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DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER Lars Kraume und Olivier Guez

DEUTSCHE DREHBĂœCHER Herausgegeben von der Deutschen Filmakademie


"DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER"

Drehbuch von Lars Kraume & Olivier Guez

Final Draft vom 27. August 2014


SUPERIMPOSED AUF SCHWARZ:

*

Nachdem die deutschen Nationalsozialisten ganz Europa zerstört und millionen Zivilisten ermordet hatten, bestraften die Aliierten in den Nürnberger Prozessen nur sehr wenig Hauptkriegsverbrecher.

* * * *

Mit der Gründung der Bundesrepublik endeten diese Prozesse.

*

Ehemalige Nazis waren überall, aber Deutschland wollte den Krieg schnell vergessen.

* *

Manche sahen darin den Geburtsfehlrer der jungen Demokratie.

*

HAUPTTITEL:

*

“DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER”

*

AUFBLENDE: 1

INT. BAUERS WOHNUNG - NACHT

1

Auf einem Röhrenfernseher läuft eine Werbesendung: auf dem Vordeck eines Schiffes steht ein Matrose und wäscht Wäsche mit Persil in einem Bottich. Ein pechschwarzer Pinguin tippt ihn an. PINGUIN So weiß möchte ich auch wieder sein. Der Pinguin deutet auf die weißen Hemden einer Wäscheleine. MATROSE Hähä, kannst du haben. Komm her. Er nimmt seine Persil Packung und wäscht ihm die Weste weiß. Daraufhin kommen ganz viele schwarze Pinguine an Bord. Der Matrose wäscht den Pinguinen nacheinander die Westen rein. DIE PINGUINE (singen) Ja, uns’re weiße Weste, verdanken wir Persil! Es ist für uns das Beste, Persil bleibt doch Persil...


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2.

Der Werbespot läuft weiter, während die Kamera zurück durch die Wohnung fährt. Es ist unordentlich, überall liegen Akten herum, ab und zu ein Teller mit Essensresten, Gläser und überquellende Aschenbecher. Auf einem Beistelltisch liegen zahlreiche Bücher, darunter Schopenhauers: “Die Welt als Wille und Vorstellung” und obenauf Heinrich Bölls: “Haus ohne Hüter”.

* * * *

SUPERIMPOSED: FRANKFURT AM MAIN, ENDE DER 50’ER JAHRE.

*

Das Tropfen eines Wasserhahns wird zunehmend lauter. Auf einem Badewannenrand steht eine fast volle Schachtel Schlaftabletten und ein halb leeres Rotweinglas. FRITZ BAUER, ein 55 jähriger Mann mit grauer Haut und grauen Locken, treibt bewußtlos in seiner Wanne. Sein Kopf rutscht langsam tiefer in das Wasser. Noch einige Zentimeter trennen seine Nase von der Wasseroberfläche. Es klingelt an der Tür, doch Bauer kann nicht reagieren. Langsam rutscht er mit dem Kopf unter Wasser. Die Tür geht auf und HEINZ EICHWALD, ein bulliger, sportlicher Fahrer in Uniform, tritt mit einer Papiertüte voller Lebensmittel auf. Dr. Bauer?

EICHWALD

Er zieht den Wohnungsschlüssel ab, schließt die Tür und wartet. EICHWALD (CONT’D) Ich bringe ihre Lebensmittel. Herr Doktor? Keine Antwort, nur das Wasser plätschert. Eichwald stellt die Lebensmittel in der Küche ab und registriert die Unordnung in der Wohnung. Eichwald geht wieder zur Wohnungstür. EICHWALD (CONT’D) Ihr Wagen ist dann morgen ab sieben bereit. Wenn Sie mich füher brauchen, dann melden Sie sich bitte. Einen schönen Abend noch, Herr Doktor. Als Eichwald zur Wohnungstür zurück geht, fällt ihm auf, dass der Fußboden vor dem Badezimmer nass ist. Dr. Bauer?

EICHWALD (CONT’D)


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3.

Mit einem Mal fasst er Mut und öffnet die Badezimmertür. Er entdeckt Bauer, der inzwischen mit dem Kopf unter Wasser ist und zieht ihn hilflos an den Armen hoch. EICHWALD (CONT’D) (schreit) HILFE! WIR BRAUCHEN HILFE! 2

EXT. BAUERS WOHNHAUS - NACHT

2

Neugierige Blicke von NACHBARN, die aus den Fenstern ihrer Neubauwohnungen schauen, oder verstohlen hinter ihren Vorhängen beobachten, wie zwei SANITÄTER den noch immer bewußtlosen Fritz Bauer auf einer Trage in einen Krankenwagen schieben. Mehrere Polizeiwagen stehen mit Blaulicht auf der Straße. 3

INT. BAUERS WOHNUNG - NACHT

3

KRIMINALPOLIZSTEN untersuchen die Wohnung. Ein BEAMTER telefoniert leise. BEAMTER --Wir untersuchen den Tatort noch, aber es sieht nicht nach einem Attentat aus. Scheint eher so, als habe der General eine unglückliche Mischung aus Alkohol und Schlaftabletten zu sich genommen. Er betrachtet das Röhrchen Schlaftabletten, das nicht mehr ganz voll ist, in seiner Hand. PRALLELMONTIERT MIT: 4

INT. BUNDESKRIMINALAMT - NACHT

4

PAUL GEBHARDT, ein bulliger Mann im grauen Anzug, telefoniert an seinem Schreibtisch mit dem Beamten. GEBHARDT Wie viele Schlaftabletten?

* * *

BEAMTER Zwei oder drei fehlen. GEBHARDT Wären es mehr, könnte man denken, der General wollte Selbstmord begehen. Man könnte denken, er sei überfordert.

*


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4.

Der Beamte lässt einige Tabletten in seiner Jackentasche verschwinden. BEAMTER Das stimmt. GEBHARDT Untersuchen Sie die Wohnung gründlich!

*

Gebhardt legt auf und wählt gleich wieder. Eine Frauenstimme meldet sich. Kreidler?

FRAU KREIDLER (O.S.)

* * *

GEBHARDT Bundeskriminalamt, Gebhardt am Apparat. Guten Abend Frau Kreidler. Entschuldigen Sie die Störung, aber ich müßte bitte dringend ihren Gatten sprechen.

* * *

PARALLELMONTIERT MIT: 5

INT. KREIDLERS HAUS - NACHT ULRICH KREIDLER, ein hochgewachsener, aristokratischer Mann um die fünfzig, nimmt seiner Frau den Hörer ab. Ja?

KREIDLER

GEBHARDT Guten Abend, Herr Oberstaatsanwalt. Ihr Vorgesetzter ist heute Abend beinahe ums Leben gekommen. Kreidler reagiert ruhig.

Stille.

5

* * * *

*

KREIDLER Ein Attentat?

*

GEBHARDT Nein, man könnte es eher als einen Selbstmordversuch deuten.

*

KREIDLER Wie ist sein Zustand?

*

GEBHARDT Er wird es überleben. Die Frage ist nur, wie lange er noch als Generalstaatsanwalt zu halten ist.

*


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5.

GEBHARDT (CONT’D) Etwas mehr Druck, und sein Platz könnte frei werden.

*

KREIDLER Ja, der General ist bisweilen müde. Danke, Herr Gebhardt.

*

GEBHARDT Nichts zu danken. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.

*

KREIDLER Den werde ich haben.

*

EXT. KRANKENHAUS - TAG

*

6

Bauer verlässt des Krankenhaus und entdeckt seinen Fahrer Eichwald, der an einem schwarzen Opel Kapitän lümmelt. Bauer steckt sich eine Zigarette ins Gesicht, Eichwald öffnet stumm die hintere Tür. EICHWALD Guten Tag, Herr Generalstaatsanwalt! BAUER Guten Tag, Herr Eichwald. Eichwald gibt ihm Feuer. BAUER (CONT’D) Ich will nicht darüber reden. Eichwald nickt. BAUER (CONT’D) Aber Dank Ihnen! Als Bauer gerade in seinen Wagen einsteigen will, hört er eine Polizeisirene und schaut auf. Zwei POLIZEIMOTORRÄDER eskortieren eine Mercedes Limousine die Auffahrt zum Krankenhaus hinauf. Bauer grunzt etwas unverständliches und geht dem Konvoi entgegen. Die Limousine hält direkt vor ihm. Bauer öffnet die Fondtür und schaut in den Wagen. GEORG AUGUST ZINN, 56, ein graumelierter Politiker mit Brille und Halbglatze, lächelt ihn freundlich an. Fritz!

ZINN


6. BAUER Herr Ministerpräsident, welche Ehre. ZINN Ich wollte dich besuchen. BAUER Das ist nett von dir. Aber es ist kaum der Rede wert. Du hättest anrufen können. Zinn winkt ihn ins Auto. ZINN Setz dich. Wir müssen reden. Bauer setzt sich ins Auto. Zinn schließt die Tür und wendet sich an seinen Fahrer. ZINN (CONT’D) Lassen Sie uns bitte alleine. Der Fahrer steigt aus. ZINN (CONT’D) Es gibt Gerüchte, Fritz. BAUER Was für Gerüchte? ZINN Dass du versucht hast, dir das Leben zu nehmen. BAUER Ich kann schon lange nicht mehr ohne Chemie schlafen. ZINN Als dein Dienstherr kann ich solche Gerüchte nicht ignorieren. BAUER Ich habe einen Revolver. Wenn ich mir das Leben nehmen will, dann gibt es keine Gerüchte. ZINN Vielleicht solltest du mal eine Weile ausspannen. BAUER Willst du mich suspendieren?


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7.

ZINN Nein. So ein Unsinn. Aber wann hast du das letzte Mal deine Familie gesehen? Wie geht es deiner Frau? Bauer dreht den Ehering an seinem Finger. BAUER Gut. Denke ich. Ich brauche keine Pause. Es ist alles in Ordnung. Danke, dass du gekommen bist. Er will aussteigen. ZINN Übernimm dich nicht, ja? Bauer nickt und steigt aus. Zinns Konvoi fährt wieder los, während Bauer zu seinem Wagen geht. 7

INT. BAUERS WAGEN - TAG

7

Bauer lässt sich hinten in die Polster fallen. BAUER Zur Staatsanwaltschaft, bitte. Eichwald fährt los. Bauer raucht und inhaliert tief. Ein starker Hustenanfall überkommt ihn. BAUER (CONT’D) Machen Sie doch bitte das Radio an. Eichwald schaltet das Radio ein. Peter Alexander singt beschwingt: “Ich weiß, was dir fehlt”. 7A

EXT. UNTERFÜHRUNG - TAG

7A

*

Der Opel nähert sich einer Unterführung, in der sich der Verkehr staut.

* *

Schließlich halten sie an und stecken fest. Dichter Rauch zieht durch den Tunnel.

* *

Was ist?

BAUER

EICHWALD Ich weiß nicht. Scheint ein Unfall zu sein, dort vorne....

* * * * *


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8.

Während es schleppend voran geht, sieht Bauer in die anderen Fahrzeuge neben sich: Ehepaare, die stumm nebeneinander sitzen, verbissene Männer, die schimpfen und hupen, ein junges Paar, dass offensichtlich in den Urlaub fahren will, denn die Frau blättert vergnügt in einer Reisebroschüre für Italien, ein Schulbus mit Pfadfindern, ein paar Halbstarke, die sich auf Motorrädern vorbeidrängeln und von stiernackigen Männern dafür angepflaumt werden.

* * * * * * * *

PETER ALEXANDER (singt beschwingt im Radio) Poco, poco, poco, poco, ja, ich weiß, was dir fehlt. Ein Mädchen zum verlieben... Bauer hält es nicht aus. BAUER Stellen Sie das bitte wieder ab! Ist ja nicht auszuhalten... 8

EXT. STAATSANWALTSCHAFT - TAG

8

*

8A

*

Bauer steigt vor dem Gebäude der Frankfurter Staatsanwaltschaft aus dem Wagen. 8A

INT. STAATSANWALTSCHAFT / TREPPENHAUS - TAG

Bauer schleppt sich das Treppenhaus hinauf, wo ihm Oberstaatsanwalt Kreidler beschwingt entgegen kommt, offensichtlich auf dem Weg hinaus. Er trägt einen Lodenmantel und einen Jagdhut mit Federschmuck.

* * * *

KREIDLER Dr. Bauer! Wie schön, Sie wohlauf zu sehen. Ich habe von Ihrem Malheur erfahren!

* * * *

BAUER Ja, keine Sorge Kreidler, mir geht es gut.

* * *

KREIDLER Sicher? Sie sehen blass aus. Etwas frische Luft täte Ihnen gut!

* * *

BAUER Da haben Sie sogar Recht.

* *

KREIDLER Besuchen Sie mich doch mal in meinem Landhaus. Interessieren Sie sich für die Jagd?

* * * *


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9.

BAUER Ja, aber nicht auf Tiere.

* *

Kreidler lacht herzlich und schlendert weiter.

*

KREIDLER Der war gut, Dr. Bauer. Haha...

* *

Während Kreidler abgeht, schaut Bauer ihm düster nach. 9

INT. BAUERS SEKRETARIAT - TAG

* 9

*

FRÄULEIN SCHÜTT, eine Sekretärin Mitte 30, ist gerade dabei, ihren Mantel anzuziehen und Feierabend zu machen, als Bauer in ihrem Büro auftritt. Sie ist erstaunt und für einen Moment sprachlos. BAUER Guten Tag, Fräulein Schütt. FRÄULEIN SCHÜTT Dr. Bauer. Wie schön Sie... Ich wollte sagen... Wie geht es Ihnen? BAUER (mit Blick auf ihren Mantel) Machen Sie Pause? FRÄULEIN SCHÜTT Es ist Freitag. Bauer schaut auf eine Wanduhr, die 16 Uhr zeigt. BAUER Verstehe. Es tut mir Leid, aber ich würde gerne die Tage aufarbeiten, die ich gefehlt habe. Sicher.

FRÄULEIN SCHÜTT

Sie zieht schnell ihren Mantel wieder aus. Bauer nimmt einen Stapel Post aus einem Briefeingangsfach und geht zur verschlossenen Tür seines Dienstzimmers. An seinem Hosenbund ist ein Schlüsselkettchen befestigt. Er öffnet die verschlossenen Tür seines Dienstzimmers. 10

INT. BAUERS DIENSTZIMMER - TAG

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Bauer verharrt im Raum nachdem die Tür zugefallen ist, steckt sich eine neue Roth-Händle an und inhaliert tief. Dann schaut er sich in seinem modern eingerichteten Büro um: überall stapeln sich Akten und Unterlagen.

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INT. BAUERS DIENSTZIMMER - SPÄTER

10. 11

Die Wanduhr zeigt kurz nach fünf, als Bauer suchend in einer Akte blättert. Er schaut sich um, sucht etwas auf seinem Schreibtisch, was er nicht zu finden scheint, und geht zur Tür, die ihn von Fräulein Schütt trennt. 12

INT. BAUERS SEKRETARIAT - TAG

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*

Fräulein Schütt schaut auf. BAUER War jemand in meinem Zimmer? FRÄULEIN SCHÜTT Nicht, dass ich wüßte. Fehlt wieder etwas?

*

BAUER Die Akte Schneider! Fräulein Schütt schaut Bauer hilflos an. BAUER (CONT’D) Versammeln Sie bitte alle Staatsanwälte. Jetzt?

FRÄULEIN SCHÜTT

BAUER Ich brauche nur die Sonderdezernenten.

*

FRÄULEIN SCHÜTT Sollten wir nicht die Abteilungsleiter zuerst... Nein.

BAUER

13

ENTFÄLLT!

13

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14

ENTFÄLLT!

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ENTFÄLLT!

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INT. BAUERS DIENSTZIMMER - NACHT

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Bauer leert ein Cognacglas, zieht sein Jackett über und richtet seine Krawatte.


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11.

Das leere Cognacglas stellt er in eine kleine Bar zurück, die er verschließt. Es klopft an der Tür. Bitte.

BAUER

VIER JUNGE STAATSANWÄLTE treten auf: KÜGLER, VOGEL, WARLO und KARL ANGERMANN. BAUER (CONT’D) Guten Tag, meine Herren. Bitte. Die Staatsanwälte erwidern die Begrüßung und verteilen sich um Bauers Besprechungstisch. Bauer setzt sich gerade, als ein fünfter Mann den Raum betritt: STAATSANWALT JANKOWSKI. Er ist etwas älter als die anderen, wirkt gehetzt und kommt im Mantel. BAUER (CONT’D) Guten Tag, Herr Jankowski. JANKOWSKI Guten Abend. BAUER Ja, danke, dass Sie zu dieser späten Besprechung gekommen sind. Wie Sie wissen, war ich einige Tage unpässlich-Die Staatsanwälte tauschen verstohlene Blicke. Bauer steht auf und geht zur Bar. BAUER (CONT’D) Ich wollte Sie sehen, um den aktuellen Stand Ihrer Ermittlungen zu erfahren. Die jungen Staatsanwälte tauschen irritierte Blicke. BAUER (CONT’D) Ihre Abteilungsleiter werden es verkraften. Das hier ist ein informelles Gespräch. Ich, nun-sagen wir, es ist mir einfach ein persönliches Anliegen. Wer möchte eine Zigarre? Niemand meldet sich. Bauer nimmt eine Zigarre aus einer Kiste und zündet sie an. Auch Zigarren raucht Bauer auf Lunge. BAUER (CONT’D) Gut. Was macht die Suche nach Mengele und Bormann?

* * * * *


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12.

VOGEL Nun, wir haben in den letzten Tagen allerhand mit anderen Fällen zu tun gehabt...

* * * *

Bauer schaut Angermann an.

*

BAUER

* *

Eichmann?

ANGERMANN Ich habe leider auch nichts neues zu berichten, Dr. Bauer. Bauer nimmt Warlo und Kügler ins Visier. BAUER Haben Sie denn etwas neues zu berichten? Warlo und Kügler wirken eingeschüchtert. Jankowski springt ein.

* * * * * * * * *

JANKOWSKI Es gibt keine entscheidenden Neuigkeiten. Wie auch: Sie waren ja bloß eine Woche... unpässlich.

* * * *

BAUER Ja, was soll da schon passieren, wenn in den zwölf Jahren nach dem Krieg auch nichts passiert ist?!

* * * *

Betretenes Schweigen. BAUER (CONT’D) Gut, dann danke ich Ihnen. Die Staatsanwälte stehen unsicher wieder auf.

* * * *

JANKOWSKI Bei allem Respekt, Dr. Bauer, war das alles?

* * *

BAUER Wie meinen Sie das?

* *

JANKOWSKI Wie ich das meine? Ich war bereits zuhause! Hätte diese Besprechung nicht Zeit bis Montag gehabt?

* * * *

BAUER Es tut mir Leid, wenn ich Ihr Familienglück gestört habe.

* * *


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13.

JANKOWSKI Ich glaube nicht, dass ich mich entschuldigen muss, wenn ich versuche am Freitag Abend auch mal für meine Kinder da zu sein.

* * * * *

BAUER Und ich glaube nicht, dass ich mich für irgend etwas entschuldigen muss. Während ich weg war ist aus meinem verschlossenen Büro schon wieder eine Akte verschwunden. Diesmal die des Einsatzgruppenkommandanten Schneider, der heute gemütlich bei Mercedes-Benz in Stuttgart arbeitet. Meine eigene Behörde ist Feindesland - und hier geht überhaupt nichts voran.

* * * * * * * * * * * * *

Stille. Angermann schaut Bauer groß an.

*

JANKOWSKI Wir bemühen uns alle, aber--

* *

BAUER (bitter) Ach ja. Na dann gute Nacht.

* * *

Er wendet den Staatsanwälten den Rücken zu und nimmt sich einen Cognac, den er langsam austrinkt, wartend, dass die Männer gehen. Stumm verlassen die Staatsanwälte den Raum. Nur Karl Angemann wartet in der Tür, die er leise hinter den anderen Staatsanwälten schließt. Dr. Bauer? Ja?

ANGERMANN BAUER

ANGERMANN Ich habe die Akte Schneider. BAUER Sie haben...?! ANGERMANN Ja. Sie haben mich letzte Woche um meine Einschätzung der vorliegenden Beweise gegen Schneider gebeten. Bauer ist sprachlos. ANGERMANN (CONT’D) Sie sehen müde aus, Dr. Bauer.

*


14. BAUER Wieso haben Sie das denn eben nicht gesagt? ANGERMANN Ich wollte Sie nicht bloßstellen. BAUER Das macht Sie zu einer seltenen Ausnahme, Angermann. Angermann lacht. Danke.

BAUER (CONT’D)

Angermann nickt und geht. Bauer will trinken, doch dann überlegt er es sich anders und stellt den Cognac weg. 17

INT. BAUERS WOHNUNG - NACHT

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Bauer kommt nach Hause und findet einen anonymen Brief unter der Tür. Ohne den Mantel auszuziehen setzt er sich auf sein Sofa in sein dunkles Wohnzimmer. Dann schaltet er eine Leselampe ein und öffnet den Brief: “Jude verrecke” steht dort geschrieben. Bauer schaltet das Licht schnell wieder aus. Er geht vorsichtig zum Fenster und schaut ängstlich auf die Straße, die ruhig daliegt. Er geht zum Telefon und wählt. FRAUENSTIMME (V.O.) Vermittlung. BAUER Kopenhagen, bitte. Familie Tiefenthal. PARALLELMONTIERT MIT: 18

INT. HAUS DER TIEFENTHALS - NACHT WALTER TIEFENTHAL, Bauers Schwager, hebt den Hörer ab. TIEFENTHAL (dänisch) Tiefenthal, god aften?

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BAUER Hallo Walter, hier spricht Fritz. TIEFENTHAL Fritz! Wie geht es Dir? Tiefenthal ruft in die Küche. TIEFENTHAL (CONT’D) Margot! Dein Bruder! BAUER Mir geht es gut. Sehr gut, danke. Und Euch? TIEFENTHAL Ach du weißt ja, seit Eure Mutter gestorben ist... Sprich sie nicht drauf an. Hier kommt sie. Mach es gut, Fritz. Walter Tiefenthal reicht seiner Frau MARGOT den Hörer. MARGOT Fritz, wie schön! Bauer schließt kurz die Augen und atmet ruhiger. BAUER Margot, meine Liebe. Störe ich? Ich wollte nur deine Stimme hören... MARGOT Was ist los? Hast du wieder Morddrohungen bekommen? BAUER Nein. Nein, alles ist in Ordnung. Ich... glaube, ich schaffe es vielleicht doch nach Kopenhagen zu deinem Geburtstag.

*

MARGOT Wie schön! Wir freuen uns.... soll ich deine Frau einladen? Das wäre doch nett, dann sind wir alle mal wieder zusammen.

*

BAUER Ja. Ja, lade sie ruhig ein, wenn du möchtest. Ich freue mich. 19

INT. BUENOS AIRES / WILLEM SASSENS HAUS - TAG Ein Tonband wird eingeschaltet. SUPERIMPOSED: BUENOS AIRES, ARGENTINIEN.

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16.

WILLEM SASSEN, ein etwa 40 jähriger Mann, klopft testweise auf ein Mikrofon und kontrolliert den Dezibelausschlag.

*

SASSEN So, Test, Test.... Wir setzen unsere Gespräche mit dem sehr verehhrten Herrn Eichmann zur Judenfrage fort.

* * * *

ADOLF EICHMANN ist eine schmächtige, ernsthafte Gestalt, blass und mit einem verspannten Ausdruck im Gesicht. SASSEN (CONT’D) Herr Fritsch, möchten Sie beginnen?

* *

FRITSCH Gerne, Herr Sassen. Herr Eichmann, ich darf Ihnen sagen, dass unsere bisherigen Gespräche ein vielversprechendes Buch erwarten lassen. Zu Hause, im fernen Deutschland, da wartet man auf diese Publikation. Das vierte Reich ist greifbar nah.

*

Eichmann nickt zustimmend. SASSEN Mich würde interessieren, wie die Sache mit den Juden im besten Falle ausgegangen wäre. Ihrer Meinung nach, Herr Eichmann? EICHMANN Ich sage Ihnen ganz ehrlich, hätten wir von den 10,3 millionen Juden, 10, 3 millionen getötet, dann wäre ich befriedigt und würde sagen, gut, wir haben einen Feind vernichtet. Unsere Aufgabe für unser Blut, unser Volk, für die Freiheit der Völker hätten wir dann erfüllt. Auch ich war Schuld daran, dass die von mir konzipierte Eleminierung unseres Feindes nicht gänzlich durchgeführt werden konnte. Ich war ein unzulänglicher Geist. Darin liegt meine Schuld. Ich hätte in Wahrheit mehr machen können. Und machen müssen. 20

EXT. RIO DE LA PLATA - TAG

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NICK EICHMANN, 20, und SILVIA HERMANN, 16, toben lachend vom einsamen Strand ins Wasser, den Wellen entgegen.


17. 21

EXT. AUSSERHALB BUENOS AIRES / LANDSTRASSE - ABEND

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Nick und Silvia rasen auf einem Motorrad eine Landstraße entlang. Über ihre nasse Badewäsche haben sie nur T-Shirts gezogen. Silvia hält mit einer Hand eine Korbtasche, mit der freien Hand umklammert sie Nicks Bauch. Sie legt ihren Kopf an seinen Rücken und schließt die Augen. Um ihren Hals hängt ein goldenes Kreuz an einem Kettchen. 22

EXT. BUENOS AIRES / EINE STRAßE - TAG

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Buntes Leben erfüllt eine kleine Geschäftsstraße. Adolf Eichmann wandelt den Bürgersteig zwischen den flanierenden Paaren und den spielenden Kindern hinab. An einem Obststand verweilt er, nimmt eine Orange und riecht daran. Dann deutet er dem alten, zahnlosen VERKÄUFER an, dass er drei Stück möchte. 23

INT. BUENOS AIRES / ADOLF EICHMANNS HAUS - TAG

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Eichmann betritt sein ärmliches Haus. (ruft) Nick?

EICHMANN

Er lauscht, aber im Haus ist alles ruhig. Eichmann zieht seinen Mantel aus und hängt den Hut auf. Dann geht er mit den Orangen in die Küche und legt sie in eine Obstschale. Durch das Küchenfenster sieht er im Garten seine Frau VERA, die gerade Kaninchenställe ausmistet. Eichmann öffnet die Tür zum Garten, bleibt aber hinter dem Fliegengitter stehen. EICHMANN (CONT’D) Wo ist Nick? VERA EICHMANN Oh, er wollte mit einem Mädchen schwimmen gehen. Vera lächelt etwas verschmitzt. EICHMANN Was gibt es da zu grinsen? VERA EICHMANN Ich glaube, er mag sie.


18. EICHMANN Hauptsache, er bringt sie nicht mit. Veras Lächeln vergeht. VERA EICHMANN Das würde er doch nie machen. 24

EXT. BUENOS AIRES / HAUS LOTHAR HERMANN - NACHT

24

Silvia und Nick verabschieden sich mit einem schüchternen Kuss. Dann fährt er mit seinem Motorrad davon. 25

INT. HAUS LOTHAR HERMANN - KURZ DARAUF

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LOTHAR HERMANN sitzt stumm und angespannt im Wohnzimmer. Er ist blind. Seine Frau läuft nervös hin und her. Sie hat eine Zeitung in einer Hand: das “Argentinische Tageblatt”, aber sie liest nicht darin. Das abfahrende Motorrad wird leiser, dann tritt Silvia beschwingt auf. SILVIA Hallo! Gibt es noch was zu essen? Ich habe eine Bärenhunger! --Was ist denn? Ihre Eltern antworten nicht. Die Mutter senkt den Blick. LOTHAR Setz dich zu mir, mein Kind. Silvia setzt sich zu ihrem Vater. SILVIA Seid ihr böse, weil es später geworden ist? Wir waren nur schwimmen... SILVIAS MUTTER Nein, das ist es nicht... Es ist wegen Nick! SILVIA Wegen Nick? Was ist denn? Mögt ihr ihn nicht? LOTHAR Gib ihr die Zeitung, bitte. Die Mutter reicht Silvia das Blatt und zeigt ihr einen Artikel.


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19.

LOTHAR (CONT’D) Lies mir den Artikel vor, bitte. SILVIA (unsicher, wohin das hier führt) Die Frankfurter Staatsanwaltschaft unter der Leitung des hessischen Generalstaatsanwaltes Dr. Fritz Bauer bemüht sich, Verbrechen der Nationalsozialisten vor Gericht zu bringen. Unter den prominentesten Flüchtigen finden sich Namen wie Adolf Eichmann... Sie schaut auf. SILVIA (CONT’D) Aber das kann doch einfach nur zufällig der selbe Name sein. LOTHAR Du weißt, was Nick für Reden über die Juden hält. Du weißt, wie er denkt. SILVIA Ach, das meint er nicht so. Nick ist ein ganz lieber Kerl, es reden doch ganz viele schlecht über die Juden. LOTHAR Warst du jemals bei Nick zu Hause? SILVIA Nein, aber... LOTHAR Weißt du denn, wo er wohnt? SILVIA Nicht genau, nein. Was beweist denn das? LOTHAR Hast Du seine Eltern mal getroffen? Sie schüttelt den Kopf. LOTHAR (CONT’D) Weißt du, wer Adolf Eichmann ist? Silvia antwortet nicht mehr.

* * * *


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LOTHAR (CONT’D) Adolf Eichmann war verantwortlich für den Transport von Millionen von Juden aus ganz Europa in große Lager, in denen sie getötet wurden. Lothar nimmt ihre Hand, Silvia entzieht sie ihm. LOTHAR (CONT’D) Ich habe auch keine Augenkrankheit, Silvia. Die Gestapo hat mir das Augenlicht genommen. Ich war selber in einem Konzentrationslager, weil ich zur Hälfte jüdisch bin. Silvia schaut unsicher zu ihrer Mutter, die den Blick nicht erwidert. Aber...

SILVIA

LOTHAR Wir haben dich christlich erzogen, damit du keine Probleme bekommst. Warum...?

SILVIA

Sie schaut auf die Zeitung, zu ihrer Mutter, ihrem Vater, dann rennt sie plötzlich aus dem Zimmer. Eine Tür schlägt, ihr Weinen ist zu hören. Die Mutter will ihr nachgehen, aber Lothar hält sie auf. LOTHAR Gib ihr etwas Zeit. MUTTER Du hättest ihr etwas Zeit geben sollen! Sie ist 16, Lothar. Eben.

LOTHAR

MUTTER Was sollen wir denn jetzt machen? LOTHAR Ich rede gleich noch mal mit ihr.-MUTTER Nein, ich meine wegen... dieser Geschichte? Lothar reibt seine Schläfen.

*


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MUTTER (CONT’D) Vielleicht solltest du mit dem Botschafter reden. LOTHAR Mit Junkers? Der war im Dritten Reich einer von Ribbentrops engsten Mitarbeitern im Außenministerium. Es würde mich nicht wundern, wenn der mit Eichmann in Kontakt steht. Nein, wir müssen vorsichtig sein, sonst warnt ihn jemand, und er verschwindet. MUTTER Wem könntest du in Argentinien so etwas anvertrauen? Niemandem.

LOTHAR

Der Blick der Mutter geht zur Zeitung, sie betrachtet das Foto von Fritz Bauer. 26

INT. BAUERS SEKRETARIAT - TAG

26

Fräulein Schütt entfernt den Deckel ihrer Schreibmaschine, als Bauer in einem Sportblouson mit einem kleinen Koffer und einer Akte unter dem Arm aus seinem Dienstzimmer kommt. FRÄULEIN SCHÜTT Oh. Guten Morgen, Dr. Bauer. Ich dachte Sie wären schon in Kopenhagen. BAUER Nein, ich fahre jetzt zum Flughafen. Musste nur noch etwas holen. Er legt die Akte auf ihren Tisch und öffnet seinen Koffer. FRÄULEIN SCHÜTT Nutzen Sie doch die paar Tage zur Entspannung! BAUER Ich wäre der erste Mensch, der sich auf einem Familienfest entspannen kann. Während er die Akte in seinem Koffer verstaut, kommt ein HAUSBOTE und wirft ein Paket Briefe in den Posteingang.

*


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22.

Fräulein Schütt sortiert sie effizient wie eine Maschine in unterschiedliche Stapel, bis sie plötzlich bei einem Brief stockt. Sie dreht ihn und wendet ihn, dann reicht sie den Brief ratlos an Bauer. FRÄULEIN SCHÜTT Das scheint privat zu sein. Bauer nimmt den Umschlag und betrachtet ihn. Handschriftlich steht als Empfänger neben der Adresse der Staatsanwaltschaft: “Dr. Bauer persönlich/vertraulich”. Auf der grünen 2 Pesos Briefmarke steht “Republica Argentina”, das Bild zeigt einen SCHLÜSSEL MIT EINER WINDROSE.

*

Bauer dreht den Brief um und liest den Absender: “Lothar Hermann, Entre Rios 32, Olivos, Buenos Aires”. Er öffnet den Brief, nimmt die handgeschriebene Seite heraus und fängt an zu lesen. Fräulein Schütts Telefon klingelt. Sie hebt ab. FRÄULEIN SCHÜTT (CONT’D) Büro des Generalstaatsanwalts. -- Einen Augenblick, bitte. Sie drückt eine Taste am Telefon. FRÄULEIN SCHÜTT (CONT’D) Dr. Bauer, es ist für Sie. Bauer liest den Brief und reagiert nicht auf seine Sekretärin. Dr. Bauer?

FRÄULEIN SCHÜTT (CONT’D)

Er schaut auf. BAUER Stornieren Sie bitte meinen Flug nach Kopenhagen! Und verbinden Sie mich mit meiner Schwester.

* * *

Er steht auf, geht in sein Büro, schließt die Tür und lässt seinen Reisekoffer bei Fräulein Schütt stehen.

*

Sie schaut ihm irritiert nach. 27

GESTRICHEN!

27

*


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EXT. BÜRO GEORG AUGUST ZINN - TAG

23. 28

*

Fritz Bauer, jetzt wieder in Anzug und Krawatte, betritt das ehemalige Kavaliershaus des Stadtschlosses in Wiesbaden, in dem der hessische Landtag untergebracht ist. SEKRETÄRIN (V.O.) Der Herr Ministerpräsident erwartet Sie bereits! 29

INT. BÜRO GEORG AUGUST ZINN / SEKRETARIAT - TAG

29

*

Fritz Bauer steht mit seiner Aktentasche noch im Vorraum des Büros des hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn und betrachtet ein Bild von Rosa Luxemburg an der Wand. Hinter ihm öffnet die SEKRETÄRIN die Tür zum Büro des Ministerpräsidenten. 29A

INT. BÜRO GEORG AUGUST ZINN - TAG

29A

*

Bauer betritt Zinns Büro. Fritz!

ZINN

BAUER Du traust Dich ja was. Rosa Luxemburg? Was sagt denn der Verfassungsschutz dazu? Zinn lacht. ZINN Die ermitteln wahrscheinlich immer noch, wer das auf dem Bild ist. Setz Dich! Die beiden Männer nehmen in einer Sitzecke Platz. Bauer steckt sich eine Zigarette an. Weinbrand?

ZINN (CONT’D)

Er deutet auf einige Kristallglas Flaschen neben der Sitzecke. Der Weinbrand leuchtet im Sonnenlicht. BAUER Nein, danke. Zinn nimmt die Entscheidung wohlwollend zur Kenntnis. Bauer reicht ihm den Brief von Lothar Hermann.

* * *


Blue (27.08.2014)

24.

BAUER (CONT’D) Ein Mann namens Lothar Hermann glaubt Adolf Eichmann in Argentinien entdeckt zu haben. Zinn zieht interessiert die Augenbrauen hoch und studiert den Brief. Bauer holt ein Dossier aus der Aktentasche. BAUER (CONT’D) Obersturmbannführer der SS, Leiter der Abteilung IV B 4, im Reichssicherheitshauptamt. Zuständig für die Umsiedlung der Juden. Bauer reicht Zinn eine schwarz-weiss Fotografie des jungen Eichmann, der stolz und selbstbewußt in seiner SS Uniform in die Kamera schaut. BAUER (CONT’D) Die Ermittlungsakte wurde bereits 1945 in Wien angelegt, aber ohne Erfolg. Die Österreicher waren letztes Jahr froh, dass der Bundesgerichtshof uns für die Suche nach Eichmann zuständig erklärt hat. Zinn gibt ihm den Brief zurück. ZINN Was willst du jetzt tun? BAUER Ich will ihn in Deutschland vor Gericht stellen. Gut.

ZINN

BAUER Ich weiß nicht wie. Ich weiß einfach nicht wie! Er schlägt mit der Faust auf den Tisch.

* * *

ZINN Dein heiliger Zorn. Das ist gut, der hält dich jung!

* * *

BAUER Nein, mein Zorn ist begleitet von Ohnmacht. Und die macht mich alt, zweifellos.

* * * *

Bauer steht auf und läuft ziellos umher.

*


Blue (27.08.2014) BAUER (CONT'D) Was habe ich denn erreicht? Man darf die Hitlerattentäter nicht mehr als Landesverräter beschimpfen, gut, aber sonst? Nichts. Alle Untersuchungen stecken fest! Weißt Du, ich dachte nach ‘45 wirklich, wir hätten das Böse besiegt. Ich dachte, wir könnten jetzt eine neue Gesellschaft erschaffen, frei, gerecht und brüderlich. Aber die Leute wollen gar keine Visionen, sie wollen in ihre freundlichen Einfamilienhäuser ziehen und sich einen Kleinwagen kaufen. Sie wollen Adenauers verfluchte Versöhnung - die Restauration hat mal wieder die Revolution geschlagen, wie schon so oft in Deutschland.

25. * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Bauer scheint keine Luft mehr kriegen zu können. BAUER (CONT’D) Verdammt, ich kann hier drinnen nicht mal atmen. Er öffnet ein Fenster und schaut auf Wiesbaden. ZINN Du wußtest, dass es nicht leicht wird. Bauer atmet wieder ruhiger. BAUER Eichmann! Das wäre ein Schlag, das ist die zentrale Figur, der Organisator der Endlösung. Bei ihm laufen alle Fäden zusammen. Weißt du wie viele Leute nachts nicht mehr schlafen könnten, wenn wir Eichmann in Frankfurt auf die Anklagebank setzen? Er setzt sich wieder zu Zinn. BAUER (CONT’D) Ich habe versucht mit Interpol Kontakt aufzunehmen, aber die sagen, sie sind für politische Verbrechen nicht zuständig. Es gibt keine Ermittlungsbehörde, die nicht durchsetzt ist mit Nationalsozialisten: das BKA, der Bundesnachrichtendienst, der Verfassungsschutz...

* * * * * * * * * * * * * * * *


Blue (27.08.2014)

26.

ZINN Aber du hast doch deine Staatsanwälte. BAUER In meiner eigenen Behörde verschwinden Akten. ZINN Rom wurde nicht an einem Tag gebaut. Bauer schaut Zinn einen langen Moment lahm an. BAUER Als wir noch zusammen im Reichsbanner gegen die SA auf der Straße gekämpft haben, hattest Du es auch eiliger, als hier in deiner gemütlichen Dienstvilla!

* * * * * *

ZINN ICH habe Dich zum Generalstaatsanwalt gemacht! Beiß dich fest, bring sie vor Gericht, aber tu dir nicht selber Leid.

* * * *

Bauer steckt sich eine neue Zigarette an. ZINN (CONT’D) In ein paar Jahren wird Deutschland bereit sein, sich seiner Vergangenheit zu stellen. BAUER Wenn Eichmann entkommt, habe ich keine Kraft mehr für ein paar Jahre. Er zögert. BAUER (CONT’D) Ich werde den Mossad kontaktieren. ZINN Das ist Landesverrat. BAUER An meinem Patriotismus sollte es keinen Zweifel geben! ZINN Wenn das herauskommt, gehst du dennoch ins Gefängnis.


27. BAUER Deshalb wird es niemand erfahren, außer dir. ZINN Ich halte das für keine kluge Entscheidung, Fritz. BAUER Und was soll ich deiner Meinung nach Lothar Hermann auf seinen Brief antworten? 30

EXT. RHEINSCHIFF - TAG

30

Ein Ausflugsschiff auf dem Rhein im Herbst. Touristen fotografieren sich gegenseitig und genießen die Aussicht und die Sonne. Etwas abseits nimmt Fritz Bauer in Freizeitkleidung Platz auf einer Bank. Er legt einen Rucksack neben sich und fotografiert die Loreley. FELIX SHINNAR, ein Mann seines Alters mit schütterem Haar, spricht ihn an. FELIX SHINNAR Ist der Platz noch frei? Bauer nickt. Bitte.

BAUER

Shinnar setzt sich und nimmt Bauers Rucksack beiläufig an sich. Bauer will aufstehen. BAUER (CONT’D) Auf Wiedersehen. Shinnar hält ihn dezent zurück. FELIX SHINNAR Wir müssen die Quelle kontaktieren. Bauer schaut sich um. Es sind einige Menschen in ihrer Nähe. BAUER Die Legende der Loreley kann ich ihnen erzählen, natürlich. Er setzt sich wieder.


Blue (27.08.2014)

28.

BAUER (CONT’D) (leise und bestimmt) Die Quelle vertraut mir. FELIX SHINNAR Unsere Agenten müssen die Quelle überprüfen, bevor wir eine Operation einleiten. Bauer denkt nach. BAUER Ich werde eine Empfehlung schreiben, damit sich Ihre Leute in meinem Namen vorstellen können. FELIX SHINNAR Israel wird nie vergessen, was Sie für uns tun. BAUER Moment, nur damit das klar ist: Eichmann muss vor ein deutsches Gericht!

* * * *

Shinnar nickt indifferent. 31

INT. STAATSANWALTSCHAFT / KANTINE - TAG

* 31

In der vollen Kantine sitzt Bauer alleine und isst zu Mittag. Angermann kommt mit seinem Tablett zu ihm. Darf ich?

ANGERMANN

BAUER Bitte. Mahlzeit, Angermann. Danke.

ANGERMANN

Angermann stochert lustlos in seinem Essen herum. BAUER Heute geht es doch eigentlich. ANGERMANN Sicher. Ich... ich habe wohl keinen Appetit. Mich beschäftigt ein Fall, der demnächst zur Verhandlung kommt. Er schiebt das Essen von sich. BAUER Worum geht es?


Blue (27.08.2014)

29.

ANGERMANN Einen 175er. Bauer nickt und zündet sich eine Zigarette an. ANGERMANN (CONT’D) Ein junger Medizinstudent namens Johann Krauss. Kurz vor Abschluss seines Studiums wurde er wegen seiner Homosexualität denunziert. Er wurde wegen fünfzehn Fällen von widernatürlicher Unzucht zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Johann Krauss verlor seine Studienerlaubnis. Dann kam er raus und wollte Taxifahrer werden, aber das Vekehrsamt lies ihn als hundertfünfundsiebziger nicht zur Prüfung zu. Johann Krauss fand keine Arbeit mehr und verdingte sich ein einziges Mal als Strichjunge. Dabei hat man ihn erwischt. Er hatte fünf Mark auf einer öffentlichen Bedürfnisanstalt verdient.

*

Bauer schaut ihn abwartend an. ANGERMANN (CONT’D) Ich bin unsicher, was ich für ein Strafmaß fordern soll. BAUER Sechs Monate Gefängnis. Wo ist das Problem? ANGERMANN Sechs Monate für wechselseitige Onanie? Der nimmt sich doch das Leben! BAUER Sie wirken persönlich angegriffen, Angermann. ANGERMANN Ja, denn ohne die Verschärfung des Paragrafen 175 durch die Nationalsozialisten wäre die wechselseitige Onanie kein Straftatbestand. BAUER Der Bundesgerichtshof hat dazu doch ein klares Urteil gefällt. Das Gesetz verkörpert keine typisch nationalsozialistische Weltanschauung.

*


Blue (27.08.2014)

30.

Angermann nickt desillusioniert. ANGERMANN Ja... 175er sind wohl einfach nicht meine Fälle. BAUER Ich muss wieder. Er steht auf. BAUER (CONT’D) Kennen Sie das “Valentin” Urteil? Nein.

ANGERMANN

BAUER Hamburger Landgericht, Sommer’51 muss das gewesen sein. Könnte Sie interessieren. Und damit geht Bauer. 32

EXT.

STAATSANWALTSCHAFT - TAG

32

Bauers Opel Kapitän fährt vor der Staatsanwaltschaft vor. 33

INT. SEKRETARIAT DER OBERSTAATSANWALTS KREIDLER - TAG

33

Oberstaatsanwalt Kreidler betritt schwungvoll sein Büro zum Arbeitsbegin.

* *

Seine Sekretärin begrüßt ihn. SEKRETÄRIN Giten Morgen, Herr Oberstaatsanwalt! KREIDLER Guten Morgen.

*

SEKRETÄRIN Sie haben Besuch! Kreidler wundert sich. Die Sekretärin nickt in Richtung seines Büros. SEKRETÄRIN (CONT’D) Herr Gebhardt vom Bundeskriminalamt! Kreidler betritt sein Büro.

*

* *


Blue (27.08.2014) 34

31.

INT. KREIDLERS BÜRO - TAG Paul Gebhardt steht in Kreidlers Büro und beobachtet, wie Fritz Bauer einige Stockwerke unter ihm gerade seine Limousine verlässt und ins Gebäude geht. GEBHARDT Unser Freund scheint wieder zu Kräften zu kommen, was? Kreidler tritt neben ihn.

34

* *

*

*

GEBHARDT (CONT’D) Ich habe gehört, dass er eine Familienreise kurzfristig abgesagt hat. Kennen Sie den Grund?

*

KREIDLER Der Grund ist immer derselbe. Er ist besessen.

*

GEBHARDT Ja, Ehrgeiz ist nicht jedem gegeben.

*

KREIDLER Alles zu seiner Zeit, Herr Gebhardt.

*

GEBHARDT Sie haben die Ruhe, mein lieber Kreidler, aber es gibt natürlich Freunde, die sitzen im Ausland und haben es nicht so gemütlich.

*

KREIDLER An wen denken Sie dabei?

*

GEBHARDT Das weiß ich leider nicht. Das ist ja mein Problem. Bauer hat eine neue Fährte, und ich weiß nicht, wen er im Visier hat. Er hat eine Anfrage bei Interpol gemacht. Ohne konkret zu werden, wollte er wissen, ob wir einen hochrangigen SS Offizier, der per Haftbefehl gesucht wird, im Ausland ergreifen können.

*

KREIDLER Was haben Sie geantwortet?

*

GEBHARDT Dass wir für politische Verbrechen nicht zuständig sind.

*

*

*


Blue (27.08.2014)

32.

KREIDLER Eben. Er kann nichts machen. Er ist vollkommen isoliert.

*

GEBHARDT Unterschätzen Sie ihn nicht. Wir müssen wissen, wen er sucht!

*

Gebhardt greift in seine Jackentasche und holt ein Dokument heraus, dass er Kreidler gibt. KREIDLER Was ist das? Dänisch? Ich kann das nicht lesen...

*

GEBHARDT Das ist ein Rapport der Ausländerpolizei. Bauer wurde in Dänemark mehrfach mit Prostituierten erwischt. Mit männlichen Prostituierten!

*

*

Kreidler ist fassungslos.

*

KREIDLER Er ist schwul?

* *

Er geht geschockt umher.

*

KREIDLER (CONT’D) Der Jude ist schwul?

* *

Er setzt sich.

*

KREIDLER (CONT’D) Wenn wir ihn mit einem Kerl erwischen, ist er fertig.

* * *

GEBHARDT Eben! - Und Selbst ein Mönch muss irgendwann mal bumsen.

* * *

Kreidler lacht. 35

* *

INT. FLUGZEUG DOUGLAS DC 6-B - TAG

* 35

*

Eine STEWARDESS und ein attraktiver COPILOT begrüßen die Gäste beim Boarding.

* *

SUPERIMPOSED: 3 Monate später.

*

Bauer lächelt beim einsteigen den Copiloten einen Augenblick länger an - und geht dann zu seinem Platz.

* *

Als Bauer sitzt, schlägt er den “Spiegel” (21/1958) auf.

*

Er entdeckt eine Werbung für Herrenstrümpfe:

*


Blue (27.08.2014)

36

37

33.

“Der Mann von Welt trägt Karo!” Daneben ein paar wild karierte Socken. Bauer stutzt, dann blättert er irritiert um und liest:

* * *

“Israel - Araber Feindschaft: Die Saat der Gewalt”.

*

EXT. HIMMEL - TAG

36

*

Die propellerbetriebene Douglas verschwindet in einer großen Cumulus Wolke.

* *

EXT. TEL AVIV / HOTEL METROPOL - TAG

37

In Tel Avivs “weißer Stadt” liegt das Hotel Metropol in seiner sachlichen Bauhaus Architektur. SUPERIMPOSED: TEL AVIV, ISRAEL 38

INT. HOTEL METROPOL / LOBBY - TAG

* 38

Bauer nimmt von einer REZEPTIONISTIN einen Zimmerschlüssel entgegen. BAUER Are there any messages for me? Sie schaut in einem Schlüsselfach nach. No.

REZEPTIONISTIN

Bauer nickt, dann schaut er sich suchend um. 39

INT. HOTEL METROPOL / BAUERS ZIMMER - NACHT

39

Bauer drückt seine zehnte Zigarette in einem Aschenbecher aus und springt vom Bett. Er geht zum Balkon und sucht mit seinen Blicken die Straße vor dem Hotel ab. 40

INT. HOTEL METROPOL / BAUERS ZIMMER - TAG

40

Ein Hämmern an der Zimmertür reißt Bauer aus dem Schlaf. Voll bekleidet kriecht er aus seinem Bett hervor und schlurft benommen zur Tür, wo ihn ZWEI KRÄFTIGE JUNGE MÄNNER militärisch knapp begrüßen. BAUER One minute, please. Er reibt sich das Gesicht, um wach zu werden und holt sein Jackett.


Blue (27.08.2014) 41

34.

EXT. HOTEL METROPOL - TAG

41

Vor dem Hotel steigen die drei in einen Geländewagen. 42

INT. GELÄNDEWAGEN - TAG

42

Der Beifahrer reicht Bauer eine dunkel abgeklebte Motorradbrille. Zögernd nimmt Bauer sie, setzt seine eigene Brille ab und zieht die Motorradbrille über. 43

SCHWARZ

43

Verkehrslärm und Stadtgeräusche sind zu hören, der laute Motor des Geländewagens, Hupen, Rufe, darunter Bauers ruhiger Atem. Der Motor des Jeeps geht aus, eine Tür wird aufgeschlossen und fällt dann krachend ins Schloss. Bauer stöhnt, sein Atem wird ängstlicher, lauter. ISSER HAREL (jiddisch) Sie können die Maske jetzt abnehmen, Dr. Bauer! 44

INT. EINE WOHNUNG - TAG

*

44

Bauer zieht die Brille ab. Er sieht alles unscharf, bis er seine eigene Brille aufsetzt. In einer nahezu unmöblierten, lichtdurchfluteten Wohnung begrüßt ihn ISSER HAREL, ein auffallend kleinwüchsiger Mann mit Halbglatze, sehr großen Ohren und einem messerscharfen Blick. Harel wirkt entspannt in seinem hellen Sommerhemd - im Gegensatz zu Bauer.

*

ISSER HAREL (jiddisch) Entschuldigen Sie die Vorsichtsmaßnahme.

*

BAUER Ich spreche kein jiddisch, es tut mir Leid. English?

* *

Harel streckt Bauer die Hand hin. ISSER HAREL Harel. You can call me Isser. Bauer streicht mit seiner verschwitzten Hand das verknitterte Hemd glatt und reicht sie Harel.

* *


Blue (27.08.2014)

35.

BAUER I wasn’t expecting you personally.

* *

ISSER HAREL I didn’t want you to think we weren’t interested in Eichmann.

* *

Er wendet sich einer Akte auf einem Tisch zu, dem einzigen Möbelstück in der Wohnung.

*

Bauer richtet eilig seinen Krawattenknoten. ISSER HAREL (CONT’D) We have carried out two investigations in the last five months.

* * *

Er reicht Bauer die Akte. ISSER HAREL (CONT’D) The trail is a dead end. Instinktiv will Bauer widersprechen, nimmt aber stattdessen die Akte aus Harels Hand und blättert sie suchend durch.

* *

BAUER No, that can’t be true.

* *

ISSER HAREL I wish we had found something.

* *

Bauer geht zu dem Tisch und zerlegt die Akte. Er breitet alles aus: Briefe, Berichte. Eine Zeitschrift: “El Sendero Der Weg.” Die Titelreportage lautet: “Juden schmieren Bonns Israelhilfe”. Bauer legt das Heft beiseite und nimmt einige Fotografien zur Hand: schwarz-weiß Bilder eines sehr ärmlichen, heruntergewirtschafteten Hauses in Argentinien. ISSER HAREL (CONT’D) The first investigation in October was led by one of my men. But after two weeks observation he couldn’t identify anybody that looked like Eichmann.

* * * * * * *

Bauer geht die Bilder aufmerksam durch. Auf einem Foto ist eine FRAU bei der Gartenarbeit zu sehen. BAUER Who is she?

* *

ISSER HAREL That is Nick Eichmann’s mother, Vera Leibl.

* * *


Blue (27.08.2014)

36.

BAUER Vera Leibl-Eichmann? Adolf Eichmann’s wife!

* * *

ISSER HAREL I was also sceptical after the first observation, which is why we started a second investigation at the beginning of this year. This time with a very experienced police officer. A manhunt expert. He made contact with the Hermanns using your letter of recommendation. Silvia Hermann even went to the house. She is a very courageous girl, I must say.

* * * * * * * * * * * *

Bauer betrachtet das grobkörnige schwarz-weiss Bild des mysteriösen Hauses. ISSER HAREL (CONT’D) Silvia confirmed that a man of Eichmann’s age lives there. Nick calls him “father”. But we believe Vera Leibl remarried after the war. Bauer versucht vergeblich eine letzte Zigarette aus seinem zerdrückten Softpack zu fingern. BAUER I know. I questioned her mother in Germany and found her statement completely unbelievable: Vera Leibl remarried after the war and emigrated to America with her new husband and Eichmann’s three sons. Since then the mother hasn’t heard anything from them and allegedly noone else in the family has had contact either. They don’t even know if they’re in South or North America. Die Zigarette ist in der Mitte zerbrochen. Er steckt einen kurzen Stummel in den Mund und zündet ihn umständlich an.

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

ISSER HAREL The owner of the house is an Austrian...

* * *

BAUER Eichmann is Austrian!

* *

ISSER HAREL ...Francisco Schmidt. He supposedly arrived in Argentina in 1945 on a navy submarine.

* * * *


Blue (27.08.2014)

37.

Harel lässt diese absurde Geschichte kurz wirken. Bauers Blick fliegt suchend über die Berichte und Korrespondenzen. ISSER HAREL (CONT’D) We checked him. Schmidt is definitely not Adolf Eichmann. Er entdeckt einen Auszug der Argentinischen Stromwerke, auf dem zwei Nummern angegeben sind, jeweils mit einem anderen Namen versehen: “Dagoto” und “Klement”.

* * * * *

BAUER What’s this?

* *

ISSER HAREL The two names that the electricity metre is registered to.

* * *

BAUER Have you checked on these names?

* *

ISSER HAREL Adolf Eichmann made himself rich from the wealthiest Jewish families in Europe during the deportations. Do you really think he’s been sitting in this rat hole for twelve years?

* * * * * * *

Harel hält ein Foto des erbärmlichen Hauses hoch. ISSER HAREL (CONT’D) And if so, do you believe he’d let his son use his real name?

* * * *

Harel nimmt eine zweite, wesentlich dickere Akte zur Hand und legt sie Bauer vor. ISSER HAREL (CONT’D) That is our dossier on Eichmann. Er holt ein paar Berichte aus der Akte. ISSER HAREL (CONT’D) Here someone discovered him among Nasser’s advisors in Cairo... (picks up another report) He knows that Eichmann flies between South Africa and Switzerland as Dr. Spitzer... (shows a third report) He lives as Arthur Sonnenberg in Kiel and breeds rabbits! Bauer tritt den Stummel seiner Zigarette auf dem Boden aus.

* * * * * * * * * * * * * *


Blue (27.08.2014)

38.

BAUER You should have checked the names of the tenants! Dagoto and Klement.

* * *

ISSER HAREL Dr. Bauer, I am sorry Egypt and the arabs are threatening us every day. I have to defend the living Jews in Israel, not the dead.

* * * * *

Bauer sagt darauf nichts. Harel gibt ihm den Brief von Lothar Hermann zurück.

*

ISSER HAREL (CONT’D) If you can find a second independent source, the mossad will capture Eichmann. Until then I need my agents to fight our current enemies.

45

* * * * * *

Bauer nimmt den Brief an sich. Er betrachtet den Umschlag, er sieht wieder die Briefmarke: Buenos Aires, darunter der Schlüssel mit der Windrose.

*

INT. HOTEL METROPOL / BAR - NACHT

*

45

Bauer steht verloren an der Hotelbar und trinkt.

46

Er signalisiert dem BARKEEPER, dass er noch einen Drink braucht.

*

Als der Mann in eines der oberen Reaglbretter greift, um eine Flasche zu holen, rutscht sein Ärmel hoch und gibt eine in den Unterarm tätowierte Lagernummer frei.

* * *

Bauers Blick verändert sich.

*

Der Barkeeper schenkt ihm nach.

*

INT. GERICHTSSAAL / FRANKFURT - TAG

46

Unter den BESUCHERN einer öffentlichen Verhandlung ist ein Tumult ausgebrochen. Zorn und Empörung schlägt Karl Angermann entgegen, der ruhig und aufmerksam dem RICHTER bei dem Versuch zuschaut, die Leute zum Schweigen zu bringen. RICHTER RUHE IM GERICHTSAAL! RUHE!!! Der VERTEIDIGER flüstert dem sehr jungen Angeklagten JOHANN KRAUSS etwas zu. Krauss, ein blässlicher, schmaler Mann, wirft Angermann schüchterne Blicke zu.


Blue (27.08.2014)

39.

RICHTER (CONT’D) RUHE, ODER ICH LASSE DEN SAAL RÄUMEN! Langsam kehrt Ruhe ein. RICHTER (CONT’D) Herr Staatsanwalt Angermann! Würden Sie dem Gericht bitte erklären, wie Sie darauf kommen ein solch absonderliches Strafmaß für den Angeklagten Johann Krauss zu fordern? Angermann steht auf. ANGERMANN Ich beziehe mich auf das ValentinUrteil vom 21. Juni 1951 in Hamburg, in dem Landgerichtsdirektor Dr. Valentin in einem ähnlichen Verfahren zwei Männer wegen fortgesetzter gleichgeschlechtlicher Handlungen zu je drei Mark Geldstrafe verurteilte. Da der Angeklagte durch wechselseitige Onanie fünf DMark erwirtschaftete, halte ich meine Forderung nach einer Geldstrafe von eben diesen fünf Mark für gerechtfertigt. Wieder brandet Empörung auf. Unter den tobenden Besuchern sitzt vollkommen ruhig eine hübsche, selbstbewußt wirkende Frau Mitte 20, VIKTORIA. Auch ihre Blicke taxieren Angermann, was ihm nicht entgeht. ÜBERBLENDUNG AUF: 47

INT. GERICHTSSAAL - SPÄTER Der Richter verkündet das Urteil. RICHTER --So kommt das Gericht zu folgendem Urteil: fünf Monate Gefängnisstrafe wegen homosexueller Prostitution. Außerdem verhängt das Gericht die Auflage, dass der Verurteilte in Zukunft keinerlei Kontakt zu Männern aufnehmen darf, die unter 21. Jahren alt sind.-Angermann schließt enttäuscht die Augen.

47

*


Blue (27.08.2014)

40.

Johann Krauss konsultiert panisch seinen Anwalt. Viktoria steht auf und geht. 48

INT. GERICHT - TAG

* 48

Angermann steht auf den Stufen des wilhelminischen Gerichtsgebäudes und zündet sich eine Zigarette an, als Viktoria ihn anspricht. VIKTORIA Ich möchte mich bei ihnen bedanken.

*

* *

ANGERMANN Bedanken? Wofür? VIKTORIA Ich bin eine Freundin von Johann Krauss. Ich war in der Verhandlung.

*

ANGERMANN Dann haben Sie ja erlebt, wie ich Herrn Krauss zu einem menschenverachtenden Urteil verholfen habe. VIKTORIA Was Sie getan haben erfordert sehr viel Mut. Dafür möchte ich mich bedanken.

*

Sie schauen sich einen Augenblick lang an. VIKTORIA (CONT’D) Gehen Sie manchmal aus? Wie bitte?

*

ANGERMANN

VIKTORIA Ich arbeite im Kokett. Schauen Sie doch mal vorbei.

* *

ANGERMANN Im “Kokett”...Ich weiß nicht. Ich... Aber danke. Viktoria nickt und geht. Elegant steigt sie in ihren hohen Schuhen und dem engen Kostüm die Treppen des Gerichtsgebäudes herab. Angermann schaut ihr nach.

*


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INT. BAUERS SEKRETARIAT - TAG

41. 49

*

Bauer betritt sein Büro und wird von Fräulein Schütt freundlich begrüßt. FRÄULEIN SCHÜTT Guten Morgen, Dr. Bauer. Wie war es in Paris? BAUER Danke, anstrengend. FRÄULEIN SCHÜTT Waren Sie auch auf Montmartre? Bauer schaut sie einen Moment prüfend an. Fragt sie ihn aus? FRÄULEIN SCHÜTT (CONT’D) (unsicher) Ich bevorzuge ja Italien. Kennen Sie Rimini?

*

BAUER Nein.. Nein. Ist in meiner Abwesenheit irgend etwas bedeutendes vorgefallen? FRÄULEIN SCHÜTT Oh ja, ein kleiner Skandal. Staatsanwalt Angermann hat am Landgericht ein Strafe von 5 Mark für einen hundertfünfundsiebziger gefordert. Der Richter war außer sich, können Sie sich ja vorstellen. BAUER Ja, kann ich. Er geht weiter in sein Dienstzimmer. 50

INT. BAUERS DIENSTZIMMER - TAG

50

Bauer schließt die Tür hinter sich. Lächelnd schlendert er zu seinem Schreibtisch und steckt sich eine Zigarre an. Jetzt muss er laut lachen. 51

EXT. STAATSANWALTSCHAFT - ABEND

51

Bauer wartet rauchend vor dem Ausgang der Staatsanwaltschaft. MITARBEITER verlassen das Gebäude. Als Karl Angermann die Behörde verlässt, ruft Bauer ihn. BAUER Herr Angermann?

*


Blue (27.08.2014)

42.

Angermann kommt sofort zu Bauer gelaufen. ANGERMANN Guten Abend. BAUER Ja, n’Abend. Ich habe von Ihrem Antrag auf ein skandalöses Strafmaß gehört. Angermann grinst. ANGERMANN Die fünf Mark? BAUER Ein Heiermann, wie man im Volksmund sagt. Für sittenwidrige, abscheuliche homosexuelle Prostitution. Sie trauen sich ja was. Angermann nickt. ANGERMANN Oberstaatsanwalt Kreidler hält es für einen Skandal.

*

BAUER Und ich halte es für einen Skandal, dass Herr Kreidler Oberstaatsanwalt ist.

*

Angermann lacht. BAUER (CONT’D) Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen. Passt es Ihnen am Samstag? ANGERMANN Am Samstag. Ich, äh... BAUER Es ist dienstlich, aber vertraulich, daher möchte ich das nicht im Büro besprechen. ANGERMANN Ja, nein, puh, am Samstag bekommt meine Frau eine neue Küche geliefert, ginge auch Sonntag Nachmittag?

*


Blue (27.08.2014) 52

43.

INT. BAUERS WOHNUNG - TAG

52

Bauer sitzt in seinem Wohnzimmer und spielt mit sich selber Schach, während im Hintergrund die “Symphonie Pathétique” von Tschaikowski läuft.

* * *

Es klingelt an der Tür. Während Bauer Angermann öffnet, zieht er sein Sakko über.

* *

BAUER Tag Angermann.

*

ANGERMANN Guten Tag, Dr. Bauer.

*

BAUER Kommen Sie.

*

Er führt ihn hinein. Angermann macht einen unruhigen Eindruck. Kaffee?

BAUER (CONT’D)

ANGERMANN Sicher, gerne. Während Bauer einschenkt, schaut Angermann verstohlen auf seine Armbanduhr. BAUER Setzen Sie sich doch. Angermann setzt sich. BAUER (CONT’D) Wollen Sie nicht Ihren Mantel ausziehen? Sicher.

ANGERMANN

Er steht wieder auf und zieht den Mantel aus, während Bauer ihm Kaffee einschenkt. ANGERMANN (CONT’D) Worum geht es denn, Dr. Bauer? Bauer geht zum Plattenspieler. BAUER Kennen Sie Tschaikowskis Symphonie Pathétique? Meine Lieblingsmusik. Ja, schön.

ANGERMANN

Angermann wippt mit dem Fuß.

* * * * * * *


Blue (27.08.2014)

44.

BAUER Ihre Frau wird es überstehen, Angermann. Bauer macht die Musik aus.

*

ANGERMANN Entschuldigung. Sie ist sehr katholisch. Es ist Sonntag, Sie verstehen. BAUER Wie lange sind Sie verheiratet? ANGERMANN Zwei Jahre. Kinder? Nein.

BAUER ANGERMANN

BAUER Warum nicht? Angermann schaut ihn unverwandt an. ANGERMANN Warum wollten Sie mich sprechen? Bauer reicht ihm den Brief von Lothar Hermann. BAUER Lesen Sie das! Angermann schlägt die Beine übereinander und liest den Brief. Bauers Blick fällt auf Angermanns Socken, die modisch kariert sind, wie in der Werbung zuvor.

* * *

ANGERMANN (O.S.) Was wollen Sie unternehmen?

*

BAUER Ich habe den Mossad kontaktiert. Aber sie verlangen eine zweite, unabhängige Quelle, die Eichmann in Argentinien bestätigt, um eine Operation zu starten. Kennen Sie “Der Weg”?

*

Er legt Angermann eine illustrierte Zeitschrift vor. ANGERMANN Ja, ein rechtsextremes Propagandablatt aus Buenos Aires. Die proklamieren laufenden die Auferstehung des Vierten Reiches.

*

*


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45.

Bauer blättert das Journal auf und zeigt Angermann einen Artikel, der von “Klaus Eichmann” verfasst ist. BAUER Ich möchte, dass Sie herausfinden, ob sich hinter diesem Namen in Wahrheit Adolf Eichmann verbirgt. Angermann trinkt langsam einen Schluck Kaffee. ANGERMANN Was würde der Mossad tun, wenn wir eine zweite Quelle finden? BAUER Eichmann entführen und vor Gericht stellen, glaube ich. (Pause) Was denken Sie? ANGERMANN Ich denke, dass wir Landesverrat begehen. Der Bundesnachrichtendienst wäre unsere Exekutive. BAUER Glauben Sie wirklich, der BND wüßte nicht, wo sich diese Leute verstecken? Die CIA weiß es vermutlich auch. Die würden Eichmann höchstens warnen! ANGERMANN Da bin ich mir nicht sicher. Selbst wenn der BND zu weiten Teilen aus ehemaligen Nazis besteht, müssen sie sich doch der Politik Adenauers beugen. Und Adenauer will die Aussöhnung mit Israel, vielleicht käme ihm ein aufsehenerregender Prozess eines Kriegsverbrechers wie Eichmann ganz recht. BAUER Meinen Sie das ernst? Eichmann würde in einem Prozess unzählige Namen im Zusammenhang mit der Endlösung nennen, vielleicht sogar den von Staatssekretär Hans Globke. Angermann steht auf und läuft herum. BAUER (CONT’D) Adenauer will vielleicht das Bild der Deutschen gerade rücken, aber dafür gibt er nicht seine rechte Hand. (MORE)

*


46. BAUER (CONT’D) Globke kontrolliert das Kanzleramt, den BND, den Verfassungsschutz und die CDU. Auf jeden Fall würde sein Name im Zusammenhang mit den Deportationen fallen, alleine schon wegen seinem juristischen Kommentar der Nürnberger Rassengesetze. Globke hat sich schuldig gemacht, und wenn Globke fällt, bedroht das die ganze Regierung Adenauer. Wenn Adenauer ein Problem hat, haben die USA ein Problem. Niemand, von Bonn bis Washington, will Eichmann vor Gericht. ANGERMANN Aber Landesverrat kann nicht die Lösung sein. BAUER (laut) Verdammt Angermann, wollen Sie Gerechtigkeit oder nur eine neue Küche? Wenn wir etwas für unser Land tun wollen, dann müssen wir es verraten! ANGERMANN Ich muss darüber nachdenken. BAUER Nein, vergessen Sie es. Ich habe mich offensichtlich getäuscht. Gehen Sie nach Hause und installieren Sie Ihren neuen Ofen. Ich hoffe, Sie haben ein deutsches Produkt gekauft! ANGERMANN Bei allem Respekt, aber wollen Sie mich mit dieser Polemik zu einem Landesverrat überreden? Angermann nimmt seinen Mantel und verharrt. ANGERMANN (CONT’D) Sie klingen immer mehr, wie der, den Ihre Gegner aus Ihnen machen wollen: einen rachsüchtigen Mann. BAUER Oho, tun Sie sich bloß keinen Zwang an! Sie meinen einen rachsüchtigen Juden! Was erlauben Sie sich, Angermann?


Blue (27.08.2014)

47.

ANGERMANN Ich erlaube mir, Ihnen ein Freund zu sein, Dr. Bauer. Angermann geht und lässt einen verblüfften Bauer zurück. 53

INT. ANGERMANNS HAUS / SCHLAFZIMMER - NACHT

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Angermann steht im offenen Hemd und Unterhose vor seinem Schrank. Im Hintergrund rauscht das Wasser einer Dusche. Angermann pfeffert seinen Smoking wütend auf das Ehebett. ANGERMANN (ruft in Richtung Badezimmer) Als ich noch studiert habe, hatte ich immer ein Buch von Bauer bei mir, das er im Exil in Dänemark geschrieben hat. Er wühlt suchend im Schrank. ANGERMANN (CONT’D) “Die Kriegsverbrecher vor Gericht” heißt es, und Du müsstest es mal lesen. Er war so... optimistisch. Angermann findet seine Smokingfliege. Als er sich umdreht, zuckt er erschrocken zusammen, denn CHARLOTTE ANGERMANN, seine bildhübsche, 27-jährige Frau, steht vor ihm, nur in einem Handtuch bekleidet. ANGERMANN (CONT’D) Puh, hab’ ich mich erschreckt! Vor mir?

CHARLOTTE

Sie lässt das Handtuch fallen und zieht ihn zum Ehebett. ANGERMANN Oh, die Gäste kommen doch... CHARLOTTE Wir haben noch Zeit! ANGERMANN Ich kann nicht. Jetzt nicht. Hast du mir zugehört? Ich habe mich heute mit dem General gestritten. Er setzt sich auf die Bettkante und lässt den Kopf hängen. Charlotte streichelt seinen Nacken.

*

*


48. CHARLOTTE Wovor hast du Angst? Das du deine Anstellung verlierst? ANGERMANN Nein. Ja. Auch. CHARLOTTE Mein Bruder würde sich freuen. Und du würdest auch so viel mehr verdienen. ANGERMANN Ich will nicht als Strafverteidiger arbeiten, fang doch bitte nicht wieder davon an! CHARLOTTE Wie du willst. Solange wir keine Kinder haben, geht es ja auch so. ANGERMANN Es gibt Staatsanwälte mit Kindern, stell dir vor. Charlotte steht auf und nimmt im Abgehen ihr Handtuch. CHARLOTTE Dann frag sie doch mal, wie man die macht. Angermann vergräbt das Gesicht in den Händen. 54

INT. ANGERMANNS HAUS - NACHT

54

Charlotte, jetzt im Cocktailkleid, legt eine Schallplatte auf: “Tanz, tanz, tanz, mein Darling” von Paul Kuhn bringt sie und einige GÄSTE der kleinen Gesellschaft in Stimmung. Angermann schüttet sich einen großen Scotch ein, als es an der Haustür klingelt. Er öffnet und wird von CHARLOTTES FAMILIE begrüßt: ihr Bruder BERNHARD hat sein schreiendes BABY auf dem Arm. BERNHARD Da ist der Onkel! Er drückt Karl das Baby auf den Arm. BERNHARD (CONT’D) Ich nehme gerne das Getränk, während du übst, mein Lieber! Damit geht er hinein, während Bernhards Frau MARIA Karl das Kind gleich wieder abnimmt.


49. MARIA Ich nehme ihn schon. Hallo Karl! BERNHARD Hallo Maria. Hinter ihr kommen HANS und EVA JASPER, Charlottes Eltern. ANGERMANN (mit Handkuss) Schwiegermama! EVA Guten Abend, Karl. Wie ist die neue Küche? Ohne eine Antwort abzuwarten, tritt sie ein, während Karl Charlottes Vater begrüßt, einen groß gewachsenen Mann mit einer graumelierten Eleganz. Auch er trägt einen Smoking. ANGERMANN Hans, guten Abend. Vielen Dank, die Küche ist eine Wucht. Das war wirklich sehr großzügig von Ihnen. Hans Jasper schlägt Angermann jovial auf die Schulter. HANS JASPER Bedanken brauchen Sie sich nicht, Karl. Füllen Sie das Haus endlich mit Leben, bevor ich noch die falschen Schlüsse aus Ihrer neuerdings so offenkundigen Sympathie für Schwule ziehe. Jasper lässt Karl stehen und geht hinein. Angermann schließt die Tür und holt sich einen neuen Scotch, während er mit versteinerter Miene seiner Frau dabei zusieht, wie sie ihren Eltern, ihrer Schwägerin und weiteren Gästen die Küche vorführt. 55

INT. HESSISCHER RUNDFUNK / FERNSEHSTUDIO - NACHT Bauer folgt einem REDAKTEUR und einem AUFNAHMELEITER durch die Hintergänge eines Fernsehstudios. REDAKTEUR Wie haben ein sehr junges Publikum heute Abend, Dr. Bauer, aber halten Sie sich nicht zurück, bitte. Öffnen Sie diesen jungen Menschen die Augen, schonen Sie das Publikum nicht.

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Blue (27.08.2014)

50.

Der Aufnahmeleiter öffnet eine Studiotür, dahinter ist der “Keller Klub”: eine Katakombe mit einigen Tischen, an denen rauchend zwei Dutzend junge Leute vor ihren Biergläsern sitzen. Bauer tritt in das grelle Scheinwerferlicht vor die Kameras. 56

INT. KREIDLERS HAUS - NACHT

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*

Oberstaatsanwalt Kreidler schaltet den Fernseher ein, in dem der Vorspann zum “Keller Klub” läuft.

*

KREIDLER Jetzt kommt es.

*

Seine Frau räumt den Tisch gerade ab. Sie unterbricht ihre Arbeit und kommt zu ihm aufs Sofa. Kreidler hat inzwischen einen Dackel auf dem Schoss.

* *

REDAKTEUR (im TV) Guten Abend meine Damen und Herren, und herzlich willkommen zu unserem Gespräch im Keller Klub, wo heute der hessische Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer auf ein junges Publikum trifft, um sich den Fragen ihrer Generation zu stellen. 57

INT. KELLER KLUB - NACHT

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Bauer sitzt inmitten der jungen, ernsten Menschen. Eine JUNGE FRAU stellt die erste Frage. JUNGE FRAU Dr. Bauer, ich möchte Sie fragen: worauf kann man als Deutscher heute noch stolz sein? Die riesige schwarze Linse der Fernsehkamera fährt direkt auf Bauer zu, die Scheinwerfer blenden ihn, er kann die junge Frau nur schemenhaft erkennen, ebenso die anderen jungen Menschen. Bauer räuspert sich. Er überlegt und reibt sich die Hände an der Hose trocken. 58

INT. ANGERMANNS HAUS - NACHT

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Karl Angermann steht mit einem Whiskey vor dem Fernseher und schaut alleine das Interview. Seine Partygesellschaft ist im Hintergrund durch die halb geschlossenen Schiebetüren zu sehen.


Blue (27.08.2014)

51.

Bauer ist jetzt im Fernseher in einer Nahaufnahme zu sehen, aber er sagt nichts. 59

INT. KELLER KLUB - NACHT

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Bauer räuspert sich. BAUER Ich weiß nicht, ob ich Ihre Frage richtig verstanden habe. JUNGE FRAU Nun, Leute wie Sie haben uns Deutschland so madig gemacht. Und da verlangt man von uns, dass wir noch Energie und Interesse aufbringen, um hier etwas aufzubauen? Wie soll das gehen? Bauer zögert auch jetzt. Er trinkt einen Schluck Wasser. Die Zuschauer werden nervös und fangen an zu tuscheln. Der Redakteur gibt Bauer hinter der Kamera stumm zu verstehen, dass er loslegen soll. BAUER Das -- ist nicht meine Absicht. 60

INT. KREIDLERS HAUS - NACHT

60

Kreidler verfolgt die Sendung.

*

BAUER (im TV) Sehen Sie, als ich nach dem Krieg zum ersten Mal nach Deutschland zurückkehrte, fuhr ich mit einem jungen Mann im Zug. Wir sprachen gar nicht über Politik, sondern er erzählte mir von sich, von seinen Plänen und Hoffnungen, von den menschlichen Dingen eben. Damals habe ich gedacht, für diese Generation lohnt es sich aus der Emigration nach Deutschland zurück zu kehren. 61

INT. KELLER KLUB - NACHT Bauer schaut sich unter den jungen Zuhörern um.

*

61


52. BAUER Aber wenn ich Ihnen von mir erzähle, und zwar ganz menschlich, dann muss ich Ihnen sagen, ich komme mir vor, als wenn von allen Seiten die Wände auf mich einstürzten. Hier müssen Sie halten, dort müssen Sie halten, dort müssen Sie halten. Er gestikuliert, als würden tatsächlich die Wände auf ihn einstürzen. BAUER (CONT’D) Weil alles auf mich einstürzt. 62

INT. ANGERMANNS HAUS - NACHT

62

Charlotte findet Karl vor dem Fernseher. CHARLOTTE Hier bist du, was machst du denn? Die Gäste... Direkt hinter ihr tritt Hans Jasper auf. HANS JASPER Ach, Ihr Vorgesetzter, nicht wahr? Ja.

ANGERMANN

(zu Charlotte) Ich komme gleich. Charlotte macht den Fernseher aus. CHARLOTTE Jetzt feiern wir. Charlotte?

ANGERMANN

HANS JASPER Ich würde das auch gerne sehen, Engelchen. Hans setzt sich. Charlotte macht den Fernseher wieder an. Bernhard tritt ebenfalls dazu. BERNHARD Der General im Keller! Das wird interessant. 63

INT. KELLER KLUB - NACHT Die junge Frau mit der ersten Frage setzt nach.

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53. JUNGE FRAU Aber Dr. Bauer, wir haben eine demokratische Verfassung, auf die können wir doch stolz sein! Bauer zögert wieder. 64

INT. ANGERMANNS HAUS - NACHT

64

Hans lacht. HANS JASPER Genau, da hat sie Recht. Da fällt ihm nichts ein. Charlotte setzt sich auf die Lehne des Sessels zu ihrem Vater. Angermann sieht, wie Hans anfängt, Charlottes Rücken zu kraulen. 65

INT. KELLER KLUB - NACHT

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Bauer zündet sich eine Zigarette an. BAUER Sehen Sie, ich glaube wir Deutschen können nicht stolz sein auf unsere Berge, oder die Wälder, denn da können wir nichts für. Wir können auch nicht auf Goethe und Schiller stolz sein und auch nicht auf Einstein, denn für all das können wir ja nichts. Stolz können wir doch nur auf das Gute sein, das wir selber gemacht haben. Bauer holt Luft. BAUER (CONT’D) Erst heute hat mir ein junger Mensch, der mir sehr viel bedeutet, gesagt, dass ich bisweilen sehr hart bin, manchmal verletzend. 66

INT. ANGERMANNS HAUS - NACHT Angermanns Blick. Charlotte betrachtet ihren Mann.

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54. BAUER (im TV) Es fällt mir ebenso schwer wie allen anderen Menschen, immer gut zu sein, aber ich glaube, dass die Atmosphäre in der Bundesrepublik nun mal dadurch bestimmt wird, was wir alle tun, jeden Tag, als Väter, als Mütter, als Freunde. Hans Jasper steht auf. Er hat genug gehört. HANS JASPER Was für eine Gefühlsduselei. Leitet dieser Mensch so seine Behörde? Angermanns Kopf fährt herum, Charlotte bringt ihn aber mit einem flehenden Blick zum schweigen. Jasper kehrt zur Party zurück. BERNHARD Mach dir nichts draus, Karl. Alte Garde, unser Herr Vater. Damit geht auch Bernhard. 67

INT.

KELLER KLUB - NACHT

67

BAUER Sie können Paragraphen machen, Sie können Artikel schreiben, Sie können die besten Grundgesetze haben: was Sie brauchen, sind die Menschen, die diese demokratischen Dinge richtig leben. Kein Mensch schafft Demokratie, es sei denn Sie und ich und wir. Er deutet vage in die Richtungen des Auditoriums und die jungen Zuschauer blicken ihn gebannt an. BAUER (CONT’D) Das ist die Aufgabe, die uns allen gestellt ist, und wir dürfen den Mut dabei nicht verlieren. 68

INT. ANGERMANNS HAUS - NACHT

68

Charlotte schaltet den Fernseher ab und nimmt Karls Hand. CHARLOTTE Komm, die Gäste. Angermann entzieht seine Hand und geht an den Gästen vorbei die Treppe nach oben.


55. Jasper und Bernhard tauschen Blicke. Charlotte geht ihrem Mann nach. 69

INT. ANGERMANNS HAUS / ARBEITSZIMMER - NACHT

69

Angermann reißt Schubladen auf und wühlt durch deren Inhalt. Er zögert, überlegt, findet ein Notizbuch auf einem Regal, blättert es durch und lässt es desinteressiert wieder fallen. Charlotte tritt wütend auf. CHARLOTTE Kommst du jetzt bitte sofort herunter? Angermann ignoriert sie. CHARLOTTE (CONT’D) Karl, ich rede mit dir! Aber Angermann hört nicht zu. Er findet, was er gesucht hat: auf einer Visitenkarte steht der Name “Friedrich Morlach, freier Journalist”. 70

INT. BAUERS WOHNUNG - NACHT

70

Bauer kommt nach Hause. Im dunklen Flur zieht er müde den Mantel aus. Das Telefon klingelt. Bauer schleicht zum Apparat und hebt ab. Bauer.

BAUER

MÄNNERSTIMME (O.S.) Dich kriegen wir auch noch, du dreckiger Itzig! Dann hängt der anonyme Anrufer ein. Bauer legt auf. Ein Auto hält auf der Straße. Bauer geht zum Fenster und schaut vorsichtig hinaus. Niemand steigt aus dem Wagen, aber der Motor läuft weiter. Bauer geht schnell zu seinem Schreibtisch und öffnet mit einem kleinen Schlüssel und zitternder Hand ein verschlossenes Schubfach, aus dem er einen Revolver holt. Er geht zum Fenster zurück. Das Auto fährt langsam weiter. Stoßweise atmet Bauer aus. Er scheint wieder keine Luft zu kriegen.


Blue (27.08.2014) 71

56.

INT. BAUERS WOHNUNG - MORGEN

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Bauer liegt in Anzug und Mantel auf seinem Bett, den Revolver in der Hand und wird vom erneuten Klingeln seines Telefons aus dem Schlaf gerissen. Das Telefon hört auf zu klingeln. Bauer rappelt sich stöhnend auf. Das Telefon klingelt erneut. 72

INT. BAUERS WOHNUNG - SPÄTER

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Wieder klingelt das Telefon, während Bauer sich die Zähne putzt. 73

INT. BAUERS WOHNUNG - SPÄTER

73

Bauer trinkt Kaffee. Erneut klingelt das Telefon. Jetzt reicht es Bauer. Er reißt den Hörer herunter. BAUER (brüllt) WAS WILLST DU DRECKSAU DENN VON MIR? 74

INT. ANGERMANN HAUS / KÜCHE - TAG

74

Angermann sitzt alleine am Küchentisch.

*

ANGERMANN Äh, guten MOrgen, Dr. Bauer. Hier ist Karl Angermann. Störe ich? 75

INT. BAUERS WOHNUNG - TAG

75

Bauer senkt den Blick. BAUER Nein, ich... Was gibt es denn? 76

EXT. PARK - TAG Bauer betrachtet Morlachs Visitenkarte, während er mit Angermann durch eine Parkanlage spaziert. ANGERMANN --Er ist auf jeden Fall ein guter Informant, und ich weiß, dass er Kontakte zu “Der Weg” hat. BAUER Ist er vertrauenswürdig?

*

76


Blue (27.08.2014)

57.

ANGERMANN Nun... Er war im Dritten Reich bei der Abteilung Fremde Heere Ost.

* *

BAUER Einer von Reinhard Gehlens Leuten? Dann arbeitet er jetzt für den Bundesnachrichtendienst!

* *

ANGERMANN Vielleicht auch für die andere Seite. BAUER Für die Stasi? ANGERMANN Möglich ist es. Er ist eben ein Informant. Meiner Meinung nach ist er vor allem käuflich.

* *

Bauer wendet die Visitenkarte einige Male in seinen Händen, als würde er nach etwas suchen. BAUER Wenn er für die Stasi arbeitet, gehen wir ins Gefängnis, und wenn er ein loyaler BND Mann ist, warnt er Eichmann.

* * * *

ANGERMANN Aber wenn wir Glück haben, findet er eine zweite Quelle.

* * *

Er gibt Angermann die Visitenkarte zurück. BAUER Riskieren wir es. Angermann nickt. ANGERMANN (im Weggehen) Das war ein guter Auftritt im Fernsehen, Dr. Bauer. Bauer lächelt verlegen. BAUER Naja, ein alter Mümmelgreis vor der Kamera, ich weiß nicht. ANGERMANN Nein, wirklich, Sie waren sehr überzeugend. Das wird vielen jungen Menschen eingeleuchtet haben, was Sie zu sagen hatten.

* * * *


Blue (27.08.2014)

58.

BAUER Danke. Und vielen Dank auch für Ihre offenen Worte. Wir brauchen alle mal ein freundschaftliches Wort. 77

INT. STAATSANWALTSCHAFT - TAG

*

77

*

78

*

Bauer und Angermann durchqueren das imposante Treppenhaus. Vogel und Kügler kommen ihnen entgegen. VOGEL Guter Auftritt, Dr. Bauer. Danke.

BAUER

Bauer geht weiter und bemerkt die wohlwollenden Blicke anderer Mitarbeiter. Angermann grinst. Warlo kommt ihnen mit einem Aktenstapel entgegen. WARLO Toll, Dr. Bauer. Mhm.

BAUER

Er lächelt steif. ANGERMANN Ich versuche mal, den Kontakt herzustellen. Bauer nickt und betritt das Vorzimmer seines Büros. 78

INT. BAUERS SEKRETARIAT - TAG Fräulein Schütt sitzt neben einem großen Blumenstrauß an ihrem Schreibtisch. FRÄULEIN SCHÜTT (springt auf) Dr. Bauer. Was für ein wunderbarer... BAUER Genug. Danke. Bitte. (deutet auf den Blumenstrauß) Haben Sie Geburtstag?


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59.

FRÄULEIN SCHÜTT Nein, das kam vom Ministerpräsidenten Zinn. Mit einem Telegramm. Sie reicht Bauer das Telegramm. Er liest: “Gut gemacht. Stop. Weiter so. Stop.” FRÄULEIN SCHÜTT (CONT’D) Und das ist Ihre Post. Sie reicht Bauer einen großen Stapel Briefe. BAUER Ich trete nie wieder im Fernsehen auf, wenn das so ist. Behalten Sie bitte die Blumen, das ist nichts für mich. Er geht mit seinen Briefen in sein Dienstzimmer. 79

INT. BAUERS BÜRO - SPÄTER

79

Bauer öffnet einen der Briefe und bemerkt plötzlich rote Farbe an seinen Fingern. Irritiert faltet er den Zettel mit spitzen Fingern auseinander und erkennt das mit Blut gemalte Hakenkreuz. 80

EXT. EISERNER STEG - ABEND

* * 80

Im Dämmerlicht wartet Karl Angermann am Eisernen Steg und schaut auf den Main, der trübe dahin fließt. Hinter ihm hält ein VW Käfer, am Steuer sitzt FRIEDRICH MORLACH, ein verschlagener Mann Anfang Fünfzig. MORLACH (mit österreichischem Akzent) Kommen’s! 81

INT. VW KÄFER - NACHT Angermann steigt ein. MORLACH Worum geht es? ANGERMANN Ich brauche eine Information über einen Journalisten, der für “Der Weg” in Argentinien schreibt. Sein Name ist Klaus Eichmann. Wir fragen uns, ob sich dahinter Adolf Eichmann verbirgt.

* * * *

* 81

* *


Blue (27.08.2014)

60.

Morlach lacht finster. MORLACH Ja, das wüsstet ihr gerne. Das wäre was für den rachsüchtigen Fernsehstaatsanwalt, wenn er Eichmann finden könnte. ANGERMANN Können Sie das heraus bekommen, oder nicht? MORLACH Das ist eine Frage des Preises. 82

INT. BAUERS BÜRO - TAG

82

Auf Bauers Konferenztisch liegen zwei Dutzend Drohbriefe, manche maschinell getippt, manche handschriftlich, einige aus Zeitungsschnipseln zusammengeklebt: “Sie vergiften unsere Familien!”, “Sie sind ein volksverhetzendes Schwein!” ist zu lesen. Bauer sitzt auf einer Seite des Konferenztisches und wechselt Blicke mit Angermann, während Paul Gebhardt und ein weiterer KRIMINALBEAMTER die Briefe stumm prüfen.

*

BAUER Das sind die der letzten vierzehn Tage! GEBHARDT Seit der Fernsehsendung?

*

Bauer nickt und bemerkt den kritischen Blick des Polizisten. Sein Kollege nimmt mit einer Pinzette eine Patronenhülse in Augenschein, und erkennt auf der Rückseite eingestanzt eine Ziffer: 9 mm. Er zeigt den Fund Gebhardt. GEBHARDT (CONT’D) Und die kam heute mit der Post?

* *

Bauer nickt. GEBHARDT (CONT’D) So weit ich weiß, sind Sie selber bewaffnet. Ja.

*

BAUER

GEBHARDT Welches Kaliber hat ihre Waffe?

*


Blue (27.08.2014)

9 mm.

61.

BAUER

GEBHARDT Auch. Sieh an. Wie bitte?

*

ANGERMANN

Der andere Kommissar steckt die Patrone in ein kleines Papiertütchen. GEBHARDT Ich würde gerne Ihre Waffe sehen, Dr. Bauer.

*

BAUER Sie wollen gerne meine Waffe sehen. ANGERMANN Warum denken Sie, sollte Dr. Bauer sich selber Drohbriefe schreiben? GEBHARDT Das habe ich nicht gesagt, wie kommen Sie darauf?

*

BAUER Warum möchten Sie denn sonst meine Waffe sehen? GEBHARDT Was genau war der Beweggrund für Ihren Fernsehauftritt, Dr. Bauer?

*

Bauer steht auf und öffnet die Tür seines Dienstzimmers. Raus.

BAUER

Die Beamten reagieren nicht. RAUS!

BAUER (CONT’D)

Fräulein Schütt schaut irritiert auf. GEBHARDT Wir können die Herkunft dieser Briefe nur ermitteln, wenn Sie kooperieren, Dr. Bauer. Bauer und Gebhardt taxieren sich. Dann wendet Gebhardt sich an seinen Kollegen und Angermann. GEBHARDT (CONT’D) Lassen Sie uns bitte alleine.

*

* *


Blue (27.08.2014)

62.

Bauer nickt Angermann zu, woraufhin er mit dem Beamten das Büro verlässt, um bei Fräulein Schütt zu warten. Bauer schließt die Tür und wendet sich Gebhardt zu, der ihm einen Zigarrillo anbietet. Bauer lehnt ab. GEBHARDT (CONT’D) Das haben Sie eben in den falschen Hals bekommen, Herr Generalstaatsanwalt. Ich unterstütze ihre Sache, wo ich nur kann.

* *

BAUER Das glaube ich Ihnen sogar. GEBHARDT Ich habe eine verlässliche Quelle, aus der sich die Hinweise verdichten, dass sich eine Person, nach der Sie schon lange fahnden, in Kuwait aufhält. Es handelt sich um den Obersturmbannführer Adolf Eichmann. Er versteckt sich in Kuwait.

*

Bauer zündet sich eine Zigarette an. BAUER Das ist interessant. In der Tat suchen wir Adolf Eichmann schon lange. Aber wie Sie mir ja des öfteren bereits erklärt haben ist weder das Bundeskriminalamt, noch Interpol für politische Straftäter zuständig. GEBHARDT Richtig, bedauerlicherweise. Sie sollten einen offiziellen Auslieferungsantrag an Kuwait stellen. Dann können wir mit den lokalen Behörden kooperieren. BAUER Sehr gut, Herr Gebhardt. Das werde ich in die Wege leiten. Gebhardt reicht ihm die Hand. GEBHARDT Wir müssen unser Land vor seinen Feinden schützen, Herr Bauer.

*

* * * *

BAUER Ja, das ist wohl richtig. Gebhardt eilt hinaus, gefolgt von seinem Kollegen.

*


Blue (27.08.2014)

63.

Bauer schaut ihnen lange nach. Fräulein Schütt und Angermann warten gespannt, aber Bauer steht nur regungslos da. ANGERMANN Was war denn? Bauer holt Luft, aber er hat wieder diese Atemnot. BAUER Ich... ich brauche etwas frische Luft. Er nimmt seinen Mantel. BAUER (CONT’D) Ich werde wohl nicht wiederkommen, Fräulein Schütt. Er schleicht aus dem Büro, nicht mal das Überziehen des Mantels will ihm gelingen. Angermann folgt ihm. 83

INT. STAATSANWALTSCHAFT

- TAG

83

Bauer geht durch das Treppenhaus, noch immer schwer atmend. Angermann folgt ihm. ANGERMANN Dr. Bauer, was hat Gebhardt denn gesagt?

* * * *

BAUER Es ist vorbei, Angermann. Sie können sich wieder dem Tagesgeschäft widmen. Wir sind aufgeflogen. ANGERMANN Aber wieso denn? BAUER Gebhardt hat mir ohne dass ich ihn gefragt habe gesagt, dass Eichmann in Kuwait ist. Er weiß, dass wir ihn suchen.

* *

ANGERMANN Morlach. Das tut mir Leid, Dr. Bauer.

*

BAUER Es ist nicht Ihr Fehler. Wir mussten es ja versuchen. Aber wenn Gebhardt es weiß, dann ist Eichmann über alle Berge. Er ist einfach zu gefährlich für zu viele Leute. (MORE)

*


Blue (27.08.2014)

64.

BAUER (CONT'D) Vielleicht war es wirklich naiv von mir zu glauben, dass wir ihn in Frankfurt vor Gericht stellen können. Aber das wäre was gewesen, oder? Angermann? Angermann nickt unbeholfen. BAUER (CONT’D) Gebhardt... Er hatte die Frechheit mir zu sagen, dass wir unser Land vor unseren Feinden schützen müssen. Mir! Der SS Untersturmführer beim Sicherheitsdienst. Sagt mir, dass ich ein Feind Deutschlands bin. In der Weimarer Republik habe ich für die SPD auf der Straße gekämpft. Mein Vater war für unseren Kaiser im Ersten Weltkrieg. Sagen Sie es mir, sagen Sie es ehrlich: bin ich der Feind unseres Landes?

* *

ANGERMANN Nein, Fritz. Das sind Sie nicht. Bauer nickt und reicht ihm die Hand. BAUER Auf Wiedersehen, Karl. ANGERMANN Was werden Sie jetzt tun? BAUER Schlafen. Sehr lange schlafen. Bauer geht davon. 84

INT. KAISERSACK - NACHT

* 84

Angermann sitzt in einer dunklen Spelunke. Er ist einer der letzten Gäste. Der WIRT wischt den Tresen ab, als Angermann ihm andeutet, dass er noch einen Korn haben will. Der Wirt schenkt ihm nach. WIRT Der letzte! Er pfeift durch die Zähne einem PÄARCHEN zu, dass hemmungslos in einer Ecke knutscht. WIRT (CONT’D) FEIERABEND! GEGESSEN WIRD ZU HAUSE! Angermann schüttet den Korn herunter.


Blue (27.08.2014) 85

65.

EXT. ROTLICHTVIERTEL - NACHT

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Angermann wankt an den PROSTITUIERTEN vorbei. Plötzlich sieht er das Schild einer Bar: Kokett.

*

Angermann geht darauf zu. 86

INT. KOKETT - NACHT

86

Das Kokett ist gut besucht. Angermann schaut sich unter den hübschen BEDIENUNGEN um, aber er kann Viktoria nicht entdecken.

* *

Ein PIANOSPIELER fängt an, die ersten Takte von Paul Kuhns “Secretly” zu spielen, dann tritt Viktoria auf.

* *

VIKTORIA (singt) Warum kommst heimlich Du zu jedem Rendez-vous? Warum sagst du zu mir so selten I love you? Warum ist küssen denn bei uns so oft tabu? Sag, warum, warum, warum, warum? Weil wir uns nur heimlich sehen. Secretly! Heimlich vor der Haustür steh’n. Secretly!

* * * * * * * * * * * * *

Beim Refrain stimmen alle Gäste und auch die hübschen Bardamen mit ein: Secretly!

* *

Angermann schaut sich um und schmunzelt, offensichtlich ist Viktorias Auftritt das Highlight im “Kokett”.

* *

VIKTORIA (CONT’D) Weil wir alles heimlich tun, damit kein Mensch es weiß, wir sind verliebt. Darling Du musst doch versteh’n, Secretly, so kann es nicht weiter geh’n. Secretly. Sag doch endlich mal zu haus, wir sind verliebt. Secretly!

* * * * * * * * * * *

Angermanns Blicke hängen an Viktoria, die in ihrem bezaubernden Kleid nur für ihn zu singen scheint. 87

*

INT. VIKTORIAS GARDEROBE - NACHT

* * 87

*

Auf der Hinterbühne findet Angermann Viktorias Garderobe. Er klopft an.

*


Blue (27.08.2014)

Herein!

66.

VIKTORIA (O.S.)

*

Angermann tritt ein. Die Garderobe ist klein und wenig glamurös. Viktoria ist nicht zu sehen, aber an einer Seite steht ein Paravend, auf den Angermann zugeht. ANGERMANN Ich wollte nur kurz guten Abend sagen. Sie haben ganz wunderbar gesungen. Viktoria antwortet nicht.

* *

* *

ANGERMANN (CONT’D) Erinnern Sie sich? Karl Angermann. Ich bin der Staatsanwalt. Aus einer Tür hinter ihm tritt Viktoria auf. Angermann fährt herum.

*

VIKTORIA Hallo, Herr Angermann.

*

ANGERMANN Guten Abend.

*

VIKTORIA Ich hätte nicht gedacht, dass Sie noch mal kommen.

* *

ANGERMANN Ja. Ich hatte zu tun. VIKTORIA Sie sehen unglücklich aus, Herr Staatsanwalt. Viktoria fängt an sich abzuschminken. Angermann setzt sich neben sie. ANGERMANN Ein verlorener Fall. VIKTORIA Haben Sie wieder versucht 175er vor dem Gefängnis zu bewahren?

*

*

* *

ANGERMANN Nein... nein, etwas anderes. Viktoria wendet sich Angermann zu und streichelt unvermittelt seinen Oberschenkel.

*


Blue (27.08.2014)

67.

VIKTORIA Kann ich etwas tun, um Sie aufzuheitern?

*

Angermann ist überfordert mit dem plötzlichen Angebot. ANGERMANN Nicht, bitte. Ihre Hand fährt in seinen Schritt. VIKTORIA Warum sind Sie denn gekommen?

*

Angermann lässt ihren Übergriff weiter zu. VIKTORIA (CONT’D) Sie kennen die Preise. Aber Sie, Herr Staatsanwalt, sind Familie. Für Sie ist es umsonst...

*

Sie streichelt seine Wange, seine Haare, dann packt sie seinen Nacken und zieht ihn zärtlich an sich heran. VIKTORIA (CONT’D) Was suchen Sie denn hier, so spät in der Nacht?

*

Angermann entzieht sich. ANGERMANN Ich weiß es nicht. Ich muss jetzt leider... Er steht auf und stolpert rückwärts über einen Stuhl aus der Garderobe. 88

EXT. KOKETT - NACHT

88

Angermann flüchtet aus der Bar. 89

INT. BAUERS WOHNUNG - NACHT

89

Dampfend heißes Waser füllt Bauers Badewanne, während er eine neue Schachtel Schlaftabletten öffnet. Er nimmt zwei Tabletten und schüttet sie mit einem großen Schluck Rotwein herunter. Dann fängt er an, langsam sein Hemd aufzuknöpfen. 90

INT. ANGERMANNS HAUS - NACHT Angermann wird vom schrillen Klingeln des Telefons aus dem Schlaf gerissen.

90

*


Blue (27.08.2014)

68.

Er hebt ab. Hallo?

ANGERMANN

MORLACH (O.S.) Morlach hier. Angermann hält den Hörer zu, versichert sich, dass Charlotte noch schläft und schleicht mit dem Telefon in das angrenzende Badezimmer. Charlotte öffnet ihre Augen und belauscht ihren Mann. ANGERMANN (O.S.) Sie können hier doch nicht mitten in der Nacht anrufen. Wo haben Sie überhaupt diese Nummer her? 91

EXT. ANGERMANNS HAUS - NACHT

91

Angermann zieht einen Regenmantel über seinen Pyjama, als er kurz darauf sein Haus verlässt und auf die dunkle Straße tritt. In einiger Entfernung blenden Autoscheinwerfer auf. 92

INT. MORLACHS AUTO - NACHT Angermann steigt zu Morlach in einen VW Käfer. ANGERMANN Das geht so nicht! MORLACH Beruhig dich, Staatsanwalt. Du willst doch einen dicken Fisch fangen. Ich habe Neuigkeiten. Klaus Eichmann ist nicht der Mann, den ihr sucht. Der Nachname ist Zufall. ANGERMANN Sie können die Taktik lassen, Morlach. Ich weiß, dass Sie unsere Suche verraten haben. MORLACH (hustet) Ich? Soso. Bevor du mich bezahlt hast? Bist du deppert? ANGERMANN Dann kassieren Sie halt doppelt, was weiß ich?

92

*


69. Morlach greift in seine Innentasche und holt eine kleine Pappschachtel heraus, die er behutsam öffnet, um Angermann die darin verborgene Tonbandspule zu zeigen. MORLACH Sagt dir der Name Willem Sassen etwas? Angermann schüttelt den Kopf. MORLACH (CONT’D) Er ist Holländer und war SSKriegsberichterstatter. Nach dem Krieg wurde er Perons Presseberater, aber seit die politischen Verhältnisse in Argentinien nicht mehr so günstig sind, hat Sassen Geldsorgen. (hustet) Aber wer hat die nicht? Er spuckt den Auswurf in den Fußraum. MORLACH (CONT’D) Sassen lebt in Buenos Aires und hat seit Jahren Interviews mit Eichmann geführt. Offensichtlich will der gute Herr Eichmann seinen Platz in der Geschichte richtig rücken, deshalb hat er sich bereit erklärt, Sassen seine Memoiren schreiben zu lassen. Angermann deutet auf die Spule. ANGERMANN Sie wollen sagen, das da sind Adolf Eichmanns Memoiren? MORLACH Ein kleiner Teil davon. Sassen muss Hunderte von diesen Bändern besitzen. Er glaubt, dass das sein großer Knüller wird. Aber da er eben einen ernsthaften finanziellen Engpass hat, bietet er Auszüge schon mal zum Verkauf an. Auf jeden Fall beweist es, dass Eichmann in Argentinien ist. Angermann betrachtet die Spule, dann Morlach. Er zögert. ANGERMANN Wie komme ich zu diesem großzügigen Geschenk? Morlach lacht bellend.


70. MORLACH Wer hat hier von einem Geschenk geredet? ANGERMANN Was verlangen Sie? MORLACH Ihr überlegt Euch, was die Bänder Euch wert sind. Und wenn es mir zu wenig erscheint, dann verkaufe ich sie doppelt und Euch dazu. Aber bis dahin, seid Ihr Kunden - und der Kunde ist König. ANGERMANN Sie haben uns nicht verraten? MORLACH Nur meiner Mutter, aber die ist blöd im Kopf. Er grinst. ANGERMANN Danke, Morlach. 93

INT. ANGERMANNS HAUS - NACHT

93

Als Angermann in sein Haus zurückschleicht und im Dunkeln seinen Regenmantel aufhängen will, schaltet Charlotte das Deckenlicht ein. Angermann verharrt in der Bewegung, während sie langsam die Treppenstufen zu ihm herab steigt. CHARLOTTE Wer war das? ANGERMANN Geh wieder schlafen, mein Schatz. CHARLOTTE Ich möchte wissen, wer hier mitten in der Nacht bei uns anruft. ANGERMANN Aber ich kann es dir nicht sagen. Das ist meine Arbeit und es ist besser... CHARLOTTE ABER ES IST UNSER HAUS! ANGERMANN Es wird nicht wieder vorkommen. Bitte entschuldige.


Blue (27.08.2014)

71.

Er geht zu Charlotte und nimmt sie in den Arm. Sie drückt ihren Kopf an seine Schulter. CHARLOTTE (leise) Hast du über das Angebot meines Bruders nachgedacht? Angermann verspannt sich in ihrer Umarmung und will sich entziehen, aber Charlotte klammert sich an ihm fest. CHARLOTTE (CONT’D) Du würdest in seiner Kanzlei doch auch viel mehr verdienen! Ich weiß doch, wie sehr es dich stört, dass wir immer noch Geld von meinem Vater nehmen. ANGERMANN Bitte, lass uns jetzt nicht davon anfangen. Es ist spät. Er löst sich und will ins Schlafzimmer hochgehen, aber Charlotte bleibt zurück. Für sie ist das Gespräch noch nicht beendet. Kommst du?

ANGERMANN (CONT’D)

Sie dreht sich nicht zu ihm um. ANGERMANN (CONT’D) Diese Arbeit ist wichtig. Jetzt wendet sie sich ihm plötzlich zu. CHARLOTTE Wichtig? In den alten Wunden rumzustochern? Die Nürnberger Prozesse, die Militärgerichte der Amerikaner, der Briten, der Sovjets... Die Leute sind es Leid, Karl. ANGERMANN Du solltest nicht so viel mit deinem Vater über Politik reden, Charlottchen. Sie kommt mit schnellen Schritten die Treppe zu ihm herauf. CHARLOTTE Hör auf damit. Mein Vater war Soldat, kein Nazi, das weißt du genau. ANGERMANN Aber heute denkt er wie einer.

* *


Blue (27.08.2014)

72.

CHARLOTTE Und du fängst an wie dein Bauer zu denken. Der hat es leicht, der war im Exil, hier drinnen war es viel komplizierter. ANGERMANN (plötzlich ganz ruhig) Bauer weiß, dass es kompliziert war. Deshalb muss ja darüber gesprochen werden. Charlotte regt seine plötzliche Überlegenheit noch mehr auf. CHARLOTTE Aber nicht nachts in meinem Haus! Sie stapft wütend davon. 94

INT. BAUERS WOHNUNG - TAG

94

Langsam drehen sich zwei Tonband Spulen. ADOLF EICHMANN (O.S.) Ich sage Ihnen ganz ehrlich, hätten wir von den 10,3 Millionen Juden in Europa, 10,3 Millionen getötet, dann wäre ich befriedigt und würde sagen, gut, wir haben einen Feind vernichtet. Bauer und Angermann sitzen um Bauers Küchentisch und hören die Aufnahme. ADOLF EICHMANN (O.S.) (CONT’D) Unsere Aufgabe für unser Blut, unser Volk, für die Freiheit der Völker hätten wir dann erfüllt. Auch ich war Schuld daran, dass die von mir konzipierte Eliminierung unseres Feindes nicht gänzlich durchgeführt werden konnte. Ich war ein unzulänglicher Geist. Darin liegt meine Schuld. Ich hätte in Wahrheit mehr machen können. Und machen müssen. Das Band endet. Die beiden Männer sitzen einen Moment stumm vor dem Band. BAUER Außer Morlach weiß nur der Ministerpräsident von unserer Suche nach Eichmann. Warum sollte Gebhardt aus heiterem Himmel von Eichamnn reden?

*


Blue (27.08.2014)

73.

ANGERMANN Ich weiß es nicht, aber Sie haben Gebhardt selber kontaktiert, wegen den Morddrohungen. Vielleicht hat er es nur so fallen lassen, ohne Grund. Ein reiner Zufall.

*

Bauer zündet sich eine neue Zigarette an. BAUER Vielleicht. Wir brauchen eine Bestätigung des Decknamens!

*

Er schiebt Angermann den Bericht über die eingetragenen Elektrozähler rüber. Auf dem Blatt sind die zwei möglichen Mieternamen eingekreist: Dagoto oder Klement. Dann vertieft er sich in die Eichmann Akte. Bauer betrachtet das Foto des ärmlichen Hauses, das der Mossad geschossen hat. BAUER (CONT’D) Ich frage mich, wovon Eichmann jetzt lebt. Hat der einen Beruf? Viele Deutsche in Argentinien arbeiten ja für diese dubiose Firma... CAPRI?!

ANGERMANN

BAUER Mhm. Oder vielleicht für Mercedes? Bauer schaut auf. BAUER (CONT’D) Schneider! Der arbeitet bei Mercedes in Stuttgart. Angermann schaut ihn fragend an.

* * * * *

BAUER (CONT’D) SS-Schneider. Der Einsatzgruppenkommandant im Sicherheitsdienst.

* * *

ANGERMANN Wir könnten ihn mit seiner Akte erpressen!

* * *

Bauer schaut Angermann streng an.

*

Angermanns Euphorie weicht einer Verunsicherung.

*

Bauer grinst.

*


Blue (27.08.2014)

Genau. 95

74.

BAUER

* *

EXT. AUTOBAHN - TAG

95

Der Opel Kapitän fährt über die fast leere Autobahn durch die Landschaft. 96

INT. BAUERS WAGEN - TAG

96

Bauer und Angermann sitzen im Fonds des Opels.

*

Bauer schlägt die Beine übereinander, wobei Angermann die modischen, karierten Socken seines Chefs ins Auge stechen. Er lächelt still.

* * *

Bauer zieht an seiner dicken Zigarre. Die Luft im Auto ist zum Schneiden.

*

Angermann öffnet sein Fenster ein wenig. Bauer schaut auf. BAUER Angermann! Ich hole mir ja den Tod!

*

Angermann schließt das Fenster wieder. 97

97A

EXT. STUTTGART / MERCEDES-BENZ VERWALTUNGSBÜRO - TAG

97

*

Der Opel hält vor einem großen, modernen Bürokomplex.

*

SUPERIMPOSED: “STUTTGART-UNTERTÜRKHEIM, MECEDES-BENZ KONZERNZENTRALE”

* *

INT. STUTTGART / MERCEDES-BENZ VERWALTUNGSBÜRO - TAG HERR SCHNEIDER, ein grauer Beamter, sitzt in seinem schmucklosen Büro. Über die Gegensprechanlage meldet sich seine Sekretärin. SEKRETÄRIN (O.S.) Herr Schneider, hier ist Besuch für Sie! Schneider schaut in seinen Kalender. SCHNEIDER Bei mir ist kein Termin eingetragen.

97A

*


75. SEKRETÄRIN (O.S.) Ein Herr Dr. Bauer... Der Herr sagt, er sei der hessische Generalstaatsanwalt. Schneider zögert. Bitte.

SCHNEIDER

Schneider richtet seine Krawatte, als sich seine Bürotür öffnet. Bauer tritt ein, das Dossier unterm Arm. BAUER Guten Tag, Herr Schneider. SCHNEIDER Herr Generalstaatsanwalt. Bauer reicht ihm die Hand. SCHNEIDER (CONT’D) Womit kann ich Ihnen dienen? BAUER Ich ermittle wegen Ihrer Tätigkeit bei den Einsatzgruppen des Sicherheitsdienstes. Schneider tastet hinter seinem Rücken nach der Stuhllehne, bevor er sich hinsetzt. Bauer legt Schneider ein Blatt aus dem Dossier vor. Schneider liest es mit zitternder Hand. Dann schaut er auf. Schneider drückt eine Taste der Gegernsprechanlage. SCHNEIDER Keine Telefonate jetzt. BAUER Es gibt die Möglichkeit, dass ich Ihren Fall erst Mal zu den Akten lege. Bauer nimmt das Blatt aus Schneiders Händen und legt es wieder in das Dossier zurück. Und wie?

SCHNEIDER

BAUER Sie sind doch Teil der Personalabteilung bei MercedesBenz, habe ich das richtig verstanden?


Blue (27.08.2014)

76.

Schneider nickt. BAUER (CONT’D) Ich wüßte gerne, ob ein Herr Klement, oder ein Herr Dagoto zufällig bei Mercedes-Benz in Argentinien arbeitet. Schneider lockert seine Krawatte ein wenig. 98

EXT. STUTTGART / MERCEDES-BENZ VERRWALTUNG - TAG

98

Bauer geht auf seinen Opel Kapitän zu, wo Angermann und der Fahrer Herr Eichwald auf ihn warten. Und?

ANGERMANN

Ohne eine Miene zu verziehen, steigt er wieder in den Wagen ein. 99

INT. BAUERS WAGEN - KURZ DARAUF

99

Angermann setzt sich neben ihn. Auch Eichwald wendet neugierig den Kopf nach ihm um. Bauer schaut abwechselnd von einem zum anderen. Dann zeigt er Angermann einen kleinen Notizzettel. Auf dem steht der Name “Ricardo Klement”. BAUER Wir haben unsere zweite Quelle. Wenn Eichmann noch da ist... Angermann ballt eine Faust und drückt sie an den Mund. Bauer lächelt und drückt ihm freundschaftlich die Schulter. Eichwald wendet sich Bauer zu. EICHWALD Wieder nach Hause? Bauer zögert. BAUER (in die Runde) Wir machen noch einen kurzen Abstecher, ja? 100

EXT. STUTTGART - TAG Der Opel fährt durch Stuttgart.

*

100


Blue (27.08.2014) 101

INT. BAUERS WAGEN - TAG

77. 101

Bauer schaut aus dem Fenster. Neubauten ziehen an ihm vorrüber. BAUER Hier. Halten Sie mal, Eichwald. Der Fahrer hält an einer Kreuzung. Angermann schaut sich interessiert um. Um sie herum sind nur unspektakuläre Neubauten zu sehen. BAUER (CONT’D) Es war... da drüben. Da an der Ecke stand das Haus meiner Eltern. Im Erdgeschoss war ihr Geschäft... Aber es ist alles weg. ANGERMANN Das tut mir Leid. BAUER Ach Unsinn. Neue Häuser, Angermann! Ein neues Deutschland. Ist doch gut. ANGERMANN Und ist ihre ganze Familie ins Exil gegangen? BAUER Meine Schwester mit ihrem den Kindern. Später kamen Eltern. Als Dänemark dann Protektorat wurde, flohen erneut, nach Schweden...

Mann und meine deutsches wir

ANGERMANN Zum Glück sind Sie nicht in Deutschland geblieben. BAUER Ja, ich wußte früh, dass wir weg müssen. Ich war ja gleich ‘33 ins Konzentrationslager Heuberg gekommen, damals war ich Amtsrichter, gleich aus dem Gericht ins KZ, weil ich ja Sozialist war. Zusammen mit meinem Freund Kurt Schumacher...

* *

Bauer hängt seinen Erinnerungen nach. BAUER (CONT’D) Schumacher... Wissen Sie was er im Jahr ‘33 im KZ zu mir sagte? (MORE)

*


Blue (27.08.2014)

78.

BAUER (CONT’D) Schumacher sagte: wir bleiben hier jetzt zehn oder zwölf Jahre, dann ist der Spuk vorbei. Das wußte der im Jahr ‘33! Können Sie sich das vorstellen, Angermann? Zwölf Jahre war Schumacher drinnen.

*

*

ANGERMANN Und wann sind Sie ins Exil gegangen? 1936.

BAUER

ANGERMANN Aber... wieso sind Sie denn so schnell wieder rausgekommen? Und Schumacher nicht?

* * *

Bauer schaut sich noch einmal um. BAUER Es ist lange her... Fahren wir! Ich muss meine Reise nach Israel planen. 102

INT. KOKETT - NACHT

102

Viktoria singt die letzte Strophe von “Secretly”.

* *

Die Gäste grölen und applaudieren. Angermann steht an der Bar und schüttet einen Drink in sich hinein. 103

INT. VIKTORIAS GARDEROBE - NACHT

103

*

Angermann betritt die Garderobe mit einer Flasche Champagner und zwei Gläsern. Viktoria hat ihn erwartet. Sie lächelt ihn auffordernd an, während sie zu einem Chaiselonge in der Ecke geht, löscht sie das Deckenlicht.

*

Angermann öffnet den Champagner etwas nervös und schenkt die Gläser ein. ANGERMANN Ich bezahle gerne, wirklich, ich erwarte keine Gefälligkeiten... VIKTORIA (O.S.) Wie du willst.

*


Blue (27.08.2014)

104

79.

Mit den beiden Champagnergläsern in der Hand dreht Angermann sich um. Viktoria öffnet ihr Negligé und zeigt ihre behaarte, männliche Brust.

*

Angermann lächelt und reicht ihm ein Glas Champagner.

*

Sie trinken. Viktoria ist selbstbewußter als Angermann, der unsicher sein Glas abstellt und Viktoria vorsichtig mit einer Hand streichelt.

* * *

Angermann wagt sich zu einem Kuss vor, aber Viktoria spielt einen Augenblick mit ihm - bis sie sich schließlich doch küssen.

* * *

INT. ANGERMANNS HAUS - MORGEN

*

104

Angermann kommt am nächsten Tag nach Hause. Während er eilig einen großen Blumenstrauß auspackt, schaut er sich verstohlen um. ANGERMANN Hallo, Charlotte? Er schlüpft aus dem Mantel. BERNHARD (O.S.) Oh, du weißt es schon? Angermann fährt herum und sieht seinen Schwager Bernhard vor sich stehen. ANGERMANN Bernhard. Guten Morgen. Wie meinst du? Bernhard deutet auf die Blumen. BERNHARD Sind die nicht für meine Schwester? ANGERMANN Doch, sicher. Wo ist sie denn? BERNHARD Wir sitzen im Wohnzimmer. Angermann geht ins Wohnzimmer durch, etwas irritiert über die merkwürdige Stimmung. Charlotte sitzt auf dem Sofa und steht auf, als Angermann auf sie zukommt. ANGERMANN Hallo, mein Engel. Er reicht ihr die Blumen. Charlotte nimmt sie und umarmt ihn.


Blue (27.08.2014)

80.

CHARLOTTE Danke, wie schön. Sie wiegen sich in der Umarmung. ANGERMANN Es tut mir Leid, dass ich gestern Nacht nicht angerufen habe, wir haben durchgearbeitet... Charlotte sieht währenddessen ihren Bruder ins Wohnzimmer kommen. Sie tauschen Blicke. Karl...

CHARLOTTE

Sie löst sich aus der Umarmung. CHARLOTTE (CONT’D) Wir kriegen ein Kind. 105

INT. BAUERS SEKRETARIAT - TAG Bauer tritt eilig auf.

105

* *

BAUER Guten Tag, Fräulein Schütt. FRÄULEIN SCHÜTT Guten Tag, Herr Doktor. BAUER Buchen Sie mir bitte eine Flug nach Paris für das kommende Wochenende. Rückflug eine Woche später. Er schließt sein Büro auf. FRÄULEIN SCHÜTT Wird erledigt. Heute morgen ist eine dringende Terminanfrage aus Ludwigsburg gekommen. Der Leiter der Zentralen Stelle, Dr. Schüle, ersucht um einen Termin bei Ihnen. Das lege ich dann hinter ihre Reise? BAUER Ja, äh, hat der Schüle gesagt, was er will? FRÄULEIN SCHÜTT Es geht um den Haftbefehl für einen Herrn Eichmann, Adolf. Aktenzeichen 6842--

*


Blue (27.08.2014)

81.

BAUER Jaja, schon gut. Äh, fragen Sie doch bitte den Herrn Dr. Schüle, wie schnell er hier sein kann! 106

INT. BAUERS DIENSTZIMMER - TAG

106

DR. ERWIN SCHÜLE und Fritz Bauer begrüßen sich in Bauers Büro. Schüle ist ebenfalls Schwabe. Er ist zehn Jahre jünger als Bauer und macht einen etwas nervösen Eindruck. BAUER Dr. Schüle. Kaffee? SCHÜLE Gerne, danke. Bauer nickt Fräulein Schütt zu, die gerade eine Kanne Kaffee auf Bauers Konferenztisch stellt. Sie verlässt den Raum, während die Männer sich setzen. SCHÜLE Modernes Büro. Interessant. Bauer lächelt höflich desinteressiert. Zigarre?

BAUER

Dr. Schüle nickt dankbar, wählt eine, nein zwei Zigarren aus und steckt sie auf Vorrat ein. BAUER (CONT’D) Dann erzählen Sie mal! SCHÜLE (konspirativ) Sagt Ihnen der Name Adolf Eichmann etwas? Bauer zündet gerade seine Zigarre an und lässt sich nichts anmerken. BAUER Sicher. Wir führen die Ermittlungsakte. SCHÜLE Ich will Ihnen nicht zu nah treten, aber Sie müssen aktiv werden, Herr Dr. Bauer. Ein gewisser Tuviah Friedmann, das ist so ein privater Ermittler aus Israel, macht mir und der ganzen zentralen Stelle die Hölle heiß. (MORE)

* *


82. SCHüLE (CONT'D) Er hat Kontakt mit einem Herrn Hermann aus Argentinien. Er sagt, er wisse, das Eichmann sich in Argentinien versteckt, und Sie wüßten es und täten nichts. Bauer inhaliert einen tiefen Zug von der Zigarre, dann räuspert er sich. BAUER Sagen Sie dem Herrn Tuviah Friedmann, dass die Frankfurter Staatsanwaltschaft ihrer Aufgabe gewissenhaft nachgeht, und dass wir aus sicherer Quelle wissen, dass sich Herr Eichmann in Kuwait aufhält und nicht in Argentinien. Er soll das aber nicht weiter verfolgen zur Zeit, verstehen Sie, Herr Dr. Schüle, denn wenn Eichmann in Kuwait gewarnt wird, dann verschwindet er womöglich auf Nimmerwiedersehen. 107

INT. STAATSANWALTSCHAFT / TREPPENHAUS - TAG

107

Bauer und Angermann eilen durch das große Treppenhaus der Staatsanwaltschaft dem Ausgang entgegen. BAUER Bereiten Sie eine Pressekonferenz vor, Angermann. Wenn ich zurück komme, dann verkünden wir, dass wir glauben, Eichmann in Kuwait aufgestöbert zu haben. Das müsste ihn beruhigen und unseren Freunden genug Zeit für eine Operation geben... 108

EXT. STAATSANWALTSCHAFT - TAG

108

Bauer und Angermann erreichen Bauers Wagen. ANGERMANN Viel Erfolg, Dr. Bauer. Bauer schaut Angermann jetzt direkt an und sieht, wie fertig er aussieht: er ist blass, seine Augen sind blutunterlaufen und die Haare sind ungewaschen. BAUER Sie sehen furchtbar aus, Angermann. Was ist denn los? Angermann wendet den Blick ab.


Blue (27.08.2014)

83.

ANGERMANN Ich... ich werde Vater. Er fängt fast an zu weinen. BAUER Das... Wollen Sie mich zum Flughafen begleiten? Herr Eichwald fährt Sie dann zurück, wir könnten ein wenig... reden?! Angermann nickt und steigt ein. 109

110

INT. STAATSANWALTSCHAFT / KREIDLERS BÜRO - TAG

109

*

Oberstaatsanwalt Kreidler hat einen Telefonhörer in der Hand und beobachtet aus seinem Bürofenster, wie Bauer in seinen Wagen steigt und abfährt.

*

GEBHARDT (O.S.) Gebhardt hier!

* *

KREIDLER Kreidler. Der General scheint tatsächlich an Eichmann interessiert zu sein. Er hat heute morgen Dr. Schüle von der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen getroffen. Der erzählt mir danach ganz aufgeregt, dass sie jetzt den Herrn Eichmann in Kuwait suchen.

* *

INT. BUNDESKRIMINALAMT / GEBHARDTS BÜRO - TAG Gebhardt lehnt sich entspannt zurück.

110

* *

GEBHARDT Ja, in Kuwait soll sich ja so mancher Landsmann aufhalten.

*

KREIDLER Im Augenblick reist der General nach Paris. Ich frage mich, ob nicht Kollegen vom Bundesnachrichtendienst ein Auge auf den guten Herrn Bauer werfen können, bei den anhaltenden Morddrohungen in letzter Zeit.

*

GEBHARDT Ja, das ist vielleicht eine gute Idee. Ich will mal eben in Pullach anrufen.

*


84. 111

INT. BAUERS WAGEN - TAG

111

Bauer und Angermann sitzen im Fond des Wagens nebeneinander. ANGERMANN --Ich mag Kinder. Und meine Frau ist... vermutlich eine gute Mutter. Ich glaube nur nicht... Ich weiß, dass ich kein guter Vater sein kann. Niemals. BAUER Wieso glauben Sie das? Angermann blickt ängstlich zu Eichwald, der stoisch den Opel steuert. BAUER (CONT’D) Sein Sie unbesorgt. Herr Eichwald und ich kennen uns schon viele Jahre. Wir haben ein paar Leichen im Keller, wie man so schön sagt. Sie können hier unbesorgt über alles sprechen, wenn Sie möchten. ANGERMANN Es gibt diese Gerüchte über Sie, Dr. Bauer. Gerüchte, die sagen, dass die Gestapo sie nicht nur als Sozialist und wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt hat. Bauer wendet den Blick kurz ab. ANGERMANN (CONT’D) Man sagt, dass Sie im Exil Probleme mit der dänischen Sittenpolizei hatten. BAUER Ja, da gab es Vorkommnisse. Angermann atmet erleichtert aus. BAUER (CONT’D) Ich habe schon eine Weile das Gefühl gehabt, dass wir eine ähnliche Veranlagung haben. Sie tauschen einen freundschaftlichen Blick. ANGERMANN Ich habe jemanden kennengelernt. Ein “leichtes Mädchen”, verstehen Sie? BAUER Wie oft waren Sie zusammen?


85. ANGERMANN Erst einmal. BAUER Was soll ich Ihnen sagen, Karl. Sie wissen, dass Sie sich strafbar machen. Angermann nickt. BAUER (CONT’D) Beim ersten Mal kann man sich als Freier damit herausreden, dass man nicht wusste, dass die Dame keine Dame war. Beim zweiten Mal nicht mehr. Angermann nickt. Bauer zeigt ihm seinen Ehering. BAUER (CONT’D) Meine Frau Anna-Maria und ich leben seit vielen Jahren getrennt. Sie in Kopenhagen und ich hier. Ich denke, das ist eine der glücklichsten Ehen überhaupt! Bauer lacht über seinen eigenen Witz, und steckt Angermann damit an. BAUER (CONT’D) Wenn Ihre Frau ein Kamerad ist, dann sollten Sie keine Angst davor haben, Kinder großzuziehen. Ich bin mir sicher, dass Sie ein fantastischer Vater sein werden. Danke...

ANGERMANN

BAUER Nur ist der Preis, den wir zu zahlen haben, sehr hoch. Sie dürfen den jungen Mann nicht mehr sehen, Karl. Das wissen Sie, oder? Angermann nickt. Dann greift er Bauers Hand. ANGERMANN Danke, Fritz. Bauer erwidert den Händedruck auf väterliche Art und nickt den verzweifelten Angermann aufmunternd zu. BAUER Das wird schon, Karl.


Blue (27.08.2014) 112

86.

INT. FLUGZEUG / EXT. FLUGHAFEN PARIS ORLY - TAG

112

Eine STEWARDESS verabschiedet die Passagiere, unter denen sich auch Bauer befindet.

*

STEWARDESS --Auf Wiedersehen! Ich wünsche Ihnen eine schöne Zeit in Paris! Auf WIedersehen!-Bauer nickt freundlich und verlässt mit den anderen Reisenden das Flugzeug. Am Ende der Treppe steht eine weitere FLUGBEGLEITERIN, die freundlich alle Passagiere anweist. FLUGBEGLEITERIN Transit ici, s’il vous plait... Transit? Bauer nickt und schlägt eine andere Route ein, als die anderen Passagiere. 113

INT. FLUGHAFEN PARIS ORLY - TAG

113

ZWEI UNBEKANNTE MÄNNER beobachten Bauer aus großer Distanz. 114

INT. STAATSANWALTSCHAFT / KREIDLERS BÜRO - TAG

114

Oberstaatsanwalt Kreidler geht an sein Telefon. Ja? 115

*

KREIDLER

INT. BUNDESKRIMINALAMT / GEBHARDTS BÜRO - TAG Gebhardt am Telefon.

*

*

115

* *

GEBHARDT Der General fliegt weiter nach Israel.

*

KREIDLER Wo die Juden eben so hin fliegen.

*

GEBHARDT Vielleicht wendet er sich an den israelischen Geheimdienst?

*

Kreidler denkt darüber nach. KREIDLER Wenn wir ihm das nachweisen können, wäre das Landesverrat.

* *


Blue (27.08.2014)

87.

Gebhardt nickt. 116

INT. HOTEL METROPOL / TEL AVIV - TAG

* 116

*

Bauer knöpft die Weste seines dunklen, dreiteiligen Anzugs zu. Er prüft sein makelloses Aussehen im Spiegel. Dann nimmt er seine Aktentasche. BAUER (zu seinem Spiegelbild) Viel Glück. 117

EXT. HOTEL METROPOL / TEL AVIV - TAG

117

Ein Taxi sucht seinen Weg durch die Gassen der Stadt. 118

INT. TAXI / TEL AVIV - TAG

* *

118

*

Bauer sitzt im Fond des Taxis und der Schweiß läuft ihm in Strömen am Kopf herunter und in den Kragen seines frisch gebügelten Hemdes. Durch das offene Fenster schallt die Kakophonie des Straßenlärms auf ihn ein, während der Fahrtwind seine widerspenstigen Haare zerzaust. Bauer schließt die Augen und versucht ruhig zu bleiben, aber seine nervösen Hände reiben sich an den Oberschenkeln. Bauer lockert den Krawattenknoten, um Luft zu bekommen. 119

EXT. JUSTIZMINISTERIUM / TEL AVIV - TAG

119

*

120

*

Das Taxi wird am Schlagbaum des Justizministeriums von SOLDATEN kontrolliert. 120

INT. TAXI / JUSTIZMINISTERIUM / TEL AVIV - TAG Der Taxifahrer diskutiert auf Hebräisch mit den Männern. Bauer lehnt sich vor und vermittelt. BAUER (mit schwäbischem Akzent) Dr. Bauer from Frankfurt, Germany. I am here to see Mr. Chaim Cohn. The General Attorney. He expects me. Die Soldaten lassen das Taxi passieren.


Blue (27.08.2014) 121

INT. JUSTIZMINISTERIUM / TEL AVIV - TAG

88. 121

CHAIM COHN, Ende vierzig mit kahlem Kopf und buschigen Augenbrauen, empfängt Bauer freundlich in seinem Dienstzimmer. Außer ihm sind noch Isser Harel und ein jüngerer Mossad Agent anwesend: ZVI AHARONI. Während die Israelis leichte Sommerhemden tragen, sieht Bauer schon wieder aus, als sei er in seinem Anzug ertrunken: die Haare stehen ab, die Weste musste er aufknöpfen, das Hemd hat Schweißflecken und die Krawatte sitzt schief. CHAIM COHN Dr. Bauer, wie schön, dass wir uns als Amtskollegen endlich mal persönlich kennen lernen. Chaim Cohn. Nennen Sie mich Hermann. Guten Tag.

BAUER

CHAIM COHN Isser Harel kennen Sie ja bereits und das ist Zvi Aharoni, er ist auch in Deutschland geboren. Aharoni und Bauer schütteln Hände. AHARONI Ich bin aus dem anderen Frankfurt.

Aha.

BAUER (höflich, aber desinteressiert)

CHAIM COHN Wissen Sie, dass ich in Frankfurt am Main studiert habe? Ich müsste Sie mal besuchen kommen. Setzen Sie sich. Alle setzen sich um einen Konferenztisch. CHAIM COHN (CONT’D) Möchten Sie etwas trinken? BAUER Nein, danke. Ich möchte zur Sache kommen. Ich habe eine zweite unabhängige Quelle aufgetan, die bestätigt, dass Eichmanns Deckname Ricardo Klement ist. Betretene Blicke lasten auf Isser Harel.

*


Blue (27.08.2014)

89.

BAUER (CONT’D) (zu Harel) I have located a second independent source. Confirming Eichmann’s alias.

* * * * *

ISSER HAREL You already said that on the telephone with Chaim. When we have verified your source, of course it will bring an entirely new dynamic into the investigation.

* * * * * *

BAUER We have lost months and now you want to check the source? Eichmann could change his alias and move. How much more time do we want to lose? This is unbelievable. Any second-rate policeman could lead this investigation.

* * * * * * * *

CHAIM COHN Dr. Bauer, we understand your concern. Zvi Aharoni, a very competent officer, is here to lead the new investigation.

* * * * *

AHARONI I know the current state of the investigation. If we can trust the second source then I will lead an operation. Who is the second source, Dr. Bauer?

* * * * * * *

BAUER I have already risked the safety of my first source and Mr. Harel had the nerve to bring the Hermann family in danger. My second source remains secret.

* * * * * *

Pause.

* My is If to

BAUER (CONT’D) word is enough! Ricardo Klement Adolf Eichmann. we do not act now, I will turn the German authorities.

ISSER HAREL If you could trust them, you wouldn’t be here. Bauer und Harel schauen sich direkt an. Cohn löst die Situation auf.

* * * * * * * * * *


Blue (27.08.2014)

90.

CHAIM COHN We will do our best to get Eichmann, Dr. Bauer.

* * *

Harel steht augenblicklich auf. Aharoni folgt ihm. BAUER Eine Sache wäre da noch. Wenn Sie Eichmann haben, werde ich einen Auslieferungsantrag an Israel stellen.

*

Pause. BAUER (CONT’D) Ich möchte nicht, dass Eichmann in Israel abgeurteilt wird, als hätte er alleine sechs Millionen Juden ermordet. Er muss in Frankfurt vor Gericht! Wir müssen die Deutschen mit ihrer Vergangenheit konfrontieren.

* * * *

CHAIM COHN Ich werde Ihren Antrag unterstützen, Dr. Bauer. Bauer steht erleichtert auf und reicht zuerst Harel die Hand. BAUER Vielen Dank. Harel nimmt sie und nickt anerkennend. Bauer reicht Aharoni die Hand. BAUER (CONT’D) Viel Erfolg. Auch Aharoni schüttelt Bauers Hand. AHARONI Ich werde mein Bestes geben. BAUER (zu Harel) I will hold a press conference in Frankfurt to declare my suspicion that Eichmann is in Kuwait. HAREL (grinst) Good idea.

* * * * * *


Blue (27.08.2014) 122

91.

INT. BAUERS DIENSTZIMMER - TAG

122

Bauer betritt rauchend sein Büro, das voller Journalisten ist.

* *

BAUER Guten Tag, meine Damen und Herren. Ich habe diese Presskonferenz einberufen, weil wir durch das Bundeskriminalamt erfahren haben, dass der für die Deportationen im Rahmen der Endlösung zuständige Leiter der Abteilung IV B 4 des Reichsicherheitshauptamts, SS Obersturmbannführer Adolf Eichmann, in Kuwait untergetaucht ist. Ein Auslieferungsantrag wurde gestellt.

* * *

Jetzt überschlagen sich die Journalisten mit Fragen zu Eichmann, während die Fotografen Bauer ablichten. Das Bild Bauers friert ein. 123

INT. AUTOBUS / ARGENTINIEN - ABENDDÄMMERUNG

123

*

Im Argentinischen Tageblatt ist Bauers Foto klein auf Seite drei zu sehen. Darüber steht die Headline: “Eichmann in Kuwait”. Adolf Eichmann registriert die Nachricht und schlägt die Zeitung zusammen. Er sitzt in einem überfüllten Autobus, der müde Arbeiter nach Hause bringt. EXT. STRASSE / ARGENTINIEN - NACHT Der Bus hält an einer Schnellstraße, in einer düsteren, spärlich beleuchteten und kaum bewohnten Gegend. In der staubigen Landschaft stehen nur wenige, einfache Häuser. Aus der weiten Ebene rollt ein Gewitter heran, dessen Vorbote stürmische Böen sind, die den Sand aufpeitschen. Eichmann steigt als einziger Fahrgast mit seiner Aktentasche aus und stemmt sich gegen den Wind. Er überquert die Schnellstraße und geht eine Nebenstraße hinauf. Ein kleiner Junge auf einem zu großen Fahrrad konmt ihm entgegen. In einiger Entfernung sieht Eichmann zwei Männer, die an der offenen Motorhaube ihres Buick stehen und am Motor arbeiten. Er passiert sie und wird plötzlich von hinten angesprochen.

*


Blue (27.08.2014)

92.

MOSSAD AGENT (MALKIN) Un momentito, Senor. Eichmann bleibt stehen, wendet sich um, und wird am rechten Arm, dessen Hand noch in der Manteltasche steckt, gepackt. Mit der linken Hand drückt Malkin Eichmanns Kehlkopf zu. Die beiden Männer stürzen zusammen in den matschigen Graben neben der Straße. Eichmann schreit aus Leibeskräften auf Spanisch um Hilfe, während er wild um sich schlägt und tritt. Drei Männer packen Eichmann schließlich, zerren ihn auf die Rückbank des Autos, und steigen selber ein. Zvi Aharoni, der am Steuer sitzt, fährt los und biegt auf die Schnellstraße ein. Das Gewitter kommt immer näher. 125

GESTRICHEN!

125

126

INT. BAUERS WOHNUNG - NACHT

126

Bauer läuft vor seinem Fernseher auf Bericht über das historische Treffen Konrad Adenauer und dem Israelischen David Ben-Gurion im New Yorker Hotel

und ab, während er einen zwischen Bundeskanzler Ministerpräsidenten Waldorf Astoria sieht.

Die beiden Regierungschefs sitzen im ernsten Gespräch einander zugebeugt in ihren Sesseln. KOMMENTATOR (V.O.) --Zum historischen Treffen zwischen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem Ministerpräsidenten David BenGurion äußerte sich der israelische Regierungschef wie folgt: BEN-GURION (TV) I said in the Knesset, that the Germany of today, is not the Germany of yesterday. And having met the Chancelor, I see, that this judgement was correct. Bauer verharrt. Ein schmerzvolles Stöhnen fährt ihm aus der Kehle, während er sich die Schläfen reibt. Er schaltet den Fernseher aus und lässt sich auf sein Sofa sinken. Während er mit fragendem Blick auf den schwarzen Bildschirm starrt, erlischt das letzte Licht der Bildröhre als weißer Fleck im Dunkel.

*


Blue (27.08.2014)

93.

Bauers Telefon klingelt schrill. Er zuckt zusammen, sein Kopf schnellt herum. Das Telefon klingelt ein zweites Mal. Bauer sackt zusammen, nimmt sich eine Roth-Händle und klopft langsam den Tabak zusammen. Das Telefon klingelt ein drittes Mal. Bauer nimmt ein Feuerzeug und zündet die Zigarette an. Er inhaliert tief und atmet durch die Nase aus, wobei er die Augen schließt. Das Telefon klingelt weiter. Bauer versucht es zu ignorieren, aber er gibt nicht auf. Schließlich hebt er mit einer schnellen Bewegung ab.

Ja!

BAUER (bellt)

Sein Gesichtsausdruck verändert sich. Seine Wut weicht einer Ungläubigkeit, dann füllen sich seine Augen mit Tränen. BAUER (CONT’D) (leise) Danke. Er legt auf und bleibt regungslos stehen, während ihm die Tränen still an den faltigen Wangen herunterlaufen. PARALLELMONTIERT MIT: 127

INT. ANGERMANNS HAUS - NACHT

127

Charlotte und Karl Angermann sitzen stumm beim Abendessen, als das Telefon klingelt.

*

Er hebt ab. Ja?

ANGERMANN

BAUER Sie haben ihn. Angermann steht sprachlos da. BAUER (CONT’D) Ich habe es eben erfahren.

*


94. ANGERMANN (leise) Das ist ja.... Das ist wunderbar, Dr. Bauer. CHARLOTTE Karl? Was ist denn? Er wendet sich von seiner Frau ab. BAUER Ich wollte Sie fragen, ob Sie zur Feier des Tages mit mir essen gehen möchten? CHARLOTTE Karl, kommst Du essen? BAUER Wenn es ungelegen kommt, dann.... ANGERMANN Nein nein, gar nicht. BAUER Gut, fein. Im gemalten Haus? Ich brauche jetzt einen Bempel. ANGERMANN (lacht) In Ordnung. Ich bin in zehn Minuten da. Er hängt ein. Karl?

CHARLOTTE

ANGERMANN Ich muss nochmal weg. CHARLOTTE Und das Essen? ANGERMANN Es tut mir Leid. CHARLOTTE Wo gehst du denn hin? Und bleibst du wieder die ganze Nacht weg? Was treibst du denn immer? ANGERMANN Es ist dienstlich. Ich treffe Bauer. Charlotte fängt stumm an, den Tisch abzuräumen.


95. ANGERMANN (CONT’D) Wir haben etwas zu be... Aber Charlotte verschwindet ohne weiter zu reagieren in der Küche. Angermann nimmt seine Jacke und geht. 128

INT. ZUM GEMALTEN HAUS - NACHT

128

Eine alte, bürgerliche Apfelweinkneipe, die sehr voll ist. Bauer winkt bereits mit zwei Gläsern Apfelwein von einem der Tische, als Angermann hereinkommt. BAUER Wir haben es geschafft, Karl! Er drückt ihm ein Glas in die Hand. ANGERMANN Ich kann es nicht glauben. Sie stoßen an. Einige Männer stimmen im Hintergrunmd lauthals ein Volkslied an. ANGERMANN (CONT’D) (muss jetzt brüllen) Wir hätten uns irgendwo treffen sollen, wo Sie mir besser berichten können! BAUER (ebenfalls laut) Aber ich weiß auch nicht mehr im Augenblick. Prost, Angermann! Bauer lacht und stimmt in das Volkslied ein. Angermann lacht ebenfalls und singt mit, was jetzt auch andere Gäste an den langen Bänken machen. Die Leute fangen an, auf die Tische zu steigen und sich zum schunkeln unterzuhaken, bis schließlich fast das ganze Lokal gemeinsam singt, Bauer und Angermann ausgelassen mittendrin. 129

EXT. ZUM GEMALTEN HAUS - NACHT

129

Zusammen mit anderen Feiergästen verlassen Bauer und Angermann das Lokal und taumeln angetrunken durch die dunkle Toreinfahrt davon, während hinter ihnen der Wirt die Rollladen schließt und das Licht löscht. 130

EXT. EISERNER STEG - NACHT

130

Angermann und Bauer wandern durch die menschenleere Nacht.


Blue (27.08.2014)

96.

BAUER Sie erinnern sich, was ich Ihnen in Stuttgart über meinen Freund Kurt Schumacher erzählt habe. Sie wollten doch wissen, warum ich nach einem Jahr wieder aus dem KZ kam und Schumacher nicht. Ich habe mich in einem offenen Brief den Nationalsozialisten unterworfen. Sie druckten ihn in der Zeitung, der Sozialist Bauer unterwirft sich... Und dann durfte ich raus.

* * * * * * * * *

Pause. BAUER (CONT’D) Aber Schumacher unterwarf sich nicht. Als sie ihn fragten, warum er im KZ sei, sagte er dem Lagerkommandanten ins Gesicht: Weil ich zur besiegten Partei gehöre. Darum. Pause. BAUER (CONT’D) Das habe ich mir selber nie verzeihen. Man darf sich niemals der Tyrannei beugen, Karl. Niemals. Bauers Rede wird von einem Schluckauf unterbrochen. Beide müssen lachen. BAUER (CONT’D) Ich muss nach Hause. Ich vertrage nichts... ANGERMANN Soll ich Sie bringen? Bauer bleibt stehen und schaut Angermann einen Moment lang an. BAUER Ich wünschte, das wäre möglich. Er legt ihm väterlich eine Hand auf die Schulter. Bevor er sie entziehen Kann legt Angermann seine Hand auf Bauers und genießt kurz den Moment der körperlichen Berührung. BAUER (CONT’D) Sie sind ein lausiger Staatsanwalt, Angermann. Sie kennen unsere Gesetze nicht! Angermann lacht. Bauer beendet den zärtlichen Moment und geht davon.

* * * * * *


Blue (27.08.2014)

97.

BAUER (CONT’D) Gute Nacht, Herr Angermann. ANGERMANN (leise) Gute Nacht, Fritz. Angermann wandert ein paar Schritte ziellos über die Brücke, dann schaut er auf die Uhr. Es ist nach eins. 131

INT. KOKETT - NACHT

131

Viktoria steht wieder mitten in der vollen Bar, diesmal im Petticoat. Von Klavier und Schlagzeug begleitet singt sie Ted Herolds Hit: “Ich bin ein Mann”. VIKTORIA Du weißt ich küsse heiß, du weiß ich brenne gleich, du weißt, dass ich immer alles, alles erreich’, Ich bin ein Mann, hey hey hey, ich bin Mann. Uhuhu wha! Oh ja, denk daran, ich bin ein Mann....

132

* * * * * * * * * * * * *

Die Männer um sie herum freuen sich und schwingen das Tanzbein.

* *

Während Angermann Viktorias Nummer zuhört, sieht er die hübschen Bardamen, die heute alle etwas schlechter rasiert sind, etwas nachlässiger geschminkt. Im Kokett war schon lange keine Frau mehr.

* * * *

INT. VIKTORIAS GARDEROBE - NACHT

*

132

Angermann wartet in Viktorias Garderobe darauf, dass sie sich abschminkt. ANGERMANN Das Lied vorhin war ja ganz schön mutig. Du solltest ein bißchen vorsichtiger sein...

* * * * * *

Es klopft an der Tür.

*

Angermann zuckt zusammen. Viktoria dreht sich zu ihm um, jetzt vollkommen abgeschminkt und eindeutig ein Mann.

* *

VIKTORIA Erinnerst Du dich an Johann Krauss? Fünf-Mark-Johann?

* * *

Es klopft erneut.

*


Blue (27.08.2014)

98.

VIKTORIA (CONT’D) Moment, bitte.

* *

ANGERMANN

* *

VIKTORIA Er ist die große Liebe meines Lebens.

* * *

Ja, wieso?

Dennoch küsst sie Angermann voller Leidenschaft. VIKTORIA (CONT’D) Sie haben mir versprochen, dass Johann früher raus kommt. --Wie?!--

ANGERMANN

GEBHARDT (O.S.) Guten Abend, Herr Staatsanwalt. Angermanns Kopf schnellt zur Tür. Paul Gebhardt kommt herein und nimmt höflich den hut ab. VIKTORIA Es tut mir Leid.

* * * * * * * * * * * *

Damit verschwindet sie.

*

Gebhardt setzt sich und legt Angermann einen Stapel Fotos vor, von denen bereits das erste so explizit Angermann und Viktoria beim Sex zeigt, dass leugnen lächerlich wäre.

* * *

GEBHARDT Tja, die Liebe ist immer unser Verderben, nicht wahr? Er zündet sich eine Zigarette an, bietet Angermann ebenfalls eine an, doch der reagiert überhaupt nicht. GEBHARDT (CONT’D) Das hier ist auch schön. Er zeigt Angermann das zweite Foto, auf dem Angermann Viktoria offensichtlich einen bläst.

* * * * * * * * *

GEBHARDT (CONT’D) Dieses kleine Geheimnis muss sie nicht unbedingt ihren Job und ihre Familie kosten, Angermann. Ich kann eine Menge für mich behalten. (singt) Secretly!

* * * * * * *

ANGERMANN Was wollen Sie?

* *


Blue (27.08.2014)

99.

GEBHARDT Mit Ihnen über Bauer reden. Steckt er hinter der Eichmann Entführung?

* * *

ANGERMANN Ich weiß nicht, wovon Sie reden.

* *

Gebhardt nickt und steht auf.

*

GEBHARDT Gut. Die Abzüge können Sie behalten. Vielleicht möchte ihre Frau die Bilder sehen, bevor sie vor Gericht öffentlich werden.

* * * * *

ANGERMANN Warten Sie! Moment...

* *

GEBHARDT Ich gebe Ihnen eine Woche. Entweder beschuldigen Sie Bauer des Landesverrats, weil er als deutscher Beamter mit einem Auslandsgeheimdienst zusammengearbeitet hat, oder sie gehen ins Gefängnis.

* * * * * * * *

133

GESTRICHEN!

133

*

134

EXT. ZEITUNGSKIOSK - MORGEN

134

*

Auf allen Titelseiten der Tageszeitungen zeugen die Schlagzeilen von Eichmanns Entführung aus Argentinien durch ein Mossadkommando. Ein 10-jähriger Junge läuft mit einem Zeitungsstapel unterm Arm auf dem Bürgersteig auf und ab. ZEITUNGSJUNGE ESTRABLATT: EICHMANN in ARGENTINIEN GEFASST! Bauer kauft dem Jungen eine Zeitung ab und liest den Bericht. Er schaut sich um und sieht überall PASSANTEN, die interessiert die Tagespresse auf dem Weg zur Arbeit lesen. Neben Bauer reden zwei Passanten. PASSANT (in breitem Hessisch) Die hätten den Eischmann gleisch erschiese solle! Jetzt könne’mer uns den ganze Scheiß nochma anhöre! Ein Lächeln huscht über Bauers Gesicht.

* * * * * *


Blue (27.08.2014)

100.

Er faltet die Zeitung zusammen, überquert die Straße und steigt zu Eichwald in den Opel. 135

INT. BAUERS DIENSTWAGEN - TAG

135

Bauer klettert auf die Rückbank. Herr Eichwald hört Radio. BAUER Zur Staatsanwaltschaft, bitte. Der Wagen fährt los. RADIOSPRECHER (O.S.) --Die spektakuläre Entführung des ehemaligen SS-Obersturmbannführers Adolf Eichamnn führte indes zu einer diplomatischen Krise zwischen Argentinien und Israel.-Herr Eichwald schaut Bauer über den Rückspiegel an. EICHWALD Scheint ein guter Tag zu werden, Dr. Bauer. BAUER Allerdings, Herr Eichwald. Allerdings. 135A

136

MONTAGE VON STANDFOTOS IN VERSCHIEDENEN ORTEN

135A

*

Die Radionachrichten überschlagen sich mit weiteren Berichten von der spektakulären Entführung Adolf Eichmanns. Charlotte Angermann in ihrer Küche, Friedrich Morlach in seinem Käfer, Paul Gebhardt und Oberstaatsanwalt Kreidler in dessen Büro, aber auch viele unbekannte Menschen sind in dieser Montage aus Standbildern zu sehen, wie sie die Nachrichten verfolgen.

* * * * * *

INT. STAATSANWALTSCHAFT - TAG

*

136

Bauer betritt den Eingangsbereich des Amtes, wo ihm Kügler, Vogel, Warlo und Jankowski entgegen kommen. VOGEL Dr. Bauer, haben Sie es schon gehört? Kügler hält ihm eine Zeitung hin. KÜGLER Die Israelis haben Eichmann gefunden! BAUER Ja, ich habe es gelesen.


Blue (27.08.2014)

101.

VOGEL Das hätte uns mal gelingen müssen! Bauer nickt. BAUER Ja, das wäre ein echter Erfolg gewesen. 137

INT. BAUERS BÜRO - TAG

* 137

*

Bauer sitzt rauchend hinter seinem Schreibtsich, vertieft in eine Akte, als es an der Tür klopft.

* *

Herein!

BAUER

Karl Angermann tritt auf.

* * *

ANGERMANN Sie wollten mich sprechen?

* *

BAUER Ja, kommen Sie! Alles in Ordnung? Ich habe sie die ganze Woche nicht gesehen.

* * * *

ANGERMANN Ich hatte private Verpflichtungen.

* *

BAUER Ah. Wie geht es denn? Haben Sie eine Lösung für ihre Probleme gefunden?

* * * *

ANGERMANN Nein, noch nicht.

* *

BAUER Ja, das braucht Zeit.

* *

ANGERMANN Weshalb wollten Sie mich denn sprechen?

* * *

BAUER Ich möchte, dass Sie mich zum Ministerpräsidenten begleiten! Zinn hat mit der Bundesregierung über Eichmanns Auslieferung verhandelt.

* * * * *

Angermanns Blick.

*


Blue (27.08.2014) 138

INT. BAUERS WAGEN - TAG

* * *

Bauer und Eichwald tauschen über den Rückspiegel fragende Blicke.

* *

INT. BÜRO GEORG AUGUST ZINN / SEKRETARIAT - ABEND

139-141

*

142

*

Im Vorraum des Büros hängt nicht mehr das Bild von Rosa Luxemburg, sondern eine etwas nichtssagende Landschaft der deutschen Romantik.

*

Bauer schaut auf das Gemälde, als hinter ihm Zinn auftritt.

*

Fritz!

143

138

Bauer und Angermann sitzen stumm nebeneinander im Wagen. Bauer beobachtet Angermann, der nur aus dem Fenster starrt.

139-141 GESTRICHEN! 142

102.

ZINN (O.S.)

* *

BAUER Wo ist denn Rosa Luxemburg geblieben?

* * *

ZINN Hu? Äh, die treibt tot im Landwehrkanal, weißt Du doch...

* * *

Zinn lacht über seinen Witz. Bauer lächelt höflich.

*

BAUER Darf ich Dir Staatsanwalt Angermann vorstellen?

* * *

ZINN Sicher, sehr erfreut.

* *

ANGERMANN Herr Ministerpräsident!

* *

Zinn und Angermann schütteln Hände, während die drei Männer Zinns Büro betreten.

* *

INT. BÜRO GEORG AUGUST ZINN - ABEND

*

Zinn schließt die Tür. ZINN Ich gratuliere Dir, Fritz! Und auch Ihnen, Herr Angermann. Die anderen Staatsanwälte müssen sehr beeindruckt sein!

143

* * * * * *


Blue (27.08.2014)

103.

BAUER Ja, vom Mossad. Und so soll es auch bleiben.

*

ZINN Verstehe. Natürlich. (zu Angermann) Bitte, nehmen Sie Platz.

* * *

Bauer und Angermann setzen sich, während Zinn hinter seinem Schreibtisch stehen bleibt. ZINN (CONT’D) Kann ich etwas zu trinken anbieten? Das ist doch heute ein Grund zum feiern.

*

* * *

Bauer registriert Zinns Anspannung. BAUER Nein, danke! Was hat die Bundesregierung entschieden?

* *

Zinn zögert. ZINN Es tut mir Leid, aber sie haben den Auslieferungsantrag abgelehnt. Eichmann wird in Israel vor Gericht kommen.

* *

BAUER Moment... Die Israelis haben mir versprochen... Chaim Cohn unterstützt meinen Auslieferungsantrag!

* * * *

ZINN Cohn ist nur ein Jurist, Fritz. Hier geht es um mehr. BAUER Allerdings.

*

ZINN Weißt du nicht, warum sich BenGurion und Adenauer in New York getroffen haben?

* * *

Bauer fixiert ihn. ZINN (CONT’D) Israel will deutsche Waffen kaufen, das haben sie in New York besprochen. Die Bundesregierung hat den Waffenhandel ausgesetzt, bis klar ist, dass Eichmann in Jerusalem vor Gericht kommt. (MORE)


Blue (27.08.2014)

104.

ZINN (CONT’D) Sie sind mächtig nervös in Bonn. Vor allem Herr Globke, kannst du dir ja denken. Aber niemand will eine Krise der Bundesregierung, außer der DDR und den Sowjets. Deshalb werden die Amerikaner alles tun, um Adenauers Regierung zu schützen. Und die Israelis brauchen nun mal deutsche Waffen.

* * * *

Zinn reicht ihm ein Schreiben. ZINN (CONT’D) Die Absage vom Justizministerium.

*

Bauer nimmt das sehr förmliche Dokument, liest es, zerknüllt es und wirft es in den Papierkorb. BAUER Ich habe es Dir gesagt: wenn ich Eichmann nicht kriege, fehlt mir die Kraft, um weiterzumachen.

* * * *

ZINN Aber Du hast Eichmann doch gekriegt. Du hast ihn zur Strecke gebracht. Das ist Dein Erfolg!

* * * *

BAUER Nein, das ist Israels Erfolg. Mein Erfolg wäre gewesen, wenn Eichmann vor einem deutschen Gericht all die Nazis benannt hätte, die heute als Kriegsgewinnler diese Republik anführen.

* * * * * * *

ZINN Es kommen andere Chancen!

* *

BAUER Aber nicht mehr für mich.

* *

Bauer verlässt das Dienstzimmer, gefolgt von Angermann. 144

145

* *

INT. BÜRO GEORG AUGUST ZINN / SEKRETARIAT - ABEND

* 144

*

Bauer und Angermann verschwinden grußlos.

*

Zinns Blick fällt auf das nichtssagende Landschaftsbild neben der Tür.

* *

EXT. BÜRO GEORG AUGUST ZINN - ABEND

*

145

Bauer und Angermann setzen sich stumm in den Fond des Wagens.

*


Blue (27.08.2014) 146

INT. BAUERS WAGEN - ABEND

105. 146

Bauer steckt sich eine Zigarette an.

* *

Eichwald schaut Bauer über den Rückspiegel an und wartet auf eine Anweisung. EICHWALD Wo soll es hingehen, Dr. Bauer? Bauer antwortet nicht. Dr. Bauer?

EICHWALD (CONT’D)

* * * *

Er raucht stumm. Angermann und Eichwald tauschen jetzt Blicke.

* *

Eichwald fährt los.

*

Angermann betrachtet Bauer, der vollkommen zusammengefallen neben ihm in den Polstern hängt.

* *

ANGERMANN Was werden Sie jetzt tun, Fritz?

* *

Bauer inhaliert tief und bekommt wieder einen Hustenanfall.

*

Er beruhigt sich und raucht weiter.

*

ANGERMANN (CONT’D) Was werden Sie tun?

* *

BAUER Haben Sie von den Breslauer Dokumenten gehört?

* * *

Angermann schüttelt den Kopf. BAUER (CONT’D) Vogel und Kügler sind da dran: ein Journalist namens Thomas Gnielka hat sie gefunden. Es handelt sich um vorgedruckte Berichte über Häftlinge aus dem Konzentrationslager Auschwitz, die auf der Flucht erschossen wurden. Man musste nur die Namen eintragen, dann wurde die Strafverfolgung automatisch eingestellt. Der Bundesgerichtshof hat uns für zuständig erklärt. Wir könnten Auschwitz vor Gericht bringen! Ein Querschnitt durch das ganze Lager, vom Kommandenten bis zum einfachen Wachmann, dachte ich.

* * * * * * * * * * * * * * * * * *


Blue (27.08.2014)

106.

Er schaut in die Glut seiner Zigarette, folgt mit den Augen dem aufsteigenden Rauch. BAUER (CONT’D) Aber ich glaube nicht mehr daran. Sie finden immer einen Weg uns zu stoppen. Er schaut Angermann an, der seinen Blick nicht erträgt und aus dem Fenster schaut.

* * * * * * * *

BAUER (CONT’D) Ich denke, ich lege mein Amt nieder.

* * *

ANGERMANN Das dürfen Sie nicht!

* *

Bauer erträgt Angermanns enttäuschten Blick nicht.

*

Angermann schaut einen Moment suchend hinaus auf den dunklen Asphalt. Dann huscht ein grünes Licht vorüber, das Angermanns Aufmerksamkeit weckt.

* * *

ANGERMANN (CONT’D) Halten Sie! Anhalten bitte!

* *

Eichwald hält.

*

Angermann greift langsam Hut, Mantel und Aktentasche.

*

BAUER Steigen Sie hier aus? Angermann holt einen Couvert aus seiner Aktentasche hervor. ANGERMANN Ja. Ich muss. Ich muss jetzt aussteigen! Angermann schaut zu dem grünen Licht einer Polizeiwache am Straßenrand. Bauer folgt seinem Blick. ANGERMANN (CONT’D) Sie haben gesagt, dass wir uns ein Vorbild an Kurt Schumacher nehmen müssen. Wir dürfen uns nicht der Tyrannei beugen. Angermann reicht Bauer das Couvert. BAUER Karl, was ist denn nur los?

* * * * * * * * * * * * * * * *

Angermanns Augen füllen sich mit Tränen.

*

Angermann greift ein letztes Mal Bauers Hand.

*


Blue (27.08.2014)

107.

ANGERMANN Geben Sie nicht auf, Fritz. Bitte.

147

Dann steigt Angermann aus.

*

Irritiert schaut Bauer ihm nach und sieht, wie Angermann auf die Polizeiwache zugeht.

* *

Bauer reißt den Umschlag auf und sieht die kompromitiernden Fotos von Angermann und Viktoria.

* *

Er springt aus dem Wagen und rennt zur Polizeiwache.

*

INT. POLIZEIWACHE - ABEND

147

Als Bauer durch den Eingang kommt, sieht er Angermann, der hinter einer Glasscheibe mit einigen uniformierten Beamten im Gespräch ist.

* * *

Bauer kann nicht hören, was sie sagen, als die Polizisten Angermann packen und in den nächsten Raum schieben, aber bevor er verschwindet, können Angermann und Bauer sich einen letzten Blick zuwerfen.

* * * *

ABBLENDE. 148

*

INT. BAUERS BÜRO - TAG

148

* *

Bauer tritt hinter seinen aufgeräumten Schreibtisch, zieht sein Sakko aus, lockert die Krawatte und zündet sich eine Zigarette an.

* * *

Es klopft an der Tür.

*

Bitte.

BAUER

Fräulein Schütt steckt den Kopf herein.

* * *

FRÄULEIN SCHÜTT Oberstaatsanwalt Kreidler.

* *

BAUER Soll eintreten!

* *

Kreidler tritt auf. Fräulein Schütt zieht sich zurück.

*

KREIDLER Dr. Bauer! Sie wollten mich sprechen?

* * *

BAUER Ja. Sie übernehmen den Fall Angermann persönlich, wie ich höre?

* *


Blue (27.08.2014)

108.

KREIDLER Sicher, das muss sein! Ein Staatsanwalt, der sich so gegen unsere Ordnung stellt, muss sauber verhandelt werden, finden Sie nicht?

* *

Bauer schaut ihn nur an. KREIDLER (CONT’D) Ist das ein Problem für Sie, Herr Generalstaatsanwalt? Wie ich höre, waren Sie sich ja sehr nah.

*

Bauer taxiert Kreidler weiter, der etwas süffisant lächelt.

*

BAUER Sie sollten zur Kenntnis nehmen, dass Angermann seine Unzucht mit diesem Jungen selber zur Anzeige gebracht hat.

* * * * *

KREIDLER Sicher. War Ihnen der liebste aus Ihrer jungen Garde, oder? Sie sind doch nicht etwa befangen in dieser Affäre?

* * *

BAUER Nein, Kreidler. Tun Sie Ihre Arbeit! Aber sein Sie sicher, ich werde meine auch tun. Solange ich lebe, hält mich davon niemand mehr ab.

* * *

Fritz Bauer stützt sich auf der Arbeitplatte ab, seine Zigarette im linken Mundwinkel. Er wirkt entschlossen. Dieses letzte Bild von Bauer friert ein und blendet langsam ab.

* *

SUPERIMPOSED AUF SCHWARZ: 1962 wurde Adolf Eichmann in Jerusalem gehängt. 1963 bis 1965 fand der erste Auschwitzprozess in Frankfurt statt. Er war wegbereitend für viele folgende Prozesse gegen NS-Täter. Erst 1994 wurde der §175 vollständig aus dem deutschen Strafgesetzbuch gestrichen. ENDE

* *

DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER  

Eine Drehbuch von Lars Kraume und Olivier Guez in der Reihe Deutsche Drehbücher der Deutschen Filmakademie

DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER  

Eine Drehbuch von Lars Kraume und Olivier Guez in der Reihe Deutsche Drehbücher der Deutschen Filmakademie