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ARCHITECTURAL DIGEST. Stil, Design, Kunst & Architektur

Deutschland Oktober 2019 / 8 Euro

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House of Crafts Die große AD-Ausstellung in Berlin

Typisch deutsch?

Vervoordt am Mittelrhein, Palm Springs in München, Joop endlich daheim – ein Facelift für die Bundesrepublik


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Inhalt Oktober 54

Teppich „Golkash“

90 Adresse Lumisol 92 Talent 94 Thema

96

Porträt Zementmosaik – das gab es nur im Jugendstil? Von wegen! VIA Plaen aus Bacharach am Rhein legt die Tradition betörend neu auf.

100

Studio Das Leben mit Tieren ist schön. Schön haarig! Aber auch dafür gibt es patente Lösungen: die richtige Polsterbürste – und eine große Portion Gelassenheit.

62

FledermausStuhl

21 Editorial 24 Impressum 29 Entdeckung 30 Agenda 35 AD stellt vor

37

Stil 38

Cover: Ingmar Kurth; Fotos: Hossein Rezvani; Walter Knoll; Markus Burke

Inspiration Kneipe, Campingplatz, Amtsstube – nur drei von acht „pisch deutschen“ Orten, an denen besonderes Design wahre Wunder bewirken kann. 50 Essay

52

Neuheiten Frische Entwürfe made in Germany – von Dedons coolem Doppel-Daybed über Meissens Kakadu im neuen Federkleid bis zu Jan Kaths famosem Totenkopf-Teppich „Skull 3“. 66 Adresse Friedrich 78 Porträt Greiling

106 Praxis Bad 108 Projekt Burmester

42

Typisch deutsch?


Inhalt Oktober

115

Architektur 122

116

Projekt 1 Der Münchner Architekt Stephan Maria Lang hat sich zum leidenschalichen Gartenplaner entwickelt. Visionäre Häuser baut er weiter, nebenbei.

Ein Haus von Huf

122

Projekt 2 Case Study im Westerwald: Wie das Unternehmen Huf Haus die Welt mit raffinierten Fertighäusern erobert. 126 Radar 128 Whitebox

130

Garten 94

Auf und davon!

Ein Mielgebirgsreich voller Sagen und Mythen – nirgendwo lässt sich so gut waldeinsam sein wie im Schwarzwald.

138

Kulthaus 144

Markus Amm

Zurechtgestutzt von der Neuen Sachlichkeit: So bekam der Bau der Brüder Luckhardt seine expressionistischen Kristallkanten wieder.

143

Panorama 144

Kunst

Fotos: Huf Haus; Papier Tigre; Porträt: Samuel Zeller

Schüen, schleifen, hängen lassen: Der Maler Markus Amm schafft schwebende Farbwirbel, ganz ohne heroisches Pathos. 148 Ausstellungen 152 Bücher

154

Reise Ein Paar aus dem Rheinland will Andernach bekannter machen – mit dem kleinen Hotel „Purs“. Eingerichtet hat es Stilmagier Axel Vervoordt. 160 Reise Neuheiten 162 Reise Lindley


Inhalt Oktober 165

Leben 166

In der Ruhe liegt die Geometrie Jorinde Voigts neues Berliner Atelier ist eine betörende Botschaft ihrer Kunst: farbsatt, elegant, bis ins Detail durchdacht.

166

Im Atelier von Jorinde Voigt

176

Das innere Gut Wolfgang Joop ist zurück auf seinem Landsitz in Bornstedt. „Ich bin dort nicht mehr der süße Wolfi, der so schön zeichnen kann.“ Aber dafür: „ganz ich!“

188

Der Schatzsucher Ein Arbeiterviertel im Münchner Süden, ein schnörkelloses Mietshaus – hier schuf Justin Howlett seine Vision vom Kalifornien der 70er.

194

Stil, Satz & Sieg Antonius Schimmelbusch spielen sich die Assoziationen zu wie Bälle. Von diesem Teamgeist lebt auch die Berliner Altbauwohnung von Melissa Antonius.

202

Eine Bühne für das Leben

52

Hemmerles Stern

Wie Art Consultant Michael Neff einem eher biederen Haus in Frankfurt zu einer Paraderolle verhalf.

Fotos: Amanda Holmes; Hemmerle; Gregor Hohenberg; Porträt: Gregor Hohenberg

176

Wolfgang Joop

214

This Is Not America! Aber auch durch MünchenHarlaching kann eine kalifornische Brise wehen. Interiordesigner Robert Stephan macht's möglich. 222 Summaries 223 Adressen 224 Apropos 226 Genie & Spleen


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AD Editorial

„Vorsprung durch Technik und Romantik - sind das unsere Kernkompetenzen?“

Foto: Lena Giovanazzi; Porträt: René Fietzek

D er Kanon von der deutschen Weltgeltung ist schnell gesungen, denn er hat nur drei Strophen: Von Bach bis Beethoven verstanden wir uns auf Musik, von Dürer bis Friedrich auf Malerei, von Benz bis Porsche auf Autos. Okay, später kamen noch Kraftwerk, Gerhard Richter und die Windkraft dazu. Kurz: Global gesehen genießen wir Deutschen einen gewissen „Vorsprung durch Technik“, und auch wenn es um einen dunkel grundierten Romantizismus geht, billigt man uns eine Kernkompetenz zu. Tief im Herzen teilen wir diesen Blick von außen auf das „typisch Deutsche“. Dabei gibt es durchaus Anlass anzunehmen, dass deutsche Strebsamkeit (noch so ein Klischee) manche Glanzleistung auf allen erdenklichen Gebieten bewirkte; man muss sich bloß darauf besinnen. Das wohl überraschendste, erfrischendste und, ja, auch bekömmlichste Buch zur deutschen Kultur hat Erwin Seitz geschrieben. In „Die Verfeinerung der Deutschen“, 2011 erschienen, räumt er auf mit der 2000-jährigen Fama, wir Germanen seien plump und tumb. Gleich in der Einleitung zitiert er Petrarca, der anno 1333 in Köln einen veritablen Kulturschock erlitt: „Erstaunlich für eine Stadt der Barbaren, welche Kultiviertheit,

welch städtisches Gepräge, welcher Ernst der Männer, welch gepflegtes Äußere der Frauen.“ Man glaubt erst an einen grandiosen, 823 (!) Seiten starken Witz mit lauter frei erfundenen Zitaten, doch Seitz schüttelt seine gut belegten Quellen, die von der Lebensart der Deutschen künden, nur so aus dem Ärmel: Wir haben das Kochbuch erfunden, lebten schon vor den Holländern vom Handel mit Salzhering, ohne uns gäbe es keinen Riesling. Die Vita des Autors selbst mutet übrigens an wie der schlagendste Beweis für den Weg zielstrebiger Verfeinerung. Bevor er Germanistik studierte, lernte Seitz erst Schlachter, dann Koch, um nach der Promotion als Philosoph und Gastrokritiker (er nennt es: Gastrosoph) zu reüssieren. Toll! Doch ehrlich, warum sollte ein Metzger nicht blitzgescheit, belesen und ungemein gewitzt sein? Mit ähnlicher Lust am Hinterfragen von Vorurteilen hat sich die Redaktion auf die Suche nach dem aktuell Besten aus unserem Land gemacht. So werden Sie etwa einem Warentrenner im Supermarkt begegnen, der von Dürer sein könnte. Einem Schwarzwald, der finsterer und waldeinsamer nicht sein kann. Und die Patchwork-Herde auf dem Feldberg (o. li.), bricht sie in ihrer heiteren Mischung aus schwarz-weißen und rotbraunen Individuen nicht mit dem Topos der „Kühe in Halbtrauer“ (Arno Schmidt)? Womit wir wieder bei der extraspröden deutschen Romantik wären …

O liver Jahn

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ARCHITECTURAL DIGEST. STIL, DESIGN, KUNST & ARCHITEKTUR erscheint in der Condé Nast Germany GmbH Oskar-von-Miller-Ring 20, 80333 München Telefon 089 38104-0 mail@condenast.de, www.condenast.de ad@admagazin.de, www.admagazin.de

Chefredakteur Oliver Jahn

Stv. Chefredakteur & Style Director Art Director Textchef & Kunst Managing Editor Interior/Küche/Bad Textredaktion Stil Bildredaktion Art Department Assistenz der Chefredaktion Mitarbeiter dieser Ausgabe Autoren dieser Ausgabe Fotografen dieser Ausgabe

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Redaktion Dr. Simone Herrmann Inka Baron Barbara Gärtner Eike Schrimm Karin Jaeger Andreas Kühnlein, Florian Siebeck Sally Fuls (Ltg.), Mona Bergers, Nina Luisa Vesic, Friederike Weißbach Thomas Skroch (Ltg.), Isa Lim, Samantha Taruvinga Viviana Tapia (Stv. Art Director), Anastasia Novikova (Trainee) Johanna Hänsch Sophie Fent, Reinhard Krause, Sophia Lierl, Iain Reynolds Ulrich Clewing, Dr. Oliver Herwig, Oliver Koerner von Gustorf, Tomo Mirko Pavlović, Bernd Polster, Bettina Schneuer Markus Burke, Lena Giovanazzi, Elias Hassos, Hiepler/Brunier, Gregor Hohenberg, Amanda Holmes, Ingmar Kurth, Daniel Schäfer, Samuel Zeller Emiliano Ponzi Inka Baron, Thomas Skroch

Büro Mailand Anna Riva, Paola Dörpinghaus Tel. +39 02 29000718, p.dorpinghaus@condenast.it Büro New York Christina Schuhbeck Tel. +1 212 2866856, christina_schuhbeck@condenast.com Schlussredaktion/Dokumentation Lektornet Syndication syndication@condenast.de Redaktion admagazin.de Andreas Kühnlein (Ltg.), Valerie Präkelt (Feature & Social Media Ltg.), Clara Westhoff (Trainee)

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Verantwortlich für den redaktionellen Inhalt Oliver Jahn

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Publisher André Pollmann

Anzeigen/Vermarktung Sales Christina Linder, Head of Sales christina.linder@condenast.de, Tel. -430 Christine Weinsheimer, Head of Digital Sales christine.weinsheimer@condenast.de, Tel. -466 Brand Advertising Andrea Latten, Brand Director Vogue & AD andrea.latten@condenast.de, Tel. -276 (verantwortlich für Anzeigen) Marketing Angela Reipschläger, Head of Marketing angela.reipschlaeger@condenast.de, Tel. -793 Ingrid Hedley, Marketing Director ingrid.hedley@condenast.de, Tel. -142 Kathrin Ölscher, Marketing Director kathrin.oelscher@condenast.de, Tel. -746 Creative Studio Carsten Schilkowski, Head of Creative Studio carsten.schilkowski@condenast.de, Tel. -365 Advertising Operations Katharina Schumm, Head of Revenue Management, Ad & Marketing Service katharina.schumm@condenast.de, Tel. -135

Vertrieb Alima Longatti, Head of Direct Marketing & CRM alima.longatti@condenast.de, Tel. -301 Einzelverkauf MZV GmbH & Co. KG, Karsten Reißner (Bereichsleitung)

Herstellung Leitung Lars Reinecke, Director Production Digitale Vorstufe/Druck Mohn Media, Mohndruck GmbH Carl-Bertelsmann-Straße 161 m, 33311 Gütersloh

Showroom München, Gabelsbergstraße 9 St. Gallen | Paris | Como | Amsterdam | Tokyo

BENU TALENT FR: INDOOR | OUTDOOR FLAME RETARDANT VELVET | RECYCLED PET CURTAIN | UPHOLSTERY 30 COLOURS

Unternehmenskommunikation/PR Henrike Zock, Leitung Corporate Communications presse@condenast.de, Tel. -413

Finanzen Roland Riedesser, Finanzdirektor

Geschäftsführerin und Herausgeberin Jessica Peppel-Schulz

Zurzeit gilt die Anzeigenpreisliste Nr. 23 vom 1. 1. 2019. Alle Rechte vorbehalten. Die Zeitschrift und alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Mit Ausnahme der gesetzlich zugelassenen Fälle ist eine Verwertung ohne Einwil­ ligung des Verlags strafar. Für unverlangt eingesandtes Text­ und Bildmaterial wird keine Haftung übernommen. ISSN­Nr. 1433­1764


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AD Entdeckung

Foto: Achim Bunz/© Bayerische Schlösserverwaltung, München

Wunderkammer

Ein Abglanz von der unermesslichen Pracht des chinesischen Kaiserhofs wartet in Bayreuth auf staunende Augen. Dort wagt Landesfürstin Wilhelmine Mitte des 18. Jahrhunderts in dem mit Spiegeln und Lack­ tafeln ausgekleideten Japanischen (!) Kabinett der Eremitage einen phantasmagorischen Gegenentwurf zu den geordneten Verhältnissen des Feudalismus, vor allem aber den aufschlussreichen Blick auf – sich selbst. AK schlo e s ser.bayern.de

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AD Agenda

Wer, wie, was? Redak tion Johanna Hänsch und Karin Jaeger

Nicht verpassen! Berlinische Galerie Jubiläumsausstellung „Original Bauhaus“, bis 27.1.2020 b erlinische galerie.de

St. Gertrud-Kirche, Köln „Fluch und Segen. Kirchen der Moderne“, bis 10.11. mai-nr w.de

Vienna Design Week Diesjähriges Gastland: Finnland, 27.9.–6.10. viennade signwe ek.at

40 Jahre „Vogue“, München Jubiläumsschau in der Villa Stuck, 10.10.–12.1.2020 villas tuck.de

kris tallwelten.swarovski.com

Drei Fragen an Pablo Wendel Am 14. September eröffnet das E-Werk Luckenwalde. Was erwartet uns? Das gesamte Industriedenkmal von 1913 wird wiederbelebt. Kuratiert von Helen Turner, künstlerischer Co-Direktorin des E-Werks, werden Arbeiten internationaler Künstler gezeigt. Und das E-Werk geht nach über 30 Jahren Stillstand wieder ans Netz und wird ab dem 14.9. Kunststrom produzieren. Eine Plattform für Kunst, die Ökostrom erzeugt? Wir produzieren hier keinen Ökostrom, sondern Kunststrom. Der ist nicht nur CO2-neutral und lokal, sondern eine soziale und ästhetische Erfahrung. Und können wir diesen Kunststrom kaufen? Er wird direkt ins öffentliche Stromnetz eingespeist und ist in ganz Deutschland über Performance Electrics beziehbar. Pablo Wendel ist Künstler und gründete mit seiner GmbH Performance Electrics (o. l. in Aktion) das Kunstzentrum E-Werk Luckenwalde. ku n st strom.com

Design-Konferenz, Mailand Next Design Perspectives, 29.10. nex tde signp er sp e c tive s.com

An, aus! Die Lichtschalter von Berker gab es schon am Bauhaus in Dessau. Rund war der erste Entwurf damals, vor 100 Jahren (histo­ rische Beispiele u.). Nach vielen vierecki­ gen Serien ist der Schalterhersteller der Hager Group wieder zu seiner Urform zu­ rückgekehrt. Ein runder Geburtstag! hager.de

Fotos: Mark Cocksedge; Berker; E-Werk Luckenwalde (2)

Steigen Sie ein … in Jaime Hayons Karussell! Es dreht sich mit 15 Millionen glitzernden Glassteinchen im Garten der Swarovski Kristallwelten in Wattens.


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AD Agenda

…im Oktober

Neu eröffnet Architekturwerkstatt, Löhne Ausstellungszentrum von Leicht Küchen (u. a.) für den Fachhandel Weidengrund 10 leicht .com

Rimowa, Hamburg Pop­up­Store im Alsterhaus Jungfernstieg 16–20 rimowa.com

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Buntes Treiben

Kenneth Cobonpue, München Premiere in Europa Auenstraße 78 kenne thcob onpue.com

1 India Mahdavi entwickelte 56 leuchtende Töne für Mériguet-Carrères Farb-

Savoir Beds, Berlin

kollektion „Flowers“. merigue t- c arrere.fr 2 „Colour by Nature“ heißt die Palette, die Farrow & Ball mit dem Londoner Natural History Museum kreierte. farrowball.c om 3 The Poster Club schuf mit Josephine Akvama Hoffmeyer von File under Pop neue Nuancen, eigens für Bilderrahmen. th ep o s terclub.c om

Zweiter Store in Deutschland Fasanenstraße 29 savoirb e ds.com

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Hingucker Pionierin der Moderne Zum 20. Todesjahr von Charlotte Perriand (1903–1999) ehrt die Pariser Fonda­ tion Louis Vuitton die Designerin und Architektin mit einer großen Ausstellung. O. Entwürfe für den Salon d’Automne im Jahr 1929. 2.10.–24.2.2020. fondationlouisvuit ton.fr

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Wie das architektonische Brillen-Design der bayrischen Firma Cazal den typischen Look der New Yorker Hip-Hop-Szene in den 80er-Jahren prägte, zeigt die Ausstellung „Counterculture: Cazal Eyewear meets American Hip Hop“ in der Neuen Sammlung München. Bis 12.1.2020. dns tdm.de

Fotos: Didier Delmas; Farrow & Ball; The Poster Club; Cazal Eyewear/Die Neue Sammlung; © Archives Charlotte Perriand

sele c te d-by-ne f f.de


AD stellt vor

Bernd Polster kann dem Bauhaus-Jahr nur wenig abgewinnen. „Statt Legenden zu hinterfragen, verstärkt es sie“, klagt der Publizist, der in seinem Essay zur Ehrenrettung des deutschen Designs ansetzt. „Das Bauhaus hat die Moderne in Beschlag genommen.“ Es lohne, den Blick auf andere, etwa Josef Frank, zu lenken: „Der war schon in der frühen Moderne ein Dissident, und das macht ihn mir sehr sympathisch.“ S. 50

Thomas Skroch, Daniel Schäfer und Jennifer Junginger folgten für das Shooting des kalifornisch wirkenden Bungalows in MünchenHarlaching der Sonne. „Gutes Zeitmanagement ist wichtig fürs richtige Licht“, sagt Fotograf Daniel Schäfer (M.), der mit unserem Bildchef Thomas Skroch und Jennifer Junginger, Mitarbeiterin von Interiordesigner Robert Stephan, nicht nur den richtigen „Glow“ fand, sondern auch noch Essen für alle kochte. S. 214

Fotos: Basim Ghomorlou; Daniel Schäfer; Thomas Skroch

Inka Baron hat großen Respekt vor der Zeit, als Grafikdesign noch Handwerk im buchstäblichen Sinne war. Unsere Art Direktorin schenkt mit ihrem Team nicht nur unserem Heft und den Beilagen einen fabelhaften Auftritt, sondern gestaltet auch die visuelle Identität von House of Crafts und dem AD Design Summit – ohne Computer heute nicht mehr vorstellbar. Inkas Werkzeuge sind Indesign, Photoshop und Feingefühl, „aber im Grunde ist es eine Herzenssache“. Klingt für uns nach: echtem Handwerk. Beilage Handwerk

Düsseldor f w w w.goldschmiede-schubar t.de


Stil

Raum: Repräsentationsraum Franz von Lenbach Villa/Städtische Galerie im Lenbachhaus, München

Inspiration, Essay, Neuheiten, Adresse, Porträt, Talent, Thema, Studio, Praxis und Projekt

Typisch deutsch? Stilistische Tristesse landauf, landab? Keineswegs! Es gibt sie, schöne deutsche Orte wie diesen Salon im Lenbachhaus. Und das trotz Gartenzwerg. Wohl, weil er auf Schönbuchs Paravent „Lola“ (1350 Euro) steht. Aber auch an schnöden Alltagsorten, im Amt, an der Kasse, am Bahnhof wirkt deutsches Design Wunder. Das zeigen die nächsten Seiten. FW scho enbuch.com

Redak tion Simone Herrmann und Sally Fuls

Produk tion Inka Baron und Thomas Skroch

Foto Markus Burke

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Stil Inspiration

Amtsstube

Foto: Markus Burke; Produktion: Inka Baron & Thomas Skroch

Stattmanns „Curv Chair“ aus Esche gibt es mit und ohne Armlehne, 560 Euro bzw. 490 Euro. Zeitnehmer: Neo/Crafts stählerne Wanduhr „Twelve“, 95 Euro. Tischleuchte „Times“ von From Lighting, 395 Euro. Gmunds leinenbezogene Projektmappe, 18 Euro. Stauraum: lackierter Schubkasten „Souvenir“ (340 Euro) und Rundkommode „Conga“ aus Holz mit Marmorplatte (1195 Euro), beides Schönbuch.

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Stil Inspiration

Kantine

Foto: Markus Burke; Produktion: Inka Baron & Thomas Skroch

Mittagsstund hat Gold im Mund – Villeroy & Bochs Besteck „MetroChic d’Or“ (24-teilig 729 Euro) auf Meissens Wandteller „Flying Jewels“, 499 Euro. Bei Rosenthal trinkt das Auge mit: Teetasse „Cilla Marea“ (mit Untertasse 119 Euro) auf „Francis Carreau Bleu“ (29 Euro). Ovale Platte und Schälchen „Shiro“ von Stefan Diez für Schönwald, 25 bzw. 4,50 Euro. Silberner Teelöffel von Robbe & Berking, 107 Euro. Blomus’ goldene Gläser „Flow“ und „Wave“ in Grau, 2er-Sets 25 bzw. 20 Euro.

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Campingplatz Werner Aisslingers Sessel und Beistelltisch „Cirql“ (790 bzw. 560 Euro) für Dedon. Alu-Schaukelstuhl „Flow“ von Weishäupl (425 Euro) mit Catharina Mendes Decke aus Wolle und Seide, 320 Euro. Himmel auf Erden: Jan Kaths Teppich-Sitzkissen „Cloud 1“, 1230 Euro. Blickfang: „Misaki“ und „Limone“ (70 und 36 Euro/m) aus Kunstfaser von Jab Anstoetz.

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Foto: Markus Burke; Produktion: Inka Baron & Thomas Skroch

Stil Inspiration


Stil Inspiration

Bahnhof

Foto: Markus Burke; Produktion: Inka Baron & Thomas Skroch

Qlocktwos „Classic Creator’s Edition“ in „Vintage Copper“ fasst die Abfahrtszeiten in Worte, 2250 Euro. Kuckucksuhr „BirdHouse“ mit zwölf echten Vogelstimmen von KooKoo, 120 Euro. Schlägt die Stunden: Erwin Sattlers Tischuhr „Lunaris“ aus Glas und Messing mit Mondphasenanzeige, 7300 Euro.

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Stil Inspiration

Kneipe

Foto: Markus Burke; Produktion: Inka Baron & Thomas Skroch

Diese Lage geht aufs Haus! Bei Renate schäumt das Bier in „Otto“-Krügen (je 208 Euro), die Kerze brennt im Leuchter „Louisa“ (393 Euro), beides von Theresienthal. Flippig: Alexa Lixfelds wolkige Glasschale „Ocean“, 1600 Euro. Kristallglas-Tumbler von Sebastian Herkner für von Poschinger, 175 Euro. Plexi-Untersetzer „Green 5“ von Tondos by Corte, 49 Euro. Zoeppritz’ Baumwollkissen, 30 Euro.

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Stil Inspiration

Büro Upgrades für den Arbeitsplatz: Bethges Stifteablage aus Messing, 85 Euro. Bleistifte von Faber-Castell (3er-Set 16,50 Euro) im vergoldeten Champagnerbecher „Drops“ aus Porzellan von Sieger by Fürstenberg, 139 Euro. Kugelschreiber „Tec Flex“ von Porsche Design (385 Euro) auf Treulebens Ledermappe „Wallaby“, 240 Euro. Natur pur: Vase „Obliqua“ mit Messingraster von Aufgabe Null, 800 Euro. Notizblock „Gipfelcube“ von Gmund, 16,50 Euro.

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Supermarkt

Fotos: Markus Burke; Produktion: Inka Baron & Thomas Skroch

So einen Warentrenner würden wir glatt mitkaufen: Theodor Kärners „Hase liegend“ aus Biskuitporzellan, ein Entwurf für die Porzellan Manufaktur Nymphenburg, 620 Euro.

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AD Essay

Made in Germany? Ist der Begriff „deutsches Design“ ein philosophisches Paradox? Ein schneller Galopp durch die Designgeschichte. Tex t B ernd Pols ter

D 50

eutschland schaffte es dieses Jahr im Ranking der beliebtesten Reiseziele beinah bis an die Spitze. Nur Sri Lanka lag noch davor. Und der Grund dafür war – bingo! – das Bauhaus-Jubiläum. Leider ist im Trubel der minutiös geplanten Marketingkampagne ein Missgeschick passiert. Ein Gedankenvirus konnte entfleuchen. Es heißt „Bauhaus-Idee“ und hat eine Resistenz gegen Aufklärung entwickelt. Wer sich ansteckt, verfällt der irrigen, doch weitverbreiteten Vorstellung, das Bauhaus sei der Dreh- und Angelpunkt der Moderne. Wieso ist eigentlich kaum bekannt, dass die deutsche Designgeschichte von Radikalen nur so wimmelt? Und dass ausgerechnet die Deutschen es waren, die über das gesamte letzte Jahrhundert (das zwanzigste) bei jeder sich bietenden Stilrevolte auf den Barrikaden standen – meistens ganz vorne? Sie sind es gewesen, die als Erste den ganzen romantischen Müll des vorletzten Jahrhunderts (des neunzehnten) aus ihren wilhelminischen Wohnungen fegten. Nur beste Werkbund-Besen durften dafür benutzt werden. Stattdessen gab es bald ein „Deutsches Warenbuch“, eine Weltneuheit mit Hunderten sachlich gestalteter Dinge. Alle wollten nun so etwas haben, allen voran die Amerikaner. In den Zwanzigerjahren wurde aus dem Trend zur Sachlichkeit die „Neue Sachlichkeit“. Der letzte Schrei waren jetzt Möbel aus gebogenem Stahlrohr. Ihr Schöpfer, der gebürtige Ungar Marcel Breuer, avancierte zum Liebling der Berliner Hautevolee. Auch nach 1945 ging die Formaskese weiter. Die Parole hieß nun „Gute Form“. Dazu

gehörte so Nützliches wie der stapelbare Bierkasten von Hans Gugelot. Geht es noch deutscher? Gugelot war Formrevoluzzer Ulmer Schule und Einwanderer wie Breuer. Noch eine beachtenswerte, aber wenig beachtete Triebfeder des Wandels. Die Geschichte der Kreativimmigranten ist noch zu schreiben. Wer sich deutschem Design nähert, blickt in die Klüfte der deutschen Seele. Während andere Nationen, siehe Frankreich oder Italien, ihre Luxusgüter lustvoll zelebrieren, will dies hierzulande nicht gelingen. Initiativen, die das ändern wollen, wie der sogenannte „Meisterkreis“, wirken im Verborgenen. Dabei besteht an Spitzenmarken hier wahrlich kein Mangel, auch jenseits der Autoaristokratie. All die hidden champions der deutschen Provinz lassen grüßen. Wer kennt schon Ghyczy oder Performa, kleine Hersteller, die seit Jahrzehnten für Innovationen gut sind? Selbst eine Vorzeigefirma wie Walter Knoll, in deren Biografie sich die komplette Moderne spiegelt und die beste Figur auf internationaler Bühne macht, wünscht sich zu Hause eine bessere Wahrnehmung. Doch Design ist eben kein Bestandteil der deutschen Kulturnation, und Design reduziert sich derzeit nur auf Bauhaus. Ist es möglich, dass es so etwas wie deutsche Designscham gibt? Und könnte das vielleicht auch daran liegen, dass dieses ungleiche Wortpaar – „deutsch“ und „Design“ – partout nicht locker rüberkommen will? Der Grund liegt auf der Hand. Denn seit den Nazis ist alles national Definierte semantisch verbrannt. Und war es nicht Wittgenstein, der meinte: „Worüber man


nicht sprechen kann, darüber muss man aber ähnlich absurd. Glauben wir also den schweigen“? Sogar der „Rat für Formge- Altvorderen, ist deutsches Design ein phibung“, das Zentralkomitee des deutschen losophisches Paradoxon. Wenn heutzutage irgendwo, sei es DubDesigns, nennt sich im Ausland wie im Internet etwas verschämt „German Design lin oder Dubai, ein Firmensitz oder ein Council“. Obwohl da immer noch „germa- First Class-Hotel mit Wasserhähnen ausgenisch“ drinsteckt. Aber eben auf Englisch. stattet werden muss, sind die mit einiger Der ganze sprachvirtuose Eiertanz um Wahrscheinlichkeit „made in Germany“. das deutsche Design begann spätestens Genauso wie die Küchenzeilen, die WaschAnfang der Dreißigerjahre, als die Kurato- maschinen und, nicht zu vergessen, die ren des New Yorker Museum of Modern Karossen, in denen die Herren und DaArt, weil ihr Museum ja nun mal so heißt, men vorfahren. Im High End-Design feierendlich den Modernismus nach Amerika te Deutschland über Jahrzehnte hinweg holen wollten. Und der kam damals tat- einen beispiellosen Triumphzug. Angesächlich größtenteils aus Deutschland. führt von der Autobranche, die darüber Doch die Weimarer Republik schlitterte zum nationalen Mythos wurde. Inklusive gerade in die Diktatur. Weshalb besagte der dazugehörigen Tempel – etwa die Kuratoren sich durchaus folgenreich dazu „Autostadt“ in Wolfsburg, das Pantheon entschlossen, vorsichtshalber statt des der Branche. Doch jeder Kult hat seine Zeit „German Style“ lieber den „International und irgendwann auch seine Endzeit. OhneStyle“ auszurufen. Und das, obwohl einer hin geht Dominanz, wie die Geschichte von ihnen, nämlich Philip Johnson, selbst lehrt, in aller Regel mit geistiger Trägheit fanatischer Nazi war. Was ihn nicht hin- einher – seit Jahren ausgiebig zu beobachderte, zugleich das Bauhaus zu bewundern. ten auf den internationalen Autosalons, wo Wieso hält sich eigentlich hartnäckig wie einst im Fin de Siècle Dekadenz und das Vorurteil, deutsches Design sei lang- Anbetung des Immergleichen auf höchsweilig? Denkt denn keiner mehr an jenen tem Niveau gepflegt werden. Da aber der postmodernen Putsch der Achtzigerjahre, Klimawandel gerade alles verändert und genannt „Neues Deutsches Design“? Nie- die Ära der Motoren vorbei ist, stehen alle mals vorher und auch danach ist ein derar- Zeichen auf Veränderung. Der Krise wohnt tiges Konvolut schräger Objekte angehäuft bekanntlich eine Chance inne. Wenn auch worden. Da gab es einen „Freischwinger“ die Dieselkrise dies bisher so gar nicht bein Armierungsstahl und Beton. Und jener stätigt, müsste, wenn nicht alles täuscht, zum Sitz umfunktionierte Einkaufswagen der Anachronismus unserer Lebensweise namens „Consumer's Rest“ gehört bis heu- auch zwangsläufig zum Auslöser einer Dete zu den Favoriten der Museumskuratoren signrevolution werden, in der sich Gewissin aller Welt. Wenn man darauf auch nicht heiten des Alltags verflüchtigen, auch die sitzen kann, so sind es doch erstaunlich ästhetischen. Wer weiß, vielleicht verwangeistreiche Zitate. Und der Versuch der da- deln sich ja dann schon bald öde Kreisvermaligen Designbohème, es ihren Funktio- kehre in Inseln sprühender Fantasie. Und nalistenvätern einmal ordentlich zu zeigen, im Gesamtkunstwerk Supermarkt werden ist aufgegangen. Das eskalierte dann leider banale Warentrenner zu Trägern eines zum Glaubensstreit. Und das ist nun wie- wirklich sozialen Netzwerks der Ideen. der mal typisch deutsch und verdeckt zu- Wer, wenn nicht Designer, könnte die dem, dass es durchaus Gemeinsames gibt. smarte, spielerische Welt von morgen erDas ist die geradezu existenzialistische schaffen? Das ist natürlich eine globale Sicht der Dinge. Jeder kennt Ludwig Mies Aufgabe. Aber radikale deutsche Neudenvan der Rohes Behauptung, dass weniger ker werden unbedingt dafür gebraucht. mehr sei. Die von Dieter Rams stammende Bernd Polster hat gerade zwei Bauhaus-Bücher Feststellung, das beste Design sei gar kein veröffentlicht: „Walter Gropius“ (Hanser-Verlag) und Design, erlangte zwar kaum Popularität, ist „Das wahre Bauhaus“ (TeNeues). b er n dpol ster.d e

B ernd Pols ter

„Wer sich deutschem Design nähert, blickt in die Klüfte der deutschen Seele.“

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Stil Neuheiten

„Ona Chair“ Sebastian Herkner für Freifrau Esstischstuhl (ab 780 Euro), Armlehner und Sessel f reif r au .eu

Grünes Feuer Zehn 40 Stunden-Wochen Präzisionsarbeit stecken in dieser Turmalin-Brosche. Die Strahlen um den 32-Karäter bestehen aus Granaten und Jadeperlen. Die Form zitiert Hemmerle-Orden des 19. Jahrhunderts. Preis auf Anfrage. hemmerle.com

Selten ist der europäische Gedanke so mit Händen zu greifen wie in Pia Wüstenbergs „Sculpt Stacking Vessels“ (o., 2000 bzw. 950 Euro): Das Glas wird in Tschechien mundgeblasen, das Holz in Finnland gedrechselt, das Metall in England getrieben – und nahe Rendsburg alles vereint. RK utopiaandutilit y.eu

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Fotos: Freifrau; Hemmerle; Utopia & Utility (2)

Hand in Hand


Stil Neuheiten

Teppich „Golkash“ Hossein Rezvani Persische Wolle mit Naturseide Preis auf Anfrage hossein rezvani.com

Berliner Luft … schnupperte sie schon während des Studiums an der UdK. Im Hauptstadtklima gedeiht Jorinde Meline Barkes „Flower“-Ohrring aus rosévergoldetem Silber mit Quarzperle prächtig. 230 Euro. jorindebarke.com

Wie genau ein schönes Zusammenleben mit Drohnen aussehen könnte? Zeigt Tobias Grau mit der höhenverstellbaren Pendelleuchte „Flying“. Sta eines Schauderns gibt's hier nämlich wahre Schauer gleißenden Lichts. Über Bluetooth lässt sich das Flug-, nein, Leuchtobjekt temperieren und dimmen. Auch in Weiß erhältlich, ab 1748 Euro. MB tobiasgrau.com

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Fotos: Hossein Rezvani; Jorinde Barke; Simon Menges

Vom Himmel hoch


Stil Neuheiten Ich sehe was, was du nicht siehst … Und das ist schwarz! Beim Optiker L42 Tauben­ berger in Wiesbaden kann durch die neuen Gläser gleich der Schwarzton „Tribute to Vinyl“ von Caparol Icons bewundert werden. 2,5 l ab 95 Euro. c aparol-icons.de

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Hard Cor, Soft Cor! Während jüngst erst Klappfahrräder die Straßen der deutschen Großstädte zurückeroberten, holt Cor den Faltmechanismus ins Haus. Beim „Avalanche“Loveseat mit Aluminiumgestell und Polsterrahmen lässt sich die verstärkte Rückenlehne ganz schnell zum weichen Kissen biegen, ab 2900 Euro. MB cor.de

Fotos: Offert Albers; Studio KHF/Rolf Benz; Cor Sitzmöbel; Lambert

Leuchter „Clemente“ Lambert Aluminium in zwei Größen 59 bzw. 69 Euro la mb e r t- h o m e.d e


L ’A R T DE LA CHAMBRE

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Stil Neuheiten

Klings Farbklänge Glas ist Licht, das zu fes­ ter Materie geworden ist. Und wenige verstehen es, seine spezifischen Eigen­ schaften so zum Leuchten zu bringen wie die Ber­ liner Designerin Milena Kling. Das haben auch die Spitzenköche der Haupt­ stadt erkannt: In Sterne­ restaurants sind ihre Ent­ würfe wie „Raw“ (390 bis 950 Euro) Stammgäste. UC

Foto: Studio Milena Kling; Porträt: Thomas Koy

milenakling.com

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foto: gregor titze

tHe turn of a friendly deSign new mileS aHead collection by SebaStian Herkner for wittmann

Sessel MERWYN LOUNGE und MILES SIDE TABLE LOW von Sebastian Herkner.

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Stil Neuheiten Tex t Friederike Weißbach

Wiedergeburt in Teak Das Start-up Dimo Chair lässt die Entwürfe von Pierre Jeanneret auferstehen. Und dort produzieren, wo sie einst entstanden.

A ls Le Corbusier 1950 einwilligte, die neue Hauptstadt der indischen Region Punjab zu planen, übertrug er seinem Cousin Pi­ erre Jeanneret die Leitung des Central De­ sign Office. Dieses Team aus Architekten und Designern erhielt den Auftrag, pas­ sende Möbel zum modernen Baustil von Chandigarh zu entwickeln. Da sie auch kostengünstig und in großer Stückzahl produziert werden sollten, gingen die Ent­ würfe an regionale Handwerksbetriebe, die die Möbel aus dem Holz fertigten, das bei der Rodung der Stadtfläche angefallen war. Inzwischen selten, erzielen die legen­ dären Chandigarh­Möbel heute bei Auktio­ nen Rekordpreise. Doch da es keine Paten­ te für die Entwürfe gibt, wagte sich lange kein großer Hersteller an die Reedition. Nun lässt das Berliner Start­up Dimo Chair einige Stücke wieder produzieren: in den früheren Fertigungsstätten in Punjab mit Materialien, Techniken – und so manchen Handwerkern, mit denen einst Jeanneret arbeitete! Erhältlich sind die Reinkarna­ tionen bei Andreas Murkudis in Berlin.

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Handgemacht: Die Produktion im indischen Punjab erfolgt mit den gleichen Materialien und Techniken wie in den 50ern (ganz o. li.). Der „Conference Chair“ (2499 Euro) und der Sessel „Kangaroo“ (oben links, 2999 Euro) aus Teak und Rohrgeflecht sind Entwürfe von Pierre Jeannerets Designteam.


Bodenbelag: Grande Marble Look Golden White Wandbeläge, Säulenverkleidung und Möbel: Grande Stone Look Ceppo di Gré

Human Design Seit mehr als achtzig Jahren gestalten wir keramische Produkte, deren Technologien und Innovationen für Menschen gedacht sind. Denn es ist die innige Beziehung zwischen Mensch und Objekt, die wahres Design ausmacht marazzi.it


Stil Neuheiten

Starke Silhouetten Architektonischer Schni, spielerische Eleganz: Der Look aus asymmetrischem Rock zu voluminöser Bluse bringt Jil Sanders Resortkollektion auf den Punkt. jilsander.com

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Darf’s ein bisschen mehr sein? Dornbrachts Armatur „CL.1“ reguliert die Temperatur mit zwei faceierten Swarovski-Kristallen (auch gelbgrün geriffelt oder klar). Je nach Licht und Einfallswinkel werfen die skulpturalen Griffe bunt nkelnde Reflexe auf Wasser und Metall. Für das Bad mit Glamour. FW

Die Rückkehr der Fledermaus Nicht der Superheld im schwarzen Cape, sondern ein Entwurf des Bauhaus-Designers Oo Kolb inspirierte den ausladenden „Aisuu Side Chair“. Walter Knoll hat die Reinterpretation des Fledermaus-Stuhls aus Stahlrohr und Saelleder erneut im Programm, 1004 Euro. walterknoll.de

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Fotos: Tim Elkaïm; Nomos Glashütte; © Dornbracht / Gerhardt Kellermann; Walter Knoll

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Alle auf Weber! Das „Weber Modulsofa“, jüngster Streich der Berliner Designschmiede Objekte unserer Tage (von li.: David Spinner, Reinhard Weßling, Christoph Steiger), ist trotz seines teutonischen Namens hochflexibel und passt sich mit seinen lustvollen Linien vielen Lebensrealitäten an – von Loveseat bis Familiensofa. „Neue deutsche Sinnlichkeit“ – finden die Herren. Ab 1395 Euro. FS

Foto: Anne Deppe; Porträt: Eike Walkenhorst

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Stil Adresse

Oben: Louis XVI-Möbel in Lederkluft, ein silberner Tafelaufsatz als Segelschiff, Murano-Lüster, Rokoko-Vertäfelung – im Erdgeschoss des Eckhauses Paradies 14 (unten links) am Frankfurter Hühnermarkt schimmern Friedrichs neue Stücke: Intaglien aus Lava mit Labradorit-Perlen (u.) oder roten Bernsteinkugeln (o. li.).

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T

Grün, grün, grün! Wie viele Nuancen die Lieblingsfarbe von Marc Stabernack (re., mit Le Corbusier-grüner Krawatte) hat, zeigt sein Geschäft. Die Eichenboiserien aus dem 18. Jahrhundert etwa sind basilikum-, die Möbelbezüge tannengrün. Sein Lieblingsgericht? „Frankfurter Grüne Soße!“

his looks pretty German!“ Die amerikani­ schen Touristen zücken ihre Smartphones. Marc Stabernack, Inhaber des Juwelen­ hauses Friedrich, schaut hinüber zur Büste von Friedrich Stoltze, Dichter und Pauls­ kirchen­Demokrat, „den Touristen schon mal mit Karl Marx verwechseln. Der Bart, die Denkerstirn …“ Paradies 14 ist, nach dem Stammsitz in der Neuen Rothofstraße, die zweite Frankfurter Adresse von Fried­ rich, direkt am Hühnermarkt in der Alt­ stadt. Gegenüber schauen „Knopf im Ohr“­ Bären aus dem Schaufenster von Steiff, und gleich um die Ecke prunkt das Haus zur Goldenen Waage mit Fachwerk und vergoldeten Erkern, genauso blank und strahlend, wie es wohl zur Zeit seiner Er­ bauung war – im Jahre des Herrn 1619. Viel ist darüber diskutiert worden, ob man das dürfe – einfach das Quartier um den Dom samt Krönungsweg der deut­ schen Kaiser künstlich wiederaufbereiten? „Es gibt der Stadt ihren Kern zurück“, meint Stabernack, Kunstkenner und passionierter Frankfurter, „nach dem Krieg war hier ja kein Stein mehr auf dem anderen, auch die Bauten um den Römer stammen aus den 80er­Jahren. Und doch reden heute alle dei Diamanti in Ferrara und vom Prager ganz selbstverständlich von ‚unserer Alt­ Kubismus Josef Chochols inspiriert ist, sei stadt‘. Trotzdem leben wir in der Gegen­ auch Friedrich in der gesamten Kulturge­ wart.“ Weshalb Friedrich zwar am Hühner­ schichte Europas zu Hause. „Historismus, markt residiert, aber in einem kantigen Art déco, die Malerei der Neuen Sachlich­ Schieferbau der Kölner Architekten Johan­ keit, französisches Rokoko, sogar Jazz und nes Götz und Guido Lohmann. Anno 2018. Motown swingen in unseren Stücken mit. Das Eckhaus bildet die schlanke Höhe Allerdings …“, Stabernack blickt auf die Alt­Frankfurter Patrizierhäuser nach, fügt dunkelgrüne Lederablage – tannengrün wie sich in den Reigen der Barockfassaden und aus einem deutschen Märchen –, „ist unse­ bleibt doch: Solist. Der Edelstein in einer re Geschichte eng mit Frankfurt verknüpft.“ Kette. „Das Haus spiegelt unsere Philoso­ 1947 steigt Karl Friedrich dort zum Juwe­ phie“, sagt der Juwelier, „es ist modern und lier der Wirtschaftswunderzeit auf, ge­ zugleich der Tradition verpflichtet. Wie winnt dreimal den New Yorker Diamonds wir.“ Und wie Paradies 14, das vom Palazzo International Award, schmückt die Diven

Friedrichs grünes Paradies … liegt in der neuen Frankfurter Altstadt. Marc Stabernack erklärt, warum Juwelier Friedrich genau dort hingehört. Tex t Simone Herrmann

Fotos Ingmar Kur th

des deutschen Films, die Knef oder Nadja Tiller, mit Tierbroschen und farbsprühen­ den Colliers. „Auch meine Mutter war Kundin“, erzählt Stabernack, Sohn eines Frankfurter Industriellen, der gerade Ma­ nager in Stockholm ist, als er 2008 davon hört, dass Friedrich verkauft werden soll. Kurz entschlossen lässt er sich in Idar­ Oberstein zum Gemmologen ausbilden – und übernimmt 2010. Das Schöne bleibt. Den Wahlspruch von Friedrich, aber auch seine Liebe zu „den wunderbaren Steinen, mit denen wir arbeiten dürfen“, trägt er seither in seinen Entwürfen weiter. Turmalingrün blitzt ein Froschkönig­ collier in der Vitrine, Ringe aus korinthi­ schem Erz, „goldhaltige Bronze, die schon in der Antike bekannt war“, schimmern neben einer Kette aus blauen Labradorit­ Murmeln, daneben leuchten Ohrringe mit Lava­Intaglien, eingefasst in fliederfarben eloxiertes Titan, oder solche mit frucht­ roten Bernsteinkugeln … „Jewels by Fried­ rich!“, ruft einer der Touristen. Dasselbe rief Barbra Streisand, als sie in den 70ern gefragt wurde, was ihr an Deutschland am besten gefalle: „Jewels by Friedrich!“


Stil Neuheiten

buchholzb erlin.com

Fotos: Achim Hatzius; Dedon; Mymito (3)

Tanzende Tische

Für den Berliner Firmensitz eines internationalen IT-Start-ups entwickelten Katja Buchholz und Peter Heimer ein Raumsystem aus farbig lackierten Metallplaen, die als Wandtafeln dienen können, und agilem Meetingmobiliar wie den „Parallelogramm“-Tischen. Aus heimischer Eiche gefertigt, schwingen die wahlweise nach links oder rechts. Je 2261, 5er-Satz 8925 Euro. RK

Doppel-Daybed „Rilly“ GamFratesi für Dedon mit Seil- oder Fibergeflecht ab 6520 Euro dedon .de

Leuchttürme aus dem Sauerland Beim Denken in Modulen sind Cubit deutsche Meister. Am 3D-Konfigurator kann jeder seine individuelle „Modulare Cubit Lampe“ gestalten: 2 Sockel- bzw. Schirmvarianten und 5 Verbindungsstücke in 6 Farben und 3 Oberflächen eröffnen unzählige Optionen. Von li.: 255, 281 und 247 Euro. cubit-shop.com

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Stil Neuheiten

Wedding Wonderland Schlicht und licht, entspannt und farbversessen: Die Gebrüder Löhr haben das Interiordesign für sich entdeckt. Tex t Karin Jaeger

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„Kein Office“ liegt im dritten Stock von Arno Brandlhubers Terrassenhaus li. Gearbeitet wird dort mal am langen E15-Tisch vor dem Betontresen der Küche (o., Bank von Loehr), mal auf dem Sofa von Normann Copenhagen in der Lounge (g. o., bezogen mit Kvadrats „Vidar“). Und manchmal auch ganz konventionell am großen Schreibtisch (ohne Bild) – auf Bürostühlen. lo ehr.co

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Fotos: Stefan Höderath/Loehr (2); Erica Overmeer/Lobe Block

renzgänger waren ihre Möbel von Anfang an: Die schlanken LoungeSessel und Tische, die David, Leon und Julian Löhr seit 2011 für ihr eigenes Label entwerfen, sind zwar primär für öffentliche Räume gedacht – mit leuchtenden Tönen, spannungsreicher Haptik und vielen Möglichkeiten der Individualisierung geben ihnen die Brüder aber einen einladend frischen, sehr persönlichen Charakter. Da ist es nur konsequent, dass die drei ihr erstes Interior-Projekt „Kein Office“ genannt haben. Der Kreativagentur Of Unicorns & Lions richteten sie ein gut 80 Quadratmeter großes Loft im Lobe Block im Berliner Wedding ein. Statt Türen markieren Farben verschiedene Zonen. Empfangen wird der Besucher von heiterem Zitronengelb, ruhiges Moosgrün prägt die für Meetings genutzte Lounge, würzigwarmes Terrakotta die Küche. „Wenn sich Arbeit und Privatleben immer mehr mischen, muss man mit den Räumen auch entsprechend umgehen“, fasst David Löhr den Ansatz zusammen. Zum Programm gehören junges Design – E15, Normann Copenhagen und das eigene Label sind vertreten –, unverfälschte Materialien, klare Linien und viel Raum. Für Arno Brandlhubers roughe Architektur; für die Launen des Lichts, das von Süden durch die Glasfronten einfällt; und natürlich für Innovation, Vision, spontane Veränderung.


Stil Neuheiten

Bett „Grand Cru Flair“ Angela Schramm Schramm Werkstätten inkl. Matratze „Divina“ ab 22 530 Euro schramm-werkstaetten.com

Ihre dynamische Form aus lauter Ovalen spiegelt die Bauten Berlins. Farbschimmer und Relief überlassen die Goldringe „Architecture Structure“ aber unserer Fantasie. Je 630 Euro. nie s sing.com

Es muss ja nicht gleich ein Ritt durch die Wüste Gobi sein – auch im hiesigen Winter ist Kamelhaar der ideale Begleiter! So hält die „Athena Tunic“ selbst tiefsten Temperatur-Abenteuern stand, 849 Euro. NLV antoniazander.com

Der Sonne so nah … bringt uns Occhio mit seinem neuen linearen Lichtsystem „Mito alto side“ – die LED-Deckenleuchte mit blendfreien Linsenoptiken strahlt nämlich fast ein Vollspektrum aus. Erhältlich ist der Wallwasher in drei Längen und sechs Farben, ab 840 Euro. o c chio.de

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Fotos: Schramm Werkstätten; Antonia Zander; © Niessing; © by Occhio / Mierswa & Kluska

Spielkameraden

Warmes Wüstengold


Stil Neuheiten

Meister der Mimikry Christian Haas’ neuster Entwurf offenbart sich erst auf den zweiten Blick. Zum einen, weil „Matéria“ sich gängigen Typologien entzieht (ist es Bank, Coffeetable, Konsole?) – zum anderen, weil die Auflage aus poliertem Travertin mit den Standfüßen aus Buche ein monochromes Verwirrspiel treibt. 1990 Euro. FS

Foto: Luís Espinheira; Porträt: Hadley Hudson

chris tian -haas.com

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Stil Neuheiten

Veredelte Ikone Den „Lamy dialog urushi“ gibt's nur im Viererpack. Mit gutem Grund, denn ein Jahr besteht ja auch aus vier Jahreszeiten. Tex t Ulrich Clewing

er Zyklus der Jahreszeiten: In Kunst und klassischer Musik gehören Interpretationen von Frühling, Sommer, Herbst und Winter seit jeher zu den beliebtesten Motiven. Nun kann man damit auch schreiben: „Lamy dialog urushi“ heißt das bezaubernde Quartett, das dies möglich macht. Ausgangspunkt ist ein Füllfederhalter, den es bereits gibt: Der „Lamy dialog“ geht auf einen Entwurf des Zürcher Designers Franco Clivio zurück – und reiht sich damit ein in eine große Tradition. Clivio, Jahrgang 1942, war einst Absolvent der legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung (des einzig legitimen Bauhaus-Nachfolgers, daher

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auch die Kleinschreibung). Diesen Füller, eine Ikone der in die gute Form verwandelten Schlichtheit, gibt es jetzt in Vierersets, die vom Japaner Norihiko Ogura und dem Deutschen Manfred Schmid in der fernöstlichen Lacktechnik Urushi veredelt wurden. Die Hauptrollen spielen dabei der natürlich vorkommende Lack. Und die Geduld und das Können der Kunsthandwerker, die das Material in absolut staubfreier Umgebung verarbeiten müssen, um es anschließend bei konstant 30 Grad Raumtemperatur aushärten zu lassen. Die Auflage der Schreibsets liegt knapp darüber, bei nur 33 Exemplaren je Jahreszeit.

Manfred Schmid (oben li.) ist Deutschlands Urushi-Virtuose. Mit Norihiko Ogura schuf er die vier Varianten des „Lamy dialog urushi“ (oben re. „Frühling“, ganz oben li. „Winter“). Goldpulver findet dabei Verwendung und Lack (ganz oben re.), der durch das Auftragen von Alkohol wieder aufgebrochen wird. Preis auf Anfrage. lamy.com

Fotos: C. Josef Lamy

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WEINSTRASSE, HANDRICH LIVING, 06321 49980 · 69120 HEIDELBERG, MC MODERN CLASSIC, 06221 474737 · 70173 STUTTGART, MERZ & BENZING, 0711 239840 · 70173 STUTTGART, LAMBERT FLAGSHIPSTORE, 0711 28411242 · 70597 STUTTGART, BELLA CASA, 0711 6339794 · 71088 HOLZGERLINGEN, QUERPASS, 07031 741515 · 71229 LEONBERG, KARL ZIEGLER GMBH, 07152 94730 · 72459 ALBSTADT-PFEFFINGEN, WOHNFORM WIßMANN, 07432 3951 · 73033 GÖPPINGEN, HÖPPEL, 07161 77291 · 74653 KÜNZELSAU, BREUNINGER, 07940 91820 · 76133 KARLSRUHE, SCHÖNGEIST, 0721 8248300 · 78050 VS-VILLINGEN, WIEBELT LIFESTYLE, 07721 980014 · 78333 STOCKACH, KÜCHENSTUDIO WURST, 07771 6349950 · 78532 TUTTLINGEN, SCHATZ, 07461 9494 · 78628 ROTTWEIL, ROSENKAVALIER, 0741 46939 · 79761 WALDSHUT-TIENGEN, SEIPP WOHNEN, 07741 60900 · 80331 MÜNCHEN, LAMBERT FLAGSHIPSTORE, 089 28700830 · 81479 MÜNCHEN, IDEE E COMPLEMENTI, 089 75984972 · 82256 FÜRSTENFELDBRUCK, DUNJA & TORSTEN NASTOLL, 08141 12396 · 82493 KLAIS-ELMAU, SCHLOSS ELMAU, 08823 180 · 83022 ROSENHEIM, WOHNEN UND BADEN, 08031 4092193 ·84028 LANDSHUT, DOBLINGER, 0871 22237 · 86609 DONAUWÖRTH, MIO STILE MICELLO, 0906 9999128 · 88212 RAVENSBURG, TAFELBLATT, 0751 3525401 · 88662 ÜBERLINGEN, WELTE-JOOS, 07551 5050 · 89312 GÜNZBURG, VANONI, 08221 6449 · 91054 ERLANGEN, G. 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Stil Neuheiten

Viva la vida! Wenn die Straßen in schrillen Farben flirren, Menschen in exzentrischen Kostümen – die Gesichter kunstvoll als Schädel bemalt – ausgelassen tanzen und singen, wird in Mexiko der Día de los Muertos gefeiert. Keineswegs ein Fest der Trauer, sondern vibrierender Lebensfreude, die Jan Kath (in Kooperation mit dem Onlineportal Entrance to Heaven) mit seinem Teppich „Skull 3“ aus Wolle und Seide nun auch hierzulande versprüht. ¡Arriba! 18 795 Euro. NLV jan -kath.de

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Draenerts Esstisch „Victor“ – hier mit Platte aus Breccia Imperiale und überkreuzten Füßen aus Schwarzstahl – ist ein Freund der klaren Formen. In über 180 Steinsorten (ab 6370 Euro) und diversen Hölzern (ab 3670 Euro) erhältlich. draener t .de

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Fotos: Jan Kath; Gloster; Kuhnle + Knödler

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Stil Porträt

Für eine gute Idee geht Katrin Greiling auch in die Wüste: Warum sie um die halbe Welt reisen musste, um zu einer der aufregendsten Designerinnen Deutschlands zu werden. Tex t Ulrich Clewing

Verbindet skandinavische Klarheit mit dem Gespür für die Sprache der Farben: Katrin Greiling (li.) studierte in Stockholm und lernte in Dubai noch einmal eine Menge dazu. Seit 2013 lebt sie in Berlin. Oben: Im Mai zeigte die Designerin Skizzen und Entwürfe im Herman Miller-Showroom in New York.

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A ls Katrin Greiling nach dem Studium das Angebot erhielt, von Stockholm nach Du­ bai zu gehen, zögerte sie nicht lang. Im Auftrag eines internationalen Immobilien­ entwicklers gestaltete sie Büros, verdiente gut, war viel in der Welt unterwegs. Vor allem aber bot ihr der Job mit Ende 20 noch einmal Gelegenheit, „mich zu justie­ ren und meine Stärken kennenzulernen“. Das Erste, was die gebürtige Münchnerin damals machte, war, einen Geländewagen zu kaufen. Nicht, um damit in Dubai­Stadt Eindruck zu schinden, sie brauchte ihn für ihre Ausflüge. „Ich war oft in der Wüste, das half mir, über das Verhältnis von Form und Funktion nachzudenken“, sagt die De­ signerin. „Wenn man Beduinen beobachtet, wie sie ihre Zelte auf den Kamelen verstau­ en, merkt man schnell, dass es dabei nicht um ,richtig‘ oder ,falsch‘ geht. Es ist alles ,richtig‘, und es gibt dafür unendlich viele Möglichkeiten.“ Ein Ergebnis dieser Recherchen steht in ihrer Wohnung. Es ist ein Daybed, das sich, vereinfacht ausgedrückt, aus mehre­ ren Lagen von matratzenartigen Polstern in unterschiedlichen Farben zusammensetzt, die ein über Kreuz geführtes Seil in Form

Fotos: Nicholas Calcott; HG Esch; Katrin Greiling; Matteo Girola; Porträt: Katrin Greiling

Wenn man fremd ist, sieht man mehr


hält. Produziert hat es Droog aus Amsterdam. Die Idee war, dass man die Verschnürung lösen sollte, um die Polster in der Reihenfolge übereinanderzulegen, die einem persönlich am liebsten ist. „Aber das“, sagt die 41-Jährige und lacht, „hat kaum einer getan. War wohl zu aufwändig.“ Seit 2013 lebt Greiling in Berlin. Im letzten Jahr hat sie für Tecta eine Reedition des Sessels „F51“ von Walter Gropius entwickelt. Ihre Variante hält sich exakt an die Abmessungen des Entwurfs – und ist trotzdem völlig anders. Wo einem das Original durch seine gewöhnungsbedürftigen Proportionen und das derbe Holz, das Gropius für die Basis verwendete, fast grob vorkommt, kehrt Greilings Version mit ihren zweifarbigen Bezügen in sechs Kom-

K at r i n Grei l i ng

„Ich fühle mich wie eine Forscherin, die permanent auf Entdeckungsreise ist.“ Letztes Jahr präsen­ tierte Greiling auf dem Salone del Mobile das Projekt „Struc­ tures“ mit Kinnasand und Kvadrat. Oben li. ihr Beitrag zum Bau­ haus­Jahr: die extrafri­ sche Reedition von Walter Gropius’ Sessel „F51“ für Tecta, daneben „Cozy Column“, eine Kollaboration mit Mar­ tin Schliefer von 2015.

binationen dessen schönste Seiten hervor. Was schwer war, wirkt jetzt geradezu leicht. Wo man sich bei der Bauhaus-Variante mit einem Rahmen aus großporiger Eiche anfreunden musste, hat Greiling das Gestell, angelehnt an die japanische Urushi-Technik, mit mehreren Lagen Lack versehen. Sehr überzeugend, der Effekt. Und ein Beispiel dafür, was sie besonders gut beherrscht: skandinavische Klarheit in der Formensprache mit Farben und Texturen zu verbinden, die wie Satzzeichen wirken, weil sie imstande sind, dem Ganzen Struktur, Rhythmus und einen oft verblüffend neuen Sinn zu verleihen. Gerade arbeitet sie an einem Stuhl, den Tecta im Januar auf der Möbelmesse in Köln präsentieren wird. Für PB 0110, die Firma von Philipp Bree, wird Greiling eine Serie von Tote Bags herausbringen – deren Design basiert auf abstrakten Collagen, die sie im Mai im Herman Miller-Showroom in New York zeigte. In ihrer Wohnung hat sie eine kleine Sammlung ikonischer Stücke von Arne Jacobsen, Tom Dixon und Konstantin Grcic, auch Achille Castiglioni schätzt sie sehr. Beste Koordinaten im Gestalter-Universum. Doch sie weiß auch, wie gut es ihr tut, die Dinge einmal aus der Distanz zu betrachten. Sie hat daraus sogar einen Vortrag gemacht, er heißt „The advantage of being an outsider“. „Auf meinen Reisen habe ich immer den Eindruck, dass mich der Umstand, eine Fremde zu sein, nahbarer werden lässt und offener für Neues.“ Wie früher, als sie in Dubai in die Wüste fuhr, um sich von den Nomaden Anregungen für ein Sofa zu holen.

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Stil Neuheiten

Rauer Glanz „Off-centred and wobbly“, krumm und wacklig, findet Jochen Holz (rechts) seine Vasen – und meint das rundum positiv. Für die Serie „Coloured Bark“ presst der Wahl-Londoner glühendes Glas auf verkohlte Rinde, dann folgt ein irisierendes Metallfinish. Off-centred bedeutet schließlich auch: exzentrisch! KJ Üb er S e e ds, se e dslondon.c om

Offene Grenzen So viele Möbel und so wenig Platz! Wohnchaos bekämp seit mehr als 30 Jahren das Familienunternehmen Raumplus: In Bremen ertüelt man immer neue Einbauschränke, Raumteiler und Gleiürsysteme nach Maß (re. „S1500“ mit satiniertem Glas). raumplus.de

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Fotos: Laura Gheorghita (2); Schoeller & von Rehlingen PR; Raumplus

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Stil Neuheiten

Mit allen Wassern gewaschen … ist We Are Studio Studio! Das Hamburger Label bringt in seinen Entwürfen deutsches Handwerk und nordische Linienführung zeitlos zusammen. Tex t Mona B erger s

Liebe auf den ersten Blick, Möbel auf den zweiten! Abends bei Wein gründeten Thorben Bringezu und Ini Neumann (u.) ihr Label. Schöne Fusion: Eschentisch „Lykka“ (o.), Lino­ leum­Küche „Køkken“ und Keramikvase „Tore“ (u. rechts).

ennengelernt haben sie sich bei der Wohnungssuche – „noch mit Handtuch auf dem Kopf“, erzählt Thorben Bringezu. Gemeinsam in Hamburg leben der gelernte Bootsbauer und die Illustratorin Ini Neumann bis heute. Unter We Are Studio Studio, ihrem 2016 gegründeten Möbel- und Keramiklabel, fertigen sie neben einem nach ihrem Sohn Yuma benannten Sideboard auch Hocker „Luca“ (wie der Praktikant, mit dem Bringezu den Entwurf aus Holzresten baute) oder Küche „Køkken“ (Vintages von Hans J. Wegner brachten Bringezu letztlich zur Tischlerei). Wichtig ist den beiden die Persönlichkeit ihrer Designs: „Klare Silhouetten, solides Handwerk. Die Stücke sind Lebensgefährten!“ Wie sie. wearestudiostudio.com

Fotos: Brita Sönnichsen (2); Ini Neumann; Porträt: Sarah Bernhard

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Stil Neuheiten Büro-Zoo Ein bunter Vogel trägt Businesslook: Monica Armanis „Gaia“ spreizt jetzt auch als Lounge Chair das komfortable Samtgefieder. k f f.de

Puristisches Päuschen Vier Bohlen, neun Latten, alles aus massiver Esche mit sanft gerundeten Kanten. Ein Update der archetypischen Holzpritsche sei sein Daybed, sagt der Frankfurter Designer Johannes Fuchs. Wenn das mal nicht elegant tiefgestapelt ist! KJ johanne s-fuchs.de

Weintrauben im Weltall Erst gingen Sebastian Herkners „Stellar“-Leuchten als Solitäre am Lampenhimmel auf. Getragen von einer Stahlbasis, ballen sich die glühenden Sphären nun zu Sternenhaufen aus klarem und mattem Rifelglas (ab 2790 Euro).

Fotos: KFF; © Pulpo; Meissen ®; Johannes Fuchs

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Berliner Manufaktur gelten weltweit als Synonym für höchste Klangqualität. Sie erschließen die Seele eines jeden Werks und laden zur Entdeckungsreise, um doch ganz bei sich selbst zu sein. Burmester an, Welt aus.

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Stil Neuheiten

Wasserschimmer im Wohnzimmer „Rho“ (g. o.) und „Dia“ (o., 1850 Euro) sind in je vier Farbstellungen und maximal 40 Zentimeter Höhe erhältlich.

Für sein Label Neo / Cra entwir Sebastian Scherer schnörkellose Möbel aus Glas und Stahl: bunt wie Göerspeise, cooler als Eiswürfel. Tex t Sally Fuls

eine glorreichen Zeiten hat der White Cube eigentlich hinter sich. Doch es scheint, als bräuchten wir ihn dringend zurück – um Sebastian Scherers (li.) kristallklaren Kolorationsstudien den richtigen (Weiß-)Raum zu geben. Für seine Tischreihe „Rho“ (in vier Größen und Farben, ab 650 Euro) variiert der in Berlin lebende Designer einen auf zwei Seiten offenen Würfel durch zart geriffelte und fruchtig durchgefärbte Deckplatten – deren Schattenwurf den Boden in eine schimmernde Wasseroberfläche verwandelt. Mit „Durchsicht und Unschärfe“ wollte Scherer hier experimentieren, wohingegen bei „Dia“ Spiegelspiele im Zentrum standen: Zwei Kreise aus Glas und hochpoliertem Edelstahl, symmetrisch montiert wie an einem Hantelgriff, spiegeln sich gegenseitig ins Endlose und ergeben so einen unendlich schicken Dopplereffekt! neocraft.com

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Fotos: Tobias Faisst; Porträt: Tobias Wirth

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Einladend ausladend Laptop, Tablet, Smartphone: Seltsam, je kleiner und mobiler die elektronischen Helfer werden, desto breiter machen sich unsere Sitzmöbel. Die nämlich werden eins mit dem Tisch und sparen am Ende sogar Platz, wie der vielseitige „Neil“ beweist. Die Karlsruher Designerinnen Lisa Ertel (li. hinten) und Anne-Sophie Oberkrome schufen den Prototyp aus nur zwei gebogenen Schichtholzelementen. RK lisaer tel.com, anne sophie ob erkrome.com

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Foto: Jannis Zell & Marcel Strauß; Porträt: Michelle Mantel

Stil Neuheiten


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Lumisolant! In München hat Marc von Schmarsow einen Showroom der Design-Extraklasse eingerichtet.

H ellgrau, Blau, Blassgrün, Rosa. Wie ein Leporello falten sich – eins, zwei, drei, vier! – die Räume in Marc von Schmarsows Münchner Showroom auf. Farbfonds, weiß gerahmt von Stucklambris und Deckenfriesen, die den Ton für die handgetufteten Teppiche, die eichenblonden Möbel, die Lederobjekte von Giobagnara und die Ozone-Leuchten vorgeben. Im lichtblauen Zimmer tropft Jacopo Fogginis Lüster wie

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Eiskristall auf den Cogolin-Teppich, der so grün ist, dass man glauben könnte, die Sessel in Hortensienrosa und das blütenhelle Sofa, ja selbst der runde Eichentisch von Christophe Delcourt seien darauf gewachsen, organisch, prall, lebendig. „Jardin intérieur“ heißt der Teppich, ein Garten im Zimmer. „India Mahdavi hat ihn entworfen“, sagt von Schmarsow. Im vierten Zimmer („das fünfte ist unser Stoffraum“), wo sich zwei Stehleuchten über die Sofalehne zunicken, schlägt das Rosé an der Wand einen Fliederton an. Dann aber steigern

das Rosenholz des Teppichs, Schwarz und Honiggelb, die Melodie zu einer leuchtenden Kadenz. Ta-ta! Marc von Schmarsow lächelt. Noch immer ist ihm das Glück vom letzten November anzusehen, „da hat mir meine Nachbarin eröffnet, dass ihre Galerieräume in der Barer Straße frei werden“, erzählt er, „200 Quadratmeter! Endlich eine Bühne für meine Interieurs. Und das gleich neben meinem Laden.“ Dort, wo er sich über Jahre hinweg einen Namen gemacht hatte: Lumisol. Von Schmarsows Interiordesign-Studio, dessen Philosophie am besten mit einem Blick auf seine Vasenleuchten beschrieben ist: Messing, mundgeblasenes Glas, Schirme aus farbigem Bastgeflecht, so subtil und elegant, wie man noch keine in Deutschland gesehen hatte. Pistazie und Brauserosa, Hellblau mit Bernstein – Keramik, Glas, emailliert, opak oder transluzent. Dazu kamen eigene

Fotos: James McDonald (2); Christophe Delcourt; Giobagnara; Bottega Conticelli

Tex t Simone Herrmann


Stil Adresse Li.: Das Pferd an der Wand beäugt Delcourts Möbel auf dem grünen CogolinTeppich. U. knickst Delcourts Eichentisch „Ybu“ vor dem Sessel von Caccia Dominioni und einem Meridiani-Sofa. Auf dem Fensterbrett: Lumisol-Leuchte und Delcourts Tabouret „Roi“. Re.: die Keramikhocker „Dot“ des Parisers, Ledertablett von Giobagnara. G. u.: Bottega Conticellis ledernes Schaukelpferd.

Möbelentwürfe, Antiquitäten und, als Pionier in Deutschland, die Midcentury-Designs von Azucena. Eine farbige, textile, sehr italienische Version von Interiordesign. Das alles vor 15 Jahren, als einsame Eames Chairs in weißen Räumen ertranken, Schleiflack, Stahlrohr und Glas „Kältekammer“ spielten. „Dagegen designe ich an!“, erklärt von Schmarsow. Heute genauso wie damals, als er in Italien Innenarchitektur studierte. „Dafür gab's ja nicht mal einen Studiengang in Deutschland.“ In Mailand, am Politecnico, schon. Zurück in München, das der gebürtige Berliner bereits als Internatsschüler am Ammersee lieben gelernt hatte, findet er sein Publikum, klein, aber fein und inzwischen auch weltweit, richtet Privathäuser, Hotels und Restaurants wie „Dallmayr“ ein. Und nun auch den eigenen Showroom. Ein Apartment, vier Räume, in denen alles ver-

sammelt ist, „was mich begeistert“: Stoffe von Holland & Sherry oder Loro Piana, Lederaccessoires von Bottega Conticelli, Möbel und Objekte von Giobagnara, für die Stéphane Parmentier eine neue Stilsprache gefunden hat – minimalistisch, betörend chic. Überhaupt die Franzosen! „Seit vier Jahren führt für mich kein Weg mehr an ihnen vorbei: Was Parmentier oder Christophe Delcourt und sein Partner Jérôme Aumont mit seinen Editionen für Collection Particulière zeigen, ist für mich inter-

national State of the Art.“ Es sind Möbel mit Charisma, handgearbeitete Unikate, Skulpturen – oder sollte man besser sagen: Persönlichkeiten? „Mit diesen Möbeln ist man nie allein.“ Auch die Leuchten von Garnier & Linker, die Lichtkörper von Ozone geben den Räumen Zauber – und Mondschein. „Ich habe ihren ‚Brasilia‘-Chandelier im ‚Monsieur Bleu‘ in Paris gesehen und dachte sofort: Den muss ich haben!“ Ein Gefühl, das wohl jeden beschleicht, der in den Showroom von Lumisol kommt. Selbst das Parkett, „alter österreichischer Stubenboden, den ich günstig bekommen konnte“, sieht im Zusammenspiel mit diesen Möbeln aus, als wäre es kostbar intarsiert. Das Gefühl von Weite, das Lichterfüllte, Schwebende, die Freude am schönen Material, am Textilen und Taktilen, an Holz, Glas, an Farbe – man könnte es auch das Lumisol-Gefühl nennen.

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Stil Neuheiten

Talent

Tino Seubert

E ine Post-it-Tastatur war streng genommen Tino Seuberts erstes Design. „Schon ein schräges Gimmick! Von den Blöcken konnte man die Buchstaben abziehen und analog zu Nachrichten kleben.“ Ein Tüftler, bereits beim Einstiegsprojekt ins Designstudium im italienischen Bozen. Heute – einen Master in Produktdesign an Londons Royal College of Art später – entwirft der 32-Jährige in seinem Studio mit Blick auf den afrikanischen Markt von Dalston seine Design-Kuriositäten. Am Boden windet sich etwa ein Exemplar seines in Schlaufen gelegten „Cable Rugs“. Was genau passieren würde, wenn man ihn anschließt? „Nichts Sichtbares. Der Strom fließt einfach nur unter den Füßen durch. Es ist doch so: Wir versuchen ständig, Verlängerungskabel zu verstecken, komisch zu dekorieren. Mit dem ‚Cable Rug‘ rücke ich sie gleich in den Mittelpunkt.“ Scheinbar Gegensätzliches – die Flechtkreationen von Børge Mogensen und Donald Judds Aluminiumdesigns – inspirierte den gebürtigen Franken auch zum „Anodised Wicker“-Hocker. Ein Stück, bei dem er erneut kreative und technische Raffinesse verknüpfte: „Professionelle Flechter gibt es leider kaum noch. Über Youtube-Videos habe ich mir das Handwerk dann selbst beigebracht.“ Wie viele Flechtversuche der unermüdliche Autodidakt brauchte? Das Post-it würde eine Fünf zeigen. tinoseub er t .com

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Auf dem Hocker, Pardon, Teppich geblieben! Bei den Entwürfen von Tino Seubert (u.) trifft deutsche Funktionalität auf britische Skurrilität. Oben links: „Anodised Wicker“ neben dem „Cable Rug“ in der „Industrial Love Stories“-Schau. O. re.: Die hölzerne Ottomane ist eine Auftragsarbeit für ein befreundetes Sammlerpaar.

Fotos: Tino Seubert; Harvey Waller/Markos Ioannides; Porträt: Jenna Smith

Redak tion Mona B erger s


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Stil Neuheiten Thema

Einsteigen, bitte! 2

Seit 25 Jahren tagträumen wir uns auf DB-Schienen durchs Land. Mit diesen Begleitern genießen wir die Reise auch in vollen Zügen! 1

Hält an jeder Buchstelle! Lesezeichen „Capri“, 14,50 Euro o c ta evo.com 2 Koffer „Essential Cabin“, 530 Euro rimowa.com 3 Zeitreise ins Jahr 1843: Heinrich Heines Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“, 34 Euro walls tein -verlag.de 4 Plaid „Ritual-D“ aus Kaschmir und Wolle sorgt für „BahnComfort“, 1990 Euro dior. c o m 5 Isoliertrinkflasche „Thermocafé“ aus Edelstahl, 25 Euro thermos.eu 6 Gutes Zugklima? Mit dem Papierfächer „Structure“ gelingt's, 9,50 Euro papier tigre.fr 7 Im „Envelope Pocketfolio“ sind Dokumente elegant unterwegs, 230 Euro treuleb en.de 8 Für die Sicherheit an Bord – Hutschachtel, ab 90 Euro fionab ennet t .de 1

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Redak tion Nina Luisa Vesic

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Fotos: Janek Stroisch; Octaevo; Rimowa; Wallstein Verlag; Dior; Thermos; Papier Tigre; Treuleben; Joachim Gern

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Stil Porträt

Wünsch dir was! Zementmosaik – das gab es nur im Jugendstil? VIA Platten legt die Tradition betörend neu auf! Tex t Nina Luisa Vesic

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Für die Zementmosaikplatten oben verwendet VIA ausgewählte Rohstoffe: Marmormehl, Quarzsand, Weißzement und Eisenoxid­ pigmente. Mit Wasser vermengt, wird diese Mischung sorgsam Farbton für Farbton in eine Schablone gefüllt, die in einem Rahmen sitzt. Je nach Rahmengröße entstehen unterschiedliche Formate der filigranen kleinen Kunstwerke. Dann wird abgepudert, mit Hinter­ beton aufgefüllt, anschließend mit hohem Druck gepresst. Im Unterschied zu Fliesen werden die Platten getrocknet, nicht gebrannt.

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Fotos: VIA

in gewölbeartiger Tunnel, die Wände und der Boden über und über mit Zementmosaikplatten in berauschender Farbigkeit bedeckt. „Darin müsste es eine Bar im Stil der 20er-Jahre geben, und auch die Sitze wären aus Zementfliesen – so etwas würde ich gerne mal sehen!“ Almut Lager, Inhaberin von VIA Platten in Bacharach am Rhein, stellt sich oft vor, was man mit ihren Platten alles anstellen könnte. Überhaupt spielt Fantasie eine wichtige Rolle im Leben der studierten Innenarchitektin. Das hat sie von ihrem Professor gelernt, der seine Studenten in puncto Raumgestaltung mit dem Ausspruch „Wünscht euch was!“ zu mehr Mut und neuen Denkansätzen ermunterte. Fantasie, die Passion für hochwertige Materialien und ein feines Gespür für das Comeback von Farbe und Ornament waren es auch, die sie schließlich zusammen mit ihrem Mann Norbert Kummermehr das Unternehmen gründen ließen. Seit 1999 fertigen sie Zementmosaik- und Terrazzo-


Timeless by Tradition

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Stil Porträt

Ein Terrazzoboden mit Op Art-Geometrien (oben). Die Platte „No. 10700“ – intern „kleine französische Platte“ genannt – wurde für ein Projekt im Burgund gefertigt (rechts). Mittlerweile ist sie zu VIAs Bestseller avanciert. Auch ohne Ornamente strahlen die Platten eine sanfte Pudrigkeit aus wie in der Industrial Küche links.

A l mut L a ger

platten in kunstvoller Handarbeit, vor Kurzem kamen Kreidefarben hinzu. „Mosaikplatten haben so einen Glamour und können dennoch ganz zeitgemäß eingesetzt werden. Man muss sich da gar nicht in alte Zeiten zurückträumen“, meint Lager. Vor 150 Jahren kamen sie auf, eine Erscheinung der Gründerzeit, zierten überall in Europa repräsentative Gebäude und elegante Privathäuser, blühten im katalanischen Modernismus und nicht zuletzt im Jugendstil. Dann gerieten sie in Vergessenheit. Nach den Weltkriegen wurden schnell große Mengen an Baumaterialien benötigt, zu teuer und aufwändig wäre die Herstellung der kostbaren Fliesen gewesen. Zudem kamen moderne Baustoffe in Mo-

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de. Viele kleine Fertigungen hatte es in mal haben wir mit Philippe Starck zusamDeutschland gegeben, besonders an Rhein mengearbeitet“, verrät Lager. „Er wollte und Mosel, jede Region kreierte ihr eigenes Terrazzoplatten für seine Privaträume. Wir Rahmenmaß. In den 1930er-Jahren schloss boten ihm an, er könne ein eigenes Muster der letzte Betrieb, doch in den Mittelmeer- entwerfen, aber seine Wahl fiel auf die übländern blieb das Handwerk erhalten. So lichen schwarz-weißen Quadrate. Schade! zog es Almut Lager nach ihrem Abschluss Ein Starck-Muster im Sortiment, das wänach Barcelona, wo sie bei einem echten re toll gewesen!“ Und doch, an besonderen mosaísta das Handwerk von der Pike auf Aufträgen mangelt es nicht. Fürs Goetheerlernte. Dort begann sie auch, historische Institut wollte eine norwegische ArchitekMuster zu sammeln, die noch heute die tin Platten „in Goethegrün“. Mit Gonzalez Grundlage der Kollektionen bilden. Häufig Haase realisierten sie mehrere minimalistiwerde sie gefragt, Platten nach alten Vorla- sche Interior-Bühnen, mit Tobias Kohlhaas gen anzufertigen. Nicht nur für den Denk- den glühend grünen Aesop-Shop in Bermalschutz und Restaurationsprojekte im- lin. So diffizil der Auftrag auch sein mag – posanter Kirchen wie dem Kaiserdom zu „bislang haben wir immer einen Weg gefunKönigslutter, auch für private Häuser. „Ein- den“. VIA – der Name ist Programm.

Fotos: VIA (2); Build

„Grenzen? Gibt es nur im Kopf! Mit unseren Platten ist selbst das Unvorstellbare möglich.“


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Hund, Katze, Haus! Das Leben mit Tieren ist schön. Schön haarig. Aber auch dafür gibt es Lösungen: die richtige Polsterbürste – und Gelassenheit. Tex t Valerie Präkelt

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Fotos: Greg Funnell; Dustin Aksland/August; Christopher Stark; Molly Culver

Kochbuchautorin Mimi Thorisson lebt mit Großfamilie und neun (!) Hunden (li. S. ihr Deutsch Kurzhaar) in einem Landhaus aus dem 19. Jahrhundert im Médoc; der alte Parkettboden verzeiht Kratzer. Hündin Daphne (o.) zieht ein Daybed von Modernica dem Körbchen vor. In Texas schuf Designerin Kim Lewis unter der Terrassenbank u. li. zwei Schattenplätze für ein Hundepärchen. Interiordesignerin Dina Bandman integrierte in die American Dream-Waschküche u. re. eine geflieste Hundedusche.

D ie Wahrheit, liebe Tierfreunde, tut manchmal weh: Ja, Katzen und Hunde verursachen wirklich Schmutz. Und nein, das vermeiden Sie nicht unbedingt, indem Sie sich einen Portugiesischen Wasserhund (haart wenig) oder gar eine Nacktkatze (haart gar nicht) zulegen. Frei nach dem französischen Philosophen Albert Camus sind Sie mit folgenden drei Regeln besser beraten: Erkenntnis, Akzeptanz, Aufleh-

nung – der Haustierbesitzer in ständiger Revolte. Der bekämpft lästige Tierhaare auf der Couch oder nasse Pfotenabdrücke im Hausflur zwar nicht unbedingt nachhaltig, dafür aber jeden Tag aufs Neue. „Ich empfehle Gelassenheit, wenn es um Dreck oder Geruch geht“, sagt der Florist Charlie McCormick, der mit seinem Ehemann, dem Interiordesigner Ben Pentreath, den Corgis Sibyl und Enid, Labrador Mavis und der Katze Henry the Cat in Dorset in einem georgianischen Pfarrhaus von 1820 lebt. „Das gehört nun einmal dazu, wenn man Tiere hat.“ Designer Jonathan Adler, der vor drei Jahren eine Mischlingshündin namens Foxy Lady adoptierte, stimmt zu: „Ich betrachte Hundehaare mittlerweile als eine Art Patina, die mich nicht mehr stört.“ Halten wir also fest: Sauberkeitsfanatiker sind mit einer Schildkröte womöglich besser beraten. Alle anderen sollten Hunde-


Brausen mit Tapetenfreunden: Für ein Haus in Mint Hill, North Carolina, besser gesagt: für den Schnucki des Hauses, entwarf Traci Zeller eine Hundedusche (oben) mit Schrank in „Egg blue“ .

Unter Dach und Fach: Der australische Architekt Michael Ong gestaltete rechts für Made by Pen eine Hundehütte aus Sperrholz oder OSB-Platten. „The Dog Room“ hält drinnen wie draußen die Stellung.

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Tiermöbel

Sweet Dreams Are Made of This

Herr Zweig, Ihr Label MiaCara stellt hochwertige Hunde- und Katzenbetten her. Was macht eigentlich ein gutes Tiermöbel aus? Nicht nur die Gestaltung ist wichtig, sondern vor allem die Qualität und Funktion. Das Kernstück unserer Kollektion bilden Hundekissen und -betten aus einem Spezialschaumstoff, die den Hund optimal stützen. Unsere Stoffe beziehen wir aus kleineren Manufakturen. Wichtig ist uns, dass sie waschbar sind. Wie sind Sie dazu gekommen, für Tiere zu entwerfen? Ich habe lange bei einem Schweizer Möbelhersteller gearbeitet, dann kam Cara, unsere Labradorhündin, in die Familie. Sie weigerte sich anfangs, auf ihrem Hundekissen zu liegen – deshalb haben meine Frau und ich 2011 die erste Kollektion lanciert. Seit 2015 machen wir auch Katzen glücklich. Wie oft sollte man ein Hunde- oder Katzenbett erneuern? Bei richtiger Pflege sind Tiermöbel ausgesprochen langlebig, wir verwenden ausschließlich robuste Materialien wie Holz, Aluminium und Keramik. Bei unseren Polstern sind Füllung und Überzug waschbar, deshalb ist es nicht mehr notwendig, das Bett aus Hygienegründen zu entsorgen. Und wenn man sich an der Farbe sattgesehen hat, kann man einfach den Bezug wechseln. Barbara und Sebastian Zweig gründeten MiaCara 2011. Der Tiermöbelhersteller aus Herzogenaurach eröffnete in diesem Juni einen Shop im KaDeWe. miacara.com

Fotos: Dustin Peck; MiaCara; Itsuka Studio

selten am Besitzer. Der nämlich lässt seinen Vierbeiner meist schneller auf der Couch Platz nehmen, als er selbst „Platz“ sagen kann. „Unsere Havaneserhündin Lala denkt, sie sei eine Katze, weil sie mit ihnen aufgewachsen ist“, erzählt Camilla Fischbacher, Textilunternehmerin und Kreativchefin bei Christian Fischbacher. „Und Katzen dürfen nun einmal aufs Sofa.“ Zwar habe jedes Haustier ein eigenes Körbchen, der Lieblingsplatz aber sei die Familiencouch. Dafür, dass Familie Fischbacher in der Schweiz mit altpersischen und Katzenhaaren mit Nonchalance be- Keramiken, Ming-Vasen und 100-jährigen gegnen – und mit robusten und waschbaren Perserteppichen lebt, ist die Hausherrin Textilien. Im Innenbereich empfiehlt sich überhaupt sehr entspannt. „Mit gekürzten ein Outdoor-Teppich, ein grob gewebter Nägeln dürfen unsere Haustiere es sich Vorleger aus Baumwolle oder Jute. Letzte- auch auf schönem Samt bequem machen.“ re sind besonders pflegeleicht. HartnäckiJonathan Adlers Hund schläft übge Katzenhaare lassen sich per Abrieb mit rigens am liebsten im Bett. Deshalb entBimsstein oder Gummihandschuhen ent- wickelte der Designer für seine eigene fernen. Dunkle (und abwaschbare) Wand- Möbelkollektion die „Family Friendly Fafarbe im Flur kaschiert den Schmutz, den brics“, robuste Stoffe, die Flecken, Haanasse Vierbeiner an Regentagen von drau- re und ausgiebige Waschgänge verzeihen. ßen mitbringen. Ein Staubsauger (am bes- Auch Maßanfertigungen, wie etwa einen ten kabellos) für Tierhaare ist ein Muss, im Hausflur oder in der Küche eingebauebenso eine gute Polster- und Fugenbürste. ten Schlafplatz, würde Adler bei einem Denn der Sprung aufs Sofa scheitert nur Neubau in Betracht ziehen. Für Charlie


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Equipment

Kratzbaum? Nein danke!

Keine Tassen im Schrank: In Hongkong integrierte Sim-Plex Design verspielte Katzen-Parcours in den Schränken.

Sittin’ pretty! Whippet Cloudy auf einem handgefertigten Vorleger aus Jute von Vanrenen GW Designs. Flecken in Naturfaser-Teppichen lassen sich mit Kern- oder Gallseife entfernen.

Den Katzenbaum aus Holz entwarf Yoh Komiyama für Rinn. Spielplatz und skulpturaler Solitär zugleich!

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Apropos

Staubsauger Haustierbesitzer finden auf einem Streifzug durch die Weiten des Internets viele Antworten auf die Frage nach dem besten Staubsauger. Im Kampf gegen Haarbüschel und Fellwechsel werben diverse Hersteller mit effizienten Geräten (Lithium-Ionen-Akku! Easy Clean! Turbodüse!). Staubsauger der neueren Generation sind kabel- und meist auch beutellos. Letzteres klingt praktisch – bis Hunde- und Katzenhaare beim Entleeren der Staubbox nicht im Mülleimer landen, sondern wie beim Pollenflug durch die Luft segeln. Ein Hoch auf die bewährte Beuteltechnik!

Fotos: Sim-Plex Design Studio; David Parmiter; Rinn; Scott Amundson

Studio M Interiors richtete am Lake Minnetonka ein eigenes Katzenzimmer ein – mit maßgefertigter Bank für Besucher.

McCormick ist das keine Option, da auch bei Ben Pentreath und ihm (erkennen Sie das Muster?) alle Tiere im Bett schlafen. Einer Nasszelle für Hunde kann er ebenso wenig abgewinnen, „weil wir sie nur selten duschen“. Für Hundehalter, die Vierbeiner mit pflegeintensivem Haar haben, kann so eine zusätzliche Dusche den Alltag erheblich erleichtern; besonders wenn die eigene einen hohen Einstieg hat und für Hunde (und langfristig auch den eigenen Rücken) ungeeignet ist. Eine Hundedusche im mudroom oder der Waschküche sollte mit Antirutschmatte ausgestattet und gefliest sein, weil Hunde bei Nässe einem natürlichen Schütteltrieb folgen. Auch mobile Haustierduschen wären sinnvoll, aber zugegebenermaßen ähnlich ästhetisch wie ein gewöllefarbener Kratzbaum aus dem Haustierbedarf. Deren stilvoller Neugestaltung haben sich Labels wie Mungo & Maud oder Cloud 7 angenommen. Schließlich ist der Qualitätssinn bei Hund und Katze – Instinkt! Oder wie Jonathan Adler sagt: „Es ist Foxy Ladys Welt, und wir sind nur bei ihr zu Gast.“


Stil Studio

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Fotos: Nils Holger Moormann; Wild One; MiaCara; Dogmade; Aesop; Mungo & Maud; Pets So Good; Jiyoun Kim Studio

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Spiel mit mir! 1 Steckbares

Hundebett „Kläffer“ aus Birke von Nils Holger Moormann, 663 Euro moormann.de 2 Gib Gummi! „Toy Kit“ von Wild One, 64 Dollar wildone.c om 3 Escheturm „Torre“ mit Filzpaneel von MiaCara, 499 Euro miac ar a.c om 4 Schön art-ig: Dogmade bietet individuell konfigurierbare Vierbeiner-Porträts von über 60 Hunderassen, ab 65 Euro dogmade.com 5 Hundewäsche? Reinigungsserum „Animal“ aus Zitronenschale und Teebaumblättern von Aesop, 31 Euro ae sop.com 6 Mungo & Mauds „Bolster Bed“ mit baumwollenem Vichykaro, ab 150 Pfund mung oan dmaud.c om 7 „Oreo Table“ mit Antirutsch- und -krümelmatte von Pets So Good, 59 Euro p e t s so g o o d.c om 8 „Three Poles Cat Tower“ (ca. 1120 Euro) aus Metall, Birke und Stoffdetails von Jiyoun Kim Studio für milliong.c o.kr

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Bad des Monats Redak tion Karin Jaeger

D e signer: BFS D O r t: Penthouse in Berlin-

Prenzlauer Berg Aus s tat tung:

· Armaturen „Tara“ von Dornbracht in „Schwarz matt“ · Waschtisch aus Corian und Spiegel maßgefertigt · Wanne „Stand“ aus Mineralguss von Ex.t Materialien: · Keramikfliesen „Soap“

von Kaufmann Keramik, eigens glasiert im Wandton · Wand- und Deckenfarbe: „Archive“ von Farrow & Ball · Trennwände aus Parsol-Glas · Boden: Zementspachtel „Pandomo“ von Ardex · Begehbarer Kleiderschrank mit Fronten aus Amerikanischem Nussbaum (geölt) · Einbaustrahler „Grid“ von Delta Light

Das macht e s b e sonder s:

Geschützt und doch offen, ruhige, aber keineswegs fade Töne. Rauer Zement, cleanes Corian, gewölbte Kacheln – und verschiedene Lichtquellen: Dieses Bad stimuliert subtil die Sinne und zeigt, wie eine echte urbane Oase funktionieren kann.

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Stil Praxis

#picobello

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Fotos: Jordana Schramm (2); Gustavo Trading; Santa Maria Novella; Eligo; Wiener Seife; Wasserneutral; Niyok; Astier de Villatte; Blomus; JM Nature; Curaden; Balineum; LG Electronics

B ei Frottierwaren sind die Fronten ähnlich klar wie beim Frühstücksei: Die einen mögen es flauschig, für die anderen muss es richtig rubbeln. Nun kommen Handtücher (o. nachhaltig gefertigt vom Hamburger Start-up Kushel, ku sh e l.de) zum Verdruss Letzterer ja meist fluffig weich ins Haus. Was also tun, um sie bretthart und rau zu machen? Zunächst: Stopfen Sie die Maschine so voll wie möglich, damit die Textilien kaum bewegt werden und sich viel Waschmittel anlagert. Dosieren Sie weiter das Pulver für weiches Wasser und geben Sie keinen Entkalker hinzu, egal wie hart das Wasser in Ihrer Region ist – so bilden sich „Seifenläuse“ an den Schlingen. Trocknen Sie die Tücher schließlich in der prallen Sonne oder noch besser auf der Heizung, das lässt sie starr und spröde werden. Benutzen Sie bloß keinen Trockner (unten der energieeffiziente „RT8DIH2“ von LG, lg.c om) , sonst entspannen sich die Schlaufen womöglich! Et voilà: Nach kurzer Zeit haben Sie textiles Schmirgelpapier. Ach so, Sie mögen es lieber fluffig? Dann machen Sie einfach alles umgekehrt (also nur mäßig beladen, entkalken, Trockner verwenden). Für beide Fraktionen gilt übrigens: Finger weg vom Weichspüler! Er bildet einen Film auf dem Gewebe, der die Saugfähigkeit vermindert. Und das will wirklich niemand. KJ

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Zahnpflege

Putzmuntermacher Italienisch frisch: Zahncreme mit Iris-Extrakt, 14 Euro (über Santa Maria Novella München, Promenadeplatz 2–6) 2 … und grüne Glastradition aus Empoli, 40 Euro eligo.it 3 Kernig: Seife mit Salz und Salbeiöl – für Gesicht, Haar und Zähne! Ab 9,50 Euro wiener seife.at 4 Nachwachsend: Bürste mit Bambusgriff, ab 3,90 Euro hydrophil.c om 5 Kokosöl-Creme, Tube aus Kunststoff mit Kreideanteil, 5 Euro niyok.de 6 Verwechslungssicher: John Derians „Silhouette Cup“ (mit verschiedenen Profilen), 90 Euro as tierdevillat te.com 7 „Sono“ aus Keramik, 14,95 Euro blomus.de 8 Zahnputzpulver mit Aktivkohle, im Glastiegel, 7 Euro b en -anna.com 9 Extrasoft: Bürste in 36 Farbkombinationen, um 5 Euro curaprox.de 1 0 Accessoire-Serie „Newport“ aus vernickeltem Messing, Becher 32 Pfund balineum.co.uk 1

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Stil Projekt

Die „Signature Line“ fügt sich auch in ambi­ tioniertes Ambiente. Wie hier in die Räume des Barockschlosses Groß Rietz (u. die Außen­ ansicht) in Brandenburg. Dessen Besitzer gehört natürlich auch zum Kreis der Kunden.

Im Klang-Universum Seit mehr als 40 Jahren arbeiten sie bei Burmester Audiosysteme an der perfekten Wiedergabe von Musik aller Art. So langsam darf man sagen: Mission erfüllt – eine Hörprobe.

A uf diesem Stuhl“, sagt Andreas Henke, „haben sich schon die unglaublichsten Szenen abgespielt. Da saßen Männer, denen die Tränen hinunterliefen.“ Das Wundermöbel, das aus Hartschalen-Typen das Innerste hervorkehrt, steht in einem Raum im Erdgeschoss in Berlin-Schöneberg. Neonröhren an der Decke, in den Regalen chromglänzende Kästen mit ein paar Druck- und Drehknöpfen und dem Schriftzug Burmester vorne rechts. So weit das Klischee. Dass sich die Lautsprecher, die diese Räume verlassen, aber auch mit Barock-

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schnörkeln verstehen, demonstriert Burmester auf Schloss Groß Rietz, wo die Klangmeister ihre neue Kampagne fotografierten und zeigen, dass ihre Audiosysteme auch visuell zum guten Ton gehören. Als Dieter Burmester 1977 anfing, in seiner Wohnung die ersten Verstärker zusam-

menzubauen, wollte er eigentlich nur spielen. Bassgitarre, um genau zu sein, damals war es sein Beruf. Schon mit 16 spielte er in Beatbands und entschied sich später doch für das Studium der Elektrotechnik, gründete danach ein Ingenieurbüro für medizinische Messgeräte und tüftelte nebenher an Soundsystemen. Dabei verwendete er statt der üblichen Röhren Transistoren. Für die Klangtreue war das ein Quantensprung. Die Ergebnisse waren so überzeugend, dass er die ersten 20 Exemplare an Freunde und Bekannte verkauft hatte, bevor es Burmester Audiosysteme überhaupt gab. Und das, obwohl ein Verstärker schon damals so viel

Fotos: Mierswa + Kluska

Tex t Ulrich Clewing


GET THE GLOW!

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Stil Projekt

A nd re a s Hen ke

„Wir haben berühmte Dirigenten um Fassung ringen sehen, als sie unseren Sound hörten.“ treiben sie bei Burmester enormen Aufwand. Unter den knapp 100 Mitarbeitern beschäftigen sie sogar einen Neurowissenschaftler, um das Verhältnis von Ursache und Wirkung von Tonsignalen auf den Menschen zu untersuchen. Für voodoo science wie gebürstete Elektronen und Kabelstränge aus purem Gold ist hier kein Platz. Stattdessen gibt Henke einen Ausblick in die nähere Zukunft: Bald kommt auch der erste Burmester-Kopfhörer auf den Markt. Der Firmensitz wird demnächst komplett umgestaltet, für das Projekt hat Henke das Architekturbüro Gonzalez Haase engagiert. Wer dann nach einer Führung durch die Zentrale auf besagtem Wunderstuhl im Vorführraum landet, stellt fest: Worte sind zu schwach, um zu beschreiben, was man Architektonisch zu- dort erlebt. Präzision und Klangschärfe, rückhaltend sind Volumen und Authentizität, das alles sind die Lautsprecher der nur sprachliche Hilfskonstruktionen. Der „Classic Line“ links. Sound ist von einer so ungeheuren Präsenz, Qualität, die profesdass man glaubt, er erreiche einen nicht sionelle Tonstudios in den Schatten stellt. nur über das Gehör, sondern dringe auch als feinstoffliches Element über die Haut Oben: Burmesters Junior „Phase 3“ – All- direkt in den Körper ein. Zum Schluss hat in-one-Musik strea- Andreas Henke noch den letzten Satz von mer mit zwei Boxen. Beethovens 4. Klavierkonzert aufgelegt. In Der kleine Kompakte passt in jede Ecke – Tränen aufgelöst war danach keiner. Aber und in jedes Interieur. es hätte dafür nicht mehr viel gefehlt.

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Fotos: Mierswa + Kluska

kostete wie ein Kleinwagen. Heute, gut 40 Jahre danach, gelten Burmester-Verstärker, Lautsprecher und CD-Player in der Welt des besonderen Klangs als das Nonplusultra. Seit Neustem haben die Berliner auch einen Plattenspieler für Vinyl im schmalen Sortiment. Eingeführt hat ihn Andreas Henke, der vor zweieinhalb Jahren als Geschäftsführer auf den 2015 verstorbenen Unternehmensgründer gefolgt ist. Der studierte Volkswirt und Politologe kam von Porsche, doch wenn man sich mit ihm unterhält, käme man nie auf den Gedanken, dass er jemals etwas anderes getan haben könnte, als dem perfekten Sound nachzujagen: „Wir wollen nicht nur, dass sich ein Cello exakt so anhört wie ein Cello“, sagt Henke. „Es soll so klingen, dass man auch bestimmen kann, dass es sich dabei um ein Instrument aus dem 18. Jahrhundert aus Italien handelt. Und ein Profi wird noch erkennen können, welchen Farbton das Holz hat, aus dem es gebaut wurde.“ Um diesem Anspruch gerecht zu werden, be-


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Preiswürdig! Auch in diesem Jahr vergeben wir den AD Award in vier Kategorien, deren Gewinner von unserer Jury gekürt werden: nachhaltiges Produktdesign, Interiordesign, Architektur und Konzept. Und die fünfte Kategorie? Die krönen Sie. Für den AD Readers’ Award wählen Sie Ihren Favoriten unter allen 20 Nominierten und entscheiden mit, ob die Bewahrer von Baustoffresten, ein Pilzzüchter mit 3DDrucker oder der Gründer eines Kreativspaces in den Wäldern von Sussex gewinnt. Sie haben die Wahl!

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Foto: Olaf Rohl im Auftrag von Saint-Gobain Glassolutions

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Ein Bild von einem Turm Mit ihm hat Frankfurt ein Wahrzeichen wieder, zumindest aber einen ikonischen Eintrag in der Stadtsilhouette: Der Henninger-Turm von Meixner Schlüter Wendt zeichnet das charakteristische Silo auf dem Dach des an gleicher Stelle abgerissenen Hochhauses nach, wo einst Gerste und Malz lagerten, und bringt im rundumverglasten Wiedergänger luxuriöse Wohnungen und ein Restaurant nebst Aussichtsplattform unter. „Typische Investorenarchitektur“, unkte mancher – am Ende aber bleibt ein Stück kollektive Erinnerung. AK meixner-schlue ter-wendt .de

Redak tion Andreas Kühnlein

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Architektur Projekt

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Wo Bäume fliegen lernen Der Münchner Architekt Stephan Maria Lang hat sich zum leidenschaftlichen Gartenplaner entwickelt. Visionäre Häuser baut er nebenbei. Tex t Oliver Her wig

Fotos: Hans Kreye (2); Viewtopia

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Haus K, Seeshaupt Die Renaturierung eines besonders sensiblen Uferstücks am Starnberger See gehörte zur schindelverkleideten Villa li., die an ein Bootshaus erinnert. Ansonsten überließ Lang die Hauptrolle – drinnen wie draußen – dem Blick aufs Wasser (o.).

as Haus wächst aus dem Boden. Naturstein wechselt sich ab mit verputzten Flächen. Eine Mauer schiebt sich quer durch den Garten, begrenzt das Private von der Auffahrt. Dort steht ein Trompetenbaum mit herzförmigen Blättern und langen, dürren Früchten. „Wir haben nur über den Garten gesprochen – und das Haus ist ganz nebenbei entstanden“, sagt Stephan Maria Lang, als wäre das immer so. Gerade baut der Münchner Architekt – steingraue Weste, goldbestickte Slipper und eine Stimme wie Tom Waits – im schicken Vorort Grünwald. Was kein Zufall ist; er ist spezialisiert auf große Häuser, nein: auf Villen. „Wir planen das Maximum“, verspricht der 60-Jährige, und das bis ins letzte Detail. Noch das allerkleinste wird im Büro gezeichnet, vermessen und optimiert. Langs Häuser sind inspiriert von den sonnengefluteten kalifornischen Klassikern; Frank Lloyd Wright, Neutra und Eames sind die Meister. Doch seine eigentliche Leidenschaft gilt dem Garten, der sich wie ein Passepartout um die Architektur legt. Natur berühre ihn

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Architektur Projekt

Stephan Maria Lang Architekt, München

Lebenslanges Lernen gehöre zu seinem Beruf, sagt der Münchner Architekt. Sein Büro gründete er 1995; seitdem vereint er Pflanzen, Licht, Räume und Blicke zu sublimen Kompositionen.

Haus I, München Fließend geht das Wohnen in Haus I in den Garten o. über, den in diesem Fall Gabriella Pape gestal­ tete. Drinnen redu­ zierte Lang die Palet­ te auf geölte Eiche, Muschelkalk und gespachteltes Weiß. Die Bäume (g. oben rechts) auf dem An­ wesen integrierte er buchstäblich in den bauhausinspirierten Entwurf (ganz oben).

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unmittelbar wie gute Kunst: „Gärten sind die Spiel­ wiese für das innere Kind.“ Wenn es um Bäume geht, um Sträucher und Kräuter, kann der gestandene Bau­ meister ziemlich poetisch werden. Hier im Münchner Süden hat er seiner Bauherrin versprochen, Blicke zu schaffen und eine hohe Wiese mit Rondell und Lehn­ stuhl. Was sich aber auf der Baustelle ankündigt, ist so viel mehr: ein verwunschener Garten. Vom Wohn­ raum fällt der Blick auf den Zierteich und von der frei stehenden Wanne im ersten Stock scheinbar direkt auf den Wald. Es ist nicht ganz klar, wo der eigene Garten endet und der nachbarschaftliche beginnt. Große Bäume standen hier schon immer. Lang hat sie nur ergänzt. Zehn Großbäume flogen innerhalb von zwei Stunden ein. Vom Kran wurden sie ins Grund­ stück gehievt: eine mächtige Catalpa als Hausbaum vor die Tür, in den Garten eine Magnolie, eine Sumpf­ zypresse und eine Linde. Hinter dem Haus ragt eine Sequoia auf. Die werde noch mächtig wachsen, ver­ spricht Lang. Schon jetzt überragt der Mammutbaum

die Garage und reckt sich wie ein Zeigefinger in den Himmel. Solche Bäume sind im Grunde grüne Zeit­ maschinen. Was sonst Jahre braucht, ist in einem Augenblick geschehen und sieht doch beinahe aus wie eine gewachsene Landschaft. Zwischen die Stämme setzte Lang Gräser und Thymian. „Den Park mit Schritten beginnen. Mit jedem Blick Gras emporschießen lassen, Asphaltwege winden, die Brücken zu Schleifen binden. Einmal geblinzelt, die Tulpe klappt auf“, schreibt Marion Poschmann in ihrem Gedichtband „Geliehene Landschaften“. Auch Lang arbeitet mit dem, was er vorfindet, und webt Blickpunkte in seinen Plan ein, der sich dann wiede­ rum gar nicht so wichtig nehmen soll. „Wir kriegen Preise für Pools und Gärten“, sagt Lang. „Aber in Deutschland sind wir längst nicht Mainstream, da fallen wir durchs Raster.“ Immerhin ist Lang gerade für den German Design Award 2020 nominiert. Überhaupt sieht sich der Architekt eher in einer internationalen Liga, im Umfeld von drei

Fotos: Hans Kreye

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Dutzend Baumeistern, die ähnlich eindrucksvolle Häuser inmitten einzigartigen Grüns errichten, wie etwa Isay Weinfeld. Selbstverständlich gehe es bei solchen Projekten um eine gewisse Form von Perfektion, ohne brauche man gar nicht anzutreten. Das habe aber nichts mit glänzenden Oberflächen zu tun oder mit cleanem Design. Eher mit Craquelé, mit fein gewebten Strukturen, mit Sprüngen und Rissen in der Zeit, die ein Objekt erst lebendig werden lassen. Lang ist fasziniert von Japan und von der Ästhetik des Wabi Sabi. „Unvollkommenes ist offen“, schwärmt er, das sei wie ein unaufhörliches Suchen und Tasten. Genau so fühlen sich die Übergänge zwischen seinen Häusern und Gärten an. Häuser seien doch „Klangkörper für die Seele“, da gehe es um Feinstoffliches, um Atmosphäre. Wie bei der Chelsea Flower Show, ausgerichtet von der Royal Horticultural Society. Das berühre ihn einfach, sagt der anglophile Architekt, in England sei es ein Riesending; kein Wunder bei der überreichen Gartentradition der Briten. Sein eigenes Büro hat Stephan Maria Lang in Giesing, nahe der

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Stephan Maria L ang

„Mein Weg ist die Perfektionierung des Unvollkommenen, meine Arbeit ein unaufhörliches Suchen.“

Fotos: Hans Kreye; Sebastian Kolm (2)

Architektur Projekt


Haus L019, München Die Treppe re. in Haus L019 fungiert als Lichtfilter, und überhaupt ist Licht der eigentliche Protagonist in der großzügig verglasten zweistöckigen Villa (li. Seite o.) – bis hinein ins Untergeschoss mit seinem spektakulären Wellnessbereich unten.

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Isar. Eine verwunschene Remise im Hinterhof, vor der Hauswand eine Handbreit Garten, ein kleines Durcheinander aus Pfingstrosen, Gräsern und Büschen. Davor das Bürofahrzeug, ein feuerrotes Elektroauto, in dem man hintereinandersitzt. „Do it with an architect“, steht ganz klein unter dem Rücklicht. Zierlich ist auch das Namensschild unter dem schwarzen Bakelit-Lichtschalter im ersten Stock. Der Output des Büros ist derweil überschaubar. Zwei Häuser entstehen hier pro Jahr, nur ausgesuchte Projekte. Und er werde wohl weiterbauen, bis er in die Kiste falle, lacht Lang und zitiert damit seinen Kollegen Renzo Piano. Eigentlich müssten Architekten mindestens 150 Jahre alt werden, weil sie ihre ersten 75 Jahre zum Lernen bräuchten. So gesehen hat der Münchner also noch eine ganze Menge vor sich. Natürlich sei er heute schon ein besserer Architekt als früher, sagt er, sein Auge habe er geschult für die wirklich wichtigen Dinge, für Kleinigkeiten und Zwischentöne. Und für die Natur, die bei Lang stets die Hauptrolle spielt. So baut er mit geliehener Zeit, wenn er wieder einmal große Bäume einfliegen lässt. „Für Gärten habe ich schon eine besondere Liebe“, Lang nickt. Ob Feuchtwiese am Seeufer oder künstlicher Urwald, spiele eigentlich keine so große Rolle. Hauptsache, die räumliche Spannung stimmt.


Architektur Projekt

Case Study im Westerwald 122

Wie ein Unternehmer von Hartenfels aus die Welt eroberte – mit Fertighäusern. Tex t Andreas Kühnlein


G

Rundbau für den König: Beim Bau des panarabischen Pavil­ lons auf der Weltaus­ stellung 1958 sprang die Johann Huf OHG spontan ein (li. S.). Über die Jahre bilde­ te das vorfabrizierte Fachwerkhaussys­ tem aus dem Wester­ wald ein beeindru­ ckendes Formenvo­ kabular – unten als individuell geplante Villa am Rheinufer, darunter als Flach­ dachvariante.

anz Deutschland – von Steinhäusern besetzt. Ganz Deutschland, bis auf ein kleines, unbeugsames Dorf im Westerwald, in dem sie bis heute mit Holz bauen, mit Licht und sehr viel Glas. Huf Haus erfand den Holzfachwerkbau quasi neu, aus Hartenfels kommen heute individuell geplante und flexibel erweiterbare Raumwunder, schlüsselfertig, zukunftssicher und mit allerlei Schikanen. Begonnen hat all das als klassisches deutsches Wiederaufbau-Wunder, hervorgegangen aus einem 1912 gegründeten Sägewerk mit Zimmerei. Parzellenweise kauft Franz Huf, Sohn des Gründers, Land in Hartenfels hinzu und expandiert. Man liefert Buchenschnittholz für Mercedes-Karossen, baut Kirchtürme wieder auf und Firmen wie Krupp aus. 1957 bewirbt sich der Unternehmer um einen Großauftrag für die Weltausstellung in Brüssel. Auf 18 000 Quadratmeter Land sollen hier acht verglaste, durch Stege verbundene Stahlskelettpavillons nach einem Entwurf von Sep Ruf und Egon Eiermann entstehen. Für die Holzarbeiten erhält Huf den Zuschlag und reist mit 40 Mann und 2000 Kubikmeter Schnittholz an. Auf dem Rest des Ausstellungsgeländes geht es gerade erst richtig los, da sind die Pavillons schon fertig; kurzerhand springen die tüchtigen Westerwälder bei den Franz Huf in Not geratenen arabischen Nachbarn ein und stellen dem federführenden ägyptischen Gesandten einen fürstlichen Rundbau daneben. Und weil die Flaggen der sieben beteiligten Nationen, die obendrauf sollen, so unterschiedlich groß geliefert werden, näht Mutter Huf

Fotos: © Huf Haus

„Viele hielten mich in meiner Begeisterung für einen Spinner.“

das Ganze über Nacht noch fix auf Maß um. Die Weltausstellung ist für Huf ein Riesenerfolg; offen bleibt die Frage, was nun? Vor dem Aus stand Huf Haus mehrfach, 1936 etwa, als die Zimmerei in Flammen aufging. Und Mitte der Sechziger. Nach der Expo war Huf 1960 erstmals in die Produktion von Fertighäusern eingestiegen. Das 75 Quadratmeter große „KaufhofHaus“, produziert im Auftrag der Warenhauskette und im Foyer der Kölner Hauptfiliale in Originalgröße zu bewundern, ging 200-mal über den Ladentisch der Abteilung „Haushaltsgeräte“. Entworfen hatte den schicken holzverschalten Flachdachbau der Architekt Otto Leitner. Vier Jahre nach Einführung aber ist Schluss, Kaufhof will den Preis nicht an gestiegene Kosten anpassen und steigt aus dem Geschäft aus. Doch was das unternehmerische Ende sein könnte, wird für Huf Initialzündung: Mit dem quasi über Nacht entwickelten „Huf Ideal Haus“ startet die Firma ihre eigene, selbst vermarktete Produktpalette. Komplett in Hartenfels vorgefertigt, wird es anschließend demontiert und am eigentlichen Standort wieder zusammengesetzt, insgesamt gut 1000-mal. Weitere Typen folgen, nebenbei fängt Huf an, Lobbyarbeit für die noch junge Fertighausbranche zu betreiben. Im „Huf Ideal Studio Haus“ tragen nur noch die Außenwände die Dachlast, was die Raumaufteilung mit einem Schlag befreit und erstmals die offenen, großzügig verglasten Interieurs ermöglicht, für die Huf bekannt wird.


Architektur Projekt Zur heutigen Form findet Huf Anfang der Siebziger mit dem Architekten und Sep Ruf-Schüler Manfred Adams. Sein „Huf Fachwerkhaus 2000“ fasst Essen, Kochen, Wohnen und Arbeiten in einem Raumkontinuum zusammen, das sich übers ganze Erdgeschoss erstreckt – zum Festpreis bei sensationellen 25 Wochen Bauzeit. Franz Huf tritt fortan als sein eigener Verkäufer auf, und im Westerwald formt sich das Huf Dorf, wo es Fertighausarchitektur zum Anfassen gibt und die Mitarbeiter von lichtdurchfluteten Büros profitieren. Heute sind die Hufs in ihrem Segment Marktführer, die nächste Generation führt die Firma und wohnt selbst auf dem Gelände. Im Huf Haus, versteht sich. Das erste Fertighaus aus Hartenfels ent­ stand für die Warenhauskette Kaufhof und lief dort in der Abteilung „Haushaltsge­ räte“ – 200 Exemplare des bundesrepubli­ kanischen Wohntraums u. wurden bis 1964 gebaut. Re. ein aktuelles Huf­Haus. Franz Huf

Fotos: © Huf Haus

„Unsere Vision war ein Haus, das unabhängig von seiner Größe oder Technik vor allem eins ist – einfach!“

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Architektur Radar 100 Jahre in drei Büchern

Neues Zentrum: Bauhaus Museum Dessau Jüngst eröffnet: Nach Weimar hat der zweite Heimatort des Bauhaus sein eigenes Museum, entworfen vom jungen Kol­ lektiv Addenda Architects aus Barcelona. Lange wurde um den Ausstellungsbau im Stadtpark (unten) gerungen. Nun kann man in Dessau nicht nur das historische Hauptgebäude, son­ dern auch einen Teil der umfangreichen Sammlung erleben. addendaarchite c t s.com, bauhaus- de s sau.de

Jubiläumsliteratur

„Bauhaus/Documenta“ widmet sich gleich zwei Initiativen des 20. Jahrhunderts, die ein modernes Deutschland neu erfanden – und dafür einflussreiche Marken bildeten.

Haus Lange … (links) und der Schwesterbau Haus Esters in Krefeld, beide 1930 von Ludwig Mies van der Rohe fertiggestellt, wurden bereits zum zweiten Mal umfassend restauriert. Bis Januar wird das Ensemble mit dem Programm „Anders Wohnen“ vielfältig bespielt.

„Das wahre Bauhaus“ hinter der Legende nimmt sich Design­Experte Bernd Polster vor – und entmystifiziert eine Lehre, die in nur wenigen Jahren Epoche machen sollte. 3 0 4 S eiten, 2 5 Euro, teneue s-bue cher.de

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Weimarer Experiment: das Haus Am Horn Ganz alltagstauglich war der erste Wohnbau von Georg Muche und Walter Gropius re. nicht, die Visionen des Bauhaus-Gründers macht das gerade frisch sanierte Musterhaus von 1923 aber bereits eindrucksvoll erlebbar. klas sik-s tif tung.de

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Redak tion Andreas Kühnlein

Bauhaus und Moderne, deutschlandweit in über 100 Orten: Hatje Cantz führt mit einem neuen Reiseführer an die Stätten der Bau­Avantgarde im 20. Jahrhundert. 31 6 S eiten, 1 8 Euro, hatje c antz.de

Fotos: Gonzalez Hinz Zabala, 2016; Spector Books; Thomas Meyer, 2019 (2); Andrew Alberts, © Heike Hanada Laboratory of Art and Architecture; Hatje Cantz; teNeues Media; Thomas Müller; Dirk Rose/Kunstmuseen Krefeld

3 0 4 S eiten, 3 2 Euro, sp e c torb o oks.com


Farbtrunken: Dessauer Meisterhäuser Die ikonische Siedlung erstrahlt in neuem Glanz: Gerade wurden die bauhausbunten Interieurs runderneuert – von den Treppenhäusern u. li. bis zur Durchreiche daneben. bauhaus- de s sau.de

Sie haben es in der Hand. Made in Brakel, Germany: Formschöne Tür- und Fenstergriffe aus Aluminium, Edelstahl, Messing und Bronze. www.fsb.de

Bauhaus-Museum Weimar Für die Geburtsstätte des Bauhaus entwickelte die Berliner Architektin Heike Hanada den Museumsneubau unten, der pünktlich zum Jubiläumsjahr fertig wurde und nun mit dem benachbarten Neuen Museum ein ganz der Moder­ ne gewidmetes Ensemble bildet. Weimars zweite Klassik! heikehanada.de, klas sik-s tif tung.de


Architektur Projekt

Die Architekten des Verborgenen Ausstellungen sind mehr als die Summe ihrer Exponate. Gut, wenn das Büro Whitebox die Gestaltung übernimmt. Tex t Ulrich Clewing

F ür eine Schau über die „Geschichte des Bie­ res in Sachsen“ auf der Albrechtsburg in Meißen bauten sie Stellwände aus, richtig: Bierkästen. Und machten dabei eine neue Erfahrung: „Die zu kriegen war gar nicht so einfach“, sagt Daniel Sommer, „am Ende half eine Brauerei aus Bayern.“ Mit un­ konventionellen Ideen wie dieser hat sich Whitebox in den vergangenen Jahren einen Namen gemacht als eines der kreativs­ ten Büros für Ausstellungsgestaltung in Deutschland. „Wir nennen es selber eigent­ lich nicht Architektur“, sagt Sommer, der studierte Architekt, der Whitebox 2011 ge­

Ein Tizian und seine Gegenwart: Die Thüringer Landesausstellung über die Dynastie der Ernestiner (li.) richtete Whitebox ebenso ein wie das Neue Museum in Weimar (o.) mit Kunst des 19. Jahrhunderts.

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Fotos: Whitebox

meinsam mit Christian Frommelt in Dres­ den gründete. „Wir arbeiten an der Ver­ mittlung von Inhalten, je früher wir eingebunden werden, desto besser.“ So haben sie das Neue Museum in Weimar eingerichtet, und auch die Dauerausstel­ lung „Standfest, Bibelfest, Trinkfest“ auf Schloss Hartenfels in Torgau, für die es nur ein Exponat gab, der Rest war Medientech­ nik. „Bei unserer Arbeit machen wir viel, was man hinterher nicht bemerkt“, sagt der Mittdreißiger. Zum Glück stimmt das nur zur Hälfte, dazu sehen die Whitebox­ Ausstellungen einfach zu gut aus.


VIA Platten in einer

ehemaligen Sektkellerei von 1913

Nach dem Umbau zeigt sich der „Blaue Salon“ von seiner prächtigen Seite. Die kleinen Platten im Format 14,1 x 14,1 cm – mit schmaler Fuge verlegt – lassen den Boden flächig und ruhig wirken.

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Architektur Garten

Tex t Tomo Mirko Pavlović

Fotos Lena Giovanazzi

Mehr als Schwarz

D er Schwarzwald? Eine Sahnetorte. Ein, zwei Gläschen Kirschwasser. Ein Trachten­ hut mit roten Bollen drauf. Eine altbackene Wanduhr aus verziertem Holz. Ein Dialekt, über den man sich in Berlin lustig macht. Und dann Doktor Brinkmann aus der „Schwarzwaldklinik“, der Fernsehserie, die in den 80ern allwöchentlich die halbe Re­ publik therapierte. Noch heute suchen ver­ wirrte Kassenpatienten nach Heilung im Glottertal und wundern sich, dass dieser Brinkmann nicht mehr praktiziert.

Ein Mittelgebirgsreich voller Sagen und Mythen – nirgendwo lässt sich so gut waldeinsam sein wie im Schwarzwald.

Der Schwarzwald ist aber auch Anton Die Fotografin Lena Giovan­ Tschechows Sterbelager in Badenweiler. azzi ist im Südschwarzwald Mark Twains Impressionen von Mist­ aufgewachsen. Inzwischen lebt sie meist in Berlin, doch haufen im Renchtal. Fjodor Dostojewskis kommt sie für ihre Serie Spielsucht in Baden­Baden. Hermann Hes­ „Black Black Forest“ regelmä­ ses Hymnen auf die Freundschaft. Annet­ ßig zurück in die Heimat. te Kolbs Essays zur Versöhnung der Erb­ Die Straße auf der li. Seite feinde Frankreich und Deutschland. Der führt durchs Wehratal, zwischen Wehr und Todt­ Schwarzwald war schon immer ganz gro­ moos­Au. O. li.: Moos in ßes Drama und Weltliteratur. Und natür­ einem Waldstück nahe dem lich ist der Schwarzwald dunkler noch als Windgfällweiher, re. daneschwarz, ein Mittelgebirgsreich voller Sa­ ben der Wald beim Schluch­ gen und Mythen, schaurig­schön wie Wil­ see zwischen Äule und Aha. helm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“, in dem der Kohlenmunk­Peter sein Herz

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Architektur Garten

gegen einen Stein in der Brust tauscht, um dem Elend eines Schwarzwälder Köhlerle­ bens zu entfliehen. Der Schwarzwald? Er ist zunächst nichts anderes als ein Hirngespinst von Städtern. Eine verkitschte Seelenland­ schaft, eine Projektionsfläche. Er sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht, lästert der Volksmund, wenn einer den Überblick ver­ loren hat. Zwischen Freiburg, Offenburg, Karlsruhe und Rottweil ist es bisweilen anders: Da erkennt man oftmals den einzel­ nen Baum vor lauter Wäldern nicht mehr. Was einfach wundervoll ist, ist man doch im Schwarzwald in den Augenblicken der Einsamkeit ganz bei sich, sieht man plötz­ lich vor einer rauschenden Wand aus Fich­ ten und Tannen stehend sein Leben wie ein ungerahmtes Stillleben vor sich. Denn der Schwarzwald ist vor allem auch: ein Wald. Ein Stück Natur. Eine großartige, wenn­ gleich chronisch gefährdete Kulturland­ schaft, die man am intensivsten zu Fuß erkundet, beim Wandern begreift. Schwarzbraungrün und voller unheim­ licher Schattengebilde ist das, was man da anstarrt, den Kopf im Nacken, denn die Bäume wachsen hier tatsächlich noch in den Himmel. Und je länger man die Flächen,

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Durch die Reduktion der Farben treten in Lena Giovanazzis Fotos die Formen besonders hervor. O. der Ortsrand von Herrenschwand, rechts der Stübenbach unterhalb des Todtnauer Wasserfalls. Re. S.: der Bannwald Wehratal im Südschwarzwald.


Architektur Garten

Linien und Flecken fixiert, desto deut­ licher treten zwischen den aufschießenden Vertikalen Strukturen und Details hervor: glitzernde Täler, morsche Astgabeln, saf­ tig oszillierende Moosteppiche, modriges Totholz, wogende Farnkolonien, Nebel­ schwaden, eine Gischt von fallendem Was­ ser. Verschwunden und vergessen sind Kirschtorten, Kuckucksuhren und Kaffee­ fahrten. Das Auge folgt einer kurvigen Straße, dem steinernen Trampelpfad, sich windenden Auswegen aus dem labyrinthi­ schen Grün. Sie alle führen wohin, manch­ mal zu den lärmenden Menschen, öfter noch ins gefühlte Nichts, ins nächste Holz, zu Lichtungen. Zu blühenden Wiesen oder vereisten Kuppen: besonnte Sehnsuchtsfle­ cken. Im Wald wechseln die Eindrücke wie die Erinnerungen. Man dringt ein in die Tiefe. Und allmählich gewinnt man im Dunkel den notwendigen Überblick. „In den großen Städten kann der Mensch zwar mit Leichtigkeit so allein sein wie kaum irgendwo sonst. Aber er kann dort nie einsam sein. Denn Einsamkeit hat die ureigene Macht, dass sie uns nicht verein­

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zelt, sondern das ganze Dasein loswirft in die weite Nähe des Wesens aller Dinge.“ Diese feine Unterscheidung zwischen dem deprimierenden Alleinsein und einer wo­ möglich befreienden Einsamkeit stammt von Martin Heidegger, dem großen Philo­ sophen und Weltflüchtling. Er lehrte an der Universität Freiburg, hatte eine Affäre mit Hannah Arendt, kokettierte fatal mit der Ideologie der Nazis und brachte am liebs­ ten in der Höhe des südlichen Schwarz­ walds, umgeben von Wäldern und Wiesen, eine Joppe tragend und zipfelmützig, seine wesentlichen Gedanken zu Papier. Im Sommer 1922 hatte seine Frau Elfride den Bau einer bescheidenen Skihütte am Steil­ hang eines weiten Hochtals in Todtnau­ berg beaufsichtigt. Hier oben fühlte sich Heidegger fern von allem fragmentierten Dasein. Heute führt ein nach dem Philoso­ phen benannter Wanderweg an der Hütte vorbei – Erde und Himmel und dazwi­ schen Baumwipfel, die im Wind rascheln: Mehr braucht es nicht zum Glück der Waldeinsamen. Vielleicht ist genau das die­ ser Schwarzwald.

Der Schwarzwald? Ein Hirngespinst der Städter – und eine Seelenlandschaft.

Die Fotos entstehen seit 2018. O. ein Blick aus der Dreiseenbahn durch den Wald auf den Titisee. Dort war auch unser Autor Tomo Mirko Pavlović unterwegs. Gerade hat er im Picus Verlag das Buch „Lesereise Schwarzwald“ (132 S., 15 Euro) veröffentlicht.


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Architektur Kulthaus

Vom Kristall zum Kubus: Lange blieb die Archi­ tekturikone Haus Buch­ thal im Berliner Westend hinter Hecken verborgen. Erbaut wurde sie 1922 für die namensgebende Familie als expressionis­ tischer Kantenbau. Auch wenn die Dachkanten von der Neuen Sachlich­ keit begradigt wurden – hinein geht es seit der jüngsten Sanierung wie­ der durch ein Fünfeck.

Tex t B et tina Schneuer

Zurück zur alten Spitze Zurechtgestutzt von der Neuen Sachlichkeit: wie der expressionistische Bau der Brüder Luckhardt zu alten Kristallkanten fand. Ein Drama in vier Akten.

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A lle Strömungen des 20. Jahrhunderts haben in Berlin Spuren hinterlassen: Monarchie und Industrie, Reaktion, Reform und Avantgarde, Krieg und Teilung. Ein Architekturbeispiel für die These, dass alles neben-, in- und übereinander existiert, findet sich in Berlin-Westend.

Fotos: Ringo Paulusch, Berlin; Akademie der Künste, Berlin, Luckhardt-und-Anker-Archiv, WV 29 F.1, Fotograf unbekannt; Maix Mayer (2)

Er s ter Ak t: D er Kris tall

Man kann sich lebhaft vorstellen, was los war, als vor 97 Jahren die jungen Brüder Hans und Wassili Luckhardt, Mitglieder der radikalen Novembergruppe und Entwurfsneulinge, in der vornehm-gesetzten Villenkolonie Westend eine expressionistische Architekturfantasie verwirklichen durften. Das über 2200 Quadratmeter große, brach liegende Eckgrundstück umstanden lokaltypische Gründerzeit-Zweigeschosser mit steilen Mansarddächern, Türmchen, Giebeln und Gauben, gesprossten Fenstern, Stuck, Bossenputz und Vorgärten im Landhausstil. Und dann, isnditte?, wie in Berlin auch der Großgutbürgerliche zu sagen pflegt: dieser Neubau! Zwei im rechtem Winkel stehende Flügel mit spitzen Enden gingen ab von einem hochragenden, um 45 Grad abgeknickten Mittelbau. Den prägten wuchtige Wandpfeiler, dazwischen ein riesiges Fenster, darüber ein Doppelgiebel mit Zacken und Knicken. Flachdächer über den Etagen, keine Schnörkel, selbst der Springbrunnen eckig, der Rasen gezähnt wie ein Ahornblatt und Rabatten in Pfeilform. Passanten sollen gerätselt haben, ob es sich um eine Kapelle handelt, um einen Firmensitz, beides im Villenviertel verpönt. Nein, es war das neue Wohnhaus einer Familie:

Wie die Kapelle der Zukunft wirkte die Villa, oben ein Blick auf die Front, 1923. Bei der Sanierung wurden rund 50 verschiedene Farbtöne sichtbar. Das Treppenhaus unten links trägt wieder Gelb, Orange und Pistazie. Der Eingang unten re. leuchtet scharfblau.

Thea und Eugen Buchthal, 34 und 44 Jahre alt, die Kinder 14 und 10 plus ein Säugling. 1923 bezogen sie ihren Kristall. Rasante Geometrie auch im Inneren: Kubistische Kapitelle des Bildhauers Oswald Herzog gestalteten das zentrale Musikzimmer mit Diele, von dem aus sich beidseitig die Raumlandschaften erstreckten. Nach links Bäder, drei Kinderzimmer, ein Kleinraum für das „Fräulein“ und in der Flügelspitze die nur wenig üppigeren Schlafräume der Eltern. Zur Gartenterrasse eine Enfilade aus Salon, Esszimmer und Wintergarten in Fünfeckform, zur Straße Küche und Räume der Köchin. Auch die Koloritklaviatur war radikal: „Im Musikzimmer und der Diele sind Decken und Wände leuchtend gelb, an den Pfeilern leicht nach Grün abgestuft, Möbel und Sockel sind tiefgrün, der Fußboden ebenholzschwarz“, schrieb die „Bauwelt“. Dazu kamen starkfarbige Bilder von Feininger, Heckel, Mueller, Nolde und Pechstein, Plastiken von Lehm-

bruck, Garbe und Emy Roeder, denn Buchthal, ein wohlhabender Modeunternehmer, und seine kunstsinnige Frau sammelten passioniert. Vor dieser mondänen Kulisse gab es Feste und Konzerte. Zweiter Ak t: D er Kubus

Sechs Jahre nur währte das Leben im entgrenzten Gebilde aus Ästhetik und Realität. Der Alltag in dieser Polychromie: die ungünstige Raumaufteilung, in der – so später der älteste Sohn Hugo – „die ganzen Nischen, Ecken und Kanten“ für blaue Flecke sorgten. Man entschloss sich umzubauen. Ernst Ludwig Freud (Sohn von Sigmund und Architekt eines Doppelhauses die Straße runter) veränderte Haus Buchthal 1929 rigoros zur Neuen Sachlichkeit. Außen wurden Zackengiebel geglättet; der größte Eingriff war der neue Eingang (zuvor unschön an die Seite gequetscht), der den repräsentativen Mittelplatz des Musikzimmers übernahm. Die Zimmerfolge im


Urs u l a Se eba-Ha n n a n

Das Musikzimmer u. mit seinen kantigen Pfeilern, geschaffen vom Bildhauer Oswald Herzog, galt zur Erbauungszeit 1922 als expressionistischer Vorzeigeraum. An den Ecken und Kanten zogen sich die Kinder allerlei blaue Flecke zu, wie sich der älteste Sohn, Hugo Buchthal, erinnerte. Der Raum wich beim ersten Umbau von Ernst Ludwig Freud dem pompöseren Eingangsbereich li. o.: das Treppenhaus samt Bullauge.

rechten Flügel fasste Freud zu einem Saal zusammen, den Wintergarten verlegte er und ließ dessen Spitze entschärfen. Die jüngeren Kinder bekamen große Zimmer im ausgebauten oberen Geschoss, die Eltern mehr Platz unten. Das schlichte, ja kahle Ergebnis mit seinen nun arg klein wirkenden Fenstern wurde später mit Efeu berankt. Jetzt fiel nichts mehr expressiv auf im Westend. Die Familie konnte nicht lange testen, ob es sich neusachlich besser wohnte: 1933 waren die Buchthals als Juden von Nazi-Repressionen bedroht; sie verkauften ihre Kunstsammlung und auch das Haus. 1938 flohen sie nach London. D rit ter Ak t: D er Klot z

Nach dem Krieg drängten sich hier bis zu 40 Mieter: Flüchtlinge, Studenten, Schauspieler – und der junge Opernsänger Dietrich Fischer-Dieskau. Mitte der 50er war

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der Bariton so erfolgreich, dass er das Haus kaufte und vielfach veränderte. Fast 50 Jahre, bis zu seinem Tod 2012, blieb es in seinem Besitz. Passanten gingen achtlos vorbei; angeschmuddelter PopcornPutz war durch wuchernde Hecken zu erahnen, aber nichts mehr von der alten Biografie – bis 2015. Da wurde es verkauft, und Ursula Seeba-Hannan kam ins Spiel. Sie ist mit ihrer Firma LenzWerk auf Besonderes spezialisiert. V ier ter Ak t: Die Kumulation

Sie fischte Erinnerungsscherben aus Luckhardt- und Freud-Archiven zusammen, legte Schicht um Schicht frei und entriss Historisches dem Vergessen: Der Bauleiter wollte noch vorm Feierabend eine Außenleuchte anbringen, als dabei die alte Verschalung über dem Türsturz aufbrach – Seeba-Hannan fuhr sofort los und

Fotos: Maix Mayer (2); Haus Buchthal, Gebrüder Luckhardt, Moderne Villen und Landhäuser von Heinrich Fries, Wasmuth Verlag 1924 (2)

„Wir haben versucht, drei Bauperioden zu zeigen, statt sie zu übertünchen.“


Architektur Kulthaus entdeckte im Licht ihrer Taschenlampe das perfekt erhaltene Luckhardt-Portal. Mit dem Skalpell brachte der Restaurator innen 50 verschiedene Farben ans Licht; gedimmte Grün- und Gelbtöne aus der expressiven Phase prägen nun wieder die Räume. Einbauschränke von Freud sind aufgearbeitet, die eckigen Regenrinnen der Luckhardts auch, ihre Lichtvouten weitergebaut. 80 maßgefertigte neue Fenster und Fenstertüren in Petrol ersetzen das vorherige Konglomerat, Thermoesche deckt die Böden – die Dielenverlegung nimmt das Deckenraster des Wohnsaals auf. Neuzeitlich sind das lichte Masterbad und ein modernes Blockheizkraftwerk im Keller. Persönliche Akzente setzte der neue Eigentümer: eine Teppich-Reedition von Gertrud Arndt etwa, Luckhardt-Freischwinger fand er auf Ebay, in einer Wiener Fabrik die Mutation von Breuers Stahlclubsessel – was sich alles harmonisch zusammenfügt. So gelang es, eine Accrochage aus Expres„Eine sterile Sandparzelle ohne Vegetation, ohne Charakter“, sei das Grundstück gewesivem, Sachlichkeit und heutiger Moderne sen, notierte der Gartenarchitekt Eryk Pepinski, oben der geschützte Gartenbereich. zu schaffen. Keine Auslöschung, keine Un- Vieles davon, wie die Familie Buchthal hier lebte, wurde freigelegt, allein Fotos des Eheterwerfung, sondern Koexistenz. paars sind nicht mehr zu finden. Doch wie kühn sie gewesen sein müssen, zeigt ihr Haus.

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Panorama

Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

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Glühende Landschaften Wenige Künstler haben die Moderne in Deutschland so stark geprägt wie Marianne von Werefkin und ihr Lebensgefährte Alexej von Jawlensky (o. „Murnauer Landschaft“, 1909) – was in der Rückschau schon deshalb leicht pikant ist, weil beide Russen und damit, um einen Begriff von heute zu bemühen, Migranten waren. Noch erstaunlicher ist, dass sie bisher noch nie als Paar ausgestellt wurden. Das Lenbachhaus in München, das Werefkin und Jawlensky besonders verbunden ist, holt dies nun mit der großen Schau „Lebensmenschen“ im Kunstbau (22.10.–16.2.2020) nach. Eine Gelegenheit, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte. UC lenbachhaus.de

Redak tion Barbara G är tner und Florian Siebeck

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Tex t Oliver Koerner von Gus tor f Por trät Samuel Zeller


Panorama Kunst

Romantik, rational Schütten, schleifen, hängen lassen: Der Maler Markus Amm schafft schwebende Farbwirbel – ganz ohne heroisches Pathos.

Foto: Annik Wetter / Courtesy of David Kordansky Gallery, Los Angeles, CA

S chatten aus Rot, Purpur, Ocker. Ein blau emporschießender Strahl. Die Ecke einer Wand. Formen, die an mikroskopisch kleine Partikel, Haare oder Kristalle denken lassen: Wer auf Markus Amms abstrakte Gemälde schaut, meint, Schemen von Architekturen, Landschaften, organischen Strukturen zu erkennen – wie Nachbilder unter geschlossenen Augenlidern. Das Erstaunliche an dieser Gemäldeserie, an der Amm seit fast einem Jahrzehnt arbeitet, ist ihre Tiefe. Die Bilder öffnen sich trotz ihrer kleinen Formate wie abstrakte, grenzenlose Räume aus Farbe und Licht, in die man eintreten möchte. Sie sind von solcher Strahlkraft, dass schon wenige von ihnen genügen, um große Hallen bespielen zu können, wie 2018 in der David Kordansky Gallery in Los Angeles. Man könnte annehmen, dass Amm, der in Genf arbeitet und unterrichtet, diesen malerischen Raumerfahrungen eine ähnlich erhabene, fast religiöse Dimension beimisst wie die Heroen der Nachkriegsabstraktion, Barnett Newman oder Mark Rothko. Doch weit gefehlt. Er erstickt jeden Anflug von Spiritualität im Keim. „Ich stehe in einer materialistisch-rationalen Tradition“, sagt er. „Es geht nur um Malerei und Wahrnehmung.“ Tatsächlich ist er ein wahrer Materialfreak. Bis zu 30 Schichten Gesso, ein Bindemittel aus Gips und Kreide, sind auf seine auf Holztafeln gespannten Leinwände aufgetragen. Das lässt er trocknen, schleift es ab, streicht es wieder auf, sodass eine Oberfläche entsteht, die feiner und saugfähiger ist als Papier. Dann trägt Amm hauchdünne Farbschichten auf. Er malt weniger, sondern schüttet die mit Pigmenten angerührten und verdünnten Ölfarben aufs Bild. Die sickern in die unteren Schichten ein, verschwimmen oder überlagern sich. Diese Methode wiederholt er wieder und wieder. Bei jedem Schritt beobachtet er, wie die Farbe auf seinen „Boards“ reagiert, sich verändert, bevor er

entscheidet, wie er weitermacht. „Manchmal bleiben meine Arbeiten jahrelang bei mir im Studio, weil ich sie in allen Stadien wieder und wieder betrachte. Ich habe eine ganz extreme Beziehung zu meinen Bildern und weiß genau, was sie in mir auslösen, in welche Zustände sie mich überführen können.“ Die „bescheidenen“ Formate, oft nur so groß wie ein Blatt Papier, der Fokus auf Prozess und Material – all das ist Programm für eine transzendente Malerei, die ohne Pathos auskommt. „Bei den Diskussionen um Farbfeldmalerei geht es oft um Gefühlserhabenheit und den Bezug zur Romantik, Caspar David Friedrich etwa.“ Die großen Gesten spart er sich, auch die spirituelle Aura der Farbfeldheroen wie Mark Rothko oder Barnett Newman. Bevor die Bilder Markus Amms Atelier in Genf (li. Seite) verlassen, lässt er sie lange stehen. „Untitled“ (unten) entließ er erst 2019 in die Welt.

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Panorama Kunst

Amm verweist auf Wanderer, die heroisch erobernd der Natur gegenüberstehen: „Der ganze Erhabenheitsdiskurs ist extrem männlich.“ Als Gegenbild zeigt er auf der Rückseite des Katalogs seiner Ausstellung im Kunsthaus Baselland 2017 eine hockende Frau, die mit dem Rücken zum Betrachter ins Wattenmeer pinkelt – Erdung, eine neue, ambivalente Romantik. Amm war einer der Ersten einer neuen Generation, die Ende der 90er-Jahre die abstrakte Formensprache des Bauhaus, des russischen Konstruktivismus, der Nachkriegsmoderne aufgriff und mit Popkultur, Genderdebatten oder Institutionskritik auflud, eine Art Moderne 2.0. Seine frühen Arbeiten, mit ihren architektonisch anmutenden Rastern und Farbfeldern, waren mit Klebeband, Kugelschreiber, Edding oder Nagellack markiert. Sie verbanden die Japan-Faszination der Bauhaus-Architekten mit der Sensibilität der Eighties WaveKultur. Seine „Gemälde“ begleitete er mit Luminogrammen, für die er Fotopapier in unterschiedlichen Variationen faltete oder mit Objekten wie Kirschzweigen oder

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Klötzen belegte und dann belichtete – während digitale Fotografie gerade das neue Ding wurde. Er erzählt, wie antizyklisch das in einer Szene wirkte, die gerade von neuer Figuration und Neoexpressivität bestimmt war. Doch 2004 kam mit der Ausstellung „Formalismus“ im Hamburger Kunstverein der Durchbruch. Nur einige Jahre später zitierte die gesamte internationale Szene die konstruktivistische Moderne – bis zum Erbrechen. 2014 prägte der Kunstkritiker Walter Robinson den Begriff „Zombie Formalism“ für eine sinnentleerte Abstraktion, die die Ästhetik von Jackson Pollock oder Frank Stella mit neuen Materialien und Techniken für die Loft-Etagen von Hedgefonds-Managern pimpt. Doch da arbeitete Amm schon längst an seinen „Boards“ – auch um dem Hype zu entkommen. „Als ich angefangen habe, an diesen kleinen Ölbildern zu arbeiten, merkte ich, dass die Malerei und das Material selbst viel interessanter sind als diskursive Fragestellungen“, sagt er. Früher habe er mit seiner Malerei hinterfragt, was ein Galerieraum

ist. Heute gehe es ihm in seiner illusionistischen Malerei um die Wahrnehmung des Bildraums. Was dieser Raum ist? „Darauf gibt es keine klare Antwort mehr“, entgegnet er. „Ich lasse das Material für sich sprechen.“ Auch im Rückzug auf Form und Material ist er antizyklisch und bleibt sich treu. „Es geht um Komposition, allerdings geht es auch darum, eine Komposition völlig zu zerlegen“, sagte Amm einmal zu seinen früheren Bildern. Betrachtet man die Seitenränder, diese unzähligen Lagen aus Farbe und Gips, könnte man an archäologische Ausgrabungen oder Erdschichten denken. Tatsächlich sind es Zeugnisse von Zeit, von künstlerischen Entscheidungen, Verwerfungen, Neufindungen, ein Wechselspiel aus Zufall und Kontrolle. Ein alchemistischer Prozess der ständigen Verfeinerung der Malerei. Dieser Prozess ist aber auch völlig immateriell, er setzt sich im Künstler oder dem Betrachter in einer Verfeinerung der Wahrnehmung, der Empfindsamkeit, der Kontemplation fort. In diesen harten, materiellen Zeiten sicher auch eine Art Widerstand.

Fotos: Annik Wetter/Courtesy of David Kordansky Gallery, Los Angeles, CA

Farbarchäologie: „Die Erfahrung von Transzendenz kommt aus dem Material“, findet Markus Amm, der Schicht um Schicht aufträgt. Unter mancher fertigen Arbeit liegen vier weitere Bilder verborgen. Oben links: „Untitled“, 2017, rechts daneben „Untitled“, 2019.


Wer sich heute ein Leinwandformat als Gestaltungsgrundlage aussucht, kommt an der Frage, was die Malerei heutzutage noch leisten kann, wohl nicht vorbei. Markus Amm erforscht mit seiner illusionistischen Malerei den Bildraum. Eine These aus dem Jahr 2017 nannte er „Untitled“ (u.). Er wird vertreten von der Hamburger Galerie Karin Guenther, galerie-karin-guenther.de , und der David Kordansky Gallery in Los Angeles, davidkordanskygallery.com.

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Im Osten was Neues Rot glühend, sanfte Hügel ballen sich zum zartrosa Horizont. Will man nicht sofort dorthin reisen, in dieses fernöstliche Land, das solche Kunst inspiriert? Ja! Aber zunächst kommen die Bilder von den in Korea hochgeschätzten Künstlern Minjung Kim (li. „Red Mountain“, 2017) und Park Seo-Bo nach Neuss in die Langen Foundation. Also: Nichts wie hin! 2 9. 9.–2 3 . 3 . 2 0 2 0, langenfoundation.com

Rokoko rockt Mit Humor, Ironie und aufregenden Kompositionen wurde Giovanni Battista Tiepolo (1696–1770) zum „besten Maler Venedigs“. Der Staatsgalerie Stuttgart gehört die „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ (re., 1762–70), dazu zeigt sie vom 11.10. bis 2.2.2020 rund 100 Papierarbeiten und 25 Gemälde. s taat sgalerie.de

Die Textstelle:

„Man sieht, als würde man aus dem Inneren heraus nach außen schauen wollen und dabei nur gegen eine undurchdringliche Schicht stoßen. Man sieht, als wäre der Blick im Inneren des Körpers eingeschlossen worden. Eine Geiselnahme des Sehens, an die man sich erst im Laufe der Zeit gewöhnt.“ Johann König ist einer der erfolgreichsten Galeristen Deutschlands. Im Buch „Blinder Galerist“ (Ullstein Verlag, 168 Seiten, 24 Euro) beschreibt er zusammen mit dem Autor Daniel Schreiber einen Unfall, der ihn fast vollständig erblinden ließ. Eine überraschende und berührende Lektüre.

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Panorama Kunst

Fotos: © Minjung Kim; © Oscar Murillo, Courtesy Carlos/Ishikawa, London; Nathan Ishar; Jochen Littkemann, © Georg Baselitz, 2019, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, London, Paris, Salzburg; © Sigmar Polke, Courtesy Michael Werner Gallery, New York; Claire Dorn, © Hans Hartung, Courtesy of the Hartung-Bergman Foundation and Perrotin; Staatsgalerie Stuttgart

Bodies that matter Ganz schön breitbeinig, Oscar Murillos Kerle da links. Er bezeichnet sie nur emotionslos als „Human Resources“ (Installationsdetail, 2016). Man kann Menschen kühl kapitalistisch oder poetisierend inszenieren, wie Nick Mauss mit seinem „Traktat über den Schleier“ (oben, 2019). Das Kölner Museum Ludwig bringt in der Gruppenausstellung „Transcorporealities“ sämtliche Kunst-Körperbilder zusammen. 2 1 . 9.–1 9.1 . 2 0 2 0, museum -ludwig.de

Best of BRD

Helden im Ausland

Bis heute ist dieser Meister des Informel (o. T., 1973) wohl der einzige deutsche Künstler, den das französische Publikum für wert erachtet, auch einer der ihren zu sein. Nun zeigt die französische Galerie Perrotin bis 20.10. Hans Hartung in ihrer Dependance in Shanghai.

Frühe Zeichnungen von Sigmar Polke präsentiert Michael Werner ab 18.9. in New York, darunter auch diese eher schematische Darstellung einer „Pferdemücke“ von ca. 1968. In den Arbeiten auf Papier wird der doppelbödige Humor Polkes besonders deutlich.

„Arrivare con cenere“ heißt so viel wie „Mit Asche ankommen“ – und das ist sicher keine ironische Anspielung, denn damit brauchte man diesem Maler noch nie zu kommen. Fast alle Bilder, die Georg Baselitz von 15.9.– 25.1.2020 bei Ropac in Paris ausstellt, sind von 2019.

p errotin.com

michaelwerner.com

ropac.ne t

Redak tion Barbara G är tner

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Panorama Kunst

Eine Frage an … Wenn man das Kunstjahr auf zwei Ausstellungen reduzieren müsste, es wären wohl Raphaela Vogel in Bregenz und Hans Haacke in New York. So unterschiedlich ihre Herangehensweisen, so aktuell sind die Themen.

Thomas D. Trummer Kunsthaus-Direktor

Massimiliano Gioni, Direktor, & Gary Carrion-Murayari, Kurator

Raphaela Vogel ist die jüngste Künstlerin, die das Kunsthaus je bespielt hat. Warum ist sie genau jetzt genau die richtige Künstlerin für eine große Einzelausstellung in Bregenz?

Auf den ersten Blick erstaunt es, dass gerade das New Museum eine große Hans Haacke-Ausstellung zeigt. Lange war er wenig präsent. Was macht ihn heute so aktuell?

Künstlerinnen und Künstler lieben das Kunsthaus Bregenz, viele meinen, es sei das schönste Ausstellungsgebäude der Welt. Raphaela Vogel beschäftigt sich mit Architektur, aber nicht mit der stillen Leere, sondern sie baut Traversen und Gitter, imitiert chinesisches Dekor und nutzt Elemente von ausgedienten Erlebnisparks. Ihre Gebäude sind nicht kompakt, sondern Skelette und Gehäuse, sie sind Metaphern für Ängste, den Körper, die Durchlässigkeit des Ich. Sie stellt Fragen nach dem Selbst, dem Bild, dem Widerstand, dem Frausein. Sie zeigt sich verloren und verlassen oder von Drohnen verfolgt. Ihre Videos sind erstaunlich intim. Es sind Aufnahmen, in denen die Musik die Stimmung trägt, so lehrt sie uns ihr Fürchten.

Hans Haacke hat eine lange Beziehung zum New Museum. Hier war seine letzte US-Museumsshow 1986. Die relative Unsichtbarkeit seiner Arbeiten war genau das, was uns interessiert hat. Wir sehen es als unsere Pflicht, Künstler, die einen großen Beitrag zur Kunstgeschichte geleistet haben, dafür zu wenig gefeiert wurden, auszustellen. Bei Haacke wollen wir zeigen, wie sehr seine bekannten politischen Arbeiten aus den 70ern und 80ern auf seinen unbekannteren, aber enorm vorausschauenden Werken der 60er basieren, die sehr dringende Diskussionen um Technologie und Ökologie vorwegnehmen. Sie wirken extrem zeitgemäß, absolut visionär. Sie sind gleichzeitig prophetisch und drängend relevant.

Raphaela Vogel, 19.10.– 6.1.2020, Bregenz, kunsthaus- bregen z.at

„All Connected“, 24.10.–26.1.2020, New York, newmu seu m .o rg

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Fotos: Miro Kuzmanovic; © Hans Haacke, Courtesy the artist and Paula Cooper Gallery, New York

Raphaela Vogel wurde 1988 geboren, Hans Haacke 1936. Sie schafft (auch mithilfe ihres Hundes, o. li., dem sie manchmal eine Kamera umbindet) bedrohliche, bisweilen archaisch wirkende Installationen. Hans Haacke (o. rechts eine seiner bekanntesten Arbeiten, die Erde-Installation „Der Bevölkerung“ im Reichstag, 2008) thematisierte schon früh die Verflechtung zwischen Museen und Mäzenen. Eine Thema, das dank Nan Goldin und Hito Steyerl nun diskutiert wird.


MEN OF THE YEAR 2019 In diesem Jahr vergibt GQ zum 21. Mal die MEN OF THE YEAR AWARDS an herausragende Persönlichkeiten aus Fashion, Entertainment, Sport und Gesellschaft.

KOMISCHE OPER BERLIN 7. NOVEMBER 2019 GQ MEN OF THE YEAR: Wir feiern Helden. Freiheit. Zukunft. Momente, die bleiben – die Party des Jahres!

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Panorama Bücher

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1 4 Leseprobe Redak tion Oliver Jahn und Florian Siebeck

1 2 Eine Welt in Fetzen Das Kanzleramt in Italien Nach dem Krieg wendet sich Niemand kam Konrad Ade­ Max Ernst der Collage zu. Er nauer so nah wie der Fotograf zerstückelt, zerschneidet, über­ Giuseppe Moro am Comer See, malt – und verarbeitet so seine wo sich Deutschlands erster Kriegsleiden, schreibt Werner Bundeskanzler „grundlegen­ Spies, der Werke von 1918 bis den Problemen“ widmete. Der 1923 in seinem Buch vorstellt. Bildband zeigt das Leben in Ernsts Bilder (o. „Es lebe die Cadenabbia, für Adenauer Ort der Reflexion und Begegnung: Liebe“, 1923) waren das Funda­ „Man ist für sich und hat doch ment für eine neue Kunst­ richtung: den Surrealismus. die Schönheit der Natur.“

3 Ein Lächeln am Abzug Autobahnbau, Zeppelinflug, Olympische Spiele: Dr. Paul Wolff und Alfred Tritschler hielten alles mit der Leica fest. Als bekannteste deutsche Fotografen der 1930er­Jahre beherrschten sie alle Genres, zeigten die Leichtigkeit des Seins und eisenharte Propa­ ganda. Diese Retrospektive gibt einen einordnenden Überblick.

4 Die Ehrenrettung der Zeit 33 Jahre brauchte der Brief­ träger Ferdinand Cheval, bis sein Palast fertig war, gebaut aus Steinen und Muscheln, die er jeden Tag bei der Arbeit fand. Über ihn hat Thomas Girst ein Buch geschrieben – und über andere Dinge, die einfach ihre Zeit brauchen. Er zeigt, wieso es sich lohnt: ein Plädoyer für die Langsamkeit.

C. H . B e ck, 2 24 S ., 2 9, 9 5 Euro.

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Hanser, 2 0 8 S ., 1 7 Euro.

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Hirmer, 1 6 0 S ., 2 9, 9 0 Euro.

Cover- und Innenabbildungen: Max Ernst; C. H. Beck; Hirmer Verlag; © Dr. Paul Wolff & Tritschler, Historisches Bildarchiv, Offenburg; Kehrer Verlag; Carl Hanser Verlag

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JETZT IST ES OFFIZIELL: DIE ZUKUNFT IST AUSGEZEICHNET. Beim Red Dot Award 2019 überzeugte Frankfurter Allgemeine Quarterly in der Kategorie Brands & Communication Design die Jury mit hoher gestalterischer Qualität. Lesen Sie viermal im Jahr ein einzigartiges Magazin mit Inspirationen und Denkanstößen für die Welt von morgen. Am Kiosk oder auf fazquarterly.de


Die Schönheit in den Dingen Ein Paar aus dem Rheinland verfolgt ein erklärtes Ziel: seine Heimatstadt Andernach bekannter machen, mittels eines eigenen kleinen Hotels. Und wer soll das „Purs“ einrichten? Axel Vervoordt!

Haus mit Patina: Das Hotel „Purs“ liegt in einer Bischofskanzlei von 1677, die die Eigentümer um einen Anbau erweiterten (re. Seite). Die Fundstücke aus Axel Vervoordts Sammlung wählten sie bei Besuchen in Antwerpen aus, so auch diesen 250 Jahre alten georgianischen Mahagoni-Sekretär.

Fotos: Michael xxxxxxxxxx Königshofer/Purs

Tex t Florian Sieb e ck


Panorama Reise

E r sei da „vielleicht etwas naiv gewesen“, sagt Rolf Doetsch über den Tag, als er spontan bei Axel Vervoordt anruft und fragt, ob der nicht mal nach Andernach kommen wolle. Doetsch hatte in der Zeitung einen Artikel über das Tribeca Penthouse im „Greenwich Hotel“ gelesen, das Vervoordt für seinen alten Freund Robert De Niro entworfen hatte, und in Andernach hatten der Rheinländer und seine Frau gerade eine alte Bischofskanzlei gekauft. Sie wollten hier gern ein Hotel eröffnen, mit fünf Zimmern und einem kleinen Restaurant. Und Vervoordt könnte es doch einrichten. Doch Axel Vervoordt, erklärt sein Chefdesigner Erik van der Pas am Telefon, richte grundsätzlich keine Hotels ein. Zu unpersönlich. New York sei eine Ausnahme gewesen, ein Freundschaftsdienst, denn für gewöhnlich sind Interiors für Vervoordt immer auch ein Porträt des Auftraggebers. Ob Bill Gates, Sting, Calvin Klein, Kanye West oder der Adel – der flämische Sammler, Kurator und Antiquar geht mit seinen Kunden auf eine ästhetische Reise durch Epochen und Kontinente, akzeptiert keine Carte blanche. Rolf Doetsch schwärmt indes von Rhein, Mosel, Andernach: Grenzpunkt des Römischen Reichs, eine der ältesten Städte des Landes, die Kanzlei fast 350 Jahre alt. Das alles erzählte er am Telefon. Und tatsächlich fährt Erik van der Pas wenig später nach Andernach. „Ich war erstaunt, dass die Bedeutung der Stadt immer noch offenbar wird“, sagt er. „Und man spürt die Leidenschaft, mit der Rolf und Petra Doetsch die Stadt wiederbeleben wollen. Sie interessieren sich wirklich für ihre Geschichte – und dafür, was wir beitragen können.“ Behutsam fangen sie an, das Haus, das seit 1987 schon als Hotel genutzt wird, zu restaurieren. Unter

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Panorama Reise abgehängten Decken finden sie prächtigen Stuck, der zum Ausgangspunkt für eine neue Raumaufteilung wird. Die Substanz war erhalten, aber das Bauwerk marode, sagt Petra Doetsch: „Wir fragten uns: Wird das jemals wieder ein Haus?“ Die flämischen Schieferböden und Dielen, die dann bei der Restaurierung verbaut wurden, sind etwa gleich alt wie das Haus. Sekretäre, Tische, Stühle unterschiedlicher Provenienz wählen Rolf und Petra Doetsch bei Besuchen in Antwerpen aus, Vervoordt und van der Pas komponieren die Fundstücke zu einem Bild aus mehreren Jahrhunderten, Kontinenten und Gesellschaftsschichten: der pyrenäische Hirtentisch, die französische Apotheke, der Sekretär aus der Zeit von George III. Alle werden in ihrem funktionalen, aber ursprünglichen Zustand belassen. „Das hat auch etwas mit Respekt zu tun“, sagt van der Pas. Selbst die alten Möbelstücke wirken zeitgenössisch, sagt Vervoordt, „ihre Entstehung hat halt 200 Jahre gedauert“. Für das Hotel entwirft er außerdem eigene Objekte: scheinbar schwebende Sidetables aus Schiefer und Sessel, denen ein umgedrehter Gobelin übergestülpt wird. Oder Tische, die einmal in New Jersey Highschool-Bänke waren: „Ich behandle alte Materialien wie Diamanten. Ich schneide sie nicht, verändere sie nicht, ich respektiere sie so, wie sie sind.“ Löcher spickt er mit schwarzen Einschlüssen. „Ich kaschiere meine Interventionen nicht. Der Prozess selbst wird zur Kunst.“ Für die Wandarbeiten werden Maler aus Antwerpen engagiert, die Badezimmer in Stuckmarmor ausgestalten; die Cocciopesto-Böden in Bar und Restaurant schleifen Kunsthandwerker aus Frankreich. Neben dem unter Denkmalschutz stehenden Altbau, der weitgehend originalgetreu restauriert wird, entsteht ein Neubau, der heute Restaurant, Bar und sechs weitere Zimmer

Den Tisch im Innenhof des Restaurants oben entwarf Axel Vervoordt aus Massangis, einem französischen Kalkstein. Über der Badewanne in einer der Suiten u., deren Wände gekalkt sind, tanzen Barbaren der venezianischen Künstlerin Ida Barbarigo.

„Wir brauchen Respekt vor dem, was existiert. Das ist eine Frage der Mentalität, nicht der Ästhetik.“ 156

Fotos: Michael Königshofer/Purs

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Alle elf Zimmer und Suiten (o.) im „Purs“ sind unterschiedlich ein­ gerichtet. Die Rahmen aus Wurzel­ und Ebenholz sind mit 330 Jah­ ren etwa so alt wie das Haus, hier über einem englischen Spiel­ tisch von 1740. Die antiken Dielenböden u. stammen aus Belgien.

beherbergt. Die Räume sind im Neubau bewusst heller gehalten, damit der Unterschied erkennbar ist – „aber alle Räume eint eine zeitlose, universale, friedliche Ausstrahlung“, sagt Vervoordt. „Die meisten Hotels heute sollen teuer aussehen, aber nichts kosten“, sagt der Belgier. Eine Vorgabe hat er Herrn und Frau Doetsch deshalb gemacht: Kunst sollte im „Purs“ eine große Rolle spielen. In den Räumen tritt Nachkriegskunst der japanischen Gutai-Gruppe und der Düsseldorfer Zero-Bewegung mit antiken Bauernschränken und Werkbänken in ein Spannungsfeld, das die Grenze zwischen freier Kunst und Handwerk auflöst. „Alles ist anders, aber es bildet eine Einheit, die den Räumen eine kraftvolle Ruhe gibt“, sagt Vervoordt. Ein west-östlicher Diwan im Mittelrheintal. „Alles ist echt, nichts fake. Das macht das ‚Purs‘ so einzigartig“, sagt er, „und das fantastische Essen natürlich.“ Küchenchef Christian Eckhardt hat für das „Purs“ auf Anhieb zwei Sterne erkocht und es zum dritten Spitzenrestaurant in Andernach gemacht: Während der fünfjährigen Bauzeit des Hotels eröffneten die Doetschs en passant das „Yoso“ (ein Stern) und das „Ai Pero“ (ebenfalls ein Stern). Nun kann man von Andernach aus also nicht nur Rhein, Mosel und Ahr oder den größten Kaltwassergeysir der Welt erkunden, sondern auch Italien, Frankreich und Asien. „Wir fühlen uns nicht als Hoteliers“, betont Petra Doetsch, „eher als reiseerfahrene Gäste.“ Sukzessive will das Paar leer stehende Altstadthäuser hinzukaufen, vielleicht noch ein Restaurant eröffnen. „Sie teilen ihre Welt, ihre Leidenschaft für die Kunst, für das Gebäude und für Andernach mit allen, die bereit sind, herzukommen“, sagt van der Pas. Einer der ersten Gäste war Axel Vervoordt, als er auf dem Weg in die Schweizer Berge in Andernach hielt: „Du spürst ihre Liebe für dieses Haus in jedem Raum.“ DZ ab 280 Euro, inkl. Frühstück. Regulärer Hotelbetrieb von Mi. bis So., zwischen So. und Di. kann das „Purs“ – samt Koch – komplett gemietet werden. pur s.co m

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Fotos: Michael Königshofer/Purs

Panorama Reise


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Goldene Zeiten Für Feinschmecker ist die Berliner Torstraße schon lange ein Schlaraffenland. Mit Messing und Marmor ergänzt nun die fast vegetarische „Gärtnerei“ den Reigen der fabelhaften Restaurants. gaer tnerei-b erlin.com

Unter der Sonne Kretas Stille Farben, behutsamer Luxus: Selten sehen Familienhotels so stilvoll aus wie das „Casa Cook“ in Chania, dessen 106 Zimmer (ab 198 Euro) vom Berliner Studio Lambs and Lions entworfen wurden.

Made by Chipperfield Im Hamburger Hotel „Tortue“ lässt sich’s schlafen wie im Buckingham Palace (gleiche Matratzenmarke wie die Queen), genießen wie in Asien (li. im Restaurant „Jin Gui“) und leben wie in Frankreich (Samt, Leder, Laissez-faire – eine Brasserie gibt’s auch). DZ ab 180 Euro, inkl. Frühstück. tor tue.de, de signhotels.com

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Redak tion Florian Siebeck

Fotos: Ana Santl; George Roske; Yuzhu Zheng; Sebastian Schels; Casa Cook; Hagen Sczech; Odyssey Hotel; Wouter van der Sar; Tortue (2)

c asaco ok.com


Panorama Reise Same same but different 317 Jahre hatte das Gasthaus „Waldhorn“ in Kirchheim bei Stuttgart auf dem Buckel, als es 2017 abgerissen wurde. Zu marode. Die Stadt wünschte sich keinen ge­ fälligen Nachbau, sondern ein starkes Vorbild: So blieb beim Entwurf von KO/OK Architektur und Studio Berardi, der nun die alte Lücke füllt, nur die Kubatur dieselbe. s tadthotel-waldhorn.de

Schwarzwalds neue Küche In einem Schwarzwälder Spa, schrieb Mark Twain, „ver­ gessen Sie nach zehn Minuten die Zeit und nach 20 Minuten die Welt“. Das gilt für das „Brenners Park­Hotel & Spa“ nun auch kulinarisch: Im „Fritz&Felix“ serviert Küchenchef Sebastian Mattis stets wechselnde Gerichte wie etwa mit Aprikosen gefüllte Lauchherzen vom Grill. Das passen­ de Ambiente schuf Designer Robert Angell mit edlem Holz und feinem Leder – und einer Prise Schwarzwald. fritz x felix.com

Neue Hotels

Für den großen Auftritt

Im Ballsaal des „Andaz“ in München (DZ ab 300 Euro) ist Platz für 560 Menschen. Die fünfeinhalb Meter hohe, diamant­ förmige Kaleidoskopdecke ist variabel be­ spielbar – und kann auch in den bayri­ schen Nationalfarben erleuchtet werden.

Über zehn Jahre wurde das Schloss Lieser an der Mosel renoviert. Nun ist der Prachtbau von 1887 ein Fünfsternehotel (DZ ab 200 Euro) und bietet Veranstaltungen die geschichtsträchtige Kulisse ei­ nes verwunschenen Märchenschlosses.

Drei riesige schwebende Stahlringe er­ leuchten den Ballsaal des Radisson Collec­ tion Hotels „Tsinandali“ (DZ ab 200 Dol­ lar), das in einem georgischen Weingut aus dem 19. Jahrhundert liegt. Entworfen hat die wagemutige Konstruktion Ingo Maurer.

hyat t .com

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Panorama Reise

Fenster in eine andere Welt: Die Fassade des „Lindley Lindenberg“ (li.) in Frankfurt erinnert an ein Diorama. Die 100 Zimmer (u.) sind zwar klein, Gemeinschaftsbereiche wie die zwei Küchen dafür umso großzügiger.

WG gesucht … Hotel gefunden: Das „Lindley Lindenberg“ in Frankfurt erprobt neue Formen der Gastlichkeit. Tex t Florian Siebeck

as „Lindley Lindenberg“ liegt wie ein Schaukasten im Frankfurter Ostend. So wird gleich offenbar, was sich in dieser Wunderkammer verbirgt: zwei Küchen, Wohnzimmer, Kräutergarten, Weinbar, Sommerterrasse. „Wir sind weder klassisches Hotel noch Wohngemeinschaft, sondern beides“, sagt Denise Omurca, die das dritte Haus der „Lindenberg“-Gruppe führt. Die 100 Hotelzimmer sind zwar von überschaubarer Größe (das Leben findet schließlich draußen statt), haben vom Nötigsten aber nur das Beste: gute Dusche, gutes Bett – und ungewöhnlich hohe Decken, für die die Architekten eigens auf ein weiteres Stockwerk verzichteten. Ein Gussasphaltboden erdet sinnlichere Materialien wie Kupfer, Walnuss und Wiener Geflecht. „Ein fein abgestimmter Dualismus zwischen der Verspieltheit des Art nouveau und der Nüchternheit des Art déco“, sagt Robin Heather, dessen Studio Aberja das Interior mit Vintage-Stücken von Thonet und neuen Entwürfen von E15 gestaltet hat. Da lässt sich’s schon mal länger bleiben. Doppelzimmer ab 89 Euro, Monat ab 1299 Euro. da s-lindenberg.de

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Fotos: Steve Herud

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Leben

in Berlin, Potsdam, München und Frankfurt

Joop’sche Arabeske

Foto: Gregor Hohenberg

Was haben das Porträt von Kehinde Wiley (re.), Cloisonné-Vasen aus dem 19. Jahrhundert und Jean Royères wunderhübsches „Herbier“-Sideboard gemeinsam? Die Blumen? Auch. Denn die gebühren Wolfgang Joop, der diesen Mix zu Hause auf Gut Bornstedt orchestriert hat.

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In der Ruhe liegt

Tex t Barbara G är tner

Fotos Amanda Holmes


Berlin

die Geometrie Jorinde Voigts neues Atelier ist eine betรถrende Botschaft ihrer Kunst: farbsatt, elegant und bis ins kleinste Detail durchdacht.


Und darüber nur noch der Himmel: Zwölf Meter ist die ehemalige Industriehalle hoch. Um das Raumgefühl zu erhalten, haben sich der Architekt Daniel Verhülsdonk und Auftraggeberin Jorinde Voigt entschieden, den Raum mit zwei Häusern abzutrennen und Durchblicke, hier auf die Halle, zu ermöglichen. Links glimmt die Eingangstür. Am Boden liegen Blätter zum Fertigzeichnen bereit.

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„Bauen ist ein schöner Prozess, bei dem eine neue Realität entsteht“, sagt Jorinde Voigt. Und über ihren Archi­ tekten Daniel Verhülsdonk g. o. li.: „Es war auch großartig, ihm bei der Arbeit zuzuschauen. Ich habe gestaunt, wie er das macht, wie er mit den Menschen umgegangen ist.“ Der Waschtisch daneben wurde von der Ber­ liner Betonwerkstatt gefertigt. Die Künstlerin nutzt ihr Atelier auch für Ausstellungen, o. re. zeigt sie den acht­ teiligen Zyklus „Immersive Integral Universal Splash“ (im Bild I bis IV) von 2019. O. li. die Katalogsbibliothek.

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Auf Baumwipfelhöhe – und dahinter die Spree. Das ganze Atelier öffnet sich zur Natur. „Mir war immer klar, dass die Räume nicht weiß sein werden. Es gibt diese kollektive Vereinbarung von Weiß als Neutralität. Mein neutrales Messinstrument war die Natur draußen“, sagt Jorinde Voigt. Die Silikatfarben von Keim verändern sich je nach Lichteinfall. Das Sofa von Bolia wird flankiert von Voigts „Immersive Integral Zenith II“ (re.) und „Zenith I“ (li.) beide 2018. Vorhänge: Jab Anstoetz.


„Räume“ findet Jorinde Voigt, „sind wie ein Blick ins Innere einer Person. Es ist die Matrix, in der man sich bewegt, die einem entspricht.“ Ihr war wichtig, nur natürliche Materialien zu verwenden. Der Innenausbau ist aus Holz, die Oberfläche ein Lehmputz. Das ist gut für Klima und Akustik. Alle Oberflächen haben eine eigene Textur, das Messing der Türen wird nachdunkeln. Jorinde Voigt: „Das ist wie eine andere Uhr. Man merkt: Zeit lässt sich auch anders darstellen.“ Hinten hängt „Immersive Integral II (Predawn)“ von 2018, links: „Immersive Integral Turn, Study V und VI“ von 2019.

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„Ich könnte mich mein ganzes Leben lang nur mit Bäumen beschäftigen“, sagt Voigt. Als Inspiration für die Gestaltung ihres Ateliers erwähnt sie Ge­ wächshäuser. Licht und hell und grün ist es drinnen. Auch draußen heißen Besucher schon am Eingang Pflanzen willkommen. In den Beton­ trögen gedeihen Feigen und Olivenbäume, Pfefferminze und Alokasien. Und hat die Architektur eine Auswirkung auf das Leben und Arbeiten? „Ja“, findet die Künstlerin. „Ich bin hier ruhiger geworden.“


Kunst-Orangerie: Das Muster der Zementfliesen (o. li., von Mosaic del Sur) hat der Architekt entworfen. Es soll das Schattenbild unter einem Baum zeigen und spiegelt alle Farben des Studios. Das Bad oben rechts trägt ein Rosa von Caparol.

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ie Lichter der Großstadt – sie kamen von hier. AEG hat in den Reinbeckhallen Transformatoren produziert, auf Kähne ge­ laden, stadteinwärts geschifft; die Elektri­ fizierung Berlins begann in Oberschöne­ weide. AEG gibt es nicht mehr. Längst elektrisiert ein anderes Licht diese Stadt, die Gegenwartskunst hat Berlin großstadt­ glamourös gemacht – und die Namen, die man in New York oder Beirut mit diesem Berlin verbindet, Olafur Eliasson, Alicja Kwade und Jorinde Voigt, sie stehen nun, bisweilen geheimnisvoll zum Initial ver­ kürzt, auf den dezenten Klingelschildern der Industriehallen an der Spree. Die Kunst wird nicht verschifft, sie nimmt das Flugzeug, Schönefeld, der Flug­ hafen, ist gleich nebenan. „Das war schon ein Standortvorteil“, sagt Jorinde Voigt und

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geht schlüsselscheppernd voran durch ihre neuen Räume, Treppe hinauf, Treppe hi­ nunter. Nicht nur die Kunst muss hinaus in die Welt, auch die Sammler, Kuratoren und Museumsleute reisen zum Künstler – und das Atelier von Jorinde Voigt ist eine betö­ rende Botschaft ihres Werks: farbsatt, ele­ gant und bis ins Detail durchdacht. Man will sofort einziehen. Oder wenigstens ein Stück mitnehmen. Immer schon war das Künstleratelier ein Fetischraum, in unzähligen Reporta­ gen besungen als bekleckster Beweis der (meist männlichen) Künstlerpotenz; ein Interpretationsrahmen, Buchtitel, Songs, der Aschenbecherfüllstand – all die im Vorbeigehen gestohlenen Informationen werden als Zeichen gelesen, sollen ein Werk nahbar machen, den hart arbeitenden Künstler heroisieren. Jorinde Voigts Atelier war mal in Berlin­Mitte und sehr schwarz­ weiß. Ihre Arbeiten damals beeindruckend reduziert. Weißes Blatt, ein, zwei Stift­ farben, fragil wirkende Zeichnungen, No­ tate von Ereignissen, Gleichzeitigkeiten, Pfeilschwärme, die über Blätter fliegen, die Zerbrechlichkeiten des Augenblicks. So ist sie sehr bekannt geworden, Journalisten

schreiben das Wort „Star“ in allen Variatio­ nen: „Popstar“, „Shootingstar“, man könnte auch „Filmstar“ hinzufügen, denn sie wirkt wie eine dieser Actionheldinnen von Luc Besson: anmutig, uniformiert, kantig, klug, sehr eigen, aber immer nett. Fürs Zeich­ nen am Boden wickelt sie sich ein schüt­ zendes Stoffstück ums Handgelenk, wie andere unterm Boxhandschuh. Sie hat die garagenhohen Glastüren weit aufgemacht, draußen schlägt Regen herunter, die Wiese zur Spree ist ein See, die Feuerwehr wird an diesem Nachmittag den Notstand ausrufen, man hört sie in der Ferne alarmieren. Jorinde Voigt ruckelt läs­ sig zwei lange Tische, auf denen ihre unfer­ tigen Zeichnungen unter Plastik liegen, recht wenig vom Regen weg Richtung Raum. Sie lacht auf. Wahnsinnswetter. „Immersion“ heißt eine neue Serie, ent­ standen ist sie seit letztem Februar hier im neuen Atelier, mitten im Baustellentrubel. Dafür taucht Voigt ihre Blätter ins Farbbad, statt Weiß tragen sie ein vergnügtes Pink, ein reifes Birnengelb oder dieses New Yor­ ker Abendhimmelblau. Eine Farbwucht. Dazu appliziert sie Blattgold zu byzantini­ schen Tafelbildern der Abstraktion. Auch


Im Büro o. li. steht Voigts Tischskulptur „About Stability“. Hinten die escherartige Eichentreppe, die alle Räume verbindet. Voigt war es wichtig, einzelne Bereiche bei Veranstaltungen abtrennen zu können – wie o. re. durch ein Gatter, das trotzdem Durchblicke zulässt.

das Studio ist ein Farbbad. Zwölf verschie- sen-Museum in Oldenburg (bis 3.11.), und den Atelierräumen unten. „Wir wollten, dene Töne leuchten an den Innenwänden, für Ende September steht eine Performance dass der ursprüngliche Charakter der alten der Akkord wird von Raum zu Raum in Voigts Kalender: Vor großem Publikum Industriehalle mit seiner Großzügigkeit dunkler, im Untergeschoss von Grün zu wird sie im Menil Drawing Institute in erfahrbar bleibt“, erklärt Verhülsdonk. VorBlau, oben steigert sich ein Lachston ins Houston eine monumentale Wandzeich- ne steigt eine imposante breite Sitztreppe kalte Pink, die Türen glimmen in Messing, nung schaffen. Sie ist jetzt 42 und das aus Eiche zum größten Raum hinab. „Bei der Zementboden und die Decke beruhigen Drawing Institute ein Grafik-Olymp. Veranstaltungen ist sie sofort belegt“, hat er in dunklem Anthrazit. „Das ist meine Ba„Ich verbringe einen Großteil meines Le- beobachtet. „Das ist wie in einem Theater.“ sisfarbe, ich trage sie eigentlich immer, seit bens hier“, sagt Voigt. Sie sitzt in einem der Heute sitzen andere Besucher hier: Wie ich 16 bin. Darin fühle ich mich am nor- kleinen Ateliers. Die Wand ist blau, ihr Aliens warten Voigts Tischskulpturen malsten.“ Weiß, dieses Neutralitätsgebot Blick geht hinaus zum Wasser. Hinter ihr, „About Stability“ auf den Rängen, manche großer Galerieräume, ist für die Künstlerin wie ein sehr tiefes, sehr rechteckiges Regal, klein, andere groß. Jede einzelne auf ihren reine Projektionsfläche. „Warum sollte ich wartet ein Kamin auf kältere Tage. „Dieses gedrechselten Beinen eine Untersuchung mich jetzt nach der Achtzigerjahre-Idee Atelier so zu gestalten, dass ich es schön zum Thema Schwerkraft. Spannung, Stabivom White Cube richten? Das hat mich nie finde, war schon eine sehr bewusste Ent- lität, Gleichgewicht, das sind die Themen interessiert. Das sind Räume, die mich un- scheidung.“ Wo andere Bauherrn ihre eige- der Künstlerin. Sie nähert sich ihnen „wie wohl, verloren fühlen lassen.“ ne Kreativität herausstellen, sagt sie nur: ein Mediziner, der eine Autopsie macht“. Leicht könnte man sich auch hier verlo- „Das hat der Architekt gemacht. Ich bin ex- Vielleicht hat sie deshalb auch ein besonren fühlen: 900 Quadratmeter, zwölf Meter trem daran beteiligt gewesen, aber es ist deres Empfinden für die Stimmigkeit von Deckenhöhe. Und doch, sagt Voigt, komme allein sein Verdienst.“ Der Architekt, das Räumen. „Daniel Verhülsdonks Entwürfen sie sich hier wirklich geborgen vor. „Dieser ist Daniel Verhülsdonk. Zusammen mit sei- liegt eine extreme geometrische GesetzOrt beschützt einen. Er ist eine eigene Welt nem Büroparter Ralf Grubert hat er das mäßigkeit zugrunde. Das zeigt sich als Ruund groß genug, dass man allein sein kann, ganze Areal entwickelt, plante ihr Atelier he und Sicherheit im Raumgefühl.“ Ihre obwohl andere da sind.“ Acht, bisweilen als ein Haus im Haus, wobei: Genau ge- Skulpturen, sagt Voigt, sollen ihren eige14 Menschen gehen ihr hier zur Hand, an nommen sind es zwei Häuser. Hintenrum nen Schwerpunkt finden, sie stehen nicht den Wänden lehnen fertig gerahmte, in führt eine Treppe escherartig hinauf und auf Sockeln, man kann sie so oder so platTransportfolie verpackte Bilder. Manche hinunter, verbindet Büros, Bibliothek, zwei zieren. Sie selbst, so scheint es, hat ihren reisen zur Einzelausstellung ins Horst-Jans- lichte Dachterrassen und eine Küche mit Mittelpunkt einstweilen gefunden.

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Zurückgekommen, um zu bleiben: „Wenn Edwin und ich mal Abstand brauchen, gibt es immer noch den Seepavillon“, amüsiert sich Wolfgang Joop (re. S. vor der Keramikskulptur von Alexandre Noll), „der ist komplett eingerichtet und verglast mit Blick auf die Seerosen und die hineingefallenen Wolken.“

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Potsdam

Das Von Engeln und Affen. Wolfgang Joop ist wieder zurück auf seinem Familiensitz in Bornstedt. „Ich bin dort nicht mehr der süße Wolfi, der so schön zeichnen kann.“ Aber dafür: „ganz ich!“

innere Haare + Make-up: Noriko Takayama

Tex t Simone Herrmann

Produk tion Thomas Skroch

Fotos Gregor Hohenberg

Gut 177


Die Bildnisse von Kehinde Wiley und Njideka Akunyili Crosby nehmen es mit Joops wildem Möbelmix auf, dazu flattert ein Papageien-Quartett aus der Karlsruher Majolika, Alexandre Nolls Art déco-Objekte und Leuchten flirten mit den grazilen Royère-Möbeln, mittendrin thront das doppelte Streifencanapé – ein Entwurf des Hausherrn.

Den Garten, „ein Nutzgarten mit Obstbäumen – und ein Lustgarten, vor allem für unsere Hunde Leni und Lieschen“, hat Edwin Lemberg gestaltet: Die grünen Räume, mit Buchs und Rasenteppichen auf den Wegen („macht doppelt Arbeit beim Mähen, aber es lohnt sich!“) grenzen an den Schlosspark von Sanssouci.


Wolfgang Jo op

„Bornstedt ist Bürde und Geschenk zugleich.“

In der Halle mit schmiedeeiserner Galerie gibt Sonia Delaunays Paravent, ein Wunderwerk der Farben, den Ton vor: Sie scheinen auf den Gemälden der Tiermalerin Norbertine von Bresslern-Roth auf, spielen in den Uhlemeyer-Keramiken und dem Ara aus der Karlsruher Majolika und ploppen auch in den Streifen des mexikanischen Sesselbezugs wieder auf. Skulptur aus Wurzelholz von Alma Allen.

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Im schwarzen Teil des Arbeitszimmers hängen Gemälde des umstrittenen Klinger-Schülers Richard Müller (links, Mädchenakt, 1924, rechts „Der tote Christus“). Ralph Peacocks präraffaelitische Schönheit tanzt hinter dem Royère-Schreibtisch; der türkise Rokokotisch steht auf Goldpfoten, das Daybed entwarf Otto Wagner 1889 in Wien.

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Drei Affen – die Bilder über der blauen Récamière (o.) hat Wolfgang Joop gemalt und in Indien mit Goldstickerei verzieren lassen; über der Tür ein Akt von Richard Müller. Das Bad aus Naturstein, links eine Art déco-Étagère aus Marmor und Eisen mit einer „Silberschüssel für Kram“.

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H ier werden sie mich nur mit den Füßen voraus hinaustragen! Es sind ja nur zwei Schritte von unserer Gartentür bis zum Bornstedter Friedhof.“ Wolfgang Joop lacht, dieses selbstironische Lachen, mit dem er alles sagen kann, Provokantes, gossip, tiefste Einsichten. Eben ist er aus Capri zurückgekommen, von „Heidis Hochzeit“, aber auch von seinen Erinnerungen an die 70er-, 80er-Jahre. Und schon ist er wieder bei Fontane und beim Bornstedter Friedhof, „wo die Hofschranzen Friedrichs des Großen und meine Leute begraben sind“. „Charlotte kommt gleich“, hat er dort zum Grab seines Vaters gesagt, als die Mutter starb. „Jetzt bin ich der Nächste. Bornstedt“, sagt er, „ist der Endpunkt meiner Reise.“ „Links steigt der Springbrunnen auf und glitzert siebenfarbig in der Sonne, rechts liegt ein See im Schilfgürtel und spiegelt das darüber hinziehende weiße Gewölk“, schreibt Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. „Links Sanssouci und die Kunst, rechts Bornstedt und unsere Salatköpfe“, sagt Joop, der gerade seine Biografie bei Rowohlt vorgestellt hat. „Die einzig mögliche Zeit“ heißt sie. Auf dem Cover geht er eine Blumenrabat-


Wolfgang Jo op

„Ob sich die Dinge noch miteinander vertragen, wenn ich kurz aus dem Zimmer gehe?“ China? Nein, der Paravent mit den nackten Männern stammt aus Japan, Ryuki Yamamoto hat „Vermisst“ um 2006 gemalt. Das Patchwork-Sesselchen kleidete Bokja ein. An der Wand eine Leuchte von Jean Royère, auf dem Prouvé-Tisch eine farbige Vase von Walter Bosse und die braune Keramik, „in der Wolfgang seinen Kussmund verewigt hat“.


te entlang, hell gekleidet, so blond und jung. „Edwin hat das Foto Haus, das außen ein wenig an das Gartenhaus von Max Liebergemacht, das muss in den Achtzigern gewesen sein.“ Eins ist er mann erinnert, sogar Palmen stehen davor. Eingewiegt in die grümit der Parklandschaft von Sanssouci, die wie ein romantisches ne Parklandschaft, in einen Garten mit gestutzten Rasenwegen, Gemälde im Nebel versinkt. Wie damals, in dieser wilden Nach- wuchernden Rosen, Buchs, Obstbäumen und Wellenrauschen. Die kriegskindheit auf dem Gut seines Großvaters. „Sanssouci war Seerosen, der Holzsteg, der Badepavillon – eine preußische Idylle, mein Park!“, erzählt er. „Dort war ich der König in meinem eigenen „Berliner Secession um 1898“. Drinnen sieht es anders aus. „Edwin Märchen, ein Kind, das sonst vor Angst stumm war“ und das hier, hat das Vanillegelb und den handgestrichenen blauen Absatz, die zwischen Gartenpavillons und moosigen Bassins, eine Insel ge- Stuckprofile entsorgt, die man in den 90ern so schick fand, diese funden hatte. Schon mit zehn muss er das Paradies verlassen, dem Potsdamer Attitüde, die doch nur Spießigkeit war, und dem Haus Vater hinterher, in den Westen, nach Braunschweig. „Mein größter eine Klarheit zurückgegeben, die mich ans Bauhaus erinnert.“ Besitz in dieser Zeit war eine kleine goldene Rocaille, die mich Schlichtes Weiß in der Halle, ein einfaches Eisengitter für die jedes Mal, wenn ich sie anfasste, nach Bornstedt zurückbrachte.“ Galerie, rechts die Küche, links das Wohnzimmer. Darin versamEin kleines Stück geschnitztes Holz, ein bisschen Blattgold – und melt Joop friderizianisches Rokoko, Art déco und contemporary art doch ein Stück von der Herrlichkeit dieser Kinderzeit. aus L. A. zu einem spektakulären Happening. Ein Paravent steht „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal im Schweinestall lande!“, am Eingang – „Le Corbusier hat ihn entworfen, Perriand hat ihn sagt seine Mutter, als er 1995 für seine Eltern die Stallungen um- gebaut, und Sonia Delaunay hat ihn gemalt“. Was für Farben! „Die baut. Genau dort, wo er heute wieder lebt. Mit seinem Partner Moderne steckt darin, so viel Menschlichkeit“, sagt Joop. Keine Edwin Lemberg, Zaun an Zaun mit seiner Ex-Frau Karin und de- Streifen, ein Bild! „Die Antithese zu unserer visuell vermüllten ren Mann. Seine Tochter Florentine wohnt mit ihrer Familie, den Zeit.“ Mit mexikanischen Folkloredecken hat er Sessel und das drei Enkelkindern, im Haupthaus, auch mit „Frau Jette“, seiner an- große Sofa im Wohnzimmer beziehen lassen. Streifen sind das deren Tochter, sei wieder alles in Butter. Joop ist zurück in diesem Leitmotiv in diesem Haus. Regenbogenstreifen, Barcodes. Sie sind

Wolfgang Jo op

„Ich habe hier keine Dates mit dem Zeitgeist.“


Auf Augenhöhe: das Porträt von Njideka Akunyili Crosby und Kehinde Wileys Bilder, umgeben von den Streifen der Möbel, den Spitzen der Poufs und dem Leoprint der RoyèreLiege. Das friderizianische Rokoko-Ensemble (re. o., um 1720) wird von Jean Kerguennes und Janine Leclercs Appliken beschirmt.

„Der Garten verzeiht nicht, wenn man ihn nicht jeden Tag liebkost. Nach Charlottes Tod hat Edwin das übernommen“, erklärt Joop. Aspirinrosen, Stauden und blühende Sträucher umschmeicheln nun wieder das elegische Engelspaar und den kessen Puttenreigen.

mal grell, mal konziliant, immer leuchtend, manchmal flirrend wie Joop. Schwarz oder weiß sind die Zimmer gestrichen, seltener bipolar: schwarz und weiß. Im ersten Stock: Joops Arbeitszimmer, das Bad und Lembergs Räume, viel französisches Midcentury: Perriand, Prouvé, Jean-Michel Frank, die Keramiken und Holzobjekte von Alexandre Noll, herzstärkend und handschmeichelnd, einige Möbelstücke von Jean Royère, die zum Schönsten gehören, was er je entworfen hat. Ein anmutiges Frühlingslüftchen scheint die Blüten auf sein „Herbier“-Sideboard geweht zu haben. Und wie zartsinnig ist es im Wohnzimmer mit den Bildnissen von Kehinde Wiley kombiniert, dessen Figuren aus ornamental-floralen Hintergründen treten, farbsprühend heraus an die Öffentlichkeit! Endlich. Er habe schon vor Jahren damit begonnen, Wiley zu sammeln, erklärt Joop. Dass der nun Präsident Obama gemalt hat – „umso besser“. Auch Njideka Akunyili Crosby hängt hier. „The Beautiful Ones“ heißt das Bild, auf dem sich die Künstlerin, vor collagiertem Fond, selbst porträtierte. Im braven weißen Kleid, mit Brille. Ist es Zufall, dass die übereinandertapezierten Zeitungsausschnitte von fern wie die Leopardenflecken auf dem Samtbezug der Royère-Liege aussehen? Daneben ein präraffaelitisches Mädchenbild – „das ist Sara Sperling, meine Muse!“, ruft Joop, „Ralph Peacock hat sie gemalt, mit ihrem roten Haar und dem eigensinnigen Gesicht, 100 Jahre bevor sie geboren war, denn wer anders als Sara hätte sich einen Leo so um die Hüfte wickeln können?“ Peacock, Royère, Crosby, Sperling – wie er das alles antippt, schmetterlingsleicht! Leise Stilallianzen sind darin, Gedankenflüge: Historismus, Postkolonialismus, sein eigener Romantizismus. „Ich möchte neue Bilder kreieren, ohne die alten auszusortieren“, sagt der Designer. Aber auch, dass er den Zeitpunkt verpasst habe, „in dem ich identisch mit mir selbst war“. Insgeheim denke er immer, „warum hast du dieses Bild gekauft und nicht selbst gemalt“. Wieder das Joop'sche Lachen. Sein Porträt hängt im Arbeitszimmer, Michael Triegel aus Leipzig hat es gemalt. Mit einem Zwergspitz im Arm schaut Joop aus dem Rahmen. Genau auf das Monumentalbild des umstrittenen Klinger-Schülers Richard Müller:

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Die eisernen Stützsäulen tragen das Schwarz der anderen Raumseite in die helle Küche (Eigenbau, Geräte von Gaggenau), wo BarockPorträts einen Spiegel aus der Bayreuther Eremitage flankieren und skandinavische Fellsessel die Midcentury-Möbel (Marmortisch von Jean-Michel Frank, Sideboard und Hocker: Charlotte Perriand) mit Flokati-Chic kitzeln. Vor dem Eingang (re. u.): Palmen in Kübeln.

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„Christus am Kreuz“, ein verstörendes Bild, irgendwo zwischen Grünewald'schem Expressionismus und Neuer Sachlichkeit. „Ecce homo – das ist der Mensch, nackt in seiner ganzen Erbärmlichkeit.“ Ein Bekenntnis. Nicht nur für Müller, der sich, „aber doch nur bis 1935 und aus Sturheit!“, wirft Joop ein, als Nazi-Parteigänger schuldig machte. Auch für Joop. „Wir haben nichts mehr, wenn wir uns entblößen.“ Nur Engel und Affen könne er malen, nicht die Nacktheit der Menschen. Wilde Tiere, Bären, Panther, Krokodile, Papageien, sind in der Halle – „und hier, ganz dramatisch, eine Wölfin, die ihr Junges aus dem Wasser rettet“ – allesamt Gemälde der österreichischen Künstlerin Norbertine von Bresslern-Roth, eine dynamische, dabei sanfte, beseelte Malerei. Joop hat sie wiederentdeckt, wie vor Jahren die Femme fatale des Art déco, Tamara de Lempicka. Längst hat er seine Sammlung verkauft, alle Bilder, „hätte ich nur eins behalten, der Schmerz wäre zu groß gewesen“. Eine Seelenverwandte, die, mit Diamanten behängt, sagte, sie male nur, „weil ich noch mehr Armbänder will!“ Provokation war immer auch ein Stilmittel für Wolfgang Joop. „Nur dass meine Legende Kunst nicht zugelassen hat“, sagt er. Und lacht. Jetzt ist er also wieder hier, am Anfang. Obwohl es nicht mehr dasselbe sei, natürlich nicht. Eine Weltkarriere liegt dazwischen, Hamburg, New York, Monaco, Joop mit Ausrufezeichen, all die Lizenzen, Jeans und Parfums, 2003 der Neustart mit Wunderkind, seine letzte umjubelte Show, 2017 in Mailand. Und es geht weiter, no pain, no gain: die neue Kollektion für van Laack, ein großes Hotel-Projekt – bald. „Keine Spielerei mehr“, sagt er. „Ich bin nicht mehr der süße Wolfi, der so schön zeichnen kann. Inzwischen habe ich begriffen, dass alles zum großen Puzzle geworden ist, und gelernt, mich mit den Augen der anderen zu sehen.“ Ein 74-Jähriger, der nur 30-Jährige kennt. „Meine alte Sehnsucht nach diesem Ort ist weg, aber ich bin – daheim! Und wer weiß, vielleicht finde ich hier ja meine Unschuld wieder.“ Wolfgang Joop lacht, aber nicht so laut, nachdenklicher, ein wenig verwundert über sich selbst. Affen und Engel. Mit Goldrocaille bestickt, hängen drei seiner Affenporträts im Salon, so altmeisterlich, als habe er bei Richard Müller malen gelernt. „Lachen sie? Oder lachen sie sich tot? Ich weiß es selbst nicht.“ Joops Engel jedenfalls sind im Garten. Ganz nackt, in reinster Selbstvergessenheit.


Die Hokusai-Welle auf dem Hemd von Justin Howlett rollt auch über die Teller (re. Seite) von Tokyo Design Studio. Die Einzimmerwohnung ließ er mit Maßeinbauten strukturieren: Sideboard, Bank und Esstisch bilden eine Einheit. Stühle: Gallotti & Radice – der italienische Klassiker wurde für die Neuauflage mit Samt bezogen.


München

Der Schatzsucher Ein Arbeiterviertel im Münchner Süden, ein schnörkelloses Mietshaus: Genau hier schuf Justin Howlett seine Vision vom Kalifornien der 70er – bevölkert mit Design-Fundstücken von Palm Springs bis Glamrock. Tex t Friederike Weißbach

Produk tion Thomas Skroch

Fotos Elias Hassos

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D

imore meets Vinzenzmurr! Drei Worte, die das absurde Aufeinandertreffen von glamourösem Seventies-Design mit hemdsärmeliger Münchner Vorstadt auf den Punkt bringen – und damit auch das vibrierende Apartment von Justin Howlett. Und doch ist sein Zuhause natürlich viel mehr als nur die Neuinterpretation eines Interiors des Mailänder Designduos; und genau genommen ist die Filiale der Metzgerei-Kette ja auch im Nachbarhaus. Die raffinierte Einzimmerwohnung des Interiordesigners befindet sich im ersten Stock eines unauffälligen Wohngebäudes in München-Sendling, einem Arbeiterviertel der Nachkriegszeit mit bunt gemischter Bewohnerschaft, weit weg vom Glanz der Maximilianstraße und den Hipstern vom Gärtnerplatz. „Ich mag es hier, denn es ist noch so ehrlich und unaufgeregt“, erklärt Howlett. „Als ich hierherzog, sagte ein Freund zu mir: Justin, du bist die fleischgewordene Gentrifizierung.“ Lange war sich

Auf der Terrasse (o. links) warten Ikeas „PS Vågö“ aus rotem Kunststoff auf Gäste. Im Wohnbereich (links) gesellen sich das Vintage-Sofa von De Sede, ein Willy RizzoBartisch und der „Alky Chair“ zur Art déco-Kommode; der Venini-Lüster stammt aus den 60ern. Verspiegelte Einbauten im Flur (o.) täuschen Weite vor, Kindheitserinnerungen inspirierten die Wandvertäfelung hinter dem Bett von Treca (re. S.).


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Münchner Glam! Mit konzis geplanten Einbauten strukturiert Howlett den Grundriss. Der Schlafbereich am Raumende wurde zum Walk-inCloset, die nahtlos eingepasste Küche mit einer Arbeitsplatte aus Marmorterrazzo schließt die Lücke zum Esstisch. Chrom-Armatur: Blanco.


Jus t i n Howle t t

liegt das alles zurzeit in der Luft, man sieht es ja am Erfolg von Dimore. Aber wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich stiltechnisch tatsächlich gerne im Kalifornien der 70er leben.“ Am Anfang allerdings stand ausgerechnet eine Art déco-Kommode. Sie ist die permanente Leihgabe eines Freundes und das einzige Möbelstück, das gleich mit eingezogen war. So wählte Howlett die Wandfarbe stimmig zum Ton des Holzes. Weiß und Grau waren ihm zu langweilig. Das leuchtende Pfirsich-Orange aus dem Farbfächer von Farrow & Ball zum grauen Sichtestrich und dem schweren, maskulinen Ledersofa ergibt den Bruch, der ein Interior für den Halbamerikaner erst spannend macht: „Es darf ruhig ein bisschen sexy sein“, sagt er und grinst. „Ein bisschen Porno geht immer.“ Ein roter Samtvorhang schirmt das Bett ab, darauf liegt eine Pelzdecke, die aus zwei geerbten Nerzmänteln gefertigt wurde. „Die Decke, das Sofa, dazu der Seidenteppich, solche Dinge laden eiGesamtkunstwerk auf 80 Quadrat­ nen Raum auf.“ metern: Die Holzeinbauten, eine tech­ Tatsächlich hat Howlett jedes Stück nische Lichtschiene und rauer Sicht­ akribisch kuratiert, ja manchmal monateestrich bilden die versatile Basis des lang gesucht. Auf Flohmärkten, online, in Raumkonzepts. Erst die Auswahl an Galerien und Trödelläden. Zu jedem Objekt Möbeln und Objekten erweckt den Seventies­Stil zum Leben. Und der kann er eine Geschichte erzählen, von der Farbton „Red Earth“ von Farrow&Ball. Aufregung, als er Willy Rizzos signierten Sofatisch mit eingelassener Bar auf Ebay ersteigerte, obwohl er doch eigentlich nichts Eckiges mehr wollte. Oder über den emotionalen Wert des 100 Jahre alten Peschrank abgetrennt; wo einst die Küche kingseidenteppichs, den seine Eltern ihm war, steht jetzt das Bett. „Das Raumkonzept überlassen haben. „Für die nächsten fünf beruht natürlich auf den Gegebenheiten Weihnachten und Geburtstage zusammen!“ hier“, erklärt Justin Howlett, „aber ich habe Auf seinem Hemd wirbeln japanische wirklich jede Möglichkeit prüfen lassen.“ Wellen, er selbst wirkt ruhig, durchdacht, Struktur schenken dem Raum die Ein- sehr klar. So wie auch seine kleine Wohbauten aus dunkel lackiertem Holz, die nung bei aller Exzentrik eine große Ruhe Howlett zusammen mit Sven Clormann ausstrahlt. Gerade gestaltet er die großzüvon den Apfeldorfer Möbelwerkstätten re- gige Terrasse mit einem hölzernen Podest alisierte. Alles ist aus einem Guss und so und roten Ikea-Sesseln, die in dieser Farbe zurückhaltend, dass auf dieser Basis theo- gar nicht mehr hergestellt werden. „Aber retisch jeder Interior-Stil aufbauen könn- ich musste sie haben! Mir geht es ja nicht te. „Außer vielleicht Shabby Chic“, sagt um den nominellen Wert, sondern um das Howlett und lacht. Nichts könnte ihm fer- Design.“ Insgesamt acht Stück stehen nun nerliegen, war doch von Anfang an klar, dort, denn alles in dieser Wohnung ist auf dass er sich mit der Einrichtung an der bis zu sieben Gäste ausgelegt. Umgeben Bauzeit des Hauses orientieren würde, pas- von kleinen Kiefern und spitzblättrigem send zu seinem Faible für Palm Springs, im japanischem Ahorn, mit Blick auf eine Mix mit einem Hauch Glamrock. „Das hier efeubewachsene Industriehalle plant Howist einfach mein Stil. Ich liebe die postmo- lett schon die nächste Verschönerung: „Das dernen Designs der 70er und 80er, ich lie- Bad muss noch gemacht werden. Das präbe brutalistische Architektur. Natürlich sentiere ich beim nächstes Mal!“

„Ein gutes Interior muss auch sexy sein, ein bisschen Porno geht immer.“

Howlett, der in München und New York Innenarchitektur studiert hat und nun diesen Bereich beim Immobilienentwickler Euroboden leitet, gar nicht sicher, ob er hier bleiben würde. „Sechs Monate hatte ich überhaupt keine Möbel und habe aus Kisten gelebt“, erinnert er sich. Doch ihm gefiel der ruppige 70er Jahre-Charme des Hauses mit den Glasbausteinen im Eingang und den Böden aus Brannenburger Nagelfluh, dem deutschen Terrazzo-Äquivalent aus Flusskieseln. Nach Jahren in pragmatischen Wohngemeinschaften sollte die erste eigene Bleibe mehr bieten, auch wenn es sich um eine Mietwohnung handelte. So fiel für den 31 Jahre jungen Designer mit der Entscheidung zu bleiben auch der Startschuss für den Umbau der schlauchförmigen Wohnung. Die Zustimmung des Vermieters zu jeglichen Maßnahmen hatte sich Howlett gleich in den Vertrag schreiben lassen. „Meine Freunde haben mich zwar für verrückt erklärt, so viel Geld in eine Mietwohnung zu stecken, aber ich sehe es als Investment in die nächsten fünf oder vielleicht auch zehn Jahre, die ich hier wohnen werde. Ich möchte mich zu Hause wohlfühlen.“ Und so befindet sich heute außer dem Bad, das sich aufgrund der Anschlüsse nicht verlegen ließ, nichts mehr an gleicher Stelle: Das dunkle Ende des Wohnraums wurde als zweiseitig begehbarer Kleider-

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Berlin


Stil, Satz & Sieg Bei ihren Interior-Projekten spielen sich Antonius Schimmelbusch die Assoziationen zu wie Bälle. Auch die Charlottenburger Altbauwohnung von Melissa Antonius zeugt von diesem Teamgeist.

Haare + Make-up: Jazz Mang

Tex t Reinhard Krause Produk tion Thomas Skroch Fotos Hiepler, Brunier

Unter Akanthusranken: Cassinas „Maralunga“-Sofa und Osvaldo Borsanis Sessel „P40“ paradieren auf der „Tin Pan Alley“, der Straße der Musikverleger in New York – hier als Teppich von Reuber Henning. Mittelpunkt des Livings ist ein abstraktes Gemälde von Edgar Ehses. Er war der Urgroßvater von Melissa Antonius’ Partner.

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Ein antiker Pelzschrank sorgt für Durchblick in Kleiderfragen. Das Schlafzimmer wurde samt Ikea-Schrankwand in „Hague Blue“ gestrichen, das Bad (o. li., Wanne von Bette) in „Elephant’s Breath“, Küche und Gästezimmer o. re. tragen das wandelbare „Cornforth White“, alle von Farrow & Ball. Sofabezug im Chanel-Look: Gastón y Daniela.


Eine Pendelleuchte von der Abhörstation (West) auf dem Teufelsberg erhellt den Küchenblock – dafür stand der Schreibtisch im Gästezimmer früher in einem DDR-Ministerium. Die Kupferfronten der Schränke sind ein Ebay-Fund. Griffe von Superfront. An der Wand „unser Fischmenü“: japanische Farbholzschnitte, um 1900.

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Mel is s a A nton ius

„Zur Straße ist die Wohnung sehr hell. Manchmal ist man nicht in der Stimmung für so viel Licht.“


Als schreibende Innenarchitektinnen (siehe ihre Kolumne auf ad-magazin.de ) haben Melissa Antonius (vorne) und Lena Schimmelbusch einen präzisen Blick für Details wie für erzählerische Inszenierungen – von Buster + Punchs eleganten Schrankgriffen im Schlafzimmer bis zur Leucht-Montgolfiere unter Fornasetti-Wolken im Flur (li. Seite).

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Raffiniert plissiert: Im Masterbedroom schwebt Hartôs „Carmen“-Leuchte über Inga Sempés Bett „Ruché“ für Ligne Roset. Dazwischen stolziert der „Wohlhabenheitsdarsteller“ von George Grosz einher. Das Gästezimmer (re. S.) ist zugleich Tonstudio. Liege „Lubi“ von Softline, Applike: Sarah Lavoine, Deckenleuchte: Loupiotte Berlin.


A

rchitekturbüros geben sich gern betont spröde Namen wie ttt architekten. Ganz anders dagegen dieses Interior-Duo aus Berlin: Antonius Schimmelbusch klingt, als handele es sich um eine leicht grummelige, aber grundsympathische Figur von Otfried Preußler. Vor dem inneren Auge tauchen sofort Bilder auf, die sich zu einer ganzen Geschichte fügen. Das passt gut, denn Melissa Antonius und Lena Schimmelbusch gehen bei ihren Entwürfen tatsächlich eher erzählerisch vor, nicht abstrakt-analytisch oder mit dem Ziel, eine durchgängige Stilistik zu entwickeln. „Am Anfang eines jeden Projekts stehen nur vage Assoziationen, die wir uns so lange zuspielen, bis sich daraus ein Konzept herauskristallisiert“, sagt Antonius. Und Schimmelbusch retourniert: „An diesem Punkt merken wir, wie stark unsere Arbeitsweise redaktionell geprägt ist.“ Kennengelernt haben sich die beiden als Redakteurinnen von AD. Erst viel später stellte sich heraus, dass sie als Kinder drei Jahre lang in benachbarten Taunusdörfern aufgewachsen sind. 2013 wagten sie sich als Quereinsteiger selbst ins Interior-Fach, doch noch einige Zeit war es ein Seitenwechsel mit angelehnter Hintertür. Seit einem Jahr nun sind die Würfel gefallen: Es gibt ein neues Büro, einen Assistenten und randvolle Arbeitstage. „Wir kennen uns ja schon seit neunzehnhundertund …“, setzt Lena Schimmelbusch an und muss laut lachen. „Quatsch, seit 2008! Aber es fühlt sich an, als würden wir jetzt erst richtig durchstarten.“ Dass die eigenen Wohnungen zu Probebühnen fürs neue Rollenfach würden, lag nahe. Die Charlottenburger Altbauwohnung, um die es hier geht, entdeckten Melissa Antonius und ihr Partner, ein Musikproduzent, vor sieben Jahren: drei große, hohe (aber nicht zu hohe) Räume, dazu zwei kleinere Zimmer; ein enges Trio über Flieder zu Milchweiß wechselt und im Wohnzimmer deutlich aus Toilette, Bad und einer Kammer; ein schmaler Balkon im vier- strahlender wirkt; das Schlafzimmer wiederum ist ganz in ein ten Stock. Und jede Menge Gründerzeitstuck. „Der musste von samtiges, den Herzschlag senkendes Mitternachtsblau getaucht. dicken Farbschichten befreit werden“, erinnert sich Antonius. Der „Gerade vor dem Blau meinten mich alle warnen zu müssen“, beLohn der Mühen: Die vermeintlichen Chrysanthemen an der richtet Melissa Antonius. „Zur Straße hin ist die Wohnung sehr Wohnzimmerdecke stellten sich irgendwann als Akanthusblätter hell, aber manchmal ist man gar nicht in der Stimmung für so viel heraus. „Im Wohn- und im Schlafzimmer haben wir alles in wo- Licht. Ich habe jedenfalls noch keinen Tag bereut, dass wir uns für chenlanger Handarbeit heruntergekratzt. Für die Küche reichte die ,Hague Blue‘ entschieden haben.“ Den Schilderungen ihrer GeEnergie nicht mehr. Die übernahm ein Profiteam mit der chemi- schäftspartner haben Antonius Schimmelbusch entnommen, dass schen Keule. Am Abend war alles fertig – und sah kein bisschen man von ihnen inzwischen nicht mehr als „die von AD“ spricht, schlechter aus als das, was wir mühsam von Hand gemacht hatten.“ sondern als „die mit den Farben“. Wahrlich nicht das schlechteste Die Struktur der Wohnung blieb weitgehend unangetastet. Ein- Alleinstellungsmerkmal für Innenarchitekten. Inwieweit aber handelt es sich hier nun um ein echtes Antonizig die Sanitärräume und die Kammer wurden neu gruppiert in ein gut geschnittenes Bad und ein Gäste-WC. Das Bad bekam ei- us Schimmelbusch-Projekt? Perfekt synchron bricht das Duo in nen Holzsockel, der sommers wie winters auch ohne Fußboden- Heiterkeit aus. „Natürlich habe ich nicht gesagt: ,Lena, entwirf mir heizung für wohltemperierte Füße sorgt. „Seither“, flachst Lena das Schlafzimmer!‘“, betont Antonius. „Und zum Spiel gehört auch, Schimmelbusch, „würde Melissa am liebsten in jedem Projekt dass unsere Partner ein Vetorecht haben, von dem sie auch – ganz Bäder mit Holzpodest unterbringen.“ Als sehr wirkungsvoll er- selten – Gebrauch machen. Trotzdem gibt es hier sehr viel, das wies sich auch die Idee, das „Berliner Zimmer“, das schon von den Lena und ich zusammen entwickelt haben.“ Schimmelbusch erVorbesitzern zur Esszimmer-Küche umfunktioniert wurde, durch gänzt: „Alles ist fließend. Möbel wandern von der einen Wohnung ein inliegendes Fenster vom Salvage-Händler aufzuhellen. Das ein- in die andere und wieder zurück. Ich finde einen Pouf und denke, zige Außenfenster nämlich befindet sich denkbar ungünstig am der passt doch perfekt bei Melissa in den Flur – und umgekehrt.“ hinteren Ende des Raums und geht auf einen Innenhof. Der Indus- Klingt nach einem klassischen Fall von Symbiose. „Stimmt, das trial Look passt umso besser, als der dahinterliegende Raum öfter hören wir öfter“, sagt Schimmelbusch. Erst neulich hat sie ein besonderes Standbild für den „Frame“-Fernseher von Familie Antoals privates Mini-Tonstudio benutzt wird denn als Gästezimmer. Ihre einladende Aura bekommen die Räume vor allem durch nius entdeckt und wollte es am Gerät vorführen. Sie kommt ins die Wahl der Wandfarben. Die Küche trägt „Cornforth White“ von Wohnzimmer, und was ist bereits auf dem Bildschirm installiert? Farrow & Ball, das im Laufe des Tages von einem cremigen Grau Genau jenes Motiv, ausgewählt aus Dutzenden Alternativen.

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Das ist doch –richtig: Charlie Chaplin als großer Diktator. Die Grimassen-Masken begrüßen den Eintretenden. Re. Seite: Die Farben im Büro des Kunsthändlers sind einem Bild von Günther Förg entlehnt. Leuchte: Stefan Wieland, auf dem Tisch von Kuehn Malvezzi steht eine Vase von Ettore Sottsass (Kartell).

Eine Bühne Wird einer, der sich seit 35 Jahren mit Kunst beschäftigt, selbst zum Künstler? Eher nicht. Aber es kann sein, dass er auf ein paar Ideen kommt. Wie Michael Neff, der einem biederen Haus zu einer Paraderolle verhalf.


Tex t Ulrich Clewing Produk tion Thomas Skroch Fotos Ingmar Kur th

fĂźr das Leben

Frankfurt

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Michael Neffs Lieblingsplatz in der Bar oben ist der links auf der Sitzbank – das hat er sich beim Chef von „Peter’s Operncafé Hartauer“ abgeschaut, einer Institution des Wiener Nachtlebens. Da Neff keinen Alkohol trinkt, nehmen er und sein Mann Philipp Pflug hier meist das Frühstück ein. Die Barhocker „Zulu“ sind von Brabbu, wo sie auch mit dem hellblauen Samt bezogen wurden.

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Je nachdem, wie das Licht einfällt, wirkt derselbe Grauton mal gelb, mal bläulich oder fast weiß. „Ich habe mir das Treppenhaus wie eine Bühne vorgestellt, eigentlich ist das ganze Haus eine Fiktion“, sagt Michael Neff, der schon als Kind gern im Theater Stücke wie Eugène Ionescos „Die Stühle“ sah. Die Leuchten sind gusseiserne Straßen- und Hoflampen aus London, Kopenhagen und Berlin.

205


Li. S.: Der Ausbau der obersten Etage stammt noch vom Vorbesitzer, einem ehemaligen Chef der Dresdner Bank. Die schwarzen Wände sind ein Beitrag der aktuellen Eigentümer. Die Leuchten hat Ste­ fan Wieland designt. Die Sessel sind von Ikea, ihr dunkel paspelier­ ter Samtbezug ist neu.

Die Dachterrasse unten ließen Neff und Pflug mit einem Bitumenan­ strich versehen, damit sie sie im Sommer in ein kleines Bassin ver­ wandeln können. Auch die Hochhäuser haben die Hausherren schät­ zen gelernt: „Nachts sehen sie aus wie große Dampfer“, sagt Neff, „besonders bei Nebel.“

Michael Ne f f

„Ich wollte immer ein Townhouse, wie in London oder New York.“

207


Im Schlafzimmer o. li. hängt eine Grisaille von Richard Artschwager aus den 60ern, in deren Mitte der Künstler eine winzige Glühbirne anbrachte. Im (sehr!) grünen Salon oben rechts stehen ein Teewagen von Aldo Tura und ein Vintage-Sessel aus Mailand auf alten Gobelins. „Die Idee habe ich von den Rothschilds, die in ihrem Haus in Paris Teppiche als Tischdecke benutzten – im Raucherzimmer!“ Re. S.: Den Pouf im roten Salon entwarf Neff, die indischen Leuchten erwarb er über 1stdibs. Die Farbe heißt tatsächlich „Theaterrot“.

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Die Stühle im Esszimmer oben sind so alt wie das Haus und entstanden um 1900. Den Tisch ließ Neff nach seinen Entwürfen anfertigen. Die Wandmalerei führte eine Theatermalerin aus, die Inspiration lieferte der Garten der Villa Borghese in Rom. Li. S.: Im grauen Salon stehen rundum Bänke wie im Restaurant „Cecconi’s“ in London, sie sind mit Samt von Christian Fischbacher bezogen. Der Coffeetable ist von Willy Rizzo, das Wandobjekt schuf der amerikanische Künstler Robert Therrien.

211


E

in Klingeln, schon steht er in der Tür. Michael Neff, seit 35 Jahren Kunsthändler und Berater für Unternehmen und private Sammler, holt seine Gäste immer noch gern persönlich ab. Morgen muss er nach Venedig, schließlich gehört er zu den Menschen, die man eher auf Reisen antrifft als zu Hause. Aber jetzt scheint er erst mal alle Zeit der Welt zu haben. Zum Gespräch führt er in die Bar des Hauses. Zuvor sind wir in Farbbäder getaucht, haben Kuriositäten bestaunt und fühlten uns manchmal wie auf einer Theaterbühne. Dazu gibt es Wasser, Himbeeren und Schokolade. Herr Neff, das war ja gerade eine interessante Begrüßung … Sie meinen die vier Masken am Eingang? Die sind toll, nicht? Als Charlie Chaplin im „Großen Diktator“ Hitler parodierte, hatte er sie während der Dreharbeiten am Set, damit er in den Pausen die Mimik üben konnte. Ich habe sie schon seit zehn Jahren. Sie waren

Michael Neff (links) und sein Mann Philipp Pflug in der Bar ganz oben, Pflug ist auch Galerist, er leitet PPC in Frankfurt. Die Küche oben links im Souterrain mit Stahlmöbeln von Arclinea und Wänden in Tiffany-Blau ist so kühl, wie es die Achtzigerjahre immer gern gewesen wären. In der Ankleide o. re. drei Stockwerke darüber hängt eine Leuchte aus den 30ern, Neff kaufte sie vor Jahren auf einem Stuttgarter Flohmarkt. Auch die geniale vergitterte „Tür“ war seine Idee: So wird die Etage offen und durchlässig.

212


Michael N e f f

„Am liebsten hätte ich einmal eine Wohnung, in der alles schwarz ist.“ auch nicht teuer, so um die 1000 Dollar. Damals hat es mich gewundert, dass die Masken niemand aus Chaplins Familie haben wollte. Leider kann ich Ihnen den Namen des Auktionshauses nicht verraten, denn das ist einer meiner Geheimtipps. Das ist aber schade, die Adresse wäre bei den Leserinnen und Lesern von AD sicher in guten Händen … Na schön, es nennt sich Profiles in History, sitzt in Los Angeles und hat immer sehr lustige Angebote. Die großen Filmstudios räumen in jedem halben Jahr den Fundus auf, und vieles davon landet bei Profiles in History. Es werden auch Nachlässe versteigert, und dort kriegen Sie sogar Unterwäsche von Liza Minnelli (lacht). Die Masken waren ja nur der Anfang. Wir sind jetzt einmal durch alle fünf Stockwerke gegangen, haben dabei auf dem Weg einige Überraschungen erlebt, tiefe Farbwelten, Skur­ rilitäten. Was wissen Sie über die Geschichte des Gebäudes? Eine ganze Menge. Wir haben im Stadtarchiv recherchiert, es ist von 1903, und mein Mann und ich sind in diesen knapp 120 Jahren erst die vierten Besitzer, wobei die ersten Eigentümer nur drei Jahre blieben. Dann kam ein Kind, und sie zogen nach Wiesbaden, weil sie fanden, hier sei es jetzt für sie zu klein. Wie viele Quadratmeter hat das Haus? Ungefähr 600. Es ist ein typisches Townhouse, gebaut auf einem relativ schmalen Grundstück, aber mit fünf Etagen, wenn man das Souterrain mitzählt, in dem wir unsere Küche eingerichtet haben. Warum haben Sie die in den Keller verlegt? Weil sie ursprünglich dort war. Es gibt sogar noch den originalen Küchenaufzug. Die Enkelkinder des letzten Besitzers haben damit immer ihre Spielsachen hoch- und runtergeschickt und angeblich manchmal auch die Katze. Aber mal im Ernst, was ich mit dem Umbau erreichen wollte, war, das Haus zu einer Bühne zu machen. Und ich wollte es so weit wie möglich dem Zustand von 1903 annähern. Deshalb haben wir zum Beispiel auch das zweite Bad wieder entfernt, das irgendwann im ersten Stock eingebaut worden war. Nun ist da die Bar, das war Philipps Idee. Ich trinke zwar keinen Alkohol, aber wir frühstücken morgens hier. Wen haben Sie mit Umbau und dem Interior beauftragt? Das haben wir alles selber gemacht – also wir und viele sehr geschickte Handwerkerinnen und Handwerker. Das ist ja kaum zu glauben. Sind das Fähigkeiten, die man sich aneignet, wenn man seit Jahrzehnten Kunsthändler ist? Das weiß ich nicht. Was kann man von der Kunst lernen, wenn man sich ein Haus einrichtet? Das läuft doch meist auf weiße Wände hinaus, und die wollte ich auf keinen Fall. Man sieht bei Ihnen überhaupt relativ wenig Kunst … Ich habe im Moment einfach noch kein Verlangen danach. Obwohl wir schon ein bisschen was hier haben, eine große Pillendose von

Damien Hirst zum Beispiel, ein Objekt von Tobias Rehberger und einen Artschwager hinter dem Vorhang im Schlafzimmer. Stolz bin ich auch auf das Adolph Gottlieb-Deckengemälde im Keller. Sie haben einen Gottlieb im Keller? Das war einer der abs­ trakten Expressionisten der ersten Stunde, zusammen mit Jackson Pollock, Barnett Newman und Mark Rothko … Nun, es stammt natürlich nicht von ihm selber, aber ich finde, es sieht den Bildern ähnlich, auf denen Gottlieb seine persönlichen New Yorker Stadtpläne zeichnete. Darauf markierte er all die Dinge, die ihm an der Stadt missfielen. Das Deckengemälde im Keller hat die gleiche Theatermalerin gemacht, die auch unser Esszimmer ausgemalt hat. Gottlieb war nur der Ideengeber. Welche Spuren hat die Kunst noch im Haus hinterlassen? An der Bar hängt eine der ersten Arbeiten von Cosima von Bonin, die habe ich gekauft, als sie noch ganz jung war. Und das mit der Kunst und den weißen Wänden stimmt auch nicht ganz. Günther Förg hat mir einmal gesagt, dass man kleine Räume ruhig dunkel streichen könne. Das haben wir in meinem Büro dann auch gleich ausprobiert. Und im Raum daneben ist eines von seinen Bleibildern an die Wand kopiert. Das Original hat die Sammlung Prada. Apropos kraftvolle Farben: Eben waren wir im grünen Salon, und der ist wirklich sehr grün … Das Komische ist, ich mag Farben an sich gar nicht besonders. Am liebsten hätte ich einmal eine Wohnung ganz in Schwarz. Ähnlich wie das Treppenhaus? Das ist auch sehr eindrucks­ voll, so grau in grau. Wie aus einer Märchenwelt … Mich haben Leute schon gefragt, ob ich eine Depression habe. Die lassen es nicht an sich heran, dass man die Farbe Grau auch einfach schön finden kann. Es gibt aber auch andere Reaktionen. Eine Frau, die hier mal zu Gast war, sagte mir, dass sie fände, das Treppenhaus wirke wie eine Kathedrale. Das tut es natürlich nicht, aber es hat schon was, speziell wenn Sonnenlicht durch die farbigen Butzenscheiben fällt. Auch die alten Straßenlampen, die wir aufgehängt haben, heben sich vor dem Grau besonders gut ab. Woher stammen die Möbel, die Sie hier haben? Das ist ganz unterschiedlich. Manche haben Philipp und ich nach unseren Entwürfen anfertigen lassen, den Esstisch mit der verspiegelten Platte zum Beispiel oder den Pouf im roten Salon. Die Stühle im Esszimmer habe ich im Dorotheum in Wien ersteigert, die sind aus dem gleichen Jahr, in dem das Haus erbaut wurde, 1903. Und manche Möbel sind von Ikea und wurden nur neu bezogen. Und was ist Ihr Lieblingszimmer im Haus? Hm, vielleicht die Bar? Jetzt im Sommer mag ich auch die Dachterrasse gern. Die können wir nämlich in einen kleinen Pool verwandeln, in dem Philipp und ich abends unsere Füße baden. Das ist im Sommer extrem angenehm.

213


This Is Not Tex t Florian Siebeck Robert Stephan (re. im Eingangsbereich des Hauses) brachte Modern Americana nach München – mit Schaukelstühlen von Carlos Motta („Asturias“, über Galerie Espasso), dem „Meteor“-Tisch von Chista und Outdoorstoffen von Hermès (re. S.). Die Deckenheizstrahler sind vom „Nobu“ in Malibu inspiriert.

München 214

Produk tion Thomas Skroch

Fotos Daniel Schäfer


America

… aber wer sagt schon, dass nicht auch durch München-Harlaching eine Brise kalifornischer Moderne wehen kann? Für eine junge Familie mit Fernweh nach der alten Heimat schlägt Robert Stephan die Brücke über den Atlantik. 215


Der Kopfbau an der Straße überblickt die Lichthöfe des Bunga­ lows (li. S.), die auch das Wohnzimmer erhellen (rechts). Hier stehen sich Vladimir Kagans „Free Form“ und eine Replik von Jean Royères „Ours Polaire“ gegenüber. Kunst und Teppich (von Tai Ping, Seide) aus dem Bestand bestimmten die hel­ le Farbgebung.

Zusammen mit Holz­ rausch wurde die Küche (unten) um­ gesetzt. Den „Slab Table“ aus Nussbaum und die lederbezo­ gene Bank (beide BDDW) nahmen die Eigentümer aus ih­ rem New Yorker Pent­ house mit – eben­ so die Leuchte von Lindsey Adelman. Die vier Stühle li. sind Sammlerobjekte von George Nakashima.

Rober t Steph a n

„Das Besondere an diesem Haus ist, dass sich sein Innerstes, seine Tiefe von außen nicht offenbart.“

217


W enn Robert Stephan über sein Selbstver­ ständnis spricht, dann sagt er, dass der von ihm geschaffene Wohnraum immer ein Up­ grade sein sollte zum bisherigen. Schwierig wird es, wenn der Status quo der Auftrag­ geber ein 1200 Quadratmeter großes Pent­ house in einem der höchsten Türme Man­ hattans ist – und das neue Haus ein tief liegender 70er Jahre­Bungalow am Rande Münchens. Der Bauherr hatte es vor zehn Jahren in einer Zeitschrift entdeckt und gleich gekauft, weil er sich auf lange Sicht mit seiner Familie in Deutschland nieder­ lassen wollte: „Es war ein architektonisch anspruchsvolles Haus, aber bis es unseren Ansprüchen genügte, noch ein langer Weg.“ Im Gebäude mit dem außergewöhnli­ chen Grundriss – gut 14 Meter breit und 60 Meter lang, zwei Innenhöfe, ein Gar­ ten – lebte einst der Salzburger Künstler Hermann Rastorfer. 2007 wurde es vom Architekten Max Brunner radikal überholt: In die einst von Kiefern überwucherten Atrien setzte er Böden aus hellem Sandstein,

218

kleinteilige Fenster tauschte der Architekt durch geschosshohe Glasfronten aus. Als die Familie es 2010 kaufte, machte sie zwar aus einem Schwimmbad ein Büro und aus dem Fotostudio einen Basketballcourt, die stahlglanzweiße Architekten­Ästhetik aber blieb. Der Bauherr lebte in verschiedenen Ländern und hatte kaum Zeit, seiner Frau in München fehlte die Muße, und erst nach seiner Rückkehr nach Deutschland packten sie es an: Das Haus sollte persönlicher wer­ den, lebensbejahender – kalifornischer.

Für das Gästebad o. li. fand Stephan eine zum existierenden Waschtisch aus Naturstein passende Tapete von Hermès. Bett und Kunst besaßen die Homeowner schon, Stephan ergänzte im Schlafzimmer oben eine holzverkleidete Decke von Holzrausch und einen Nachttisch von BDDW.


Vom Wohnzimmer aus (li. Seite u.) wirkt das Haus besonders offen und großzügig. Die Bronzetische sind Sonderanferti­ gungen des New Yorker Künstlers Silas Seandel, der als ein­ ziger Modern Ame­ ricana­Designer noch heute entwirft. Steh­ leuchte: BDDW.

Früher war hier ein Fotostudio unterge­ bracht, dann diente der Raum als petrol­ farbener Basketball­ platz. „Wir fühlten uns wie im Aquari­ um“, so der Bauherr. Robert Stephan ver­ wandelte den Ort in einen Hobbyraum, grafische Muster er­ innern an Gio Ponti.


Exotischer Zaungast: Im Innenhof neben der Küche reckt eine Giraffe von Benedetta Mori Ubaldini ihren Kopf in die Luft. Die Arbeiten, die die Mailänder Künstlerin aus Kaninchendraht fertigt, sind über die Galerie von Rossana Orlandi erhältlich. Robert Stephan hat sie schon in früheren Projekten eingesetzt.


In der Fernsehlounge oben schaut ein Porträt von Alex Katz über den „DC1601D“-Beistelltisch aus Holz, Marmor und Messing (Vincenzo De Cotiis für Carpenters Workshop Gallery). Grastapete: „Manila Hemp“ von Phillip Jeffries. Raumhohe Fenster öffnen die Kinderzimmer o. re. zum hellen Atrium.

Es ist Heiligabend, als die Bauherren Ro­ bert Stephan zum ersten Mal treffen. Der Interiordesigner – ganz Münchner, halb Amerikaner – war ihnen von Freunden empfohlen worden und beim ersten Besuch sehr überrascht: „Das Besondere am Haus ist, dass man von außen gar nicht wahr­ nimmt, was sich im Inneren verbirgt“, sagt Stephan. In der Tat versteckt sich der Bun­ galow am Hang hinter einem kleinen Ein­ familienhaus in Harlaching. Vom Eingangs­ bereich aus führt eine Treppe hinunter zur eigentlichen Wohnung: Früher fiel man mit einer weißen Stahltür ins Haus und stand gleich im Wohnzimmer. „Es fehlte die Sinn­ lichkeit in diesen Räumen“, findet Stephan, der das Entree in die nahe gelegene Küche verlegte, Wände und Fronten holzvertäfeln ließ und so die Tür kaum noch sichtbar in der Wand verschwinden lässt. Die Küchenmöbel brachten die Bauher­ ren aus ihrem Penthouse mit, viele andere

Stücke entdecken sie auf gemeinsamen eine transatlantische Brücke: Ihr Stamm­ Streifzügen in New York, über Messen wie platz ist der Kagan, seiner der Royère. Collective und Tefaf, durch Galerien und Vom Wohnzimmer aus führt eine lan­ Showrooms. „Es ist ein iterativer und edu­ ge Sichtachse bis ins Büro und den hinte­ kativer Prozess“, sagt Stephan. Jeder Raum, ren Garten. Entlang der zwei Atrien liegen jede Wand, jedes Objekt wird diskutiert. die Kinderzimmer und das Schlafzimmer „Es ist schließlich ihr Haus, nicht meins.“ der Eltern. Dessen Decke führt in eine au­ Stephan führte die Bauherren auch ins ßen liegende Lounge weiter, die im Som­ New Yorker Atelier seines alten Freundes mer als geschütztes Open­Air­Wohnzim­ Silas Seandel, der als einziger Vertreter des mer dient. Überall offenbart sich der Bezug Modern Americana noch heute produziert. ins Freie. Die Grünflächen wurden mithil­ Eigens für das Haus in München schuf fe des Landschaftsarchitekten Alexander Seandel Coffeetables aus Bronze und Holz­ Koch entrümpelt. Er machte den Garten kohlestein. Andere Objekte, wie einen li­ hinter dem Haus jetzt mit Stufen aus Sand­ mitierten Tisch von Vincenzo De Cotiis, stein zugänglich. Daran schließt sich eine entdeckte der Hausherr auf der Tefaf in Sitzlounge samt kleiner Sauna an. Es ist ein einzigartiges Haus, das so of­ New York, als eigentlich schon alle Möbel gekauft waren. „Meine Frau schüttelte nur fen und doch so geschützt ist, so niedrig den Kopf“, sagt er, „aber als wir einzogen, und doch so hoch, so deutsch und un­ stand der Tisch mit einer roten Schleife da.“ deutsch zugleich. Ein Haus, das trotz zwei­ Für das Wohnzimmer entscheiden sich einhalb Metern Deckenhöhe nicht beengt die Bauherren für Vladimir Kagans Sofa wirkt, sondern mit jedem Schritt immer „Free Form“ (Galerie Sommerlath, neu be­ weiter und großzügiger zu werden scheint zogen in einem Bouclé von Pierre Frey) (wer bis zum Ende läuft, stößt im Keller und den „Ours Polaire“ von Jean Royère, sogar auf eine gigantische Turnhalle). Ein den sie von der Galerie Glustin originalge­ Hauch Modern Americana in Harlaching: treu nachbilden ließen. „Wir haben ge­ „Natürlich liegt unser Haus nicht am Pazi­ schaut: Welche Designer haben sich in der fik, hat niedrige Decken und steckt voller Vergangenheit schon bewiesen?“, sagt Ro­ Kompromisse“, sagt der Bauherr, „aber die bert Stephan. Wo früher asketische Leere Offenheit, die es ausstrahlt, gerade auch herrschte (das Wohnzimmer wurde prak­ für die Kinder, die hier überall mittendrin tisch nie genutzt), schlägt das Paar heute sind – das gefällt uns wahnsinnig gut.“ Rober t Steph a n

„Wir haben nach Designern gesucht, die sich nicht erst noch beweisen müssen.“ 221


AD Summaries

Berlin (p. 166)

Munich (p. 188)

Bold, elegant, and beautifully

Justin Howlett brings a cool seventies

conceived: Jorinde Voigt’s riverside

vibe to his resolutely untrendy home.

HQ is a glorious echo of her art.

Part of an old factory complex in Oberschöneweide, artist Jorinde Voigt's new studio is, like her latest art works, awash with color. The internal walls are bathed in a dozen different hues – from green to blue to salmon to pink – and punctuated by shimmering brass doors, while anthracite floors and ceilings provide a calming counterweight. No neutral “white cube” spaces for Voigt: “They make me feel lost and uncomfortable.” That she never feels that way here, despite the 900 sq m floor area and 12-meterhigh ceiling, is thanks not least to architect Daniel Verhülsdonk, who inserted a pair of “houses” into the existing structure, a solution that retained the expansive factory feel while also creating more intimate spaces (besides ateliers, they include offices, a library, and a pair of roof terraces). “I spend a large part of my life in this place,” says Voigt, “so I very much wanted it to have interiors I would find attractive.”

Potsdam (p. 176) Back to his roots: Wolfgang Joop returns to Bornstedt and his family’s estate.

hall,” says Schimmelbusch, “or vice versa.” With that kind of mutual understanding, it's no wonder they make such a great team.

“For the first six months, I had no furniture and was living out of boxes,” interior de- Frankfurt (p. 202) signer Justin Howlett recalls. The 31-year- At this art dealer’s abode, it’s the walls old had been unsure whether to make the themselves that catch the eye. move permanent, but he liked the block’s On the face of it, Michael Neff’s home is a rough seventies charm, as well as its down- typical turn-of-the-century townhouse – to-earth surroundings, and so set about tall, narrow, with a newly reinstated baseadapting his studio apartment to his tastes. ment kitchen (complete with period dumbThe result was a radical remodeling of the waiter). Its decors, designed entirely by elongated space: the darker end was turned Neff and his partner, could hardly be furinto a walk-in closet, the kitchen relocated, ther from the norm however. There’s a and a curtained-off bedroom area created bright green room, a red room, a blackwhere the old units had stood. walled attic. The dining room boasts Villa Bespoke fixtures in dark lacquered Borghese-inspired garden murals. And the wood, developed with Sven Clormann of staircase is an all-gray affair illuminated Apfeldorfer Möbelwerkstätten, lend addi- by antique lanterns and colored-glass wintional structure and provide an of-a-piece dows. “We definitely did not want white look, while the contrasting orange peach of walls,” he says. Despite Neff's 35 years in the trade, artthe walls takes its cue from a wooden art deco chest – the one piece Howlett had works are few and far between, though a from the start. That apart, the furnishings Tobias Rehberger sculpture and a Richard were inspired by the 1970s architecture – Artschwager grisaille are among those the sofa is a black leather number by De that did make the cut. The stripy office, on Sede, the cocktail table with bar compart- the other hand, is a colorful tribute to a ment is by Willy Rizzo, and the red velvet piece by Günther Förg. fabrics add an extra touch of glam.

Berlin (p. 194)

Munich (p. 214)

A unique bungalow gains a makeover inspired by American modernism.

As a young boy, he roamed freely in these Duo Antonius Schimmelbusch tackle gardens, adjacent to Sanssouci. Now fash- every interior as a team – even their own. “The thing about this house is that the oution legend Wolfgang Joop has come full As former journalists, it’s perhaps no sur- side gives you no hint of what lies within,” circle, having moved into a converted out- prise to learn that Melissa Antonius and says Robert Stephan, who was tasked with building on what was his grandfather’s Lena Schimmelbusch favor a narrative-led giving the place a more Californian vibe estate. From the outside, it’s a classic Prus- approach to devising interiors. Equally un- (the client previously lived in the U. S.). Built sian idyll – Italianate architecture, park- surprising is that the pair, who met while on a slope in Harlaching, it lies hidden belike grounds, lily-covered lake – but the working at this magazine and began de- hind another home, its front door opening interiors tell a different story. Here, mono- signing together in 2013, should test out onto steps down to the actual entrance. This chrome backdrops set an almost Bauhaus- ideas in their own homes. Here, the test bed the interior designer relocated from the ian tone, French mid-century furniture in question is the Charlottenburg apart- living room to the kitchen, enlivening the flirts with art deco pieces, and bold stripes ment Antonius shares with her partner, a former with a transatlantic ensemble of dance across everything from the twin prewar property whose ornate cornices Vladimir Kagan sofa, reproduction Jean Joop-designed sofas to the entrance hall's have now been freed from their previous Royère “Ours Polaire”, and bronze tables by modernist screen, a piece devised by Le coating of thick paint. Elsewhere, paint Modern Americana designer Silas Seandel. From here, the bungalow, which is some Corbusier and painted by Sonia Delaunay. played a more positive role, helping to creArt, too, plays a prominent role: animal ate an inviting ambience – Farrow & Ball’s 14 meters wide and 60 meters long, seems paintings by Norbertine von Bresslern- “Cornforth White” lends a creamy gray tinge to open out as it stretches away from the Roth line the hall, Richard Müller's dis- to living room and kitchen, for instance, street. Twin courtyards thus flank the bedturbing dead Christ adorns the study, and while the bedroom walls and wardrobe are rooms, interspersed with a covered outdoor contemporary works by Kehinde Wiley bathed in a soothing midnight blue. lounge and an office converted from a When it comes to furnishings, there's a swimming pool. In the basement, meanand Njideka Akunyili Crosby leap out from the living room walls. There’s even a free flow between their respective apart- while, a one-time photography studio has trio of his own chimpanzee portraits, em- ments; sometimes they'll even find new been turned into a rumpus room for the broidered with Indian goldwork. “Apes pieces for each other's homes. “I’ll see a pouf kids, complete with basketball hoop and and angels,” says Joop, “are all I can paint.” and think, that would be great for Melissa’s Gio Ponti-esque wall graphics.

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S. 221: Alex Katz, Gemälde

S. 148: Minjung Kim, Gemälde S. 149: Hans Hartung, Gemälde S. 149: Sigmar Polke, Zeichnung

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S. 32: Le Corbusier, Chaiselongue, Sofa, Sessel S. 179: Le Corbusier, Paravent © The Estate of Sigmar Polke, Cologne/ VG Bild­Kunst, Bonn 2019

S. 177: Alexandre Noll, Skulpturen

S. 148: Sigmar Polke, Zeichnung

S. 178: Alexandre Noll, Leuchte, Objekte S. 178: Jean Emile Victor Prouvé, Tisch S. 180: Richard Müller, Gemälde

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S. 181: Jean Royère, Schreibtisch

S. 200: George Grosz, Lithografie

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Tom Hanks liebt Typen mit Charakter – nicht nur vor der Kamera: Dutzende VintageSchreibmaschinen hat der Schauspieler seit den späten 70er-Jahren gesammelt. Sie füllen sein Büro, sein Haus und sogar den Kofferraum seines Autos. Und sind täglich im Einsatz, denn statt schnöder E-Mails verschickt Hanks gern analog Getipptes. Besonders begeistert ihn der satte Sound der mechanischen typewriters, Olivettis Design-Ikonen etwa erinnern ihn im Anschlag an Kugeln aus James Bonds schallgedämpfter Walther PPK. Computertastaturen sind da chancenlos: Sie klingen, „als ob man Socken strickt“. KJ

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W W W. M E I S S E N . C O M


Inhalt

Architectural Digest. Stil, Design, Kunst & Architektur erscheint in der Condé Nast Germany GmbH Oskar-von-Miller-Ring 20, 80333 München Telefon 089 38104-0 mail@condenast.de, www.condenast.de ad@admagazin.de, www.admagazin.de Chefredakteur Oliver Jahn Verantwortlich für den redaktionellen Inhalt Redaktion Stv. Chefredakteur & Style Director Dr. Simone Herrmann Leitung Sally Fuls, Andreas Kühnlein Art Director Inka Baron Managing Editor Eike Schrimm Interior / Küche / Bad Karin Jaeger Stil Mona Bergers, Nina Luisa Vesic, Friederike Weißbach Bildredaktion Thomas Skroch (Ltg.), Isa Lim, Samantha Taruvinga Art Department Viviana Tapia (Stv. Art Director), Anastasia Novikova (Trainee) Assistenz der Chefredaktion Johanna Hänsch Mitarbeiter dieser Ausgabe Sophie Fent, Reinhard Krause, Sophia Lierl Autor dieser Ausgabe Larissa Beham Illustratoren dieser Ausgabe Benedikt Rugar, Jan Steins

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Büro Mailand Anna Riva, Paola Dörpinghaus Tel. +39 02 29000718, p.dorpinghaus@condenast.it Büro New York Christina Schuhbeck Tel. +1 212 2866856, christina_schuhbeck@condenast.com Schlussredaktion / Dokumentation Lektornet Syndication syndication@condenast.de

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Redaktion admagazin.de Andreas Kühnlein (Ltg.), Valerie Präkelt (Feature & Social Media Ltg.), Clara Westhoff (Trainee)

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Best of Cras

Nach uns die Schundflut?

AD veranstaltet die erste eigene Ausstellung: House of Crafts. Welche Manufakturen Sie in Berlin erwarten, zeigen wir in unserer Vorschau.

Zwischen Krise und Aufbruch: Wer die Zukunft des Handwerks sicherstellen will, muss sich auch über Geld Gedanken machen. 30

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Vom Aussterben bedroht Pssst, weitersagen: In vielen Bereichen der angewandten Kunst wird Nachwuchs dringend gesucht. Wir zeigen acht beispielhafte Wege ins Handwerk.

Publisher André Pollmann Anzeigen / Vermarktung Sales Christina Linder, Head of Sales christina.linder@condenast.de, Tel. -430 Christine Weinsheimer, Head of Digital Sales christine.weinsheimer@condenast.de, Tel. -466 Brand Advertising Andrea Latten, Brand Director Vogue & AD andrea.latten@condenast.de, Tel. -276 (verantwortlich für Anzeigen) Marketing Angela Reipschläger, Head of Marketing angela.reipschlaeger@condenast.de, Tel. -793 Ingrid Hedley, Marketing Director ingrid.hedley@condenast.de, Tel. -142 Kathrin Ölscher, Marketing Director kathrin.oelscher@condenast.de, Tel. -746 Creative Studio Carsten Schilkowski, Head of Creative Studio carsten.schilkowski@condenast.de, Tel. -365 Advertising Operations Katharina Schumm, Head of Revenue Management, Ad & Marketing Service katharina.schumm@condenast.de, Tel. -135 Vertrieb Alima Longatti, Head of Direct Marketing & CRM alima.longatti@condenast.de, Tel. -301 Einzelverkauf MZV GmbH & Co. KG, Karsten Reißner (Bereichsleitung) Herstellung Leitung Lars Reinecke, Director Production Digitale Vorstufe / Druck Mohn Media, Mohndruck GmbH Carl-Bertelsmann-Straße 161 m, 33311 Gütersloh Unternehmenskommunikation / PR Henrike Zock, Director Corporate Communications presse@condenast.de, Tel. -413 Finanzen Roland Riedesser, Finanzdirektor

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Internationales Impressum

Geschäftsführerin und Herausgeberin Jessica Peppel-Schulz

Cover: Benedikt Rugar; Fotos: Gerhardt Kellermann; Nathalie Mohadjer; Illustration: Jan Steins

Editorial


Editorial

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Handwerk hat goldenen Boden

Foto: René Fietzek

… und den gilt es für die Zukunft zu sichern!

or genau einem Jahr erschien unsere erste Beilage, die sich ganz dem Handwerk widmete. Inmitten unserer von Digitalisierung und Automation geprägten Welt mehren sich die Anzeichen für eine feine, aber durchaus resolute Tendenz zurück zum Objekt, das von Menschenhand erschaffen wird. Den Akteuren dieser Bewegung wollten wir ein Forum geben – ungeachtet dessen, ob es sich dabei um eine Manufaktur mit jahrhundertealter Tradition handelt oder einen virtuosen Selfmade-Löffelschnitzer. Wie es der Zufall wollte, startete fast zeitgleich in einem ehemaligen Kloster auf der venezianischen Insel San Giorgio Maggiore eine Superschau des europäischen Kunsthandwerks, die das Zeug zum designhistorischen Initialmoment besitzt. Die Homo Faber war Handwerksmesse, Kunstausstellung und Leistungsschau europäischer Manufakturen in einem und sollte die Besucher (es kamen 62 500 in zwei Wochen) davon überzeugen, dass es höchste Zeit ist, das kulturelle Erbe des fatto a mano anzunehmen, zu erhalten und in die Zukunft zu führen. Eine überzeugendere Rückversicherung für unseren eigenen Weg lässt sich gar nicht denken. Das Großereignis soll 2020 eine Neuauflage erleben und könnte, so ist zu hoffen, eine eigene Biennale-Tradition begründen. In den Händen halten Sie nun unser zweites Handwerks-Special, diesmal unter dem Titel „House of Crafts“. Das Motto ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn das Heft begleitet die gleichnamige erste eigene Ausstellung von AD, die vom 13. bis 15. September im Magazin der einstigen Heeresbäckerei in Berlin-Kreuzberg stattfindet. Auf 640 Quadratmetern präsentieren wir einen Querschnitt der besten europäischen Werkstätten und Manufakturen. Es wird 15 Ausstellungsflächen geben, auf denen Sie zum Teil selbst Zeuge werden können, welch immense Kunstfertigkeiten in unseren Händen schlummern, aber auch eine Schau mit handverlesenen Objekten – einen ersten Eindruck vermitteln Ihnen die folgenden Seiten. Bei House of Crafts geht es nicht um puren Luxus, sondern darum, ein Bewusstsein zu schaffen für die gesellschaftliche Relevanz, die Schönheit und Vielgestaltigkeit des Handwerks. Nicht zuletzt richtet sich unsere Ausstellung, wie auch dieses Heft, an ein junges Publikum, das wir einladen möchten, sich ein Bild von den Möglichkeiten zu machen, die sich im Handwerk auftun. Vielleicht wird aus Faszination ja eine Passion oder am Ende gar ein Beruf?! Wir sehen uns in Berlin.

Oliver Jahn

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Best of Crafts

… spricht die Sprache des Holzes. In seiner Freiburger Werkstatt schnitzt, schleift und ölt der Handwerker am liebsten englische Windsor Chairs und -Hocker, und das komplett ohne elektrische Hilfsmittel. „So ist man näher am Holz, man fühlt die Maserung richtig.“ Die Werkzeugspuren gehören zur Seele des Objekts und deswegen auch: zu seiner Gestalt. fabianfischerhandcraf ts.com

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Fotos: Felix Groteloh; Janine Graubaum; Reuber Henning; Agapecasa

Fabian Fischer


Best of Crafts

Reuber Henning Ihre Teppiche (hier: Wollseidenmix „Blue Note“) entwerfen Franziska Reuber und Birgit Krah in Berlin-Schöneberg, gewebt werden sie – und zwar zertifiziert fair – von Hand in Nepal. reub erhenning.de

Milena Kling Mundgeblasenes Kristallglas verschmilzt mit hauch­ zarten Kupfernetzen, die so eine nahezu poröse Ober­ flächenstruktur auf Klings „Raw“­Vasen hinterlassen. milenakling.com

Tex t Sally Fuls

Best of Crafts

Auf unserer ersten Ausstellung zeigen wir Handwerk in schönster Gestalt. Eine Auswahl. Agapecasa Angelo Mangiarottis Bronze­ vasen werden im Wachsaus­ schmelzverfahren hergestellt: Ein Wachsoriginal definiert ei­ ne Negativform, die dann mit flüssigem Metall gefüllt wird. agap e c as a.it

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Best of Cras

Lison de Caunes

Gesa Hansen Der Werkstoff wurde ihr förmlich in die Wiege (Großvaters Holzspielzeug!) gelegt. Die „Ropes Bench“ für Skagerak ist aus Eiche, auch wenn sie Taue trefflich imitiert.

Strohmarketerie geht aufs 17. Jahrhundert zurück, auf Lison de Caunes’ Screen „Duo“ wirkt die Einlegearbeit ultramodern. lisondecaunes.com

Marcin Rusak … beendete eine 100 Jahre alte Familientradition: Blumenzüchter mochte er nicht werden. Dennoch verrät das Werk des Wahl-Londoners seinen souveränen Umgang mit Blüten und Bläern: In Harz gegossen, bekommen sie im „Flora Coffee Table II“ ein neues, quasi ewiges Leben. marcinrusak.com

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Fotos: Nathalie Mohadjer; Gilles Trillard; Ngoc Minh Ngo; Jenna Smith; Angus Mill; Marcin Rusak Studio (2)

thehansenfamily.com


Best of Crafts

Fromental … beweist Kunstsinn! Für das Dessin „Braque“ reißt die britische Tapetenmanufaktur kubistische Formen aus Teepapier. Und collagiert sie, wie beim „Kips Bay Decorator Show House“ li., zu maßgeschneiderten Farbwelten. Handgemalte Feigenbäumchen erden die frei flottierenden Flecken. fromental.co.uk

Jochen Holz Vorsicht, heiß! Bei der Serie „Coloured Incalmo Glass“ lässt Jochen Holz individuell geblasene Pyrexstücke präzise verschmelzen. Knubbelige Neuauflagen italienischer Glaskunst. jo chenholz .com

Tino Seubert … brachte sich das Flechthandwerk über Youtube-Videos bei. Nun verknüpft er Aluminium mit Peddigrohr zur „Anodised Wicker“-Bank. Ein Tüftler durch und durch! tinoseub er t .com

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Hanne Willmann … hat den Urquiola-Faktor – Respekt für traditionelle Formen und Materialien plus den überraschenden Kniff, der sie ins Heute holt. Bestes Beispiel: Während eines Aufenthalts in Mexiko dekonstruierte die Berliner Designerin die komplizierte Petatillo-Technik. Mit dem Keramiker José Bernabe Campechano und seinen Söhnen entwickelte sie „La Familia“ (links), ein schlicht ornamentiertes Set stapelbarer Terrakottagefäße. KJ

Christophe Delcourt Against the grain und doch wie aus einem Guss: Pariser Handwerkskunst überwindet elegant Gegensätze. Und lässt Massives leicht wirken, wie rechts den Tisch „Sol“ aus Eiche mit Lehnstühlen aus gebürsteter Fichte. chris tophe delcour t .com, üb er andreasmurkudis.com

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Fotos: Thomas Wiuf Schwartz; Studio Hanne Willmann; Gerhardt Kellermann; Bram Schilling (3); Johannes Sitsen; Delcourt Collection

hannewillmann.com


Best of Crafts

Edition van Treeck Hart und zart: Die 1887 gegründete Münchner Glasmanufaktur Gustav van Treeck lotet mit Designern die Möglichkeiten des Materials aus (hier Sacha Walckhoffs Ablage/Tablett „One Two“ aus pulverbeschichtetem Stahl und bemaltem Glas). e ditionvantre e ck.com

Tuomas Markunpoika

Johannes Sitsen Ein Schmied muss kein Mann fürs Grobe sein: In Sitsens Düs­ seldorfer Werkstatt entstehen fein proportionierte Unikate aus Edelstahl, Aluminium oder Roh­ messing (wie dieses Wandpaneel aus 700 Einzelteilen) – vom Handlauf bis zur ganzen Treppe.

Der in Eindhoven ausgebildete finni­ sche Designer mixt Handwerk mit einem guten Schuss Magie: Er setzt es bewusst ein, um „öde Funktio­ nalität“ aufzubrechen und Alltags­ objekte mit „Geheimnis und Wunder“ aufzuladen. Für die Serie „Contra Naturam“ (oben und unten) etwa wird marokkanischer Tadelakt auf eine synthetische Basis gespachtelt. markunp oika.com

me tallhandwerk- sitsen.de

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Best of Cras

Lyngby Porcelæn Zwei Materialien, ein Effekt: Der Fuß der Tischleuchte „Esben Klint“ wird aus Porzellan gefertigt, ihr Schirm aus plissier tem Kunststoff. lyngbyp orcelaen.com

Bethan Gray Ob Drehsessel oder Buchstützen: Die britische Designerin gibt anderswo aussortierter Jade eine glamouröse Zukunft. b e thangray.com

Moser Filigranes Fin de Siècle- oder Contemporary Design in Strahlfarben (o. die Vase „Twist“) – beides wird in Karlsbad mundgeblasen und handgeschliffen. Mit Hingabe und reichlich Expertise: Seit 1857 steht die Manufaktur für böhmisches Kristallglas. moser.com

Katja Buchholz Baumtraum: Eiche aus der Region wird in Berlin in zeitlose Form gedrechselt und geölt. buchholzb erlin.com


Best of Crafts

Atelier Vime Keinen Traditionsbetrieb, sondern eher ein Start-up der mediterranen Art führen Benoit Rauzy und Anthony Watson in der Provence. Gemeinsam mit der Designerin Raphaëlle Hanley entwirft das Paar Lampenschirme, Paravents oder Daybeds, lässt sie in der Gegend aus Rattan flechten – und gibt außerdem auch mürben Vintage-Stücken ein neues Leben.

Fotos: Lyngby Porcelæn; Moser; Atelier Vime; Ragnar Schmuck; Dirk Lange; Bethan Gray (2); Porträt: Thierry Bouët

atelier vime.com

Moritz Bannach Den drei Meter langen Essund Arbeitstisch „Abbondio“ zu furnieren und lackieren erfordert viel Geschick und Zeit – ihn zusammenzustecken nur ein paar Handgriffe. bannach.eu

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Best of Crafts

Hannes Peer Sein Zauberwort ist Balance – aus Handwerk, Material und neuen Technologien. Mit der Holzkonsole „Butterfly“ und dem Sessel „Nuvola“ aus Leder auf Palisander gelingt der Spagat. hanne sp e er.com

Ateliers Zelij Tonfliesen zu komplexen geometrischen Mustern zusammenzupuzzeln ist in Marokko eine jahrhundertealte Kunst. Samir Mazer und Delphine Laporte katapultieren diese Tradition schnurstracks in die Zukunft.

Bloc Studios Das toskanische Duo Sara Ferron Cima und Massimo Ciuffi versteht sich auf surreale Effekte. Für den Coffeetable „Ondamarmo“ wird Carrara in Form eines stilisierten Blattes geschliffen und auf einen Säulenstumpf montiert: Miró trifft de Chirico in der Postmoderne. blo c - s tudios.com

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Fotos: Delfino Sisto Legnani; Laila Pozzo; Ana Santl; M-L-XL (2); Ivan Grianti; Ateliers Zelij; Porträt: Hadley Hudson

zelij.com


Best of Cras

Christian Haas Für seine Beistelltische „Pleat“ aus poliertem Messing bildete der Designer (links) eine deutsch-portugiesische Allianz. Der virtuose Blechschmied José Vieira biegt jede einzelne Falte kunstvoll von Hand und verschweißt anschließend alle Teile miteinander. Das Ergebnis ist: einfach strahlend! chris tian - haas.com

M-L-XL

Andreas Murkudis & K.H. Würtz

… heißt das venezianische Designstudio nicht nur, es denkt auch so. Materialexperimente inbegriffen. Wie beim Messingstuhl „Elle“: Holografischer Autolack tunt ihn zum rasanten Einsitzer. Auflage: je 5 Stück.

Ein Faible für die samtige Textur der Keramikschalen von K.H. Würtz hat Andreas Murkudis schon lange. Für House of Crafts entsteht eine extragroße Schale mit den meisterhaften Glasuren des Vater-Sohn-Gespanns.

m - l -xl.or g

andreasmurkudis.com

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Best of Cras

Gisbert Pöppler

CC-Tapis

… macht gern Nägel mit Köpfen. Und eine Konsole völlig ohne. Nur Spannung und Schreinerkunst halten die schlanke „Correspondence“ aus lackierter Esche zusammen. gisb er tpoeppler.com

Giobagnara Kreativchef Stéphane Parmentier weiß, was seine Leute können. Für den Lagen-Look der „Scala“-Serie müssen Ablagen und Füße nahtlos mit Leder bezogen, hölzerne Korpusse makellos lackiert und Türen, wie hier beim Sideboard, am besten unsichtbar gemacht werden. giobagnara.com

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89 000 Knoten pro Quadratmeter! Cristina Celestinos Teppich „Envolée“ aus Himalayawolle und Leinen wird in Nepal von Hand geknüpft. cc -tapis.com


Best of Cras

Bocci Zuckerfäden! Wie zähflüssige Bonbonmasse wird bei der Herstellung von Boccis Serie „87“ erhitztes Glas immer wieder auseinandergezogen und zusammengefaltet. Die im Glas eingeschlossenen Lubläschen bilden so mikrofeine Strukturen, die das Licht der LEDs in dem letztlich zur Schlaufe erstarrten Leuchtkörper perlmugleich reflektieren.

Fotos: Ragnar Schmuck; CC-Tapis; Bocci; Philipp Schenk-Mischke (6); Stéphane Parmentier, VG Bild-Kunst, Bon nn 2019

b o c ci.c a

Philipp SchenkMischke Mühelos zur Traumfigur? Schenk-Mischke überträgt das Versprechen der Fitnessindustrie auf seine Arbeit mit traditionellem Material. Seine „BTM Ceramics“ lässt er, noch weich und frisch aus der Gussform, auf einer Vibrationsplae zurechtrüeln: blitzschnell perfekt in Form! schenkmischke.com

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So viel besser, wie es teurer ist

Nach uns die Schundflut? Ein Essay über den Zustand des Handwerks im Jahr 2019? Eine glänzende Idee, aber dann müssen wir auch über Geld reden. Sonst bringt es nichts. Sind Sie bereit? Also los.

Tex t Reinhard Krause

E s wirkte wie ein Weckruf – und war auch so gemeint –, als im vergangenen Sep­ tember die Messe Homo Faber in Vene­ dig öffnete und dem staunenden Publikum das geballte Können herausragender euro­ päischer Manufakturen vorführte. Allein 91 Meister ihres Fachs stellten in den zwei Ausstellungswochen live ihre Künste zur Schau – von florentinischen Seidenwe­ bern bis zum norwegischen Taumacher­ duo, von Fanny Boucher, einer Heliogra­ vur­Spezialistin aus Meudon, bis zu Caren Hartley, die in South London hinreißen­ de Fahrradunikate baut. Initiiert wurde die Leistungsschau des Kunsthandwerks von der Michelangelo Foundation, an de­ ren Spitze CEOs von Richemont agieren. Die Botschaft der Luxusgüter­Entrepre­ neure: Schaut, was es alles gibt und was wir können. Welche Traditionen in uns le­ bendig sind. Welche Träume wir zu we­ cken und zu verwirklichen vermögen. Und dann ermesst, was an Kultur fehlen wird und was ihr persönlich vermissen werdet, wenn es uns bald nicht mehr gibt. Denn das ist die drohende und keineswegs un­ realistische Perspektive. Um zu diesem alarmierenden Befund zu kommen, muss man allerdings nicht ei­ gens nach Italien reisen oder sich in der Luxusbranche umsehen. Es reicht, einfach ein offenes Ohr für den hiesigen Mittel­

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stand zu haben. Wer mit den Produzenten und Akteuren spricht, weiß schon lan­ ge um die existenziellen Bedrohungen – nicht nur durch unsichere Umsätze, auch durch das Versiegen der Ressource Nach­ wuchs. Nur zwei aktuelle Beispiele: Bei Tecta, einem der großen Bewahrer des Bauhaus­Erbes, gibt es noch exakt einen Korbflechter, der in der Lage ist, den Frei­ schwinger von Ludwig Mies van der Rohe mit Lilly Reichs wunderschönem Weiden­ geflecht zu versehen. Young­Jae Lee wie­ derum, Leiterin der traditionsreichen Ke­ ramischen Werkstatt Margaretenhöhe in Essen, berichtet, dass ihr Betrieb inzwi­ schen der Einzige in ganz Nordrhein­ Westfalen ist, der noch Töpferlehrlinge ausbildet. Man denke: in einem Bundes­ land mit 18 Millionen Einwohnern! Den vielleicht treffendsten Satz, wie es um unsere Manufakturen bestellt ist, sprach Angela Merkel, auch wenn sie da­ mals vermutlich gar nicht das Handwerk im Blick hatte, sondern die deutsche Auto­ industrie. „Wir müssen“, sagte sie im Bun­ destagswahlkampf 2005, „so viel besser sein, wie wir teurer sind.“ Damit strich sie heraus, dass „wir“ global gesehen zwar viel kosten – nicht aber zu viel. Während der Mann, den sie herausforderte, mit sei­ ner Agenda 2010 dafür gesorgt hatte, dass Made in Germany real billiger wurde, lau­ tete ihre Mahnung: Wir müssen unseren Preis auch wert sein. Ansporn statt Abwer­ tung, ein himmelweiter Unterschied. Am


Foto: Hestra/Naturkompaniet

Für ein Bekenntnis zum Handwerk – aus Konsumentensicht

Ende wurde Merkel Kanzlerin, und Schröder ging zu Gazprom. Merkels Mahnung gilt im Grunde schon mehr als 200 Jahre. Seit dem Beginn der Industrialisierung verlor das Handwerk Schritt für Schritt seinen sprichwörtlichen goldenen Boden, nun schicken sich Globalisierung und künstliche Intelligenz an, ihm vollends die Butter vom Brot zu nehmen. Echte Handarbeit? Manufakturelle Fertigung? Hat nur dort überhaupt noch eine Chance, wo sie sich für den Käufer auch bezahlt macht; durch herausragende Qualität, durch echte Expertise, durch Innovation, Langlebigkeit, Einzigartigkeit. Durch Genuss! Nur teurer zu sein führt direkt in den Tod (und das zu Recht). Diesem Ansporn, immer noch besser und raffinierter zu werden, sind die Produzenten auf Gedeih und Verderb verpflichtet. Dies ist die eine Seite der Medaille, quasi die permanente Quadratur des Kreises. Die andere Seite ist eigentlich ungleich leichter, aber ebenso prekär: Wir, die Kunden, müssen diesen Mehrwert auch sehen, erkennen, spüren und genießen können. Und wir müssen bisweilen auch bereit sein, dafür das entsprechende Geld auszugeben. Es stimmt, die Einkommensschere driftet erschreckend auseinander, trotzdem hatten wir Deutschen nie zuvor mehr Kaufkraft. Doch was fangen wir damit an? Durch das Internet ist Geldsparen zum Volkssport geworden – angetrieben von der Panik, nur ja nicht „zu viel“ zu bezahlen. Zwar gab Saturn 2007 seinen schrecklichen DumpingSlogan „Geiz ist geil“ auf, doch der Schaden auch noch an etwas anderem – einer fast war längst angerichtet. Bisweilen be- fahrlässig zu nennenden Unsicherheit dem schleicht einen das Gefühl, nicht länger die eigenen Geschmacksurteil gegenüber. NeuFreude am Erworbenen sei „geil“, sondern lich hörte ich von einem Hamburger Silder höchstmögliche Rabatt beim Shoppen. berschmied (ja, solche Leute gibt es noch!), Was, bitte, hält uns zum Beispiel davon dass sich ein junges, aber solventes Paar in ab, nur mehr ein Paar Maßschuhe anferti- eine seiner Teekannen verliebt hatte. Nach gen zu lassen, das uns viele Jahre lang her- langem Überlegen kam es zu dem Schluss: vorragende Dienste leisten wird? Einen „Wir hätten sie ja schon gern, aber wir erfahrenen Gärtner mit dem Pflanzen und fürchten, damit legen wir uns einfach zu der Pflege einer lebendigen Hecke zu be- sehr fest.“ Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren. auftragen, statt einen 08/15-Zaun aus Glücklicherweise gibt es auch AnzeiSchottersteinen und Stahldraht um unser chen eines Aufbruchs. Junge Abenteurer Grundstück zu ziehen? Eine echte Jacob- pfeifen auf vermeintliche Sicherheit, versen-Leuchte zu kaufen statt der traurigen suchen sich als woodworker oder erwecken Billigkopie, die man nach dreimal Anfas- lang vergessene Handwerkskünste mit Hinsen wegwerfen kann? gabe und Können zu neuem Leben. YouDie einfache Antwort: Es liegt an unse- tube und die sozialen Medien dienen ihnen rem prächtig trainierten Spartrieb. Oft aber und ihrer Botschaft dabei als Transmissions-

riemen. Bisweilen hat das alles den Charme und Zauber, der jedem Anfang innewohnt. Auf Dauer werden diese Talente nur Erfolg haben, wenn sie den DIY-Hafen verlassen und auf Professionalisierung setzen. Wir sollten sie dazu ermutigen, durch Wort und Kauf! Kunsthandwerker sind zur Qualität verurteilt. Bewahrer der Qualität aber können und müssen auch wir sein. Sonst droht nach uns die Schundflut.

Reinhard Krause schreibt seit 2 0 07 für AD und war u. a. Jur ymitglied auf der Grassimesse. Sein letz ter Kauf: T imo Sarpanevas S chmor topf- Ikone – zum halb en Preis, wofür er sich fas t ein wenig schämte. Dann sah er den Hinweis „ D e signe d in Finland. Made in China“. Das Thema bleibt komplex.

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Die Aussteller Besuchen Sie Manufakturen, Talente, Craftsmen in der großen AD-Ausstellung auf über 600 Quadratmetern: vom 13. bis 15.9.2019 im Magazin der Heeresbäckerei Berlin – der Eintritt ist frei. Weitere Informationen auf Seite 34.

Aufmacherbild: Produktion: Isa Lim und Viviana Tapia; Foto: Thomas Skroch

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Seit 2017 erzählen Otto Drögsler (li.) und Jörg Ehrlich, die mit ihrem Modelabel Odeeh zu den erfolgreichsten Designern Deutschlands gehören, die kreative Geschichte von Europas ältester Porzellanmanufaktur weiter. Etwa mit minutiös ausgearbeiteten Vögeln, die sich in dynamischen Posen über historische Prunkgefäße schwingen.

Meisterhaft Gestern und heute: Die Kreativdirektoren von Meissen holen zartes Porzellan behutsam ins Jetzt.

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eissener Porzellan ist aus Leidenschaft entstanden. August der Starke war der „Maladie de Porcelaine“ verfallen, es dürstete ihn nach dem „Weißen Gold“. Der Alchemist Johann Friedrich Böttger erfand für ihn 1708 das erste europäische Porzellan. 1710 wurde die Porzellanmanufaktur Meissen gegründet, die erste Europas. Seitdem wurde der „Schlüssel“ zu Meissens Archiv, in dem noch immer das Erbe Böttgers bewahrt wird, über Jahrhunderte weitergegeben – zuletzt an die Designer Otto Drögsler und Jörg Ehrlich. Mit neuen Inszenierungen holt das Duo die barocke Opulenz von Meissen in die Moderne und widmet sich 2019 dem Genre der Vogelmalerei auf Porzellan. MEISSEN IM HOUSE OF CRAFTS Neben feinster Porzellanmalerei, präsentiert von einem Vogelmaler, inszeniert die Porzellanmanufaktur in Berlin auch eine fantasievolle Videoanimation zur einzigartigen Sammelserie „The MEISSEN Birds Collection”.


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Handgeknüpft Jan Kath ist der Meister des Teppichdesigns – er revolutioniert mit seinen Entwürfen die Branche.

Für die Designs seiner „Erased Heritage“-Kollektion verfremdet Kath die Muster von klassisch orientalischen Teppich mithilfe von Photoshop. Dennoch ist jedes Stück ein wertvolles Unikat, denn produziert werden die preisgekrönten Entwürfe noch immer von erfahrenen Teppichknüpfern in traditioneller Handarbeit.

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ass ausgerechnet er die Teppichbranche revolutionieren sollte – damit hatte Jan Kath wohl kaum gerechnet. Denn eigentlich wollte der Spross einer Teppichhändlerfamilie aus Bochum nie in die Fußstapfen seiner Eltern treten. So mag es Zufall gewesen sein, vielleicht aber auch Schicksal, dass er mit 21 Jahren während seines Roadtrips durch Asien in Kathmandu strandete. Zufällig traf er dort auf einen Bekannten der Familie, der ihm anbot, als Qualitätskontrolleur in dessen Teppichmanufaktur einzuspringen. Damit legte er – ohne es zu ahnen – den Grundstein für eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Mutig und ohne Rücksicht auf Sehgewohnheiten vereint der Bochumer in seinen Entwürfen klassische Elemente von Orientteppichen mit modernen, zeitgenössischen Designs. JAN KATH IM HOUSE OF CRAFTS Sie wollten schon immer erleben, wie ein Teppich von Hand geknüpft wird? Am Stand von Jan Kath können Sie es erleben und die traditionelle Technik unter Anleitung seines Sohnes Sanchir Kath, der in Kassel Produktdesign studiert, ausprobieren.


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Der Meister der Düfte Mit seinen Editionen kuratiert Frédéric Malle betörende Düfte, die ihresgleichen suchen.

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rédéric Malle hat einen sehr guten Riecher – für Düfte und innovative Ideen: Als Spross einer Parfumeursfamilie (sein Großvater gründete die Duftlinie des Modehauses Dior, seine Mutter leitete deren Kreativabteilung) blieb auch er der Tradition treu und gründete vor mittlerweile 19 Jahren seine eigene Duft-Edition von höchster Qualität und mit einzigartigem Konzept. Für die „Editions de Parfums Frédéric Malle“ kreieren die besten Parfumeure der Welt olfaktorische Kunstwerke – fernab von klassischem Mainstream-Denken, frei von Vorgaben, in absoluter kreativer Freiheit. Fertig ist der Duft erst, wenn sein Komponist voll und ganz damit zufrieden ist. Auf diese Weise sind seit der Gründung 30 großartige Düfte von 14 Autoren entstanden. Jeder von ihnen ein Denkmal an die hohe Kunst der Parfumerie! FRÉDÉRIC MALLE IM HOUSE OF CRAFTS Einen exquisiten Duft zu komponieren erfordert Können. Seit zwölf Jahren unterstützt Margaret Magnuson Frédéric Malle bei der Entstehung neuer Editionen. In Berlin geben sie und eine Ausstellung exklusive Einblicke in das Imperium.

Bei den Editionen von Frédéric Malle können die Parfumeure aus dem Vollen schöpfen. Ein perfekter Ausgangspunkt für großartige Düfte. So kreierte der französische Meisterparfumeur Dominique Ropion den zarten Duft „Portrait of a Lady“, der mit seiner ausgewogenen Balance aus herben und rosigen Nuancen begeistert.


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Glänzende Zeiten Puristische Schmuckstücke für kostbare Momente, geschaffen in wertvoller Handarbeit.

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er Spannring® von Niessing verkörpert wie kaum ein anderes Schmuckstück die tiefe Verbundenheit der westfälischen Manufaktur mit den Lehren des Bauhauses. 1873 von Hermann Niessing als Werkstatt für Eheringe gegründet, entwickelte sich das Unternehmen innerhalb der folgenden Jahrzehnte zum größten Trauringproduzenten Deutschlands. In den 1970er-Jahren hielt die Moderne Einzug und die ersten Schmuckstücke basierend auf der Philosophie des Bauhauses entstanden. Heute, genau 40 Jahre später, feiert der Niessing Spannring® sein Jubiläum. Jener Ring, bei dem der Brillant schwerelos zwischen den Ringschienen zu schweben scheint. Bis heute vereint Niessing architektonische Modernität und minimalistische Sinnlichkeit zu immer neuen Design-Ikonen. NIESSING IM HOUSE OF CRAFTS Erleben Sie den Spannring® im Augenblick der Spannung und sichern Sie sich die Chance auf ein Schmuckstück aus der limitierten Bauhaus-Kollektion mit exklusivem „House of Crafts“Signet, sowie auf ein traditionell punziertes Glücksarmband.

Niessing vereint Tradition und Moderne zu zeitlosen Schmuckstücken. So sind der Anhänger „Cube“ und der „Niessing Spannring® Bauhaus“ eine einzigartige Hommage an die Farbenund Formenlehre des Bauhauses.


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Wegbereiter Eine formschöne Symbiose aus Handwerk und Technologie? Für Lexus definitiv kein Widerspruch!

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eit 1989 das erste Fahrzeug Lexus vom Band rollte, gelingt der japanischen Automarke ein perfekter Spagat zwischen traditioneller Handwerkskunst und modernster Technologie. Dafür praktiziert die Tochterfirma von Toyota eine enge Zusammenarbeit mit wahren Meistern des Handwerks, sogenannten Takumi. Ein altehrwürdiger Titel, für den mehr als 60.000 Stunden Erfahrung vonnöten sind und zahlreiche Prüfungen absolviert werden müssen. Gleichzeitig hat sich Lexus wie kaum eine andere Marke der fortschrittlichen Hybridtechnologie verschrieben und nimmt im Feld der nachhaltigen Mobilität eine führende Rolle ein. Der beste Beweis dafür, dass Handwerkskunst in Zeiten von Künstlicher Intelligenz noch lange nicht von Gestern ist. LEXUS IM HOUSE OF CRAFTS Im Rahmen der Handwerksschau präsentiert Lexus sein Flagschiff, die Oberklassenlimousine LS, in Berlin. Außerdem taucht die japanische Automarke tief in die Welt der Takumi-Handwerkskunst, sowie in die eigene Firmengeschichte ein.

Anlässlich des 30-jährigen Firmenjubiläums widmete Lexus den einzigartigen TakumiHandwerkern einen eigenen Film. „Takumi – eine 60.000-StundenGeschichte über die Zukunft menschlicher Handwerkskunst“ porträtiert vier Meister und zeigt, wie wichtig ihr traditionelles Können gerade in Zeiten der Digitalisierung ist.


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Benedikt von Poschinger führt die Glasmanufaktur in mittlerweile 15. Generation. Auch der Prototyp des „Bell Table“ von Sebastian Herkner wurden in Frauenau geblasen und wird dort seit 2012 produziert. Ebenso wie die limitierte Gläserkollektion „Trilogie“, die Herkner 2018 zum 450. Jubiläum der Manufaktur entwarf.

Glasspiel Die gelungene Verknüpfung von Tradition und Moderne – die Grundsätze von Poschinger Glasmanufaktur. itten im Bayerischen Wald – um genau zu sein, im kleinen Örtchen Frauenau – entstehen in sorgfältiger Handarbeit mundgeblasene Unikate aus feinstem Glas. Seit nunmehr 450 Jahren und in 15. Generation hat sich die deutsche Glasmanufaktur Freiherr von Poschinger dem zerbrechlichen Gut verschrieben – und zwar in all seinen schillernden Facetten. Angesagte Designer wie Sebastian Herkner lassen hier Verkaufsschlager wie den „Bell Table“ für das Münchner Unternehmen ClassiCon produzieren. Spezialisiert aber ist die alteingesessene Manufaktur, die 2016 sogar zur „Manufaktur des Jahres“ gewählt wurde, auf Sonderanfertigungen, hergestellt von einem der 32 Mitarbeiter vor Ort. Lokal und doch international!

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POSCHINGER IM HOUSE OF CRAFTS Mit einer spannenden Ausstellung visualisiert die Glasmanufaktur Freiherr von Poschinger die Umsetzung exklusiver Entwürfe von renommierten Designern. Zusätzlich dürfen sich die Besucher über einen speziellen Aktionsrabatt freuen.


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Blattmacher In meisterlicher Manier produziert Prantl zeitgenössische Oden für das handgeschriebene Wort.

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eit 222 Jahren hat sich die Münchener Manufaktur Prantl dem perfektionierten Druckhandwerk verschrieben. Im Sortiment: handgefertigte Schreibwaren, wie Einladungen, Visitenkarten oder Briefpapier, exquisite Lederaccessoires und personalisierte Stahlstiche. Das Erfolgsgeheimnis: „Unsere Kunden glauben an das Schöne und an das von Hand geschriebene Wort“, erklärt Bernd von Stumberg, der Prantl seit zwei Jahren leitet. Doch für das 1797 gegründete Unternehmen geht es nicht nur darum, sein Erbe zu bewahren. Damit aus dem Gestern auch ein Morgen wird, arbeitet die Manufaktur seit mehr als zehn Jahren mit der Münchner Illustratorin Kera Till zusammen, die mit ihren Ideen für frischen Wind sorgt.

PRANTL IM HOUSE OF CRAFTS Mit flinken Pinselstrichen kreiert Kera Till einzigartige Karten für Prantl. In Berlin kann man der gefragten Illustratorin live beim Zeichnen zuschauen. Außerdem erhalten Sie zehn Prozent Rabatt auf das umfangreiche Sortiment.

Die höchste Anerkennung heutzutage? Für das bayrische Traditionsunternehmen ganz klar: „Sich Zeit nehmen, um einen Brief auf feinstem Papier zu schreiben.“ Um das handgeschriebene Wort zu feiern, liefert Prantl deshalb die schönsten Schreibutensilien, sowie besonders exquisite Lederaccessoires.


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Italienische Leichtigkeit, die sich zeitlos in jedes Interieur einfügt – das Sofasystem „Camin“ des 2017 verstorbenen Architekten Paolo Piva gehört zu den beliebtesten Modellen der Wittmann Kollektion und wurde deshalb neu aufgelegt. Polstersessel „Merwyn“ (u.) von Sebastian Herkner umarmt seinen Besitzer mit schwungvollen Lehnen.

Weiche Ware Mit ihren Polstermöbeln verwandelt die Manufaktur Wittmann Einrichtungsträume in Wirklichkeit.

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WITTMANN IM HOUSE OF CRAFTS 1910 entwarf der österreichische Architekt Josef Hoffmann den Polstersessel „Kubus“, der von Wittmann bis heute gefertigt wird. Wie der Klassiker genau entsteht, demonstrieren erfahrene Handwerker von Wittmann in Berlin.

Fotos: Gregor Titze

raditionelles Handwerk mit euphorischem Blick in die Zukunft! Das österreichische Familienunternehmen Wittmann weiß genau, wann die richtige Zeit für ein Update ist und erfindet sich mit Freude immer wieder neu – ohne die eigene Geschichte und Tradition aus den Augen zu verlieren. Seit den 1960er-Jahren arbeitet die Polstermöbelmanufaktur, die 1896 ursprünglich als Sattlerei gegründet wurde, eng mit internationalen Designern und Architekten zusammen und schuf so Meilensteine der modernen Sitzkultur. Wo die Reise als Nächstes hingeht, zeigten zuletzt der spanische Designer Jaime Hayon und Sebastian Herkner. Die experimentierfreudigen, jungen Gestalter bringen mit mutigen Farben und organischen Formen frischen Wind in die Wittmann’sche Produktpalette – den konsequenten Anspruch an Qualität und Handwerk dabei stets aufmerksam im Blick.


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Schönmacher William Fan ist bekannt für seine aufregenden Entwürfe – nun hat er mit Dr. Hauschka einen Pflegetisch entworfen.

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ich Zeit nehmen und auf die Bedürfnisse der eigenen Haut hören? Eine Selbstverständlichkeit für Elisabeth Sigmund, die 1967 gemeinsam mit Dr. Rudolf Hauschka die Naturkosmetikserie begründete. Seit ihrer Jugend hatte sich die Wienerin mit Theater und Ästhetik beschäftigt sowie über hautwirksame Heilpflanzen geforscht. Auf dieser Basis entwickelte sie ihre Kosmetik mit ganzheitlichen Behandlungen inklusive Beratungen zur Lebensführung und Selbstfürsorge. Ein Ansatz, den die heute exklusive Marke nun mit William Fan weiter ausbaut. Der Designer gestaltete mit Dr. Hauschka einen maßgefertigten Pflegetisch: ein Möbelstück, das dazu einlädt, sich für sich selbst und den eigenen Körper Zeit zu nehmen, und den Pflegeprodukten einen besonderen Ort gibt. DR. HAUSCHKA IM HOUSE OF CRAFTS Mit William Fan und Dr. Hauschka gehen zwei deutsche Meister ihres Fachs eine einzigartige Zusammenarbeit ein. Die Präsentation des Pflegetischs und der Dr. Hauschka Kosmetikkultur unterstreicht die Pflege bei Selbstfürsorge und achtsamer Hinwendung zu sich selbst als Geheimnis innerer und äußerer Schönheit.

Bild links „Natürlich haben wir uns wie Rebellen gefühlt, als wir diese unkonventionelle Kosmetik entwickelten.“ Elisabeth Sigmund, Gründerin von Dr. Hauschka Bild rechts William Fan gehört zu den größten Talenten der deutschen Modeszene. Wie kaum ein anderer Designer versteht er es, mit Entwürfen eine eigene Welt zu schaffen.


Fast so alt wie die Menschheit …

Vom Aussterben bedroht Gewusst wie – und wo: acht beispielhafte Wege ins Handwerk.

Tex t Larissa B eham Illus trationen Jan Steins

Flechtwerkgestalter/

m. w. d.

Dauer: 3 Jahre (et wa an der Staatlichen B eruf s fachschule für Fle chtwerkge s taltung in Lichtenfels) Eins tie g sgehalt: 1 6 0 0 –2 1 0 0 Euro Prof il: F inger fer tigkeit, Formge fühl, D e signaf f inität, Ausdauer Aus sichten: Möb elher s tellung, -re s taurierung und - de sign, Kom bination mit T ischler- o der Zim mermannshandwerk, A rb eits therapie, Kuns thandwerk, Kuns t

Natürliche Werkstoffe wie Weidenzweige oder Binsen wachsen wild und umsonst, daher ist dieses Handwerk fast so alt wie die Menschheit. Flechtwerkgestalter fertigen heute zum Beispiel Korbmöbel oder Lampenschirme. „Und wer das Wiener Geflecht oder dänische Stuhlgeflechte beherrscht, kann natürlich wunderbar alte Sitzgelegenheiten restaurieren“, berichtet Susanne Thiemann, die in München seit Jahrzehnten den Meisterbetrieb Flechtworks führt. „Die Arbeit ist fast meditativ, verlangt aber Formgefühl, Fantasie, Geduld und Kraft in Händen und Gelenken.“ Susanne Thiemann übrigens fand mit ihren geflochtenen Skulpturen längst internationale Anerkennung – als Künstlerin.

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… aber keineswegs von gestern

Kerzenhersteller, Wachsbildner/

m. w. d.

Dauer: 3 Jahre (dual) Eins tie g sgehalt: 23 0 0 –2 5 0 0 Euro Profil: Handwerkliche s G e schick, Sinn für Ä s thetik (b eim Ver zieren von Ker zen), zeichnerische Fähigkeiten, genaue B e obach ­ tung und S orgfalt Aus sichten: A ns tellung in Ker zen­ manufak turen, S elbs ts tändigkeit

Sie flackern zur Weihnachtszeit, an Sommerabenden und in Sakralbauten, aber wie entstehen Kerzen eigentlich? Azubis, die sich für den Schwerpunkt Kerzenherstellung entscheiden, bedie­ nen und überwachen später einmal in der Industrie den Produktionsprozess – oder aber sie ziehen die berückenden Lichtquellen manuell. Liegt der Fokus in der Lehrzeit dagegen auf der Wachs­ bildnerei, dann überwiegt irgendwann die Handarbeit: In die weichen Ober­ flächen von Kerzenrohlingen zwicken und gravieren diese Kunsthandwerker Muster – oder sie modellieren Orna­ mente hinein; dann bemalen, patinieren oder vergolden sie ihre Erzeugnisse. Damit die noch schöner leuchten.

Kunstglaser/

m. w. d.

Dauer: 3 Jahre (dual, in Traditions­ werks tät ten o der an der Staatlichen G las fachschule Hadamar) Eins tie g sgehalt: c a. 25 0 0 Euro Prof il: Küns tlerische s G e spür, Farb ­ gefühl, Vor s tellungskraf t, B egeis­ terung für Tradition und innovative Te chniken, S orgfalt und Präzision Aussichten: Auf traggeber sind z. B. K irchen und Muse en, Ans tellung in Spezialwerkstat t, Selbstständigkeit

3 Fragen an Felix Bartesch, Kunst­ glasermeister bei der Mayer’schen Hofkunstanstalt in München Wie kamen Sie zur Mayer’schen Hofkunstanstalt? Ich wollte nach der Meisterprüfung in einer Bauglaserei nicht den Rest meines Lebens nur Scheiben auswechseln. Mich reizt der künstlerische Aspekt des Glaserhandwerks, und dafür ist dies nun mal die beste Adresse.

Was haben Sie dort dazugelernt? Unglaublich viel über Bleiverglasungen, Kunstglas und Glasveredelung. Und auch, Geduld zu haben – es klappt nicht immer alles auf Anhieb bei anspruchs­ vollen Projekten, da ist dann auch Mut zur Improvisation gefragt.

Welches Projekt hat Sie bisher am meisten fasziniert? Das Aufregendste, woran ich bislang teilhaben durfte, war eine riesige Glas­ wand für das Convention Center in Miami Beach, auf dem eine Luftansicht der urbanen Küste dort zu sehen ist.

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Kulturtechniken, die zu aussichtsreichen Berufen taugen

Figurenkeramformer/

m. w. d.

Dauer: 3 Jahre (dual) Eins tie g sgehalt: c a. 2 2 0 0 Euro Profil: Zeichnerische s Talent, Fin ger fer tigkeit, G efühl für s f iligrane A rb eiten, schöpferische s und räumliche s Vor s tellungsvermögen, kuns tge schichtliche s Intere s se Aus sichten: A ns tellung in fein ker amischen Indus trieb etrieb en wie Ker amik- und Por zellan manufak turen, S elbs ts tändigkeit eher als Küns tler

Buchdrucker/

m. w. d.

Dauer: 3 Jahre (dual) Eins tie g sgehalt: 1 5 0 0 –1 70 0 Euro Prof il: Handwerkliche s G e schick, S orgfalt, Sinn für Ä s thetik, ge s talterische s Talent Aus sichten: A ns tellung et wa im D ruck- und Verlagswe sen, in Klein verlag en, in Pap eterie - und Buchbinder- Manufak turen, S elbs ts tändigkeit, Weiterbildung zum „G e s talter im Handwerk “ möglich

Rainer Maria Rilke und Wilhelm Furtwängler schrieben schon in die Notizbücher von Prantl, jenem Münchner Kult-Hersteller von erlesenen Papierund Lederwaren. Und heute, da die Handschriftkultur eine Renaissance erlebt, sind manuell gestaltete und verzierte Bücher, Mappen, Schachteln und Alben erst recht wieder begehrte Erzeugnisse. Bei einer Buchbinderlehre kann der Schwerpunkt auf der seriellen Buchfertigung oder der Druckweiterverarbeitung liegen. Oder auf dem klassischen Handwerk, bei dem es ums entschleunigte Arbeiten mit Leimtopf und Presse, mit Vergoldungen und optisch wie haptisch reizvollen Papieren und Stoffen geht. Und sogar ums Restaurieren alter Bücher.

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Graveur/

m. w. d.

Dauer: 3 Jahre (dual) Eins tie g sgehalt: 1470 –1 5 0 0 Euro Prof il: Feinmotorik, Kraf t, Mate rialver s tändnis, zeichnerische s Talent, S orgfalt, Konzentrationsvermögen, ein ruhiger G eis t Aus sichten: Anstellung in schmuckund metallverarb eitenden Handwerksb etrieb en, S elbs ts tändigkeit ( Ausbildung in ver wandten G ewerken von Vor teil)

Unter den Graveuren der Vredener Schmuckmanufaktur Niessing kursiert noch immer die Anekdote von einem Meister, der das Vaterunser auf einer Ein-Pfennig-Münze unterbringen konnte. Traditionell werden in diesem Beruf Texte und Ornamente von Hand in Metall eingebracht, also Ringe, Pokale oder Uhren verziert. Aber auch Perlmutt oder Kunststoffe sind eine gute Grundlage. In der Ausbildung erlernt man den Umgang mit Meißel, Stichel und Graviernadel und inzwischen auch ultramoderne maschinelle Techniken. Es geht dabei um Typografie und Schriftgestaltung oder die sachkundige Bearbeitung von Oberflächen – immer aber um die feinste Umsetzung auch noch des Allerkleinsten.

Meissen, KPM und Nymphenburg sind in der Porzellanwelt längst internationale Mythen. Figurenkeramformer – oder Bossierer, wie man bei Meissen sagt – formen in diesen Traditionsmanufakturen die Figuren oder fügen sie aus einzelnen Teilen zusammen. Zeichnen ist am Anfang der Ausbildung das A und O, dann kommt die dritte Dimension hinzu. Um irgendwann ein Spitzenmodelleur zu werden wie Anton Hörl am Nymphenburger Schlossrondell, braucht es mehr als Fingerfertigkeit oder ein gutes Gefühl für Proportionen und Perspektiven. Auch Hörl begann mit der Ausbildung zum Figurenkeramformer in der Münchner Manufaktur; bald verantwortete er den Entwurf und die Ausführung zahlreicher Figuren. „Arbeitet man mit einem Künstler zusammen, muss man über seinen Schatten springen und in dessen Sprache modellieren. Und schon beim Prototyp sollte man Probleme abwenden können – etwa statische“, erklärt er. Auch Soft Skills braucht es, um das Zusammenspiel der Gewerke zu überblicken und die eigenen Arbeitsschritte entsprechend zu takten. „Ein Dirigent muss die Geige ja auch nicht spielen, aber wissen, wie und wann sie erklingen soll.“


Jedes Stück ein Unikat

Vergolder/

m. w. d.

Dauer: 3 Jahre (dual) Eins tie g sgehalt: c a. 2 0 0 0 Euro Prof il: Intere s se an Kuns t­ und Kulturge schichte, Freude am Umgang mit Kuns tgegens tänden, äs thetische s Empf inden, Finger­ spitzengefühl, G e duld Aus sichten: S elb s t s tändig e Tätigkeit für Muse en, K irchen o der Privatleute, A ns tellung in Verg older­Werks tat t o der b ei Re s tauratoren

3 Fragen an Michelle Sachs, Vergolderin in Berlin Was macht den Beruf so spannend? Dass man mit der eigenen Hand und tra­ ditionsreichen Techniken schöne Dinge zaubern kann! Besonders wenn ich mit dem Material frei experimentieren und zum Beispiel eigene Goldbilder auf Lein­ wand anfertigen kann.

Gibt es einen typischen Handgriff? Ja: Das hauchzarte Edelmetall nimmt man mit dem „Anschießer“ auf, einem Pinsel aus sibirischem Eichhörnchen­ haar. Und damit es besser daran haftet, streicht man sich mit dem Pinsel vor­ her leicht über die Wange, um das Tier­ haar elektrostatisch aufzuladen.

Was kann einem keiner beibringen? Im Umgang mit hauchdünnen Blatt­ metallen wie Gold, Kupfer, Silber oder Messing sind Ruhe und Sorgfalt alles. Und Erfahrung spielt eine große Rolle: Mit der Zeit entwickelt man dann ein Gefühl für Werkstoffe und einen Blick dafür, worauf es ankommt.

Holzspielzeugmacher/

m. w. d.

Dauer: 3 Jahre (dual) Eins tie g sgehalt: 1 9 0 0 –2 2 0 0 Euro Profil: Finger fer tigkeit, ästhetisches Empf inden und ein Aug e für s D etail, zeichnerische Fähigkeiten, Konzentrationsvermögen Aus sichten: Ans tellung in Hand­ werks tät ten o der in der Indus trie, et wa b ei Wendt & Kühn im Er z­ g ebirg skreis, S elb s t s tändigkeit

Sonst sind sie wirklich selten, doch im Erzgebirge haben Holzspielzeugmacher Tradition. Wohl darum gibt es hier auch republikweit die einzige anerkannte Be­ rufsschule. Die Welt mit Kinderaugen sehen zu können ist übrigens eine fabel­ hafte Voraussetzung, um Weihnachts­ engel und Figurenklassiker wie „Hans Kunterbunt“ oder musizierende Hasen anzufertigen – und später beim Bemalen zum Leben zu erwecken. Dabei kommt es aufs millimetergenaue Arbeiten beim Sägen, Schnitzen, Feilen oder Verzieren an; außerdem lernt man in der Ausbildung etwa, Holzqualitäten zu beurteilen und Figuren zu entwerfen. So wird jedes Stück zum Unikat. Und Holzspielzeug ist nach­ haltig und auch für kleine Kinder weitge­ hend unbedenklich – wie viel zeitgemä­ ßer kann Handwerk sein?

Die G e schichten von Michelle Sachs (alias G oldsachs) und 1 7 anderen er folgreichen Kuns thandwerkerinnen und Küns tlerinnen er zählt der Band „ Mit Lieb e zum D etail. Kreative Frauen und ihre Leidenschaf t für Kuns thandwerk “. Pre s tel, 1 9 2 S., 4 0 Euro.

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Die AD-Ausstellung in Berlin

House of Crafts Erleben Sie Europas beste Manufakturen und ihre Produkte auf 640 Quadratmetern.

Chief Executive Officer Roger Lynch In the USA Artistic Director, Anna Wintour Vogue, Vanity Fair, Glamour, Self, GQ, GQ Style, The New Yorker, Condé Nast Traveler, Allure, AD, Bon Appétit, Epicurious, Wired, Teen Vogue, Ars Technica, Pitchfork, Them, Iris International Wolfgang Blau, President London HQ, Vogue Business, Condé Nast College of Fashion and Design Großbritannien Vogue, House & Garden, Tatler, The World of Interiors, GQ, Vanity Fair, Condé Nast Traveller, Glamour, Condé Nast Johansens, GQ Style, Love, Wired Frankreich Vogue, Vogue Hommes, AD, Glamour, Vogue Collections, GQ, AD Collector, Vanity Fair Italien Vogue, Glamour, AD, Condé Nast Traveller, GQ, Vanity Fair, Wired, La Cucina Italiana, Experienceis Deutschland Vogue, GQ, AD, Glamour, GQ Style Spanien Vogue, GQ, Vogue Novias, Vogue Niños, Condé Nast Traveler, Vogue Colecciones, Vogue Belleza, Glamour, AD, Vanity Fair Japan Vogue, GQ, Vogue Girl, Wired, Vogue Wedding, Rumor Me Taiwan Vogue, GQ, Interculture Mexiko und Lateinamerika Vogue Mexico and Latin America, Glamour Mexico, AD Mexico, GQ Mexico and Latin America Indien Vogue, GQ, Condé Nast Traveller, AD Published under Joint Venture Brasilien: Vogue, Casa Vogue, GQ, Glamour Russland: Vogue, GQ, AD, Glamour, GQ Style, Tatler, Glamour Style Book

13.–15.9. 2019

Öffnungszeiten: Fr 12–22 Uhr Sa, So 10–20 Uhr Eintritt frei

Magazin in der Heeresbäckerei Köpenicker Str. 16–17 Berlin

U-Bahn Schlesisches Tor: 600 m/ca. 5 Min. S-Bahn Warschauer Straße: 1,2 km/ca. 10 Min.

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Zwei Führungen pro Tag, um 11 und 16 Uhr, geleitet von der AD-Redaktion. Die Plätze sind limitiert. Anmeldung unter: ad-magazin.de/house-of-crafts

Australien: Vogue, Vogue Living, GQ Bulgarien: Glamour China: Vogue, AD, Condé Nast Traveler, GQ, GQ Style, Condé Nast Center of Fashion & Design, Vogue Me, Vogue Film Deutschland: GQ Bar Berlin Griechenland: Vogue Hongkong: Vogue Island: Glamour Korea: Vogue, GQ, Allure Mittlerer Osten: Vogue, Condé Nast Traveller, AD, GQ, Vogue Café Riyadh Niederlande: Vogue, Glamour, Vogue The Book, Vogue Man, Vogue Living Polen: Vogue, Glamour Portugal: Vogue, GQ, Vogue Café Porto Rumänien: Glamour Russland: Vogue Café Moscow, Tatler Club Moscow Serbien: La Cucina Italiana Südafrika: House & Garden, GQ, Glamour, House & Garden Gourmet, GQ Style, Glamour Hair Thailand: Vogue, GQ Tschechische Republik und Slowakei: Vogue, La Cucina Italiana Türkei: Vogue, GQ, La Cucina Italiana Ukraine: Vogue, Vogue Café Kiev Ungarn: Glamour Chairman of the Board of Directors Jonathan Newhouse

Illustration: Benedikt Rugar

Published under License or Copyright Cooperation


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