Lieber Thomas

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LIEBER THOMAS

Drehbuch 9. Fassung vom 20. 03. 2022 Von Thomas Wendrich

Regie: Andreas Kleinert

Drehbuch gefördert durch die BKM Drehbuchförderung Mit Quellen der Zitate von Thomas Brasch

Autor vertreten durch: Andreas Leusink henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin GmbH Alte Jakobstr. 85/86, 10179 Berlin


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WEITE LANDSCHAFT. TATRA-LIMOUSINE. 1956. - I/A/T

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Vortitelsequenz: Thomas schreibt ein Stück, mit schwarzem Filzer. Man sieht jeden Buchstaben nah. Thomas schreibt weiter und man merkt, dass das Papier, auf das er schreibt, kein Papier ist, sondern Haut. Er schreibt auf einem Rücken und arbeitet sich schreibend langsam zu den Beinen, den Armen, dem Bauch und der Brust. Dann legt er seinen Kopf in das Hüfttal und schmiegt sich an. Lange Großaufnahme eines Jungen hinter einem elegant geschwungenen Autofenster. Bäume und Wolken spiegeln sich auf der Scheibe. Der elfjährige THOMAS sitzt auf dem Rücksitz der schwarzen Tatra-Limousine und schaut neugierig aus dem Fenster. Ein entspanntes, unschuldiges, kluges Gesicht blickt in den Himmel und in die rauschenden Blätter der vorbeirasenden Bäume. THOMAS (V.O.) Was ich habe, will ich nicht verlieren. Aber/ wo ich bin, will ich nicht bleiben. Aber/ die ich liebe, will ich nicht verlassen. Aber/ die ich kenne, will ich nicht mehr sehen. Aber/ wo ich lebe, da will ich nicht sterben. Aber/ wo ich sterbe, da will ich nicht hin./ Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin. Plötzlich wird Thomas aus seiner Beobachtung herausgebracht. Er schaut Richtung Fahrer, lacht kurz und erschrickt im nächsten Moment. Denn sein VATER nimmt am Steuer relativ lang die Hände vom Lenkrad und beginnt begeistert zu singen, hat offensichtlich ein Lied angestimmt. Der Vater schaut gutgelaunt zu Thomas, lacht und singt. Jetzt sehen wir beide singen, ohne dass wir Feldern vorbei, durch steuert der Vater die

im Auto ausgelassen in Ferienstimmung sie hinter den Scheiben hören können. An die idyllische, spätsommerliche Landschaft gewaltige Tatra-Limousine.

VATER BRASCH & THOMAS Jetzt fahrn wir über’n See, über’n See. Jetzt fahrn wir über’n. Jetzt fahrn wir über’n See, über’n See. Jetzt fahrn wir über’n See... 2

KADETTENANSTALT. 1956. - A/T

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Die Limousine rauscht durch ein opulentes Tor und in der Ferne erscheint ein riesiges graues Bauwerk, etwas zwischen Schlossfestung und Kaserne, wie von Kafka erdacht. Der Tatra hält vor dem imposanten Eingang der Festung, die von einem bedrohlich großen Leninmonument gekrönt ist. Der Vater öffnet Thomas die Wagentür, albert herum als wäre Thomas ein hoher Minister. Der Sohn spielt mit. Dann umarmt der Vater seinen Sohn und wirft ihn hoch in die Luft. Da bleibt das Bild stehen.


2.

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KADETTENANSTALT. SCHLAFSAAL. 1956. - I/T

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Ein großer Saal mit langen Bänken und vielen schmalen Spinten an den Wänden. Wenig Licht fällt in den Raum. Der kleine Thomas ist nahezu allein in dem Saal und hat nur einen Aufpasser bei sich. UNTEROFFIZIER (befiehlt) Anziehen! Eine Uniform, samt Unterwäsche werden ihm vom Unteroffizier vor die Füße geschmissen. Fertig. Thomas zieht sich zögerlich aus. Der Unteroffizier steckt seine Privatkleidung in einen Sack. So steht das Kind dann spack und nackt in diesem ungemütlichen Saal. Seine weiße Haut glänzt in dem dunklen Raum.

LAUTSPRECHER Alle Kadetten des ersten Jahrgangs finden sich umgehend auf dem Exerzierplatz ein. Ich wiederhole: Alle Kadetten des ersten Jahrgangs finden sich umgehend... Thomas läuft selbstbewusst einen langen, kargen Gang entlang, nun in einer Armee-Uniform, in die hineinzuwachsen er sicher noch zwei Jahre brauchen wird. Sein stolzes, klares Gesicht mit sehr schräg sitzender Uniformmütze! Black. Titel (in Leinwandgröße): LIEBER THOMAS Man hört eine Grille zirpen. 4

KADETTENANSTALT. SOMMERWIESE 1956. - A/T

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Ein heißer Sommertag. Der zwölfjährige Thomas liegt allein in einer Blumenwiese in seiner militärischen Vollmontur. In der Ferne an einer Kasernenmauer eine Gruppe junger Kadetten, unter Anleitung eines Vorgesetzten, die Sportübungen machen. Thomas sieht durch die Finger seiner Hand in die Sonne. Lichtspiele. Windsingen. Insektenwirbel. Großaufnahme: Thomas lächelt entspannt. Er schließt die Augen. Thomas ‘sieht’ seine MUTTER vor dem Haus der Familie in Cottbus. Sie verabschiedet den im schwarzen Tatra kauernden Sohn, gibt ihm einen glänzenden Apfel mit auf den Weg. Thomas zieht ihre Hand durchs Autofenster zu sich. Er lächelt die Mutter an. Sie gibt ihm einen langen Kuss und schiebt ihn liebevoll auf den Rücksitz zurück, um ihm dann zu winken. Sie läuft dem Auto noch etwas hinterher, um ihren Sohn noch länger zu sehen. Dann bleibt sie stehen und lächelt sanft. 5

KADETTENANSTALT. SCHLAFSAAL. 1956. - I/N Schreibend liegt Thomas im Schlafsaal unter der Bettdecke. In seinem Tagebuch, einem unlinierten Heft, erkennt man eine kindliche Zeichnung und ein Gedicht. Die Bettdecke wird plötzlich weggerissen. Wütend stehen drei Kadetten vor ihm. HANS, RICO und OLAF. Die Situation wird bedrohlich.

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3.

HANS Das machst du mit Absicht! THOMAS (springt auf) Was? HANS (sehr schnell) WAS? Wasser is: nass! Wasser is: trocken! Schwein hat Locken! Olaf lacht. Rico grunzt wie ein Schwein. HANS Du machst gar ni richtig mit! THOMAS Wobei? HANS Bei allem! Gelände, Wasser, Eskaladier! Egal wo! THOMAS Stimmt nich! HANS Und was war beim 20 Kilometer VollmonturWeiter kommt er nicht. Thomas boxt ihm auf die Nase. HANS (mit Schmerzen) Hast du ne Meise? THOMAS Nee! (lächelt) Ich geb’ immer alles! Die drei stürzen sich auf ihn. Doch Thomas ist stark, setzt sich zur Wehr, boxt in der Haltung eines Champions. Ein Pfiff ertönt. Der OFFIZIER vom Dienst ist da. OFFIZIER Is’n das hier für ne Homo-Scheiße?! Die Jungs gehen in Hab-Acht. Olaf steht auch stramm und blutet. Der Offizier nähert sich bedrohlich. OFFIZIER (befiehlt Olaf) Hör auf zu bluten! Hans meldet eifrig. HANS Brasch macht absichtlich nich mit und versaut uns alles! Deshalb sind mir nur Zweiter geworden. OFFIZIER (zu Thomas) Stimmt das?


4.

Thomas schaut den Offizier an. THOMAS Ja! OFFIZIER (zu Hans) Hau ihm aufs Maul. Ein Ruck geht durch die Jungs. Der Offizier tritt zurück. Thomas wendet sein Gesicht demonstrativ Hans zu. Soll er doch zuhauen! Hans ist unsicher, ob er zuschlagen soll. Thomas schließt die Augen und bleibt so stehen. Hans traut sich nicht zuzuschlagen. Thomas hat gewonnen. Ein Pfiff. Die Kadetten huschen ins Bett. OFFIZIER Ein Mucks noch und’s gibt Backe! Der große Saal voller Kinder wird langsam ruhig. Der Offizier löscht das letzte Licht. Black. 6

COTTBUS. HAUS FAMILIE BRASCH. 1956. - I/T

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Unter der Decke: Thomas erwacht vom Lachen seiner Mutter. Es dämmert. Er blinzelt drunter hervor. Er freut sich, als er merkt, dass er sich zu Hause in seinem Kinderzimmer befindet. Alles ist still. Thomas steht auf, lugt in die Küche. Niemand. THOMAS Mama? Langsam geht er den Flur entlang. Niemand da. Auch das Schlafzimmer der Eltern ist leer. THOMAS Papa? Keiner antwortet. Thomas freut sich, denn es gibt niemanden mehr, der ihm Vorschriften macht. Er stellt das Radio an. Laute Musik. Thomas lacht und trinkt eine ganze Flasche Milch am Kühlschrank. Thomas öffnet die Tür zum Hausflur und verlässt das Haus. Es ist absolut niemand zu sehen in der Straße vor dem Haus. Thomas läuft über einen menschenleeren Ruinenplatz, vorbei an einer furchterregend quietschenden Schaukel, die sich geisterhaft im Wind bewegt. Thomas läuft die menschenleere Straße entlang. Er nascht in einer verlassenen Konditorei mit dem Finger von mehreren Sahnetorten, stopft Süssigkeiten aus einer der Bonbonieren in den Mund. Thomas entdeckt am Rande eines großen Hofes den Tatra seiner Eltern und klettert auf den Fahrersitz. Er fährt selbstbewusst los. Wie von Ferne hört man Thomas Mutter lesen.


5.

MUTTER BRASCH (V.O.) (liest, leise, traumhaft) “...Er setzt sich in ein Auto und fährt herum, um irgendwo einen Menschen zu finden...” Der mächtige Wagen erreicht ein silbernes Passagierflugzeug. Thomas betritt sehr selbstverständlich die Gangway. Am Himmel sieht man das silberschimmernde Flugzeug. Thomas schaut aus dem runden Fenster in die Tiefe. MUTTER BRASCH (V.O.) “...Das Flugzeug prallt gegen den Mond, der arme Palle fällt heraus und fällt und fällt... Ach Palle, was ist denn los? Warum schreist du so?” Thomas erwacht schweißgebadet. Seine Mutter liest mit feinem Wiener Akzent seinem Bruder KLAUS (6), der im Nachbarbett gebannt zuhört, “Palle allein auf der Welt” vor. MUTTER BRASCH ... (mit verstellter Kinderstimme) “Oh Mama, ich habe geträumt, ich war ganz allein auf der Welt, und ich konnte alles tun, was ich wollte. Inzwischen ist leise der Vater ins Kinderzimmer gekommen, hat zugehört. Als die Mutter weiterliest, vollendet er ihre letzten Sätze. VATER BRASCH ...Aber dann mochte ich nicht mehr ganz alleine sein...” THOMAS Papa! Ich will nicht zurück in die Kaserne! VATER BRASCH Man kann nicht immer machen, was man will und deswegen... THOMAS Ich möchte Schriftsteller werden. VATER BRASCH Um ein Dichter zu sein, braucht es mehr als ein paar hingekritzelte Bleistiftzeilen. Die Mutter steht inzwischen neben ihrem Mann in der halboffenen Tür und schaut lächelnd zum schwitzenden Thomas. Sie nickt kurz zu den Worten ihres Mannes. VATER BRASCH Auch ein Dichter muss eine Ausbildung machen, Erfahrungen sammeln, ...da ist die Armee ein guter Ort, um... THOMAS Nein, nein, nein.


6.

VATER BRASCH (sanft) Ich versteh dich doch! Und jetzt schlaf! Er löscht das Licht... Black. 7

KADETTENANSTALT. SCHLAFSAAL. 1957. - I/N

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Thomas schläft unruhig im Schlafsaal, weil er ein Wimmern hört. Er lüpft die Bettdecke. Ein Pulk Kadetten steht um das Bett von Hans und pissen ihm ins Gesicht. Thomas setzt sich auf. Hans wendet seinen Kopf zu Thomas. Die hilflosen Augen starren ihn an und er sieht das nasse Gesicht des Jungen, in dem Urin, Sperma und Tränen nicht zu unterscheiden sind. 8

KADETTENANSTALT. WASCHRAUM. 1957. - I/N

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Thomas kommt suchend eine Treppe herunter in den grüngekachelten Waschraum. Unheimlich still ist es und nur das bekannte Wimmmern ist zu hören. Auf dem Boden des Waschraums sieht Thomas ein dünnes Rinnsaal Blut in einen Abfluss fliessen. In einer Ecke vor den Duschen findet er am Boden sitzend den blutüberströmten Hans, der Scherben einer zerborstenen Neonröhre isst, um sich das Leben zu nehmen. Thomas rennt los, rennt mit dem Kopf und voller Wucht auf den roten Kasten mit dem Alarmknopf. Das leise Knacken seiner brechenden Nase ist zu hören. Dann ist es ganz still, bevor die Sirene zu heulen beginnt. Aus der Wunde über seiner Nase rinnt Blut. 9

KADETTENANSTALT. ABSTELLRAUM. 1957. - I/DÄMMERUNG

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Thomas kippt sich in einem vermüllten Abstellraum Benzin über seine Hosenbeine und zündet sie mit einem Streichholz an. Er rennt wie eine lebende Fackel mit brennender Hose über den weiten Kasernenhof im Rücken der Leninstatue. Black. Kapitel 1: Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber 10

OSTBERLIN. AN DER MAUER. 1967. - A/T

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Thomas und Regine laufen ausgelassen durch die Stadt. Wir hören das Lied von Team 4 “Lied von den Träumen” Thomas trällert diesen Schlager mit. Sie stimmt mit ein. Noch hören wir die Beiden nicht singen, wir sehen sie nur und hören den Schlager. Dann sind wir auch tonlich bei ihnen. THOMAS (V.O.) Und wenn wir nicht am Leben sind, dann sterben wir noch heute. Die Liebe stirbt, du lebst, mein Kind. Die Mädchen werden Bräute. Ach, wenn ihr mich gestorben habt, lebt ihr mich weiter heute. Gemeinsam wird ein Land begraben und einsam sind die Leute.


7.

Thomas fingert singend eine Zigarette aus der Schachtel, bietet der Freundin eine an, die aber ablehnt. Thomas bleibt stehen, will sie aufhalten. THOMAS Gestern hast du schon nichts getrunken! Wat denn los? Fühlst du dich nicht? REGINE (lächelt) Mir geht’s prima. Regine legt eine Hand auf ihren Bauch und schaut Thomas verschmitzt in die Augen. REGINE Wie findest du den Namen... Jules? Thomas hat Tränen in den Augen. Wird sentimental. REGINE Oder Jim? THOMAS Schön. Wirklich schön. Wir sehen, dass die Strasse von der Berliner Mauer getrennt ist. 11

OSTBERLIN. DOKUMENTAR-SPIELFILMMONTAGE.

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Porträts junger Mädchen und Frauen wechseln sich ab. Thomas sieht sie in der Schule, beim Einkaufen, im Hausflur, als FDJlerin, als Kindergärtnerin, als Lehrerin, als Dozentin - ein ‘bunter Blumenstrauß’ der 60er Jahre. Thomas sieht sie auch im Film: Die schönen Frauen der DEFA, des osteuropäischen Kinos, der Nouvelle Vague. Dann auch die blonde Tippi Hedren schreiend, in Hitchcocks “Die Vögel”. Auf seinem Gesicht flimmert es nur so. Er schaut begeistert. Thomas sitzt glücklich vor einer strahlenden Leinwand. Regine hat den Kopf an seiner Schulter. Thomas küsst sie und lächelt dann die junge Nachbarin einen Sitz weiter an. Sie scheint JEAN Seberg aus dem Film “Außer Atem” zu sein! Mit atemberaubendem Profil und Kurzhaarfrisur. 12

FILMHOCHSCHULE BABELSBERG. VORFÜHRUNG. 1967. - I/T

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Thomas kommt mit den Kommilitonen aus der Vorführung eines Hitchcock-Films. Während er in sein Heft schreibt, wartet seine Freundin auf ihn. Die anderen Kommilitonen tuscheln über den Film, bis die hübsche, junge DOZENTIN zu den Studenten tritt. DOZENTIN Und wie fandet Ihr den Film?


8.

THOMAS (nebenbei) Welchen? ‘Spur der Steine’? DOZENTIN Nein, ...gerade eben.., ‘Die Vögel’! THOMAS Nun, der Umstand, dass die Kunstgattung Film als Kind kapitalistischer Produktionsverhältnisse geboren wurde, bleibt halt nicht ohne Folgen! DOZENTIN Lieber Thomas, ich bin hier die Dozentin undTHOMAS (freundlich) Wir haben aber nicht den Eindruck, dass wir von Ihnen etwas lernen können! Unsagbare Stille. Der jungen Dozentin schießen die Tränen in die Augen. Aber sie beherrscht sich und geht resolut. Die Studentin, die wie Jean Seberg aussieht, ruft ihr mutig nach. JEAN Abhauen ist auch keine Lösung! Thomas stürmt mit revolutionärem Elan los, seine Truppe folgt ihm. THOMAS Ich plädiere dafür, dass wir die Inhalte des Studiums selbst festlegen! Thomas sieht wie die schönen Augen von Jean, ihn anhimmeln. THOMAS Wir werden Brecht des Marxismus und Marx seiner richtigen Erkenntnisse wegen bezichtigen! JEAN Geht das? THOMAS Das geht! Wir müssen es nur genügend wollen! 13

FILMHOCHSCHULE BABELSBERG. TREPPENHAUS. 1967. - I/T

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Im Treppenhaus der Filmhochschule verändern Jean und Thomas den jämmerlich geschmückten Weihnachtsbaum der Filmhochschule mit Bildnissen von Bob Dylan, Jim Morrison, Sartre, Ho Chi Minh, Rosa Luxemburg. Statt Lametta gibt es eine Schriftbanderole mit dem berühmten Zitat von Rosa : “Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden”. Die Dozentin kommt erbost die Treppe hoch. DOZENTIN Brasch! Es reicht. Thomas wendet sich der Dozentin zu.


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THOMAS Ich möchte in die Regieklasse! DOZENTIN Bitte? THOMAS Ich würde gern von der Filmdramaturgie in die Regie wechseln! DOZENTIN Du wechselst, wenn überhaupt, in die Produktion! In die Produktion für Braunkohle! Thomas nickt still. Er schaut bekümmert. THOMAS Vielleicht ist es ihnen entgangen. Ab jetzt bestimmen wir die Inhalte unseres Studiums selbst. Auch die Filmstudenten in Warschau... DOZENTIN Der Baum wird sofort abgeschmückt. Brasch, letzte Verwarnung! Verstanden?!? VATER BRASCH (V.O.) (drohend) Es gibt Regeln! 14

STRAUSBERGER PLATZ. WOHNUNG FAMILIE BRASCH. 1967. - I/N

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Festliche Silvesterstimmung bei der Familie Brasch. Thomas Vater steht auf der Leiter und versucht eine Girlande anzubringen. Er ist nicht der große Handwerker. Er hämmert auf einen Nagel, aber der Hammerkopf sitzt lose. Auch unterbricht er die Arbeit immer wieder, um Thomas seine Sicht zu erklären. Dabei versucht er hart zu sein, um sich Respekt zu verschaffen. VATER BRASCH ...Übertreib es ja nicht! Stille. Nur das Glucksen der Schnapsflasche ist aus der Küche zu hören, wo Thomas’ Mutter eine Bowle für den Abend zubereitet. Den letzten Schluck schluckt sie selbst vor Kummer. Hier helfen auch Thomas’ Geschwister PETER und MARION beim Obstschneiden und lauschen dem Streit. Klaus hockt vor dem Kühlschrank und nascht mit Weintrauben aufgespießte Käsehappen. THOMAS Übertreibung ist der Treibstoff der Phantasie! VATER BRASCH Phantasie? Hast du ne Ahnung, was es heißt: PARTEIVERFAHREN??? Kannst du dir in etwa vorstellen, was das für mich bedeutet?! Für uns?


10.

THOMAS Ich hab aber niemanden ‘verunglimpft’. Klaus linst in die Stube. Die Mutter ruft aus der Küche. MUTTER BRASCH (ruft) Rüge vom Kulturminister persönlich! THOMAS Dann rufst du eben bei Honecker an. Er ist doch dein Freund. VATER BRASCH (laut) Sagst du mir, was ich machen soll? THOMAS Wenn du möchtest? Ich hätte einiges.. VATER BRASCH Undankbar und kindisch bist du! Der Rauswurf vom Journalistikstudium reicht dir ja nicht! Neeeiiiin! Jetzt auch noch... THOMAS Ich werde vom Schreiben bald leben können... VATER BRASCH (lacht) Und mit deiner Kunst ernährst du dann auch deinen Sohn, oder was...? Dieser Defätismus schadet nicht nur dem Sozialismus sondern auch unsrer Familie. Denn die Familie ist das kleinste Glied unserer Gesellschaft! MUTTER BRASCH (ruft) Und die Frau das kleinste der Familie! VATER BRASCH (ruft auch) Du weißt, dass wir die Verhältnisse gerade in diesem Punkt zu ändern suchen! THOMAS Die Welt ändert sich aber nicht, wenn man sich zufrieden gibt! Der Vater schüttelt den Kopf. Dann zeigt er auf den Tisch. VATER BRASCH Gib mir mal einen Nagel! THOMAS Ach! Dafür bin ich gut genug? VATER BRASCH Reich mir doch einfach den Nagel. THOMAS Überzeuge mich!


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Der Vater starrt ihn an. Dann steigt er von der Leiter. Als er unten ist, nimmt Thomas die Nägel und entfernt sich von ihm. VATER BRASCH Wenn du so weiter machst, landest du im Gefängnis! MUTTER BRASCH (ruft) Auch, wenn er nicht so weitermacht! VATER BRASCH Tommy, du bist doch klug! Auch wenn noch nicht alles fertig ist: Wir sind frei! THOMAS (verächtlich) FREIHEIT! Das nennst du Freiheit? VATER BRASCH Ja! Frei! Du weißt ja nicht, was KRIEG bedeutet! THOMAS Mir reicht der Frieden hier! Der Vater ist fassungslos über seinen Sohn. Mal wieder. VATER BRASCH (gereizt) Du machst mich KRANK! Thomas nickt. Der Vater holt nur zum Schein mit dem Hammer aus. Leider sitzt der Hammerkopf nur lose, dass er mit dem Schwung durchs geschlossene Fenster rauscht. Es scherbelt. Stille. VATER BRASCH Das warst du! THOMAS Ich werde Sie ab heute wieder siezen,... Vater. VATER BRASCH Um so besser... THOMAS Und ich ziehe hier aus!!!! VATER BRASCH Mach doch! MUTTER BRASCH Sag mal, spinnt ihr? Die Mutter ist im Wohnzimmer erschienen und starrt auf das kaputte Fenster. In ihren Händen hält sie den Bowletopf. THOMAS Bissl frische Luft tut allen gut! Thomas tunkt einen Finger in die Bowle und kostet. MUTTER BRASCH Zu süß?


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Thomas nickt. Er lässt die Hand voll Nägel in die Bowle fallen. THOMAS So müsste es gehen! Am Grund des gläsernen Bowletopfes kuscheln sich Birnen- und Apfelstücken mit den Nägeln eng aneinander. Black. 15

FRIEDRICHSHAIN. HINTERHOF. WOHNUNG THOMAS. 1968. - I/A/T

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Thomas geht in einen grauen Hinterhof, schaut an den Fenstern hoch. Der Verfall hat viele Wohnungen unbewohnbar gemacht. Thomas tritt mit seinen Habseligkeiten (Schreibmaschine, Bücher, Motorradhelm, kleiner Koffer etc.) unterm Arm in den Hausflur. Gleich die erste Tür rechts steht offen. Er geht hinein. Dann schließt er die Wohnungstür. Von innen steckt ein Schlüssel. Er dreht ihn im Schloss. THOMAS (V.O.) Ich oder wir oder du, denken ohne Gedanken. Schließ deine Augen zu. Siehst du die Städte schwanken? Die kleine, unverputzte Wohnung ist völlig runtergekommen. Die Wände feucht, die Fenster einfach. Aber das flache Licht vom Innenhof verwandelt die Beinah-Ruine in Thomas Augen in ein perfektes Boheme-Idyll. Er hat seine erste Wohnung. Zeitsprung: Irgendwo tropft Wasser. Ein Hund bellt im Hof. Die schwarze Rückensilhouette eines schreibenden Mannes an seinem Schreibtisch in dem fast leeren, unverputzten Zimmer - schön wie aus einem Tarkowskifilm. Zeitsprung: Nacht. Musik. Die neue Wohnung ist vollgestopft mit jungen Menschen. Lange Haare, bleiche Wangen, rote Münder. Der Plattenteller dreht sich. Ein John-Lennon-Typ macht den Diskjockey, während ein dicklicher Literat in ein Mikrophon murmelt. Man kann nichts verstehen. Viele Gesichter der Filmhochschulstudenten erkennt man wieder. Thomas hat Alkohol organisiert und betritt mit Klaus den Flur. THOMAS Wie findest du meine neue Bude, Brüderchen? KLAUS Unklar! Seine Freundin empfängt ihn. Er küsst sie besitzergereifend. REGINE Wo warst du? THOMAS Jetzt bin ich hier!


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Thomas zieht Klaus zu einer Tür und öffnet diese. In der Kammer, zwischen Besen und Eimern, vor dem Lärm geschützt, steht ein gebrauchter Kinderwagen. Ganz stolz zeigt Thomas das schlafende Baby, spielt mit seinem großen Finger an dessen Haaren. KLAUS Lass ihn doch schlafen. THOMAS Hallo Spezi! Dein Onkel Klaus ist hier. KLAUS Jetzt hast du ihn wachgemacht! THOMAS Sieht er mir nicht wahnsinnig ähnlich? KLAUS Nee, find ick nicht. Thomas macht die Tür hinter Klaus zu, greift sich eine Flasche Vodka, trinkt einen Hieb und streckt sie Klaus entgegen. THOMAS Auf dass er hundert Jahre alt wird! Jean kommt angerauscht. Er küsst sie leidenschaftlich und presst sie an sich. Sie beginnen zu tanzen. Klaus schaut verunsichert zu Regine, die lächelnd an ihm vorbei tanzt. Mit einem Augenzwinkern zu Klaus und mit dem Baby auf dem Arm verläßt sie die Party. Thomas tanzt sehr schön, löst sich von Jean, fängt Blicke von anderen, jungen Frauen auf. Er ist der Star. Thomas sieht nun seine Dozentin an der Badtür. Sie steht frisch gekämmt unter den Gästen und schaut fasziniert verschämt zu ihm. Thomas bietet ihr Vodka an. Sie trinkt das ganze Glas. THOMAS Ach, was machen Sie denn hier? DOZENTIN Fred hat mich mitgenommen. THOMAS Ach der Fred hat sie mitgenommen. Kann ich jetzt zur Regie wechseln oder nicht? DOZENTIN (traurig) Wenn Du so weiter machst, wirst du exmatrikuliert. THOMAS Das heißt ejakuliert. Ausgeworfen! DOZENTIN Ich hab dich angezeigt.


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Thomas lächelt sie an. Es schein ihn nicht zu stören. THOMAS Das unterscheidet uns. DOZENTIN Du bist entsetzlich! THOMAS Du bist ersetzlich. Er küsst sie. Sie geht mit eindeutigem Blick ins Bad. Das sieht auch Klaus. Thomas zeigt einladend auf die Badtür. KLAUS Nein danke! Frauen sind mir egal! THOMAS Das würd’ ich mir aber noch mal überlegen, Brüderchen! Eine Frau beginnt zu singen. Deutsch mit rumänischem Akzent. Thomas sieht noch nicht wo. Er hört sie nur und arbeitet sich, dicht gefolgt von Klaus, durch die Gäste dem Gesang entgegen. Die Frau auf dem Tisch ist SANDA, eine wunderschöne junge rumänische Sängerin. KLAUS Sie sagt, sie hat das Singen von den Zigeunern gelernt. In Bukarest. Thomas legt den Finger auf den Mund. Sanda singt zaghaft und betörend schön. Ihre Blicke treffen sich. Sie flirten direkt. 16

FRIEDRICHSHAIN. WOHNUNG THOMAS. 1968. - I/DÄMMERUNG

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Die Welt steht Kopf. Thomas und Sanda liegen nackt mit dem Rücken auf dem Tisch und schauen aus dem Fenster in den Himmel. Eine leere Partywohnung. Alle weg. Die beiden Körper glühen noch. Die Gardine berührt sie hin und wieder, sacht vom Wind bewegt. Ton: Thomas Hände krachen auf einen Büro-Tresen. THOMAS (OFF) Antrag abgelehnt? 17

BÜRO FÜR AUSREISEGENEHMIGUNGEN. 1968. - I/T

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Der BEAMTE hinter dem Tresen schaut ihn erstaunt an. Er nickt. THOMAS (ganz ruhig) Und warum? Wir wollen Urlaub am Schwarzen Meer machen! BEAMTER Die DDR ist doch schön!


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THOMAS Warst du schon mal in Rumänien gewesen? BEAMTER (verdutzt) Nö! THOMAS Na da musst du doch die Schmittn kennen! Die war auch noch nie in Rumänien gewesen. Der Beamte versteht den Witz nicht. BEAMTER Welche Schmittn denn? SANDA Komm, das is sinnlos! BEAMTER Im Thüringer Wald ist die LuftTHOMAS Ich will aber nich in’ Thüringer Wald, sondern zum Geburtsort meiner Freundin. RUMÄNIEN, ist ein sozialistisches Land, daDer Beamte holte laut Luft und schnurrt sein Latein herunter. BEAMTER Die Gesetzgebung der DDR über die Erteilung von Reisevisa besagt, dass diese Erteilung erfolgen kann! Aber nicht muss!... Thomas wendet sich zu Sanda. Die hatte das schon geahnt. BEAMTER ...Wenn man ein Visum kriegt, dann ist das eine Ausnahme! Normal ist, wenn man keins kriegt! Wenn man eins kriegt, dann ist das besonders!... Sanda kommt zu ihm, schmiegt sich an. Sie wenden sich zum Gehen. BEAMTER ...Sie haben also nur nichts Besonderes bekommen, klar!? Thomas zuckt die Schultern. Sanda nimmt’s gelassen. Sie gehen! BEAMTER Und weil’s eine Kannbestimmung ist, kanns Ihnen auch der 1. Vorsitzende nicht besser erklären! Thomas bleibt stehen und wendet sich langsam wieder ins Büro. THOMAS Sie haben eben gesagt: Besser kann es auch der 1. Vorsitzende nicht erklären? Der Beamte schaut ihn an. Er nickt.


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THOMAS Wollen Sie damit sagen, dass unser 1. Vorsitzender genauso dumm ist... wie Sie? BEAMTER (kleinlauter) Aber überhaupt nicht. THOMAS Also noch dümmer? BEAMTER Nein! Ich will Ihnen nur deutlich machen, dass eine Ablehnung eine Ablehnung ist, so wie eine Genehmigung eine Genehmigung wäre! THOMAS (böse) Können Sie schreiben? (Der Mann schluckt) Dann schreiben Sie dem 1. Vorsitzenden einen schönen Gruß von Thomas Brasch. Der Beamte bekommt den Mund nicht zu. Nickt aber. Thomas steht schon in der offnen Tür. THOMAS Schreiben Sie: Wenn wir hier wie Gefangene behandelt werden, dann sollen sich die Genossen nicht wundern, wenn wir uns ab sofort auch dementsprechend verhalten. 18

AHRENSHOOP. OSTSEESTRAND. SOMMER. 1968. - A/ABENDDÄMMERUNG.

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Die unendliche, tiefblaue Meeresoberfläche der Ostsee bis zum Horizont. Urplötzlich taucht luftholend Thomas auf, dann fast zeitgleich Sanda. Dann stemmt sie sich wieder auf ihn und drückt ihn küssend unter das Wasser. Sie sind wieder verschwunden. Weite Totale eines wilden, einsamen Strandes, umgestürzte Bäume mit riesigen Wurzeln ragen ins Wasser. Sanda rennt aus den Fluten über den weißen Sand. Thomas im Galopp hinterher. Atemlos erreichen sie nackt den Dünenscheitel, um sich zu lieben. Mit Schweiß und Ostseewasser werden sie im Sand paniert. Die Finger von Sanda streichen zärtlich über die große gebrochene Nase von Thomas. Er betrachtet Sandas wunderschöne Augen, die Sternwimpern, die Nackenhärchen auf der gebräunten Haut. Er küsst und berührt, alles was ihn so begeistert. Sie betasten und befühlen sich. Wein aus der Flasche und Kippen ohne Filter. Aus der Entfernung werden sie von zwei Grenzsoldaten durch den Feldstecher beobachtet. Die liegen im Wäldchen hinter der Dünung und haben Zweige zur Tarnung am Helm. Sie spannen aber nur.


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AHRENSHOOP. OSTSEESTRAND. SOMMER. 1968. - A/MORGENDÄMMERUNG. 19 Zeitsprung: Die Sonne geht auf. Eng umschlungen schlafend, erwachen sie am Morgen von der kalt schnüffelnden Schnauze eines Schäferhundes. GRENZER Hey! Das is ne Staatsgrenze hier! Im Dunkeln ist der Aufenthalt im Grenzgebiet der DDR verboten. THOMAS (verschlafen) Zum Glück wirds ja gerade hell. GRENZER Pass ma auf, du Pappnase! Die Volksarmee ist in Alarmbereitschaft. In der CSSR versucht die Konterrevolution die Zeit zurückzudrehen. Wir sind im Krieg... Die Liebenden schauen sich irritiert in die Augen. Was der Grenzer redet, ist längst nicht mehr zu hören. Nur das Wellenrauschen. Das Paar ist immer noch in enger Umarmung. Thomas bedeckt die Nacktheit von Sanda vor den Grenzern. THOMAS (V.O.) Wer sind wir eigentlich noch./ Wollen wir gehen. Was wollen wir finden./...

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AHRENSHOOP. STRASSEN. 1968. - A/T

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Weite Landschaftstotale mit langer Baumallee. THOMAS (V.O.) Welchen Namen hat dieses Loch,/ in dem wir, einer nach dem andern, verschwinden. Vor dem Dorf hält Sanda den Daumen raus. Alles wie ein entferntes Schattenspiel. Ein Trabi-Fahrer fährt weiter, als er Thomas sieht. Sie schreien ihm hinterher: Idiot!. 21

WARTBURG. 1968. - I/T

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Ein freundlicher SACHSE und seine braungebrannte FRAU haben die beiden mitgenommen. Sanda und Thomas sitzen auf dem Rücksitz. Sanda hat das siebenjährige Kind der Familie auf dem Schoß. SACHSE E Draum! Zwee Wochen lang Sonne unds Wasser warm wie Pisse. Herrlisch! Wie lange wardn ihr? THOMAS 5 Tage. SACHSE Bloß? Nuja. Orbeit was? (leise) Habt ihr das gehört?


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SANDA Was? SACHSE Nu Pragk! Do Tscheche scheint ja föllisch durchgetreeht zu sein! FRAU DES SACHSEN (leise) De Freunde sind einmarschiert! SACHSE Nu das wird aber och Zeit! Sanda schaut Thomas an. Sie gibt ihm ein Zeichen, dass sie aussteigen will, aber Thomas will pünktlich in Berlin sein. Im Radio ein Bericht über Prag (sozialistische Interpretation). THOMAS Mach mal lauter! 22

FRIEDRICHSHAIN. WOHNUNG THOMAS. 1968. - I/N

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Auf dem Fernsehbildschirm: (westliche Interpretation.) Panzer in Prag. Tote Demonstranten. Aufgebrachte Zivilisten. Dubcekrufe. TV (gestört) ...Warschauer Pakt. KRIEG in Prag... einmarschiert... Panzer... (etc.) Thomas hört zu. Er hat Tränen in den Augen vor Wut. SANDA (entsetzt) Die sind wirklich einmarschiert! THOMAS Das dürfen sie nicht! SANDA Sollen die doch endlich die Mauer einreissen. Hier ersticken wir noch! THOMAS (irritiert) Willst du in’n Westen, oder was?! SANDA Du nicht? THOMAS Bist du bescheuert?! Es klopft. Beide erschrecken. Vor der Tür steht wütend Jean mit Sandas jüngerem Bruder VLADIMIR. Er ist schwarz gekleidet und hat schwarzen Eyeliner um die Augen. VLADIMIR Das war’s! 100 Tote! Sanda! Tote!


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SANDA Was? JEAN Nicht nur in Prag! THOMAS Woher wisst ihr das? VLADIMIR Sender freies Europa - Der ganze Warschauer Pakt rückt ein! Thomas steht am Fenster und schaut in den tristen Hinterhof. JEAN Das ist unsere Chance! SANDA Was willst du machen? VLADIMIR Wir besetzen das Berliner Ensemble! Alle gucken ihn an. THOMAS Und inszenieren das Kommunistische Manifest!? SANDA Warum nicht gleich die Volkskammer besetzen? VLADIMIR Ernsthaft? THOMAS Quatsch! Wir müssen die Menschen erreichen. Thomas kritzelt auf einen Notizzettel. VLADIMIR Aber ein Theater als Basis ist perfekt! Von dort organisieren wir den Widerstand. Die Belegschaft ist sicher auf unserer Seite, oder wird durch unsere ÜberzeugungTHOMAS Hör auf zu spinnen! Sie schauen Thomas an. Er hebt den Schnipsel in die Höhe. Da steht: ‘Hände weg vom roten Prag!’ VLADIMIR Ja und? Weiter? THOMAS ‘Ein Dubcek für die DDR!’


20.

SANDA (begreift) ‘Prag muss leben!’ THOMAS Wir klären die Leute auf! JEAN Mit Losungen? SANDA Auf Flugblättern! VLADIMIR Das bringt doch nichts! THOMAS Das Volk muss sich wehren! JEAN Das Volk will ernstgenommen werden. VLADIMIR Das Volk wird wie immer alles ertragen! Erst die Mauer - jetzt die Panzer. THOMAS Die Mauer ist doch was ganz anderes. Sie ist die Chance auf ne humane GesellschaftJEAN Warum gehen wir nicht nach drüben!? THOMAS Der Mauer ist es egal, auf welcher Seite wir sind. Montage: Viele Hände fertigen viele kleine Flugblätter. Papier wird zugeschnitten 6 x 6 cm. Verschieden farbig. Mit Filzstift wird auf die Flyer gemalt: ‘Stalin lebt’. ‘Kein 2. Vietnam!’. ‘Warschauer Vertrag raus aus PRAG!’. ‘Für Ho Chi Minh’. ‘Hoch Dubcek’. u.s.w. Ein Topf Kartoffeln wird gekocht. Zeitsprung: Zigarettenqualm vernebelt das gesamte Zimmer. Vladimir zählt und stapelt Flugblätter. Es sind 412. VLADIMIR 412 macht 103 für jeden. Vladimir macht vier Stapel und schiebt die Flugblätter wie bei einer Geldverteilung nach einem Bankraub auseinander. Sanda stellt den Kartoffeltopf in die Tischmitte. Alle haben Hunger und versuchen die heißen Kartoffeln mit Händen zu essen. JEAN Ich könnte an der Friedrichstraße lang. VLADIMIR Und ich geh rüber nach Lichtenberg.


21.

SANDA Falls sie einen schnappen: Keiner wird verraten! VLADIMIR Fakt! THOMAS Vielleicht... sollten wir noch mal überlegen... ich meine, dafür gehn wir in den Knast! Alle schauen Thomas an: ‘Na und?’ SANDA Wir treffen uns in drei Stunden wieder hier. 23

OSTBERLIN. 1968 HÄUSERWAND. - A/N

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Topshot: Flugblätter schneien von einem Sims auf die Straße. 24

OSTBERLIN. PRENZLAUER BERG. HAUSFLUR. 1968. - I/A/N

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Thomas steckt Flugblätter hastig in Hausbriefkästen. Die Aktion hat etwas Geheimnisvolles und Gefährliches. Die Flugblätter verschwinden in Briefkästen aller Art. Er verlässt den Hausflur. Kaum Verkehr. Schritte nähern sich. Thomas drückt sich in einen Hauseingang. SANDA Buhh! Thomas erschrickt fürchterlich. Sanda kichert. SANDA Meine sind alle! Er gibt ihr einen Stapel und sie gehen in den Hausflur. Zu zweit füllen sie die Briefkästen. THOMAS Wenn das rauskommt... SANDA Niemand wird dahinterkommen, dass wir... THOMAS Ja. Und das ärgert mich noch mehr! Wir müssen Sachen machen, zu denen wir stehen können! Plötzlich wird eine Tür aufgerissen. Thomas lässt vor Schreck seinen Stapel fallen, bückt sich. Zwei behaarte Beine in Hauspantoffeln treten heran. MIETER Kann ich helfen? SANDA Nee, geht schon!


22.

MIETER (liest) Dubcek? Bei euch piept’s wo? Er tritt Thomas an die Schulter. Der fällt rückwärts um. Sanda rammt den Mieter mit dem Kopf um. Thomas rappelt sich auf. Sie rennen. Rennen. Rennen. 25

FRIEDRICHSHAIN. WOHNUNG THOMAS. 1968. - I/N

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Sanda und Thomas sitzen völlig erschöpft am Tisch und schlafen mit dem Kopf auf dem Tisch. Sie sehen aus wie erschossen auf einem Foto der Mafia. Es klopft plötzlich. Sie erschrecken. THOMAS (flüstert) Wir ziehen Schlafsachen an. Dann können wir sagen, wir haben geschlafen. Sanda lacht den ‘Angsthasen’ aus. Thomas bedeutet Sanda still zu bleiben. Aber wer steht vor der Tür? Thomas steht auf und öffnet die Tür. Regine steht mit dem Kinderwagen davor. THOMAS Was willst du denn hier? REGINE Ich wollte mit dir... wir müssen was machen! Wegen Prag, mein ich! THOMAS Bist du irre! Das ist viel zu gefährlich. Geh mit dem Kleinen nach Hause und mach ja nichts! Bitte! Regine merkt, dass es ihm ernst ist. REGINE Und du? THOMAS Wir werden uns ne Weile nicht sehen. REGINE Wie lange? Thomas schaut sie nervös an. Sie und den Kleinen im Wagen. Dann zuckt er die Schultern und schließt die Tür. Stille. SANDA Warum hast du sie nicht reingelasssen? Thomas dreht sich um. Hinter ihm steht Sanda. Er ist aufgeregt. THOMAS Die hat’se doch nich alle! Mit dem Kind! SANDA Kaffee?


23.

THOMAS Wenn die meine Texte... und die Sachen findenScheiße. Wir müssenSANDA Solange niemand... plaudertTHOMAS Nee! Das muss alles weg! Thomas packt ‘belastendes’ Material zusammen. Ausgaben des Spiegels, Bücher wie Havemanns ‘Dialektik ohne Dogma’, unzählige Texte. Einen ganzen Rucksack voll. 26

SPREEUFER. - A/N

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Nah. Detail: Thomas und Sanda versenken eilig und heimlich einen Rucksack mit Papieren, Büchern, Zeitungen in der Spree. Plumps. Der Rucksack geht unter. Sie hören Schritte. THOMAS (raunt) Küss mich, ...als wärst du verliebt. SANDA (erstaunt) Bin ich doch! THOMAS Du siehst aber nicht so aus. Sie küssen sich. Black. 27

STRAUSBERGER PLATZ. VOR DEM HAUS. 1968. - A/T

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Thomas schaut langsam um die Ecke. Er kann am Hauseingang der Eltern niemand sehen. Thomas geht festen Schrittes zum Eingang. 28

STRAUSBERGER PLATZ. WOHNUNG FAMILIE BRASCH. 1968. - I/T

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Thomas öffnet die Tür mit seinem Schlüssel. THOMAS Hallo? ...? MUTTER BRASCH (erstaunt) Thomas!? Der Vater tritt mit einem Stift in der Hand in den Flur. Die Mutter ist schon bei Thomas. Ebenfalls überrascht. THOMAS (lächelt) Hallo! MUTTER BRASCH Bist du nich an der Ostsee? Thomas schüttelt den Kopf. Er fingert sich die letzte Zigarette.


24.

MUTTER BRASCH Willst du n Kaffee? THOMAS (zum Vater) Trinkst du ein’ mit? VATER BRASCH Duzt du mich wieder? Thomas raucht nervös und zerknüllt die Zigarettenpackung. THOMAS Warum guckt ihr denn so? VATER BRASCH Die Havemann-Brüder sind verhaftet worden. THOMAS Wieso? VATER BRASCH Weil die auch nicht an der Ostsee sind! Thomas geht in die Küche. Er setzt sich an den Tisch. Die Eltern folgen ihm langsam. Mutter Brasch gießt Kaffee ein. THOMAS Der Einmarsch in Prag ist falsch! VATER BRASCH (zur Mutter) Ich habs dir gesagt: Er war dabei! THOMAS Der Einmarsch in Prag ist falsch! VATER BRASCH (zu sich) Er war dabei! THOMAS Kannst du uns helfen?... Wenigstens Sanda? Bitte. Thomas sieht ihn an. Der Vater weiß, dass gerade sein ganzes Leben auf dem Spiel steht. Er zittert beim Sprechen. VATER BRASCH Weißt du, was du angerichtet hast? THOMAS Es ist nicht richtig, Dubcek zu stoppen. VATER BRASCH Sagt wer? THOMAS Ich! VATER BRASCH Aaaach! Ja? - Wer bist denn DU??? Das ThomasBrasch-Ein-Mann-Parlament!?


25.

THOMAS Ich bin... ich will... VATER BRASCH (schreit) Ist das alles? THOMAS Es war nur eine Frage, ob du uns hilfst! VATER BRASCH Helfen? Ich soll dir helfen? THOMAS Du könntest... wenigstensVATER BRASCH DU kannst DIR helfen, indem du dich STELLST! Es entsteht eine Pause. Keiner spricht. Thomas nickt langsam. THOMAS Das mach ich erst, wenn ich es will. VATER BRASCH Feige bist du auch noch! Ohne Mumm! Ohne alles! MUTTER BRASCH Horst. Das... geht nicht. Wir könnten... VATER BRASCH Was? MUTTER BRASCH Wir könnten sagen,... dass er hier war. VATER BRASCH Das wäre gelogen! MUTTER BRASCH Ja! Der Vater schaut zur Mutter. Dann wieder zu Thomas. VATER BRASCH Gib mir eine Zigarette. THOMAS Sind alle. VATER BRASCH Ich muss rauchen. Der Vater steht auf, geht aus der Küche und nimmt das Schlüsselbund vom Haken. Die Wohnungstür schlägt ins Schloss. Thomas grinst ein bisschen. Die Mutter haut ihm dafür eine runter, dass es kracht. Thomas ist erschrocken darüber. Die Mutter schenkt sich zitternd Kaffee nach.


26.

MUTTER BRASCH Verdient hast du’s nicht... THOMAS Wie geht’s dir? Die Mutter zuckt mit den Schultern und öffnet eine Flasche Korn. Ihr Wiener Akzent wird in der Erregung stärker. MUTTER BRASCH Kompott? Thomas nickt. Sie gießt in den Kaffee je einen Schluck Korn. MUTTER BRASCH Wenn das rauskommt, verliert Vati alle Ämter! THOMAS Das tut mir leid. MUTTER BRASCH Wie wär’s mal mit nachdenken? THOMAS ‘Nachdenken’ ist mein zweiter Vorname. MUTTER BRASCH Na das wüsste ich aber! THOMAS Du weißt überhaupt nichts von mir! MUTTER BRASCH (resigniert) Du machst immer nur, was du willst. THOMAS Mama, ichMUTTER BRASCH Seit du auf der Welt bist. THOMAS IchMUTTER BRASCH Dass du keine Rücksicht auf Vati nimmst, versteh ich... manchmal. Aber dass du die Zukunft deiner Brüder ruinierst, das verzeih ich dir nicht! Es klingelt. MUTTER BRASCH (erstaunt) Hat Vati den Schlüssel vergessen? Sie schauen sich an. Die Mutter erstarrt. Thomas, eben noch zuversichtlich, öffnet den Mund. Es klingelt erneut. Und klopft. Thomas öffnet die Tür. Davor steht ein Vopo in Uniform und ein Beamter der Staatssicherheit in zivil.


27.

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STRAUSBERGER PLATZ. VOR DEM HAUS. 1968. - A/T

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Vor dem wartenden Auto schaut Thomas noch mal auf: Er sieht den Vater aus der Entfernung der Verhaftung zuschauen. Ein Genosse gibt ihm Feuer. Der Vater schaut zu ihm. Ihre Blicke kreuzen sich. Thomas verschwindet. Der Vater bleibt zurück. Eher den Tränen nahe, als triumphierend. Die Mutter oben am Fenster. Großaufnahme: Thomas schaut hinter der Scheibe des Autos auf die vorbeifliegenden Straßen, wie damals auf dem Weg zur Kadettenanstalt. Erstmals sieht man echte Angst in seinem Gesicht. Black. 30

SPREEUFER. - A/T

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Totale: Auf der Spree schwimmen unzählige Papiere und Bücher von Thomas wie Eisschollen. Kapitel 2: Die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber 31

GEFÄNGNIS. ZELLE. 1968. - I/T

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Eine Mauer. Thomas steht davor. Gesicht zur Wand. Er atmet schneller als sonst. Zittert. Unterdrückt es. Thomas ist nackt, wie damals in der Kadettenanstalt. Die Tür kracht auf, was ihn erschrecken lässt. Ihm werden Sträflings-Klamotten zugeworfen. THOMAS (V.O.) Wer sind wir eigentlich noch? Wollen wir gehen, was wollen wir finden? Welchen Namen hat dieses Loch, in dem wir einer nach dem anderen verschwinden? 32

GEFÄNGNIS. VERNEHMERZIMMER. 1968. - I/T

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Das sonnige Gesicht seines VERNEHMERS schaut Thomas an. Gierig trinkt der ein Glas Wasser. Ein Häufchen Elend sitzt da. VERNEHMER Haben Sie das gelesen? Der Vernehmer legt ein Buch auf den Tisch. Das völlig aufgeweichte, dicke Havemann-Buch ‘Dialektik ohne Dogma’. VERNEHMER Dickes Ding, was?! Ist Ihnen bewusst, dass Sie mit dieser Aktion den Finger auf den Auslöser der Weltvernichtungsmaschine gelegt haben? THOMAS Ich bin... Schriftsteller. VERNEHMER Und Schriftsteller dürfen mit dem Weltkrieg spielen?!?


28.

THOMAS Marx sagt, dass man alles in Frage stellen muss! VERNEHMER Marx äußerte dies im Exil! Aber wir stehen hier in Berlin an der fordersten Front! Und im Schützengraben darf man sich keine Zigarette anzünden, da darf man nicht mal dran denken! THOMAS Ich hab Zahnschmerzen... Der Vernehmer ändert urplötzlich seinen Ton. VERNEHMER Du hast dein Geständnis nicht unterzeichnet. THOMAS (leise) Wie geht’s Sanda und... VERNEHMER (ironisch) Der geht’s genauso gut, wie der Mutter deines Sohnes! Thomas ist völlig zerstört über diese Antwort. Der Vernehmer legt das Geständnis auf den Tisch. VERNEHMER Brasch, wir verschenken Zeit! ... Lebenszeit. THOMAS Ich möchte nichts geschenkt. VERNEHMER Gut zu wissen! Der Vernehmer geht. Die Tür kracht ins Schloss. Thomas schaut auf das Geständnis und setzt sich mit seinen Zahnschmerzen davor. Er massiert den Kiefer, drückt und pult mit dem Finger am Zahn. THOMAS (V.O.) Anna, komm, mein warmer Stein/ leg dich in meine Kissen/ Morgen werd ich nicht mehr sein/ nur das musst du wissen... Der Zahn schmatzt aus dem Kieferfleisch. Ein Blutstropfen fällt auf das Papier. Thomas drückt den Daumen darauf zur Unterschrift. Black 33

GEFÄNGNIS. HOF. 1968. - A/T Helles Licht. Thomas läuft auf dem Hof. Er hat Angst.

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29.

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OSTBERLIN. BESUCHERZIMMER. 1968. - I/N

34

Vor dem Fenster kreischen Möwen in Freiheit. Zum ersten Mal seit seiner Verhaftung sieht Thomas seine Mutter wieder. Sie sitzen stumm vor einander an einem Tisch, auf dem nur eine kleine Lampe spärlich die Gesichter beleuchtet. Alles Jugendliche ist aus seinem Antlitz gewichen. Sie schauen sich an. RICHTER (OFF) Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Mit dem Verteilen von Flugblättern, mit denen die Angeklagten, die auf die Festigung des Friedens gerichtet Politik unseres sozialistischen Staates diskriminierten, machten sie sich der staatsfeindlichen Hetze schuldig... Die Mutter streckt Thomas die Hand entgegen. Er nimmt sie nicht. RICHTER (OFF) Mit seiner staatsfeinlichen Handlung hat Thomas Brasch der aggressiven und revanchistischen Politik des westlichen Imperialismus offene Schützenhilfe geleistet. Brasch erhält für seine Taten zwei Jahre und drei Monate Gefängnis. Thomas schaut in die Augen seiner Mutter. Er ist überwältigt von dem entsetzlichen Strafmaß. 35

GEFÄNGNIS. / TRAUM BERLIN. 1968. - I/A/T

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Thomas erwacht zusammen gerollt wie ein Embryo. Er stutzt: Die Zellentür ist offen. Sofort steht er auf. Er tritt auf den Umgang. Stille. Alles leer. Thomas geht skeptisch die Treppen runter, auf den Hof. Niemand ist zu sehen, wie damals in der Cottbuser Kindheit. Das große Tor ist offen. Er läuft in die menschenleere Straße. 36

OSTBERLIN. STRAUSBERGER PLATZ. 1968. - A/T

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Thomas geht die menschenleere Karl-Marx-Allee herunter. 37

STRAUSBERGER PLATZ. WOHNUNG FAMILIE BRASCH. 1968. - I/T

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Thomas öffnet die Tür zur Wohnung seiner Eltern. Leer. THOMAS Papa? ... Mama? ... Klaus? Die Räume sind still. Im Schlafzimmer seiner Eltern sieht er seinen Vater. Er schläft. Thomas legt sich neben ihn. Wie ein Kind kuschelt er sich in die Arme seines Erzeugers, der ihn nun zärtlich am Hals krault. Thomas genießt und lächelt. Die Badtür geht auf. Seine Mutter kommt im Negligé zum Bett. Sie lacht ihn an, als wäre er der Vater. Sie lässt das Schlafkleid von den Schultern fallen und legt sich nackt zu Thomas.


30.

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GEFÄNGNIS. ZELLE. 1968. - I/T

38

Thomas erwacht schweißgebadet in der Zelle. Er richtet sich auf, schaut auf die Tür. Sie ist überraschender weise schon wieder offen. Dann tritt sein Vernehmer in die Tür. VERNEHMER Ich kann Dir nicht sagen warum, aber deine Haftstrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Kannste dich wohl bei deinem Papi bedanken! Immer wieder fällst du ins weiche Nest... Thomas schaut den Mann an, der ihn lächelnd provozieren will. Der Vernehmer gibt ihm ein Formular. VERNEHMER Wenn du hier unterschreiben würdest. Thomas ist jetzt hellwach und schaut auf das Formular. THOMAS Wo ist der Haken? Der Vernehmer lächelt und will die Tür schließen. THOMAS (panisch) Lassen Sie offen! Bitte. Die Tür! Der Vernehmer wendet sich erstaunt Thomas zu. VERNEHMER Der Knast nervt, was?! THOMAS (leise) Wo ist der Haken? VERNEHMER Du bist der Haken... Denn an die vorzeitige Entlassung sind natürlich Auflagen geknüpft. 39

WERK MASCHINENHALLE. 1969. - I/T

39

Unglaublicher Lärm. Thomas steht in der krachend lauten, ölstickigen Halle einer Fabrik. Thomas fräst. Die Geräusche sind schreiend und rhythmisch. Thomas schaut aus fahlen großen Augen auf die Menschen, die ihr Leben lang nichts anderes getan haben, als Maschinen zu bedienen. Alle tragen blaue Arbeitsklamotten. Vor ihm steht ein BOHRER und drückt 30 mal in der Minute den Hebel der Bohrmaschine nach unten. Der Rhythmus ist tödlich. 40

WERK. ABSTELLRAUM. 1969. - I/T

40

Thomas’ Augen füllen sich mit Tränen. Er beginnt zu weinen. Es schüttelt seinen großen, noch jungenhaften Körper durch. Er ist allein. Unbeobachtet. Er sitzt auf einem Stuhl und schaut geradeaus auf die offene Tür zur Werkhalle hin.


31.

Thomas versucht sich zu beruhigen. Er wischt sich mit den öligen Fingern die Tränen weg. Die Sirene heult. Die blutjunge Arbeiterin SYLVIA geht an Thomas vorbei, wieder zu ihrem Arbeitsplatz. Kurz kreuzen sich die Blicke. 41

WERK. KANTINE. 1969. - I/T

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Ein Küchenjunge giesst direkt vor Sylvia grünen Pfefferminzlikör in ein Gläschen. Er weist auf einen der Arbeiter in der Kantine. REMSCHEID, ein hagerer Dreher um die Fünfzig, nickt Sylvia zu. Sylvia schaut nicht hin. Sie schaut zu Thomas, der vor ihr sitzt. Es ist der fünfte Schnaps, zu dem sie eingeladen ist. SYLVIA Du bist neu! THOMAS Du bist jung. SYLVIA Ich muss hier arbeiten. THOMAS Warum? SYLVIA Weil mein Stiefvater meine Schwester betatscht hat. THOMAS Und deshalb musst du hier ran? SYLVIA Ich hab ihn angezeigt, dafür. Er hat mich verdroschen, dafür! Ich hab ihn abgestochen, dafür. Thomas schmunzelt die junge Frau an. SYLVIA Und jetzt wart ich, dass ein Platz frei wird. Im Jugend - werk - hof. Thomas merkt, dass viele in der Kantine zu ihrem Tisch gucken. SYLVIA Die wollen mich alle ficken, aber ich lass sie nich. Es ist mucksmäuschenstill. SYLVIA Sonst werd ich wie die Knochenbreche! THOMAS Wer is das denn? Sylvia schaut zu einer hageren Frau, die drahtige Fräserin KNOCHENBRECHE, welche ein Brötchen malmt.


32.

SYLVIA Die kann mit ihrer Muschi Nüsse knacken. THOMAS Interessant. Sylvia steht auf und schaut den attraktiven Thomas an. SYLVIA Und du? Was kannst du? THOMAS Find’s raus! Sylvia bringt ihr Tablett zurück und schaut sich noch mal um. Thomas nickt ihr zu. Die Männer in der Kantine starren sie an. Sie geht zur Flügeltür. Wie sie den Griff in der Hand hat, hört sie das Geräusch von Stühlen, die quietschend zurück geschoben werden. Einige Männer sind aufgestanden, um ihr zu folgen. 42

BERLINER ENSEMBLE. BÜHNE. 1969. - I/N

42

Die kreisende Leuchtreklame vom berühmten Berliner Ensemble. Die Bühne ist karg. Das Publikum konzentriert. Die junge Elevin des Theaters, KATARINA, läuft in der Rolle der Hure Betty quer über die Bühne. Ein unfassbar auffälliger Gang. Thomas sitzt in einer Loge. Er ist hingerissen von der Präsenz dieser jungen Frau. Sanda sitzt hinter Thomas. Blass, im Dunkel, kaum zu sehen. 43

BERLINER ENSEMBLE. FOYER. 1969. - I/N

43

Nach dem Ende der Vorstellung entdeckt Thomas plötzlich im Foyer zwischen den Besuchern seine Eltern. Sie sehen ihn nicht. Seine Mutter hat ein sehr schönes Kleid an. Sie lacht herzlich als ihr Thomas Vater etwas ins Ohr flüstert. Thomas ist von der Ansicht seiner Eltern gerührt. Als wenn der Vater mit seiner Frau tanzen wollte, umfasst er sie an der Hüfte und dreht sie. Ihr ist das etwas peinlich. Beide gehen gut gelaunt zur Treppe. Thomas folgt ihnen. Ohne ein Wort lässt er die irritierte Sanda stehen. 44

WERK. UMKLEIDE. 1969. - I/T

44

Thomas in der Umkleide, wo er im Halbschatten der Neonbeleuchtung in sein Heft schreibt, notiert und fabuliert: THOMAS (V.O.) Nach der Arbeit an den Maschinen/ Träumen die Leute von den Maschinen/ Wovon träumen die Maschinen/ Nach der Arbeit an den Leuten? Die Tür springt auf. Thomas zuckt zusammen. Die Knochenbreche schiebt den Dreher Remscheid ins Dunkel, entblößt mit einem Griff ihre Scham und schiebt sie auf Remscheids Schwanz.


33.

Thomas schaut hinter einem Spint zu: Die Knochenbreche fasst mit sehniger Hand Remscheids Oberarm und bricht ihn im Moment des Orgasmus. (Geräusch) Remscheid schreit stumm. Er richtet sich unter Schmerzen auf. Der Arm hängt an ihm runter. Er schließt sich mit der intakten Hand die Hose. Dann läuft Remscheid an einem vollgestopften Regal vorbei, stemmt sich dagegen. Eine Kiste mit der Aufschrifft ‘Muffen + Doppelnippel’ fällt polternd zu Boden. Nun rennt Remscheid schreiend los. Thomas, der stiller Zeuge geworden ist, folgt ihm und holt Remscheid ein. THOMAS (stellt sich ahnungslos) Was’n los? REMSCHEID Mir is ne Scheißkiste auf den Arm! Im Lager! 45

WERK. BÜRO DES ABTEILUNGSLEITERS. 1969. - I/T

45

Der ABTEILUNGSLEITER sieht den verletzten Arbeiter, der von Thomas jetzt gestützt wird. ABTEILUNGSLEITER Remscheid! (böse) Wenn ich rauskriege, dass du dir Urlaub ergaunerst, brech ich dir den Schwanz. Mit Hammer und Sichel! REMSCHEID (matt) Das war`n Unfall! THOMAS Ne Kiste im Lager is runtergerauscht. Remscheid schaut ihn kurz erleichtert an. Der Abteilungsleiter greift zum Telefonhörer und grinst die Beiden ungläubig an. 46

WERK. HAUPTTOR. 1969. - A/DÄMMERUNG

46

Thomas kommt von der Schicht aus der Werkhalle. Er ist geduscht. Die Haare sind gekämmt. Sanda erwartet ihn. SANDA Meine Bewährungsvettel hat zugestimmt: Ich muss nicht mehr ans Band, ...darf ab nächste Woche in der Bibliothek arbeiten. THOMAS Freust du dich nicht? SANDA Is doch alles dasselbe! Remscheid kommt an dem Paar vorbei. Er trägt einen Gipsarm und grüßt damit. Er macht mit Mund und Zunge die Geste für Oralsex. Sanda sieht das. Als er sich im nächsten Moment grinsend umdreht, lüftet sie kurz ihre Brüste. Remscheid schaut irritiert. Thomas freut sich. Black.


34.

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BERLINER ENSEMBLE. 1969. - A/N

47

Sanda und Thomas laufen auf das Berliner Ensemble zu. THOMAS Meinst du wirklich, die Weigel kann mich unterbringen? SANDA Wird sie sofort. (schmunzelt) Aber die Diktatur des Proletariats braucht dich noch an der Maschine... THOMAS Können wir mal hoch zu deinem Tantchen? Thomas schaut noch mal zum Zimmer von Helene Weigel hoch. Im Zimmer der Intendanz brennt Licht. Sieht man da in der Silhouette etwa die Brechtwitwe und den Staatschef Walter Ulbricht am Fenster? 48

BERLINER ENSEMBLE. KANTINE. 1969. - I/N

48

GRISCHA Tut mir leid. Ganz schlecht jetzt. Frau Intendantin hat Ulbricht zu Gast. GRISCHA, ein bärtiger, kräftiger Kerl, der wie Karl Marx aussieht, ist selbstbewusst in der Theaterkantine erschienen und stellt sich zu Thomas, Sanda und Vladimir. Es ist kurz vor der Vorstellung. Schauspieler in Kostümen essen und trinken sich in Stimmung. An einem Tisch sitzen vier Schauspieler beim PornoQuartett. Sie tragen SA-Uniform. 1. THEATERMANN Oberweite 90. 2. THEATERMANN Stech ich: Oberweite 104. 1. THEATERMANN Bist du bekloppt?! Niedrig sticht. 2. THEATERMANN Ich mag eben große Titten! 1. THEATERMANN Wir spielen aber Quartett. 3. THEATERMANN Und nicht: ‘Was mag der Ezard’!... Stich! Oberweite 88. Guckt euch die Granaten an! Grischa unterhält weiterhin seine Runde um Thomas. GRISCHA Wie geht’s deim Vater?


35.

THOMAS Is in Moskau. ...Studieren. GRISCHA Wiedermal strafversetzt? THOMAS (lächelt ein wenig) Er hat`s wohl verdient. GRISCHA Wenn du meiner wärst, ich hätte dich sowas von verdroschen... Thomas steht zwar noch in der Runde, doch ist sein Blick längst an der Theke. Katarina postiert sich da, mit geschminktem Gesicht und bloßen Knien. Thomas ist fasziniert, hört kaum den albernen Witz von Grischa, der sich nun ganz auf Sanda und Wladimir konzentriert. Groß: Thomas verträumtes Gesicht. GRISCHA (OFF) Ich hab gestern meine Frau so was von geamselt! VLADIMIR Du meinst gevögelt? GRISCHA (OFF) Nee. Falsch. Sorry! Erdrosselt. Vladimir lacht. Nur Sanda lacht nicht. Sie sieht, wie Thomas zur Theke schaut. Thomas geht mutig Richtung Theke, stellt sich neben Katarina. Sie bemerkt ihn. KATARINA Und wer bist du? THOMAS (kurze Pause) Ich bin der Fräser Eilig, was ich nicht fräs’, dass feil ich. Katarina lacht laut. Mit ihren staccato Sprechsalven und seiner wunderbaren Stimme, beginnen sie sich zu unterhalten. KATARINA Grischa hat jesacht, du bist der Brasch! THOMAS Wenn Grischa das sagt, wird’s wohl stimmen! KATARINA Ick dachte, du bist viel jünger! THOMAS Vielleicht meinst du mein’ Bruder? Wat trinkstn? KATARINA Willste mir jefügisch machen? Aber lass ma jut sein, ich bin schon verjeben.


36.

Thomas schaut mit schiefem Kopf auf ihre bloßen Beine. Sie hebt sein Kinn mit dem Finger, er schaut auf ihre Brüste. KATARINA Hier spielt die Musik. Sie dirigiert sein Kinn nach oben, um ihm in die Augen zu schauen. THOMAS Hab dich als Betty gesehn! KATARINA Da biste nich der einzige! Wat schreibstn grade? THOMAS Liebesgedichte. KATARINA Schreib ma lieber n Stück. Mit ne junge Frau im Zentrum, auf die alle jeil sind und die daraufhin die Welt nicht mehr verändern will. Sie lacht laut. Sanda kommt zur Bar und schaut Katarina an. KATARINA Ick hab was mit deim Bruder! SANDA Ja. Hat Vlad gerade erzählt. Ihr kennt euch? KATARINA (auf Thomas) Das ist der Fräser Eilig! Sanda schaut zu Thomas und sieht, wie er die Elevin begehrt. KATARINA Wo issn Vlad? SANDA Schwimmen! In der Spree! KATARINA Wat? Ohne mich? Der Lump. Sie geht los und ist weg. Sanda stellt sich neben Thomas. SANDA Ne Elevin von der Weigel! THOMAS Schöne Elevin. SANDA Die ist doch noch `n Kind! THOMAS Schönes Kind!


37.

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WERK. MASCHINENHALLE. 1969. - I/T

49

Thomas fräst ohne Pause. Plötzlich steht die Knochenbreche vor ihm. Schaut ihn an. Thomas fräst weiter. Die Knochenbreche stellt eine Pulle ‘Klarer Juwel’ auf die Maschine und geht. 50

FRIEDRICHSHAIN. WOHNUNG THOMAS. 1969. - I/T

50

Thomas hat seinen Tisch mit der Schreibmaschine umgestellt, weg vom Fenster. So kann er in alle Räume und Fluchten seiner kleinen Wohnung schauen. Er hackt auf die Schreibmaschine. THOMAS (V.O.) Jetzt muss ich nicht weiter wachen. Wächter bewachen mich. Ich bin zu Haus. Aus eurem Weinen mach ich mein Gelächter. Ihr kommt nicht rein, ich will nicht raus. Ich hab begonnen schon am Ziel. Ich wollte alles nicht. Das war zu viel. Thomas springt hoch und hebt eine Zeitung vom Boden auf: Braunschweiger Neuste Nachrichten von 1906! Er schlägt die Zeitung weit auf. Thomas lacht. Er liest begeistert rufend vor. THOMAS Sanda hör ma: “Ein kaum den Knabenschuhen entwachsener Mensch, Sohn sehr anständiger Eltern, hat zwei bildschönen jungen Mädchen Musikunterricht erteilt, und sie, wie er versicherte, auf deren ausdrückliches Verlangen hin, ums Leben gebracht.” Das ist genau, was ich suche! Thomas schaut auf die Zeitungsüberschrift. THOMAS (liest versunken weiter) “Karl Brunke hat ein selten schönes Gesicht und macht den Eindruck eines gebildeten jungen Mannes.” Das bin ja ich! Freut mich Sie kennen zu lernen, Herr Brunke. Sanda kommt mit einer Tasse Kaffee. Sie schließt die Tür. THOMAS (schreit) Lass AUF! MANN! Sanda erschrickt heftig. Der heiße Kaffee fällt zu Boden, verbrennt ihre Hand. Sanda weint. SANDA M-ai ars, intelegi, m-ai ars! Lasa-ma, lasa-ma, lasa-ma, lasa-ma! M-am saturat de tine, am plecat! Thomas kommt zu ihr, küsst ihre rote Hand, will sie trösten, öffnet in einem Versuch von Zärtlichkeit ihre Bluse. THOMAS Komm mal her.


38.

Fast wie Routine öffnet er seinen Gürtel, seine Kordhosen fallen zu Boden. Als er seine große Hand auf ihre weiße Haut legt, dreht sie sich weg und geht. Er hört, wie Sanda die Tür zuschlägt. Thomas sieht ‘erwachend’ in die Richtung der Tür. Sein Blick ist irre. Die Schreibmaschine hackt weiter. THOMAS (V.O.) Das lieben hat ihn krank gemacht. Die Krankgeit liebte ihn. Hat ihm sein Lächeln ausgelacht und ihn in den Tod geschrien. Mich hat sie in mein Land vertrieben. Hier werden Küsse ausgeteilt, wie Schüsse und das nennt man: Lieben.

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WERK. MASCHINENHALLE. 1969. - I/T

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Thomas fräst. Der Abteilungsleiter kommt auf ihn zu. Er signalisiert ihm, die Maschine zu stoppen. Thomas tut es. ABTEILUNGSLEITER Kannst du lesen? THOMAS Kommt drauf an! ABTEILUNGSLEITER Werd nich frech, sonst schick ich dich zurück! Thomas schaut auf das große Plakat an der Hallenwand. THOMAS “Der Sozialismus siegt, weil er wahr ist!” ABTEILUNGSLEITER Du kannst also lesen. (beide nicken) Also, pass auf: Heute kommt das Fernsehen. Da stellt dir so’n Heinz folgende Frage: “Haben Sie gehört, daß hier ab 1970 numerische Maschinen arbeiten werden?” Und darauf antwortest du dann das hier: Er gibt Thomas einen Zettel. 52

WOHNUNG FAMILIE BRASCH. 1969. - I/T

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Im TV: Thomas spricht in die Kamera. Unter seinem Konterfei in weißen Lettern: Thomas Brasch, Fräser. THOMAS Ja, davon habe ich gehört und glaube, dass eine moderne Produktion, moderne Maschinen erfordert. Thomas Mutter sitzt einsam auf ihrem Sofa, den Schnaps vor sich. Sie ist gerührt, ihren Sohn das erste Mal im Fernsehen zu erleben.


39.

KOMMENTATOR (V.O.) Sagte ein Werktätiger des Kabelwerkes Oberspree heute bei der Besichtigung der Produktionsstätte durch die Genossen des Politbüros. 53

WERK. GROßE HALLE. 1969. - I/T

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Die Halle schimmert in einem eigenartigen Licht. Kein Lärm. Die Arbeit ruht. Flaschen klirren. Sonne streift durchs Glasdach. Gemurmel der Arbeiter ist zu hören. Alle trinken. Thomas auch. Kirsch-Whisky und Cognac. Die Dreher, die Fräser, die Bohrer hocken an den Maschinen und lassen die Arbeit großzügig liegen. REMSCHEID Wann, hat er gesagt, is wieder Strom? THOMAS Nicht vor der Spätschicht. Die Bagger komm’ nicht in die Kohle rein, wegen der Kälte. Die Knochenbreche hat Remscheid fixiert. Der merkt das und schaut sie an. Sie macht eine Kopfbewegung zum Lager hin. Er schüttelt leicht erschrocken den Kopf. Nicht schon wieder. Der Bohrer öffnet das Bier mit den Zähnen. BOHRER Hauptsache die kürzen nich unsre Mäuse, von wegen Stromausfall! Protestgemurmel. Remscheid hält Thomas eine Flasche ‘Klarer Juwel’ hin. Thomas greift die Flasche, aber sie entgleitet ihm. Der Schnaps flatscht auf den Steinboden. Da ist es still! REMSCHEID Die Intellijenz! DREHER Vom Anschauen besoffen!

BOHRER Zu blöde zum Scheißen!

Alle fangen an zu lachen. Thomas schaut sie an. REMSCHEID Det war der letzte. Thomas nickt und schlurft los. Er öffnet seinen Spint und holt eine kleine Flasche Schnaps heraus. In der Schrankreihe steht Sylvia und lacht ihn an. Die junge Frau mit den wachen Augen. SYLVIA Krieg ich ‘nen Schluck? Thomas dreht die Flasche auf und gibt sie ihr. Sie trinkt sie in einem Zug aus. Thomas schaut ihr fasziniert dabei zu. Sie stößt auf und stellt die leere Flasche zurück in Thomas’ Spint.


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SYLVIA (flötet) Mach dir keine Sorgen! Hab noch eine. Den will ich mit dir trinken... ganz alleine! Sylvia zaubert aus der Jackentasche eine Flasche Kirsch hervor. Thomas nimmt einen ordentlichen Schluck. Sylvia ist sehr schnell und leckt ihm die Lippen ab. Sie atmen sich an. THOMAS Wat feiern wir denn? SYLVIA Mein’ Abschied. Im Werkhof is n Bette frei! Sylvia lacht herrlich. SYLVIA Komm ma mit! Auf die Sonnenseite! Sie zieht Thomas ans Fenster des anliegenden Abstellraumes. Sylvias Ausschnitt ist schon offen bis zum Nabel. Bereitwillig zieht Thomas sie weiter aus und an sich. Sie trinken Schnaps. Und legen sich auf einen Dämmstoffballen. Im Hintergrund schiebt Remscheid eine Schubkarre mit zwei Kästen Bier vorbei. REMSCHEID (ruft) Det is ma wieder sowat von klar! Unsereins muss bohren und die Konterrevolution darf nageln! Sylvia und Thomas lassen sich nicht stören. SYLVIA Ick frag mich, ob man vom Schreiben leben kann. THOMAS Glaube nicht. SYLVIA Warum machst du’s’n dann? THOMAS Weil ich ohne Schreiben nicht leben kann. SYLVIA So was Beknacktes! Sie geben sich hin, während der Lärm der Maschinen zum Zeichen des wieder ankommenden Stromes lärmend hochfährt. Black. Kapitel 3: Die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber


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WOHNUNG THOMAS FRIEDRICHSHAIN 1969. - I/N

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Klaus sitzt mit einem schlumpigen, dunklen Anzug im Stile Al Capones auf Thomas Schreibtisch und liest eine Manuskriptseite. KLAUS Ratzek lacht. Ratzek droht. Dann steckt er das Messer in die Hüfte. Margarete dreht den Kopf weg und ist tot. Ratzek reißt vom Hals das Hemd. Schnauze! Jeder liebt sich mehr, als er sich kennt! Thomas sitzt mit Schapka da, beobachtet seinen Bruder, während der liest. Es ist saukalt. Der Kohleeimer ist leer. Der Atem gefriert. Der Artikel über Karl Brunke liegt ausgerissen vor ihm. Man reicht sich den Schnaps gegenseitig. KLAUS Der Alte hatte absolut Recht! (lacht) Unter den Arbeitern bist du’n richtiger Dichter geworden! THOMAS Noch 3 Monate Fettpresse, dann bin ich raus da. KLAUS Und wenn’s erscheint, gehst du wieder in’ Bau. THOMAS Wenn ich schreibe, bin ich die WELT und nicht die Landkarte! KLAUS Besser Landkarte als Arschkarte! Im Innenhof fällt etwas zu Boden. Thomas schaut auf. KLAUS Das war dein kleiner Bruder. Hab ihm gesagt, er soll Schmiere stehen. Wegen den Bullen und so. Man kann nie wissen... Thomas tigert zum Fenster. Er sieht im Hof seinen kleinsten Bruder, PETER (13). Peter hebt cool die Hand zum Gruß. In der Hand qualmt eine Kippe. Thomas winkt fröhlich zurück. THOMAS Weißte Klaus, meine Worte... sind mein Leben... KLAUS Is halt Pech, dass sich die Welt zu ihrem eignen Nachteil nicht nach deinen Worten verhält. THOMAS Und was schlägt Professor Neunmalschlau vor? KLAUS Westen! Was denn sonst?


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THOMAS Westen ist tödlich. Für den Kopf, für allet! KLAUS Mach’s wie Gladow. Der Al Capone von Berlin. Klaus bringt sich in Stellung und spielt den Gangster. KLAUS Scheiß auf die Sektorengrenze! Besitz is Diebstahl! Her mit de Penunse! Der is spielend rüber in’ Westen und - krabumms - wieder zurück. Mit die Taschen voller Jeld. Det mach ick auch! THOMAS Und Fangschuss an der Mauer! KLAUS Doch nicht illegal! Mauer juckt mich nicht! Ick werd Schauspieler! Gehe zum Film. Werd berühmt. Dankschreiben aus aller Welt. Und dann: Amerika! Thomas schaut seinen kleinen Bruder fast bewundernd an. Klaus zückt ein Porträt seines Idols Werner Gladow. KLAUS Den würd ich echt gern spielen: Gladow! Schau doch mal, wie der guckt! THOMAS Amerika wäre toll! KLAUS N Traum wär det! - Kannst du auch! Musst du nur mal wat Richtiges schreiben! THOMAS Wat denn? KLAUS Wat weeß denn ick! Wat Großes. N Film. N Roman. Mit Bumms! Über det Leben... die Anscheißer! Über Verbrecher! Gladow! Das wollen die Leute. Ein Pfiff. Klaus schaut zu seinem Bruder Peter. Der winkt! KLAUS Komme! - Wir sehn uns, Tommy! In Amerika! Klaus springt aus dem ebenerdigen Fenster in den Hof. THOMAS (V.O.) Brunke hat bei Frauen kein Glück. Sie finden keine Ruhe in seinem Arm. Viel zu schnell, fällt er an sein Kissen zurück. Ach, dass sich eine Brunkes erbarmen und legte ihn still in Watte. Und trüge ihn schnell in ihr Haus und lehrte ihn Worte, die er längst vergessen hatte und ließe ihn nie mehr heraus.


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An der Kühlschranktür: “Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?” Thomas öffnet den Kühlschrank. Darin liegt eine angebissene Zwiebel und eine Speckschwarte. Thomas isst Speck mit Zwiebel. Er ext den Vodka. Er holt mit der Flasche aus, will sie an die Wand werfen, senkt den Arm. Es klingelt. Er zieht sich eine Hose an, sammelt panisch die Seiten zusammen, versteckt sie im Resonanzraum der Gitarre. Es klingelt erneut. Der verlodderte Boheme macht sich ordentlich und öffnet die Tür: Sylvia steht davor! Mit ALMA ihrer genauso schönen wie jungen Schwester. Thomas staunt, als er die beiden sieht. Die Mädchen tragen weiße Seidenblusen und schwarze, selbstgenähte Röcke. SYLVIA Hallo. Das ist meine Schwester: Alma! ALMA Hallo. SYLVIA Das ist Thomas! Thomas lässt sie eintreten. Sie stehen in der halbverwüsteten Bude. Sylvia schaut ihn an. Verliebt und verzweifelt. THOMAS Kaffee? SYLVIA Ja, warum nicht. THOMAS Mit Kompott? Alma schaut fragend zu Sylvia. Die flüstert ihr lachend was zu. Thomas schaut Alma an. Sie lächelt und nickt. Thomas wischt die Akten vom Tisch, stellt drei Tassen drauf und holt den Kaffee. Als er wieder ins Zimmer kommt, hocken die beiden Mädchen um den kleinen Tisch. Thomas öffnet eine Thermoskanne, riecht daran und gießt dann Kaffee ein. Unter dem Tisch steht Klarer Juwel. Lächelnd gießt er einen Schluck Schnaps auf den Kaffee. Sie schauen sich an, stoßen mit den Tassen an und trinken alle einen Schluck. Dabei mustern sie sich erregt übern Tassenrand. SYLVIA Wir haben eine Bitte. Thomas schaut fragend von Sylvia zu Alma. Die schämt sich etwas und schaut zu Boden. SYLVIA Du kannst Nein sagen, das wäre kein Problem! Ich hab dir doch von Alma erzählt (Thomas nickt) und unsrem Alten, der uns... der Alma... WirSylvia nimmt ihre Handtasche, kramt darin, holt einen Revolver heraus und legt ihn auf den Tisch. Stille.


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SYLVIA Kannst du uns ...? Thomas schaut auf den Revolver. Dann auf Alma. Dann auf Sylvia. SYLVIA Wir... haben uns entschlossen... gemeinsam! ALMA Ja. Das wäre schön, wenn Sie uns helfen. (Pause) Sylvia hat erzählt, dass Sie keinen Erfolg haben, ...als Schriftsteller und da dachten... Thomas nimmt den Revolver vom Tisch. SYLVIA ...wir, du könntest dich uns anschließen. Weil wir werden uns in jedem Fall umbringen, weil... ALMA ...das kein Leben ist. Thomas schaut die verzweifelten Mädchen an. Er denkt nach. THOMAS Seid ihr sicher? ALMA Ja.

SYLVIA Absolut!

Thomas schaut von der einen zur anderen. Nickt kurz. THOMAS Wann wollt ihr das dennSYLVIA Sofort. Wir haben Abschiedsbriefe geschrieben, in denen wir auch sagen, dass wir freiwillig sterben wollen. Damit Dich keine Schuld trifft! ALMA Vielleicht sollten wir Ihr Bett machen, damit keiner auf den Gedanken kommt, Sie hätten sich an uns vergriffen und auf jeden Fall... Alma schaut auf den Revolver in der Hand von Thomas. SYLVIA ...musst du einen Probeschuss machen. ALMA Damit wir wissen, ob sie funktioniert. Sylvia hat zwei Briefumschläge auf den Tisch gelegt. Alma trinkt erregt mit zitternder Hand einen Schluck Kaffee. Thomas sieht, dass es den Mädchen absolut ernst ist. THOMAS Okay.


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Strahlend springen die Mädchen auf und umschließen Thomas in der Umarmung! Sie sind sich ganz nah. Duftend vor Glück küssen sie Thomas von beiden Seiten das Gesicht. Sylvia haucht in sein Ohr. SYLVIA Danke. Das Bett wird gemacht. Der hilflose Versuch Ordnung zu machen. Thomas öffnet das Fenster. Auf der anderen Seite des Innenhofs stehen die Mülltonnen und darauf ein ausrangierter Kinderglobus. Er spannt den Hahn des Revolvers. Die Mädchen treten hinter ihn, halten sich die Ohren zu. Er zielt. Ein Schuss. Die Oberfläche des Globus zerspringt. Ein Hund bellt. Jemand flucht undeutlich. ALMA (erleichtert) Funktioniert! Alma schaut Sylvia glücklich an! Thomas schließt das Fenster. Er schaut von Alma auf Sylvia und wieder zurück. Die Mädchen ziehen ihre Blusen aus und nehmen auf Stühlen gegenüber Platz. Thomas schaut Alma an. Sie nickt ihm zu. Er fühlt ihr Herz unter der nackten Brust und spannt den Hahn des Revolver. Er schießt aus nächster Nähe in Almas Herz. Sie stirbt sofort. Sylvia betrachtet die tote Schwester. Sie schaut Thomas an. SYLVIA Können wir sie aufs Bett legen? Thomas und Sylvia tragen den zarten, toten Körper aufs gemachte Bett und legen ihn in die Kissen. Sylvia gibt ihrer Schwester einen Abschiedskuss, legt sich neben sie und schaut Thomas an. SYLVIA Danke! Du bist... umwerfend! Sie zeigt auf die Stelle ihres eigenen Herzens. Thomas spannt den Revolver erneut und schießt. Sylvia ist sofort tot. Es ist sehr still. Thomas betrachtet die toten Mädchen. Er hört das Blut unterm Bett tropfen Was tun? Er lässt den Revolver fallen und verläßt das Haus. 55

VOR WOHNUNG THOMAS. STRASSE. 1969. - A/N

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Thomas tritt nervös aus dem Haus. Nacht liegt über der Stadt. Er schaut sich um. Kaum Licht, kein Verkehr. Thomas geht fröstelnd über die Straße rüber zu einem begrünten Platz. 56

BRACHE 1969. - A/N/T

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Thomas setzt sich auf eine Bank. Er atmet tief, schiebt die Hände unter die Achseln und schaut in den Mond. Thomas Augen füllen sich mit Tränen. Er schließt sie. Stille. Black. Zeitsprung: Der Morgen graut. Thomas wacht auf der Bank auf. Er merkt, dass es Morgen geworden ist. Er schaut seine Hände an. Kein Blut. Er entfernt sich.


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WOHNUNG THOMAS. 1969. - I/T

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Langsam nähert Thomas sich der Wohnungstür. Sie ist angelehnt. Wasser rauscht. In der Küche ist der Wasserhahn an. Er versucht ihn zuzudrehen. Vergeblich. Das Wasser rauscht und rauscht. Das Zimmer sieht so unordentlich aus, wie vor dem Besuch der Schwestern. Von den toten Mädchen fehlt jede Spur. Er hat den Mord geträumt und ist erleichtert. Thomas blickt auf den Zeitungsausriss. Ein Porträt des Mädchenmörders Brunke (Schlagzeile: “Brunke - Mord auf Verlangen?”). Er betrachtet Brunke. Der scheint sich für einen Moment zu bewegen. Zwinkert ihm zu. Thomas zuckt zurück. 58

WERK. FENSTER ZUM HOF 1969. - I/T

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Die Werkssirene jault. Thomas sieht am Fenster, wie Sylvia vom Abteilungsleiter zu einem Barkas geführt wird. Der graue Kastenwagen hat die Aufschrift: ‘Frischer Fisch auf jeden Tisch’. ABTEILUNGSLEITER Sylvia. Mach uns keine Schande. SYLVIA Bis bald. Der Fahrer des Wagens schaut zu Thomas hoch. Es ist Karl Brunke! REMSCHEID Weiber kommen und gehen. Schnaps bleibt! Thomas wendet sich um. Remscheid, der lautlos hinter ihn getreten ist, hält ihm eine Flasche Kirsch hin. Thomas nimmt einen Hieb aus der Flasche. Nein, er nimmt zwei. Black. 59

STRAUSBERGER PLATZ. WOHNUNG FAMILIE BRASCH. 1969. - I/T

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Thomas klingelt. Die Mutter öffnet im Unterrock und Thomas tritt ein. Er hält ihr ein Geschenk und ein paar mickrige Nelken hin. THOMAS Glückwunsch! Über das Gesicht der Mutter huscht ein Lächeln. Aus einer Tür kommt Marion gerannt. Thooomaaas! Sie springt auf seinen Rücken. Peter kommt mit Kippe im Mund aus seinem Zimmer und grüßt. THOMAS Ist Klaus da? Die Mutter schüttelt den Kopf. Sie schaut ihren Sohn an. Sie ist erschrocken über seinen Zustand. Die Kinder sehen zu. Die Mutter zieht sich ein Kleid an, welches schon mal besser gepasst hat. Thomas folgt ihr zur Küche. Der Gang der Mutter ist ‘federnd’. Peter signalisiert, dass sie schon einen ‘gezwitschert’ hat.


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THOMAS Feiert ihr nicht? MUTTER BRASCH Doch! THOMAS Wenn du wüsstest, wie mich diese Arbeit ankotDer Vater steht in der Küche und lässt Wasser ins Spülbecken. VATER BRASCH Tag Thomas! THOMAS (zur Mutter) Ich geh mal lieber wieder! MUTTER BRASCH Jetzt trinkste Kaffee mit uns!! VATER BRASCH So ich sag es nichts noch mal. Finger aus der Sahne und ab! Ab jetzt zum Umziehen! MUTTER BRASCH Hilfst du mir mal bitte? VATER BRASCH Ja. Natürlich, Schatz. Ist ja gar nicht so einfach. So. Wunderschön. Wunderschön. Die Mutter stellt sich mit dem Rücken zu ihrem Mann. Bevor er den Reissverschluss des zu engen Kleides etwas mühsam schließt, küsst er sie auf die nackte Schulter. Eine Berührung voller Zuneigung. Sie dreht sich um ihre eigene Achse, wie ein unbeholfenens Mannequin. Der Vater schaut sich das Kleid mit Kennerblick an, streckt den Daumen hoch und geht aus der Küche. THOMAS Geht er wieder Zigaretten holen? MUTTER BRASCH (leise) Du bringst ihn noch ins Grab! THOMAS Nee! Umgekehrt! Die Mutter stellt eine schöne Kirschtorte auf den Tisch, verziert diese liebevoll und holt dann Kaffee. MUTTER BRASCH Hörst du bitte mal auf damit! Was soll ich denn sagen, Thomas? Weißte, ich bin eigentlich Wien gewohnt! Dann kam der Krieg! Dann Cottbus! Und als Krönung: Neu-bran-den-burg! Jetzt hier! Verstehst du? THOMAS Nein!


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Die Mutter kommt mit Kaffee an den Tisch und Schnaps. MUTTER BRASCH Wir mussten türmen! Aus Wien! Alle! Resi, Lisl, ach, wie alle mussten wir türmen. THOMAS Ja und? MUTTER BRASCH Weißt du, mit der Zahnbürste haben wir Juden den Bürgersteig putzen müssen! Begreifst du das? THOMAS Bin ich jetzt auch dafür verantwortlich?! MUTTER BRASCH NEIN! Thomas. Nein. Aber was du auszuhalten hast, ist GAR NICHTS! THOMAS Da bin ich ja beruhigt. MUTTER BRASCH (nah) Also fang an, dich wie ein Mann zu benehmen! (gießt ein) Is was mit deinen Zähnen? THOMAS (bekümmert) Fallen aus. MUTTER BRASCH Warum das denn? THOMAS Gefängnisseife? Bohrmilch? Vitaminmangel? Der Vater kommt zurück mit Rosen. Thomas fixiert ihn. Der Vater legt die Rosen auf ein Brett. Er schneidet Dornen und bearbeitet die Stiele mit dem Fleischklopfer. Dann legt er sie behutsam ins Wasser des Spülbeckens, wo sie auf der Oberfläche treiben. THOMAS Hab ich mich eigentlich schon bedankt, bei dir?... Ich verdien jetzt richtig Geld! VATER BRASCH Eine Bewährung im sozialistischen BetriebTHOMAS Recht hast du: Menschen kann man überall studieren! Ich schreib einfach, wies is. VATER BRASCH Und, wie ist es? THOMAS Wie bei Gorki: Dreck, Verrat, Suff! Eben Sozialismus vom Feinsten! Macht echt Laune!


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Er will seinen Kaffee trinken, doch hält er plötzlich inne. Thomas notiert auf der Papierserviette: THOMAS (leise in Gedanken) ‘Vor den Vätern stirbt...’ Nee! Er schaut den Vater an. THOMAS Vor den Vätern sterben die Söhne. VATER BRASCH (vehement) Das ist nicht wahr! Der Jugend gehört die Zukunft. Dafür kämpfe ich. WIR! MUTTER BRASCH Und jetzt trinken wir erstmal auf meinenDie Mutter gießt Schnaps ein. Der Schlüssel dreht sich. KLAUS (ruft) Ich bins! (jubelnd) Hab die Schauspielschule bestanden! MUTTER BRASCH Geh’ Klaus! THOMAS (geballte Faust) YES! Der Peter, ein Schauspieler! KLAUS Mein lieber, du hattest Recht, Woyzeck hats gerissen. THOMAS Ein Schauspieler! Vati sagt auch: Uns gehört die Zukunft! VATER BRASCH (trocken) Aber nicht auf der Schauspielschule! THOMAS Manche fallen durchs Sieb von Vatis Zukunft. VATER BRASCH Klaus geht zur Armee, dann sehen wir weiter. KLAUS Ich geh nicht zur Armee. VATER BRASCH (zu Thomas) Das ist DEIN Einfluss... KLAUS Nein, das ist meine Entscheidung!


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THOMAS Ick konnte gar nicht einfliessen, Vati! Ick war im Bau. Und weißte auch warum? VATER BRASCH (ruhig zu Thomas) Das ist heute Mamas Geburtstag und du gehst jetzt, bitte! THOMAS Völker hört die Signale: Er bittet! Der Vater legt ein Rose ins Wasser. Die Hand zittert ihm. THOMAS (laut) Weißte, VATI, ich hätte dich gebraucht! So wie Klaus dich jetzt braucht!... Aber nein... Der Wille der Menschen will erst mal schön gebrochen sein... bevor der feine Herr PapaDie Mutter sieht, dass der Vater mit der Faust den Fleischklopfer fest umschließt. MUTTER BRASCH (kreischt) HÖRT AUF! Oder ich ruf die POLIZEI! Da ist es still. Pause. Kapitel 4: Wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber 60

BERLINER ENSEMBLE. KANTINE. 1973. - I/N Thomas trinkt am Tresen. Er sieht anders aus, als um ihn herum. Fertig. Traurig. Katarina kommt mit Freunden in die Kantine. Er sieht sie sofort. Sie den Tresen. Thomas grüßt zurück. Die Elevin kommt

60 die Menschen Vladimir und grüßen über auf ihn zu.

KATARINA Wo issn Sanda? THOMAS Eingeschlafen. Wat trinkstn? KATARINA Ick bin schwanger! THOMAS (mustert sie) Dann trinkst du eben für zwei! KATARINA (lacht herrlich) Gin Fizz! -- Ohne Gin! Vladimir ruft zu Thomas herrüber. VLADIMIR Bist du blau? THOMAS Nee. Ick bin rot.


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Thomas bestellt. Er ist ziemlich blau. KATARINA Und heute schon gefräst? THOMAS Fräsen war gestern! KATARINA Wat macht mein Stück? Er tippt an seinen Kopf. THOMAS Hier... Hier drin. KATARINA Na dann raus damit. THOMAS (auf ihren Bauch) Na selber erst mal raus damit! KATARINA Wat bistn du fürn Spieß? ‘N Kind is schneller erwachsen, als du drei Seiten schreibst. Wetten? Sie hält die Hand hin. Er schlägt ein. Er hält ihre Hand länger. THOMAS Von ihren Nägeln im Fleisch/ der Riß/ von ihren Zähnen im Fleisch der Biß... KATARINA (nah) Ick hab nen Mann. Nur, dass du’s weißt! THOMAS ...von ihren Lippen Blut/ auf der Zunge/ aus ihrer Lunge Atem/ in der Lunge. KATARINA Hör auf! Mir platzt gleich die Gebärmutter. THOMAS Ich liebe dich! KATARINA Ich heirate in vier Wochen! THOMAS Ich hätte Zeit! 61

WOHNUNG THOMAS FRIEDRICHSHAIN. 1973. - I/T/N

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Es beginnt eine schnelle Montage. Handkamera, dokumentarisch, rau. Das Wasser am Küchenhahn sprudelt noch immer, ununterbrochen. Thomas schreibt. Er schreibt ein Stück. Für Katarina. An der Wand steht eine Notiz: The Beatles - ‘Lovely Rita’. Er schreibt auf allen Vieren, mit Kuli auf Papier.


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THOMAS (V.O.) Mensch... Rita..., wenn ich morgen abkratze,/ wenn ich morgen wie ein Tier zwischen den Laken krepier/ denke ich: bleib bei deinem Mann, es ist alles ein Dreck... Thomas trinkt Wasser am Hahn. Er trinkt gierig, es spritzt. Er schlägt auf die Armatur. Aber das Wasser sprudelt weiter. Thomas sackt zusammen. Flash: Der Mund der Elevin. Sonne. Es ist Morgen geworden. Thomas dreht sich zur Seite. Da liegen viele beschriebene Blätter. An der Wand Che Guevara, auf dem Kissen Woyzek. Thomas nimmt den Kuli, kritzelt weiter. THOMAS (V.O.) ...Was willst du mit einem, der nichts Größeres hat/ als die Sehnsucht nach dem Irrenhaus/ Schafft mich rein schafft mich raus/ “Der bildet sichs ein, der will ein Irrer sein.”... Der Wasserhahn läuft. Thomas tritt nackt zur Spüle und pinkelt in den Strahl des Wasserhahns. Er kratzt sich die Lenden dabei. Thomas liegt auf dem Bett. Er schnurpst eine saure Gurke aus dem Glas. Trinkt Vodka und schreibt weiter: THOMAS (V.O.) ...Meine Hände riechen noch nach dir/ ich kotz und rotz wie ein gelbes Tier... Es ist wieder Nacht. Thomas trinkt und schreibt. Er rollt auf den Rücken. Zu beiden Seiten laufen ihm Tränen aus den Augen. THOMAS (V.O.) ...Die Frau interessiert dich, bis du sie hast oder./ Wer hat dir ins Gehirn getreten, Mann,/ daß du vergessen hast: Du brauchst, was du nicht haben kannst oder? Am stumpfen Spiegel im Bad sieht er sich wankend seine Zähne an. Sie sind fleckig und wackeln. Er fingert sich eine Gurke aus dem Glas. Aber es ist leer. Er trinkt die Tunke in einem Zug und spült den Mund damit. Thomas liegt auf seinen beschriebenen Seiten. Auch kleine Skizzen sind dabei: Theaterquerschnitte, Bühnenentwürfe. Thomas schläft. Es donnert an die Tür und sie geht auf. Noch ehe Thomas herangetreten ist, steht Katarina verdattert im Flur. KATARINA Oh!... Sorry. Tür war offen. THOMAS Schloss is im Eimer. Sie nickt. Was jetzt? Thomas sagt nichts. Soll wohl heißen: Komm rein. Die Elevin geht an der Küche vorbei. Da rauscht der Wasserhahn mit riesigem Druck ins Spülbecken. Sie läuft mit großen Augen in die Bruchbude. Das Zimmer sieht verwahrlost aus.


53.

KATARINA Ich war gerade in der Gegend... und... wollte fragen, ob du Lust auf Theater hast? THOMAS Der Zustand des Theaters ermutigt den Dramatiker Prosa zu schreiben. KATARINA Warum läuft denn das Wasser? THOMAS Hahn is kaputt. KATARINA Seit wann? THOMAS Seit Jahren. Thomas gießt ein: Rotwein. Katarina lehnt ab. Schwanger! Stille. Thomas trinkt in großen Schlucken. KATARINA Ist janz schön laut, dit Jeplätscher! THOMAS (nickt) Vor allem nachts! Katarina sieht einen alten Blecheimer als Papierkorb unter dem Schreibtisch. Sie nimmt den Eimer, stülpt ihn um, dass die Papiere fliegen und geht in die Küche zur Spüle. Thomas folgt ihr und sieht, dass sie den Eimer unter den Hahn stellt. Es plätschert noch lauter. Über der Spüle hängt ein s/w Foto eines Kindes. Die Elevin sieht es an. Thomas kommt näher. KATARINA Bist du das? THOMAS Nein... mein Sohn. KATARINA (strahlt) Dit kannst du also auch! Katarina hat Wasserspritzer auf der Bluse. Das Wasser gurgelt unvermindert schäumend in den Eimer. Und plötzlich, als der Wasserstand im Eimer den Hahn erreicht, verstummt das Geräusch. KATARINA (grinst) So. Jetzt könnte man sich unterhalten. Thomas kommt ganz nah. Sie küssen sich. Kurz und bissig. Black.


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PRENZLAUER BERG. HINTERHOF. 1973. - A/T

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Eine lustige Truppe junger Leute, unter ihnen Musikanten, kommt lachend durch einen Hausflur über einen großen Innenhof. Katarina läuft als schöne, schwangere Braut in ihrem einfachen Hochzeitskleid inmitten der Familie neben ihrem Bräutigam, Vladimir, dazu Sanda und die Eltern. Die laute Tanzmusik dringt in den Hof. Thomas steht halbverdeckt in einem Hausflur und beobachtet die angeheiterte Gruppe. Sanda entdeckt Thomas. 63

PRENZLAUER BERG. MIETSHAUS. 1973. - A/T

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Sie kommt nun direkt und von den anderen unbemerkt zu ihm. SANDA Was willst du hier? THOMAS Ich hab ein Geschenk! Unter dem Arm hat Thomas ein Bündel Papier in einer Mappe mit einem Strick zum Geschenk drapiert. So stürmt er nun Richtung Hochzeitsgesellschaft. Sie will ihn aufhalten. SANDA Bist du irre? THOMAS Ja! SANDA Das geht nicht! Die gucken schon! Tatsächlich! Sandas Vater sieht die beiden während der Auseinandersetzung. THOMAS Man darf das Publikum nicht langweilen, Sanda. Man muss es mit der Axt erwecken. SANDA Hau einfach ab, Thomas. Nicht heute, nicht hier! Sanda geht zurück in den anderen Hausflur und schließt als letzte die Tür. Thomas schiebt eine Teppichstange an eines der Fenster, klettert hoch und kann gestreckt in die Wohnung schauen. Er beobachet Katarina, wie sie mit Vladimir lacht, sieht am Nachbarfenster die Eltern rauchend das Buffet vorbereiten. 64

PRENZLAUER BERG. MIETSHAUS. INNENHOF. - A/N

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Es ist dunkel geworden. Thomas öffnet eine Schnapsflasche mit dem vertrauten Knacken des Verschlusses. Er trinkt und sieht in den Mond.


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Dann öfffnet sich ein Klofenster. Die Party ist dumpf zu hören. Er steigt auf eine Mülltonne hoch, erklimmt ein kleines Vordach. Doch als er gerade oben ist, geht das Fenster wieder zu. Er sitzt nun wieder am Boden, lächelt, weil er wieder Katarinas herrliches Lachen hört. Thomas legt das Geschenk neben sich, schließt die Augen, lauscht und beginnt zu träumen. Traum: Thomas schreibt ein Stück, mit schwarzem Filzer. Man sieht jeden Buchstaben nah. Er schreibt ‘R I T A : Was geht’s mich an!’ Thomas schreibt weiter und man merkt, dass das Papier, auf das er schreibt, kein Papier ist, sondern Haut. Er schreibt auf einem Rücken und arbeitet sich schreibend langsam zu den Beinen, den Armen, dem Bauch und der Brust. Kunstvoll entsteht auf dem Frauenkörper ein Kleid nur aus Schrift. KATARINA Hey, aufwachen! 65

PRENZLAUER BERG. MIETSHAUS. INNENHOF. - A/T

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Thomas schreckt hoch und versucht sich zu orientieren. Er liegt zusammengerollt neben der Aschetonne. Unter dem Kopf steckt das Geschenk. KATARINA Was machst du hier? Jetzt gewahrt er Katarina, die ihn mit großen Augen anschaut. Sie hat das Fenster zum Innenhof geöffnet, sitzt auf dem Fensterbrett über ihm. Thomas richtet sich auf. Der Körper ist steif gelegen. Er greift das Geschenk. THOMAS Ich hab dir ‘ne Rolle auf den Leib geschrieben! Thomas tritt an das Fenster und hält ihr den mit Schleife gebundenen Packen zum Fenster hoch. THOMAS Als Geschenk! Zur Hochzeit! Katarina schaut den Packen an. KATARINA Ne Rolle? THOMAS Ja! ‘Lovely Rita’! KATARINA Rita? Wat? N Stück? N janzet? THOMAS Das dich berühmt macht! KATARINA Für mich?


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Sie lacht erfreut und nimmt das Geschenk. Dann schaut sie von dem Packen auf Thomas, lächelt, schüttelt den Kopf. KATARINA Ick muss zur Probe! THOMAS Ich bring dich. 66

PRENZLAUER BERG. STRAßE/BRACHE. 1973. - A/T

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Thomas hat sich sein Fahrrad geschnappt und Katarina im Damensitz auf dem Gepäckträger. Sie lachen und eiern los. Die Sonne strahlt über dem morbiden Charme der Straßenschlucht. Kraftvoll fährt Thomas die schwangere Geliebte zur Probe über eine romantisch verwilderte Brache. Sie hält sich gut fest, der Fahrtwind geht ihr durchs Haar. Unterm Arm hat sie das Stück von Thomas. Sie wirken zu zweit sehr glücklich. Black. 67

WOHNUNG THOMAS UND KATARINA. SCHLAFZIMMER. 1975. - I/T

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Thomas erwacht vom Lachen eines Kindes. Katarinas Tochter sitzt neben ihm auf dem großen Bett und schaut ihn an. Er lächelt auch und tut nun gleichzeitig, was er der Kleinen kindgerecht erzählt: THOMAS “Es ist Morgen. Palle richtet sich in seinem Bett auf. Er will nicht länger schlafen. (er tut es) Es muss noch sehr früh sein, denn es ist so still! Aber die Sonne scheint ins Fenster,... Thomas streckt sich. - Schaut zum Fenster. - Die Sonne scheint. THOMAS ...und Palle ist ganz ausgeschlafen. Leise geht er durch den Flur zum Schlafzimmer. Er öffnet... Thomas ist aufgestanden. - Katarinas Tochter schaut ihn mit großen Augen an. - Thomas tut so, als käme er ins Schlafzimmer. Die Tochter kichert. THOMAS ...die Tür und sieht hinein. Dann geht er an Mamas Bett. Mama liegt nicht in ihrem Bett!... Thomas sucht Mama unter dem Kissenbezug. - Er findet sie nicht. THOMAS ...Palle geht zu Papas Bett und sieht hinein, aber Papa liegt auch nicht in seinem Bett!... Er durchwühlt die Betten. Dann kommt er ganz nah zu der Kleinen. THOMAS ...Wo sind Mama und Papa?”


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Plötzlich steht mit Baskenmütze und wehendem Mantel Katarina in der Tür. Sie hat das frischgedruckte Gedichtband “Poesiealbum” Nummer 89 in der Hand, wedelt damit triumphierend herum. KATARINA Jetzt biste fast so berühmt wie icke! Schau! Sie ist so stolz auf den Verfasser, so unbekümmert heiter über Thomas’ Erfolg und liest nun daraus: KATARINA (liest) Nacht oder Tag oder jetzt/ Will ich bei dir liegen/ Vom schlimmsten Frieden gehetzt/ Zwischen zwei Kriegen. THOMAS Gib ma her! KATARINA Hol’s dir! Thomas jagt sie durch die Bude. Er bekommt sie zu fassen, reißt sie in die Mitte des Zimmers. Da bleiben sie liegen. Auf dem Rücken. Die Welt steht Kopf. An der Decke klebt ein herrliches Panoramabild von Manhattan. Amerika!!! Katarina schreibt mit dem Finger die Skyline nach. Thomas betrachtet seinen Gedichtband. THOMAS Thomas Brasch, geboren am 19. Februar 1945 in Westow, North Yorkshire. KATARINA Die Welt wird dich lieben... THOMAS Ach, das sind n paar gedruckte Gedichte, damit ich ruhig bin. KATARINA Aber du bist jetzt veröffentlicht! THOMAS Ich bin jetzt 31 und sonst gar nichts! KATARINA Das wird sich ändern! Ich bin sicher. THOMAS Nichts ist sicher, Katarina. Nichts! KATARINA Meiner Liebe sei dir sicher! Thomas betrachtet sie nachdenklich. Nachdenklich und glücklich. Sie stützt den Kopf auf den Ellbogen, schaut ihn verliebt an.


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THOMAS (V.O.) (liest) Zuerst spürte ich seinen Kopf, der stark auf meine Blase drückte, und einige Minuten später den Schwanz, der in meinem Mund wedelte Ich wollte nicht darüber nachdenken,... 68

WOHNUNG THOMAS UND KATARINA. ZIMMER. 1976. - I/N

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Ein Lacher. Darauf mehrere Lacher. Katarina schaut zu Thomas. Er liest aus dem Manuskript VOR DEN VÄTERN STERBEN DIE SÖHNE. THOMAS (liest) ...wie der Wolf in mich hineingekommen war. Ich stieg in die Straßenbahn 63 und fuhr zum Krankenhaus Friedrichshain... Die Wohnung ist bis auf den letzten Platz voll. Leute stehen. GERIT, die junge Freundin von Klaus, stellt Vodka auf den Tisch. Thomas schaut sie seltsam verträumt an. Klaus wippt Katarinas Tochter auf den Knien. Alles ist voll blauem Dunst. THOMAS (liest) ...Die blonde Pförtnerin wies mir sofort den Weg in den Operationssaal. Ich legte mich auf ein Holzbrett und wartete auf den Arzt. Der Arzt schnitt mir den Bauch bis zum Hals hin auf und sah auf den Wolf. Der Wolf lag sehr ruhig. Katarina schaut zu Thomas. Sie ist so hingerissen von ihm, so glücklich. Er spürt ihren Blick und liest, nur für sie: THOMAS (liest) Wenn wir den Wolf aus Ihnen herausnehmen, werden Sie sterben, sagte der Arzt. Thomas erhebt sich. Gäste applaudieren. Musik. Die Stimmung ist ausgelassen. 69

WOHNUNG THOMAS UND KATARINA. KÜCHE. 1976. - I/N

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In einem Zimmer spielen Klaus, ein WESTLEKTOR und Thomas Skat, um Geld. Die Braschs mit Ostgeld, der Lektor mit Westgeld. WESTLEKTOR Dein Manuskript erscheint bei uns! 100%ig! THOMAS Toll! Aber zuerst kommt es im Osten raus! WESTLEKTOR Keine Chance! THOMAS Muss aber! Was soll ich in nem Land leben, wo die Leute meine Texte nicht lesen können?!?


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WESTLEKTOR Können sie doch! Es muss nur erscheinen und ob nun hier oder in Westberlin ist doch Stulle! Der Text findet schon seinen Weg über die Mauer. THOMAS Aber wo bleibt da unser Stolz!? Katarinas Tochter geht mit einem Kuchenblech herum. Alle helfen ihr und nehmen erfreut den Streuselkuchen entgegen. WESTLEKTOR Was sagt denn der Verlag in Rostock? KLAUS (zählt auf) “DDR-Jugend ist nicht so”, “Arbeitswelt grob verzerrt”, “Tod an der Mauer ist tabu”, “Mauer heißt Antifaschistischerschutzwall”WESTLEKTOR Da bleibt euer Stolz! Katarinas Tochter ist fertig und will raus. Thomas macht die Tür auf. Kurz hört man die Party: Musik und Gebrummel. Gerit, kommt in die Küche. Sie gibt Klaus einen Kuss, nimmt die Flasche mit dem Schnaps vom Tisch, dreht sich im Kreis und gießt allen nach. THOMAS Wisst ihr, warum sich Tauben nach der Landung immer einmal im Kreis drehen? WESTLEKTOR Weil sie geil sind? THOMAS Nein! Klaus zuckt die Achseln. Thomas schaut Gerit an. Kopfschütteln. THOMAS Sie schauen, wo die Stasi sich versteckt hält. Der Westlektor lacht in sich hinein. Klaus spielt sein Blatt. KLAUS Und Herz, und Herz, und Herz. Der Westlektor schüttelt den Kopf, holt sein Portemonnaie hervor und legt neues Geld neben sich. Thomas gibt Karten. WESTLEKTOR Überleg’s dir. Dein Text... der Alltag, all die Details, die Geschichten, wie du die Mauer siehst - das sind Enthüllungen. THOMAS Pff! Enthüllungen! Also hier weiß das jeder!


60.

GERIT (zu Thomas) Wo ist eigentlich Katarina? THOMAS Fragt wer? GERIT Ich. THOMAS Aha! (zu Klaus) Wie lange kennt ihr euch? KLAUS Was geht dich das an? THOMAS So lange sie nur Berichte über dich schreibt, geht es mich nichts an. KLAUS Was soll die Scheiße? THOMAS Frag sie! Klaus schaut irritiert zu Gerit. GERIT Der ist besoffen... (Stille) Ich hau ab. Thomas steht krachend auf und stellt sich vor die Tür. THOMAS Wenn du’s zugibst, darfst du gehen. WESTLEKTOR (empört) Thomas- ?!? THOMAS Du hältst dich raus. Schau schön zu, dann kannst du in deim Westverlag morgen früh prahlen, was de allet Schönet im Ostzoo erlebt hast! KLAUS Was soll das Tommy? THOMAS Interessiert’s dich nicht, wem sie alles erzählt, wie lang dein Schwanz ist? Thomas schaut die Freundin von Klaus an. Dann Klaus. THOMAS Sie sagt, ihre Eltern leben in Suhl? (Klaus nickt) Hast du sie schon mal gesehen? KLAUS Nein, aber-


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THOMAS Nicht mal ein Familienfoto? KLAUS Wir kennen uns seit vier Monaten, da tauschen wir nicht - Thomas!! Was soll das!? THOMAS Sie spricht aber keinen Thüringer Dialekt. Und: Sie hat immer bissl Geld. Warum? Warum? Warum? Klaus schaut seine Freundin an. GERIT Was? KLAUS Sag, dass das nicht stimmt. GERIT Was? KLAUS Na das! Gerit sagt nichts. Ihr Mund zuckt. Sie beginnt zu weinen. KLAUS (erschüttert) Sag - dass - das - nicht - stimmt! Die Freundin schüttelt heulend den Kopf. KLAUS Was? Nein? Oder Ja? GERIT Ich möchte gehen. THOMAS (sehr laut) Dann gib es ZU! Gerit ist zusammengezuckt. Dann: GERIT Das darf ich nicht. Stille. Thomas tritt zur Seite und öffnet die Tür. Gerit geht. Ruhe. Der Westlektor hat sich wahnsinnig erschrocken, über den Ton von Thomas. Klaus sitzt wie versteinert da. THOMAS Ich kannte einen Mann, der ist bei Regen nie aus dem Haus gegangen. Er hat behauptet, dass ihn Regen an den Tod seiner Mutter erinnert. Er hat mich sehr berührt. WESTLEKTOR Solche Sachen gibt es.


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THOMAS NEIN! Eben nicht! Er hatte einfach n Loch in der Sohle und wollt sich nicht die Füße nass machen! KLAUS Wie lange weißt du das? THOMAS Wie sie grade reingekommen ist und so beiläufig fragt, wo meine Liebste ist - da war ich sicher. Thomas schenkt Schnaps ein. Er nimmt den Kopf seines Bruders im Nacken und stößt ihn an seinen Kopf. THOMAS Klaus! Tauben drehen sich im Kreis, weil sie geil sind. Soviel steht fest! Wir hingegen, weil wir uns ständig vergewissern müssen. Der Westlektor rafft seine Scheine zusammen. Thomas hält die Hand drauf, nimmt das Geld und teilt es mit Klaus. THOMAS Auch wenn die Firma jetzt weiß, wer du bist: Für die Story musst du zahlen. WESTLEKTOR Von mir aus! Aber was macht dich denn so sicher, dass dein Buch hier erscheint? 70

VOR POLITBÜROGEBÄUDE. 1976. - A/T

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Thomas läuft an der endlosen Fassade des gesichtslosen Politbürogebäudes entlang. Durch einen imposanten Torbogen erreicht er den Haupteingang des Politbüros. 71

POLITBÜROGEBÄUDE. FOYER / BÜRO ERICH HONECKER. 1976. - I/T

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Thomas wartet in einem edlen Marmorfoyer. Der Sekretär öffnet die Tür zu Honeckers Büro. SEKRETÄR Herr Brasch? Der Genosse Staatsratsvorsitzende erwartet Sie! 72

BÜRO ERICH HONECKER. 1976. - I/T

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Thomas geht in das Büro von ERICH HONECKER. Der steht gedankenversunken mit dem Rücken zu ihm am Fenster. Selbst, wenn er sich zu Thomas wendet, ist das Gesicht im Gegenlicht nicht richtig zu erkennen. THOMAS Tach.


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ERICH HONECKER (erfreut) Tommy! Komm rein. Die Tür schließt sich hinter Thomas. ERICH HONECKER Mann, bist du gewachsen! Setz dich doch. Thomas setzt sich, verloren in einen der riesigen Sessel. 73

VORPLATZ HAUS DES LEHRERS. 1975 - A/T

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Vor dem imposanten Haus des Lehrers und der Kongresshalle quert eine Frau den Platz, bepackt mit schweren Einkaufsnetzen. Plötzlich bricht dieser kleine Mensch auf dem Vorplatz zusammen. Wenige Leute bemerken es und laufen zu der Gefallenen. Jetzt sehen wir im Detail, wie der Inhalt des Netzes sich ergießt. Eine Kirschsaftflasche ist zerborsten und der Saft läuft wie dunkelrotes Blut über den hellgrauen Steinboden.

ERICH HONECKER (V.O.) Wie gehts deinen Eltern? Mein Horst hat ja auch so ein Glück mit seiner guten Gerda, nich wahr! Jetzt erst entdecken wir das vom Leid gezeichnete Gesicht der Frau: Es ist Thomas Mutter Gerda Brasch. Über diesen Bildern weiter das Gespäch zwischen Honecker und Thomas.

THOMAS (V.O.) Mutter ist vor einem halben Jahr gestorben. ERICH HONECKER (V.O.) Oh..., das wusste ich gar nicht. 74

BÜRO HORST BRASCH. 1976. - I/T

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Großaufnahme des Vaters. Seine Augen werden wässrig, als über die Mutter geredet wird. Er schaut in einem anderen Büro versteinert auf die sich drehenden Spulen eines Tonbandgerätes, während die Stimmen von Thomas und Honecker etwas blechern aus der Mono-Box schallen. Neben dem Gerät sitzt teilnahmslos ein Beamter der Staatssicherheit mit ausdruckslosem Gesicht.

ERICH HONECKER (V.O.) Man man man! Dein Vater hat sich so gekümmert, wegen deiner Bewährung damals. Das du wieder rauskommst... Wie geht’s ihm? THOMAS (V.O.) Keine Ahnung. Wurschtelt sich so durch. ERICH HONECKER (V.O.) Tja: Vier Kinder! Da hat man zu tun, was!? Guter Genosse, der Horst, ...weiß, wo sein Platz ist. Thomas antwortet nicht darauf.


64.

THOMAS (V.O.) Hast du mein Buch gelesen? ERICH HONECKER (V.O.) Bestimmt hast du Talent, Tommy. THOMAS (V.O.) Darf es erscheinen? Der Vater schüttelt den Kopf und erwacht aus der Versteinerung.

ERICH HONECKER (V.O.) Natürlich nicht! (Pause) Tommy! Dafür sind unsere Bürger doch noch nicht reif! 75

BÜRO. ERICH HONECKER - I/T

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Thomas steht von seinem Sessel auf, geht in Türnähe. ERICH HONECKER Tja und bei deinem Talent sehe ich mich dann natürlich auch in der Pflicht... mich schützend vor dich zu stellen! THOMAS Ich will nicht beschützt, ich will gedruckt werden, meine Meinung sagen und gehört werden. ERICH HONECKER Glaub mir, ich versteh das. Du bist jung, du willst raus... in die Welt! Was verändern! THOMAS Das Buch wird erscheinen. So oder so. Kapitel 5: Wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber 76

WOHNUNG THOMAS UND KATARINA. KÜCHE. 1976. - I/N

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Thomas bewegt sich tanzend zu moderner Jazzmusik durch die Wohnung. Ist es Verzweiflung oder Ausgelassenheit? Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Katarina setzt sich ohne ein Wort. THOMAS Ist jemand gestorben? Jetzt sieht man, dass Katarina geweint hat. Zum ersten Mal ist diese frohe Person traurig. Unendlich traurig wie es scheint. KATARINA Ja... Rita. THOMAS Was?


65.

KATARINA Sie haben die Proben abgebrochen: Sprache zu drastisch. Nenenene. Den Bürgern der DDR sei das nicht zuzumuten. (ningelt) Mein schönet Stück. Thomas nimmt Katarinas Hände über dem Tisch. KATARINA Sie lassen mich nicht arbeiten. Thomas nickt. KATARINA Es ist alles so traurig... weil... weil es so lustig sein könnte. THOMAS Nicht weinen Katarina. Das haben sie nicht verdient. Thomas zieht sie näher zu sich, hält sie in den Armen. Black. 77

WOHNUNG THOMAS UND KATARINA. HAUSFLUR. 1976. - A/T

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Thomas öffnet den Briefkasten. Er ist leer. 78

WOHNUNG THOMAS UND KATARINA. KÜCHE. 1976. - I/T

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Thomas kommt in die Küche. Katarina sitzt da mit zwei FREUNDINNEN und schaut ihn fragend an. THOMAS Nix. Die lassen uns nie raus! Thomas winkt ab und setzt sich an die Maschine. Die Hände zittern. Er schaut auf den Text. Raucht. Angespannt. An der Wohnungstür wird kräftig ein vereinbartes Zeichen geklopft. Thomas erschrickt davon. Katarina steckt den Kopf ins Zimmer. KATARINA Soll ich aufmachen? Thomas nickt. Er macht den Fernseher erst an und dann laut für die Konspiration. Der Westlektor kommt herein. Er stellt Schnaps auf den Tisch. Thomas öffnet und trinkt sofort einen Schluck. Er hält den Finger vor dem Mund als Zeichen an den Lektor, still zu bleiben. Dann klappt Thomas ein Stück der Scheuerleiste von der Wand. Aus einem schmalen Hohlraum zieht er einen Umschlag (A4) hervor. Er entnimmt dem Briefumschlag einen Stoß Seiten. Der Westlektor hockt sich neben ihn und öffnet einen nagelneuen Stabilbaukasten. Thomas gibt das Manuskript dem Lektor. Die Tür geht auf: Katarina führt die zwei Freundinnen durch die Wohnung.


66.

FREUNDIN Wat issn mit dem Stuhl da? KATARINA Nimm mit. Der Westlektor legt das Manuskript zwischen die Anleitung des Stabilbaukastens und verschließt den neuen Karton wieder. FREUNDIN Wollt ihr jar keen Geld? KATARINA Wat soll n wir denn damit noch? Die Freundin nimmt sich den Stuhl. Sie gehen wieder raus. Die andere nimmt sich den hölzernden Garderobenständer mit. Sie lässt ebenfalls eine Flasche Wodka bei dem Paar stehen. THOMAS (zum Westlektor) Willst du dir auch noch was mitnehmen? Wir räumen aus! WESTLEKTOR Danke. Ich hab alles, was ich brauche! Black. 79

WOHNUNG THOMAS UND KATARINA./ HOF. STRASSE. 1976. - A/T

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Thomas stellt eine Stehlampe neben die Mülltonnen auf dem Innenhof. Dort versammeln sich einige von Katarinas und seinen Habseligkeiten. Ein Tisch, Sessel, auch viele Bücher. Alles noch gut. Zum Verschenken. Wie ein kleines trauriges Zimmer steht es da nun auf dem Hof. Thomas schließt den Briefkasten auf. Er findet einen Behördenbrief darin. Durch das Glas der Haustür sieht er die gegenüberliegende Straßenseite. Zwei wartende Männer sitzen dort in einem Wartburg und rauchen. Das Haus scheint gut beobachtet zu werden. 80

WOHNUNG THOMAS UND KATARINA. 1976. - I/T

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Thomas betritt, das Amtsschreiben lesend, die Wohnung. Sie ist nun fast leer geräumt. Die Matratze mit Bettzeug, der Schreibtisch, die Schreibmaschine, ein paar Stühle und wenige persönliche Utensilien sind noch geblieben. Stille. Ein Knacken. Die Diele knarrt. Der Ton ist hallig. Ist jemand in der Wohnung? Er nimmt sich eine Flasche als Bewaffnung und geht langsam durch die Wohnung. In der dunklen Küche liegt ein umgeworfener Stuhl. Ist da wer? Vom Deckenhaken der Lampe hängt ein Mann. Thomas eilt dem Mann zu Hilfe. Der Deckenhaken reißt ab und der Erhängte schlägt auf den Boden. Thomas dreht ihn auf den Rücken. Thomas schreckt zurück: Das bin ja ich! Black.


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Zeitsprung: Die Haustür wird aufgeschlossen. Katarina sucht unruhig Thomas in der Wohnung. Dann findet sie ihn. Nicht am Haken. Er sitzt mit dem grauen Brief in der Hand auf der Erde in dieser leeren Wohnung. KATARINA Wat issen? THOMAS Wir können gehen. Katarina weiß nicht, wohin mit ihrem Gefühl. KATARINA (lächelt vorsichtig) Sie lassen uns rüber?! (bewegt) Thomas... THOMAS (schaut auf) Sollen wir uns jetzt freuen? Katarina nickt, dann zuckt sie die Achseln, nickt wieder, schüttelt den Kopf, nickt, zuckt, schüttelt. Ton: Die Schreibmaschine klackert. THOMAS (V.O.) Vom weißen Leib den Rock, von der Hüfte die Haut,/ ziehe ich dir, und aus dem Gitter das Herz./ Weine nicht. Keiner ist haltbar gebaut./ Zeitsprung: Nacht. Viele Freunde sind in der verrauchten Wohnung - alle wollen beim Abschiedsbesäufnis dabei sein. THOMAS (V.O.) So gehen wir beide himmelwärts:/ Einander verkauft und verraten und für immer getraut./ Was schweigst du. Was ruft die Zeitung so laut. Umarmungen, Tränen, Küsse. Alkohol fließt. Alle sind geblieben. Alle haben alles gegeben. Getanzt, getrunken, geküsst. Viele Gesichter, aggressive Tanzbewegungen. Gesprächsfetzen. Zeitsprung: Mitternacht. Abmarsch! Thomas trägt die schlafende Tochter auf dem Arm. Sie hat einen Burattino in der Hand. THOMAS (flüstert) Ich gehe, du gehst, er geht, sie geht, es geht. Wir gehen, ihr geht, sie werden alle gegangen sein! Katarina drückt Freunde. Jetzt heulen alle. Ein Abschied für immer. KLAUS Die bauen die Mauer so hoch, bis sie glauben, dass man drin wohnen kann. THOMAS Klaus-


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KLAUS Ja ja. Ich komm schon klar! Klaus füllt zwei Wassergläser mit Vodka. KLAUS Versprich mir, dass du’s ihnen zeigst! THOMAS Gibst du Marion und Peter Bescheid. KLAUS (leise) Klar. THOMAS Pass auf die Kleinen auf, Sie trinken auf ex. Klaus zieht das Foto von Gladow aus der Jacketttasche und schreibt als Autogramm mit Filzer darauf: ICH! Klaus gibt Thomas das ‘Autogramm’. Der nimmt Klaus in den Arm. Die Tochter schaut verschlafen auf die heulenden Brüder. Klaus sieht, dass Katarina einen Ascher zum Mülleimer trägt. KLAUS Lass! Aufräum’ könnt ihr, wenn ihr zurück seid. Sie sieht ihn an. Klaus weint. Katarina gleich mit. Thomas stellt die Tochter auf die Füße. Klaus kriegt die Schlüssel. THOMAS Wir sehen uns! Klaus nickt und lehnt sich an seine Freundin Emma. KLAUS Das ist übrigens Emma. THOMAS (zu Emma) Hallo Emma! Wenn ihm was zustößt, töte ich nicht nur dich, sondern deine ganze Familie! Katarina nimmt ihre Tochter bei der Hand. Die Tochter nimmt Thomas bei der Hand. Totale: Das leere Ostberlin. Dokumentarische Nachtbilder von der Stadt: Dampfende Schornsteine, schwarze Antennenwälder auf den Dächern. Im Taxi: Der letzte Weg in der vertrauten Umgebung. THOMAS (OFF) (ausatmend) Ich oder wir oder du/... KLAUS (OFF) ...Denken ohne Gedanken/... KATARINA (OFF) ...Schließ deine Augen/...


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THOMAS (OFF) ...Siehst du die Städte schwanken? Thomas sitzt am Fenster der Wolgalimousine, wie damals als Kind auf dem Weg zur Kadettenanstalt. Sein Blick geht auf die verlassenen Straßen und trotzdem ins Leere. Black. THOMAS (V.O.) “Wie mir die zuständigen Staatsorgane der DDR mitgeteilt haben, ist es auf absehbare Zeit nicht möglich, den größten Teil meiner... 81

GRENZÜBERGANG FRIEDRICHSTRAßE(TRÄNENPALAST). A/I/N

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Möwen fliegen und kreischen fröhlich am ungeteilten Abendhimmel. Die riesige Glasfassade des Tränenpalastes ragt in den Himmel hinein. Im Tränenpalast werden an einem engen Schalter Thomas und Katarina mit ihrer Tochter auf dem Arm von dem argwöhnisch gelangweilten Blick eines GRENZERS gemustert. Sie haben ihre Dokumente durch die Scheibe geschoben und harren auf den Stempel. Als der niederkracht, lächeln sie. Sie können es kaum aushalten, diesen absurden Vorgang hinter sich zu lassen. THOMAS (V.O.) ...schriftstellerischen Arbeiten in der DDR zu veröffentlichen und zu verbreiten... 82

WESTBERLIN. BAHNHOF ZOO. 1976. - A/N

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Die drei Gesichter hinter der Scheibe eines S-Bahnwagons, Lichter jagen an ihnen vorbei, auf dem Weg von Ostberlin nach Westberlin. Thomas, Katarina und ihre Tochter stehen auf dem Bahnsteig unter der Glaskuppel des Bahnhofs Zoo. Gehetzt sehen sie aus, erledigt von der langen Nacht. 83

KUDAMM. 1976. - A/N

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Sie gehen vorbei an Schaukästen auf der funkelnden Prachtstraße: THOMAS (V.O.) ...Weil für mich öffentliche Auseinandersetzung mit meiner Arbeit lebenswichtig ist, sah ich mich gezwungen, einen Antrag auf Ausreise aus der DDR zu stellen. Diesem Antrag ist stattgegeben worden.” Sie schauen sich müde staunend in dieser Pracht der Lichter um. KATARINA So! Nu sind wir mit’m Kopp durch die Wand... THOMAS ...und stehen in der Nachbarzelle!


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WESTBERLIN. SZENEKNEIPE. 1977. - I/N

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Die Hütte ist brechend voll, die Release-Party ein Rausch! Neben Champagnerpyramide, Vodkatrommeln, Canapés liegt druckfrisch auf Stapeln Thomas’ Erzählungsband VOR DEN VÄTERN STERBEN DIE SÖHNE. THOMAS Wenn Sie noch einen Arm brauchen, sagen Sie Bescheid. Jetzt aber! KATARINA Heppa, heppa heppa! THOMAS Und Danke sehr. Zum Wohl. Vielen Dank. Hat's Ihnen gefallen? Ja? Sehr gut. Schön. Natürlich, aber schnell. FRAU Ich bin ganz berührt. Berührt! THOMAS Ach wie schön. Das geht ja direkt in mein Herz. Wenn Sie so was sagen, da stellen sich ja alle Haare auf. Schön! MANN Entschuldigung? Entschuldigungen Sie. Könnte ich ein Autogramm von Ihnen haben? THOMAS Später. Später. Ein Foto schnell noch. Sehr gut. Nächstes Mal mit Blitz. Der Westlektor zieht Thomas ins Vertrauen. WESTLEKTOR (flüstert) Der STERN will kurz mit dir reden. THOMAS Wenn das Wort ‘Dissident’ fällt, schlag ich zu. Der Westlektor führt Thomas zu einem REPORTER vor das Lokal. 85

WESTBERLIN. SZENEKNEIPE. 1977. - A/N Thomas raucht und zieht den Kopf in die Schultern. REPORTER Herr Brasch, hallo! Wie fühlen Sie sich, so frisch der Diktatur entkommen? THOMAS Die Vorgestern ‘Aufstand’ geschrien haben, sind heute zwei Tage älter! Der Reporter nickt, als hätte ihn große Weisheit berührt.

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71.

REPORTER Sie haben mit Freunden gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestiertTHOMAS Sie nicht? REPORTER Was? Doch! AberTHOMAS Wie denn? REPORTER Unsere Leser wird kaum interessieren, was ichTHOMAS Dann machen Sie was anderes! REPORTER Wieso... denn? THOMAS (wendet sich ab) Wer nie sein Brot im Bette aß, weiß nicht wie Krümel pieken! REPORTER Wie sehen sie heute die DDR? THOMAS Der Staat, den ich verlassen habe, ist ein Staat gewesen, der mir sehr nah ging. Mit Tritten und Behutsamkeit! REPORTER Sie solidarisieren sich also mit der DDR? THOMAS Vielleicht stellen Sie sich einfach eine Frau vor, damit Sie’s begreifen. REPORTER Wie jetzt? THOMAS Na, wenn sie aus nem intimen Verhältnis zu ner Frau, mit der Sie miese und schöne Erlebnisse hatten, weggehen und zu der Frau auf die andere Straßenseite ziehen, machen Sie doch auch nicht das Fenster auf und rufen, da wohnt ne Sau. REPORTER (verunsichert) Verstehe. - Gestatten Sie mir noch eine Frage! THOMAS Wenn Sie mein Buch gelesen haben! Thomas lässt den Mann stehen und geht wieder rein.


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WESTBERLIN. SZENEKNEIPE. 1977. - I/N

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Thomas sucht Katarina mit Blicken und sieht sie. Sie ist wunderschön und im Gespräch! Thomas wedelt mit einem kleinen Tütchen: Koks! THOMAS Hier: Meine erste West-Gage! KATARINA Ja, Mensch! Alle wollen einem was schenken!?! THOMAS Aus Mitleid! Die denken, wir kommen aus’m größten Knast der Welt. KATARINA Ne, ne, ne. Das soll mal schön so bleiben. Ick lieb Jeschenke! Aber was das Geilste is: In zwei Stunden hab ich drei Engagements angeboten bekommen. THOMAS In Berlin? KATARINA Überall. Ein REGISSEUR kommt freudig auf sie zu. REGISSEUR Lovely Rita! Wie schön! Endlich! Ich habe kaum zu träumen gewagt, Sie, Katarina, persönlich zu treffen! Hätten Sie eine Minute? Katarina schaut Thomas vielsagend an und beugt sich an sein Ohr. KATARINA (flüstert) Versprich mir, dass duTHOMAS (flüstert) Auf ewig! Auf ewig, schönste Rita! 87

WESTBERLIN. SZENEKNEIPE. KLO. 1977. - I/N

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Thomas zieht die Tür zum Herrenklo hinter sich zu. Die Party wummert. Thomas legt eine Linie Koks auf die Ablage unter dem Spiegel. Er rollt einen Hunderter der DDR mit Marx darauf. Thomas zieht eine Linie. Thomas muss sich direkt abstützen. Es ist die Begegnung mit der absoluten Freiheit. Er scheint zu bersten, vor Kraft und Wut. Die großen Augen treten hervor. Sein Kopf platzt! PENG!


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NEW YORK. OFFTHEATER. SAAL. 1977. - I/N

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Freiheit! Der kleine Thomas läuft wie eine aufgezogene Spielzeugmaus im extrem beschleunigten Zeitraffer durch das nächtliche New York: Viele kurze Schnitte, trickfilmartig. Am Ende landet er in einem Offtheater in East Village. Ein alter Art Deco Theatersaal, der schon bessere Zeiten erlebt hat, viel Patina und viel Rost, aber auch sehr viel Charme in der Architektur. In großen Buchstaben steht an der Bühne der Name THOMAS BRASCH. Gutgelaunt, umgeben von Fans, sitzt Thomas am Tisch und signiert sein Buch. Der letzte in der Reihe ist ein großer, weißer, edler Mann, der weltberühmte Künstler-Agent Robert LANTZ. LANTZ (dt. mit amerik. Akzent) Sie sind tatsächlich da! Thomas Brasch! Mein Name ist Robert Lantz und ich möchte Ihnen ein Angebot machen. THOMAS (engl.) Ich bin aber schon vergeben. Lantz lächelt. LANTZ (engl.) Darf ich Sie auf einen Drink einladen? Thomas schaut den Fremden an und dann zur Bar gegenüber. THOMAS Vodka. LANTZ (dt. mit Akzent) Wie finden Sie New York? THOMAS (lächelt) Eine Reise wert! Sie verlassen die Bühne und gehen Richtung Bar. LANTZ Dann beantworten Sie mir doch bitte eine Frage: Sollte einer immer das machen, was er kann, oder sollte er auch mal das machen, was er nicht kann? Lantz ordert zwei Vodka bei der Barfrau MIMI, eine schlanke und sehr reizende Amerikanerin aus Nigeria. Musik im Hintergrund. THOMAS Ich mache am liebsten, was ich nicht kann! LANTZ Das dachte ich mir! Wie wäre es, wenn Sie zur Abwechslung mal etwas machen, das Sie können!? THOMAS Zum Beispiel?


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LANTZ Schreiben. Einen Roman. Über Sie - Für mich. THOMAS Ich schreibe für niemanden, außer für mich. Danke für den Drink! LANTZ Aber nicht doch! Ich bin der Beschenkte! Mimi, the same again please. Die Barfrau nickt. Thomas zuckt die Schultern. LANTZ Herr Brasch! Ich sehe einen großen Roman! Sie waren im Gefängnis, sind Jude, Kommunist, Autor! THOMAS Und Sie? Sind Sie Sklavenhändler? LANTZ Sie müssen das aufschreiben! Ihre Biografie istTHOMAS Mein Leben steht nicht zum Verkauf. LANTZ Denken Sie darüber nach! THOMAS Was wär’s Ihnen wert, dass ich darüber nachdenke? LANTZ (wie aus der Pistole) Hunterttausend! Dollar! Thomas starrt ihn an. Er ist völlig baff! Auf eine Serviette schreibt Lantz eine Adresse, schiebt sie zu Thomas herüber. LANTZ Sie sind also interessiert? (Thomas schweigt) Hier. Das ist Ihre neue Adresse direkt am Centralpark. Sie können sofort einziehen! Nur eine Bedingung: Jede Woche Freitag bekomme ich 20 Seiten ihres Romans. Und Sie bekommen im Gegenzug jede Woche Freitag 4000 Dollar und... die Schlüssel. Lantz schwenkt einen Schlüssel. LANTZ Sie brauchen nichts mitzubringen - außer Zeit. THOMAS (stutzt) Zeit? LANTZ Ja! Ich kaufe Zeit!


75.

Thomas raucht stumm, antwortet nicht. Ab und zu flirtet er mit Mimi, um der Direktheit von Lantz zu entfliehen. LANTZ Und? THOMAS Ich gebe Ihnen Bescheid, sobald ich in BerlinLANTZ Sie werden nicht mehr nach Berlin fliegen, bevor der Roman fertig ist. Deal? Thomas verzieht keine Mine. In ihm arbeitet es. THOMAS Wissen Sie, ich möchte mich nicht entscheiden müssen zwischen: Was ich kann und was nicht. LANTZ Ich rieche Angstschweiß! THOMAS Ich bin keine Erfindung, Herr Lantz. Ich bin Erfinder! Mein Leben an sich ist nichts. LANTZ Bitte? Sie sind der heißeste Scheiß seit Truman Capote! THOMAS Ja? Wer bin ich denn? Lantz hält ihm das signierte Exemplar von Thomas Erzählungsband: VOR DEN VÄTERN STERBEN DIE SÖHNE hoch und liest den Einband. LANTZ (dt. mit Akzent) THOMAS BRASCH, geboren 1945 in England... Jude... 1947 Übersiedlung ins Gebiet der DDR. Kadettenschule der NVA... 1967 Filmhochschule, Exmatrikulation wegen ‘Verunglimpfung führender Persönlichkeiten’... 1968 Verurteilung zu 2 Jahren und 3 Monaten Gefängnis wegen ‘staatsfeindlicher Hetze - das müssen Sie jetzt schreiben. Mimi! Another Vodka for Mr. Thomas Brasch. Mimi nickt. Lantz schaut Thomas offen an und streckt ihm die Hand hin. Thomas muss lachen. Dann schlägt er ein und Lantz geht. MIMI (engl.) Ich mach auch am liebsten, was ich nicht kann! Die Barfrau schaut Thomas offen an. Sie macht das Licht in der Bar aus. Es ist spät. Zeitsprung: Im dunklen Saal, in den leeren Theaterreihen sitzend, Mimi und Thomas wild diskutierend.


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NEW YORK. PARK. / WOHNUNG THOMAS UND KATARINA - I/N/A/T

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Thomas erwacht am Morgen durchgeglüht auf einer Bank im Central Park. Er richtet sich auf, betrachtet die Umgebung. Er versinkt in Gedanken an das entscheidende Telefonat mit Katarina. Parallel sehen wir im Bett sitzend Katarina, nachts in Berlin. THOMAS Hi, this is the one and only Thomas Brasch calling from New York. Katarina, ich hab `n Angebot bekommen... KATARINA (freut sich) Ok!?! THOMAS Dafür muss ich aber ne Weile hier bleiben! Ein Roman, ich weiß nicht... KATARINA Roman? Aber das ist doch cool! THOMAS Ja... aber... Meinst du, ich soll das machen? KATARINA Klar! Warum nicht? Die Verbindung wird schlechter. Sie verstehen sich kaum mehr. THOMAS Naja ich bin nicht sicher... KATARINA Thomas?... Thomas?

THOMAS Katarina?... Katarina?

Katarina legt irritiert den Hörer auf. KATARINA Thomas - man was ist das denn jetzt hier? Hallo? Kannst du noch mal anrufen? THOMAS Scheiße. 90

MANHATTAN. CENTRAL PARK. WOLKENKRATZER. 1977 - A/T

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Thomas schaut hoch zu dem luxuriösen Wolkenkratzer direkt am Central Park. Er steht an den goldenen Klingelschildern und sieht auf den Schlüssel in seiner Hand, der dann plötzlich in den Gulli fällt. Thomas sitzt schon im Taxi. Die Wolkenkratzer spiegeln sich auf Thomas’ müdem Gesicht. Ein Bild wie am Anfang des Films auf dem Weg in die Kadettenanstalt. INTERVIEWER (OFF) Sie fühlen sich ausgebeutet?


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WOHNUNG VATER BRASCH. FERNSEHMONITOR S/W. 1978. - I/T

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TV: Die Einstellungen auf Thomas` Gesicht sind nah. Er wirkt gereizt, aber konzentriert. Den INTERVIEWER sieht man nie. Man hört nur seine Fragen. Thomas’ Vater sitzt gemütlich mit Marion auf dem Sofa vor dem Fernseher und sieht seinen Sohn im West-Fernsehen. THOMAS ‘Ausgebeutet’ ist vielleicht das falsche Wort, aber natürlich benutzen Sie mich, um andere Leute zu unterhalten. Unterhalten gar nicht im schlechten Sinn. Also: Sie sind der Kellner, die Fernsehzuschauer sind die Gäste, und ich bin das Schnitzel. (lächelt) Die Frage ist nur, ob Sie es so zubereiten, dass es auch schmeckt. Der Vater lacht. INTERVIEWER Dass es nach Schnitzel schmeckt? THOMAS Dass es nach Schnitzel schmeckt! INTERVIEWER Das heißt, dass es so ist, wie Sie sind. THOMAS Nee! Dass ich so bin, wie Sie sich vorstellen, dass ich bin. INTERVIEWER Nein, nein ich habe keine Vorstellung. Ich will nur, dass Sie nach sich selber schmecken. THOMAS (Pause) Sagte der Menschenfresser! 92

CHARLOTTENBURG. WOHNUNG THOMAS UND KATARINA. 1978. - I/T Der Fernseher geht aus. Katarina sitzt davor. Thomas tigert rauchend durch das Zimmer. Auf und ab und auf und ab. KATARINA Ich versteh dich nicht. Erklär’s mir. Erst haust du ab, weil du nicht schreiben darfst, jetztTHOMAS Die schlachten mich aus und wollen von mir immer nur hören, was sie denken, was ich bin: Dissident, Ministersohn, Jude, ehemals Inhaftierter, was weiß ich. Ich bin doch keine Ware!

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78.

KATARINA Aber du hast doch in der Hand, was du schreibst! Ich meine, so n Angebot... New York... schreiben... hunderttausend Dollar! THOMAS Suhrkamp bietet das doppelte! KATARINA Wat??? THOMAS Ich will aber einen Film machen! In Berlin! Über Gladow! Mit Klaus. Und dir! Über alle Grenzen hinweg! Durch und durch verbrecherisch! KATARINA N Film? Geil! Aber n verbrecherischer Roman über dich wäre auch geil! Thomas rollt eine große Karte von Berlin mit roten Kreuzen aus. THOMAS Schau mal hier: Das sind die Tatorte der GladowBande. In ganz Berlin. Ost und West. Und ich geh an alle Orte und komme so wieder in den Osten. Und Klaus spielt mit und kommt hier herin den Westen. KATARINA Find ick schau! Ick muss aber jetzt nach Wien! Thomas schaut auf. Katarina hat ihre Tasche gepackt. KATARINA Aber ich bin in ner Woche wieder da! THOMAS Wann kommt die Kleine heute aus der Schule? KATARINA Wie immer! THOMAS Na gut! 93

CHARLOTTENBURG. WOHNUNG THOMAS UND KATARINA. 1978. - I/T/N

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Das Geräusch einer geschnieften Koks-Linie. Thomas kommt vom Waschbecken hoch und erscheint im Ausschnitt des Badspiegels. Er schaut sich mit großen Augen an. Die Nasenflügel sind gerötet. Thomas geht durch die Wohnung und öffnet die Türen. Er fröstelt. In der Küche sitzen FREUNDE und plaudern, darunter der Regisseur aus der Szenekneipe. Thomas verschwindet im Arbeitszimmer und schließt die Tür. Auf seinem Schreibtisch liegen anstelle der Schreibmaschine 100000 Mark gebündelt in kleinen Scheinen. Das Telefon klingelt. Thomas geht ran, aufgeregt:


79.

THOMAS Endlich! Wo bist du? Wann kommst du? Stell dir vor: Suhrkamp hat 100000 geschickt! Die wollen den Roman über mein Leben. Mach ich aber nicht! Ich hab ja nicht mal n Leben! KATARINA Wieso denn? THOMAS Wieso, WIESO? Na weil du nie hier bist!!! Man! Katarina protestiert undeutlich. KATARINA Mensch thomas. In ein paar Wochen bin ich wieder zurück! Sind wirklich tolle Kollegen hier am Burgtheater... THOMAS Pffff! Das ist verkommene Staatskultur.... Thomas kritzelt an die Wand, wo schon Notizen stehen. “Kluge Kinder sterben früh::: GLADOW!” Aus der Wohnung sind Partygeräusche zu hören. KATARINA Was ist das für ein Radau bei dir? THOMAS Ach ‘n paar Freunde... KATARINA (ungläubig) Freunde? Man hört Katarinas Stimme, ohne zu verstehen, was sie sagt, da Thomas wie ein Wasserfall redet. Thomas, dem kalt geworden ist, hüllt sich in eine Kamelhaardecke. THOMAS (Protest!) Ich hab denen nicht versprochen, dass sie den Roman kriegen. Die zahlen dafür, dass ich drüber nachdenke. Und das hab ich hiermit getan!!! - Damit waren das die schnellsten 100000 WEST-Mark, die ich je verdient hab. So! Der befreundete Regisseur kommt ins Arbeitszimmer. REGISSEUR Kaffeepulver is alle! Thomas nimmt einen Fuffi vom Geldstapel und reicht ihn dem Regisseur. REGISSEUR Bist du krank? THOMAS Nee mir is nur kalt.


80.

KATARINA (OFF) Mit wem sprichst du denn da? REGISSEUR Müssen wir die Heizung aufdrehen. THOMAS Nutzt nix. Mir is immer kalt! REGISSEUR Geh doch mal raus! Sind dreißig Grad draußen. THOMAS Nee nee. Ich muss arbeiten... Katarina, bin wieder dran. Katarina? Katarina hat längst aufgelegt. Zeitsprung: Inzwischen ist es dunkel geworden. Thomas sitzt mit der Decke über der Schulter an der Schreibmaschine. Er hackt auf sie ein, reißt Papier heraus, streicht Worte, korrigiert. Schreibt weiter. Black. Zeitsprung: Thomas geht aufs Klo. Im Vorbeigehen hört er im großen Zimmer Gelächter und Musik. Eine Party ist im Gange. Auf dem Klo sitzt eine halbnackte junge Frau, DODO, und pinkelt. Ihre Haare sind kurz und zerzaust. DODO Hey! THOMAS Hey! Thomas nimmt sich aus dem Schrank ein Tütchen mit Koks. DODO Dir gehört die Bude? THOMAS Besitzer gibt’s nich mehr! DODO Dann gib mir doch was ab, wenns keinem gehört. Thomas schaut Dodo an. Er schaut von oben auf die sitzende Frau. DODO (lächelt) Ich gehör auch keinem. Black. Zeitsprung: Thomas erwacht. Er steht nackt auf, schaut sich um. Er geht durch die Wohnung. Niemand ist mehr da. Thomas trinkt Wasser. Auf dem Tisch liegt die Polaroidaufnahme (SX 70) einer buschig behaarten Scham. Darunter steht “Der Ursprung der Welt”. Thomas riecht an seinen Fingern. Er lächelt.


81.

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CHARLOTTENBURG. 1978. - A/T

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Thomas tritt auf die Straße. Die Sonne blendet ihn. Niemand ist zu sehen. Er setzt eine große Sonnenbrille auf. Er überquert eine trostlose Kreuzung. Die Stadt ist wie ausgestorben. 95

SCHILLERTHEATER. VORPLATZ. BÜHNE. 1978. - I/A/T

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Thomas kommt am menschenleeren Platz vor dem Schillertheater an. Ganz groß steht da: BRASCH - Lovely Rita. Thomas geht durch die Bühnentür zur Backstage und hört die Proben. Er betritt die Hinterbühne. Durch die Gasse sieht er die Schauspielerin, JUTTA, zusammen mit Katarina proben. JUTTA Ich träum noch immer, dass wir wieder drinnen sind. Ich sitze auf dem Hocker und zähl die Karos auf den Kissen... Thomas schaut suchend auf die Zuschauerplätze, wo der Regisseur sitzt. Hinter dem Regisseur sitzt: Er selbst, Thomas! THOMAS Selbst die werden nicht reichen, um dir begreiflich zu machen, dass es einen Unterschied zwischen gefügig und gefühlt. Das begreift ihr einfach nicht, diesen Unterschied. Perspektivwechsel: Thomas redet auf den Regisseur ein. Den nervt das. Thomas gefällt absolut nicht, was er auf der Bühne sieht. THOMAS Mir is dein Etatgeschwafel pillepalle! Entweder das wird n Hit, oder wir können einpacken. REGISSEUR (leise) Ich bin nicht der Typ, der Budgetgrenzen ignoriert. Versteh mich nicht falschTHOMAS Nee! Ich versteh dich gar nich. Wie alt bist’n du? 90? Such dir n Friedhof! (aufs Textbuch) Das ist Sprengstoff, wenn die Lesart stimmt. REGISSEUR Und die Besetzung! THOMAS Vor allem die Besetzung der Regie! Kurz huscht ein Schatten auf der Bühne, wo er eben selbst noch war. Thomas steht auf. Der Regisseur schaut ihn verunsichert an. THOMAS (ruft) Sag mal. So Jutta... Jutta! Das ist n Text und kein Kaugummi.


82.

Katarina steht neben Jutta. Die unterbricht. REGISSEUR Thomas, lass uns das nachherTHOMAS Was heißt NACHHER? Jetzt ist ProbeREGISSEUR Aber die geben sich doch Mühe. THOMAS Wie ich das hasse: ‘Mühe geben!’, (äfft nach) ‘Die Schauspieler gaben sich Mühe.’ Ekelhaft! JUTTA Du, Thomas, ich versteh’ dich ja, aberTHOMAS (laut) DU Jutta, das Geduze kannste dir direkt in deinen Stahlhelm stecken. DU sollt den Text sprechen und nicht dein Frühstück rülpsen! Jutta beginnt zu weinen. Das nervt Thomas. THOMAS Was ist so schwer daran? Jetzt fängt die schon wieder an zu heulen. KATARINA Ich geh lesen! Katarina verschwindet. Der Regisseur wird wütend. REGISSEUR Holst du Jutta mal einen Kaffee? Weißte, wieviele Autoren froh wären, wenn ihr Mist hier geübt wird würde? Demut wäre angesagt! THOMAS Ich kann dir eine reinhauen, aus Demut! REGISSEUR Manche vertragen Koks - manche nicht! THOMAS Manche wissen, was ein Text ist - manche nicht! REGISSEUR Manche können schreiben - manche nicht. THOMAS Schreiben ist leicht. Aber lesen, lesen müsste man können! Habt ihr scheinbar nie gelernt! REGISSEUR Dann geh doch zurück in’ Osten, wenn wir hier-


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Thomas hebt ihn am Schlafittchen hoch. Der Regisseur geht zwischen den Stuhlreihen zu Boden. Jutta schreit auf. JUTTA (tickt aus) Ich hab’s genau gesehen! Du Schwein, du, du- Wenn du denkst, du kannst hier deine stalinistische Art weiterleben, täuschst du dich! Thomas wendet sich euphorisch der Schauspielerin zu. THOMAS Jutta! Die Sonne geht auf. Herrlich. SEHR GUT! Jutta! Zum ersten Mal hast du bissl Temperatur. Und jetzt dasselbe mit Text! Das Licht geht an im Saal. Der INSPIZIENT tritt auf die Bühne. INSPIZIENT Die Probe ist beendet! THOMAS Von wegen! Sie fängt gerade anINSPIZIENT Hiermit spreche ich Ihnen ein Hausverbot aus! THOMAS (V.O.) Der Tote mit aufgerissenem Auge/ hat weiße Strümpfe an./ Black. Kapitel 6: Wo ich sterbe, da will ich nicht hin: 96

CHARLOTTENBURG. WOHNUNG THOMAS UND KATARINA. 1980. - I/N

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Thomas schreibt auf einen Spiegel an einem Vers. THOMAS (leise) Die Straße liegt still, ein heller Morgen:/ so fangen die traurigen Tage an. Er trinkt einen Schluck. Er streicht ein Wort aus. THOMAS (zu sich) Was ist besser: Die ‘traurigen’, oder die ‘schönen’ Tage? GLADOW Ganz klar: Die schönen Tage! Thomas dreht sich abrupt um. Klaus als GLADOW hockt neben ihm. THOMAS (erstaunt) Gladow!... Gladow legt ihm eine ellenlange Kokslinie durch das Zimmer.


84.

GLADOW Kannst du mir ma erklären, warum du immer nur vom Töten schreibst? Thomas schnieft die Linie und schaut Gladow mit großen Augen an. THOMAS Mich interessiert das Töten nicht. Mich interessiert nur diese mörderische Welt. GLADOW Aber besser du tötest sie, als sie dich! KATARINA (ruft) Redest du mit mir?... Thomas? Katarina schaut zur Tür rein. Thomas stiert sie an. THOMAS Ah die Katarina. KATARINA Allet in Ordnung? THOMAS Lady McBrasch. Mein Name ist Thomas McBrasch, wenn ich mich vorstellen darf. Schön, dass sie auch mal wieder da sind. Thomas nickt. Dann legt er eine Platte auf. Musik. KATARINA Wie weit bist du mit dem Drehbuch? Mach mal die Musik leiser. THOMAS Ne warte mal! Hör mal zu! Es ist alles um uns. Der geteilte Himmel. Die geteilt Stadt. Die Reichen und die Armen. Der Staat und seine Untertanen. Die Ungerechtigkeit und das Verbrechen als letzte Chance... KATARINA Jetzt mach doch mal die Musik leise! THOMAS Ich mach die Musik leise. Thomas greift den Plattespieler und wirft ihn auf den Boden. THOMAS So könnte man sich ja mal unterhalten. KATARINA Ich frag, weil ich planen muss. THOMAS Ja du. Du musst planen! Immer, immer, immer!


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KATARINA (wütend) Du könntest doch genausoviel machen! THOMAS JAAA. Wenn sie den Film finanzieren würden! KATARINA Schreib doch den Scheiß-Roman! THOMAS Wie oft denn noch: Ich will das nicht! KATARINA Bin ich mir nicht mehr so sicher! THOMAS Was? KATARINA Ob du nich willst. Oder nicht kannst! Thomas schaut sie entsetzt an. Katarina merkt, dass sie ihn verletzt hat und ringt mit sich. THOMAS Die schönsten Tage. KATARINA Thomas. THOMAS So fangen die schönsten Tage an. Nicht traurig. KATARINA Ich muss zum Drehen!... Ungeschickt legt sie zum Abschied ihre Hand auf den Kopf von Thomas, etwas zwischen Zärtlichkeit und Abweisung. THOMAS Da gehen die schwarzen Nächste weg. Was bleibt? Im Hirn der kleine weiße Fleck. Das schneit Kinder, das schneit. Zeitsprung: Die Musik ist wieder sehr laut. Thomas telefoniert mit Klaus. THOMAS Ja, ich bin dran.

KLAUS Hey, vielleicht lassen sie mich rüber!Und so wie ich gesagt habe: legal. Und weißt du wieso? Weil "Solo Sunny" an der Berlinale läuft! Und ich hol mir den Preis schön persönlich ab! THOMAS Preis? Was denn für einen Preis?


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KLAUS Na der an der Berlinale! THOMAS Bist du wieder besoffen? Klaus! Hör mir zu. Geh vom Fenster weg, ja?... Geh wieder in dein Bett... Leg dich hin. Die ganze Zeit klopft jemand aggressiv an die Tür. Thomas ignoriert das Klopfen. Er reißt einen Zeitungsartikel aus und klebt ihn an die Wand: “Gladow der Al Capone mit dem Bubigesicht”. Der Blick ‘lebt’. THOMAS Bringst du mir Zigaretten mit!? Karo!!!

KLAUS 100 Pro. Und was macht unser Film? THOMAS Läuft! (Pause) Der Film wird grandios! Verbrechen als Widerstand...Zwar noch keine Kohle, aber deine Rolle hast du sicher!

KLAUS Bin ich doch zu alt für. THOMAS Zu alt? Na, zum Glück bin ich der Regisseur und ich weiß, dass du nicht zu alt bist. Du redest doch so einen Käse. Du weißt doch, wir schaffen das.

KLAUS Thomas? Thomas? Thomas, wo bist du? Thomas? Es klopft lauter. Thomas legt den Hörer ab und macht die Musik leise. Er schaut auf ein Foto: Das Bild von Gladow, das Klaus ihm gegeben hat, ICH. Er geht wütend zur Tür, reißt sie auf. PESCHKE (62) ein untersetzter Hauswart steht vor ihm. PESCHKE Ich ermahne Sie, wegen fortgesetzter RuhestTHOMAS (aggressiv) Sie haben mir gar nichts zu sagen! PESCHKE Der Vermieter hat mich ermächtigt, im Haus für OTHOMAS JAAAA! Und der Oberjägermeister hat Typen wie Sie vor 40 Jahren schon mal ermächtigt! Thomas beugt sich vor und schaut Peschke tief in die Augen. Nah: THOMAS Erstaunlich!


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PESCHKE (bange) Was denn?! THOMAS Diese Augen haben Auschwitz gesehen. Thomas schlägt die Tür zu. THOMAS (V.O.) ...und aus tausend Häuserwunden/ Blut noch heute alle Stunden/ Unterm Pflaster seufzt und stöhnt/ Totes das sich nicht gewöhnt/ an den Tod. ... Thomas rennt zu seiner Schreibmaschine. Er hat vergessen, dass der Bruder am Telefon ist. Er schreibt. THOMAS (V.O.) ...Und drüber fährt/ feiges Volk das sich nicht kehrt/ weiter taub und blind und stumm/... Der Plattenspieler dreht auf der letzten Rille. Es klopft wieder, wummert regelrecht. In Thomas steigt der Zorn. THOMAS (V.O.) (laut) ...Staat macht Angst und Angst macht dumm Thomas tigert zum Fenster. Er schaut auf die Straße. Die ist leer. Nur schräg gegenüber sieht er Peschke an der Ecke. PESCHKE (schreit) Hey, hast du noch nicht genug?!? THOMAS Ich hab nie genug! Ein Schuss fällt. Das Projektil splittert durchs Fenster und schlägt stiebend neben Thomas in der Wand ein. LAUTSPRECHER DER POLIZEI Hier spricht die Berliner Polizei! Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus! Thomas denkt gar nicht dran. Er reißt eine Kiste vom Regal, in der eine geladene Pistole liegt. Er schießt aus dem Fenster. Peschke schreit auf. Er geht getroffen zu Boden, hält sich das Bein und robbt hinter einen Hausvorsprung. Kugelhagel. Die Wohnung wird zusammengeschossen. Thomas schießt zurück. Er schießt bis er keine Munition mehr hat. MUTTER BRASCH Hier! Thomas! THOMAS Mama! MUTTER BRASCH Magst du die mal nehmen?


88.

THOMAS Ja, meine ist alle. Seine Mutter hockt geduckt hinter ihm und reicht ihm eine geladene Pistole. Sie tauschen die Waffen. Thomas schießt auf die vorrückenden Polizisten. Seine Mutter lädt nach. LAUTSPRECHER DER POLIZEI Das Gebäude ist umstellt. Widerstand ist zwecklos. PESCHKE Mensch Brasch, gib endlich auf du Idiot! THOMAS Eins, zwei, drei. --

Noch mal.

MUTTER BRASCH Thomas, da haben wir geschafft. Vorsicht! Gegenüber, Tommy! Der steht wieder auf! Im Haus auf der anderen Straßenseite hat ein Polizist im 2. Stock Stellung bezogen. Thomas wird nun selber getroffen. Die Wucht schmeißt ihn zurück. Er geht polternd zu Boden. Eine Blutlache unter ihm. Black. Applaus brandet auf. 97

SCHILLERTHEATER. 1980. - I/N

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Der Applaus für Katarina ist überwältigend. Sie verneigt sich. Standing Ovations. Sie freut sich wahnsinnig. Sie sammelt auf die Bühne geworfene Blumen auf. Ein großer Strauß. 98

CHARLOTTENBURG. WOHNUNG THOMAS UND KATARINA. 1980. - I/N

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Thomas schläft komplett angezogen und völlig erschlagen zwischen zwei nackten Frauen. Eine der Prostituierten hebt den Kopf. Etwas verschlafen, aber sofort hellwach. Sie steht auf und weckt ihre Kollegin. KOLLEGIN Hat er schon bezahlt? PROSTITUIERTE Ja. Sie nickt. Beide verschwinden aus dem Zimmer. Dann kommt die Prostituierte noch mal kurz zurück und nimmt sich einen Apfel aus der Glasschale auf der Kommode. Black. 99

CHARLOTTENBURG. WOHNUNG THOMAS UND KATARINA. 1980. - I/T

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Ein Wasserglas steht auf dem Nachttisch. Auf dem Boden des Glases ein Zahnersatz. Thomas liegt im Bett und schläft immer noch. Das Telefon klingelt. Am Fußende sitzt Katarinas Tochter und schaut ein Video mit wachen, großen Augen. Das Telefon klingelt wieder. Thomas erwacht und richtet sich auf.


89.

Die Tochter hat nun auch das Klingeln gehört. Sie holt das Telefon an der langen, gelockten Leine zu Thomas’ Kopf. Katarina kommt reingerannt. KATARINA Paris, ...Dit is für mich!! Thomas nimmt den Hörer ab. THOMAS (nuschelt) Bonjour Paris. Je m'appele Brasch. Thomas Brasch. Ja hier ist Brasch. Ja. Er richtet sich gespannt auf. THOMAS Was ist mit Klaus? ... Nein! Stille. Nur der TV-Ton. Katarina wollte eigentlich schon wieder gehen, aber dann sieht sie Thomas’ Entsetzen und starrt ihn an. KATARINAS TOCHTER Was ist denn? Katarinas Tochter merkt, dass etwas nicht stimmt, weil Thomas nichts sagt. Thomas Augen füllen sich mit Tränen. KATARINAS TOCHTER (angstvoll) Papa?... Was ist denn los? THOMAS (weint) Onkel Klaus ist tot! Black. 100

CHARLOTTENBURG. WOHNUNG THOMAS UND KATARINA. DACH. A/DÄMM.

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Zugekokst steht Thomas nackt auf dem Hausdach und schreit/heult wie ein Wolf den Mond an. Thomas merkt, dass er die ganze Zeit nach Osten auf den Fernsehturm gestarrt hat. Thomas geht bedrohlich nah an die Kante zum Innenhof. Thomas tritt an die Dachkante. Da hört er Katarina. Sie spricht ihn leise an. KATARINA (leise) Thomas, nicht weiter, bitte, warte! Katarina hat die Dachluke geöffnet. Ihr Kopf schaut raus wie der Vladimir aus der Tonne bei Beckett. KATARINA Thomas! (fleht) Hör mal: Die Finanzierung steht! Du hast Post bekommen. Du kannst den Film machen! Du drehst deinen Film. Katarina kommt sehr langsam zu ihm an den Rand des Daches, stellt sich neben ihn. Sie schauen sich an.


90.

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FILMFESTIVAL CANNES. 1981. - A/T

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Anlässlich seiner Weltpremiere in Cannes kommt Thomas aus dem eleganten Hotel Carlton. Barfuss und im Smoking läuft er auf einer langen Kaimauer am Mittelmeer entlang, sieht sich nach einer sinnlichen Frau mit Hut um. 102

CANNES. BOOTSANLEGER VOR DEM PALAIS- A/T

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Thomas wird im rasenden Tempo in einem schnittigen Motorboot auf dem Mittelmeer zu einem Interview gefahren. Die weiße Motorjacht legt an einem Steg an, der ins Meer hineinragt und auf dem zwei elegante, weiße Sessel stehen, sowie eine Kamera. Thomas versteckt sich während des Interviews hinter einer großen Sonnenbrille. THOMAS Sehen Sie, diese Gesellschaft hat die Künste in die Zerreißprobe zwischen Korruption und Talent geschleift! Wir Künstler können diesen Widerspruch nicht abschaffen, wir können uns ihm nur aussetzen, um ihn besser zu beschreiben!... Die Modeartorin nickt ihm lächelnd zu. Thomas hält kurz inne, fühlt sich verstanden. THOMAS ...Davon handelt mein Film, auch wenn er von Kriminellen handelt, denn Kriminalität ist der urwüchsigste Ausdruck der Auflehnung. 103

CANNES. TÜR ZUM KINOSAAL 1981. - I/T

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Filmausschnitt: Der blutjunge Gladow legt sich unter das Fallbeil in Anwesenheit des Henkers. Applaus.

MANN (OFF) ...Ist nicht besonderes. Die einen sterben im Stehen, die anderen eben so. Thomas ist in den Kinovorraum geflohen. Er hört den Erfolg, ist sehr nervös. Katarina kommt auf der Suche nach ihm ebenfalls raus. KATARINA Wo bist du denn? Thomas! Thomas! Komm rein. Sie steht in der Tür und will schnell wieder rein, den Erfolg genießen. KATARINA Die Leute sind... großartig! Komm! Das ist alles für dich! Als Katarina wieder reingeht, hört Thomas wieder Szenenapplaus.


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CANNES. FOYER 1981. - I/T

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Die Tür zum Saal ist wieder geschlossen. Ruhe vor dem Sturm. Er geht zu einem Wasserspender und zieht sich einen Becher Wasser. Stille. VATER BRASCH Thomas! THOMAS Vati! VATER BRASCH Beeindruckend! Thomas dreht sich um. Sein Vater kommt gerade von der Toilette. Er streckt Thomas die Hand hin. Thomas gibt sie ihm überrascht. VATER BRASCH Das war... sehr... beeindruckend! THOMAS Warst du in meinem Film? VATER BRASCH Na klar, als Delegierter des Kulturministeriums! Alle sprechen von nichts anderem! THOMAS Und?... Du? Was sagst du? VATER BRASCH Man kann im Liegen oder Stehen sterben. Thomas versucht zu ergründen, was sein Vater meint. VATER BRASCH Ich versteh dich nicht Thomas! Ich versteh dich nicht, Thomas. Du arbeitest mit dem Geld der Kapitalisten und versuchst ihnen gleichzeitig ans Bein zu pinkeln. Wir sind da schon viel weiter! Wir haben sie abgeschafft! THOMAS Aber ich mache den subversiven Außenseiter zum Gegenstand meiner Arbeit! VATER BRASCH Und dich selbst zum Komplizen der Macht. - Tja, traurig, nicht?! Während du hier schön die Lage sondierst, haben wir sie längst verbessert! THOMAS Aber Gladow kommt doch aus dem Ostsektor! VATER BRASCH Gladow ist ein Produkt der Hitlerzeit! Wir haben ihn unschädlich gemacht!


92.

THOMAS Ich bin Gladow! VATER BRASCH (lacht) Dazu fehlt dir der Mumm! THOMAS Warum habt ihr mich dann unschädlich gemacht? VATER BRASCH Vorbeugend. Aber... Tommy! Wirklich: Toller Film. Muss ich schon sagen! Bestimmt viele Preise und so! Glückwunsch! THOMAS Ich möchte nur verstehen: Warum? Warum wirVATER BRASCH Hat nicht ganz geklappt, was? Thomas liest jedes Wort von seinen Lippen ab. VATER BRASCH Du wolltest Schriftsteller werden! Also?! Wo ist dein Roman? (Stille) Hast ihn übersprungen, was? Aber das habe ich immer an dir bewundert, Tommy: Wenn du gemerkt hast, dass du etwas nicht kannst, hast du es aufgegeben. Thomas schlägt zu. Der Vater geht zu Boden. Die Tür zum Kinosaal geht wieder auf. Begeisterter Schlussapplaus. Katarina kommt aus dem vollen Zuschauerraum und sieht Thomas kämpfen. Aber: Er ist allein. Sie will etwas sagen, doch dann merkt sie, dass er sehr erregt ist und wütend den Wasserspender attackiert. THOMAS (wütend) Du hast nicht das Recht, so mit mir zu sprechen! Du nicht! Thomas tritt mit voller Wucht gegen den Wasserspender. Der große Speicher platzt und ein Schwall ergießt sich auf den Teppich. THOMAS (V.O.) Jetzt bricht der Fluss die letzten Dämme und trögt zum Meer die schweren Stämme. In seinen Liedern wird es still, weil er von all dem nicht singen will. Black. THOMAS (V.O.) Ich möchte ihn doch nur noch mal sehen!


93.

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OSTBERLIN. KRANKENHAUS. AUFNAHME. 1989. - I/N

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Aufblende. Thomas steht an der Aufnahme eines Ostberliner Krankenhauses und schwitzt. Die ältere SCHWESTER ihm gegenüber ist schlecht gelaunt und von der vielen Arbeit überfordert. SCHWESTER Sie sehen doch, was hier los ist: Alle sind im “Urlaub”. Also... in Ungarn, wenn Sie wissen, was ich meine. THOMAS Ich gehe hier nicht weg! SCHWESTER Wollen Sie nicht verstehen? Wir sind gnadenlos unterbesetzt. Ärzte, Schwestern - alle fliehen nach drüben. Zum Glück sind auch Patienten abgehauen! THOMAS Es muss doch noch jemand in der Pathologie sein. SCHWESTER Nee! Eben nicht! Der eine sitzt schon im KudammCafé und der zweite ist krank, was auch immer das heißt! THOMAS Ich warte trotzdem! Die Schwester gibt auf und greift augenrollend zum Telefon. 106

OSTBERLIN. KRANKENHAUS. PATHOLOGIE. 1989. - I/N

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Ein gefliester, kalter Raum. Verloren darin aufgebahrt liegt unter einem Fenster Thomas’ Vater in einer geblümten Bettwäsche. Thomas nähert sich langsam dem kühlen Metallbett. Die Neonröhren flackernen unruhig. Dann fällt der Strom gänzlich aus. Dunkelheit. Thomas sieht sich seinen Vater mit einem Feuerzeug an. An der Hand des Vaters sieht er den Abdruck des Eheringes. Thomas schaut ihm ins Gesicht. Durch das schlecht eingesetzte Gebiss fletscht er die Zähne, als würde er fröhlich lachen. Thomas bedeckt den Kopf des Vaters mit der Bettdecke. Black. Das Geräusch einer Schreibmaschine. Kapitel 7: Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin. 107

LETZTE WOHNUNG. 2001. - I/T

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Großaufnahme: Thomas zermartertes Gesicht, noch keine 60 Jahre alt, gesundheitlich gezeichnet wie ein 80-jähriger! Dieser Mann sitzt an einer Biertischgarnitur in einer nur mit einem Bett möblierten, sehr geräumigen, hochwandigen Altbauwohnung. Eine weite Totale eines trotz der hohen Fenster düsteren Raumes.


94.

THOMAS Jederzeit das ist nur einmal... Thomas ist nass vom Schweiß und schreibt wie besessen. Rechts und links stehen neben ihm Türme von beschriebenen A4-Seiten. Bis unter die Stuckdecke stapeln sich Umzugskartons, in denen offensichtlich Braschtexte lagern. Davor reihen sich Berge von Müllsäcken, die prall mit Papier gefüllt sind. Thomas hat eine Idee und kann sie noch nicht fassen. Er steht auf, setzt sich wieder, steht wieder auf. Nun sieht man, dass er zwar ein Hemd aber nur eine Unterhose trägt. Thomas reißt das Blatt aus der Maschine, liest und lacht spitz auf. Das Lachen kostet ihm beinah das Leben. Er hustet rasselnd und stützt sich geschüttelt vom Husten ab. Langsam geht er zum Bett, in das er sich stöhnend fallen lässt. Sein magerer, vogelartiger Kopf sinkt ins weiche Kissen. Sein schmales, altes Gesicht wirkt wie ein Fremdkörper im weißen Bettzeug. Ein Atem entfährt ihm. Es klingelt an der Tür. Thomas steigt aus dem Bett, freut sich über den Besuch. In kurzen Schnitten sehen wir, wie er sich versucht herzurichten. Wieder klingelt es. Er schaut in den großen Spiegel im Flur und wir sehen, dass er zwar barfuß ist, aber die Smokinghose, die schwarze Jacke dazu und das weiße Hemd von der Cannes-Premiere an hat. Endlich öffnet er mit großer Vorfreude die Tür. Aber es ist keiner da. Er schaut in den Flur: Niemand! Wer hat geklingelt? Thomas geht die Treppen runter und niemand ist zu sehen. Beginn Parallelmontage: Während Thomas das Haus verlassen hat, geht Katarina die Treppen zur Wohnung hoch, die offen steht. Katarina läuft in die Wohnung. Sie hat nichts von ihrer schönen Erscheinung eingebüßt. KATARINA (V.O.) Thomas? Thomas ich bin’s! Katarina. Thomas...? Katarina läuft zum Schlafzimmer, sieht das leere Bett. Sie berührt vorsichtig die zerwühlten Laken, als wären sie noch warm. Wir sehen ihr Gesicht. Dann schließt Katarina die Vorhänge. Es wird nun sehr dunkel im Zimmer. 108

BERLIN UND DAS WELTALL. 2001. - I/A/T

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Unterdessen verlässt Thomas sein Haus und geht ins direkt benachbarte, sehr elegante Restaurant. Es ist offen und menschenleer, wie einst die Konditorei in seiner Kindheit. Er nimmt sich einen Whisky an der Bar, setzt sich, genießt die Atmosphäre des Restaurants. Irgendwo spielt leise Jazzmusik. In der Wohnung: Katarina zieht ein Blatt aus seiner Schreibmaschine und beginnt zu lesen. Nach kurze Zeit will sie mehr. Sie öffnet eine Kiste, mit der Aufschrift “Kapitel 1”. Katarina setzt sich auf den Fußboden und liest.


Revision

95.

THOMAS (V.O.) Vielleicht ist in ein offenes Licht zu treten nichts anderes als ich will, dass ihr mich blendet. Als Blinder wird es mir gelingen, so zu beten, dass ich nicht schuld bin. Und die Tat nicht endet... Thomas verlässt elegant in seinem schönen Smoking und barfuß das Restaurant. Er sieht zum Tränenpalast herüber und zu den Treppen des Bahnhofs Friedrichstraße, wo er einst von der einen Seite der Mauer zu anderen Seite wechselte. Kurz hat er das Gefühl den schwarzen Tatra seines Vaters vor den Bahnhofstreppen zu sehen. Dann steigt er in den Tatra, hinten ein, wo er als Kind immer gesessen hat. Der Wagen fährt los. Er fährt durch die vom Krieg zerstörte Stadtlandschaft seiner Kindheit. Auf der damals leeren Schaukel sieht Thomas sich jetzt als Kind. THOMAS (V.O.) ...Wer anderes will, soll seine Hände lassen vom offenen Licht. Sonst wird es ihn zerblassen. Und ich, bin nichts als meine Augen. Wenn ihr die Zeit begrabt, begrabt ihr wen. Ich habe nichts gelebt nur was gesehen. Ich will nicht sterben, noch was taugen. In der Wohnung: Katarina sitzt zwischen tausenden Seiten seines letzten Romans und liest, blickt auf, lächelt, liest weiter. Der Tatra parkt vor dem silbernen Flugzeug. Thomas steigt über die Gangway in die Maschine. Die Propeller gehen an. Das Flugzeug steigt höher und höher, dem Mond entgegen. Von weitem sieht die Welt sehr schön aus. Thomas schaut aus dem Fenster, um alles nocheinmal zu sehen. Dann schaut er lächelnd in die Kamera und wirft uns Zuschauern einen Handkuss zu. Black. Tafel: Thomas Brasch stirbt 2001 im Alter von 56 Jahren mit einem Loch im Herzen. Ende.


96.

LIEBER THOMAS - Quellen verwendeter Texte von Thomas Brasch 00:00:41 - 00:01:09: Was ich habe will ich nicht verlieren aber / wo ich bin will ich nicht bleiben aber / die ich liebe will ich nicht verlassen aber / die ich kenne will ich nicht mehr sehen aber / wo ich lebe da will ich nicht sterben aber / wo ich sterbe da will ich nicht hin / bleiben will ich wo ich nie gewesen bin. Der Papiertiger in "Was ich mir wünsche", S. 10, Bibliothek Suhrkamp, 2007 00:07:10 - 00:08:45: Palle ist ganz ausgeschlafen. Leise geht er durch den Flur und geht dann ins Wohnzimmer und in die Küche und nirgendwo ist jemand zu finden. Nun geht er dir Treppe hinunter und auf die Straße. Palle darf nicht ohne Erlaubnis auf die Straße gehen aber Mama und Papa sind ja nicht zu Hause. Wo sind nur die Menschen alle geblieben? Da setzt sich Palle in ein Auto und fährt durch die ganze Stadt, um zu sehen, ob nicht irgendwo irgendjemand zu finden ist. Als er zum Flugplatz kommt, da sieht er dort ein schmuckes Flugzeug. Palle steigt ein und fliegt hoch und immer höher, bis in die Wolken hinein und noch höher. Bis das Flugzeug plötzlich krachend gegen etwas stößt. Und dann kommt die Mutter ins Zimmer und sagt "Palle, was ist denn los? Warum schreist Du denn so?" Und dann sagt er "Mama, stell Dir vor. Ich hab' geträumt, ich wäre ganz allein auf der Welt und ich könnte tun, was ich wollte." Nach "Paul allein auf der Welt", von Jens Sigsgaard, Eulenspiegel Kinderbuchverlag, 2015 00:09:33 - 00:09:38: Was ich habe will ich nicht verlieren aber Der Papiertiger in "Was ich mir wünsche", S. 10, Bibliothek Suhrkamp, 2007 00:09:38 - 00:10:00: Und wenn wir nicht am Leben sind, dann sterben wir noch heute / die Liebe stirbt, du lebst mein Kind / die Mädchen werden Bräute. / Ach, wenn ihr mich gestorben habt, lebt ihr mich weiter heute / Gemeinsam wird ein Land begrabt und einsam sind die Leute. Und wenn wir nicht am Leben sind in "Die nennen das Schrei" Gesammelte Gedichte, S. 699, Suhrkamp Verlag, 2013 00:15:44 - 00:15:49: Die ich kenne will ich nicht mehr sehen aber Der Papiertiger in "Was ich mir wünsche", S. 10, Bibliothek Suhrkamp, 2007 00:16:32 - 00:16:41: Ich oder wir oder Du/ Denken ohne Gedanken / Schließ Deine Augen zu / siehst Du die Städte schwanken Schlaflied für K. in "Die nennen das Schrei" - Gesammelte Gedichte, S. 292, Suhrkamp Verlag, 2013


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00:35:10 - 00:35:22: Wer sind wir eigentlich noch / wollen wir gehen / was wollen wir finden / welchen Namen hat dies Loch / in dem wir einer nach dem anderen verschwinden Papiertiger - 11 Wieviele sind wir eigentlich noch in DDR-LyrikReihe "Poesiealbum" Nr. 89, S. 32, Verlag Neues Leben Berlin, 1975 00:45:42 - 00:45:51: Nach der Arbeit an den Maschinen / träumen die Leute von den Maschinen / Wovon träumen die Maschinen / nach der Arbeit an den Leuten? Frage in "Die nennen das Schrei" - Gesammelte Gedichte, S. 545, Suhrkamp Verlag, 2013 00:51:13 - 00:51:33: Jetzt muss ich nicht weiter wachen / Wächter bewachen mich / ich bin zuhaus / aus eurem Weinen mach ich mein Gelächter / ihr kommt nicht rein / ich will nicht raus / Ich hab begonnen schon am Ziel / ich wollte alles nicht / das war zu viel B+B in "Die nennen das Schrei" - Gesammelte Gedichte, S. 742, Suhrkamp Verlag, 2013 00:53:19 - 00:53:37: Das Lieben hat ihn krank gemacht / die Krankheit liebte ihn / hat ihm sein Lächeln ausgelacht / und ihn in den Tod geschrien / Mich hat sie in mein Land vertrieben / hier werden Küsse ausgeteilt wie Schüsse / und das nennt man Lieben Vor Wort für Heine in "Die nennen das Schrei" - Gesammelte Gedichte, S. 742, Suhrkamp Verlag, 2013 00:55:30 - 00:55:35: Die ich liebe will ich nicht verlassen, aber Der Papiertiger in "Was ich mir wünsche", S. 10, Bibliothek Suhrkamp, 2007 00:55:31 - 00:55:44: Ratzek lacht / Ratzek droht / dann steckt er das Messer in die Hüfte / Margarete dreht den Kopf weg und ist tot / Ratzek reißt vom Hals das Hemd / Schnauze! / Jeder liebt sich mehr als er sich kennt Zeitlupe in DDR-Lyrik-Reihe "Poesiealbum" Nr. 89, S. 4, Verlag Neues Leben Berlin, 1975 00:58:30 - 00:58:51: Brunke hat bei Frauen kein Glück / sie finden keine Ruhe in seinem Arm / viel zu schnell fällt er in sein Kissen zurück / Ach, dass sich eine Brunkes erbarm und legte ihn still in Watte / und trüge ihn schnell in ihr Haus / und lehrte ihn Worte, die er längst vergessen hatte / und ließe ihn nie mehr heraus Brunke hat bei Frauen kein Glück in "Die nennen das Schrei" Gesammelte Gedichte, S. 646, Suhrkamp Verlag, 2013 01:11:20 - 01:11:24: Wo ich bin will ich nicht bleiben, aber Der Papiertiger in "Was ich mir wünsche", S. 10, Bibliothek Suhrkamp, 2007


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01:12:30 - 01:12:44: Von ihren Nägeln im Fleisch der Riss / Von ihren Zähnen im Hals der Biss / Von ihren Lippen Blut auf der Zunge / aus ihrer Lunge Atem in meiner Lunge Ritas Vorstellung in "Die nennen das Schrei" - Gesammelte Gedichte, S. 183, Suhrkamp Verlag, 2013 01:13:29 - 01:14:03: Mensch, Rita / Wenn ich morgen abkratze / wenn ich morgen wie ein Tier / zwischen den Laken krepier / denk ich: bleib bei deinem Mann / es ist alles ein Dreck / Was willst Du mit einem, der nichts Größeres hat / als die Sehnsucht nach dem Irrenhaus / schafft mich rein, schafft mich raus / der bildet sich's ein / der will ein Irrer sein / meine Hände riechen noch nach dir / ich kotz und rotz wie ein gelbes Tier / die Frau interessiert Dich bis Du sie hast, oder / wer hat Dir ins Gehirn getreten, Mann / dass Du vergessen hast, Du brauchst, was Du nicht haben kannst, oder Ritas Vorstellung in "Die nennen das Schrei" - Gesammelte Gedichte, S. 189f, Suhrkamp Verlag, 2013 01:19:52 - 01:21:05: Es ist Morgen. Palle richtet sich in seinem Bett auf. Palle will nicht länger schlafen. Es muss noch sehr früh sein, denn es ist so still. Aber die Sonne scheint schon durchs Fenster. Palle schleicht sich langsam durch den Flur zum Schlafzimmer. Er öffnet die Tür, sieht hinein und geht zu Papas Bett. Aber Papa liegt nicht in seinem Bett. Dann geht Palle zu Mamas Bett. Mama liegt auch nicht in ihrem Bett. Wo sind Papa und Mama? Nach "Paul allein auf der Welt", von Jens Sigsgaard, Eulenspiegel Kinderbuchverlag, 2015 01:21:10 - 01:21:23: Nacht oder Tag oder jetzt / will ich bei Dir liegen / vom schlimmsten Frieden gehetzt / zwischen zwei Kriegen Schlaflied für K. in "Die nennen das Schrei" - Gesammelte Gedichte, S. 292, Suhrkamp Verlag, 2013 01:22:52 - 11:23:25: Ich wollte nicht darüber nachdenken, wie der Wolf in mich hineingekommen war und warum er verkehrt lag. Ich stieg in die Straßenbahn 63 und fuhr zum Krankenhaus Friedrichshain. Die blonde Pförtnerin wies mir sofort den Weg in den Operationssaal. Ich legte mich auf ein Holzbrett und wartete auf den Arzt. Der Arzt schnitt mir den Bauch bis zum Hals hin auf und sah auf den Wolf. Der Wolf lag sehr ruhig. Wenn wir den Wolf aus Ihnen herausnehmen, werden Sie sterben, sagte der Arzt. "Vor den Vätern sterben die Söhne", S.7, Rotbuch Verlag (162), 1977 01:30:45 - 01:30:50: Wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber Der Papiertiger in "Was ich mir wünsche", S. 10, Bibliothek Suhrkamp, 2007


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01:35:46 - 01:35:55: Vom weißen Leib den Rock, von der Hüfte die Haut ziehe ich Dir / und aus dem Gitter das Herz / Weine nicht, keiner ist haltbar gebaut. Der Hurenmörder L. aus Köln in "Die nennen das Schrei" Gesammelte Gedichte, S. 284, Suhrkamp Verlag, 2013 01:36:55 - 01:37:05: So gehen wir beide himmelwärts / einander verkauft und verraten und für immer getraut / Was schweigst Du / was ruft die Zeitung so laut Der Hurenmörder L. aus Köln in "Die nennen das Schrei" Gesammelte Gedichte, S. 284, Suhrkamp Verlag, 2013 01:37:41 - 01:37:58: Wer geht wohin weg / wer bleibt warum wo / unter der festen Wolke ein Leck / Alexanderplatz und Bahnhof Zoo Abschied von morgen / Ankunft gestern / das ist der deutsche Traum Dornröschen und Schweinefleisch in "Die nennen das Schrei" Gesammelte Gedichte, S. 266, Suhrkamp Verlag, 2013 01:55:29 - 01:55:43: Ich träum noch immer, dass wir wieder drinnen sind. Ich sitze auf dem Hocker und zähle die Karos auf den Kissen. 2028 Tage hatte ich noch. Lovely Rita in Brasch Stücke, Seite 11, Henschel Verlag Kunst und Gesellschaft, DDR - Berlin, 1988 01:57:49 - 01:57:53: Der Tote mit aufgerissenem Auge hat weiße Strümpfe an Gladow in "Die nennen das Schrei" - Gesammelte Gedichte, S. 366, Suhrkamp Verlag, 2013 01:57:54 - 01:57:59: Wo ich sterbe, da will ich nicht hin Der Papiertiger in "Was ich mir wünsche", S. 10, Bibliothek Suhrkamp, 2007 01:58:02 - 01:58:07: Die Straße liegt still / ein heller Morgen / so fangen die schönsten Tage an / Gladow in "Die nennen das Schrei" - Gesammelte Gedichte, S. 366, Suhrkamp Verlag, 2013

02:00:49 - 02:00:58: Da gehen die schwarzen Nächte weg / was bleibt / im Hirn der kleine weiße Fleck / Das schneit, Kinder, das schneit. Der schnelle Schnee in "Die nennen das Schrei" - Gesammelte Gedichte, S. 663, Suhrkamp Verlag, 2013


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02:02:41 - 02:02:59: Und aus tausend Häuserwunden / Blut, noch heute alle Stunden / Unterm Pflaster seufzt und stöhnt / Totes, das sich nicht gewöhnt / an den Tod und drüber fährt / feiges Volk, das sich nicht kehrt / weiter taub und blind und stumm / Staat macht Angst und Angst macht dumm Van der Lubbe, Terrorist in "Die nennen das Schrei" - Gesammelte Gedichte, S. 253f, Suhrkamp Verlag, 2013

02:15:05 - 02:15:14: Jetzt bricht der Fluss die letzten Dämme / und trägt zum Meer die schweren Stämme / in seinen Liedern wird es still / weil er von all dem nicht singen will Nach Wort in "Die nennen das Schrei" - Gesammelte Gedichte, S. 381, Suhrkamp Verlag, 2013

02:16:53 - 02:16:59: Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin. Der Papiertiger in "Was ich mir wünsche", S. 10, Bibliothek Suhrkamp, 2007 02:20:35 - 02:21:13: Vielleicht ist, in ein offenes Licht zu treten nichts anderes als / ich will, dass ihr mich blendet / als Blinder wird es mir gelingen so zu beten / dass ich nicht schuld bin und die Tat nicht endet / wer andres will, soll seine Hände lassen vom offenen Licht / sonst wird es ihn zerblassen / und ich. bin nichts als meine Augen / Wenn Ihr die zwei begrabt, begrabt ihr wen / ich habe nichts gelebt, nur was gesehen / ich will nicht sterben, nur was taugen Über Kunst in "Die nennen das Schrei" - Gesammelte Gedichte, S. 746, Suhrkamp Verlag, 2013


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