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16. November – 31. Dezember 2013

Neues koreanisches Autorenkino .

Zwischen Gesellschaftskritik und Publikumshit

Carte blanche Andreas Furler .

Trouvaillen eines Trüffelschweins


HIROKAZU KORE-EDA

LIKE FATHER, LIKE SON

Der zutiefst berührende neue Film des Regisseurs von «Nobody Knows» AB 26. DEZEMBER IM KINO

Die Edition für FilmliebhaberInnen www.trigon-film.org – 056 430 12 30


01 Editorial

13 Jahre sind (nicht) genug Ich habe nicht nachgezählt. Doch seit Januar 2001 dürfte ich an die 100 Editorials im Programmheft des Filmpodiums geschrieben haben, schätzungsweise 200 Einleitungen zu Zyklen und Premieren sowie einige Hundert Kurztexte zu einzelnen Filmen. Rund 5000 davon standen in dieser Zeit auf dem Programm, waren neu oder wieder zu sichten und in aller Welt zusammenzusuchen. Dieses Editorial nun ist mein letztes, denn nach 13 Jahren Co-Leitung des Filmpodiums wechsle ich im Januar zum Filmverleih Trigon, der seit nunmehr 25 Jahren dafür sorgt, dass neben dem amerikanischen und dem EU-­ geförderten Filmschaffen auch das asiatische, afrikanische und lateinamerikanische halbwegs angemessen in unseren Kinos vertreten ist. Ich freue mich riesig auf meine neuen Aufgaben bei diesem – in meinen nicht ganz unparteiischen Augen – wichtigsten Verleiher der Schweiz. Sind 13 Jahre Filmpodium genug? Ja und nein. Nein, weil auch ein ganzes Leben nicht ausreicht, um den Reichtum der Filmgeschichte auszuloten. Viel Raum haben wir in dieser Zeit beispielsweise dem japanischen Kino gegeben – doch viel zu wenig, um die ganze Fülle an Klassikern abzudecken. Jedes Jahr, um ein anderes Beispiel zu nennen, kommen im derzeit spannendsten asiatischen Filmland, Südkorea, weit mehr sehenswerte Filme heraus, als wir Ihnen mit unserer aktuellen Reihe präsentieren können. Die Entdeckungsreise des Filmpodiums wird nie zu Ende sein. Dennoch sind 13 Jahre genug für einen, der 39-jährig zum Filmpodium kam. Bis zum Pensionsalter dauert es nochmals so lang, und eine weitere ­Fellini- oder Bergman-Retro hätte ich bei aller Liebe zu diesen Regisseuren nicht machen mögen. Den stets erträumten Hollywood-Pre-Code-Zyklus schliesslich wird irgendwann vielleicht meine langjährige liebe Kollegin ­Corinne Siegrist-Oboussier oder mein Nachfolger Michel Bodmer realisieren. Michel, viele Jahre lang Garant für eine exzellente Spielfilmauswahl beim Schweizer Fernsehen, lernen Sie in der Januarausgabe dieses Hefts näher kennen. Für den Moment kann ich ihm und Corinne nur gratulieren zu dieser Wahl. Ein besseres Gespann für die Zukunft des Filmpodiums kann ich mir nicht vorstellen. Zuletzt stünde hier der Dank an viele, den ich aber lieber mündlich bei meiner Abschiedsvorstellung am 18. Dezember ausspreche. Sie, liebe Film­ podiumsgäste, sind dazu an erster Stelle eingeladen; ohne Ihr Vertrauen hätte ich das Filmpodium keine 13 Tage mitleiten können. Andreas Furler Titelbild: Poetry von Lee Chang-dong


02 INHALT

Carte blanche Andreas Furler 04 Als Filmjournalist war Andreas Furler bei seinem Stellenantritt im Dezember 2000 mit dem aktuellsten Filmschaffen und der Filmgeschichte bestens vertraut. Doch auch als Profi kann man nicht alles gesehen haben, und so ermöglichte ihm die Arbeit im Filmpodium so manche Entdeckung. Für sein Abschiedsprogramm hat er darum ausschliesslich Filme gewählt, die er dank dem Filmpodium erst kennenlernte. Die Reise geht über 17 Stationen von Stummfilmen in wilder Naturlandschaft (Berg-Ejvind und seine Frau und Eskimo) über Konrad Wolfs erschütterndes Kriegsdrama Ich war neunzehn bis zu Fantastic Mr. Fox, mit erstaunlichen Zwischenhalten bei The 39 Steps und Le diable au corps. Und schliesslich geht mit The West Wing auch ein bisher unerfüllter Wunsch in Erfüllung. Bild: Una vita difficile

Neues koreanisches  Autorenkino

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Die Republik Korea gehört heute zu den produktivsten Filmländern – ihr Filmschaffen findet international immer mehr Beachtung und spricht gegenwärtig auch auf dem heimischen Markt ein Massenpublikum an. Unsere Reihe dokumentiert diese Blüte mit zehn Autorenfilmen, die einen kritischen Blick auf die koreanische Gesellschaft werfen. Bild: Fatal

Lateinamerika-Wochenende

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Seit 25 Jahren bereichert die Stiftung Trigon-Film das hiesige Kinoangebot mit Filmen aus Süd und Ost und hat uns so manche Entdeckung aus unbekannten Filmterritorien geschenkt. Zum Jubiläum präsentieren wir Klassiker und Neuheiten aus Lateinamerika und freuen uns, einen der Grossen aus Argentinien im Kino begrüssen zu dürfen: Fernando E. Solanas.


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Zum Weltbehindertentag

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Drei Dokumentarfilmpremieren geben uns Einblicke in die Welt und das Leben von Menschen, die gemeinhin als «behindert» gelten und uns durch ihre besonderen Fähigkeiten verblüffen.

Das erste Jahrhundert  des Films: 1993

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1993 war ein Kinojahr voller Glanzlichter. Wir haben uns für Filme entschieden, die im Filmschaffen bis heute Spuren hinterlassen haben, sei es thematisch, stilistisch oder durch revolutionäre Technik.

Cinema Italiano

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Schon zum 5. Mal ist das Tournee­ festival mit italienischen Neuheiten zu Gast; wir ergänzen es um die Premiere von Bernardo Bertoluccis subtilem Geschwisterfilm Io e te. Bild: Scialla!

Premiere: «The Orator»

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Mit seinen atemberaubenden Bildern, seiner berührenden Hauptfigur und seiner packenden Geschichte einer Aussenseiterfamilie hat es der erste Spielfilm aus Samoa auf Anhieb zur Oscarnomination als «Best Foreign Language Film» geschafft. In dieser Welt greifen alter Aberglaube, christliche Moral und neuer alter Machismo subtil ineinander. Bild: The Orator

Einzelvorstellungen

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Filmpodium für Kinder: Anne liebt Philipp IOIC-Soiréen: Hamlet und El sexto sentido Sélection Lumière: Howards End Tage für Neue Musik


05 Carte blanche Andreas Furler

Trouvaillen eines Trüffelschweins Dreizehn Jahre lang war Andreas Furler Co-Leiter des Filmpodiums, per Januar 2014 wechselt er zum Verleih Trigon-Film. Aus den rund 5000 Filmen, die er seit Dezember 2000 fürs Filmpodium mit ­ausgewählt hat, zeigt er zum Abschied eine kleine Auswahl von Entdeckungen, die er seiner Arbeit fürs Filmpodium verdankt. Je länger sich jemand beruflich mit Filmen beschäftigt, desto quälender wird für ihn die Frage, die unvermeidlich immer wieder einmal gestellt wird: Welches sind denn deine Lieblingsfilme? – Meine Lieblingsfilme?! Die Frage löst in meinem Kopf jedes Mal bestürzte Leere aus, bestenfalls ein Kuddelmuddel von Titeln, die sicher gerade nicht meine Lieblingsfilme sind, oder mindestens nicht jene, die mir aus unerklärlichen Gründen teurer sind als 1000 andere Meisterwerke. Panik also! Was geht vergessen, wenn ich jetzt einfach ein paar Standards wie Otto e mezzo, Vertigo oder Trouble in Paradise ausspucke? Wobei: Was ist daran auszusetzen? Kann man bei einem Film wie Otto e mezzo denn je etwas anderes tun, als sturzbetroffen vor seiner Kühnheit, seinem Charme und Witz, seiner Melancholie und Schönheit in die Knie zu sinken? Natürlich ist das ein Film für die Insel, genauso wie Manhattan (der erste Film, in dessen Hauptdarstellerin ich mich heillos verliebt habe), Rashomon (der erste, über den ich mich seitenlang verbreitet habe), Raging Bull (der erste, um den herum ich eine Retro bastelte), L’eclisse (alle drei obigen Kriterien zutreffend) oder Citizen Kane (keines der obigen Kriterien zutreffend, doch genau so grossartig). Zu meiner Zeit als Filmkritiker habe ich mich gegen die leidige Lieblingsfilmfrage noch mit einer derartigen Fixsternliste gerüstet; heute, dreizehn Jahre und schätzungsweise zehntausend Kinostunden später, fürchte ich, dass auch ein Leintuch nicht mehr dafür ausreichen würde. Keine absoluten, ohnehin nimmer eruierbaren Lieblingsfilme also umfasst diese Abschieds-Carte-blanche, sondern ausschliesslich solche, die ich nicht kannte, bevor ich zum Filmpodium kam, und die ich dank dem Filmpodium erst für mich entdeckt habe. Der Reigen begann 2001 mit einem mir gänzlich unbekannten Filmemacher aus der DDR, den mein filmgeschichts>

Packend und humorvoll: In Eskimo prallen Inuit- und weisse Kultur aufeinander < Liebevoller Blick auf Irrungen und Wirrungen im Kloster: Almodóvars Entre tinieblas

<

Überwältigende surreale Gags und Ausstattungsdetails: Fantastic Mr. Fox


06 festerer Kollege Martin Girod zu meiner Beunruhigung gleich mit Koni titulierte (ja, gemeint ist Konrad Wolf beziehungsweise sein autobiografischer Weltkriegsfilm Ich war neunzehn), doch schon eine Programmstrecke später stiess ich im Alleingang auf ein weiteres unvergessliches Werk mit einem «Ich» im Titel: Ich liebte sie (Drei Romanzen), der dokumentarische Essay des Russen Viktor Kossakovsky über die Allmacht der Liebe in drei Lebensaltern und das herzzerreissende Drama, wenn letztere zurückgewiesen wird oder scheitert. So ging es dreizehn Jahre lang: Ich führte das Leben eines Trüffelschweins, das sich gegen Entgelt von den tiefsten Sedimenten bis zu den taufrischen Ablagerungen der Filmgeschichte durchwühlen durfte. Als sich diese Zeit des wohligen Wühlens im Sommer dieses Jahres nun absehbar dem Ende zuneigte und ich mir erstmals einen Überblick über die angesammelten Trouvaillen zu verschaffen versuchte, umfasste die resultierende Liste bald wieder neunzig Filme. Das Eindampfen von Listen bzw. das Streichen «nicht zwingender» Titel allerdings ist nach dem grossen Sichten ja die Quintessenz des Programmgeschäfts – wozu die ewige Sucht von uns Programmmachern nach Gesamtwerkschauen, wenn selbst Giganten wie Billy Wilder oder Ingmar Bergman reihenweise Zweitrangiges gedreht haben? Selbst die fünfzehn Fundstücke, die nach dem grossen Aussieben noch in dieser Auswahl verblieben sind, vermitteln aber hoffentlich einen Eindruck von der Fülle und Bandbreite des Grossartigen, das im Filmpodium jahrein, jahraus über die Leinwand flimmert. Einen zusätzlichen Liebling (drei Folgen der amerikanischen Fernsehserie The West Wing) habe ich reingeschmuggelt, weil ich jahrelang vergeblich nach einer günstigen Gelegenheit gesucht habe, ihn in einer unserer Reihen unterzubringen. Trüffelschweine haben nun einmal eine Mission; die meine gilt ab morgen wieder dem Gegenwartskino. Schon übermorgen aber sitze ich wieder im Filmpodium, um mir ein paar Stummfilme mit berückender Livebegleitung anzusehen. Der eine oder andere Trüffel wird sicher darunter sein! Andreas Furler

AFU’S LAST PICTURE SHOW

ABSCHIEDSVORSTELLUNG MI, 18. DEZ. | 18.00 UHR

Mit der Vorführung von W.S. Van Dykes Dokudrama Eskimo (USA 1933) v­ erabschiedet sich Andreas Furler nach 13 Jahren als Co-Leiter vom Filmpodium der Stadt Zürich. Im ­Anschluss an die Vorstellung sind Gäste und Publikum zu einem Apéro im Kinofoyer eingeladen.


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Carte blanche Andreas Furler.

BERG-EJVIND UND SEINE FRAU (Berg-Ejvind och hans hustru) Schweden 1918

Island Mitte des 18. Jahrhunderts. Der Geächtete Berg-Ejvind findet unter falschem Namen Arbeit bei Bauern und bändelt mit einer vermögenden Witwe an. Sein Rivale, der Landvogt, erfährt von seiner Vergangenheit und will ihn festnehmen. Das Paar flieht in die Berge, wo es einige Zeit ein primitives, aber glückliches Leben führt. Doch der Vogt bleibt ihm auf den Fersen. Einer der radikalsten Filme, die mir in den zehn Jahren seit Beginn unseres jährlichen Stummfilmfestivals begegnet sind. Der schwedische Stummfilm-Übervater Victor Sjöström, vielen nur noch als Schauspieler und alter Mann in Ingmar Bergmans Wilde Erdbeeren bekannt, legte hier fast zehn Jahre vor seinen amerikanischen Meisterwerken mit Lilian Gish (The Scarlett Letter, The Wind) einen seiner ersten grossen Würfe vor, die erhalten geblieben sind: die Geschichte einer Amour fou, die sich mit ebenso unerwarteter wie unerbittlicher Folgerichtigkeit in ihr Gegenteil verkehrt. Jean-Loup Passek, langjähriger Filmkurator am Centre Georges Pompidou in Paris, dekretierte kurzerhand: «Sjöströms bester und modernster Film.» (afu)

GIRL SHY USA 1924 Der Slapstick-Virtuose Harold Lloyd bildet zusammen mit Charles Chaplin und Buster Keaton das Dreigestirn der Stummfilmkomik. Dass er weniger gut gealtert hat als die beiden andern Giganten wird häufig mit seiner streberhaften Fassade begründet, hat möglicherweise aber vielmehr mit der Schlaumeierei zu tun, die sich oft dahinter verbirgt und uns Ellbögelei als Inbegriff der Lebenstüchtigkeit verkauft. Im kollektiven Filmgedächtnis haften geblieben sind mit gutem Grund die Fassadenklettereien, mit denen Lloyd in Safety Last und anderen Filmen der Schwerkraft spottet. Genauso atemberaubend jedoch ist das Rennen gegen die Zeit, mit dem er in Girl Shy als schüchterner Schneider und Möchtegern–Casanova die Eheschliessung seiner Angebeteten mit einem Heiratsschwindler zu verhindern versucht. Ähnlich wie in Safety Last nimmt die Kaskade der haarsträubenden Beinahe-Unfälle fast den halben Film ein, wie bei allen grossen Slapstickfilmen wird das Actionkino konsequent als hinreissender Nonsense ausgebildet. Zum Vergleich zeigen wir als Vorfilm Buster Keatons The Paleface. (afu) ca. 80 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, engl. Zw’titel // REGIE

ca. 100 Min / viragiert / 35 mm / Stummfilm, schwed. + dt.

Fred Newmeyer, Sam Taylor // DREHBUCH Sam Taylor, Ted

Zw’titel // NEUE KOPIE // REGIE Victor Sjöström // DREH-

Wilde, Tim Whelan // KAMERA Walter Lundin // MIT Harold

BUCH Victor Sjöström, Sam Ask, nach dem Theaterstück von

Lloyd (Harold Meadows, der arme Junge), Jobyna Ralston

Jóhann Sigurdjónsson // KAMERA Julius Jaenzon // MIT

(Mary Buckingham, das reiche Mädchen), Richard Daniels

­Victor Sjöström (Berg-Ejvind), Edith Erastoff (Halla, seine

(Jerry Meadows, der arme Mann).

Frau), John Ekman (Arnes, der Schafdieb), Niels Aréhn (Björn Bergstinsson, der Gemeindevogt).

THE PALEFACE USA 1922 Weisse Ölbosse haben die Indianer mit faulen Tricks um ihr Land gebracht. Zur Rache wollen die Rothäute das erste Bleichgesicht, das ihren Weg kreuzt, an den Marterpfahl binden. Natürlich stolpert Buster als Erster ins Tipilager. Wie stets bewahrt Buster Keaton­hier mitten im Schlamassel unerschütterlich die Übersicht. Ist dieser Zweiakter auch noch nicht auf der schwindelerregenden Höhe von Our Hospitality oder The General, so sind viele Gags doch schon virtuos inszeniert, und die Improvisationskunst, Keatons Kernkompetenz, ist fabelhaft. (afu) 20 Min / sw / Digital HD / Stummfilm, engl. Zw’titel // DREHBUCH UND REGIE Buster Keaton, Edward F. Cline // KAMERA Elgin Lessley // MIT Buster Keaton (Little Chief Paleface), Joe Roberts, Virginia Fox.

ESKIMO USA 1933 Nach einigen Abstechern in die echte und in die nachgebaute Südsee (White Shadows in the South Seas, Tarzan the Ape Man) reiste der MGM-Regisseur Woody Stronghold Van Dyke 1933 an den Westrand Alaskas, wo er hauptsächlich mit Laiendarstellern dieses ebenso packende wie humorvolle Dokudrama über den Zusammenprall der Inuit mit der weissen Kultur drehte. In offensichtlicher Anlehnung an Robert Flahertys semidokumentarischen Meilenstein Nanook of the North von 1922 erzählt Van Dyke vom fotogenen Jäger Mala, dessen Alltag zwischen aufregenden Jagden auf Walrösser und Karibus und einem friedvollen Sippschaftsleben (inklusive freizügigem Flottieren der Ehefrauen) zu einem jähen Bruch kommt, als Malas Frau vom weissen Kapitän eines Handelsschiffs vergewaltigt wird. Bis auf einige ungeschickte Rückprojektionen hat alles an diesem Film eine Aura von märchen-


> The Paleface.

> Le diable au corps.

> Berg-Ejvind und seine Frau.

> The 39 Steps.


09

Carte blanche Andreas Furler. haft übersteigerter Authentizität: Die Natur- und Tieraufnahmen sind mirakulös, die Jagdszenen unzimperlich und die Propagierung der Eskimologik von subversivem Schalk. Kurz nach der Premiere von Eskimo wurde in Hollywood endgültig die puritanische Selbstzensur des Production Code etabliert, die einen vergleichbaren Film für die folgenden dreissig Jahre undenkbar machen sollte. Eskimo überforderte das zeitgenössische Publikum und floppte, sein Hauptdarsteller jedoch konnte in Hollywood bis in die frühen fünfziger Jahre Arktik- und Südseebewohner verkörpern, und der Regisseur fand schon ein paar Monate später mit der Krimikomödie The Thin Man ein Erfolgsrezept, das es bis 1947 auf fünf Sequels bringen sollte. (afu) 117 Min / sw / 35 mm / OV/e/f + E/f // REGIE W. S. Van Dyke // DREHBUCH John Lee Mahin, nach zwei Romanen von Peter Freuchen // KAMERA Clyde De Vinna, Josiah Roberts, George Nogle, Leonard Smith // MUSIK William Axt // SCHNITT Conrad A. Nervig // MIT Ray Wise alias Mala (Mala, auch Kripik genannt), Lotus Long (Iva), Joseph Sauers (Sergeant Hunt), W. S. Van Dyke (Inspektor White), Peter Freuchen (Kapitän).

THE 39 STEPS GB 1935 Als eine Agentin in der Londoner Wohnung eines ahnungslosen Kanadiers ermordet wird, gerät dieser in eine Zwickmühle zwischen der Polizei, die ihn verdächtigt, und einem Spionagering, der verhindern will, dass er die Mission der Ermordeten zu Ende führt. Fritz Göttler schrieb ein Jahr vor meinem Stellenantritt beim Filmpodium zur Reedition dieses Schlüsselfilms aus Alfred Hitchcocks britischer Schaffenszeit: «Kino unter Volldampf, Filme voll in Fahrt. Nie, heisst es unisono in der Filmgeschichte, war Hitchcock so gut drauf wie Ende der Dreissiger, im Endspurt seiner britischen Phase.» (Filmpodiumszeitung, Juli/August 1999) Ergänzend ist höchstens anzumerken, dass The 39 Steps auch für Hitchcock-Afficionados ein spezielles Vergnügen darstellt, weil der Film eine Tour d’Horizon von Motiven bietet, die Hitchcock in seinen Hollywood-Filmen fortspann. (afu) 86 Min / sw / 35 mm / E/d/f // REGIE Alfred Hitchcock // DREHBUCH Charles Bennett, Alma Reville, Ian Hay, nach dem Roman von John Buchan // KAMERA Bernard Knowles // MUSIK Louis Levy, Hubert Bath, Jack Beaver // SCHNITT

LE DIABLE AU CORPS Frankreich 1947 Gegen Ende des Ersten Weltkriegs verliebt sich ein Gymnasiast in einem Pariser Vorort in eine junge Frau, die bereits mit einem Soldaten an der Front verlobt ist. Die Liaison wird vom Vater des Jungen mit Nachsicht beobachtet, von der Mutter der jungen Frau hingegen entschieden bekämpft – und nimmt umso obsessivere Züge an. Nach einer zeitweiligen Trennung des Paares und der Blitzverheiratung der Frau setzen sich die Liebenden immer unverblümter über die gesellschaftlichen Tabus ihrer Zeit hinweg, während sich der Krieg dem Ende zuneigt und die Heimkehr des Ehemanns absehbar wird. Der lebenslange Nonkonformist Claude Autant-Lara schlägt sich in diesem legendären Film der unmittelbaren Nachkriegszeit kompromisslos auf die Seite der Liebenden, ganz gleich wie naiv und unbekümmert um die Wechselfälle der grossen Geschichte die beiden ihr «egoistisches» Ziel verfolgen. Micheline Presle und Gérard Philipe, zur Zeit der Dreharbeiten beide 24, geben die 20-jährige Heldin und den 17-jährigen Helden mit innerer Überzeugung, und die Kamera beschwört das Klima von Gefühlsüberschwang und Verlorenheit mit zauberhafter Lichtmalerei. Vorlage bildete der autobiografische Roman des 20-jährigen Jungtalents Raymond Radiguet, dessen Erscheinen 1923 einen Skandal auslöste, weil er als Verhöhnung der Weltkriegsveteranen aufgenommen wurde. Radiguet starb noch im Erscheinungsjahr; Autant-Laras Adaptation löste 1947 einen weiteren Skandal aus, obschon man diese Einladung zum antivaterländischen Ehebruch mittels einer Vorspannerklärung als Zeugnis einer weltkriegsverwirrten Jugend um 1918 ausgab. (afu) 110 Min / sw / 35 mm / F/d // REGIE Claude Autant-Lara // DREHBUCH Jean Aurenche, Pierre Bost, nach dem Roman von Raymond Radiguet // KAMERA Michel Kelber // MUSIK René Cloërec // SCHNITT Madeleine Gug // MIT Gérard Philipe (François Jaubert), Micheline Presle (Marthe Grangier), Jean Debucourt (Monsieur Jauber), Denise Grey (Madame Grangier), Jean Varas (Jacques Lacombe), Pierre Palau (der Concierge), Jacques Tati (ein Offizier).

ENGEL DER VERLORENEN (Yoidore tenshi) Japan 1948 Reedition mit neuer Kopie

Derek N. Twist // MIT Robert Donat (Richard Hannay), Madeleine Carroll (Pamela), Lucie Mannheim (Miss Annabella Smith), Godfrey Tearle (Professor Jordan), John Laurie (John Crofter), Peggy Ashcroft (Margaret, Crofters Ehefrau), Helen Haye (Mrs. Jordan), Alfred Hitchcock (Passant vor Bus).

Fünf Jahre nach dem Debüt mitten im Krieg war Engel der Verlorenen bereits Akira Kurosawas siebter Film und ein mehrfacher Durchbruch zur Grösse: Nach eigenem Bekunden fand Kurosawa


> Engel der Verlorenen.

> Two Weeks in Another Town.

> Nobody Knows.


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Carte blanche Andreas Furler. hier erstmals zu genuiner Autorenschaft; gleichzeitig war es sein erster Film mit Toshiro Mifune, mit dem er 16 seiner nachfolgenden 17 Filme drehen sollte. Der 28-jährige Mifune spielt einen cholerischen jungen Gangster, der mit einer Schussverletzung zum Titelhelden des Films kommt, einem dauerbetrunkenen Slumdoktor, der von Kurosawas anderem Lieblingsschauspieler, Takashi Shimura, gespielt wird. Der junge Gangster und sein kratzbürstiger Vaterersatz liefern sich ein Dauerduell der Wutausbrüche, nachdem der Arzt seinem widerwilligen Patienten nicht bloss TB, sondern auch Unsicherheit und Feigheit hinter der harten Fassade diagnostiziert hat. Das anfänglich noch eindimensionale Ringen um die psychische und physische Existenz des Angeschlagenen weitet sich zu einem kraftvoll düsteren Porträt der japanischen Nachkriegsgesellschaft, als der kriminelle Mentor des jungen Gangsters auf der Bildfläche erscheint und sich die Szenerie, die um einen typhusverseuchten Bombenkrater mitten in Tokio angelegt ist, um Strassenszenen und einen bordellartigen Nachtclub voller windiger Figuren weitet. Wie Jay Carr in seinem Artikel für Turner Classic Movies treffend anmerkt, oszilliert Engel der Verlorenen zwischen einem Warner-Gangsterfilm der frühen dreissiger Jahre und italienischem Nachkriegsrealismus. Und doch macht Kurosawa etwas ganz anderes daraus: einen expressionistisch überhöhten Gegenwarts-quasi-Samuraifilm. (afu)

von 300 000 Pfund abfotografierte Geheimdokumente, darunter die Pläne für «Operation Overlord», die Landung der Alliierten in der Normandie. Doch das Nazi-­Heereskommando in Berlin hielt die Unterlagen für eine britische Finte und machte kaum Gebrauch davon. Ein damaliger deutscher Botschaftsangestellter resümierte die Geschehnisse später in einem Bestseller, um den sich britische und amerikanische Mogule rissen. Darryl F. Zanuck von Twentieth Century Fox machte das Rennen und vertraute die Regie Mankiewicz an, der ein bereits bestehendes Script brillant überarbeitet und sich mit All About Eve ­soeben als einer der Topregisseure des Studios empfohlen hatte. Wichtigste literarische Freiheit gegenüber dem realen Fall war seine Anreicherung um ein «love interest», Masons/Ciceros Obsession für Darrieux in der Rolle einer verarmten polnischen Gräfin, mit der er sich nach Rio absetzen will. Der Verräter, die Gräfin, der britische und der deutsche Botschafter sind sich absolut ebenbürtig in diesem Spiel, jeder Schachzug strotzt vor Doppelbödigkeit und böser Ironie: 108 Minuten reine Schaulust. (afu) 108 Min / sw / 35 mm / E/d/f // REGIE Joseph L. Mankiewicz // DREHBUCH Michael Wilson, Joseph L. Mankiewicz, nach dem Buch «Operation Cicero» von L. C. Moyzisch // KAMERA Norbert Brodine // MUSIK Bernard Herrmann // SCHNITT James B. Clark // MIT James Mason (Diello), Danielle Darrieux (Anna Staviska), Michael Rennie (George Travers), Walter Hampden (Sir Frederic), Oscar Karlweis (Moyzisch), Herbert

98 Min / sw / DCP / Jap/d // REGIE Akira Kurosawa // DREH-

Berghof (Col. von Richter), John Wengraf (von Papen).

BUCH Keinosuke Uekusa, Akira Kurosawa // KAMERA Takeo Ito // MUSIK Fumio Hayasaka // SCHNITT Akira Kurosawa // MIT Takashi Shimura (Sanada, Arzt), Toshiro Mifune (Matsu-

UNA VITA DIFFICILE

naga, Gangster), Reisaburo Yamamoto (Okada, Gangster-

Italien 1961

boss), Michiyo Kogure (Nanae, Matsunagas Freundin).

FIVE FINGERS USA 1952 Den amerikanischen Writer-Director Joseph L. Mankiewicz, den britischen Leading Man James Mason und seine französische Kollegin Danielle Darrieux kannte ich nur von einigen wenigen Filmen, als ich Ende 2000 zum Filmpodium kam. Mit dem Spionagethriller Five Fingers nahmen mich alle drei ein für allemal für sich ein. Mit jener schwerelosen Eleganz, die nur wahre Könnerschaft hervorbringt, rollt dieses «einzige Meisterwerk des Spionagegenres in der Filmgeschichte» (Bertrand Tavernier) die reale «Affäre Cicero» auf, die sich im neutralen Ankara 1943/44 abspielte. Der Kammerdiener des britischen Botschafters, ein Mann von makellosen Manieren und eiskaltem Ehrgeiz, verkaufte den Deutschen damals für den rekordverdächtigen Gesamtpreis

Für einen ehemaligen Partisanen und engagierten Journalisten im Rom der Nachkriegszeit und des Aufschwungs der fünfziger Jahre ändert sich das leichte Leben, als er bemerkt, dass Ideale zusehends über Bord geworfen werden. Zunächst behält er seinen «aufrechten Gang» bei, doch findet er dafür wenig Verständnis bei seiner Frau, der er einst das Blaue vom Himmel versprochen und dann nur eine schäbige Bleibe beschert hat. Von seinem eigenen Idealismus überfordert und in eine tiefe Krise gestürzt, scheint er endlich zu Kompromissen bereit. Eine Fabel über den schrittweisen Verlust der Ideale und Illusionen? Oder die Geschichte eines verbiesterten Idealisten, der endlich zur Räson kommt und seinen Frieden mit der Realität macht? Der Film, der oft als Dino Risis erstes Meisterwerk bezeichnet wird, funktioniert weder nach dem einen noch nach dem anderen Muster – gerade das macht seine Faszination aus. Alberto Sordis Antiheld pendelt vom ersten Moment an


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Carte blanche Andreas Furler. zwischen Idealismus und Opportunismus, einigermassen geschicktem Agieren und akuter Ungeschicklichkeit, und die Zeitgeschehnisse vom letzten Kriegsjahr über die Anfänge der Republik bis zur neuen Wohlstandgesellschaft der anbrechenden sechziger Jahre lassen ihn immer wieder im rechten Moment das Falsche und im falschen Moment das Richtige tun. Sordis und Risis Kunst zeigt sich dabei in der zwanglosen Balance zwischen Drama und Farce: Ihr Protagonist ist weder ein reiner Tor noch ein Held von tragischer Grösse, sondern schlicht ein Mann von Normalformat, der seine paar Ideale mit unterschiedlicher Überzeugung und wechselndem Glück verficht. (afu)

Charisse ist eine Kamikaze-Fahrt, die keinen Moment die Rückprojektion zu kaschieren versucht, weil es hier ja buchstäblich um eine Rückprojektion in die Amour fou dieses Paares geht. (afu) 107 Min / Farbe / 35 mm / E/f // REGIE Vincente Minnelli // DREHBUCH Charles Schnee, nach dem Roman von Irvin Shaw // KAMERA Milton Krasner // MUSIK David Raksin // SCHNITT Adrienne Fazan, Robert J. Kern // MIT Kirk Douglas (Jack ­Andrus), Edward G. Robinson (Maurice Kruger), Cyd Charisse (Carlotta), George Hamilton (Davie Drew), Dahliah Lavi (Veronica), Claire Trevor (Clara), James Gregory (Brad Byrd).

ICH WAR NEUNZEHN DDR 1968

115 Min / sw / 35 mm / I/d/f // REGIE Dino Risi // DREHBUCH Rodolfo Sonego // KAMERA Leonida Barboni // MUSIK Carlo Savina // SCHNITT Tatiana Casini Morigi // MIT Alberto Sordi (Silvio Magnozzi), Lea Massari (Elena Pavinato), Franco ­Fabrizi (Franco Simonini), Lina Volonghi (Amelia Pavinato), Claudio Gora (Bracci), Antonio Centa (Carlo, Elenas Freund), Vittorio Gassman (er selbst), Silvana Mangano (sie selbst).

TWO WEEKS IN ANOTHER TOWN USA 1962 Drei Jahre nach seiner Versenkung in eine Klinik erhält ein ausgebrannter Hollywoodstar ein Rollenangebot von jenem Regisseur, mit dem er einst seine grössten Erfolge gefeiert hat. In der Hoffnung auf ein Comeback fliegt er zu den Dreharbeiten nach Rom, wo ihn statt eines Neustarts lauter alte Chimären erwarten, allen voran seine einstige Geliebte, die mittlerweile mit einem Reeder liiert ist. Bei Vincente Minnelli, dem wir 2005 eine Hommage von skandalös bescheidener Resonanz widmeten, war die Qual der Wahl besonders gross: Hat mich damals The Bad and the Beautiful am meisten begeistert, das Musical The Band Wagon oder doch das Kriegsheimkehrer-Fresko Some Came Running? Ich habe mich für Two Weeks in Another Town entschieden, weil diese Story, die vordergründig so reisserisch daherkommt, Minnellis «craft- and showmanship» besonders schön hervorkehrt. Deftig, in Cinemascope und Metrocolor, ist hier alles gezeichnet, die Schauspielcrew um das Trio Kirk Douglas, Edward G. Robinson und Cyd Charisse zieht hemmungslos vom Leder, und die One-Liners des grossen Szenaristen Charles Schnee jagen sich. Gleichzeitig ist dieses Bigger-than-LifeSpektakel unerhört elegant inszeniert und voller Brechungen: Douglas als gescheiterter Star sonnt sich im Screening Room des durchtriebenen Re– gisseurs­Robinson in seiner alten Rolle als noch abgefeimterer Pro­duzent in The Bad and the Beautiful, und der Showdown zwischen Douglas und

Der DDR-Regisseur Konrad Wolf (1925–1982) führte ein äusserlich wie künstlerisch produktives Leben zwischen Fronten, an denen andere reihenweise gescheitert sind. Als er acht Jahre alt war, flüchtete sein Vater, der jüdische Schriftsteller und Kommunist Friedrich Wolf, mit seiner Familie nach Moskau, mit 17 trat Konrad der Roten Armee bei, 1945 machte er als 19-jähriger Leutnant und Agitator den Marsch auf Berlin mit. Später absolvierte er in Moskau die Filmschule und präsidierte die ostdeutsche Akademie der Künste. Nach 1965, als Gegenwartsstoffe in der DDR wieder schärfer zensiert wurden als in den frühen sechziger Jahren, griff Wolf seine Erlebnisse der letzten Kriegstage auf, aus denen 1968 einer der erfolgreichsten DDR-Filme überhaupt hervorging. Episodisch, betont nüchtern, aber unerhört plastisch beschreibt er darin den Weg des gebürtigen Deutschen und Sowjetoffiziers, der als Feind in sein Heimatland zurückkommt und dort von eingefleischten Nazis über verzweifelte Mitläufer bis zu Widerstandskämpfern unterschiedlichste Haltungen und menschliche Dramen antrifft, die es ihm immer schwerer machen, sich mit der einen oder anderen Seite zu identifizieren. Die kühle Sachlichkeit erlaubt es Wolf, auch Tabuthemen wie die Vergewaltigung deutscher Frauen durch die Angehörigen der Roten Armee anzutönen und das Pathos der deutsch-sowjetischen Verbrüderung auf ein Minimum zu reduzieren. Politisch mag Ich war neunzehn in der DDR von 1968 ungefährlich gewesen sein, doch das mit dem Titel implizierte Statement löst der Film unvergesslich ein: Ein 19-Jähriger sollte nicht erleben, was Wolf damals erlebte. (afu) 119 Min / sw / DCP / D // REGIE Konrad Wolf // DREHBUCH Konrad Wolf, Wolfgang Kohlhaase // KAMERA Werner Bergmann // SCHNITT Evelyn Carow // MIT Jaecki Schwarz (Gregor), ­Wassili Liwanow (Wadim), Alexej Ejboshenko (Sascha), Galina Polskich (sowjetisches Mädchen), Jenny Gröllmann (deutsches Mädchen), Michail Glusski (General), Rolf Hoppe (Major).


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Carte blanche Andreas Furler.

ENTRE TINIEBLAS Spanien 1983 Die Kunst des europäischen Autorenfilmkönigs Pedro Almodóvar befindet sich in jüngster Zeit in so rapidem Niedergang, dass man sich fragt, ob man mit der Begeisterung über Filme wie Carne tremula, Todo sobre mi madre oder Tacones lejanos je richtig lag. Trost und Bestätigung finden zweifelnde Jünger in Almodóvars weniger bekanntem Frühwerk, das ich auch erst dank unserer rekordverdächtig besuchten Werkschau von 2008 entdeckte. Almodóvar ist in dieser Phase stilistisch noch weniger geschliffen (oder eben geschmäcklerisch) als später, und die überkandidelten Geschichten sind noch geerdet in einer Madrilener Subkultur, in welcher der Regisseur noch wirklich zu Hause ist. Mein liebster Film aus dieser Zeit ist Entre tinieblas, die Geschichte einer Sängerin, die nach dem Drogentod ihres Freundes Zuflucht in einem Kloster findet, in dem – wenn es so etwas denn gibt – alles andere als Chormädchen zu Hause sind: Eine Nonne ist drogensüchtig, eine andere eine Mörderin, eine dritte Autorin von Groschenromanen, und die Oberin verfällt der schönen Yolanda hoffnungslos. Das Besondere an diesem Kuriositätenkabinett ist wie bei allen grossen Würfen Almodóvars, dass es uns der Regisseur überhaupt nicht als solches vorführt, sondern mit grösster Selbstverständlichkeit und Mitgefühl als das ganz alltägliche Spektrum menschlicher Irrungen und Wirrungen zeigt. (afu) 100 Min / Farbe / 35 mm / Span/f // DREHBUCH UND REGIE

den einzelnen Szenen derart plausibel, dass man den Erzähler schliesslich gar nicht mehr braucht. Man kann die einzelnen Affen jetzt problemlos unterscheiden und glaubt, auch ihre Gefühle lesen zu können, die die ganze Palette von Heiterkeit über Eifersucht und Wut bis zu tiefer Trauer umfassen. Für den SRF-Netz-Natur-Redaktor Andreas Moser schlicht «der beste Tierdokumentarfilm, der jemals gedreht wurde.» Wir zeigen die englischsprachige Fassung, in der Donald Sutherland als Erzähler fungiert. (afu) 83 Min / Farbe / Digital SD / E // REGIE Hugo van Lawick // DREHBUCH Jane Goodall, Martin Booth // KAMERA Hugo van Lawick // MUSIK Jennie Muskett // SCHNITT David Dickie, Revel Fox, Mark Fletcher // MIT Jane Goodall (sie selbst).

ICH LIEBTE SIE ... (DREI ROMANZEN) (Ja was ljubow) Russland/Deutschland/Israel 1998/2000

Drei dokumentarische Episoden über die Allmacht der Liebe beziehungsweise die Leere, wenn sie fehlt, und über die Heftigkeit, mit der sie schon Dreikäsehochs umtreibt: Eine alte Frau pflegt ihren schwer kranken Mann mit unendlicher Hingabe, ein junges Paar, das nicht zusammenpasst, kämpft sich zaghaft lächelnd und weitgehend wortlos durch den Hochzeitstag, und die Kleinen eines Kindergartens erproben mit spielerischer Grausamkeit die Rituale von Liebe und Liebesentzug. Eine poetische, komische, rührende Trilogie des Russen Viktor Kossakovsky, der in der Schweiz mit Sreda bekannt wurde. (afu)

Pedro Almodóvar // KAMERA Ángel Luis Fernández // MUSIK Cam España // SCHNITT José Salcedo // MIT Cristina

102 Min / Farbe / Digital SD / Russ/e // REGIE Viktor Kossa-

­Sánchez Pascual (Yolanda), Julieta Serrano (Mutter Oberin),

kovsky // KAMERA Vladimir Morozov, Viktor Kossakovsky //

Marisa Paredes (Schwester Estiércol), Carmen Maura

SCHNITT Viktor Kossakovsky, Rainer Kask.

(Schwester Perdida), Mary Carrillo (Marquise), Manuel Zarzo (Kaplan), Chus Lampreave (Schwester Rata de Callejón), ­Cecilia Roth (Merche), Pedro Almodóvar (Mann im Bus).

THE WEST WING USA 1999–2006

PEOPLE OF THE FOREST USA 1991 Über einen Zeitraum von zwanzig Jahren beobachtete der Holländer Hugo van Lawick eine Gruppe von Schimpansen im Gombe Nationalpark in Tansania. Im Mittelpunkt stehen das Weibchen Flo, dessen Geschwister und Kinder. In phänomenalen Bildern wird der Alltag der Sippe dokumentiert: unbeschwertes Spiel, aber auch Gefahr, Krankheit und Tod. Entscheidend ist dabei die Stimme eines Erzählers, der uns die einzelnen Tiere als Individuen vorstellt und ihre Handlungsmotive fortlaufend erklärt. Das reiche Gefühlsleben, das den Tieren so zugesprochen wird, wirkt in

Unter den amerikanischen Fernsehserien, die sich in den letzten fünfzehn Jahren zu grossen Fortsetzungsromanen gemausert und das filmische Erzählen revolutioniert haben, sind The West Wing und Breaking Bad meine Favoriten. Beide hätte ich am liebsten in voller Länge ins Filmpodium gebracht, doch scheiterte dieses bei Erzähllängen zwischen 40 und 120 Stunden ohnehin etwas ehrgeizige Unterfangen an Rechts-oder Materialfragen: Warner Brothers startete The West Wing 1999, als man in den USA noch im Format 4:3 drehte und HD-Editionen als überflüssigen Luxus betrachtete, und die Untertitelung dieser komplexen Serie voller US-Politslang im Stakkato-Rhythmus ist ohnehin ein Ding der Un-


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Carte blanche Andreas Furler. möglichkeit. Als kompensatorische Kostproben zeigen wir am 4. Dezember drei einzelne Folgen mit hilfreichen englischen Untertiteln. (afu) 3 x 42 Min / Farbe / Digital SD / E/e // REGIE Alex Graves, Tho-

ihre Heiterkeit mitten in der Verzweiflung. Die Worte klingen pathetisch, der Film ist es nicht. Das Gesicht seines Hauptdarstellers, des 12-jährigen Yuya Yagira, vergisst man nie. (afu)

mas Schlamme u. a. // DREHBUCH Aaron Sorkin u. a. // MIT

141 Min / Farbe / 35 mm / Jap/d/f // DREHBUCH UND REGIE

Martin Sheen (Präsident Jed Bartlet), Bradley Whitford (Josh

Hirokazu Kore-eda // KAMERA Yutaka Yamasaki // MUSIK Titi

Lyman), Allison Janney (C.J. Cregg), John Spencer (Leo Mc-

Matsumura, Gonzalez Mikami // SCHNITT Hirokazu Kore-eda

Garry), Rob Lowe (Sam Seaborn), Richard Schiff (Toby Zieg-

// MIT Yuya Yagira (Akira), Ayu Kitaura (Kyoko), Hiei Kimura

ler), Janel Moloney (Donna Moss), Dulé Hill (Charlie Young),

(Shigeru), Momoko Shimizu (Yuki), Hanae Kan (Saki), You

Stockard Channing (Abbey Bartlet).

(Keiko, die Mutter), Kazuyoshi Kushida (Yoshinaga, der Ver-

2 VON 120 STERNSTUNDEN MI, 4. DEZ. | 18.15 UHR Filme über den amerikanischen Präsidenten und Washington D. C. gibt es wie Sand am Meer; die meisten davon zeigen Politik als ein schmutziges Geschäft. Was aber wäre, wenn im Weissen Haus keine Zyniker und Zauderer am Werk wären, sondern ein verschworener Haufen hochintelligenter, tatkräftiger Idealisten? Diese Prämisse liegt Aaron Sorkins Fernsehserie The West Wing zugrunde, die unter den Stabsmitarbeitern des Präsidenten spielt und die der Fernsehge­ schichte von 1999 bis 2006 171x43 Minuten grandioser Figuren, sprühender Dialoge und brillanter demokratischer Propaganda beschert hat. Der «Tages-Anzeiger»-Reporter Jean-Martin Büttner und das Filmpodium-Leitungsduo stellen je eine ihrer Lieblingsfolgen vor.

NOBODY KNOWS (Dare mo shiranai) Japan 2004 Einer jener seltenen und umso erstaunlicheren Filme, denen es gelingt, eine schockierende Geschichte über Begleiterscheinungen des Individualismus so abgeklärt, ja poetisch zu erzählen, dass weit mehr daraus wird als das absehbare Sozial- und Schauerdrama. Nobody Knows ist einem realen Fall im Tokio von 1988 nachempfunden und handelt von einer alleinerziehenden Mutter, die ihre vier Kinder zwischen 4 und 12 Jahren allein in ihrer Wohnung zurücklässt. Eine Weile lang taucht die Mutter sporadisch noch mit Kleidern und Essen auf, dann erreichen die Kinder nur noch Briefe und Geld, irgendwann bleibt auch das aus. Wozu kommt es nun? Nein, zu keinem Lord of the Flies und zu keinem Cement Garden, zu keiner simplen Verwahrlosung, Verrohung oder grausigen Ersatzordnung aus Orientierungsverlust, sondern zu einem ambivalenten Prozess viel kleinerer, viel genauer beobachteter Entwicklungsschritte. Kore-eda schaut ganz nah und geduldig hin und sieht dem geheimen Leben von Kindern zu: ihre Zärtlichkeit und Solidarität, ihr von niemandem beobachteter oder von allen ignorierter heroischer Kampf, ihre Ratlosigkeit und

mieter), Yukiko Okamoto (Eriko Yoshinaga).

FANTASTIC MR. FOX USA/GB 2009 Der Amerikaner Wes Anderson machte sich seit den späten neunziger Jahren als Regisseur spleeniger, leicht pueriler Kultfilme wie Rushmore und The Royal Tenenbaums einen Namen, bevor er sich zusammen mit seinem Drehbuchkollegen Noah Baumbach (der mit Frances Ha ­soeben ein kleines Meisterwerk als Regisseur vorgelegt hat) an die Vertrickfilmung von Roald Dahls Kinderbuchklassiker machte. Im Zentrum steht der notorische Hühnerdieb Mr. Fox, dem drei Geflügelzüchter unter Einsatz aller Mittel das Handwerk legen wollen. Was aus diesem Kräftemessen zwischen Wildtieren und Menschen hervorgeht, ist – nebst dem wohltuenden Umstand, dass Schlauheit über Brachialgewalt siegt – nicht weniger als der schönste und computerfreiste Puppentrickfilm seit der Blütezeit eines Jiří Trnka: ein überwältigender Reichtum an surrealen kleinen Gags und liebevollen Ausstattungsdetails, die ihre Künstlichkeit nie verleugnen; grossartige Nebenfiguren wie der unnütze Opossum-Komplize Kylie und eine fiese Ratte als Handlanger der Bösen; schliesslich eine hinreissende Besetzung, die in der englischen Version von George Clooney und Meryl Streep alias Mr. und Mrs. Fox über Michael Gambon und Willem Dafoe bis zu Bill Murray reicht. Andersons Sinn für visuellen und erzählerischen Irrwitz kann sich hier entfalten wie nie zuvor – mag er sich mit Moonrise Kingdom seither auch nochmals übertroffen haben. (afu) 87 Min / Farbe / Digital HD / Nachmittag: D; Abend: E/d // REGIE Wes Anderson // DREHBUCH Wes Anderson, Noah Baumbach, nach dem Roman von Roald Dahl // KAMERA Tristan Oliver // MUSIK Alexandre Desplat // SCHNITT Ralph Foster, Stephen Perkins, Andrew Weisblum // MIT (Stimmen): George Clooney (Mr. Fox), Meryl Streep (Mrs. Fox), Bill Murray (Dachs), Jason Schwartzman (Ash), Eric Chase ­ ­Anderson (Kristofferson), Jarvis Cocker (Petey), Owen Wilson (Coach Skip), Willem ­Dafoe (Ratte), Adrien Brody (Rickity), ­Michael Gambon (Franklin Bean), Wes Anderson (Wiesel).


15 Neues koreanisches Autorenkino

Zwischen Gesellschaftskritik und Publikumshit Anlässlich des fünfzigsten Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen der Republik Korea und der Schweiz bietet sich dem hiesigen Publikum die Möglichkeit, einen Einblick in das aktuelle koreanische Filmschaffen zu gewinnen, ein Filmschaffen, das nicht nur international immer mehr Beachtung findet, sondern gegenwärtig auch auf dem hei­ mischen Markt ein Massenpublikum anspricht. Wir knüpfen damit an frühere Südkorea-Reihen an, die seit 1994 im Filmpodium zu sehen waren. Die Republik Korea gehört heute zu den produktivsten Filmländern: Im Jahr 2011 wurden 216, 2012 229 Spielfilme produziert. Hinter dieser Erfolgsgeschichte steckt eine Filmindustrie mit vielen neuen Talenten, die in den letzten Jahrzehnten mit der modernsten Produktionstechnologie Schritt halten konnte. Diese Dynamik schlägt sich auch in den Zuschauerzahlen nieder: Die Kinoeintritte für koreanische Produktionen allein übertrafen 2011 wie auch 2012 die Hundert-Millionen-Grenze – bei 40 Millionen Einwohnern! –, was einem historischen Durchbruch gleichkommt. Gegenüber 2008 ist das eine Vervierfachung. Die ausländischen Produktionen (inklusive Hollywood) vermochten nicht einmal die Hälfte der Zuschauer zu mobilisieren, obwohl das Quotensystem zum Schutz des einheimischen Filmschaffens schon vor Jahren abgeschafft wurde. Zwei Filme ragen in diesem Kinoboom heraus: Das von der Filmkritik hochgelobte historische Epos Masquerade und The Thieves, ein mit Hongkong koproduzierter Actionfilm nach Hollywoodmanier. Beide verbuchten innerhalb eines halben Jahres je über zehn Millionen Zuschauer. Beiden – inhaltlich wie stilistisch völlig verschiedenen – Filmen ist gemeinsam, dass sie von fast unbekannten Regisseuren gedreht worden sind. Auf die Frage, weshalb selbst solche Newcomer-Filme beim koreanischen Publikum eine derartige Popularität geniessen, werden unterschiedliche Erklärungsversuche geliefert: Die Koreaner seien eben in ihre einheimischen Filme verliebt. Aus dem Westen gebe es in letzter Zeit wenig Interessantes zu sehen. Die einheimischen Filme würden die aktuellen Probleme der sich schnell verändernden Gesellschaft eher widerspiegeln. Crowdfunding statt grosse Studios Die frühere koreanische Filmindustrie, die einst im Chungmu-Ro-Bezirk ­Seouls angesiedelt war, gehört der Vergangenheit an. Die meisten Produkti-


17 onsfirmen haben sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte an verschiedenen Orten von Seoul niedergelassen – eine Folge der Veränderungen der Filmproduktion dank der neuen IT: Neben den finanziell grossen nehmen jetzt auch kleinere Firmen am Produktionsprozess teil. Ausserdem gibt es auch unabhängige Low-Budget-Produktionen. In jüngster Zeit gelingt es gelegentlich selbst solchen, ins Kino zu gelangen, obwohl die meisten Kinos im Besitz der mächtigsten Produzenten und Verleiher sind und sich der Konkurrenzkampf ständig zuspitzt. In diesem Zusammenhang sind neuartige Finanzierungswege bemerkenswert, die Aussenseiter-Projekte ermöglichen, welche etwa aufgrund ihres politischen oder gesellschaftskritischen Inhalts von den grossen Produktionsfirmen abgelehnt werden. Zurzeit sind zwei Systeme wirksam: Das eine ist «Cine21-Funding», initiiert von der renommierten Film-Wochenzeitschrift «Cine21»; eine andere Möglichkeit, Filme mit unbequemen Themen zu finanzieren, ist Crowdfunding. Gesellschaftlich brisante Themen Im Herbst 2012 wurden am BIFF in Busan, dem grössten asiatischen Filmfestival, 34 neue koreanische Filme in Erstaufführung gezeigt, und im Frühjahr 2013 waren am Jeonju International Film Festival (JIFF), welches mehr dem Künstlerischen als dem Kommerziellen verpflichtet ist, weitere Neuproduktionen zu sehen. Beeindruckend ist dabei nicht allein die Anzahl der Filme, sondern auch die Vielfalt ihrer Thematik und wie scharf das gesellschaftliche Leben der Koreaner cineastisch abgebildet wird: der enorme Leistungsdruck in der Schule, das unmenschliche Arbeitsklima, Menschenrechtsprobleme, aber auch das Aufarbeiten der Geschichte. Die zehn Spielfilme unserer Programmauswahl stammen aus den Jahren 2010 bis 2012 und sind mehrheitlich von kleinen Produktionsfirmen oder mit Hilfe von Crowdfunding realisiert worden. So war beispielsweise die Realisierung von Jiseul, worin ein Armeemassaker an Zivilisten thematisiert wird, nur durch zusätzliches Crowdfunding möglich. Für Unbowed gründete Regisseur Chung eine eigene Produktionsfirma, da sich kein Produzent am brisanten Thema des korrupten Justizsystems die Finger verbrennen wollte. Mit Fatal ist es dem 28-jährigen Schauspieler und Regisseur Lee gelungen, seinen Debütfilm mit minimalsten Eigenmitteln herzustellen: Während vier Tagen drehte er ohne Kunstlicht mit Kollegen und Freunden in einer Wohnung; das Essen bezog er aus der Küche seiner Mutter. Der Film kam ihn auf knapp dreitausend Franken zu stehen –

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Wenn der Doppelgänger der bessere König ist: Masquerade, der Publikumshit in Korea < Von der Schwierigkeit, jemanden zu treffen: Hong Sang-soos The Day He Arrives

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Nordkoreanische «Überläufer» müssen sich in Seoul behaupten: The Journals of Musan


18 und machte am Filmfestival von Busan Furore! Der Kassenschlager Masque­ rade hingegen wurde von der einflussreichen Firma CJ Entertainment produziert. Ursprünglich als Verleihfirma tätig, hat diese als erste in Südkorea das Hollywoodsystem übernommen. Der gesamte Produktionsprozess vom Drehbuch bis zur endgültigen Fertigstellung wird von ihr kontrolliert. Ob der Riesenerfolg von Masquerade für die Produktionslandschaft Koreas zukunftsweisend ist und zu einer Umorientierung führen wird, ist zurzeit noch offen. In unserem Programm fehlen Werke von Kim Ji-woon und Park Chan-wook – von Park waren zwei Filme in unserer 2010-Reihe zu sehen. Seit diese Regisseure vor ein paar Jahren nach Hollywood geholt wurden, haben sie keine koreanischen Produktionen vorzuweisen. Und schliesslich sei noch die bisher höchste Investition der südkoreanischen Filmindustrie erwähnt: der letzte Film des Starregisseurs Bong Jun-ho (Memories of Murder und The Host im Filmpodiumprogramm von 2010). Snowpiecer, ein Science-FictionFilm, eine 40-Millionen-Dollar-Koproduktion zwischen Korea, USA und Frankreich konnte, bereits bevor er freigegeben wurde, an 167 Länder verkauft werden. Und allein in den ersten drei Wochen nach der Weltpremiere am 1. August wurden in Südkorea über acht Millionen Eintritte registriert. Dass Pieta von Kim Ki-duk, 2012 mit dem Goldenen Löwen von Venedig ausgezeichnet, erstmals in der Schweiz gezeigt werden kann, verleiht unserem Programm mit zehn der besten Autorenfilme der vergangenen zwei Jahre eine besondere Attraktivität und rundet diesen kleinen Einblick in das reichhaltige koreanische Filmschaffen ab. An Cha Flubacher-Rhim

Die von der koreanisch-schweizerischen Filmjournalistin An Cha Flubacher-Rhim kuratierte Filmreihe ist im November und Dezember auch im Stadtkino Basel, im Kino Kunstmuseum Bern, in der Cinémathèque suisse in Lausanne und in den Cinémas du Grütli in Genf zu sehen.

Mit freundlicher Unterstützung der Botschaft der Republik Korea anlässlich des fünfzigsten Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und der Republik Korea. Wir danken auch dem Korean Film Council (KOFIC), Seoul.


Neues koreanisches Autorenkino.

POETRY (Shi) Südkorea 2010 «Mi-ja, eine Frau im beginnenden Rentenalter, stellt fest, dass ihr manche Wörter nicht mehr einfallen. Sie geht deswegen zum Arzt, danach schreibt sie sich in eine Klasse ein, in der erwachsene Menschen Poesie lernen. Bei ihrer Suche nach Inspiration wird sie von einem Unglück gestört: Ein Mädchen hat sich von einer Brücke gestürzt, sie war über Monate von Jungen gequält worden, zu denen auch der Enkel von Mi-ja gehört, der bei der Grossmutter lebt. Lee Changdong entwickelt in Poetry einen erweiterten Begriff von Poesie: Wer sich für das Schöne empfänglich machen will, muss durch das Schreckliche (und durch die mangelnde Empathie der Mitmenschen) hindurch.» (Bert Rebhandl, cargo-film.de, 2.10.2010) «Ich wollte einen Film über das Kino machen. Einen Film über die unsichtbaren Dinge, die nicht kalkuliert werden können, keinen monetären Wert haben. (…) Ich glaube nicht, dass es in der Poesie immer darum geht, von der Anmut einer Blume zu singen. In der Poesie geht es auch darum, das wahre Schöne in und hinter dem zu finden, was auf den ersten Blick hässlich und schmerzhaft wirkt. Dasselbe gilt für Filme. Zumindest für die Filme, wie ich sie mache.» (Lee Chang-dong, im Interview mit Thomas Abeltshauser, ray Filmmagazin 10, 2010) 139 Min / Farbe / Digital HD / Kor/e/d // DREHBUCH UND REGIE Lee Chang-dong // KAMERA Kim Hyun-seok // SCHNITT Kim Hyun // MIT Yun Jung-hee (Mi-ja), David Lee (Wook), Kim Hi-ra (Herr Kang), Ahn Nae-sang (Kibums Vater), Park ­Myeong-shin (Heejins Mutter).

THE JOURNALS OF MUSAN (Musan-ilgi) Südkorea 2010 «Nordkoreanische ‹Überläufer›, die ihre Flucht nach Südkorea überlebt haben und einen Platz in der Gesellschaft suchen, bleiben für Arbeitgeber und Behörden erkennbar, denn ihre Registrationsnummer beginnt mit 125. In der Folge bleibt es für sie schwierig, eine Arbeit zu finden. Der introvertierte Jeon Seung-chul, von Regisseur Park Jung-bum selbst gespielt, (…) versucht, seinen Lebensunterhalt an den Rändern der kapitalistischen Gesellschaft und den Vororten der Megacity Seoul so ehrlich wie möglich zu verdienen. (…) Als er nachts in einer Karaoke-Bar zu arbeiten beginnt, scheinen sich ihm neue Perspektiven zu eröffnen, wirtschaftliche wie romantische. Aber er bleibt ein Aussenseiter. (…)

2008 realisierte Park den erfolgreichen Kurzfilm 125 Jeon Seung-chul, aus dem sein erster Langspielfilm The Journals of Musan hervorging. Dazwischen arbeitete er als Lee Chang-dongs Assistent bei Poetry.» (International Film Festival Rotterdam, 2011) Park Jung-bum: «Diese nordkoreanischen Flüchtlinge stehen nicht nur für die Personen dieses Films. Ich wollte damit aufzeigen, dass zwischen dem Elend der Menschen, welche am Boden zusammengekauert leben, und den in die Höhe schiessenden Wolkenkratzern sehr wohl ein Zusammenhang besteht.» 127 Min / Farbe / Digital HD / Kor/e // DREHBUCH UND REGIE Park Jung-bum // KAMERA Kim Jong-sun // SCHNITT­ Jo Hyun-joo // MIT Park Jung-bum (Jeon Seung-chul), Jin Yong-guk (Seung-chuls Freund), Kang Eun-jin (Sook-yong).

THE DAY HE ARRIVES (Bookchon banghyang) Südkorea 2011

Ein Mann kommt in einem Vorort von Seoul an. Er möchte jemanden treffen und macht stattdessen eine Zufallsbegegnung. Zentraler Handlungsort ist ein Lokal, in dem sich dieselben Abläufe mehrmals, aber auf leicht verschobene Weise ereignen. «Wiederkehrende Motive prägen Hongs Werk: Die Männer, fast alle irgendwie Künstler (Regisseure nicht selten), meist blockiert, mässig erfolgreich, wehleidig, selbstgerecht, passiv-aggressiv. Die Frauen fallen auf sie rein, werden betrogen, lassen sich eine Weile zu viel bieten, dann haben sie aber genug. (…) Dialoge gibt es reichlich, aber die Sprache ist verdorrt oder wird in Alkohol getaucht, bis sie ersäuft. Ein Detaillismus, den nicht die groben Züge interessieren, sondern Miniaturen. Resonanzen einzelner Wörter, Sätze und Szenen, Wiederholungen mit Variation, jeder Film eine Experimentalanordnung, die ihre Regeln jedoch nicht ausspricht. Der Reiz liegt im Impliziten, in der Mustererkennung. Hongs Filme sind nicht abstrakt, ihr Beschreibungsrealismus koreanischen Alltags ist geradezu handgreiflich, dennoch funktionieren sie in ihren Grundstrukturen eher wie ein komponiertes Musikstück.» (Ekkehard Knörer, taz, 31.10.2012) 79 Min / sw / Digital HD / Kor/e // DREHBUCH UND REGIE Hong Sang-soo // KAMERA Kim Hyung-koo // MUSIK Jeong Yong-jin // SCHNITT Hahm Sung-won // MIT Yu Sang-jun (Sung-jun), Kim Sang-joong (Young-ho, Filmkritiker), Song Sun-mi (Bo-ram, Professorin), Kim Bo-kyung (Kyung-jin/­ Yejeon).

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> Pluto.

> Pieta.

> Jiseul.


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Neues koreanisches Autorenkino. ­Sanf-beom, Kim Jae-beom // MIT Ahn Sung-ki (Kim Kyung-

UNBOWED

(Bu-reo-jin hwa-sal) Südkorea 2011 Professor Kim ist nicht bereit, Unregelmässigkeiten seiner Universitätsleitung zu decken. Deswegen wird er entlassen. Vor Gericht wird seine Klage ohne Begründung abgewiesen. Er sucht den Richter in dessen Haus auf und bedroht ihn mit ­einem Pfeilbogen. Dieser behauptet später, Kim habe ihn verwundet. Der wiederum bestreitet, auf den Richter geschossen zu haben. Ein neuer Prozess kommt kaum vom Fleck. Doch dann kann Kim einen unkonventionellen Advokaten für seine Sache gewinnen und es geht richtig los. Nach 13 Jahren Pause hat sich Chung Ji-young mit einem aussergewöhnlichen Film zurückgemeldet. Von der politisch engagierten CineastenGeneration der 1990er Jahre ist er als einer der wenigen aktiven Filmer übrig geblieben. Schon in Nambugun: North Korean Partisan in South Korea (1990) hatte er politisch brisante Themen aufgegriffen. Anlässlich der Premiere am Busan-Filmfestival 2012 wurde Unbowed während dreizehn Minuten mit Standing Ovations gefeiert. Auf einer realen Begebenheit basierend, wird die Geschichte nüchtern und mit scharfer Beobachtungsgabe rekonstruiert, die Gerichtsverhandlungen sind witzig und spannend inszeniert. (An Cha Flubacher)

ho, Angeklagter), Park Won-Sang (Rechtsanwalt Park Jun), Na Young-hee (Kim Kyung-hos Frau), Kim Ji-ho (Jang Eunso, Journalistin), Moon Sung-keun (Richter Shin Jae-yeol).

JISEUL Südkorea 2012

Kim Hyung-ku // MUSIK Kim Jun-seok // SCHNITT Kim

«1948, während des Jeju-Massakers in Korea. Rund 120 Dorfbewohner verstecken sich sechzig Tage lang in einer Höhle vor den Soldaten, die den Auftrag haben, sie zu erschiessen. Sie leiden an Hunger und Kälte, aber bewahren sich ihre geistige Gesundheit, indem sie Witze machen und sich an die Hoffnung klammern, dass das Warten bald zu Ende sei. Schliesslich schwindet ihre Kraft, und Angst beginnt die Ausdauer der Gruppe auf die Probe zu stellen. Die Absurdität des Krieges ist Thema vieler Filme, wird aber selten mit solcher Sorgfalt angegangen wie hier von Autor und Regisseur O Muel. Eindrucksvolle Schwarzweiss-Bilder fangen die Landschaft wie auch die Menschlichkeit ihrer Bewohner ein. Der Film verurteilt niemanden, er konzentriert sich auf das Herz der Geschichte – echte Menschen, die in Angst leben. Kraftvoll und zugleich zart, ist Jiseul seines Inhalts wegen manchmal harte Kost und dann wiederum wegen der authentischen menschlichen Emotionen äusserst einnehmend. O hat ein starkes und poetisches Requiem für ein Volk und einen Ort geschaffen, die ihm am Herzen liegen.» (Trevor Groth, Sundance Film Festival 2013)

ZU GAST IM FILMPODIUM: O MUEL

FILMGESPRÄCH MI, 20. NOV. | 18.15 UHR

100 Min / Farbe / DCP / Kor/e // REGIE Chung Ji-young // DREHBUCH Han Hyung Keun, Chung Ji-young // KAMERA

Für den 1971 auf der Insel Jeju (Jeju-do) geborenen O Muel ist das «Jeju 4/3 Ereignis» (das Massaker fand am 3. April 1948 statt) Teil seiner eigenen Geschichte, und sein Film soll dazu beitragen, dass diese nicht vergessen wird, wenn einmal die Zeitzeugen verstorben sind. Regisseur O hat diese Tragödie in Form eines subtilen Requiems bearbeitet. Sein Low-Budget-Film, in dem einheimische Laiendarsteller ihren lokalen Dialekt sprechen, wurde in Busan mit drei Preisen, in Sundance mit dem prestigeträchtigen Grossen Preis der Jury und an weiteren Festivals mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Für einen ­Independent-Film verzeichnete er in Korea einen Überraschungserfolg. Der Regisseur wird seinen Film persönlich vorstellen und über seine Arbeit erzählen. Das Gespräch findet auf Koreanisch mit deutscher Übersetzung statt. Für die Unterstützung dieser Veranstaltung danken wir:


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Neues koreanisches Autorenkino. 108 Min / sw / DCP / Kor/e // DREHBUCH UND REGIE O Muel // KAMERA Yang Jeon-hoon // MUSIK Jeon Song-e // SCHNITT Lee Do-hyen // MIT Sung Min-chul, Yang Jun-won, Oh Youngsun, Moon Suk-bum, Jang Kyung-sub, Uh Sung-wook.

FATAL (Kashi-ggot) Südkorea 2012 «Eine Gruppe Jugendlicher hat ein gleichaltriges Mädchen eingesperrt und unter Drogen gesetzt, um es zu vergewaltigen. Der linkische Sung-gong will sich verdrücken, doch er wird unter Androhung von Schlägen in das Zimmer mit dem bewusstlosen Mädchen gezwungen. Bereits mit diesem Prolog etabliert der junge Regisseur Lee Don-ku eine Atmosphäre, die von Gewalt, gegenseitiger Demütigung und Machtspielen geprägt ist. Zehn Jahre später arbeitet Sung-gong in einer kleinen Näherei in Seoul und führt ein bescheidenes Leben. (…) Einsamkeit und ein schlechtes Gewissen lassen ihn eines Tages auf der Kirchenbank Platz nehmen. Hier sucht auch Jang-mi Zuflucht und Rückhalt, das damalige Vergewaltigungsopfer. Es kommt zu einer zarten Annäherung zwischen den beiden, die für Sung-gong die Möglichkeit einer Wiedergutmachung enthält – doch die junge Frau ahnt nicht einmal, mit wem sie es zu tun hat. Sein Versuch, Abbitte zu leisten, mündet in einen Gewaltexzess. Fatal ist ein beklemmender Film um einen jungen Mann, der verzweifelt versucht, sich von seiner Schuld zu befreien.» (Katalog Int. Filmfestspiele Berlin, Panorama 2013) 103 Min / Farbe / Digital HD / Kor/e // DREHBUCH UND REGIE Lee Don-ku // KAMERA Kang Moon-bong // MUSIK Park Heesun // SCHNITT Lee Don-ku // MIT Nam Yeon-woo (Sunggong), Yang Jo-a (Jang-mi), Hong Jeong-ho (Kyu-sang), Kang Ki-dong (Sae-woon), Kim Hee-sung (Hyung-woo).

MASQUERADE

(Gwang-hae, Wangydoen namja) Südkorea 2012 König Gwang-hae befiehlt seinem Sekretär, für ihn einen Doppelgänger zu suchen. Ein Komödiant namens Ha-seon wird aufgespürt, der dem König frappant ähnelt. Er lernt allmählich die komplexen Rituale und Intrigen des Hofes kennen. Sein Respekt selbst den geringsten Dienern gegenüber führt im Palast zu einer positiven Verhaltensänderung. Mit der Zeit beginnt Ha-seon mit fundierter Kenntnis und klarem Urteil zu regieren. Selbst der königliche Sekretär ist davon berührt und erkennt in ihm den besseren Herrscher.

Der historische Gwang-hae (17. Jahrhundert) galt als fähiger und gerechter Herrscher, war aber ständig mit Mordkomplotten konfrontiert. Er beklagte das Los der untersten sozialen Schichten. In seinen Tagebüchern fehlen während zweier Wochen die Aufzeichnungen. Dies bildet den Hintergrund dieses witzigen, feinsinnigen Kostümfilms. Besetzt mit einigen der zurzeit populärsten Filmschauspieler wurde Masquerade in seiner Heimat ein Riesenerfolg (10 Millionen Eintritte bei einer Bevölkerungszahl von 40 Millionen). Das Porträt eines idealen Herrschers, der der untersten sozialen Schicht entstammt, wurde vor den letzten Präsidentschaftswahlen vom Dezember 2012 vom koreanischen Publikum auch als Wunsch nach einer Regierung ohne Korruption verstanden. (An Cha Flubacher) 131 Min / Farbe / DCP / Kor/e // REGIE Choo Chang-min // DREHBUCH Hwang Jo-yun, Choo Chang-min // KAMERA Lee Tae-yoon // MUSIK Mowg, Kim Jun-sung // SCHNITT Nam Na-young // MIT Lee Byung-hun (Komödiant Ha-seon/König Gwang-hae), Ryu Seung-ryong (Heo Gyun, des Königs Chefsekretär), Han Hyo-joo (Königin), Jang Kwang (Eunuch), Kim In-kwon (Do), Shim Eun-kyoung (Sa-wol, das Küchenmädchen), Kim Myung-kon (Park Choong-seo).

PIETA Südkorea 2012 Ein skrupelloser, sadistischer Geldeintreiber terrorisiert im Auftrag eines mafiösen Kreditgebers verschiedene Kleingewerbler, denen es nicht gelingen will, ihre Schulden zurückzuzahlen. Einsam und ohne Familie, kennt der brutale Mann kein Mitleid. Eines Tages erscheint eine Frau, die sich als seine Mutter ausgibt. Während er sie anfänglich kalt von sich weist, nimmt er mit der Zeit ihre Hilfe an und beschliesst, seine Arbeit aufzugeben und ein anständiges Leben zu führen. Plötzlich verschwindet die Frau. Verzweifelt sucht er sie. Als er schliesslich fündig wird, werden dunkle Erinnerungen wach. Regisseur Kim Ki-duk gilt als einer der kreativsten und eigenwilligsten Cineasten Südkoreas. Anfänglich wurde er in seiner Heimat kaum beachtet, im Gegensatz zum Ausland, wo er mit den höchsten Filmpreisen ausgezeichnet wurde. Erst 2012 brachte ihm der Goldene Löwe in Venedig für Pieta auch beim prestigeorientierten Publikum ­daheim den verdienten Durchbruch. In der Schweiz waren bereits mehrere Filme von Kim Ki-duk zu sehen. Seine Szenen von zum Teil fast unerträglicher Brutalität, welche mit berührenden Ein­ stellungen von atemberaubender Poesie kon­ trastieren, lösen beim Publikum immer wieder kontroverse Diskussionen aus. (An Cha Flubacher)


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Neues koreanisches Autorenkino. 104 Min / Farbe / DCP / Kor/d // DREHBUCH UND REGIE Kim

(Yoon Na-mi), On Joo-wan (Yoon Cheol), Maui Taylor (Eva),

Ki-duk // KAMERA Jo Young-jik // MUSIK Park In-young //

Darcy Paquet (Robert Altman), Kwon Byung-il (Grossvater

SCHNITT Kim Ki-duk // MIT Cho Min-soo (Jang Mi-sun,

Noh), Hwang Jung-min (Nohs Assistentin).

«Mutter»), Lee Jung-jin (Lee Kang-do, Geldeintreiber), Woo Gi-hong (Hoon-chul), Kang Eunjin (Myeong-ja, Hoon-chuls Frau), Jo Jae-ryong (Tae-seung), Lee Myeong-ja (Mutter des

PLUTO (Myungwangsung)

Selbstmörders), Heo Jun-seok (Selbstmörder), Kwon Se-in

Südkorea 2012

(Maschinist mit Gitarre), Son Jong-hak (Boss), Jin Yong-ok (Ladenbesitzer im Rollstuhl).

THE TASTE OF MONEY (Do-nui mat) Südkorea 2012

Eine grossartige Eröffnungssequenz: Zwei Herren in teuren Massanzügen transportieren Geldkoffer durch ein nächtliches Seoul, das im Zeitraffer um sie herumfegt, während ihre Fahrt in normalem Tempo abläuft. Stimmungsbilder, die die Themen setzen – Geld, Macht und Sex. Die schwerreiche Familie Yoon kontrolliert alles und jeden. Das ganze Leben spielt sich in Hochglanz und in einer stilvoll-modernen Villa ab. Dazu hat man einen Dagobert-Duck-Geldspeicher, der bis an die Decke mit Barem gefüllt ist, aus dem man sich bedient, wenn mal wieder die Hilfe eines Politikers oder Richters benötigt wird. Auch der neue, gut aussehende Sekretär Joo Young-jak, zunächst etwas verwirrt, scheint langsam auf den Geschmack des Geldes zu kommen und in den Strudel der unfeinen Intrigen um Macht und Sex hineingezogen zu werden. Im Sang-soos The Taste of Money bleibt den Themen seines vorangehenden Films The Housemaid (2010) treu, einem Remake des koreanischen Klassikers von 1960. Er kann sogar als Sequel gesehen werden: Das Kind Nami, das am Ende von The Housemaid den Selbstmord des Dienstmädchens mit ansehen muss, tritt hier wieder auf, als inzwischen erwachsene Tochter, die mit den Machenschaften ihrer Familie nichts zu tun haben will. (pm) Regisseur Im Sang-soo: «In The Taste of Money geht es um Macht, Macht, die irgendjemanden dazu veranlasst, seinen Kopf nach meinen Füssen zu senken, ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Einige sind demgegenüber völlig ausgeliefert, doch weshalb müssen wir auf all diesen herumtrampeln, um daraus Befriedigung zu schöpfen? Macht es einen glücklich, sie von oben herab zu behandeln?»

June bereitet sich in einer Eliteschule auf das Universitätsexamen vor, doch seine Noten werden schlechter. Als er herausfindet, dass eine konspirative Gruppe von Mitschülern über geheime Arbeitshefte verfügt, möchte er in ihren Kreis aufgenommen werden. Um dies zu erreichen, muss er mehrere Aufgaben erfüllen, was ihn schliesslich zu einem Monster werden lässt. Südkorea hat ein unmenschlich kompetitives Ausbildungssystem. Für spätere Karriereaussichten ist es sehr wichtig, an einer der renommierten Spitzenuniversitäten studiert zu haben. So wirkt Pluto für ein koreanisches Publikum keineswegs realitätsfremd. An Schulen kommt es immer wieder zu Morden an sehr guten Konkurrenzschülern, Gang-Bildung, Vergewaltigungen an Mitschülerinnen und Suiziden von Schülern, welche von ihren Kollegen ausgegrenzt wurden oder die Erwartungen der Eltern nicht erfüllten. Die Dunkelziffer solcher Vorfälle ist hoch, da sie für die beteiligten Familien mit Scham verbunden und für die Schulleitung imageschädigend sind. Unter den Jugendlichen weist das Land die weltweit höchste Suizidrate auf. (An Cha Flubacher) 114 Min / Farbe / DCP / Kor/e // DREHBUCH UND REGIE Shin Su-won // KAMERA Yun Ji-un // MUSIK Ryu Jae-ah // SCHNITT Lee Do-hyun // MIT David Lee (Kim June), Sung June (Yujin Taylor), Cho Sung-ha (vorgesetzer Polizeibeamter), Kim Kkobbi (Jung Su-jin), Kim Kwon (Han Myung-ho), Yu Kyung-soo (Park Jung-jae), Sun Ju-ah (Kang Mi-ra), Kil Hae-yeon (Junes Mutter), Hwang Jong-min (Myung-hos Mutter), Park Sang-woo (Polizeibeamter Choi).

115 Min / Farbe / Digital HD / Kor/d // DREHBUCH UND REGIE Im Sang-soo // KAMERA Kim Woo-hyung // MUSIK Kim Hong-jip // SCHNITT Lee Eun-soo // MIT Kim Kang-woo (Privatsekretär Joo Young-jak), Youn Yuh-jeong (Madame Baek Keum-ok), Baek Yoon-shik (Vorsitzer Yoon), Kim Hyo-jin

> Pluto.


25 Lateinamerika-Wochenende

Lateinamerikanische Grüsse Seit 1988 ist Trigon-Film unterwegs fürs Kino aus Süd und Ost. Am 16. und 17. November lädt der Filmverlag ein zu einem LateinamerikaSchwerpunkt mit Klassikern, (Vor-)Premieren und einem besonderen Gast: Altmeister Fernando E. Solanas. Trigon-Film war 1988 mit dem Ziel gegründet worden, das kulturelle Angebot in der Schweiz um Filme aus Afrika, Asien und Lateinamerika zu bereichern. Über 370 Produktionen aus 76 Ländern hat die Stiftung inzwischen in die Kinos gebracht, mehr als 200 davon in der eigenen DVD-Edition zugänglich gemacht. Trigon-Film hat massgeblich dazu beigetragen, dass Filme aus Süd und Ost heute präsenter sind und das Filmangebot vielfältiger geworden ist. Gefeiert wird mit Filmen, einem Apéro und einem Gespräch mit Fernando Solanas. Den Auftakt zur Filmreise auf dem Kontinent macht der Kinderfilm ­Pequeñas voces aus Kolumbien, der auf der Basis von Kinderzeichnungen entstanden ist und einen ungewöhnlichen Eindruck vom Alltag eines Landes im Bürgerkrieg vermittelt. Weit zurück in die Anfänge des engagierten Kinos führt uns dann Fernando Birris Meisterstück Los inundados, in dem der Filmemacher gleich zum Einstieg dem Publikum etwas Entscheidendes sagt: Das, was ich euch da erzähle, mag nicht perfekt sein, aber es ist aufrichtig. Es folgt ­Solanas’ Wunschfilm Tangos – el exilio de Gardel, den der Argentinier zur Zeit der Diktatur im Exil in Paris gedreht hat und der anhand einer Tanztruppe von der Zerrissenheit des Exilierten erzählt: Der Geist und die Seele sind dort, der Körper ist da. Am Sonntag geht die Reise über Chile und Peru nach Kuba. Turistas von Alicia Scherson ist eines der herausragenden Beispiele eines neu erblühten chilenischen Filmschaffens mit der durch und durch eigenwilligen Erzählung über eine Frau, die sitzen gelassen wird und in einen Naturpark eintaucht. El mudo aus Lima wurde eben erst in Locarno mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet, und Melaza aus Kuba läuft als Vorpremiere zum Jubiläum: eine sanfte Komödie aus einem vergessenen Dorf auf der Karibik­ insel, wo die Zeit stillsteht und alle sich damit abgefunden haben. Walter Ruggle Der ehemalige Film- und Kulturredaktor Walter Ruggle leitet seit 1999 den Verleih Trigon-Film. >

Fern von der Hauptstadt Havanna: Carlos Lechugas Liebesfilm Melaza < Pequeñas voces: Kinder erzählen vom kolumbianischen Bürgerkrieg

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Tangos – el exilio de Gardel: Vom Schmerz des Exils und der Melancholie des Tangos


26

Lateinamerika-Wochenende.

LOS INUNDADOS Argentinien 1961 «Eine mehrheitlich von Arbeitslosen und andern Randständigen bewohnte Siedlung am Ufer des Paraná wird – wie jedes Jahr zur Regenzeit – vom angeschwollenen Fluss überschwemmt. Die Bewohner werden provisorisch in einem ausrangierten Eisenbahnzug untergebracht. Eines Tages setzt sich dieser Zug unerwartet in Bewegung … Fernando Birri, in Italien ausgebildet und in Argentinien bereits bekannt durch seinen politischen Dokumentarfilm Tire dié, wird mit dem Spielfilm Los inundados zum Bannerträger eines italienisch inspirierten lateinamerikanischen Neorealismus. Seine zunächst halbdokumentarische, später aber ins Burlesk-Fantastische ausufernde Tragikomödie dokumentiert wohlwollend-ironisch das Leben der Unterprivilegierten und geisselt ein durch billige Demagogie und administrative Unfähigkeit gekennzeichnetes politisches System.» (Martin Lienhard, Programmheft Filmpodium, Okt./Nov. 2010) 87 Min / sw / 35 mm / Sp/d // REGIE Fernando Birri // DREHBUCH Fernando Birri, Jorge A. Ferrando, nach der Erzählung von Mateo Booz // KAMERA Adelqui Camuso // MUSIK Ariel Ramírez // SCHNITT Antonio Ripoll // MIT Pirucho Gómez (Dolores Gaitán), Lola Palombo (Óptima Gaitán), María Adelina Vera (Pilar Gaitán), Hector Palavecino, Carlos Rodríguez.

TANGOS – EL EXILIO DE GARDEL Argentinien/Frankreich 1985 «Eine vom Militärputsch 1976 ins Pariser Exil vertriebene argentinische Tanzgruppe probt eine Tanguedia ein, eine Mischung aus Tragödie und Komödie auf der Grundlage des Tangos. Die Inszenierung kommt jedoch zu keinem Abschluss: Der in Argentinien zurückgebliebene Autor, der den Text in Bruchstücken liefert, verstummt vor dem Ende, der französische Regisseur kommt mit der Mentalität der Truppe nicht zurecht, die Argentinier leiden an der Trennung von der Heimat (...). Ein ästhetisch (...) eindrucksvoller Film, der sich insbesondere durch seine stilisierte Gestaltung und musikalische Struktur auszeichnet. Die in Episoden und Fragmente zerfallende Geschichte wird zusammengehalten von hervorragenden tänzerischen und schauspielerischen Leistungen und von der meisterhaften Tangomusik.» (Lexikon des int. Films) «Das Exil als Konstante in der Geschichte Südamerikas bildet das Thema schlechthin von Tangos. Exil aber nicht nur in der primären Bedeutung von Zwang zur Auswanderung aus politi­-

schen Gründen, Exil vielmehr auch als Metapher für die Sehnsucht, die wiederum in den melancholischen Klängen der Tangos und Milongas (…) ihre Entsprechung findet.» (Johannes Boesiger, NZZ, 16.4.1987) 130 Min / Farbe / 35 mm / Sp/F/D/f // DREHBUCH UND REGIE Fernando E. Solanas // KAMERA Felix Monti // MUSIK Astor Piazzolla // SCHNITT Luis César D’Angiolillo, Jacques Gaillard // MIT Marie Laforêt (Mariana), Philippe Léotard (Pierre), Miguel Ángel Solá (Juan Dos), Marina Vlady (Florence), Lautaro Murúa (Gerardo), Georges Wilson (Jean-Marie), Fernando E. Solanas (El Angel).

TURISTAS Chile 2009 «Autofahrten führen nicht selten zu Krisen, so auch in Alicia Schersons Komödie Turistas, in der Carla plötzlich allein dasteht, und nun einen Urlaub für sich organisieren muss. (…) Alicia ­ Scherson hat ein gutes Auge für den alltäglichen Surrealismus (…). Dass ausgerechnet das Wohlfahrtsparadies Norwegen hier als Antipode herhalten muss, hat dabei eine subtile Logik in einem Land wie Chile, dem rechte Diktatur und neoliberale Rosskuren immer noch in den Knochen ­sitzen, und das sich in Alicia Schersons zweitem Film selbstbewusst auf die komischen Abgründe des Individualismus einlässt.» (Bert Rebhandl, Tip Berlin, 6.12.2011) «Es ist vor allem Schersons Bildsprache, die Turistas zu einem besonderen Fundstück im internationalen Kino macht. So klassisch das Thema – die Identitätssuche einer Frau, die ‹Helden-Reise einer Touristin› – sein mag, so aussergewöhnlich ist seine Umsetzung. Einmal mehr gelingt es Scherson, durch ihre hervorragenden Bilder aufzufallen und nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben.» (Verena Schmöller, kino-zeit.de) 105 Min / Farbe / 35 mm / Sp/d/f // DREHBUCH UND REGIE Alicia Scherson // KAMERA Ricardo De Angelis // SCHNITT Soledad Salfate // MIT Marcelo Alonso (Joel), Pablo Ausensi (Orlando), Viviana Herrera (Susana 1), Sofía Géldrez (Susana 2), Aline Küppenheim (Carla), Diego Noguera (Ulrik).

PEQUEÑAS VOCES Kolumbien 2010 Pequeñas voces, ein einzigartiger Hybrid aus Dokumentarfilm und Computeranimation, war 2011 der Eröffnungsfilm der Visions du Réel in Nyon. Der Film beruht auf tatsächlichen Erlebnissen von kolumbianischen Kindern. «Die gewalttätigen, überaus blutigen Konflikte zwischen der Volksarmee, den Revolutionä-


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Lateinamerika-Wochenende. ren Streitkräften Kolumbiens (FARC) und den Paramilitärs wurden von vier kolumbianischen Kindern hautnah miterlebt. Die Interviews zeigen, wie sie die Wirklichkeit wahrnehmen. Carrillo nutzt die Stimmen und Zeichnungen der vertriebenen Kids als Grundlage für seinen Film. Kraftvoll und überzeugend, mit Momenten der Zärtlichkeit und Freude, bearbeitet Regisseur Carrillo die authentischen Zeugnisse dieser Kinder.» (Katalog Filmfest München, 2011)

80 Min / DCP / Sp/d // DREHBUCH UND REGIE Carlos Lechuga

67 Min / Farbe / Digital HD / Sp/d/f // REGIE Jairo Eduardo

Constantino Zegarra ist ein gewissenhafter, pedantischer Richter. Als er versetzt und bald darauf angeschossen wird, ist er überzeugt, dass jemand es auf ihn abgesehen hat, während alle andern von einer verirrten Kugel ausgehen. «Und so wird Constantino Zegarra zu einem modernen Michael Kohlhaas (…). Die Brüder Vega inszenieren das als aberwitzige Mischung aus Realismus und leichter Überzeichnung. Das zeitgenössische Peru erscheint dabei als ein Land, das sich weder seiner Vergangenheit noch seinen Problemen stellt. Und Zegarra, der Einzige, der die Korruption und Kungelei nicht schweigend hinnehmen oder gar aktiv betreiben will, verliert durch den Schuss, der ihn am Hals trifft, die Stimme. (…) El mudo ist einer dieser Pechvogelfilme, welche die Tragik einer Hiobsfigur mit der lakonischen Komik eines Buster Keaton verbinden. Manchmal umweht die verbohrte Hauptfigur gar ein Hauch von Donald Duck. Kein Film, der sich einfach wieder aus dem Gedächtnis stiehlt. Eher schon einer, der es sich bei etlichen anderen solcher Seltsamkeiten in den hinteren Winkeln einnistet und einen mit einem leisen, verzweifelten Lachen später wieder heimsucht.» (Michael Sennhauser, sennhausersfilmblog.ch, 8.8.2013)

Carrillo, Oscar Andrade // DREHBUCH Jairo Eduardo Carrillo // MUSIK Songo Studio // SCHNITT Oscar Andrade.

MELAZA Kuba/Frankreich/Panama 2012 In seinem nachdenklich-amüsanten Liebesfilm Melaza betrachtet der junge Regisseur Carlos Lechuga seine kubanische Heimat fern von der Hauptstadt Havanna. «Der Schwimmlehrer Aldo und die Rumfabrikarbeiterin Mónica wohnen in der Stadt Melaza (‹Melasse›), so benannt nach der ehemaligen Zuckermühle, die früher den Hauptindustriezweig des Ortes bildete. Die beiden sind sehr verliebt und wohnen mit Tochter und Grossmutter im selben Haus. Aldo und Mónica bemühen sich verzweifelt um ein Zusatzeinkommen, aber diese Anstrengungen haben sie in ernste Schwierigkeiten gebracht. Carlos Lechugas Film konzentriert sich auf die Charakterentwicklung und das Drehbuch und verleiht ihm damit ein tiefes und greifbares Gespür für den Kampf eines Paares in schwierigen Zeiten und seinen Glauben, dass seine Liebe die beiden durchbringen wird. Lechuga lässt uns ­einen seltenen Blick auf das ländliche Kuba er­ haschen, und die atemberaubende Landschaft trägt das Ihre zur reflexiven Sensibilität des Films bei.» (Andres Castillo, Miami International Film Festival)

// KAMERA Ernesto Calzado, Luis Franco Brantley // MUSIK Jesús Cruz // SCHNITT Luis Ernesto Doñas // MIT Yuliet Cruz (Mónica), Armando Miguel Gómez (Aldo), Luis Antonio Gotti (Márquez), Ana Gloria Buduén (Grossmutter), Carolina Márquez (Tochter), Yailté Ruiz (Yamilé), Augusto Posso (neuer Polizist).

EL MUDO Peru/Frankreich/Mexiko 2013

86 Min / DCP / Sp/f // REGIE Daniel Vega Vidal, Diego Vega ­Vidal // DREHBUCH Manuel Arias, Daniel Vega Vidal, Diego Vega Vidal // KAMERA Fergan Chávez-Ferrer // MUSIK Oscar Camacho // SCHNITT Gianfranco Annichini // MIT Fernando Bacilio, Lidia Rodríguez, Juan Luis Maldonado, Augusto ­Varillas, José Luis Gómez, Norka Ramírez, Ernesto Ráez.

FERNANDO E. SOLANAS ZU GAST

GESPRÄCH SA, 16. NOV. | 20.00 UHR

Fernando E. Solanas, argentinischer Filmemacher und Kongressabgeordneter, spricht mit dem ehemaligen TA-Lateinamerika-Korrespondenten Christoph Kuhn über sein Engagement in Politik und Kultur. Anschliessend Filmvorführung von Tangos – el exilio de Gardel. (Gespräch auf Spanisch mit deutscher Übersetzung) Für die Unterstützung dieser Veranstaltung danken wir:


29 Premieren zum Weltbehindertentag

Besondere Fähigkeiten Vor zwanzig Jahren haben die Vereinten Nationen den Weltbehindertentag ausgerufen; er wird am 3. Dezember begangen. Wir nützen dieses Datum, um Filme zu zeigen, die an internationalen Filmfestivals wie den Visions du Réel in Nyon, dem Dokfilmfest München, dem Open City Docs Fest in London und anderen ihr Publikum begeistert haben und uns Einblicke in Welten geben, von denen wir uns üblicherweise gerne abschirmen. «Wie leben Menschen mit Einschränkungen und Behinderungen, welche Herausforderungen meistern sie täglich? Welche besonderen Bedürfnisse und welche besonderen Fähigkeiten haben sie? Was sind die Voraussetzungen für eine echte Integration?» – so führt das Projekt «Mal seh’n!» in seine Webseite und sein Angebot ein, an Schulen und anderen Institutionen Kurzfilme über «Behinderte» zu zeigen und ergänzend dazu Gespräche mit Betroffenen zu vermitteln: «Wie sieht das Leben aus, wenn nicht alles funktioniert?» Tatsächlich funktioniert bei Matthijs die Welt nur, solange sie auf seine eigenen vier Wände beschränkt bleibt und seinen Regeln, De regels van Matthijs, gehorcht – die Aussenwelt ist für den Autisten meist eine bedrohliche Zumutung, und Begegnungen können explosive Folgen haben. Auch die Musiker der finnischen Punkgruppe «Pertti Kurikkas Namenstag» machen sich Luft – mit ihrer Musik. Die Musiker erreichen damit inzwischen ein internationales Publikum, und Jukka Kärkkäinens und J.-P. Passis Film The Punk Syndrome, der uns oft brutal direkt mit unseren Einstellungen gegenüber geistiger Behinderung konfrontiert, wurde in Nyon 2012 mit dem Spezialpreis des Festivals für den innovativsten Langfilm des internationalen Wettbewerbs ausgezeichnet. Das Gehörlosendorf schliesslich führt uns in die Schweiz, nach Turbenthal, wo die häufig mehrfach behinderten, zum Teil auch psychisch kranken Gehörlosen an einen möglichst selbstbestimmten Alltag herangeführt werden. (cs)

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 Berührend, aber nicht rührselig: The Punk Syndrome, das Porträt einer unerschütterlichen Punkband < Differenzierte Kommunikation unter Gehörlosen: Das Gehörlosendorf

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Ein Leben nach eigenen Regeln: De regels van Matthijs (Matthew’s Law)


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Premieren zum Weltbehindertentag.

DAS GEHÖRLOSENDORF Schweiz 2012 «Gehörlose sind nicht stumm. Sie reden und sind Meister im Lippenlesen. Untereinander sprechen sie jedoch eine andere Sprache: Finger, Hände, Arme formulieren Worte und Sätze, die Mimik unterstreicht die Botschaft, Blicke und Berührungen schlagen den Bogen zum Gegenüber. Wer mit Gebärden kommuniziert, bringt sich auf sehr direkte Weise ein. Das prägt das Zusammenleben. Der Dokumentarfilmer Dieter Gränicher macht sich im Frühling 2011 auf, die Welt der Gehörlosen zu erkunden. Einen Monat lang lebt er in einer Institution im Zürcher Oberland, in der Gemeinschaft des Gehörlosendorfes in Turbenthal. (...) Dieter Gränicher begleitet die häufig mehrfach behinderten, zum Teil auch psychisch kranken Bewohnerinnen und Bewohner in ihrem Alltag – als aufmerksamer, mit zunehmender Vertrautheit immer näher rückender Beobachter. Er begegnet Momenten von grosser Unmittelbarkeit: Freude und Nachdenklichkeit, Streit und Flirt, Ausgelassenheit und Versunkenheit. Der sehr persönlich gehaltene Film schildert die Differenziertheit und Lebendigkeit der Gebärdensprache. Er porträtiert eine Gemeinschaft von Menschen, welche ihre behinderungsbedingten Grenzen immer wieder mit grosser Ausdruckskraft überwinden und das Gegenüber berühren.» (gehoerlosendorf.ch)

H Am 24. Nov. in Anwesenheit des Regisseurs 79 Min / Farbe / DCP / D/Dial/d // REGIE Dieter Gränicher // DREHBUCH Dieter Gränicher, Kaspar Kasics // KAMERA ­Dieter Gränicher, Hansueli Schenkel // MUSIK Florian ­Eidenbenz // SCHNITT Dieter Gränicher.

DE REGELS VAN MATTHIJS (Matthew’s Law) Holland 2012

«Autisten wie ich, so sagt Matthijs, verengen ihre Wahrnehmung auf einen einzigen Bereich, den sie komplett durchdenken und ordnen müssen. Für Matthijs ist das seine Wohnung, die er diesem Prinzip unterwirft, sein Universum und Schutzraum zugleich. Mit De regels van Matthijs ist dem holländischen Regisseur Marc Schmidt etwas aussergewöhnlich Seltenes gelungen: uns Normalos den Blick in eine Gedankenwelt zu öffnen, deren Logik zwar bizarr sein mag, trotzdem aber die ganze Identität dieser Person ausmacht. Die ist spätestens dann bedroht, wenn dieses Binnensystem mit dem Aussen in Berührung kommt. Beispielsweise in Gestalt der Hausverwaltung, die nicht hinnehmen will, dass Matthijs den Boiler

zerlegt, um die Wasserleitungen des Badezimmers nach seiner Logik neu zu verlegen. (…) Dieses sehr persönliche Porträt beruht auf der gegenseitigen Versicherung von Vertrauen und Offenheit des Vorgangs der Filmarbeit, die Matthijs schliesslich in seinem System und in seinem Alltag unterbringen muss. Und dann befragen uns die Ereignisse selbst: Wie mit der Andersartigkeit umgehen? Weit und breit keine Antworten. Jedenfalls keine, die für Matthijs passen.» (Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2012)

H Im Anschluss an die Vorstellung vom 5. Dez. führt der Psychoanalytiker Peter Schneider ein Gespräch mit dem Regisseur Marc Schmidt. 72 Min / Farbe / Digital HD / Nl/d // DREHBUCH, REGIE UND KAMERA Marc Schmidt // MUSIK Jasper ­Boeke // SCHNITT Katarina Türler.

THE PUNK SYNDROME (Kovasikajuttu) Finnland 2012

«Die finnischen Filmemacher Jukka Kärkkäinen und Jani-Petteri Passi landeten letztes Jahr im Festivalzirkus mit ihrem Musikdokumentarfilm The Punk Syndrome einen Überraschungshit. Er dokumentiert die Wechselfälle und Strapazen von ‹Pertti Kurikkas Namenstag›, einer Band von Punkmusikern mit Lernbehinderungen, als die vier ihre erste Aufnahmesession haben, durch Europa touren und als Nationalhelden nach Finnland zurückkehren. Mit dem namensgebenden Kurikka, den man sofort ins Herz schliesst, als Frontmann, bilden die einfachen, aber emotional direkten Liedtexte und die raue Punk-Sensibilität eine Form von Selbstermächtigung und ein wütendes Protest-Statement gegen die Diskriminierungen, die sie alle erlebt haben. The Punk Syndrome ist ein ehrliches und lustiges Bandporträt, das die täglichen Realitäten von Menschen mit Lernbehinderung und die Frustrationen eines Lebens in Wohnheimen zeigt. (…) Kärkkäinens und Passis Zugang ist berührend, aber nicht rührselig, und unweigerlich wird man in die freimütigen Diskussionen der Band um Liebe, Musik, Tod, Sex und Freundschaft hineingezogen.» (Holly Cooper, cine-vue.com) 90 Min / Farbe / Digital HD / Finn/d/f // DREHBUCH UND REGIE Jukka Kärkkäinen, Jani-Petteri Passi // KAMERA JaniPetteri Passi // MUSIK Pertti Kurikan Nimipäivät // SCHNITT Riitta Poikselkä.

In Zusammenarbeit mit


31 Das erste Jahrhundert des Films

1993: Ein Spitzenjahrgang Wie Roger Ebert, der erst kürzlich verstorbene Kritikerpapst, treffend bemerkte, war das Jahr 1993 ein «Annus mirabilis» der Filmbranche: Aus welchem Grund auch immer kam in diesem Jahr ein aussergewöhnliches Werk nach dem anderen auf die Leinwand. Die Filmemacher gaben sich so experimentierfreudig wie in den goldenen Zeiten der siebziger Jahre und waren stilbildend für diverse Filmgenres. So definierte etwa Chen Kaige mit seinem grossartigen Farewell My Concubine über die jüngere Geschichte Chinas das chinesische Epos; Harold Ramis schuf mit seiner virtuosen Komödie Groundhog Day die Basis für all die uns bis heute verfolgenden «messing with time»Filme; und Steven Spielbergs Urzeit-Thriller Jurassic Park liess in einer Mischung aus Puppen, Animatronics und computergenerierten Bildern die Dinosaurier wiederauferstehen und revolutionierte damit nicht nur das Fantasy-Kino, sondern setzte auch neue Massstäbe im Bereich der Spezialeffekte und Computertechnologie – und avancierte zum erfolgreichsten Film überhaupt, bis Titanic ihn vom Spitzenplatz verdrängte. Doch, einmal entfesselt, bevölkern diese urzeitlichen Kreaturen noch immer unsere Kinolandschaft, nach der letztjährigen 3D-Version mindestens noch bis ins Jahr 2015, wo uns Jurassic Park 4 zum Staunen bringen soll. Ein Filmjahrgang also, den unser kulturelles Gedächtnis so schnell nicht mehr los wird. (th)

«Das erste Jahrhundert des Films» In der Dauerreihe «Das erste Jahrhundert des Films» zeigen wir im Lauf von zehn Jahren rund 500 wegweisende Werke der Filmgeschichte. Die Auswahl jedes Programmblocks ist gruppiert nach Jahrgängen, woraus sich schliesslich 100 Momentaufnahmen des Weltkinos von 1900 bis 1999 ergeben. Referenzzahl ist jeweils der aktuelle Jahrgang, d. h. im Jahr 2013 sind Filme von 1913, 1923, 1933 usw. zu sehen, im Jahr 2014 dann Filme von 1914, 1924, 1934 usw.

Weitere wichtige Filme von 1993 32 Short Films about Glenn Gould François Girard, Kanada

The Age of Innocence Martin Scorsese, USA

Caro diario Nanni Moretti, Italien

The Blue Kite (Lan feng zheng) Zhuangzhuang Tian,

Dazed and Confused Richard Linklater, USA

China/Hongkong

Kalifornia Dominic Sena, USA

The Nightmare before Christmas Henry Selick, USA

La ardilla roja Julio Medem, Spanien

The Piano Jane Campion, Australien

Naked Mike Leigh, GB

The Puppetmaster Hou Hsiao-hsien, Taiwan

Philadelphia Jonathan Demme, USA

The Remains of the Day James Ivory, GB/USA

Schindler’s List Steven Spielberg, USA

The War Room D. A. Pennebaker, USA

Short Cuts Robert Altman, USA

The Wedding Banquet Ang Lee, Taiwan

Smoking/No Smoking Alain Resnais, Frankreich

What’s Eating Gilbert Grape Lasse Hallström, USA

Sonatine Takeshi Kitano, Japan


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Das erste Jahrhundert des Films: 1993.

GROUNDHOG DAY USA 1993 TV-Meteorologe Phil Connors wird in ein Provinznest geschickt, um über das alljährliche Fest des Murmeltier-Tags zu berichten: Das Verhalten eines Murmeltiers beim Verlassen seines Lochs gilt als Zeichen für die Dauer des Restwinters. Phil hasst es, an diesem Ort zu sein und ist daher gar nicht begeistert, als er am nächsten Morgen erwacht und schon wieder Murmeltier-Tag ist: Phil ist in einer Zeitschleife gefangen. Zuerst nutzt er seine Situation schamlos aus, doch bald wird er des knappen Lebenskreislaufs überdrüssig. «Eine brillant konstruierte Komödie, die alle Nuancen ihres Grundkonzepts als zwerchfell­ erschütternde Variation des (fast) Immergleichen auskostet (und sich durch die schlagende Illustration des Themas die üblichen unnötigen Ansprachen erspart), perfekt zugeschnitten auf Bill Murrays patentierte Mischung aus Sarkasmus und Schleimerei.» (Christoph Huber, Österreich. Filmmuseum, 9/2011) «Groundhog Day war nicht nur für Bill Murray das Sprungbrett für seine weitere Karriere – von seinen Zusammenarbeiten mit Wes Anderson bis zu Sofia Coppolas Lost in Translation; sein Einfluss

auf das Kino überhaupt ist immens: In vielen ‹messing with time›-Filmen erkennt man Groundhog Day wieder. (...) Das ehemalige Monty-­PythonMitglied Terry Jones, der diesen Film zu seinen Top Ten zählt, erklärt: Wenn man ein Drehbuch schreibt, versucht man, jegliche Repetition zu vermeiden. In Groundhog Day dagegen baut der ganze Film allein auf Repetition auf. Das ist unglaublich mutig – und genau das macht diesen Film so herausragend. (...) Auch zwanzig Jahre nach seiner Premiere verschlägt einem dieses Meisterwerk den Atem.» (Ryan Gilbey, The Guardian, 7.2.2013) 101 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Harold Ramis // DREHBUCH Danny Rubin, Harold Ramis, nach einer Erzählung von Danny Rubin // KAMERA John Bailey // MUSIK George Fenton // SCHNITT Pembroke J. Herring // MIT Bill Murray (Phil Connors), Andie MacDowell (Rita Hanson), Chris Elliott (Larry), Stephen Tobolowsky (Ned Ryerson), ­Marita Geraghty (Nancy), Willie Garson (Kenny, Phils Assistent), Harold Ramis (Neurologe).


Das erste Jahrhundert des Films: 1993.

JURASSIC PARK USA 1993 Einem leicht übergeschnappten Millionär gelingt dank Gentechnologie die Zucht von Dinosauriern, für die er auf einer pazifischen Insel einen riesigen Freizeitpark einrichtet. Als er den Park von einem Paläontologen-Paar, einem Mathematiker und seinen beiden Enkelkindern testen lassen will, kommt es nach einem Sabotageakt zum Chaos – und die fleischfressenden Saurier gehen auf Menschenjagd. Knapp zwei Jahrzehnte nach Jaws definierte Steven Spielberg mit Jurassic Park, von der Kritik scherzhaft auch als «Jaws with Claws» betitelt, erneut den State of the Art des Abenteuerfilms, indem er die eben aufkommenden GentechÄngste mittels neuster Computer-Hightech in ein spektakuläres Science-Fiction-Szenario einflocht. Die menschliche Hybris und Hysterie, wie der Film sie vorführt, haben bestenfalls den Charme des Kindlichen, doch das vorsintflutliche Bestiarium löst zuerst andächtiges Staunen, dann handfesten, teilweise ironisch gebrochenen Schauder aus. (afu) «Spielberg schnitt Jurassic Park bekanntlich zur gleichen Zeit wie Schindler’s List – was für eine

Befreiung muss Jurassic Park für ihn gewesen sein, gleichermassen wie später für sein Publikum. So oder so ist dieser Film ein Meilenstein des modernen Blockbusters: vielleicht ein wenig ungeschliffen (sein allzu passendes Ende mag enttäuschen), doch vollgepackt mit Erfindung, Witz und Kunstfertigkeit.» (Tom Huddleston, Time Out London, 20.9.2011) Mit revolutionären Technologien im Bereich der Spezialeffekte und Computertechnologie, die für die Animierung der Dinosaurier entwickelt wurden, setzte Jurassic Park neue Massstäbe in der digitalen Technik und läutete die neuste Generation der Filme ein, bei denen dank der Hilfe des Computers alles möglich wurde. 127 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Steven Spielberg // DREHBUCH Michael Crichton, David Koepp, nach einem ­Roman von Michael Crichton // KAMERA Dean Cundey // ­MUSIK John Williams // SCHNITT Michael Kahn // MIT Sam Neill (Dr. Alan Grant), Laura Dern (Dr. Ellie Sattler), Jeff ­ Goldblum (Dr. Ian Malcolm), Richard Attenborough (John Hammond), Bob Peck (Robert Muldoon), Joseph Mazzello (Tim Murphy), Ariana Richards (Lex Murphy), Martin Ferrero (Donald ­Gennaro), Samuel L. Jackson (Ray Arnold), B. D. Wong (Henry Wu).

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Das erste Jahrhundert des Films: 1993.

FRESA Y CHOCOLATE Kuba/Mexiko/Spanien 1993 Havanna in den neunziger Jahren: Als Diego, ein homosexueller Künstler und intellektueller Systemkritiker, den Jungkommunisten David zu ­verführen versucht, reagiert dieser zunächst abwehrend und schwärzt Diego bei einem Partei­ genossen an. Doch als David aufgefordert wird, Diego auszuspionieren, gerät David in einen Gewissenskonflikt – nach und nach beginnt er an seinen naiven Vorstellungen zu zweifeln. Nach der Kurzgeschichte des kubanischen Schriftstellers Senel Paz gelang Tomás Gutiérrez Alea, einer der führenden Figuren des postrevolutionären kubanischen Kinos, eine sensible Tragikomödie über erstarrte politische Ideale. Fresa y chocolate ist ein Plädoyer für Toleranz und gilt als erster Welterfolg des kubanischen Kinos – sogar am Filmfestival in Havanna wurde der Film mit Preisen überhäuft. «Fresa y chocolate ist kein Film über die Verführung eines Körpers, sondern über die Verführung von Denkweisen. Dieser Film ist mehr an Politik denn an Sexualität interessiert – ausser wenn man Sexualpolitik dazu zählt, denn in Kuba homosexuell zu sein, ist bereits an sich ein antiautori-

täres Statement. (…) Meine erster Gedanke war, wie der Regisseur mit seiner pointierten Kritik an Kuba ungestraft davonkommen konnte; konservative Exilkubaner in Miami hingegen nannten Fresa y chocolate einen Propagandafilm, weil er den Eindruck vermittle, dass Castro gefahrlos kritisiert werden könne. Wie auch immer: Dieser Film hat Kraft und Charme, gerade dadurch, wie er uns dazu bringt, eine Liebesgeschichte zu erwarten und uns dann eine Figur vorführt, deren blosse Existenz eine Kritik an ihrer Gesellschaft ist.» (Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 10.2.1995) 108 Min / Farbe / 35 mm / Sp/d/f // REGIE Tomás Gutiérrez Alea, Juan Carlos Tabío // DREHBUCH Senel Paz, nach seiner Kurzgeschichte // KAMERA Mario García Joya // MUSIK José María Vitier // SCHNITT Miriam Talavera, Osvaldo Donatién // MIT Jorge Perugorría (Diego), Vladimir Cruz (David), Mirtha Ibarra (Nancy), Francisco Gattorno (Miguel), Joel Angelino (Germán), Marilyn Solaya (Vivian).


Das erste Jahrhundert des Films: 1993.

TROIS COULEURS: BLEU Polen/Frankreich/Schweiz 1993 Bei einem Autounfall verliert Julie ihren Mann, einen bedeutenden Komponisten, und ihre Tochter. Sie verkauft das Landhaus der Familie und zieht in eine kleine Pariser Wohnung. In der Anonymität der Grossstadt lebt sie zurückgezogen und versucht, sich aus den Fesseln der Trauer zu befreien. «Kieślowskis Film – der erste der TrikoloreTrilogie über die Ideale der Französischen Revolution – ist eine fesselnde Studie über das Konzept der individuellen Freiheit in der modernen Welt. Da findet sich kein billiges Moralisieren, sondern nur eine luzide Auslotung des Gemütszustands einer Frau. Binoche liefert ihre bislang beste Leistung: ruhig, stark, beharrlich, im tiefen Bewusstsein, dass das Herz Geheimnisse birgt, die weder wir selbst noch unsere Nächsten begreifen.» (Geoff Andrew, Time Out Film Guide) «Bleu ist der Film über ein Gesicht, das von Binoche, das Kieślowski und sein Kameramann Idziak in Gross- und Detailaufnahmen zu einer Skulptur in warmem Licht modellieren. (In Venedig wurden Kieślowski, Binoche und Idziak jeweils mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet.)

Die Kamera folgt ihr auf ihren Wegen, lässt sie eintauchen und verschwinden in einem blau ausgeleuchteten Schwimmbecken und dann auftauchen. Die Musik ist in ihr, in ihrem Kopf – und der Zuschauer hört sie, immer zu einer Abblende ins Schwarz. Die Kamera blendet auf und zeigt wieder Julies Gesicht. In der kurzfristigen Abwesenheit der Bilder, des Sichtbaren, geschah offenbar das Wesentliche. Was es aber ist, dieses Entscheidende, das zeigt Kieślowski gerade nicht. Der erste Teil der Trilogie ist die Geschichte einer Frau, die mysteriös bleibt und mysteriös handelt. Binoche spielt dieses Unerklärbare der Figur mit einer Präzision des zurückgenommenen Agierens, die fast schmerzhaft ist. Sie ist, so wie das Blau, undefinierbar.» (Bernd Kiefer, Filmklassiker, Reclam 1998) 91 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Krzysztof Kieślowski // DREHBUCH Krzysztof Kieślowski, Krzysztof Piesiewicz, ­Agnieszka Holland, Edward Zebrowski // KAMERA Sławomir Idziak // MUSIK Zbigniew Preisner // SCHNITT Jacques Witta // MIT Juliette Binoche (Julie Vignon), Benoît Régent (Olivier), Florence Pernel (Sandrine), Charlotte Véry (Lucille), Hélène Vincent (Journalistin), Emmanuelle Riva (Mutter), Philippe Volter (Makler), Claude Duneton (Arzt), Hugues Quester (Patrice, Julies Ehemann).

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Das erste Jahrhundert des Films: 1993.

IN THE NAME OF THE FATHER GB/Irland/USA 1993 Belfast, 1974: Gerry Conlon beschafft sich seinen Lebensunterhalt als Kleinkrimineller. Als er Probleme mit der IRA bekommt, schickt ihn sein Vater nach London, wo er sich eines Tages zur falschen Zeit am falschen Ort aufhält. Gerry wird unter physischer und psychischer Folter zu einem Geständnis gedrängt, einen terroristischen Anschlag begangen zu haben. Als einer der «Guildford Four» wird Gerry – zusammen mit seinem ebenfalls unschuldigen Vater – zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt. Der Fall der «Guilford Four» gehört zu den grössten Justizirrtümern Grossbritanniens. «In the Name of the Father, Jim Sheridans Verfilmung der Autobiografie von Gerry Conlon, wurde für sieben Oscars nominiert und gewann auf der Berlinale den Goldenen Bären. In der gleichen Woche stand Conlons Freund Paul Hill erneut vor Gericht, wegen eines weiteren erpressten Mordgeständnisses. (...) In the Name of the Father ist Politthriller und psychologische Studie, ‹courtroom drama› und Gefängnisfilm, Dokument, Pamphlet und Komödie zugleich. Ein Film gegen die Logik, auch gegen die Gesetze des Drehbuchschreibens.» (Christiane Peitz, Die Zeit, 18.3.1994)

Wie Steve McQueen mit seinem Hunger (2008), thematisierte Jim Sheridan 15 Jahre zuvor die brutalen Haftbedingungen der IRA-Gefangenen. Sheridans Sympathien liegen dabei klar auf der Seite der Inhaftierten. Er konzentriert sich auf Vater und Sohn, die beide unschuldig in der gleichen Gefängniszelle sitzen, sich nicht ausweichen können, sich knapp vor dem Wahnsinn anschreien und dann wieder aneinanderklammern. Ein Vater-Sohn-Drama, beeindruckend gespielt von Pete Postlethwaite und von einem grossartigen Daniel Day-Lewis, der aus seiner Figur die Geschichte einer Selbstbefreiung macht: vom rotzigen jungen Proleten und Möchtegern-Hippie über den Verzweifelten bis zu dem, der um sein Recht kämpft. Ein ergreifendes Schauspielerdrama. (th) 133 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Jim Sheridan // DREHBUCH Terry George, Jim Sheridan, nach der Auto­ biografie von Gerry Conlon // KAMERA Peter Biziou // MUSIK Trevor Jones // SCHNITT Gerry Hambling // MIT Daniel DayLewis (Gerry Conlon), Pete Postlethwaite (Giuseppe Conlon), Emma Thompson (Gareth Peirce), John Lynch (Paul Hill), Mark Sheppard (Paddy Armstrong), Corin Redgrave (Insp. Robert Dixon), Beatie Edney (Carole Richardson), Anthony Brophy (Danny), Tom Wilkinson (Grant Richardson).


Das erste Jahrhundert des Films: 1993.

FAREWELL MY CONCUBINE (Bawang bieji) China/Taiwan/Hongkong 1993

Stationen aus dem Leben zweier gefeierter Darsteller der Peking-Oper, die auf unterschiedliche Weise in Konflikt mit ihren Bühnen- und Lebens-, aber auch ihren Geschlechterrollen geraten. Chen Kaige war der erste der «Fünften Generation» von chinesischen Filmemachern aus der Pekinger Filmakademie, der weltweit auf sich aufmerksam machte, nachdem diese 1978 wieder geöffnet hatte. Sein spektakuläres Epos Farewell My Concubine, in dem er seine eigenen bitteren Erfahrungen während der Kulturrevolution beschwört, war der erste chinesische Film, der in Cannes die Goldene Palme gewann – zur Verärgerung der chinesischen Behörden, die sich durch Szenen, in denen Homosexualität oder auch jüngste Geschichte thematisiert wurden, provoziert fühlten – und «ist einer der beliebtesten und wichtigsten chinesischen Filme aller Zeiten. Sein beeindruckender visueller und erzählerischer Stil hat nicht nur das chinesische Epos ­definiert – kräftige Farben, exquisite Bildkom­po­sitionen (…) –, sondern den unterdessen verstorbenen, grossartigen Leslie Cheung, einen der wichtigsten Filmschauspieler des letzten Jahr-

hunderts, weltweit bekannt gemacht.» (Toronto International Film Festival 2013) «Farewell My Concubine zeigt, wie ein grosses Epos funktionieren kann. Die wichtigen Ereignisse der jüngeren Geschichte Chinas kannte ich, doch dieser Film half mir, sie wirklich zu fühlen, sodass ich mir vorstellen konnte, wie es war, in diesem Land zu jener Zeit zu leben. Dieser Film versetzt mich, ähnlich wie Doctor Zhivago oder A Passage to India, an einen anderen Ort und in eine andere Zeit und machte all das auf emotionaler Ebene verständlich. Dies ist einer der besten Filme dieses Jahres.» (Roger Ebert, Chicago SunTimes, 29.10.1993) 170 Min / Farbe / 35 mm / Mand/d/f // REGIE Chen Kaige // DREHBUCH Lillian Lee, Lu Wei, Lei Bik-Wa, nach einem Roman von Lillian Lee // KAMERA Gu Changwei // MUSIK Zhao Jiping // SCHNITT Pei Xiaonan // MIT Leslie Cheung (Douzi/ Cheng Dieyi), Zhang Fengyi (Shitou/Duan Xiaolou), Gong Li (Juxian), Lu Qi (Meister Guan), Ying Da (Na Kun, Manager), Ge You (Meister Yuan), Tong Di (Zhang), Ma Mingwei (Douzi als Kind), Yin Zhi (Douzi als Jugendlicher), Fei Yang (Shitou als Kind), Zha Hailong (Shitou als Jugendlicher), Li Dan (Laizi).

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39 Cinema Italiano

Regionale Geschichten erzählen die Welt Das Tourneefestival Cinema Italiano jährt sich schon zum 5. Mal und präsentiert Glanzlichter der neusten italienischen Filmproduktionen, die bisher in der Deutschschweiz nicht ins Kino kamen. Wir ergänzen die Reihe, die wiederum dank Cinélibre und des römischen Vereins Made in Italy zustande gekommen ist, um die Premiere von Bernardo Bertoluccis letztem Film, Io e te. Scialla!, der Titel eines Films im Programm, bedeutet in der Jugendsprache so viel wie «entspann dich», «bleib locker». In Zeiten der Krise klingt das nach einer Aufforderung zum Optimismus. In Bezug auf den italienischen Film, der trotz Rückschlägen und Schwierigkeiten weiterhin eine grosse Lebendigkeit zeigt, sollte man dieser Aufforderung unbedingt nachkommen. Cinema Italiano präsentiert 2013 zwei Nachwuchsfilme, die Arbeit des etablierten Regisseurs Paolo Virzì sowie den neuen Film eines Meisters des italienischen Kinos, Giuliano Montaldo. Basilicata Coast to Coast ist das mitreissende Debüt Rocco Papaleos, eines in Italien ausgesprochen beliebten Komikers. Ein pikareskes Roadmovie über vier Hobbymusiker, die die Basilicata zu Fuss durchqueren. Ein Debüt ist auch Scialla! von Francesco Bruni. Ein Vater auf der Flucht vor dem Leben und sein Sohn, ein ungeduldiger und verletzlicher Jugendlicher, stehen einander gegenüber und bezwingen gemeinsam jede Menge Hindernisse. Die Pro­ tagonisten in Tutti i santi giorni sind knapp über dreissig und wünschen sich ein Kind, das allerdings auf sich warten lässt. Erneut fängt Paolo Virzì das Alltagsleben über eine Komödie ein. Giuliano Montaldos L’industriale führt uns in unkonventioneller Weise vor Augen, wie Schwierigkeiten den Menschen zum Guten, aber auch zum Schlechten verändern können. Cinema Italiano 2013 erzählt in regionalen Geschichten die Welt. Filme ohne Moralin, aber auch ohne Nachsicht, manchmal ironisch, aber niemals gleichgültig. Das ist Kino, wie wir es lieben. Piero Spila (Made in Italy), Robert Richter (Cinélibre) Organisiert von Cinélibre, Bern, und Made in Italy, Rom. www.cinema-italiano.ch.

>

Vergnügliches Roadmovie unter brütender Hitze: Basilicata Coast to Coast < Krise macht skrupellos: L’industriale von Altmeister Giuliano Montaldo

<

Grossartige kleine Komödie aus den Vororten von Rom: Tutti i santi giorni


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Cinema Italiano.

BASILICATA COAST TO COAST

L’INDUSTRIALE

Italien 2010

Italien 2012

Vier Freunde aus der Basilicata spielten früher zusammen in einer Schülerband. Inzwischen gehen sie, längst erwachsen, bürgerlichen Berufen nach. Doch die Lust, Musik zu machen, lässt sie nicht los. Mitten im heissen Sommer beschliessen die vier Freunde, am regionalen Musikfestival von Scanzano Jonico teilzunehmen. Mehr noch: Sie wollen ihren Zielort zu Fuss erreichen. Das bedeutet zehn Tage in der Sommerhitze über abgelegene Strassen und durch einsame Dörfer einmal quer durch die ganze Basilicata – von Küste zu Küste. Ein vergnügliches Roadmovie durch den tiefen Süden Italiens und mit viel Musik. Für seinen Debütfilm konnte Regisseur Rocco Papaleo, selber Musiker und Schauspieler, Stars wie Alessandro Gassman und Giovanna Mezzogiorno gewinnen.

Der vierzigjährige Nicola ist Fabrikbesitzer in Turin. Die Wirtschaftskrise, die Italien in eisernem Griff hat, erfasst auch seinen Betrieb. Von Schulden und den Forderungen der Banken in die Enge getrieben, steht Nicola kurz vor der Pleite. Nur eine grössere Bürgschaft seiner Frau Laura und seiner Schwiegermutter könnte ihn noch retten. Doch muss er feststellen, dass Laura sich von ihm zu entfremden scheint und eigene Wege geht. Um sich aus der aussichtslosen Lage zu befreien, greift Nicola zu immer skrupelloseren Methoden. Giuliano Montaldo, einer der Altmeister des politisch engagierten Films (Sacco e Vanzetti), zeigt auf beeindruckende Weise, wie die ökonomische Krise alle Bereiche des menschlichen Lebens verändert.

105 Min / 35 mm / I/d // REGIE Rocco Papaleo // DREHBUCH

94 Min / 35 mm / I/d // REGIE Giuliano Montaldo // DREHBUCH

Valter Lupo, Rocco Papaleo // KAMERA Fabio Olmi // MUSIK

Andrea Purgatori, Giuliano Montaldo // KAMERA Arnaldo

Rita Marcotulli, Rocco Papaleo // SCHNITT Christian

­Catinari // MUSIK Andrea Morricone // SCHNITT Consuelo

­Lombardi // MIT Alessandro Gassman (Rocco), Rocco

Catucci // MIT Pierfrancesco Favino (Nicola), Carolina

Papaleo (Nicola), Paolo Briguglia (Salvatore), Max Gazzè ­

­Crescentini (Laura), Eduard Gabia (Gabriel), Elena Di Cioccio

(Franco), Giovanna Mezzogiorno (Tropea).

(Marcella), Elisabetta Piccolomini (Beatrice).

SCIALLA!

TUTTI I SANTI GIORNI

Italien 2011

Italien 2012

Luca ist 15, seinen Vater kennt er nicht. Er steckt voller Lebenslust und Energie, nur mit dem Lernen hat er es nicht so. Also sind Nachhilfestunden nötig. Die gibt Bruno Beltrami, ein ehemaliger Lehrer, der sich als Ghostwriter für Fussballerund TV-Star-Biografien über Wasser hält. Brunos ereignisloses Leben wird durcheinandergewirbelt, als er herausfindet, dass Luca sein Sohn ist. Mehr noch: Wegen eines Auslandaufenthalts von Lucas Mutter muss der Junge für sechs Monate bei ihm einziehen. Konflikte sind vorprogrammiert. Eine temporeiche Komödie über zwei völlig unterschiedliche Charaktere, die sich zusammenraufen müssen, glänzend verkörpert vom populären Altstar Fabrizio Bentivoglio und dem jungen Nachwuchstalent Filippo Scicchitano. Scialla! wurde beim Festival von Venedig als bester Nachwuchsfilm ausgezeichnet.

Guido ist ein netter Kerl. Er arbeitet als Nachtportier in einem Hotel und liebt antike Sprachen und frühchristliche Geschichte über alles. Über beide Ohren verliebt ist er in seine musikalische Freundin Antonia, eine Angestellte in einem Autoverleih, die für ihn das Gleiche empfindet. Etwas unbeholfen, aber mit starken Gefühlen wünschen sich die beiden ein Kind. Aber wie vereinbart man das alles mit einem Alltag, in dem man scheinbar zu nichts kommt? Die Zeit vergeht und das heiss ersehnte Kind will sich nicht ankündigen, obwohl die beiden es mit allen Mitteln und unter Zuhilfenahme berühmter Spezialisten und hochmodern ausgestatteter Gynäkologen versuchen. Eine grossartige kleine Komödie, angesiedelt in den Vororten von Rom.

95 Min / 35 mm / I/d // DREHBUCH UND REGIE Francesco Bruni // KAMERA Arnaldo Catinari // MUSIK Amir Issaa // SCHNITT Marco Spoletini // MIT Fabrizio Bentivoglio (Bruno), Filippo Scicchitano (Luca), Barbora Bobulova (Tina), Vinicio Marchioni (Poeta), Raffaella Lebboroni (Di Biagio), Giuseppe Guarino (Carmelo).

102 Min / Digital HD / I/d // REGIE Paolo Virzì // DREHBUCH Francesco Bruni, Simone Lenzi, Paolo Virzì, nach einem Roman von Simone Lenzi // KAMERA Vladan Radovic // MUSIK Thony (Federica Victoria Johanna Caiozzo) // SCHNITT C ­ ecilia Zanuso // MIT Lucia Marinelli (Guido), Thony (Antonia), Micol Azzurro (Patrizia), Claudio Palitto (Marcello). Filmtexte nach der Cinema-Italiano-Broschüre, die im Kino aufliegt. Dort finden Sie ausführlichere Angaben zu Filmen und Regisseuren sowie Kritikerstimmen.


Cinema Italiano.

IO E TE Italien 2012 «Io e te ist ein Film über die Hoffnungen, Enttäuschungen, Kämpfe und Träume von zwei jungen Menschen. Viele meiner Filme haben die Jugend zum Thema (...). Auch wenn ich die siebzig überschritten habe, beschäftigen mich die Jungen immer noch, reizt mich die Herausforderung, ihre Vitalität, ihre Neugier einzufangen.» (Bernardo Bertolucci, zit. nach cinematheque.ch) «Eine intime, verwirrende und hoch aufgeladene Begegnung zwischen einem jungen Mann und einer etwas älteren Frau, die eine beengte Kellerwohnung teilen müssen, die sie eine Woche lang nicht verlassen können. (...) Lorenzo ist ein verstörter 14-Jähriger, der die Schule hasst und dessen Mutter ihn zum Psychotherapeuten schickt. Beim gemeinsamen Essen im Restaurant spekuliert Lorenzo – völlig unschicklich – darüber, ob andere Gäste sie für ein Paar halten und fragt die Mutter, was sie wohl tun sollten, um die Erde wieder zu bevölkern, wenn sie nach einer apokalyptischen Katastrophe die einzigen Überlebenden wären. Sonia ist erleichtert, als ihr Sohn Interesse zeigt, ins Schulskilager zu gehen, aber statt den Bus zu besteigen, schleicht sich Lorenzo wieder heim und versteckt sich im schmuddeligen Keller, zu dem er einen Separatschlüssel hat, glücklich über die Aussicht, eine Woche für sich allein zu sein. So ist er entsetzt, als seine über zwanzigjährige Halbschwester Olivia auf der Suche nach einer Bleibe aufkreuzt. Olivia fasziniert und erschreckt Lorenzo mit ihrer Lebenseinstellung, ihrer Drogensucht, ihren künstlerischen Anflügen und ein paar dunklen Anspielungen über ihren (und Lorenzos) Vater. Bertolucci und seine Darsteller skizzieren die wachsende und anrührende Beziehung, die sich

> Io e te.

zwischen den beiden entwickelt: nicht ganz Freunde, nicht Liebende, vielleicht nicht einmal wirklich Geschwister – aber seltsame Verbündete gegen alles Unglück dieser Welt. Es gibt diesen grossartigen Moment, wenn Olivia die italienische Version von David Bowies ‹Space Oddity› mitsingt, und irgendwie trägt diese Musik zum Gefühl bei, dass dieser Film, obwohl scharf beobachtet und lebhaft, auch vor vierzig Jahren hätte gedreht werden können. (...) Bertoluccis witziger, kraftvoller kleiner Film zeigte in Cannes, dass er noch immer eine Kraft ist, mit der man rechnen muss.» (Peter Bradshaw, The Guardian, 22.5.2012) «Io e te ist ein Film, den man bezaubernd nennen möchte. Schon wie in Bertoluccis letztem Film The Dreamers steckt viel altes Kino in ihm. Die Geschichte hat eine romantische, hoffnungsvolle Grundhaltung. Nachdem Bertolucci zehn Jahre lang aufgrund seiner gesundheitlichen Probleme vom Filmemachen abstinent war, fühlt man in jeder Einstellung, dass er glücklich ist, zurück zu sein. Einfach war der Schaffensprozess für den über 70-Jährigen dabei nicht. Inzwischen sitzt er im Rollstuhl (…). Io e te ist ein stiller Film. Mit Klugheit und Feingefühl erfühlt er die Charaktere mehr durch kleine Gesten und Bilder, als durch grosse Melodramatik. Gemeinsam lernen die beiden erwachsen zu werden und Nähe und Liebe zu ertragen.» (Beatrice Behn, kino-zeit.de) 103 Min / Farbe / DCP / I/d // REGIE Bernardo Bertolucci // DREH­BUCH Niccolò Ammaniti, Umberto Contarello, Fran­ cesca Marciano, Bernardo Bertolucci, nach dem Roman von Niccolò Ammaniti // KAMERA Fabio Cianchetti // MUSIK Franco Piersanti // SCHNITT Jacopo Quadri // MIT Tea Falco (Olivia), Jacopo Olmo Antinori (Lorenzo), Sonia Bergamasco (Lorenzos Mutter), Veronica Lazar (Lorenzos Grossmutter), Tommaso Ragno (Ferdinando), Pippo Delbono (Psychologe).

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42 Premiere: «The Orator»

Auf Samoa ist Reden Gold Das sogenannte Weltkino ist nicht immer schon ein Gewinn an sich. Manchmal zeichnen sich die Filme aus kinematografisch kaum erschlossenen Winkeln der Erde einzig durch ihre regionale Rarität aus. The Orator wäre diesbezüglich sogar eine Super-Rarität: Der erste Film aus Samoa! Doch das bildstarke Drama über eine Kleinfamilie von Aussenseitern auf einer Südseeinsel braucht keine Entwicklungshilfe; es wurde letztes Jahr vom Produktionsland Neuseeland sogar für die Oscarnomination als «Best Foreign Language Film» ausgewählt. Mit genau solch eigenwilligen Filmen aus dem damals kaum bekannten Down Under haben einst die grossen australischen und neuseeländischen Filmautorinnen und Regisseure wie Jane Campion, Peter Weir, Bruce Beresford und viele andere ihre Karrieren begonnen, die sie bald nach Hollywood führten. Lee Tamahori etwa, der später innerhalb dieses neu entdeckten Filmschaffens einen «ersten Maori-Film» präsentierte, schaffte es wohl am schnellsten: Sein Once Were Warriors, ebenfalls eine Familiengeschichte aus einer (genau be-

THE ORATOR / Samoa/Neuseeland 2011 111 Min / DCP / OV/d/f // DREHBUCH UND REGIE Tusi Tamasese // KAMERA Leon Narbey // MUSIK Tim Prebble // SCHNITT Simon Price // MIT Fa’afiaula Sanote (Saili), Tausili Pushparaj (Vaaiga), Salamasina Mataia (Litia), Ioata Tanielu (Poto).


43 sehen gar nicht so) fremden Kultur, wurde gleich zum internationalen Erfolg. Wohl weniger aus kulturellem Interesse, sondern weil der Halbmaori als Werbefilmer das Unbekannte in die bestens bekannte Hollywoodästhetik der Gewalt zu kleiden wusste. Das Debüt des Samoaners Tusi Tamasese hingegen arbeitet ohne spekulative Tricks und doppelten ideologischen Boden. Dafür vertraut er ganz der eigenen Erfahrung und den berückenden Bildern von Kameramann Leon Narbey, der uns im andern berühmten Maori-Film, Whale Rider, schon das Vertraute im Fremden aufgetan hatte. Der Kultur-Clash scheint in The Orator zwar weniger akut: Die Menschen auf Samoa (seit 1962 unabhängig von Neuseeland) sind, falls sie nicht zu der grossen Masse von Auswanderern gehören, immer noch ziemlich isolierte Inselbewohner. Sie teilen auch nicht jene offensichtliche indigene Verelendung, in die die neuseeländischen Maori, die australischen Aborigines oder die amerikanischen Indianer und Indios auf ihrem Anpassungsweg in die postkolonialen Gesellschaften des Westens gefallen sind. Die Bungalow-Dörfer in diesem Film sind proper, der Rugby-Rasen gepflegt, das Kirchlein liegt idyllisch im Grünen. Aber auch hier scheinen die patriarchalen Mythen der Vergangenheit nahtlos in die christlich missionierte Moderne überzugehen: Saili, der stille, zwergwüchsige Protagonist, hat bestenfalls einen verspotteten Platz am Rand einer Gesellschaft gefunden, in der das Männlichkeitsideal der redestarken Oberhäupter und Oratoren von gestern an die muskelbepackten Rugbyspieler von heute abgetreten wurde. Vaaiga, die Frau, die in seinem Haus Obdach gefunden hat, ist als Mutter eines unehelichen Kindes eine Verbannte aus einem andern Dorf. Ihre Tochter, mittlerweile ein Teenager, ist auf dem besten Weg, das Schicksal ihrer Mutter zu wiederholen. Ganz allmählich, in ruhiger Beobachtung ihres Alltags – bei der Gräberpflege, beim Anpflanzen von Yams, beim Weben vom Palmmatten, beim Rugbytraining – erschliessen sich die drei Hauptfiguren, ihre Beziehungen zueinander und zum Dorf. Das Arrangement am Rande ist fragil, und als scheinbar noch die Toten dazwischenfunken mit den ihnen geschuldeten Ritualen, kippt es gefährlich. Saili und Vaaiga müssen sich behaupten in einer Welt, in der alter Aberglaube, christliche Moral und neuer alter Machismo subtil ineinandergreifen. Eine Art Happy End ergibt sich, trotz der unterschwelligen Gewalt in dieser Mischung, aus der Einsicht, die schon die Alten hatten: Reden ist besser als Schlagen, und Barmherzigkeit das stärkste zivilisatorische Argument. Pia Horlacher

Pia Horlacher war Filmredaktorin beim Schweizer Fernsehen, bei der NZZ und der NZZ am Sonntag, für die sie heute noch schreibt.


44 Filmpodium für Kinder: «Anne liebt Philipp»

Voll verknallt mit 10

Die norwegische Liebeskomödie Anne liebt Philipp, in ihrem Heimatland ein Renner, lief bei uns letztes Jahr fast unbeachtet. Weil es ein Mädchenfilm ist oder das Thema Liebe nichts für Kinder? Diese sehen das völlig anders – und wir geben diesem witzigen, klugen Film eine zweite Chance. In Annes Klasse gibt es einen neuen Schüler namens Philipp. Anne verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Doch auch Ellen, ein Kindermodel, macht dem Neuen schöne Augen. Ausserdem sind Philipp und sein Vater ausgerechnet in das Haus gezogen, in dem einst Helga gewohnt hat. Von diesem Teenagermädchen erzählt man sich, dass es wegen einer verbotenen Liebe vom eigenen Vater ins Haus eingemauert worden sei! Es gilt also, Philipp zu warnen, dabei heimlich sein Herz zu gewinnen und die Nebenbuhlerin auszuschalten … Das schreiben zwei Kinder über Anne liebt Philipp: «Mir gefällt, dass man nach fünf Minuten schon alle Personen kennt, die in der Geschichte vorkommen. Ich finde es toll, dass Anne genau wie Helga ist und dass sie viel mehr Jungssachen macht als das, was Mädchen machen. Ich finde, es bleibt spannend bis zum Schluss, wer jetzt mit Philipp zusammen ist.» (Fanny, 9) «Bevor ich Anne liebt Philipp sah, dachte ich, das sei irgend so ein Film für Mädchen. Doch dann merkte ich, dass ich unrecht hatte. Dieser Film ist für Mädchen und Jungs! Was mir sehr gefallen hat, waren die kurzen Einstellungen von Helga. Sie zeigen, wie sich die Kinder ihre Geschichte vorstellen. Es gab aber auch sehr peinliche Momente. Da dachte ich: Oh nein, shit, ich will das nicht sehen! Aber am Ende gebe ich diesem Film eine 5,75.» (Ruben, 11)

ANNE LIEBT PHILIPP (Jørgen + Anne = sant) / Norwegen/Deutschland 2011 83 Min / Farbe / DCP / D // REGIE Anne Sewitsky // DREHBUCH Kamilla Krogsveen, nach dem Buch von Vigdis Hjorth // ­KAMERA Anna Myking // MUSIK Marcel Noll // SCHNITT Christoffer Heie // MIT Maria Annette Tanderød Berglyd (Anne), Otto Garli ­(Philipp), Aurora Bach Rodal (Beate), Vilde Fredriksen Verlo (Ellen), Kristin Langsrud (Tone), Peder Holene (Knut).


45 SO, 17. NOV. | 11.30 UHR

MATINÉE TAGE FÜR NEUE MUSIK

SPIRAL NETWORK Die diesjährigen Tage für Neue Musik Zürich

Vortragsreihe «Everything I Know» und das

mit dem Fokus USA präsentieren drei neue

sogenannte «World Game». Erstere sugge-

Werke, in denen Musik und Bild präzis mit-

riert einen grossen Wirbel der Gedanken,

einander verwoben sind – bis dahin, dass

während im zweiten Teil das Konzept «World

Bilder erst durch bestimmte Frequenzen

Game» die Basis für Zellwachstum und Mul-

live generiert werden.

tiplikation von visuellem und hörbarem Material bildet. «Spiral Network» zeichnet auch

Chakras Rising

den Bezug zwischen Fullers Ideen und japa-

Chakras sind lokalisierte Energiefelder im

nischer Architektur der fünfziger bis siebzi-

Körper. Allen sieben Hauptchakras sind

ger Jahre nach.

Farben und Elemente zugeordnet. «Chakras Rising» ist ein Hochklettern durch diese Energiezentren, gleich einer Evolution des Bewusstseins vom Urkörperlichen zum Fein­geistigen. Bei Virgil Moorefield sind die visuellen Phänomene nicht Begleitung zum Klang, sondern Stimmen im erweiterten Frequenzbereich des sichtbaren Lichts. Klang und Bild sind verflochten und generieren sich gegenseitig. Fieber Ein Individuum im Fieberdelirium. In Fieber

CHAKRAS RISING (Virgil Moorefield, 2013) The Virgil Moorefield Bicontinental Pocket Orchestra: Vicky Chow, Klavier Ian Ding, Vibrafon und Schlagwerk Taylor Levine, E-Gitarre Virgil Moorefield, Modular Synthesizer und Tabla Will Stanton, Master Computer Control FIEBER (David Sontòn /Adrian Kelterborn, 2013) Regie: Adrian Kelterborn Komposition: David Sontòn Musik: Symphonieorchester Chur Choreografie: Vanessa Huber-Christen Tänzer: Davide Sportelli Tänzerin: Helena Fernandino Kamera: Till Brinkmann Kostümdesign: Elisabeth Gers Mit freundlicher Unterstützung des Fachausschusses für Audiovision und Multimedia BS/BL und der Ernst Göhner Stiftung

hen B ­ ilder, die an einen Fieberwahn erin-

SPIRAL NETWORK (Gene Coleman, 2013) Zoï Tsokanou, Leitung Tobias Mueller-Kopp, Stimme Naomi Sato, Shô Naoko Kikuchi, Koto Mats Scheidegger, E-Gitarre Christian Hieronymi, Violoncello Martin Sonderegger, Klarinette

nern. Fieber ist der filmische Versuch, die

Klangregie: Samuel Groner

werden aktive Bildströme von aussen von einem Individuum verarbeitet und mit passiven Bildströ­men von innen beantwortet. Durch die Überlagerung der Ebenen entste-

Komposition «Fieber» von David Sontòn zu komplementieren, die im Hinblick auf eine visuelle Ergänzung geschrieben worden ist. Spiral Network «Spiral Network» ist eine Musik- und Filmkomposition um den amerikanischen Erfinder, Architekten und Schriftsteller R. Buckminster Fuller, genauer um seine

H Kaffee & Gipfeli ab 11.00 Uhr


46 IOIC-SOIRÉEN

DIE KÜNSTE IM STUMMFILM Das Institut für incohärente Cinematogra-

sentido (Spanien  1929) behandelt auf skurrile

phie überrascht weiterhin mit innovativen

Weise das seit den Anfängen wiederkeh-

Stummfilm-Live-Musikprojekten an unge-

rende Motiv des Films im Film. Die Shakes­

wöhnlichen Orten und macht so die frühe

peare-Verfilmung mit Asta Nielsen in der

Filmkunst nicht zuletzt auch einem jungen

Hauptrolle als weiblicher Hamlet (Deutsch-

Publikum zugänglich. In der Saison 2013/

land 1921) potenziert die berühmte Theater-

2014 ist das IOIC mit sechs Aufführungen im

im-Theater-Szene um den Faktor insze-

Filmpodium zu Gast.

nierter Männlichkeit. Beide Stummfilmperlen werden in neu restaurierten 35-mm-Kopien und mit aussergewöhnlichen Live-Vertonungen gezeigt.

DO, 26. DEZ. | 20.45 UHR THEATER IM STUMMFILM

HAMLET / Deutschland 1921 ca. 109 Min / viragiert / 35 mm / Stummfilm, d. Zw’titel // REGIE Svend Gade, Heinz Schall // DREHBUCH Erwin Gepard,

Das wandernde Institut mit Sitz in Zürich

nach dem Stück von William Shakespeare // KAMERA Curt Courant, Axel Graatkjaer // MIT Asta Nielsen (Hamlet), Paul

hat sich ganz dem Ansehen und der Verge-

Conradi (König), Mathilde Brandt (Königin Getrude), Eduard

genwärtigung des Stummfilms verschrie-

kermann (Polonius), Anton De Verdier (Laertes), Lilly Jacob-

ben und veranstaltet einmal jährlich einen mehrtägigen, thematisch ausgerichteten ­ Stummfilm-Marathon. Das Saison-Thema

von Winterstein (Claudius), Heinz Stieda (Horatio), Hans Junson (Ophelia), Fritz Achterberg (Fortinbras). Die Grande Dame des frühen dänischen Kinos, Asta Nielsen, ist mitnichten die erste Frau in der Rolle des dänischen

wird ­dabei in seiner ganzen Breite und Tiefe

Prinzen Hamlet, von dem in einer aus den Fugen geratenen

ausgeleuchtet, und bei den Live-Verto-

che diese berühmteste Figur Shakespeares nicht nur als

nungen wechseln sich Musiker, Tonkünstlerinnen, Bands, Ensembles und Orchester unterschiedlichen Alters und verschie-

Welt Unmögliches verlangt wird. Aber sie ist die Erste, welFrau spielt, sondern bei der die Hamlet-Figur in der Tat eine Frau und Prinzessin ist – wenn auch eine aus Gründen der Staatsräson als Mann und Prinz verkleidete. Die Verfilmung von Svend Gade und Heinz Schall aus dem Jahre 1921 ist zu-

dener Stilrichtungen – Jazz, Rock, elektro-

dem die erste, die das längste Stück Shakespeares nahezu

nische Musik, Neue Musik usw. – ab.

Das Trio DEER erforscht das Innenleben und die reichhaltige

Die Saison 2013/2014 ist den Künsten im Stummfilm

gewidmet.

In

der

zweiten

Gastreihe im Filmpodium zeigt das IOIC sechs frühe Filme, die sich mit Film, Theater, Musik, Literatur, Kleinkunst sowie der bildenden Kunst auseinandersetzen. Eröffnet wird die Reihe mit einem Kleinod spanischer Provenienz: Nemesio M. Sobrevilas El sexto

in seiner Gesamtheit fürs Kino bearbeitet. Klangwelt der Bassklarinette. Mit allerlei elektronischen Erweiterungen ausgerüstet und einer grossen Portion Experimentierfreude entführen die drei begnadeten Bieler Bassklarinettisten Hans Koch, Christian Müller und Silber Ingold ihre Zuschauer und Zuhörerinnen in filigrane Geräuschwelten und erdige, dunkle Klanglandschaften. Live-Vertonung: DEER Hans Koch (Bassklarinette, Elektronik) Christian Müller (Bassklarinette, Elektronik) Silber Ingold (Bassklarinette, Elektronik)


47 DO, 28. NOV. | 20.45 UHR

Beim Quartett yosai gibt es keine klaren Regeln, Abma-

FILM IM STUMMFILM

chungen oder Vereinbarungen, es geschieht Improvisation

EL SEXTO SENTIDO / Spanien 1929

im eigentlichen Sinne. Und dennoch schiebt sich ein treibender Puls durch die Musik, der mitreisst und einlädt, dem

ca. 70 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, span. + engl. Zw’titel //

Spektakel auf Leinwand und Bühne zu folgen. Es bilden sich

REGIE Eusebio Fernández-Ardavin, Nemesio M. Sobrevila //

schöne, weite Landschaften mit komplexen rhythmischen

DREHBUCH Nemesio M. Sobrevila // KAMERA Armando Pou

Türmen und explosiven Strukturen, wobei hin und wieder die

// MIT Ricardo Baroja (Kamus), Antonia Fernández ­(Carmen),

musikalischen Bilder mit kleinen kompositorischen Minia-

Faustino Bretaño (Carmens Vater), Enrique Durán (Carlos),

turen verfeinert werden.

Eusebio Fernández Ardavín (León), Gertrudis ­Pajares (Luisa), María Anaya, Felipe Pérez.

Live-Vertonung: yosai Simon Schorndanner (Tenorsaxofon, Bassklarinette)

Der spanische Stummfilm El sexto sentido des baskischen

Steffi Narr (Gitarre)

Regisseurs Nemesio M. Sobrevila ist wohl lediglich einer

Noah Punkt (E-Bass)

kleinen Gemeinde von Filmenthusiasten bekannt, hat bei

Clemens Litschko (Schlagzeug)

diesen aber durchaus Kultcharakter. Nicht zuletzt liegt dies an der Grundidee des Films: Das Kino habe einen sechsten Sinn, der dem Menschen fehle. Diese meta-cinematografische Ausgangslage fasst ein zentraler Zwischentitel des Films in die Worte: «Trotz vielfacher philosophischer Sys-

Die IOIC-Soiréen im Filmpodium finden bis April 2014 je-

teme kennen wir die Wahrheit nicht. Um sie kennenzuler-

weils am letzten Donnerstag des Monats statt.

nen, müssen wir unsere unvollkommenen Sinne um die Präzision der Mechanik ergänzen.»

Weitere Informationen zum IOIC: ioic.ch

NOVEMBER 2013 COR E DIRTY MUMBLIEES, QUICK AND US IND

Bus 32 & Tram 8 bis Helvetiaplatz, Tram 2 & 3 bis Bezirksgebäude Telefonische Reservation: 044 242 04 11 Reservation per SMS und Internet siehe www.xenix.ch


48 SÉLECTION LUMIÈRE: «HOWARDS END»

DIE PRIVILEGIEN DES WOHLSTANDS Nur sechs Romane hat der britische Autor

Erbe. Da verliebt sich Mr. Wilcox in sie … »

und Erzähler E. M. Forster (1879–1971) hin-

(Mark Sanderson, Time Out Film Guide)

terlassen; drei wurden vom erfolgreichen

«Es gibt zwei Gespräche in Howards End

Produzenten-Regie-Duo Ismael Merchant/

zwischen Henry Wilcox, einem wohlha-

James Ivory verfilmt: Nach A Room with a

benden Geschäftsmann, und Margaret

View (1985) und Maurice (1987) handelt

Schlegel, die seine zweite Frau wird. Das

Howards End (1991) von einem Landsitz, der

erste ist vergnüglich, das zweite verzwei-

an die «falsche Person» vererbt wird; er

felt, und in ihnen drückt sich das unter-

gilt als ihr bestes Werk.

schwellige Thema des Films aus: Die Unmöglichkeit, dass zwei Menschen mit

«Margaret, Helen und Tibby Schlegel sind

grundlegend verschiedenen Werten wirk-

klug, schön, und – im Vergleich zu den

lich kommunizieren können. Um diese Ge-

meis­ ten ihrer Zeitgenossen zu Zeiten

spräche herum entwickelt sich eine Ge-

­Edwards VII – aufgeschlossen. Das sind die

schichte um die verlässlichen Themen

Wilcoxes, mit Ausnahme von Mrs. Wilcox,

der britischen Literatur um 1900: Klasse,

eindeutig nicht. Als sich Helen in Paul Wil-

Vermögen, Familie, Heuchelei und Grund-

cox verguckt, verbrennt sie sich dabei die

eigentum. (…) Was Helen rasend macht –

Finger, doch Margaret freundet sich mit

und mit ihr das Publikum – ist die Tatsache,

Mrs. W ­ ilcox an, die bald stirbt und damit al-

dass ‹männlich› und ‹wohlhabend› zu Privi-

les verdirbt. Ihr letzter Wunsch ist, dass

legien berechtigt, die Armen und Frauen

­Margaret ihr Landhaus Howards End erben

verwehrt bleiben.» (Roger Ebert, Chicago

soll, doch die bösen Wilcoxes zerstören das

Sun-Times, 5.6.2005)

Testament und verweigern Margaret das

H Am 11. Dez. mit Einf. von Martin Walder

HOWARDS END / GB 1992 140 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE James Ivory // DREHBUCH Ruth Prawer Jhabvala, nach dem Roman von E. M. Forster // KAMERA Tony Pierce-Roberts // MUSIK Richard Robbins // SCHNITT Andrew Marcus // MIT Vanessa ­Redgrave (Ruth Wilcox), Emma Thompson (Margaret Schlegel), Helena Bonham Carter (Helen Schlegel), James Wilby (Charles Wilcox), Anthony Hopkins (Henry Wilcox), Joseph Bennett (Paul Wilcox), Adrian Ross Magenty (Tibby Schlegel).


49 IMPRESSUM

DAS FILMPODIUM IST EIN ANGEBOT DES PRÄSIDIALDEPARTEMENTS

in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, Lausanne/Zürich LEITUNG Andreas Furler (afu), Corinne Siegrist-Oboussier (cs) WISSENSCHAFTLICHE MITARBEIT Tanja Hanhart (th), Primo Mazzoni (pm) // SEKRETARIAT Claudia Brändle BÜRO Postfach, 8022 Zürich, Telefon 044 412 31 28, Fax 044 212 13 77 WWW.FILMPODIUM.CH // E-MAIL info@filmpodium.ch // KINO Nüschelerstr. 11, 8001 Zürich, Tel. 044 211 66 66 UNSER DANK FÜR DAS ZUSTANDEKOMMEN DIESES PROGRAMMS GILT: Arsenal Distribution, Berlin; Botschaft der Republik Korea, Bern; Cinélibre, Bern; CJ Entertainment, Seoul; The Daisy Entertainment, Seoul; Deutsches Filminstitut – DIF, Wies­ baden; Stiftung Deutsche Kinemathek, Berlin; Filmoteca española, Madrid; Finecut, Seoul; Indiestory Inc., Seoul; KOFIC, Seoul; Harold Lloyd Entertainment Inc., Los Angeles; Momenta Film, Zürich; Nature Conservation Films, Hilversum; Park Circus, Glasgow; Praesens Film, Zürich; Procap Schweiz, Olten; Rialto Film, Zürich; Sreda Film, Berlin; Stamm Film, Zürich; Svenska Filminstitutet, Stockholm; Svensk Filmindustri, Stockholm; Tamasa Distribution, Paris; Telepool, Zürich; Trigon-Film, Ennet­ baden; Twentieth Century Fox Film Corp., Zürich; Universal Pictures International, Zürich; The Walt Disney Company (Switzerland), Zürich; Warner Bros. (Transatlantic) Inc., Zürich. DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich // KONZEPTIONELLE BERATUNG Esther Schmid, Zürich GESTALTUNG TBS & Partner AG, Zürich // KORREKTORAT N. Haueter, D.Kohn // DRUCK Ropress, Zürich // AUFLAGE 7000 ABONNEMENTE Filmpodium-Generalabonnement : SFr. 400.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Filmpodium-Halbtaxabonnement: SFr. 80.– / U25: SFr. 40.– (halber Eintrittspreis bei allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Abonnement Programmheft: SFr. 20.– // Anmeldung an der Kinokasse, über www.filmpodium.ch oder Tel. 044 412 31 28

VORSCHAU Seijun Suzuki

Ken Loach

Seijun Suzuki, der im Mai 2013 seinen 90. Ge-

Wie kaum ein anderer zeitgenössischer

burtstag feiern konnte, gehört zu den grossen

­Regisseur steht der Brite Ken Loach für ein

B-Regisseuren Japans. Seine oft im Yakuza-

sozialrealistisches, politisch engagiertes

Milieu angesiedelten Gangster- und Action-

Kino. Antihelden, Menschen am Rande der

filme, deren Blüte sich hauptsächlich in den

Gesellschaft, die um ihre Würde kämpfen

sechziger Jahren entfaltete, zeichnen sich

müssen, bevölkern sein Filmuniversum. Der

durch einen eigenwilligen visuellen Stil

77-jährige Autorenfilmer, der zunächst Jus

aus: Exzentrische Kameraeinstellungen, eine

studierte und 1964 – nach einem kurzen

opulente Farbästhetik, flamboyante Stilisie-

Ausflug in die Theaterwelt – zum Fernsehen

rungen, die etwa an ­Tarantino oder Almodó-

wechselte, wurde 1966 mit Cathy Come Home

var denken lassen. Sein lange unterschätztes

über die Not einer obdachlosen Familie be-

Werk befindet sich zur Zeit dank der Japan

kannt und arbeitet sich seither mit bissigem

Foundation mit 35 Titeln auf Tournee; wir

Humor und viel Menschlichkeit an der Wirk-

freuen uns, eine Auswahl von zehn herausra-

lichkeit ab. Als Regisseur erfindet er sich

genden Filmen präsentieren zu können.

dabei von Film zu Film neu.


“D A Z Z L I N G …

R E D F O R D

I S

T R I U M P H A N T. ”

- A N N H O R N A D A Y, T H E W A S H I N G T O N P O S T

ROBERT REDFORD

A L L I S LO S T NEVER GIVE UP

DECEMBER 12 allislost.ch

Profile for Tanja Hanhart

Filmpodium 16. November bis 31. Dezember 2013  

Filmpodium cinema arthouse retrospective new korean cinema Programme Issue

Filmpodium 16. November bis 31. Dezember 2013  

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