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WINTER 2018 AUSGABE 19

Über

Grenzwerte

Kontraste und

Ungenügsamkeit


Editorial

für die, die ihre Kultur-Highlights festhalten. LASERLINE druckt in Bildern. Bestellen Sie jetzt farbenfrohe Gallery Prints aus Plexiglas auf Alu-DIBOND®, als langlebige Erinnerung. www.laser-line.de/kultur

Liebe Kommiliton*innen, bis an die Grenzen und manchmal darüber hinaus: Wer im vergangenen Jahr die Medien verfolgt hat, kam nicht umhin, immer wieder mit dem vermeintlich oder tatsächlich Extremen, mit Dingen, die außerhalb des Normalen liegen, konfrontiert zu werden. Das fängt an mit Donald Trump. Seit nunmehr einem Jahr haben die USA mit ihm einen Präsidenten, der ein höchst fragwürdiges Verhältnis zur politischen Rechten unterhält. Doch die Debatte um politischen Extremismus wird auch in Europa leidenschaftlich geführt. In unserem Titelinterview mit dem Sozialforscher Carsten Koschmieder auf Seite 6 erfahrt ihr, warum dieser mit dem Extremismusbegriff jedoch nicht viel anfangen kann. Wenn wir an das vergangene Jahr zurückdenken, so sind uns auch extreme Wetterereignisse noch gut in Erinnerung. Nicht nur haben Wirbelstürme wie Harvey und Irma, die immense Verwüstung anrichteten, das Klima 2017 geprägt. Es war gleichzeitig auch eines der wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Auf Seite 14 erfahrt ihr von einer neuen wissenschaftliche Methode, die in der emotionalen Debatte um den menschengemachten Klimawandel Fakten schafft. Abseits der großen Politik kann es auch privat manchmal ganz schön extrem zugehen. Uni, Arbeit und Sozialleben wollen unter einen Hut gebracht werden, das kann uns mitunter sehr belasten. Welche Faktoren dabei eine Rolle spielen und wie sich zu viel Stress auch körperlich auswirken kann, lest ihr auf Seite 8-9.

Einen ziemlich extremen Nebenjob hat sich Willi Effenberger ausgesucht. Neben dem Studium arbeitet er als freier Fotojournalist und reist regelmäßig in Krisengebiete. Aber auch beim G20-Gipfel in Hamburg war er dabei. Was er dort erlebt hat und wie er mit den Gefahren in Konfliktzonen umgeht, lest ihr auf Seite 10-11. Unsere Ressorts können ebenfalls mit spannenden Texten aufwarten. So wirft unser Politikredakteur anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der FU als Exzellenz-Universität die Frage auf, ob die ständige Konkurrenz in der Wissenschaft überhaupt förderlich ist. Mehr dazu auf Seite 23-24. Und falls ihr euch schon immer gefragt habt, was eigentlich an der Charité los ist, könnt ihr euch ab Seite 26 auf einen Rundgang an der Berliner Universitätsklinik freuen. Oder studiert ihr vielleicht nur wegen des Semestertickets? Dann empfehlen wir euch unsere geklaute Rubrik auf Seite 33. Diesmal haben wir uns beim SZ-Magazin bedient und beantworten die Gewissensfrage, ob ein Scheinstudium moralisch vertretbar ist. Auf Seite 34 stellen wir euch außerdem ein Austauschprojekt der Charité mit der medizinischen Fakultät der University of Nairobi vor, das mehr denn je zeigt: Wissenschaft kann Grenzen überwinden. Wir wünschen euch viel Freude bei der Lektüre der 19. Ausgabe der FURIOS! Corinna Segelken und Theo Wilde

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

INHALT - AUSGABE 19

03 Editorial 38 Impressum

TITELTHEMA: EXTREM 06 Weg vom Links-Rechts-Schema Im Interview kritisiert Sozialforscher Carsten Koschmieder die herkömmliche Einteilung der politischen Extreme - und zeigt Alternativen auf.

Mach’s dir einfach.

08 Mehr als zu viel Als Studierende gehören wir einer überdurchschnittlich gestressten Bevölkerungsgruppe an. Ein Text über Prüfungen, Zukunftsängste und überhöhte Erwartungen.

10 »Das war vermutlich ziemlich gefährlich« Ob G20-Demonstration oder Kriegsgebiet - Fotojournalist und FU-Student Willi Effenberger ist zur Stelle.

14 Die Variable Mensch Stürme, Fluten, Dürren: Dass wir Menschen den Klimawandel vorantreiben ist kaum mehr zu leugnen. Eine neue Forschungsmethode schafft nun Fakten.

16 4 aus 40.000 Vier FU-Angehöre verraten, was sie an sich selbst extrem finden.

CAMPUS

18 Sexismusfreie Universität?

25 Wo bin ich hier gelandet?

Auch im universitären Alltag erleben viele Frauen sexualisierte Diskriminierung. Zeit für mehr Solidarität mit den Betroffenen.

In der Türkei herrscht seit dem Putschversuch 2016 der Ausnahmezustand. Im Auslandssemester in Istanbul sammelte unser Autor erschütternde Stimmen und Eindrücke.

23 Konkurrenz in der Wissenschaft  Zehn Jahre ist die Freie Universität nun »exzellent«. Ein fragwürdiger Grund zu feiern.

Im Auslandssemester: Eine Erasmus-WG im britischen Nirgendwo und unter Panzerketten in New Orleans.

26 Die fabelhafte Welt der Charité Zwischen Hexenhäusern, Bettenburgen und göttlichen Gestalten in Weiß: Ein Rundgang über den Charité-Campus.

28 Ewiger Ehemaliger: Der Herr der Ausrufezeichen Von der FU-Zeitschrift über den »Deutschlandfunk« zur »BILD«: Ernst Elitz hat für sie alle geschrieben. Das Porträt eines Mannes, der in keine Schublade passt.

38 Der empörte Student Vorsicht vorm verlotterten Panflötenspieler! U-Bahn-Fahren könnte so schön sein, wären da nicht die selbsternannten Musiker*innen.

KULTUR

WISSENSCHAFT

30 Wort Frei! Ankunft in Berlin

34 Wissen schafft Austausch

Unser Freitext beschäftigt sich diesmal mit der Ankunft in der Großstadt - und dem Kontrast zum alten Leben in der Provinz.

32 Übersetzen ist literarisches Schaffen Esther Kinsky ist Meisterin ihres Fachs. Im Interview erzählt sie von den Freuden und Herausforderungen des Übersetzens.

33 Die geklaute Rubrik: Gewissensfrage berliner-sparkasse.de/studenten

Unser Autor kann sein Studium flexibel gestalten. Er sprach mit zwei Studentinnen, deren Uni-Alltag eher ungewöhnlich aussieht.

POLITIK

20 Im Aushaltezustand

Mit der Sparkassen-App und dem kostenfreien Girokonto hast du deine Finanzen jederzeit und überall im Griff.

12 Alles eine Frage der Organisation

Diesmal klauen wir die Gewissensfrage aus dem SZ-Magazin: Ist ein Scheinstudium moralisch vertretbar?

Nairobi trifft Berlin: Ein neues Austauschprogramm der Charité verbindet junge Menschen durch gemeinsame Forschung.

36 Wenn die Welt vor uns zerfließt Wie können uns Eisbärbabys für den Klimawandel sensibilisieren? Dieser und ähnlicher Fragen ist Filmwissenschaftler Matthias Grotkopp nachgegangen.

37 Vom Molekül zum Alien Der Physiker Andreas Elsäßer will mit seiner Forschung bei der Suche nach außerirdischem Leben helfen.

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Weg vom Links‐-Rechts-Schema Nur die politische Mitte ist sauber, alles andere extrem? Carsten Koschmieder hält diese Einteilung für ungeeignet. Im Interview kritisiert der Sozialwissenschaftler die Verwendung des Extremismusbegriffes im öffentlichen Diskurs – und zeigt Alternativen auf. Interview: Felix Lorber und Marius Mestermann Foto: Marius Mestermann Illustration: Sofie Eifertinger FURIOS: Herr Koschmieder, der Begriff Extremismus scheint extrem aufgeladen zu sein. Wir lesen von »Rechtsextremen«, die in den Bundestag einziehen, von »Linksextremen«, die Hamburg verwüsten und von einer voranschreitenden islamistischen Radikalisierung. Leben wir denn in extrem gefährlichen Zeiten?

Opposition auszeichnet, durch Rechtsstaat, Gerichte, freie Meinungsäußerung. Als extremistische Handlung gilt dann beispielsweise der Angriff auf staatliche Organe und deren Repräsentant*innen, zum Beispiel auf die Polizei.

Koschmieder: Ich glaube nicht, dass die Situation heute schlimmer ist als vor ein paar Jahrzehnten. Durch das Internet und die damit verbundene Beschleunigung hat sich die Medienberichterstattung gewandelt. Es ist ein Unterschied, ob ich meine Informationen am Abend zusammengefasst in der Tagesschau bekomme oder ob ich über das Handy aktuelle Geschehnisse im Liveticker verfolge. Dadurch glauben wir, näher dran zu sein, und sehen durch Bilder und Videos mehr vom Ort des Geschehens.

Der klassische Extremismusbegriff bezieht sich auf die Extremismustheorie. Diese stellt sich die Gesellschaft als Gerade oder auch als Hufeisen vor. An den äußeren Enden, links und rechts, befinden sich außerhalb der freiheitlichdemokratischen Grundordnung die Extreme und damit alles Schlechte. Die politische Mitte hingegen ist sauber. Diese Definition mag brauchbar sein für Institutionen wie den Verfassungsschutz, der in kurzer Zeit anhand einfach zu überblickender Kriterien schnelle Einordnungen treffen muss: Chauvinistische Ungleichheitsvorstellungen sind dann Rechtsextremismus, zu große Gleichheitsvorstellungen Linksextremismus. Aber das ist natürlich unterkomplex, die Wirklichkeit ist nicht so einfach. Als Sozialwissenschaftler bringt mir eine solche Einteilung nichts, weil sie keine neuen Erkenntnisse liefert. Stattdessen entlastet sie die politische Mitte und schiebt das Problem an die Ränder der Gesellschaft. Das zweite Problem, das ich sehe, ist die implizierte Gleichsetzung von Rechts- und Linksextremismus. Das ist eine Verharmlosung des nationalsozialistischen Terrors damals und rechtsextremer Gewalt heute. Dadurch werden häufig Opferzahlen gegeneinander aufgewogen und die ideologischen Unterschiede verwischt. Und diese Vorstellungen behindern dann auch die praktische Arbeit.

Sie forschen schwerpunktmäßig zu Extremismus, sind häufiger Interviewpartner und referieren auch bei zivilgesellschaftlichen Veranstaltungen zu Rechtsextremismus. Wie würden Sie denn politischen Extremismus definieren? Ich finde den Begriff des Extremismusforschers selbst gar nicht so gut. Ebenso würde ich politischen Extremismus eigentlich gar nicht definieren, da ich den Begriff so nicht benutze. Die herkömmliche und weit verbreitete Definition bezeichnet damit zunächst nur die Ablehnung der sich aus dem Grundgesetz ergebenden freiheitlich-demokratischen Grundordnung. In dem Zusammenhang wird besonders die pluralistische Demokratie abgelehnt, die sich durch eine

Was genau stört Sie an diesem Extremismusbegriff ?

Inwiefern? Um Rechtsextremismus nach der Extremismustheorie zu bekämpfen, müsste ich überspitzt gesagt einfach ein paar Sozialarbeiter*innen zum Bahnhof schicken, wo klischeehaft die Nazis mit dem Baseballschläger stehen. Und die sollen denen dann etwas anbieten und die Welt erklären. Dabei zeigen uns gerade die Mitte-Studien seit Jahren, dass sogenannte rechtsextreme Einstellungen ebenso in der Mitte der Gesellschaft verbreitet sind, was wir nicht zuletzt an der Wahl der Af D sehen. Also darf sich Bildungs – und Präventionsarbeit nicht nur auf irgendwelche Problemviertel oder scheinbar abgehängte Dörfer konzentrieren. Sie muss gerade auch in die bürgerlichen Stadtteile, also in die Mitte der Gesellschaft vordringen. Dem stehen aber besonders in der öffentlichen Debatte starke Vereinfachungen gegenüber. Was lässt sich dagegen tun, auch seitens der Wissenschaft? Weniger Extremismustheorie! Aber im Ernst, zunächst geht es da um die grundlegende Herangehensweise an die Thematik. Warum sollten wir alles in einen Topf werfen? Wir müssen überlegen, welche Gruppe wir warum betrachten wollen. Handelt es sich um Autonome oder sprechen wir über Stalinist*innen? Allein diese beiden haben so grundlegend verschiedene Gesellschaftsvorstellungen, dass es keine Gründe gibt, sie unter den Oberbegriff Linksextremismus zu zwängen. Es sollten generell eher einzelne Einstellungen beleuchtet werden. Als Sozialwissenschaftler untersuche ich ein Phänomen aus dem Komplex Rechtsextremismus, zum Beispiel rassistisch motivierte Gewalt unter jungen Leuten oder antisemitische Einstellungen in einem bestimmten Kontext. Da geht es dann um empirische Zusammenhänge. Diese Herangehensweise halte ich für deutlich zielführender als Oberbegriffe finden zu wollen und dort alles zu versenken, was nur irgendwie hineinpasst.

Was kann die Politikwissenschaft dem sonst noch entgegensetzen? Gibt es keine alternativen, ähnlich einfachen Modelle? Das Problem ist natürlich, dass einfache Antworten immer Simplifizierungen darstellen, und so nie gänzlich »richtig« sein können. Als relativ leicht zu verstehende Alternative zum eindimensionalen Links-Rechts-Schema gibt es in der Politikwissenschaft das Modell eines zweiachsigen Koordinatensystems. Das weist statt einer Konfliktlinie – dem Gegensatz Links-Rechts – zwei Ebenen auf: Einmal den Wertekonflikt zwischen libertären und autoritären Vorstellungen, auf der anderen Seite den ehemaligen Klassenkonflikt zwischen freiem Markt und starken staatlichen Eingriffen. Dort kann ich Parteien oder Positionen anhand dieser Linien verorten. Die FDP setzt sich zum Beispiel ebenso wie die Grünen für individuelle Freiheit und Bürgerrechte ein, allerdings vertreten die beiden Parteien im Konflikt zwischen Markt und Staat keinesfalls den gleichen Standpunkt. Sie stehen also an unterschiedliche Positionen im Koordinatensystem, die auch veränderlich sind, wie die Af D zeigt. Die hat einen starken Ausschlag zum Autoritären und befürwortete anfangs stark Privatisierung und Marktstärkung. Heute hat sie sich auf dieser Achse aber verschoben und will jetzt mehr staatliche Einflüsse, also etwas, das gemeinhin mit »links« verbunden wird. Insofern ist der Begriff Rechtsextremismus in dem Zusammenhang nicht besonders hilfreich – was aber nicht heißt, dass die entsprechenden Politiker*innen dann demokratisch oder akzeptabel sind.

Felix Lorber und Marius Mestermann werden das Wort »Extremismus« nie wieder in den Mund nehmen. Versprochen. Außer in diesem einen Seminar…

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Mehr als zu viel In der Prüfungsphase ist er unser verlässlicher Begleiter, doch manchen von uns sitzt er auch sonst wie ein Stachel im Kopf: Stress. Als Studierende gehören wir sogar einer überdurchschnittlich gestressten Bevölkerungsgruppe an. Ein Text über Prüfungen, Zukunftsängste und überhöhte Erwartungen. Text: Corinna Segelken Illustration: Lea Scheidt

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ch sollte mal wieder mehr schlafen. Ich sollte mal wieder meine Familie besuchen. Ich sollte zum Zahnarzt gehen, die Telekom anrufen, meinen Reisepass bestellen - und mich endlich für ein Praktikum bewerben. Doch an all das ist nicht zu denken, denn in meinem Kopf existiert nur ein Wort: Prüfungen. Vier Klausuren musste ich zum Abschluss meines ersten Semesters an der FU schreiben. Zudem hätte ich mich damals natürlich bereits seit Wochen um meine erste richtige Hausarbeit kümmern müssen: Zwölf Seiten Theoriearbeit für ein Lektüreseminar, dessen Inhalt mir mit meinem mickrigen Abiturwissen das Gehirn verknotete. Passenderweise lag die Abgabefrist in der Woche nach meinen Klausuren. Kurzum, ich war im Prüfungsstress. Damit stehe ich nicht alleine da. Eine gemeinsame Studie der Universitäten Potsdam und Hohenheim zeigte 2016, dass sich Studierende in Deutschland sogar insgesamt gestresster fühlen als Berufstätige. 53 Prozent ordneten sich selbst ein hohes Stresslevel zu. Was Prüfungen angeht, komme ich als Studentin von Sozial- und Geisteswissenschaften sogar noch ganz gut weg. Mit nur wenigen mündlichen und schriftlichen Prüfungen im eigentlichen Sinne hält sich der kurzfristige Lernstress in Grenzen. Doch während Naturwissenschaftler*innen nächtelang Formeln für Klausuren büffeln, halten Geisteswissenschaftler*innen insbesondere Hausarbeiten wach. Wir beginnen sie zu spät, verzweifeln an Analysen oder bereits bei der Themenfindung. Und nicht selten schieben wir sie vor uns her. Der Stress, den unser Studium teilweise verursacht, kann auch tatsächlich krank machen: Eine hinlänglich bekannte mögliche Folge von chronischem Stress ist das, auch unter Studierenden immer häufiger auftretende, Burnout-Syndrom. Doch kürzlich zeigte eine Studie des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung der TU Dortmund, dass speziell Prüfungsstress direkte Auswirkungen auf das Immunsystem haben kann. Eine Gruppe von Psychologie-Studierenden wurde während der Klausurenphase regelmäßig mithilfe von Blut- und Speichelproben untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass die Anzahl der Abwehrzellen im Blut im Verlauf der Prüfungsphase deutlich abnahm – das Immun-

system wurde geschwächt. Jedoch betraf diese Verringerung der Abwehrzellen im Blut ausschließlich diejenigen Studierenden, die ansonsten psychisch stabil waren. Bei denjenigen, die bereits aus anderen Gründen psychisch belastet waren, zeigte sich keine Veränderung. Das hat vermutlich einen traurigen Grund: Die Forscher*innen nehmen an, dass das Immunsystem durch vorherige Belastungen wie chronischem Stress bereits so weit geschwächt war, dass es auf die kurzfristige Belastung einer Prüfungsphase nicht mehr dementsprechend reagierte. Doch uns setzt nicht nur der Leistungsdruck der Uni zu. Es sind auch und vor allem wir selbst. Die Studie zum Studierendenstress zeigte, dass ein wesentlicher Teil unseres Stressempfindens auf sogenannten intrapersonellen Stress zurückzuführen ist, also auf den Stress, den wir uns selbst machen. Es ist unser Selbstanspruch, mit dem wir uns unter Druck setzen: Die Sorge um Selbstständigkeit und Zukunftsängste treiben uns um, so die Studie – und das häufig mehr als die Bedenken, der Uni oder der Familie zu genügen. Dies sind Stressfaktoren, die zwar allen bekannt sind, die man jedoch häufig nicht als solche wahrnimmt. Die Erwartungen, die auf uns Studierenden, auch jenseits von guten Noten, lasten, sind hoch. Wir sollen uns voll und ganz mit unserem Studienfach identifizieren, warum sonst würden wir es studieren? Wir sollen lieben was wir tun und darin aufgehen – oder einen sehr triftigen Grund nennen können weshalb wir uns ansonsten mit unserem Fach auseinandersetzen. Außerhalb der Uni reicht es nicht mehr, einen Nebenjob zu haben, der die Miete finanziert. Wir sollen arbeiten gehen, um das Berufsleben kennenzulernen und nach dem Abschluss nicht als verkopfte, praxisuntaugliche Akademiker*innen dazustehen. Im besten Fall ein Job der mit unserem Studienfach zu tun hat, damit man sich dessen Wahl und der entsprechenden Zukunftsaussichten ganz sicher sein kann. Doch nur wenige landen solch einen Glücksgriff und so sitzt der Literatur-Student an der Kasse im Supermarkt und die Biologie-Studentin kellnert im billigen Restaurant um die Ecke.

Denn wir sollen mehr als nur Studierende sein, wir sollen ein Ziel verfolgen. Das führt zu einem enormen Leistungsdruck, auch fernab des Campus. Glücklicherweise gilt ein nicht komplett schnurgerader Lebenslauf heute in vielen Branchen nicht mehr als Ausschlusskriterium. Trotzdem: Wer als Geisteswissenschaftler*in nach dem Bachelorabschluss keine Praxiserfahrung vorweisen kann, hat schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt – egal wieviel Zeit und Energie in Hausarbeiten und Klausurvorbereitung investiert wurde. Die vielen Faktoren, die uns als Studierende unter Druck setzen, die Zukunftsängste, der Wunsch, der Familie oder sich selbst zu genügen oder einfach nur die noch nicht begonnene Hausarbeit: Kein Wunder, dass wir uns allgemein gestresster fühlen, als die berufstätige Bevölkerung. Doch was, wenn der Druck zu viel wird? Zunehmende Burnout-Fälle unter Studierenden zeigen, wie dringend spezielle Angebote benötigt werden. Die FU bietet eine Vielzahl von Hilfsmöglichkeiten wie Workshops und psychologische Beratung, diese werden von der Studierendenschaft jedoch nur

eingeschränkt wahrgenommen. Vielleicht sollten wir in Zukunft die Baustellen unseres Studierendenlebens – die aufgeschobenen Hausarbeiten, die gescheiterten Bewerbungen, die überhöhten Erwartungen an uns selbst – nicht mehr einzeln betrachten. Einem großen Teil unserer Kommiliton*innen geht es ähnlich. Wenn die nächste Prüfungsphase vor der Tür steht und unser Stresslevel über ein erträgliches Niveau steigt, sollten wir uns dessen bewusst werden – und uns im Ernstfall Hilfe suchen.

Mit Stress kennt Corinna Segelken sich aus – für die Produktion dieses Hefts hat sie so manche Nachtschicht eingelegt.

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Titel Aber eine Entschuldigung interessiert Effenberger auch gar nicht. Er weiß noch immer nicht genau, was bei ihm der Grund war. »Es kam wohl alles Mögliche zusammen«, sagt er. Einmal, bei den Protesten gegen die EZB-Eröffnung in Frankfurt am Main 2015, stellte die Polizei seine Personalien fest – auch dort arbeitete er nachweislich als Journalist. In den Akten stand aber nur: »Im Rahmen der gewalttätig verlaufenen Aktionen festgestellt.« Das Bundesamt für Verfassungsschutz führte ihn zudem auf einer Beobachtungsliste, weil er nach Syrien gereist und mit einer kugelsicheren Weste und Verbandsmaterial wiedergekommen war. Dass er dort als Journalist gearbeitet hatte und sich entsprechend schützen musste, wurde nicht vermerkt: »Das Ergebnis ist ein Daten-Tohuwabohu, bei dem ich selbst nicht ganz durchsteige.« Inzwischen kümmern sich Anwälte um die rechtlichen Hintergründe, schließlich steht hier seine berufliche Existenz auf dem Spiel. Doch manchmal geht es auch ums nackte Überleben.

»Das war vermutlich ziemlich gefährlich« Ob G20-Demonstration oder Kriegsgebiet – sobald es etwas zu berichten gibt, ist Willi Effenberger zur Stelle. Ausgerüstet mit seiner Kamera begibt sich der Fotojournalist und FU-Student in Konfliktzonen, um die dortigen Dynamiken einzufangen. Nicht immer kann er sich dabei auf die Pressefreiheit verlassen. Text: Marius Mestermann Fotos: Willi Effenberger

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n einem Freitagmittag Anfang Juli steht ein müder Willi Effenberger vor dem Pressezentrum des G20Gipfels in der Hamburger Messe und wartet. Er hat kaum geschlafen, in der Nacht zuvor ging es hoch her im Schanzenviertel. Doch er muss arbeiten. Gerade hat ihm ein BKA-Beamter mitgeteilt, dass ihm die Akkreditierung aufgrund »sicherheitsrelevanter Erkenntnisse« entzogen und der Zutritt zum Messegelände untersagt werden soll. Effenberger ist überrascht. Aber es ist nicht das erste Mal, dass Beamt*innen ihn auf halten, während er beruflich im Einsatz ist. Effenberger ist freier Fotojournalist und wirkt im Gespräch wie ein Mensch, der in sich selbst ruht. Er zögert nur selten, wenn man ihn etwas fragt. Seine Antworten kommen in ruhigem Ton, manchmal schmunzelt er. Aber seine teils haarsträubenden Erfahrungen gehören für ihn längst zum Geschäft. Dabei ist er erst 26 Jahre alt und eigentlich noch Student. Meistens ist er auch anwesend, sitzt in Seminaren zu Friedens- und Konfliktforschung am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der FU. Doch sobald sich die Gelegenheit ergibt, reist er auch schon mal für eine Woche ins Ausland, um aus einem Krisengebiet zu berichten. Von 2013 bis 2016 war er zudem regelmäßig in der Türkei. Was treibt ihn dazu, sich freiwillig gewalttätigen Demonstrationen oder gar Bürgerkriegen auszusetzen? »Ich hatte schon immer eine Faszination für soziale Konflikte in der Zuspitzung bis zum Krieg. Das soll nicht heißen, dass ich total auf Waffen stehe oder ein Adrenalinjunkie bin. Mich

interessieren die Dynamiken, die Menschen dazu bewegen, in den Krieg zu ziehen oder auf die Straße zu gehen.« Seine Faszination für die Fotografie hat er von seinem Vater, einem Hobby-Knipser. Heute arbeitet Effenberger Junior mit teurem Profigerät und muss in seine Tasche auch schon mal mehr einpacken als Objektive und Speicherkarten. Dabei kann sein Equipment auch zum handfesten Problem werden. Als er 2015 ins bayerische Elmau reiste, um vom G7-Gipfel und den Gegenprotesten zu berichten, wurde er bei einer Kontrolle gestoppt. Effenberger war zwar als Berichterstatter akkreditiert, doch die Beamten störten sich an dem, was sie bei ihm fanden: Helm und Gasmaske. Anzeige wegen Passivbewaffnung und Vermummung, entschied der Einsatzleiter und wollte ihm ein Betretungsverbot für ganz Elmau erteilen. Effenberger rief seine Redaktion an und die Pressestelle der Polizei – drei Stunden später durfte er weiter, die Anzeige wurde zurückgezogen. Einen ähnlichen Ablauf erwartet Willi Effenberger auch, als man ihm vor der Hamburger Messe seine Akkreditierung entzieht. Doch tatsächlich ist die Situation auch Monate später nicht geklärt. Nach dem Gipfel entzündet sich eine Debatte, weil das BKA insgesamt 32 Journalist*innen den Zutritt verweigerte. »Das war eine regelrechte Schmutzkampagne, die da gegen uns gefahren wurde«, kritisiert Effenberger und verweist darauf, dass einigen seiner Kolleg*innen inzwischen Entschuldigungsschreiben zugegangen sind. Ihm nicht.

So wie das eine Mal in Tabka, einer syrischen Stadt nahe Rakka. Nahe der Frontlinie – einer Straße – sitzt Effenberger mit mehreren Männern der »Demokratischen Kräfte Syriens« (SDF) zusammen, die den »Islamischen Staat« vertreiben wollen. Sie trinken Tee, essen Dosenmortadella und unterhalten sich, während über ihnen immer wieder Flugzeuge zu hören sind. »Irgendwann habe ich das ausgeblendet«, sagt er. Doch plötzlich ertönt ein Geräusch, »als ob jemand tief Luft holt und gleichzeitig pfeift, gefolgt von einem ohrenbetäubenden

Rumms«. Auf der anderen Straßenseite, im Gebiet des sogenannten IS, kracht eine Fliegerbombe der US-Koalition in ein Haus. »Das war vermutlich ziemlich gefährlich«, sagt Effenberger im Rückblick gelassen. »Hätte ich gewusst, dass das passiert, wäre ich natürlich da weg. Aber es war ja schon geschehen, also habe ich mir stattdessen meine Kamera geschnappt.« Wie lernt man, mit dieser Gefahr umzugehen? »Ich habe mich rangetastet. In der Türkei habe ich über Straßenkämpfe mit Molotow-Cocktails und Tränengas berichtet. Die Dynamiken sind dann in einem Kriegsgebiet nicht groß anders – auch wenn es dort gefährlicher ist.« Er setze sich nie einem unnötigen Risiko aus. Um auf seinen Reisen Informationen, Mitfahrgelegenheiten oder Übersetzungen zu bekommen, vertraut Effenberger auf Erfahrungen anderer Berichterstatter*innen oder auf lokale Netzwerke. Sprachbarrieren stören ihn nicht, er lernt vor Ort die gängigen Floskeln und schlägt sich ansonsten mit Englisch und Deutsch durch. Mit den Menschen in Kontakt zu kommen, ist dann das kleinste Problem: Die meisten stünden hinter der Sache, für die sie kämpfen und erzählten ihre Geschichte gerne, so Effenberger. Im nächsten Semester will er sein Studium beenden – und dann in Vollzeit dahin gehen, wo Konflikte eskalieren.

Marius Mestermann hofft, dass er Grenzerfahrungen wie die von Effenberger vermeiden kann. Vor allem die Dosenmortadella.

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Die Variable Mensch Stürme, Fluten, Dürren: Auf der ganzen Welt wird das Wetter immer extremer. Dass wir Menschen diesen Klimawandel vorantreiben, ist kaum mehr zu leugnen. Eine neue Forschungsmethode schafft nun Fakten. Text: Leonhard Rosenauer Illustration: Julia Fabricius

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as Dach der Philologischen Bibliothek ist eingestürzt und die Mensa steht unter Wasser. Eine überforderte Feuerwehr versucht vergeblich, sich zwischen Schaulustigen und umgekippten Bäumen zum Hauptgebäude durchzukämpfen. Erste Tote sind bereits zu beklagen – die Folgen eines heftigen Sturms mit tagelangem Starkregen. Was in Deutschland noch nach Dystopie klingt, ist in anderen Teilen der Welt längst Realität. In den USA gab es allein in den letzten fünf Jahren über siebzig Wetter- und Klimakatastrophen, welche Kosten in mindestens dreistelliger Milliardenhöhe verursachten. Mehr als tausend Menschen kamen dabei ums Leben. In der Wissenschaft ist man sich mittlerweile einig, dass die Wahrscheinlichkeit für Wetterextreme aufgrund der anthropogenen Klimaerwärmung, sprich durch von Menschen verursachte Treibhausgase, drastisch zugenommen hat. Trotzdem kommt der wohl prominenteste Leugner des Klimawandels aus den USA: Präsident Donald Trump.

Dagegen hält Dr. Friederike Otto, Wissenschaftlerin am Environmental Change Institute (ECI) der Universität Oxford. Die Leiterin des Projekts climateprediction.net hat eine Methode entwickelt, mit der sich genau bestimmen lässt, ob ein spezifisches Ereignis auf die globale Erwärmung zurückzuführen ist oder auch unter vorindustriellen klimatischen Bedingungen möglich gewesen wäre. »Zu jedem Ereignis berechnen wir zunächst seine Auftrittswahrscheinlichkeit. Dazu braucht es mehrere tausend Simulationen. Getestet wird hierbei individuell nach Jahreszeit, Region und Typus.« Nur so könne eine verlässliche Aussage getroffen werden. »Anschließend entfernt man die Variable ›anthropogene Treibhausgase‹ aus der Simulation und vergleicht die Ergebnisse«. Das Resultat ist eindeutig: Ohne Klimaerwärmung wäre Extremwetter deutlich seltener.

Dieser Meinung schließt sich auch Professor Uwe Ulbrich, Leiter der AG »Klimadiagnostik und meteorologische Extremereignisse« am Institut für Meteorologie der FU an. Man habe Belege dafür, dass es unter weiter ansteigenden Treibhausgasen zu einer Zunahme bestimmter Wetterextreme komme. Auch in Europa sei demnach ohne Reduzierung der Treibhausgase mit häufigerem Starkregen sowie Stürmen zu rechnen. Drohen uns also bald verheerende Folgen wie in den USA? »Das ist eine Frage der Anpassung«, meint Ulbrich. So können zwar mögliche Schäden durch Wetterextreme vermieden werden – indem man zum Beispiel Bauvorschriften ändert oder Kanalisationen ausbaut – jedoch sei dies auch immer abzuwägen mit Nebenwirkungen, Zeit und Kosten. Die wichtigste Aufgabe wird also bleiben, anthropogene Treibhausgase zu reduzieren und die globale Erwärmung zu stoppen. Ein »großer Fortschritt« sei es laut Otto daher, dass man sich im Pariser Klimaabkommen darauf verständigt hat »so bald wie möglich den weltweiten Scheitelpunkt der Emissionen von Treibhausgasen zu erreichen«. Trotzdem, so glaubt Ulbrich, »wird die Weltgemeinschaft ihr selbst gestecktes Ziel wohl verfehlen«. Negative Zahlen bei den Emissionen seien demnach frühestens Ende des Jahrhunderts zu erwarten. Wollen wir hoffen, dass der Campus und seine Besucher*innen bis dahin unversehrt bleiben.

Leonhard Rosenauer sieht die wachsende Nachfrage nach Aluhüten mit Besorgnis.


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Alles eine Frage der Organisation Viele von uns können ihr Studium sehr flexibel gestalten und haben nur wenige Verpflichtungen – so auch unser Autor. Als Kontrastprogramm hat er mit zwei Studentinnen gesprochen, die einen eher ungewöhnlichen Uni-Alltag bestreiten. Text: Theo Wilde Illustration: Josephine Semb

Während der Vorlesungszeit gehe ich nicht arbeiten und kann mir deswegen meine Zeit relativ flexibel einteilen. Wenn mich ein Text mal zu sehr nervt und ich viel lieber mit dem Rest meiner Freund*innen ein Bier trinken gehen möchte, lese ich ihn halt erst am nächsten Morgen – alles gar kein Problem, sofern ich mich dann noch daran erinnere und meinen Wecker nicht ignoriere. Ein bisschen anders sieht das bei Dina aus. Sie ist 28 Jahre alt, studiert Jura an der FU und ist gleichzeitig auch noch Mutter der zweijährigen Lorna. Spontane Lernattacken, die mich nach Wochen des Aufschiebens gerne mal in den Tagen und Nächten vor Prüfungen überkommen, sind für Dina nur dann möglich, wenn ihr Mann oder jemand anderes aus dem Familien- und Freundeskreis ihr die Betreuung der Kleinen abnehmen kann. Umso wichtiger ist für sie deswegen die strenge Lernroutine während des Semesters. Da Lorna die FU-Kita besucht, hat ihre Mutter wochentags jeweils exakt fünf Stunden zwischen 10:30 Uhr und 15:30 Uhr Zeit, um sich in der Bibliothek auf ihr Staatsexamen vorzubereiten. Diesen Zeitdruck sieht sie aber gar nicht negativ, im Gegenteil: »Das klar umrissene Zeitfenster sorgt dafür, dass ich jetzt viel strukturierter bin als früher.« Manchmal nimmt sie Lorna auch mit in die Bibliothek. Dann ist sie dankbar für den Familienraum, in dem sie mit

der Kleinen unterkommen kann. Dort ist ihre Produktivität beim Lernen jedoch in hohem Maße von der Laune des Kindes abhängig. Knifflig wird es auch, wenn es Lorna mal nicht gut geht, schließlich kann sie dann nicht in die Kita gebracht werden und ihrer Mutter fällt ein Tag zum Büffeln weg. Wenn Dina selbst erkrankt, fordert ihr das besonders viel ab, denn dann kann sie Lorna ebenfalls nicht in die Kita bringen und muss sich trotz ihres Zustands noch um sie kümmern: »Das ist eine ziemliche Doppelbelastung, wenn es mir nicht gut geht und ich auch noch auf das Kind aufpassen muss.«

Damit sich die lange Reise auch dann lohnt, wenn sie nicht mindestens drei Lehrveranstaltungen an einem Tag hat, verknüpft sie deswegen die Fahrt zur Uni häufig mit anderen Aktivitäten in Berlin. Oder sie fährt gar nicht erst nach Hause, um Fahrtzeit zu sparen: »Ich übernachte oft bei Freundinnen in Berlin, wenn es abends später wird.« Lehrveranstaltungen um acht Uhr morgens kommen für Oriana gar nicht erst in Frage, da sie ansonsten viel zu früh aufstehen müsste. Diese Ansicht teilen wohl viele Studierende mit ihr, allerdings müssen die auch nicht ganz so früh aus den Federn, um rechtzeitig da zu sein.

Insgesamt sieht sie das Studium mit Kind aber positiv. Gerade im Vergleich zum Rechtsreferendariat oder einem Praktikum sei sie an der Uni noch in einer komfortablen Lage. Denn als Mutter eines Kindes unter zwölf Jahren wird sie bevorzugt bei platzbeschränkten Lehrveranstaltungen zugelassen und in den meisten ihrer Vorlesungen wird die Anwesenheit sowieso nicht kontrolliert. Darüber bin ich persönlich auch ganz froh – und das, ohne mich um ein Kind kümmern zu müssen. Denn wenn ich mal verschlafe oder während eines Seminars einen anderen Termin habe, muss ich nicht direkt mit Sanktionen rechnen.

Die Herausforderungen, mit denen sich Dina und Oriana in ihrem Studium konfrontiert sehen, erscheinen zunächst sehr anspruchsvoll. Durch vorausschauendes Zeitmanagement können sie ihnen aber erstaunlich gut begegnen. Das Einhalten von Lern- und Fahrplänen will allerdings gelernt sein und trennt mich von den beiden, denn ich haue mir mit ermüdender Regelmäßigkeit vor wichtigen Abgaben und Klausuren die Nächte um die Ohren. Vielleicht sollte ich einfach eine Familie gründen und nach Brandenburg ziehen – man wächst ja angeblich an seinen Aufgaben.

Auch Oriana ist dankbar dafür, dass die Anwesenheit nicht jedes Mal zum Anfang eines Seminars überprüft wird. Denn die 21-jährige Politikstudentin wohnt 33 Kilometer von der FU entfernt in Brandenburg. Wenn alles glatt geht, braucht sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von Zuhause neunzig Minuten zur Uni. Aufgrund knapp bemessener Umsteigezeiten kann sich die Fahrtzeit aber auch schnell mal um zwanzig Minuten verlängern, sodass für sie die Einhaltung der akademischen Viertelstunde manchmal sehr eng werden kann.

Theo Wilde hat diesen Text selbstverständlich überpünktlich fertiggestellt ANZEIGE

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ch halte mich für einen ziemlich normalen Studenten. Mit zehn bis sechzehn Wochenstunden während der bisherigen Semester meines Politikstudiums habe ich mich nicht wirklich überarbeitet und mein Wochenpensum lag, inklusive Vor- und Nachbereitung der Lehrveranstaltungen, meistens etwas unterhalb der gut dreißig Stunden, die Studierende in Deutschland durchschnittlich jede Woche in die Uni investieren.


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4 aus 40.000 Studierende, Lehrpersonal und andere Angestellte – über 40.000 Menschen gehen an der FU ihren Beschäftigungen nach. Wir haben 4 von ihnen gefragt, worin sie extrem sind. Text und Fotos: Luisa Carvalho Loichinger

Pia Sander-Beuermann ist 18 Jahre alt und studiert Publizistik und BWL im ersten Semester

Felix Kainzbauer ist 19 Jahre alt und studiert Publizistik und Filmwissenschaft im ersten Semester

Kerstin Zemilianski ist 18 Jahre alt und studiert BWL im ersten Semester

Meiko Saito ist 26 und studiert Neuere Deutsche Literatur im dritten Mastersemester

»Ich habe mich extrem gewandelt«

»Ich bin Binge-Watcher«

»Ich begeistere meine Freund*innen für Manga und Anime«

»Ich muss auf meine authentische innere Stimme hören«

Früher habe ich für den Sport gelebt, mir viel zu viel Zeit für ihn eingeräumt und dabei das Knüpfen von Freundschaften völlig außen vor gelassen. Es drehte sich alles um diese Passion, auch die Wochenenden waren dafür reserviert und ich habe es tatsächlich nicht vermisst, meine Freizeit mit Gleichaltrigen zu verbringen. Ich war vor allem im Schwimmen, Tennis und Skifahren aktiv – Individualsportarten also, in denen das Schließen von Freundschaften eher sekundär ist. Bis ich mit dem Reiten angefangen habe und durch diesen Sport viele Menschen kennenlernen durfte – mich hat das menschlich extrem verändert. So wie ich früher den Sport ausgelebt habe, richte ich mein Leben jetzt vor allem nach meinen Freund*innen aus.

In meiner Familie hatten wir jahrelang keinen Fernseher. Den Moment, in dem ich Filme und Serien für mich entdeckt habe, kann ich nicht konkret ausmachen. Doch heute bin ich das Paradebeispiel für einen Serienjunkie. Das geht von modernen Klassikern wie Sherlock oder Game of Thrones bis zu spezielleren Serien, die nicht allzu viele kennen, beispielsweise A Young Doctor’s Notebook oder Luther. Ich liebe mitreißendes Schauspiel und intelligente Dialoge. Ich liebe es auch, darüber zu reden, meine Gedankengänge zu teilen und herauszufinden, ob ein Moment die andere Person genauso beeindruckt hat. Auch wenn ich gerne ins Theater gehe und sogar selbst spiele – wenn ich wirklich gute Serien sehe und mich darüber austausche, fühle ich mich zu Hause.

Es hat damit angefangen, dass ich seit meiner frühesten Kindheit russische Trickfilme und später Serien wie Naruto und Sailor Moon schaue, genauso wie ich schon in jungen Jahren begonnen habe, Mangas zu lesen. Später habe ich dann Cosplay für mich entdeckt – seitdem ist es Teil meines Lebens. Meine Freund*innen und Familie haben das anfangs als Phase abgetan, aber schnell wurde klar: Ich habe eine extreme Leidenschaft für Manga und Anime. Mich fasziniert am meisten, dass ich die Geschichten durch die Zeichnungen im Kopf viel intensiver erleben kann. Ich schaffe es auch ziemlich erfolgreich, meine Freund*innen dafür zu begeistern – denn wenn es mir Spaß macht, warum anderen nicht auch?

Ich hatte oft ein Gefühl des Andersseins, das ich nicht zuordnen konnte – ich wusste nur, dass mir in der Interaktion mit Menschen etwas fehlte. Das habe ich versucht zu kompensieren: Sei es durch die Auseinandersetzung mit religiösen Büchern, durch materielle Dinge oder die Nähe von Menschen. Doch die Energie kam immer von außen. Erst durch Meditation konnte ich die Energiequelle in mir selbst finden und kam zu der Erkenntnis, dass alles miteinander zusammenhängt. Ketten von Entscheidungen machen uns zu dem, was wir sind. Je nachdem, ob wir auf unsere authentische innere Stimme hören oder nicht, kann ganz Unterschiedliches dabei herauskommen. Ich meditiere jetzt täglich – das brauche ich, um mein Leben bewusst zu spüren.

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Sexismusfreie Universität? Obwohl die FU nach außen vermittelt, ihr Möglichstes gegen sexualisierte Diskriminierung zu unternehmen, erleben viele Frauen diese auch im universitären Alltag. Zeit für mehr Solidarität mit den Betroffenen.

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Text: Anna Hödebeck Illustration: Freya Siewert

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Die reinen Zahlen erscheinen zunächst vielversprechend: Einen Frauenanteil von circa fünfzig Prozent bei wissenschaftlichem Personal, Promovierenden und Studierenden kann die FU vorweisen. In der Gesamtwertung des »Hochschulranking nach Gleichstellungsaspekten«, welches das Kompetenzzentrum »Frauen in Wissenschaft und Forschung« veröffentlicht, ist sie in der Spitzengruppe. Auch Mechthild Koreuber, die zentrale Frauenbeauftragte der FU, ist zufrieden: »Wir haben durch unsere Fördersysteme exzellente Mechanismen für Geschlechtergerechtigkeit entwickelt.« So werden zum Beispiel Fachbereiche, die sich besonders um Gleichstellung bemühen, mit finanzieller Unterstützung belohnt. Dennoch bekleiden die höheren Positionen nach wie vor mehrheitlich Männer, der Anteil der Professorinnen liegt bei nur 35 Prozent. Es besteht also noch immer Luft nach oben, insbesondere bei Physik, Mathematik und Informatik, wo nur rund ein Viertel der Studierenden weiblich ist. Auch vor Alltagssexismus ist die Uni nicht gefeit. Unpassende Bemerkungen zum Aussehen, die Infragestellung von Kompetenz – all das sind Probleme, die von Studierenden über externes Personal bis hin zu Professorinnen jede Frau treffen können. Die zentrale Frauenbeauftragte bestätigt regelmäßige Beratungsfälle. Wer nach mehr Informationen zu sexualisierter Diskriminierung an der FU sucht, wird jedoch enttäuscht.

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Genaue Zahlen werden bisher nicht erhoben, beziehungsweise nicht veröffentlicht. Dabei wären gerade solche Statistiken wichtig, um die Relevanz des Themas anzuerkennen. Eine anonyme Erhebung, die eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Problem abseits spekulativer Behauptungen ermöglichen würde, fehlt aber noch. Lediglich eine deutschlandweite Statistik gibt ein wenig Aufschluss: In einer Studie gaben 54,7 Prozent aller befragten Studentinnen an, in der Zeit ihres Studiums sexuell belästigt worden zu sein – etwa ein Drittel von ihnen durch Personen aus dem universitären Umfeld. Doch die Dunkelziffer könnte noch weit höher liegen. Verschiedene Beratungsstellen bestätigen, dass viele Frauen nur ungern über ihre Erfahrungen mit Sexismus sprechen. Zum einen ist da die Angst vor den negativen Folgen einer Beschwerde, denn es fällt nicht leicht, übergriffiges Verhalten eines Dozenten zu melden, wenn dieser über die Note für die Hausarbeit entscheidet. Diese Machtgefälle und Abhängigkeiten sind es, die sexistisches Verhalten begünstigen. Zum anderen schämen sich viele Betroffene ihrer Erlebnisse und suchen die Schuld bei sich selbst. Sie relativieren häufig ihre eigenen Erfahrungen, schnell wird ein Vorfall dann als Kleinigkeit abgetan. So trauen sich viele gar nicht oder erst spät, sich offiziell zu beschweren. Doch Koreuber betont, wie wichtig das ist: »Es geht nicht nur um einen selbst. Es geht auch um die nächste junge Studentin.« Doch nicht alle Situationen lassen sich eindeutig einschätzen, räumt Koreuber ein. Die Einladung eines Dozenten, die Hausarbeit bei einem Glas Wein zu besprechen, gebe beispielsweise keineswegs Aufschluss darüber, was für Absichten sich dahinter verbergen. Denn obwohl Skepsis berechtigt sein könne, bestehe genauso die Gefahr einer Vorverurteilung.

Wenn Betroffene finden, dass gehandelt werden muss, wird als erstes der Dialog mit den Beschuldigten gesucht, erzählt Koreuber. Je nach Fall und Verlauf der Gespräche können verschiedene Sanktionen folgen: vom Vermerk in der Personalakte über eine Versetzung innerhalb der Uni bis hin zum Entzug von Stipendien oder der Einleitung eines Disziplinarverfahrens. Möglichkeiten sind also vorhanden, allerdings bleibt fraglich, ob diese auch die Ursachen bekämpfen.

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Die FU vertritt in ihrer Außendarstellung eine klare Haltung gegen Sexismus und vermittelt das Gefühl, ihr Möglichstes zu tun. Doch nicht überall scheint man für die Thematik so sensibel zu sein: Bei einer öffentlichen Diskussion im Rahmen der Themenwoche gegen sexualisierte Diskriminierung lassen Aussagen der FU-Kanzlerin Andrea Bör auf horchen. Junge Studentinnen sollten ihr Auftreten und ihre Kleidung überdenken, Frauen würden ein »Nein« häufig nicht deutlich genug aussprechen. Ein gefährlicher Zusammenhang. Will sie damit den Betroffenen selbst die Schuld zuschieben? Meint sie wirklich, dass sexualisierte Diskriminierung dadurch gerechtfertigt werden kann, wie sich Menschen verhalten und kleiden? Eine höchst problematische Aussage, umso mehr, da sie aus dem Mund eines Präsidiumsmitglieds stammt. Von Solidarität mit den Betroffenen ist wenig zu hören. Das führt vor Augen: Ist es der FU ernst mit ihrem Ziel, ein größeres Bewusstsein für Sexismus zu schaffen, kann es nicht die Lösung sein, sich auf Rankings auszuruhen.

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Den Frust, den manche Themen verursachen, kann Anna Hödebeck bisweilen nur mit lustigen Tiervideos bewältigen. ANZEIGE

er Mann gegenüber in der S-Bahn starrt mich durchdringend an. Als ich hinschaue, grinst er anzüglich. In einer dunklen Seitenstraße gehen zwei Männer viel zu nahe an mir vorbei und zischen dabei obszöne Angebote. Inmitten einer Menschenmenge spüre ich plötzlich fremde Hände, wo sie nicht hingehören. Sexualisierte Diskriminierung, also geschlechtsbezogenes Verhalten, das die eigenen persönlichen Grenzen einer Person überschreitet, ist für viele Frauen Alltag. Doch was mir in der U-Bahn, in Bars und auf der Straße passiert, ist in der Uni zwischen Seminarräumen, Bücherregalen und Mensa bisher noch nicht vorgekommen. Dabei kann es doch wohl kaum sein, dass die FU vom Alltagssexismus weit entfernt ist, dass hier völlig andere Verhältnisse herrschen als in der restlichen Gesellschaft.

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Im Aushaltezustand In der Türkei herrscht seit dem Putschversuch 2016 der Ausnahmezustand: Kritische Stimmen aus Politik, Wissenschaft und Journalismus werden systematisch unterdrückt. Unser Autor hat während seines Auslandssemesters in Istanbul erschütternde Stimmen und Eindrücke zusammengetragen.

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ewöhn dich dran«, sagt Emre*, ein Kommilitone, und deutet auf einen Wasserwerfer, der am Straßenrand hält. Bei seiner Führung durch den Istanbuler Stadtteil Kadıköy dauert es nur wenige Minuten bis zur ersten Begegnung mit der Polizei. Wasserwerfer und Mannschaftsbusse stehen von Zeit zu Zeit scheinbar anlasslos am Straßenrand. Nur manchmal ist der Grund zu erkennen, etwa wenn Fenerbahçe spielt, einer der Istanbuler Fußballvereine. Die Polizist*innen langweilen sich. Sie rauchen, unterhalten sich, beschäftigen sich mit ihren Handys. Manchmal packen sie ihre Schilde aus, dann packen sie sie wieder ein. Es passiert – nichts. Man gewöhnt sich tatsächlich an die Wasserwerfer. Als einer auf der Istiklal, einer belebten Einkaufsstraße, nicht aus einer engen Seitengasse kommt, helfen die Passant*innen ungerührt beim Einweisen. Die Polizeipräsenz fügt sich ins Stadtbild ein wie die überall verteilten, kleinen und großen Türkei-Flaggen. Allgemein ist vom seit anderthalb Jahren herrschenden Ausnahmezustand auf den ersten Blick nur

wenig zu spüren. Wenn man es drauf anlegt, kann man die Situation in der Türkei problemlos als vollkommen normal wahrnehmen. Wären da nicht Geschichten wie die von Burak*. »Ich bin überzeugt davon, dass Recep Tayyip Erdoğan den Putsch inszeniert hat. Ich habe daran nicht einen Moment gezweifelt.« Burak ist Student wider Willen. Er war Kadett der Marine, hatte vier Jahre die Naval High-School besucht und stand nach drei Jahren auf der Naval Academy kurz vor dem Abschluss seiner Ausbildung. Nach dem gescheiterten Putschversuch des türkischen Militärs im Juli 2016, bei dem nach offiziellen Angaben 249 Menschen starben und mehr als 2.000 verletzt wurden, erhielt er im Zuge von Säuberungs – und Verhaftungswellen seine Entlassung, genau wie alle Kadetten der Militärschulen. Ungefähr 500 von ihnen wurden kurz darauf festgenommen. »Die Hälfte davon ist wieder frei, aber die andere sitzt immer noch im Gefängnis in Silivri«, sagt Burak. Ohne ins Detail zu gehen, fügt er hinzu: »Meine Freunde werden dort von den Wärter*innen gefoltert.«

Alle Kadetten, die nicht ins Gefängnis gekommen sind, wurden per Dekret an die Universitäten geschickt. Ihre Schulnoten entschieden, welchem Studienfach der Staat sie zuwies. So ist es auch Burak passiert. »Dieses Gesetz verletzt drei Menschenrechte: Das Recht auf Bildung, auf Arbeit – also freie Berufswahl – und auf einen fairen Prozess. Deshalb verklagen wir alle zusammen die Regierung«, kritisiert er. Auch die Prozesse gegen seine inhaftierten ehemaligen Kamerad*innen beobachtet Burak weiterhin. »Letzte Woche haben zwei Prozesse begonnen. Wir verfolgen das und erwarten Freisprüche.« Burak und eine Gruppe aus weiteren ehemaligen Militärschüler*innen organisieren Proteste für ihre Freunde. Zuletzt haben sie vor dem Gericht demonstriert. »Wir wollen alle von ihrer Unschuld überzeugen.« Eine ballistische Untersuchung habe ergeben, dass keiner von ihnen in der Putschnacht seine Waffe abgefeuert hat. »Zwei meiner Freunde wurden in dieser Nacht von radikalen Islamisten auf der Brücke angegriffen und ermordet – es hat trotzdem niemand auf die Zivilisten geschossen.« Burak ist wütend: »Meine Freunde wurden verhaftet und gefoltert, weil sie die Regeln und Gesetze befolgt haben.« Ein ehemaliger Mitarbeiter des türkischen Außenministeriums fällt ein vernichtendes Urteil über den türkischen Staat und will deshalb anonym bleiben. »Es

gibt keine Rechtsstaatlichkeit in der Türkei«, sagt er. Das zeigt für ihn etwa der Fall des deutschen Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner, in den sich Altkanzler Gerhard Schröder einmischte. »Wie kann jemand freigelassen werden, weil ein bekannter Politiker interveniert hat?«, sagt er. Dass Erdoğan abgewählt wird, hält der frühere Staatsdiener für möglich. Die Unterstützung für den Präsidenten und seine Partei, die AKP, scheine zu schwinden. »Erdoğan verliert vor allem die Stimmen der jungen Türkinnen. Sie sind früher nicht zur Uni gegangen, sondern haben zu Hause gesessen. Jetzt studieren sie und entdecken, dass die Realität anders ist. Nicht in den Kursen – sondern in der Mensa, in den Pausen, auf dem Campus. Das war Erdoğans größter Fehler: Er hatte sie unter Kontrolle, jetzt verliert er sie.« Auch Kommiliton*innen sagen fast wortgleich immer wieder: »Die Türkei ist nicht Erdoğan.« Der frühere Militärschüler Burak ist weniger zuversichtlich. Zwar glaubt er nicht, dass der Präsident noch lange so weiter regieren kann. Aber er setzt wenig Hoffnung in die Wahlen: »In der Türkei wird bei den Wahlen extrem offensichtlich geschummelt, trotzdem kann niemand etwas dagegen machen.« Dennoch sei auch ihm klar geworden, dass Bildung das Schlüsselthema in der Türkei ist. Und die Regierung zerstöre das Bildungssystem, meint er.

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Wissenschaft in Konkurrenz: Vom Märchen der Exzellenzinitiative Zehn Jahre ist die Freie Universität nun »exzellent«. Doch das schicke Prädikat kaschiert, worum es in der heutigen Wissenschaft eigentlich geht: Konkurrenzkampf und Profite. Ein fragwürdiger Grund zu feiern. Text: Björn Brinkmann Illustration: Manon Scharstein An der Universität etwa wurden im Jahr zuvor zwei Professoren entlassen, weil sie zu links gewesen seien. Auch die anderen Professor*innen seien eher gegen die Regierung, behielten ihre Meinung aber für sich. »Die Qualität der Lehre leidet definitiv darunter«, sagt Burak. Hinzu kommt, dass Wikipedia in der Türkei gesperrt wurde. Das lässt sich aber mithilfe von Proxyservern oder VPNs, wie dem der FU, umgehen. Die türkischen Studierenden scheinen die Zensur ohnehin nicht sonderlich ernst zu nehmen. Als ein YouTube-Video (»Lana Del Rey – Happy Birthday Mr. President«) gesperrt zu sein scheint, witzeln sie, es habe vermutlich eine Verbindung zur Gülen-Bewegung. Erdoğan macht diese für den Putschversuch verantwortlich, ihr Anführer Fethullah Gülen lebt im Exil in den USA. Und doch: Viele Studierende empfinden die Situation als ausweglos und spielen mit dem Gedanken, die Türkei zu verlassen. Toronto, Budapest, Berlin – einige Pläne in Buraks Umfeld sind bereits sehr konkret. Er hält das für den falschen Weg, er will bleiben. “Um die Probleme hier zu lösen, müssen wir bleiben und Opfer bringen”, sagt er fest entschlossen. Burak findet, dass trotz allem weiterhin Erasmus-Studierende in die Türkei kommen sollten. Das fordert auch der frühere Mitarbeiter des Außenministeriums: »Erasmus sollte fortgesetzt werden. Das steht außer Frage. In beide Richtungen.« Beide erhoffen sich davon auf lange Sicht einen Beitrag zur gesellschaftlichen Annäherung.

Doch mittlerweile könnten sich deutsche Studierende nicht nur von eingeschränkter Lehrfreiheit abschrecken lassen. Auch die Willkür der türkischen Justiz könnte Grund zur Sorge bieten. Nach der Verhaftung von zwei deutschen Staatsbürger*innen wurden die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes im vergangenen September verschärft. Der damalige Außenminister Sigmar Gabriel riet von Reisen in die Türkei ab. Burak schätzt die Gefahr einer Verhaftung für Austauschstudierende als gering ein. »Wenn man nicht berühmt ist oder ein*e Journalist*in, bekommt man keine Probleme. Das System funktioniert nicht so gut, deshalb finden sie die Leute nicht so leicht, die die Regierung kritisieren.« Außerdem könnten die Türk*innen größtenteils kein Englisch, also könne man auf Englisch kritisieren was man wolle. Er selbst sei schließlich auch noch nicht verhaftet worden. Und selbst wenn: »Die Gefängnisse sind voll mit meinen Freunden, das ist für mich kein unangenehmer Ort.« *Name geändert

#FreeDeniz

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ür alle, die es noch nicht wussten: »Am 19. Oktober 2007 hat an der Freien Universität Berlin eine neue Zeitrechnung begonnen.« So verkündete der UniPräsident Peter-André Alt damals die frohe Botschaft. Nun ist es soweit: Zehn Jahre Exzellenzuniversität. Ein Grund zu feiern? Zumindest im Rektorat wird der Erfolg der FU in der Exzellenzinitiative zum Anlass genommen, die Sektkorken knallen zu lassen. Schließlich werden hier im Rahmen des Förderprogramms seit nunmehr einem Jahrzehnt nicht nur die meisten innovativen Forschungsverbünde und Graduiertenschulen finanziert. Die FU wurde auch für ihr Zukunftskonzept »International Network University« ausgezeichnet und darf somit als eine von derzeit elf »Eliteuniversitäten« hoch am deutschen Forschungshimmel strahlen. Im deutlichen Kontrast hierzu wird von vielen Seiten immer wieder die Klage laut, die Exzellenzinitiative würde die Zustände an der Universität sogar verschlechtern. Studierende bemängeln die Vernachlässigung der Lehre, während der wissenschaftliche Mittelbau unter der zunehmenden Ausrichtung auf Drittmittel ächzt. Für andere verschärft die Exzellenzinitiative die Konkurrenz an und zwischen den Universitäten. Die Folge: Bildung und Wissenschaft bleiben auf der Strecke. Zu hören bekommen solche Kritiker*innen die immer gleiche Antwort: »Konkurrenz schafft Fortschritt.« Schließlich sei diese Konkurrenz gerade innerhalb der Exzellenzinitiative doch ein Wettstreit der Ideen, der zu technischem Fortschritt und neuen Erkenntnissen über die Welt

führe. Und dagegen könne ja nun wirklich niemand etwas haben. Wozu die Binsenweisheit über die Konkurrenz in einem universitären Kontext eigentlich verleiten sollte, ist ihre kritische Prüfung. Wie stehen also Wissenschaft und Kon kur ren z zueinander? u

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Wo bin ich hier gelandet? Zwischen Bergen aus Bierflaschen Viel Party, wenig Schlaf und von Uni keine Spur – eine Erasmus-WG im britischen Nirgendwo bietet alles, was das Herz begehrt. Über das Leben in einem internationalen Irrenhaus. Text: Paul Lütge Ein Hämmern reißt mich aus süßen Träumen. Völlig verstört starre ich auf den Wecker: Samstagmorgen um elf ist definitiv keine Uhrzeit, um aufzuwachen! Benebelt schlappe ich die Treppe hinunter. Im Flur steht ein Mann mittleren Alters und schraubt an irgendetwas herum. Ich habe ihn noch nie in meinem Leben gesehen. Da unser WG-Haus in Coventry der Uni Warwick gehört, können deren Mitarbeiter*innen hier ein – und ausgehen wie sie wollen. Der Unbekannte erklärt mir, dass er eine Lampe repariere. Gut zu wissen. Wissenschaft, als das Schaffen von Wissen, ist das systematische Erschließen und Erklären dessen, was dem menschlichen Verstand in dieser Welt über den Weg beziehungsweise über die Petrischale läuft. Das ist für sich genommen ein Vorhaben, bei dem es absurd wäre, nicht auf vorhandenem Wissen aufzubauen, sich nicht mit anderen Wissenschaftlern*innen abzusprechen oder die Arbeit aufzuteilen. Wenn allein die Untersuchung eines konkreten Gegenstands zur Forschung motiviert, so folgt daraus sicherlich nicht die Abschottung, Verheimlichung, Dopplung von Arbeit und all der Aufwand, der mit Konkurrenz in der Wissenschaft verbunden ist. Der Wissenschaft halber wäre eine Konkurrenz, bei der verschiedene Forscher*innen dieselbe Fragestellung nicht mit-, sondern gegeneinander verfolgen, ein Irrsinn. Dass gegenwärtig Konkurrenz als Modus – oft freundlicher: »Wettbewerb« – trotzdem auch in der Forschung so hoch im Kurs steht, ist ein Beleg dafür, dass die heutige Wissenschaft von Absichten beherrscht wird, die dem Streben nach Wissen an sich nicht innewohnen. Und zumindest was private oder angewandte Forschung angeht, sind diese Zwecke auch wirklich kein Geheimnis: VW oder BAYER geht es offenkundig nicht bloß darum, mit ihren Teams an Wissenschaftler*innen und Ingenieur*innen neues Wissen und neue Technologie zu schaffen. Für sie findet Wissenschaft dann und nur dann statt, wenn sie ihnen in der Konkurrenz um Kauf kraft mit anderen Unternehmen nützt: »Vorsprung durch Technik«. Ob nun in Form eines neuen Smartphones oder eines Roboters, der Fließbandarbeiter *innen ersetzt, entscheidend ist, diese Vorteile – wissenschaftliche Erkenntnisse – exklusiv für sich zu beanspruchen zu können. Dass dabei auch ein Teil des Fortschritts in Form von Produkten die Konsument*innen erreicht, macht die so herausgearbeitete Wahrheit über das Märchen vom

Wettbewerb nicht weniger deutlich: Nicht Konkurrenz ist das Mittel für Fortschritt – sondern umgekehrt, technischer Fortschritt ist das Mittel in der Konkurrenz. Zu den Erfolgen in der angewandten Wissenschaft kommen die Leistungen in der Grundlagenforschung im vergangenen exzellenten Jahrzehnt. Auch an Projekten, die sich für private Unternehmen nicht lohnen, hat der Staat offenbar ein Interesse. Das Erforschen grundsätzlicher Zusammenhänge ist mittel- und langfristig von höchstem Interesse, legt es doch den Grundstein für die Anwendungen und Innovationen von morgen. Somit entfalten sie indirekt einen enormen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum und damit auf die Konkurrenzstellung gegenüber anderen Staaten. Dazu kommen sozialund kulturwissenschaftliche Forschungsdisziplinen, die in ihrer Mainstream-Ausführung glänzend die Rolle ausfüllen, die gegebenen ökonomischen und sozialen Verhältnisse ideologisch zu untermauern und zu rechtfertigen: Hobbes und Hayek sei Dank. Das sind also die Zwecke, für die Wissenschaft in dieser Gesellschaft betrieben wird: Unternehmensgewinn, internationale Standortkonkurrenz und das ideologische Haltbarmachen solcher Zustände. Wenn die FU darin die letzten zehn Jahre derart erfolgreich gewesen ist, dass man ihr hochoffiziell das Attribut »exzellent« anheftet, dann ist das zumindest für die meisten, für Studierende und Arbeiter*innen in der Wissenschaft oder am Fließband, ein fragwürdiger Grund zu feiern. Zum Wolf wird Björn Brinkmann dem Menschen nur, wenn der Mensch ihm sonntags sein Kühlschrankfach leer futtert.

Über Müllberge hinweg stolpere ich weiter ins Wohnzimmer. Chansons von Edith Piaf hallen durch den Raum. Mein französischer Mitbewohner marschiert gerade aus dem Garten in die Küche. Eben noch rauchend, wärmt er sich nun erstmal eine komplette Dose »Baked Beans« in der Mikrowelle auf. Britischer wird’s nicht.

Wir schmeißen uns auf die Couch und schauen Fern. Der Rest der Bande schläft anscheinend noch. Draußen regnet es in Strömen – ein Grund mehr, heute nicht rauszugehen. Wobei wir wohl selbst bei strahlendem Sonnenschein das Haus nicht verlassen würden, da es in diesem Kaff wirklich nichts zu sehen gibt, außer anderen Erasmus-WGs und der Uni. Ab und an stehen wir auf, um uns billigen Apfelcider einzuschenken. Am Abend trifft die Partymeute ein – Studierende aus ganz Europa und auch ein paar Locals verirren sich zu uns. Da die Spanier*innen heute wieder einmal deutlich in der Überzahl sind, gibt wilder Reggaeton beim Beer Pong den Ton an. So neigt sich im Klang der singenden Feierbiester und des Jahrhundertsongs Despacito ein typischer Tag im Leben eines Erasmusstudis langsam und laut dem Ende zu.

Kritik unter Panzerketten Voller Erwartungen stürzte sich unser Autor ins Politikstudium in New Orleans. Aus Euphorie wurde jedoch schnell Entsetzen. Text: Anonym Illustration: Manon Scharstein Ein Panzer, zwei Panzer, drei Panzer… So läuft hier nicht nur Politik, sondern offenbar auch Politikwissenschaft. In den USA geht das Zählen von Kriegsgerät über die Untersuchung von Normen und Institutionen. Soweit nichts Neues. Doch eigentlich hatte ich mir etwas mehr erhofft von meinem einjährigen Besuch bei der größten Militärmacht der Welt. Zum Beispiel mehr Praxisbezug, den ich in der deutschen Politikwissenschaft so vermisse. Dass dabei die kritische Theorie vollkommen unter die Panzerketten gerät, hatte ich jedoch nicht erwartet. Den »Kommunisten« Marx und »diese Franzosen« Foucault und Derrida erwähne man besser erst gar nicht, wird mir gleich am Anfang mitgegeben. Der eine lasse alte Feindbilder auferstehen, die beiden anderen kenne eh niemand. Stattdessen sagen die Dozent*innen hier Sätze wie: »Dieser Feminismus ist aber auch ein spannender neuer Ansatz!« Oder gilt das schon als Erfolg?

Leider ist dieses zarte Pflänzchen der kritischen Theorie der einzige Hoffnungsschimmer. Auch an anderen Stellen werden mir so einige Merkwürdigkeiten an diesem Land klar: Auf die Frage, ob die zahlreichen Konflikte dieser Welt nicht auch mal historisch eingebettet werden sollten, kommt ein empörtes »Das ist hier keine Geschichtsstunde!« zurück. Nachts auf meinem Zimmer lese ich heimlich »Das Kapital« und weine mich leise ins Traumland. Denn Panzerchen zählen hilft leider nicht beim Einschlafen.

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Die fabelhafte Welt der Charité

Zwischen Hexenhäusern, Bettenburgen und göttlichen Gestalten in Weiß: Bei einem Rundgang über den Charité-Campus suchte unsere Autorin die Verbindung zwischen Medizinstudierenden und FUler*innen. Text: Johanna Schmitt Fotos: Leonhard Rosenauer

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ier kann ein Tagtraum im falschen Moment lebensentscheidend sein. Ganz anders als in meinem Literaturseminar, in dem ich mir auch mal erlaube, gedanklich abzuschweifen. Medizinstudierenden steht dafür aber auch eine Zukunft als göttliche Gestalten in Weiß bevor, während wir Geisteswissenschaftler*innen uns schonmal den Duftbaum für unser Taxi aussuchen können. Dabei erhalten wir unsere Abschlüsse formal von ein und derselben Universität.

Denn die Charité ist, auch wenn das vielleicht niemanden mehr vom Hocker haut, in Wirklichkeit die gemeinsame medizinische Fakultät von FU und HU. Die beiden großen Unis spielen aber weder in budgetären noch in wissenschaftlichen Entscheidungen eine tragende Rolle. Die Präsident*innen der Universitäten leiten abwechselnd den Medizinsenat, dieser nimmt aber vor allem eine beratende Funktion ein. Entscheidungsträger sind vorrangig die Fakultäten und deren Vorstand. Unsereins bekam hinsichtlich politischer Debatten rund um die Charité wohl nur etwas mit, als Pflegekräfte wegen Überbelastung streikten. Vielleicht ist auch das ein Grund für das mangelnde Zugehörigkeitsgefühl, das sowohl wir Geisteswissenschaftler*innen als auch die Medizinstudierenden wechselseitig empfinden. Maj Hildebrandt, die im vierten Semester Humanmedizin studiert, fühlt sich der HU und FU nur formal zugehörig. Sie beschreibt die Charité als »etwas sehr Eigenes, weil wir eben unsere eigenen Campusse haben und Studierenden anderer Fachrichtungen höchstens in der Mensa begegnen.« Die vier Charité-Standorte lassen die Zugehörigkeit zu den Mutteruniversitäten noch erahnen. Im ehemaligen West-Berlin, unweit der FU, liegt der 1958 mit Unterstützung der US-Amerikaner erbaute Campus Benjamin Franklin, im Wedding das Virchow-Klinikum. Beide waren ursprünglich der Freien Universität unterstellt. Im Nordosten der Hauptstadt liegen die auf Biomedizin und Biotechnologie spezialisierten Domizile des Campus Berlin-Buch. Und in unmittelbarer Nähe zur HU erstreckt sich das Gelände des Campus Mitte, der heute mit seinen roten Backsteingebäuden an die lange Geschichte der Charité erinnert. Anfang des 18. Jahrhunderts war sie als Pesthaus und Hospiz für Bedürftige erbaut worden.

Weil viele FU-Studierende so wenig über die Charité wissen – mich eingeschlossen – will ich dort auf Entdeckungsreise gehen. Die Tour startet ganz klassisch auf dem Campus Mitte. Die vor kurzem kernsanierte, hochmoderne Bettenburg thront mit ihrer glänzend weißen Aluminiumfassade 82 Meter und 21 Stockwerke hoch über den übrigen Gebäuden unweit des Berliner Hauptbahnhofs und ist eins der ersten Berliner »Wahrzeichen«, das viele Ankommende erblicken. Es steht im starken Kontrast zu den verwinkelten Alleen, herbstlichen Wiesen und denkmalgeschützten Klinkerhäusern, die das restliche Bild des Campus prägen. Die Historie liegt hier fast greif bar in der Luft. Zehn Gehminuten entfernt liegt das 2012 eröffnete Lehr- und Forschungszentrum CharitéCrossOver (CCO). Beim Betreten bin ich sofort wieder im Hier und Jetzt. Die glänzend gebohnerten Fußböden, die in schlichtem Schwarz und Weiß gehaltenen Wände, das offene Treppenhaus und die menschenleeren Gänge – alles wirkt hochmodern und verkörpert Innovation und Exklusivität. Als Besucherin fühle ich mich fast schon deplatziert und ehrfürchtig im Angesicht der in wallenden Kitteln vorbeihuschenden Mediziner*innen. Gemütlicher ist es im »Hexenhaus«, das tatsächlich ein bisschen wie im Märchen daherkommt. Die Heimat der Fachschaftsinitiative ist ebenfalls ein Klinkerhäuschen, das mit seinen Türmchen und kleinen Fenstern noch uriger aussieht als die restlichen Gebäude. Hier können Studierende im »CoffeeInn« kaffeeschlürfend ihre Pausen verbringen oder im »SEG-Med Shop« günstig Kittel, Stethoskope und Reflexhämmer kaufen. Doch die FSI bietet mehr als Gemütlichkeit und Rabatte, nämlich Initiative. Ihr ist es zu verdanken, dass an der Charité vor einigen Jahren der einzigartige Modellstudiengang Humanmedizin eingeführt wurde. Er bricht mit dem traditionellen Studienverlauf von Vorklinik und Klinik, um Theorie und Praxis enger

miteinander zu verknüpfen. Das bedeutet: Früher Kontakt mit Patient*innen und eine größere Abwechslung im Lernalltag. Doch der Modellstudiengang birgt auch Nachteile. Philipp Hoffmann meint nach zehn Semestern Erfahrung, das Studium sei letztlich auf die zugeschnitten, die später in der Patientenversorgung arbeiten wollen: »Die Vorklinik, also Anatomie, Biochemie, Physiologie und so weiter, wurden zugunsten der rein klinischen Fächer abgespeckt.« Seiner Meinung nach leiden so viele essentielle Disziplinen unter der zunehmenden Fokussierung auf sozialmedizinische und »Softskills«-Lehrveranstaltungen. Doch wie steht es eigentlich um den Mythos, den ich anfangs im Kopf hatte? Harit Patil, im vierten Fachsemester Humanmedizin, erklärt: »Ärztinnen und Ärzte werden in der Gesellschaft teilweise immer noch als ›Halbgöttinnen und -götter in Weiß‹ gesehen. Die große Verantwortung, die sie tragen, ist mir durchaus bewusst. Aber ich bin auch nur ein Student und ich würde mich freuen, wenn ich als ein normaler 21-Jähriger gesehen würde.« Um die Charité ranken sich Mythen und Geschichten, sogar eine eigene Fernsehserie gibt es. Wie das Leben und Studieren dort wirklich ist, lässt sich jedoch erst erahnen, wenn man sich selbst auf die Suche zwischen Hexenhäusern und Bettenburgen begibt. Und vielleicht lässt sich so auch das gegenseitige Zugehörigkeitsgefühl ein wenig stärken.

Johanna Schmitt möchte bei ihren künftigen Erkundungstouren nicht erkannt werden und schreibt daher unter einem Pseudonym.

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Ewiger Ehemaliger: Der Herr der Ausrufezeichen Von der FU-Zeitschrift über den »Deutschlandfunk« zur »BILD«: Ernst Elitz hat für sie alle geschrieben. Unbeirrt vertritt der Journalist auch häufig kontroverse Meinungen. Das Porträt eines Mannes, der in keine Schublade passt. Text: Björn Brinkmann und Marius Mestermann Foto: Marius Mestermann

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ast wäre dieses Porträt wegen dreißigtausend angeblich verschwundener Asylbewerber*innen nicht zustande gekommen. Denn als die »BILD«-Zeitung ihren Bericht über die Asylsuchenden und den »neuen, unfassbaren Behörden-Skandal« gedruckt hat, muss Ernst Elitz das Gespräch mit FURIOS absagen. Seit Anfang 2017 ist er Ombudsmann bei der Boulevardzeitung. Mit 76 Jahren hat sich Elitz da noch einmal eine größere Aufgabe vorgenommen: Er soll Kritik von Leser*innen aufnehmen und mit der Redaktion besprechen, gewissermaßen als Mediator. Dass die Zeitung ihn dafür ausgesucht hat, ist nicht verwunderlich. Denn Elitz kann viel Expertise vorweisen, insbesondere durch die über fünfzehnjährige Leitung des Deutschlandradios. Doch was ihn wirklich prädestiniert, ist sein Stil: Ernst Elitz mag es plakativ. Das spüren wir auch, als er uns zwei Tage nach dem geplatzten Gesprächstermin in einem Café in Wilmersdorf empfängt. Sein Motto: Journalismus sei dazu da, allen Menschen ein Angebot zu machen – »unabhängig von ihrem Bildungsstand und ihrem politischen Interesse«. Qualität sei nicht ab einer bestimmten Länge gegeben, »sondern wenn es stimmt und der Leser es versteht.« Dass er von Pauschalkritik an Boulevardmedien nichts hält, wird nicht nur im Interview deutlich. Seit Jahren schreibt Elitz ultrakurze Kommentare für die »BILD«, trotz aller Kritik Deutschlands auflagenstärkste Zeitung. Kein Thema ist vor ihm sicher. »Ernst Elitz hat zu allem eine Meinung«, schrieb taz-Kolumnistin Silke Burmester vor ein paar Jahren und nannte ihn »Diekmanns Götterboten«, in Anlehnung an den ehemaligen »BILD«-Chefredakteur. Gerne übernimmt Elitz kontroverse Positionen. Ein Rudel Ausrufezeichen jagt oft seinen Sätzen hinterher. Was hat er in den letzten Jahren nicht alles gemacht: Thilo Sarrazin verteidigt, Griechenlands Regierung in der Euro-Krise als »Schande für Europa« bezeichnet, aber auch die »Ehe für alle« gefordert. In eine Schublade passt Ernst Elitz nicht, dafür ist er zu gerissen und vielseitig.

Bei unserem Treffen ist er gut aufgelegt, auskunftsfreudig. Er hat ja auch viel zu erzählen. Im direkten Gespräch fällt es schwer, Elitz’ Antworten zu greifen. Er liebt Anekdoten und Exkurse, weiß aber auch genau, wie er Untiefen ausweichen kann. Einstudiert hat er das in einer beispiellosen journalistischen Karriere, die im geteilten Berlin begann. »Diese Zeit hat mich sehr geprägt – man musste grundsätzlich skeptisch sein, weil jede Seite die Wahrheit für sich beansprucht hat.« Ab 1960 widmet sich Elitz an der noch jungen Freien Universität acht Jahre lang der Germanistik, Theaterwissenschaft, Politikwissenschaft und Philosophie: »Am Anfang habe ich sehr fleißig studiert, wie sich das gehört.« Doch schon bald habe seine Tätigkeit als Journalist überhandgenommen. An der Uni wird Elitz Chefredakteur der vom Asta finanzierten Campuszeitschrift »FU-Spiegel«, später auch Pressereferent des Studierendenausschusses. Die Sechziger sind politisch aufregende Zeiten, besonders für Studierende. Der spätere Berliner Regierungschef Eberhard Diepgen etwa stürzt als Asta-Vorsitzender über seine Mitgliedschaft in einer schlagenden Verbindung. Elitz berichtet und macht sich einen Namen als Spezialist für Bildungs – und Hochschulpolitik. Schnell werden andere Medien auf seine Artikel aufmerksam, als erstes der von den Amerikanern gegründete »Rundfunk im Amerikanischen Sektor« (RIAS). Auch für »Die Zeit« schreibt er, bis sein Studium kurz vor dem Höhepunkt der 68er-Bewegung endet. »Da war ich schon vollends in der Rolle des Beobachters«, erzählt Elitz mit Blick auf die Studierendenproteste. Es folgen fünf Jahre als »Spiegel«-Redakteur, und so lässt sich die illustre Liste seiner Karrierestationen fortführen: Zurück beim Rundfunk wird er Moderator des »heute journals«, dann Chefredakteur des SWR und Kommentator bei den »Tagesthemen«. Ein Lieblingsmedium hat Elitz nie, er will immer Neues ausprobieren. Als in Berlin die Mauer fällt, stellt sich auch die Frage nach der Zukunft seines ehemaligen Arbeitgebers RIAS, des Deutschlandfunks und des DDR-Kulturradios. Es folgt ein jahrelanges politisches Ringen, vor allem die ARD will einen neuen bundesweiten Radiosender verhindern.

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Dennoch wird 1994 das Deutschlandradio als autonomer Teil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gegründet, mit Ernst Elitz als erstem gewählten Intendanten. Fünfzehn Jahre lang ist er »mehr Medienpolitiker als Journalist«, erinnert sich Elitz. Seinen in weiten Kreisen exzellenten Ruf erarbeitet er sich darüber hinaus auch als Dozent in Göttingen, Hochschulrat in Stuttgart und später als Honorarprofessor an der FU. Als die »BILD« ihn dann Anfang 2017 fragt, ob er nicht Ombudsmann werden wolle, zögert Elitz nicht lang. Zu dieser Zeit brennt es bereits ordentlich beim Springer-Blatt, das kurz zuvor eine Geschichte über einen angeblichen »arabischen Sex-Mob« in Frankfurt am Main gedruckt hatte – eine Falschmeldung, wie sich herausstellte. Dass Ernst Elitz die passende Wahl für die »BILD« ist, zeigt sich wenig später. Nach dem Terroranschlag auf ein Konzert in Manchester druckt die Zeitung, ohne Erlaubnis der Eltern, Fotos der größtenteils minderjährigen Opfer. Ombudsmann Elitz bekommt darauf hin zahlreiche kritische Briefe, weist die Vorwürfe aber zurück: »Das Gewissen der Mütter und Väter in der Redaktion hat bei der Auswahl der Fotos aus Manchester richtig entschieden.« Plakativ und bestimmt – ganz nach Elitz’ Geschmack.

ERFOLG IN BESTEN HÄNDEN Wer mit Ernst Elitz befreundet ist, darf ihn »E.E.« nennen – so weit sind B.B. und M.M. dann doch nicht gegangen.

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Kultur

Wort frei! Bist du die nächste Herta Müller? Sollte Marvel lieber deine Comics verfilmen? Ob nun Prosa, Lyrik oder Comic, ganz egal, wo eure Begabungen liegen – wir geben euch das Wort frei! In unserer gleichnamigen Rubrik könnt ihr euch ausprobieren. Also schickt uns eure künstlerischen Ergüsse, hier habt ihr das Wort. Von der Provinz in die Großstadt – viele Studierende an der FU müssen sich in Berlin auf eine komplett neue Lebenssituation einstellen. Unsere Autorin hat diesen Kontrast zu Papier gebracht.

Gedanken eines Mädchens in Grün Text: Rachel Dalumpines Illustrationen: Valentin Graepler

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it einem kleinen gelben Post-it in der Hand steht sie am U-Bahngleis. Vier Minuten Wartezeit. In zehn Minuten geht das Seminar los, mal wieder ist sie viel zu spät losgegangen. Denn ach, damals in Wangen hätten zehn Minuten locker gereicht, mit dem Rad zur Schule. Aber nein, das hier ist keine Kleinstadt, das hier ist Berlin. Sie trägt wie immer ihre Haare zerzaust offen, ihre roten Docs, dazu eine unverschämt grüne Jacke und kann es kaum glauben, nicht mehr aufzufallen in dem Getümmel. Niemand achtet auf sie, niemand kümmert sich darum, was sie tut. Und sie genießt das. Jeden Augenblick atmet sie tief ein, die Hitze in den Winterklamotten, den Urin in der Luft, das Geschnatter. Sie fühlt sich wie in einer skurrilen Szene eines japanischen Arthouse Films, so voll und anonym, wie sie es sich in Tokyo vorstellt. Sie versucht, so melancholisch und verloren dreinzuschauen wie nur möglich. Im Hintergrund läuft »In the mood for love« von Shigeru Umebayashi. Deplatziert und schüchtern ist sie Teil der verfilmten Szenerie. Dabei ist sie gar nicht so verloren, wie sie sich gibt. Im Gegenteil, sie ist vorbereitet. U7 von der Gneisenaustraße bis Fehrbelliner Platz, dann U3 bis Dahlem-Dorf, um dann dort irgendwie mit Hilfe von Google Maps das Gebäude zu finden. Würde ohne Smartphone irgendjemand irgendwo ankommen in dieser Stadt? Da kommt die Bahn. Aufgeregt steigt sie ein. Wie spannend alles ist, sie liest die Reklame, sieht sich jeden Wagongast genau an und denkt sich Geschichten hinter den uninteressierten Gesichtern aus. Vielleicht hat ja

jemand Muße, sich mit ihr zu unterhalten. Aber halt, nein, was hat der Mitbewohner gesagt? Echte Berliner quatschen nicht in der U-Bahn. Tut man es, offenbart man sich sofort als Tourist. Oder eben als Neuzugezogene. Zum Glück hört man ihr nicht an, dass sie aus dem tiefen Allgäu kommt, wo man noch richtiges, hierzulande gebashtes Schwäbisch spricht. Sie kennt noch niemanden hier, abgesehen von ihrer dreitägigen »Na schauen wir mal, ich kann ja immer noch ausziehen«-Freundschaft mit ihren neuen Mitbewohnern. Fast vier Millionen Einwohner birgt diese Stadt, wo auch immer die sich des Nachts verstecken. Solche Dimensionen kann sie sich noch nicht vorstellen. Es wird noch ein paar Monate dauern, bis sie versteht, was es bedeutet, in Berlin zu leben. Dass man nicht auf jede Veranstaltung gehen muss, die auf Facebook angepriesen wird, nur weil man jetzt in einer Stadt lebt, in der endlich was passiert. Dass man es nicht persönlich nehmen muss, wenn der Busfahrer einen auf beinahe unverständliche Art und Weise ankeift, weil man das Schließen der Tür durch seine bloße Existenz verhindert. Sie wird noch häufig in sich hinein murmeln: »Du verdammtes Landei« – denn das ist sie. Sie wird nie ganz begreifen, dass es ihren Nachbarn egal ist, wie spät und mit wem sie nach Hause kommt. Sie ist damit aufgewachsen, nichts unbescholten tun zu können, ohne dass ihre Eltern es mitbekamen. So grün die Wiesen auch waren, die Gülle stieg ihr zu Kopf in der Heimat.

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Zugegebenermaßen riechen die U-Bahnschächte ähnlich schlecht wie die frisch gedüngten Äcker, aber das kann sie sich noch nicht eingestehen. Nein, es riecht ganz wundervoll nach Freiheit und wiedererwachtem Sturm und Drang, nach wilder Liebe mit egal welchem Geschlecht. Denn in Berlin muss Mensch schließlich offen sein, ganz frei von allem, was man je gelernt und für richtig erklärt bekommen hat. Deswegen zieht man ja schließlich an diesen wundervollen Lustort. Sie weiß selbst, wie viel Hoffnung sie in diese Stadt legt, wie beinahe übertrieben viel. Aber nach der Zeit zu Hause, wo es nicht mehr so richtig gepasst hat, weil sie einfach zu anders als ihre Eltern wurde und der unerprobte Stolz sie nicht nachgeben ließ. Nachdem ihre Freunde angefangen haben, erwachsen sein zu wollen und in eine andere Richtung zu rennen, bleibt ihr nichts anderes übrig, als alles in diese Stadt zu setzen: ein frischer Start, ein neuer Lebensstil, neue Freunde, eine neue Liebe vielleicht ja auch. Jetzt endlich würde sie hier die sein, die sie immer sein wollte. Ihren Gedanken noch nachhängend, entdeckt sie auf einmal einen jungen Mann auf der anderen Seite des Wagons, schick angezogen, in dunkelblauem Anzug mit Aktentasche unterm Arm. Er würde ja ganz seriös aussehen, wenn er nicht so aufgeregt von einem Bein aufs andere hüpfen würde. Er scheint es kaum erwarten zu können, dass die Bahn an seiner verheißungsvollen Station hält und er sich endlich befreien kann aus diesem Getümmel an Menschen. Vielleicht schwitzt er auch nur in seinem steifen Kostüm. Immer wieder schaut er auf die Uhr. Ist er etwa spät dran? Vermutlich ist er auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch oder einem wichtigen »Business-Termin«. Irgendwie unsympathisch. Dann fädelt er mit seiner Hand einen kleinen zerknitterten Zettel aus seiner Brusttasche. Es ist ein gelbes Post-it. Er vergewissert sich, checkt die Station, an der sie gerade angekommen sind, nickt mit dem Kopf und steigt viel zu dynamisch aus. Sie schaut ihm noch eine Weile nach, bis er um die Ecke, wohin auch immer verschwindet und streicht dabei lächelnd über ihr eigenes Post-it in der Tasche ihrer noch immer unverschämt grünen Jacke. Zugunsten der künstlerischen Freiheit wurde in diesem Text auf das Gendern verzichtet.

Als Ausgleich zum Politikstudium züchtet Rachel Dalumpines leidenschaftlich gerne Gemüse. Preisgekrönt sind ihre Riesenauberginen.


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Kultur

Übersetzen ist literarisches Schaffen Wortspiele und Reime gehen bei der Übersetzung häufig verloren. Esther Kinsky ist eine Meisterin des Fachs: Sie hat deutschsprachigen Leser*innen den Zugang zu zahlreichen polnischen, russischen und englischsprachigen literarischen Werken eröffnet. Im Interview verrät sie, warum sie trotzdem auch gerne selbst schreibt. Interview: Johannes Geck Foto: Heike Steinweg / Suhrkamp Verlag

FURIOS: Frau Kinsky, was bereitet Ihnen beim Übersetzen am meisten Freude?

Ist es für Sie reizvoller zu übersetzen oder selbst zu schreiben?

Kinsky: Das Größte am Übersetzen ist die Möglichkeit, die eigene Sprache mit jedem neuen Übersetzungsproblem auszudehnen. Jede Lösung erweitert den Horizont und lässt mich auf Ausdrucksweisen stoßen, die nicht so gebräuchlich sind, aber dennoch vorhanden. Das schöpft man, wenn man sich nur innerhalb der eigenen Sprache bewegt, gar nicht richtig aus.

Das hängt immer davon ab, um was für eine Textgattung es sich handelt. Natürlich übersetze ich lieber ein interessantes Gedicht als einen erwünschten Essay zu einem bestimmten Thema zu schreiben – wobei ein solcher Auftragstext ja nie etwas mit Lyrik zu tun hat. Beim Schreiben lyrischer Texte folge ich einer ganz anderen Energie als beim Übersetzen. Wenn ich dann etwas unbedingt schreiben will, kann kein zu übersetzender Text damit konkurrieren.

Inwieweit verändern Sie Übersetzens inhaltlich?

Gedichte

während

des

In der Lyrik muss man erkennen, in welchem Maße Bildwelt, Klang und Form zusammengebracht wurden, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Es geht dann darum, das Zusammenwirken jener Elemente, die den »Körper« des Gedichtes bilden, zu bewahren. Dafür muss beim Übersetzen natürlich manchmal vom Thema abgewichen werden. Aber das ist ja gerade die große Herausforderung: Was gewinne ich für das, was ich opfere?

Dient das Übersetzen auch als eine Inspirationsquelle für die eigene Literatur? Mich inspiriert es, zu sehen, was man mit Sprache alles machen kann. Ich würde aber nie in Versuchung geraten, Teile einer Bildwelt, ein Thema oder bestimmte Motive zu übernehmen. Ich lasse mich eher von Techniken anregen, also zum Beispiel die Art und Weise, wie jemand Passagen eines Textes verknappt.

Würden Sie dann sagen, dass sie beim Übersetzen eines Romans oder Gedichts selbst literarisch schaffend sind?

Stehen Sie während des Übersetzungsprozesses in ständiger Korrespondenz mit dem*r Autor*in?

Natürlich. Ich unterscheide beim Schreiben und Übersetzen immer zwischen zwei Ausgangspunkten. Urheber*innen des Originals haben eine Vision, die sie artikulieren. Ihre Aufgabe ist es, eine Vorstellung, die noch nichts Materielles an sich hat, in Sprache zu fassen. Übersetzer*innen haben bereits Materie in Form der gestalteten Sprache vor sich liegen und müssen diese in einer neuen Version verschriftlichten. Das ist die literarische Komponente des Übersetzens.

Nein, überhaupt nicht. Ich vermeide es sogar, da ich nur ganz selten ihre Fragen beantworten kann (lacht). Und ich habe schlechte Erfahrungen mit Autor*innen gemacht, die mir in den Übersetzungsprozess hineingeredet haben, ohne den Kontext der neuen Sprache zu sehen. Aber ich kenne das ja selbst auch, wenn meine Texte in eine Sprache übersetzt werden, die ich verstehe. Man muss einfach lernen, seinen Text nach dem Schreiben loszulassen.

Johannes Geck versteht sich selbst als Verfechter der Idee einer abgedroschenen Gesellschaftskritik nach Yung Krillin.

Die geklaute Rubrik

Kultur

Wir sind großartig. Aber andere machen auch schöne Sachen. An dieser Stelle pflücken wir die besten Rubriken im Blätterwald und füllen sie mit unseren Inhalten. Folge XI: »Gewissensfrage« aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung. Text: Sofie Eifertinger Illustration: Josephine Semb

GEWISSENSFRAGE an

Dr. Dr. Fiona Rosch

»Eine Freundin ist gerade mit ihrem Bachelor fertig geworden und plant, sich in einen weiteren Studiengang einzuschreiben, ohne überhaupt aktiv studieren zu wollen. Es reizt sie, einfach weiterhin die Vorteile des Studierendenstatus genießen während sie in einem Café jobbt. Ich finde das unsozial. Ist es verwerflich, sich an einer Universität zu immatrikulieren, ohne tatsächlich studieren zu wollen??« MAR A F., BERLIN

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ass Ihre Freundin die Vorteile des Studierendenstatus nicht missen will, ist nachvollziehbar: Eine Immatrikulationsbescheinigung bringt nicht nur ein erschwingliches Semesterticket und bezahlbare Theaterbesuche, sondern womöglich auch Kindergeld mit sich. Indem Ihre Freundin lediglich den Semesterbeitrag bezahlt, den Bildungsauftrag der Uni aber wissentlich ignoriert, profitiert sie wie eine Trittbrettfahrer*in von besagten Vorteilen. Welche finanziellen Auswirkungen es hat, wenn jemand nicht für Scheine, sondern nur zum Schein studiert, wird kontrovers diskutiert. So erhalten Universitäten staatliche Subventionen zwar entsprechend der Anzahl immatrikulierter Studierender, Abschlussquoten spielen aber in die Berechnung mit ein. Wichtiger als die konkreten Zahlen erscheint mir aber ohnehin, dass Ihre Freundin die Intention studentischer Vergünstigungen und Sozialleistungen missachtet. Diese sollen es Studierenden ermöglichen, sich auf das Studium zu konzentrieren, statt nine-tofive hinter dem Tresen zu stehen. Rechtlich ist der Umgang mit sogenannten Scheinstudierenden nicht endgültig geklärt, da es schwierig ist, nachzuweisen,

welche Ursache die mangelhafte Wahrnehmung des Studiums hat. Gerade in Bezug auf das Kindergeld gestaltet sich die Sache aber klar: Gelder von Steuerzahler*innen, die als Investition in die Zukunft der Gesellschaft gedacht sind, werden willentlich ausgenutzt. So stellt Ihre Freundin ihren eigenen Vorteil vor die gemeinschaftliche Abmachung, die Gelder zu Ausbildungszwecken einzusetzen. Ich möchte deshalb so antworten: Da sich Ihre Freundin, ohne jegliche Bildungsbestrebung immatrikuliert, ist ihr Unmut begründet und Sie können ihr nahelegen, kein weiteres Semester den Studierendenstatus auszunutzen. Die traurige Realität aber ist: In vielen anderen Fällen ist ein Scheinstudium der notwendige Ausweg aus der Zwickmühle deutscher Bürokratie.

Dr. Dr. Fiona Rosch Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann wenden Sie sich an meinen Kollegen Dr. Dr. Rainer Erlinger.

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Wissenschaft

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Wissen schafft Austausch Nairobi trifft Berlin. Medizinstudierende treffen Gleichgesinnte. Ein neues Austauschprogramm der Charité mit der University of Nairobi verbindet junge Menschen durch gemeinsame Forschung. Text: Corinna Cerruti Foto: Rob Kipkoech

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venja lebt in Berlin, Thomas in Nairobi. So unterschiedlich ihr kultureller Hintergrund, so ähnlich ihre Leidenschaft für ihr Studium der Medizin – Motivation genug die rund 11.000 Kilometer zwischen ihnen zu überwinden, um gemeinsam zu forschen. Seit 2016 bietet die Charité ein neues Austauschprogramm mit der University of Nairobi an. Vier Wochen lang dürfen sechs deutsche und sechs kenianische Medizinstudierende im jeweiligen Partnerland forschen und eine fremde Kultur erkunden. Während des Aufenthalts soll ein gemeinsames Forschungsprojekt entwickelt werden, zu dem die Teilnehmer*innen danach eine Hausarbeit anfertigen. Während Auslandssemester oder – praktika für viele deutsche Studierende beinahe selbstverständlich sind, bleiben sie den meisten kenianischen Studierenden verwehrt. Der ehemalige Medizinstudent Mathias Krisam wollte das ändern. Gemeinsam mit Hochschüler*innen aus Nairobi organisierte er im Jahr 2014 den ersten studentischen Austausch zwischen den zwei

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Wissenschaft

Das Thema des Forschungsprojekts ist von den Teilnehmer*innen frei wählbar. Gemeinsam wird eine Studie vorbereitet und durchgeführt. Dabei setzen sich die Forschungsgruppen immer aus mehreren deutschen und kenianischen Studierenden zusammen. Svenja forschte mit zwei kenianischen Studentinnen und einer deutschen über psychiatrische Erkrankungen und deren Beurteilungen in unterschiedlichen Kulturen. »Gerade psychiatrische Erkrankungen sind stark kulturell geprägt.« In Kenia gebe es den Glauben an Heiler*innen und einen anderen Umgang mit psychischen Problemen. Aber auch in Deutschland vertrauen Menschen auf Komplementärmedizin, wie zum Beispiel Homöopathie. Daher war ihre Hypothese, dass sich die Kulturen in dieser Hinsicht gar nicht so stark voneinander unterscheiden.

Ausflug in ein Pharmaunternehmen. »Aber natürlich haben wir nicht nur vier Wochen lang geforscht«, gibt Svenja lächelnd zu. Die Teilnehmer*innen haben auf Sightseeing-Touren Berlin erkundet, auf Karaoke-Abenden zusammen getanzt und sich mit Ehemaligen aus den letzten Projekten ausgetauscht.

Darüber hinaus konnte jede*r Hochschüler*in noch einen eigenen Schwerpunkt setzen; Svenja fokussierte sich auf Depressionen. Ziel ihrer Forschung sei, Mediziner*innen die Möglichkeit zu geben, ihre Patient*innen hinsichtlich der Medikamentierung besser einzuschätzen. »Manche Patient*innen überzeugt es, wenn man ihnen die biologische Wirkung von Antidepressiva erklärt. Andere brauchen eine eher psychologische Erklärung für ihr Leiden und wollen Medikamente nur als Zusatzbehandlung ansehen.« Kulturelle Unterschiede verstehen zu lernen, könne somit die zwischenmenschliche Beziehung zwischen Mediziner*innen und Patient*innen verbessern.

Die positiven Rückmeldungen spiegeln sich auch in den Evaluationen des ChIC wieder. Laut Grimm werden die Erwartungen mehr als erfüllt. Trotzdem befinde sich das Projekt noch in den Kinderschuhen. Thomas würde sich künftig eine längere Aufenthaltsdauer wünschen; Svenja weniger Bürokratie und einen flüssigeren Ablauf. »In dem Programm steckt noch sehr viel Potenzial«, sagt Grimm. Aus Deutschland sei ihr zudem kein vergleichbarer Austausch bekannt. Im besten Fall werden weitere Universitäten dazu ermutigt, Studierenden wie Thomas und Svenja die Chance zu geben, tausende Kilometer für die Wissenschaft zu überwinden.

Während Franziska Grimm für die Organisation der Formalitäten und des Rahmenprogramms zuständig ist, gestalten die Studierenden den Rest des Aufenthalts selbst. In Berlin gehört dazu, neben der Unterbringung der Kenianer*innen in WG’s, die eigenverantwortliche Forschung und Hospitation in den einzelnen medizinischen Abteilungen. Weiterhin bieten die Sponsor*innen des Programms themenbezogene Veranstaltungen an und arrangierten im Oktober einen

Fakultäten – und das noch ohne universitäre Unterstützung. Nach der erfolgreichen Durchführung haben die jetzigen Koordinatoren*innen Mete Odabasi und Franziska Grimm, ansässig in der Charité International Cooperation (ChIC), überlegt, wie man daraus ein festes Programm entwickeln könne. »Es sollte ein Austausch auf Augenhöhe sein«, erklärt Grimm. Die Gegenseitigkeit des Programms bewertet die deutsche Medizinstudentin Svenja Schwichtenberg als großen Pluspunkt. Im Vergleich zu einem einfachen Auslandspraktikum, bei dem man kaum Anschlussmöglichkeiten habe, sei der kulturelle Austausch hier viel intensiver. »Man verbringt acht Wochen zusammen, in denen man gemeinsam forscht und nach Feierabend auch mal zusammen ausgeht«, erzählt Svenja. Ihr Aufenthalt begann am 25. November 2017. Die kenianischen Studierenden besuchten die Charité von Ende September bis Ende Oktober. Für Thomas Kedera, Medizinstudent aus Nairobi, war Berlin als Stadt ein Anreiz, an dem Programm teilzunehmen: »Berlin hat nicht nur in Bezug auf Medizin viel zu bieten, sondern auch in den Bereichen Politik, Geschichte und Lifestyle.«

Thomas hat daher nur Lob für die deutschen Gastgeber*innen übrig: »Die Tandempartnerschaft hat es uns sehr erleichtert, in der Stadt anzukommen und uns an der Charité zu orientieren.« Auch Svenja hat die Zeit mit den Gästen genossen und fand es spannend, über kulturelle Unterschiede zu diskutieren: »Zum Beispiel waren die Kenianer*innen erschrocken, wie viele unserer Mediziner*innen rauchen. Das ist in Kenia nicht üblich. Dort gibt es eine andere Art des Bewusstseins dafür.«

Corinna Cerruti war schon immer Feuer und Flamme für die Wissenschaft. Ihr Semester in Schweden wird hoffentlich nicht für Abkühlung sorgen.

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Wissenschaft

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Wissenschaft

Wenn die Welt vor uns zerfließt

Vom Molekül zum Alien

Was passiert mit uns, wenn wir einen Film über den Klimawandel schauen? Was lösen süße Eisbärenbabys in uns aus, die zu dramatischer Musik von Scholle zu Scholle springen? Der Filmwissenschaftler Matthias Grotkopp ist diesen Fragen nachgegangen.

Von Marsmenschen mit Antennen-Köpfen über dreiäugige Aliens bis hin zu Monstern mit Riesententakeln – unsere Vorstellungen vom außerirdischen Leben reichen weit, entstammen aber häufig Hollywood-Fiktion und fantastischer Literatur. Das Forschungsprojekt »Finding Life: Spectral Biomarkers in Planetary Atmospheres« des Physikers Andreas Elsäßer beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Strahlung auf winzige organische Moleküle. Dies soll bei der Spurensuche nach fremdem Leben auf entfernten Planeten helfen. Interview: Leon Holly Fotos: Daniel Kunzfeld für VolkswagenStiftung und ESA/Roscosmos/NASA

Text und Illustration: Sofie Eifertinger

I

m Takt von Mozarts Requiem schwingen zwei Möwen ihre Flügel über die schneebedeckte Meeresoberfläche. Robben schwimmen zwischen Eisblöcken. Brüchiges Weiß stürzt in eisblaues Nass. Eine nüchterne Stimme setzt ein: »Die Klimaerwärmung bedroht das gesamte Ökosystem der Erde. Tun Sie etwas dagegen. Wir haben überall in Berlin Spendenboxen aufgestellt.« Eine Überblende zu sechs bunten, ordentlich aufgereihten Müllcontainern. Dann der Titel: »Abfalltrennung in Berlin spart jährlich 403.000 Tonnen CO². Danke.« »Ein schönes Beispiel«, schmunzelt Matthias Grotkopp über den Werbespot der Berliner Stadtreinigung. Er sitzt in seinem Büro des »Cinepoetics«-Anbaus, einer Kolleg-Forschergruppe des Filmwissenschaftlichen Instituts der FU. Die Grundannahme des Kollegs ist, dass Filme viel mehr als nur ein Fenster zur Wirklichkeit abbilden. Durch die Verschränkung von Zuschauer*in mit audiovisuellen Eindrücken entsteht eine eigene »Welt des Films«. Jede*r kennt das Gefühl, in die Leinwand gesogen zu werden, im Kino eine andere Realität zu spüren. »Wir wollen vor allem versuchen zu rekonstruieren und beschreibbar zu machen, was wirklich bei jedem Einzelnen passiert, der einen Film sieht. Dafür entwickeln wir Methoden, Tools und Vokabularien«, erklärt Grotkopp. Im Rahmen dieser Forschung setzt sich der Filmwissenschaftler mit filmischen Konstruktionen des Klimawandels auseinander. Ihn treibt dabei auch eine persönliche Sorge: Die Diskrepanz zwischen abstraktem Wissen über den globalen Prozess des Klimawandels und dem tatsächlichen Handeln dagegen. Die fehlende Bereitschaft, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, könne seiner Meinung nach mit den rein faktischen Darstellungsweisen zusammenhängen: »Klar kann ein Klimaforscher sagen, was der Klimawandel ist – das ist diese Kurve, diese Berechnung. Aber was heißt das für uns als Menschen?«

Eine Chance, das Phänomen zugänglicher zu machen, sieht er in Filmen. Diese böten eine Möglichkeit, die zukünftigen Auswirkungen des Klimawandels zu visualisieren und in einen emotionalen Kontext zu setzen. Bezogen auf den Werbespot bedeutet das: »Die Bilder kennen wir aus Naturdokus. Das ist unsere Erde, die verbunden mit der Musik mit einem Gefühl von Trauer besetzt wird. Dann der Umbruch in eine alltägliche Welt. Man soll aus dem scheinbar zwangsläufig ablaufenden Zerfall herausgerissen werden.« Erst durch den Gesamtzusammenhang der Bild – und Tonfolgen wird der Clip als Darstellung des Klimawandels nicht nur versteh-, sondern auch spürbar. So evoziert auch ein Worst-Case Szenario bei Zuschauer*innen eine Abfolge von Gefühlen. Wenn beispielsweise Überschwemmungen gezeigt werden, spüren die Zuschauer*innen für einen Moment diese Realität. Davon erschrocken erscheint ihnen das Nicht-Handeln als ein Widerspruch zu eigenen Überzeugungen. Daraus kann ein Schuldgefühl entstehen. »Wenn sich diese Erfahrung wiederholt, dann kann das konkrete Folgen für das tägliche Handeln haben«, formuliert der Filmwissenschaftler vorsichtig. Allerdings weiß auch er: »Es kommt in der Realität viel eher auf die Lahmlegung ganzer Kohlekraftwerke an, als darauf, ob jemand seine Glühbirne wechselt oder den Müll trennt«. Wenn aber jede*r Zuschauer*in Letzteres tut, sei das auch ein Anfang. Die Spendenboxen stehen jedenfalls parat. Filme über den Klimawandel findet Sofie Eifertinger gruseliger als jeden Horrorfilm. Neben reißenden Sturmfluten lacht sie dem Joker ins Gesicht.

FURIOS: Herr Elsäßer, wie muss man sich den Inhalt Ihrer Forschung vorstellen?

Ist es denn möglich, die Bedingungen des Weltalls im Labor zu simulieren?

Elsäßer: Um in der Zukunft außerirdisches Leben im All zu entdecken, müssen wir eine ungefähre Vorstellung davon haben, wonach wir suchen wollen. Dazu untersuchen wir bestimmte organische Moleküle, auch Biomarker genannt, die ein Indiz für biologische Aktivität auf anderen Planeten sein können. Das bedeutet, wir versuchen Moleküle zu finden, die unter extraterrestrischen Bedingungen – wie auf dem Mars – existieren können. Zu diesen Bedingungen gehört elektromagnetische Strahlung. Ist ein organisches Molekül also stabil genug, um die Strahlung zu »überleben«, könnte es uns womöglich einen Hinweis auf Leben auf einem Planeten geben. Um dies zu untersuchen simulieren wir im Labor die Bedingungen anderer Planeten, indem wir diese Biomarker mit beispielsweise ultravioletter Strahlung behandeln. Des Weiteren führen wir Experimente auch auf der Internationalen Raumstation durch, da wir dort Proben dem gesamten Strahlungsspektrum der Sonne aussetzen können und wir damit die Strahlungsbedingungen auf zum Beispiel dem Mars besser simulieren können. Die NASA sucht zur Zeit auf der Marsoberfläche mit dem Rover »Curiosity« nach organischen Molekülen. So soll möglicherweise Leben detektiert werden, das auf dem Mars zu einer früheren Zeit schon einmal entstanden sein könnte. Unsere Herausforderung ist es, die Zerfallsprozesse der Moleküle trotz der großen Distanz im Weltall noch zu verstehen.

Detailgetreu ist das sehr schwierig. Experimentiert man auf der Erde mit Strahlung, lassen sich immer nur Ausschnitte der Wirklichkeit simulieren. Die Experimente direkt im All auf der ISS durchzuführen, bietet sich an, da wir damit sowohl Zugang zur ungefilterten Strahlung der Sonne als auch zu kosmischer Strahlung haben. An welchen Projekten arbeiten Sie auf der ISS? Im Labor präparieren wir derzeit Proben für zwei Projekte auf der ISS: »OREOCube« und »Exocube«. Mit beiden Projekten können wir die Stabilität von Biomolekülen spektroskopisch untersuchen, direkt während sie bestrahlt werden. Wir hoffen, dass die Ergebnisse uns dann helfen werden, der Frage nach extraterrestrischem Leben ein kleines Stück näher zu kommen.

Wenn Leon Holly nicht gerade versucht Alienforscher zu verstehen, diskutiert er auch gerne über andere Themen.


Der empörte Student

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Vorsicht vorm verlotterten Panflötenspieler! Sie könnte so schön sein, die U-Bahn-Fahrt. Wenn da nicht diese selbsternannten Musiker*innen wären. Jedes Mal, wenn sie das Abteil betreten und den ersten schiefen Ton anschlagen, wünscht man sich, man hätte das Fahrrad genommen – oder Ohrenstöpsel eingepackt. Text: Leonhard Rosenauer Illustration: Lea Scheidt

FURIOS

Liebe Berliner S – und U-Bahn-Musiker*innen, wie jeden Morgen, haben Sie mir auch heute wieder den Weg zur Uni versüßt: Zwei Männer die in die U-Bahn stürmen, abkassieren und genauso schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind. Widerstand ist zwecklos. Es gibt nichts, was ich dagegen tun kann. Da hilft es auch nicht, dass ich mir meine Kopf hörer gef ährlich tief in den Gehörgang drücke und die Lautstärke maximiere. Denn gegen den penetranten, aus der tragbaren Verstärkerbox dröhnenden PlaybackSound anzukommen, ist schier unmöglich. Die zwei Männer gehören zur Spezies der Bahn-Musiker*innen, welche täglich den Nahverkehr der Stadt bereichern. Niemand, der auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist, kann sich diesen musikalisch minderbegabten Gehörterrorist*innen entziehen. Gegen Straßenmusiker*innen an sich können nur Unmenschen etwas haben. Die machen schließlich auch nur ihren Job und bestenfalls sogar richtig gute Musik. Dann bleibt man aus freien Stücken stehen, hört kurz zu und schmeißt eine Münze oder zwei in den bereitstehenden Hut, Becher oder Gitarrenkoffer.

Anders verhält sich das morgens auf dem Weg zur Uni: Nehme ich die Ringbahn, erwarten mich die »Eigenkompositionen« eines verlotterten Panflötenspielers. Immer brandneu, aber auch immer grottenschlecht. Ich kann nur hoffen, dass er bald genügend Geld zusammengespart hat, um Privatunterricht zu nehmen.

STUDENTISCHES CAMPUSMAGAZIN DER FU BERLIN

Steige ich in die U2, kann ich mich darauf verlassen, dass spätestens zwischen Potsdamer und Wittenbergplatz meine Ohren zu bluten beginnen. Schuld daran sind drei Tunichtgute, deren musikalisches Repertoire lediglich aus den All-TimeStandards »Hit the Road Jack« und »When the Saints go Marching in« besteht. Zugegeben zwei gute Lieder – die allerdings jedem Menschen mit gesundem Verhältnis zu Musik und regelmäßigen Aufenthalten in S – und U-Bahn aus dem Hals heraushängen. Trotzdem, irgendwelche Touris finden sich immer, um sich von den Krachmacher*innen begeistern zu lassen und die Sitznachbar*innen wissen zu lassen, dass es so etwas Dolles ja nur im »lockeren, toleranten Berlin« gäbe. Tourist*innen, unterdessen, stellen eine andere Plage dar, auf die ich hier nicht eingehen will. Fakt ist: an die wirklich Leidtragenden denkt mal wieder niemand. Mit freundlichen Grüßen, ein musikbegeisterter Pendler

FURIOS 19 IMPRESSUM Herausgegeben von: Freundeskreis Furios e.V. Chefredaktion: Corinna Segelken, Theo Wilde (V.i.S.d.P., Freie Universität Berlin, JK 28/106, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin) Ressortleitung Politik: Björn Brinkmann, Felix Lorber Ressortleitung Campus: Marius Mestermann, Leonhard Rosenauer Ressortleitung Kultur: Sofie Eifertinger, Anna Hödebeck Ressortleitung Wissenschaft: Corinna Cerruti, Karolin Tockhorn Layout: Vic Schulte Chef vom Dienst: Kai Schewina Redaktionelle Mitarbeit an dieser Ausgabe: Björn Brinkmann, Corinna Cerruti, Rachel Dalumpines, Sofie Eifertinger, Johannes Geck, Leon Holly, Anna Hödebeck, Luisa Carvalho Loichinger, Felix Lorber, Paul Lütge, Marius Mestermann, Leonhard Rosenauer, Anke Schlieker, Johanna Schmitt (Pseudonym), Corinna Segelken, Hanna Sellheim, Karolin Tockhorn, Theo Wilde Illustrationen: Sofie Eifertinger, Julia Fabricius, Valentin Graepler, Manon Scharstein, Lea Scheidt, Josephine Semb, Freya Siewert

Fotografien: Daniel Kunzfeld für VolkswagenStiftung, Willi Effenberger, ESA/Roscosmos/NASA, Luisa Carvalho Loichinger, Marius Mestermann, Kipkoech Rob, Leonhard Rosenauer, Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag Titelgestaltung: Joshua Leibig Lektorat: Corinna Segelken ISSN: 2191-6047 www.furios-campus.de redaktion@furios-campus.de Jede*r Autor*in ist im Sinne des Pressegesetzes für den Inhalt ihres*seines Artikels selbst verantwortlich. Die in den Artikeln vertretenen Meinungen spiegeln nicht zwangsläufig die Ansicht der Redaktion wider. Gemäß dem Urheberrecht liegen die Rechte an den einzelnen Werken bei den jeweiligen Autor*innen.

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COVERGESTALTUNG

LAYOUT

Joshua Leibig alias BALSAINE macht aus unspektakulären Fotos abstrakte Kunstwerke. Folgt ihm bei seiner Reise auf Instagram: @balsaine

Vic Schulte kann in Wirklichkeit gar nicht layouten, sie hat nur so getan.

Valentin Graepler studiert zwar eigentlich Politikwissenschaften, ist im Geheimen aber dem Zeichnen und Illustrieren verfallen.

Manon Scharstein hat für FURIOS schon die absurdesten Sachen gegoogelt.

Josephine Semb ist zerrissen zwischen Kant und Klimt. Wenn sie im Seminar nicht mitschreibt, schmückt sie ihr Blatt mit kleinen Meisterwerken.

Freya Siewert hat das letzte Semester als Erasmus in London verbracht und ist FURIOS trotzdem treu geblieben.

ILLUSTRATIONEN

Julia Fabricius hat gegen ihre Angst vor der perfekten Zeichnung gewonnen: Sie malt einfach, was ihr gefällt und am liebsten mit Aquarell.

Lea Scheidt »I like to beat the brush« – Bob Ross


FURIOS 19 - EXTREM  
FURIOS 19 - EXTREM  
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