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Brigitte Ebersbach / Susanne Nadolny

20 Abwege zum Gl端ck Mit Illustrationen von Marion Vina

edition ebersbach


Inhalt Einleitung

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Margaret Anderson Mein größter Feind ist die Realität Djuna Barnes Hoch erhobenen Hauptes auf das Schreckliche zugehen

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Vicki Baum Überlebenstraining am Punchingball Sylvia Beach Erfolg under Cover

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Simone de Beauvoir Transatlantisches Begehren Anita Berber Für den Augenblick leben Maria Callas 30 Kilo Glück

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33

40

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Coco Chanel Karriere No. 2

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Colette Claudine erwacht

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Nancy Cunard Aus jedem Moment das Letzte herausholen Jane Digby Endstation Wüste

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MFK Fisher Milchtoast für die Seele

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Elsa von Freytag-Loringhoven Purzelbäume am Abgrund Emily Hahn Big smoke in Shanghai

80

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Mina Loy Zwischen Kunst und Babybrei

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Adrienne Monnier Wenn Frauen Bücher lieben Edith Piaf Ich bereue nichts

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Franziska zu R­eventlow Ach, der verfluchte Optimismus

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Françoise Sagan Bei 200 Stundenkilometern leidet man weniger 114 Elsa Triolet Das wahre Glück bemerkt man kaum Literatur

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Einleitung

Seit mehr als zweitausend Jahren streiten Philo­ sophen und Wissenschaftler darüber, was das Glück eigentlich sei und wie man es am besten erreichen könne. Aristoteles hielt Menschen für glücklich, die das Richtige tun, nämlich das, was ihrer Berufung und ihren Fähigkeiten entspricht. Epikur empfahl den Weg des kleinen Glücks. Bloß nicht zu hoch hinaus, warnte er, die Fallhöhe würde umso höher. Friedrich Nietzsche war davon überzeugt, dass das Glück untrennbar mit Schmerz verbunden sei, und Siegmund Freud glaubte, Glück sei im Plan der Schöpfung überhaupt nicht vorgesehen. Fest steht: in allen Kulturen streben Menschen seit jeher nach dem Glück. In Amerika wurde der pursuit of happiness gar als universelles Menschenrecht in die Unabhängigkeitserklärung aufgenommen. Zu dumm nur, dass es mittlerweile zwar eine Vielzahl von Anleitungen zum Glücklichsein gibt, aber nach wie vor kein Patentrezept, dass sich für jeden von uns eignen würde. Glück – das bestätigt die moderne Glücksfor­ schung – ist eine höchst persönliche Angelegenheit. 7


Es ist nicht universell, sondern bedeutet für jeden Menschen etwas anderes. »Mein Glück wäre einem anderen vielleicht armselig erschienen, aber es war mein Glück«, bringt es die Schriftstellerin Elsa Tri­ olet auf den Punkt. Das wahre Glück bemerkt man ohnehin eher selten und häufig erst im Nachhinein. Abwege und Umbrüche gehören für viele dazu. So auch für Edith Piaf, die davon überzeugt war, dass sie ihre Lieder ohne die vielen Rückschläge in ih­ rem Leben nicht so ergreifend hätte singen können. Margaret Anderson nahm es in Kauf, vorübergehend in einem Zelt zu leben, um mit dem gesparten Geld die nächste Ausgabe ihrer Avantgarde-Zeitschrift zu finanzieren. Djuna Barnes, der kein Wagnis zu hoch erschien, ließ den Kopf nicht hängen, wenn es mal wieder nicht so lief wie erwartet, und Coco Cha­ nel startete noch mit siebzig ihre zweite Karriere, um die moderne Frau gegen die unpraktische und verschnörkelte Mode ihrer männlichen Kollegen zu verteidigen. Während Emily Hahn ein big smok­e in Shanghai zu ersehnter Gelassenheit verhalf, schwor die »Poetin des Appetits« MFK Fisher auf Milchtoast als Allheilmittel gegen Kummer. Maria Callas hungerte sich zum Glück, Colett­e erschrieb es sich und Sylvia Beach fand es als lite­rarische Hebamme eines Genies. Franziska zu Reventlow, 8


die Gräfin mit dem Geldkomplex, war erst glücklich, als sie selbst irgendwann zur Liga der Gläubiger ge­ hörte. Und Jane Digby, die ihr ganzes Leben damit verbracht hatte, »in halsbrecherischem Tempo den wilden Gestaden der Liebe entgegenzureiten«, fand das lang ersehnte Glück bei einem Scheich und beim Melken von Kamelen. »Glück ist die Zeit, in der man nicht auf die Uhr schaut.« So die Definition von Eckart von Hirsch­ hausen, promovierter Mediziner und seit geraumer Zeit »Glücksbringer« der Natio­n. Im Fachjargon amerikanischer Glücksforscher wird solcherart Glück auch als Flow bezeichnet. Flow bedeutet, in einer Tätigkeit, die fordert, aber nicht überfordert, vollkommen aufzugehen, sich in eine Aktivität so sehr zu versenken, dass man alles andere um sich herum vergisst. Das haben auch wir getan, als wir den 20 Abwegen der hier porträtierten Frauen ge­ folgt sind. Aber Glück ist es auch, den Schlusspunkt unter eine Arbeit zu setzen. Brigitte Ebersbach und Susanne Nadolny Berlin, im September 2010

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Margaret Anderson Mein größter Feind ist die Realität

Nach ihrer eigenen Beschreibung war Margaret Anderson eine Person, die gern über Ideen nachdachte, eine »Dilettantin« aus Chicago, die entschlossen war, ein literarisches Magazin zu starten, das die beste und gewagteste Literatur ihrer eigenen Epoch­e veröffentlichen sollte. Die erste Ausgabe erschien im März 1914. The Little Review war das ambitionierteste Kunst-Magazin, das in Amerika je erschienen war, und Margaret Andersons ausgeprägte Persönlichkeit und ihr Wagemut entsprachen den provokanten Inhalten genau. Unter schlichter bräunlicher Hülle verbarg sich eine aufrührerische Mischung von Beiträgen und Artikeln über Alles und Jeden, von Nietzsche bis zur Geburtenregelung, von Bergson bis zum Kubismus, von freier Liebe bis zu der Bewegung der kleinen Bühnen und Gertrude Stein. 11


Es gab keine Werbung, kein Geld, um die Autoren zu bezahlen, und die Beiträge, die sie abdruckte, waren so progressiv, dass niemand sonst sie veröffentlicht hätte. Trotz aller Absichten und Ziele konnte Margaret Andersons Traumunternehmen eigentlich nicht gelingen. Aber sie war nicht die Frau, die sich von praktischen Erwägungen zurückhalten ließ. Sie war zu starrsinnig, hatte zu viel Selbstvertrauen, war zu überzeugt von ihrer Fähigkeit, Wunder bewirken zu können, um sich Sorgen darüber zu machen, wie alles zustande kam. Es bedurfte schon einer gewissen Gerissenheit, um das Magazin regelmäßig erscheinen zu lassen. Wenn die Rechnungen sich häuften, versuchte Margaret Anderson die Gläubiger zu bezaubern, zu umschmeicheln, zu überreden. Es war kennzeichnend für ihre unverwüstliche Vitalität, wie sie sich mit gelassener Bereitwilligkeit der Armut stellte. Eine Zeitlang lebte sie in einer riesigen, zugigen, völlig unmöblierten Wohnung. Als nächstes zog sie in ein Haus mit Ausblick auf das Ufer des Michigan-Sees, das sogar noch billiger war. Als ihr klar wurde, dass sie sich nicht einmal diese Unterkunft leisten konnte, war die Lösung, gleich ans Ufer zu ziehen, wo sie dicht am Wasser in einem Zelt campieren konnte, noch dazu mietfrei. Jeder Morgen begann mit 12


e­inem Sprung in den See, danach folgte ein Uferlauf und zum Frühstück gab es einen über dem Reisigfeuer gekochten Kaffee, der mit Margarets erster Zigarette abgeschlossen wurde. Ihre Arbeitskleidung bestand aus einer einzigen Crèpe-GeorgetteBluse, die sie nachts bei Mondschein auswusch, einem Hut und einem blauen Schneiderkostüm, in das sie allmorgendlich munter hineinstieg und in das Büro von Little Review marschierte. Sie legte Wert darauf, abends rechtzeitig zurück zu sein, um den Sonnenuntergang zu beobachten. »Das ist also Natur«, seufzte sie dann und lehnte sich in ihrem Liegestuhl zurück. Wenn die freien Mitarbeiter sich aufmachten und ihre Herausgeberin nicht an ihrem Platz fanden, pinnten sie das, was sie ihr zu unterbreiten hatten, an einer Zeltbahn fest. »Sie war immer gepflegt«, erinnert sich ein Freund, »so als tauche sie aus einem duftenden Boudoir auf und nicht aus einem taunassen Zelt … und immer kampfbereit.« The Little Review wurde zum Treffpunkt für moderne Literatur aus England und Frankreich und zum wichtigsten Sprachrohr für die amerikanische Avantgarde. Auf der Autorenliste finden sich Namen wie Ezra Pound, T. S. Eliot oder James Joyce, dessen 14


Ulysses in monatlichen Fortsetzungen erschien, auch wenn einige Ausgaben wegen vorgeblicher Obszönität verbrannt wurden. Und auch die revolutionären Visionen zahlreicher Frauen wurden gedruckt. Gertrude Stein, Mina Loy, Djuna Barnes oder Elsa von Freytag-Loringhoven, die Dada-Baroness, gehörten zu den hoch geschätzten Autorinnen. Als Gertrude Stein der Herausgeberin vorwurfsvoll mitteilte, dass sie es für kein gutes Prinzip halte, die Künstler nicht zu bezahlen, gab Margaret zurück: »Es ist immerhin ein bisschen besser als sie nicht zu drucken.« Obwohl das Magazin immer mehr an Format gewann, erreichte es nie den Status, wo es sich trug. Wenn das Geld allzu knapp wurde, begnügte sich die Herausgeberin mit weniger Seiten im Magazin oder sie verzichtete auf den Umschlag oder sie druckte auf billigem Papier. »Vielleicht kommen wir bald auf Klo-Papier heraus, aber wir werden weiter herauskommen«, schwor sie herausfordernd. Als Margaret Anderson in späteren Jahren einmal gefragt wurde, ob sie irgendwelche Maßstäbe gehabt hätte, reagierte sie zornig. »Mon Dieu!«, rief sie empört aus, »Ich hatte nichts außer Maßstäben!«

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Elsa von FreytagLoringhoven Purzelbäume am Abgrund

In der New Yorker Kunstszene hieß sie nur die »Baroness«. Sie war Dichterin, Malerin und Performance-Künstlerin, die erste, die aus Müll Kunst machte. In ihren Händen avancierten Plastik, Zelluloid und Blechdosen zu Kunstmaterialien – Jahrzehnte bevor Andy Warhol die Konservendose als Kunstwerk hoffähig machte und bevor Marcel Duchamp in New York seine ready-mades präsentierte. Ihre Kunst war grenzüberschreitend wie die Dichterin selbst. Elsa Freytag von Loringhoven, die exzentrische Diva, stilisierte sich selbst zum außergewöhnlichen Kunstwerk. Geboren 1874 als Else Hildegard Plötz in Swinemünde an der deutschen Ostseeküste hatte die Baroness bereits um die Jahrhundertwende kräftig in der Berliner Künstlerszene mitgemischt, mit den Münchner 80


Kosmikern geflirtet, einen Adelstitel erheiratet und als Aktmodell gearbeitet, bevor sie zur Galionsfigur des weiblichen Dada wurde. Sie machte sich gerade zu der Zeit einen Namen, als in Europa der Krieg tobte und die internationale Avantgarde New York City zu ihrer neuen Metropole erklärte. Großgewachsen und androgyn gebaut, war die Baroness, wenn auch nicht nach konventionellen Maßstäben schön, so doch beeindruckend statuarisch. Mit weit über vierzig war ihr männlicher Körper sehnig und verbraucht, ihre Haut fleckig, ihr Haar – wenn sie denn welches besaß – war mit Henna in tiefes Purpurrot eingefärbt. Sie hatte einen geraden Rücken, kräftige Kinnladen und einen Überbiss, der ihrem Gesicht den Ausdruck einer hochmütigen Entschiedenheit gab, der kaum jemandem entging. Jeden Abend zur gleichen Stunde hatte die Baroness die Gewohnheit, über den Washington Square zu paradieren, fünf Hunde an der Leine im Schlepptau, den Kopf zur Hälfte glatt geschoren und in grellem Rot lackiert, das Gesicht mit gelbem Puder verschmiert, die Lippen tintenschwarz mit Lippenstift bemalt. Oft trug sie ein Bolero-Jäckchen, einen schottischen Kilt und einen mottenzerfressenen Pelzmantel, an dem sie pausbäckige Püpp81


chen, ausgestopfte Vögel, entwertete Briefmarken und Flaschenverschlüsse befestigt hatte – alles, was kleinere Geister als Müll bezeichnet haben würden. Nicht so die Baroness. Sie war eine glühende Abfall-Sammlerin. Auf kühne Weise erfinderisch, was ihre Accessoires betraf, trug sie auch manchmal einen Geburtstagskuchen mit entzündeten Kerzen auf dem Kopf, oder auch einen Heiligenschein aus herabbaumelnden Esslöffeln. Im Sommer zog sie einen Vogelkäfig als Halsschmuck vor – mit einem lebenden Kanarienvogel darin. Bei unfreundlicherem Wetter wählte sie einen Kohleneimer, den sie wie einen Helm unter dem Kinn festzurrte. ZelluloidGardinenringe, die sie im Vorübergehen aus einem Laden hatte mitgehen lassen, verwandelte sie in rasselnde Reifen von Armeslänge, Tee-Eier in Ohrringe. Auf dem Gesäßpolster eines von ihr besonders geliebten schwarzen Kleides blinkte ein elektrisches Licht. »Autos und Fahrräder haben Rücklichter. Warum nicht ich?« Als sie einmal einem Maler ihre Dienste als Modell antrug, öffnete sie ihren scharlachroten Regenmantel und stand nackt oder fast nackt vor ihm. Ihre Brustwarzen bedeckte eine Art Büstenhalter aus zwei Tomatenbüchsen, die mit einer grünen Kordel 82


im Rücken befestigt waren. Um ihrem fehlenden Schamgefühl Nachdruck zu verleihen, trug sie gern einen selbstgebastelten lebensgroßen Gipspenis, den sie in geeigneten Momenten vorstieß, um »alte Jungfern zu schockieren«. Sie war eine stadtbekannte Erscheinung – ihre Eloquenz war gefürchtet. Die erotisch aufgeladenen Gedichte der leidenschaftlichen Baroness, die in der Zeitschrift Little Review erschienen, sorgten für mehr Aufsehen als die zeitgleich publizierte Prosa von James Joyce. Sie bedichtete Koitus und Orgasmus und forderte konsequent sexuelle Erfüllung für alle Frauen. Der vorprogrammierte Streit mit den Zensoren machte ihr Spaß. Sie witzelte über Kondome und Sexspielzeug »der Vibrator  – keusches Backfischspielzeug« und spielte frech auf Sexualpraktiken wie oralen Sex »Mein Mund ist lüstern« an. Derartiges war man zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht gewohnt, schon gar nicht von einer Frau. Selbst für viele avantgardistische Zeitschriften war die Lyrik der liebesgierigen Baroness allzu ungezügelt. Kompromisslos widmete sich Elsa von FreytagLoringhoven dem Kunstschaffen, ohne finanziell davon zu profitieren. Sie weigerte sich kategorisch, ihre Kunst zu vermarkten. Man Ray und Marcel 84


Duchamp, die es verstanden, aus ihrer Kunst kommerziellen Profit zu schlagen, nannte sie Prosti­ tuierte. Im Alter von 53 Jahren stirbt sie unter mysteriösen Umständen in Paris. Bis zuletzt blieb sie eine kämpferische Künstlerin, die sich mit Leib und Seele verschwendete, um die Grenzen zwischen Kunst und Leben aufzuheben. »Ich bin Kunst.«

» Ich bin auf dünnem Eis herumgehüpft, hab an vielen Abgründen Purzelbäume g­eschlagen. « Elsa von Freytag-Loringhoven

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