HEUREKA 5/22

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EU REKA # 5 2022

Öl am Ende?

Heizen, kühlen, pumpen Geothermie ist das nachhaltigste Energiesystem und macht unabhängig Seite 8

Schwarzgold-grünes Paradox „Raus aus Öl“ ist keine rationale Klimapolitik, der Rohstoff braucht eine Zukun Seite 12

Gusto auf die Katastrophe? Energiehunger zeichnet die Volkswirtscha en in Asien aus. Aber wir bleiben darin vorn Seite 18

H
DAS WISSENSCHAFTSMAGAZIN AUS DEM FALTER VERLAG ILLUSTRATION: ELIZAVETA KRUCHININA Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien, WZ 02Z033405 W, Österreichische Post AG, Retouren an Postfach 555, 1008 Wien, laufende Nummer 2874/2022
Before you fly into the universe, visit Planet Linz! Linz your place for meetings, seminars and conferences. ww w.linztourismus.at/business

AUS DEM INHALT

Agrarische

Biomasse

wie Stroh statt Öl und Gas Seite 7

Ein Projekt mit österreichischer Beteiligung versucht eine Alternative anzubieten

Heizen oder kühlen – selbst gepumpt Seite 8

Kopf im Bild Seite 4

Christa Schleper, Archaea Ex pertin, wurde mit dem Wittgen stein Preis des Wissenschafts fonds FWF ausgezeichnet

Geothermie ist das nachhaltigste Energiesystem, sagen Wissenschaftler*innen

My home is my Kraftwerk Seite 9

Stromsparen im Haushalt ist das eine. Selbst Strom im Haus zu produzieren und damit etwas Geld zu verdienen, eine mögliche Perspektive

Die Farben des Wasserstoffs Seite 14

Er selbst ist farblos, aber wir geben ihm Farbwerte mit großer Bedeutung

Schwarzes Gold und grünes Paradox Seite 12

„Raus aus Öl“ ist keine rationale Wirtschafts und Klimapolitik

Wo die Schweiz wild sein könnte Seite 22 Romantisch verklärt oder schlicht abgelehnt: Wildnis in der Schweiz. Wo aber hätte sie Platz?

Mit Schnitzelfett nach Antalya? Seite 16

Es gibt nachhaltigen Ersatz für fossiles Kerosin, allerdings erst in kleinsten Mengen

Come on …

„Geschichte der Völkerwanderung“ heißt das 2021 in achter durchge sehener Auflage erschienene Werk des Historikers Mischa Meier. Es sei allen anempfohlen, die sich für die anstehende nächste Flücht lingswelle innerlich wappnen wol len. „Wann hört das endlich auf?“, ist man versucht zu fragen. Das haben sich die antiken Römer wohl auch gefragt. Meiers Buch macht einem klar: gar nicht.

Das germanoteutonische Idyll früherer Völkerwanderungsnarrati ve zerlegt Meier in seine Bestand teile und formt daraus eine Erzäh lung, die sich wie ein Begleitkom mentar zur gegenwärtigen Weltent wicklung liest. Man lernt daraus mehr als aus den meisten politolo gischen Analysen der Gegenwart. Vor allem, dass es viel Geduld so wie eine neue Sicht auf die eige ne Kultur und Geschichte braucht. Sonst zelebriert man The Fall and Decline of the Roman Empire nach.

Gusto auf die Katastrophe? Seite 18

Energiehungrig zeigen sich die Volkswirtschaften in Asien. Aber wir bleiben vorn

Gute Geschichte macht einem wie jede gute Wissenschaft klar, dass Veränderung das Einzige ist, auf das man sich im Leben verlas sen kann. An alten Kategorien fest zuhalten ist, wie Wasser in löch rigen Kübeln auffangen zu wol len. Oder um es mit Augustinus zu sagen: „Wer weiß schon über die gentes im Römischen Reich, wer was einmal war, da sie alle Römer geworden sind und alle Römer genannt werden.“

Die österreichischen Hochschulen sparen Energie

Schon durch ihren gesetzlichen Auftrag nehmen Österreichs Uni versitäten bei Klimaschutz und Nachhaltigkeit eine Vorreiterrolle ein – insbesondere die 2012 gegründete Allianz „Nachhalti ge Universitäten in Österreich“ mit ihren 19 Mitgliedern. Gegenwärtig verfügen zwölf Universitäten über eine Strategie für Klimaneutralität oder arbeiten gerade an einer sol chen. Bis 2030 wollen beispielswei se die Universität für Bodenkultur (BOKU) und die TU Graz ihre CO2 Emissionen massiv reduzieren. Es soll dazu bei den größten „Energiefressern“ wie Strom, Wär me, Dienstreisen und IT Geräte ge spart werden. Neubauten sollen mit Wärmepumpen und Fotovoltaikanlagen ausgestattet werden, die Energieeffizienz bestehender Ge bäude wird durch thermische Sa

nierung erhöht. Gemeinsam ha ben die BOKU und die TU Graz mit „ClimCalc“ ein eigenes Bilanzie rungstool entwickelt, das alle emis sionsrelevanten universitären Berei che umfasst. Damit sind sie in der Lage, eine Referenztreibhausgasbi lanz zu erstellen, die als Ausgangs punkt für die Erreichung definierter CO2 Einsparungsziele dient.

Mittlerweile befindet sich Clim Calc in der dritten Finanzierungs runde und wird dahingehend ad aptiert, dass es neben Hochschulen auch anderen öffentlichen Institu tionen zur Verfügung gestellt wer den kann. Energiesparen ist gera de jetzt ganz entscheidend gewor den, um zum einen dem „European Green Deal“ zu entsprechen, der eine Reduktion der CO2 Emmis sionen in der EU um 55 Prozent

von der Ausgangsbasis 1990 vor sieht, und um zum anderen auf die anhaltende Gaskrise zu reagieren. Sie macht es erforderlich, dass alle 27 EU Mitgliedsstaaten und somit auch Österreich bis März 2023 im Vergleich zum Vorjahr 15 Prozent ihres Gasverbrauchs einsparen.

Das kann nur durch gemein same, gezielte Anstrengungen ge lingen. Das BMBWF hat daher alle 75 Hochschulen in Österreich aufgerufen, entsprechende Energie sparpläne auszuarbeiten. Sie sol len neben mittel und langfristigen Energiesparmaßnahmen auch kurz fristige technische Optimierungen wie die Einschränkung der Raum temperatur auf bis zu 19 Grad enthalten.

Wie sie das durchführen, ent scheiden wie beim Umgang mit der Coronapandemie die Universitä

ten im Rahmen ihrer verfassungs gesetzlich garantierten Autonomie selbst. Die Vorgabe des Bildungs und Wissenschaftsministeriums ist dabei lediglich, dass der Lehr und Studienbetrieb weiterhin möglichst uneingeschränkt in Präsenz statt finden soll.

Die Universitäten sind zudem auf gerufen, sich mit speziellen Stufen plänen auf den Ernstfall einer Gas mangellage oder eines Gaslieferaus falls in diesem Winter vorzuberei ten. Dazu ist es notwendig, dass sie ihre (versorgungs )kritischen Berei che definieren, die für einen funk tionierenden Universitätsbetrieb unerlässlich sind. Das betrifft etwa kritische Forschungsinfrastruktur wie Hochleistungsrechner, Kühlein richtungen für biologische Substan zen oder museale Sammlungen.

INTRODUKTION : HEUREKA 5/22 FALTER 43/22 3 :
:
ENERGIEWENDE
EDITORIAL FOTOS: UNIVERSITÄT WIEN ILLUSTRATIONEN: PHILIPP KÖLL, ZOE GUGGENBICHLER, MIRJAM LINGITZ CHRISTIAN ZILLNER

Astrid Krisch, 34

„Infrastrukturen wie etwa Bahnschienen, Wasserleitun gen, aber auch Schulen oder Kultureinrichtungen lenken unser Verhalten fast unbe merkt in bestimmte Bahnen, sie strukturieren es vor“, sagt die Wienerin. „So hängt es zum Beispiel von den verfügbaren Netzen ab, welche Energien wir nutzen, und über eine ganze Stadt verteil te kulturelle Angebote führen zu einem anderen sozialen Zusammenhalt als ihre Konzentration im Zentrum.“ Die dahintersteckenden politi schen und planerischen Aushandlungsprozesse, die nur selten an die Öffentlichkeit dringen, sind Gegenstand von Krischs Dissertation. „Ich möchte zeigen, welche ineinander verstrick ten Strukturen, Akteur*innen und Diskurse für spezifische Entwicklungen verantwortlich sind, und die Stellschrauben identifizieren, wo wirk lich etwas verändert werden kann.“

Selim Banabak, 29 Vor dem Doktoratsstudium an der TU hat der Wiener an der WU Volkswirtschaft stu diert. „Dazu motivierten mich mein Interesse an Politik und die spannenden wirtschafts politischen Debatten, die auf die Finanzkrise von 2008 folgten.“ In seiner Dissertation fokussiert er sich auf Wohnungs marktpolitik und sozialräumliche Ungleichkeit: Es geht um die Leistbarkeit des Wohnens in Wien. „Die steigenden Mieten machen das The ma sozialpolitisch besonders relevant.“ Mit sta tistischen Methoden möchte er den durch unter schiedliche Einkommens- und Bildungsniveaus ungleichen Zugang zum verfügbaren Angebot messbar machen. „Auch beobachte ich die klein räumige Veränderung von Mieten und berech ne, welche Rolle eine Aufwertung des Angebots dabei spielt.“ Als Preisdämpfer sei das Interven tionspotenzial des Sozialsektors interessant.

Umweltrelevante Winzlinge

Archaea zählen zu den kleins ten Lebewesen, ihre Bedeu tung für das Verständnis der frühen Evolution ist allerdings groß. Komplexe Organismen wie Pflanzen und Tiere haben sich aus den einfachen, fast vier Milliarden Jahre alten Einzel lern entwickelt. Darüber hinaus sind sie ein Schlüsselelement im Stickstoffkreislauf der Erde und damit für das Ökosystem. Auf Letzteres will sich Chris ta Schleper nun verstärkt fo kussieren. Die Archaea-Exper tin des Departments für Funkti onelle und Evolutionäre Ökolo gie der Universität Wien wurde heuer mit dem höchstdotierten Forschungspreis Österreichs aus gezeichnet, dem WittgensteinPreis des Wissenschaftsfonds FWF. „Ich glaube, dass Archaea in Zukunft eine große Rolle für nachhaltige biotechnologi sche Produktionen spielen wer den“, sagt die Mikrobiologin, der Klima- und Umweltschutz ein großes Anliegen sind. „Mit dem Preisgeld möchte ich erforschen, wie man in der Landwirtschaft mit weniger Düngemitteln aus kommen könnte.“

Yanli Zhang, 36

Bevor sie ihre Dissertation in Angriff nahm, hat die gebürti ge Chinesin als Stadtplanerin gearbeitet. „Aber mich haben immer auch die Theorien hin ter den Planungsmaßnahmen und -methoden interessiert“, sagt sie. „Zudem wollte ich mich eingehender mit Naturschutz in Bezug auf Städte befassen.“ Zhang forscht zur nachhaltigen Transformati on von Bergbaugebieten. Diese laufen Gefahr, zu Geisterstädten zu werden, sobald ihre Ressourcen erschöpft sind. „Dann verlieren viele Menschen die Arbeit, die Umwelt ist verschmutzt und ein unattraktives Bergbauindustrie-Image haftet der Gegend an.“ Sie sucht nach Lösungen, um mehr Lebensqualität und Grün in solche Städte zu bringen. „Nachhaltigkeit ist ein Schlagwort und trotzdem oft unklar. Ich möchte es persönlich und wissenschaftlich verstehen und zu einem ausge wogenen Mensch-Natur-System beitragen.“

4 FALTER 43/22 HEUREKA 5/22 : PERSÖNLICHKEITEN
: JUNGFORSCHERINNEN TEXT: USCHI SORZ FOTO: UNIVERSITÄT WIEN
FOTOS: MINA CHAMRACI, PRIVAT Am Forschungsbereich Stadt- und Regionalentwicklung der TU Wien befassen sich diese drei Doktorand*innen mit Lösungsansätzen für politisch-planerische Herausforderungen
USCHI SORZ

Fossile Epoche Kontinentalsperre

Diesen betreiben wir vehement, wenn es um Klimaschutz geht, und feiern 2022 in Österreich einzel ne, in teils großen Abständen abge schlossene Umweltverträglichkeits prüfungen für Windräder.

2100 werden sich drei der fünf größten Städte der Welt in Afrika befinden, Lagos soll die Liste an führen. Es wird notwendig sein, In frastruktur zu schaffen, um den Be völkerungszuwachs zu verkraften. Wahrscheinlich ist momentan, dass Kohle und Öl hier Abhilfe schaf fen werden. So baut China nach wie vor einiges an Kohlekraftwer ken zu. 2021 immer noch mehr als zwanzig Gigawatt. Der Ausbau be schränkt sich auch nicht auf China.

Und Öl? Auch die optimisti scheren Prognosen sehen Öl zu einem großen Teil (teils bis drei ßig Prozent) im Energiemix 2050. Gas mag im österreichischen Winter dieses Jahres beinahe knapp geworden sein (nun sind die Spei cher gut gefüllt, und knapp ist ein starkes Wort bei schier übermäßi gem, teils nicht notwendigem Ver brauch), weltweit wird es aber, von multiplen Krisen ungestört, wei terhin verbrannt. Das 21. Jahrhun dert wird im Rückblick eine fossile Epoche gewesen sein.

Der Klimawandel kann nur als globale Herausforderung betrachtet angegangen werden. Gas- und Atomkraftwerke mögen in einer bereits eingetreten Machtlosig keit als (wichtige) Überbrückung dienen. Treibstoffalternativen, Erneuerbare sowie CCUS werden jedoch in jedem Fall unausweich lich sein. Das Ende von Öl und Gas ist noch nicht eingeläutet. Und in Österreich wird jedes einzelne Windrad gefeiert. Unsere Anstren gungen dürfen am Ende nicht un bedeutend gewesen sein.

MEHR VON CHRISTOPH PONAK: ENGINEERS FOR A SUSTAINABLE FUTURE: WWW.ESFUTURE.AT WWW.SHIFTTANKS.AT : KLIMATECHNOLOGIE CHRISTOPH PONAK

Als sich der Krieg führende Diktator so sehr in die Enge getrieben wähnt, dass er trotz allem militärischen Aufwand keine andere Lösung mehr sieht als die Abschottung nach außen, sperrt er alle von ihm beherrschten Staaten gegen den Handel mit dem feind lichen Ausland ab. Die Einfuhr von Waren und Rohstoffen aus den Ländern des westlichen Fein des sind ab sofort verboten. Die se Maßnahme würde das perfide Albion in die Knie zwingen!

So schön hatte sich Napoleon das ausgedacht, als er 1806 die „Kontinentalsperre“ gegen Groß britannien und seine Kolonien ver hängte. Tatsächlich brachen dort alsbald Hungeraufstände aus, weil das Importgetreide vom europäi schen Festland fehlte. Umgekehrt hatten es auch die Briten zuvor, noch gegen das revolutionäre und noch nicht imperiale Frankreich, mit einer Seeblockade versucht. Während der Kontinentalsper re von 1806 bis 1813 hatten bei de Seiten mit Mangel zu kämpfen. Doch konnten die Briten die fran zösische Konkurrenz auf anderen Kontinenten behindern und sich erfolgreicher denn je als globale Nummer eins in Sachen Kolonisa tion positionieren. Die französisch beherrschten Deutschen wiede rum wurden erfinderisch und ent wickelten aus dem Mangel Indus trien, die dann für zweihundert

Wirtschaftskriege sind nichts Neues. Es gab sie seit der Anti ke, wo im alten Griechenland die Sykophanten, die „Feigenzeiger“, ihre Konkurrenz auszuhebeln ver suchten, bis hin zu den Ölkrisen des 20. und 21. Jahrhunderts. In des sind Blockaden und Embar gos so eine Sache. Man weiß nie, ob sie nicht nach hinten losgehen und sich gegen den richten, der sie verhängt. Trotzdem: Ein legitimes Mittel der Kriegsführung bleiben sie allemal, sogar in Kalten Krie gen, die bekanntlich Jahrzehnte dauern können.

Selbst wenn die Ukraine völ lig gerechtfertigt und tapfer um ihr Überleben kämpft, weil bekannt ist, welche genozidalen Massaker die russischen Folterer und Mör der von Lenin und Stalin bis Putin in einmal unterworfenen Ländern anzurichten pflegen, sollte man dennoch einen Satz von Karl Kraus nicht ganz vergessen:

Studium her!

Es reicht aber nicht, nur mehr Wissenschaftskommunikation zu wollen. Es müssen auch entspre chende Initiativen und Projekte gestartet und ausreichend viele För dergelder investiert werden. Selbst das ist noch nicht genug. Denn jemand muss Wissenschaftskom munikation auch konkret machen.

HANDGREIFLICHES

Wer will, dass Wissenschaft professionell vermittelt wird, muss auch dafür sorgen, dass Menschen dafür vernünftig ausgebildet wer den. Es reicht nicht, wenn das die Mitarbeiter*innen an den For schungseinrichtungen „nebenbei“ machen. Es reicht auch nicht, wenn die PR-Abteilungen der Universi täten aufgestockt werden. Theorie und Praxis der Wissenschaftskom munikation lernt man nicht in ein paar Fortbildungskursen. In Öster reich besteht keine wirkliche Mög lichkeit, ein Studium der Wissen schaftskommunikation zu absol vieren. Es gibt eine (!) Professur für dieses Fach an der Universität Graz ohne passenden Studiengang. Es werden, verteilt über verschie dene Forschungseinrichtungen, un terschiedliche Lehrveranstaltungen, Workshops und Kurse zum Thema angeboten. Aber keine einheitliche und umfassende Ausbildung auf universitärem Niveau.

Viele, die aktuell erfolgreich Wissen in die Bevölkerung bringen, haben so eine Ausbildung nicht. Daraus folgt aber nicht, dass es so etwas nicht braucht. Im Gegenteil: Wie gut wäre der Stand der Wis senschaftskommunikation in Ös terreich, wenn sie nicht von Men schen gemacht würde, die sich ihr Wissen autodidaktisch beigebracht oder zufällig Talent dafür haben?

Es ist gut und richtig, sich zu sorgen, wenn die Bevölkerung der Wissenschaft und ihren Erkenntnis sen skeptisch oder gar feindlich ge genübersteht. Aber wenn man das nachhaltig ändern will, brauchen wir nicht nur mehr Wissenschafts kommunikation, sondern auch neue Strukturen, damit sie professionell durchgeführt werden kann.

VON FLORIAN FREISTETTER: HTTP://SCIENCEBLOGS.DE/ ASTRODICTICUM-SIMPLEX

KOMMENTARE : HEUREKA 5/22 FALTER 43/22 5
: FINKENSCHLAG ZEICHNUNG (AUSSCHNITT)
MEHR
: HORT DER WISSENSCHAFT MARTIN HAIDINGER VON TONE FINK TONEFINK.AT
„Krieg – das ist zuerst die Hoff nung, dass es einem besser gehen wird, hierauf die Erwartung, dass es dem anderen schlechter gehen wird, dann die Genugtuung, dass es dem anderen auch nicht besser geht, und hernach die Überraschung, dass es beiden schlechter geht.“

NACHRICHTEN AUS FORSCHUNG UND WISSENSCHAFT

Seiten 6 bis 9

Wie Wissenschaft in unsere alltäglichen Lebensumstände eingreift und sie verändert

Mehr Fördergeld für Studierende

Seit 1. September wird eine höhere Studienbeihilfe ausbezahlt, die ab 2023 jährlich steigt

Mit offenen Hörsälen, Seminarräu men, Labors und Bibliotheken konn te das Wintersemester 2022/23 im Vergleich zu den zwei Jahren davor normal starten. Allerdings sehen sich Studierende nun angesichts der Teu erung mit enorm gestiegenen Ener giekosten und höheren Lebensmit telpreisen konfrontiert.

Das Bundesministerium für Bil dung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF) hat rechtzeitig vor Stu dienbeginn darauf reagiert und die Studienbeihilfe mit 1. September um bis zu zwölf Prozent erhöht. 22 Mil lionen Euro werden dafür heuer zu sätzlich aufgewendet, ab 2023 sind es jährlich 68 Millionen Euro mehr.

Damit einher geht eine umfas sende Reform der Studienförderung, die neben einer einfacheren Berech nungsmethode auch die Anhebung der Altersgrenze um drei Jahre auf maximal 35 bzw. 38 Jahre umfasst. Damit wird älteren und berufstätigen Studierenden der Zugang zur Studi enförderung erleichtert.

Dazu kommt das Anti-Teuerungs paket der Bundesregierung, das auch Studierende unterstützt. Es sieht die Abschaffung der kalten Progres sion sowie die Valorisierung be stimmter Sozialleistungen vor, un ter die auch die Familienbeihilfe und die Studienbeihilfe fallen. Sie wer den beide im kommenden Jahr um 5,8 Prozent angehoben, wodurch Höchstbeihilfebezieherinnen und -bezieher um bis zu 620 Euro mehr erhalten werden. Details sind auf www.bmbwf.gv.at/ studienbeihilfe nachzulesen.

Eine unordentliche Diamantstruktur lässt die Brustpanzerschuppen von Rüsselkäfern blau erstrahlen

„Kontrolliertes Chaos“ lässt Brust panzerschuppen von Rüsselkäfern aus allen Richtungen blau strahlen, berichtet der Salzburger Material physiker Bodo Wilts. Auf dem Hin terleib haben die Insekten hingegen hochgeordnete Oberflächenstruktu ren, die abhängig vom Blickwinkel unterschiedlichste Rot- und Orange töne erzeugen. Die Farben entstehen durch Spiegelung, Beugung und Bre chung von Lichtstrahlen.

Zunächst hat Wilts herausgefun den, dass „Pavonius“-Rüsselkäfer ihre runden, bunten Flecken durch „hochgeordnete Nanostrukturen mit diamantenförmiger Symmetrie“ be kommen. Sie schillern in allen Re genbogenfarben und sind stark „iri diszent“, ihre Farbe ändert sich je nach der Perspektive. Dann unter suchte er „Mirabilis“-Rüsselkäfer. Sie tragen am Hinterteil rot-orange farbene Flecken sowie am Brustpan zer blaue. „Wie bei Pavonius sind die

Mirabilis-Hinterleibsflecken stark iridiszent und werden durch Dia mantstrukturen hervorgerufen. Auf den blauen Schuppen haben wir je doch gesehen, dass die Struktur un geordnet ist“: eine derart abgeänder

Smart Data statt Big Data

Big Data, machinelles Lernen, Data Science – Technologien zur Analyse riesiger Datenmengen sind auf dem Vormarsch. Doch warum sie in der Praxis so gut funktionieren, ist noch weitgehend unverstanden, schließ

Bodo Wilts, Paris-LodronUniversität Salzburg

te Diamantstruktur, dass nur das nächste oder übernächste Streuzen trum auf gewisse Art angeordnet ist (Nahordnung), es aber keine gleiche Anordnung über zahlreiche Wieder holungen (Fernordnung) gibt. „Die se Nanostrukturierung ist korrelier te Unordnung“, erklärt Wilts, „und stellt eine einheitliche blaue Farbe ohne Winkelabhängigkeit her.“

Wie wissen Meeresringelwürmer, wann sie zur Sache kommen sollten?

In ihrem Inneren informiert sie ein Eiweißstoffpärchen, das zwischen Sonnenlicht und Mondschein unterscheidet

Meeresringelwürmer haben biologi sche Uhren und innere Kalender, die ihre Fortpflanzung anhand der Ta geszeiten und Mondphasen koordi nieren. Ein Eiweißstoffpärchen un terscheidet dazu zwischen Dunkel heit, Mondschein und Sonnenlicht,

also wenige Photonen. Diese Photo nen werden vom ersten FAD effektiv aufgenommen, dadurch wird es „re duziert“. „Das zweite FAD ist nicht mehr so einfach reduzierbar, dazu sind viel mehr Photonen nötig“, sagt die Forscherin: „Das schafft faktisch nur mehr Sonnenlicht mit mehr als 10.000-fach höherer Photonenzahl“.

Kristin, Tessmar-Raible, Universität Wien

erklärt die Chronobiologin Kristin Tessmar-Raible. Das Pärchen besteht aus zwei „L-Cryptochrom“-Eiweiß stoffen mit jeweils einem Helfer. Bei Dunkelheit sind beide „Flavin-Ade nin-Dinukleotid (FAD)“-Helfer in ei nem bestimmten Zustand, nämlich „oxidiert“. Natürliches Mondlicht enthält eine geringe Lichtmenge,

Bei Dunkelheit sind demnach bei de FAD-Helfer oxidiert, bei Vollmond ist eines reduziert und bei Sonnen licht sind es beide. „Damit dient das System als effizienter Sensor, das ei nen extrem weiten Bereich natürli cher Lichtintensitäten unterscheiden kann“, sagt Tessmar-Raible: „Mög licherweise erkennt es sogar die Mondphasen, weil der erste FADHelfer nach Sonnenuntergang un gefähr sechs Stunden Mondschein braucht, bis er reduziert ist“. So lan ge Mondlichtdauer gibt es im Ver breitungsgebiet der Würmer fast nur bei vollem Mond.

Mario Ullrich, JohannesKeplerUniversität, Linz

lich betreffen die erfolgreichsten An wendungen hochkomplexe Proble me. „Unstrukturierte, oft zufällige Datenmengen enthalten häufig re dundante oder gestörte Daten“, er klärt Mario Ullrich. „Darum ist es wichtig zu wissen, wie man adäquat mit ihnen umgeht und was davon man besser gleich vergisst.“ Smart Data statt Big Data laute das Motto.

Das Spezialgebiet des 35-jähri gen Mathematikers von der Johan nes-Kepler-Universität Linz heißt „Information-based Complexity“, für seine Forschung zum Thema „Po wer of Random Information“ hat er im Juli den Joseph F. Traub Prize for Achievement in Information-based Complexity erhalten.

„Mein Forschungsfeld ist relativ neu“, sagt er. „Der Fokus liegt weni ger auf der Rechenleistung, die fast unbegrenzt verfügbar ist, als auf der Anzahl und Qualität der vorhande nen Daten.“ Es gelte, die inhärente Schwierigkeit der zu lösenden Pro bleme zu verstehen. Der Schlüssel dazu sei die Approximation hoch dimensionaler Funktionen. „Verein facht gesagt bedeutet das, dass wir Zusammenhänge zwischen sehr vie len Parametern aus einer möglichst kleinen Datenmenge ableiten möch ten. Und wenn das nicht geht, wol len wir wissen, warum das so ist.“

Seit 2015 forscht der Thüringer in Linz, wo er auch den BachelorStudiengang „Artificial Intelligence“ mit aufgebaut hat. Die Schönheit der Mathematik habe er eher spät für sich entdeckt, erzählt er. Dem Stu dienwunsch Biologie kam der Nu merus clausus in seiner Heimat in die Quere, die anfängliche Verle genheitslösung Mathematik wuchs sich unverhofft zur Leidenschaft aus. „Dass man damit auch neueste technologische Entwicklungen bes ser verstehen kann, ist ein zusätzli ches Plus.“

6 FALTER 43/22 HEUREKA 5/22 : NACHRICHTEN FOTOS: KOLARIK ANDREAS, CORINNA PERCHTOLD, FLORIAN
RAIBLE
: MATHEMATIK
: SUPPORT
USCHI SORZ
: PHYSIK
Womit der Rüsselkäfer nicht nur bei seinesgleichen Eindruck schindet
Mario Ullrich untersucht die Mathematik hinter Data Science

Agrarische Biomasse wie Stroh für den Süden statt Öl und Gas

Die renommierte New York Times machte am 7. September des Jahres mit einem beinahe apokalyptischen Bild auf: In einem rumänischen Ur wald, hektarweise kahlgeschlagen, liegen Baumstämme kreuz und quer herum, darunter ist zu lesen: „Euro pa opfert seine Urwälder, um daraus Energie zu gewinnen.“

Bilder von brennenden und verwüs teten Urwäldern treffen uns mit emo tionaler Wucht und lassen uns daran zweifeln, dass wir die jahrtausendeal te Praxis der Bioenergienutzung weiter betreiben dürfen. Rationale Argumen te kommen gegen diese Bilder kaum an. Da hilft es auch nicht, den Chef redakteur der New York Times darauf hinzuweisen, dass sein Titelfoto nicht die Holzernte in einem rumänischen Urwald zeigt, sondern die Folgen eines Sturmes. Die geknickten Bäume muss ten nach dem Windwurf entfernt wer den, weil sich sonst Schädlinge dort ausgebreitet und vermehrt und den in takten Urwald angegriffen hätten.

Der Zustand der Wälder ist welt weit höchst unterschiedlich. Wer den bestimmte tropische Wälder nie dergebrannt und in Rinderweiden

oder Sojaplantagen umgewandelt, so nimmt die im europäischen Wald ge speicherte Biomasse seit dreißig Jah ren jedes Jahr um rund 350 Millio nen Kubikmeter zu. Im selben Zeit raum hat die Waldfläche Europas um

1990 und 2015 von 24 auf neuen Pro zent abgenommen.

zehn Prozent zugenommen, die Ös terreichs nimmt im Durchschnitt um sechs Hektar pro Tag zu. Solche Fak ten sind bekannt und publiziert. Sie kollidieren aber offenbar emotional mit den Bildern von brennenden Wäl dern und erzeugen eine schwer lösba re kognitive Dissonanz.

Im Umland zahlreicher afrikanischer Großstädte, in denen noch häufig tra ditionell mit Holzkohle gekocht wird, wird der Wald zur Holzkohleproduk tion großflächig zerstört. In Ugan da hat die Waldbedeckung zwischen

Zugleich wird in vielen Regionen Afrikas, Indiens und Chinas nach Ernten häufig das Stroh auf den Fel dern verbrannt. So ist New Delhi dafür berüchtigt, dass wochenlang Rauchschwaden aus den Strohfeu ern über der Stadt hängen und sich mit den Abgasen aus dem Autover kehr zu einem Giftcocktail mischen. Allein in China fällt jährlich eine Mil liarde Tonnen an Stroh an – und wird kaum genutzt.

Die Internationale Energieagentur (IEA) hat erhoben, dass vierzig Pro zent der weltweit verwendeten Bio energie im globalen Süden weitge hend nicht nachhaltig zum Kochen verbraucht wird. Etwa drei Milliar den Menschen sind davon abhängig. Die hohen Emissionen der meistens offenen Feuer, an denen gekocht wird, verursachen vier Millionen Todesfäl le jährlich, denn ein offenes Kochfeu er hat einen Wirkungsgrad von ledig lich zehn bis 15 Prozent. 85 bis neun zig Prozent der im Holz enthaltenen Energie werden dabei vergeudet. Die

Holzkohleproduktion zum Kochen trägt wesentlich zur Entwaldung in der Nähe der Städte bei.

Dennoch ist die Bevölkerung in diesen Ländern nicht dazu verurteilt, auf teure fossile Energie wie Öl oder Flüssiggas umsteigen zu müssen. Die IEA sieht ein großes Potenzial in bis her kaum genutzten und allenfalls auf den Feldern verbrannten agrarischen Reststoffen wie Nuss- und Reisscha len, Stroh, Rückständen aus der Kaf fee- und Zuckerproduktion usw. Die se Rückstände können beispielsweise pelletiert und als Brennstoffe in kleinen Vergaseröfen zum Kochen genutzt wer den. Versuche zeigen, dass die Emissi onen von Rauch, Kohlenmonoxid und anderen Schadstoffen damit um über 95 Prozent reduziert werden können.

Ein Projekt mit österreichischer Be teiligung optimierte einen Ofen, der in Kampala gebaut und mit Strohpellets betrieben werden kann. Gelingt es, die ses Projekt zu skalieren, können nicht nur die Bauern ein zusätzliches Ein kommen aus einem bisher vergeudeten Abfall generieren, auch lokale Kleinge werbe könnten die optimierten Öfen herstellen und regional vertreiben.

Die Baubranche ist weltweit einer der großen CO2-Verursacher. Der zeit baut sie weder ressourceneffi zient noch nachhaltig. Beim Bauen selbst, aber auch in der Herstellung der Materialien werden große Men gen an Energie sowie Rohstoffen ver braucht und gewaltige Mengen CO2 in die Luft geschleudert.

Eine Alternative wie Lehm, mit der auch der aktuell mit dem renommier testen Architekturpreis, dem PritzkerPreis, ausgezeichnete Diébédo Fran cis Kéré baut, ist in fast allen Län dern so gut wie kostenlos zugänglich. Zusammengesetzt aus Ton, Sand und Schluff, bildet Lehm die Grundlage für nachhaltiges Bauen, da er recycelt

werden kann. Im traditionellen Haus bau wurden für Jahrtausende natürli che Materialien wie Holz, Lehm und Stroh eingesetzt. Zum „Baustoff der armen Menschen“ degradiert und von modernen Materialien verdrängt, er leben sie heute ein Revival und tra gen den Ökostempel.

Zement erzeugt bei der Herstellung viel Kohlenstoffdioxid und lässt beim Abriss nicht wiederverwertbaren Bau schutt zurück. So auch der Dämmstoff Styropor, der sich weder positiv auf das Raumklima noch auf die Umwelt auswirkt. Statt aufwendiger Heiz- und Kühlsysteme reguliert Lehm auf na türliche Weise die Luftfeuchtigkeit, da

er Wasser speichert und später wie der abgibt. So bleibt es im Sommer kühl und im Winter warm. Das ist in Zeiten klimatischer Veränderungen ein Mittel, um bei Starkregenereignis sen für große Wassermengen gewapp net zu sein.

Im Vergleich zu konventionellen Baustoffen folgen Holz, Stroh oder Lehm einem Kreislaufkonzept, da sie regional vorhanden sind, zur Gänze natürlich abgebaut und auch wieder verwendet werden können.

Viele Gebäude Kérés stehen in sehr heißen Ländern und kommen dort dank seiner verbesserten traditionel len Baustoffe und kluger Architektur ohne aufwendige Kühlsysteme aus.

NACHRICHTEN : HEUREKA 5/22 FALTER 43/22 7
: BIOENERGIE Wenn Architekt*innen doch nur etwas
würden, welch ein Segen!
südlichen und östlichen Weltregionen wird Biomasse durch Kochen und Verbrennen
Feldern
Ein Projekt mit österreichischer Beteiligung versucht hier eine Alternative anzubieten Konventionelles Bauen ist in der Klimakrise nicht mehr zeitgemäß. Lehm bietet sich als ökologischer und
von Dreck verstehen
In
auf
vergeudet.
sozialer Baustoff an Der Pritzker-Preisträger Francis Kéré baut mit verbesserten traditio nellen Baustoffen wie Lehm
: BAUSTOFFTECHNOLOGIE
FOTOS: PRIVAT, WIKIPEDIA/GANDOIT

Torf – ein Bodenschatz, wenn er im Boden bleibt

Torf kennt man aus dem Bau- oder Supermarkt. Dort heißt er „Blumen erde“. Sein Abbau für den Blumen erdeverkauf sorgt für CO2 in der At mosphäre. Noch mehr, wenn man ihn verbrennt.

Entstanden ist er in Mooren, wo Schilf, Moose oder Gräser durch Sau erstoffmangel konserviert wurden. Moore gelten als Kohlenstoffsenken. Werden sie entwässert, um an den Torf zu gelangen, entweicht das CO2.

„Torfstechen“ wird seit über tau send Jahren praktiziert. Torf wur de seit dem 16. Jahrhundert dort ge nutzt, wo Holz und Kohle fehlte. Sein Brennwert liegt mit 9.500 bis 23.000 Kilojoule per Kilo eher im Mittelfeld.

Salzburg hat eine lange Traditi on der Trockenlegung von Mooren, schreibt der Historiker Hubert Wei tensfelder in den „Blättern für Tech nikgeschichte 77 (2015)“ über Torf nutzung in der Habsburgermonar chie. Im 18. Jahrhundert wurde Torf gewerblich eingesetzt: bei Salinen,

Eisenhämmern oder Glaserzeugung. Im 19. Jahrhundert zog Torf in die Chemielabore ein. „Bei der trocke nen Destillation konnten das Leucht öl Photogen, Teer und eine ammo niakähnliche Flüssigkeit gewonnen werden. Bei weiterer Raffination ent stand ein photogenes Produkt, dann ein dickflüssiges Öl und schließlich unreines Paraffin“, so der Historiker.

Als Brennmaterial blieb Torf ein ländliches Phänomen. Er wurde dort genutzt, wo er vorhanden war: im Umkreis von Mooren. Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich Torf als Lifestyle-Produkt in den Städten: als Fasergrundlage für Papier, Tep piche und Textilien. Um die Wende

Raphael Müller, Institut für Geographie und Regional forschung

zum 20. Jahrhundert wurden Moor zeitschriften und Moorvereine gegrün det, Händler veranstalteten Mooraus stellungen. Im Lauf des 20. Jahrhun derts ging das Interesse an Torf stark zurück, der Umweltaspekt rückte die Bedeutung der Moore in den Vorder grund. Von den Moorflächen vergan gener Jahrhunderte seien heute nur noch zehn Prozent vorhanden, erklärt Weitensfelder.

Raphael Müller vom Institut für Geographie und Regionalforschung schätzt sie auf 21.000 bis 31.000 Hek tar. Wenig wisse man über Standor te, die keine typische Moorvegetati on mehr aufweisen, unterirdisch aber Torf lagern. „Flächenmäßig machen Moore zwar keinen Löwenanteil in Österreich aus, jedoch spielen sie eine enorme Rolle, wenn es um die Speicherung von Kohlenstoff im Bo den geht“, sagt Müller. Schätzungen gehen von mindestens dreißig Milli onen Tonnen aus, das 1,3-Fache des jährlichen CO2-Ausstoßes Österreichs.

Abgebaut werde Torf in Öster reich nur noch „sehr vereinzelt“, an etwa zehn Standorten, so Müller. 100.000 Tonnen jährlich werden im portiert, vor allem aus dem Baltikum und überwiegend für den Gartenbau. Manche torfhältige Produkte werben mit dem Siegel der „Renaturierung“ der Moore.

Geht sich das aus? „Nein“, meint Müller. Ein Moor wächst einen Milli meter pro Jahr – bis sich eine abtorf bare Torfschicht bildet, braucht es ein paar Tausend Jahre. Allerdings kön nen wiedervernässte Moore landwirt schaftlich genutzt werden, etwa durch Schilfanbau. „Diese Produkte können geerntet werden, und gleichzeitig kann der im Boden lagernde Torf unter den nassen Bedingungen Kohlenstoff spei chern“, sagt Müller.

Das sei auch die wichtigste Eigen schaft von Torf, denn: „Die negativen Folgen für Klima und Natur stehen in keiner Relation zum energetischen Wert der Ressource.“

Heizen oder kühlen – selbst gepumpt

Geothermie ist das nachhaltigste Energiesystem, sagen Wissenschaftler*innen. Vor allem aber macht es von Energielieferanten unabhängig

Das Gesetz der thermodynamischen Trägheit hätten bereits unsere in Höh len lebenden Ahnen genutzt, erklärt Dietmar Adam, Vorstand des Instituts für Geotechnik der TU Wien und einer der Pioniere in der Geothermie-For schung. Heute sind alle technischen Voraussetzungen da, um die in unter irdischen Gesteins- und Erdschichten sowie im Grundwasser befindliche thermische Energie zum Heizen und Kühlen zu nutzen, und die in tieferen Schichten auch zur Stromerzeugung. Entscheidend dafür war die Entwick lung der Wärmepumpe. „Übrigens eine österreichische Erfindung“, so Adam.

Am einfachsten sind Neubauten mit Erdwärme zu versorgen, doch auch das Umrüsten von Altbauten ist mög lich. Im Prinzip wird die zunehmen de Temperatur im Erdinneren ge nutzt. Sie steigt, je tiefer man gräbt. Heizen und Kühlen von Gebäuden er folgt mittels „oberflächennaher Geo thermie“ in bis zu 300 Metern Tiefe,

wo man in Österreich um die zwan zig Grad Celsius vorfindet.

„Der Standort entscheidet, was tech nisch möglich ist“, sagt die Geoche mikerin und Expertin für erneuerba re Energien Edith Haslinger vom Aus trian Institute of Technology (AIT). Das einzige Hindernis könnten unter irdische technische Einbauten oder ar tesische Grundwasserreservoirs sein. Ein geologisches Gutachten ist grund sätzlich sinnvoll und in einigen Bun desländern auch vorgeschrieben.

„Parallel dazu muss unbedingt der Energiebedarf des Gebäudes erhoben werden, um die Dimensionierung der Anlage planen zu können“, führt Haslinger weiter aus. Mitunter könn te Geothermie als Energiequelle nicht ausreichen. Die Anlagen funktionie ren entweder als geschlossenes oder offenes System. Bei ersterem werden Leitungen horizontal oder vertikal in die Erde verlegt. In ihnen zirkuliert mit einem Frostschutzmittel versehe

nes Wasser als Absorber. Die Leitun gen werden meist durch Erdsonden gesetzt, die typischerweise bis in eine Tiefe von 150 bis 200 Metern gebohrt werden. Eine Alternative sind in rund 1,5 Metern Tiefe angebrachte Flach kollektoren. Im offenen System wird Grundwasser direkt genutzt. Es fließt aus Entnahmebrunnen zur Wärme pumpe und dann zurück in den Boden. Ein wesentlicher Vorteil liege in der Dualität der Klimatisierung. „Im Win

Das System funktioniert mit Niedrig temperatur. Im besten Fall hat man eine Fußbodenheizung, doch könnten in Altbauten auch Radiatoren verwen det werden. Die Kühlung erfolgt opti malerweise durch in Geschoßdecken eingelegte Leitungen.

ter entnimmt man Wärme aus dem Boden und bringt sie mittels Fremd energie auf ein höheres Niveau. Im Sommer bringt man umgekehrt die Wärme in den Boden ein“, sagt Adam.

Die Kosten für die Errichtung ei ner Geothermie-Anlage schwanken aktuell erheblich. Für ein Einfami lienhaus mit 140 Quadratmetern, in dem geheizt und gekühlt wird, zwischen 15.000 und 18.000 Euro plus der Wärmepumpen um bis zu 15.000 Euro. Diesen hohen Anschaf fungskosten stehen kaum Wartungs kosten gegenüber, auch gibt es dafür staatliche Förderungen.

In Österreich bestehen derzeit 90.000 solcher Anlagen. Das ist ein Anteil von vier Prozent am Markt der erneuerbaren Energien. Zudem nutzen zehn Fernwärmeanlagen mittels „tie fer Geothermie“ die Wärme zwischen 1.500 bis 5.000 Metern. Erdwärme hat also noch Wachstumspotenzial.

8 FALTER 43/22 HEUREKA 5/22 : NACHRICHTEN
: TECHNIKGESCHICHTE UND REGIONALFORSCHUNG
: GEOTHERMIE Jahrhundertelang wurde er auch in Österreich abgebaut und damit treibhausgasspeichernder Moorboden vernichtet
FOTOS: CLAUDIA BLAUENSTEINER, AIT

My home is my Kraftwerk

Der sonnige Oktober hat uns noch eine warme Zeit gegönnt, doch jetzt nahen die Heizsaison und mit ihr hohe Energiekosten. Entweder be ginnt man zu stricken oder sich zu überlegen, wie das Zuhause energie sparend und klimaschonend gestal ten werden könnte. Soll man auf er neuerbare Energien umsteigen – und sind diese billiger?

„Der Einsatz von erneuerbaren Energien wirkt grundsätzlich preis dämpfend. Je mehr davon genutzt werden, desto geringer ist auch die Abhängigkeit von fossilen Grundstof fen und ihren starken Preisschwan kungen“, sagt Karina Knaus von der Österreichischen Energieagentur.

„Das Problem ist, dass wir gerade in einer energieknappen Zeit leben, die zu einem Mangel an Ressourcen ge führt hat. So ist es schwieriger, auf erneuerbare Energien umzusteigen, die Wartezeit etwa auf eine Fotovol taikanlage ist länger als in der Ver gangenheit.“ Vor dem Einbau eines

neuen Energiesystems müssen die Gegebenheiten vor Ort genau ge prüft werden. Beim Einfamilienhaus im ländlichen Gebiet lässt sich im Unterschied zum Mehrparteienhaus leichter entscheiden, wie das Ener giesystem gestaltet sein soll. „Dabei ist wichtig, sich professionelle Bera tung zu organisieren, am besten von einer unabhängigen, kostenlosen Energieberatung. So kann durchdis kutiert und berechnet werden, wel ches Energiesystem für das jeweilige Objekt rentabel ist“, erklärt Knaus.

Karina Knaus, Österreichische Energieagentur

Eine Fotovoltaikanlage am Haus dach kann Strom erzeugen. „Über schüssiger Strom darf in das lokale

Verteilernetz eingespeist und über ei nen Stromlieferanten, OeMAG oder im Rahmen einer Energiegemein schaft vermarktet werden. Wie viel man dabei vergütet bekommt, hängt vom abgeschlossenen Vertrag ab und kann beispielsweise auf der Website der PVAustria nachgelesen werden.“ „Es hat sich herausgestellt, dass Kund*innen mitmachen, wenn die Steuerung sehr einfach und automa tisiert abläuft. Es muss leicht ver ständliche Tarife geben, der Komfort darf nicht eingeschränkt werden, es sollten Kosten gespart werden, und es muss immer eine Möglichkeit zum Ausstieg geben“, erklärt Tara Esterl vom Austrian Institute of Techno logy. „Meine Vision ist es, dass Per sonen beim Hausbau, beim Kauf der Wärmepumpe oder eines Elektroau tos die Steuerung automatisch so ein stellen können, dass die Komponen ten auf die flexiblen Tarife reagieren können. So kann der Verbrauch effizi enter gemanagt werden und niemand

Um das Ziel der Dekarbonisierung zu erreichen, müssten alle mitmachen, meint Esterl. „Es reicht nicht, wenn die Industrie auf erneuerbare Energi en umsteigt. Es müssen jetzt ausrei chend erneuerbare Energien ausge baut, Energie gespart, Häuser saniert und effiziente Wärmepumpen einge baut werden. „Durch die Krise wurde wieder bewusst, wie wichtig Energie ist. Der Preisanstieg von Strom und Gas ist natürlich sehr problematisch, gibt aber auch einen Anreiz, etwas in Richtung erneuerbare Energien und neue Technologien zu tun.“

Verfälscht Vereinfachung die Wissenschaft?

Herr Sedlmayer, was bedeutet Wissenschaftskommunikation in sozialen Medien?

Michael Sedlmayer: Forschungsin halte sind oft sehr abstrakt, darum birgt populärwissenschaftliche medi ale Kommunikation immer die Ge fahr, dass sie zu verkürzt, verzerrt oder sogar falsch wiedergegeben wer den. Das Video „We Lied to You – And We’ll Do It Again“ des YouTube-Ka nals „Kurzgesagt“, der komplexe Zu sammenhänge aus Wissenschaft und Technik auf Zehn-Minuten-Filmchen herunterbricht, schildert das Dilemma solcher Unterfangen. Um einem brei ten Publikum etwas nahezubringen, das auf der Arbeit vieler Forschender beruht, braucht es Analogien und Ge schichten, die dem möglichst gerecht werden. Trotzdem können sie nie das Ganze abbilden. Die Macher*innen von „Kurzgesagt“ vergleichen das mit der Aufbereitung komplizierter Sach verhalte für Kinder und nennen die dabei entstehenden Unschärfen „Kin

derlügen“. Sie erklären aber auch, wa rum man nicht darum herumkommt und was die Gratwanderung dabei ist.

Kann man faktenbasiertes Wissen trotz „Kinderlügen“ so vermitteln, dass das auch den Ansprüchen von Wissenschaftler*innen entspricht?

Sedlmayer: Für das Verständnis sind bildhafte Erklärungen wichtig, man muss aber auch aufzeigen, wo die Grenzen der Forschung sind. Also dass es auch vieles gibt, das man nicht oder noch nicht beantworten kann, oder dass ein Forschungsergeb nis oft nur für einen eingeschränkten Bereich gilt. Wissenschaft kann nicht mit Heilsversprechen und unumstöß

lichen Wahrheiten aufwarten, sie ist ein Prozess. Sicherlich ist es für alle Medien eine Herausforderung, hoch komplexe Inhalte möglichst authen tisch und trotzdem für die Allgemein heit interessant wiederzugeben. In den sozialen Medien ist das aber noch ein schneidender, denn für Plattformen wie TikTok, YouTube & Co. zählen nur Werbeumsätze, sprich Klicks. Hier mit seinem Feature Erfolg ha ben zu wollen, verleitet vielleicht eher zum Clickbaiting.

Welche Rolle spielen die Kommentarfunktionen?

Sedlmayer: Das Feedback ist dadurch direkter und schneller, was grundsätz lich positiv ist. Und man stößt inner halb dieser virtuellen Auseinanderset zung oft auf interessante weiterfüh rende Aspekte und Quellenverweise. Allerdings ist man da auch mit einer Menge haltlosem Blödsinn konfron tiert, das kann für ernsthafte KanalBetreiber*innen demotivierend sein.

Durch die Kommentarfunktion kann man dem immerhin entgegentreten.

Sind soziale Medien ein Verstärker von Falschinformation?

Sedlmayer: Ja, leider, die den Emp fehlungssystemen der Plattformen zu grunde liegenden Algorithmen unter scheiden nicht zwischen seriösen und fragwürdigen Kanälen. Durch ihre au tomatisierten Vorschläge ist der Weg zu selbst ernannten Gurus nicht weit und man kann recht schnell in einer Filterblase aus alternativen Fakten und Verschwörungstheorien landen.

Wie können Laien seriöse Wissenschaftskanäle von Fake News unterscheiden?

Sedlmayer: Am besten auf gute und nachverfolgbare Quellenan gaben achten und sich den fach einschlägigen Hintergrund der Betreiber*innen genau anschauen. Bestehen Kanäle schon länger, ist wie bei Printmedien das Renommee ein Qualitätsmerkmal.

NACHRICHTEN : HEUREKA 5/22 FALTER 43/22 9
wird durch die Steuerung im System eingeschränkt.“
: ENERGIETECHNIK : WISSENSCHAFTSVERMITTLUNG
Stromsparen im Haushalt ist das eine. Selbst Strom im Haus zu produzieren und damit etwas Geld zu verdienen, eine mögliche Perspektive Der Mathematiker Michael Sedlmayer über die Problematik von Wissenschaftskommunikation
FOTOS: ÖSTERREICHISCHE ENERGIEAGENTUR, AIT/MENEGALDO, PRIVAT
Tara

TITEL-THEMA

ÖL AM ENDE?

Seiten 10 bis 22

125.000

Wiener Haushalte sollen bis 2030 mit Wärme aus der Tiefe (Geothermie) versorgt werden. Diese schlummert im sogenannten Aderklaaer Konglomerat als Heißwasser in 3.000 Metern Tiefe und hat ein Potenzial von 120 Megawatt.

2.400

Biomasse Nahwärmeanlagen produzieren in Österreich regionale Wärme. Rund achtzig Prozent der Biomasse dienen zur Bereitstellung von Raum und Prozesswärme. In den letzten zwanzig Jahren wurden in Haushalt und Kleingewerbe mehr als 8.500 Megawatt Kesselleistung installiert: in Form von Scheitholz , Pellets oder Hackgutkesseln, Kamin und Kachelöfen oder Herden.

58.092

Fotovoltaikanlagen gibt es in Niederösterreich, sechsmal so viele wie noch 2011. Im Jahr 2021 betrug ihre Leistung 663 Megawatt. Das entspricht der Strom versorgung von 190.000 Haushalten oder dem CO2 Ausstoß von 128.000 Autos.

3.500 Liter

Windräder drehen sich zurzeit in Österreich. Ihre Gesamtleistung beträgt 3.300 Megawatt. Damit können etwas mehr als zwei Millionen Haushalte mit Energie versorgt werden. Am 4. Oktober lag die österreichweit generierte Windkraftenergie bei 23,6 Gigawattstunden.

28 Prozent

wurde das Nukleotid Adenosintriphosphat (ATP) entdeckt. Es wird zur Kontraktion von Muskeln benötigt. Ein Erwachsener mit achtzig Kilogramm Körpergewicht baut täglich rund vierzig Kilogramm ATP auf und auch wieder ab. Bei schwerer körperlicher Arbeit kann der ATP Umsatz auf 0,5 Kilogramm pro Minute ansteigen.

Wasser beinhalten die 129 Einzel elemente des Fassaden Bioreaktors am fünfstöckigen „Hamburger Algenhaus“. Die Mikroalgen beliefern durch Fotosynthese nicht nur 15 Wohnungen mit Energie, sondern werden auch geerntet: Als Nahrungsergänzungsmittel ist ein Kilo bis zu dreißig Euro wert.

Bei 840 Milliarden

der in Österreich erzeugten Energie stammten 2019 aus Wasserkraft. Innerhalb der erneuerbaren Energien lag der Wasserkraft Anteil sogar bei 34 Prozent. 2020 entsprach dies einer Stromenergie von 45,5 Terawattstunden. Laut WWF erfüllen achtzig Prozent der 5.200 österreichischen Wasserkraftwerke ökologische Mindeststandards nicht.

Euro soll das Marktpotenzial von „grünem Wasserstoff“ bis zum Jahr 2050 liegen. Als „grün“ gilt Wasserstoff, wenn er auf Basis erneuerbarer Energieträger erzeugt wird, also klimaneutral ist. Bei der Produktion von einer Tonne Wasserstoff aus Erdgas werden hingegen zehn Tonnen Kohlendioxid freigesetzt, ihn nennt man „grauen Wasserstoff“.

10 FALTER 43/22 HEUREKA 5/22 : TITELTHEMA
Wie sieht das „Endspiel“ der fossilen Energieträger aus? Wie sehr beschleunigen sie den Klimawandel gegenwärtig und wie sehen die Chancen alternativer Energieträger tatsächlich aus? Fragen wie diese hat sich die Klasse für Grafik Design der Universität für angewandte Kunst gestellt und die Illustrationsstrecke für diese Ausgabe von Falter Heureka gestaltet. www.klassekartak.com : AUSGESUCHTE ZAHLEN ZUM THEMA ZUSAMMENGESTELLT VON SABINE EDITH BRAUN QUELLEN: WWW.IGWINDKRAFT.AT, WWW.STATISTA.COM, WWW.WWF.AT, WWW.KLIMAFONDS.GV.AT, WIKIPEDIA ILLUSTRATION: ELIZAVETA KRUCHININA, ZOE GUGGENBICHLER, LAURA BURTSCHER, PHILIPP KÖLL, MIRJAM LINGITZ
1.307 1929
TITELTHEMA : HEUREKA 5/22 FALTER43/22 11
ILLUSTRATION: MANDY ZANINOVIC
„Das ist nicht mein Kaffee!“ – Mandy Zaninovic mandyzani.at, Instagram: @ydnaminaz

Schwarzes Gold und grünes Paradox

Sehr wenig. So lautet die Antwort auf die Frage, wie viel Öl, Gas und Kohle wir noch verbrennen dürfen, wenn wir das 1,5-Grad-Ziel erreichen wol len. Nach Modellrechnungen britischer Wissenschaftler*innen müssten fast neun zig Prozent der derzeit verfügbaren Koh le- und sechzig Prozent der Öl- und Gas vorkommen bis 2050 unangetastet bleiben. Andernfalls werde das verbleibende Kohlen stoffbudget überschritten.

Die Studienautor*innen rund um Dan Welsby vom University College Lon don halten diese Reduktion für „machbar, sofern der politische Wille da ist.“ Ansät ze zur Nachfragedämpfung gibt es einige: Die Klimapolitik setzt etwa auf internati onal handelbare CO2-Zertifikate und Steu ern auf Emissionen. Das EU-Parlament hat das Aus des Verbrennungsmotors beschlos sen. Ein Ölheizungsverbot ist angekündigt. Nachgedacht wird auch über einen Über gang von der Wohnsitzland- zur Quellen besteuerung von Kapitaleinkünften, um den Umtausch von Bodenschätzen in Finanz anlagen für deren Eigentümer unattrak tiv zu machen. Zugleich soll die Subven tion klimaneutraler Energieformen Subs titutionsprozesse weg von Öl und Gas in Gang setzen.

Fast alle Maßnahmen bringen jedoch noch nicht gelöste Herausforderungen mit sich: „Das fängt bei der Konkurrenz von Biotreibstoffen mit Lebensmitteln um land wirtschaftlich nutzbare Flächen an und hört bei der ,Nichtlagerfähigkeit‘ von Strom noch lange nicht auf“, sagt Franz Wirl, emeritier ter Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Wien. Er hat sich im Rah men eines FWF-Projekts mit den Heraus forderungen beim Übergang zu nachhalti ger Energiewirtschaft beschäftigt. Zudem wirken die Maßnahmen nur zeitverzögert. „Energienachfrage und -angebot sind sehr träge, was auch die aktuellen Preisspitzen erklärt.“

Ein weiteres Problem: „Die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen müsste glo bal eingedämmt werden“, sagt Wirl. Doch ist ein multinationaler Klimaklub wie bei FCKW für fossile Energie „mangels kos tengünstiger und entsprechend skalierbarer Größenordnung“ bislang gescheitert.

Was wäre mit einer partiellen Verzichts politik für am Weltmarkt gehandelte Brenn stoffe? Sie ist kontraproduktiv. Die Grün de dafür hat der deutsche Wirtschaftswis senschaftler und Ex-Präsident des ifo-Insti tuts für Wirtschaftsforschung Hans-Werner Sinn 2008 in seinem Buch „Das grüne Para doxon“ beschrieben: Einseitige Abkommen machen fossile Rohstoffvorräte durch Nut zungsverbote wertlos(er). Langfristig führt die Verringerung der Nachfrage zu einem Preisverfall. Bedrohte Ressourcenbesitzer fördern ihre Bodenschätze nur noch ra scher und verkaufen lieber zu Dumping

preisen, statt auf einem wertlosen Ölvor rat sitzenzubleiben. Niedrige Preise machen Öl für Länder, die sich die Energiewende nicht leisten können oder wollen, attrakti ver. Es lohnt sich für sie, zur Deckung ihres wachsenden Energiebedarfs fossile Brenn stoffe zu nutzen, statt auf teurere (oder teu re) Alternativen zu setzen. Die Folge ist ein „Rush to burn“. Statt also den CO2-Ausstoß und damit den Klimawandel zu bremsen, beschleunigen wir ihn durch umweltpoliti sche Maßnahmen und unseren einseitigen Verzicht auf fossile Brennstoffe.

Zwei Drittel der UN-KlimakonferenzExpert*innen sehen im „Rush to burn“ ein drohendes Problem. Wie man ihn vermei den kann, blieb bis dato aber weitgehend offen. Ein radikaler Vorschlag stammt vom norwegischen Umweltökonomen Bård Har stad: Länder mit großen Öl- und Gasvor kommen sollen dafür entschädigt werden, ihre Vorkommen im Boden zu belassen. Diese Lösung würde die globale Gemein schaft jedoch viele Milliarden kosten. Glei ches gilt für einen Aufkauf der Vorräte, um sie in Europa einzulagern und zu versiegeln. Einen möglichen Lösungsansatz liefert jetzt eine Studie des Max-Planck-Insti tuts für Steuerrecht und Öffentliche Fi nanzen (MPI) und der Universität Bergen. „Der Grundgedanke ist, Methoden zu för dern, um Gas und Öl nutzbringend zu ver wenden – für klimaneutrale oder -freund liche Produkte“, erklärt Kai Konrad, Wirt schaftswissenschaftler und MPI-Direktor. „Die fossilen Rohstoffe blieben wertvolle Güter. Selbst wenn sie nicht mehr als Ener gieträger eingesetzt werden, könnten Roh stoffländer damit rechnen, ihre Vorkommen auch nach 2040 noch für gutes Geld ver kaufen zu können.“

Im Idealfall würden Öl und Gas langfristig so wertvoll für klimafreundliche Nutzungs formen und damit so teuer, dass sie heu te nicht mehr verschleudert und verbrannt werden. Höhere Gas- und Ölpreise würden zudem auch alternative Energieträger kon kurrenzfähiger machen und das wirtschaft liche Umfeld für Innovationen verbessern. „Damit wäre erreicht, was bislang nicht ge lungen ist: die Dekarbonisierung der Ener gieerzeugung und eine Marktdynamik, die nachhaltige Konzepte fördert.“

Für Gas liegen solche Nutzungskonzepte bereits vor. Im Kern geht es um die Gewin nung von grauem, blauem und – noch inte ressanter – türkisem Wasserstoff mittels ka talytischer Pyrolyse. Bei diesem Verfahren wird die Freisetzung von CO2 vermieden und neben Wasserstoff auch reiner Kohlenstoff gewonnen, teils in Form wertvoller Nano materialien (CNTs). „Aus CNTs gefertigte Karbonprodukte könnten im Fahrzeugbau, in der Luft- und Raumfahrt und im Bau wesen Stahl, Aluminium oder Beton erset zen, die üblicherweise mit einem erheblichen CO2-Fußabdruck hergestellt werden“, erläu

tert Konrad. Die Erforschung nachhaltiger Nutzungsformen von Öl ist nicht ganz so fortgeschritten. „Beispiele sind Kunstfasern, Dämmstoffe, Kosmetika, Medikamente oder Produkte aus Plastik. Quantitativ spielen diese heute noch eine eher untergeordnete Rolle“, sagt Konrad. Das ließe sich aber än dern. Entscheidend sei, dass Subventionen nicht mehr nur in die Förderung der Erfor schung von Ölsubstituten aus nachwachsen den Ressourcen fließen. „Denn das verstärkt den ,Rush to burn‘, weil sie der klimaneutra len Nutzung fossiler Brennstoffe die Nach frage entziehen.“

Apropos Nachfrage: Plastik zu vermei den, befeuert den „Rush to burn“ eben falls. Stattdessen sollte auch Plastik eine Perspektive bekommen, denn es kann zum Klimaschutz beitragen. „Der Weg von Plas tik in die Meere oder Verbrennungsanlagen ist kein Naturgesetz“, sagt Konrad. „Wenn ausgedientes Plastik in der Erde deponiert wird, dort, wo der Rohstoff fürs Plastik her kommt, treten negative Umweltwirkungen der Nutzung nicht ein.“ Kunststoffe wür den zu einer Verwendung, die Rohöl wert voll macht, es der CO2-intensiven energe tischen Nutzung entzieht und fossile Koh lenwasserstoffe klimaneutral bindet.

Bis zur großtechnischen, klimaneutralen Nutzung von Öl ist es noch ein weiter Weg. „Fraglich ist auch, ob wir jemals so viele Produkte produzieren oder brauchen wer den, um die fossilen Bestände auszuschöp fen. Mir fiele da nichts Skalierbares ein“, meint Franz Wirl. Es sei nicht entschei dend, dass klimafreundliche Verwendungs möglichkeiten von Öl bereits jetzt zur Ver fügung stehen, hält Konrad dagegen. „Die gleichgewichtstheoretische Analyse inter temporaler Zusammenhänge in Märkten für erschöpfbare Rohstoffe zeigt: Ein Zu kunftsversprechen auf solche Nutzungsop tionen reicht, um den Ausverkauf zu stop pen.“ Weitere Vorteile des Ansatzes: Wir müssen nicht auf kollektive Vereinbarun gen warten. Die Lösung reduziert den CO2 Ausstoß schon heute, löst das Kollektivgut problem, ist kostengünstig und nutzt statt Subventionen und staatlicher Verbote die Kräfte des Marktes für eine Klimawende.

Dafür braucht es aber eine Politik, die In novationen von klimafreundlichen Produk ten aus Öl, Gas und Kohle fördert. Wenn wir Öl eine Zukunft geben wollen, um eine Zu kunft zu haben, wird es entscheidend sein, dass Investor*innen und Forschende auf „ver sprochene“ Rahmenbedingungen und Inves titionssicherheit vertrauen können. Genau hier sehen Konrad und Wirl auch die größ te Hürde. „Regierungen können sich nicht langfristig verpflichten“, sagt Wirl. „Was sich aktuell etwa gegenüber Covid-19-Impfstoff entwicklern zeigt, die mit einer Übergewinn steuer bedroht werden, nachdem sie Hunder te Millionen in der Forschung bereits ver brannt haben.“

12 FALTER 43/22 HEUREKA 5/22 : TITELTHEMA
DAVID AUSSERHOFER, UNI WIEN, WELTBUCH VERLAG
FOTOS:
„Eine partielle Verzichtspolitik für am Weltmarkt gehandelte Brennstoffe ist kontraproduktiv“
„Raus aus Öl“ ist keine rationale Wirtschafts- und Klimapolitik, der Rohstoff braucht eine Zukunft
Franz Wirl, Universität Wien
Hans-Werner Sinn, „Das grüne Paradoxon“
Kai Konrad, Max-PlanckInstitut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, München
TITELTHEMA : HEUREKA 5/22 FALTER 43/22 13
ILLUSTRATION: ZOE GUGGENBICHLER
„Ölüberöl“ – Zoe Guggenbichler Instagram: @zoeleoniee

Die Farben des Wasserstoffs

Wasserstoff ist das simpelste und häu figste Element im Universum. Vie le Expert*innen betrachten ihn als Schlüs sel zur Klimaneutralität. Ein flexibler Ener gieträger, kann er als Brenn- und Treibstoff verwendet werden und erzeugt dabei als Abfallprodukt lediglich Wasser.

Jules Verne prophezeite bereits Ende des 19. Jahrhunderts in einem seiner Romane die Zukunftsfähigkeit von Wasserstoffener gie: „Die Energie von morgen ist Wasser, das durch elektrischen Strom zerlegt wor den ist.“ Die Vision einer Energiewirtschaft auf Wasserstoffbasis existiert seit mehr als hundert Jahren.

Wasserstoff herzustellen ist recht auf wendig und von hohen Energieverlusten begleitet. Dies macht ihn zu einem ver gleichsweise teuren Energieträger und bis lang nicht wettbewerbsfähig. Im Zuge der Klimakrise gewinnen Technologien zur De karbonisierung des Energiesektors jedoch zunehmend an Relevanz.

Wasserstoff als der Schlüssel der Energiewende?

„Um die Klimaneutralität 2040 zu errei chen, spielt Wasserstoff eine ganz entschei dende Rolle“, sagt Michaela Leonhardt, Lei terin der Abteilung für erneuerbaren Was serstoff bei Wien Energie. „Wasserstoff kann in verschiedenen Prozessen, auch aus erneu erbaren Energien, gewonnen werden und als Antriebsenergie ebenso wie als Energie speicher etwa zur saisonalen Übertragung von Sonnen- und Windstrom in dunkle ren oder windschwächeren Monaten ein gesetzt werden.“

Auch Alexey Cherevan sieht in Wasser stoff ein Schlüsselelement zur Energiewen de. Er forscht in der Abteilung für mole kulare Materialchemie der TU Wien unter der Leitung von Dominik Eder mit seinem Team an Alternativen zur herkömmlichen Wasserstoffherstellung.

„Wenn wir von fossilen Brennstoffen wegkommen wollen, ist Wasserstoff die attraktivste Variante. Wir haben die Infra struktur dafür. Wasserstoff liegt also als der nächste Treib- und Brennstoff nahe. Doch wo kommt er her?“

Wasserstoff selbst ist keine Energiequel le. Er kommt auf der Erde überwiegend in Form von Wasser, aber auch in Erdöl und anderen Kohlenwasserstoffverbindungen gebunden vor. Als sekundärer Träger kann er Energie speichern oder ihren Transport ermöglichen. Um ihn als Energieträger ver fügbar zu machen, muss er zunächst aus solchen Rohstoffen hergestellt werden nicht immer klimafreundlich, denn Was serstoff gibt es in vielen „Farben“.

Die unterschiedlichen Nuancen be schreiben allerdings nicht das farblose Gas selbst, sondern geben Aufschluss über sei nen Herstellungsprozess. „Grüner Wasser stoff“ wird komplett emissionsfrei durch Elektrolyse aus Wasser hergestellt. Dabei

wird Wasser mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen in seine zwei Bestandteile Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt. Neben „grünem Wasserstoff“ gibt es auch „grauen“ aus fossilen Brennstoffen, der CO2 als Abfallprodukt abgibt. Aktuell werden etwa 95 Prozent des europäischen Wasserstoffs aus fossilen Energieträgern er zeugt, zum Großteil wird er in der chemi schen Industrie verwendet.

Grund für die vorwiegende Wasserstoff produktion aus fossilen Brennstoffen ist vor allem der Preis. „Grüner Wasserstoff“ war lange mehr als doppelt so teuer wie „grau er“. Die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs verursachten heuer allerdings einen derar tigen Anstieg der Erdgaspreise, dass „grü ner Wasserstoff“ zum ersten Mal wettbe werbsfähig wurde.

Noch sind die Produktionskapazitäten von „grünem Wasserstoff“ infolge gerin ger Verfügbarkeit von „grünem Strom“ be grenzt. Der Bedarf an „grünem Wasserstoff“ sollte jedoch stark steigen, kommt ihm doch nicht nur als Energieträger, sondern auch zur Dekarbonisierung industrieller Prozes se eine zentrale Rolle zu.

Laut Leonhardt ist bereits im nächsten Jahrzehnt mit einem großen Anstieg zu rechnen: „Wir gehen davon aus, dass Was serstoff spätestens in der 2030er-Jahren bei Menge und Preis massentauglich wird. Es hängt stark davon ab, wie schnell uns auch der weitere Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung gelingt. Kurzfristig wird Wasserstoff wohl in erster Linie im Mo bilitäts- und Industriebereich zum Einsatz kommen. Langfristig wird Wasserstoff über Power-to-Gas und das Gasnetz als ausrei chend verfügbarer Langzeitspeicher für er neuerbare Stromüberschüsse eine wichtige Rolle spielen.“

Herstellung von Wasserstoff unabhängig von limitierten Ressourcen Weltweit loten Forschungsprojekte auch Möglichkeiten der Wasserstoffherstellung aus, die gänzlich ohne Strom auskommen. Auch an der TU Wien wird an alternati ven Methoden der Wasserstoffherstellung geforscht. Alexey Cherevan erklärt, wie Wasserstoff mit bestimmten Katalysatoren aus Sonnenlichtenergie hergestellt werden kann: „Was wir machen, ist die sogenann te fotokatalytische Wasserspaltung. Das be deutet, wir möchten Wasserstoff in einem nur einstufigen Prozess aus Wasser produ zieren. Als Materialchemiker entwickeln wir Katalysatoren, die genau das erlauben. Unsere Materialien heißen Fotokatalysato ren und müssen zweierlei können. Licht ab sorbieren wie eine Fotovoltaikanlage. Und den Prozess der Wasserspaltung zur Was serstoffproduktion beschleunigen, also ka talysieren. Die Idee ist, beide Aspekte in ei nem Material zu kombinieren. Es gibt da bei mehrere Probleme und Limitierungen, aber es ist möglich.“

Der Nachteil einer fotokatalytischen Was serspaltung ist die relativ geringe Effizienz im Vergleich zur Wasserstoffherstellung durch Elektrolyse aus „grünem Strom“. Dafür werden zur Fotokatalyse weder eine große Infrastruktur noch teure Materia len benötigt. Ihre Unabhängigkeit von der „grünen Stromproduktion“ ist ein großer Vorteil, und sie bietet die Hoffnung, die Wasserstoffproduktion künftig sehr güns tig zu machen.

Die Fotokatalyse soll die Elektrolyse nicht vollständig ersetzen, sondern ergän zen: „Künftig werden alle Technologien zur Wasserstoffherstellung parallel arbeiten. Unser Prozess läuft noch im Labor. Aber die Perspektive ist sehr langfristig, das muss man auch verstehen.“ Wann genau die Fo tokatalyse marktreif sein wird, ist momen tan schwer abzuschätzen. Wenn es so weit ist, könnten dafür Anlagen, ähnlich wie So larparks, angelegt werden, um an Ort und Stelle Wasser zu spalten. Dafür bräuchte es Module, in denen ein Fotokatalysator unter einer Schicht von langsam fließen dem Wasser platziert wird. Das Sonnen licht liefert die für die Wasserspaltung be nötigte Energie. Der so entstehende Was serstoff würde als Gas aus dem Wasser in eine obere Schicht des Moduls aufsteigen und könnte dort gesammelt werden.

„Diese Anlagen können, wie Solarzellen, klein oder groß sein, man kann sie separat vom Netz verwenden, etwa in einer Wüs te, wo es sonst nichts gibt. Dann kann man lokal Wasserstoff produzieren und direkt verwenden, als Brennstoff oder Treibstoff.“

Wasserstofftechnologie braucht gesetzliche Rahmen und Förderung „Grüner Wasserstoff“ ist nur limitiert verfügbar. Leonhardt betont, dass deshalb genau überlegt werden muss, in welchen Bereichen sein Einsatz sinnvoll ist: „Aus unserer Sicht ist Wasserstoff bzw. ,grünes Gas‘ zu wertvoll für Raumwärme oder In dividualverkehr. Wir sehen den Einsatz bei Bussen, in der Schwerlastmobilität und zur Dekarbonisierung der Industrie. Seit Ende 2021 ist unsere erste Wasserstofftankstelle in Betrieb, bei dem die ersten Wasserstoff busse der Wiener Linien und demnächst die ersten Speditions- und Logistikkunden tan ken. Wir errichten noch heuer unsere erste eigene Elektrolyseanlage, die ,grünen Was serstoff‘ aus Wien für Wien produzieren wird. Am Standort Simmeringer Haide er forschen wir mit dem Projekt Waste-to-Va lue, wie man aus Abfall Biodiesel oder eben auch Wasserstoff gewinnen kann. Die Was serstofftechnologie ist schon lange bereit für den Einsatz. Was es braucht, um Projek te von der Powerpoint-Folie in die Umset zung zu bringen, sind schnellere Entschei dungen bei gesetzlichen Rahmenbedingun gen und Investitionsförderungen. Die öster reichische Wasserstoffstrategie ist der erste Pfeiler, aber es braucht noch mehr.“

14 FALTER 43/22 HEUREKA 5/22 : TITELTHEMA
FOTOS: PRIVAT, WIEN ENERGIE/MAX KROPITZ
„Wasserstoff liegt als der nächste Treibund Brennstoff nahe. Doch wo kommt er her?“
ALEXEY CHEREVAN, TU WIEN
Er selbst ist farblos, aber wir geben ihm Farbwerte mit großer Bedeutung
Dominik Eder, TU Wien
Michaela Leonhardt, Abteilung für erneuerbaren Wasserstoff, Wien Energie
TITELTHEMA : HEUREKA 5/22 FALTER 43/22 15
ILLUSTRATION: LAURA BURTSCHER
„Bis nichts mehr geht“ – Laura Burtscher Instagram: @labuhhhhh

Mit Schnitzelfett nach Antalya?

Ein Trip nach Barcelona gefällig? Wer lange im Voraus bucht, ist mit schlan ken 21 Euro dabei. Wer kurzfristiger bucht, zahlt mehr. Doch selbst dann bleibt der Flieger bei vielen Destinationen gegenüber Bahn oder Bus die erste Wahl. So verwun dert der Höhenflug der Luftfahrt kaum. Von Corona abrupt gestoppt, hat der nächste be gonnen: Im August 2022 verzeichnete die kommerzielle Luftfahrt in Österreich mit 3.026.797 Passagieren laut Statistik Austria ein Plus von 57 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres.

Das Wachstum der Branche hat ihren Treibstoffbedarf und damit die Treibhausgasemissionen anschwellen lassen: Einer Studie aus 2020 zufolge, an der das Deut sche Zentrum für Luft und Raumfahrt beteiligt war, trägt die globale Luftfahrt zu 3,5 Prozent zur Klimaerwärmung bei.

Die Airlines wollen ab 2050 klimaneutral fliegen

Den Fluggesellschaften ist das Problem be wusst. So hat der internationale Airline Verband IATA beschlossen, dass die Bran che ab 2050 klimaneutral zu fliegen habe. Ein Teil dieser Verpflichtung wird wohl nur mit CO₂ Kompensationsprojekten wie Bäumepflanzen zu schaffen sein. Dennoch müssen die Fluggesellschaften auch das Kerosin aus fossilen Quellen ersetzen.

Alternativen dafür gibt es bereits. Aller dings: „Es existiert keine Technologie, die den Treibstoffbedarf des heutigen Flugver kehrs bis 2050 vollständig aus erneuerba ren Energiequellen befriedigen kann“, er klärt Herwig Schuster, Chemieexperte bei Greenpeace Österreich. Er verweist auf einen aktuellen Bericht aus dem eigenen Haus: Demzufolge müssten die europäischen Fluggesellschaften bis 2040 jährlich mindestens zwei Prozent ihrer Flüge strei chen, um die Pariser Klimaziele zu erfüllen.

Fragt man Martin Berens, Professor für Luftfahrzeugsysteme an der TU Wien, nach möglichem Ersatz für das Kerosin, so fal len ihm Sustainable Aviation Fuels (SAF) inklusive Wasserstoff sowie Batteriestrom ein. Elektrisch betriebene Modelle, wie etwa das zweisitzige Velis Electro des sloweni schen Herstellers Pipistrel, fliegen bereits. Für den Flugverkehr eignen sich solche Mo delle nicht. Berens konkretisiert: „Obwohl verschiedene Hersteller bereits an größe ren Modellen arbeiten, ist eine mit Batte riestrom betriebene Luftfahrt derzeit nicht in Sicht.“

Batterien haben eine geringe massenbe zogene Energiedichte. Diese ist bei Wasser stoff höher, allerdings immer noch gerin ger als bei fossilem Kerosin. Wasserstoff flugzeuge müssten also wesentlich grö ßere Tanks haben. Das wirkt sich negativ auf die Aerodynamik aus. Der TU Profes sor prognostiziert: „Es wird noch dauern, bis Wasserstoffflugzeuge im Luftfahrtall tag eingesetzt werden und zur Reduktion

der Treibhausgasemissionen beitragen kön nen. Vielversprechender sind jene SAF, die sich schon heute zu fossilem Kerosin bei mischen lassen.

Dazu eignen sich Abfälle wie gebrauch tes Speiseöl, Stroh und Holz oder Ener giepflanzen wie Sonnenblumen, Raps oder Weizen. Die Vorstellung, mit jenem Fett nach Antalya auf Urlaub zu fliegen, in dem sich zuvor Wiener Schnitzel oder Pommes frites bräunten, ist charmant. Das Problem der SAF aus biogenen Quellen: Es gibt zu wenig Abfälle. Agrarflächen für das An pflanzen von Energiepflanzen zu verwen den, ist problematisch. Das stünde in Kon kurrenz mit der Lebensmittelproduktion.

Das weitaus größere Potenzial birgt synthetisches Kerosin, auch E Fuel ge nannt. Dieser Treibstoff lässt sich mittels Power to Liquid oder Sun to Liquid Ver fahren herstellen, ist in bestehenden Flot ten einsetzbar und nutzt dafür Rohstoffe aus theoretisch unerschöpflichen Quellen.

Mit der Kraft der Sonne oder Strom aus anderen erneuerbaren Quellen entsteht aus CO₂ und Wasser Sprit, der neben Flugzeu gen auch Autos, Lkw und Schiffe antreiben kann. Das aus mehreren Teilprozessen be stehende Verfahren hat aber ein Problem: „Bei jedem einzelnen Prozessschritt geht Energie verloren“, erläutert Berens. Deshalb wären diese Verfahren etwa im Vergleich zu Batteriestrom ineffizient.

Trotz dieses Nachteils bleibt E Fuel die beste Option: Wie Christian Gott schalk, Head of Environmental Social Governance Communications der Luft hansa Group, bestätigt, fokussieren die Fluggesellschaft und ihre Partner die SAF Forschung auf Power to Liquid und Sun to Liquid Technologien.

Der Kampf der Fluglinien ums grüne Flugbenzin Ungeachtet der vielen Herstellungsmöglich keiten fanden bisher nur wenige Tröpfchen SAF den Weg in die Tanks der Jets: „Der An teil am gesamten Treibstoffverbrauch bewegt sich derzeit unter einem Promille“, sagt Be rens. Dabei handelt es sich vor allem um SAF aus Biomasse. In Deutschland produziert die Klimaschutzorganisation Atmosfair in einer Demonstrationsanlage E Fuel. „Mehr als ein Startpunkt ist dies aber noch nicht“, meint Berens. Der Mutterkonzern der AUA, die Lufthansa Group, ist einer der ersten Kun den und will Atmosfair jährlich mindestens 25.000 Liter E Fuel abkaufen. Im Jahr 2021 habe die Lufthansa Group bereits 11.000 Tonnen SAF verflogen, wie Gottschalk ver rät. Er ergänzt: „Zuletzt hat die Lufthansa Group Absichtserklärungen für den Bezug von SAF mit den Unternehmen Shell und OMV unterzeichnet.“

Für Stephan Schwarzer sind solche Maßnahmen keine Überraschung. Der Geschäftsführer der eFuel Alliance Öster reich sieht die Fluglinien bereits jetzt im

Wettstreit um E Fuel Lieferanten. Die In teressengemeinschaft eFuel Alliance Ös terreich setzt sich für die industrielle Pro duktion von synthetischen flüssigen Kraft und Brennstoffen aus erneuerbaren Ener gien ein. Unter den Mitgliedern sind OMV, Post, Flughafen Wien oder der Motoren hersteller AVL List.

Der Grund für Schwarzers Optimismus ist die EU Initiative ReFuelEU Aviation. „Der EU Rechtsakt ist zwar noch nicht beschlossen, aber niemand zweifelt daran, dass er kommt.“ Der Entwurf sieht vor, dass bereits 2025 zwei Prozent der Treib stoffmenge aus SAF stammen sollen. 2050 sollen es 63 Prozent sein. Der Entwurf fi xiert aber nicht nur die Beimischungsmen gen von SAF generell, sondern auch speziell für E Fuels: Ab 2030 müssen die europäischen Fluglinien 0,7 Prozent ihres gesam ten Treibstoffverbrauchs mit E Fuel decken. 2050 müssen es dann 28 Prozent sein.

Nachhaltig fliegen kostet noch viel mehr als Kerosin

Die Frage, wie viel ein Liter E Fuel kos tet, sei heute schwer zu beantworten, räumt Schwarzer ein. „Wir stehen erst am Anfang.“ Er rechnet damit, dass sich der Preis noch vor dem Jahr 2030 auf etwa zwei Euro pro Liter einpendeln wird. Das entspricht in etwa dem heutigen Preisniveau von fossi lem Kerosin.

Konkreteres ist von der Lufthansa Group zu hören: „Aktuell liegt der Marktpreis für vorhandenes SAF aus biogenen Reststoffen drei bis fünfmal über dem Preis für fossi les Kerosin“, verrät Gottschalk und ergänzt: „SAF der nächsten Generation ist aktuell noch um bis zu zehnmal teurer als fossi les Kerosin.“ Im Übrigen hänge der Preis für SAF von der Technologie und der Öl preisentwicklung ab, so der Lufthansa Spre cher weiter.

Greenpeace Chemiker Schuster glaubt nicht daran, dass sich die Preisniveaus von Kerosin und E Fuel bald annähern wer den. „Die Produktion ist viel komplexer und damit auch teurer.“ Für Berens ist es aufgrund der höheren Preise für SAF schon heute absehbar, dass die Preise für das Flie gen moderat steigen werden: „Wenn man von dem dreifachen Preis für SAF gegen über fossilem Kerosin ausgeht, dann wür den die Flugtickets um etwa fünfzig Pro zent teurer werden“, rechnet er vor. „Das wäre bereits das Worst Case Szenario für die Passagier*innen. Die Fliegerei würde es nicht kaputtmachen.“

Die Lufthansa Group bietet übrigens ei nen Einblick in die Kosten für klimaneutra les Fliegen: Seit Frühling können sich die Kund*innen bei der Onlinebuchung optio nal ausrechnen, wie viel der Ausgleich der CO₂ Emissionen und nachhaltiger Flug kraftstoff kosten würden. Kampfpreise wie die 21 Euro One Way nach Barcelona sind damit freilich nicht mehr drinnen.

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FOTOS: KLEINBILDKUNST ERLEBNIS PHOTOGRAFIE/MARKUS REINKE, MITJA KOBAL/GREENPEACE, EAK/SCHEDL
Es gibt schon einen nachhaltigen Ersatz für fossiles Kerosin, allerdings erst in kleinsten Mengen
„Der Anteil der Sustainable Aviation Fuels am gesamten Treibstoffverbrauch liegt derzeit unter einem Promille“
MARTIN BERENS, PROFESSOR FÜR LUFTFAHRZEUGSYSTEME AN DER TU WIEN
Herwig Schuster, Greenpeace Stephan Schwarzer, eFuel Alliance Österreich
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„Viel Geschrei und wenig Wolle“ – Philipp Köll Instagram: @philippkoell
ILLUSTRATION: PHILIPP KÖLL

Gusto auf die Katastrophe?

Energiehunger zeichnet die rasant wachsenden Volkswirtschaften in Asien aus. Aber wir bleiben vorn

Fatih Birol ist Vorsitzender der Inter nationalen Energieagentur. In dieser Funktion hat der Wirtschaftswissenschaft ler 2018 in einem Interview erklärt, wir sei en noch lange nicht am Ende des Ölzeit alters angelangt. Der Grund ist unser un aufhörlich steigender Hunger nach Energie, der weiterhin zu einem Großteil durch den Einsatz fossiler Energieträger gestillt werde. Öl, Gas und Kohle sind reichlich verfügbar und im Falle von Öl mit einer unschlagba ren Energiedichte versehen.

Erdöl ist Ausgangspunkt von brennba ren Stoffen wie Diesel, Heizöl und Kero sin. Es umgibt uns ständig in Form von Kunststoffen, Druckerfarben, Lacken, Cre men, Strumpfhosen, Billardkugeln oder Medikamenten. In Aserbaidschan gibt es sogar eine Kuranstalt, in der die Gäste ein mal täglich zur Linderung von Schmerzen in Erdöl baden.

Erdöl war Teil von großen Aufschwün gen der Wirtschaft. Nicht zuletzt seinetwe gen veränderten sich die USA in der Mit te des 20. Jahrhunderts zu einer Drive-inGesellschaft, in der vierzig Prozent aller Heiratsanträge im Auto gemacht wurden. Öl ist einfach praktisch und vielseitig ver wendbar. Allerdings eben auch verheerend, wie Umweltkatastrophen und die Erderwär mung zeigen – verursacht vor allem durch die Verbrennung von Mineralölprodukten in Heizkesseln und Verbrennungsmotoren. Jeder Kilometer, den wir damit fahren, und jede Minute im Stau sind ein Beitrag zur er höhten Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre.

Bringt der Gaspreis stillgelegte Kohlekraftwerke zurück?

In Facebook- und Instagramforen sorgt ge rade der hohe Gaspreis für Aufregung. Erd gas findet vor allem zur Gebäudeheizung, in der Stromproduktion und als Wärme lieferant für thermische Prozesse in Gewer be und (Schwer-)Industrie Verwendung.

Der dritte fossile Energieträger, der zu Kohlendioxidausstoß führt, ist Kohle. Aus ihr lassen sich nicht so viele verschiedene Produkte wie Öl herstellen, sie dient zum Heizen, zur Erzeugung elektrischer Ener gie und als Koks in der Stahlerzeugung. Ös terreichs Steinkohlekraftwerk Mellach wur de erst 2020 stillgelegt, um 2022 wieder in den Medien und in der Innenpolitik als Back-up-Möglichkeit aufzutauchen. Sollte es im Zuge des Angriffskrieges Putins ge gen die Ukraine zu einem Energieengpass kommen, könnte Mellach nach einer gewis sen Vorlaufzeit wieder als Energielieferant eingesetzt werden. Aber noch 2018 zähl te es zu den Hauptemissären von CO2 in Österreich. Derzeit ist seine Reaktivierung nicht geplant.

Die menschengemachte Erderwärmung ist das Ergebnis eines immensen Treibhaus gasausstoßes. NGOs, soziale Bewegungen, Wissenschaftler*innen und Politiker*innen

Österreich liegt beim Pro-KopfKonsum von Primärenergie mit 45.545 kWh vor China und über dem EU Durchschnitt

auf der ganzen Welt bemühen sich um die Reduktion der Treibhausgase und die Ab kehr von Kohle, Öl und Gas. Gefordert wird die Hinwendung zu CO2-neutralen Energien, um die Erhitzung des Planeten, wenn nicht zu verhindern, so zumindest einzudämmen.

Politische Versuche, die Erderwärmung einzudämmen

Das Pariser Klimaübereinkommen zielt darauf ab, den Anstieg der Erderwärmung deutlich unter zwei Grad Celsius vergli chen mit dem vorindustriellen Niveau zu halten. Im Artikel 2 ist sogar festgehalten, dass Anstrengungen unternommen wer den sollen, um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. In der EU stellte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den European Green Deal vor, der in die Verordnung (EU) 2021/1119, das Europäische Klimagesetz, mündete. Es gibt vor, die Treibhausgasemissionen bis spä testens 2050 auf netto null zu reduzieren.

Der österreichische Nationale Energieund Klimafahrplan (NEKP) von 2019 ver folgt das Ziel, die heimischen Treibhaus gasemissionen in Sektoren außerhalb des Emissionshandels um 36 Prozent vergli chen mit 2005 zu reduzieren. Die Langfris tige Klimastrategie 2050 strebt die Klima neutralität Österreichs bis 2050 an. Noch existiert kein ordnungspolitisches Klima schutzgesetz, aber im Regierungsüberein kommen steht, Österreichs Klimaneutra lität soll 2040 erreicht werden. Unter Ver zicht auf Nuklearenergie sollen dann kei ne Treibhausgase mehr emittiert oder nicht vermeidbare Emissionen „durch die Koh lenstoffspeicherung in natürlichen oder technischen Senken kompensiert“ wer den. Diese Ambitionen auf unterschiedli chen politischen Ebenen führen unweiger lich zum Ausstieg aus fossilen Energieträ gern. So soll der anthropogenen Erderwär mung und ihren katastrophalen Folgen für Mensch, Tier und Umwelt entgegengetre ten werden.

Österreicher*innen verbrauchen sehr viel Energie

Mit Beginn der industriellen Revolution ist der Energiehunger stetig angestiegen. Da bei sind in den letzten 270 Jahren deutliche regionale Unterschiede bei den CO2-Emis sionen aufgetreten. Zunehmende Indus trialisierung bedeutete mehr Energiebe darf und in der Folge einen höheren CO2 Ausstoß. So ist der Westen für die meisten Emissionen verantwortlich. Mittlerweile holen die Schwellenländer und vor allem China auf und haben einen beträchtlichen Anteil an der Treibhausgasproduktion.

Zusammen konsumierten die Länder der Erde im Jahr 2021 165.320 Terrawattstun den (TWh) Primärenergie. Eine Terrawatt stunde versorgt 150.000 EU-Bürger*innen ein Jahr lang mit Strom. Momentan ist

China die führende Verbrauchernation mit 43.791 TWh, danach folgen die USA mit 25.825 TWh. Österreich konsumiert 412 TWh

Johannes Schmidt, Wirtschaftswissen schaftler an der Universität für Bodenkul tur, macht auf den Pro-Kopf-Konsum von Primärenergie aufmerksam. Dabei entsteht ein völlig anderes Bild: Österreich liegt mit 45.545 kWh vor China mit 30.322 kWh und über dem EU-Schnitt von 37.497 kWh. „Das ist naheliegend, weil die Menschen in einem reichen Land mit mehr Wohlstand auch mehr konsumieren“, sagt Schmidt.

In einer vor Kurzem erschienenen Studie weist Lucas Chancel von der Paris School of Economics Schmidts These nach: 2019 verursachten die ärmeren fünfzig Prozent der Weltbevölkerung nur zwölf Prozent aller Treibhausgasemissionen. Der Energiekon sum der zehn Prozent Menschen mit dem höchsten Einkommen erbrachte im selben Zeitraum 48 Prozent der Treibhausgase. Energiehunger ist eben nicht nur eine Fra ge von reichen und armen Ländern. Er zeigt sich überall vor allem in den oberen Ge sellschaftsschichten. Seit 1990 ist der ProKopf-Ausstoß an Treibhausgasen bei den oberen ein Prozent gestiegen, jener der mitt leren und niedrigen Einkommen gesunken.

Kann Fracking unseren Energiehunger tatsächlich stillen?

Rund 63 Prozent der österreichischen Pri märenergie kommen aus fossilen Brenn stoffen, weltweit sind es 82 Prozent. Nach den beiden Weltkriegen wurde die statische Reichweite, also das Verhältnis des Rohstof fes zum jährlichen Verbrauch, auf zwanzig Jahre geschätzt. Diese Prognosen sind auf grund neuer Funde und verbesserter Förder technologien nie eingetreten. Nach heutigen Schätzungen reichen die Erdölvorkommen bei gleichbleibendem Verbrauch noch rund fünfzig Jahre.

Allerdings ist der Verbrauch ein schwer einschätzbarer Wert. So steigt der Ener giebedarf jährlich und wird noch vor allem von Öl und Kohle gedeckt. Andererseits geht der Ausbau der erneuerbaren Ener gien rasant voran. „Wir werden das massi ve Verbrennen von Öl angesichts weltwei ter, EU-weiter oder nationaler Bemühun gen noch beenden, bevor die Ölreserven zu Ende sind“, sagt Daniel Huppmann. Er be schäftigt sich am International Institute for Applied Analysis mit Klima- und Energie szenarien. „Dabei sind die zusätzlichen Re serven, die durch neue Fördertechnologien wie Fracking erschlossen werden könnten, noch gar nicht mitgerechnet.“

Durch Fracking lässt sich Erdöl oder Erdgas fördern, das in winzigen Hohlräu men fester Gesteinsschichten liegt. Dabei wird die Durchlässigkeit, in der Fachspra che „Permeabilität“ genannt, des Gesteins

Fortsetzung auf S. 20

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BOKU WIEN, LACEY ANN JOHNSON/WWW.LACEYJPHOTOGRAPHY.COM
Daniel Huppmann, International Institute for Applied Analysis Johannes Schmidt, BOKU Wien
TITELTHEMA : HEUREKA 5/22 FALTER 43/22 19
„R.I.P.“ - Mirjam Lingitz Instagram: @bee.person
ILLUSTRATION: MIRJAM LINGITZ

Öl am Ende? Das Glossar

Biokraftstoff

Energielieferant für Motoren aus nachwach senden Rohstoffen wie Ölpflanzen, Getrei de, Zuckerrüben und Holz.

Benzin

Gemisch aus über hundert Kohlenwasser stoffen, das größtenteils Kraftfahrzeuge an treibt, aber auch für Wundreinigung und Fleckenbeseitigung verwendbar ist.

Brennstoff

Substanz mit intern gespeicherter chemi scher Energie, die sich durch Verbrennen in nutzbare Energie umwandeln lässt.

Deepwater Horizon

Bohrinsel, die am 20. April 2010 im Golf von Mexiko explodierte. Elf Arbeiter wur den getötet, etwa 800 Millionen Liter Öl strömten ins Meer.

Dieselkraftstoff

Erdölprodukt, das durch Destillation von Rohöl gewonnen wird.

E-Fuels/E-Sprit

Kraftstoffe, die mittels elektrischen Stroms aus Wasser und CO2 synthetisiert werden.

Energieträger

Stoff, dessen interne Energie man umwan deln und nutzen kann. Zum Beispiel Brenn stoff in Motoren und Zucker im menschli chen Körper.

Erdgas

Brennbares natürliches Gasgemisch in un terirdischen Lagerstätten, das in geolo gischen Zeiträumen aus abgestorbenen Meeresorganismen entstanden ist.

Erdöl

Fossiler, viele Millionen Jahre alter Ener gieträger tief in der Erdkruste. Wird größ tenteils verbrannt und für Kunststoffe, Far ben, Medikamente und Kosmetika genutzt.

Erdölraffination

Prozess, bei dem der Naturstoff Erdöl durch Destillieren, Reinigen und Veredeln zu Pro dukten wie Kraftstoffen aufbereitet wird.

Erdölverbrauch

Weltweit werden etwa 15 Milliarden Liter Erdöl am Tag verbraucht. Tendenz steigend.

Flüssigerdgas

Durch Abkühlen auf –161 bis –164 Grad Celsius verflüssigtes Erdgas, wodurch das Volumen auf ein Sechshundertstel verrin gert wird. Die Verflüssigung benötigt aber enorm viel Energie, nämlich bis zu einem Viertel des Gas-Energieinhaltes.

Fossile Energieträger Brennstoffe, die in geologischer Vorzeit aus Abbauprodukten von Pflanzen und Tieren entstanden sind. Darin sind enorme Men gen an Kohlenstoff gespeichert, die bei der Verbrennung in CO2 umgewandelt werden, welches wiederum als Treibhausgas Haupt ursache der aktuellen Klimakrise ist.

Golfkrieg

Im Zweiten Golfkrieg 1991 floss aus von der irakischen Luftwaffe bombardierten ku waitischen Anlagen knapp eine Milliarde Liter Öl in den Persischen Golf und ver pestete 560 Kilometer Küste. Dies war die bislang größte Ölkatastrophe.

Heizöl

Brennstoff, ähnelt dem Diesel in Autos wie

ein Zwilling, ist aber in Österreich deutlich niedriger besteuert.

Kerosin

Billiger Kraftstoff, der quasi als Abfallpro dukt bei der Dieselherstellung anfällt. Wird als günstigstmöglicher Brennstoff von den Fluggesellschaften genutzt.

Kohlenwasserstoffe

Chemische Verbindung, die aus den na mensgebenden Elementen Kohlenstoff und Wasserstoff bestehen.

Kohle

Dunkles Sedimentgestein, das aus pflanzli cher Biomasse entstand. Seine Gewinnung im Tagebau ruiniert immense Flächen, sei ne Verbrennung befeuert den Klimawandel.

Mineralölsteuer

Wird in Österreich auf Automobiltreibstof fe aufgeschlagen, während die Luftfahrt und Donauschifffahrt eine „vollständige Befrei ung“ davon genießen.

Motorenbenzin

Auch Ottomotoren-Kraftstoff genannt. Fos siler Brennstoff für Motoren von Autos, Ra senmäher, Kettensägen und Benzinkocher.

Nord Stream

Zwei Unterwasser-Gas-Pipelines von Russ land nach Deutschland. Momentan offline.

Ölpest

Enorme Devastierung der Natur durch Roh öl oder Schweröl.

Ölkatastrophen

Havarierte Supertanker, explodierende Bohrinseln und leckende Pipelines sorgen immer wieder dafür, dass Erdöl massenhaft in die Umwelt austritt und Massensterben bei Pflanzen und Tieren verursacht.

Pipeline Fernleitung zum Flüssigkeits- oder Gastransport.

Power to Fuel

Produktion von synthetischen Kraftstoffen mittels elektrischen Stroms aus erneuerba ren Quellen.

Rohöl

Je nach Lagerstätte gelbliches, grünliches, bräunliches oder schwarzes Gemisch aus Kohlenwasserstoffen, die vorwiegend von ab gestorbenen Algen und anderen Meeres kleinstlebewesen stammen. Sie lagerten sich einst am Meeresgrund ab, wurden überdeckt und in Jahrmillionen durch er höhten Druck und hohe Temperaturen in Erdöl verwandelt.

Schiefergas

In Tonsteinen enthaltenes Erdgas, das durch künstliche hydraulische Rissbildung, vulgo „Fracking“, gewonnen wird.

Schweröl

Rückstand bei der Erzeugung von Heizöl und Benzin, der, mit Dieselöl gemischt, vor allem Schiffsmotoren antreibt, die dadurch massiv Schadstoffe wie Ruß und Schwe fel ausstoßen.

Torrey Canyon

Am Morgen des 18. März 1967 kollidier te der Tanker „Torrey Canyon“ vor Südeng land mit einem Felsen. Seine 119.328 Ton nen geladenes Rohöl liefen ins Meer. Dies war die erste große Ölpest der Geschichte.

erhöht, um das Fließen von Gasen oder Flüssigkeiten zu ermöglichen. Nach einer einen Kilometer tiefen vertikalen Bohrung folgt eine Querbohrung in die Gesteins schicht mit dem Rohstoff. Anschließend presst man „Fracking-Fluide“ in die Boh rung. Es besteht aus Wasser, das mit Sand und Chemikalien versetzt ist. Im rückge führten Wasser kommt dann der Rohstoff mit an die Oberfläche. Fracking droht das Grundwasser zu verschmutzen. Seine Ein führung dauert fünf bis zehn Jahre. Der Zeitraum erscheint angesichts der Bemü hungen um den Ausstieg aus fossilen Ener gieträgern als widersinnig.

CO2-Steuern und ihre soziale

Problematik

Um den Ausstoß an Treibhausgasen zu re duzieren, schlägt Huppmann einen Drei stufenplan vor: Energiesparen und energie effizientes Arbeiten, Kreislaufwirtschaft und Sharing Economy sowie neue Technologien.

Eine wesentliche Rolle spielen politische Werkzeuge wie die Förderung von erneuer baren Energien und CO2-Steuern, die fossi le Energieträger auf Dauer unwirtschaftlich machen könnten. Sie müssten so gestaltet sein, dass die Ölförderung nicht mehr renta bel ist. Allerdings bedeuten hohe CO2-Steu ern eine schwere Belastung für Haushalte mit geringem Einkommen. Das Auto würde zum Luxusartikel. Ein E-Auto oder eine PV Anlage sind sehr kostspielig und für niedri ge Einkommen fast unerschwinglich.

Wie sehr sich die politischen und ge sellschaftlichen Rahmenbedingungen in den letzten Jahren verändert haben, zeigt folgen des Beispiel: 2015 wurde die Studie „Öster reichische Klimaszenarien (ÖKS15)“ veröf fentlicht, in der zwei globale Szenarien auf das Land herunterskaliert wurden.

Das Business-as-usual-Szenario ba sierte auf dem Emissionspfad „RCP8.5“, der zu einem Anstieg der globalen Jah resdurchschnittstemperatur von rund fünf Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhun derts führen würde. RCP steht für „Re presentative Concentration Pathways“, die Wenn-dann-Entwicklungen darstellen. Sie kommen aus den 2000er-Jahren und wer den seit dem fünften Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) aus 2014/2015 verwendet. Das Szenario für eine aus damaliger Sicht ambitionierte Klimapolitik basierte auf dem Pfad „RCP4.5“, der eine Erhitzung um etwa drei Grad Celsius bis zum Ende des Jahr hunderts bedeuten würde.

Bei der letzten UN-Klimakonferenz in Glasgow im November 2021 haben For schende die bereits beschlossenen Maßnah men evaluiert und festgestellt, dass wir nun auf eine Erhitzung von etwa drei Grad Cel sius zusteuern. „Szenarien, die vor einigen Jahren noch als ambitioniert gegolten ha ben, sind heute bereits der Status quo, das Business as usual“, erläutert Huppmann. „Es hat sich in den letzten zehn Jahren also einiges in Richtung Klimaschutz ge tan. Trotzdem sind wir mit den derzeit be schlossenen Maßnahmen noch weit davon entfernt, die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen.“ Der Energiehunger droht uns immer noch in die Katastrophe zu bringen.

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: VON A BIS Z
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Oben: „Dunkle Vergangenheit“ – Matthias Schöllhorn – www.lucky-shiner.com, Instagram: @lucky__shiner Unten: „Die alten Adern verknotet“ – Annija Česka und Stefan Berreiter – Instagram: @annija.ceska ILLUSTRATIONEN: MATTHIAS SCHÖLLHORN, ANNIJA ČESKA UND STEFAN BERREITER

Wo die Schweiz wild sein könnte

Romantisch verklärt oder schlicht abgelehnt: Wildnis in der Schweiz. Wo aber hätte sie Platz?

hältnis von extensiv und nachhaltig genutz tem Kulturland und Gebieten, wo die Na tur noch Natur sein kann.

Die NGO „Mountain Wilderness Schweiz“ hat die Schweizer Wildnis in einer Studie geografisch und soziologisch begreifbar gemacht und damit eine Basis für einen öffentlichen Diskurs über Wildnis in der Schweiz geschaffen. Einer der Stu dienautoren, Sebastian Moos, erklärt die Möglichkeiten.

Herr Moos, in der Studie „Das Potenzial von Wildnis in der Schweiz“ wurde die Wildnis in der Schweiz zum ersten Mal systema tisch und in einer breiten Öffentlichkeit thematisiert. Wie war die Reaktion?

Sebastian Moos: Die Studie ist auf großes Interesse und sehr positive Resonanz ge stoßen. Dank zahlreicher Rückmeldungen konnten wir die Grenzwerte für die Wild nisqualität und die kleinste Gebietsein heit je nach biogeografischer Region in ei ner Folgearbeit anpassen. Der Alteschglet scher mit Tausenden Quadratkilometern ist nur schwer mit kleinen Gebieten in dicht besiedelten Regionen wie dem Wildnis park Zürich im Sihlwald vergleichbar. Aus den Kernbotschaften haben wir die „Wild nisstrategie Schweiz“ formuliert. Sie will ein Bewusstsein für Wildnis schaffen, sie erhalten und fördern. Es ist ein unbüro kratisches Awareness- und Kommunikati onsinstrument für Akteure im Naturschutz, das Transparenz schafft.

Offenbar stehen die Menschen in der Schweiz der Wildnis kritisch gegenüber. Was sind die Bedenken? Moos: Tendenziell sehen Menschen in der Stadt Wildnis positiver als Menschen auf dem Land und in den Bergen. Für Städter ist Wildnis häufig etwas Romantisches. Sie steht für Freiheit, einen anderen Rhythmus und drückt eine Sehnsucht als Gegenbe wegung zur Technisierung aus. Die Beden ken sind vielfältig. Die einen fürchten, dass Naturgefahren oder potenzielle Raubtiere

zunehmen, andere, dass Wanderwege oder Bike-Strecken nicht mehr betretbar sind oder gar zuwachsen. In den Berggebieten bedeutet Wildnis oft, dass gewisse Alpen in Folge von Nutzungsaufgabe zuwach sen und damit Kultur und Tradition ver loren gehen. Alpen werden seit Jahrhun derten bewirtschaftet. Ich kann nachvoll ziehen, dass es schwerfällt, solche Gebiete loszulassen. Die enge emotionale Bindung Mensch-Natur stiftet Identität über Gene rationen hinweg.

Welchen Einfluss hat Wildnis auf die Biodiversität?

Moos: Diese Frage ist sehr wichtig. Der Verlust von Biodiversität wird oft als Killer argument gegen Wildnis verwendet. Es wer den dann Bilder von bunten Blumenwiesen gezeigt, die sich nach der Nutzungsaufgabe in monotones Erlengestrüpp verwandeln. Das greift aus meiner Sicht zu kurz, denn erstens sind die Blumenwiesen infolge der Intensivierung der Landwirtschaft oft gar nicht mehr so artenreich. Zweitens werden zwei Faktoren vergessen, die entscheidend sind: Zeit und Raum. Es ist durchaus so, dass die Biodiversität am größten ist, wenn die Nutzung eines Kulturlandes frisch auf gegeben wurde. Wenn wir der neu entste henden Landschaft jedoch genügend Raum und Zeit geben, dann können die natürli chen Prozesse wieder zu wirken beginnen. Wir sprechen von Zeiträumen von über 200 Jahren. Lawinen, Murgänge, Wildtiere usw. reißen Schneisen auf, so entsteht eine an dere Biodiversität, vielleicht anders, als von uns geplant, dafür weist sie das volle Evo lutionspotenzial auf. Nicht wir Menschen entscheiden, was wächst und gedeiht, son dern das Spiel der Evolution. Diese Arten sind dann besonders gut an Standorte und den Klimawandel angepasst. Für diesen Prozess brauchen wir genügend Raum. In Summe geht es um ein ausgewogenes Ver

Wie hat sich das Wildnispotenzial in der Schweiz seit Beginn der Studie entwickelt? Moos: Fünf Jahre sind aus Wildnissicht ein kurzer Zeitraum. Ich schätze, das Wildnis potenzial hat dort zugenommen, wo die Nutzungsaufgabe voranschreitet, gera de in der Südschweiz. Gleichzeitig nimmt der Druck auf die Wildnis mit ungeahnter Intensität zu. Unter dem Schlagwort der Energiewende werden Staumauern und frei stehende alpine Solarparks gefordert, die sehr wertvolle, teils kaum erschlossene Ge biete zerstören würden. Die Herausforde rung ist, wie schaffen wir die Energiewen de, hinter der Mountain Wilderness steht, ohne die letzten unerschlossenen Gebiete zu opfern. Sie sollte in bereits erschlossenen Gebieten geschehen und auch die Suffizi enz als wichtigen Pfeiler einbeziehen. Bio diversität und Klima können wir nur Hand in Hand schützen.

Stehen Sie da im Austausch mit der Energiewirtschaft und Politik?

Moos: Bisher nur am Rande. Wir sehen unsere Aufgabe in erster Linie darin, auf Schönheit und Bedeutung von Wildnis und unerschlossenen Räumen hinzuweisen und ihnen eine Stimme zu geben.

In Kärnten am Dobratsch hat man schon vor vielen Jahren die Skilifte abgebaut. Gibt es auch in der Schweiz Projekte, die auf Hightech-Infrastruktur verzichten und auf Slow Tourism setzen?

Moos: Ja, jedoch noch nicht sehr verbrei tet. Das Safiental im Kanton Graubünden ist zum Beispiel bekannt für seinen natur nahen Tourismus. Der Skilift läuft noch, wird jedoch mit Sonnenstrom betrieben. Im Goms im Kanton Wallis wurde der defizitä re Betrieb des Skigebiets Chäserstatt-Erner galen 2008 eingestellt. Die Bergstation und das Restaurant sind heute beliebte Ziele für Skitourengänger*innen und Ruhesuchende.

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FOTOS: MOUNTAIN WILDERNESS, MARTA CORRÀ
„Tendenziell sehen Menschen in der Stadt Wildnis positiver als Menschen auf dem Land und in den Bergen“
SEBASTIAN MOOS
MOUNTAINWILDERNESS.CH/ AKTUELL
Studie „Das Potenzial von Wildnis in der Schweiz“
SEBASTIAN MOOS, SARAH RADFORD, ALINE VON ATZIGEN, NICOLE BAUER, JOSEF SENN, FELIX KIENAST, MAREN KERN, KATHARINA CONRADIN, BRISTOL-SCHRIFTENREIHE 60, 1. AUFLAGE 2019, 145 SEITEN

Ferdinand Schmatz (1953 geb.) ist Schriftsteller, experimenteller Lyriker und Essayist. Von 2012 bis 2020 Leiter des Instituts für Sprach kunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Zuletzt erschien „STRAND DER VERSE LAUF. Gedicht“ (Haymon Verlag 2022), wo raus der hier abgedruckte Aus zug stammt.

wir tauchen ein verlangend lust, die ränder suchend, töricht ohne zu torkeln die lippen spüren versonnen erinnern auf

gerochen ihre öle, gebrochen zu fossilien in sand liebe zurück sie sich stäuben, die ränder verschwimmen uns läufern, die rippen brechen uns nicht mehr ein,

diese muskel, o diese, schwendung, gärten im hintern der strände, ja, in den händen des auges blühen sie

Medieninhaber: Falter Verlagsgesellschaft m. b. H., Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 0043 1 536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at; Redaktion: Christian Zillner; Fotoredaktion: Karin Wasner; Gestaltung und Produktion: Nadine Weiner, Reini Hackl, Raphael Moser; Korrektur: Ewald Schreiber; Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau; DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falterverlag ständig abrufbar.

Uramerikaner

Thomas Pynchon hat in seinen Romanen Amerika dekonstruiert. In „Die Enden der Parabel“ irr lichtert ein amerikanischer Sol dat durchs Deutschland im Zwei ten Weltkrieg; „Mason und Dixon“ spielt im Amerika des 18. Jahr hunderts; „Gegen den Tag“ beginnt mit der Weltausstellung in Chica go Ende des 19. Jahrhunderts und spielt stellenweise in Wien.

Jüngst erschien „Sterblich keit und Erbarmen in Wien“, das literarische Debüt des zweiund zwanzigjährigen Pynchon aus 1959, auf Deutsch. Mit der öster reichischen Hauptstadt hat die Er zählung nichts zu tun. „Mortali ty and mercy in Vienna / Live in thy tongue and heart!“ ist ein Zitat aus Shakespeares „Maß für Maß“.

Der junge Diplomat Cleanth Siegel, eben aus Europa zurück gekehrt, begibt sich an einem ver regneten Frühlingsabend in Wa shington zu einer Party. Missmu tig räsoniert er, ob er nicht lieber zu seiner Frau Rachel fahren soll te. Der Gastgeber empfängt ihn mit einem Schweinefötus in der Hand. Er wolle den anstelle eines Mistelzweiges an die Tür nageln als Symbol für Gott.

En passant wird ein Bild von Paul Klee an der Wand erwähnt, daneben hängen eine Flinte und ein Säbel. Siegel fällt ein dun kelfarbiger Mensch auf, der „wie ein Memento mori in einer Ecke stand.“ Eine gewisse Lucy erklärt, dass es sich bei diesem um einen „Indianer“ handle, den ihre Ne benbuhlerin aus dem State De partment, die Männer sammle, von einer Dienstreise nach On tario mitgebracht habe. „Kennen Sie die Ojibwa?“ Sie sind eine der größten indigenen Ethnien Nord amerikas, der Name bedeutet „Ers tes Volk“ oder „Wesen, geschaffen aus dem Nichts“.

Siegel erinnert sich, dass er während des Anthropologiestu diums von der Windigo-Psycho se hörte, einer unter Natives auf tretenden Krankheit, bei der der Geist des Winters von den Men schen Besitz ergreift, sie in den Wahnsinn treibt und zu Kanniba len macht.

HEUREKA ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit

Die Erzählung kippt ins Apo kalyptische. Der „Indianer“ nimmt die Flinte von der Wand, lädt zwanzig Schuss Munition. Noch bevor das Massaker beginnt, gelingt es Siegel, den Ort zu verlassen: „Ach, zum Teufel, in Washington waren schon seltsa mere Dinge passiert.“ Dass die ser Autor einmal Großes schrei ben würde, war schon vor sechzig Jahren absehbar.

GEDICHT : HEUREKA 5/22 FALTER 43/22 23
: WAS AM ENDE BLEIBT : IM ZEICHENRAUM: BILD VON WOLFGANG BENDER
: IMPRESSUM

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