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Gertrude von Holdt-Schermuly

Ăœber allem der Himmel Plattdeutsche Predigten von der Hallig Hooge


Gertrude von Holdt-Schermuly

Ăœber allem der Himmel

Plattdeutsche Predigten von der Hallig Hooge

mit Fotografien von Paul MaaĂ&#x;en


Ein Buch voller Predigten. Predigten im Plattdeutsch der nordfriesischen

Inseln und Halligen. Einer Sprache, die ehrlich ist, direkt, knapp, manchmal auch rau und unverblümt – ein bisschen wie die Menschen, die sie sprechen. „Über allem der Himmel“ ist eine liebevolle Verbeugung vor diesen Menschen. Vor den Halligbewohnern, die Gertrude von HoldtSchermuly auch nach fünfzig Jahren Abwesenheit wieder in ihrer Mitte aufgenommen haben. Und die in vielen Gesprächen erkennen lassen, dass Leben auf Hallig Hooge auch immer Leben mit Gott ist. Ihre Erinnerungen an die Kindheit, ihr Erleben heute hat Gertrude von Holdt-Schermuly niedergeschrieben. Und sie hat diesen Texten Predigten zur Seite gestellt, Predigten op Plattdüütsch, auf Hooge geschrieben und dort in der Johanniskirche gehalten. Auch der Fotograf Paul Maaßen ist seit mehr als dreißig Jahren mit Hallig Hooge eng verbunden. Immer wieder kehrt er zurück, immer wieder macht er lange Streifzüge durch diese Landschaft, die einen nie wirklich loslässt. Die sich aber auch nicht anbiedert und manchmal, bei Sturm und Regen, auch sehr uncharmant daherkommen kann. Paul Maaßen wählt nicht Worte, sondern den nüchternen Blick durch die Kamera, um seine Gedanken und Beobachtungen zu verarbeiten und zu dokumentieren. Aus seinem großen Fundus an Landschaftsaufnahmen stammen die Fotos, die den einzelnen Texten und Predigten zugeordnet sind. Nicht als plakative Bebilderung, sondern als interpretierende visuelle Ergänzung.


Ankunft

Jetzt bin ich wieder hier. Nicht auf der Suche nach dem alten Paradies – aber ich fühle, dass ein bisschen davon geblieben ist. Sie sind freundlich zu mir, fragen, wie sie mich denn anreden sollen und sind erleichtert, wenn ich ihnen den alten vertrauten Namen nenne, oder wenn ich sie mit dem Vornamen und dem Du anspreche. Vertraut und gleichzeitig fremd. Sie wissen nicht so recht, wie sie das Mädchen von damals mit der Frau, die als stellvertretende Pastorin jetzt für sie da ist, zusammenbringen sollen. Anfangs habe ich mich verwundert gefragt, warum sie denn so zurückhaltend sind. Mittlerweile weiß ich, dass ich geduldig sein und warten muss. Ich dränge mich nicht auf. Jeden Tag erobere ich die Hallig für mich neu. Der Himmel über mir gibt das Wechselspiel meiner Gefühle wieder. Mal grau, nebelverhangen und ganz niedrig, als könne man ihn greifen. Dann wiederum blau und fast kitschig rosa, auf der einen Seite die aufgehende Sonne, auf der anderen steht noch der Mond – und der Himmel so unendlich hoch. Der Sturm peitscht mir den Regen ins Gesicht, macht mich schief und krumm, anders ist dagegen kein Ankommen. Ich sehe die vielen angehäuften Steine an der Wasserkante, zum Schutz gegen das Meer, aber auch Abbrüche der Sielzugkanten, und ich ahne etwas von der Kraft des Wassers. Wie lange wird man hier standhalten können? Ich nenne mir die Namen der Inseln und Halligen, die ich am Horizont sehen kann, Föhr, Amrum, Langeneß, Oland, Gröde, Norderoog und Süderoog, Pellworm. Alle haben etwas mit mir und meinem Leben zu tun. Ich spüre Wärme, auch wenn mich friert. Zeit bekommt eine ganz andere Bedeutung. Sie drängt nicht, sie dehnt sich nicht, sie lässt Raum für mich und meine Fragen. Für Gott, für Gespräche, aber auch fürs Schweigen. Ich bin hier, um Zeit zu haben.

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Gott erlöst ok uns

Wi sind op de Weg hen noh Wiehnachten. In dat Hopen, dat allns goot geiht, awer ok, dat Wiehnachten wat mit uns maakt. Uns ut dat ümmer wedder Sülvige ruthoolt. Uns villicht verännert, söken noh dat Unmögliche, dormit dat Mögliche mögli warrt. Dit Hopen un Söken is dor un lett uns meist een bäten opgereegt dör de Gegend lopen, so as wi dat in disse Tied as Kind doon hem. Um Hopen, Söken un dat Lengen noh Verännerung geiht dat ok in unse Predigttext, de bi Jesaja in’t fiefundörtigste Kapittel steiht:

Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Saget den verzagten Herzen: „Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergibt, wird kommen und wird euch helfen.“ Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Land. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und

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wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen. Und es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toten dürfen nicht darauf herumirren. Es wird kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen werden entfliehen. Jesaja 35, 3–10 Wi hem letzte Week Kinkenböme ferdig maakt. Disse lütte Holtböme mit Buxboom umwickelt un behungen mit Swien un Peerd, Fisch un Möhl, Haahn un Schaap, dorto een Keed ut Backplumen un nerden an de Stamm stahn Adam un Eva, um de sik de Slang wind’t. Ik harr öwerhaupt keen Lust dorto. Woto schull ik dat noch maaken? De Kinner sind ut Huus, de Enkelkinner noch to lütt, de Familien wülln ünner sik fiern un dat is ok goot so. Woför denn een Kinkenboom? För mi? Ja, un nu steiht de hier bi mi op een Disch ut Afrika un kikkt mi an. Un mi fallen wedder all de schöne Beleevnisse in, de mit disse Boom tosaamenhangen. Ik seh noch eenmaal de Vörfreude op dat grote Fest in de Oogen vun min Kinner un ik entsinn min Geföhl, een Mischung ut Bangen un Hopen, nieschierig wähn un sik liekes borgen wäten. Ik bin seker, dat geiht nich blots mi so. Wonem kümmt dit Lengen? Worum is dat in unse Hart leggt? Worum is dat Verlangen noh Glück, Freeden un Heelwähn so groot? Liggt dat villicht an dat, wat um uns rum is? Disse Welt? De so schön, denn wedder schreckli un nich to verstahn is, dat wi in’e Knee gahn, unse Ohrn vör luuder Krach nix mehr hörn, unse Oogen vör luuder Informatschonsblitze nix mehr sehn. Min Söhn hett maal seggt, dat he all dat, wat op em instörtet, nich mehr opnehmen un verarbeiden kann un dorum sämtliche Sinne, dör de he mit de Welt verbunnen is, tomaakt. Ik kann dat verstahn un läs denn de Predigttext nochmaals anners. Dat Volk Israel is to de Tied op de Weg vun de Gefangenschaft in Babylon hen noh dat se vun Gott verspraakene Land. Dat is keen sünnige Weg, dat geiht dör Wüste un öwer Bargen, Hunger un Döst sind ümmer dorbi. Een Deel vun se is gor nich mitkaamen, weil se in Babylon een niee Tohuus funnen hem un ok een niee Gott.

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Disse trurige Hupen versprikkt Jesaja Heelwarrn, ok wenn he weet, jüst so as wi noch hüüt, woveel Kneen dat gifft, de sik nich mehr dördrücken laaten, woveel Hannen keen Kraft mehr hem. He süht de, de blind, laahm un doov sind. He bemött Minschen, de för sik un de Welt, dör de se gahn, keen Weg mehr sehn, de an Lief un Seel versehrt sind. Op wen schall man denn noch hörn? Wie gau mutt man rennen, um mittokaamen? Vun hier bit an de Himmel nix as Sand un Steene. An wat könn’n wi uns hooln? Vun wo kümmt uns Hülp? Op wat könn’n wi hopen? Bi Jesaja warrn wi Tüüg vun een wunnerbore Wessel. Nix mehr vun Sand un Steene, keen Hunger un Döst, de Sünn steiht hoch an’e Himmel, de trurige Hupen verwannelt sik in een, de singt un danzt, Gott laavt un priest. De Blinnen könn’n sehn, de Dooven hörn un de Laahmen springen. Awer nich blots de Minschen verännern sik, ok de Welt, dör de se gahn. Water sprudelt ut Sand un Steene, löscht Döst bi Minsch un Tier, lett Gras un Koorn wassen. Manna fallt vun de Himmel un maakt se satt. Dat maakt nu keen Mögde mehr wieder to kaamen, keeneen mutt mehr bang wähn, dat se vun wille Tiern angräpen warrn. Keen Plaag, keen Süffzen mehr, allns is Freeden un Freud. Villicht sind dat Vision’n, villicht Hopen, dat dat sowat gifft. Uns hett de Geschichte mehr as eenmaal wiest, dat Vision’n gefährli wähn un verdarben könn’n. För de Israeliten weern se jüst richdi, ohne Vision’n harrn se wull nich öwerlävt. Jerde Öwerleben hung vun Gott af, dorvun, dat He se nich in Stich lett un in’t laavte Land torüchbringt, se dör de Deepten bringt. Un Gott höllt sin Woort! Hopen. Wie un wat is dat? Wat wäten, wat nich is. Wat föhlen, wat ik nich begriepen kann. Wat smecken, wat nich to sehn is. Wat seggen, wat ik nich seggen kann. Is dat Hopen? Hopen maakt mi de Welt nich künni. Hopen wiest mi nich dat Leben. Hopen nimmt mi keen Plicht af un gifft mi nich een Recht. Hopen hoolt mi ok nich ut min dägliche Allerlei rut, gifft mi keen Deek, de mi todeckt, wenn ik freer, un ok keen gesunne Liev. Hopen schenkt mi keen Kinner, maakt mi nich bäter, schöner, schlauer oder egol. Awer Hopen maakt min Leben ehrlicher, wiest mi, wo ik bin oder wo ik wähn warr. Hopen kennt min Sorgen, gifft mi awer Moot. Hopen kennt min Misstruen un lett mi dorbi niee vertruen. Hopen föhlt de Külle in mi un wiest mi liekes, dat Wärmde dor is. Hopen kennt min Snack, kann mi awer een niee Spraak schenken. Un wi sind mirden in dit Hopen; denn Advent is Hopen

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op dat, wat kümmt, un dat Lengen dornoh. Advent reknet mit Gott. Advent kennt de Spraak vun dat Hopen un nimmt uns dormit rin, wiest uns, dat wi de ok lern könn’n. Dat wüll uns tominnst Jesaja mit sin Text wiesmaaken. Sin Vision warrt vun dat niee Testament opnaahm’n. In de Predigttext för de drütte Advent vertellt Matthäus vun Johannes, de al in’t Gefängnis sitt. Vun dor lett he Jesus dör sin Jünger frogen: „Bist du de, de dor kaamen schall, oder schülln wi op een annere töben?“ Jesus antwoortet em jüst so as Jesaja uns dat Kaamende vörutseggt: „Blinne sehn un Laahme lopen. Wer unrein is, warrt rein, wer doov is, kann wedder hörn, Dode stahn op un arme Lüüd warrt dat Evangelium predigt. Un glückli is de, de mi so nimmt, as wat ik bin.“ Wat för een Vision! Wenn ik mi de vörstelln kunn, wenn ik doran glöben kunn, denn ... Jo, wat weer denn? Jesaja seggt: „Maakt jern Oogen op! Dor is jern Gott!“ Wer seggt mi awer, dat Gott dor is, kann ik em doch, ok wenn ik meen, min Oogen sind op, nich sehn? Sülbst wenn ik dat glöben wull, kann ik mi op de Kopp stellen un dor warrt nix passeern, wenn Gott dat nich wüll. Un dormit weern wi bi de Gloov. Wie oft frogen wi uns: Wat bringt mi dat? Wi verglieken ümmer wedder Insatz mit dat, wat dorbi rutkümmt, un kaamen doch von dit Lengen noh wat, wat wi nich benennen könn’n, nich los. Tagore seggt: „Gloov is de Vagel, de singt, wenn de Nacht noch düüster is.“ Ik finn, dat is een schöne Bild. Noch is dat düüster in uns, noch leben wi in een Welt, de uns ganz fasthöllt, awer wenn wi de Vagel singen hörn, verännert sik de Welt un unse Leben. Dat, wat wi sehn un wohrnehm’n wiest uns op wat Gröteres hen, as dat, wat wi sunst harrn. Wenn wi uns Gott anvertruen, sind wi bi de Spraak, de tövt, beedet, uns hopen lett. Wi marken, dat sik dat lohnt, de Kopp hochtonehm’n, wiedertokieken, öwer unse eegen lütte Gesichtsfeld rut. „Maakt jern Oogen op. Dor is jern Gott“, seggt Jesaja un in’e Epistel hebbt wi hört: „Dat duert nich lang, denn is de Herr dor.“ Un wat is mit uns? Könn’n wi, wenn wi unse Oogen op hem, Gott sehn? Töben wi op em? Ik denk al. Woher schull sunst wull unse Lengen kaamen. Worum schulln wi wull sunst ümmer wedder hopen? Laat uns nich mööd warrn un nich opgäben, de Oogen opholn un wi warrn beleben, dat dat, wat unmögli schient, mögli warrt.

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Gottesdienst

Jeder Gottesdienst ist eine neue Herausforderung. Nicht wegen der vielen Predigten, die zu schreiben sind, sondern weil es schwierig ist, die Lieder auszusuchen. Ohne Orgel ist es schon notwendig, Bekanntes zu haben. Bisher geht das ganz gut, selbst mit vier Gottesdienstbesuchern haben wir gesungen. Mit dem Singen der Liturgie hapert es manchmal. Das liegt aber eher an mir und ich merke, wie selbstverständlich für mich die Orgel ist. Sie hätte mir durch die Liturgie geholfen und ich hätte statt des Gloria patri nicht das Gloria in excelsis gesungen, das während der Adventszeit entfällt. Melodie und Text fallen mir in dem Moment einfach nicht ein. Ebenso beim Abendmahl, alles verläuft gut, ich kann die Einsetzungsworte ohne Stocken und Versprecher. Doch dann sind die Worte weg. Mir fällt nur noch „Christe, du Lamm Gottes ein“ und dann „gib uns Frieden“. Ein Alptraum! Aber es ist, wie es ist, Gott wird es mir wohl vergeben und die Gemeinde auch. So ist eben jeder Gottesdienst etwas sehr Besonderes, auch dadurch, dass der Küsterdienst abwechselnd von den Mitgliedern des Kirchenvorstandes versehen wird. Jeder hat seine eigene Art, und es macht Freude, mit ihnen zusammenzusein. Erstaunlich ist für mich, dass es auch hier einen sogenannten harten Kern gibt. So sind am 2. Weihnachtstag ausschließlich Hooger im Gottesdienst und das mit immerhin einem Zehntel aller Bewohner. In den fünf Wochen, die ich jetzt hier bin – aber anders als auf dem Festland, wo ich auch den Ablauf und die Gebete aufschreibe – muss ich, um sie dann auch vorlesen zu können, alles auf einen Stick speichern und damit ins Schulgebäude, um es auszudrucken. Ein Drucker ist im Pfarrbüro leider nicht vorhanden, und auch der Internetanschluss ist noch ein Wunschtraum. Aber man gewöhnt sich daran. Außerdem gibt es in der Schule immer ein nettes Gespräch, man kann in den zum Verkauf ausliegenden Büchern stöbern, mein Hund Paris findet es dort ganz spannend, und wir machen gleichzeitig unseren Spaziergang. Was will man mehr?

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Jesus – Hogepreester un Minsch

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Dor sind een Masse Lüüd op de Hallig, denn hüüt Abend is Biikebrennen un morgen Petridag. Keeneen weet so genau, wo dat herkümmt, is awers wull al fiert wurrn, as de Christenlüüd hier noch nich so richdig ankaamen weern. De Heiden wulln dormit de fuchtigen Spökers un de Winter verdrieben. Veel laater hebbt denn de Fruuns op de Halligen un Inseln jerde Männer un Söhns, de as Kaptein, Matros, Smudje oder Decksmann op een vun de hollännische Seilschäpe op Walfang gähn, mit de Lüchtbaaken för een lange Tied vun´t Hus op de Weg bröcht. De ganze Küst langs brennten de Füerbaaken un sorgten so för een eenigermaaten sekere Reis. An’n Petridag gähn de Hüür los. Wat hett wull all disse Männer Johr för Johr dorto bröcht, jerde Familien alleen to laaten un op een Reis to gahn, vun de se nich wussen, ob se wedder noh Hus kämen. Dat gäv keen Telefon, keen Internet, keen Handy un mit de Post weer dat ok so’n Saak. Dat hett bedütt, de bi’t Huus wussen de meeste Tied vun’t Johr nich, wo de Männer weern, ob se gesund weern oder villicht gor nich mehr leevten. För de Mannslüüd an’t Bord dat sülvige, keener wusst, wat bi’t Hus op em tövt, wenn he denn trüchkäm. Liekes sind se losfohrt. Is dor een bäten Lust op Niees wähn, de Möglikeit, riek to warrn oder tominnst so veel mit noh Huus to bringen, dat genog för de Familie dor weer? Wer weet dat al. De een oder annere vun se is riek wurrn, hett allerlei feine Kraam mitbröcht, Kacheln, Huusraat, Spitzen un feine Geschirr. Se hem sehn, wie dat Leben woanners is, annere Hüser, annere Sitten kennenlehrt un hem ok dat mit noh Huus naahm’n. Ok dorför hem se disse Reisen maakt, de man nich man eenfach so afhaakte. Dat Leben för de Mannslüüd op See weer hart. Dat Äten blots wat, um satt to warrn. Logies, eng, keen Platz, um alleen to wähn, de Arbeid överall an’t Bord gefährli un nix för Kranke un Lahme. In’e frie Tied keen Radio, keen Fernsehen, de een oder annere hett villicht een poor Böker mithatt, de denn vun Hand to Hand gahn sind. Schräben wurrn is bestimmt, Breeve an Modders, Fruuns, Kinner un Fründinnen, de wull oftmals nich ankaamen sind, weil se nich afschickt warrn kunn’n. Ok sind wull ganz persönliche Lokböker föhrt wurrn. De Bibel is an’t Bord wähn, in de se ok mit Sekerheit läst hem, denn jedereen wusst, ohne dat Vertruen in Gott, ohne sin Hülp, weern se verloren. Un so hett denn de een oder annere sik in sin frie Tied hensett un för sin Kark schnitzt, Figuren vun Apostels oder Hillige un, so as hier för de Hooger Kark, een Döör för een Karkenbank.

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De Johrestahl 1743 sehn wi, een Ehepoor un natürli een Walfischmudder mit ehr Kind, as Teeken för dat, woför se ünnerwägens weern. As Middelpunkt de Inschrift: „Der Ein- und Ausgang mein, lass´ dir, o Herr befohlen sein.“ Dor gifft sik eener ganz in Vertruen an Gott:

Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben. Hebräer 4, 14–16 In de ganze Bibel warrt jümmers wedder vun hoge Preesters vertellt, de as Middelsmann twischen Gott un uns Minschen dor weern. Se weern de Böversten in’e Tempel, se alleen dorven eenmaal in’t Johr in’t Allerhilligste un wurrn dor, as Stellvertreeders för all de Lüüd, vun jerde Sünnen friemaakt. Se bröchten de wichdigsten Offer. Se dorven keen Plack op jerde reine West hem. Dorum kunn de Preester de Samariter, de elennig an de Weg leeg, ok nich hölpen. Dat Blood vun em harr em unrein maakt un he harr Gott nich mehr offern kunnt. De Middelsmann, de Paulus hier meent, is Jesus, an de wi uns mit all unse Noot un Sorgen wennen könn’n. Jesus weet, wovun wi snacken, denn Gott hett em all dat sülm dörläben laaten. He weer elennig un bang, wurr mit Schimp un Schann dorvunjaagt, vun sin Jüngers alleen laaten, versöcht vun de Dübel un is doch nie vun de rechde Weg afgahn. Dorum kann Gott dör sin Offer an’t Krütz för alle Tieden uns vun unse Sünnen friemaaken. Wi hem hüüt ok noch hoge Preesters, de uns een ganze Masse verspräken un ok noch mit Erfolgsgarantie. Wi bruken blots so un so veel Geld in dit oder dat stäken un bums, sind wi all unse Sorgen los. Wi möten uns blots an de richdigen Lüüd hooln, denn sind wi wer. Wi möten blots achterranrennen, denn sind wi op de richdige Weg. Awer wenn’t to’n Stück kümmt, hett dor een Uhl säten. Dat Geld is weg, de richdige Lüüd hem sik ut de Stoff maakt, de Weg weer een Inbahnstraat un wi stahn mit leere Hannen

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dor. Un wi jammern un lamenteeren, föhlen uns ungerecht behannelt, söken noh Schüllige, trekken uns ümmer wieder in uns trüch, laaten de Welt lütt warrn. Awer sind wi nich sülm dorbi? Wi können doch entscheeden, wat wi wülln un wat nich, wem wi achterranlopen. Wi dünken uns doch so groot, so weltaapen, so seker in uns sülm. Wo is dat denn all, wenn wi biester gahn un um Hülp ropen? Wenn wi nich wiederweeten un keen Kraft mehr hem? Meenen jem, dat de mit de groote Klapp, de uns wiesmaaken wulln, allns weer allerbest, hölpen? De sind de Eersten, de kniepen, weil se sülm Hülp bruken. Un wi sind vertwiebelt un söken wieder, meestens an’t verkehrte Enne. Wenn wi överhaupt op de Idee kaamen an Jesus to denken, is dat bit dorhen een lange Weg. In’e Bibel läsen is hüüt nich mehr in un dorum is uns dat, wat Paulus seggt, nich mehr so neeg. Wi hem vergäten, dat Jesus jüst so prööft wurrn is vun’t Leben as wi. Wi sind so mennigmaal in unse Leben bedraagen un enttäuscht wurrn, nich blots vun annern, ok vun uns. Dat wülln wi nich mehr, dorum hem wi vergäten, dat in Gott to vertruen wat anneres is as in Minschen. Dat harrn unse Vörfohrn uns vörut. Se lästen in de Bibel un se wussen, dat se ohne Tovertruen in Gott sin Gnaad nich jerde Familien verlaaten un disse Reisen maaken kunn’n. Dat heet nich, dat se nich ok mehr as genog enttäuscht un bedraagen wurrn sind. De Kammeraadschaft an’t Bord is bestimmt nich ümmer to’n Besten wähn un de Minschen, de se in’e Frömde dropen hem, weern ok keen Engels. Un liekes hem se sik un jerde Kameraaden so annaahm’n as wat se weern, denn se wussen, se brukten sik, um to överleben. Vun de Frömden kunn’n se wat lern. Also worum nich? Ik glööv, de Ünnerscheed to uns is, se dreihten sik nich blots um sik sülm. Dat gäv Högeres, dat gäv Gott un sin Söhn. Dat gäv dat Verspräken, dat se Erbarmen un Gnaad finnen, wenn se Hülp nödig harrn. Doran hem se sik hooln. Dat Verspräken gifft dat hüüt ok noch!

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Zweifel

Heute ist Lotto von der Feuerwehr, schon im Vorfeld wurde betont: nur für Hooger. Mehrmals – auf meine Teilnahme angesprochen – bekam ich das Nein deutlich in den Mund gelegt. Ich wäre sowieso nicht gegangen, Lotto gehörte noch nie zu meinen bevorzugten Beschäftigungen. Oder gibt es da vielleicht doch die Distanz, nach der mich ein Reporter von der dpa einmal fragte, weil ich doch „fremd“ sei. Und die ich bestritt. Ja, Distanz ist da, aber sie grenzt mich nicht aus. Ich bin Teil der Halligwelt, aber die Hooger haben auch noch ihre eigene Welt, so wie ich die meine. Und doch kommt immer wieder die Frage nach der Absicht, die hinter meinem Hiersein steckt. Warum ich? Kann ich ihre Erwartungen erfüllen? Als was sehen sie mich? Bin ich die kleine Tutje mit den langen Zöpfen? Oder bin ich der Eindringling, der sich wie selbstverständlich den Stand von früher zurückerobern will? Immer wieder ist da die Angst nicht zu genügen, nicht dazuzugehören.

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Keeneen is frie von Sünnen

„De in’t Glashuus sitt, schall nich mit Steene smieten.“ De Spruch kenn’n jem oder? Wat doon wi? Wenn man sik dat richdi bekikkt, kann dat eentlich gor keen heele Glas mehr gäben. So veel smieten wi! Wieldat wi, natürli, de meersten Fehler un Vergahn bi de annern sehn un se dorför för schüllig hooln. Wenn wi dat sülvige maaken, is dat in unse Oogen ganz wat anneres! Wi hem för allns een passende Utreed un de annern verurdeeln wi ohne to öwerleggen, eenfach so. Worum doon wi dat. Sind wi villicht bang, dat wi ok för de Döör stahn, nich dortogehörn? In unse Predigttext, de bi Johannes steiht, geiht dat jüst dorum. Wer gehört dorto un wer steiht buten vör?

Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau zu ihm, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: „Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose aber hat uns ein Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?“ Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie nun fortfuhren ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie das aber hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: „Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?“ Sie antwortete: „Niemand, Herr.“ Und Jesus sprach: „So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.“ Johannes 8, 3–11

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Jedesmaal, wenn ik disse Text läs oder hör, frog ik mi, wat Jesus dor in’e Sand schrifft. He, de sik nie nich vun de Minschen afwendt, eenerlei ob se minn oder unvullkaamen sind, deit so, as gähn em de Fru un dat, wat se daan hett, nix an. Awer wendt he sik denn tatsächli af oder brukt he villicht een Oogenblick, um sik een Antwoort to öwerleggen? Wenn ik blots sehn kunn, wat he dor schrifft! Hett dat wat mit mi, mit de Fru oder mit de, de ehr anklaagen, to doon? Ik kann mi noch so veel Mögde geben, ik kann nix vun sin in de Sand Maalte lesen. Villicht de eene oder annere Streek, dat is wenig un liekes gifft dat een Bild. Sin Bild. Wenn de Schrifftgelehrten un de Pharisäers seggen: „Noh Moses sin Gebooden mutt se steenigt warrn“, gifft sin Finger in’e Sand de Antwoort. Ik mutt blots still wähn un hörn könn’n. Dat is so as mit de Jesus, de in unse Kark an de Süderwand hangt. He hett de Oogen to un liekes föhl ik, dat he mi süht. He is stracks op mi tokamen, is för mi dör de Sand un Stoff lopen, hett för mi butenvör stahn. He is bi mi wähn, as ik ok so geern dortogehörn wull. He hett mi bistahn, as keeneen wat vun mi wäten wull. He weer dor un hett mi to verstahn geben, dat Gott ganz neeg bi mi is, mi kennt un noh mi söcht. So is dat ok in unse Geschichte, dör sin Finger, de in’e Sand maalt, süht he de Fru un is bi ehr un se markt dat. Awer bevör he sik ehr towendt, kikkt he de, de ehr anklaagt hem, an un seggt to se: „Wer vun jem noch keen Sünd daan hett, de mag de eerste Steen op ehr smieten.“ Dornoh bückt he sik wedder un schrifft wieder in’e Sand. Un wat maaken de, de sik noch vör een Oogenblick so schreckli klook un wichdi düchten? Se trekken af, ohne noch wat to seggen, liesen, een noh de annere, de Olen toeerst. Wat meenen jem wull, wat dat för een Spiktaakel weer, as se de Fru bröcht hem. All hem se dörnanner schriet, schubst, sik gegensiedi opstachelt. Nix mehr dorvun. Mit hangde Ohren in een regelte Rüchtog verlaaten se de Platz. Wo sind se mit de Steene bläben, de se in’e Hand harrn? Hem se de falln laaten, mitnaahm’n oder in’e Hand behooln? Wer weet dat al? Wat wi weeten is, dat se gahn, so as weer dat Mosegesetz doch Achtung tokaamen un villicht, wieldat se sik frogen, ob se wull ok nich bäter sind as de Fru un ob dat, wat man verurdeelt, mit Steenesmieten ut de Welt to schaffen is. Se sehn Jesus tweemaal mit de Finger in’e Sand schrieben. Is dat een Weg, ok för se, de he opmaalt? Wie süht dat mit uns ut? Slaan wi uns nich ok eerstmaal op de Siet vun de, de anklaagen? Sind wi nich ok unner de, de hier de Fru mit vör Jesus sleepen?

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Stahn wi nich mang all de annern un töben dorop, dat Jesus dat deit, wat he noh unse Meenen doon schall? Denn wer unrecht deit, mutt bestraaft warrn, so is dat nu maal! Dormals hett dat heeten: Een Fru, de mit een annere Mann de Ehe briggt, mutt steenigt warrn. Hüüt hett dat villicht: Wer vör Gott schülli warrt, mutt bestraaft warrn. Un dormaals wie hüüt gellt: Jedeen Sünd fordert ehr Straaf. Awer genau dorvun wüll Jesus weg. Dit Gerechdikeitsdenken is för em öwerjähri. Mit sin-in’e-Weltkaamen is een annere Gerechdikeit wohr wurrn. Dormit sind wi bi de Fru, de dat ganze Spiktaakel tostanne bröcht hett. Wi weeten nix öwer ehr, bit op dat, wat ehr vörsmeeten warrt. Ik kunn mi vörstellen, dat se bang is, sik schämt, för dat, wat se daan hett, awer ok för de Blicke, de de Männer ehr tosmieten. Se föhlt sik naakelt un kann nix dorbi doon. Awer se mischt sik nich in, se wiest ehr Vergahn nich vun sik, se wehrt sik nich, se blifft eenfach stahn un töövt af, wat mit ehr passeert. Villicht föhlt se al de Steene, mit de se räknet. Un denn löppt allns ganz anners. Se kann dat gor nich glöben, de Männer sind all weg. Se kikkt se achternoh un versteiht nix. Op eenmaal is se de Letzte, de mit Jesus alleen op de Platz is. De Letzte weer se dorvör ok al. De Letzte an Wert un Ansehn. Dorum kann se sik ok nich vörstellen, dat Jesus, de ümmer noch op de Sand kikkt, sik ehr towennen warrt. Doch genau dat passeert, he richt’t sik op un süht ehr an un se süht em an. Op sin Frog: „No, Fru, wo sünd se afbleben? Hett di keen een verdammt?“, anwoortet se: „Nee, keen een, Herr.“ Dat is allns, wat se in de ganze Text seggt. Dat „keen een“ kümmt ehr wull licht vun de Lippen, denn se süht sik as „keen een“. „Keen een wüll mi kennen“, mag ehr dör de Kopp gahn. Un doch kriggt dat „keen een“ hier een ganz annere Bedüüden, hört sik ganz anners an, ok wieldat se „Herr“ seggt. Wer een Herrn hett, de is wer. Besunners denn, wenn disse Herr sik opricht’t un di ansüht. Un dit Ansehn is nich so, as wat de Männer dat daan hem un ehr dormit leeg maakt hem. Nee, dit Ansehn richt’t ehr op un schenkt ehr, wat se dorvör nich harr: Ansehn un Wert. Jesus seggt eenmaal, dat he sik een Gemeenschaft wünscht, in de de Letzten de Eersten warrn. Dit hier kunn de Anfang dorvun ween, de wiedergahn kann, denn Jesus vergifft ehr un seggt: „Ja, denn wüll ik di ok nich verdammen. Gah, awer nu sünni ok nich mehr.“ Dat warrt se ok nich doon, hett se doch an’t eegen Liev erfohren, wat Barmhardikeit un Gnaad bedütt. Se, de noh dat Gesetz, wat se natürli kennt, meist mit Steene to Doode bröcht wurrn is, is dorvunkaamen, is frie.

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So een Minsch warrt nix doon, mit dat he sik wedder versünnigt. So een Minsch warrt dat mit de Schuld eernst nehm’n. Jesus vergifft, wat is mit uns? Kieken wi weg, wenn se uns bemött? Wiesen wi mit Fingers op ehr un seggen een to eenanner: Dat is se doch, weeten jem noch? So wat deit man eenfach nich un de löppt hier noch frie rum! Verbeeden schull man dat! Oder snacken wi ehr an, frogen, wie ehr dat geiht, ob se trechkümmt un ob wi wat doon könn’n. Gäben wi ehr een niee Chance? Sind wi barmhardi? De Weekenspruch: „Drägt een den annern sin Last; eerst denn doon jem dat, wat Christus sin Gesetz verlangt“ schull uns to’n Nohdenken nödigen. Denn wat heet dat för uns, wenn wi nu in unse Leben, in de niee Week wedder rutgahn? Ik kann de anner, de so ganz anners is, liekes wohrnehm’n. Ik kann tohörn, wenn eener wat to seggen hett. Ik kann min Hand utstreken, wenn de anner in’t Trudeln kümmt. Ik kann mi Tied nehm’n un dormit de anner dat Geföhl geben, dat ik för em dor bin. Un wenn ik nich wieder weet, kann ik all min Sorgen un Last vör Gott bringen un dörv wiss wähn, dat He min un dat Leben vun de annern heel maakt. Fehlt noch wat? Wat is mit de Mann? To’n Eh’bruch gehörn doch ümmer twee. Worum wurr blots de Fru ansleppt un nich de Mann? Oder kreeg, wie faaken, blots de Fru de Schuld? Weer nich dat eerste Maal! Adam wurr bi de Verdriebung ut Paradies ok ümmer wedder entschülligt. In Moses Gesetten is ganz klaar, dat, in so’n Fall, ok de Mann bestraaft warrt. In unse Geschicht passeert nix dorvun. Villicht wieldat dat gor keen Mann gifft. De Propheten hem nämli as Eh’bruch ok dat Minnachten vun de Bund, de Gott mit sin Volk ingahn is, beteeknet. Wenn dat so is, kann dor ok gor keen Mann wähn un wi möten uns de Frog gefallen laaten, wi dat mit unse Instellung to de Bund twischen Gott un uns bestellt is. Sind wi nich ok villicht unseker in unse Gloov un Twiebel an Gott? Frogen uns, ob Gott öwerhaupt dor is un dat Zepter noch in’e Hand hett? Ok wenn wi dat nich glöben könn’n, Gott lett all unse Twiebel un Frogen to. För Em is blots wichdi, dat wi nich ophooln to söken un dat wi uns vun Em finnen laaten. Um nochmaal op dat Glashuus torüchtokaamen. Wi könn’n je ruhi in’t Glashuus sitten, awer mit Bedacht un de Steen, de wi jüst opsammeln wülln oder villicht al in’e Hand hem, wedder henlegen. Dat is nich an uns to richten, denn Gott richt’t ok nich öwer uns.

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Einbruch

Nach der Verdachtsdiagnose, die ich fünf Tage zuvor erhalten habe, kommt am Freitag die Bestätigung: „mamma carcinom beidseits“. Obwohl ich mich schon damit auseinandergesetzt hatte, erst einmal Hilflosigkeit und Schock. Ich habe immer geglaubt, so etwas könne ich nicht bekommen, so wie ich auch felsenfest daran glaubte, dass mein Fahrrad oder mein Portemonnaie nie gestohlen würden. Ich war doch anders als andere. Wie kindisch! Es beschäftigt mich, aber es geht mir gut. Ich habe meine Predigt geschrieben, in der es um Vertrauen zu Gott geht. Es hat mir geholfen, mich damit auseinanderzusetzen. Ich weiß, ich bin in Gottes Hand. Ich habe es immer gewusst, bin aber immer davor weggelaufen und meinte, ich müsse selbst an der Schraube meines Lebens drehen, es keinem anderen überlassen. Habe mir selbst und allen anderen viel zu viel abgefordert, um letztendlich zu sehen, es nützt sowieso nichts.

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Gott reckt uns de Hand

Stellen wi uns vör, wi sitten mit Jesus sin Jünger twischen Borg un Boom, twischen Himmelfohrt un Pingsten. He hett se alleen laaten, is hen noh sin Vadder, de se nich verstahn, an de se ümmer wedder schüllig wurrn sind. Se stahn dor as de begaatene Pudels, sind trueri, giffti, so ähnli as wi, wenn een Minsch, mit de wi noch so veel gemeensaam maaken wullt harrn, mit de wi noch so veel anfangen un to enne bringen wullt harrn, vun uns geiht. Wat passeert denn mit uns? Wi warrn stahn laaten! Swor in unse Gedanken, leer in unse Harten, lähmt in unse Doon. Wie schülln wi allns alleen torechkriegen? Wer steiht uns nu bi? De Jünger verkrupen sik, sind bang. Solang as wat Jesus bi se weer, weer dat nich licht, wenn se an de Verraat in Gethsemane oder de Dood an’t Krüüz denken, un liekes hett he se nich alleen laaten, hett sik wiest, mit se äten. In Vertruen op em weern se wer, awer ohne em sind se hölplos, ohne rechte Totruen in jerde eegene Kräfte. Op de eene Siet dat Geföhl ohnmächdi to wähn, op de annere Siet dat Hopen op een niee Anfang, een niee Leben, so as wat he se dat ümmer toseggt hett. Um dit vun sin Geföhle hen- un herräten warrn, geiht dat ok in unse Predigttext, de bi Jeremias in’t Ole Testament steiht. De Isrealiten sind ümmer noch in Ägypten in’t Exil. Veele hem dat Hopen op een Nohhuskaamen opgäben, hem sik anpasst, harrn Heimat in dat fremde Land funnen, weern dorbi sik intorichten. Annern wedder käm’n dor öwerhaupt nich mit torecht. Meenten, dat dat doch nich allns wähn kunn. Harrn se nich een Bund mit Gott, de vör alle Tieden gellen schull? Se wussen natürli ok, dat jerde Vörfohrn de mit Gott tonichte maakt harrn un ok bi se nich allns so weer, as wat Gott se dat opgäben harr. Awer se vertrueten liekes dorop. Gott kunn un wurr se doch nich fallen laaten! Un richdi. Dor kümmt een Prophet, de se Trost un Hopen bringt. 40


Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, obgleich ich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: „Erkenne den Herrn“, sondern sie sollen mich erkennen, beide, klein und groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken. Jeremias 31, 31–34 Dat dor Volk Israel! Wat se ok doon, wie oft se sik ok vun Gott afwennen un anner Götter anbeeden, se finnen ümmer wedder noh de eenzige torüch un disse eenzige Gott is ümmer wedder för se dor, lett sik ümmer wedder dorop in, mit se een niee Anfang to maaken, wenn se denn sin Stimm hörn wülln. Wenn man sik so de Geschichte vun Gott un de Minschen ankikkt, süht dat nich so rosi ut. Al in’t eerste Kappitel vertellt Mose, wie Adam un Eva mit sin Verbott umgahn. Dorbi hett he de Minsch maakt as sin Eebenbild. Dat bedütt, Gott schafft sik een Gegenöwer, een mit de He snacken kann. He wüll, dat wi vun Angesicht to Angesicht mit em in Kontakt kaamen. Wenn wi em awer ümmer wedder de Rüch todreihn, ritt de Kontakt af un een Verstännigen is nich mehr mögli. So maakten dat ok Adam un Eva, se wulln sik vun Gott nix mehr seggen laaten, Em liek ween, dat Enne vun’t Leed seeg denn doch ganz anners ut, as se sik dat dacht harrn. As se vun de verbaadene Boom äten harrn, kunn´n se Gott nich mehr ankieken. Mehr noch, se versteeken sik vör em, sogor noch as he se söcht. Se möten dat Paradies verlaaten un verleern dordör de Gemeenschaft mit Gott, denn dorför is dat Paradies een Bild. Un so geiht dat wieder. Ümmer dor, wo Gott mit de Minsch in Harmonie un Gemeenschaft leben wüll, maakt de em een Streek dör de Reeken un löpt twars af, wieldat he sin Frieheit, de Gott em schenkt, anners levt, as Gott sik dat denkt. De Minsch truet Gott nich, sunnern blots sik sülm. Un dormit sind wi mirden in unse Geschichte mit Gott. Hem wi een direkte Kontakt to Gott, so vun Angesicht

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to Angesicht? Wo veele Minschen gifft dat, de „nee“ seggen to Gott? Denn sind dor de, de an’e leewe Gott glöben, em awer in jerde dägliche Leben keen Bedüüden geben. Un wer warrt nich, ok vun uns, ümmer wedder vun Twiebel inhaalt? Mi schient, dat uns dat nich so schreckli veel anners geiht as de Israeliten, jüstso as se hem wi Mögde mit dat eerste vun sin Geboden: „Ik bin de Herr, din Gott, de di ut Ägyptenland, ut de Knechtschaft ruthaalt hett. Du schallst keen annere Götzen blangen mi hem.“ De Götzen vun de Israeliten weern Baal, de Slang, dat güllne Kalv un noch annern. Unse heeten hüüt Macht, Geld, Facebook, Fernsehen, sik sülm leben un bestimmt noch dat eene un annere mehr. Dormaals hett Gott Propheten utschickt, um se wedder torüchtoropen, awer dat lückt nich bi all. Veele wülln eenfach nich hörn! Gott sin Plaan geiht nich op, dorum schickt he se Fiende un Krieg an’e Hals. Israel geiht twei un warrt de Fiend toslaan. Awer de Minschen duern Gott un He schickt se noch maal wedder een Prophet, Jeremias, un lett em seggen: „Süh, de Dag warrt kaamen, dor wüll ik mit dat Huus Israel een niee Bund sluten.“ Un mit de niee Bund wüll He sin Volk sin Anwiesen in’t Binnerste geben, wüll se dat op’t Hart schrieben. As Gott mit Israel de eerste Bund sloten hett, gäv He Mose de Gesetten op Steentafeln mit. De mussen läst, verinnerlicht, hört, wiedergäben warrn un natürli kunnen se ok verfehlt warrn. Wenn nu sin Anwiesen op’t Hart schreeben is, sitt dat in uns binnen, warrt Deel vun uns! Wenn wi dat denn hörn wülln! För uns Christen is de niee Bund in de Minsch Jesus sichtbor, de Gott uns schickt hett, de He uns düütli maaken lett, dat Gott uns söcht. He lett em uns Geschichten vertellen, wo uns dat klaar warrn schall, so as de Geschicht vun de verlorne Groschen, de verlorne Söhn oder dat verlorne Schaap. Oder awer, dat Jesus sik de Minschen annimmt, de wiet weg vun Gott sind, de nich dortohörn. Wi sind dormit meent un Gott lengt noh uns. Jesus gäv sik ganz hen, he levte so, as wat Gott dat wull, storv friewilli för uns an’t Krüüz, wieldat he op Gott hörte un sik sin Anwiesen op’t Hart schreeben hett. Dat Niee Testament nömt Jesus de Mittler twischen Gott un uns Minschen, de Mittler vun de niee Bund. So heet dat bi’t Aabendmohl: „Disse Kelch is dat niee Testament – de niee Bund – in min Blood, dat för jem vergaaten warrt, de Sünnen to vergeben.“ De niee Bund is dör Jesus Christus warrafti wurrn, un wi sind dör unse Gloov an em dormit rinnaahm’n. Twors beeden

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wi noch: „Din Riek warrt kaamen“, wieldat de niee Bund eerst an’t Enne vun de Tied uns so richdi künni warrt, nämli denn, wenn wi uns Gott sin Anwiesen un sin Woort op’t Hart schreeben hem. Wenn wi dorop hörn, nich wieldat wi möten, sunnern dat wülln, vun uns ut. Un liekes kriegen wi bit dorhen af un to maal een Vörgeschmack op dat, wat Gott uns versprikkt. Dat full mi bi’t Schrieben wedder in. Ik heff vör Johrn maal tosaamen mit een Kinnergorn op Plattdüütsch öwer Noah un sin Arche wat maakt. Dor geiht dat ok um de niee Bund, de Gott mit Noah slütt un em as Teeken dorför de Reegenbogen an’n Häben stellt. Disse bunte Bogen is de Bewies för Gott sin Leevde to Minsch un Tier. In de Farben speegeln sik Gott sin Schaffen un verbinnt Himmel un Eerd, Gott un Minschen. Vichelett: een Farv, bi de ik an Lavendelfennen bi’t an’n Häben denk, un ik seh de Farv nich blots, ik kann de ok rüüken. För veele hett disse Farv wat beruhigendes, awer ok wat sehnsüchdiges noh Freeden buten un binnen. Vichelett: Lengen un Hopen op een bätere Welt. Blau: een Stück Himmel, dat uns fröhli maakt. Dat Water, dat Leben versprickt, de Oogen vun een niee lütte Minsch. Blau: De Grenzen verswinnen, dat Swore löst sik op in een beschwingte Sweben. Grön: jüst in disse Tied in ik weet nich woveel verscheedene Schatterungen. Wi holn uns dat Grön in’t Huus, könn’n uns verhaaln, deep inhaleeren. Grön: Symbol för Leben un Vertruen. Geel: Satt lüchten de Kornfeller in’e Sünn. Se rüüken noh Brood. Gülden un kostbor schient de Welt. Geel: De Farv rüttelt an uns. Wi hem keen Grund, in Sorg un Leed to baaden. Dat gifft ümmer wedder Gudes un Schönes, eben Güldenes. Rot: Wat för een Bild, wenn de Sünn deeprot unnergeiht. Rot is dat Blood, dat uns an’t Leben hölt. De Farv, de uns ganz deep in’t Hart dröppt un uns lebenni föhlen lett. Rot: een eenzige Opschrie: Leevde. Dat all hem wi nu al un wenn ik denn an de Anfang vun de Predigt denk, wo ik seggt heff, dat wi twischen Borg un Boom sitten, mutt ik nu an’t Enne seggen: Wi sind nich alleen, Gott wiest sik uns ümmer wedder, un wenn’t in’e Regenbogen is. Villicht schulln wi dor dat neegste Maal an denken, wenn wi een sehn, un ok an Gott sin Verspräken, dat He dör Jeremias gifft: „Ik wüll jem nämli jern Schuld vergäben un dor nich mehr an denken, dat se aftrünni wurrn sind.“

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Abschied und Neubeginn

Und dann ist schon Pfingsten, meine Amtszeit neigt sich dem Ende zu. Wir feiern frรถhliche Gottesdienste, auf Plattdeutsch und Hochdeutsch in einer fast vollen Kirche. An meinem letzten Gottesdienst am 30. Mai keine Spur von Wehmut. Alle wissen, ich bleibe, es geht weiter. Das ist jetzt drei Jahre her. Der Feind in meinem Kรถrper ist zerschlagen, vielleicht liegt er zu einer neuerlichen Attacke auf der Lauer, aber er soll sich noch etwas gedulden. Denn die Geschichte zwischen der Hallig, den Menschen hier und Gott und mir ist noch lange nicht zu Ende.

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ANHANG - Biografisches - Inhaltsverzeichnis - Details zu den Bildern

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Die Autorin:

Gertrude von Holdt-Schermuly kam 1948 auf Pellworm zur Welt. Ihr Großvater kümmerte sich sehr um ihre christliche Erziehung, durch ihn gewann „Kirche“ einen Stellenwert in ihrem Leben. Auch als sie mit fünfzehn Jahren aufs Festland ging, blieb sie ihr eng verbunden. Während des Studiums schob sich anderes in den Vordergrund, sie verlor die kirchlichen Themen ein wenig aus den Augen. Das änderte sich, als ihre vier Kinder am Konfirmandenunterricht teilnahmen – die Kirche rückte damals wieder näher an ihr Leben. Ein persönlicher Schicksalsschlag Mitte der 90er-Jahre wurde zu ihrem Schlüsselerlebnis: Sie machte damals die Erfahrung, dass „Kirche nicht weghört“. Gertrude von Holdt-Schermuly begann zu predigen, zunächst sogar ohne Ausbildung, doch ihr Mentor – der Gemeindepastor und spätere Propst – machte ihr Mut, gab ihr zu verstehen: „Du kannst das“. Gleich ihre erste Predigt hielt sie auf Plattdeutsch. Ende der 90er-Jahre begann sie ihre Lektoren-Ausbildung, später bildete sie sich weiter zur Prädikantin. Als Hallig Hooge 2009 händeringend eine befristete Vertretung für den Pastor suchte, ging alles sehr schnell: Gertrude von Holdt-Schermuly übernahm die Aufgabe, von oberster Stelle ausgestattet mit allen Kompetenzen. Und sie blieb – bis heute. 104


Der Fotograf:

Paul Maaßen ist Niederrheiner, geboren 1955 in Kempen. Nach dem Abitur und einem Ausflug in philologische Fächer studierte er von 1977 bis 1985 künstlerische Fotografie bei Prof. Arno Jansen an der Kunsthochschule in Köln. 1979 verschlug ihn der Ferienjob seiner damaligen Freundin auf die Hallig Hooge. Schnell war klar: Hier wollte er die nächsten Jahre seines Lebens verbringen. Und so eröffnete er 1979 mit einer Geschäftspartnerin die T-Stube auf Hanswarft, die bis heute ein beliebtes Ausflugslokal auf der Hallig ist. Immer wieder zog er damals aber auch mit seiner Kamera los, machte unzählige Fotos, auf Hooge und im nordfriesischen Wattenmeer. Seit 1987 ist Paul Maaßen freiberuflicher Fotograf mit den Schwerpunkten Porträt- und Industriefotografie. Neben Auftragsarbeiten und Workshops realisierte er zahlreiche freie Projekte und Ausstellungen mit Landschaftsfotografien, zuletzt in seiner Heimatstadt Kempen und zum ersten Mal mit Bildern von der Hallig Hooge.

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© 2014 Husum Druck- und Verlagsgesellschaft mbH u. Co. KG, Husum

Satz, Gestaltung und Redaktion: Paul Maaßen Biografische Texte: Sabine Feyen, Kempen Alle anderen Texte: © 2014 Gertrude von Holdt-Schermuly tutje.vonholdt@googlemail.com Alle Fotos: © 2014 Paul Maaßen paul.maassen@gmx.de www.seeraum-werkstatt.de Rat & Tat: Seidemann Design, Wachtendonk www.seidemann-im-netz.de Druck und Verarbeitung: Husum Druck- und Verlagsgesellschaft mbH u. Co. KG, Husum Postfach 1480 D-25804 Husum - www.verlagsgruppe.de Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. ISBN 978-3-89876-729-3

Die Fotografien auf den Seiten 59 und 65 zeigen Arbeiten des Bildhauers Ulrich Lindow, Schobüll.


Ein Buch voller Predigten. Predigten im Plattdeutsch der nordfriesischen Inseln und Halligen. Einer Sprache, die von den Menschen dieser besonderen und rauen Landschaft gesprochen und täglich mit neuem Leben gefüllt wird. In der auch die Predigten von Gertrude von Holdt-Schermuly, einer gebürtigen Pellwormerin und “Pastorin im Nebenberuf” auf der Hallig Hooge, so anders klingen, erscheinen ihre Gedanken op Plattdüütsch doch irgendwie knapper, direkter, unverblümter. Eben ein wenig so wie die Menschen, die hier leben.

ISBN 978-3-89876-729-3


Über allem der Himmel