Diskurs 08 - Jugendarbeit & Gewaltprävention

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Themenschwerpunkt „Gewaltprävention und Jugendarbeit“


Autorinnen / Autoren Mag.a Renate Tanzberger Obfrau von EfEU, dem Verein zur Erarbeitung feministischer Erziehungsund Unterrichtsmodelle Seite 04-06

Dr. Martin Hagen Psychologe und langjähriger Leiter der Offenen Jugendarbeit Dornbirn Seite 22-23

Mag.a (FH) Elisabeth Egender Schulsozialarbeiterin Seite 10-13

DSAin Cornelia Reibnegger Sozialarbeiterin und Jugendarbeiterin, Leiterin gewaltpräventiver Projekte Seite 24-26

Impressum Medieninhaber, Herausgeber: koje - Koordinationsbüro für Offene Jugendarbeit und Entwicklung, Bregenz und aha - Tipps & Infos für junge Leute, Dornbirn | Redaktionsleitung: Sabine Liebentritt Redaktionsteam: Margit Diem, Roland Marent, Michael Rauch redaktion@jugend-diskurs.at | Lektorat: Margit Diem | Gestaltung & Illustrationen: chilidesign.at | Druck: Hugo Mayer GmbH, Dornbirn Finanzierung: Land Vorarlberg - Jugend Diskurs kostenlos bestellen: abo@jugend-diskurs.at

Im Diskurs haben Menschen als AutorInnen Gelegenheit, ihre Interpretationen von Zahlen und Fakten sowie persönliche Meinungen und Haltungen als redaktionellen Beitrag darzustellen. Hinweis: Allgemeine männliche Bezeichnungen im Diskurs inkludieren die weibliche Form.


Die ersten Worte Gewaltprävention und Jugendarbeit

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jung sein ...

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Gewalt und Schule – Schule und Gewalt

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„Durchschneide nicht, was du lösen kannst“

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Aussagen und Kommentare

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Die Bewertungsfalle

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Interviews mit jungen Menschen

Gewaltprävention in der verbandlichen Jugendarbeit von Stefan Schlosser, Michael Rauch und Sabine Liebentritt

Inhalt Diskurs stellt Fragen zur Diskussion

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Dem Leben eine Perspektive geben

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Gewaltprävention in der Offenen Jugendarbeit

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Statements von André Brandl und Michaela Horvath

Sozialraumorientierung und Gewaltprävention

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Jugend gegen Rassismus

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Mit jemandem reden ...

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Aus der Jugendarbeit

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Ein Erfahrungsbericht aus Bludenz

Anlauf- und Beratungsstellen Einladung zur Buchpräsentation „DAS IST OFFENE JUGERNDARBEIT“, Neues Projekt „Jugend & Politik“ im aha

Jugendzeitungen stellen sich vor jez-abr

bla bla bla bla bla du arsch bla bla bla wichser bla bla bla bla bla geile sau bla bla bla bla bla schlagen ist o.k. bla bla bla ich wurde vergewaltigt bla bla das bisschen gewalt ist doch nicht schlimm bla bla bla bla solange kein blut fließt bla bla die bösen jugendlichen bla bist du nicht willig, so brauch ich gewalt bla bla bla ich entscheide, ich bin der erwachsene bla mädchen sind opfer bla bla jungs weinen nicht bla wenn sie nein sagt, meint sie doch eigentlich ja bla bla schlagen ist eine gute lösung bla ich muss mich verteidigen bla bla bla bla bla bla scheiß ausländer bla bla bla bla das ist halt so bla cool, eine schlägerei bla ich hab doch nur zugesehen bla bla bla bla ich kann nichts dafür, ich wurde blöd angemacht bla bla bla mein vater schlägt meine mutter bla bla bla bla bla bla bla Gewalt hat viele Facetten – sie versteckt sich und sie wird versteckt. Gewalt ist „salonfähig“ und wird zugleich tabuisiert. Sie ist Spielball zwischen Moral und zu befriedigender Sensationsgier. Gewalt ist kein individuelles Problem und kein „jugendliches“ Phänomen. Ursache, Wirkungen und Verantwortung sind gesamtgesellschaftlich zu sehen. Das beleuchtet diese Ausgabe des Diskurs. Sabine Liebentritt, Margit Diem,

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Roland Marent und Michael Rauch als Redaktionsteam


Gewaltprävention

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und Jugendarbeit


Ich ziehe diesen Begriff dem Begriff „sexueller Missbrauch“ vor, da er den Gewaltaspekt in den Vordergrund stellt und weil Missbrauch nahe legt, dass es auch einen Gebrauch geben könnte. 2 Wobei auch dieses in einem ständigen Wandel begriffen ist. Heute fallen bereits 13-Jährige und auch noch 21-Jährige in die Kategorie „Jugendliche“; vor einigen Jahrzehnten hat Jugend später begonnen und früher geendet. 1

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Vorüberlegungen Beim Thema Gewalt/prävention und Jugendarbeit erscheint es mir wichtig, Folgendes vorauszuschicken: Wenn in den Medien (überhaupt) von Jugendlichen die Rede ist, passiert dies oft in Zusammenhang mit dem Thema Gewaltausübung: SchülerInnen verprügeln eineN MitschülerIn; filmen mittels Handy Gewalttaten und stellen die Filme dann ins Netz; die Jugendlichen über 16, die zum ersten Mal wählen durften, wählen v.a. Parteien, die gegen Menschen mit Migrationshintergrund hetzen; Mädchen werden (angeblich) immer gewalttätiger, Jugendliche pöbeln ältere Menschen an; Jugendliche stehen auf sexistische und homophobe Musik, ... In einer Abwandlung des Spruches „Müssen Frauen

nackt sein, um ins Museum zu kommen?“ (Guerilla Girls) könnte formuliert werden: „Müssen Jugendliche gewalttätig sein, um in die Medien zu kommen?“. Manchmal kommen Jugendliche auch als Opfer (von körperlicher oder sexueller Gewalt) vor – leider immer wieder auch mit einer gewissen Portion Voyeurismus in der Berichterstattung. Selten jedoch wird ohne Gewaltkontext über Jugendliche berichtet, über ihren Alltag, ihre Träume, ihre Sorgen, darüber, was sie über verschiedene Themen denken, was sie gerne anders hätten, wo sie sich engagieren, ... Dabei könnte dies bereits ein Aspekt von Gewaltprävention sein: Jugendliche in ihrer Ganzheit (und natürlich ihrer Unterschiedlichkeit) wahrzunehmen und sie stärker in die Gestaltung unserer Gesellschaft miteinzubeziehen.

Was kann Gewalt/prävention bedeuten? Gewalt umfasst neben körperlicher Gewalt auch psychische Gewalt (z.B. jemanden permanent abwerten) und sexuelle Gewalt1, aber auch strukturelle Gewalt. Wenn

Jugendliche keinen Raum haben, wo sie ihre Bedürfnisse ausleben können, wenn sie von Arbeitslosigkeit betroffen sind, bevor sie überhaupt noch zu arbeiten begonnen haben, wenn Mehrsprachigkeit als Defizit und nicht als Ressource gesehen wird, wenn Mädchen entmutigt werden, einen technischen Beruf zu erlernen, weil „Technik nix für Frauen ist“ usw. – dann stecken Strukturen dahinter, die schwer zu ändern sind. Gewaltprävention kann in diesem Sinne bedeuten, zu schauen, was verändert werden muss, damit Jugendliche weniger von Gewalt betroffen sind und was getan werden kann, um Gewalt unter/von Jugendlichen zu verringern. Dabei ist mitzubedenken, dass Jugendliche nicht nur durch ihr Alter gekennzeichnet sind2, sondern auch durch andere „Merkmale“ wie Geschlecht, kulturelle und religiöse Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, soziale Schicht, ... Dementsprechend komplex ist das Thema Gewaltprävention in der Jugendarbeit zu behandeln.

Beispiele von Gewaltprävention – nicht nur aus dem Jugendarbeitsbereich • Selbstbehauptungs-/Selbstverteidigungsworkshops für Mädchen mit besonderen Bedürfnissen (Mädchen sind nicht verantwortlich, wenn ihnen Gewalt angetan wird, aber Mädchen können darin bestärkt werden, dass sie ein Recht haben, sich abzugrenzen, sich zur Wehr zu setzen und dass sie auf ihre Gefühle hören sollen; wenn ihnen etwas unangenehm ist, ist das ernst zu nehmen, auch wenn andere meinen, „das wäre doch bloß ein Spaß gewesen“. Dies gilt natürlich für alle Mädchen, aber gerade bei Mädchen mit besonderen Bedürfnissen ist es wichtig, dass sie Platz haben, sich über ihre spezielle Situation auszutauschen und Handlungsstrategien zu überlegen.) • Miteinbeziehung von Jugendlichen bei der Gestaltung eines Parks (Wenn Mädchen und Burschen – neben anderen NutzerInnen eines Parks – die Möglichkeit haben, selbst mitzugestalten und ihre Bedürfnisse einzubringen, ist viel eher zu erwarten, dass es nicht zu Interessenskonflikten – z.B. zwi-


EfEU

schen Jung und Alt – kommt.) • Sprachliche und bildliche Sichtbarmachung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund (Wenn z.B. in Schulbüchern auch Selda, Dejan oder Bandele vorkommen oder wenn auf Anzeigen, die mit lachenden Lehrlingen werben, auch Jugendliche mit Migrationshintergrund zu erkennen sind, kann diesen Jugendlichen vermittelt werden, dass ihr Hiersein als Selbstverständlichkeit betrachtet und auch wertgeschätzt wird.) • Zur-Verfügung-Stellen von Räumen ohne Konsumationszwang (Wenn Jugendliche Orte haben, die sie „bespielen“ können, ohne dafür viel zahlen zu müssen, kann Energie zum Mitgestalten statt zum Zerstören verwendet werden.) • MitarbeiterInnen der Jugendarbeit, die interkulturell geschult sind (Wenn Konflikte zwischen Jugendlichen – und die wird es immer geben – kulturalisiert werden, kann z.B. sichtbar gemacht werden, worum es wirklich geht. Wenn rassistische Äußerungen fallen, kann aufgezeigt werden, was dahintersteckt. So kann dem gesellschaftlichen Rassismus im Kleinen etwas entgegengesetzt werden.) • Mehr Arbeitsplätze für Jugendliche (Wenn Jugendlichen einerseits suggeriert wird, dass nur ein erwerbsarbeitender Mensch ein volles Mitglied der Gesellschaft ist, andererseits aber zu wenig Arbeitsplätze für Jugendliche zur Verfügung gestellt werden, ist Frust vorprogrammiert.) • MitarbeiterInnen der Jugendarbeit, die als Team Stellung beziehen, wenn z.B. in einem Jugendzentrum Burschen EfEU, Friedensbüro Salzburg, sich mehr Raum nehmen als koje (Hg.): Mädchen oder wenn es zu „Nichts passt.“ Fachreasexistischen Sprüchen oder der zur Gewaltprävention in der Arbeit mit Jugendsexueller Gewalt kommt. lichen. Wien/Salzburg/Bregenz 2007. Letzteres fällt zwar sicher Verfügbar unter www.efeu. auch unter den Begriff „Inor.at/seiten/download/fachreader.pdf tervention“, aber Intervention bedeutet auch Prävention Friedensbüro Salzburg, EfEU, in dem Sinn, dass durch das FBI, Der Lichtblick, koje, Mafalda (Hg.): Intervenieren die Wiederho„Nichts passt“². Fachrealung einer ähnlichen Situader zur geschlechtsbezotion verhindert werden soll genen Pädagogik und Geund sowohl den Gewalt Auswaltprävention. Salzburg/Wien/Bregenz/Inübenden als auch den von nsbruck/Neusiedl a. S./Graz Gewalt Betroffenen deutlich 2008. gemacht wird, dass ein beVerfügbar unter www.efeu. stimmtes Verhalten nicht eror.at/seiten/download/nichts_ passt_broschuere2_07.pdf wünscht ist (bzw. auch sanktioniert wird).

Das Foto entstand im Rahmen eines Workshops zum Thema „Respekt“ mit Schülerinnen der Islamischen Fachschule für Soziale Bildung (Wien 2008).

Zum Abschluss Wer das Gefühl hat, dass über ihren/seinen Kopf hinweg Entscheidungen gefällt werden; wer immer wieder erlebt, dass sie/er nicht Gehör findet; wer sich nicht eingeladen fühlt, mitzugestalten, neigt viel eher dazu, destruktive Handlungen zu setzen. Diese können sich sehr unterschiedlich ausdrücken. Die Palette reicht von selbstzerstörerischen Elementen (Selbstmord, Süchte wie Alkohol, Drogen, Essstörungen, Ritzen, ...) bis hin zu Gewalt gegen Dinge oder Menschen. Jugendarbeit kann nicht die Fehler einer Gesellschaft ausgleichen, aber sie kann einen Beitrag zur Gewaltprävention leisten, indem sie Jugendliche ernst nimmt und in der Gestaltung ihres Lebens unterstützt. Mag.a Renate Tanzberger EfEU (www.efeu.or.at) ist Teil der Plattform gegen die Gewalt in der Familie (www.plattformgegendiegewalt.at).


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jung sein ... Junge Menschen interviewen junge Menschen

Gewalt, Gewalterfahrungen, Einstellung zu Gewalt. Was ist Gewalt für dich? Gewalt unter Jugendlichen? Gewaltbereitschaft? Wo fängt Gewalt an ... ?

Arno, 16, Schüler Gewalt ist, wenn man zuschlägt. Es gibt aber auch psychische Gewalt, z.B. Mobbing in der Schule. So Leute in der Schule verarschen und mobben tu ich schon auch. Geschlägert habe ich mich schon oft. Aber nur, wenn die Provokation zu viel wurde und ich wusste, dass ich eine Chance habe. Auch von zu Hause aus kenne ich Schläge. Mein Vater hat mir früher ab und zu Eine mitgegeben. Davor hatte ich oft Angst. Ich war selber im Judo und habe gemerkt, dass so was, wie auch andere Sportarten, super ist, um Aggressionen abzubauen.


Medina, 15, arbeitslos Gewalt ist einfach Scheiße. Ich mag Gewalt gar nicht. Mit Gewalt will ich nichts zu tun haben. Ich suche mir auch Kollegen, die dieselbe Einstellung haben wie ich.

Wenn es in meinem Freundeskreis zu Gewalt kommt, würde ich den Freundeskreis verlassen. Für mich zählen Streit und Beleidigungen auch schon zu Gewalt. Konflikte löse ich nicht mit Streit, sondern mit Reden. Schlägereien sind ganz klar Gewalt. Gewalt beginnt, wenn jemand angegriffen wird. Ich habe schon öfters Schlägereien beim Vorbeilaufen gesehen. Dann gehe ich schnell weiter. Ich will damit nichts zu tun haben. Selber habe ich noch nie jemanden angestresst und meine Kollegen machen das auch nicht. Ich würde schon dazwischen gehen, wenn ich eine Person kenne, der etwas angetan wird.

Manuel, 17, Lehrling Schwer zu sagen, was ich von Gewalt halte. Eigentlich finde ich Gewalt schlecht. Man hört sehr viel über Gewalt in den Nachrichten und ich bin der Meinung, dass es nichts bringt. Ich würde nur Gewalt anwenden, wenn ich mich verteidigen müsste. Nur weil mir langweilig ist, so ganz ohne Grund, würde ich nie jemanden zusammenschlagen. Wenn jemand auf mich losgeht, dann ist das schon ein Grund, mich zu verteidigen. Unter „auf mich losgehen“ verstehe ich aber körperlich. Beleidigungen reichen nicht aus, dass ich mich

gewaltsam wehren würde. Wenn mich jemand z.B. Hurensohn nennt, höre ich gar nicht hin. Ich glaube schon, dass die heutige Jugend aggressiver ist als früher und schon jüngere Jugendliche (14- oder 15-Jährige) Schlägereien haben.

Miler, 17, Lehrling Ich finde, es gibt schon gute Gründe für eine Schlägerei. Gewalt beginnt für mich beim ersten Schlag. Ich selber habe öfters Schlägereien, z.B. in Discos oder beim Faschingsumzug. Sobald jemand meine Freundin anmacht oder einen guten Kollegen stresst, bin ich gleich dabei. Security

oder Polizei sind mir dann egal. Ich teile dann so lange aus, bis die Person am Boden liegt oder bis die Polizei kommt. Dann haue ich ab, sodass sie mich nicht erwischen. Ich habe schon viele Anzeigen wegen Körperverletzungen bekommen und war deswegen auch schon vor Gericht. Viele gehen nur weg, weil sie schlägern wollen und provozieren ständig. Das lasse ich mir nicht gefallen. Zweimal habe ich beispielsweise schon eine gebrochene Nase eingesteckt, einmal musste ich am Knie genäht werden und ich hatte schon viele Verletzungen mehr.


09 Laura und Suzana, 16 Jahre, Schülerinnen Gewalt ist, sobald jemand handgreiflich wird, wenn man auf jemanden losgeht. Wenn mir ein Junge, ohne dass ich es will, an den Arsch greift, das ist auch Gewalt. Wir haben schon Gewalt erlebt und waren schon bei vielen Schlägereien dabei. Zu einer Schlägerei kommt es, wenn jemand provoziert. Das Thema dahinter ist oft Eifersucht. Auf mich (Laura) hat vor Kurzem ein 20-Jähriger eingeschlagen, bis ich ohnmächtig war. Ich bin bei einer Schlägerei meiner Kollegen dazwischen gegangen und zum Schluss wurde ich verschlagen.

Gewalt ist großteils eine Jungensache. Wenn Mädchen schlägern, dann nur wegen Typen oder wegen Beschimpfungen. Wir sind meistens diejenigen, die bei Schlägereien unserer Kollegen dazwischen gehen.

Manuel, 19 Jahre, Arbeiter Von Gewalt halte ich nichts. Gewalt ist dumm und bringt nichts. Denn wenn man gewalttätig ist, endet es mit einer Anzeige. Das kostet dann sehr viel! Ich habe das selbst

miterlebt. Wenn jemand stresst, motzt und mich anrempelt, ist das Gewalt. Die heutige Jugend ist sicher gewaltbereiter als früher. Früher wurde nicht so oft geschlägert und wenn, dann eins gegen eins – heute ist es auch oft 20 gegen fünf. Ich habe eigentlich nie Stress. Ich würde nur zuhauen, wenn ich mich wehren muss – also, wenn ich zuerst geschlagen werde.

Sanela, 14 Jahre, Schülerin Für mich ist Gewalt, wenn man Probleme nicht mit Reden lösen kann, also sobald man die Hand hebt. Ich bin nicht die, die gleich zuschlägt, aber wenn man mich provoziert, ja ... Mich provoziert man, wenn man Dinge sagt, die nicht stimmen, wenn man über meine Familie lästert oder mich für blöd

hinstellt, dann ist bei mir k.o. Ich mag es überhaupt nicht, wenn man Gewalt dafür verwendet, dass man cool ist. Manche machen das.

Chris, 12 Jahre, Marvin, Simon und Jerome, 14 Jahre, Schüler Gewalt sind Schlägereien, vor allem, wenn man ohne Grund zuschlägt, Mobbing, Erpressung und Bedrohung. Spaßkämpfle sind am Anfang lustig, dann, vor allem, wenn

man die Mutter beschimpft, werden sie meist ernst. Schlägereien haben wir schon genug erlebt. Z. B. dann, wenn man über uns schimpft, weil einer gefurzt hat. Oder weil einer beschimpft wird, weil er zu dick ist, dann schlagen wir zu. Es kommt aber auch immer wieder vor, dass wir provozieren. Bei uns allen ist die letzte Schlägerei ca. ein Jahr her, jetzt lassen wir das und motzen lieber zurück, weil sonst gibt’s nur Stress mit Eltern, Lehrern und so. Bei vielen Türken gibt’s gleich Stress, das passiert in unserer Schule oft. Jugendliche Gewalt ist schlimmer als die der Erwachsenen und es gibt öfters Schlägereien. Erwachsene schlägern halt oft, wenn sie besoffen sind. Der Boxsack im Jugendtreff ist super zum Abreagieren, die Boxbirne war noch besser. Gerade letzte Woche stressten mich drei Typen nach der Schule an. Dann kam ich in den Jugendtreff und ließ meine Wut am Boxsack aus.


Gewalt und Schule –

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Schule und Gewalt


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Ein Fazit: Gewalt und Gewalterfahrungen sind im Alltag von (jungen) Menschen stark präsent. Dies ist eine Tatsache, die anerkannt werden muss, jedoch nicht zugleich gebilligt werden sollte.

psychischen, sozialen, emotionalen und strukturellen Verletzungen, Handlungen und Tätigkeiten, die allen beteiligten Personen an Schulen und deren Umfeld widerfahren. Weiters zählen Sachbeschädigungen und Vandalismusakte dazu sowie das Verwenden von neuen technischen Medien (Handy, Internet) mit dem Ziel, Gewalt auszuüben.

Facettenvielfalt von Gewalt in Schulen

Meist wird Gewalt erst in der Eskalation wahrgenommen, wobei die Vorboten häufig übersehen bzw. nicht ernst genommen werden. Die Schule als Bildungseinrichtung, in der die Disparitäten der Lebenswelten und Kulturen zusammenkommen und Kinder und Jugendliche einen Großteil ihrer Zeit verbringen, ist ein Ort, der sich präventiv damit auseinandersetzen muss.

Gewalttätiges Handeln an Schulen ist von vielfältigen und vielzähligen Faktoren abhängig. Schulbezogene Faktoren, externe, kontextbedingte und individuelle Einflüsse bedingen einander. Strukturelle und personelle Ressourcen des Bildungssystems, gesellschaftliche Veränderung des Familiensystems, herausfordernde Lebens- und Integrationsbedingungen von SchülerInnen mit Migrationserfahrungen/ -hintergrund, geschlechtspezifische Unterschiede im Erleben von Gewalt von Mädchen und Buben sind nur einige Facetten eines komplexen Wirkungsgefüges. Die Vielfältigkeit von Gewalt bedarf einer klaren Definition. Gewalt an Schulen subsummiert alle physischen,

Vorboten ernst nehmen

Elisabeth Egender

Das öffentliche Interesse und die mediale Berichterstattung verfestigen das Bild eines Anstiegs der Gewaltbereitschaft, insbesondere die von Jugendlichen. Zahlreiche wissenschaftliche Forschungen zum Thema Gewalt in schulischen wie außerschulischen Bereichen zeigen unterschiedliche Ergebnisse auf.


Literaturtipps:

Schröder, A.; Rademacher, H. 2008: Handbuch Konflikt- und Gewaltpädagogik. Verfahren für Schule und Jugendhilfe. Reihe Politik und Bildung – Band 46. Wochenschauverlag Tillmann, K. J.; Nowitzki-Holler, B.; Holtappels, H.G.; Meier, U.; Popp, U. 2000: Schülergewalt als Schulproblem. Verursachende Bedingungen, Erscheinungsformen und pädagogische Handlungsperspektiven.

Präventive Ansatzpunkte in Schulen Im schulbezogenen Kontext bedeutet dies eine klare Positionierung zu dieser Thematik, welche von allen beteiligten Personengruppen mitgetragen werden muss sowie eine Sensibilisierung für und eine Enttabuisierung von Gewalt an Schulen. Weiterführende, nachhaltige Fortbildungsmöglichkeiten und Schulhausentwicklungen stützen diesen Prozess. Gewaltpräventionsprojekte tragen deutlich zu einer Qualitätsverbesserung von Schulen bei.

Haller, B.; Stögner, K. 2004: Gewaltprävention in der Schule. Online unter: www. ikf.ac.at/pdf/gewaltpraevention.pdf

Weitere Informationen:

IfS-Schulsozialarbeit Dornbirn HS Baumgarten, HS Lustenauerstraße Mag.a (FH) Elisabeth Egender T: 0664/60884403 E: egender.elisabeth@ifs.at

Elisabeth Egender

Spiel, C.; Atria, M. 2001: Tackling Violence in Schools. A Report from Austria. EUConnect Initiative, Tackling Violence in Schools. Online unter: www.goldsmiths.ac.uk/ connect/countryreports.html

Die Installierung von Gewaltpräventionsprojekten, aufbauend auf der Methode des sozialen Lernens und dem Erwerben von sozialen Kompetenzen, die Entwicklung von alternativen Handlungsmöglichkeiten und -ressourcen sowie der kompetente Umgang (Konflikt- und Streitkultur) mit/ in Gewaltsituationen sind wesentliche Stützpfeiler. Die Öffnung und Vernetzung mit externen PartnerInnen wie die der Sozialarbeit, Schulpsychologie und die Einbeziehung der Offenen Jugendarbeit bieten die Möglichkeit, verankerte Präventionsprojekte und Netzwerke für den schulischen wie außerschulischen Bereich zu entwickeln. Mag.a (FH) Elisabeth Egender


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Beispiele gewaltpräventiver Projekte an Schulen

Vgl. Konzept „Das Buddy-System für die ersten Klassen“, HS Lustenauerstraße 2005

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„Kids4Kids“ und „Buddy“ an den HS Baumgarten und Lustenauerstraße, Dornbirn In den Hauptschulen Baumgarten und Lustenauerstraße in Dornbirn wurden in Zusammenarbeit mit der IfS-Schulsozialarbeit Programme entwickelt, deren Ziel es ist, ein pädagogisch-soziales Instrument zu entwickeln, um einen positiven Einstieg in die neue Schule zu ermöglichen und dadurch den „Wechselstress“ aller Beteiligten so niedrig wie möglich zu halten.1 Zu Schulbeginn bekommen die ErstklässlerInnen einen freiwilligen, geschulten Buddy („KameradIn“), der im Sinne eines guten Freundes/einer guten Freundin, der/die sie in der Anfangszeit begleitet. In einer klaren Vereinbarung sind die Verantwortungsbereiche und Regeln festgelegt.

als die durch Erwachsene. Die Konfliktbearbeitung bietet oftmals die Möglichkeit, dass Kinder Raum und Zeit bekommen, sich zu äußern, ihr Verhalten zu reflektieren und Lösungen für spätere Streitabläufe zu entwickeln. In der Hauptschule Lustenauerstraße ist dieses Projekt von einer Lehrerin iniziiert worden. Das Programm ist in den Schulalltag integriert

Im Vordergrund des Projektes stehen die Aspekte des sozialen Lernens im Umgang miteinander erfahrbar zu machen und soziale Kompetenzen zu fördern, Gewaltsituationen im Sinne von MeinungsverGewalt ist keine Lösung für schiedenheiten oder Interesuns, es ist besser, miteinansenskonflikten verringern zu der zu sprechen, weil gleich zuschlagen einfach blöd ist. können und das Tragen von Streit kann zu Problemen Verantwortung (weiterfühführen und wir sind gegen rend im Sinne einer ZivilcouGewalt und darum sind wir rage) zu vermitteln. Streitschlichterinnen an unserer Hauptschule. Es ist toll, dass die Jugendlichen Peer Mediation an der HS die Möglichkeit haben, mit Lustenauerstraße, Dornjemandem über Konflikte zu birn reden und dass ihnen bei der Streitschlichtung geholfen Die Peer Mediation ist eine wird. der bekanntesten ProjektAnika Gmeiner, Jeannine Nadrai schienen in der schulischen 4. Klasse HS Lustenauerstraße Gewaltprävention. Sie ist eiStreitschlichterinnen ne Methode der Streitschlichtung von Konflikten mit und unter gleichaltrigen Jugendendlichen. Die Erfahrung zeigt, dass die Konfliktregelung unter Gleichaltrigen oft besser angenommen wird,

und zieht sich durch alle vier Schulstufen durch. SchülerInnen, Lehrpersonen und Eltern können an der Ausbildung teilnehmen und werden in den Prozess eingebunden. In der dritten Klasse sind sie die BegleiterInnen (Buddy) und in der vierten Klasse die StreitschlichterInnen (Peacemaker) und werden aktiv von den SchülerInnen der Hauptschule aufgesucht. Mag.a (FH) Elisabeth Egender

Statements SchülerInnen Am Schulanfang war alles ungewohnt und neu, als ich Mike kennengelernt habe, ist alles einfacher geworden. Jetzt ist es nicht mehr so neu, weil ich mich an die Schule gewöhnt habe, Freunde kennen gelernt habe und mich dabei wohl fühle. Als ich ein Problem mit einem Freund hatte, hat mir Mike geholfen. Er hat unseren Streit aufgehoben, indem er mit mir und meinem Freund geredet hat. Ich bin froh, dass er für mich da war.

Ich finde es ganz gut, dass die Viertklässler mit den Erstklässlern durch das Kids4Kids Projekt eine Verbindung haben, weil es dann weniger Probleme zwischen ihnen gibt. Bei mir war es auch so in der ersten Klasse und darum bin ich „o-kid“ geworden. Es ist toll, dass die Erstklässler jemanden haben, mit dem sie reden können, wenn sie mit LehrerInnen oder Eltern nicht reden wollen.

Lucas Fussenegger

4a HS Baumgarten

1b HS Baumgarten

Mike Nenning


was du lösen kannst“ Gewaltprävention in der verbandlichen Jugendarbeit

Ist „die Jugend“ heute gewaltbereiter als „früher“? Wer definiert, was Gewalt ist? Ist Gewalt, wenn etwas gegen den Willen eines/einer anderen geschieht? Wird Gewalt von TäterInnen oder von Opfern definiert? Gibt es nur destruktive Gewalt? So oder ähnlich lauten die gängigen und sich wiederholenden Fragen, wenn es um „Jugend und Gewalt“ geht. Ich versuche jedoch, der Diskussion über diesen schwammigen Begriff „Gewalt“, der nicht zuletzt auch darum für Statistiken sehr brauchbar scheint, Ursachen hinzuzufügen und in Sachen Prävention eine Verbindung zur Jugendarbeit in Vereinen zu knüpfen. Zum Schutz des/der Einzelnen und zur Verhinderung kollektiver Folgeprobleme ist es wohl unumstritten, dass es sich lohnt, in Gewaltprävention Energie zu investieren.

Verschiedene Aspekte scheinen relevant, ich möchte zwei herausgreifen.

Gesellschaftliche Ungleichheit In unserer Erfolgs- und Konkurrenzgesellschaft ist das Problem gesellschaftlicher Ungleichheit zu nennen. Viele junge Menschen sind sich ihrer Chancenungleichheit und teilweise Chancenlosigkeit bewusst. Sie sehen sich selbst ungleichwertig. Gleichzeitig ist jedoch der gesellschaftliche Druck hoch – Jugendliche empfinden einen „Glücks-Stress“2. „Lottowerbung kann als Parameter dafür gelten, was als erstrebenswert gilt und gleichzeitig eben nur mit einem Lotto-Sechser möglich ist“3. Dass hier Gefühle wie Ohnmacht und Chancenlosigkeit präsent sein können, ist wenig verwunderlich. Aber auch die gesellschaftlichen Machtverhältnisse, die den Alltag prägen, sind zentral. Verhältnisse zwischen den Geschlechtern, zwischen jungen und erwachsenen Menschen, zwischen Armen und Reichen, zwischen ÖsterreicherInnen und Nicht-ÖsterreicherInnen, zwischen den so genannten „Gesunden“ und den Menschen mit Beeinträchtigungen, … – Gegebenheiten, die Faktum sind und unser Verhalten stark (heraus)fordern.

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„Durchschneide nicht,

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15 Und wie gehe ich nun mit diesen Umständen, die mich überfordern, die mein Bedürfnis nach Orientierung nicht befriedigen, in dieser unübersichtlich und widersprüchlich gewordenen sozialen und kulturellen Umwelt um?

Orientierungshilfen Um mein eigenes Leben leben zu können, mich und mein – oft suchendes, fragendes, vielleicht sogar aggressives – Verhalten im Griff zu haben, brauche ich Orientierungshilfen, die mich hinführen und erleben lassen, dass manches gelöst anstatt durchschnitten werden kann. Genau an diesem Punkt kann verbandliche Jugendarbeit Möglichkeiten anbieten. Erfahrungen, die Jugendliche in Jugendorganisationen machen, sind für sie in der jeweiligen Lebenssituation ein Stück Halt und Orientierung. Jugendorganisationen und Vereine bieten ein Umfeld, in dem positive Gemeinschaftserlebnisse gemacht werden können. Genauso bieten sie Gleichaltrigengruppen, in denen sich alle einbringen können. Gruppenhock, Heimabende, Gruppenstunden, … – und wie die Zusammenkünfte alle heißen – bieten Raum, Aggression aus Unsicherheit, Ungleichwertigkeitsgefühlen und Machtverhältnissen positiv auszuleben.

Anerkennung und Akzeptanz Verbandliche Jugendarbeit fördert – oft im Leitbild festgeschrieben, vor allem aber im alltäglichen Erleben gesichert – soziale Kompetenzen und Konfliktfähigkeit. In Vereinen ist es möglich, Mitbestimmung als Arbeitshaltung zu erleben und das auch einzuüben. Ein weiterer, ganz entscheidender Faktor in der Gewaltprävention scheint die Vermittlung von Anerkennung und Akzeptanz.

Joubert, J.: online im Internet: http://www.gutzitiert.de/zitat_autor__thema__zitat_10122. html (30.10.2008) 2 Vgl. Bieringer, I (2004) u.a.: Handbuch für Jugendarbeit Band 2, Akzente Verlag 3 Ebd. 1

Gewalt thematisieren Verbandliche Jugendarbeit kann somit auf zwei Ebenen arbeiten. Die erste Ebene ist das Thematisieren von „Gewalt“ mit allem, was dazugehört, in Projekten, Schulungen, Weiterbildungen, Gruppenstunden usw. – sie können sozusagen Bildungsarbeit zu diesem Thema anbieten. Die zweite und für mich entscheidende Ebene ist das Anbieten und Zur-VerfügungStellen eines Raumes, eines Umfeldes, in dem diese Erfahrungen gemacht werden können. Wenn wir davon ausgehen – und davon bin ich überzeugt – dass Gewalt eine Lebensstrategie ist, die Menschen aus Mangel an Alternativen, Überzeugungen, Fähigkeiten oder Kompetenzen anwenden, können in Vereinen ebendiese Fähigkeiten, Überzeugungen und Kompetenzen erlebt werden.

„Angst und Vertrauen spielen in der Debatte um Gewalt eine zentrale Rolle. So kann ein Umfeld, in dem „Werte des Lebens“ wirklich und tatsächlich er-lebt werden, wertvolle Impulse, vor allem aber Orientierung und Vertrauen geben.“ Andreas Kresser, Katholische Jugend und Jungschar

„Gewaltprävention findet bei uns schon dadurch statt, dass gemeinsames Musizieren und das Hinarbeiten auf ein Ziel den Zusammenhalt enorm stärken. Jedem/Jeder ist bewusst, dass das Erfolgserlebnis den Beitrag jedes/jeder Einzelnen fordert.“ Josef Eberle, Blasmusikjugend

„Zu manchen Anlässen, die Gewaltpotential in sich tragen, können Jugendorganisationen Alternativen anbieten. So laden wir im Leiblachtal traditionell zu Halloween unsere Vereinsmitglieder zu einem gemütlichen Kegelabend ein. Andere Aktivitäten haben dann keine Bedeutung mehr.“ Christine Reumiller, PfadfinderInnen

Es kann dann eine Möglichkeit sein, Gegebenheiten und Empfindungen zu lösen anstatt anderes dafür durchzuschneiden. Unsere Aufgabe ist es, junge Menschen in dieser ihrer Fähigkeit zu stärken.

„Die verbandliche Jugendarbeit hat unter anderem den Vorteil, dass durch die Einbeziehung der Gruppenmitglieder in Form von Aufgabenverteilung, die Verantwortung in der Gesellschaft auch im Kleinen gelebt wird.“

Carmen Willi,

Alpenvereinsjugend

Vorsitzende Landesjugendbeirat

Horst Huber,


Förderung – Aufklärung – Zivilcourage Die Polizei hat neben dem gesetzlichen Auftrag, Straftaten jeder Art aufzuklären und dem Gericht anzuzeigen auch die Aufgabe, mit verschiedenen präventiven Maßnahmen der Begehung von Straftaten vorzubeugen. Vor einigen Jahren wurde vom Bundesministerium für Inneres in Absprache mit dem Unterrichtsministerium ein Präventionsprojekt mit dem Namen „Out die Außenseiter“ ins Leben gerufen. In Form von Workshops wird in den Schulen von ausgebildeten Jugendpräventionsbeamten mit Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 15 Jahren das Thema Gewalt bearbeitet. Dabei verfolgt die Polizei folgende Ziele: • Förderung des Unrechtbewusstseins • Aufklärung über gesetzliche Rechte und Pflichten • Förderung der Zivilcourage • Aufzeigen von Konfliktlösungsmöglichkeiten In lockerer Form wird eine Film-Geschichte erzählt, bei der in der Schule typische „Jugenddelikte“ – von Sachbeschädigung, Diebstahl bis hin zum Raub – begangen werden. Es wurde besonderer Wert darauf gelegt, dass die Delikte so dargestellt sind, wie sie in der alltäglichen Erlebniswelt der Jugendlichen auch tatsächlich passieren. Durch Diskussion, Erfahrungsaustausch, Gespräche und Beispiele aus dem Alltag sollen die Jugendlichen Gelegenheit bekommen, sich mit dem Thema Gewalt und Kriminalität kritisch auseinanderzusetzen, ihre gewohnten Denkmuster zu verlassen und das eigene Verhalten und ihre „Schattenseiten“ aus anderer Perspektive zu reflektieren sowie gewaltfreie Konfliktlösungsmöglichkeiten zu suchen. Im vergangenen Schuljahr wurden von den Jugendpräventionsbeamten insgesamt 130 Workshops durchgeführt und ca. 3.000 SchülerInnen mit dem Thema „Jugend und Gewalt“ konfrontiert. Auf Grund der äußerst positiven Rückmeldungen von den SchülerInnen, den Eltern und der Lehrerschaft ist beabsichtigt, das Projekt auch in den kommenden Jahren fortzusetzen. Stefan Schlosser, Bezirkspolizeikommando Bregenz


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Ausgeliefert sein Facette eines jugendlichen Lebens? Entweder – Oder? Ganz oder Gar nicht? Will ich oder will ich nicht? Ich will das Entweder UND das Oder ein Ganz UND ein Gar nicht Ich will alles Zumindest alles wollen dürfen Vergnügen – Doch ich darf mich begnügen Und mich dabei selbst belügen

Gelebte Kinderrechtskonvention Die Vermeidung gewalttätiger Auseinandersetzungen, der richtige Umgang mit Konflikten und vor allem das Ziel, dass insbesondere Kinder und Jugendliche nicht Opfer von Gewalt werden, ist die Aufgabe von Gewaltprävention. Im Artikel 19 der UN-Kinderrechtskonvention (Schutz vor Gewaltanwendung, Misshandlung, Verwahrlosung) ist dazu Folgendes festgehalten: „Die Vertragsstaaten treffen alle geeigneten Gesetzgebungs-, Verwaltungs-, Sozial- und Bildungsmaßnahmen, um das Kind vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung, Schadenszufügung oder Misshandlung, vor Verwahrlosung oder Vernachlässigung, vor schlechter Behandlung oder Ausbeutung einschließlich des sexuellen Missbrauchs zu schützen.“ Mit vielfältigen Angeboten – von Jugendwohlfahrt, Schule, Exekutive, Sportvereine bis Offene Jugendarbeit – wird in Vorarlberg versucht, Geist und Inhalt der Kinderrechtskonvention zu entsprechen. Michael Rauch, Vorarlberger Kinder- und Jugendanwalt

Meine Erwartungen werden auf einen späteren Zeitpunkt verschoben Ihre Erwartungen stellen sich in den Mittelpunkt meines Lebens Verbunden und Angebunden Verpflichtet – wem? Ihnen oder mir? Schattenspiel an den Mauern einer Realität zeigen, wie es sein könnte zeigen, wie es sein sollte zeigen, wie es nicht ist wirklich doch nicht verwirklichbar für mich Tun als ob Den Schein wahren Alles was den Glanz beeinträchtigen könnte wird wegpoliert: Die Neugierde, das Fragen stellen, das Antworten erwarten, das Kritisch sein, das Anders sein Was bleibt? Ein Kompromiss Ein Vielleicht Ein Irgendwann – Einmal (wenn du größer bist ...) Was für ein Scheiß! Mag.a Sabine Liebentritt


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Die Bewertungsfalle Im Umgang mit Gewalt – zum Beispiel in der Schule – sind klare Werte und ein geschlechtsspezifischer Blick gefordert Immer häufiger werden wir mit dem Thema Gewalt – zum Beispiel in der Schule – konfrontiert. Wir begegnen SchülerInnen, die aufsässig sind und LehrerInnen, die immer hilfloser werden. Der Ball der Verantwortung wird hin und her geschoben, schlussendlich bleiben alle auf der Strecke und das Thema macht uns ohnmächtig.

Gewalt als geschlechtsspezifisches Thema Ein Großteil der Gewalttaten wird von Burschen, also männlichen Jugendlichen, ausgeübt (92 Prozent), aber auch ein Großteil der Opfer sind männliche Jugendliche (mehr als 60 Prozent). Ein geschlechtsspezifischer Umgang mit dem Thema und mit dazugehörigen Handlungskonzepten ist also vonnöten. In der Pisa-Studie wurde festgehalten, dass männliche Kinder/Jugendliche keineswegs die Gewinner und Profiteure der häufig reklamierten patriarchalen Gesellschaftsstruktur

im Schulsystem sind, sondern auch Verlierer. Galt noch vor Jahren das Kredo, das Schulpersonal müsse den Mädchen viel mehr Aufmerksamkeit geben, da sie sonst weniger davon bekämen, wie die Burschen, so wird heute deutlich, dass man sich mit dieser Analyse schlicht vertan hatte. Nicht die Burschen als Individuen bekamen mehr Aufmerksamkeit, sondern ihre Auffälligkeiten absorbierten die gestressten LehrerInnen. Doch diese „Wahrnehmungs- und Bewertungsfalle“ öffnete sich nicht zufällig. Sie ist ein fester Bestandteil eines gesellschaftlichen Konsens: Dem Klischee von Männlichkeit und Weiblichkeit in der verbindenden Gleichsetzung mit den Begriffen „Täter“ und „Opfer“ und der folgenden moralischen Einteilung in „schlecht“ und „gut“ (Burkhard Oelemann, Tatsachen, Mai 2003).

Zwischen gut und schlecht Dieses Bewertungsgefälle von Männlichkeit und Weiblichkeit mit „schlechten“ und „guten“ Eigenschaften findet sich auch in der Sichtweise von Einstellungen heranwachsender Burschen und Mädchen wieder. Ergebnisse einer Studie in Hamburg (Hamburger Studie Krebs , A. 2002) haben ergeben, dass sich Burschen selber hauptsächlich mit positiven Attributen beschreiben wie „ehrlich, selbständig, neugierig, hilfsbereit“. Die anderen Burschen werden aber tendenziell als „angriffs-


19 lustig“ und „angeberisch“ wahrgenommen. Mädchen sehen sich selbst – aber auch die anderen Mädchen – durchwegs positiv und beschreiben dies mit Attributen wie „neugierig, anspruchsvoll, hilfsbereit, einfühlsam, verantwortungsbewusst und liebevoll“. Sowohl Mädchen als auch Burschen bewerten das Verhalten von Letzteren im Unterricht als störend.

Gewaltbegriff und Handlungskonzepte Ich möchte hier die These in den Raum stellen, dass die Schule keine Haltung zum Thema Gewalt entwickelt hat. Vielmehr ist es so, dass die Schule ein Eldorado der pädagogischen Anarchie ist. Es gibt so viele pädagogische Strömungen wie es LehrerInnen im Lehrkörper gibt. Ein einheitliches Vorgehen wird vielfach gewünscht, erfolgt aber selten. Um gegen Gewalt zu handeln, setzt dies einen klaren Gewaltbegriff voraus. Im Schulalltag heißt dies, dass die LehrerInnen eine gemeinsame Haltung in Sachen Gewalt entwickeln. Dies ist notwendig, damit man • Gewalt benennen kann • Gewalt von Aggression unterscheiden kann • Gewalt von Psychoterror unterscheiden kann • den Phänomenen nach entsprechend handeln kann Unter Gewalt wird vieles

gefasst. Zumeist Dinge, die irgendwie negativ besetzt sind. Wenn aber alles mit Gewalt bezeichnet wird, findet eine Verwässerung statt und beeinträchtigt unsere Handlungskompetenz. Es ist ein Unterschied, ob wir jemanden böse anschauen, anschreien oder ob wir jemanden zusammenschlagen. Sobald alles, was schlimm ist, mit Gewalt etikettiert wird, ist es im Prinzip dasselbe und eine Unterscheidung im Sinne unserer Handlungskompetenz wird eingeengt. Das bietet jemandem, der gewalttätig wird die Möglichkeit, sich der Verantwortung zu entziehen.

Ein klarer Gewaltbegriff Ein klarer Gewaltbergriff ist daher notwendig. Ich Unterscheide zwischen dem Gewaltbegriff • aus Opfersicht und dem • Tätergewaltbegriff Beide Gewaltbegriffe sind notwendig. Aus Opfersicht ist die umfassende Definition von Gewalt wichtig, damit das Opfer erkennen kann, dass es Opfer von Gewalt wurde. Der fokussierte Gewaltbegriff in der Täterarbeit ermöglicht ein klares Konfrontieren des Täters mit seiner Tat, denn erst wenn er erkennt, was er getan hat und dafür Verantwortung übernimmt, ist Veränderung möglich.

In vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen werden die Begriffe Gewalt und Aggression vermischt. In der Arbeit mit Gewalttätern ist eine Unterscheidung unbedingt notwendig: Gewalttäter sind meist nicht oder nur sehr wenig in der Lage, aggressiv zu sein. Ihre Unfähigkeit zur Aggression ist einer der Bedingungsfaktoren für ihre Gewalttätigkeit.

Unterschied: Aggression und Gewalt In einer aggressiven Handlung, auch im Gespräch, ist ein hoher Anteil an Selbstoffenbarung, d.h. wir zeigen sehr genau, wie es uns geht. Wir machen Aussagen über unser Befinden, es ist nicht versteckt. Ein Mensch, der wütend ist, zeigt sich. Aggression wird in der Mehrzahl der Fälle verbal ausgedrückt, sowohl von Frauen, als auch von Männern. Gewalt geht selten mit Formen verbaler Auseinandersetzung einher. Bei einer Gewalthandlung redet der Mann nicht, er schlägt. Das ist ein Kontaktabbruch. In einer Aggressionshandlung kommt es zumeist nicht zu einem Kontaktabbruch, sondern es gibt eine Ankündigung: Wenn – dann.

Zwischen pädagogischer Arbeit und klarer Intervention Bei massiven Grenzverletzungen wie z.B. zerstörerische Kritik durch Worte, Einschüchterungen, Respektlosigkeit, Machtund Vertrauensmissbrauch kann eine pädagogische Auseinandersetzung mit den Verursachenden gewählt werden. Information: Bei Androhung von körperliDSA Arno Dalpra ist Psychocher Gewalt, Zerstörung von therapeut, Supervisor und Sachgegenständen, dem Systemconsulter, Gewaltberater©/Gewaltpädagoge©, LeiTragen von Waffen sowie ter der IfS-Jugendberatungskörperlichen und/oder sexustelle Mühletor Feldkirch, ellen Gewalthandlungen ist Mitarbeiter bei „Klartext“ IfSjedoch sofortiges EinschreiGewaltberatung ten und Intervenieren gefordert! Dabei geht es nicht darum, wer Recht oder Unrecht Literatur: hat. Das Ziel ist, die Gewalt Diefenbach, H. und Klein, M.: „Bringing Boys Back In“. In: Zeitschrift für Pädagogik, zu beenden. 6/2002 DSA Arno Dalpra Der vollständige Artikel kann beim Autor angefordert werden (dalpra.arno@ifs.at).

Oelemann, B., Lempert, J: Endlich Selbstbewusst und Stark …, OLE-Verlag, Hamburg, 2001 Oelemann, B.: Tatsachen, Mai 2003 Männer gegen Männer-Gewalt® (Hg.): Handbuch der Gewaltberatung, OLE-Verlag, Hamburg 2002 Krebs, A.: Sichtweisen und Einstellungen heranwachsender Jungen, Amt für Schule, Hamburg 2002 Schäfer S./Dalpra A.: Workshopunterlagen zum Thema Gewalt, 2001


Diskurs stellt Fragen zur Diskussion

Statements von Fachpersonen zu ausgewählten Fragestellungen

1. Differenzierung männliche Gewalt/weibliche Gewalt: Welche Klischees existieren/wirken in diesem Zusammenhang? Welche tatsächlichen Unterschiede lassen sich beschreiben?

Hier ist auch Ihr Standpunkt gefragt: Welche Position und Haltung haben Sie bei diesen Fragen? Teilen Sie Diskurs Ihre persönliche Sichtweise mit unter redaktion@jugend-diskurs.at

1. Männergewalt ist weit verbreitet, die Gesellschaft nimmt

André Brandl Fachstelle Jugend-Familie-Schule Rorschach, Ressortleiter Jugendarbeit, freiberufliche Tätigkeit im Bereich Mobbingprävention und -intervention sowie Aggressions- und Gewaltprävention und –intervention www.andrebrandl.at, E: info@andrebrandl.at

dies auch wahr und bietet teils auch eigene Programme an. Obwohl sich der öffentliche Gewaltdiskurs vorwiegend um die männliche Gewalt dreht, ist „Gewalt“ kein reines Männerproblem. Sieht man von der reinen Brachialgewalt ab und berücksichtigt die unterschiedlichen Facetten des Begriffs „Gewalt“, so müssen wir erkennen, dass er beispielsweise auch das psychische und physische Misshandeln von Kindern oder auch Mobbing usw. beinhaltet. Hier steht das weibliche Geschlecht uns Männern in nichts nach. Auch wird in Deutschland und in der Schweiz der Ruf nach Männerhäusern deutlich lauter. Immer mehr Männer werden von Frauen geschlagen und wissen nicht, wo sie sich hinwenden sollen. Männer wollen meist nicht öffentlich als Opfer von Frauengewalt dargestellt werden und suchen sich daher kaum Hilfe. Weibliche Gewalt wird nach wie vor zu wenig ernst genommen und seltener angezeigt. Die Gesellschaft ist sensibilisiert auf Gewalt, aber weniger auf jene, die von Frauen ausgeht. Frauen üben Gewalt oft subtiler aus und auch weniger in der Öffentlichkeit.

1. Die Klischees bezüglich weiblicher und männlicher Gewalt

Michaela Horvath 18 Jahre, Schülerin aus Lauterach

sind, dass Männer und Jungs körperliche Gewalt anwenden, während Frauen und Mädchen viel mehr zur psychischen Gewalt tendieren. Das heißt im Klartext, dass folgendes Gesellschaftsbild unser Denken prägt: Männer sind für Schlägereien, Vergewaltigungen und diverse andere Gewalttaten verantwortlich, Frauen veranstalten Zickenkriege und machen Psychoterror. Meiner Meinung nach sind diese Klischees nicht völlig aus der Luft gegriffen, jedoch auch nicht voll und ganz zutreffend. Es ist wahr, dass Frauen eher auf psychische Gewalt setzen, doch es gibt auch viele, die körperliche Gewalt bevorzugen. Oft sind Frauen auch in der Opferrolle und verteidigen sich so. Männer hingegen neigen doch eher zur körperlichen als zur psychischen Gewalt, aber auch hier mit einigen Ausnahmen.


21 2. Auseinandersetzungen/Streit/Aggressionen müssen nicht automatisch Gewalt zur Folge haben. Welche Möglichkeiten gibt es, den Umgang mit Aggressionen zu (er)lernen bzw. diese zu kanalisieren und in positive Energie umzuwandeln?

3. Jugendliche werden in der öffentlichen Gewaltdiskussion vornehmlich als TäterInnen wahrgenommen. Der Aspekt „Jugendliche als Opfer“ kommt vielfach zu kurz. Welche Herausforderungen ergeben sich dadurch für die Arbeit mit Jugendlichen?

2. Aggression ist nicht nur etwas Negatives: Aggression ist auch Treibstoff, der uns im Leben voranbringt. Es gibt viele Möglichkeiten, die erlernt werden können, um mit der eigenen Aggression umzugehen. Ich verwende bei meinen KlientInnen oft die Methode eines angeleiteten Boxtrainings ohne Körperkontakt. Die TeilnehmerInnen sollen dadurch lernen, ihre Aggressionen gezielt nach außen zu kanalisieren. Sie sollen lernen, dass sie „MeisterInnen ihrer Aggression“ sind und nicht, dass die Aggression sie beherrscht. Unkontrollierte Wutausbrüche, Gewalt oder auch Vandalenakte sollen durch dieses Programm unterbunden werden. Eine Aussage, die ich von vielen TeilnehmerInnen immer wieder höre, ist: „Mit dem Schlag geht meine ganze Wut nach draußen und ich fühle mich frei und so gut“. Anonyme empirische sowie qualitative Begleitstudien haben gezeigt, dass die KlientInnen sich nach dem Training weniger aggressiv fühlen, sie fühlen sich weniger gestresst und haben ein höheres Selbstwertgefühl.

3. Ich stelle in meinen Beratungsgesprächen immer wieder

2. Es gibt diverse Möglichkeiten, mit Streit und Aggressionen

3. Es ist heutzutage allgemein so, dass man die positiven Leis-

umzugehen. Hier ist es wichtig, rauszufinden, welche Umgangsweise jeder/jedem selbst am ehesten entspricht. Vielen Menschen hilft es, ihre Wut körperlich auszulassen. Am besten, man schlägt auf einen Boxsack oder ein Kissen ein, Hauptsache, man verletzt sich nicht. Manche Leute gehen eher destruktiv vor, d.h. sie zerreißen Papier oder etwas in der Art. Wichtig ist es bei dieser Methode, sich nicht noch mehr schlechte Laune zuzufügen, indem man etwas Wichtiges kaputtmacht. Ein anderes sehr gutes Ventil ist Sport – wenn man wütend ist, einfach eine Stunde joggen gehen, oder die Aggressionen beim Radfahren rauslassen. Dabei tut man sich was Gutes und bekommt schlagartig bessere Laune. Auch Schreien und Musik wirken sehr befreiend und wohltuend.

fest, dass viele Jugendliche eine große Last tragen müssen. Es gibt Streit in der Familie, sie werden geschlagen und wenn die Noten in der Schule nicht so sind, wie sie sein sollten, dann ist oft die Angst da, keinen Ausbildungsplatz zu erhalten. Gerade Jugendliche aus sozial schwächeren Familien sind öfters davon betroffen. Ihr Selbstwertgefühl ist dementsprechend gering. Diese Jugendlichen brauchen neben Beratung und Intervention durch soziale Institutionen Anerkennung und Hilfe, ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Genau diese Jugendlichen kann man nach dem Motto „Wir zeigen den anderen, dass wir doch was drauf haben“ motivieren, etwas zu leisten. Seit Jahren etwa organisieren solche KlientInnen mit mir gemeinsam Benefizveranstaltungen, um Slumkindern in Asien zu helfen. Und sie sind immer wieder begeistert dabei. Sie arbeiten auch mit alten Menschen in Altersheimen oder mit kranken Kindern. Derartige Projekte sind unbezahlbar und wertvoll für die zukünftige Lebensführung dieser Jugendlichen und sie lernen, ihre Interessen in die eigene Hand zu nehmen. Sie befreien sich so aus ihrer Opferrolle.

tungen der Jugendlichen gerne unter den Tisch kehrt oder schlicht und einfach nicht als solche wahrnimmt. Auch ich kenne Jugendliche, bei denen der Fokus auf ihre Fehler und ihre Gewalttaten gesetzt wurde, ohne die Gründe zu hinterfragen. Bei den meisten dieser Fälle war die Gewalt jedoch nur eine Reaktion auf vorhergehende gewaltsame Taten, die nicht erwähnt wurden. Im Allgemeinen gibt man sich oft damit zufrieden, die Jugend als faul und respektlos zu beschimpfen. Man vermittelt Jugendlichen nicht das Gefühl, einen Wert in der Gesellschaft zu haben, sie werden als Unruhestifterinnen und -stifter abgestempelt und links liegen gelassen.


OJAD

Dem Leben

eine Perspektive geben “Ohne einen Pflichtschulabschluss habe man keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt und Schwierigkeiten, eine Lehrstelle zu finden. In Vorarlberg sind derzeit etwa 1.800 Jugendliche arbeitslos, knapp 150 von ihnen haben keinen Hauptschulabschluss“, so AMS-Chef Anton Strini.1 Bei diesen Zahlen sind nur die beim AMS registrierten Jugendlichen berücksichtigt. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen, da sich nicht jedeR Betroffene regelmäßig beim AMS meldet. Bloß Zahlen? Nein. Hinter jeder Zahl stehen Einzelschicksale – junge Menschen, die wenig Perspektiven auf ein „normales“, selbst bestimmtes Leben erwarten (können), denn wie soll sich ihnen die Chance dazu eröffnen? Speziell junge Menschen, die keinen Schulabschluss haben, sind zunehmend bedroht, auf das soziale Abstellgleis zu geraten.

http://vorarlberg.orf.at/stories/131273/ Stand 8.11. 2008 Johann Galtung, Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung, rororo aktuell, Reinbek bei Hamburg 1982

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Und was hat das Ganze mit Gewalt zu tun? Gewalt ist mehr als Zuschlagen. Menschen sind Gewalterfahrungen ausgesetzt, auch wenn sie nicht unmittelbar körperlich oder psychisch „misshandelt“ werden. Diese unsichtbare, strukturelle Gewalt kann Menschen systematisch unterdrücken und klein halten. Von struktureller Gewalt spricht Galtung2, wenn gesellschaftliche, politische und ökonomische Strukturen und Verhältnisse Menschen systematisch daran hindern, sich selbst zu verwirklichen und menschenwürdig zu leben. Entwicklungschancen von Betroffenen werden behindert. Perspektivenarmut ist die Folge.

Von Gewalterfahrung zur Gewalttat Eine dauernde Krise in der Schule und der Berufsperspektive führt häufig zu sinkender Selbstachtung, meist zu Isolation und Depressionen sowie häuslichen Konflikten und Brüchen im sozialen Netzwerk. Diskriminierungserfahrungen und Anerkennungsdefizite, Langeweile und Perspektivenlosigkeit können zu Frust und gewaltbereitem Verhalten führen. Viele Jugendliche haben in dieser marginalisierten Situation einen starken Ehrenkodex ausgebildet, die Verteidigung der brüchigen eigenen Identi-


23 Eine Idee als Perspektivenvermittlerin Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken und Perspektiven für die betroffenen Jugendlichen zu schaffen, gibt es zwei kreativ-innovative Projekte in Vorarlberg: Beim E-Learning-Projekt „Albatros“ – Die Schule kommt zu DIR nach Hause können junge Menschen über ExternistInnen-Prüfungen den Hauptschulabschluss nachholen. Der Prüfungsstoff ist auf einer Homepage jederzeit verfügbar. Bei „JOB AHOI !“ – Sofort arbeiten, sofort Geld verdienen reparieren und restaurieren Jugendliche unter professioneller Anleitung und sozialarbeiterischer Betreuung alte Bodenseeschiffe. Freude an der Arbeit soll neben Fachkompetenzen und Fähigkeiten wie Pünktlichkeit und Verlässlichkeit vermittelt werden. Das Hauptziel ist die Vermittlung der meist institutionsfernen Jugendlichen in den regulären Arbeitsmarkt. Eine Weiterentwicklung von „JOB AHOI !“ stellt „JOB AHOI Designs“ dar. Hier entwickeln und produzieren junge Mädchen in Zusammenarbeit mit der Designerin Ingrid Delacher Handtaschen. Jede Handtasche ist ein Unikat und wird in Handarbeit gefertigt. Die Designs entsprechen der Kreativität und den Ideen der Mädchen.

Alles wirkt zusammen Bei den beiden Projekten arbeiten PädagogInnen, SozialarbeiterInnen, Bootsbauer und die Jugendlichen gemeinsam daran, einander zu akzeptieren, die verschütteten Potentiale der Jugendlichen freizulegen, den Hauptschulabschluss nachzuholen und Lehre oder Job aufzunehmen. Die Jugendlichen können sich Zeit nehmen, individuell bleiben und aus der Sicherheit der Akzeptanz freiwillig und ohne Zwang ihren Weg finden. Günstigerweise sind Job Ahoi ! und Albatros direkt im Jugendzentrum Vismut mit dem Kulturcafe Schlachthaus angesiedelt, sodass ein trägfähiges soziales Netzwerk von Gleichaltrigen und szenenahen Erwachsenen zur Verfügung steht. Das Interesse an Gewalt weicht der Hoffnung auf eine eigene, selbst bestimmte Zukunft. Dr. Martin Hagen

Interviews Chingiz, 17 Jahre, Dornbirn Als ich aus Tschetschenien nach Österreich kam, habe ich die 3. und 4. Klasse einer Hauptschule besucht. Da ich zu schlechte Noten bekommen habe, suchte ich eine andere Möglichkeit, um meinen HS-Abschluss zu machen und bin nun im „Albatros“-Projekt. Hier gefällt mir, dass man die Prüfungen machen kann, wenn man dazu bereit ist und wer eine Prüfung nicht bestanden hat, bekommt eine zweite Chance. Hasan, 16 Jahre, Lauterach Ich wollte nicht arbeitslos sein und etwas tun, daher habe ich beim Projekt „Job Ahoi !“ angefangen und kann dabei auch noch Geld verdienen. Durch den Hauptschulabschlusskurs „Albatros“ bin ich zu „Job Ahoi !“ gekommen. Das Arbeiten macht mir viel Spaß, nur das Schleifen liegt mir nicht besonders. In den Pausen gehe ich ins JUZ Vismut nebenan und spiele Tischfußball mit meinen Kollegen.

Offene Jugendarbeit Dornbirn www.ojad.at Albatros: www.e-learning.or.at Übungen zu allen Pflichtschulfächern (Mathematik, Deutsch, Englisch etc.) Kurszeiten: jeweils von Montag bis Freitag von 9 Uhr bis 11.30 Uhr Einstieg jederzeit möglich, kostenlos, Prinzip Freiwilligkeit Ziel: Hauptschulabschlusszeugnis Kontakt: Mag.a Miriam Lageder, E: miriam.lageder@ojad.at, T: 0676/83650843 „JOB AHOI !“ – Sofort arbeiten, sofort Geld verdienen Bootsrenovation – niederschwelliger Zugang zu hochwertigem Produkt „JOB AHOI Designs“ – nur für Mädchen, Herstellung von Designerhandtaschen Prinzip Freiwilligkeit Ziel: Lehrstelle oder Arbeitsplatz Kontakt: DSAin Birgit Fiel, E: birgit.fiel@ojad.at; T: 0676/83650819 www.ojad.at OJAD

tät wird häufig mit Gewalt ausgefochten, die Forderung nach „Respekt“ ist allgegenwärtig. Alkohol als scheinbarer Konfliktlöser verstärkt darüber hinaus latente Gewaltbereitschaft.

Finanzierung: Stadt, Land, AMS, EU, Rotary Club und Hit Stiftung ermöglichen das Ganze. Besuche und Besichtigungen sind willkommen – Kooperationen erwünscht.


Sozialsprengel Hard

Gewaltprävention in der

Offenen Jugendarbeit

Ein Blick der Jugendarbeit Hard auf ihre Arbeit sowie auf die landesweit umgesetzten Projekte Ist es Gewalt wenn ... ... im Jugendtreff ein „Spaßkämpfle“ veranstaltet wird? ... ein Mädchen ein anderes schlägt, weil sie ihr den Freund ausgespannt hat? ... ein Jugendlicher in ein vor dem Jugendtreff geparktes Moped kickt? ... ein Jugendlicher ein Handy an der Bar liegen lässt und ein anderer das Handy einsteckt?

... eine Jugendliche einer anderen droht, sie beim nächsten Mal mit ihrer Clique zusammenzuschlagen, wenn sie nochmals so einen Scheiß über sie weitererzählt? ... über einen Jugendlichen Gerüchte im Jugendtreff kursieren? ... über die Familie einer Jugendlichen im Jugendtreff Gerüchte kursieren? ... ein Jugendlicher beim Billardtisch nie dran kommt? ... ein Jugendlicher von seinen Eltern aus nicht in den Jugendtreff kommen darf, weil sich dort anscheinend nur Gesindel trifft? ... die Jungs im Jugendtreff

den Mädchen immer wieder einen Klaps auf den Hintern geben und die Mädchen grinsend weitergehen? ... ein Video am Handy von der letzen Party mit Szenen eines sehr betrunkenen Jugendlichen im Treff die Runde macht? ... im Jugendtreff das Lied „Gangbang“ läuft? ... eine Gruppe Jungs ein Pornoheft mitbringt und gemeinsam ansieht und lautstark kommentiert? ... ein Jugendlicher den Treff betritt und meint: „Schon wieder nur Türken im Treff!“? ... hinter dem DJ-Pult ein Hakenkreuz gemalt wurde?


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Das alles sind Szenen und Facetten von Gewalt, mit denen die Jugendarbeit konfrontiert ist. Gewaltprävention ist eine wesentliche Wirkung von Offener Jugendarbeit und gehört zum Selbstverständnis der Offenen Jugendarbeit, ohne dass Gewaltprävention unmittelbar in jeder Zielformulierung Niederschlag findet. Sie ist einfach integrierter Bestandteil des Alltags. Die Angebote der Offenen Jugendarbeit sind vielseitig und zielen bedarfsgerecht vor Ort auf die Bedürfnisse der Jugendlichen ab. Sie orientieren sich an den Handlungsprinzipien von Offener Jugendarbeit wie Ressourcenorientierung, Bedürfnisorientierung und Lebensweltorientierung, aber auch Partizipation und Offenheit (Niederschwelligkeit). Neben Projektangeboten und gezielter Auseinandersetzung mit einzelnen Jugendlichen und Gruppen zum Thema Gewalt dienen vor allem spontane Interventionen im offenen Betrieb der Bearbeitung von aktiven und passiven Gewalterfahrungen.

Wie kann man sich das konkret vorstellen? Das Jugendarbeitsteam Hard setzte sich als Team mit der Wertehaltung zum Thema Gewalt und Formen von Gewalt auseinander und legte gemeinsam fest, wo die Grenze der Toleranz erreicht ist. Dabei war es uns wichtig, die gemeinsame Grenze aber auch die individuelle Grenze der einzelnen JugendarbeiterInnen zu berücksichtigen und dies auch den Jugendlichen so zu vermitteln. Im offenen Betrieb gilt es, aufmerksam zu sein und als erste Reaktion Jugendliche auf ihr Verhalten aufmerksam zu machen und das Gespräch zu suchen. Ganz klar suchen Jugendliche nach Grenzen, die gerade zu diesem Thema transparent und offen aufgezeigt werden müssen. Dann gilt es einzugreifen, stoppen, unterbrechen, Grenzen setzen und Jugendliche schützen.

Positive Auswirkungen Vorarlbergweit wurden im Jahr 2007 und 2008 13 Projekte, die Gewalt zum Thema hatten (koordiniert über die koje als Dachverband der Offenen Jugendarbeit) umgesetzt. Mit den Projekten erreichte die Offene Jugendarbeit eine Vielzahl an Jugendlichen mit unterschiedlichem Alter, Geschlecht, Mig-

rationshintergrund. Vor allem die offenen Zugänge, die Niederschwelligkeit der Angebote sowie die verschiedenen flexibel eingesetzten und fachlich fundierten Methoden und Arbeitsansätze machen eine Auseinandersetzung und Sensibilisierung möglich. Die Projektangebote sind verknüpft mit den Kernangeboten der Offenen und Mobilen Jugendarbeit. So können Zugangshürden zur Inanspruchnahme von Beratung und Hilfestellung abgebaut werden und die Offene Jugendarbeit wird dem Anspruch, Anlaufstelle für Jugendliche zu sein, wieder einmal mehr gerecht.

Sozialsprengel Hard

Gewaltprävention als Wirkung von Offener Jugendarbeit


„Wanted respect“ und „V3 – Vandalismus – Vorurteile – Vorbild“

Sozialsprengel Hard

Die Offene Jugendarbeit des Vereins Sozialsprengel Hard setzte in den Jahren 2007 und 2008 jeweils ein Jugendsozialarbeitsprojekt mit dem Schwerpunkt Gewalt um. Das Projekt „Wanted respect“ richtete sich 2007 primär an Jugendliche, die ein rechtsorientiertes, provokantes Verhalten zeigen. Die Konfrontation von Jugendlichen mit rechtsorientierten Aussagen und Aktionen und die Schwierigkeit und Herausforderung, zielführend darauf zu reagieren, hat uns motiviert, uns auf das Thema einzulassen und neue Wege in der Arbeit mit dieser Zielgruppe zu suchen. Das Projekt „V3 – Vandalismus – Vorurteile – Vorbild“ wurde im Jahr 2008 gemeindeübergreifend in Hard und Lauterach durchgeführt. Das Thema Vandalismus wurde von vielen Seiten (Jugendliche, Gemeinde, AnrainerInnen, Schule, ...) an die Jugendarbeit herangetragen. Die Ziele des Projekts, langfristige Maßnahmen zu entwickeln, um gemeinsam auf das Thema zu reagieren und neue Zielgruppen (Jugendliche und Erwachsene) niederschwellig zu erreichen, können durch einen Methodenmix und verschiedene Angebote erreicht werden – beispielsweise: Informationsräume, Plakate zu Vorurteilen von Jugendlichen, Umgangsanleitung (ein Folder für Erwachsene für den Umgang mit Jugendlichen) oder Schulworkshops. Die mobile V3 Station wurde im öffentlichen Raum an sechs Plätzen aufgestellt und diente Jugendlichen als Ventil, Anstoß und der Sensibilisierung mit dem Thema Vandalismus. Inhalte waren z.B. Schreistation, Dosenwerfen, Boxbirne, Sumoringen, Parkbank zum Ritzen, Chill-outBereich, Geduldspiele, ... DSAin Cornelia Reibnegger E: cornelia.reibnegger@sprengel.at

www.sprengel.at

Präventive Projekte zum Thema „Jugend und Gewalt“ in Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit – finanziert durch den Vorarlberger Sozialfonds Jahr 2007 Culture Factor Y Lustenau „Jugend und Gewalt“ – Möglichkeiten der Bewältigung von Gewalt mit Unterstützung von Rap und Hip-Hop-Tanz im Jugendhaus Mädchenzentrum Amazone Raumverteidigung für Mädchen: Gewaltpräventives Projekt mit Mädchen im öffentlichen Raum – Train-the-Trainer-Workshops und Einzelcoaching für Jugendarbeiterinnen Sozialsprengel Leiblachtal ROBUR – Wake Up – Jugendsozialarbeit Leiblachtal Offene Jugendarbeit Feldkirch Walk your Line – Kunst- und Outdoorprojekt Offene Jugendarbeit Bludenz Verminderung von Gewalt im Umfeld der Offenen Jugendarbeit Bludenz – Schwerpunkt: verbale Gewalt und deren Auswirkungen Offene Jugendarbeit Hard Jugendsozialarbeit Hard: Schwerpunkt „rechtsorientierte Jugendliche“

Jahr 2008 Offene Jugendarbeit Hard und Lauterach V3 – Vandalismus – Vorurteile – Vorbild Mädchenzentrum Amazone laut & stark: Schulungen für Mädchen und Jugendarbeiterinnen. Zivilcourage leben und erleben. Offene Jugendarbeit Feldkirch Vision 2010 Offene Jugendarbeit Hohenems GewaltKultur: Energie in künstlerische Handlungen umwandeln. Culture Factor Y Lustenau Rote Karte der Gewalt! Fußball gegen Gewalt Autonomes Jugend- und Kulturzentrum Between, Bregenz Flüchten oder Standhalten – Austeilen und Einstecken: Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse, Kraft- und Kampfübungen zum gezielten Aggressionsabbau


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Sozialraumorientierung

und Gewaltprävention In Bludenz startete 2006 nach einer Planungsphase ein Projekt mit dem Ziel, über Angebote für Jugendliche zu informieren. Dies war der logische nächste Schritt, nachdem sich in den fünf Jahren zuvor die Jugendarbeit den Bedürfnissen der Jugendlichen und der regionalen und strukturellen Rahmenbedingungen entsprechend qualitativ und inhaltlich weiterentwickelt hat. Nun ging es eben darum, auch in vom Bludenzer Stadtzentrum entfernten Stadtteilen Jugendliche mit ausdifferenzierten Angeboten zu erreichen.

Ein „Container-Jugendtreff“ Ein Bürocontainer wurde in einen „Jugendtreff“ umfunktioniert und in einem Stadtteil von Bludenz, in der Südtirolersiedlung, für zwei Monate platziert. In und um diesen „Jugendtreff“ informierten dann MitarbeiterInnen der Offenen Jugendarbeit, des IfS-Mühletors, des aha – Tipps & Infos für junge Leute sowie das Bludenzer Jugendreferat über Formen der Jugendarbeit und Möglichkeiten, die die jeweiligen Institutionen bieten. Ziel dieses Projektes war es, Jugendlichen das Angebot der Bludenzer Jugendarbeit näher zu bringen und sie einzuladen, aktiv an diesem teilzunehmen und dieses zu nützen.

BLUDENZ – „mobile Stadtteilarbeit“

Stadt Bludenz

Diese Form der aufsuchenden Jugendarbeit zeigte den gewünschten Erfolg – viele Jugendliche wurden über diese Form des Interaktionsangebotes aktiviert. Doch zeigen sich mit diesem neuen Angebot auch rasch neue Herausforderungen: (Gewalt)Prävention muss in dieser Form der Jugendarbeit mit-

Ein Erfahrungsbericht aus Bludenz

berücksichtigt werden. Diese neuen Einblicke und Erkenntnisse führten zu einem neuen Bewusstsein für Stadtteilarbeit und die Weichen für entsprechende Angebote in der Bludenzer Jugendarbeit wurden gestellt.

Die Frage nach dem WIE? Über die nächsten zwei Jahre wurde in Zusammenarbeit mit der Jugendwohlfahrt der Bezirkshauptmannschaft Bludenz und der IfS-Familienarbeit, Lehrpersonen einer Schule sowie dem Jugendreferat Bludenz ein Projekt entwickelt und in Folge umgesetzt. Mit „FAUSTFREI“ lernten junge Menschen in Form von Einzel- und Gruppenarbeit neue Möglichkeiten der Konfliktbewältigung kennen. Durch das aktive Einbinden von unterschiedlichen SystempartnerInnen ist eine breite Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung möglich und in weiterer Folge bildet sich ein handlungsfähiges Netzwerk der Jugendarbeit sowie der Jugendsozialarbeit, welches flexibel auf die Herausforderungen einer bedarfsorientierten Stadtteilarbeit reagieren kann, auch zum Thema Gewalt und Deeskalation.

Und heute … Heute hat Prävention und Intervention in der Bludenzer Jugendarbeit und die mobile Stadtteilarbeit einen fixen Stellenwert. Aktuell hat das Amt der Stadt Bludenz, Abteilung für Jugend und Integration, ein modernes und attraktives Fahrzeug für mobile Stadtteilarbeit angekauft. Somit ist eine mobile JugendWeitere Informationen: arbeit möglich, die wirklich Bei Fragen steht der Jugendmobil ist (im wahrsten Sinne koordinator der Stadt Bludes Wortes) und kann junge denz DSA Oliver Mössinger gerne zur Verfügung. Menschen dort erreichen, wo Abteilung für Jugend und Insie sich in ihrer Freizeit freiwiltegration, Abt. 3.2/Amt der lig und gerne aufhalten. Die Stadt Bludenz Folge: Es entfalten sich im Werdenbergerstraße 42, 6700 Bludenz Sozialraum junger Menschen T: 05552/63621-247 (auch gewalt-) präventive WirE: oliver.moessinger@bludenz.at kungen. www.bludenz.at/jugend oder DSA Oliver Mössinger www.bludenz.at/integration


Jugend gegen Rassismus Im Rahmen einer Initiative von SchülervertreterInnen informierten Jugendliche in Bregenz über Rassismus und plädierten für mehr Toleranz

Die engagierten Jugendlichen informierten beim Leutbühel in Bregenz in Zusammenarbeit mit youngCaritas.at und crossculture (Bregenzer Festspiele). Dieser Termin war mehr als eine klassische Informationsveranstaltung, denn hier gab es auch die Möglichkeit, mit ExpertInnen – z.B. von der Caritas Flüchtlingshilfe – zu diskutieren. Herbert Bösch war als Politiker der Einladung der Jugendlichen gefolgt. Zusätzlich wurde von den Jugendlichen eine Umfrage unter den PasWas macht die santInnen durchgeführt, die youngCaritas.at? zum Dialog beitragen sollte. youngCaritas.at macht die Von den ca. 100 Befragten Arbeit der Caritas für junge Menschen durch die Gestalwaren alle der Einschätzung, tung von Gruppenstunden, eher weniger von VorurteiExkursionen in Caritas-Einlen befangen zu sein und richtungen sowie Projekte zu auf Menschen aus anderen sozialen Themen erlebbar und ermöglicht konkrete Erfahrungen mit sozialer Arbeit. Das Angebot der youngCaritas.at ist kostenlos für Lehrpersonen, GruppenleiterInnen sowie für Kinder und Jugendliche konzipiert. www.youngcaritas.at Jugend gegen Rassismus

Kulturen/Ländern offen und tolerant zuzugehen. Auffällig war, dass alle der Meinung waren, dass eine freie Religions- und Glaubensausübung der Muslime in einer angemessenen Form den sozialen Frieden in Vorarlberger nicht zerstören kann! Heidi Häuserer führte jugendgerecht durchs Programm und immer wieder Applaus ernteten Magdalena (Sängerin) und Dominik (Gitarrist) von der Musikband „The Valleys“ mit ihren Liedern. Ingesamt war es ein Vormittag, an dem Jugendliche ihrem Herzen gefolgt sind und aufzeigten, was ihnen wichtig ist. Margaritha Matt

youngCaritas.at

Dass die heutige Jugend nicht nur Party im Kopf hat, bewiesen einige von ihnen am 14. Juni 2008 in Bregenz. Dort nämlich haben sich die SchülervertreterInnen der Schulen BG Gallusstraße, des BORG Lauterach, des BG Blumenstraße und des PG Riedenburg unter dem klingenden Namen „Pachanga“ zusammengeschlossen, um ihren Beitrag zu Toleranz und „Antirassismus“ zu leisten.

Stumpfsinniger Fremdenhass verursacht in unserer Gesellschaft viele Probleme. Alltagsrassismus macht auch bei Jugendlichen keine Ausnahme und macht auch vor der Schule nicht halt. Deswegen haben wir im vergangenen Schuljahr mit 3 weiteren Schulen das Projekt „PACHANGA – Jugend gegen Rassismus“ gestartet. Wir wollten die Jugendlichen mit den Themen Diskriminierung, Toleranz und Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit konfrontieren, um auf die Probleme aufmerksam zu machen. Um die SchülerInnen zu erreichen, sind wir das Thema Rassismus von mehreren Seiten angegangen: mit Informationskampagnen, einem Bandwettbewerb sowie einem Kreativwettbewerb. Uns war es wichtig, nicht nur GEGEN Rassismus vorzugehen, sondern vor allem FÜR ein vernünftiges friedliches Miteinander. Die Präsentationsveranstaltung von PACHANGA war ein voller Erfolg und die anschließende Party unter dem Motto „Feier die Toleranz“ führte zu einer Warteschlange vor dem Eingang zum Saal. Name: Cornelius Hirsch Alter: 18 Jahre Schule: BG Gallusstraße Bregenz


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Mit jemandem reden... Du hast Fragen rund um das Thema Gewalt und Gewaltprävention? Du bist von Gewalt betroffen? Oder kennst du jemanden, der Hilfe benötigt? Du wünschst dir Informationen und Beratung oder einfach nur jemanden zum Reden? Hier findest du Menschen, die sich gerne auf dich und deine Fragen einlassen und dir bei Bedarf auch weiterhelfen können:

Hast du daran schon gedacht? – Allgemein: Lehrpersonen an deiner Schule Auch wenn es sonst eher darum geht, dir im Unterricht etwas beizubringen – wenn du Fragen hast rund um das Thema Gewalt, hilft dir deine Lehrerin/dein Lehrer sicher gerne weiter. Du kannst dich auch an die Schulärztin/den Schularzt oder die Schulsozialarbeiterin/den Schulsozialarbeiter an deiner Schule wenden. Eltern Mama und Papa sind vielleicht nicht die Coolsten, doch wenn es darum geht, für dich dazu sein, ist das ihr Job. Lass sie für dich da sein. Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit (Adressen unter www.koje.at) Die Jugendtreffs und Jugendzentren in Vorarlberg sind voll mit Menschen, die gerne Zeit mit dir verbringen – nicht nur in deiner Freizeit oder wenn es dir gut geht. Deine Jugendarbeiterin/Dein Jugendarbeiter kann dir auch mit Rat und

Tat zur Seite stehen, wenn es um heikle Themen geht – wie eben Gewalt. Polizei Wenn dir oder anderen akute Gefahr droht, dann wähle sofort den Notruf der Polizei: 133

Rechtliche Aspekte: Michael Rauch – Kinderund Jugendanwalt für Vorarlberg 6800 Feldkirch, Schießstätte 12 T: 05522/84900 E: kija@vorarlberg.at, www.kija.at Anonyme und kostenlose Beratung!

Beratung und Begleitung: Institut für Sozialdienste (www.ifs.at): 6700 Bludenz, Innovationszentrum Bludenz, Klarenbrunnstraße 12 T: 05552/62303 E: ifs.bludenz@ifs.at 6900 Bregenz, St.-Anna-Straße 2 T: 05574/42890 E: ifs.bregenz@ifs.at

6850 Dornbirn, Kirchsgasse 4b T: 05572/21331-0 E: ifs.dornbirn@ifs.at 6863 Egg, Impulszentrum, Gerbe 1135 T: 05512/2079 E: ifs.bregenzerwald@ifs.at 6800 Feldkirch, Schießstätte 14 (Ganahl Areal) T: 05522/75902 E: ifs.feldkirch@ifs.at 6845 Hohenems, F. M. Felder Straße 6 T: 05576/73302 E: ifs.hohenems@ifs.at Beratungsgespräche sind anonym und kostenlos! IfS - Jugendberatungsstelle Mühletor/Streetwork in: 6800 Feldkirch, Schillerstraße 18 T: 05522/76729 E: ifs.muehletor@ifs.at 6700 Bludenz, Bahnhofstraße 19 T: 05552/30723

6900 Bregenz, Weiherstraße 10b T: 05574/45478 Jugendtelefon 6850 Dornbirn, Postfach 15 T: 142 E: office@ts-vorarlberg.at Onlineberatung unter www.142online.at Rund um die Uhr erreichbar. Verschwiegenheit garantiert. Abt. Jugendwohlfahrt in den Bezirkshauptmannschaften: 6700 Bludenz, Schloss-Gayenhofplatz 2 T: 05552/6136 6900 Bregenz, Seestraße 1 05574/4951 6850 Dornbirn, Klaudiastraße 2 T: 05572/308 6800 Feldkirch, Schlossgraben 1 T: 05522/3591


Aus der Jugendarbeit Einladung zur Buchpräsentation

„DAS IST OFFENE JUGENDARBEIT“

Die Offene Jugendarbeit in Vorarlberg bietet – auch international betrachtet – eine Vielzahl an eindrucksvollen „Good-Practice-Beispielen“ für ein qualitativ hochwertiges Arbeiten mit jungen Menschen im Freizeitkontext. In einem komplexen und wissenschaftlich begleiteten Prozess haben sich Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter den Fragen nach Standortbe-

stimmung, Selbstverständnis, Positionierung und der Anwendung und Wirkung von unterschiedlichen Methoden und Angeboten sowie deren Entwicklungspotentialen gestellt.

– jetzt und in Zukunft“ mit einem anschließenden „DankeFest“ findet statt:

Das Ergebnis ist in einem bunten und abwechslungsreichen Fachbuch zusammengefasst. Es beschreibt Standards, Methoden, Angebote, Projekte und die vielfältigen Zugänge zum Handlungsfeld Offene Jugendarbeit und zeigt die Synthese von Kreativität, Fachlichkeit und Vernetzung in beeindruckender Weise auf.

Wann: Freitag, 12.12.2008 Uhrzeit: 17 Uhr Wo: Theater Kosmos in Bregenz

Die Buchpräsentation des Fachbuches „DAS IST OFFENE JUGENDARBEIT. Offene Jugendarbeit in Vorarlberg hat Qualität

Anmeldungen bitte unter T: 05574/45 838 oder E: office@koje.at

Neues Projekt „Jugend & Politik“ Durch das neue Wahlrecht sind junge Menschen früher denn je aufgerufen, sich politisch zu interessieren, zu informieren und sich aktiv eine Meinung zu bilden. Aus diesem Grund hat das Jugendinformationszentrum Vorarlberg gemeinsam mit Jugendlichen und Einrichtun-

gen aus der Jugendarbeit ein neues Angebot im außerschulischen Bereich geschaffen. Ziel ist es, die Distanz zur Politik abzubauen und Jugendliche zur aktiven Meinungsbildung und Beteiligung zu motivieren. Ab Dezember 2008 startet eine Reihe von Workshops und Events zur Informations- und Medienkompetenz. Im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe werden Wege aufgezeigt, wie junge Menschen selbst an Informationen kommen, wie sie damit kritisch umgehen können, was es braucht, um sich selbst ein Urteil und eine Meinung zu bilden und letztlich eine Entscheidung zu treffen.

Der aktuellen DiskursAusgabe liegt ein Flyer mit dem Gesamtangebot des Projektes „Jugend & Politik“ bei! Informationen und Anfragen: www.aha.or.at oder E: aha@aha.or.at


Jugendservice Bregenz

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Grafische Gestaltung: Team a5 Auflage: 2.500 Erscheinungsweise: Monatszeitung, 4 x / Jahr Herausgeber: Amt der Landeshauptstadt Bregenz, Jugendservice

jez-abr Das jez-abr ist ein bewusst sehr schlank gehaltener Infofolder für die Jugendlichen in Bregenz. Viermal im Jahr erhalten die 13- bis 18-jährigen Jugendlichen dieses Infoposter mit aktuellen Informationen über lokale Projekte, Initiativen und wissenswerte Neuigkeiten für Jugendliche gratis zugeschickt.

Konzept

Kontakt Jugendservice Bregenz Mag. Günther Willi Belruptstraße 1 6900 Bregenz T: 05574/410-1660 www.jugendservice.bregenz.at

Das jez-abr ist kein Magazin, sondern ein einfacher Infofolder. Es wird davon ausgegangen, dass Jugendliche nicht viel Zeit aufwenden, um umfangreiche Texte zu lesen, vor allem, wenn sie nicht selbst nach diesen Informationen gesucht haben. Ziel ist es daher, möglichst kurz und prägnant den Jugendlichen die Informationen über neue Projekte und Initiativen mit klarem Bregenz-Bezug zukommen zu lassen. Jede Ausgabe hat ein Hauptthema, zu dem fünf Jugendliche ein kurzes Statement abgeben. Wenn es das Thema nahe legt, kommen auch der Bürgermeister und

der Jugendstadtrat mit einer persönlichen Stellungnahme zu Wort.

Gestaltung Gestaltet ist das jez-abr als zweifarbiges A3-Poster, das zweimal gefaltet ist. Durch dieses Sonderformat mit „speziellem Entfaltungseffekt“ hebt es sich von anderen Zusendungen ab und soll beim jugendlichen Zielpublikum Interesse wecken. Auf der Vorderseite ist jeweils eine Großaufnahme von ein bis drei Bregenzer Jugendlichen an einem markanten und nach Möglichkeit zum Hauptthema der Ausgabe passenden Bregenzer Ort. Auch die Bilder auf den anderen Seiten sind keine gekauften Profifotos, sondern es werden Fotos von und mit Bregenzer Jugendlichen abgebildet. Die Rückseite bildet ein Terminkalender. Die

mittleren Seiten entfalten ein Hauptthema und Ankündigungen spezifischer Bregenzer Projekte und Veranstaltungen für Jugendliche.

... und die Mitarbeit von Jugendlichen? Aufgrund des sehr eingeschränkten Platzes fällt auch die Mitarbeit von Jugendlichen nicht sehr üppig aus. Die Inhalte werden von den Mitarbeitern des Jugendservice festgelegt; sie erstellen auch die meisten Texte. Jugendliche kommen in den Interviews zu Wort; sie prägen das Bild des jez-abr und der eine oder andere Text stammt auch aus jugendlicher Feder. Eine grundsätzlichere Einbeziehung von Jugendlichen würde mehr Platz für die redaktionelle Arbeit und eine Änderung des Konzeptes voraussetzen.


Ausgabe 08 November 2008

DVR 0662321

Österreichische Post AG Info.Mail Entgelt bezahlt

Im nächsten Diskurs...

machwerk

Sollten Sie keine Zusendung des Jugend-Fachmagazins Diskurs wünschen, melden Sie sich bitte unter abo@jugend-diskurs.at oder im aha unter 05572/52212.

...lesen Sie Meinungen und Ansichten zum Thema „Vielfalt und Jugendarbeit – Fokus: Integration, Migration, AusländerIn-Sein“.

Auf den Punkt gebracht.


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