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#45

Sommer | Stà  2013

COVER

Bären, Bienen, Vögel Die Tierwelt hats im engadin nicht leicht

nichT BewohnBar

Kunstausstellungen über besondere räume

cho, co hasT?

Jugendliche erfinden ihr eigenes romanisch

[ Müdamaint ]

wandel


Inhalt / CuntgnU Editorial. Bewährtes kontra Neues.

5

Schwache Bienen, starke Imker. Die Varroamilbe hat sich

6

ans Engadiner Klima angepasst.

«Und was soll das bedeuten?» Jugendliche reden gerne ein

10

Kauderwelsch-Romanisch – und halten so die Sprache lebendig.

Ein Leben im Zeichen der Knospe. Bäuerinnen sind die

14

treibende Kraft, wenn es um Bioprodukte und Verkauf geht.

Wann ist ein Haus ein Haus? Diese Frage stellen zwei

18

Sommerausstellungen in Nairs, Scuol und in Chur.

Teuflische Beschleunigung. Manfred Koch über den Wandel

22

gesellschaftlicher Werte.

Der Bär war schon immer zu gefrässig. M13 musste Anfang

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des Jahres sein Leben lassen, er kam den Menschen zu nahe.

Die Vögel und die Kulturlandschaft. Die Landwirtschaft

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bedroht das Leben der Piepmätze.

Das Foto- und Tongedächtnis. Die Mediathek Graubünden

36

bietet Einblicke in die Geschichte.

50 ons TR: Motiv per reflettar. piz ha discurrü cun Mariano

40

Tschuor, il directer actual da RTR.

Teufel raus, Engel rein. Domenica Dethomas leitet als Priorin

42

die Gemeinschaft im Kloster St. Johann Müstair.

Hundert Prozent Handarbeit. Sgraffito-Künstler Joannes Wetzel brennt Kalk wie einst.

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Das Engadiner Kinosterben. Das «Rex» in Pon­tresina ist zu,

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das Kino in Scuol auch. Das «Scala» St. Moritz muss bald zügeln.

Quarta lingua naziunala. Vor 75 Jahren sagte die Schweizer Bevölkerung «Ja» zur vierten Landessprache.

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Global denken – lokal handeln. Der Frauenserviceclub Zonta Engiadina ist seit zwei Jahren aktiv.

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Bücher. Neuerscheinungen aus der Region.

60

Pizzeria. Aktuelles aus Südbünden.

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Vorschau. Impressum.

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Titelbild: Guido Nussbaum, *1948, früher Lehrer an der Mal- und Bildhauerfachklasse der Schule für Gestaltung, Basel. Seine Werke waren schon in der Kunsthalle Basel und im Aargauer Kunsthaus zu sehen. Er stellt regelmässig in der Galerie Stampa aus. Bild rechts: Das Künstlerpaar Jörg Lenzlinger und Gerda Steiner orchestriert den bevor­ stehenden Abbruch des früheren Nationaparkmuseums, des «Sulserbaus», in Chur: Ihr «Garten» wird im Laufe des Sommers das ganze Haus in Beschlag nehmen.


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Bewährtes kontra Neues Liebe Leserinnen und Leser – chara lectura, char lectur

W

andel, «müdamaint» – das Thema gehört zur rätoromanischen Literatur, seit Cla Biert (1920–1981) sich in seinem 1962 erschiene-

nen Buch «La müdada» damit befasste. Inzwischen

M

üdamaint – quist tema tocca pro la litteratura rumantscha daspö cha’l cudesch «La müdada» da Cla Biert (1920–1981) es cumparü dal 1962.

Intant van las müdadas bainquant plü svelt. Blera

haben sich die Veränderungen massiv beschleunigt.

glieud resainta ün müdamaint sco attacha chi lascha

Viele empfinden den Wandel als Angriff, denn er hin-

suvent inavo stizzis. Minchatant es el ün process ma-

terlässt Spuren. Manchmal ist er ein steuerbarer Pro-

nisabel, minchatant han müdadas però eir lur aigna

zess, manchmal haben Veränderungen aber auch eine

dinamica e nus tillas laschain gnir fond pissers o pro-

Eigendynamik und wir schauen ihnen besorgt entge-

vond da dar cuntrapaisa.

gen oder versuchen Gegensteuer zu geben.

In quist’ediziun dal piz As preschantaina tanter oter

In dieser piz-Ausgabe stellen wie Ihnen unter anderem

la priura da la clostra Son Jon a Müstair chi viva amo

die Priorin des Klosters St. Johann Müstair vor, die

hoz fidelmaing davo la «Regula Benedicti» ed es

Editorial

noch heute getreu der «Regula Benedicti» lebt und

adonta da quai ün commember activ da nossa società.

Urezza Famos

trotzdem ein aktives Mitglied unserer Gesellschaft ist.

Il rumantsch dals giuvens as müda d’ün cuntin e

Rasch wandelt sich das Romanisch der Jugendlichen

dvainta per part ün masdügl grotesc. Scha Vus vulais

und wird zu einem teils skurrilen Sprachenmix. Wenn

eir participar al discuors, chattais ün cuort vocabulari

Sie mitreden wollen, finden Sie auf den folgenden Sei-

süllas paginas seguaintas.

ten dazu ein kleines Wörterbuch. – Wo altes Hand-

Là ingio cha mansteranza veglia svanischa, crescha

werk verschwindet, entsteht oft auch Sehnsucht nach

suvent la brama da tilla far reviver: Joannes Wetzel ha

der Wiederbelebung: Joannes Wetzel hat das Kalk-

dat nouv anim a l’arder chaltschina, ün manster chi

brennen, das im Engadin früher weit verbreitet war,

d’eira üna jada fich derasà in Engiadina, prodüond

wieder aufleben lassen und stellte das Material für

svessa das A fin Z cun blers agüdonts tuot il material

seine Sgraffiti von A bis Z mit vielen Helfern zusam-

ch’el douvra per far seis sgraffits. Eir oters mansters as

men wieder selber her. Auch andere Berufe müssen

ston adattar permanentamaing, pro tals toccan las

sich ständig anpassen, dazu gehören die Bäuerinnen

pauras ed ils paurs. Nus visitain duos pauras chi muos-

und Bauern. Wir besuchen zwei Bäuerinnen, die zei-

san, cha sül bain sun suvent las duonnas quellas chi

gen, dass oft die Frauen auf einem Hof Innovationen

introdüan las innovaziuns.

einführen. – Wir befassen uns auch mit dem Potenzial

Nus ans dedichain eir al potenzial da l’art e da la

von Kunst und Kultur. Die Fundaziun Nairs und das

cultura. La Fundaziun Nairs e’l Museum d’art dal

Bündner Kunstmuseum zeigen erstmals zwei ver-

Grischun muossan per la prüma jada duos exposi-

schiedene Ausstellungen, aber beide tragen den glei-

ziuns differentas chi han però listess titel. Ün exaim-

chen Titel. Ein Beispiel wie Nord- und Südbünden sich

pel co cha’l Grischun dal nord e’l Grischun dal süd

bestens ergänzen.

as cumplettan.

Mit diesen und vielen weiteren Themen wünschen

Cun quists ed amo blers ulteriurs temas As gia-

wir Ihnen erfreuliche Lesemomente. Falls Sie piz ver-

vüschaina ün’allegraivla lectüra. Scha Vus vulais

schenken oder abonnieren möchten, genügt ein Mail:

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piz 45 : Sommer | Stà 2013

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Schwache Bienen, starke Imker Lange war das Engadin ein Paradies für Honigbienen, frei vom Hauptfeind, der Varroamilbe. Doch die Milbe hat sich angepasst. 2012 wurde sie sogar zur Katastrophe und vernichtete die Hälfte aller Bienenvölker im Tal. Aber die rund 80 Engadiner Imkerinnen und Imker sind zäh.

Text: Flurina Badel

C

laudia Thom (22) aus Seraplana ist die jüngste

stellbar, im Gegenteil: «Ich hatte zusätzliche Völker

Imkerin im Engadin. Vor drei Jahren übernahm

aufgebaut, um anderen Imkern bei Verlusten aushel-

sie den Bienenstock ihrer Mutter. Schon ihr ers-

fen zu können, doch dann hat es mich selbst erwischt.

tes Jahr war ein Krisenjahr mit grossen Verlusten. Und

Zum Glück hat mir jemand ausgeholfen, so dass ich

letztes Jahr verlor sie sogar 18 von 24 Völkern. Doch

meinen Bienenbestand bis Ende 2012 wieder auf etwa

Claudia Thom meint trotzig: «Ich werde nie aufhören,

30 Völker aufbauen konnte.»

Bienen zu halten!» Auch für Rita Inderbitzin war 2012

Von diesen neuen Völkern haben fast alle den Winter

ein schlimmes Imkerjahr. Fünf Jahre lang blieb sie

überstanden. Und Otto Huber konnte vom diesjähri-

verschont, pflegte ihre sechs Bienenvölker im «schöns-

gen Neujahrsgang um vieles beschwingter zurück-

ten Bienenhaus von Guarda», wie sie sagt. Doch dann

kehren als 2012.

verlor sie alle auf einen Schlag. Eine herbe Enttäuschung, «all die Arbeit für nichts». Rita Inderbitzin be-

«Es kann jedes Bienenvolk erwischen»

schloss, eine Pause einzulegen.

Gesamtschweizerisch sind im Winter 2011  /  2012

Es ist Anfang Februar 2013. Otto Huber aus Scuol

rund 100’000 Bienenvölker eingegangen, die Hälfte

stapft durch den Schnee zu seinem Bienenhaus. Er hat

aller Völker überhaupt, und dies ohne markante regi-

es sich zur Tradition gemacht, ihnen um diese Zeit ein

onale Unterschiede. Das sind die schlimmsten Ver-

gutes neues Jahr zu wünschen. Zusätzlich kontrolliert

luste, seit diese Zahlen erfasst werden.

er jeden Bienenstock mit einem Hörschlauch, um

«Es kann jedes Bienenvolk und jeden Imker erwischen

über das Surren und Summen zu erfahren, wie es den

und niemand weiss warum», schildert Peder Sem aus

Völkern geht. Doch dieses Jahr begleitet Otto Huber

Scuol. Er ist nicht nur selber Imker, sondern auch

ein mulmiges Gefühl. Es ist die Erinnerung an 2012,

Kursleiter und Berater und konnte selber nur vierzig

als in den Kästen nichts zu hören war, nur Unheil ver-

Prozent seiner Völker ins Frühjahr 2012 bringen. Er-

heissende Stille. 30 seiner 40 Völker waren verstummt,

schreckend wenig. Üblich seien Verluste von etwa

ausgeflogen und in der Kälte verendet. «Es war un-

zehn Prozent. Meistens verliert man kleinere, schwä-

1 Fleissige Biene.

heimlich. Das Futter war noch in den Kästen, aber nir-

chere Völker oder solche, die mit ihrem Futter nicht

Foto: Flurina Badel.

gends waren tote Bienen zu sehen, auch nicht am Bo-

sorgsam umgehen und dann mitten im Winter keines

2 Balti Willy, Zuoz, der ehema-

den vor den Eingängen. Diese Kästen dann ganz

mehr haben und sterben.

auszuräumen und zu reinigen, war für mich etwas

«Gegen den Bären gibt es einen Zaun, die Sauerbrut ist

vom Traurigsten überhaupt.»

eher selten und andere Krankheiten und Seuchen gibt

kerverbands, mit einem

Der 63-jährige Otto Huber ist Leiter der Belegstation

es zum Glück im Engadin noch nicht. Die Varroa in

Bienenschwarm am Rücken.

im Val S-charl, wohin Imker aus der ganzen Schweiz

den Griff zu bekommen ist unsere Hauptaufgabe»,

Foto: Balti Willy.

kommen, um ihre Königinnen begatten zu lassen. Er

sagt Peder Sem. Die parasitische Milbe «Varroa de-

lige Präsident des Engadiner Im-

ist ein erfahrener und gewissenhafter Züchter. Er ist

structor» ist zwei bis drei Millimeter klein und klam-

3 Otto Huber, Leiter der

mit Bienen aufgewachsen und half schon als kleines

mert sich an die Biene, um ihr Blut auszusaugen. Das

Belegstation im Val S-charl,

Kind im Imkerbetrieb seines Vaters Wilhelm mit, dem

Immunsystem der Biene wird geschwächt und sie

repariert die Flugeingänge

legendären Engadiner Imker, der zu Spitzenzeiten bis

wird anfälliger für Krankheiten. Zudem überträgt die

seines Bienenhauses.

zu 250 Völker hielt. Dass er jemals selber solch grosse

Varroa Viren, die grossen Schaden anrichten können.

Verluste erleiden würde, war für Otto Huber unvor-

So schlüpfen die Bienen mit verkürztem Hinterleib

Foto: Otto Huber.

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1

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Bienen sammeln Nektar

oder verkrüppelten Flügeln und mit stark verkürzter

gadiner Imker sollen so die Möglichkeit haben, diese

an Weidenkätzchen.

Lebensdauer. Die Varroamilbe wurde Ende der 1960er-

Methode anzuwenden. Balti Willy, Imker aus Zuoz

Foto: Flurina Badel.

Jahre aus Asien nach Europa eingeschleppt. Heute ist

und ehemaliger Präsident des Engadiner Imkerver-

sie – mit Ausnahme von Australien – weltweit verbrei-

bands, kann den neuen Herausforderungen sogar et-

tet. Seit den 1990er-Jahren findet man sie auch im En-

was Gutes abgewinnen: «Der Zusammenhalt der Im-

gadin, sogar auf einer Höhe von über 1500 m ü.M.

ker im Engadin ist heute stärker als früher, sie arbeiten

Imker geben nicht auf

Auch an den Versammlungen haben wir mehr Teil-

Mindestens zwei Mal pro Woche läutet Peder Sems Te-

nehmer als früher und generell interessieren sich im-

lefon. Immer öfter wird er um Rat gefragt. Vor allem

mer mehr Menschen für die Imkerei.» Balti Willy setzt

öfters zusammen und sie helfen sich gegenseitig aus.

die ältere Imkergeneration habe Mühe mit den neuen

sich dafür ein, dass junge Menschen das Imkern erler-

Herausforderungen. Früher galt: «Die Biene wirds

nen: «Ohne die Pflege des Menschen kann die Honig-

schon richten.» Heute schafft sie es jedoch nicht mehr

biene bei uns nicht mehr überleben. Doch so lange es

alleine. Wer seine Bienen nicht gegen die Varroa be-

Imker gibt, so lange gibt es auch Bienen.»

handelt, verliert sie innerhalb von zwei bis drei Jahren. Die Varroa-Behandlung ist aber zeitintensiv und auf-

Grosses Interesse an Kursen

wändig. Zudem können bei falscher Anwendung der

Zehn interessierte Jung-Imker nehmen am eben ge-

Säuren auch gesunde Völker zu Schaden kommen.

starteten zweijährigen Kurs teil. Vom Maurer, der

Und trotz grossem Einsatz gibt es keine Garantie auf

noch nie etwas mit Bienen zu tun hatte, bis zur Lehre-

Erfolg. Peder Sem hat aber festgestellt, dass die Imker

rin, die den Bienenstand ihrer Mutter übernehmen

im Engadin nicht so schnell aufgeben: «Bisher kenne

will. Laut Kursleiter Peder Sem wird, wer sich mit dem

ich keinen, der wegen der Varroa aufgehört hat.»

Imker-Virus infiziert, diesen wohl nie wieder los. «Die

Das beste Beispiel ist die junge Claudia Thom aus Sera-

meisten hören erst im hohen Alter auf, Bienen zu hal-

plana. Obwohl sie schon mehrmals fast alle ihre Völ-

ten, und meistens auch dann nur sehr widerwillig.»

ker verloren hat, obwohl alle ihre Bekämpfungsversu-

Stimmt wohl. Und so hat das «schönste Bienenhaus

che gescheitert sind, gibt sie nicht auf und setzt nun

von Guarda» seine Besitzerin, die Imkerin Rita Inder-

auf eine neue Methode: auf den Varroa-Controller.

bitzin, nicht lange pausieren lassen: «Jedes Mal, wenn

Dieser sieht aus wie eine gelbe Tiefkühltruhe, dient

ich hier vorbeikam, fand ich den Ort einfach wunder-

aber der Wärmebehandlung der Brut, die hier drin auf

schön. Den muss ich doch einfach wiederbeleben und

42 Grad erhitzt wird. Bei dieser Temperatur stirbt die

dem Bienenhaus seinen Zweck zurückgeben. Ausser-

Varroamilbe, den Bienenlarven schadet die Wärme

dem verkaufe ich gerne Honig und am liebsten eben

nicht. Nach einem ersten Jahr der Behandlung mit

meinen eigenen.» Sie hat sich entschlossen, noch die-

diesem Apparat zieht Claudia Thom eine positive Bi-

ses Jahr den Neuanfang zu wagen.

lanz: Sie konnte alle Völker ins Jahr 2013 bringen. Nicht zuletzt wegen Claudia Thoms Erfolg mit dem Controller hat sich auch der Engadiner Imkerverband ein solches teures Gerät angeschafft. Alle rund 80 En-

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Autorin Flurina Badel hat auch den Dokumentarfilm «per amur da l'avieul – aus Liebe zur Biene» gedreht. Sie stellt dort Imker und Imkerinnen vor, die ihre Bienen aus ideellen Gründen pflegen. www.farfarproject.ch


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«Und was soll das bedeuten?» «Was redest du da für ein Kauderwelsch? Was soll das heissen?» Seit Generationen stellen Eltern ihren Kindern diese Frage, denn alle Alltagssprachen verändern sich ständig – auch Rätoromanisch. Ein Ohr voll gefällig?

Text: René Hornung Mitarbeit: Annetta Zini Illustrationen: Irene Meier

C

ho, co hast?» begrüssen sich zwei Jugendliche in

drücke kennen, werden auch die in die Alltagssprache

Scuol. Das mag in Deutschschweizer Ohren rä-

eingebaut – und schon beklagen sich die Eltern über

toromanisch klingen, die Konstruktion kommt

das Kauderwelsch ihrer Kinder.

aber aus dem Deutschen: «Cho, co hast?» oder auch

10

«cu hest?» leitet sich ab von «Ciao, wie hast du’s?» oder

Regionale Unterschiede

dem schweizerdeutschen «Ciao, wie häsch’s?». Kor-

Im Südbündner Alltag zeigen sich aber deutliche Un-

rekt wäre die Begrüssungsfrage im Unterengadiner

terschiede im Sprachgebrauch. «Hochburg» des Räto-

Idiom Vallader «Allegra, co vaja?» oder im Oberenga-

romanischen ist das Unterengadin, wo Vallader im

diner Puter «Allegra, cu vo que?».

Alltag sehr verbreitet ist. Auch die Jungen reden hier

Wie überall sind es die Jugendlichen, die die Sprache

untereinander Romanisch, allerdings wird sehr häu-

mit solchen «unkorrekten» Wörtern und Konstrukti-

fig «ge­switcht»: Sobald es um ein Thema mit Fachbe-

onen verändern. Nicht nur weil sie sich bewusst von

griffen geht, etwa um Mathematik-Aufgaben, geht es

«den Alten» absetzen wollen und sie keck mit «cho

meist automatisch auf Schweizerdeutsch weiter  –

vegl!», «Ciao Alter!», begrüssen und vor allem in den

oder mindestens in einem Mix mit eingestreuten

SMS gerne auch neue Wörter erfinden, sondern auch,

deutschen Wörtern. Vielleicht fällt einem das richtige

weil viele Jugendliche heute mehrsprachig aufwach-

Wort in der gerade gesprochenen Sprache nicht ein

sen. Da stammt vielleicht der Vater aus der Region, die

oder man verwendet absichtlich einen Ausdruck aus

Mutter aber aus der Deutschschweiz. Die Eltern reden

einer anderen Sprache, weil es interessanter tönt.

mit den Kindern dann meist in ihrer jeweiligen Mut-

Beobachtungen zeigen, dass Engadiner Jugendliche

tersprache, für die Jugendlichen etwas völlig Selbst-

die Sprache sehr schnell anpassen: Sobald eine Person

verständliches. Und ebenso selbstverständlich mi-

in der Runde nichts oder zu wenig versteht, wird ins

schen sie die englischen Brocken dazwischen. Wenn

Deutsche gewechselt. Und wichtige Informationen,

eine Schulkollegin mit Eltern aus Portugal oder ein

die von allen verstanden werden müssen, werden in

Kollege, der zu Hause Kroatisch spricht, «gaile» Aus-

einer Gruppe oft in Deutsch erklärt. 

piz 45 : Sommer | Stà 2013


Jugendsprache

Deutsche Bedeutung

Woher kommts?

chillaaxxer

chillen und relaxen

Zusammensetzung aus dem englischen to chill und to relax mit romanischer Endung. Viele Verben enden in Vallader (Unterengadin) auf -ar, in Puter (Oberengadin) auf -er.

chillar / chiller

chillen

Englisch to chill mit den romanischen Endungen.

cho / cho vegl / uei

ciao / hallo Alter / hallo

Gruss an ältere Menschen, die einem auf die Nerven gehen.

co hast? / cu hest?

Wie gehts?

Kommt aus dem Dialekt: Wie häsch’s? In Vallader korrekt: co vaja? In Puter: cu vo que?

crappar giò

absterben

Kombination aus crappar (= sterben) und der Präposition giò (= ab). Im Romanischen existiert nur crappar.

easy povret

total daneben

Kombination des viel gehörten englischen Jugendausdrucks easy mit povret (= arm).

far mit / far cun

mitmachen

Zusammensetzung von Vallader far (= machen) und der deutschen Präposition mit oder dem romanischen cun (= mit).

far nan

anmachen

Zusammensetzung von Vallader far (= machen) und dem romanischen nan (= heran, an).

flippar oura

ausflippen

Eingedeutschtes flippen mit romanischer Endung. Dazu die Präposition oura (= aus).

fonar / telar

anrufen, telefonieren

Englisches, auch in Schweizerdeutsch gebräuchliches Lehnwort phonen mit romanischer Endung.

geil / gail / easy / cool

toll, gut

Adjektive die, gleich wie in Deutsch, im Rätoromanischen mitverwendet werden.

geimar

spielen, gamen

Englisches, auch im Schweizerdeutsch gebräuchliches Lehnwort: gamen (= spielen).

giodaholic

Person, die gerade am Geniessen ist

Zusammensetzung aus giodair (= geniessen) und der englischen Endung -holic.

hai voll!

ja genau!

Zusammensetzung von Vallader hai (= ja) und dem deutschen voll. Korrekt wäre: hai, precis!

hängar / hängar intuorn

hängen / herumhängen

Vom deutschen hängen mit romanischer Endung, dazugesetzt die Präposition intuorn (= herum).

I gira

es läuft

Deutsche Umgangssprache, genau übersetzt, gibt dem romanischen girar (= laufen) eine neue Bedeutung.

I’m chaja

es scheisst mich an

Wörtliche Übernahme aus dem Deutschen.

ix-aswia / xaswia

irgendwie

Bündnerdeutsch. Existiert auch in der romanischen Kombination ix-ün (= irgendeiner).

pennar

schlafen / pennen

Vom deutschen pennen mit romanischen Endungen. Schlafen korrekt übersetzt: durmir.

quai es ... easy / krass / krank

das ist … leicht / krass / krank

easy (= leicht) meint aber auch ruhig, gut etc. – Krank meint schlecht, daneben, falsch.

relaxar / relaxer

ausruhen / relaxen

Englisch to relax mit romanischen Endungen.

shoppar / shopper

einkaufen, shoppen

Englisches Verb mit romanischen Endungen.

skypar / far il skypen

skypen

Vom Englischen to skype mit romanischem Verbsuffix. far + il + deutsche Infinitivform wird mit vielen neueren Verben gebraucht, z.B. far il chatten oder far il kuscheln.

spichar oura

ausflippen / aushängen (im umgangssprachlichen Sinn)

Korrekt wäre pichar (= hängen). Im Engadin wird umgangssprachlich einigen Verben ein s- vorangestellt. Zusammensetzung mit oura (= aus). Siehe auch flippar oura.

stresser

stressen

Englisch to stress mit romanischer Endung.

tschüf la tas-cha

siehst du, du hast eben nicht recht

Wörtlich übersetzt: die Tasche erwischt.

Tü assi!

du Assozialer!

Wörtlich aus der schweizerdeutschen Jugendsprache übersetzt.

Tü schnorrast adüna shit

du redest Mist!

Schweizerdeutsch/romanischer Mix unter Verwendung des englischen shit im Sinne von Blödsinn.

tschapper la curva

die Kurve kriegen

Wörtliche Übersetzung aus dem Deutschen.

Die Beispiele stammen zum Teil aus der Untersuchung SMS4sience. Zusätzliche Ausdrücke wurden gesammelt von Urezza Famos, Ursin Maissen, Adrian Viletta und Annetta Zini.


Anders zeigt sich die Situation im Oberengadin. Dort

die äusseren Einflüsse allerdings stärker geworden.

breitet sich Deutsch immer mehr aus, denn das Idiom

Die romanischsprachigen Täler liegen ausserdem sehr

Puter verschwindet aus immer mehr Schulen. Die Ju-

nahe an anderen Sprachregionen, die Kontakte sind

gendlichen mischen – wenn sie überhaupt noch un-

intensiv. Aus wirtschaftlichen Gründen müssen die

tereinander Romanisch reden – immer mehr deutsche

Romanen andere Sprachen lernen, Deutsch liegt ih-

Wörter oder deutsche Konstruktionen in ihr Roma-

nen am nächsten und ist am Fernsehen omnipräsent.

nisch. Statt dem korrekten «quista saira» für «heute

Wer im Oberengadin mit Tourismus zu tun hat, kann

Abend» sagen viele «hoz saira». Die Konstruktion ist

Italie­nisch. Romanen sprechen häufig mehrere Spra-

direkt aus dem Deutschen entlehnt.

chen oder mehrere regionale Idiome und manchmal

Am sprachbegabtesten gelten in Südbünden die Ju-

auch die Standardsprache Rumantsch Grischun, die

gendlichen im Bergell, die sich untereinander in ei-

der Kanton und die Radio und Fernsehen RTR sowie

nem der lokalen Bregaiot-Dialekte unterhalten, in der

die Zeitungen in den überregional wichtigen Nach-

Schule Italienisch lernen, mit Kollegen aus dem Enga-

richten verwenden. Regionale Beiträge gehen aber im

din Romanisch und mit Touristen Deutsch reden.

jeweiligen Idiom über den Sender.

Auch im Münstertal herrscht Vielsprachigkeit: Das lo-

Fazit: Jugendliche kreieren – nicht nur im Romani-

kale Idiom Jauer, eine nicht geschriebene Variation

schen – ihre eigene Sprache und halten sie so lebendig.

des Unterengadiner Romanisch Vallader, wird als Alltagssprache verwendet. Die Schulsprache war in den letzten Jahren Rumantsch Grischun, wechselte aber

SMS sind vor allem für Jugendliche ein sprachlicher

reden die Münstertaler Deutsch oder Italienisch. Jauer

Freiraum. Das internationale Forschungsprojekt SMS-

übrigens heisst die Lokalsprache, weil für «ich» das

4science hat seinen Ursprung in Belgien und erforscht

ortstypische «jau» verwendet wird – das gleiche «jau»,

die sprachlichen Besonderheiten dieser Kommunika-

das auch ins standardisierte Rumantsch Grischun

tion. In der Schweiz wurden zwischen 2009 und 2011

übernommen wurde.

Spracherfindungen in SMS

12

SMS4science

zurück zu Vallader. Und mit den Südtiroler Nachbarn

SMS in allen vier Landessprachen anonym gesammelt. Erforscht wird neben der Grammatik auch der Sprachenmix. Im Projekt zu den rätoromanischen

Ein besonders kreatives Feld der Jugendsprache sind

SMS wird einerseits der Einfluss von Deutsch und Eng-

SMS. Im Zuge einer internationalen Untersuchung

lisch untersucht, aber auch die Vermischung ver-

mit dem Titel «SMS4science» hat die Romanistikstu-

schiedener rätoromanischer Idiome und der Stan-

dentin Annetta Zini 530 Messages ausgewertet, die in

dardsprache Rumantsch Grischun.

den Engadiner Idiomen Vallader und Puter geschrie-

Claudia Cathomas, die an der Universität Bern die rä-

ben wurden. Sie fand entlehnte Wörter und Ausdrü-

toromanischen SMS auswertet, stellt fest, dass sich in

cke aus anderen Sprachen, aber auch Mischungen aus

den Kurzmitteilungen und in den Chats eine Art «Zu-

verschiedenen rätoromanischen Idiomen und viele

fluchtsort» für das schriftliche Rätoromanisch entwi-

lokaltypische Ausdrücke.

ckelt hat, da die Rätoromanen in anderen schriftli-

Jugendliche sind erfindungsreich und kreieren gerade

chen Bereichen eher Deutsch verwenden (müssen).

in den Kurzmitteilungen ihre eigene Sprache  – die

Typische Merkmale sind die Grussformeln, Entschul-

Linguistik nennt dies «Morphem-Switchings». «Ich

digungen oder Glückwünsche, bei denen sich die Ab-

torkle nach Hause» wird zum noch etwas angetrun-

sender oft an die Sprache der Adressaten anpassen.

ken tönenden «fetsch il torkeln a chesa» und die sonn-

Weil heute alle Rätoromaninnen und Rätoromanen

tägliche Erholung am See wird mit dem Verb «chil-

durchgehend zweisprachig sind, ist der Einfluss von

laaxxer» umschrieben, einer Mischung aus dem auch

Deutsch, aber auch von Englisch und Italienisch gross

in Deutsch verwendeten «chillen» und «relaxen».

und führt zu einem spielerischen Umgang mit den

Eine besonders witzige Erfindung ist das Gegenteil des

Sprachen, die oft gezielt miteinander kombiniert wer-

«Workaholic», der «Giodaholic», wörtlich: der «Ge-

den. So entstehen spontane und kreative Neubildun-

niessaholic». Annetta Zinis Arbeit trägt denn auch

gen und Redewendungen – man hört sie im Gespro-

den Titel «Cura che giodaholics chillaxxan» (Wenn

chenen und liest sie in den SMS und Chats.

Geniessaholics chillen und relaxen).

Das Forschungsprojekt SMS4science wird noch zwei

Solchen Sprachwandel hat es schon immer gegeben.

Jahre lang weitergeführt. Die Resultate werden inter-

Dank der neuen Medien und der hohen Mobilität sind

national in einer Datenbank zusammengetragen.

piz 45 : Sommer | Stà 2013


Unterwegs mit Karten von swisstopo Mit den schönsten Wanderrouten der Region

wohin

Foto: Christof Sonderegger, Rheineck

wissen swisstopo

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Ein Leben im Zeichen der Knospe Kräuter, Käse, Kastanien – in Südbünden wird der Bio-Gedanke wie in kaum einem anderen Landstrich der Schweiz gepflegt. Treibende Kräfte hinter den Produkten im Zeichen der Knospe sind in vielen Fällen die Frauen.

Text: Flavian Cajacob Fotos: Mayk Wendt

G

ut und gerne vierzehn Stunden steht Chatrina

bündner Bio-Bäuerinnen und Produzentinnen von

beitet die Milch von Kuh, Schaf, Geiss und Büf-

Bio-Produkten mehr als einmal, wenn es um ihre Vor-

fel zu kleinen und grösseren Käselaiben. Innovation

stellungen eines Auskommens im Einklang mit der

bedeutet – nicht nur für sie – zuerst einmal viel Arbeit.

Natur ging. Obwohl das Bio-Label heute weit verbrei-

Doch die Arbeit trägt Früchte: Zu ihren Abnehmern

tet und von den Konsumenten breit akzeptiert ist, haf-

zählen Fünf-Sterne-Hotels und die Fluggesellschaft

tet Hofläden und Direktvermarktern mitunter der Ruf

Swiss genauso wie kleine Läden und Einzelpersonen.

des «Handgestrickten» und der Ineffizienz an. Barbara

Eigentlich – so schildert die zweifache Mutter aus

Niederhauser aus Tarasp tut dies mit einem Schmun-

Tschlin – habe sie vor Jahren beruflich den Wiederein-

zeln ab. «Kraut und Rüben durcheinander in einem

stieg als Sportartikelverkäuferin angestrebt. «Doch

Korb ausgestellt, improvisierte Lädeli und schmudde-

diese Jobs sind in der Gegend rar und ich hätte min-

lige Mehrweggläser, das war einmal. Wir Bio-Bäuerin-

destens bis nach Scuol fahren müssen, und das wollte

nen legen heute grössten Wert auf eine tipptoppe Aus-

ich nicht unbedingt.»

lage und eine zeitgemässe Vermarktung.»

Also schaute sich die heute 41-Jährige nach Alternativen um. Und sie hatte eine zündende Idee: Weshalb

14

«Che Chaschöl» – «so ein Käse!». Das hörten alle Süd-

Mair täglich in ihrer kleinen Käserei und verar-

Qualität spricht sich herum

müssen eigentlich die ortsansässigen Bauern ihre

In ihrem Hofladen verkauft Barbara Niederhauser

Milch auswärts weiterverarbeiten lassen? Das könnte

vom Käse über Essig bis hin zu selbst gemachten Deko-

ich doch auch hier im Ort machen! Ihr Ehemann – ein

rationsartikeln fast alles, was mit Arbeit und Ernte ei-

Käser von «auswärts» – führte sie in die Kunst des Kä-

nem Bauernhof abzugewinnen ist. Längst hat sich die

sens und Joghurtmachens ein. Heute, sieben Jahre

Qualität der Erzeugnisse vom Hof «Chants» herumge-

später, freuen sich Chatrina und Peter Mair gemein-

sprochen – bis weit ins Unterland. Niederhausers lie-

sam über den guten Geschäftsgang ihrer «Chascharia

fern ihre Bio-Produkte inzwischen bis in den Kanton

Che Chaschöl».

Zug, in die alte Heimat der Bäuerin. «Natürlich, Fami-

piz 45 : Sommer | Stà 2013


lie und Freunde waren unsere ersten und sie sind auch

So richtig in Schwung gekommen sind Produktion

Zwei Frauen gehen bei der Produktvermarkung neue Wege:

unsere treusten Kunden», sagt die 43-Jährige, «aber

und Handel von und mit Bio-Produkten in den 1990er-

wenn man gute Arbeit macht, dann ist das ja immer

Jahren. Dabei entwickelte sich der Kanton Graubün-

Chatrina Mair von der Käserei

auch Werbung in eigener Sache. Mund-zu-Mund-Pro-

den zu einem wahren Bio-Eldorado. Hielten sich 1993

«Che Chaschöl» in Tschlin (l.)

paganda bringt uns am meisten.»

gemäss Statistiken von Bio Grischun erst acht Prozent

und Barbara Niederhauser vom

Nicht selten trifft sie im Laden vor der Haustüre wild-

der Betriebe an die entsprechenden Richtlinien, hat-

Hof «Chants» in Tarasp (r.).

fremde Menschen an, die mit einer Empfehlung zu ihr

ten fünf Jahre später schon ein Drittel auf Bio umge-

kommen und sich nach dem einen oder anderen Pro-

stellt. 2003 waren es bereits die Hälfte und heute sind

dukt erkundigen. Die Gespräche bieten der gelernten

es über 55 Prozent der Höfe – auch in Südbünden. Da-

kaufmännischen Angestellten und Damenschnei­

hinter stecke viel Innovationsgeist, weiss Andi Schmid,

derin immer auch Gelegenheit, die auf «Chants» ge-

denn mit Milch allein könne sich ein Betrieb heute im

lebte Philosophie im Zeichen der Knospe zu erläutern.

Bio-Sektor nicht mehr profilieren. Heute gibt es in den

«Bio, das sind nicht einfach einzelne Produkte», be-

Hofläden rauchgetrocknete Kastanien, Spätzle, Din-

tont sie, «Bio, das ist die Art und Weise, wie man mit

kelbrot, Trockenfleisch, Frischkäse, Kräutertee, Ge-

dem umgeht, was einem geschenkt worden ist, mit

würze, Konfitüren und vieles mehr.

Natur, Tieren, Pflanzen und nicht zuletzt mit dem eigenen Leben.»

Mehr als die Hälfte sind Bio-Betriebe Der Mann macht den Stall und betreibt Landschafts-

Lebensmittelskandale sind auch Motor Produzieren im Zeichen der Knospe heisst viele Richtlinien und Vorgaben einhalten und regelmässige Kontrollen auf dem Hof. Trotzdem kann sich Barbara Nie-

pflege, die Frau übernimmt das «Innenministerium»:

derhauser nichts anderes vorstellen: «Wenn ich die

eine typische Rollenverteilung auf dem Bauernhof.

Landschaft des Unterengadins anschaue, drängt sich

Auch im Bio-Betrieb? Andi Schmid, Geschäftsführer

die biologisch ausgerichtete Landwirtschaft ja förm-

von Bio Grischun, überlegt kurz und zuckt dann mit

lich auf.» Wichtig ist ihr die regionale Verankerung

den Schultern: «Ich glaube, übers Ganze gesehen

ihrer Produkte. «Wenn ich teuren Bio-Zucker aus Bra-

herrscht keine strikte Rollenverteilung. Aber wenn es

silien kaufen muss, nur um meine Konfitüre mit ‹Bio›

darum geht, Produkte vorteilhaft zu präsentieren, die

anschreiben zu dürfen, dann verzichte ich lieber auf

Verpackungen zu entwerfen und das Ganze zuverläs-

das Label. Die Kunden verstehen das und sie wissen:

sig zu vertreiben, dann fällt dies meistens ins Ressort

Ob da jetzt ‹Bio› draufsteht oder nicht, das was im Glas

der Frauen.» In den Anfangszeiten der Bio-Bewegung

ist, schmeckt und kommt von hier. Das ist den meis-

seien es vielfach auch die Bäuerinnen gewesen, die

ten viel wichtiger.»

sich ernsthaft mit einer möglichen Umstellung und

Doch diese Produktion hat auch ihren Preis. Chatrina

den damit verknüpften Chancen beschäftigt hätten;

Mair, Barbara Niederhauser und die anderen Produ-

meist vor ihren Ehemännern. Und heute wird die Be-

zentinnen haben aber die Erfahrung gemacht, dass

deutung der Frauen in der Bündner Bio-Landwirt-

die Konsumentinnen für einwandfreie Produkte auch

schaft durch die Tatsache unterstrichen, dass Claudia

mehr bezahlen. Gerade in Zeiten der vielen Lebens-

Lazzarini aus dem Puschlav die Organisation Bio Gri-

mittelskandale geht es um Glaubwürdigkeit. Und da-

schun präsidiert.

für stehen die Bio-Bäuerinnen tagtäglich ein.

piz 45 : Sommer | Stà 2013

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Wann ist ein Haus ein Haus? «Uninhabitable Objects» nennt sich eine Ausstellung, die gleichzeitig in Nairs, dem Zentrum für Gegenwartskunst in Scuol, und im Bündner Kunstmuseum in Chur zu sehen ist. Es geht im weitesten Sinn ums Wohnen. Und in Nairs auch um den Wandel im Kulturtourismus.

Text: Marco Guetg

O

bjects? Dieses Wort bietet weiter keine Prob-

Nairs ihre Stellung noch weiter ausbauen. Das Haus

leme. Bei «uninhabitable» aber wird es schwie-

wird nach der Sanierung mindestens zum Teil beheiz-

riger, geht diese Buchstabenfolge doch selbst

und mehr Ausstellungen möglich machen wird.

Dennoch hat Katharina Ammann, Konservatorin des

Mit dem Kunstmuseum in Chur arbeitet Nairs schon

Bündner Kunstmuseums in Chur, die englische Ver-

länger zusammen. Christof Rösch erinnert an die Be-

sion als Titel einer Doppelausstellung über «Unbe-

nefizveranstaltung für die Sanierung und den Ausbau

wohnbare Objekte» gewählt. Auf den Plakaten prangt

von Nairs, die im Kunstmuseum in Chur stattfand.

nun «Uninhabitable Objects»  – Klärung wie Diffe-

Anstoss für die zwei aktuellen Parallelausstellungen

renzierung zum vordergründig Unklaren liefern zwei

sei das Thema gewesen. «Mit Fragen zu Architektur

Untertitel. Während im Kunstmuseum Chur «Behau-

und Kunst beschäftige ich mich schon seit über zwan-

sungen zwischen Imagination und Realität» Thema

zig Jahren», sagt Rösch, der in Sent als Architekt und

sind, hat Nairs, das Zentrum für Gegenwartskunst in

Künstler arbeitet. Jetzt wird also an zwei Orten über

Scuol, den Fokus: «Zweckfreie Architektur und Nut-

Gleiches reflektier – allerdings mit unterschiedlicher

zen der Kunst» (Architectura sainza böd e l'adöver da l'art).

Gewichtung.

Der Titel der Ausstellung ist ein Zitat. Er bezieht sich

UNINHABITABLE OBJECTS OBJECTS INABITABELS Zweckfreie Architektur und Nutzen der Kunst | Architectura sainza böd e l’adöver da l’art Im Kunstmuseum Chur (bis 25.8.) und in Nairs, Zentrum für Gegenwartskultur, Scuol (bis 1.9.) Öffnungszeiten in Chur: Di–So, 10–17 h (Do: -20 h). Eintritt: 12.–, Öffnungszeiten in Nairs: Do–So,15–18 h und auf Anfrage. Eintritt: 5.– Öffentliche Führungen in Nairs: Di 18.6., 18.30 h | Di 9.7., 18.30 h Fr 19.7., 18.30 h | Mi 7.8., 19.30 h Fr 16.8., 18.30 h | Mi 21.8., 20.00 h So 1.9., 16 h Begleitveranstaltungen: siehe Nairs Programm Seite 62

18

bar, was die heute sehr beschränkte Saison verlängern

Englischkundigen nicht so leicht über die Lippen.

auf die fünfteilige Fotoserie «Uninhabitable Objects»

Betreten unmöglich

(2009) der Bündner Künstlerin und Fotografin Bianca

Worum es geht? Wir fragen Katharina Amman. «Um

Brunner. Sie lebt und arbeitet in Zürich und London.

die Beschäftigung mit dem Haus, und das impliziert

Aus zufällig gefundenem Material hat sie Bauten ge-

immer auch eine Beschäftigung mit dem menschli-

formt und diese fotografiert; entstanden sind eine Art

chen Sein.» Ihre weitere Antwort besteht aus Fragen:

Schutzbauten, seltsam verfremdende Objekte, die

«Wann ist ein Haus ein Haus? Was heisst wohnen?

dennoch ein Gefühl von Behausung vermitteln. «Es

Wann ist ein Objekt bewohnbar? Von welchem Mo-

war unter anderem diese Arbeit», sagt Katharina Am-

ment an würde ich in einem Objekt wohnen? Was be-

mann, «die mich inspiriert und schliesslich zu dieser

deutet wohnen?» Es geht also mehr um die Vorstel-

Ausstellung geführt hat.»

lung von Wohnen und um das Gefühl rund um die

Nairs setzt neue Zeichen

Behausung. Die Antworten sind logischerweise unterschiedlich. Und damit sind wir beim Kern der Ausstel-

Zwei Orte – ein Thema. Die Zusammenarbeit zwi-

lung: «Jeder Mensch», so Katharina Ammann, «hat ei-

schen dem Bündner Kunstmuseum in Chur und Nairs,

nen individuellen Bezug zu einem Raum und wie er

dem Zentrum für Gegenwartskunst in Scuol, setzt

sich anfühlt und somit auch einen individuellen Be-

neue Zeichen. «Nairs ist nach dem Museum in Chur

zug zum Wohnen.»

zum zweitwichtigsten Ausstellungsort für zeitgenös-

Mit Filmen, Installationen oder Objekten werden «auf

sische Kunst im Kanton Graubünden geworden»,

eine spielerische Art Modelle des Wohnens skizziert,

stellt Christof Rösch, künstlerischer Leiter der Funda-

die sich auf den ersten Blick sehr leicht erschliessen,

ziun Nairs, fest, «auch wenn wir geografisch fast in der

dann aber gleich wieder verschliessen», erläutert Ka-

hintersten Ecke sitzen.» Mit der anstehenden Renova-

tharina Ammann. Das Besondere an dieser Ausstel-

tion des früheren Kurmittelhauses will die Fundaziun

lung: Man kann die Räume nicht betreten. Man kann

piz 45 : Sommer | Stà 2013


Christof Rösch und Rolf Furrer, Schigliana – Ein Haus im Haus, 2001, Modell 1:20, Lärche (Altholz aus dem Stall Schigliana) 60 x 40 x 30 cm.


Hans Peter Wörndl: GucklHupf,

sie nur anschauen und sich dabei vorstellen, wie sie

Fotografie, das Modell  – einen Zugang herzustellen

1993. Wörndl baute das nicht

sich räumlich anfühlen. Etwa bei Rachel Whitereads

zum Objekt und somit zum Raum, in dem der Mensch

mehr existierende, vielfach

plastisch visualisiertem Innenleben eines Reihenhau-

lebt.» In Nairs steht das Medium im Mittelpunkt, wer-

verwandelbare temporäre Haus

ses in London, das in Chur als Film zu sehen ist. Vor

den Antworten auf die Frage gesucht, «welche sekun-

im Selbstbau in Innerschwand

dem Abriss liess die Künstlerin das Haus bis unters

dären Mittel einem Menschen zur Verfügung stehen,

am Mondsee in Oberösterreich.

Dach mit Beton ausspritzen. Als die Mauern abgetra-

um Architektur erfahrbar zu machen», sagt Rösch.

Fotos: Paul Ott.

gen wurden, standen die Umrisse in Beton gegossen

Geht es in Chur noch um das Gefühl des Wohnens,

da, die einzelnen Zimmer wie eine Containerburg

spielt man in Nairs eher mit abstrakten Raumbildun-

übereinandergestapelt. Oder: Über Gaudenz Signo-

gen, die sich vom reinen Wohnraum loslösen. «Bei

rells Foto einer Baumhütte als Ausdruck einer ur-

uns», so Rösch, «findet das Spiel im Ineinandergreifen

sprünglich-kindlichen Lust am Bauen. Oder: Über

der Themen statt. Wir schauen, wo es Überschnei­

Benjamin Appels Installation «Keine Schränke an Aus-

dungen oder Verwandtschaften gibt zwischen Kunst

senwände stellen» (2012). Er benutzt das Mobiliar des

und Architektur.»

Inneren, baut Aussenwände mit Schränken und Kommoden und Kisten und «stülpt damit das Innenleben

Ein mutiges Zeichen erwartet

nach aussen», erklärt Katharina Ammann. Was ent-

«Uninhabitable Objects» ist die umfassendste Ausstel-

steht, ist ein «extrem unzugängliches Objekt». Oder

lung, die je in den Räumen der Fundaziun Nairs zu

Not Vital. Er hat im Engadin, in Patagonien und im Ni-

sehen war. Sie erstreckt sich vom Keller bis unters

ger tatsächlich bewohnbare Skulpturen gebaut. Den-

Dach und wird zum Manifest des Aufbruchs. Denn

noch werden sie von uns nur in unserer Vorstellung

Ende Jahr beginnt die erste Etappe der Renovation des

und nie real bewohnt. Oder: Gerber /Bardill. Sie brin-

alten Kurmittelhauses, in dem das Zentrum unterge-

gen Licht und Ton in das vom Militär auf dem St. Luzi-

bracht ist. Knapp zwei Drittel der auf 3,6 Millionen

ensteig für Nahkampfübungen erstellte Attrappen-

Franken veranschlagten Investitionskosten seien bei-

dorf und schaffen damit die Illusion, als wäre es

sammen, sagt Rösch. Sein ambitioniertes Ziel nach er-

bewohnt. Erlebbar in Chur über einen Film oder an

folgtem Umbau: Das Kulturzentrum, das aus klimati-

zwei Wochenenden real vor Ort.

Kunst und Architektur

20

schen Gründen bisher nur während etwa fünf Monaten bespielt wird, in einen Ganzjahresbetrieb zu veredeln. Die Planung ist gemacht, die Fühler sind

Ob in Chur oder Scuol: Nicht das Haus als Statussym-

ausgestreckt und die Gesuche eingereicht.

bol steht im Vordergrund, sondern das Haus in seiner

Wie die Chancen stehen? «Wir wissen es noch nicht,

grundsätzlichen Bedeutung für den Menschen. In der

da der Regionalverband Pro Engiadina Bassa den Ent-

Fundaziun Nairs werden die Akzente allerdings etwas

scheid vom Kanton abhängig macht», so Rösch, sagts

anders gesetzt. Dort werden die Beziehungen zwi-

und träumt einen kulturpolitischen Traum: «Dass Pro

schen Skulptur und Architektur untersucht. «Es gibt

Engiadina Bassa ein Zeichen setzt, im Voraus auto-

Künstler, die sind architekturnah», sagt Christof

nom entscheidet und dem Kanton damit signalisiert,

Rösch, der die Ausstellung auch kuratiert, «und es gibt

wie wichtig die Arbeit der Fundaziun Nairs für die Ent-

Architekten, die sind kunstnah. Wir versuchen, über

wicklung des Unterengadins ist – ökonomisch-touris-

die Medien der Kunst – über die Zeichnung, den Film,

tisch und kulturell.»

Das alte Nationalparkmuseum verschwindet

zum 21.  Dezember werden als letzte Hommage die

Das Bündner Kunstmuseum wird nächstes Jahr um ei-

Räume in einen Garten verwandelt, eingerichtet vom

nen knapp 30 Millionen Franken teuren Neubau er-

Künstlerpaar Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger. Die-

weitert. Damit das aus einem Wettbewerb hervorge-

ser Garten wird sich durch alle Räume und Gänge

gangene Siegerprojekt des Architekturbüros Barossi

schleichen und Bilder zum Begriff «Natur» evozieren.

Beiga aus Barcelona verwirklicht werden kann, muss

Steiner /Lenzlingers Installation zwischen dem längs-

der «Sulserbau» abgerissen werden. Damit verschwin-

ten und dem kürzesten Tag des Jahres 2013 wird sich

det nicht nur ein historischer Bau aus dem Churer

kontinuierlich verändern. Nach Ausstellungsschluss

Stadtbild, sondern auch jenes Gebäude, das zwischen

fahren die Bagger auf. Verschwinden wird dann auch

1926 und 1929 als Naturkunde- und als erstes Natio-

die filigrane Passerelle zwischen der Villa Planta und

nalparkmuseum genutzt worden ist. Der Abbruch

dem Sulserbau, ein Entwurf von Peter Zumthor aus

wird mit einer künstlerischen Aktion orchestriert. Bis

dem Jahre 1989. (gu)

piz 45 : Sommer | Stà 2013


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Teuflische Beschleunigung E

s ist schlimm genug, dass man jetzt nichts mehr

Computerwelt ein. Das Gefühl des digitalen Überfor-

für sein ganzes Leben lernen kann. (...) Unsre

dertseins hat bei vielen Menschen jenseits der fünfzig

Vorfahren hielten sich an den Unterricht, den sie

derart zugenommen, dass Soziologen überlegen, ob

in ihrer Jugend empfangen; wir aber müssen jetzt alle

nicht ein rechtlicher Schutzraum für die ältere Gene-

fünf Jahre umlernen, wenn wir nicht ganz aus der

ration geschaffen werden müsste: eine Art «Senioren-

Mode kommen wollen.» Wehmütig erinnert sich Edu-

Entschleunigungsoase».

ard, eine der Hauptfiguren in Goethes Roman «Die

Goethe hat den immer schnelleren sozialen Wandel

Wahlverwandtschaften», an die altständische Gesell-

registriert und ein neues Wort dafür geprägt. Die Mo-

schaft, in der das Leben vor allem Wiederholung war.

derne, schrieb er, sei ein «veloziferisches Zeitalter»,

Der Enkel lernte und tat nichts anderes, als was sein

sprich: ein Zeitalter teuflischer Beschleunigung (in

Grossvater getan hatte; jeder füllte einen vorgegebe-

«veloziferisch» stecken die Wörter «velocitas», Ge-

nen Platz in einer überlieferten Ordnung aus. Wie

schwindigkeit, und Luzifer). Die Sucht nach Innova-

Eduards Urteil bezeugt, war es damit um 1800 allmäh-

tion führte in seinen Augen zu neuen sozialen Krank-

lich vorbei. Die Gesellschaft geriet in Bewegung.

heitserscheinungen. Der Mensch, bekanntlich ein

Heute ist permanentes Umlernen – in immer kürzer

Gewohnheitstier, ist angewiesen auf Stabilitäten, die

werdenden Zeitabständen – zur Normalität geworden.

seinem Leben Struktur und Halt verleihen. Das mo-

Das Generationenverhältnis hat sich tendenziell um-

derne Individuum hat sich mehr und mehr von den

gekehrt. Da das bestehende Wissen sofort wieder ver-

Zwängen einer vorgegebenen Lebensordnung befreit,

altet, ist die Fähigkeit, sich rasch umstellen und Neues

es kann heute fast alles selbst bestimmen: Beruf, Ehe-

aneignen zu können, zur entscheidenden Qualifika-

partner, Wohnsitz, Religion, Aussehen usw. Dafür be-

tion geworden. Die Alten, einst verehrt ob ihres

zahlt es aber den Preis wachsender Unsicherheit. Was

grossen Erfahrungsschatzes, sind nun häufig dem

einer in seiner Vergangenheit erfahren und gelernt

Veränderungstempo nicht mehr gewachsen und auf

hat, wird angesichts des rasanten Wandels immer be-

Anleitung durch die Jungen angewiesen. Schulkinder

deutungsloser für seine Zukunft. Es kommt zu einem

führen ihre Eltern geduldig in die Geheimnisse der

Vertrautheitsschwund, der nicht nur in der Arbeitswelt Probleme bereitet. Auch im Privatleben geht der Anteil des Dauernden zurück, nicht zuletzt, weil wir selbst es so wollen. In einer Gesellschaft, in der Scheidungen selbstverständlich sind, wird die Ehe grundsätzlich zum Projekt auf Zeit. Noch für die ersten Nachkriegsgenerationen waren der feste Beruf und die lebenslängliche Ehe die identitätsstiftende Grundlage einer Biographie. Heutige Jugendliche entwickeln sich von klein an zu Experten des Wandels. In Scheidungs- und sogenannten «Fortsetzungsfamilien» lernen sie früh mit Trennungen und wechselnden Lebenspartnern umzugehen. In sozialen Netzwerken sammeln sie flüchtige Freundschaften. Sie leben, verblüffend wandlungsroutiniert, überhaupt mehr im Augenblick. Man muss darin keine Verfallserscheinung sehen. Vielleicht zeigen uns diese Jungen auch auf vielfältige, bunte Weise, dass der Mensch sich zuletzt an alles gewöhnt – auch an den dauernden Verlust des Gewohnten. Text: Manfred Koch

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piz 45 : Sommer | Stà 2013


piz : Publireportage

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3

1 - Bestens ausgerüstet auf die Piste: Kevin Weiner in seinem Element. 2 - In den letzten 40 Jahren nicht weniger als sechs Mal geklaut: die Amerika-Flagge vor dem La Fainera-Hauptgeschäft. 3 - Richard Weiner als Segellehrer in den 1970er-Jahren.

40 Jahre La Fainera Sport An den XI. Olympischen Winterspielen von Sapporo sorgten Marie-Theres «Maite» Nadig und Bernhard Russi für Schweizer Triumphe, im deutschen Fernsehen wurde die erste Folge von «Raumschiff Enterprise» ausgestrahlt und in Schweden nahmen vier junge Leute namens Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid ihre erste Single auf – Abba startete die Erfolgskarriere. Und es gab noch ein wichtiges Ereignis im Jahr 1972: Am 18. Dezember öffnete in Sils-Maria das Sport- und Modegeschäft La Fainera seine Türen. Ein Amerikaner im Engadin

Im Sommer und im Winter eine Top-Adresse

Als der junge, sportbegeisterte Amerikaner Richard Weiner im

In der Silser Sportscheune haben mittlerweile Sohn Kevin Wei-

Jahr 1970 das erste Mal das Engadin besuchte, verguckte er

ner und seine Frau Francesca das Zepter übernommen. Sie sind

sich nicht nur in die Landschaft, sondern auch in Arlette Moeckli

mit der gleichen Begeisterung für ihre Kundinnen und Kunden

aus Sils-Maria. Das Paar heiratete und gründete 1972 in einem

da wie die Eltern in den letzten 40 Jahren. La Fainera gilt heute

alten Stall am Dorfrand sein gemeinsames Sport- und Mode-

als Top-Adresse im Engadin für Sport und Sportmode. Ob

Fachgeschäft La Fainera. Richard kümmerte sich um alles

Langlauf, Alpinski, Snowboard oder Schneeschuhwandern im

Sportliche. Arlette, die bei einem Sprachaufenthalt in London ihr

Winter sowie Biken, Wandern oder Golf im Sommer – La Fainera

Faible für Boutiquen und trendige Fashion-Labels entdeckt

garantiert für kompetente Beratung, ein umfassendes Sortiment

hatte, war für die Mode zuständig. Die Kombination von Sport-

an Top-Marken und einen perfekten Service, zu dem auch ein

artikeln und modischem Chic war ein Novum in dieser Zeit, kam

grosses Mietangebot im Rahmen des Intersport-Rent-Network

jedoch von Beginn weg hervorragend bei den Kundinnen und

Engadin gehört.

Kunden an. Segelschulpionier der ersten Stunde Parallel zur Tätigkeit im Sportgeschäft brachte Richard Weiner als Gründer einer Segelschule am Silsersee und mit einer Surfschule am oberen Ende des Silvaplanersees kräftig Wind in den Engadiner Sommer-Tourismus. 1992 wurde La Fainera umgebaut und mit einem Mountainbike-Kompetenzzentrum erweitert. Ein weiterer Meilenstein bildete die Eröffnung des zweiten La Fainerageschäfts mit Fokus Fashion im Zentrum von Sils-Maria

2 x in Sils-Maria:

Engadin – St. Moritz

im Jahr 2008. In diesem gibt auch heute noch Arlette Weiner-

Für Sport am Dorfeingang, Casual-Mode im Zentrum.

Moeckli modisch den Ton an.

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Engadin Und golf – das passte schon immer zusammen! In Sachen Golf eröffnet sich den Interessierten im Oberengadin viel mehr, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Die fast 120 Jahre alte Tradition hat Plätze in einmaliger Umgebung geschaffen. Die Swiss Hickory Championship Days knüpfen an die Geschichte an. Bereits im Jahr 1889 reiste der findige Hotelpionier Conradin von

Die neue Anlage in Zuoz-Madulain feiert dieses Jahr ihr zehnjäh-

Flugi nach England, um zu prüfen, welche Möglichkeiten für den

riges Jubiläum. Ein abwechslungsreiches, moderates Höhen-

Bau eines Golfplatzes im Engadin bestehen. Das Ergebnis war

profil prägt den Platz, was einem immer wieder traumhafte

ein 9-Loch-Platz in St. Moritz in der Nähe des Kulm Hotels, der

Ausblicke auf die Engadiner Berge oder die historischen Dörfer

1891 entstand und heute als der wahrscheinlich älteste Golfplatz

beschert. Auf den Fairways führt dies zu der einen oder anderen

auf dem europäischen Kontinent gilt. Ein Jahr später erteilte die

interessanten Hanglage. Das ständige leichte Auf und Ab ge-

Gemeinde Samedan die Genehmigung für den Bau eines

paart mit dem anspruchsvollen Platzdesign erfordert neben einer

18-Loch-Platzes. 1893 wurde der Engadine Golf Club gegründet,

soliden Golftechnik auch eine gewisse Fitness. Die Linienfüh-

dem sich 1902 der St. Moritz Golf Club anschloss. 1949 wurde

rung der weitläufigen Fairways wurde nach modernsten golf-

der Samedan Golf Club ins Leben gerufen, der mit 800 Mitglie-

technischen Gesichtspunkten und unter Berücksichtigung der

dern der grösste Golfclub im Engadin war. Mit dem Zuoz Golfclub

örtlichen ökologischen Voraussetzungen gestaltet. Zahlreiche

kam 1998 der jüngste Engadiner Club hinzu. Ende 2007 fusio-

Bunker und ebenfalls viel Wasser verlangen ein überlegtes Spiel.

nierten die drei Oberengadiner Clubs zum Engadine Golf Club und wurden zum grössten Club der Schweiz mit mehr als 1300

Vom 2. bis 4. August 2013 werden in Samedan die 3. Interna-

Mitgliedern. Die «Engadin Golf Hotels» mit über 33 Häusern in

tionalen Swiss Hickory Championship Days inklusive eines Hi-

der Region bieten interessante und auf die individuellen Bedürf-

ckory Pro-Ams ausgetragen. Damit kehrt die Urform des Golf-

nisse des Golfgastes ausgerichtete Angebote an.

spiels bereits zum dritten Mal an den Ort zurück, von dem aus

Die beiden Anlagen in Samedan und Zuoz-Madulain lassen

Gespielt wird mit historischen Schlägern, gekleidet in der Mode

auch für anspruchsvolle Golfer keine Wünsche offen. Die beiden

der 1920er-Jahre.

sie Ende des 19. Jahrhunderts den Kontinent erobert hat.

Plätze sind völlig unterschiedlich. Samedan ist ein nahezu flacher Platz, überwältigt aber mit seiner grandiosen Aussicht. Auf der Runde ist Konzentration auf das Spiel gefragt, denn die

Save the date:

vielen kleinen Bachläufe und Teiche erfordern präzise Schläge.

8.–12. Juli 2013

Hier sind zahlreiche Bunker, Bäume, Sträucher und viel Wasser

43rd engadine gold Cup

taktisch klug zu überwinden. Der fast täglich auffrischende

5.–8. September 2013

Malojawind verlangt auch mehr gefühlte Länge. Seit dem Som-

27. internat. herbSt golf WoChe

mer 2007 steht mit dem Engadine Golf Center eine moderne und grosszügig ausgestattete Trainingsanlage mit komplett

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eingerichter Driving Range zur Verfügung.

unter www.engadin-golf.ch


Der Bär war schon immer zu gefrässig Als M13 Anfang 2013 abgeschossen wurde, waren viele im Puschlav erleichtert. Durchs Unterland aber ging eine Welle emotionaler Empörung. Die Debatten sind nicht neu. Das zeigt ein Blick auf historische Berichte und den Abschuss vor 110 Jahren.

Text: Bettina Dyttrich

A

ls M13 aus Italien kam, war er schon an leicht

Doch Bären werden Graubünden weiter beschäftigen:

zugängliches Futter gewöhnt», sagt Anita Maz-

Früher oder später wandert wieder ein Tier aus Italien

zetta. «Ein Erfolgserlebnis, das ihn prägte. Ein

ein. Seit um die Jahrtausendwende slowenische Bären

Bär lernt schnell, und er ist ein Opportunist.» Maz-

ins Trentino umgesiedelt wurden, um die letzte italie-

zetta ist Geschäftsführerin des WWF Graubünden.

nische Alpenbärenpopulation zu retten, gibt es im-

Dass das Bundesamt für Umwelt (Bafu) im Februar die-

mer wieder Nachwuchs, der sich ein neues Revier su-

ses Jahres den Abschuss des Bären angeordnet hat, be-

chen muss. Und meistens führt der Weg der Jungbären

dauert sie. Trotzdem möchte sie die Puschlaverinnen

nach Norden. Ist ein Zusammenleben mit Bären in

und Puschlaver nicht verurteilen: «Die Betroffenen

Graubünden möglich?

handeln erst, wenn der Bär da ist, und das ist unter

Die Antwort hängt vor allem vom Umgang mit den

Umständen zu spät. Aber das ist in fast allen Regionen

Futterquellen ab. Anita Mazzetta vom WWF hat Rat-

so.» Das Puschlav bärensicher zu machen, sei beson-

schläge bereit: Den Kompost zerkleinern, damit er

ders schwierig, weil der Talboden stark besiedelt sei

rasch verrottet, Komposthaufen entfernen oder mit

und viele Siedlungen nahe beim Wald lägen.

Elektrozäunen sichern, bärensichere Abfalleimer auf-

Wie im Schlaraffenland

Literatur: Christian Metz: «Der Bär in Graubünden». Desertina Verlag. Disentis 1990. Maya Höneisen, Joanna Schönenberger, Yannick Andrea: «Der Braunbär. Die Rückkehr eines Grossraubtiers». Haupt Verlag. Bern 2009. David Bittner, Ursula Amstutz, Chlaus Lötscher, Reinhard Schnidrig: «Der Bär: Zwischen Wildnis und Kulturlandschaft». Stämpfli Verlag. Bern 2009.

26

stellen. Die Schweizer Firma Brüco hat einen Eimer entwickelt, den Testbären im Tierpark Goldau auch

Hundert Jahre lang lebten keine Bären in Graubünden

nach 24 Stunden nicht knacken konnten.

mehr. Schutz vor Grossraubtieren war nicht nötig  –

Mazzetta erklärt: «Im Val Müstair hat man alle Futter-

das hat zu Strukturen geführt, die Bären wie ein

quellen ausserhalb und in den Siedlungen untersucht

wahres Schlaraffenland vorkommen müssen: Auf den

und dann entschieden, welche man entfernen muss

Alpen weiden Schafe, fette Fleischrassen, ohne Hirten

und wo es sichere Abfallbehälter braucht.» In der Nähe

und Hunde. In den Wäldern stehen Bienenhäuschen

der Siedlungen gebe es für Bären nichts mehr zu holen.

mit süssem Honig, an den Rändern der Dörfer laden

«Das hat sich bisher bewährt. M13 war im Val Müstair,

Komposthaufen und Abfalleimer zum Stöbern ein.

ist aber weitergezogen. Das kann Zufall sein – oder ein

Das junge Bärenmännchen, das im April 2012 aus

Zeichen, dass das Konzept funktioniert. Man hat noch

Südtirol in die Schweiz einwanderte, schöpfte aus

zu wenig Erfahrung, um das sicher sagen zu können.»

dem Vollen: M13 plünderte Bienenstöcke, riss fast dreissig Schafe und eine Eselin. Im Herbst drang er auf

Herdenschutz mit Notfallteam

einem Maiensäss in einen Schopf ein und frass sich

«Nein», sagt Jenny Dornig, «gesehen haben wir M13

mit Kartoffeln voll. Er hatte keine Angst vor Men-

nie. Aber er war in der Nähe. Das wissen wir vom Wild-

schen und zeigte sich immer wieder in der Nähe von

hüter; M13 hatte ja ein Halsband mit einem Sender.»

Häusern. Vor allem wegen dieser fehlenden Scheu

Jenny Dornig ist Bäuerin im Thurgau und gehört zum

wurde er zum «Risikobären». Das Bafu ordnete des-

mobilen Notfallteam der Schweizer Fachstelle Her-

halb zusammen mit der Bündner Regierung und dem

denschutz, die dem landwirtschaftlichen Beratungs-

kantonalen Jagddirektor den Abschuss an: «Das Risiko

zentrum Agridea Lausanne angeschlossen ist. Auf Al-

eines Unfalls, bei dem ein Mensch ernstlich verletzt

pen, wo erstmals ein Bär oder ein Wolf auftaucht,

oder gar getötet wird, wurde unverantwortlich gross.»

kann Hilfe von der Fachstelle angefordert werden. Ein

Am 19. Februar 2013 knallte es im Puschlav.

Hirt und eine Hirtin sind angestellt, zwei weitere ar-

piz 45 : Sommer | Stà 2013


beiten auf Pikett, darunter auch Jenny Dornig. Im

Dornigs Kollege Axel Schuppan blieb bis zum Alpab-

Spätsommer 2012 war sie auf einer Schafalp im Pusch-

zug im Herbst 2012 im Puschlav. Obwohl M13 in der

lav im Einsatz.

Nähe war, riss er kein einziges Tier der geschützten

Der mobile Herdenschutz arbeitet mit speziell ausge-

Herde. Für Dornig ein Zeichen dafür, dass der Schutz

bildeten Hunden. Die grossen, massigen, meist weis­

funktioniert. Die Einsätze des Teams sind allerdings

sen Tiere stammen aus den Abruzzen oder aus den Py-

nur eine Notlösung. Die Fachstelle Herdenschutz bie-

renäen, wo es immer Wölfe und Bären gab. Sie leben

tet in Landquart und Visp deshalb Hirten-Ausbildun-

bei den Schafen und verteidigen sie gegen Angreifer.

gen an. Zehn bis zwanzig Personen besuchen jedes

Die erfahrenen Schutzhunde sind es gewohnt, immer

Jahr Kurse. Ein Dutzend hat sie bisher abgeschlossen.

wieder die Schafherde zu wechseln. Etwa 2500 Schafe leben im Puschlav, die meisten zie-

Und wie war das früher?

hen im Sommer auf lokale Alpen. Es gibt zwei grosse,

Schon in früheren Jahrhunderten gab es in Graubün-

behirtete Herden mit total 850 Tieren. Aber über tau-

den Bären, die zurückgezogen lebten, und solche, die

send Schafe verbringen den Alpsommer ungeschützt

man heute als Problembären bezeichnen würde.

in kleinen Herden. «Das Gelände ist steil und schwie-

So hiess es am 5. Juni 1867 im «Bündner Tagblatt»:

rig», sagt Jenny Dornig. «Und weil die Schafe verschie-

«Jene Bärenfamilie im Thale Scarla macht jezt Spa-

denen Besitzern gehören, bilden sie keine Herde, son-

ziergänge bis nahe an Schuls und Crusch-Surin.

dern ziehen in kleinen Gruppen herum. Es ist sehr

Kaum 50 Schritte von den Häusern weg hat die Alte

kräftezehrend, sie zusammenzuhalten.» Doch vor

eine Ziege zerrissen.» Schon damals hing der Schutz

Scheu vor Menschen verloren,

dem Bären sind die Schafe nur sicher, wenn sie in der

der Nutztiere stark von der Professionalität der Hirten

deshalb wurde er gejagt.

Nacht zusammenbleiben  – geschützt von den Hun-

ab. Im «Vaterländischen Lesebuch» von 1888 berich-

Foto: Amt für Jagd und

den und wenn möglich einem Elektrozaun.

tet ein Schafhirt aus dem Vereinatal von einem Bären-

Fischerei Graubünden.

piz 45 : Sommer | Stà 2013

Problembär M13 hatte die

27


1

1 Bär M13 im Puschlav unter-

angriff. Er fand eines Morgens mehrere gerissene

gen allen Männern erlaubt – und sie durften nicht nur,

wegs. Die Gegend war

Tiere, dreis­sig waren in Panik eine Felswand hinunter-

sie mussten sogar. Es gab die Verpflichtung, an Treib-

für ihn ein Schlaraffenland.

gestürzt – allerdings hatte er die Herde nicht bewacht

jagden teilzunehmen und dabei angemessen ausge-

Foto: Amt für Jagd und Fischerei Graubünden.

und weiter unten in einer Alphütte geschlafen.

Gerüchte und Berichtigungen

rüstet zu sein: «Ein blosser stäcken und ein zettfurken (Heugabel) sollen nit vor genugsame waffen gelten mögen», heisst es in der «Gejägtsordnung» des Ge-

2, 3 Der einzige Abschuss im

Immer wieder berichteten Bündner Zeitungen im

richts Schiers-Seewis von 1654.

20. Jahrhundert: Am 1. Septem-

19. Jahrhundert von Bärenangriffen, manchmal stütz-

Die Jagdgesetze des 19. Jahrhunderts legten Schonzei-

ber 1904 hatten Joh. Bischoff

ten sie sich aber auf Gerüchte oder schrieben einander

ten für das Wild fest – doch diese galten nicht für Bär,

und P. Fried im Val Mingér

ab. Eine interessante Korrespondenz ist aus dem Mi-

Wolf und Luchs. Für sie gab es Abschussprämien. Die

damals das letzte Tier erlegt.

sox erhalten: «Die ungewöhnlich zahlreichen Bären

schonungslose Verfolgung ging weiter, und der Kampf

Über 100 Jahre lebten in Süd-

machten die Alpen unsicher und mancher Bergamas-

wurde immer ungleicher. Mit den bis ins 19. Jahrhun-

bünden keine Bären mehr.

ker Schafhirt kehrte wohl nur mit zwei Dritteln seiner

dert gebräuchlichen Vorderladergewehren war die Bä-

Fotos: Schweizerischer

Armee in die Heimath zurück», schrieb das «Bündner

renjagd noch Waffenprofis vorbehalten: War der erste

Nationalpark.

Tagblatt» im Herbst 1866. Darauf meldete sich prompt

Schuss nicht tödlich und der verwundete Bär griff an,

ein Einheimischer und verwies den Bericht ins Reich

riskierte der Jäger sein Leben – ausser er war sehr ge-

4 Bärentatze, einst eine

der Märchen: Er habe sich bei allen Bergamasker Hir-

schickt im Nachladen. Die Hinterladergewehre mach-

Jagdtrophäe. Foto: Amt für Jagd

ten des Tals erkundigt, und von 4700 gesömmerten

ten das Nachladen einfacher, darum wagten sich auch

und Fischerei Graubünden.

Schafen seien nur acht oder zehn dem Bären zum Op-

mehr Männer auf die Jagd. Waren sie erfolgreich, wur-

fer gefallen. «So hat ein Schäfer mit einer Heerde von

den sie in den Dörfern gefeiert, manche trugen die Bä-

639 Stücken in einem der berüchtigtsten Reviere ein

renkrallen als Amulett um den Hals.

einziges Schaf verloren. Freilich hat er diese Schonung

28

nicht dem Abscheu der Bären vor dem Schaffleisch zu

Val S-charl wird zum Bärenwinkel

verdanken, sondern seinen drei guten Hunden, wel-

Die letzten Schweizer Alpenbären zogen sich immer

che die Heerde die ganze Nacht umkreisten und die

mehr in die einsamen Unterengadiner Seitentäler

ungebetenen Gäste in respektvoller Entfernung hiel-

rund um das Val S-charl zurück. Das Gebiet trug den

ten. Diese treuen Wächter fehlen bei keiner Bergamas-

Spitznamen «Bärenwinkel». Der Bündner Bär werde

ker Schafheerde.» Es seien die unbehirteten Ziegen der

aussterben, schrieb das «Bündner Tagblatt» 1897. «Wir

Einheimischen, die dem Bären leichte Beute würden,

können das nicht einmal bedauern.»

fuhr der Leserbriefschreiber fort und ergänzte: «Meis-

Sieben Jahre später war es so weit: «Am 1. September

tentheils nährt sich unser Bär von Pflanzenstoffen,

haben der bekannte Gemsjäger Joh. Bischoff und

Beeren, Kastanien etc …»

P. Fried im Val Mingér ein schönes Exemplar eines

Obwohl wirksamer Herdenschutz schon im 19. Jahr-

braunen Bären geschossen. Im Augenblick, als sie auf

hundert möglich war, stand damals fest: Wo ein Bär

zwei Gemstiere auf Schuss zu kommen suchten, hör-

auftaucht, wird er gejagt. Das war seit Jahrhunderten

ten sie’s im Geäst der Legföhren knistern und plumps

so. Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit durfte nur

sprang ein gewaltiger Bär herum. Ohne Furcht und

der Adel «Nutzwild» wie Gämse, Hirsch oder Reh ja-

Zögern schossen die Jäger und das Ungetüm lag im

gen. Bär, Wolf und Luchs nachzustellen, war hinge-

Sterben.» So schrieb die «Neue Bündner Zeitung» am

piz 45 : Sommer | Stà 2013

2


3

4

4. September 1904. Es war der erste und letzte Bären-

tisch. Doch auf reinen Kitsch reduzieren lässt sich die

abschuss im 20. Jahrhundert. Einheimische und Kur-

Bärenbegeisterung trotzdem nicht. In vielen Kulturen

gäste liessen sich mit dem toten Tier fotografieren; das

Nordamerikas und Asiens hat der Braunbär eine Son-

Kurhaus Tarasp servierte das Fleisch seinen Gästen.

derstellung. Er gilt als naher Verwandter der Men-

Die Bärenjagdgeschichten blieben noch lange in Erin-

schen und kann in manchen Überlieferungen auch

nerung: 1930, am Sängerfest in Scuol, zogen die drei

Menschengestalt annehmen. Kein Wunder: Bären

letzten Engadiner Bärenjäger mit ihrer ausgestopften

können auf zwei Beinen gehen, sie haben ähnliche

Beute auf einem geschmückten Wagen durchs Dorf.

Gelüste wie Menschen – Zucker, Fett und Eiweiss –,

Während der letzten Bären­abschüsse kam der bürger-

und ihre Jungen benehmen sich wie Menschenkinder.

liche Naturschutz in Mode. 1909 wurde der Bund für

Viel zur Popularität beigetragen hat natürlich auch der

Naturschutz (heute Pro Natura) gegründet, mit dem

Teddybär, erfunden in jenen Jahren nach 1900, als der

Ziel, einen Nationalpark nach dem Vorbild des Yel-

letzte Schweizer Alpenbär starb.

lowstone in den USA einzurichten. Im «Bärenwinkel» fanden sie Land – auch das Val Mingér, in dem der

Emotionen gehen hoch

letzte Bär starb, wurde Teil des Reservats. Und bald ka-

Wie schon der Abschuss des Problembären JJ3 im Jahr

men Diskussionen auf, ob es nicht möglich wäre, im

2008 löste der Abschuss von M13 eine emotionale Dis-

Nationalpark Bären auszusetzen.

kussion aus. Die Verantwortlichen erhielten Drohun-

Imagewandel

Puschlav wurde ein Verein gegen Grossraubtiere ge-

Es gibt wohl kein Tier, dessen Image sich in den letzten

gründet. Doch abseits der polarisierten Diskussion

gen, in Onlineforen hagelte es Beschimpfungen. Im

hundert Jahren so stark gewandelt hat. Heute ist der

engagieren sich Leute dafür, dass ein Nebeneinander

Bär populär, er ist beliebter als der Wolf – obwohl die-

von Grossraubtieren und Menschen möglich wird.

ser für Menschen, ausser bei Tollwut, kaum eine Ge-

Zum Beispiel mit Schutzhunden und Freiwilligenein-

fahr darstellt. Der Bär hingegen kann Menschen

sätzen auf Schafalpen und mit Beratung. «Es wird

wirklich gefährlich werden, etwa wenn man unbeab-

auch im Puschlav eine Lösung geben», sagt Jenny Dor-

sichtigt zwischen eine Bärenmutter und ihre Jungen

nig vom mobilen Herdenschutz. «Die Frage ist, ob die

gerät. Doch als im Sommer 2005, fast genau 101 Jahre

Tierhalter zum Umdenken bereit sind. Viele hängen

nach dem letzten Abschuss, erstmals wieder ein wil-

an den Traditionen, wollen unbedingt immer auf die

der Bär in Graubünden herumspazierte, näherten

gleiche Alp und tun sich manchmal schwer, mit ihren

sich ihm manche Touristen auf wenige Meter, als wäre

Nachbarn zusammenzuarbeiten. Aber ohne Zusam-

er ein Kuscheltier. Zum Glück war JJ2, genannt Lum-

menarbeit ist Herdenschutz nicht möglich.» Auch

paz, ein friedlicher Zeitgenosse. Ist die Freude an Bä-

Anita Mazzetta vom WWF glaubt an ein Nebeneinan-

ren nur ein Zeichen dafür, wie stark sich ein grosser

der. «Wir sind in Graubünden pragmatischer und

Teil der Gesellschaft von der Natur entfremdet hat?

sachlicher als die Walliser.» Allerdings brauche es

Dieser Aspekt spielt sicher eine Rolle: Wer selber ein

noch mehr Druck, aber auch mehr Unterstützung von

Maiensäss bewirtschaftet und damit rechnen muss,

Bund und Kanton. «Seit JJ3 hatte man Zeit, sich vorzu-

dass dort ein Bär einbricht, findet die Rückkehr der

bereiten. Aber alles ging zu langsam. Ist man beim

Grossraubtiere verständlicherweise weniger roman-

nächsten Problembären dann bereit?»

piz 45 : Sommer | Stà 2013

Ausstellen oder nicht? Bär JJ3, der 2008 in der Nähe von Thusis abgeschossen wurde, ist inzwischen ausgestopft im Bündner Naturmuseum in Chur ausgestellt. Den ausgestopften M13 will die Kantonsregierung dem Museo Poschiavino schenken. Ob das Regionalmuseum ihn aber auch will? Die Rückkehr von M13 sei ein heikles Thema, stellte Gemeindepräsident Alessandro Della Vedova im Frühling fest.

29


Not Vital, Mond, 2004, White Statuario Marmor, Ed. 2/2, ø 130 cm

piz : Publireportage

Not Vital : Skulptur 1986–2013 Neueröffnung der Galerie andrea Caratsch in St. Moritz

D

ie in St. Moritz und Zürich etablierte Galerie Andrea Caratsch feiert diesen Sommer die Eröffnung ihrer

zweiten Galerie im Zentrum von St. Moritz mit einer

Werkübersicht 1986–2013 von Not Vital. In drei voluminösen, modernen Ausstellungsräumen mit grossflächigen Fensterfronten werden an der Via Serlas 12 von insgesamt 20 Skulpturen des international erfolgreichen Schweizer Künstlers präsentiert. Plastiken in Weiss, Grau, Schwarz und glänzendem Metall offenbaren die Gesetze und archaischen Geheimnisse rund um den Kreislauf von Leben und Tod. Vital bedient sich aus dem Fundus der Natur, deren Formen und Materialien, um seine künstlerischen Umsetzungen als objets trouvés zu präsentieren. Diese leben von der Nähe zur Natur und vom

Zusammenspiel von Kultur und Natur. Die Engadiner Bergund Gedankenwelt ist stets omnipräsent und schlägt dennoch Brücken zu fremden Kontinenten. Vitals Skulpturen sind über

Not Vital, 10 Schneebälle, 2001, Treibholz und Gips, 167 x 97 x 85 cm

Not Vital – Künstler und moderner Nomade mit Wurzeln im Unterengadiner Sent – schafft seine Skulpturen in Ateliers, die über den ganzen Erdball verstreut sind: New York, Lucca, Agadez, Patagonien, Sent und neuerdings Beijing. Fasziniert und inspiriert vom Leben in der florierenden Kunstmetropole Chinas, verwirklicht Vital seine Skulpturen seit vier Jahren im eigenen Atelier in Beijing.


Not Vital, Troupeau, 2004, Silber und Knochen, 40 x 80 x 80 cm

die Kulturen hinweg lesbar, da sie sich mit dem Existentiellen befassen und als sinnliches Kunstprodukt visuell überzeugen. Not Vital ist ein Meister im Sichtbarmachen und gleichzeitigen Nobilitieren organischer Formen und Gebrauchsgegenstände. Das eigentlich Sichtbare wird allerdings oft erst über das Nicht-Sichtbare, das bewusst Versteckte, offenbar. So etwa, Not Vital, Le Sei Sorelle, 1987-1988, Holz, Gips, Eisen, Aluminium und Bronze (6-teilig), 490 x 250 cm

wenn der tatsächliche Inhalt und die wahre Bedeutung eines 40 kg schweren Silberquaders nur mittels Titel Troupeau und Werkstoffangabe Silber und Knochen verdeutlicht wird und damit den Kunstbetrachter, ob Kunstkenner oder Ziegenhirte, zum Sehenden werden lässt: Der glänzende Silbermonolith entpuppt sich als Sarkophag, künstlich veredelte Ziegenknochen zelebrieren das Leben. Es ist das subtile Spiel zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen Form und Inhalt, Natur und Kultur, welches das Œuvre Not Vitals besonders reizvoll macht. Edle Materialien wie Marmor, Gold, Silber und Edelstahl werden in der Manier der Arte Povera neben «armen» Stoffen wie Knochen, Plastik, Holz und Gips verarbeitet. Die Textur der Werkstoffe und die ungewöhnliche Formensprache sind augenfällig. Jahr für Jahr kehrt der Nomade nach Sent, dem Urquell seiner Schöpfungskraft, zurück, diesen Sommer mit einer Werkübersicht in der neuen Galerie Andrea Caratsch in St. Moritz. Die Galerien in St. Moritz sind in der Hauptsaison von Montag bis Samstag von 14.00 bis 19.00 Uhr geöffnet. Galerie Andrea Caratsch, www.galeriecaratsch.com Via Serlas 12 und Via Serlas 35-37, 7500 St. Moritz Waldmannstrasse 8, 8001 Zürich


Die Vögel und die Kulturlandschaft Landschaft und Natur werden genutzt – das hat Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt. Es gibt Spuren eines schleichenden Rückgangs beim Naturreichtum, aber auch überraschende Aufwärtstrends und erfreuliche Entwicklungen. Die Vogelwelt ist ein guter Indikator.

Text: Men Janett

D

ie grosse Artenvielfalt in Flora und Fauna hat

gleich zu ziehen. Das Landschafts- und Brutvogelmo-

viel mit den mosaikartig verflochtenen, vielfäl-

nitoring Engadin 1987–2010 zeigt grosse Veränderun-

tigen Lebensräumen zu tun, aber nicht weniger

gen in Nutzung, Vegetation und Strukturreichtum

auch mit einer nachhaltigen, weitgehend extensiven

des Kulturlandes und eine eigentliche Umschichtung

Landbewirtschaftung, wie sie im Engadin praktiziert

des Brutvogelbestands.

wird. Diese Bewirtschaftungsweise geriet in den letz-

Ist das Schatzkästlein Engadin nun keines mehr?

ten Jahrzehnten aus verschiedenen Gründen zuneh-

Doch, denn im Tal findet man noch immer weit über-

mend unter Druck. Grössere Maschinen, Übergang zu

durchschnittliche Naturwerte, und die unerfreuli-

Mähaufbereitern und Ballensilage, Bewässerungsan-

chen Entwicklungen sind keine Spezialität des Berg-

lagen und vieles mehr sind augenfällige Entwicklun-

tals. Vergleichbare Studien aus anderen Bergregionen,

gen. Dass damit ein gewisser Intensivierungsschub

zum Beispiel aus dem Wallis, zeigen ganz ähnliche Re-

einher ging, ist ebenfalls an der Landschaft ablesbar.

sultate. Übrigens spricht man nicht mehr altmodisch

Wie steht es aber mit den nicht so augenscheinlichen

von einem Schatzkästlein, vielmehr von einem «Hot-

Veränderungen? Wie hat sich die Zusammensetzung

spot» oder von einer «Important Bird Area» (IBA). Die

der betroffenen Vegetation und der Fauna – wenn

Nationalparkregion ist eine von 31 solchen IBAs der

überhaupt – verändert?

Schweiz. Nicht nur die Landschaft hat sich innerhalb

Veränderungen gab es immer. Neu aber ist, dass sie

einer Generation verändert, auch die Sprache.

systematisch erfasst werden und dass Zusammenhänge gesucht werden. Etwa am Beispiel der Vogelbe-

Die Gewinner …

stände des Engadins. Vögel reagieren rasch auf Verän-

Die Landnutzung und die Vogelwelt haben sich deut-

derungen ihres Lebensraumes und spielen häufig die

lich verändert, leider nicht in eine erfreuliche Rich-

1 Braunkehlchen, Charakter­

Rolle eines Indikators. Zudem sind genaue Bestandes-

tung, wie die Untersuchung zeigt. Die Zahl der Arten

vogel der Engadiner Blumen-

aufnahmen ihrer Populationen (Monitoring) in ei-

der Kulturlandvögel ist zwar stabil geblieben, aber ihr

wiesen. Foto: Markus Jenny.

nem bestimmten Gebiet relativ einfach.

Gesamtbestand hat um rund einen Viertel abgenom-

2 Neuntöter, ein typischer

Wandel grossräumig dokumentiert

men. Zudem ist die Vogelwelt heute ganz anders zusammengesetzt als vor zwanzig Jahren. Es gab Gewin-

Heckenbrüter.

Vor rund 25 Jahren wurde die Schweizerische Vogel-

ner, wie die Mönchsgrasmücke, welche in Hecken

Foto: Markus Jenny.

warte im Unterengadin aktiv aus der Erkenntnis her-

nistet. Ihr Bestand ist heute fünfmal grösser als in den

aus, hier ein eigentliches ornithologisches «Schatz-

späten 1980er-Jahren. Auch der Grünspecht ist häufi-

3 Mit Telemetrie wird verfolgt,

kästchen» gefunden zu haben. Sie startete ein grosses

ger geworden. Zippammer und Gartenrotschwanz

wohin die Braunkehlchen

Projekt, bei dem auf 37 Quadratkilometern, verteilt

sind zwar noch immer sehr spärlich verbreitet, haben

fliegen – hier im Val Laver.

auf 70 repräsentative Kulturlandflächen des Unter-

aber ihren Bestand doch vergrössert.

Foto: Heidi Schuler.

und Oberengadins, Daten gesammelt wurden: Die Anzahl Reviere aller Brutvögel, die Vegetation, die Ge-

… und die Verlierer

ländestrukturen und die Art und Intensität der land-

Zu den Verlierern gehören hauptsächlich die Wiesen-

brüter, ist gefährdet, weil seine

wirtschaftlichen Bodennutzung wurden kartiert.

brüter. Dazu gehört der eigentliche Charaktervogel

Nester oft beim Mähen zerstört

Diese minutiöse Bestandesaufnahme erlaubte es,

der Engadiner Blumenwiesen, das Braunkehlchen,

werden. Foto: Vogelwarte.

zwanzig Jahre später einen ziemlich exakten Ver-

aber auch die viel besungene und einst häufig auftre-

4 Der Baumpieper, ein Boden-

32

piz 45 : Sommer | Stà 2013


1

2

piz 45 : Sommer | StĂ  2013

3

33

4


5

6

7

5 Dank später Mahd konnte die-

tende Feldlerche. Deren Bestand hat in nur zwanzig

hat, mindestens in dieser Hinsicht, die beabsichtigte

ser junge Wachtelkönig in einer

Jahren um 58 Prozent abgenommen, derjenige des

Wirkung verfehlt. Die neue Agrarpolitik 2014–2017

Wiese aufwachsen.

Braunkehlchens um 46 Prozent. Der dritte Verlierer ist

will einige Korrekturen machen, die grosse Reform

der Baumpieper. Verloren hat auch der Neuntöter, ein

aber blieb aus. Immerhin sollen die Bauern für ihre ge-

6 Mahd bei Ramosch.

typischer Heckenbrüter. Er büsste etwa einen Drittel

meinwirtschaftlichen Leistungen zu Gunsten von

Fotos 5 und 6: Gabriel Monn.

seines Bestands ein, deutlich mehr als im gesamt-

Ökologie und Landschaft neue «Landschaftsquali-

schweizerischen Vergleich. Nur wenige Arten, wie die

tätsbeiträge» bekommen. Solche Leistungen erbrin-

7 Reich strukturierte Gelände-

Goldammer und erfreulicherweise auch der Wende-

gen gerade die Bergbauern in hohem Masse. Kein Zu-

hals, weisen gleichbleibende Bestände auf.

fall also, dass an einem Pilotprojekt zur Entwicklung

Vögel und Landschaftsnutzung

Tschlin im Unternengadin beteiligt gewesen sind.

kammer zwischen Ardez und Bos-cha – gut für die Artenvielfalt. Foto: Men Janett.

dieses Systems auch die Gemeinden Ramosch und

Bei der Landnutzung hat die Untersuchung im Wesentlichen eine Verschiebung zu intensiveren Nut-

Kurze Vogelleben Die Generationenfolge ist für uns Menschen atemberaubend: Alle zwei Jahre, zuweilen jedes Jahr, wächst bei den (kurzlebigen) kleinen Singvogelarten eine neue Generation heran. Rotkehlchen, Buchfink oder Meise, die sich ein- oder gar zweimal fortpflanzen, haben ein erfülltes Leben. Die meisten sterben vorher, denn ihre mittlere Lebenserwartung beträgt nicht mehr als ein bis zwei Jahre. Nicht dass ein einzelner Vogel länger leben könnte, aber die Mortalität der Jungvögel ist extrem hoch. Ein Buchfink, der ein Alter von sechs oder sieben Jahren erreicht, ist für menschliche Begriffe steinalt. Steinadler oder Bartgeier leben fünf bis acht Jahre. So lange brauchen sie aber bis zum Erreichen der Geschlechtsreife. Ein wildlebender Bartgeier kann aber auch 35 Jahre alt werden.

34

zungsformen gezeigt: Zunahme von Fettweiden und

Probleme und Lichtblicke

Fettwiesen, deutliche Abnahme von mageren, blu-

Hecken, Einzelbäume und Gebüsche, Trockenstein-

menreichen Standorten sowie von Trocken- und

mauern und Lesesteinhaufen, einzelne Steinblöcke

Halbtrockenrasen. Die extensive Nutzungsform hat

und kleine Felspartien, Bäche, alte Bewässerungsgrä-

mindestens 15 Prozent des früheren Terrains verloren.

ben, Böschungen und Säume tragen viel zur Vielfalt

Der Zeitpunkt des ersten Grasschnittes hat sich ten-

einer Kulturlandschaft bei. Für den Landwirt sind

denziell zu früherer Mahd verschoben. Bei den natur-

dies häufig lästige Hindernisse, für die Biodiversität

nahen Strukturen wurde eine deutliche Zunahme

sind diese Naturelemente aber von unschätzbarem

von Hecken und Gehölzen registriert. Den Zusam-

Wert, nicht bloss fürs Auge. Pflanzen, Kleintiere, In-

menhang zwischen Veränderungen der Landschaft

sekten und Vögel finden in einer solchen Landschaft

und der Vogelwelt hat die Untersuchung bestätigt: die

ihren Lebensraum.

Verän­derungen in der Vogelwelt waren dort am stärks-

Dass diese «Hindernisse» nicht weggeräumt werden

ten, wo sich die Nutzung der Landschaft am deut-

müssen, zeigt das ausgedehnte Wiesengebiet von Pra

lichsten verändert hat.

Grond nordöstlich von Tschlin: Der bereits vorher

Kein erfreulicher Befund: Ausgerechnet jene Vogelar-

grosse Bestand an Wiesenbrütern hat hier sogar noch

ten, die als Indikatoren für das Erreichen der «Um-

zugenommen, nachdem mit den Landwirten im Rah-

weltziele Landwirtschaft» gelten, haben überdurch-

men eines Vernetzungsprojektes Bewirtschaftungs-

schnittlich stark abgenommen. Blumenreiche Wiesen

verträge abgeschlossen wurden. Sie haben sich ver-

sind auf dem Rückzug, artenreiche Fettwiesen sind

pflichtet, den Zeitpunkt der Mahd hinauszuschieben.

mancherorts zu überdüngten, artenarmen Kerbelbe-

Eine positive Entwicklung stellt man auch in Brail,

ständen verkommen. Dass die Biodiversität auch im

Guarda und im Gebiet Furmiers (Ftan / Scuol) fest.

Kulturland des Engadins und des Berggebiets im All-

Dem äusserst seltenen Wachtelkönig behagt es zuneh-

gemeinen abnimmt, stimmt nachdenklich. Das gel-

mend in den Wiesen des Unter- und Oberengadins. Er

tende Direktzahlungssystem für die Landwirtschaft

hat hier in den letzten Jahren immer wieder gebrütet.

piz 45 : Sommer | Stà 2013


vivanda

genuina

engiadina


1

2

Das Foto- und Tongedächtnis Es gibt unzählige Fotoarchive in Graubünden. Dank der Mediathek Graubünden sollen Interessierte einen Überblick über das vorhandene audiovisuelle Kulturgut im Kanton erhalten: Bild, Ton und Film – von zu Hause aus.

Text: Aline Tannò

E

s riecht moderig, die feuchte Luft kriecht die Ho-

chen. «In den Kellern fanden wir viele Bilderschätze,

senbeine hoch. Irgendwo zwischen ausgestopf-

von denen wir noch nie gehört hatten», so Werner. Zu-

ten Kleintieren und vergessenen Plakaten tür-

gleich hörten sie immer wieder ähnliche Geschich-

men sich die Kartonschachteln oder liegen Schubladen

ten: Dass ganze Fotografennachlässe, Glasplatten und

voller Schätze. Hunderte, Tausende von Fotografien

Stapel von Fotoabzügen in Mulden gelandet seien.

warten auf Betrachter, manchmal seit Jahrzehnten.

Um die Sammlungen vor diesem Schicksal zu bewah-

Wer Fotoarchive besucht, braucht drei Dinge: einen

ren und das fotografische Erbe Graubündens für die

Faserpelz, flinke Finger, aber vor allem: Zeit. Das weiss

Wissenschaftler im In- und Ausland einfacher zu-

niemand so gut wie Pascal Werner. Der junge Bündner

gänglich zu machen, wurden die Männer aktiv.

war in fast jedem Fotoarchiv des Kantons. Sein Ziel: Alle Archive auf der digitalen Plattform «Mediathek

36

Zuerst war die Cronica

Graubünden» zusammenzuführen, um so den Zugriff

So gründeten Pascal Werner, Johannes Meyer und Lu-

auf das audiovisuelle Erbe des Kantons zu vereinfa-

kas Frei 2007 den Verein Cronica. Mit Hilfe eines wei-

chen und gleichzeitig die Originale für die Zukunft ar-

teren Kollegen, des Informatikers Silvio Rizzi, digitali-

chivieren zu können.

sierten sie ganze Fotosammlungen und stellten sie auf

Angefangen hat das Unternehmen 2006. Pascal Wer-

der Homepage www.cronica.ch online. Seither konn-

ner und seine zwei ehemaligen Schulkameraden Jo-

ten die Sammlungen per Computer von überall auf

hannes Meyer und Lukas Frei wurden vom Amt für

der Welt eingesehen werden – gratis.

Kultur angefragt, ob sie sich bei der Erstellung eines

Die Fotos wurden mit geringer Auflösung hochgela-

Fotoarchivs von Bündner Baudenkmälern beteiligen

den und mit einem Wasserzeichen versehen. Damit

wollten. Der Architekt, der Mathematiker und der

wurde gewährleistet, dass die Bildrechte der Eigentü-

Ökonome sagten zu. Zusammen mit dem Architektur-

mer nicht verletzt werden. Die Digitalisierung hatte

fotografen Ralph Feiner zogen sie durch die Täler und

für die Eigentümer viele Vorteile: Sie erhielten ein

Landschaften, um Fotos zu finden oder selber zu ma-

Back-up ihrer Fotos, die bei der Digitalisierung auch

piz 45 : Sommer | Stà 2013


3

4

gleich säurefrei verpackt und katalogisiert wurden.

grafie» beteiligen wolle, gab dann Ende 2012 den An-

Zudem konnten weitere Informationen gesammelt

stoss, das Projekt neu zu lancieren. Es entstand die Me-

St.  Johann, Müstair.

werden: Per Kommentarfunktion waren Angaben zu

diathek Graubünden.

Foto: Hans Steiner / Bauarchiv

Fotograf, Datierung oder zum Inhalt möglich.

Die Ausstellung bot den Initianten die Möglichkeit,

Kloster St.  Johann, Müstair.

Innert dreier Jahre wuchs die Anzahl der Digitalisate

ihre Plattform dem breiten Publikum bekannt zu ma-

1 Fresken in der Klosterkirche

auf über 12’000 Bilder an. Immer mehr Museen, aber

chen. Gemeinsam mit Sandro Zollinger von der Film-

2 Schmugglerinnen verstecken

auch Private, die Nachlässe verwalteten oder auf dem

produktionsfirma klubkran machten sie sich ans

Waren unter ihren Kleidern,

Estrich der verstorbenen Grossmutter auf wertvolle

Werk. Dank der finanziellen Unterstützung der Grau-

1959. Fotograf unbekannt / Archi-

Fotografien stiessen, wandten sich an Cronica und

bündner Kantonalbank, dem Heimatmuseum Arosa-

vio fotografico Luigi Gisep.

lies­sen sich beraten, was sie mit dem jeweiligen Schatz

Schanfigg und dem Institut für Kulturforschung

machen sollten. Denn die Fotos blieben immer bei

konnte die neue Plattform pünktlich zur Ausstel-

3 Besucher der Höhle von

den Eigentümern – manchmal auch zu deren Missfal-

lungseröffnung Mitte Februar aufgeschaltet werden.

Amianto. Foto: Riccardo Fan-

len: «Besitzer haben uns auch schon gefragt, ob sie die

Unter www.mediathek-graubuenden.ch sind ein paar

coni / Archivio fotografico Luigi

Originale nach der Digi­talisierung wegwerfen dürf-

Tausend Fotos aus 18 Archiven einsehbar – und es wer-

Gisep.

ten», erinnert sich Werner. Auch wenn er nie dazu ra-

den täglich mehr. Bis Ende 2013 sollen über 20’000

ten würde, so weiss er, wie schwierig die Lagerung ge-

Fotografien, Ton- oder Filmdokumente aufgearbeitet

4 Bau des Lüftungsschachtes

rade grosser Bestände manchmal ist. Auch hier bieten

und online verfügbar sein.

«Süd» des San-Bernardino-

er und seine Kollegen Hand: «Als langer Arm von Memoriav – der entsprechenden Organisation auf Bun-

Archive verknüpft

Tunnels, 1965. Foto: Antonio Rieser / Archivio a Marca.

desebene – beraten wir, wie man mit einfachen Mass-

Das Prinzip ist nach wie vor dasselbe: Private Sammler,

nahmen die Situation verbessert und wie die Abzüge

Nachlassverwalter, aber auch öffentliche Institutio-

länger halten.» Etwa, indem der Lagerraum weniger

nen sind eingeladen, ihre Daten auf der Plattform di-

stark beheizt wird oder indem einzelne Alben mit be-

gital zu veröffentlichen. Diese Archive werden unter-

sonders wertvollen Fotos anderswo gelagert werden.

Bessere Technik

einander vernetzt: Wer ein Foto von Silvaplana sucht, wird auf zwei Sammlungen verwiesen: Auf die Sammlung Lienhard und Salzborn, von der sich ein Teil in

Bald zeigten sich aber Probleme mit der Datenbank.

der Dokumentationsbibliothek St.  Moritz befindet,

Die Auflösung der Fotos war sehr gering, oft zu gering,

und auf die Sammlung Jakob Hunziker, die im Staats-

um wichtige Informationen zu zeigen. Ausserdem be-

archiv Aargau liegt. Diese Vernetzung wollen die Ver-

mängelten Forscher, dass sie die gefundenen Fotos

antwortlichen der Mediathek weiter entwickeln. So

nicht in persönlichen Arbeitsmappen sammeln konn-

entsteht zum Beispiel die Verbindung mit dem Fotoar-

ten. Aber auch die Cronica-Gründer waren nicht ganz

chiv des Instituts für Geschichte und Theorie der Ar-

glücklich mit dem Resultat: Sie bedauerten, dass sie –

chitektur GTA an der ETH Zürich. Bis Ende Jahr soll

entgegen ihrer anfänglichen Absicht – nur Fotogra-

die Vernetzung mit Archiven weiterer Universitäten

fien, aber keine Ton- und Videodokumente auf der

im In- und Ausland hinzukommen.

Plattform erfassen konnten. Die Anfrage des Bündner

Zahlreiche Funktionen erleichtern die Arbeit mit den

Kunstmuseums, ob sich Cronica an der Ausstellung

gefundenen Fotos, Videos und Tonaufnahmen. Man

«Ansichtssache – 150 Jahre Bündner Architekturfoto-

kann die Bilder in Arbeitsmappen ablegen und diesen

piz 45 : Sommer | Stà 2013

37


5

5, 6 Fotos aus einer Glasplatten-

6

anderen Forschern zur Verfügung stellen. Oder es

Sie können beispielsweise die Rechte zur Ansicht oder zum Download in einer bestimmten Grösse individu-

sammlung eines unbekannten

können direkt online Präsentationen erstellt werden.

Fotografen, der um 1900 Perso-

Die Fotos selber sind in der Mediathek – verglichen

ell an einzelne Nutzer oder Nutzergruppen vergeben.

nengruppe und RhB-Baustellen

mit dem Vorläuferprojekt Cronica – attraktiver gewor-

Die technischen Möglichkeiten sind ausgeklügelt.

rund um Samedan festgehalten

den. Die Auflösung ist deutlich höher. Hineinzoomen

Und sollte sich ein Sammler dereinst entscheiden,

hat. Die Platten wurden im

bis ins Detail wird möglich. «Dies ist insbesondere bei

nicht mehr Teil des Netzwerks sein zu wollen, kann er

Anti­quitätengeschäft «Violon

historischen Fotos wichtig, weil man ja auch mal ge-

sich dank der Einhaltung internationaler Standards

d’Ingres» in L’Isle im Kanton

nauer hinschauen möchte», weiss Pascal Werner. Für

bei Formaten und Metadaten jederzeit von der Media-

Waadt gefunden. Die Media-

diesen Sommer sind zudem die Fünfsprachigkeit der

thek zurückziehen und in ein anderes System wech-

thek Graubünden konnte sie

Plattform sowie die Integration eines sogenannten

seln. «Die Informationen, die wir auf der Mediathek

dank Unterstützung der Grau-

Geotagging-Moduls geplant. Dieses gibt auf einer

zu den einzelnen Fotos gesammelt haben, gehen dann

bündner Kantonalbank erwer-

Karte an, wo der Aufnahmeort liegt.

beim Export mit den Fotos automatisch an die Eigen-

ben. In der Mediathek gibt es

Für die Eigentümer der Fotos, Videos oder Töne bietet

tümer der Bilder. Solange wir die Plattform aber up-to-

seither die Sammlung

die Mediathek den gewichtigen Vorteil, dass sie ihre

date halten, wird dies wohl kaum vorkommen. Es liegt

«Violon d’Ingres».

Archivmaterialien selbstständig verwalten können.

also an uns!», ist Pascal Werner überzeugt.

Luigi Gisep – Sammler in Poschiavo

Über 5000 Fotos von Bauernhäusern

Ein vergleichsweise kleines digitales Archiv ist jenes

Möglicherweise werden auch die 5432 Fotos aller al-

Luigi Gisep

38

des Puschlavers Luigi Gisep. Der Sammler hat sich auf

ten Engadiner Bauernhäuser bald in der Mediathek

die frühesten Fotografen im Puschlav konzentriert:

Graubünden zu finden sein. Ulrich Brogt und Steivan

Francesco Olgiati (1871–1953), Giulio Lanfranchi

Gaudenz aus Zernez haben sämtliche Bauernhäuser

(1860–1942) und Guglielmo Fanconi (1860–1916) und

im Tal, die vor 1870 erbaut wurden, in den letzten Jah-

deren Nachfolger. 2009 ist die Sammlung an die So-

ren fotografiert. Der pensionierte Architekt und der

cietà Storica Val Poschiavo übergeben worden, welche

Lehrer diskutieren mit der Denkmalpflege die weitere

die 2500 Fotos mit finanzieller Unterstützung von Stif-

Verwendung ihres Schatzes, der derzeit zehn Fotoal-

tungen, des Kantons und der Gemeinden digitalisiert

ben füllt – aber auch digital vorhanden ist. Die beiden

und online gestellt hat. Aber auch hier ist noch Arbeit

haben auch die Entwicklung der Dörfer dokumentiert.

zu erledigen: «Luigi Gisep hat nur bis 1950 gesammelt,

In St. Moritz gibt es beispielsweise nur noch ein einzi-

spätere Fotos fehlen bislang. Deshalb sammeln wir

ges Bauernhaus aus der Zeit vor 1870. Die Auswertung

weiter», so Pierluigi Crameri, der Verwalter des Archivs.

zeigt auch, dass es im Unternengadin zwar noch mehr

1500 Fotos sind zusammengekommen, die wiederum

alte Gebäude gibt, dass sie aber jünger sind als jene im

erfasst werden müssen. Seit längerer Zeit arbeiten die

Oberengadin: Im Unterengadin wurde im Dreissig-

Verantwortlichen des Archivs auch mit der Mediathek

jährigen Krieg sehr vieles zerstört. Klar ist für Brogt

Graubünden zusammen. Sie haben denn auch einige

und Gaudenz, dass sie ihre Fotos der Öffentlichkeit

Fotos zur Ausstellung «Ansichtssache – 150 Jahre Ar-

zur Verfügung stellen wollen. Zwei Franken kostet ein

chitekturfotografie in Graubünden» im Kunstmu-

Abzug – ein bescheidener Betrag, wenn man bedenkt,

seum Chur beigesteuert.

dass sie ihr Projekt selber finanziert haben.

piz 45 : Sommer | Stà 2013


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Nus festivain. 50 onns Televisiun Rumantscha.


1

2

50 ons TR : Motiv per reflettar La Televisiun Rumantscha (TR) ha emiss sia prüma emischiun als 17 da favrer 1963, dimena avant 50 ons. Il magazin piz ha discurrü cun Mariano Tschuor, il directer actual da RTR, davart il passà e l’avegnir da la Televisiun Rumantscha.

Intervista: Mario Pult Fotografias: Archiv RTR

piz: Mariano Tschuor, ingio d’eira El als 17 favrer 1963?

I sun trais motivs, nempe far festa, reflettar ed inscun-

Mario Tschuor: Eu vaiva 5 ons e nus staivan a Rueun

trar. I dà differents inscunters culla populaziun ru-

illa Surselva ingio cha meis genituors faivan d’usters.

mantscha cun sairadas da films chi han lö in mincha

Nus nu vaivan ingüna televisiun. La prüma jada ch’eu

regiun rumantscha. La reflexiun vain fatta in noss

n’ha guardà televisiun d’eira dal 1964. Eu m’algord

programs ed in üna publicaziun per quist giubileum.

amo bain chi’s trattaiva d’üna contribuziun davart la

Centrala es la dumonda: Co as sviluppa la TR uossa

zoppina. I’s vezzaiva co chi’s faiva il bogn a la bescha.

inavant cun las nouvas pussibiltats dal muond digital. E la gronda festa faina als 24 d’avuost 2013 a Cuoira.

50 ons – perche vess quai dad esser ün motiv per far festa?

Mariano Tschuor annada 1958, ha cumanzà sia carriera sco redactur pro’l radio rumantsch. Dal 1990 es el gnü nomnà sco correspundent naziunal da SF DRS a Cuoira e dal 1993 davent ha’l manà la redacziun da la cultura populara da SF DRS. Cuntschaint es el gnü grazcha a sia moderaziun da differentas emischiuns. Daspö il 2009 es Mariano Tschuor directer da RTR (Radiotelevisiun Svizra Rumantscha). El es commember dal comitè directiv da la SRG SSR a Berna.

40

Dal 1963 es i a fin il temp da «cumbats» per avair con-

Co sun ils rebombs a quista retrospectiva?

tribuziuns rumantschas in quist nouv mez da massa,

Fin uossa vaina surgnü buns rebombs. Ils films sun

nempe la televisiun. Quist discuors tanter ils Ru-

tuots da verer sün www.rtr.ch e tschertüns perfin sün

mantschs – per exaimpel Cla Biert e la direcziun a Tu-

youtube. Tenor mai es l’uman üna creatüra chi ama la

rich – vaiva cumanzà davo la seguonda guerra mun-

nostalgia. Perquai quista vista inavo. Gugent vegnan

diala. Lura s’ha miss in movimaint ün svilup illa

guardadas las emischiuns da «Muschkito», probabel-

società civila insomma chi ha pertoc ils sectuors poli-

maing causa sia fuorma na cunvenziunala. Actual-

tics, culturals e socials. Eir pro nus. Quist svilup ha la

maing vaina grond success cul «Minisguard» chi’d ha

TR documentà da maniera cumplessiva. Ün tal giubi-

üna fuorma instructiva ligera e vegn guardà da

leum dà forza ed anim per cuntinuar ed optimar per-

pitschen e grond.

manentamaing quai cha nus realisain di per di. Co valütescha El la situaziun actuala da TR? La TR propuona per quist giubileum üna retrospectiva cun

Nus eschan da l’avis cha nus hajan üna spüerta profes-

differentas tematicas. Che sun las intenziuns, respectiva-

siunala solida. I’s tratta da mantgnair ils fuormats tra-

maing las ponderaziuns?

diziunals ma da tils sviluppar. La qualità da nossa la-

piz 45 : Sommer | Stà 2013


4

3

vur nun ha d’avair temma da gnir congualada cun

tar ils temas. Nus nu dain inavant be la lingua ma eir

1 Il nouv studio aint illa nouva

oters chanals. Quai chi’d es da sviluppar nouv es la

la cultura ed aspets socials. Nossa «raison d’être» es

Chasa da medias RTR a Cuoira.

strategia co exister i’l muond digital. Important es cha

l’offerta schurnalistica.

nus eschan là ingio cha’ls cliaints sun, tant tematicamaing sco eir tecnologicamaing.

2 «Dai, dai, dai», il gö tanter

Co valütescha El la scolaziun dals collavuratuors da TR?

l’Uniun sportiva Rueun e la So-

Mincha schurnalist o redacter ha otras premissas,

cietà da musica Ramosch, cun

Che deblezzas e che fermezzas ha TR?

otras buschas. La qualità linguistica nun es adüna op-

Ernst Denoth, 1984.

Üna fermezza es l’exclusività: Nus visualisain la vita

timala e sto gnir accumpagnada e chürada cun pre-

da la populaziun rumantscha a l’intern ed a l’extern.

mura. Nus promovin a noss collavuratuors e vain de-

3 «Telesguard» cun Flurina Badel

Grazcha als suottitels illas differentas linguas naziu-

cis da far adöver da criteris plü severs per quai chi

e Curdin Conrad direct da Sil-

nalas muossaina cha nus Rumantschs existin amo.

reguarda ils ingaschamaints.

vaplauna, 2010.

maing sur nossa lingua e na sur noss prodots. Eir

Che giavüschs ha El per l’avegnir da TR?

4 «Balcun tort», cun Ida Colum-

recrutar persunal fa fadia. Ün’ulteriura deblezza es eir

1. Avair eir da quinder inavant blers spectatuors.

berg-Nay, i’ls ons 70.

il cuort temp d’emetter sün il chanal da SRF1. Qua

2. Sviluppar nouvs fuormats linears o digitals chi pro-

Deblezzas sun cha nus gnin recepits magari ferma-

spordschan ils svilups i’l sectur digital nouvas pussi-

mouvan reacziuns davart da nos public.

biltats.

3. Mezs finanzials per pudair realisar mincha 5 ons ün film (dramatic) rumantsch.

Che rolla giova la lingua rumantscha? Il rumantsch es l’exclusività ed il veicul per transpor-

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41

VON

ALB E RTIN I


Teufel raus, Engel rein Schwester Domenica Dethomas ist die neue, 25. Priorin im Kloster St. Johann in Müstair. Die frühere Kindergärtnerin und ihre zwölf Mitschwestern leben weiterhin getreu der «Regula Benedicti» des heiligen Benedikt von Nursia.

Text: Esther Scheidegger Foto: Mayk Wendt

42

S

ie kann nicht nur beten, von der Vigil bis zur

Reihe von Schwester Domenicas Vorgängerinnen ist

Komplet. Die beliebte ehemalige Kindergärtne-

lang und ehrwürdig, mit 32 Äbtissinnen und 24 Prio-

rin, Museumsmitarbeiterin, Klosterfrau und

rinnen. Nach 120 Jahren hat dieses Kloster erstmals

Klosterdichterin Domenica mit Jahrgang 1944, die

wieder eine Frau aus dem Münstertal als Priorin. Die

nun den Konvent St. Johann führt. Sie schreibt Tage-

erste überlieferte Müstairer Äbtissin war Maria Ursu-

buch, seit sie 18 ist, kann auch pfeifen und herzerfri-

lina Karl von Hohenbalken.

schend räsonieren, deutsch oder rätoromanisch und

Domenica Dethomas wuchs sozusagen im Schatten

sogar gereimt. Etwa über den alljährlichen Weih-

des Klosters auf, einen Katzensprung entfernt. Trotz-

rauch-Stress am Vortag der Epiphanie, dem Dreikö-

dem oder gerade deswegen litt sie an Heimweh. Sie

nigstag. Da wuseln diese Schwestern, die meisten im

habe als junge Klosterfrau einmal vorgeschlagen,

AHV-Alter, im Gefolge des Spirituals durch die endlo-

nach Hause in die Ferien gehen zu können. Das gab

sen Gänge der Klosteranlage aus dem 8. Jahrhundert

Aufruhr und wurde nicht bewilligt. Auch die früheren

mit ihren unzähligen Zimmern, Gemächern und Zel-

Bergtouren fehlten ihr. Und als sie ihrem Vater zu sei-

len, die, weil es schon immer so war, alle gesegnet und

nem 60 Geburtstag mit dem Kindergarten ein Ständ-

gewedelt werden müssen: «Piff paff, Teufel raus, Engel

chen singen wollte, wurde es ihr untersagt.

rein, Türe zu – alleluja.» Es wird Weihwasser gespritzt

Trotzdem: Kindergärtnerin zu werden sei ihr innigster

und mit Kreide der populäre christliche Haussegen

Kinderwunsch gewesen. Den Beruf lernte sie im fer-

CMB angebracht, die Buchstaben stehen für Caspar,

nen Kanton Schwyz in Ingenbohl. Vier Jahre unter-

Melchior und Balthasar, was eigentlich Christus man-

richtete Domenica Dethomas dann in Chur. Freiheit

sionem benedicat bedeutet, Christus möge dieses Haus

sei ihr sehr wichtig gewesen, betont sie. Doch danach

segnen. Ein befreundeter Kapuzinerpater übersetzt

trat sie im Oktober 1969 ins Kloster St. Johann ein. Die

das Gütesiegel CMB übrigens gutgelaunt mit Chäs,

klassische, fürchterliche, steif gestärkte Haube – «wie

Milch und Brot.

eine Makkaronikiste» – sei ihr damals glücklicher-

Mönche und Nonnen sind ja nicht zwingend nur ver-

weise bereits erspart geblieben, denn das Zweite Vati-

geistigte Naturen, die sich von allem Weltlichen ab-

kanische Konzil hatte diese Kopfbedckung abge-

wenden. «Der Klosterrebell» heisst die CD, auf der

schafft. Jenes Konzil habe das Klosterleben insgesamt

Schwester Domenica eine Auswahl ihrer Texte, Plau-

erträglicher gemacht, sagt sie, und ihre Lachgrübchen

dereien und Gedichte aus dem Leben in Klausur liest,

zucken. Die Priorin lacht gerne.

die vor zwei Jahren herauskam. Kein religiöses Gesäu-

Ein Dauerbrenner ist ihre kabarettistische Nummer

sel, aber allem Aufbegehren zum Trotz aufbauend:

«Die schwebende Nonne», die sie aber nur noch selten

«Kleines Ich hat wieder Mut / Gott macht alles wieder

zum Besten gibt. Dass diese Nummer sogar der be-

gut.» In omnia saecula saeculorum. Amen.

rühmten Schriftstellerin Schwester Silja Walter gefiel,

Von klein auf im Kloster

hat nicht nur in Klosterkreisen Kultstatus. Auch Silja

Das Kloster St. Johann übernahmen die Benediktine-

Walter hatte übrigens eine ganz pragmatische Seite.

rinnen im 12. Jahrhundert, vorher war das heutige

Im Seminar lehrte sie ihre Mitschülerinnen, den in

Weltkulturerbe (seit 1983) ein Männerkloster gewe-

den Pausen vorgeschriebenen Rosenkranz nur noch

sen, das Karl der Grosse gegründet haben soll. Die

lateinisch zu beten – weil das schneller gehe …

piz 45 : Sommer | Stà 2013

freut die Priorin bis heute – Silja Walter (1919–2011)


Langsame Veränderung

eher. Neuerdings steht auch eine Fastenwoche nach

Heute ist es den Schwestern erlaubt, über die Felder

Hildegard von Bingen auf dem Veranstaltungskalen-

spazieren zu gehen, und sie machen Ausflüge. Ein be-

der, ein gemässigtes Fasten mit Dinkelbrot und Gemü-

liebtes Ziel ist die Alp Praveder, die dem Kloster gehört.

sesuppe, Herzwein, Flohsamen etcetera.

Hat sich das Leben im Kloster also verändert? Nicht in

Gebetet wird weiterhin viel, aber für die vorgeschrie-

allem: Man ist untereinander, auch nach vielen ge-

benen 150 Psalmen nehmen sich die Schwestern

meinsamen Jahren, immer noch beim Sie oder allen-

heute zwei Wochen Zeit statt nur eine. Und die Kan-

falls beim «hanseatischen Du» («Sie, Domenica»).

zelleserin beim Mittagstisch wird gelegentlich von ei-

Immer noch werden im Kloster Engadiner Trachten

nem Hörbuch abgelöst. Die «Regula Benedicti» wird

gestickt oder Filetvorhänge kunstvoll gehäkelt, vor-

aber weiterhin vorgetragen. Miteinander reden dür-

zugsweise mit dem klassischen Bündner Nägeli-Motiv.

fen die Schwestern etwa eine Stunde am Tag. Das rei-

Schwester Paula betreut die Bibliothek. Schwester

che auch, sagt die Priorin resolut. Und wenn man

Clara ist die Kapazität für Anisguetsli und die Liköre,

Krach habe untereinander, sei es wie bei gewöhnli-

die im Klosterladen verkauft werden, ebenso wie die

chen Leuten, fügt sie hinzu.

unverwechselbaren, liebenswert naiven Briefkarten,

War es ein Zufall, dass nur zwei Wochen nach ihrer

die Pia Willi gestaltet. Seit dem Unfall von Schwester

Amtsübernahme der Klosterschreiner das charakteris-

Benedicta hilft im Garten eine weltliche Gärtnerin

tische Gitter zum Sprechzimmer endgültig dicht-

aus Tirol. Für die Kräuter ist Schwester Lutgarde zu-

machte und sozusagen versiegelte, durch das früher

ständig. Im Sommer organisiert sie hier Führungen.

die Gäste mit Generationen von Schwestern hatten

In der Küche springt mittlerweile eine auswärtige Kö-

sprechen müssen? Heute treffen sich alle im Besucher-

Schwester Domenica Dethomas

chin ein. Yogakurse wären noch vor fünfzig Jahren im

raum. Ja, es war ein – geplanter – Zufall. Aber gewisser-

ist die neue, die 25. Priorin des

Kloster kaum vorstellbar gewesen, Fastenkurse schon

massen auch ein Fingerzeig des Himmels.

Klosters St. Johann in Müstair.

piz 45 : Sommer | Stà 2013

43


Hundert Prozent Handarbeit In den Wintermonaten sind viele Engadiner Handwerker arbeitslos. Der Weltenbummler und Sgraffito-Künstler Joannes Wetzel hat deshalb ein Kalkbrenn-Projekt ins Leben gerufen, das ihm half, die Durststrecke zu überbrücken – und für einige gesellige Stunden sorgte.

Text: Corinne Riedener Video-Stills: Karl Andersag

E

in verstaubter Kleinbus kriecht den Bergpfad hi-

die Beine gestellt. Gemeinsam mit zwanzig anderen

schiebt einige Rastalocken zurück unter seine

Handwerkern hat Joannes Wetzel über sechzig Ton-

Wollmütze, dann deutet er auf die kleine Lichtung mit

nen Dolomit-Kalkstein aus S-Charl im Ofen verbaut

dem Steinturm in der Mitte. «Da.» Er steigt aus, zieht

und anschliessend gebrannt. Jon Fanzun, der Verwal-

den Tabak hervor und dreht sich eine Zigarette. Rau-

ter des Schlosses Tarasp, organisierte das Ganze, Joan-

chend, in aller Seelenruhe, streift er um das zylinder-

nes war sein Brennmeister. «Das Projekt ist aus einer

förmige Gebilde, prüft kritisch Stein für Stein. Der

Notsituation entstanden», sagt er. «In den Wintermo-

27-Jährige ist noch etwas wortkarg. Doch als er sich an

naten sind nämlich viele Engadiner Handwerker, ein

die kalten Nächte hier draussen erinnert, kommt er

Grossteil ursprünglich aus Portugal, ohne Arbeit.»

ins Erzählen: «Jetzt ist es zum Glück wieder wärmer.

44

und der Stiftung Öko-Job ein Kalkbrenn-Projekt auf

nauf nach Zuort bei Tarasp. Joannes Wetzel

Als ich während unseres Projekts hier geschlafen habe,

Steine und Holz schleppen

sanken die Temperaturen nachts auf minus 20 Grad.

Während Wochen haben die Männer in mühsamer

Eiszapfen hingen an meinem Bart», grinst er.

Handarbeit Kalksteine und Holz herangeschafft, Ge-

«Der runde Turm, der im ersten Augenblick an eine der

wölbe gebaut, Kamine eingepasst, ein Dach über dem

zahlreichen Engadiner Ruinen erinnert, ist in Wirk-

Ofen gebaut. Mitte Februar, als endlich alles bereit war,

lichkeit ein Kalkofen aus dem 16. Jahrhundert.» Joan-

entfachte Joannes im Beisein der Tarasper Bevölke-

nes klettert durch ein Loch ins Innere und klaubt ei-

rung feierlich das Feuer – ganz nach dem Vorbild der

nen weissen Stein vom Boden. «1932 wurde hier zum

historischen Kalkbrenner, mit Feuerstein und Fackel.

letzten Mal Kalk gebrannt. Der Ofen wurde zwar 1996

Während der folgenden Tage hiess es dann: ausharren,

restauriert, wir waren aber die Ersten, die ihn wieder

Holz nachlegen, Hitze kontrollieren. «Die Temperatur

benutzten.» Vergangenen Winter hat der gelernte

des Ofens musste konstant auf etwa tausend Grad ge-

Maurer in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege,

halten werden, darum schlief ich die ganze Woche

dem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV)

hier oben», schildert er. «Pro Nacht schlief ich etwa

piz 45 : Sommer | Stà 2013


drei, höchstens vier Stunden. Mein dicker Schlafsack

eine Steinbildhauer-Schule im Tessin. Danach will ich

Joannes Wetzel arbeitete im vergangenen Winter auch bei

erwies mir dabei wertvolle Dienste», schildert er und

eine Ausbildung zum Restaurator machen. Wenn alles

lacht. Und meistens waren seine «Mitbrenner» dabei:

klappt, kann ich in einigen Jahren die Firma eines

tiefsten Temperaturen draus-

«Fast jeden Abend haben wir gegrillt, Musik gemacht

Freundes übernehmen.»

sen – mit Eiszapfen im Bart.

und getanzt.»

Voll und ganz eintauchen können, sei ihm wichtig,

Der Kalkbrennofen wurde mit

Joannes legt den weissen Stein auf einen Tonnen­

sagt Joannes. «Sowohl bei der Arbeit als auch auf mei-

sechzig Tonnen Steinen gefüllt.

deckel, gibt geschmolzenen Schnee dazu und erklärt:

nen Reisen.» Früher bereiste er während der arbeitsar-

Sieben Tage lang brannte das

«Ich lösche den Kalkstein mit Wasser. Nach dem Bren-

men Wintermonate andere Länder. Er war schon vier

Feuer, bis die Steine weiss und

nen ist er ätzend, so entsteht bei der Wasserzugabe

Monate im australischen Busch und lernte dort, wie

brüchig wurden. Ehefrau My-

eine chemische Reaktion.» Bereits nach wenigen Au-

man Didgeridoos baut und spielt. «Kürzlich habe ich

riam und Tochter Stella-Linda waren oft mit dabei.

genblicken beginnt der Kalkstein zu bröckeln. Es

ein Didgeridoo aus einheimischem Arvenholz gebaut.

zischt und brodelt. Dann sackt er in sich zusammen

Ich versuche jeweils, ein Stück Kultur mit nach Hause

und zerfällt. Joannes nimmt einen Ast und rührt die

zu bringen und sie wenn möglich in unsere einflies-

weisse Suppe um – nähme er den Finger, würde dieser

sen zu lassen.» – Er dreht sich um. Ein neugieriges,

womöglich gekocht, sagt er. «Dieses Gemisch, im

schwarzhaariges Mädchen späht zur Türe hinein. La-

Fachjargon Sumpfkalk, kann nämlich bis zu hundert

chend hievt er die zweijährige Stella-Linda auf den

Grad heiss werden.» Der Sumpfkalk ist die Basis für

Arm. «Von meiner letzten Südamerikareise habe ich

den Kalkmörtel und den hellen Kalkputz der alten En-

nicht nur ein Stück Kultur, sondern auch gleich meine

gadiner Häuser. Mit dem selbstgebrannten Kalk will er

gros­se Liebe mitgebracht. Stella-Linda ist unsere ge-

im Sommer einen Teil des Schlosses Tarasp neu ver-

meinsame Tochter.»

putzen. Einzelne Stellen hat er bereits 2012 restauriert.

Die Sgraffito-Leidenschaft Mit Sumpfkalk entstehen auch die traditionellen

Die Liebe in den Anden gefunden Seine ecuadorianische Ehefrau Myriam lernte er in Quito kennen: «Es hat sofort gefunkt», sagen die bei-

«Sgraffiti». Die Kratzputztechnik der Renaissance ist

den. «Wir reisten sechs Monate gemeinsam. Vor drei

Joannes Wetzels Leidenschaft. In seinem alten Bünd-

Jahren haben wir dann geheiratet.» Myriam entwirft

ner Haus in Chaflur hat er ein kleines Atelier einge-

traditionellen südamerikanischen Silberschmuck  –

richtet, wo er die Sgraffiti herstellt. Es ist vollgestopft

neuerdings auch mit Steinen, Hölzern oder Vogelfe-

mit Werkzeugen, Naturfarben und Versuchsobjekten.

dern aus dem Engadin. Dass sie ihren 13-jährigen

Sein Lieblingssujet sei der Drache, «weil er Beschützer

Sohn Nahuel aus einer früheren Beziehung mit nach

und Rächer zugleich ist».

Chaflur nimmt, war für die beiden selbstverständlich.

Das benötigte Material stellt er von Grund auf selber

Beim Mate, dem argentinischen Getränk aus Blättern

her: «Ich besorge und brenne die Steine, mache daraus

der Stechpalme, erzählt sie von den Erfahrungen in

den Putz und kann die Wand zum Schluss verzieren.»

ihrer neuen Heimat: «Dank meiner Muttersprache

Dieser ganzheitliche Ansatz, die Arbeit mit regionalen

verstehe ich das Rätoromanische relativ gut, Deutsch

Naturprodukten, die Geduld für das Handwerk – das

ist schwieriger.» Das Engadin erinnert sie an zuhause.

alles liegt ihm. «Konventionelles Mauern finde ich

«Quito liegt in den Anden. Auch hier lebe ich in den

uninteressant, darum besuche ich seit drei Jahren

Bergen, nur ist es viel, viel kälter», sagt sie und lacht.

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Unser Schulfilm

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47

06.04.2006 15:46:52


1

Das Engadiner Kinosterben Das Kino «Rex» in Pontresina ist seit dem April geschlossen. Auch das Kino im Gemeindesaal von Scuol gibt es nicht mehr. Die Zukunft des «Scala» in St. Moritz ist ungewiss. Eine Ära ist zu Ende gegangen: Es fehlen Nachfolger und die neue Technik ist teuer.

Text: Andreas Kneubühler

S

cuol, Pontresina, St. Moritz: Bis vor kurzem gab

präsident Martin Aebli. In Scuol wird der Filmklub

es in diesen drei Engadiner Gemeinden je ein

weiterhin ein Programm im Café Benderer zeigen. Die

Kino mit einem regelmässigen Programm. Das

Idee, in Nairs, dem Zentrum für Gegenwartskunst, ei-

ist nun vorbei: An Weihnachten 2012 fand in Scuol

nen Kinosaal einzurichten, wurde hingegen begra-

die letzte Vorstellung im umfunktionierten Gemein-

ben. Das Interesse sei zu wenig gross, sagt Gemeinde-

desaal statt. Im «Rex» in Pontresina ging Anfang April

rat Hans Marti, der sich um eine Lösung bemüht hatte.

eine 52-jährige Geschichte zu Ende. Nach über 10’000

Die Jungen aus dem Unterengadin nähmen eher die

Vorstellungen wurde die Ära mit «Volver» von Pedro

über 70 Kilometer lange Fahrt ins Multiplex-Kinozen-

Almodóvar abgeschlossen. Als letztes Kino im Enga-

trum von Imst in Tirol in Kauf.

din ist noch das «Scala» in St. Moritz übriggeblieben.

Am grössten sind wohl die Chancen in St. Moritz.

1 Melancholischer Abschied:

Dort stehen allerdings ebenfalls Veränderungen an.

«Scala»-Betreiber Gianni Bibbia plant neben der alten

Christian Schocher in seinem

Das Gebäude ist verkauft worden, das «Scala» muss

Reithalle ein neues Kino mit zwei Sälen. Als Investor

Kino «Rex» in Pontresina.

sich über kurz oder lang eine andere Heimat suchen.

hat er den Zürcher Kinounternehmer Edi Stöckli an

Foto: Daniel Martinek / Archiv piz.

Das Bedauern über das kleine Engadiner Kinosterben

seiner Seite. Sollte das Vorhaben scheitern, könnte das

ist gross: Mit den Schülerinnen und Schülern habe

Hotel Laudinella in die Bresche springen. Dort ist ein

man entweder in Pontresina oder in St. Moritz die

Um- und Ausbau geplant, der auch den Saal betrifft.

verschwinden die grossen

neuesten Filme sehen können, sagt Ursula Sommer

Zum neuen Konzept könnte auch ein Kino gehören,

Projektionsapparate.

von der Schulleitung des Lyceums Alpinum in Zuoz.

sagt Hoteldirektor Felix Schlatter.

Solche Angebote seien wichtig, betont sie. Für den Er-

Immerhin: neben den klassischen Kinos gibt es im En-

2 Mit der Digitalisierung

Foto: Wikimedia commons.

3 Andernorts überleben kleine

halt des «Scala» würde man sich deshalb falls notwen-

gadin andere Veranstalter, die Filme zeigen. Dazu

dig «tatkräftig einsetzen».

zählt das Hotel Castell in Zuoz. Für das Programm ist

Kinobetriebe, etwa jenes im

Es spricht allerdings viel dafür, dass im Oberengadin

der Zürcher Filmkritiker Walter Ruggle zuständig. Alle

Güterschuppen von Klosters.

weiterhin Kinofilme gezeigt werden. In Pontresina

zwei Jahre findet zudem in Sent das Kino-Openair

sehe man sich nach Alternativen um, sagt Gemeinde-

statt – das nächste 2014.

Foto: piz.

48

piz 45 : Sommer | Stà 2013


ALASKA IM JULI GEFISCHT

Teure neue Technik Das «Rex» in Pontresina, das «Scala» in St. Moritz und das Kino in Scuol

3

GEJAGT

2

hatten alle früheren Krisen der Lichtspieltheater überlebt. Doch sind sie geschlossen oder gefährdet. Auf den ersten Blick scheint der Grund klar zu

Gründung des Kinos auf die Leinwand projiziert haben, sind technisch überholt. Es braucht auch keine schweren Filmrollen mehr, die per Post hin- und hergeschickt werden müssen. Heute genügen Festplatten, deren digitale Daten in Kinobilder umgewandelt werden. Eine Wahl gibt es

VEREDELT

sein: Es ist die Digitalisierung, die die Kinobesitzer zu Investitionen von mindestens 100’000 Franken zwingt. Die Maschinen, die die Filme seit der

nicht: Seit letztem Herbst werden praktisch keine neuen Filme mehr im alten Format produziert. Wer ein aktuelles Programm bieten will, muss um-

Keine Nachfolge gefunden Für den 66-jährigen Christian Schocher, Filmemacher und Betreiber des «Rex» in Pontresina in der zweiten Generation, war aber die fehlende Nachfolge  – und nicht das Geld  – der Grund, um ganz aufzuhören. Er

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rüsten – oder aufgeben.

fand niemanden, der das Kino übernehmen wollte. Mit dem Ende des dank dem grossen Engagement der Betreiber überleben konnten. Abend für Abend führten sie in meist überhitzten Vorführräumen Hollywoodstreifen oder Studiofilme vor, kontrollierten Ton und Bildstand und überblendeten von der einen Maschine auf die andere, damit es nicht jede halbe Stunde ein Pause gab. Die technischen Veränderungen bedeuten das Ende dieser eindrucksvol-

ST.MORTZ BAD

«Rex» geht nicht nur im Engadin die Ära der Landkinos zu Ende, die nur

len Vorführmaschinen, wie sie noch im «Rex» standen. Es waren die gleichen, mit denen bereits Christian Schochers Vater, Bartholomé Schocher, Stummfilme vorgeführt hatte. «Zuverlässig wie Traktoren», lobte der Kinobetreiber jeweils die beiden Apparate. Ob die neuen digitalen Projektoren eine ähnliche Lebensdauer haben werden, ist mehr als fraglich. Sicher ist, dass die Handhabung anspruchsloser ist: Kommt das Neubauprojekt eines Kinos in St. Moritz zustande, könnten die Filme sogar per Knopfdruck von Zürich aus gestartet werden. Mit den alten Lichtspieltheatern verschwindet deshalb nicht nur das charakteristische Geräusch eines mechanischen Projektors, sondern auch der Beruf des Kinooperateurs mit seinem spezifischen Fachwissen.

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Segantini: Mutter und Kind im Stall Es ist ein besonderes Ereignis, wenn das bedeutende Gemälde «Le due madri» von Giovanni Segantini während des Sommers 2013 im Segantini Museum in St. Moritz zu bewundern ist. Das selten ausgeliehene Werk der Galleria d’Arte Moderna verlässt für einmal Mailand und gastiert für einige Zeit im Engadin. Segantini gibt eine Szene in einem dunklen Stall wieder: Eine junge Mutter, die mit ihrem Wickelkind auf den Knien eingenickt ist, und eine Mutterkuh, zu deren Füssen das kleine Kalb schläft. Mensch und Tier werden einzig vom Schein einer Laterne beleuchtet. Im Kegel der künstlichen Lichtquelle, die an die dramatische Lichtregie von Caravaggio erinnert, erscheint der Schauplatz des stillen Geschehens in einem dinghaften, fast greifbaren Realismus. Die weltliche

Giovanni Segantini, Der Engel des Lebens, 1892

Darstellung wird indes unweigerlich mit der biblischen Geburt im Stall von

Farbstift, Pastell auf Papier, Segantini Museum, St. Moritz

Bethlehem assoziiert. Immer wieder hat sich Segantini in unterschiedlicher Ausprägung mit der Gleichsetzung des beginnenden Lebens bei Mensch und Tier auseinandergesetzt. Die verdoppelte, allegorische Darstellung der Mutterschaft bei Mensch

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und Kreatur weist auf den universellen Charakter und das Wunder des neuen

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Lebens hin. Ob im Stall oder in einer weiten Landschaft, immer wieder sind

info@segantini-museum.ch

Mutter und Kind neben Schaf und Lamm, neben Kuh und Kälblein, neben Ziege

www.segantini-museum.ch

und Zicklein abgebildet. Das Thema hat Segantini schon während seiner Zeit in der Brianza beschäftigt, später in Savognin und zuletzt auch im Engadin.

Ausstellung

Beim «Engel des Lebens» thront eine Mutter mit ihrem innig umarmten Kind in

Giovanni Segantini:

einer Baumkrone, während die Seenlandschaft und der Berghorizont tief unter

Die beiden Mütter (Le due madri)

ihnen liegen: Hier erscheint die Mutter in ihrem Glanz als weltliche Maria, die

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über den Tod triumphiert.

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1

2

Quarta lingua naziunala Vor 75 Jahren wurde das Rätoromanische als Schweizer Nationalsprache anerkannt. Dies geschah in einer denkwürdigen Volksabstimmung am 20. Februar 1938. Eine landesweite Propagandaaktion hatte die Stimmbürger für die Vorlage mobilisiert.

Text: Rico Valär Fotos: Archive / zVg

D

er 20. Februar 1938 soll ein strahlender Winter-

Engadiner Jurist Otto Gieré lancierte Anfang der

tag gewesen sein. Mit Spannung erwartete man

1930er-Jahre einen neuen Anlauf für die Anerken-

in den Bündner Talschaften das Abstimmungs-

nung des Rätoromanischen auf Bundesebene. Es ge-

resultat. Am Abend läuteten in vielen rätoromani-

lang ihm und seinen Mitstreitern, die rätoromanische

schen Gemeinden die Kirchenglocken. Mit einer his-

Studentenschaft sowie die Delegierten der Lia Ru-

torischen Mehrheit von landesweit 91,6 Prozent

mantscha und später den Grossen Rat sowie die Regie-

Ja-Stimmen war das Rätoromanische als National-

rung Graubündens zu überzeugen, dass die demokra-

sprache anerkannt worden, ein seit der Gründung des

tische Anerkennung der sprachlichen Minderheit

Bundesstaates 1848 nur zweimal übertroffenes Ab-

vom Bund eingefordert werden müsse.

stimmungsresultat. Wie kam es zu diesem eindrücklichen Ergebnis, das fast an totalitäre Verhältnisse

52

Eine nationale «Sammlungsbewegung»

mahnt? Wie konnten die rätoromanischen Sprachor-

Die Eingabe der Bündner Regierung an den Bundesrat,

ganisationen und Sprachaktivisten die nationalpoliti-

welche die verfassungsrechtliche Anerkennung des

sche Elite und die Schweizer Stimmbürger für dieses

Rätoromanischen als Nationalsprache forderte, er-

Postulat gewinnen?

folgte in einer politisch sehr bewegten Zeit. Die Zwi-

Noch zu Beginn der 1930er-Jahre hatten namhafte

schenkriegsjahre waren geprägt von grossen aussen-

Spezialisten behauptet, eine solche Verfassungsände-

wie innenpolitischen Spannungen und Krisen. Die

rung würde unmöglich weder vom Parlament noch

Weltwirtschaftskrise, die Flut des Totalitarismus und

vom Volk angenommen. Auch viele Exponenten der

die Machtergreifung Hitlers setzten die schweizeri-

rätoromanischen Spracherhaltungsbewegung hielten

sche Demokratie und Neutralität ernsthaft auf die

ein solches Ansinnen für utopisch. Die Idee vorge-

Probe. Im Innern des Landes bestanden grosse Span-

bracht hatte Giachen Conrad, der erste Präsident der

nungen zwischen der deutschsprachigen und der

Lia Rumantscha, bereits 1919 anlässlich der Grün-

französischen Schweiz. Die politische Szene war äus­

dung der rätoromanischen Dachorganisation. Der

serst gespalten durch sozialpolitische Konflikte, durch

piz 45 : Sommer | Stà 2013

3


45

4

Auseinandersetzungen zwischen sozialistischen und

Die Rätoromanen wehrten sich zusammen mit nam-

1 Buchumschlag: Weder Italie-

bürgerlichen Haltungen sowie durch das Aufkommen

haften Schweizer Sprachforschern gegen diese wis-

ner noch Deutsche!

antidemokratischer Bewegungen. Ab Mitte der

senschaftlich wie politisch nicht haltbaren Behaup-

Illustration: Pia Valär.

1930er-Jahre wurde deshalb der Ruf nach einem

tungen und Forderungen. Angesichts der Bedrohung

«Schulterschluss» und nach der geeinten Verteidi-

des Rätoromanischen durch deutschsprachige Ein-

2 Der Gemeindepräsident

gung der Schweiz immer lauter. Als ideologischer Hin-

wanderer und italienische Propaganda formulierte

von Zuoz, P.C. Planta, begrüsst

tergrund der entstehenden Sammlungsbewegung

Peider Lansel, ein wichtiger Vertreter und Aktivist der

die parlamentarischen Kommis-

diente die Besinnung auf die «urschweizerischen»

rätoromanischen Sprachbewegung, sein Motto «Ni

sionen Anfang Juli 1937.

Werte: Freiheit, Neutralität, Föderalismus und Vielfalt.

Talians, ni Tudais-chs! Rumantschs vulains restar!»:

Foto: G. Sommer, © Kulturarchiv

Um den Zusammenhalt zu stärken, griffen die konser-

Weder Italiener noch Deutsche! Rätoromanen wollen

Oberengadin.

vativen Eliten am Vorabend des Zweiten Weltkrieges

wir bleiben!

auf das von der Heimatschutz- und Bauernbewegung

3 Ein bekannter Kämpfer für die

geprägte Bild der ländlichen und volkstümlichen

Rückhalt von Bundesrat Etter

vierte Landessprache: Peider

Schweiz zurück. Dies war die Geburtsstunde der soge-

Die Vorkämpfer der rätoromanischen Sprachbewe-

Lansel (1863–1943).

nannten «geistigen Landesverteidigung».

gung mobilisierten nach der Eingabe an den Bundes-

Foto: Privatnachlass Piguet-

rat viele Vereine, Verbände und Einzelpersonen für

Lansel, Sent.

Gefährliche Forderungen aus Italien

das Gelingen ihres Vorhabens. Als der Bundesrat nicht

Für die Anerkennung des Rätoromanischen als Natio-

sogleich auf die Eingabe der Bündner Regierung ant-

4 Bundesrat Philipp Etter po-

nalsprache gab es zwei wichtige Argumente: Einer-

wortete, reichte der Bündner Nationalrat Giusep

siert mit dem Gemeindepräsi-

seits war der Sprachbestand bedroht, beispielsweise

Condrau 1936 eine von 54 weiteren Nationalräten

denten und Trachtenfrauen vor

durch die Einwanderung Deutschsprachiger, und es

mitunterzeichnete Interpellation ein. Als diese im

dem Planta-Haus in Zuoz.

musste mehr für die Erhaltung und Förderung der

Parlament besprochen wurde, appellierte er auf Räto-

Foto: G. Sommer, © Kulturarchiv

Sprache gemacht werden. Andererseits behaupteten

romanisch an die Abgeordneten: «Verehrte Eidgenos-

Oberengadin.

italienische Nationalisten seit dem Ersten Weltkrieg,

sen! Zwei Dinge berühren die Seele eines Volkes: die

die rätoromanischen Mundarten seien bloss italieni-

Sprache und die Religion! Glauben Sie mir: Das rätoro-

sche Dialekte, und forderten nun unter den Faschis-

manische Volk hält an seiner Sprache fest, verteidigt

Frontseite von «Illustré»,

ten die Eingliederung der rätoromanischen Gebiete

sie seit Jahrhunderten und will unter keinen Umstän-

28. Mai 1936.

ins italienische Reich. Hinter diesem «Irredentismus»

den auf seine Sprache verzichten. Das Volk wehrt sich.

stand das Einheitsprinzip, welches allen Grossnatio-

Gebt ihm durch die Anerkennung des Rätoromani-

nen zugrunde liegt, und damit die Forderung nach ei-

schen als vierte Nationalsprache Mut und Kraft dazu!»

nem kulturell und sprachlich homogenen National-

Ein Selbstbehauptungs- und Heimatschutzvokabular,

staat. Gemäss den italienischen Irredentisten sollten

das perfekt in den Zeitgeist passte.

alle italienischsprachigen Territorien ins italienische

Bundesrat Philipp Etter, Vorsteher des Departements

Mutterreich integriert werden, also auch das Tessin

des Innern, antwortete, dass der Bundesrat dem Be-

und die italienischen und rätoromanischen Talschaf-

gehren der Rätoromanen «aufrichtige Sympathie und

ten Graubündens. Die Beziehungen zwischen der

volles Verständnis» entgegenbringe. Etter stellte die

Schweiz und Italien waren deshalb in der Zwischen-

Rätoromanen als vorbildhafte Schweizer dar, als «ein

kriegszeit eine dauernde diplomatische Sorge.

moralisch, ein geistig und seelisch starkes Volk». Für

piz 45 : Sommer | Stà 2013

5 Ein Münstertaler Jäger auf der

53


Etter waren die «moralischen Kräfte» der Rätoromanen an ihre Sprache und an ihren bergigen Boden ge-

einen Erfolg für die Mobilisierung der Massen zuguns-

bunden und er verkündete, diese «moralischen Kräfte

ten «echt schweizerischer» Werte.

zu stärken und zu stützen» sei «gerade in der heutigen

BUCHTIPP und Lesung: Rico Valär: Weder Italiener noch Deutsche! Die rätoromanische Heimatbewegung 1863–1938. Verlag hier + jetzt, 432 Seiten, 70 Illustrationen, Fr. 59.– Das Buch ist im Frühling 2013 zum 75. Jahrestag der Aner­ kennung des Rätoromanischen als Nationalsprache erschienen. Ausgehend vom Nachlass Peider Lansels zeichnet es die Ent­stehung und den Verlauf der rätoromanischen Sprachund Heimatbewegung nach und stellt sie in einen natio­ nalen und internationalen Kontext. Zum 150. Geburtstag von Peider Lansel stellt der Autor das Buch am 15. August 2013 um 20.15 Uhr in der Chasa Misoch in Sent vor.

Zeit eine Aufgabe des Staates, die er mehr noch als frü-

Ein einig Volk: fast 92 Prozent Ja-Stimmen

her zu erfüllen verpflichtet» sei.

In den Wochen vor der Abstimmung befassten sich

Nun wurde eine nationale Propagandaaktion aufge-

zahlreiche einflussreiche Blätter mit der Abstim-

zogen. Die Propagandisten der «quarta lingua nazi-

mung, riefen die Bevölkerung zum Zusammenhalt

unala» operierten dabei  – im Einklang mit der sich

auf, der Radiosender Beromünster stockte die rätoro-

popularisierenden Ideologie der geistigen Landesver-

manischen Sendungen auf und der gemischte Chor

teidigung – mit starken folkloristischen und patrioti-

von Samedan machte, von den SBB unterstützt, eine

schen Kundgebungen in den Schweizer Städten, mit

Propagandatournee in Engadiner Tracht. Die Zürcher

Trachtenfrauen, Chorgesang, Kunsthandwerk und

Illustrierte veröffentlichte einen mehrseitigen Bildbe-

Vaterlandsgedichten.

richt, der enge Schulstuben, bärtige Bergbauern, tüch-

Die Parlamentarier der zuständigen Kommissionen

tige Bergbäuerinnen, wackere Jäger, schmucke Bau-

wurden im Juli 1937 auf eine dreitägige Reise durch

ernhäuser und althergebrachtes Brauchtum zeigte.

Romanischbünden eingeladen. Sie besuchten Zuoz,

Am 20. Februar 1938 gingen 54 Prozent der stimmbe-

St. Moritz, Savognin, Trun und Disentis, sahen Trach-

rechtigten Männer an die Urne. Die Vorlage der Räto-

tenchöre, hörten Volkslieder, erkundeten das Engadi-

romanen wurde mit rund 570’000 Ja- gegen 52’000

ner Museum. Später vermittelten Etter und die Kom-

Nein-Stimmen, also zu fast 92 Prozent, angenommen.

missionsmitglieder dem Parlament und dem Volk die

Dieses Resultat wurde als «Bejahung des schweizeri-

Anerkennung des Rätoromanischen als eine freund-

schen Staatsgedankens» sowie als «Demonstration

eidgenössische Pflicht, als patriotischen Akt zur Be-

des eidgenössischen Zusammenhaltes» gefeiert. So

wahrung des inneren Friedens und zur Bestätigung

wurde die Anerkennung des Rätoromanischen als Na-

der nationalen Einheit in der Vielfalt.

tionalsprache im Jahr vor dem Ausbruch des Zweiten

Die Darstellung der Rätoromanen als bedrohtes, be-

Weltkrieges im Sinne der «geistigen Landesverteidi-

scheidenes, heimatverbundenes Bergbauernvolk und

gung» als eigentlicher Ausdruck der Schweizer Einheit

ihrer Sprache als schutzwürdiges, althergebrachtes,

und Solidarität aufgefasst.

Auszug aus dem Bildbericht von Hans Staub in der «Zürcher Illustrierten».

54

nationales Erbe hatte grosse Wirkung und versprach

piz 45 : Sommer | Stà 2013


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1

Global denken – lokal handeln In der Region aktiv, national und international vernetzt – das sind Serviceclubs wie Rotary, Soroptimist, Kiwanis und Lions. Neu entstanden ist Zonta Engiadina, wo sich ausschliesslich Frauen engagieren, unter anderem im sozialen Bereich.

Text und Fotos: Susanna Fanzun

V

or zwei Jahren wurde der Frauenserviceclub

statt. Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf sprach

jüngsten von 1200 Clubs dieser Organisation in

über «Politisches und Persönliches» und gab einen

63 Ländern. Mehr als 31’000 Mitglieder weltweit engagieren sich auf lokaler, nationaler und internationa-

56

Im April fand ein gemeinsamer Abend der drei Clubs

Zonta Engiadina gegründet. Es ist einer der

umfassenden Einblick in ihren Alltag.

ler Ebene für die Verbesserung der Lebenssituation

Soziales Engagement

von Frauen im rechtlichen, politischen, wirtschaftli-

In der Region hat Zonta Engiadina öffentliche Veran-

chen und beruflichen Bereich. Neben nationalen und

staltungen organisiert und in Zusammenarbeit mit

internationalen Projekten gehört die Förderung jun-

dem Sozialdienst Engiadina Bassa / Val Müstair mehr-

ger Frauen auf allen Bildungsstufen dazu. Die Mitglie-

mals unbürokratisch finanzielle Hilfe geleistet. Der

der von Zonta Engiadina pflegen regelmässig den

Club unterstützte aber auch das Tanzprojekt «Round-

freundschaftlichen Kontakt bei Referaten und kultu-

about» für Mädchen und junge Frauen zwischen 12

rellen Anlässen. Für Zonta-Vizepräsidentin Martina

und 20 Jahren und einen Selbstverteidigungskurs für

Hänzi ist vor allem der Kontakt unter Frauen aus ver-

Mädchen, organisiert durch die Aids-Hilfe Graubün-

schiedenen Berufen und unterschiedlichen Generati-

den. Auch die Kinderkrippe «Villa Milla», die Spiel-

onen bereichernd.

gruppe «Chüralla» in Scuol und Pro Juventute Val

Gründungspräsidentin Annegret Gallmann freut

Müstair wurden unterstützt.

sich, dass die Fähigkeiten der Frauen gefördert und bei

«Das alles erfordert zeitliches, finanzielles und persön-

der Erarbeitung von Projekten Freundschaften ver-

liches Engagement», stellt Annegret Gallmann fest.

tieft werden. Zonta ermöglicht Zusammenarbeit und

Die internationale Organisation verlangt auch, dass

Begegnungen in der Region. Das gefällt auch den

Ziele und Regeln eingehalten werden und Strukturen

Männern: Guido Parolini, Präsident des Lions Clubs,

funktionieren. Die Serviceclubs leisten also wohltä-

schätzt die gegenseitigen Treffen, und Martin Lauber,

tige Arbeit. «Diese Haltung haben wir von den ameri-

Präsident der Rotarier, lobt die gute Zusammenarbeit.

kanischen Organisationen übernommen, wo der So-

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2

3

zialstaat nicht so gut ausgebaut ist wie bei uns», erklärt

Vernetzung und Karriereförderung? Der Präsident der

Guido Parolini, der Präsident der Lions Engiadina

Rotarier im Unterengadin, Martin Lauber, korrigiert

Schlumpf (rechts) mit Annegret

Bassa. Diese Organisation engagiert sich bei Ausflügen

dieses Bild. Der Club sei entstanden, um zu dienen

Gallmann (links) von Zonta

des Alters- und Pflegeheims, sammelt Geld am Glüme-

und Gutes zu tun. Die Organisation ermögliche Ver-

Engiadina.

ras-Fest in Scuol und zusammen mit den Partnern von

netzungen. «Was soll daran falsch sein?», fragt Buch-

1 Bundesrätin Eveline Widmer-

Lions Val Müstair unterstützt er für die nächsten drei

autor Karl Lüönd. Wenn die Clubs ihr Image ändern

Jahre den Verein zur Förderung der Scoula da musica

wollten, müssten sie öffentlicher werden. Service-

projekt «Roundabout» für Mäd-

Engiadina Bassa jedes Jahr mit 3000 Franken. Kinder

clubs holen im Idealfall fremde Welten und deren Pro-

chen und junge Frauen.

2 Zonta unterstützt das Tanz-

von weniger gut bemittelten Familien sollen sich den

bleme an den Tisch und setzen sich damit auseinander.

Musikunterricht leisten können.

Eigentlich seien sie Institutionen der Erwachsenenbil-

3 Der Rotary-Club pflegt auch

Vernetzung

dung. Wer im eigenen Leben Glück und Erfolg habe,

die regionale Geschichte.

sei – über die bürgerlichen Pflichten hinaus – gehalten,

Heute zählt der Rotary Club Scuol-Tarasp-Vulpera

einen persönlichen Beitrag zugunsten derjenigen zu

37 Mitglieder, davon zwei Frauen. Ein Höhepunkt war

leisten, denen es nicht so gut geht.

der «hands-on»-Einsatz bei den Unwettern in Pfunds. Die Rotarier pflegen den regelmässigen Kontakt zur

Es gibt noch viel zu tun

Partner­organisation in Imst und Landeck. Sie haben

Für Annegret Gallmann, Präsidentin von Zonta Engi-

aber auch schon den Schlosspark in Tarasp aufge-

adina, steht das konkrete Engagement in der Region

räumt. Der lokale Club sei altersmässig vergleichs-

im Vordergrund. Im Regionalen etwas bewegen, Pro-

weise gut durchmischt, stellt Martin Lauber fest. Re-

jekte angehen, sich selbst auf den Weg machen, um

gelmässige Präsenz bei den wöchentlichen Treffen sei

zuerst etwas im Kleinen zu bewegen – das sind ihre

aber für jüngere Mitglieder schwer möglich.

Ziele. Auch wenn die ersten Schritte klein seien, sei es

Bei den Lions zeigt sich allerdings, dass es immer

immer der Beginn eines Weges, der weiterführe.

schwieriger wird, junge Leute für ein Engagement zu

Eine Generation jünger als die Gründungspräsidentin

gewinnen. Viele seien beruflich und familiär zu stark

ist die Vizepräsidentin Martina Hänzi. Sie sieht in der

beansprucht. Zudem werde immer mehr Individuali-

weltweiten Vernetzung der Frauen die Stärken des Ser-

tät gelebt. Da werde gemeinsames Engagement immer

viceclubs. Ihr gehe es gut und bei Zonta könne sie sich

schwieriger. Die Präsenz der 34 Mitglieder des Lions

für Frauen und Mädchen engagieren, die weniger

Clubs an den zweimal im Monat stattfindenden Tref-

Glück im Leben haben. Martina Hänzi ist in der Nähe

fen sei aber erfreulich. Auch hier sei der Altersdurch-

von Zürich in einem Umfeld aufgewachsen, wo das

schnitt tiefer als in anderen Regionen.

Thema Gleichberechtigung so selbstverständlich war,

Den Mitgliedern der Serviceclubs werde aber immer

dass darüber nicht einmal gesprochen wurde.

auch Machtstreben vorgeworfen. So wurde im Früh-

Im Engadin – so meint sie zu spüren – sei Gleichbe-

ling 2013 in den Medien die Tatsache thematisiert,

rechtigung durchaus noch ein Thema, das diskutiert

dass drei von vier Kandidaten für den NZZ-Verwal-

werde müsse. Die Aktivitäten von Zonta Engiadina

tungsrat den Rotariern angehören. Wer da hinein-

seien ein kleiner Beitrag zur Förderung der Frauen und

komme, habe es in den inneren Zirkel der Macht ge-

Mädchen. Die Mitgliedschaft öffne zudem den Blick

schafft. – Sind die Clubs elitäre Mittagessentreffen zur

auf die grosse Welt.

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UrsprUnge im frUhen 20. Jahrhundert Die internationalen ServiceOrganisationen sind alle an der Schwelle des 20. Jahrhunderts entstanden: Rotary 1905, Kiwanis 1915, Lions 1917, Zonta International 1919. Damals schossen Serviceclubs in Amerika förmlich aus dem Boden und auch die Frauen beanspruchten einen Platz in der Gesellschaft. Den Gründerinnen, Marian de Forest und Mary Jenkins, ging es um humanitäre Hilfe, aber auch um die Schaffung eines Netzwerks von und für Frauen im Beruf. Für sie war die Professionalität der Mitglieder eine wichtige Richtlinie. Zonta ist der Symbolsprache der Sioux-Indianer entlehnt und bedeutet ehrenhaft handeln, vertrauenswürdig und integer sein. Der Club legt Wert auf Vielfalt in Berufen, Talenten, Generationen und Sozialisation.

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Köbi Gantenbein, Marco Guetg, Ralph Feiner (Hrsg.) Himmelsleiter und Felsentherme. Architekturwandern in Graubünden Mit Farbfotos, Bauplänen, Routenskizzen und Serviceteil, 536 Seiten, Klappenbroschur, 3., akt. und erw. Auflage 2013, isbn 978-3-85869-465-2, Fr. 49.–

Von den eisgekrönten Bergspitzen des Berninamassivs bis zu den ersten Rebhängen im Veltlin sind es 25 Kilometer. Dazwischen liegt das Val Poschiavo, das Puschlav. Das an Italien grenzende Tal gehört zu den vier italienischsprachigen Bündner Bergtälern – und genießt zu Recht den Ruf, ein Wanderparadies zu sein.

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Am südlichen Zipfel der Schweiz

Architekturwandern

Corina Lanfranchi Das Puschlav. Wanderungen zwischen Gletscherseen und Kastanienwäldern Mit Farbfotos, Routenskizzen und Serviceteil, 296 Seiten, Klappenbroschur, 2., aktualisierte Auflage 2013, isbn 978-3-85869-553-6, Fr. 38.–

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oder zoll ich nicht?

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Ausflugstipps Engadin / Valposchiavo Bernina Express

Nationalpark

Von den Gletschern zu den Palmen

Mit der RhB direkt zum Bündner Wappentier

Erleben Sie eine der spektakulärsten Alpenüberquerungen: Die Berninalinie der Rhätischen Bahn von St. Moritz oder Pontresina nach Poschiavo und bis ins südliche Tirano. Sie verbindet ohne Zahnrad den Norden und den Süden Europas. Ein besonderer Hochgenuss ist die Panoramafahrt im Bernina Express – vorbei an Gletschern, hinunter zu den Palmen. 55 Tunnels, 196 Brücken und Steigungen von bis zu 70 Promille meistert der Zug mit Leichtigkeit. Auf 2 253 Metern über Meer thront das Dach der RhB, Ospizio Bernina.

Der Nationalpark im Unterengadin versammelt auf geschütztem Raum Steinböcke, Gämse, Hirsche und Murmeltiere. Selbst die riesigen Bartgeier fühlen sich hier zu Hause. Alles Wissenswerte zu Flora und Fauna erfahren Sie im Nationalparkzentrum in Zernez.

Alp Grüm Restaurant mit «Nur-Bahnanschluss» Wo morgens eine Nebeldecke liegt, präsentiert sich kurze Zeit später ein überwältigender Ausblick über das Valposchiavo bis zu den Bergamasker Alpen. Auf der Terrasse des Restaurants serviert das Alp Grüm Team typische Pizzoccheri.

Führerstandsfahrten An erster Stelle vorfahren Davon träumt jeder Bahnfreund: Mit einem Fachmann steuern Sie im Führerstand einer RhB-Lokomotive durch das Albulatal oder über die höchste Bahnstrecke der Alpen, die Berninalinie.

100 Jahre Bever – Scuol-Tarasp www.rhb.ch/bever-scuol Die Rhätische Bahn feiert ihre Jubiläumsstrecke Bever – Scuol-Tarasp am 29. / 30. Juni 2013 mit einem grossen Jubiläumfest. Jubiläumsausstellung 100 Jahre Bever – Scuol-Tarasp mit «camera obscura» Erfahren Sie Spannendes über den Bahnbau, besichtigen Sie die Meilensteine der Jubiläumsstrecke und machen Sie überraschende Entdeckungen in der originellen «camera obscura» (Dunkelkammer). 100 Jahre Elektrifizierung bei der RhB Die Strecke Bever – Scuol-Tarasp wurde von Beginn weg elektrisch betrieben. Ein Novum bei der Rhätischen Bahn! Spezielle Ausstellung im umgebauten Bahnwagen! Öffnungszeiten Ausstellungen: täglich von Juli bis Oktober am Bahnhof Scuol-T. Tipp: Mitmachen und gewinnen! Beim erlebnisreichen Wettbewerb Nationalparktiere für Gross und Klein.

Beratung / Reservation / Verkauf An jedem bedienten RhB-Bahnhof oder direkt am Bahnhof St. Moritz, Tel +41 (0)81 288 56 40, stmoritz@rhb.ch www.rhb.ch


BUCHER Weltsprache Romanisch

Raquints da Balser Puorger

Oscar Peer zum 85-sten

Den Boden schützen

Franz Hohler.: «Schnäll i Chäller», Edition

Balser Puorger: «La glieud da Schilana ed

Oscar Peer: «Eva und Anton/Eva ed il sonch

Benedikt Loderer: «Die Landesverteidigung.

spoken script, 2012, Fr. 25.–

oters raquints», Edition mevinapuorger,

Antoni», Limmat Verlag, 2013, Fr. 38.–

Eine Beschreibung des Schweizerzustandes», Edition Hochparterre, 2012, Fr. 28.–

2012, Fr. 42.–

Wo Romanisch nicht draufsteht, kann es trotzdem drin sein. Zum Beispiel in einem hübschen kleinen Taschenbuch, in dem internationale «Lieder, Gedichte, Reden und Übersetzungen des Sprachmusikers Franz Hohler in der Weltsprache Mundart» versammelt sind. Als überraschende Trouvaille begegnet man hier Doppelsprachigem: «Murmarera scumpara» von Alexander Lozza, dem Vallader-Klassiker «A l’ester» von Jon Guidon oder «Schwalbe, liebi Schwalbe …», und «I chatscha di» von Luisa Famos. Der HohlerBand erscheint in der Edition spoken script, die auch viel aktuelle Slam-Poetry publiziert. Dahinter steckt der 1998 gegründete Verlag «Der gesunde Menschenversand» (www.menschenversand.ch). Eine Wundertüte! (es)

Balser Puorger (1864–1943) es creschü sü in üna famiglia da randulins a Seraplana e Carrara. El ha fat il seminari da magisters a Cuoira, ha dat scoula a Vnà, Mesocco e Bergamo ed es stat professer a la Scoula chantunala. El ha scrit raquints ed artichels scientifics in rumantsch, talian ed in tudais-ch. Il cuntschaint raquint chi dà eir il titel al cudesch tratta la gloria ed il fallimaint da la famiglia Corradini da Sent. L’editura Mevina Puorger ed il linguist Dumenic Andry preschaintan in quista bella ediziun nouv raquints rumantschs scrits tanter il 1910 ed il 1939 cun bleras annotaziuns informativas e cun ün glossari linguistic. Impü daja üna biografia illustrada da l’autur cun fotografias veglias ed extrats da sia correspundenza. (rv)

Oscar Peer (*1928) gehört zu den bedeutendsten rätoromanischen Autoren der Gegenwart. Seine Prosa beschäftigt sich häufig mit aneckenden, zweifelnden und ausgeschlossenen Figuren. Er wurde in verschiedene Sprachen übersetzt. In den letzten Jahren haben der Limmat Verlag und die Herausgeberin Mevina Puorger verschiedene seiner Werke neu aufgelegt. Zum 85. Geburtstag des Autors erscheint nun ein Prosastück neu, das in einer ersten Version bereits 1980 auf Rätoromanisch vorgelegt wurde. Peer publizierte 2003 eine überarbeitete und erweiterte Fassung. Nun erscheint diese Geschichte über eine verführerische Serviertochter, welche ein biederes Dorf in Aufruhr bringt, in synoptischer Form erstmals auch auf Deutsch. (rv)

Wer ist für die Zersiedelung? Niemand. Wer fördert sie? Alle. Alpenwahn, Naturgenuss und Landschwärmerei bilden eine ideologische Sehnsuchtsmasse, die in das stillschweigende schweizerische Staatsziel mündet: das Prinzip Reicherwerden. Nur der Konsum schafft Wohlstand. Die Zersiedelung ist eine Voraussetzung dafür. Aus Schönschweiz wird Verbrauchsschweiz, aus Kuchen wird Kacke. Darum braucht es dringend eine wirkungsmächtige Landesverteidigung. Wie das Waldgesetz den Wald, so muss ein Landgesetz das Land vor Kahlschlag schützen. Benedikt Loderer spitzt zu und polemisiert. St. Moritz und Samnaun müssen sich in diesem Büchlein einiges anhören und auch die Tourismusindustrie. Einige sagen: «Aber recht hat er!»

Älplerinnen

Landschaftswandel

Kochen – zweisprachig

Die Erfindung der Heimat

Daniela Schwegler: «Traum Alp. Älplerin-

Ulrich Görlich, Meret Wandeler: «Auf

Ursula Andina: «La Furmia Naira». Eigen-

Simon Bundi: «Graubünden und der Hei-

nen im Porträt», Fotos: Vanessa Püntener.

Gemeindegebiet. Schlieren – Oberengadin.

verlag. 2013, Fr. 28.– Bestelladresse:

matschutz. Von der Erfindung der Heimat

Rotpunktverlag, 2013, Fr. 39,50

Fotografien zum räumlichen Wandel»,

im Buchhandel oder: Furmia Naira,

zur Erhaltung des Dorfes Guarda», Verlag

Verlag Scheidegger & Spiess, 2012, Fr. 79.–

7559 Tschlin, furmia.naira@bluewin.ch

Desertina, 2012. Fr. 38.–

Orte und Landschaften haben sich seit dem Zweiten Weltkrieg tiefgreifend verändert. Dieses Buch zeichnet anhand zweier ausgewählter Regionen – der Zürcher Vorortsgemeinde Schlieren und des Oberengadins um St. Moritz – diesen Wandel fotografisch nach. Die Bilder stammen aus unterschiedlichsten privaten Sammlungen, die im Rahmen des Forschungsprojektes «Archiv des Ortes» (www.archiv-des-ortes.ch) des Instituts für Gegenwartskunst der Zürcher Hochschule der Künste erstmals systematisch gesichtet wurden. Die Gegenüberstellungen von Schlieren und der Region St. Moritz enthüllen vielfältige Bezüge und Parallelen, aber auch Diskrepanzen.

Dieses Kochbuch gibt es in zwei verschiedenen Fassungen, einmal romanisch/ deutsch, aber auch romanisch/englisch. Es dürfte deshalb auch RomanischLernende interessieren, denn alles, was es in der Küche braucht, finden Deutschsprechende hier auch auf Romanisch oder Romanischsprechende auf Englisch. Hier wird gegrillt, gegart, gebacken und gerührt und das Resultat schmeckt dann hoffentlich auch gut. Man lernt nicht nur die Klassiker kennen wie Pizokel, Pizzoccheri, Micluns oder Knödel, sondern auch Namen von Suppen, Snacks, Kuchen und Crémen. Ursula Andina hat dieses Buch – von der Idee bis zur Gestaltung – selbst in ihrer eigenen Werkstatt hergestellt.

Die Kritik an der Moderne hat viele Gesichter. Eines davon ist der Heimatschutz, der als Institution in Graubünden seit 1905 gegen die damals neuen Architekturformen, die Veränderung der Landschaft durch Kraftwerke, Hotels und Bergbahnen sowie den Verlust der Volkskultur kämpfte. Wer waren die Heimatschützer, wie sahen sie die Bewohner dieser Heimat? Die Erhaltung des Schellen-Ursli-Dorfes Guarda (1939–1945) war ein Vorzeige­ projekt des Heimatschutzes. Hier treffen geistige Landesverteidigung und nationale Kulturwahrung aufeinander. Das Buch stellt aber auch die Profiteure vor: unter anderem eine Handvoll Architekten, deren Bauten akzeptiert waren.

Der Porträt-Band schildert das Leben von Frauen auf dreizehn verschiedenen Alpen aus der ganzen Schweiz in Bild und Text. Mit dabei ist auch Anna Nesa Mathis aus Scuol mit ihrer Familie, die auf der Güner Alp im Safiental waren. Im Buch geben Fotografin Vanessa Püntener, Winterthur, und Autorin Daniela Schwegler intime reportageartige Einblicke in den «Traum Alp», der für einige der Frauen auch schnell zum Alptraum wurde . Die Porträtierten erzählen aus der Ich-Perspektive, wie sie ihren Alpsommer erleben, erleiden und sich an Natur, Tieren, Sonne und Himmelblau erfreuen. Eindrückliche Reportagefotos von Vanessa Püntener rücken die Frauen und ihren Arbeitsalltag ins Bild.

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Disegnà da Christof Rösch Designed by Christof Rösch Prodüt exclusiv da Curdin Müller Exclusively produced by Curdin Müller

Christof Rösch Kunst + Baukunst Schigliana 183 CH-7554 Sent

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PIZZERIA

Piz Tschütta, Vna Das Hotel Piz Tschütta lädt jedes Jahr eine/n Gastkünstler/in nach Vnà ein. Im Juni zeigt Isabelle Krieg (www.isabellekrieg.ch) ihre Werke, die ganz dem Thema «Essen» gewidmet sind. Finissage mit Grillfest: Samstag, 6.7., 18 h. Piz Tschütta, Vnà · Hotel Restaurant Kulturhaus T: +41 (0)81 860 12 12 info@hotelvna.ch www.hotelvna.ch

Festival da Jazz St. Moritz Vom 11. Juli bis 11. August findet im Dracula-Club in St. Moritz wieder das Festival da Jazz statt. Am 23. Juli gibt es auch ein kostenloses OpenAir-Konzert auf Muottas Muragl mit der Kultband Earth, Wind & Fire. Angekündigt sind Stars wie Chick Corea, Michel Camilo oder Dee Dee Bridgewater und viele junge Talente, darunter der kubanische Pianist Alfredo Rodriguez, die spanische Trompeterin Andrea Motis und der Gitarrist Andreas Varady aus der Slowakei. www.festivaldajazz.ch

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Nairs, Zentrum für Gegenwartskunst, Scuol Sommerprogramm 2013

Kulturagenda Hotel Laudinella, Sommerprogramm 2013

Details: www.nairs.ch Tel. +41 (0)81 864 98 02

Details: www.laudinella.ch; Die Abendveranstaltungen beginnen, wo nicht anders vermerkt, um 20.30 Uhr.

23.6. Currant d’ajer: Tag der offenen Ateliers, 14 –18 h. 25.6. Art Talk mit Christian Ratti, 20 h. 2.7. Film: Sagrada – El Misteri de la creació, Regie Stefan Haupt, 20 h. 9.7. Führung durch die Ausstellung mit Katharina Ammann, 18.30 h. 9.7. Film: Ai Wei Wei – Never Sorry, Regie Allison Klayman, 20 h. 16.7. Art Talk mit Angela Hausheer (Performance) und Gabriella Disler (Bildende Kunst), 20 h. 17.7. Kulturhistorische Führung durchs Ensemble Nairs mit Cordula Seger und Führung durch die Ausstellung mit Christof Rösch, 15 h. (Wiederholung am 14.8.) 19.7. Führung durch die Ausstellung mit Christof Rösch, 18.30 h. 19.7. Theater: Sez Ner mit Gian Rupf. Mitarbeit: Arno Camenisch, 20 h. 23.7. Film: Gerhard Richter Painting, Buch und Regie Corinna Belz, 20 h. 24.7. Art Talk mit Magda Vogel, John Wolf Brennan (Musik) und Marion Ritzmann (Kunst), 20 h. 26.7. Architekturwandern: Kirche, Klänge und Worte mit Köbi Gantenbein (Text), Magda Vogel (Stimme), John Wolf Brennan (Musik). Route: Ardez–Sur En–Giarsun–Lavin. 13.15 h, anschl. Abendessen im Hotel Piz Linard, 18 h. Anmeldung nötig. 30.7. Film: Giuliano Pedretti von Lisa PiazzaBussmann und Jann Erne, 2012 | Persona non grata? Jacques Guidon von Arnold Rauch, 2011. Lisa Piazza-Bussmann und Jacques Guidon sind anwesend, 20 h. 3.8. Architekturspaziergänge: Brunnen und ihr Gebrauch, 13 h. 6.8. Film: Rachel Whiteread «House» 1993, Einleitung: Katharina Ammann, Konservatorin Bündner Kunstmuseum, 20 h. 7.8. Führung durch den Park Not dal Mot, Sent, 14 h. 7.8. Gespräch zwischen Architekten und Künstlern, mit Führung durch die Ausstellung, 19.30 h. 13.8. Film: Marina Abramovic – The Artist Is Present, Regie Matthew Akers und Jeff Dupre, 20 h. 14.8. Art Talk mit Jurriaan Cooiman (Culturescapes Balkan), 19 h. 16.8. Führung durch die Ausstellung mit Christof Rösch, 18.30 h (auch 21.8., 20 h). 16.8. Literatur: Catalin Dorian Florescu, Lesung und Gespräch mit Christof Rösch, 20 h. 24.8. Currant d’ajer, Künstlerfest, ab 18 h. 25.8. Tag der offenen Ateliers, ab 14 h. 26.8. Kunstpädagogische Workshops (auch 27.8.). 1.9. Finissage.

24.6. Das Engadin leben – Menschen erzählen ihre persönliche Geschichte: Cordula Seger im Gespräch mit Daniel Badilatti, Zuoz. 13.7. Abschlusskonzert der Kurswoche für Alphornbläser. Kirche St. Karl, St. Moritz-Bad, 17 h. 18.7. «Scharf penetrante Geister, die dem Trinkenden gleichsam durchs Gehirn fahren». Engadiner Bade- und Bäderkultur im Wandel der Zeiten. Vortrag von Mirella Carbone und Joachim Jung. 19.7. Orchestre de la Suisse Romande, Leitung Nikita Cardinaux, Klavier: Peter Rösel. Tickets: www.ticketcorner.ch 24.7. Konzert Engadiner Sommer-Klavierakademie. Junge Pianisten präsentieren ihr Können. 28.7. Verleihung des St. Moritzer Kulturpreises 2013 an Jürg H. Frei. Musik: Adrian Oetiker, Klavier und Salonorchester St. Moritz. 2.8. Werkstattaufführung der Teilnehmer des Laudinella-Kurses «Vocal Swing», 18 h. 9.8. Abschlusskonzert Chor- und Orchesterwoche G. F. Händel – Der Messias. 11.8. Konzert Kammermusik-Kurs Dozenten. Konzert mit Werken von Paul Juon, Roswitha Killian, Viola, Fumiko Shiraga, Klavier. 19.8. Blickpunkt Engadin – Chasper Pult: «Das Fremde wird heimisch». 25.8. Laudinella-Kochkurs: Warme japanische Gerichte. 15 h. Kursgebühr CHF 120.–, Begleitperson zum Essen CHF 45.– inkl. Getränke. Anmeldung +41 (0)81 836 06 16. 26.8. Kunst dichtet – Poesie zeichnet. Maryam Sachs präsentiert «Poems Paintings» mit Verleger Wilfried Dickhoff. Bibliothek St. Moritz. 1.9. Eröffnungskonzert Meisterkurs für Klavier, Leitung: Karl-Andreas Kolly. 7.9. Abschlusskonzert Meisterkurs für Klavier. 9.9. Das Engadin leben – Menschen erzählen ihre persönliche Geschichte: Nadia Negrini, im Bergell geboren, machte im Lyceum Alpinum Zuoz das Handelsdiplom und arbeitete als Physiotherapeutin im Heilbad St. Moritz. Sie war Organistin in der reformierten Kirche in Stampa. Moderation: Agi Fetz. 14.–21.9. 11. Internationales Kulturfest Resonanzen. 4.10. Abschlusskonzert Freude am Klavierspielen, Leitung: Birgitta Lutz, 17 h. 11.10. Abschlusskonzert Herbst-Singwoche, Kirche St. Karl, St. Moritz-Bad, 17 h. 18.10. Abschlusskonzert Blockflötenensemble-Kurs, Kirche St. Karl, St. Moritz-Bad, 17h. 18.10. Abschlusskonzert Orchesterwoche für Junge und Junggebliebene.

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PIZZERIA Jubiläum Castell Neues Restaurant in der Acla da Fans Das Selbstbedienungsrestaurant im Einkaufszentrum Acla da Fans an der Strasse nach Samnaun wurde umgebaut und präsentiert sich mit einer neuen Einrichtung. Der lichtdurchflutete Raum bietet viel Platz und eine stylische Atmosphäre. So lassen sich der Kaffee und ein Stück Kuchen oder ein Mittagessen vor oder nach der Shoppingtour geniessen. Angeboten werden Spezialitäten und Tageshits, frisch zubereitet mit Produkten aus der Region – zu gewohnt günstigen Preisen. Das Restaurant ist sieben Tage pro Woche offen.

22.6. Jubiläumsevent mit Avantgardekonzert und Jubiläumsdinner. 23.–25.8. Engadin Art Talks in Zuoz «Ghost and the Uncanny» mit Hans-Ulrich Obrist und Beatrix Ruf.

100 Jahre Castell, Zuoz Vor hundert Jahren, 1913, wurde das in seiner Zeit noble Kurhaus Castell oberhalb von Zuoz eröffnet. Das Hotel Castell ist heute für seine Kunstsammlung von Weltrang bekannt, aber auch für seinen Hamam und das Felsenbad. Aussen tritt es wie eine Burg auf, innen wie ein Märchenschloss. Immer wieder überraschen zeitgenössische Akzente in den historischen Räumen. Ein Teil der Zimmer trägt die farbenfrohe urbane Handschrift des Amsterdamer UN Studios, der andere Teil wurde vom St. Moritzer Architekten Hans-Jörg Ruch in Arvenholz gestaltet. Zum Jubiläum gibt es das Spezialangebot «100 Jahre – 100 Franken». www.hotelcastell.ch

13.–15.9. Art Weekend: «Wie Kunst uns weiterbringt», kuratiert von Dorothea Strauss.

PUBLITEXT

aus den Bereichen Haushalt- und Berufsmesser, Uhren, Reisegepäck, Bekleidung und Parfum, die eines gemeinsam haben: Sie sind inspiriert von der Einzigartigkeit des «Original Swiss Army Knife» und verbinden auf eigenständige Art tadellose Qualität und exklusives Design mit praktischem Gebrauchsnutzen. Victorinox ist ein unabhängiges Schweizer

Ein Schweizer Unternehmen mit weltweiter Ausstrahlung

Familienunternehmen

mit

Verkaufsstel-

len in über 130  Ländern und beschäftigt und

weltweit rund 1800 Mitarbeitende. Typisch

Erfindergeist beweist Victorinox seit fast

schweizerische Werte, die der Firmengrün-

130  Jahren. Die Geschichte des Unter-

der hochgehalten hat, prägen noch heute die

nehmens begann 1884 mit der Gründung

Unternehmensphilosophie:

einer

Zuverlässigkeit, Heimatverbundenheit und

Schweizer

Qualitätsbewusstsein

Messerschmiede-Werkstatt

durch

Karl Elsener. 1891 lieferte er das erste Solda-

Authentizität,

Weltgewandtheit.

tenmesser an die Schweizer Armee. Wenig später entwickelte er das «Original Swiss Army Knife» und legte damit das Fundament für die Entwicklung des Unternehmens und der Marke Victorinox. Heute produziert und vertreibt Victorinox auch Qualitätsprodukte

Victorinox in Ibach SZ heute (oben links). Schon 1891 lieferte Karl Elsener der Armee das erste Soldatenmesser (oben rechts). Daraus sind im Laufe der Jahre eigentliche Mehrzweck-Instrumente geworden (unten rechts).

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PIZZERIA Der Russ im Bergell Die Schauspieler Gian Rupf und René Schnoz spielen ihr Stück «Der Russ im Bergell» diesen Sommer bei vier Hütten im Bergell. Sie zeigen die wahre Geschichte um Bergführer Christian Klucker und seinen Gast Baron Anton von Rydzewski, der jeweils im Sommer im Hotel Bregaglia in Promontogno residierte. Die Freiluftaufführungen finden bei SAC-Hütten statt, die die Schauspieler und Zuschauer zu Fuss erreichen

«Arte Hotel Bregaglia» – auch in Castelmur «Un, dui, tre, quattar / al manistar al völ rappan / al bap a nu nà / töl te libar / e va / e ca.» – Dieser KinderAbzählvers aus dem Bergell im lokalen Idiom Bregaiot zählt bis vier – und zum vierten Mal findet auch in diesem Sommer das Kunstereignis «Arte Hotel Bregaglia» in Promontogno statt. Zusätzlich zu den im Hotel belassenen Installationen der Ausstellungen der vergangenen drei Jahre hat der mit dem Bergell eng verbundene Künstler und Fotograf Hans Danuser ein Werk mit diesem KinderAbzählvers beigesteuert, das im Speisesaal an die Wand appliziert wird. Zudem ist Judith Albert mit einer neuen Videoarbeit

präsent und Remo Albert Alig hat einen Schlüsselanhänger gestaltet. Parallel zur Ausstellung im Hotel sind im Palazzo Castelmur im benachbarten StampaColtura zeitgenössische Videos zu sehen. Realisiert wird auch das Projekt «Arte Palazzo Castelmur» vom Churer Galeristen Luciano Fasciati zusammen mit der Kuratorin Céline Gaillard sowie den Verantwortlichen des Schlosses Castelmur, Ivana Semadeni und Gian Andrea Walther. Die Doppelausstellungen lassen das Bergell diesen Sommer zum temporären Zentrum zeitgenössischer Kunst werden. Beide Ausstellungen werden vom Verein «Progetti d’arte in Val Bregaglia» betreut. Öffnungszeiten täglich 10–1 h, bis 28.9. www.artehotelbregaglia.ch www.palazzo-castelmur.ch

– ein besonderes Erlebnis. 5.8. Sasc-Furä-Hütte 6.8. Sciorahütte 7.8. Albignahütte 8.8. Fornohütte www.bergtheater.ch Infos zum Buch:

Das Fünf-Sterne-Hotel Paradies in Ftan schwebt mit seinem Sternekoch Martin Göschel im Gourmethimmel. Seine Menüs haben es in die Business und First Class der Swiss-Langstreckenflüge geschafft. Göschel hat beispielsweise eine Vorspeise aus Flusskrebs auf French Toast mit Kräutertee-Gelee aus Wildkräutern von Cornelia Jasche aus Guarda kreiert. Es gab auch gebratenen Saibling mit Arvenkruste und Bramata-Polenta. Auch marinierter Stör mit Wildkräuter-Pesto auf Kartoffelsalat oder ein Engadiner Rindssauerbraten mit Capuns, Apfelschnitz und Stangensellerie standen auf dem Menü.

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www.russimbergell.ch

Engadiner Spezialitäten in der weiten Welt

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Martin Göschel, der mit einem Michelin Stern und 18 Gault-Millau-Punkten ausgezeichnet ist, macht mit seiner Spitzenküche dem Engadin und dem Hotel «Paradies» alle Ehre. Paradies, Ftan: +41 (0)81 861 08 08 / info@paradieshotel.ch


PIZZERIA Hotel Waldhaus, Sils-Maria, Sommerprogramm  2013 «Lieber und verehrter Onkel Heinrich», Lesung über die Beziehung zwischen Klaus und Heinrich Mann. 24.6. Kabarettkonzert von Sibylle und Michael Birkenmeier mit Srdjan Vukasinovic (Akkordeon), Annette Birkenmeier (Geige), Ines Brodbeck (Perk.). Regie Saskia Mees. 25.6. Buchvernissage: «Zeitreisen. Unterwegs zu historischen Hotels». Ursula Bauer/Jürg Frischknecht. Fotos: Andrea Badrutt. 27.6. «Texte und Töne», Geschichten über Musik (Elke Heidenreich) und Musik zu Geschichten (Marc-Aurel Floros). 28.6. Autorenlesung: Elke Heidenreich, «Nurejews Hund – Was Sehnsucht vermag». 1.7. Vernissage: Photograph und Autor Christian Scholz präsentiert «Die Zeit der Kamera». 3.7. Medea Trio: Beethoven und Schumann. 4.–6.7. Reto Thörigs Wein-Werkstatt, «Level 2», Award in Wines and Spirits». 4.-12.7. Shiatsu und Qi Gong mit Claudia Carigiet. 8.7. Autorenlesung: «Swiss Watching» von Diccon Bewes (Englisch). 11.7. Jazz aus Barcelona. 12.7. Klavierabend mit Peter Rösel, 21 h. 13.7. Ungarische Tänze (Klavier 4-händig), 16 h. 14.7. Robert, Clara und Johannes. Texte: Antonin Scherrer, Inszenierung: Caroline Schenk. 16.7. Delphine Bardin: «Zimmerkonzert», 10 / 17 h. 18.7. Am Thunersee – Konzert, 17 h. 17.-23.7. Drei philosophische Abendgespräche. 17.-23.7. Nietzsche-Werkstatt. 20./21.7.Waldhaus-Tennisturnier für Einheimische. 22.7. «Der Alpinist und der Prophet – Curt Paul Janz, Friedrich Nietzsche und die Musik», Dokumentarfilm.

Concerto del Vino, Degustation und Musik. Mit Rudolf Lutz (Piano) und Orlando Ribar (Schlagzeug) und italienischen Spitzenweinen. Reservation nötig. Kosten Fr. 50.–. 28.7. Kinderkonzert mit Bruno Hächler Band, 17 h. 28.7. Mendelssohn-Abend mit dem Trio Artemis und Iso Camartin. 31.7. Silser «Wasserzeichen»: Ils Fränzlis da Tschlin, Open-Air-Konzert am Silsersee. 17 h. 5.8. «hautnah – im Körper». Hackbrett: Barbara Schirmer, Zeichner: Yves Noyau, Theater: Claudia Carigiet. 12.8. Streetdance-Workshop von und mit www.lordz.ch, ab 12 Jahren. 10 –17 h. 12.8. Gioconda Leykauf-Segantini über ihren Grossvater Giovanni Segantini. 13.8. Graffiti Workshop für Jugendliche ab 12, von und mit www.lordz.ch, 10-17 h. 13.8. BSI Engadin Festival in der Kirche im Fex: Midori Seiler (Barock-Violine) spielt Bach. 16.8. Komponistin Mela Meierhans: Zum Hundertsten von Max Frisch: «twentyfive». 20.8. Weingala «Junge Schweizer Winzer». 16-18 h öffentliche Degustation. 22.-25.8.Silser Kunst- und LiteraTourtage. Auf den tatsächlichen und gedachten Spuren von Erich Kästner, Joseph Roth und Max Ernst. 25.8. Quatre pièces en un acte, de Sacha Guitry, présentées par six comédiens. 23.8.–1.9. Temporäre Installation des norwegischen Konzeptkünstlers Rune Guneriussen im Waldhaus-Garten im Rahmen der «St. Moritz Art Masters» – in Zusammenarbeit mit der Galerie Armin Berger, Zürich. 26.8. Buchvernissage: Armando Ruinelli, Architekten-Monografie. 29./30.8. «Novecento» von und mit Jürg Kienberger, Nikolaus Schmid, Marco Schädler, Daniel Sailer, Peter Conradin Zumthor und Laura Lienhard. Regie Manfred Ferrari.

Museum Chasa Jaura Valchava, Val Müstair

17.10.

Details und Ergänzungen: www.waldhaus.ch

21.6.

Abendveranstaltungen beginnen um 20.30 h.

25.7.

Bildhauer-Symposium Seit bald 20 Jahren findet auf dem Campingplatz Sur En in der Unterengadiner Gemeinde Sent jeweils im Juni das internationale Holz- und SteinbildhauerSymposium statt. Organisiert vom Verein Art Engiadina arbeiten während einer Woche Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland in der freien Natur, einzeln oder in Teams mit unterschiedlichen Materialien. Besucher können zusehen. Im Bild Tanja Roeder an der Arbeit (2012). Die vollendeten Kunstwerke werden entweder verkauft oder entlang des Skulpturenwegs im Wald von Sur En für die Öffentlichkeit ausgestellt. 16.–22. Juni 2013, Campingplatz Sur-En, Sent.

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. Erzähltheater mit Jaap Achterberg.

Reservation +41 (0)81 858 53 17. www.museumchasajaura.ch

17.–19.7.Rosenkranzsonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber. Werkeinführung: 17.7., 18 h; Konzerte in drei Teilen am 17., 18., 19.7. 25.7. Konzert: Von Bach bis Schostakowitsch. 22.8. Christian Haller: Der seltsame Fremde. Autorenlesung. 5.9. More than Honey: Film von Markus Imhof. 12.9. Dvorak, Debussy, Doppler. Trio Papillons. 19.9. Hiver Nomade: Film von Manuel von Sturler. 6.10. Festa da racolta. Führungen, Lesungen, Musik. 10.10. Konzert: Frozen Time. Zeitgenössische Kompositionen.

Zum 40-Jahr-Jubiläum des Museums Chasa Jaura in Valchava im Münstertal sind Werke von Rita Ernst (*1956) ausgestellt. Themen ihrer Malerei sind Rhythmus, Struktur, Ordnung und Bewegung. Ihre neuesten Arbeiten sind inspiriert von der Architektur des Klosters Müstair; sie werden in Valchava erstmals gezeigt. Vernissage: 13. Juli, 17 h mit einer Ansprache von Iso Camartin. Die Ausstellung läuft bis 17. Oktober.

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Vorschau / Prevista

IMPRESSUM

Wirtschaft | Economia Die nächste Ausgabe wird piz-Magazin der Wirtschaft, der Ökonomie widmen. Das Thema brennt vielen Bewohnerinnen und Bewohnern in Südbünden unter den Nägeln, denn in den letzten Jahrzehnten bewegte sich die Region wirtschaftlich nur in eine Richtung: nach oben. Zu verdanken hatten wir dies vor allem einer stark wachsenden Bauwirtschaft und konkret: dem Bau von Zweitwohnungen. Nach der Annahme der Zweitwohnungs-Initiative gilt es hier nun aber, neue Wege zu suchen, gangbare Wege, damit die Bergbevölkerung nicht den Boden unter den Füssen verliert. Der Tourismus, in vielen Orten die wichtigste Einkommensquelle, läuft nicht mehr so geschmiert wie einst. Die sinkenden Logiernächte und Umsätze fordern uns heraus. In Südbünden müssen neue Wege und Potenziale gefunden werden – Wege, die in kleinen Strukturen zu Erfolgen führen, denn die Grossveranstaltung Olympiade hatte an der Urne bekanntlich keine Chance. Freuen Sie sich also auf piz im Winter 2013 /2014.

Herausgeberin | editura Edition piz, Urezza Famos, Schigliana 183, 7554 Sent Tel. +41 (0)79 610 48 04, info@pizmagazin.ch, www.pizmagazin.ch Redaktion | redacziun Urezza Famos, René Hornung (rhg), redaktion@pizmagazin.ch Anzeigenverkauf | inserats E. Deck Marketing Solutions, Edmund Deck, Via Giovanni Segantini 22, 7500 St. Moritz, Tel. +41 (0)81 832 12 93, e.deck@bluewin.ch Produktion | producziun René Hornung, Eva Lobenwein Artdirektion, Grafik | grafica Eva Lobenwein, Innsbruck, www.dieeva.com Bildredaktion | redacziun da las illustraziuns Urezza Famos Bildbearbeitung | elavuraziun grafica TIP – Tipografia Isepponi, Poschiavo Korrektorat | correctorat tudais-ch Helen Gysin, Uster Übersetzung Vallader | traducziun Bettina Vital, Zürch Copyright Edition piz, Scuol Druck | stampa AVD, Goldach (SG)

Foto: Christof Rösch

Autorinnen und Autoren, Fotos | auturas ed auturs, fotografias Flurina Badel, *1983, aufgewachsen in Guarda, Journalistin, Künstlerin und Filmerin, lebt und arbeitet in Basel. www.flurinabadel.ch Flavian Cajacob, *1968, Journalist in Zürich. www.flaviancajacob.com Bettina Dyttrich, *1979, Redaktorin der Wochenzeitung WOZ, Zürich. Susanna Fanzun, *1963, Redaktorin bei der Televisiun Svizra Rumantscha. Arbeitet und lebt in Scuol.

Magazin für das Engadin und die Bündner Südtäler Magazin per l'Engiadina ed il Grischun dal süd

Marco Guetg, *1949, Journalist in Zürich. Men Janett, *1950, betreut die Koordinationsstelle Unterengadin der Schweizerischen Vogelwarte Sempach. Er lebt als Landwirt in Ardez. Andreas Kneubühler, *1963, freier Jour­nalist im «Pressebüro St. Gallen».

www.pizmagazin.ch

Manfred Koch, *1955, Schriftsteller in Sent / GR.

Nr. 45, Sommer | Stà 2013. Erscheint zweimal jährlich. Auflage: 30’000 Ex.

Mario Pult, *1954, regionaler Mitarbeiter der Lia Rumantscha in Zernez. Er wohnt in Ftan.

Abonnemente:

Corinne Riedener, *1984, Grafikerin und Journalistin in St. Gallen.

Edition piz, Schigliana 183, CH-7554 Sent.

Esther Scheidegger, *1946, freie Journalistin in Zürich.

Zweijahresabonnement: Fr. 35.– (exkl. Versandkosten und

Aline Tannò, *1982, freie Journalistin in Zürich und Mitorganisatorin der Ausstellung «Ansichtssache – 150 Jahre Architekturfotografie» im Bündner Kunstmuseum.

Mehrwertsteuer). Das Abonnement ist mit einer Frist von zwei Mo­na­ten vor Ablauf kündbar. Ohne schriftliche Kündigung erneuert es sich automatisch um zwei Jahre. info@pizmagazin.ch

Rico Franc Valär, *1981, aufgewachsen in Zuoz. Autor und Mitarbeiter Televisiun Svizra Rumantscha. Arbeitet im Bundesamt für Kultur.

Nächste Ausgabe: Dezember 2013 Für unverlangt einge­sandtes Text-, Bild- und Tonmaterial über-

Mayk Wendt, *1982, ist in Ostdeutschland aufgewachsen und lebt als Fotograf im Engadin. www.maykwendt.com

nimmt der Verlag keine Haftung. – Nachdruck, auch auszugs-

Annetta Zini, *1985, aufgewachsen in Strada, studiert Rätoromanisch

weise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion.

und Französisch an der Universität Freiburg und arbeitet für die Lia Rumantscha.

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SAMEDAN – die letzten exklusiven Eigentumswohnungen zu verkaufen.

In der schönsten Ferienregion der Schweiz erwartet Sie eine einmalige Wohnsituation auf höchstem Niveau: exklusive Eigentumswohnungen (2.5, 4.5 und 5.5 Zimmer) an sonniger, unverbaubarer Lage mit Blick in die imposante Bergwelt des Oberengadins. Der malerische Dorfkern von Samedan mit seinen Sehenswürdigkeiten, dem abwechslungsreichen Tourismusangebot und einer Vielzahl hochstehender Gastronomiebetriebe ist in wenigen Gehminuten erreichbar.

DIE HIGHLIGHTS Z Moderne Architektur und ausgesuchte, exklusive Materialien Z Höchste Wohnqualität mit einer funktionalen aber dennoch flexiblen Raumaufteilung Z Viel Licht dank grosszügigen Fensterflächen Z Verkehrsgünstige Lage (gute Strassen- und Bahnverbindung, Flugplatz in der Nähe) Z Vielfältiges Freizeitangebot vor der Haustüre (3 Golfplätze, Schnee- und Bergsport)

BERATUNG/VERKAUF Markstein AG, Bellerivestrasse 55, CH-8034 Zürich, Telefon +41 43 810 90 10 , zuerich@markstein.ch, www.markstein.ch

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PUSCHLAV (SCHWEIZ), 2005

DER GEHILFE Während eines Ausflugs ins Schweizer Berggebiet Puschlav hielt unser Zug auf offener Strecke an. Neugierig steckten meine Frau und ich unsere Köpfe aus dem Fenster. Am Ende des Zugs: dichter Rauch. Zugbegleiter und Lokführer stiegen aus, man hantierte und debattierte. Schliesslich fragte jemand unter unserem Fenster nach einem Taschenmesser. Ich kramte mein Victorinox-Messer hervor. Wenige Minuten später setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Die Bridenschraube des Bremsschlauchs sei locker gewesen, erklärte der Zugbegleiter, als er mein Messer zurückbrachte. Er bedankte sich überschwänglich – als wäre ich ein Held. Ich nahm mir vor, den SBB vorzuschlagen, das gesamte Zugpersonal mit Victorinox-Messern auszustatten. Dieter Portmann, August 2005 Victorinox-Produkte begleiten Sie – ein Leben lang. Was auch immer Sie damit erleben: Erzählen Sie es uns auf victorinox.com

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Piz45  

piz, das Magazin für das Engadin und die Bündner Südtäler berichtet lebensnah, interessiert und unterhaltend über eine äusserst vielfältige...

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