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Franziska Harnisch

R. L. soll man k.


Frauen, die Lippenstift tragen, wollen damit nur auf ihre Vagina hinweisen.


[März 2010, spätabends in einer Bar mitten in Berlin]

Da war er – der Satz, der mich über einen langen Zeitraum hinweg begleiten sollte! Ein Freund sagte ihn. Der Satz war die Antwort auf die Frage, warum eben dieser Freund es nicht gutheiße, wenn seine Freundin Lippenstift auflegt. Die damit ausgelöste Debatte sollte nur der Anfang sein: Mein Kopf arbeitete weiter. Eine Idee bahnte sich an. Es dauerte nicht lange und die Idee wurde zum Projekt. R. L. soll man k. Um das Projekt zu realisieren, bat ich verschiedene Frauen aus meinem näheren Umfeld um Mithilfe. Diejenigen, die mitmachten, malten sich ihre Schamlippen mit Lippenstift an und drückten die überschüssige Farbe auf Zellstofftücher. Dieser Vorgang imitiert den bekannten Ablauf der Lippenbemalung (Lippenstift auftragen – Lippen zur gleichmäßigen Farbverteilung aufeinander pressen – ein Zellstofftuch zwecks überschüssiger Farbabgabe zwischen die Lippen pressen) und führt diesen zugleich ad absurdum: Die Schamlippenabdrücke sehen tatsächlich – dank ihrer Physis – aus wie vergrößerte, herkömmliche Lippenabdrücke. Indem die Aussage (Frauen, die Lippenstift tragen, wollen damit nur auf ihre Vagina hinweisen) in ihrer immanenten Logik bis zur Sinnlosigkeit – dem Akt des Schamlippenbemalens – weitergetrieben wird, zeigt sich ihre Absurdität. 3


Der Lippenabdruck löst alles dann in einer beweisführenden Abhandlung auf: Wenn es tatsächlich der Fall wäre, dass Frauen sich nur um ihrer Geschlechtsteile willen die Lippen bemalten, gilt dasselbe reziprok? Oder von der Ähnlichkeit des Abdrucks ausgehend geschlussfolgert: Weisen Frauen dann schon allein durch das Vorhandensein fazialer Lippen auf ihr Geschlecht hin? Und wenn ja: Wieso haben Männer dann Lippen? Die Ähnlichkeit zwischen beiden Lippenabdrücken war überraschend – sowohl für Projektteilnehmer als auch für die Ausstellungsbesucher. Die Publikumsreaktionen auf die Lippenabdrücke waren bei Männern und Frauen sehr unterschiedlich. Einige wussten sofort, was hier präsentiert wird, andere gingen zuerst daran vorbei, in der Annahme, einen alltäg-lichen Lippenabdruck darin zu erkennen. Die Installation wissentlich zu betrachten, war vielen unangenehm. Aber auch Empfindungen von Erstaunen, Ungläubigkeit und Amüsiertheit bis hin zu Abneigung und Ekel kamen vor. Ganz heftige Assoziationen gingen in Richtung Vergewaltigung und Menstruationsblut. Ich unterhielt mich mit vielen über die Installation. Bei dieser Gelegenheit brachte ich die ihr zugrundeliegende Aussage an – teils, um die Intention der Abdrücke zu erläutern, teils, um die Reaktion der Leute zu beobachten. Es kam vor, dass Besucher mit der These konform gingen, was oftmals auf Unverständnis bei ihren Begleitpersonen traf und heftige Debatten nach sich ziehen konnte. 4


Die Auseinandersetzung mit suggestiven Geschlechterfragen, verbohrten Denkrichtungen und den eigenen Reaktionen, Moralvorstellungen und Erziehungsidealen im medialen Zeitalter omnipräsenter Nacktheit und Pornoindustrie beinhaltet scheinbar doch noch mehr Konfliktpotential, als erwartet. Überdeutlich äußerte sich das auf der INSOMNALE 2010: Die Installation wurde gezielt an einer Ecke angekohlt. Darunter hatte jemand in Rot das Wort Vagina sowie ein Herz und einen Stern geschmiert. Ich erfuhr erst einige Tage danach zufällig von der Beschädigung. Die Schmierereien bekam ich nicht mehr zu sehen – die Ausstellungsleitung hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits weiß übergestrichen. Nachdem der erste Schreck vorbei war, nahm ich die Installation am gleichen Abend ab – vorerst. Der Vorfall hatte sich inzwischen herumgesprochen und sorgte für allerhand Gesprächsstoff. Ich beschloss, mit dem, was von der Reaktion übrig war, zu arbeiten und brachte die Installation noch in derselben Nacht wieder an. Sie bekam den Untertitel Burn after reading. Nachtrag: Kurz vor Ende der INSOMNALE wurde die Installation mit Negerküssen beworfen.

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Ausstellungsansichten


R. L. soll man k. Lippenstiftdruck auf Zellstoff Installationsansicht INSOMNALE 2010 tempor채rer Kunstraum Lange Reihe 1 Greifswald, Germany 2010

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Burn after reading Installationsansicht INSOMNALE 2010 tempor채rer Kunstraum Lange Reihe 1 Greifswald, Germany 2010

S. 18/19: R. L. soll man k. Lippenstiftdruck auf Zellstoff Installationsansicht Les Fleurs du Mal Kunstverein Loitz Loitz, Germany 2010

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*1986 in Berlin 2006-2012

Studium an der Universität Greifswald 2009 – 2011

Mitarbeit am Lehrstuhl für Theorie und Praxis der Bildenden Kunst bei Prof. Ulrich Puritz, Organisation und Betreuung der Akt- und Porträtseminare Ausstellungen 2011

Ausdruck 1!, Pommersches Landesmuseum Greifswald

INSOMNALE, temporärer Kunstraum Werkshallen Greifswald

das erste was bei mir hing war die haut unter meinen augen (mit Mandy Witt), 2010

2009

2008

Galerie Alte Bäckerei Greifswald (EA) Les Fleurs du Mal, Kunstverein Loitz

INSOMNALE, temporärer Kunstraum Lange Reihe 1 Greifswald Porträt – künstlerische Annäherungen, Falladahaus Greifswald The Summer of 69>>09, CDFI Greifswald

Les Fleurs du Mal, Schloss Güstrow

INSOMNALE, temporärer Kunstraum Alte Post Greifswald INSOMNALE, IPP-Galerie Greifswald

M wie Material, CDFI Greifswald

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Š Franziska Harnisch

Layout, Fotos, Text: Franziska Harnisch, Mandy Witt (S. 18) Greifswald 2011


Profile for Franziska Harnisch

R. L. soll man. k.  

Katalog zu den Ausstellungen Franziska Harnisch 2011

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Katalog zu den Ausstellungen Franziska Harnisch 2011

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