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L O C A L

EINS

M A G A Z I N E

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GIPFEL

KUNSTHANDWERK

HERKUNFT

Über die Vielfalt des Wanderns

Die Bekenntnisse eines Holzschnitzers

Auf den Spuren der Gletschermumie

Wo es schmeckt! Ein Heft über den Genuss und die Berge

B R I X E N

·

K L A U S E N

·

G I T S C H B E R G

J O C H T A L

·

N A T Z - S C H A B S

·

L Ü S E N


Gitschberg Jochtal – Brixen

GITSCHBERG JOCHTAL 100 Pistenkilometer & 25 Aufstiegsanlagen – 1 Skipass - BRIXEN 100 KM SLOPES | 25 LIFTS

» Gitschberg Jochtal: 55 km und 15 Aufstiegsanlagen » Brixen Plose: 40 km und 7 Aufstiegsanlagen » & Feldthurns, Villnöss, Lüsen Gitschberg / Maranza - Meransen MÜHLBACH - MERANSEN 201 202 POBIST 203 BRUNNER SKI EXPRESS 204 206 MITTERWIESE NESSELBAHN 207 208 GITSCHBERG 211 BERGBAHN

Plose Bressanone - Brixen PLOSE 101 102 SCHÖNBODEN 103 RIFUGIO CAI PALMSCHOSS 104 105 ROSSALM PFANNSPITZE 107 114 RANDÖTSCH

JOCHTAL 2100 m

WILDE KREUZSPITZE PICCO DI CROCE 3132 m

PLATTSPITZE

MÖSELER MESULE

ALTFASSTAL

207 307

307

701

204

206

301

2059 m

Parchi bambini bambini// Kinderparks /Kidsareas areas Kinderparks/Kids Snowpark

Family Fun

hot spot WIFI gratuito kostenloser WIFI-Hotspot free WIFI hotspot

RODENECKER ALM

2110 m

GROSSBERG

304 305

OFFICE

THURNERKAMP

2210 m

KLEINGITSCH

SP Snowpark Skipass

TELEGRAPH M. TELEGRAFO 2505 m

LÜSEN LUSON 1050 m

PLOSE 2465 m

103

2043 m

105

OCHSENALM 2085 m

308 WANDERWEGE SENTIERI

WANDERWEGE KIENER ALM 1750 m

SP

VALS VALLES 1354 m 306

211

KREUZTAL VAL CROCE

104

MERANSEN MARANZA 1414 m

SP OFFICE

EISACKTAL VAL D’ISARCO

202

MITTEWALD MEZZASELVA

SKIHÜTTE RIFUGIO SCI 1890 m

2010 m

1394 m

203

107

2050 m

SERGS

VALSERTAL VALLE DI VALLES

ROSSALM 2200 m

SENTIERI

102

1620 m

OFFICE

PEITLERKOFEL SASSO DI PUTIA

GABLER M. FORCA 2570 m

PFANNSPITZE M. FANA 2507 m

GITSCHBERG 2512 m

303

BRENNER BRENNERO

HOCHFEILER GRAN PILASTRO

208

OLPERER

GAISJOCH

Jochtal / Valles - Vals 301 JOCHTAL 303 RESTAURANT 304 HINTERBERG STEINERMANDL 305 306 TASA SCHILLING 307 308 GAISJOCH 401 MADERS - VELTURNO/ FELDTHURNS 501 FILLER - FUNES/VILLNÖSS SKILIFT RUNGG - LÜSEN/LUSON 701

SP OFFICE

PALMSCHOSS PLANCIOS 1760 m

SP

ST. MAGDALENA S. MADDALENA

OFFICE

201

VILLNÖSS FUNES 1280 m

ST. GEORG IN AFERS S. GIORGIO EORES

ST. LEONHARD S. LEONARDO

501

BRUNECK BRUNICO SPINGES SPINGA

MÜHLBACH RIO DI PUSTERIA 777 m

NAUDERS

RIE

NZ

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RIENZ

FRANZENSFESTE FORTEZZA

VIUMS FIUMES

AICHA AICA

EI

RODENECK RODENGO

SCHABS SCIAVES

RAAS RASA

SP

GIFEN

OFFICE

ST. PETER S. PIETRO

ST. JAKOB IN AFERS S. GIACOMO EORES

1067 m

ST. ANDRÄ S. ANDREA

KARNOL

MELLAUN MELLUNO

NATZ NAZ AFERER TAL VAL DI EORES

KLERANT

ELVAS

VILLNÖSSTAL VAL DI FUNES

SA CK ISARCO

MILLAND MILLAN

NEUSTIFT NOVACELLA

TEIS TISO

SARNS SARNES

AUSFAHRT BRIXEN/PUSTERTAL USCITA BRESSANONE/VAL PUSTERIA

PINZAGEN PINZAGO

www.cormar.info

TILS TILES

ALLE RECHTE VORBEHALTEN · TUTTI I DIRITTI RISERVATI · ALL RIGHTS RESERVED

TSCHÖTSCH SCEZZE

GUFIDAUN GUDON

ALBEINS ALBES

AUSFAHRT KLAUSEN USCITA CHIUSA

A22

A22

VAHRN VARNA

© by

NAFEN

EISA ISAR CK CO

BRIXEN BRESSANONE 567 m

SCHALDERS SCALERES

101

114

SCHNAUDERS

FELDTHURNS VELTURNO 851 m

KLAUSEN CHIUSA

1080 m

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www.gitschbergjochtal-brixen.com

GARN

LATZFONS LAZFONS


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Herzlich, Ihre Redaktion 2 Fotoshooting? Meinetwegen, hat sich Hüttenhund Kiwi wohl gedacht. Als Gegenleistung verlangte er unserem Team aber eine halbe Stunde Stöckchenwerfen ab. 3 Autorin Lisa Maria Kager zeigte sich beeindruckt von Adelheid Gassers innerer Ruhe. Von nun an will sie dem Geheimtipp der Bäuerin nachkommen: täglicher Mittagsschlaf!

BOZEN BOLZANO

A1185322

Mitarbeiter der Ausgabe 1 „Meine Lieblingsgeschichte in diesem Heft?“ Da muss Artdirector Philipp Putzer nicht lange nachdenken. „Natürlich die über Ötzi – weil ich mich seit 15 Jahren damit beschäftige und seine Geschichte trotzdem nie zu Ende erzählt ist, da das Forscherteam um Ötzi immer neue Erkenntnisse veröffentlicht.“

Cor. Il cuore. Das Herz. Weil hier unser Herz schlägt. Weil Gästen beim Anblick unserer Berge das Herz aufgeht. Weil Brixen, Klausen und Umgebung uns eine Herzensangelegenheit sind. So wie auch dieses Magazin: Cor. The Local Magazine. Weil wir es lieben, über die Orte und Menschen zu schreiben, die hier leben, deren Herz hier schlägt. Deren Herzlichkeit uns immer wieder verzaubert. Weil wir diese Geschichten von Herzen gerne erzählen.

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vals

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Gitschberg

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pfunders

Jochtal meransen

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franzensfeste

Natz -Schabs

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Spiluck

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32 Rodeneck lüsen

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Lüsner Alm

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Schalders

Vahrn

neustift

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Feldthurns

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Plose

80 31 Peitler

40 52 Verdings

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Klausen

Villanders

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villnösstal

Geisler


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Impressum HERAUSGEBER Brixen Tourismus Genossenschaft Tourismusverein Gitschberg Jochtal Tourismusverein Klausen, Barbian, Feldthurns, Villanders Tourismusverein Natz-Schabs Tourismusverein Lüsen IDM Südtirol – Alto Adige

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Der Genuss der Schönheit Vier verzaubernde Impressionen

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Neu und gut Wissenswertes aus der Umgebung

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Drei Fragen an … Thilo Neumann, den Besitzer des schmalsten Hauses Südtirols

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Die da oben Eine Familie auf der Alm

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Gipfel vs. Alm Eine Ode ans Bergsteigen – und eine ans Wandern

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H2O Zahlen und Fakten rund ums Wasser

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Heiße Sache Zu Besuch bei der Straubenkönigin

KONTAKT info@cormagazine.com REDAKTION Ex Libris www.exlibris.bz.it PUBLISHING MANAGEMENT Valeria Dejaco

Die Vielfalt der Berge Sieben Touren im Porträt

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W wie Wein Tipps der Önologin Fenja Hinz

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Von Sternen und Höfen Wo es besonders gut schmeckt

CHEFREDAKTION Lenz Koppelstätter ARTDIRECTION Philipp Putzer www.farbfabrik.it AUTOREN Valeria Dejaco, Cassandra Han, Lisa Maria Kager, Lenz Koppelstätter, Debora Longariva, Lisa Lutzenberger, Matthias Mayr FOTOS IDM Südtirol, Florian Andergassen, Capriz, Dietmar Denger, Alex Filz, Wolfgang Gafriller, Matthias Gasser, Christof Gruber, Armin Huber, Hans Kammerer, Manuel Kottersteger, Helmut Moling, hamphotographie, Hannes Niederkofler, Judith Niederwanger, oooyeah.de, Michael Pedevilla, Franz Pernthaler, Klaus Peterlin, Alexander Pichler, Plose Quelle AG, Caroline Renzler, Helmuth Rier, Arnold Ritter, Rotwild, Santifaller Photography, Stefan Schütz, Stadtmuseum Klausen, Andreas Tauber, privat, Shutterstock (bergamont, baranq, arka38) ILLUSTRATIONEN Stefanie Hilgarth, Shutterstock (nata_danilenko)

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Der verlorene Schatz Ein Museumsstück im Fokus

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Kam er aus dem Eisacktal? Im Interview auf Ötzis Spuren

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Schön und gut Produkte aus der Umgebung

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Ein Tag mit … dem Holzschnitzer Felix Fischnaller

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Südtirol für Anfänger Folge 1: Die Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung

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Südtirol-Lexikon, das Dialekt verständlich gemacht

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Der Marsch der Ladiner Impressionen einer alten Pilgertradition

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Lieblingsorte in ... Brixen Die Tipps der Einheimischen

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Der perfekte Schnappschuss Drei Instagram-Tipps

ÜBERSETZUNGEN Ex Libris DRUCK Tezzele by Esperia, Lavis

Mit freundlicher Unterstützung von:

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Der Genuss der Schönheit Ob weiße Pisten oder goldene Sonnenaufgänge: Hier lassen sich sämtliche Sinne betören – und zwar zu allen Jahreszeiten. Vier verzaubernde Impressionen

Das Schüttelbrot gehört hierher wie die Berge und die Kühe. Es basiert auf Roggenmehl, ist hart und knusprig und wird zu Wein und Speck gereicht.

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Die Rodenecker-Lüsner Alm ist mit 20 Quadratkilometern eine der größten Hochalmen Europas. Im Sommer eignet sich die sanfte Hügellandschaft zum Wandern, im Winter für Schneeschuhtouren.

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Stadtgalerie Brixen – ein kultureller Treffpunkt Südtirols. Hier werden jedes Jahr mehrere zeitgenössische Kunstausstellungen gezeigt: Bilder, Installationen, Skulpturen und Fotografien.

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Mit schneesicheren Höhenlagen, Sonne pur und weiten Panorama-Ausblicken zählen die Skigebiete Plose und Gitschberg Jochtal zu den beliebtesten im südlichen Alpenhauptkamm.

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NEU UND GUT Wissenswertes aus der Umgebung

Was macht eigentlich … ein Kartograf?

Hans Kammerer aus Milland (Brixen) zeichnet seit über 30 Jahren topografische und thematische Karten sowie Panoramakarten. Der 86-Jährige ist Autodidakt und ein wahrer Pionier seines Handwerks.

„FÜR DIE KARTOGRAFIE habe ich mich schon im Alter von zehn Jahren interessiert. Von da an habe ich mir alles nach und nach selbst beigebracht. Die ersten Karten, die ich in der Hand hielt, waren aus der Nachkriegszeit – im Maßstab 1:100 000. Die waren zwar gut, aber ich wünschte mir mehr Details. Meine erste topografische Karte im Verhältnis 1:25 000 habe ich 1960 handgezeichnet, mit Feder, Tusche und Tempera. Heute gibt es dafür natürlich Software. Ich arbeite seit 30 Jahren mit dem Computer und habe die gesamte technische Entwicklung mitgemacht. Zum Beruf habe ich die Kartografie

B wie … Birmehl „BIR“ bedeutet auf Südtirolerisch Birne. In Verdings stehen die Birnbäume mitten im Dorf. Früher war das Birmehl für die Verdingser Bauern eine erschwingliche Alternative zum Zucker. Die Herstellung des Süßungsmittels war sehr aufwendig und zeitintensiv: Die Birnen wurden getrocknet und dann zu Birmehl gemahlen. Während die Bezeichnung „Birmehldorf “

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für Verdings früher spöttisch gemeint war, sind die Verdingser heute stolz, die Tradition wieder aufleben zu lassen und haben ihr sogar einen Themenweg und ein Fest gewidmet: Beim Birmehlherbst verfeinern die Gasthäuser und Buschenschänke typische Südtiroler Gerichte mit dem süßen Geschmack.

in den 1990er-Jahren gemacht. Bis dahin habe ich in meiner Tabaktrafik in der Brixner Altstadt Kontakte geknüpft, viel über Karten gelernt und war 40 Jahre lang für die Wegeverwaltung beim Alpenverein tätig. Für meinen ersten großen Auftrag habe ich jede Position selber kontrolliert, bin viele Wege selber gegangen. Für die Kartografie war ich mehrere Jahrzehnte in den Südtiroler Bergen und darüber hinaus unterwegs. Heute zeichne ich Panoramakarten mithilfe von Google-Maps-Aufnahmen in Photoshop. Es ist ja mittlerweile alles per GPS vermessen.“


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500 Gipfel 

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… 498, 499, 500. Fünfhundert Gipfel sind – bei klaren Verhältnissen – von der 360-Grad-Aussichtsplattform auf dem Gipfel des 2 512 Meter hohen Gitschbergs aus zu sehen. Darunter zahlreiche Dreitausender, die Dolomiten, die Brentagruppe, die Zillertaler, die Stubaier sowie die Ötztaler Alpen. Von der Bergstation des Vierer-Sessellifts im Skigebiet Gitschberg Jochtal aus sind es nur wenige Meter bis zum einmaligen Panoramaerlebnis.

Wussten Sie, dass … Kastanien aphrodisierend wirken? ereits im Mittelalter wurde die Kastanie – mit Salz und Pfeffer gewürzt – als Aphrodisiakum genutzt. Sie sollte die Libido beleben und die Potenz steigern. Zum betörenden Duft der Kastanienblüte hingegen wurde Anfang des 20. Jahrhunderts geforscht. Die enthaltenen Pheromone machen den Duft der Kastanie zu einem odor aphrodisiacus, der das Sexualverhalten beeinflussen soll. Die Kastanie wurde damals allerdings nur in höheren Gesellschaftsschichten und geheim für den Lustgewinn verwendet.

B

Der Herr der Pisten EIGENTLICH ist Franz Stablum Bauer auf dem Niederthalerhof in Mellaun. Doch seit fast 40 Jahren ist die Plose sein zweites Zuhause. Seit Dezember 1980 arbeitet er im Skigebiet. Angefangen hat Stablum einst als Liftwart am Korblift – heute ist er für alle Pisten verantwortlich. Viel hat sich getan im Laufe der Jahrzehnte. Die Trametsch ist das Schmuckstück der Plose und Südtirols längste Talabfahrt: Neun Kilometer, 1 400 Meter Höhenunterschied. „Früher wurde die Trametsch nur einmal pro Woche präpariert“, erzählt Stablum, „das wäre heute nicht mehr denkbar.“ Gemeinsam mit seinem Team sorgt Stablum jeden Tag für 40 Kilometer schöne Pisten. Während die Skifahrer vor allem die

sonnige Plose schätzen, geht er auch bei Nebel und Kälte an die Arbeit. Die Berge und die Aussicht liebt der Bauer aus Mellaun genauso wie am ersten Tag. Stablums Geheimtipp: „Die Abendstimmung am Schönjöchl im Sommer. Der Sonnenuntergang ist traumhaft.“

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Jerry Line Länge: 4,2 km Höhendifferenz: 300 m Durchschnittliche Neigung: 7 %

Hammer Line Länge: 1,9 km Höhendifferenz: 165 m Durchschnittliche Neigung: 8,5 %

Palm Pro Line Länge: 2,5 km Höhendifferenz: 265 m Durchschnittliche Neigung: 11 %

Sky Line Länge: 6,6 km Höhendifferenz: 900 m Durchschnittliche Neigung: 13 %

Biken in Brixen

Expressfahrt VIELES ist neu im Skigebiet Gitschberg Jochtal: Die moderne Zehner-Gondelbahn „Ski Express“ ersetzt die etwas älteren Lifte Breiteben und Sergerwiese und kann 3 000 Skifahrer pro Stunde mit höchstem Komfort befördern. Dank einer Mittelstation ist auch die bei Anfängern beliebte Breitebenpiste weiterhin zugänglich. Neu sind außerdem die jüngst errichtete, zwei Kilometer lange „Wastl Huber“-Piste und die „Gimmy Fun Ride“ im Jochtal: ein eineinhalb Kilometer langes Wintersportabenteuer für Familien mit einfachen Sprüngen, Hindernissen und Steilkurven.

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SEIT 2018 ist der Bikepark von Brixen auf der Plose offiziell eröffnet. Hier finden Mountainbiker vier „Lines“ mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen, rasanten Abfahrten und weiten Sprüngen. Alle Lines sind mit der Plose-Kabinenbahn von St. Andrä aus erreichbar und starten beim Liftausstieg an der Bergstation. Zudem ist der Palmschoß-Sessellift in Betrieb, um die Biker wieder bergauf zu bringen.


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Karten zum Vorteil Kostenpflichtig erhältlich: + Die Mobilcard erlaubt die unbegrenzte Nutzung sämtlicher öffentlicher Verkehrsmittel in Südtirol. + Die museumobil Card berech­tigt drei oder sieben Tage lang zur unbe­grenzten Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel in Südtirol und zu je einem Eintritt in Süd­tirols Museen.

Die neue Säbener Promenade rchaisch, gewaltig, wunderschön thront das Kloster Säben über Klausen. Die Säbener Promenade, die vom Künstlerstädtchen hinauf zum Kloster führt, wartet mit frischem Anstrich auf. Der Weg zur „Akropolis Tirols“ ist gesäumt von neuen, speziell gestalteten „Säbener Bankln“ und einem Rastplatz im Herzen des historischen Weinanbaugebietes. Vom Kloster hat man einen beeindruckenden Blick auf Berge und Tal. Infotafeln über die Bedeutung des Klosters als Bischofssitz informieren den Spaziergänger entlang des Weges.

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So ein Käse LAND des Weins, des Specks, der Knödel? Ja, aber auch Land des Käses. Etwa in der Feinkäserei Capriz, die Schaukäserei, Erlebniswelt und Bistro vereint. Hier wird Ziegen- und Kuhmilch zu Weichkäse mit Außenschimmel, Doppelschimmel oder Rotschmiere, Caprizella-Mozzarella, Frischkäse und Hartkäse veredelt. In der Erlebniswelt erfahren Besucher, wie aus

Milch Käse wird und im Bistro kann der Käse dann verkostet werden, in Begleitung exzellenter Weine und ausgewählter Köstlichkeiten. www.capriz.bz

+ Mit der bikemobil Card können Bus, Bahn und Leihfahrrad landesweit unbegrenzt genutzt werden.

Kostenlos erhältlich (bei teilnehmenden Betrieben im Zimmerpreis einbegriffen): + Die BrixenCard bietet freien Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln, Museen und Schlössern in Südtirol, einen Eintritt ins Spaßbad Acquarena, eine Fahrt mit der Plose-Seilbahn und ein breites Kultur- und Wanderprogramm. + Die Almencard, gültig in der Almenregion Gitschberg Jochtal und in Natz-Schabs, bietet kosten­lose Seilbahnfahrten, ein Wander-, Kinder- und Familienprogramm sowie Ermäßigungen in Museen, Hüt­ten und Restaurants (Winter ausge­nommen). Die Almencard Plus bietet zusätzlich freie Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmit­teln in ganz Südtirol, je einen Eintritt in Südtirols Museen sowie ein Wanderprogramm in Natz-Schabs. + Die Klausen Card – alps & wine kombiniert die museumobil Card mit weiteren Angeboten: freier Eintritt in drei Schwimm­ bäder, Seilbahnfahrten, Sommerund Winter­wanderbusse, geführte Wanderungen, Wein- und Grappaverkostungen und vieles mehr.

eisacktal.com/vorteilskarten

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Drei Fragen an … Thilo Neumann, den Besitzer des schmalsten Hauses Südtirols

Herr Neumann, was ist denn das für ein Haus? Ein Altstadthaus in der Oberstadt von Klausen. Es stammt aus dem 13. Jahrhundert. Heute ist es ein Feriendomizil und hat den Charme aus der Zeit bewahrt, als Klausen eine Künstlerkolonie war. Es ist nur drei Meter breit, die 100 Quadratmeter Wohnraum sind auf fünf Stockwerke verteilt.

Das schmalste Haus Südtirols steht in Klausen. Der erste Katastereintrag stammt aus dem Jahr 1418.

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1. Stock 1: Balkon

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Wie lebt es sich darin? Hervorragend! Viel besser als in all den rechtwinkligen, langweiligen modernen Wohnungen.

2: Küche – 8,97 m2 3: Diele – 9,04 m2 4: Stube – 12,58 m2

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Länge: 14,22 m

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Thilo Neumann hat das Gebäude von seinem Vater geerbt. Er und seine Lebensgefährtin Petra Tischendorf lieben das Haus, neue Häuser finden sie langweilig.

Welche Geschichte verbirgt sich hinter dem Gebäude? Das Gebäude stammt aus einer Zeit, als im nahe liegenden, schmalen Tinnetal viel Erz abgebaut wurde. Die Häuser der Arbeiter wurden an der ersten breiten Stelle gebaut: in Klausen. Der erste Katastereintrag stammt aus dem Jahr 1418. Mein Vater hat das Haus 1972 erworben.


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PR-INFO

Exzellente Tropfen aus dem Eisacktal Das Eisacktal ist das nördlichste Weinbaugebiet Italiens. Gerade diese Lage macht die Weine aus der Gegend so besonders: Kühles Klima, große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht, hohe Lagen, die späte Weinlese und leichte Böden tragen dazu bei, dass im Eisacktal frische, fruchtige und mineralische Weine mit Charakter gekeltert werden

Das Weinbaugebiet Eisacktal reicht von der Gemeinde Vahrn nördlich von Brixen bis zum Hochplateau des Ritten im Süden. Für eine Alpenregion sind die Niederschlagsmengen hier sehr gering, es gibt außergewöhnlich viele Sonnenstunden, die es ermöglichen, auch in Höhenlagen zwischen 400 und 850 Meter ü. d. M. Wein anzubauen. Diese Voraussetzungen lassen vor allem weiße Sorten prächtig gedeihen: Sie machen ganze 86 Prozent der im Eisacktal „gewimmten“ (Südtirolerisch für „geernteten“) Trauben aus. Dabei wurde hier historisch gesehen – sogar bis ins 20. Jahrhundert hinein – fast nur Rotwein angebaut. Erst vor einigen Jahrzehnten erkannten die hiesigen Bauern und Winzer, dass sich das Klima in diesem Alpental für Weißweine viel besser eignet. Heute tragen sieben Weißweinsorten die Ursprungsbezeichnung „Südtirol Eisacktaler“: Sylvaner, Müller Thurgau, Gewürztraminer, Veltliner, Ruländer, Kerner und Riesling. Der Klausner Leitacher, ein Cuvée, trägt als einziger Rotwein die Eisacktaler Ursprungsbezeichnung.

Weins kam in den 1960er-Jahren: Die Weinbauern gründeten die ersten Genossenschaften und vergrößerten ihre Anbauflächen mit zum Teil aufwendigem Terrassenbau an den Talhängen, der auch heute noch die Landschaft prägt. Heute verarbeiten den Wein des Eisacktals zwei große Kellereien und 18 kleine Winzer, die selbst einkellern. Dazu gehören die Eisacktaler Kellerei, eine Genossenschaft mit 130 Mitgliedern, die traditionsreiche Stiftskellerei Neustift mit ihrer 876-jährigen Geschichte sowie die jungen und innovativen „Freien Weinbauern“. PREISE UND RENOMMEE Als Zusammenschluss von Winzern, Gastwirten und Tourismusvereinen des

Eisacktals entstand im Jahr 2015 die Organisation eisacktalWein, die die Weinregion Eisacktal nach innen und außen stärken will. Eine Mission, die gelingt: Das Renommee der Eisacktaler Weine steigt, die immer zahlreicheren selbstständigen und selbstvermarktenden Weinbauern tragen zur Vielfalt und Sichtbarkeit des Eisacktaler Weinbaus bei. Nicht umsonst gilt das Eisacktal heute als eines der besten Weißweingebiete Italiens. Davon zeugen die vielen Auszeichnungen für Eisacktaler Weine, die namhafte Fachpublikationen jedes Jahr vergeben – von den italienischen Weinbibeln Bibenda, Gambero Rosso oder L’Espresso bis zu internationalen Weinführern wie Robert Parker, Wine Enthusiast oder Wine Spectator.

LANGE TRADITION UND INNOVATIVE WEINBAUERN Im Eisacktal wird schon seit dem 5. Jahrhundert vor Christus Wein angebaut – so weit reichen die ältesten Zeugnisse zurück. Im frühen Mittelalter waren es die Klöster der Gegend, die im Weinanbau federführend wurden. Das zeigt sich beispielhaft an der Stiftskellerei des Klosters Neustift nördlich von Brixen: Hier wird seit dem Jahr 1142 Wein produziert, eine Tradition, die bis heute anhält. Der große Aufschwung des Eisacktaler

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Die da

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oben

Bernhard Mulser ist Hirte auf der Zirmait-Alm hoch über Brixen. Mit seiner Frau und den beiden Kindern kümmert er sich um Rinder und Schweine, monatelang leben die vier abgeschieden am Berg. Was das Leben auf der Alm mit einer Familie macht T e x t — M A T T H I A S F o t o s — M I C H A E L

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ein, die Zirmait-Alm ist keine überlaufene Almhütte mit kitschigen Tischdecken und Bedienungen in Dirndl oder Lederhose. Diese Alm ist echt. Hier, weitab vom geschäftigen Treiben im Tal, ist das Leben noch urig und authentisch. Kälber grasen auf den steilen Wiesen, Schweine suhlen sich im Schlamm. Für hungrige Wanderer wird auf einem Holzherd gekocht. An diesem Ort hat Bernhard Mulser gerade seinen ersten Almsommer verbracht, gemeinsam mit seiner Familie. „Von Anfang Juni bis Ende September sind wir jeden Tag auf Zirmait – und von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang gemeinsam auf den Beinen“, sagt er. Kann das gut gehen, oder versinkt das Familienleben im Streit? Gibt es Almkoller wegen zu viel Nähe? Was macht das Leben da oben mit einem? Wie verändert sich das Bewusstsein? Das Denken? Das Fühlen? Familie Mulser stammt aus Völs am Schlern. Vater Bernhard ist selbstständiger Tischler, Mutter Bernadette Verkäuferin. Sohn Klaus, 17, sucht eine Lehrstelle als Gärtner, Tochter Lisa, 21, hat die Kunstschule in Gröden besucht und möchte jetzt Psychologie und Kunst studieren. Es sind ihre letzten Sommertage auf der Alm. Alle vier blicken zufrieden auf die vergangenen Wochen zurück – dabei kann so ein Sommer beschwerlich sein, die Tage auf der Alm sind lang und anstrengend. Mal etwas anderes machen, das wollte Familie Mulser. Andere würden dafür übers Wochenende wegfahren, sie haben einen radikalen Schritt gewagt, Alltag und Arbeit hinter sich gelassen und etwas Neues ausprobiert. Bernhard Mulser und Sohn Klaus kümmern sich um das Vieh. 15 Kälber, eineinhalb bis zwei Jahre alt, verbringen

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den Sommer auf der Alm. Die neugierigen Tiere gehören zum Tiroler Grauvieh, einer typischen Rasse dieser Gegend. Die Tiere geben sowohl gute Milch wie auch gutes Fleisch und eignen sich wegen ihrer guten Futterverwertung und Trittsicherheit ausgezeichnet für die Weidewirtschaft. Neben dem Grauvieh halten die Mulsers drei Tiroler Alpenschweine, eine alte Rasse. Die Schweine wachsen langsam, haben dafür aber ein hochwertiges, cholesterinarmes Fleisch. Sie dürfen sich auf der Alm von Heu, Äpfeln und anderen Leckereien ernähren. Zu den Bewohnern der Zirmait-Alm gehören ebenso ein Esel, ein Pferd und ein Pony – und gemeinsam mit ihrer Familie verbringen Parson-Russell-Terrier Kiwi sowie die Katzen Furbi und Kitti hier ihre Sommerfrische. Die Katzen verstecken sich, der Hund will spielen. „Den Umgang mit den Tieren habe ich als Kind auf dem elterlichen Hof und als Hirte in meiner Jugend gelernt“, sagt der Vater. Er hat sich Wissen angeeignet, das er täglich weiter vertieft. „Auf der Alm muss man Allrounder sein“, fährt er fort. „Hirte, Handwerker, Meteorologe, Tierarzt und Fremdenführer.“ Tochter Lisa hat schon zwei Sommer auf einer Schutzhütte gekellnert, aber die Arbeit auf einer kleinen Alm ist dann doch noch außergewöhnlicher. Statt nur Kellnerin ist sie jetzt auch Köchin, Hirtin, Handwerkerin und Bäuerin. Beschwerlich und angenehm, so fassen die Mulsers den Sommer zusammen. Lange, harte Tage, aber auch eine Auszeit vom Alltag und eine neue Erfahrung. „Das ist keine Entbehrung, das ist

Die Zirmait Diese Alm ist echt. Hier, weitab vom geschäftigen Treiben im Tal, ist das Leben noch urig und authentisch.

Die Zirmait-Alm liegt unterhalb der Karspitze und ist für Wanderer von Vahrn, Spiluck oder Schalders aus leicht zu erreichen. Von der Alm bis zum Gipfel ist rund eine Stunde einzurechnen, die Besteigung ist nicht besonders anspruchsvoll. Von ganz oben aus bietet sich ein herrlicher Panoramablick über die umliegenden Berge und Täler.


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Gemeinsam mit der Familie verbringen Parson-Russell-Terrier Kiwi und die beiden Katzen Furbi und Kitti den Sommer auf der Alm.

Neben Grauvieh, einem Esel, einem Pferd und einem Pony halten die Mulsers auch Tiroler Alpenschweine – eine alte Rasse.

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„Im Tal unten sind wir alle zu verwöhnt“, sagt Bernhard. „Hier oben nimmt man es eben, wie es ist, und versucht das Beste daraus zu machen.“

das wahre Leben!“, sagt Bernhard. „Hier oben hab’ ich alles, was ich brauche“, ergänzt Sohn Klaus. Die Zirmait-Alm liegt auf 1 891 Meter Meereshöhe, man erreicht sie zu Fuß vom Dorf Vahrn nördlich von Brixen aus in etwa zweieinhalb Stunden, vom Parkplatz am Ende der befahrbaren Straße aus in einer Dreiviertelstunde. Von hier aus hat man einen weiten, offenen Blick zur Plose, zum Kronplatz, zu den schroffen Geislerspitzen und den Zillertaler Alpen. Die Alm liegt abseits der Touristenströme: Es sind vorwiegend Einheimische, die hier einkehren. Ziel der Wanderer ist meist die 2 517 Meter hohe Karspitze, eineinhalb Stunden weiter. Für die Verpflegung sind Mutter Bernadette und Tochter Lisa zuständig. Der Holzherd in der kleinen Küche ist voller Pfannen und Töpfe und verbreitet eine heimelige Wärme. Gulasch und Gemüsesuppe köcheln vor sich hin, der Knoblauchduft der Tomatensoße für die Zirmaitnudeln zieht durch den Raum. Bernadette steht vor einer riesigen Schüssel Knödelteig und dreht mit flinken Fingern das Südtiroler „Nationalgericht“. Sie ist zudem leidenschaftliche Kuchenbäckerin, immer sind mehrere Sorten vorrätig. Bernhard ergänzt das Genusserlebnis mit seinen selbstgemachten Schnäpsen.

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Zeit bekommt hier oben ihre ganz eigene Geschwindigkeit. Die Sonne bestimmt Arbeitsbeginn und -ende, und Arbeit gibt es genug. Trotzdem wirkt die Familie nicht gestresst. „Man muss sich die Zeit eben nehmen“, sagt Bernhard. Die vier Mulsers genießen den Luxus, über ihr Leben selbst zu bestimmen, eins mit der Natur. Und doch: Das Leben auf der Alm ist abenteuerlich. Für Strom auf der Hütte sorgt eine Fotovoltaikanlage mit acht LKW-Batterien als Puffer. Die bringt 3,5 Kilowatt Maximalleistung – wenn die Sonne schön scheint. Bei Schlechtwetter gilt es Strom zu sparen, damit Kühl- und Gefrierschrank ihren Dienst tun können. Das Wasser sprudelt aus der eigenen Quelle, aber auch da ist Sparsamkeit angesagt. Wegen der großen Trockenheit im vergangenen Sommer war die Alm wochenlang fast ohne Wasser. Das mache zwar alles etwas komplizierter, aber wirklich schlimm sei das nicht, meint Bernhard. „Im Tal unten sind wir alle zu verwöhnt. Hier oben nimmt man es eben, wie es ist, und versucht das Beste daraus zu machen.“ Vor der Almhütte gibt es eine Sonnenterrasse und eine Schaukel für die Kleinen, daneben einen kleinen Kräutergarten. So viel wie möglich wird selbst angebaut – zurück zu den Wurzeln. Das Haus selbst ist klein: Neben der Küche gibt es

Zeit bekommt hier oben ihre ganz eigene Geschwindigkeit. Die Sonne bestimmt den Arbeitsablauf. Und Arbeit gibt es genug.

Bernadette ist leidenschaftliche Kuchenbäckerin. Gemeinsam mit Tochter Lisa kümmert sie sich um die Verpflegung.


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Dem Familienleben hat der Sommer auf der Alm gutgetan. „Die Erfahrung hat uns noch enger zusammengeschweißt“, sagt Bernhard Mulser.

Handyempfang gibt es hier oben nur hin und wieder. Man hört nur Kuhglocken und ab und zu eine Krähe.

Auf der Alm müssen viele Dinge gemeinsam erledigt werden – auch das Einkochen von Preiselbeermarmelade.

noch eine Gaststube, ein Zimmer für die Eltern und ein kleines WC – das Plumpsklo neben dem Stall allerdings dient tatsächlich nur noch der Folklore. „Gäste, die spontan vorbeischauen und über Nacht bleiben, werden in einem Matratzenlager im Dachgeschoss einquartiert“, sagt Klaus. Er und seine Schwester schlafen allerdings nicht in der Almhütte – sondern im Stall. Weil Kälber im Sommer keinen Stall brauchen, dient er als Lagerraum, für die Kinder wurden dort zwei Zimmer eingerichtet. Es ist sehr ruhig auf der Alm. Selbst auf das Handy müssen Eltern und Kinder die meiste Zeit verzichten, Empfang gibt es hier oben nur hin und wieder. Man hört nur Kuhglocken und ab und zu eine Krähe. Wirklich aus der Welt ist die Familie auf der Zirmait-Alm zwar nicht, mit dem Geländewagen oder dem klassischen Gefährt vieler Südtiroler Bergbewohner – einem Fiat Panda – ist man in einer halben Stunde in Brixen. Gefühlt ist das Stadtleben allerdings unendlich weit weg. So weit, dass man es gar nicht mehr vermisst: Die

Mulsers streiten regelmäßig, wer zum Einkaufen ins Tal fahren muss. Dem Familienleben hat der Sommer auf der Alm jedenfalls gutgetan. „Die Erfahrung hat uns noch enger zusammengeschweißt“, sagt Bernhard. Was nicht selbstverständlich ist, wenn man vier Monate lang aufeinander klebt. „Man lernt die Familie besser kennen“, sagt auch Tochter Lisa. Der Morgen beginnt beim gemeinsamen Frühstück, bei dem der Tag besprochen und die Aufgaben geplant werden: Wo sind die Kälber, was wird gekocht, haben wir genug Strom für das Backrohr, wer holt Holz? Keine weltbewegenden Entscheidungen, aber auf der Alm überlebenswichtig. Unten im Tal geht jeder seines Weges, aber hier oben müssen viele Dinge gemeinsam erledigt werden. Trotz aller Herausforderungen – zum großen Streit ist es nie gekommen. „Wir vertragen uns immer noch“, freut sich Klaus. Nun, ab Ende August, wird es spürbar kühler auf Zirmait. Der Herbst hält noch viele sonnige und warme Tage bereit, aber auf dieser Höhe kann es auch im September schon schneien. Ein erfolgreicher Sommer liegt hinter der Familie, doch es wird Zeit, sich vom Almleben zu verabschieden. Die Mulsers denken bereits mit Wehmut an die Rückkehr ins Tal. „Im nächsten Jahr wollen wir unbedingt wiederkommen“, sagt Bernadette. Und so lindert der Gedanke an den nächsten Almsommer den Abschiedsschmerz.

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Gipfel Alm Zum wahren Glück braucht’s den Gipfelsieg. Oder reicht eine gemütliche Almwanderung völlig aus? Eine Ode ans Bergsteigen – und eine ans Wandern

WENN ICH IRGENDWO EINEN BERG SEHE, muss ich rauf. Auch wenn es nur ein Gipfelchen ist. Das steckt tief in mir drin. Ich kann nicht anders. Ich will nicht anders. Es ist ein Kick, ganz oben zu stehen: da, wo es nicht weitergeht. Da, wo die Welt ein Stück zu Ende ist. Da, wo du dich wie ein König fühlst – und gleichzeitig wie der unwichtige kleinste Wimpernschlag der Unendlichkeit. Der Mix dieser wogenden Gefühlskombination ist so stark, dass er beinahe süchtig macht. Es gibt Menschen, die sagen, der Gipfel sei nicht so wichtig. Hauptsache Natur, Hauptsache draußen sein, Hauptsache in eine schöne Alm einkehren. Glauben Sie diesen Menschen nicht! Der Gipfel ist Magie. So gut wie das Gipfelspeckbrot kann ein Almknödel nie schmecken. Einen Gipfel zu erreichen bedeutet immer auch: Grenzen austesten, einen Schritt weiter wagen, verstehen, wenn man umzudrehen hat, das hochgesteckte Ziel erreichen – oder es zumindest versucht haben. Wer wandert, mag einen schönen Tag erleben. Wer den Gipfel erklimmt, dem gehört die Welt. Er entdeckt neue Horizonte – auch in sich selbst.

WENN ICH WANDERE, gehe ich einfach los, um unterwegs zu sein. Ziel brauche ich keines, Wandern ist kein Wettlauf. Manchmal weiß ich selbst nicht, ob ich überhaupt irgendwo ankommen will – und müssen tue ich schon gar nichts. Ich möchte Zeit haben, nach links und rechts zu schauen. Ich will meinen Blick und meine Gedanken schweifen lassen. Ich gehe durch kühle Wälder und über weite grüne Almwiesen und schaue mir die majestätischen Bergspitzen von unten an. Ich spüre eine tiefe Ruhe in mir und halte ehrfürchtig inne vor der Schönheit der Natur. Will ich da oben stehen und so tun, als ob ich größer als das alles wäre? Nein! Wandern um des Wanderns Willen? Ja! Es geht nicht darum, seine Grenzen auszutesten. Es geht darum, Teil des Ganzen zu sein und sich dabei unendlich frei zu fühlen. Wer dafür auf Gipfel rennen muss, hat die Natur nicht verstanden. Ich will einfach mal sehen, wohin der Weg führt, und selbst entscheiden, wann ich umkehre. Und wenn ich doch ein Ziel brauche, sind mir eine Almhütte und ein gutes Gulasch tatsächlich lieber als jedes Gipfelkreuz.

L E N Z

D E B O R A

K O P P E L S T Ä T T E R

L O N G A R I V A

Alte Bauernregel Hat die Geisl an Huet, wird's Wetter guet. Hat die Geisl an Sabel, wird's miserabel.

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Das Ziel muss nicht immer der Gipfel sein. Speck und Kaminwurzen auf einer Almhütte mit Blick auf die Geislergruppe machen auch glücklich.

Die Geislergruppe Die „Geisler“ sind eine Gebirgsgruppe in den Dolomiten – ein Kamm zwischen dem Villnößtal und dem Grödner Tal. Der höchste Gipfel ist der Sass Rigais, er liegt 3 025 Meter über dem Meeresspiegel. Die zerklüfteten Felszacken und schlanken Felstürme bieten viele Wanderwege, alpine Kletterouten und zwei Klettersteige. Zahlreiche Almhütten säumen die Wege.

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Die Vielfalt der Berge Brixen, Klausen und Umgebung laden zum Wandern ein: zu jeder Jahreszeit, für Alt und Jung, sportlich oder gemütlich. Sieben ganz unterschiedliche Touren im Kurzporträt

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Kulturwandern Auf den Spuren von Römern, Hexen und Druiden

Eine leichte Wanderung auf uraltem Kulturboden: Das bietet der Archeopfad bei Brixen. Vorbei an prähistorischen Funden, römischen Siedlungen und mystischen Schalensteinen, an denen sich einst – so zumindest die Überlieferungen – Hexen und Druiden versammelten. Wir starten an der Adlerbrücke in der Brixner Altstadt und folgen dem Archeopfad durch das malerische Stufels, Brixens ältestem Stadtteil, mit seinen historischen Häusern und engen Gassen. Weiter geht es nach Kranebitt, danach verlassen wir die Stadt und wandern durch Obstwiesen, Weinreben und Laubwald leicht bergan, in Richtung Elvas. Unterwegs kommen wir an Schalensteinen vorbei, etwa am Bildstein von Elvas. Die mysteriösen Schalensteine gelten als kultische Orte – könnten etwas weniger fantasievollen Quellen zufolge aber auch ganz profane Mörser gewesen sein. Auf jeden Fall geht etwas Magisches von ihnen aus. Hier legen wir eine kleine Rast ein und stellen uns vor, was die alten Felsbrocken für Geschichten zu erzählen hätten.

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Ein Stück des Weges weiter erblicken wir einen nachgebauten römischen Holzturm. Da uns der kinderfreundliche Archeopfad kaum angestrengt hat, erklimmen wir noch in wenigen Minuten den Pinatzbühel, eine kleine Kuppe ganz in der Nähe, die bereits in der Bronzezeit besiedelt war. Hier stand eine Wallburg, in der die Bewohner Handel trieben und in Kriegszeiten Schutz suchten. Beim knapp 300 Einwohner zählenden Dörfchen Elvas entdeckte man jungsteinzeitliche und kupferzeitliche Funde, 9 000 Jahre alt, und auch Räter und Römer sollen später hier gesiedelt haben. Vorbei an der Elvaser Kirche treffen wir auf dem Rückweg in Richtung Stadt auf weitere römische Hinterlassenschaften: alte Fahrrillen, die Spuren römischer Wagen. Am Ende des Pfades wartet das kurioseste Artefakt auf uns: die „Hexenrutsche“, ein Felsen mit mysteriösen Spuren, der Teil eines vorzeitlichen Fruchtbarkeitskultes gewesen sein könnte.

Archeopfad Dauer: 2,5 Stunden Strecke: 6 Kilometer Höhenunterschied: 300 Meter Start- und Endpunkt: Brixen, Adlerbrücke


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Peitlerkofel Dauer: 5 Stunden Strecke: 11 Kilometer Höhenunterschied: 800 Meter Start- und Endpunkt: Würzjoch (2 007 m)

Bergsteigen Hoch hinaus

Der Archeopfad, eine leichte Wanderung auf uraltem Kulturboden, bietet weite Ausblicke über den Talkessel von Brixen.

Die heikelste Stelle erwartet uns knapp unter dem Gipfel: Ein paar Klettersteigpassagen trennen uns noch vom Gipfelkreuz des Peitlerkofels auf 2 875 Meter Meereshöhe. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind vonnöten, doch für geübte Bergwanderer ist der seilgesicherte Steig kein Problem. Nach einigen Zügen ist der Aufstieg geschafft – und der Blick schweift auf den Langkofel und die Geislerspitzen. Wer früh genug startet, kann hier einen wunderbaren Sonnenaufgang erleben. Der imposante Peitlerkofel, dessen ladinischer Name „Sass de Pütia“ lautet, liegt im Naturpark Puez-Geisler und markiert das nordwestliche Ende der Dolomiten. Von Lüsen aus ist das Wandergebiet schnell und einfach erreichbar. Unsere Gipfeltour beginnt auf 2 007 Meter Meereshöhe am Würzjoch, der Passhöhe zwischen Eisack- und Gadertal. Dem Weg 8A folgend gehen wir kurz in Richtung Süden, danach rechts ab, unter der Nordwand des Peitlers entlang. Wir queren die wildromantischen Kompatsch-Wiesen und einen felsigen Steilhang und gelangen zum Steig 4. Diesen steigen wir bis zur Peitlerscharte (2 357 m) empor, die wir nach rund eineinhalb Stunden erreichen. Bis zum Gipfel dauert es dann noch einmal so lang.

Der Abstieg erfolgt auf demselben Weg – aber nun kehren wir kurz nach der Peitlerscharte in der Schlüterhütte, die wir beim Aufstieg links liegen gelassen haben, auf ein Belohnungsbier ein. Wer auf seilgesicherte Steige lieber verzichtet, kann kurz vor dem Gipfel abzweigen und den Kleinen Peitler erklimmen – er sieht den Peitlerkofel dann eben aus der Ferne. König Peitler ist aber nicht nur Bergabenteurern vorbehalten: Wer Gipfel grundsätzlich lieber aus sicherer Distanz betrachtet, kann den mächtigen Berg einfach umrunden. Startpunkt ist wiederum das Würzjoch. Auf dem Weg 8A geht man dem Gipfel entgegen, biegt an der Weggabelung rechts ab und geht in Richtung Peitlerscharte, dem höchsten Punkt der Umrundung. Doch anstatt weiter Richtung Gipfel zu steigen, folgt man den Wegen 4B und 35 leicht abwärts über traumhafte Almwiesen zum Gömajoch und ist nach etwa 13 Kilometern und fünf Stunden Gehzeit zurück am Ausgangspunkt. Eine kürzere Strecke, die sich gut als Familienwanderung eignet, ist der Zirbelkieferweg im hinteren Lüsner Tal: In etwa drei Stunden und mit wenig Höhenunterschied spaziert man auf einem Rundweg von der Jausenstation Kalkofen bis zur Schatzerhütte und zurück, den mächtigen Peitlerkofel stets im Blick.

Geografiestunde Alle genannten Orte finden Sie auf der Karte auf Seite 4

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Mehr als ein Tag Im Wanderrausch

Als irgendwann am dritten Tag die Blase an der Ferse platzt, wünscht man sich, man hätte auf den supersportlichen Nachbarn gehört, der die Blasenpflaster empfahl. Stattdessen hatte man ihm mit einem aufgesetzten Lächeln zugehört und ihn dann ignoriert – wie immer, wenn der Besserwisser einem ungefragt seine gesammelten Lebensweisheiten auf die Nase band. Aber eine Viertagestour ist auch für den Durchschnittssportler nicht ohne. Muskelkater, wunde Füße, ein leichter Sonnenbrand. Trotzdem ist die Unternehmung mehr als erträglich, denn die herrlichen Ausblicke auf die Dolomiten entlang der gesamten Route und die heimeligen Schutzhütten, Einkehrhütten und Almgasthäuser lassen jedes Wehwehchen bald vergessen. Seitdem wir zwei Tage zuvor in Rodeneck gestartet sind, gehen wir über blühende Almwiesen und queren schroffe Felsformationen, begegnen Kühen auf ihren Weiden und hören die „Murmelen“ pfeifen, wie hier die Murmeltiere genannt werden. Unterwegs fällt unser Blick auf den steil aufragenden Peitlerkofel, die Geislerspitzen, den Lang- und Plattkofel und den Schlern. Den Füßen geht es mittlerweile besser, denn als wir einem anderen Wanderer von unserer kleinen Unpässlichkeit erzäh-

len, hilft dieser gern mit einem Pflaster aus – am Berg hilft und unterstützt man sich. Und so können wir kleine Geheimnisse am Wegesrand genießen, am Würzjoch etwa treten geologische Schichten an die Oberfläche, die Hunderte Millionen Jahre Erdgeschichte erlebbar machen. Denn was heute Kletterfreunde fasziniert, war vor Jahrmillionen Meeresboden. Die Kalk-Skelette der Meeresbewohner, die sich mit der Zeit ablagerten, bilden heute die Dolomiten und verleihen den „bleichen Bergen“ ihre hell leuchtende Farbe. Auch unser Sonnenbrand leuchtet – aber noch mehr strahlen wir am Ende unserer Tour. Wegen der sportlichen Leistung, wegen der vielen Erfahrungen, die uns reicher machen.

Dolorama Dauer: 20 Stunden (4 Etappen zu je 3 bis 6 Stunden) Strecke: 60 Kilometer Höhenunterschied: mehrere Auf- und Abstiege Start: Parkplatz Zumis, Rodeneck Endpunkt: Lajen Dorf

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Eine Viertagestour ist auch für Durchschnittssportler kein Spaziergang. Der herrliche Ausblick auf die Geislerspitzen vom Zendleser Kofel aus lässt jedoch jedes Wehwehchen vergessen.


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Für die ganze Familie Kinderleicht

Es ist mehr Spaziergang als Wanderung, aber für die Kleinsten ein hervorragendes Abenteuer: der Almhüttenrundweg Gitschberg. Die anstrengenden Höhenmeter überwinden wir entspannt mit der Seilbahn – für den Nachwuchs eine aufregende Fahrt mit tollem Ausblick. Danach erwartet uns eine leichte Route über blühende Almwiesen, die auch gehfaulen Kindern keine Schwierigkeiten bereitet. Und falls doch, hilft die Aussicht auf Spinatspatzln und Hirtenmakkaroni. Unterwegs kommen wir an vielen einladenden Hütten vorbei, vom urigen umgebauten Heustadel bis zum modernen Berggasthaus mit allem Komfort. Auf dem Weg von Hütte zu Hütte blicken wir immer wieder auf die umliegenden Berggipfel oder weit ins Pustertal hinein – hier finden wir das perfekte Motiv für ein Erinnerungsfoto.

Mit dem Wandern und der Aussicht ist es aber nicht getan: Die Kleinen wollen schließlich unterhalten werden. Kein Problem. Während wir Eltern auf der Sonnenterrasse entspannen, erkunden die Kinder beim Sonnenpark an der Bergstation Gitschberg die riesigen Rutschen. Die Rundwege in der Almenregion Gitschberg Jochtal, zum Beispiel der Panoramarundweg Stoaner Mandl (2,5 Stunden, 8 Kilometer) oder der Finthersteig in Rodeneck (1 Stunde, 3 Kilometer), führen an verträumten Bergbächen und urigen Bergbauernhöfen vorbei und sind alle für Familien geeignet. Für größere und berggeübte Kinder stehen auch zahlreiche leichtere und anspruchsvollere Gipfel zur Auswahl. Übrigens: Auch die Bergstation Jochtal eignet sich für einen Ausflug mit Kindern. Der dortige Erlebnispark bietet Klettermöglichkeiten, einen Streichelzoo, ein Glockenspiel im Wald und Wasserspiele.

Almhüttenrundweg Gitschberg Dauer: 4,5 Stunden Strecke: 12 Kilometer Höhenunterschied: 750 Meter Start- und Endpunkt: Gitschbergbahn, Bergstation

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5 Action!

Nur für Kaltduscher

Brrr, nein, diese Tour ist wahrlich nichts für Warmduscher. Wir klettern durch das Erlebnisbergwerk Villanders, in dem ab dem Mittelalter Silber und Kupfer abgebaut wurden. Ein bis drei Zentimeter schaffte ein Bergmann pro Tag – jeder Schritt bedeutete knapp zwei Monate Arbeit. Als das Bergwerk im Jahr 1908 geschlossen wurde, maßen die Schächte und Zechen 25 Kilometer. Danach verkamen die Stollen, bis der Kultur- und Museumsverein Villanders den Ort wieder zugänglich und ein Erlebnisbergwerk daraus machte. Während es von der Decke auf uns niedertropft, waten wir durch hüfthohes Wasser durch das Labyrinth aus Matthias-, Georg-, Elisabeth- und Lorenzstollen. Teilweise klettern wir (Klettersteigerfahrung sollte vorhanden sein), teilweise geht es auf allen Vieren voran (wer unter Klaustrophobie leidet, hat hier nichts verloren!). Abenteuerfeeling? Und wie! Angst? Nein. Unsere kundigen Führer kennen den Weg, sie strahlen Sicherheit aus. Wir fühlen uns wie Entdecker, doch zu keinem Zeitpunkt auf uns allein gestellt.

Nach dreieinhalb Stunden zeichnet sich weit vorne ein Lichtschein ab. Der Stollen führt wieder ins Freie. Wir haben es geschafft und sind mächtig stolz darauf. Wir denken daran, wie hart es gewesen sein muss, den ganzen Tag, Wochen, Monate, ein ganzes kurzes Leben in diesen engen Gängen zu verbringen, bei acht Grad Celsius, ohne gute Lampen, ohne Funktionskleidung, ohne das Wissen, dass die Stollen ordentlich gesichert sind. Wir steigen ins Freie, schauen auf unsere schlammige Schutzkleidung hinab. Eine Schulklasse läuft an uns vorbei, auch sie mit Helm und Schutzanzügen. Sie sind auf dem Weg zu einer kleineren, kürzeren, weniger anspruchsvollen Tour. Ein Mädchen fragt: „Geht es euch gut?“ Wir nicken – und lachen. Erschöpft, aber glücklich.

Bergwerk-Kaltduscher-Tour Da fühlt man sich wie ein Entdecker: Der Kultur- und Museumsverein Villanders hat alte Stollen zu einem Erlebnisbergwerk umfunktioniert.

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Dauer: 3–4 Stunden Strecke: 3,5 Kilometer und 150 Höhenmeter (davon 70 Höhenmeter zu klettern) Start- und Endpunkt: Erlebnisbergwerk Villanders Mit Voranmeldung: Infos zu allen Bergwerktouren unter www.bergwerk.it


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Lüsner Alm Dauer: 4 Stunden

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Winterwandern Durch den Schnee

Wir haben eine leichte Tour ausgesucht: Wir wandern von Lüsen/Berg über die Lüsner Alm bis zur Pianer Kapelle. Eine ideale Schneeschuhwanderung für Einsteiger. Wir haben etwas Respekt vor diesen Tennisschlägern, die wir uns an die Füße binden, damit wir im feinen Pulverschnee nicht einsinken. Unsere ersten Schritte schauen etwas verwackelt aus, aber wir lernen erstaunlich schnell, uns mit Schneeschuhen geschmeidig durch den Tiefschnee zu bewegen. Es stimmt: Wer laufen kann, kann auch Schneeschuhwandern. Schneeschuhe ermöglichen dem Wanderer, auch im Winter seinem Hobby nachzukommen. Anders als beim Touren-

Strecke: 12 Kilometer Höhenunterschied: 400 Meter Startpunkt: Parkplatz Tulperhof, Lüsen (1 670 m)

skigehen braucht es kein spezielles Training oder eine besondere Technik. Das Risiko ist gering – allerdings sollte man stets den Lawinenbericht im Hinterkopf haben. Und in Lüsen sind wir ohnehin richtig, wir sind im Schlaraffenland des Schneeschuhwanderns: über die Lüsner Alm hinauf zu den Gipfeln, über die Kompatschwiesen flanieren oder weiter zur Rodenecker Alm. Unzählige Wege führen über Hochalmen bis auf Gipfel, vorbei an bewirtschafteten Almhütten mit Blick auf die umliegenden Berge. Im Gegensatz zum Skifahren, bei dem man stets konzentriert bleiben muss, können Blick und Gedanken schweifen und abschweifen. Und so weit wir auch schauen, wir sehen nur schneebedeckte Almen, hochaufragende Bäume, vereiste Bäche und in der Sonne funkelnde Berggipfel. Denn hier oben findet man nichts als unberührte Natur. Und Ruhe. Ein Paradies.

Endpunkt: Pianer Kapelle (1 900 m)

Wer laufen kann, kann auch Schneeschuhwandern. Es braucht kein spezielles Training oder eine besondere Technik.

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Jeder zehnte Apfel kommt aus Südtirol. Besonders schön sind die Apfelwanderungen im Frühling und im Herbst.

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Genusswandern Durch die Apfelwiesen

Südtirol ist der Apfelhain Europas. Auf einer Fläche von rund 25 000 Fußballfeldern werden hier Äpfel angebaut, die Jahresernte beträgt rund 950 000 Tonnen. Jeder zehnte europäische Apfel kommt aus Südtirol. Hautnah erleben wir das am Hochplateau von Natz-Schabs beim Apfelwandern. Wir spazieren gemütlich bei Sonnenschein von Natz nach Raas und wieder zurück, durch Apfelwiesen und ab und an durch ein Stück hübschen Mischwald, ohne große Höhenunterschiede. Dabei kommen wir auch am Biotop Raiermoos vorbei und erleben eine faszinierende Pflanzen- und Tierwelt. Gern lassen wir uns von einem Apfelexperten begleiten, der uns einen anschaulichen Einblick in die Welt der Apfelbauern gibt: Unser Guide kennt hier jede Blüte und jede Knospe. Aber auch

Apfelwandern in Natz-Schabs Dauer: 2,5 Stunden Strecke: 8 Kilometer Höhenunterschied: 150 Meter Start- und Endpunkt: Dorfplatz Natz

allein unterwegs erfährt man an zahlreichen Informationstafeln entlang des Weges Wissenswertes über den Apfelanbau in Natz-Schabs und das Apfelland Südtirol. Wir lernen auf unserer Wanderung alte Apfel- und moderne Clubsorten kennen, informieren uns über die gesunden Inhaltsstoffe des Apfels, über den Zeitpunkt der Ernte und darüber, was man aus Äpfeln alles machen kann. Über den Kreuzweg kehren wir nach Natz zurück, nicht ohne vom Aussichtspunkt Ölberg noch einmal den Blick über das Hochplateau schweifen zu lassen, und folgen unserem Experten mit knurrendem Magen zur abschließenden Apfelverkostung. Wir haben uns den Frühling als Zeitpunkt für unsere Wanderung in NatzSchabs ausgesucht, weil wir uns vom farbenfrohen Naturschauspiel der Apfelblüte verzaubern lassen wollen: Einige Wochen lang, Ende April bis Anfang Mai, tragen Abertausende Apfelbäume ein weißrosa Kleid, am 1. Mai wird die Apfelblüte gefeiert. Wunderschön ist dieser Weg aber auch im Spätsommer, wenn die Bäume schwer an ihren prallen Früchten tragen – oder zur Erntezeit im Herbst, wenn am zweiten Sonntag im Oktober das Apfelfest mit kulinarischen Genüssen lockt.

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„Das Wasser ist ein freundliches Element für den, der damit bekannt ist und es zu behandeln weiß.“ Johann Wolfgang von Goethe

H2O! Ohne Wasser kein Leben, keine Schönheit, kein Genuss. Eine Verkostung

EISACK Der Eisack ist der zweitgrößte Fluss Südtirols. Er entspringt am Brenner und mündet nach 99,9 Kilometern bei Bozen in die Etsch. Der Name des Flusses hat indogermanische Wurzeln: „es“ oder „is“ bedeutete einst „fließendes Wasser“ und wandelte sich erst später zu „Eis“. 1 BARBIANER WASSERFÄLLE Die Barbianer Wasserfälle haben eine Länge von knapp sechs Kilometern und überwinden über mehrere Felsstufen einen Höhenunterschied von 1 520 Metern. Der unterste der Fälle ist mit 85 Metern der höchste Südtirols. Dort in der Nähe befindet sich auch eine Kneippanlage. Geführte leichte Kneippwanderungen finden von Ende Juni bis Ende September jeden Donnerstag von 10 bis 13 Uhr statt (Treffpunkt beim Infobüro Barbian). 2 BERGSEEN In der Umgebung von Brixen und Klausen finden sich viele Bergseen. Zu den schönsten zählen der Seefeldsee, der Schrüttensee, der Radlsee, der Puntleider See und der Totensee.

BIWAK Schlafen im Schnee? Das geht beim „Biwak Camp Südtirol“ auf der Villanderer und Latzfonser Alm – im Zelt oder Iglu. Weitere Infos unter www.biwakcamp.com

4 70 PROZENT Quantitativ gesehen ist Wasser der wichtigste Bestandteil des menschlichen Körpers. Während es bei Säuglingen noch 70 Prozent sind, verringert sich der Wassergehalt im Erwachsenenalter auf rund 60 Prozent, im Seniorenalter auf 45 Prozent. 5 WATER LIGHT FESTIVAL Einmal jährlich im Mai findet in Brixen das „Water Light Festi­val“ statt. Mit dabei: Künstler aus aller Welt, die sich von diesen beiden Elementen inspirieren lassen und an den Wasserstand­orten der Bischofsstadt Kunst­installationen präsentieren. Das Ergebnis: einzigartige Wasser-, Licht-, Kunst- und Lebensmomente. Im Rahmen der Ausgabe 2019 wird der Stadt eine besondere Ehre zuteil: Parallel zur Veranstaltung findet auch der nationale italienische Wasserkongress „Festival dell’Acqua“ statt, auf dem das Thema Wasser wissenschaftlich behandelt wird. Mehr Informationen unter www.brixen.org/waterlight

3 NATURSCHWIMMBECKEN Als es noch keine Freibäder gab, galt der Tinnebach den Be­ wohnern Klausens als Natur­ schwimmbecken. Noch heute ist er ein Tipp für Abkühlung an heißen Tagen. Auch in Lüsen lässt es sich ganz natürlich planschen: Der dortige Badeteich gilt als das erste offizielle Naturschwimmbad Südtirols und liegt malerisch eingebettet in Wiesen und Wälder. Mit 800 Quadratmetern Wasseroberfläche samt Wasserrutsche und Kinderbecken ist er besonders familienfreundlich.

6 PLOSE Am Brixner Hausberg entspringt auf 1 870 Meter Höhe eine artesische Quelle mit natürlichem Mineralwasser. Seit 60 Jahren wird das „Plose“-Wasser von der Familie Fellin abgefüllt und in mehrere Länder verkauft.

20 KM/H Regentropfen fallen im Vergleich zu Menschen langsamer zu Boden: im Durchschnitt mit einer Geschwindigkeit von etwa 20 Stundenkilometern. Da sie nur rund 2,5 Millimeter messen, wirkt sich der Luftwiderstand stärker aus, sie formen sozusagen ihren eigenen Fallschirm. Auch bilden sie gar keine Tropfenform: Nieseltropfen sind kugelrund, große Tropfen untenrum platt. ÜBERFLUTUNG Am 9. August 1921 überflutete der Eisack die Stadt Klausen und setzte sie mehrere Monate lang zum Teil meterhoch unter Wasser. An dieses Ereignis erinnern heute noch etliche Wassermarken, die an den Bauwerken zu sehen sind.

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Von Adelheid Gasser sagt man, sie backe die besten Strauben Südtirols. Zu Gast bei der Bäuerin vom Moar zu Viersch Hof in Verdings

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Oben. Vom Hof aus reicht der Blick 체ber saftig gr체ne Wiesen auf die andere Talseite, bis auf die Geislerspitzen und die Plose. Adelheid Gasser lebt seit 1958 hier. Rechts. Die Stube und die K체che sind die einzigen beheizten R채ume am Hof. T H E L O C A L M AG A Z I N E


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„OHNE ARBEIT GEHT NICHTS“, sagt Adelheid Gasser und schnürt auf einer hölzernen Bank im Garten vom Moar zu Viersch Hof schwer atmend ihre groben Stallschuhe auf. Obwohl ihr die Sonne an diesem Morgen bereits ins Gesicht scheint, zeichnet der Atem der alten Bäuerin eine kleine Wolke in die Luft. Ihr macht das nichts aus. Sie trägt eine kurzärmelige, karierte Bluse und darüber einen blauen Kleiderschurz mit feinen, weißen Mustern. Kalt sei ihr selten, sagt sie. Auch nicht, wenn sie, wie jeden Tag, um halb fünf Uhr morgens in den Stall zu den Kühen geht. Von dort kommt sie gerade und stapft weiter zum Stall ihrer Hühner. „Ich hol nur schnell ein paar Eier für unsere Strauben“, sagt sie und verschwindet. Bereits im Alter von zwölf Jahren musste die heute 90-Jährige auf dem elterlichen Hof in Latzfons mit anpacken. In die Schule ging während des Kriegs niemand. Schließlich hing von der Arbeit das Überleben der ganzen Familie ab. „Hier auf dem Moar zu Viersch bin ich seit 1958“, erzählt Adelheid Gasser, als sie mit Eiern und Milch zurück zur Eingangstür des großen Bauernhofs kommt. Damals heiratete sie ihren Mann und zog zu ihm und seiner Familie auf den Hof. Von hier aus reicht der Blick über saftig grüne Wiesen auf

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die andere Talseite, bis auf die Geislerspitzen und die Plose. Gasser erinnert sich daran, wie sie viele Jahre lang die Milch ihrer Kühe jeden Tag auf einer Kraxe vom Hof bis hinunter ins Tal nach Klausen getragen hat. 45 Minuten Fußweg in eine Richtung, mit 30 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken, um am Ende des Monats einen kleinen Lohn in der Tasche zu haben. 1978 ist ihr Mann verstorben, Kinder hatten die beiden keine. „Was will man machen?“, sagt sie, wendet den Blick zu Boden und hievt sich schweren Schrittes über die steinerne Treppe in den ersten Stock. Hier empfängt die Bäuerin im Herbst die Gäste zum Törggelen in der warmen Stube – neben der Küche der einzige beheizte Raum auf dem ganzen Hof. Schlutzkrapfen, Gerstensuppe, Surfleisch, Kraut, Kartoffelblattln und Kastanien bereitet sie mit ihrer Nichte Mechthild in der Küche zu. Berühmt aber ist Adelheid Gasser vor allem für ihre Strauben und süßen Krapfen. Sie öffnet eine hölzerne Tür am Anfang des Flures. Die dicken Mauern, die aus dem 9. Jahrhundert stammen, und die Decke des Raumes sind von schwarzem Ruß bedeckt. In der Selchkammer habe sie ihre Ruhe zum Backen und in der Küche bleibe so genug Platz für →


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Für die Gäste gibt es Schlutzkrapfen, Gerstensuppe, Surfleisch, Kraut, Kartoffelblattln und Kastanien. Berühmt aber ist Adelheid Gasser vor allem für ihre Strauben und süßen Krapfen.

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Luftig, süß und gar nicht fettig zergehen die Stücke im Mund.

die übrigen Helfer, sagt sie. Normalerweise hängen im schwarzen Raum Fleischstücke von den Schweinen des Hofs zum Räuchern. Eine Technik, mit der man den Speck haltbar macht. Heute aber schüttet die Bäuerin hier eine Ladung Öl in eine schwarze, gusseiserne Pfanne und zündet die Gasflamme darunter an. Dann trennt sie das Eigelb zweier Eier vom Eiklar. In einer Schüssel schlägt die Bäuerin den Eischnee und in der anderen vermengt sie das Eigelb mit etwas Zucker und Salz, Vanillezucker, zerlassener Butter und Milch von ihren Kühen. Dann verschwindet sie kurz und taucht mit einer Flasche Bier wieder auf. „Das brauchen wir, damit die Strauben das Fett nicht aufsaugen“, sagt sie, lacht und kippt einen Schluck davon in die Masse. Sie gibt zuerst etwas Mehl dazu und schließlich das zu Schnee geschlagene Eiweiß.Nach Rezept arbeite sie in der Küche nie, sagt sie. Ihre Hände

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Adelheid Gasser arbeitet nicht nach Rezept. Ihre Hände wissen, wie sich die richtige Konsistenz für den jeweiligen Teig anfühlt.

Zutaten für vier Strauben: 2 Eier 20 g zerlassene Butter Salz und Zucker Vanillezucker 150 ml Milch 100 ml Bier 200 g Mehl ca. ½ l Backfett zum Backen Staubzucker Preiselbeermarmelade, Kompott oder Apfelmus

haben in den ganzen Jahren des Zubereitens klassischer Südtiroler Gerichte wohl gelernt, wie sich die richtige Konsistenz für den jeweiligen Teig anfühlt. „Hier muss noch etwas mehr Mehl rein, sonst ist das Ganze zu flüssig“, urteilt sie und rührt den Teig mit einer Suppenkelle fertig um. Während die Hände der alten Frau von Falten und aufgeschwollenen Knochen gezeichnet sind, leuchten die prallen Wangen rot, die Augen strahlend blau. Die grauen Haare hat sie zu einem Zopf gebunden und unter einem Haarnetz verstaut. Wenn man sie nach dem Geheimnis ewiger Jugend fragt, zeigt sie ihr verschmitztes Lachen. „Eine halbe Stunde Schlaf nach dem Mittagessen, dann ruhen die Gedanken.“ Den fertigen Teig schöpft die Bäuerin mit der Suppenkelle in einen Straubentrichter. Das Loch an der unteren Seite des Trichters hält sie mit ihrem Zeigefinger zu. Dann zielt sie über die Pfanne, löst den Finger und lässt den Teig mit kreisenden Bewegungen geschickt in das heiße Öl fließen. Während die lange Schlange langsam goldbraun aufpufft, dreht Gasser die Flamme noch etwas höher und wendet die Straube im heißen Fett. Kurz darauf schöpft sie das fertige Gebäck aus der Pfanne auf einen Teller. Das Straubenmachen hat Adelheid Gasser sich selbst beigebracht und es im Laufe der Jahrzehnte immer weiter perfektioniert. Wenn zu besonderen Anlässen schon mal über hundert Strauben im heißen Fett landen, hole sie sich Hilfe von jungen Bäuerinnen aus dem Dorf, erzählt sie und schöpft nach nicht einmal einer Minute die nächste süße Schlange aus der Pfanne. Mit etwas Staubzucker und Preiselbeermarmelade garniert, reicht sie die Köstlichkeit zum Probieren: Luftig, süß und gar nicht fettig zergehen die Stücke im Mund. So, genau so müssen Strauben schmecken.

Das Eigelb vom Eiweiß trennen. Eiweiß in einer Schüssel zu Schnee schlagen und in einer anderen Schüssel Eigelb, zerlassene Butter, etwas Zucker, Vanillezucker, Salz, Milch und Bier schaumig rühren. Das gesiebte Mehl und den Eischnee einrühren, bis der Teig schön glatt ist. Den eher dickflüssigen Teig mit einem Straubentrichter kreisförmig in heißes Backfett einlaufen lassen und auf beiden Seiten goldgelb backen. Aus dem Fett nehmen und auf einem Teller mit etwas Staubzucker und Preiselbeermarmelade, Kompott oder Apfelmus servieren.

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Der „Gambero Rosso“ hat in seinem Weinführer „Vini d’Italia 2019“ vier Eisacktaler Weine mit Drei Gläsern prämiert: EISACKTAL SYLVANER ALTE REBEN 2016 Pacherhof, Andreas Huber EISACKTAL SYLVANER LAHNER 2016 Taschlerhof, Peter Wachtler EISACKTAL RIESLING 2016 Köfererhof, Günter Kerschbaumer WEISSBURGUNDER PRAESULIS 2017 Gumphof, Markus Prackwieser

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W wie Wein Verkosten, Fachsimpeln, Trinken. Aber wie geht das richtig? Önologin Fenja Hinz von der Eisacktaler Kellerei gibt Tipps

Fenja Hinz wurde 1988 geboren und ist in Erlangen aufgewachsen. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Winzerin und studierte an der Hochschule Geisenheim University Weinbau und Önologie. Seit rund drei Jahren lebt sie in Südtirol und ist zweite Kellermeisterin der Eisacktaler Kellerei.

Ich stehe als Weinbanause in einem Eisacktaler Supermarkt vor dem Weinregal und will was Gutes kaufen. Was mache ich? Ich würde auf regionale Weine und Rebsorten setzen. Da ist das Eisacktal vor allem mit Weißwein gut positioniert: Sylvaner, Kerner, Veltliner. Mutig sein! Auch einmal etwas auswählen, das man noch nie probiert hat. Ansonsten keine Scheu haben zu fragen und sich beraten zu lassen. Wie billig ist zu billig? Was den Preis angeht, hat sicherlich jeder eine eigene Toleranzgrenze nach oben und unten. Ich denke aber, man sollte immer im Hinterkopf behalten, dass Wein in seiner Produktion mit viel Aufwand und Kosten in Verbindung steht. Viel Handarbeit, besonders in Steillagen, und nur einmal im Jahr eine Ernte.

Was, wenn der Kork bricht oder Korkstücke im Wein laden? Sieht blöd aus, tut aber nichts. Der Wein wird nur verdorben, wenn der Korken einen Fehler hat, nicht weil der Kork im Wein schwimmt. Welcher Satz geht beim Verkosten immer – auch ohne jegliche Ahnung zu haben? Da rate ich dazu, etwas Positives zu sagen. Wenn es ein junger Jahrgang ist, dann passt immer: „Hmmm, jaaaa, der kann auch noch ein bisschen Zeit vertragen.“ Das stimmt ja auch, wenn er sehr gut ist. Bei einem älteren Kaliber empfehle ich: „Hmmm, mhm, ja, trotz seines Alters präsentiert er sich noch offen und aromatisch.“

Beim Weinöffnen kann ich nur alles falsch machen. Wie bekomme ich das irgendwie elegant hin? Einen guten Korkenzieher nehmen – mit Hebelfunktion. Die Schraube von Anfang an gerade ansetzen, um die Mitte des Korkens zu treffen. Dann bis zum Anschlag eindrehen. Vorsicht bei älteren Jahrgängen, da kann der Korken bereits etwas poröser sein.

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Von Sternen und Höfen Hier isst man gut. So heißt es nicht nur, so ist es auch. Von der Sterneküche bis zum Bauerngasthaus – in und um Brixen und Klausen floriert eine spannende Alpenküche, die Altes schätzt und Neues ausprobiert

T e x t — L E N Z K O P P E L S T Ä T T E R F o t o s — C A R O L I N E R E N Z L E R

ls das Jahr 2006 sich dem Ende neigte, der Winter jedoch noch nicht kommen wollte – draußen war es noch spätsommerlich warm –, da bekam MARTIN OBERMARZONER seinen ersten Stern. Bald wusste seine gesamte Heimatstadt Klausen davon, nur er selbst wusste nichts. „Herzlichen Glückwunsch“, schrieb jemand via SMS. Was das solle, dachte sich der junge Koch, er habe doch erst in einigen Tagen Geburtstag. Als sein Vater etwas verärgert nach Hause kam, dämmerte es ihm allmählich. Der Vater polterte. Warum habe er ihm nichts vom Stern erzählt? Er sei beim Bürgermeister gewesen, habe etwas wegen der Feuerwehr klären müssen. Die ganze Stadt habe ihm gratuliert. Dann erst las der Sohn von der Auszeichnung in den Zeitungen. Schon als kleines Kind spielte Martin Obermarzoner mit den Pfannen in der Küche des elterlichen Betriebs in Klausen, im Hotel Bischofhof. Direkt am Hang, mit Blick auf das idyllische Städtchen und das sonnenbeleuchtete Kloster Säben. Koch wollte er werden, damals schon. „Etwas anderes kam für mich nie in Frage“, sagt er heute und bestellt sich noch einen Espresso. Es ist sein dritter. Es ist zehn Uhr morgens. Er ging in die Welt hinaus, lernte bei Sterneköchen, sagte sich: Das will ich auch. „Von da an waren die Sterne mein Ziel. Wenn man sich Ziele setzt, dann sollen es doch die höchsten sein, oder?“ Noch einen Schluck Espresso. 2011 folgte der zweite Stern.

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Alexander Thaler bereitet ein Tatar vom einheimischen Jungrind zu, klassisch, mit Butter und Toastbrot. Von überallher kommen die Gäste – Südtiroler wie Touristen –, um es zu genießen.

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Rein in die Küche. Radio an. Gemeinsam mit seiner Frau Marlis betreibt Martin Obermarzoner heute das Hotel in dritter Generation – und zusätzlich das Jasmin, sein kleines, aber feines Gourmetrestaurant. Fünf, sechs Tische. Höchste Kochkunst. Er macht in der Küche meistens alles selbst. Spinatzupfen sei für ihn wie Meditation, sagt er. „Ich will meinen Gästen die weltweit besten Produkte bieten“, so erklärt er seine Philosophie. „Wenn ich diese vor der Haustür finde – umso besser. Und ich will möglichst alles verwerten.“ Kräuter und Gemüse holt er aus dem Garten, Zwetschgen und Quitten von den Bäumen hinterm Haus. Immer wieder geht er mit seiner Frau und Hund Knuddel

in den Wald – Tannenzapfen suchen. Er stellt sich an den Herd. Zaubert einen Salat vom Wintergemüse mit Rücken vom iberischen Pata-Negra-Schwein und Kräutern, Kresse und Blüten. Dann einen Risotto mit Tannensprossenbutter und roten Garnelen. Martin Obermarzoner verzaubert seine Gäste im Klausner Zweisternerestaurant Jasmin auf allerhöchstem kulinarischem Niveau. Doch Südtirol macht aus, dass eine breite Vielfalt an Gasthäusern, vom Gourmetlokal bis zur Bauernstube, exzellente Küche bieten. Da ist für jeden etwas dabei. Die Region zwischen Brenner und Salurn ist in den vergangenen Jahrzehnten kulinarisch durchgestartet.


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Auch Thaler ist viel herumgekommen. Er hat mit Roland Trettl im legendären Restaurant Ikarus im Hangar-7 in Salzburg gekocht, er hat bei italienischen Fernsehshows mitgemacht. „Die Arbeit des Kochs hat mich immer fasziniert“, sagt er und seine Augen leuchten dabei, „denn sie ist kreativ und spannend.“ Irgendwann hat es ihn wieder nach Hause zurück gezogen – wie so viele Südtiroler. Und er wollte hier umsetzen, was er kulinarisch in der großen, weiten Welt aufgesaugt hat. Das Sunnegg ist umsäumt von Weinreben und Wald, in der Küche dampft es, feine Gerüche vermischen sich. Lenny Kravitz singt im Radio. Thaler singt mit, während er Zwiebeln hackt. Er bereitet ein →

Dabei war einst alles ganz anders. Dieses Stück Land zwischen den Bergen bot kulinarisch vornehmlich zähe Bauernkost. Südtirol war das Land der Arme-Leute-Küche, wo immer wieder Knödel und Kartoffeln als Tagesgerichte herhalten mussten. Tempi passati! Längst haben sich mediterrane, alpin-bäuerliche und habsburgische Küche gegenseitig beeinflusst, längst hat eine Generation junger, weltoffener Köche die Geschmäcker Tirols neu entdeckt, das Gute der einfachen Küche zu zelebrieren gelernt, neu variiert und mit spannenden, manchmal auch internationalen, Einflüssen bereichert. Köche wie etwa ALEXANDER THALER vom Restaurant Sunnegg oberhalb von Brixen. Der Name des Gasthauses kommt nicht von ungefähr. Heiß brennt die Sonne auf die Terrasse hinab, wo Thaler gerade die Tische sauberwischt. Der Blick reicht hinunter auf die Bischofsstadt und zum Kloster Neustift. Stolz breitet ein Feigenbaum sein Geäst aus und präsentiert seine reifen Früchte. Thaler führt wie Obermarzoner das Haus in dritter Generation, sein Großvater hatte es in den 1950er-Jahren erstanden.

Der Name des Gasthauses, Sunnegg, kommt nicht von ungefähr. Heiß brennt die Sonne auf die Terrasse hinab, der Blick reicht hinunter auf die Bischofsstadt und zum Kloster Neustift.

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Tatar vor, vom einheimischen Jungrind, klassisch, mit Butter und Toastbrot. Von überallher kommen die Gäste – Südtiroler wie Touristen –, um es zu genießen. „Gute, ehrliche Küche und traditionelle Orte“, sagt der junge Koch, während er in der Stube noch einmal das Besteck zurechtrückt, „ich liebe diese Kombination.“ Die Stuben sind mit altem Stadelholz vertäfelt, Kachelöfen stehen darin, auch SchwarzWeiß-Fotos der Groß- und Urgroßeltern. Im kleinen Keller stellt Thaler Wein selbst her. Sylvaner, Kerner, Zweigelt, typisch Eisacktal. Thaler und sein Restaurant sind Teil der Initiative „Südtiroler Gasthaus“: 34 familiengeführte Gasthäuser, die sich der Pflege und Wiederentdeckung der traditionellen Südtiroler Küche sowie der Verwendung heimischer und saisonaler Produkte verschrieben haben. Thaler betreibt einen eigenen Kräutergarten, auch Zucchini, Tomaten und vieles mehr kultiviert er selbst. Das Fleisch kommt aus Südtirol, vom einheimischen Metzger. Wie viele seiner Kollegen bezieht er weitere Produkte aus der Umgebung, zum Beispiel von den Gärten des Aspinger-Hofs in Barbian, der über 500 beinahe vergessene Obst- und Gemüsesorten anbaut. „Ich muss kein Känguru kochen, ich brauche keinen Wein aus Neuseeland“, sagt Thaler, während er das Tatar serviert. „Wir achten auf regionale Kreisläufe, auf saisonale Küche.“ Thaler und viele seiner Kochkollegen bauen auf neue Ansätze, sie wollen jedoch die kulinarische Welt nicht neu erfinden. Sie wollen kochen wie früher – aber mit dem Augenmerk auf einer passenden Mi-

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schung aus Tradition und Moderne. Das gute Alte nicht vergessen, sich dem Neuen nicht verwehren. PAUL HUBER setzte sich genau das zum Ziel, als er sich entschied, den Buschenschank seiner Eltern weiterzuführen. „Die Entscheidung war nicht einfach, es steckte viel Arbeit dahinter“, erzählt er und schenkt in der 250 Jahre alten Stube seines Griesserhofs in Vahrn nördlich von Brixen ein Glas Eigenbau-Sylvaner ein, „aber ich wusste, wenn ich das mache, dann richtig.“ Buschenschänke sind Bauernstuben mit Gastbetrieb, sie bieten hauptsächlich hofeigene Produkte an. „Die Stube ist der Lebensmittelpunkt der bäuerlichen Familie“, sagt Huber. Was hat sie nicht alles schon gesehen? Was wird sie nicht noch alles erleben? Am Nachbartisch bestellt ein junges Pärchen Coca-Cola. Der geschnitzte Jesus am Kreuz schaut grimmig vom Herrgottswinkel herab. Huber grinst gutmütig. „Cola gibt es nicht“, sagt er und serviert selbstgemachten Traubensaft. 1192 wurde der Griesserhof erstmals urkundlich erwähnt. Der Wirt erinnert sich, wie er als Kind seinen Großvater mit dem Handkarren hinunter nach Brixen begleitete, um Brot, Butter und Speck zu verkaufen. In den 1980er-Jahren wurden die einst im Eisacktal gewachsene Tradition des Törggelen und das Prinzip Buschenschank mitunter verwässert. „Wir wollen wieder zum Ursprung zurück“, sagt Huber. Er serviert Schlutzer, die weich auf der Zunge zergehen. Sie schmecken, wie sie an diesem Hof schon vor hundert Jahren geschmeckt haben, wie sie hoffentlich in hundert Jahren noch schmecken werden.

Jedes Gericht erzählt die kulinarische Geschichte eines Mikrokosmos. Und das junge Pärchen vom Nachbartisch bestellt noch zwei Gläser Traubensaft. Ursprung und Zukunft. Der ewige Kreislauf der Küche. In Klausen ist es Abend geworden, das Jasmin füllt sich. „Früher wollte ich total verrückt kochen“, sagt Martin Obermarzoner, schwenkt die Pfannen und lacht. „Da war sicher auch viel jugendlicher Übermut dabei. Heute habe ich Lust auf Einfachheit. Aber eines bleibt wichtig: Das Gericht muss beim Gast Emotionen wecken.“ Sagt es und schickt den „Gruß aus der Küche“ an die ersten Gäste raus. Mit dabei: ein kleines Schälchen vorzüglichster Gerstensuppe.


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Paul Huber serviert Schlutzer, die weich auf der Zunge zergehen. Sie schmecken, wie sie an diesem Hof schon vor hundert Jahren geschmeckt haben, wie sie hoffentlich in hundert Jahren noch schmecken werden.

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E I N M U S E U M S S T Ü C K I M F O K U S

Der verlorene Schatz ieser Hostienbehälter aus vergoldetem Kupfer mit Ornamenten aus Silberfiligran, Koralle und Glasmasse stammt aus Neapel aus dem letzten Viertel des 17. Jahrhunderts und ist Teil des sogenannten Loretoschatzes. Den „Schatz“ verdankt Klausen der Königin von Spanien, Maria Anna: Auf Bitten ihres persönlichen Beichtvaters, des Kapuzinerpaters Gabriel Pontifeser, ließ sie in dessen Heimatstadt um 1700 ein Kloster errichten und stiftete dafür liturgische Gegenstände, Bilder und weitere Kunstwerke, größtenteils von spanischen und italienischen Künstlern des 16. und 17. Jahrhunderts. Ihren Namen verdankt diese Sammlung der Loretokapelle. Hier blieb sie fast 290 Jahre lang sicher verwahrt. Doch in der Nacht vom 26. zum 27. Mai 1986 verschwand ein großer Teil davon in einem aufsehenerregenden Diebstahl, der in Südtirol als „Raub des Jahrhunderts“ galt. Die Spuren der Auftraggeber führten bis ins internationale Drogenmilieu.

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Ein Jahr später konnten einige Stücke des Schatzes in Verona und dann 1989 der größte Teil in der Schweiz sichergestellt werden. Er wurde wieder nach Klausen gebracht und dort im 1992 eröffneten Stadtmuseum ausgestellt. Das chinesische Porzellan fanden Ermittler, mit Ausnahme einer Tasse, 1998 bei einer Drogenrazzia in Mestre (Venedig). Doch der wertvollste Teil des Loretoschatzes – Kelchgarnituren, Messkännchen und eben dieser Hostienbehälter – blieb verschollen. Bis eine Spezialeinheit der Carabinieri ihn 2013 sicherstellen konnte. Nach aufwendiger Restaurierung und einer Sonderausstellung in Rom traten die 23 verlorenen Prunkstücke ihre Heimreise nach Klausen an, wo sie heute im Stadtmuseum bewundert werden können.

Stadtmuseum Klausen + Das Stadtmuseum befindet sich im ehemaligen Kapuzinerkloster. Die Highlights sind der Loretoschatz sowie Werke der Klausner Künstlerkolonie um Alexander Koester. + Klausen, Kapuzinerkloster, Auf der Frag 1, Tel. 0472 846 148, geöffnet von Ende März bis Anfang November. www.museumklausenchiusa.it

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Hostienbehälter Alter: letztes Viertel des 17. Jh. Herkunftsort: Neapel Materialien: vergoldetes Kupfer, Ornamente in Silberfiligran, Koralle und Glasmasse

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Das Museum + Die Dauerausstellung des Südtiroler Archäologiemuseums dreht sich rund um Ötzi, den Mann aus dem Eis. Sie erstreckt sich über drei Etagen, zeigt die Mumie selbst sowie weitere Fundstücke: Kleidung und Ausrüstung. + Dem Besucher werden zudem die Umstände des Fundes, die aufwendige Bergung, die Datierung des Alters der Mumie sowie die komplizierte und anspruchsvolle Konservierung erklärt. + Das Museum befasst sich auch mit dem Alltag unserer Vorfahren in der Kupferzeit. Ein Highlight der Ausstellung ist die lebensnahe Rekonstruktion des Mannes aus dem Eis. + Südtiroler Archäologiemuseum, Bozen Museumstraße 43, Tel. 0471 320 100, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Eintritt für Erwachsene 9 Euro www.iceman.it

Ötzi 1991 war Ötzi von Bergsteigern am Schnalstaler Gletscher zufällig entdeckt worden. Bald stellte sich der Fund als Sensation heraus: Die Mumie ist über 5 300 Jahre alt und im Eis natürlich konserviert worden. Nach intensiven Untersuchungen wurde eine Pfeilspitze im linken Schulterblatt entdeckt – der Mann war ermordet worden! Ötzi war zu Lebzeiten rund 1,60 Meter groß und 50 Kilogramm schwer. Er hatte dunkles, mittellanges Haar und wurde 45 Jahre alt.

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Interview

Kam er aus dem Eisacktal? Ötzi, die über 5 000 Jahre alte Gletschermumie, birgt noch viele Geheimnisse. Angelika Fleckinger, Direktorin des Südtiroler Archäologiemuseums, spricht über überraschende Entdeckungen, das Eisacktal zu Ötzis Zeit – und warum man dem Mann aus dem Eis in den Mund schauen muss, um etwas über seine Herkunft zu erfahren

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ie arbeiten seit über zwei Jahrzehnten im Archäologiemuseum in Bozen, seit 13 Jahren als Direktorin. Was war für Sie das spannendste Detail, das in all der Zeit im Zusammenhang mit Ötzi entdeckt wurde? Die Pfeilspitze in Ötzis Schulter. Damit war bald klar, er ist ermordet worden und seine Geschichte musste völlig neu erzählt werden. Der Mann aus dem Eis ist kein herkömmliches Ausstellungsstück. Er wird von Besuchern und natürlich auch von uns Museumsmitarbeitern und Forschern immer als eine einst lebendige Person wahrgenommen. Ötzi ist kein Objekt, er war ein Mensch. Ein Mensch, dem wir mit Würde begegnen müssen.

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Ötzi werden immer wieder Proben entnommen, um an neue Erkenntnisse zu seinem Leben zu gelangen. So hat man auch herausgefunden, dass er wohl Eisacktaler war. Wie kam es dazu? 2003 hat der österreichische Forscher Wolfgang Müller eine kleine Probe von Ötzis Zahnschmelz entnommen, um dort Isotope von Strontium zu untersuchen. Solche Isotope aus dem eigenen Lebensumfeld lagern sich bis zum vierten Lebensjahr im Zahnschmelz ein und bleiben dort für immer konserviert. Anhand dieser Ablagerungen kann festgestellt werden, wo jemand die Kindheit verbracht hat. In Südtirol hat man daraufhin die Isotopenwerte in Erdproben aus verschiedenen Gegenden untersucht. Den Befunden nach zu urteilen, lebte Ötzi als Kind auf kristallinen Böden, wie sie im oberen Eisacktal vorkommen. Bodenproben aus Feldthurns weisen dabei die höchste Übereinstimmung auf.

„Ötzi ist kein Objekt, er war ein Mensch. Ein Mensch, dem wir mit Würde begegnen müssen.“

Dr. Angelika Fleckinger wurde 1970 geboren und studierte an der Universität Innsbruck Ur- und Frühgeschichte, Kunstgeschichte sowie klassische Archäologie. Von 1998 bis 2004 war sie Koordinatorin im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen, seit Januar 2005 leitet Fleckinger das Museum als Direktorin. Sie hat unter anderem die Bücher „Ötzi, der Mann aus dem Eis“ und „Ötzi 2.0“ publiziert.

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„In Villanders und Feldthurns ließ es sich bestimmt auch schon zu Ötzis Zeit gut leben.“

Hat Ötzi sein Leben auch in anderen Teilen Südtirols verbracht? Isotope in seinem Oberschenkelknochen weisen darauf hin, dass er sich zumindest während seiner letzten Lebensjahre im Vinschgau aufgehalten hat. Wir wissen, dass Menschen in der damaligen Zeit ihren Lebensraum durchaus auch verlagert haben. Vor allem Frauen haben ihr Leben durch Beziehungen oder Heirat auch weit weg vom ursprünglichen Geburtsort verbracht. Hat Ötzis Familie alleine gesiedelt? Nein, sie hat in einer kleinen dörflichen Gemeinschaft gelebt. Wie die Gesellschaft damals genau strukturiert war, wissen wir nicht, klar ist nur: Südtirol war damals wesentlich dünner besiedelt als heute. Warum das Eisacktal als Siedlungsgebiet? Die Menschen haben ihre Siedlungen immer im relativ flachen Gelände angelegt, welches die Möglichkeit zur Tierhaltung und zum Anpflanzen von Getreide bot. Wasservorkommen spielte natürlich auch eine wichtige Rolle. Das Eisacktal ist ein sehr steiles Tal. Lieblicher wird es dort erst im Mittelgebirge wie etwa den Hochflächen in Villanders oder Feldthurns. Dort ließ es sich bestimmt auch schon zu Ötzis Zeit gut leben.


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Den Befunden nach zu urteilen, lebte Ötzi als Kind auf kristallinen Böden, wie sie im oberen Eisacktal vorkommen.

Auch der Nahrung wegen? Sicherlich. Die Menschen in der Kupferzeit ernährten sich von gezüchteten Tieren und angebauten Getreidesorten, aber das Jagen und Sammeln waren ebenso wichtiger Ernährungsbestandteil. Schafe, Ziegen und Rinder wurden im Sommer wohl auf die Hochalmen getrieben. So konnte man – genau wie heute – Heu ernten, um die Tiere im Winter zu füttern. Gibt es heute im Eisacktal noch Spuren aus der Zeit vom Mann aus dem Eis? Es gibt einige Funde aus dem Neolithikum, zum Beispiel die archäologische Fundstätte Plunacker in Villanders oder das Kultareal Tanzgasse in Feldthurns, die man beide besichtigen kann. An Kultplätzen in weiten Teilen Südeuropas wurden steinerne Statuen, sogenannte Menhire, gefunden. So auch in Brixen-Tötschling. Ein Stein aus dieser Kultstätte, der eine männliche Figur darstellen soll, steht heute im Archäologiemuseum in Bozen. Bei genauem Hinschauen erkennt man Waffen und Dolche, die in die harte Oberfläche graviert wurden. Welche Rolle spielten Kulte und Riten zu Ötzis Zeit? Es ist ganz sicher, dass die Menschen von damals religiöse Vorstellungen hatten. Leider hat man aber keine

schriftlichen Überlieferungen und kann die genauen religiösen Inhalte nicht rekonstruieren. Ahnenkult wird bestimmt eine wichtige Rolle gespielt haben. Natürlich barg Religion auch damals schon eine starke soziale Komponente, denn ihr Urzweck ist die Regulierung von sozialen Gemeinschaften. Die zehn Gebote sind ja eigentlich ein Gesetzbuch, eine Anleitung für eine funktionierende Gesellschaft. Solche Regeln des Zusammenlebens gab es bestimmt zu Zeiten Ötzis auch schon. Die gefundenen Statuen haben entweder Götter symbolisiert oder – was unserer Ansicht nach jedoch wahrscheinlicher ist – bedeutende Ahnen. Wie sieht es mit Ötzis Nachfahren aus, leben die heute noch im Eisacktal? Das Genom von Ötzi ist zu 97 Prozent entschlüsselt. Die weibliche genetische Linie ist mittlerweile ausgestorben, aber Ötzi-DNA aus dem Y-Chromosom kann immer noch nachgewiesen werden. Demnach gibt es zahlreiche Menschen, die derselben genetischen Gruppe angehören wie der Mann aus dem Eis. Was jedoch nicht bedeutet, dass sie direkte Verwandte von ihm sind. Vorwiegend leben diese Menschen heute auf Sardinien oder Korsika. Auf dem europäischen Festland haben sich die unterschiedlichen genetischen Linien viel stärker vermischt. Eine eigene Verbindung mit ihm →

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Die Menschen in der Kupferzeit ernährten sich von gezüchteten Tieren, sie waren gleichzeitig aber auch noch Jäger und Sammler.

kann aber niemand ausschließen. Immer wieder erreichen uns E-Mails von Menschen, die uns mitteilen, derselben genetischen Gruppe wie Ötzi anzugehören. Vor allem aus Amerika, wo DNA-Tests mittlerweile im Trend liegen. Menschen lassen sich dort auf eigene Initiative hin testen, um mehr über ihre genetische Herkunft zu erfahren, aber auch Informationen zu genetischen Veranlagungen zu erhalten.

„Es gibt Menschen, die derselben genetischen Gruppe wie Ötzi angehören.“

Seit über 27 Jahren wird an Ötzis Mumie geforscht. Was bleibt noch zu entdecken? In den vergangenen Jahren hat sich die Forschung stets weiterentwickelt – und sie wird es weiter tun. Wir bekommen jährlich ein halbes Dutzend Forschungsanfragen aus aller Welt. Ötzi ist weltweit einzigartig. Er wurde durch das Eis unverfälscht konserviert – anders als ägyptischen Mumien, die durch Chemikalien oder Trocknung künstlich mumifizierten. Ötzi ist daher ungemein wertvoll und hilft, unser Wissen über seine Zeit zu vermehren. Welche offenen Fragen würden Sie gern in naher Zukunft geklärt wissen? Ich möchte seine letzten Tage noch detaillierter rekonstruieren können. Was genau ist passiert? Warum wurde er ermordet? All das finde ich sehr spannend.

Ein Menhir aus Brixen-Tötschling steht heute im Archäologiemuseum in Bozen.

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PR-INFO

Entdeckungsreise in ein Künstlerstädtchen Shopping, Genuss und Kultur in Klausen Öffnungszeiten der Geschäfte + Montag bis Freitag von 9 bis 12 Uhr und von 15 bis 19 Uhr Samstag von 9 bis 12 Uhr www.klausen.it/shopping

Stadtmuseum Klausen + Das Museum ist vom 24. März bis zum 3. November von Dienstag bis Samstag von 9.30 bis 12 Uhr und von 15.30 bis 18 Uhr geöffnet. Am Sonntag, Montag und an Feiertagen ist das Stadtmuseum geschlossen. www.museumklausenchiusa.it

Kostenlose Stadtführungen Klausen, das „Stadtl“ im unteren Eisacktal, gehört zu den „Borghi più belli d’Italia“, reiht sich also in die Riege der schönsten historischen Ortschaften Italiens ein. Seit jeher zieht das Künstlerstädtchen mit seinem mittelalterlichen Flair, den engen Gassen und schönen Bürgerhäusern mit schmalen, bunten Fassaden Künstler und Dichter in seinen Bann. Weithin überragt der Säbener Berg das Tal, auf seiner Kuppe thront der ehrwürdige, einst in ganz Tirol sehr bedeutende ehemalige Bischofssitz. Das heutige Kloster der Benediktinerinnen ist zusammen mit den gotischen Kirchen der Stadt, dem Kapuzinerkloster und der mächtigen Burg Branzoll ein stummer Zeuge der einstigen mittelalterlichen Zollstadt. Das kleine Städtchen mit seinen rund 2 500 Einwohnern liegt eingebettet in eine malerische Kulisse aus Weinbergen und Kastanienhainen, die von Jahrhunderten der Bewirtschaftung und Tradition erzählen. Es inspirierte Albrecht Dürer zu seinem Kupferstich „Das große Glück“, in dem die griechische Göttin Nemesis auf einer Kugel über Klausen dahinschwebt. Heute laden zahlreiche kleine, inhabergeführte Geschäfte und modische

Boutiquen zum Bummeln und Flanieren entlang der historischen Altstadtmeile ein. Das Angebot reicht vom bunten Blumenladen über traditionelles und modernes Handwerk bis zur hochwertigen Mode und beinhaltet heimische, regionale und fair gehandelte Produkte. In den verschlungenen Gassen Klausens warten traditionsreiche Gasthäuser, in denen schon vor Jahrhunderten Gäste bewirtet wurden, als die Straße vom Brenner nach Süden noch mitten durch die Ortschaft führte. Heute kommt man hier in den Genuss hausgemachter und traditioneller Südtiroler Gerichte sowie mediterrane Spezialitäten.

+ Jeden Dienstag im Juli, August und September Treffpunkt: Infobüro Klausen, Marktplatz 1, Tel. 0472 847 424

Mit ihren bunten, historischen Bürgerhäusern und zahlreichen, inhabergeführten Läden bietet die Altstadt von Klausen viele Anreize zum Bummeln und Flanieren.

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1 ZEITLOS ELEGANT Kuschelige Hausschuhe aus Filz, traditionell und doch modern, zeitlos elegant, hergestellt von Robert Pflanzer in seiner Werkstatt in Mühlbach. Naturreiner Wollfilz und reine Baumwolle sorgen für selbstregulierende Wärme ohne Schwitzen. Die „Patschen“ werden genäht statt geklebt und sind bei 30 Grad waschbar. 54,50 Euro.

2 AUF MASS GESCHNEIDERT Ein kleiner, bunter Taschenladen mit lauter Einzelstücken: Ruth Gantioler fertigt in ihrem Atelier in Klausen maßgeschneiderte Taschen in Handarbeit an. Mit zahlreichen Details wie Nieten, Borten, Lederriemen und Ketten. Ab 165 Euro. www.r-lovely-bag.it

3 SÜSSES VON HIER Vegane Schokolade aus Südtirol, vollständig im Eisacktal hergestellt. Es wird keine Schokoladenmasse oder Kuvertüre verwendet, sondern fair gehandelte Premium-Edelkakao-Bohnen aus verschiedenen Anbaugebieten werden in Südtirol geröstet, gemahlen und zu KarunaSchokolade veredelt. Ab 5,40 Euro. Erhältlich bei ausgewählten Einzelhändlern.

www.orthopant.com www.karunacatering.it

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Schön und gut

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Produkte aus der Umgebung 7

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7 WIE ES WAR, WIE ES IST Klausen war immer schon ein Durchzugsort und damit eine Stadt der Begegnungen. Das neu erschienene Buch „Klausen gestern und heit – 30 bsundere Leit“ von Maria Gall Prader beschreibt auf liebenswürdige Weise 30 Klausner Originale. 256 Seiten, 19,90 Euro. Erhältlich in Südtiroler Buchhandlungen und online.

8 EIN GESCHENK, DAS SCHMECKT Auf der Suche nach einem passenden Geschenk, das sicher nicht in irgendeiner Ecke verstaubt, weil es dafür einfach viel zu gut schmeckt? Im „Ronegga Bauernkistl“ finden sich Schüttelbrot, Kaminwurzn und Speck, Honig und Marmelade, Sirup und Kartoffeln – und alles kommt aus Rodeneck, hergestellt von den Bauern des Ortes. 41 Euro. www.stampfl.it

5 4 FRISCHES CRAFT-BIER Aus dem klaren Wasser der Plose wird das strohgelbe Südtiroler Pale Ale „Alma“ gebraut. Das erfrischend herbe Bier mit den tropisch-fruchtigen Hopfenaromen passt exzellent zu fruchtigen Curries oder saftigem, kurz gebratenen Fisch. Die Halbliterflasche zu 5,30 Euro gibt’s in der Brauwerkstatt Köstlan in Brixen. www.koestlan.com

5 BESSER ALS NEU Aus alt mach besser: Doris Raffeiner und Camila Hernandez de Alba bieten in ihrem Upcycling concept store Produkte an, die von lokalen Sozialgenossenschaften, heimischen Künstlern und Designern und in Werkstätten für Menschen mit Beeinträchtigung kreiert werden. In der eigenen Nähwerkstatt entstehen Taschen aus verschiedenen Upcycling-Materialien.

6 DER ZIEGE SEI DANK Alles beginnt mit den Weißen Deutschen Edelziegen, die Richard Zingerle am Untereggerhof in Vals auf 1 200 Meter Meereshöhe züchtet. Aus der Milch wird Käse, aus der dabei anfallenden Molke entsteht die pflegende Molke-Kosmetik von Unteregger Cosmetics. Molke ist reich an B-Vitaminen, Molkenprotein, Calcium, Kalium, Phosphor und Jod und wirkt wie Balsam auf Haut und Haar. Ab 16,90 Euro, erhältlich im Hofladen und online.

www.wianui.eu

www.unteregger.it

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Ein Tag mit … einem Holzschnitzer Eigentlich ist Felix Fischnaller Bauer am Talrasterhof – doch seine große Leidenschaft ist das Schnitzen. Unterwegs mit einem, der vom Holz nicht genug kriegen kann T e x t — M A T T H I A S M A Y R F o t o s — M I C H A E L P E Z Z E I

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5:00 Uhr Im Talrasterhof klingelt der Wecker. Felix Fischnaller muss in den Stall, die zehn Ochsen füttern, nach den vier Eseln schauen, den Hasen, Hühnern und Enten. Das frühe Aufstehen macht Fischnaller nichts. Wenn er auswärts arbeitet, muss er sogar noch früher raus, da sitzt er um fünf Uhr schon im Auto. Nach dem Frühstück kann er sich endlich seiner Liebe widmen: dem Holz. Felix Fischnaller bewohnt mit seiner Frau Marlene und drei gemeinsamen Töchtern den Talrasterhof im Schalderer Tal oberhalb von Vahrn. Gemeinsam mit seiner Familie kümmert er sich um die Tiere am Hof, noch lieber aber ist er in seiner Werkstatt.

6:56 Uhr Spätestens um sieben Uhr steht Fischnaller in seiner Werkstatt, ist auswärts bei der Arbeit oder geht in den Wald auf der Suche nach einem guten Stück Holz. Heute hat er einen alten Stamm vorbereitet. Wohl um die 200 Jahre alt war die „Zirm“ – wie in Südtirol die Zirbelkiefer genannt wird –, als sie gefällt wurde. Zehn Jahre lang hat Fischnaller sie im Wald liegen lassen, den Elementen ausgeliefert, vor sich hin rottend, von Insekten besiedelt. „Früher hat man mich schief angesehen, wenn ich das Holz jahrelang im Wald sich selbst überlassen habe“, sagt der Schnitzer. Statt sich makellos zu präsentieren, erfährt der Stamm dadurch eine Veränderung, wandelt sich, wird einzigartig. Heute sind die missgestalteten, zerfressenen Hölzer Fischnallers Markenzeichen. Schöne, gerade gewachsene Bäume haben Fischnaller nie interessiert, die alten, schiefen Stämme und Äste haben es ihm angetan. „Man merkt, ob das Holz eine harte Jugend hatte“, sagt er schmunzelnd. Mit dem Blick des Kenners mustert Fischnaller den Stamm und versucht zu verstehen, was man am besten daraus machen könnte. „Man kann dem Holz seinen Willen nicht aufzwingen“, sagt er, „es verhält sich nicht, wie man will.“

Fischnaller ist gelernter Zimmerer, arbeitete 13 Jahre lang als Montagetischler und danach 16 Jahre als Gabelstaplerfahrer. In seiner Freizeit begann er, Tische und Bänke zu tischlern, und mit der Zeit wurden die Anfragen immer mehr. Seit rund drei Jahren ist er selbstständig.

8:38 Uhr Fischnaller beschließt, dass aus dem Stamm eine Sitzbank werden soll. Er begutachtet das Holz, klopft ein bisschen darauf herum und lauscht dem Klang. Dann zeichnet er die Umrisse der Bank ein und schneidet die Form mit der Motorsäge grob zu. Mit einem Zapin, einer Art Enterhaken, mit dem Holzfäller und Flößer Baumstämme bewegen, bricht er einen

Missgestaltete, zerfressene Hölzer sind sein Markenzeichen. Schöne Bäume interessieren ihn nicht.

großen Brocken heraus. Zum Vorschein kommt das Innere des Stammes, halb vermodert und von Käferlarven zerfressen. Ein Unkundiger mag bei diesem Anblick erschrecken. Daraus soll ein Möbelstück werden? Fischnaller grinst nur – und macht sich an die Arbeit.

10:10 Uhr Mit einer alten Dechsel, einem Querbeil, höhlt Fischnaller den Stamm aus. Er entfernt das morsche Innere, inklusive eines verlassenen Wespennests, und bald verbreitet sich aromatischer Zirbenduft. Die Dechsel hat er in einer alten Werkstatt gefunden. Er schwört auf das in die Jahre gekommene Gerät, die neuen seien nichts wert, „die kannst du höchstens jemandem nachschmeißen!“ Ganz ohne moderne Technik geht es aber nicht. Beim Grobzuschnitt des Baumstammes kommen verschiedene Motorsägen zum Einsatz, in der Werkstatt stehen allerhand Maschinen, eine Bandsäge, ein elektrischer Hobel. Aber das beste Werkzeug sind dann doch die eigenen Hände. Mit Schwung vergräbt →

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Beim Grobzuschnitt der Bäume kommen Motorsägen zum Einsatz. Beim Aushöhlen schwört Felix Fischnaller auf eine alte Dechsel.

Schalders Das Bergdorf Schalders liegt 1 035 Meter über dem Meer und hat knapp 300 Einwohner. Man erreicht das Dorf über eine schmale Straße vom Hauptort Vahrn aus. Besonders sehenswert ist die im Jahr 1436 geweihte Pfarrkirche zum Heiligen Wolfgang. Von Schalders aus starten zahlreiche Wanderwege, am Talbach entlang geht es etwa zu den schönen Schrüttenseen.

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Fischnaller sie im Holz, um die Späne wegzuputzen, man mag sich gar nicht die Zahl der Splitter vorstellen, die er sich in seine Hände rammt. Aber Handschuhe sind keine Option. „Ich muss das Holz spüren“, sagt er. Auch mit dem Zollstock hält er sich selten auf, meist arbeitet er nach Augenmaß: „Mein Auge ist genauer als der Meterstab.“

12:05 Uhr

Oben. Span für Span trägt der Schnitzer das überschüssige Holz ab, bis die Bank die Form annimmt, die er sich vorgestellt hat. Unten. Handschuhe sind für Felix Fischnaller keine Option. „Ich muss das Holz spüren“, sagt er.

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Nach und nach hat er den Stamm ausgehöhlt, die Astansätze werden sichtbar, die von außen nach innen in den Stamm ragen und dem Werkstück Charakter verleihen. Fischnaller hat die Dechsel weggelegt, mit dem Schnitzmesser macht er sich an die Feinarbeit. Das Zirbenholz ist so weich und dank des enthaltenen Öls so geschmeidig, dass er das Schnitzmesser statt mit dem Hammer mit leichten Faustschlägen ins Holz treibt. Span für Span trägt er das überschüssige Holz ab, bis die Bank langsam die Form annimmt, die er sich vorgestellt hat. Nicht immer kommt das raus, was man eigentlich wollte. „Ich probiere eben“, sagt er, „ich kann ohnehin keine Ruhe geben.“ Geerbt hat Fischnaller die Faszination fürs Holz wohl von seinem Vater, den er schon früh verloren hatte. „Der war am

liebsten im Wald“, erzählt der Sohn. Gemeinsam suchten sie die richtige „Zirm“ aus, um daraus Schlitten zu bauen. Keine Kinderschlitten, sondern die großen Hornschlitten, mit denen die Bauern im Winter das Heu von den Almen ins Tal brachten. Heute fertigt Fischnaller Liegestühle und Tischgarnituren, Zäune, Spielzeug, Schaukeln und Gartenhäuser. Aber auch mal einen Nachttisch aus einem Baumstamm, Dekoratives oder einen überdimensionalen Käselaib aus Holz für eine Sennerei. Ein Teil des Holzes stammt aus dem eigenen Wald, manchmal kauft er aber auch größere Tranchen ungeschnittenes Brennmaterial, da sind oft gute Stücke dabei. Überall um die Werkstatt herum stehen große Holzhaufen, zum Teil schon jahrelang. Zu Fischnallers Rohware gehört auch das Altholz eines Heustadels aus dem Jahr 1749 – mehr als ein Vierteljahrtausend alt, aber immer noch in einem exzellenten Zustand. Holz mit Persönlichkeit eben – und diese Persönlichkeit will er bewahren.

13:55 Uhr Eigentlich wäre es jetzt höchste Zeit für eine Mittagspause, aber Fischnaller will weitermachen. Das Holz hält ihn in seinem Bann. Oft kommt seine Frau


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Ein paar Stunden hat Fischnaller noch zu tun, bis die Holzbank fertig ist. Zwischendurch macht er eine Runde in den Wald und sucht Stämme und Äste für seine Arbeiten.

vorbei und bringt eine Marende mit, den typischen Südtiroler Imbiss. Gegessen wird vor der Werkstatt auf einem kleinen Tischchen mit traumhafter Aussicht ins Tal mit der Dorfkirche, aber auch auf die etwas weiter entfernten Geislerspitzen. Heute lässt Fischnaller die Marende mit Panoramablick aus. „Marlene schimpft deshalb schon manchmal“, sagt er. Aber sie weiß wohl auch, dass sie ihn nicht mehr ändern wird können. Das Leben als Bauer und als Schnitzer, das kann manchmal ganz schön viel werden. Aber aufgeben will Fischnaller den Talrasterhof auf keinen Fall. „Ich hänge am Hof “, sagt er. Er hat ihn 1998 übernommen und seitdem aufwendig renoviert. „Der Hof stammt aus der Zeit um 1500, es ist meine Pflicht, ihn weiterzuführen.“ Nicht zuletzt, weil er darauf vertraut, dass eine der Töchter selbst einmal Talraster-Bäuerin werden wird. Die Kombination aus Hof und Holz sichert das Auskommen.

In ganz Südtirol gibt es rund 300 Millionen Bäume. 99 Prozent davon sind Nadelbäume.

16:20 Uhr Vera, die jüngste der drei Töchter, kommt nach der Schule bei ihm in der Werkstatt vorbei. Die Elfjährige nimmt sich ein Stück Holz und ein Schnitzmesser, setzt sich in eine Ecke, fängt an zu basteln und vergisst darüber die Zeit. „Ich vergesse beinahe, dass sie da ist“, sagt ihr Vater. Der Vera hat er seine Leidenschaft für Holz am offensichtlichsten vererbt, doch auch die anderen beiden Töchter, 18 und 20 Jahre alt, sind praktisch veranlagt.

18:30 Uhr Ein paar Stunden hat Fischnaller noch zu tun, bis die Holzbank fertig ist. So, wie er sie haben will. Zwischendurch macht

er eine Runde in den Wald und sucht Stämme und Äste für seine Arbeiten. Auf dem Hof wird er tagsüber nicht gebraucht. Die Milchwirtschaft hat er aufgegeben, obwohl er 2004 den Jungbergbauernpreis bekommen hatte und eine Auszeichnung für die beste Milch Südtirols. Die Ochsen für die Fleischproduktion sind im Sommer auf der Alm und machen im Winter nur wenig Arbeit. Ebensowenig die Forellen, die Fischnaller in einem kleinen Teich züchtet.

21:05 Uhr Meist gegen neun oder zehn Uhr abends endet Fischnallers Tag. Seine Frau hat in der Zwischenzeit den Stall ausgemistet, das Vieh versorgt und das Abendessen zubereitet. Gemeinsam lassen die beiden den Tag ausklingen, der bei Fischnaller früher sogar noch länger dauerte, fast bis Mitternacht. „Aber da bekam ich dann nichts mehr zu essen“, sagt er mit einem Grinsen im Gesicht. Also lässt er es ein wenig ruhiger angehen. So wie ein Baum seine Zeit zum Wachsen und zum Reifen im Wald braucht, braucht auch der Mensch ab und an Erholung. Das sah er früher nicht so. Heute schon. „Ich werde älter, das spüre ich schon“, sagt er. Aber noch findet man Felix Fischnaller jeden Tag in seiner Werkstatt am Talrasterhof in Schalders. Weil er ja doch nicht lange Ruhe geben kann.

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Südtirol für Anfänger FOLGE 1:

Die Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung

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twa eine Woche, nachdem ich mit „A, Deutsch oder B, Italienisch“, erklärt mir Lorenzo. meiner Familie nach Südtirol geDer Sprachgruppenzugehörigkeitserklärungsbeauftragzogen bin, klingelt es an unserer te (Ja, ich habe sehr lange gebraucht, um dieses Wort Haustür. Mein Mann Lorenzo korrekt in die Tastatur zu tippen. Nein, ich kann es hört sich an, was der freundliche beim besten Willen nicht aussprechen) kann unserem Besucher zu sagen hat, und überGespräch nicht recht folgen, und ich bin sicher, der setzt für mich: Es handle sich um Arme will einfach nur sein Kreuzchen in eins der kleieine Art Volkszählung. nen Kästchen malen und schnell wieder aus dem Haus Ich schlendere zurück Richtung der verrückten Amerikanerin verschwinden. Aber er Kinderzimmer, zu unserem Baby. sammelt noch einmal seine Kräfte, um die Ehre der Es sollte nicht allzu lange dauern, ladinischen Minderheit in Südtirol hochzuhalten, und bis drei zu zählen. Doch ein paar Minuten später ruft verkündet die für mich absurde, aber in dieser Gegend Lorenzo auf Englisch herüber: „Du musst ihm deine natürlich sehr wichtige dritte Möglichkeit: „Oder C, LaSprachgruppe mitteilen.“ dinisch.“ „Sag ihm Englisch. Und ein bisschen Niederländisch“, Lorenzo, der Verräter, wechselt die Seiten und pflichtet rufe ich zurück. ihm bei: „Ja genau, Ladinisch. Was du ehrlich gesagt geEr kommt ins Kinderzimmer und nauso gut sprichst wie die anderen erklärt mir geduldig: „Nein, sweebeiden Sprachen …“ „Ich merke, tie, es geht nicht darum, welche Ich denke einen Augenblick lang Sprache du sprichst. Du musst nach – und verkünde stolz meine es geht um kulturelle dich entscheiden, zu welcher Sprachgruppe: „D, Sonstige.“ Identität.“ Sprachgruppe du gehörst.“ Es folgt eine längere, hitzige DisNun bin ich ja grundsätzlich eine kussion im Südtiroler Dialekt. sehr kooperative Person. Ich fülle Mein Mann überbringt mir mit stets voller Enthusiasmus Kundenfragebögen aus und gequältem Blick die schlechte Nachricht: „Tut mir leid, trage an Autogrill-Autobahnraststätten immer mein Sonstige gibt es nicht.“ Tablett mit dem schmutzigen Geschirr zurück. Ich steige auf die Barrikaden. „Wie kann das sein? Was Aber unsere Wohnung steht voller Kisten zum Auspaist, wenn man weder Deutsch noch Italienisch noch Lacken. Unsere Tochter will und will nicht einschlafen. dinisch spricht?!“ Und ich weiß zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass die Die beiden Männer betrachten mich mit einer Mischung Zugehörigkeit zu einer Sprachgruppe grundlegend für aus Mitleid und Verzweiflung. Ich beschließe, der Sache die Südtiroler Gesellschaft ist: Je nach Sprachgruppenein Ende zu setzen. „Was hast du denn angegeben?“, zugehörigkeit besucht man hier zum Beispiel die itafrage ich Lorenzo. lienische oder deutschsprachige Schule und werden Er zögert keine Sekunde. „Italienisch.“ Arbeitsstellen im öffentlichen Dienst vergeben. Ich bin verwirrt. „Aber deine Muttersprachen sind doch Mir egal – ich werde langsam ungeduldig, mein Baby Italienisch und Deutsch.“ quengelt. Aber ich gehe zur Eingangstür: „Okay. Wel- „Ich fühle mich aber mehr Italienisch.“ Er sagt es mit che Auswahlmöglichkeiten habe ich?“ seelenruhiger Selbstverständlichkeit.

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„Aha, also geht es gar nicht um die Sprache“, merke ich weise an. „Sondern um die kulturelle Identität.“ Hätte ich bloß nichts gesagt. Schon geht die Diskussion auf Dialekt wieder los. Ich stehe daneben und denke: Die beiden haben es gut. Sie wissen wohl genau, wohin sie gehören. Sie scheinen intuitiv zu spüren, warum die Frage nach der Sprachgruppe so wichtig ist, und haben eine klare Antwort darauf. Je länger ich nachdenke, desto unsicherer werde ich. Ich höre eine Uhr vorwurfsvoll ticken, oder bilde ich mir das nur ein? Der Besucher in unserem Flur wird zappelig. Ich möchte ihn anschreien: „Ich kann nur Englisch! Ich bin Amerikanerin! Ich bin dabei, Italienisch und Deutsch und Dialekt zu lernen. Von mir aus auch Ladinisch. Aber das ist alles nicht so einfach!“ Stattdessen kapituliere ich und wende mich an Lorenzo. „Na meinetwegen. Du bist mein Mann, ich definiere mich also natürlich über dich“, sage ich augenrollend. „Italienisch, ich wähle Italienisch.“ Zu Ihrer Information: Immer, wenn Sie in Südtirol in ein Hotel einchecken, müssen Sie Ihre Sprachgruppenzugehörigkeit wählen. Deutsch, Italienisch oder Ladinisch. Nein, keine Sorge, das war nur ein kleiner Scherz. Sie müssen sich nicht entscheiden, im Gegenteil: Südtirol-Neulingen rate ich, sich von allen Gruppen inspirieren zu lassen. Genießen Sie das italienische dolce vita! Beobachten Sie die lokalen germanischen Bräuche! Erkunden Sie die Dolomiten, wo die Einwohner noch Ladinisch sprechen, diese antike Sprache, die einst aus Umgangslatein entstanden ist. Drei Kulturen an einem Ort – welche Bereicherung!

SüdtirolLexikon, das Dialekt verständlich gemacht

gluschtn [ˈglʊʃtn̩ ] … sagt man in Südtirol, wenn einem das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn man so richtig Appetit auf ein gutes Gericht bekommt.

Sett’ a Plent! [ˈset:ɐ ˈplɛnt] … sagt man in Südtirol, wenn man sich über etwas aufregt, wenn etwas nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat – oder man jemandes Meinung nicht teilt. „Plent“ leitet sich vom italienischen Wort „polenta“ ab. Das ist ein meist aus Maisgrieß hergestellter fester Brei.

Rutschelen [ˈʁʊt͜ ʃɛlɛn]

Cassandra Han ist in den USA geboren und aufgewachsen. 2008 zog sie mit ihrem Mann Lorenzo in die Heimat seiner Mutter: Südtirol. In dieser Kolumne erzählt sie davon, wie sie die Eigenheiten der Region lieben lernte – und wie sie allmählich selbst zur Südtirolerin wurde.

Auch dieser Südtiroler Begriff ist aus dem Italienischen entlehnt. Das Ursprungswort ist „riccioli“, zu Deutsch: Locken oder krauses Haar.

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Gadertal

Höhenmeter: jeweils rund 1 700

Kilometer pro Strecke: rund 50

der Ladiner

Der Marsch

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Alle drei Jahre ziehen Pilger aus dem Gadertal durch die Dolomiten nach Klausen, zum Kloster Säben. Drei Tage hin und drei zurück. Zu Fuß, betend, stolz und gottesfürchtig

Teilnehmer: rund 1 000

Kloster Säben (Klausen)


Foto — Albert Piccolruaz

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Foto — Hans Pescoller

Ein Brauch mit Tradition Mitte Juni gehen rund tausend gläubige Männer allen Alters und aller sozialen Schichten aus dem Gadertal los – Frauen ist die Teilnahme am Pilgermarsch untersagt. Der Ursprung der Wallfahrt liegt vermutlich zwischen 1250 und 1400. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie im Jahr 1503.

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Foto — Freddy Planinschek

Foto — Hans Pescoller

Kerzen und Kreuzer

Kreuze und Gesang

Die mit der Wallfahrt verbundenen Spesen beliefen sich anno dazumal laut Urkunde von 1503 auf sechs Wachskerzen. Dazu kam ein Entgelt von 31 Kreuzern für den begleitenden Priester.

Prozession heißt auf Ladinisch: prozescinus. Oder: jì cun crusc. Mit dem Kreuz gehen. Auf dem Weg durch die Dolomiten stimmen die Pilger aus zwölf Pfarreien alte Gesänge und Gebete an. Geschlafen wird oft seit Generationen in den immer gleichen Herbergen. Es wurde und wird aber auch im Heustadel übernachtet.

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Fotos — Freddy Planinschek

Das Schmücken der Kreuze

Zweige und Blüten

Die Äbtissin der Säbener Benediktinerinnen verlässt mit einigen Mitschwestern die Klausur, um die Pilger willkommen zu heißen. Während der Messe schmücken sie die vor der Kirche abgestellten Wallfahrtskreuze mit Buchsbaumzweigen, Blumen und bunten Bändern.

Nach der kirchlichen Feier stecken sich die Pilger Zweige und Blüten an Hut, Rock oder Rucksack. Buchsbaumzweige – auf Ladinisch: erba de Jéunn – sollen nach altem Volksglauben Ungeziefer abwehren.

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Bei Wind und Wetter Gepilgert wird immer – auch bei Regen. Gelegentlich liegt auf den Gebirgspässen Neuschnee, manches Mal wurden die Pilger auch von Schneestürmen überrascht. Zurück zu Hause empfängt jede Pfarrgemeinde ihre Wallfahrer mit feierlichem Glockengeläut. Die Bevölkerung zieht ihnen mit Priester, Ministranten und Musikkapelle entgegen. Die Bittgänger stecken ihre Buchszweige hinter das Stubenkreuz und an den Stall- und Scheuneneingang.

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Lieblingsorte in ... Brixen

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1 Auf der Suche nach dem Elefanten „Immer, wenn ich den Kreuzgang des Brixner Doms betrete, habe ich das Gefühl, mein Puls wird langsamer. Obwohl der Kreuzgang mitten in der Stadt liegt, strahlt er eine wunderbare Ruhe aus. Ich mag es, die vielen bunten Fresken zu betrachten: Eine davon zeigt einen Elefanten, den der Künstler allerdings malte, ohne jemals einen Elefanten gesehen zu haben – er kannte das Tier nur aus Erzählungen. Als Kind liebte ich das Spiel, mit dem Kopf nach oben gereckt herumzuwandern und den seltsamen Elefanten zu suchen!“

2 Boutiquen statt Massenware „Die Brixner sind sehr modebewusst. Kein Wunder also, dass man in der Altstadt ewig flanieren könnte: Kleidung, Handtaschen, Schuhe, Schmuck. Große Modeketten findet man hier allerdings kaum – zum Glück. Stattdessen kleine Boutiquen, italienisches Design und Südtiroler Modemarken. Vor allem der Große Graben, die Großen und Kleinen Lauben, aber auch die Stadel- und die Altenmarktgasse sind meine Geheimtipps fürs Shopping.“ Magdalena Kofler, 22, Influencerin

Ulrike Vikoler, 42, Angestellte

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3 Verwinkelte Gassen „Mein Lieblingsort in Brixen ist gleichzeitig der älteste Teil der Stadt: Stufels. Ich liebe die verwinkelten Gassen, die alten Häuser, die versteckte Kapelle, den Dorfplatz mit

dem Brunnen, die gepflasterten Wege und die Geranien an den Fenstern. In den Schaufenstern der kleinen Galerien, Goldschmiede und Geschäfte gibt es Schönes zu entdecken, und in der Adventszeit findet hier an den Wochenenden ein kleiner Weihnachtsmarkt statt. Die Gassen sind dann mit Kerzen beleuchtet.“ Alexandra Wieland, 41, Verkäuferin


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spaziergang sein. Hauptsache, es gibt irgendwann Apfelstrudel.“ 4 Heiß und fettig „Ich liebe das geschäftige Treiben am Samstagvormittag in der Brixner Altstadt. Die Brixner erledigen ihre Einkäufe, treffen alle paar Meter die einen oder anderen Bekannten, genießen ihren Kaffee oder ihr Glas Weißwein. Und am Hartmannplatz am Eck zwischen Großem und Kleinem Graben verkaufen die Bauern der Umgebung auf dem Bauernmarkt frisches Gemüse, Eier, Käse und andere Köstlichkeiten. Den größten Andrang gibt es auf den Stand, der Tirtln mit Spinat- oder Krautfüllung und Bauernkrapfen mit Marmeladefüllung verkauft – direkt vor Ort frisch im heißen Fett gebacken. Herrlich!“

liche Veranstaltungsorte. Der Anreiterkeller in Stufels ist ein kleiner, intimer Raum mit Steingewölbe, wo die ‚Gruppe Dekadenz‘ deutschsprachiges Theater und Kabarett bietet und regelmäßig Jazzkonzerte stattfinden. Und im Sommer gibt es gleich neben dem Brixner Dom, im Innenhof des früheren Gefängnisses – das im lokalen Dialekt ‚Tschumpus‘ heißt – Theater, Film und Konzerte in einer ganz besonderen Atmosphäre.“

Evelyn Graber, 39, Angestellte Siegi Gostner, 55, Yogalehrer

5 So ein Theater

„Meine Heimatstadt finde ich auch deshalb so lebenswert, weil es ein volles Kulturprogramm gibt. Besonders gern besuche ich zwei ungewöhn-

6 Mein Flusslauf „Am Wochenende schlüpfe ich gern gleich morgens in meine Laufschuhe und gehe am Eisackdamm joggen. Für

mich ist das die perfekte Laufstrecke: Meine Füße federn auf der festgetretenen Erde, im Sommer schützt mich das grüne Blätterdach vor der warmen Morgensonne, im Winter dampft mein Atem unter nackten Baumzweigen. Das ist meine Zeit, um den Kopf freizukriegen: Ich laufe immer geradeaus, auf der linken oder rechten Flussseite, dem Wasserlauf folgend. Und freue mich aufs ausgedehnte Samstagsfrühstück danach.“ Andreas Wolf, 43, Buchhalter

7 Winterwohnzimmer „Wintersonntage verbringe ich schon von Kindheit an auf der Plose. Unser ‚Hausberg‘ ist während der Skisaison sozusagen das ausgelagerte Wohnzimmer der Brixner: Bei jeder Hütteneinkehr und Liftfahrt trifft man Bekannte, trinkt einen Kaffee zusammen und fachsimpelt über die diesjährige Schneequalität. Wenn ich mal keine Lust aufs Skifahren habe, kann es auch ein Winter-

Eva Wachtler, 24, Studentin

8 Im Schatten der Kastanienbäume „Mein Lieblingsplätzchen in Brixen ist sehr unspektakulär: die Rappanlagen, eine kleine, ruhige Parkanlage nahe der Altstadt, genau am Zusammenfluss von Eisack und Rienz. Im Frühjahr, Sommer oder Frühherbst sitze ich liebend gern im angenehmen Schatten der Kastanienbäume auf einer der schönen Parkbänke, amüsiere mich über spielende Kinder, blättere in einer Zeitschrift oder sehe den Slacklinern zu, die hier ihre Kunststücke üben.“ Klaus Dander, 50, Angestellter

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Der perfekte Schnappschuss Mit den Tipps der Südtiroler Fotoblogger Judith Niederwanger und Alexander Pichler gelingt das nächste Instagram-Foto bestimmt

TIPP #1 DIE DRITTEL-REGEL Ein mittig positioniertes Hauptmotiv kann langweilig wirken. Mit der Drittel-Regel lassen sich Fotos gleich spannender und harmonischer gestalten. Das Bild einfach gedanklich durch zwei waagrechte und zwei senkrechte Linien teilen, sodass neun gleich große Vierecke entstehen. Das Hauptmotiv wird auf einem der vier Schnittpunkte und der Horizont im unteren oder oberen Drittel positioniert. Bei vielen Kameras lässt sich das Drittel-Gitter sogar im Sucher oder auf dem Display anzeigen.

TIPP #2 FÜHRENDE LINIEN UND ALTE ZÄUNE Solche Elemente bringen Tiefe ins Bild und lenken den Blick des Betrachters zum Hauptmotiv. Linien können beispielsweise Wege sein, die zum Berg führen, oder alte

Oben. Das höchstgelegene Wallfahrtskirchlein Europas: Latzfonser Kreuz Mitte. Bad Dreikirchen in Barbian Unten. Das Gipfelkreuz der Pfannspitze auf der Plose

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Zäune am Wegesrand. Alte Holzzäune können auch für sich selbst ein toller Eyecatcher im Foto sein.

TIPP #3 GRÖSSE VERDEUTLICHEN Oft besteht das Problem, dass man ein Bergmassiv, einen Wasserfall oder ein ähnliches

Motiv abgelichtet hat, dessen Größe aber nicht wirklich erkennbar ist. Um die abgebildeten Ausmaße zu verdeutlichen, platziert man ein Objekt im Bild, dessen Größe für jeden einschätzbar ist: etwa eine Person, eine Hütte oder ein Tier. Dadurch werden die Dimensionen deutlich – und man hat einen zusätzlichen Hingucker.

b in den Bergen Südtirols oder in der Welt unterwegs: Reisen, Fotografieren und Wandern sind für sie eins. Judith Niederwanger und Alexander Pichler betreiben gemeinsam das erfolgreiche Blog „Roter Rucksack“. Auf der gleichnamigen Facebook-Seite haben sie fast 10 000 Fans, auf Instagram mehr als 6 000 Abonnenten. 2019 ist ihr erstes Buch „Die schönsten Touren und Fotospots in Südtirol“ (Raetia, ca. 180 Seiten, 19,90 Euro) erschienen, mit handverlesenen Wanderungen der beiden. Zu jeder Tour gibt es Tipps zu optimaler Bildgestaltung und den richtigen Kameraeinstellungen. Von besonders berühmten oder schönen Fotospots verraten die beiden auch die GPS-Koordinaten – zum Nachwandern und Nachfotografieren.

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www.roterrucksack.com Facebook: RoterRucksack Instagram: @roterrucksack

Schicken Sie uns Ihre besten Shots! Posten Sie Ihre Bilder aus Brixen, Klausen und Umgebung mit dem Hashtag #cormagazine auf Instagram (oder schicken Sie sie an info@cormagazine.com)! Die schönsten werden von Judith und Alex ausgewählt und im nächsten COR abgedruckt.


12.10.2019 – 03.11.2019

Südtiroler Almgschichten

www.almgschichten.it


Foto: J. Eheim / Oehler

mybrixen.com

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COR - The Local Magazine (DE Ausgabe 1/2019)  

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