: Lotta Feibicke

Sie fährt Bahn Er hat einen Sitzplatz In sein Gespräch vertieft sieht er sie nicht ihre grauhaarigen 77 Sie hält sich einem Mahnmal gleich an einer Stange fest zerbrechlich steht sie da und dünn Sie sieht seine Gesten hört aus seinem Mund Worte von früher Sie kennt sie gut genug Geburtsjahr 1930 all diese Worte Er hat im Nachtschrank seines Opas Mein Kampf gefunden Er findet es witzig Er malt den Buchstaben einen Bart beim Lesen Er lacht laut in der U-Bahn Sein Lachen bricht ihr Schweigen

Wort frei! erscheint auch online unter www.furios-campus.de Sendet eure Arbeiten an kultur@furios-campus.de

Damals war sie 9 Hat Steinchen in der Tasche getragen Fundstücke vom Wegesrand es sind Glasscherben von Berliner Fenstern die klimpern beim Hüpfen In der Tasche auch die Feldpostkarte von Papa Er kam nicht zu ihrem Geburtstag Er kam zu keinem mehr Mutter stand immer am Radio Sie hört die Stimmen jede Nacht Er kennt Krieg nur aus Spielfilmen die Helden überleben er will ein Held sein Verkündet der ganzen Welt seine Ansichten Er hält sie für revolutionär Sie gibt ihm eine Ohrfeige Er spuckt ihr ins Gesicht Aufprall zweier Welten

Christine Zeides wirft gerne mit Worten und Blumen um sich. Lyrik ist ihre Spielwiese, heimisch fühlt sie sich aber in vielen Künsten.


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Die geklaute Rubrik Wir sind großartig. Aber andere machen auch schöne Sachen. An dieser Stelle pflücken wir die besten Rubriken im Blätterwald und füllen sie mit unseren Inhalten. Folge XII: »Hohlspiegel« aus dem SPIEGEL – Campus-Edition.


Wissenschaft

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Schwärmen von der Künstlichen Intelligenz Was die Künstliche Intelligenz von morgen können soll, haben Tiere schon seit Jahrtausenden drauf. Tim Landgraf erforscht deshalb an der FU – und auf dem Tempelhofer Feld – das Verhalten von Honigbienen. Text und Foto: Leon Holly Illustration: Manon Scharstein

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as können wir Menschen bei der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz von tanzenden Bienen und scheuen Karpfen lernen? Mit der Beantwortung dieser Frage beschäftigt sich Tim Landgraf, Professor am Institut für Informatik. Seine Forschung zeigt: Die gegensätzliche Unterscheidung zwischen »künstlicher« Technologie und »natürlicher« Umwelt ist ein Trugbild. Landgraf und seine Arbeitsgruppe »Kollektive und Künstliche Intelligenz« wollen Abläufe im Tierreich verstehen, um Schlüsse für die Entwicklung moderner Technologien ziehen zu können. Schwärme werden dabei zum Vorbild für die digitale Zukunft.

Die Technik wird derzeit in Modellfahrzeugen getestet und soll bald ihre Anwendung in richtigen Autos finden. Vorbild für den technischen Energieaustausch war niemand geringeres als die Sammelbiene. Die sozialen Tierchen teilen nämlich das gefundene Futter mit hungrigen Artgenossinnen, sodass diese sofort weiterfliegen können.

Besondere Aufmerksamkeit schenken Landgraf und sein Team tanzenden Honigbienen. Am BioRobotics-Lab der FU und in einer alten Wetterstation auf dem Tempelhofer Feld erforschen sie das kollektive Verhalten der Insekten. Ein Teil der Forschung besteht darin, dass sie mit Hilfe moderner Computertools und einer Roboter-Biene das Verhalten jedes einzelnen Tieres in einem Bienenstock an der Wand der Station verfolgen. Besonders interessiert sie der »Schwänzeltanz«: ein Bewegungsablauf, durch den die Bienen sich nach einem Flug gegenseitig Standortinformationen mitteilen, wie etwa den Fund einer Futterquelle. »Mit unserem Beobachtungssystem können wir zum ersten Mal nachvollziehen, wie der Supercomputer Bienenkolonie rechnet«, bemerkt Landgraf.

Auch im Wasser finden sich tierische Vorbilder: Für die Beobachtung des Verhaltens von Fischen haben die Wissenschaftler*innen einen kleinen Roboter-Karpfen entwickelt, der gemeinsam mit echten Guppys in einem Wassertank schwimmt. Eigenständig testet der künstliche Fisch, wie er die Geschwindigkeit seiner Annäherungsversuche an den Guppyschwarm gestalten muss, damit sie ihm zu einem bestimmten Punkt im Tank folgen.

Was sich aus dieser Schwarmintelligenz für die Entwicklung von Technologien lernen lässt, macht der Wissenschaftler am Beispiel selbstfahrender Autos deutlich: »Elektrische Fahrzeuge haben lange Ladedauern. Doch sie haben mittlerweile genug Sensor- und Rechenpower, um auf der Straße eng beieinander zu fahren und Energie auszutauschen.«

Besonders knifflig hierbei: Jeder einzelne Fisch reagiert anders auf den mechanischen Artgenossen, weshalb er sich auf die variierenden Charaktereigenschaften einstellen muss. »Auch unter Guppys gibt es ängstliche und dominante Persönlichkeiten», erklärt Landgraf. »Denen muss sich der Roboter-Fisch – ähnlich wie eine menschliche Führungsperson in einem Team – unterschiedlich nähern, um sie nicht zu verschrecken oder ignoriert zu werden.« So konnten die Forscher*innen das Stresslevel der Guppys messen und zeigen, dass weniger gestresste Fische besser folgen. Auch hier werden sich die Daten womöglich als nützlich für die Künstliche Intelligenz erweisen: Autonome Fahrzeuge könnten erkennen, welche menschlichen Fahrer*innen unter Stress stehen und ihr Fahrverhalten entsprechend anpassen. »Die Menschen könnten sich entspannen und das Unfallrisiko wäre geringer«, vermutet Landgraf. So lernt die Technologie von heute und morgen von den Früchten der Evolution im Tierreich.

Einer der Roboter-Fische, die Landgraf und sein Team entwickelt haben

Leon Holly scheint Fische immer zu verschrecken, wenn er sich nähert. Wahrscheinlich zu dominant.


Wissenschaft

Walderdbeeren und Widerstand Für die Nazis war sie ein Stein im Getriebe, für Juden eine Lebensretterin. Elisabeth Schiemann leistete Widerstand im Privaten und in der Wissenschaft. Durch ihre Forschung zur Pflanzengenetik widerlegte sie die pseudowissenschaftlichen Lehren der »Rassenhygiene«. Text: Rabea Westarp Illustration: Franziska Stoltz Foto: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft

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ls eine der ersten Frauen, die zu einem Studium der Naturwissenschaften zugelassen wird, gelingt Agnes Marie Elisabeth Schiemann an der Universität Berlin, der heutigen Humboldt-Universität, die Promotion. Ihre wissenschaftliche Karriere verläuft zunächst holprig: Ihre Forschung finanziert sie mit Stipendien, sie ist als Privatdozentin tätig und hält mäßig bezahlte Vorlesungen zu Fortpflanzungsbiologie und Samenkunde, bis es sie 1931 an das Botanische Institut verschlägt. Dort wendet sich für sie das Blatt. Schiemanns Forschung zur Geschichte von Kulturpflanzen bringt ihr internationale Anerkennung ein. Außerdem organisiert die Wissenschaftlerin gemeinsam mit evangelischen Kirchengemeinden Fortbildungen zum Thema Genetik, in denen sie sich klar gegen die sogenannte »Rassenhygiene« der Nationalsozialisten ausspricht. Auch nach Hitlers Machtergreifung erhebt sie ihre Stimme weiter gegen das NS-Regime – das bleibt nicht ohne Konsequenzen. 1939 wird ihr eine ordentliche Professur versagt, kurz darauf entzieht man ihr die Lehrberechtigung. Der offizielle Grund: »Politische Unzuverlässigkeit«. Schiemann lässt sich von diesen Maßnahmen nicht beirren. Ganz im Gegenteil – sie leistet Widerstand und versteckt die Jüdin Andrea Wolffenstein in ihrer Wohnung. Für deren Schwester Valerie Wolffenstein findet Schiermann einen Zufluchtsort bei einem befreundeten Pärchen. Die beiden entgehen so einer Deportation und können 1944 fliehen. Neben ihrem humanistischen Grundgedanken begründet sie ihr Engagement auf ungewöhnliche Weise: Die Biologin entlarvt die nationalsozialistische Eugenik mit ihren eigenen Mitteln. In ihrer Forschung zur Walderdbeere belegt sie, dass die Unterarten der süßen Frucht sich kreuzen und so über neue

Arten zur Erhaltung der Walderdbeere führen. Wieso also sollte die »Rassenhygiene« , die »Reinerhaltung der Menschenrassen«, etwas anderes sein als pseudowissenschaftlicher Blödsinn? Schiemann ist sich sicher: Die Natur profitiert nur von Vielfalt, die ein Fortbestehen der Arten garantiert. Die ihr zustehende Professur erhält die mutige Frau erst nach Kriegsende, gemeinsam mit einem Lehrauftrag an der späteren Humboldt-Universität. Mit der Freien Universität verbindet Schiemann nicht nur der enge Bezug zum Botanischen Institut, sondern auch ihre Mitgliedschaft im Gründungskomitee der FU im Jahr 1948. Im Gegensatz zu ihrer engen Freundin, der international berühmten Atomphysikerin Lise Meitner, ist sie der Öffentlichkeit jedoch bis heute kein Begriff. Im Jahre 2014, 42 Jahre nach Schiemanns Tod, sammelt das Botanische Museum der FU gemeinsam mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und der Evangelischen Kirche ihr überliefertes Wissen und veröffentlicht es in einem Sammelband. Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ehrt die Wissenschaftlerin im selben Jahr posthum mit der Verleihung des Titels »Gerechte unter den Völkern«. Mit ihrer Courage repräsentiert Schiemann eine andere Rolle der Wissenschaft im Dritten Reich. Anders als viele Akademiker*innen verließ sie weder Deutschland, noch beugte sie sich dem Druck der Faschisten. Die tapfere Genetikerin zeigte auch in den dunkelsten Zeiten großen Mut und belegte so die Möglichkeit des Widerstandes – privat, wie in der Forschung. Rabea Westarp hat viele Talente, zum Beispiel Stolpern, Hinfallen und allgemeine Verwirrung stiften. Hunde und David Bowie bringen sie zum Weinen.

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Der empörte Student

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Studierende an der FU sind weltoffen und tolerant? Dieser Porschefahrer hält das für ein Gerücht – wenn er seinen Cayenne zwischen den Dahlemer Instituten spazieren fährt, treffen ihn strafende Blicke. Von Toleranz keine Spur. Text: anonym Illustration: Manon Scharstein Liebe motorisierte Kommilitonen, ich möchte die Gelegenheit nutzen, um den Studenten eine Stimme zu geben, die am wenigsten Solidarität erfahren: uns Autofahrern! Seit die linksgrünen Umweltideologen die Verkehrspolitik gekapert haben, fühle ich mich mit meinem Porsche Cayenne S Diesel auf dem Campus nicht mehr wohl. Als ich mein Baby noch in der Nähe des Fachbereichs Rechtswissenschaft geparkt habe, musste ich mir immer die feindseligen Blicke der arbeitsscheuen Politikstudenten mit Eisenmangel gefallen lassen, wenn sie auf ihrer Futterachse zwischen OSI und Veggie-Mensa unterwegs waren. Aus Angst, dass die Kinder der Neidgesellschaft ihren Blicken Taten folgen lassen, parke ich inzwischen etwas abseits. Dort steht mein Schätzchen nun zwischen Gef ährten seines Formats, statt wie zuvor den A-Klassen und Minis der anderen Jurastudenten Sonnenschutz zu spenden. So muss ich auch nicht durch die vermaledeiten Dreißigerzonen rund um die Uni schleichen. Für diese staatlich verordneten Zwangsbremsungen gibt es einfach keine Veranlassung. Das Dahlemer Verkehrsauf kommen ist derart gering, dass auch bei

Tempo 80 noch ausreichend Lücken für fahrzeuglose Hippies bleiben, um die Straßenseite zu wechseln. Für die sind die cholerischen Kampfradler auf ihren klapprigen Tretmühlen eh viel gef ährlicher. Sie sind nämlich ungleich schlechter zu sehen und zu hören als mein blitzeblank poliertes Geschoss inklusive sattem Auspuffsound. Dennoch sitzt nun eine Liste im Stupa, die ernsthaft eine Werkstatt für diese zweirädrigen Todesmaschinen betreibt. Nicht nur in der richtigen Politik, auch an der Uni werden wir Autofahrer von der ökofaschistischen Lobby ausgegrenzt. Deswegen appelliere ich an dieser Stelle an meine motorisierten Kommilitonen! Organisieren wir uns bevor es zu spät ist! Wie wäre es mit einer vom Asta subventionierten Campus-Tankstelle? Wir zahlen ja auch für das Semesterticket der anderen! Erst, wenn die letzten SUVs verschrottet worden sind, werden die Menschen merken, dass man mit einem Fixie-Bike keinen Bootsanhänger ziehen kann.

Allzeit freie Fahrt und immer eine Handbreit Sprit im Tank wünscht, ein hupender Hybridverachter*

*findet Gendersternchen sexistisch und boykottierenswert. Davon distanziert sich FURIOS.

FURIOS 20 IMPRESSUM Herausgegeben von: Freundeskreis Furios e.V. Chefredaktion: Corinna Segelken, Rebecca Stegmann (V.i.S.d.P., Freie Universität Berlin, JK 28/106, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin) Ressortleitung Politik: Felix Lorber, Victor Osterloh Ressortleitung Campus: Anselm Denfeld, Leonhard Rosenauer Ressortleitung Kultur: Carla Spangenberg, Karo Tockhorn Ressortleitung Wissenschaft: Leon Holly, Rabea Westarp Layout: Vic Schulte Chef vom Dienst: Kai Schewina Redaktionelle Mitarbeit an dieser Ausgabe: Björn Brinkmann, Julian von Bülow, Corinna Cerruti, Anselm Denfeld, Sofie Eifertinger, Leon Holly, Felix Lorber, Marius Mestermann, Milena Osterloh, Victor Osterloh, Leonhard Rosenauer, Corinna Segelken, Carla Spangenberg, Rebecca Stegmann, Karo Tockhorn, Victoria Weden, Rabea Westarp, Theo Wilde, Christine Zeides Illustrationen: Valentin Graepler, Lotta Feibicke, Manon Scharstein, Klara Siedenburg, Franziska Stoltz, Eric Tiedt

Fotografien: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Björn Brinkmann, Julian von Bülow, Anselm Denfeld, Tim Gassauer, Kay Herschelmann, Leon Holly, Marius Mestermann, Victor Osterloh, Out Of Nations, Rebecca Stegmann Covergestaltung: Lea Scheidt Editorial- und Autor*innenfotos: Tim Gassauer Lektorat: Corinna Segelken, Rebecca Stegmann ISSN: 2191-6047 www.furios-campus.de redaktion@furios-campus.de Jede*r Autor*in ist im Sinne des Pressegesetzes für den Inhalt ihres*seines Artikels selbst verantwortlich. Die in den Artikeln vertretenen Meinungen spiegeln nicht zwangsläufig die Ansicht der Redaktion wider. Gemäß dem Urheberrecht liegen die Rechte an den einzelnen Werken bei den jeweiligen Autor*innen.


FURIOS STUDENTISCHES CAMPUSMAGAZIN DER FU BERLIN

: E N I NL O l l E e D u . t S U ak P s M e A g C ta S O I UR F . W WW LAYOUT

Vic Schulte bricht es jedes Mal das Herz, wenn sie Silben trennen muss.

COVERGESTALTUNG

Lea Scheidt »Make love to the canvas« – Bob Ross

CHEF VOM DIENST

Kai Schewina Tun Sie nichts, was Sie hinterher bereuen könnten. Vom 7.8. bis 9.9. läuft es bei Flirts und bei Ihren Online-Kontakten recht gut.

EDITORIAL- UND AUTOR*INNENFOTOS

Tim Gassauer lebt in Photoshop auf Ebene 4.

ILLUSTRATIONEN

Lotta Feibicke Faszination Prokrastination.

Valentin Graepler »Oft trifft man wen, der Bilder malt, viel seltener wen, der sie bezahlt.«

Manon Scharstein nutzt FURIOS regelmäßig als Ausrede, ihre Buntstifte mal wieder hervorzukramen.

Seit Klara Siedenburg studiert, sieht sie einige Dinge in der Welt klara.

Franziska Stoltz freut sich, jetzt auch für FURIOS kreativ tätig sein zu dürfen und das Heft mit lustigen Illustrationen aufzuhübschen.

Eric Tiedt muss sich langsam entscheiden: Illustrator oder Kiez-Koryphäe?


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FURIOS 20 – IDENTITÄT. Wer wir sind.  

Die Jubiläumsausgabe zu unserem zehnten Geburtstag mit dem Titelthema Identität – Wer wir sind.

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