Auf der anderen Seite

Page 1

AUF DER ANDEREN SEITE Fatih Akin

DEUTSCHE DREHBÜCHER Herausgegeben von Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön für die Deutsche Filmakademie


Fassung vom 13.07.2006

1.

SCHWARZMEERKÜSTE - LANDSTRASSE/TANKSTELLE

A/T

Sommer in der Nähe der türkischen Schwarzmeerküste. Auf einer einsamen Landstraße fährt ein weißer Renault-Broadway auf eine staubige Tankstelle zu. Die Landschaft ist trocken und karg. Es ist flirrend heiß. Der Wagen fährt vor die Zapfsäulen. Neben der Tankstelle befinden sich ein kleiner Laden und eine Toilette. Ein junger TANKWART in entsprechender Montur steht müde vom Nichtstun auf und empfängt den Kunden, der aus dem Auto steigt. Es ist NEJAT AKSU. Über eine Lautsprecheranlage läuft Musik. KAZIM KOYUNCU: BEN SENI SEVDUGUMI. TANKWART Bayramınız mübarek olsun. Frohes Bayram. NEJAT Sağol. Senin de. Danke. Dir auch. TANKWART Fulleyeyim mi abi? Soll ich voll tanken? NEJAT Olur. 98 doldur. Mach mal. 98. TANKWART Tamam abi. Geht klar. Nejat geht in den kleinen Laden.

1


Fassung vom 13.07.2006

2.

SCHWARZMEERKÜSTE - TANKSTELLE/LADEN

I/T

Nejat schaut sich in dem kleinen Laden um und schnappt sich ein paar Salzkekse und eine Flasche Wasser. Der LADENINHABER steht hinter der Kasse. Wahrscheinlich ist es der Vater des Jungen da draußen. LADENINHABER Bayramınız mübarek olsun. Frohes Bayram. NEJAT Sağol, sizin de. Bu güzel şarkı kim söylüyor? Danke, Ihnen auch. Was ist das für ein Lied? LADENINHABER Kazım Koyuncu. Hiç duymadınız mı? Das ist Kazim Koyuncu. Kennen Sie den nicht? Nejat schüttelt den Kopf. LADENINHABER Burada, Karadeniz’de çok tutuluyor. Man mag seine Musik gerne hier am Schwarzen Meer. NEJAT Ismini hiç duymadım. Ich hab noch nie von ihm gehört. LADENINHABER Artvin’liydi. Iki sene önce kanserden öldü. Çok da gençti. En fazla 30 yaşındaydı. Er war aus Artwin. Er ist vor zwei Jahren an Krebs gestorben. Er war blutjung. 30, glaube ich. NEJAT Yazık olmuş. Schade drum. LADENINHABER Hep Çernobil’den. Söylemişlerdi ya, yeni yeni ortaya çıkıyor. Alles wegen Tschernobyl. Jetzt erst wird das alles klar. Der Junge kommt in den Laden. TANKWART 70 Yeni Türk Lirası abi. 2


Fassung vom 13.07.2006

70 neue tĂźrkische Lira, Bruder. LADENINHABER Hepsi beraber 75. Alles zusammen 75. Nejat zahlt.

3


Fassung vom 13.07.2006

3.

SCHWARZMEERKÜSTE - LANDSTRASSE/TANKSTELLE

A/T

Nejat fährt mit seinem Renault-Broadway weiter. In der Ferne sieht man das Schwarze Meer.

4


Fassung vom 13.07.2006

4.

ISTANBUL

A/T

Auf den Straßen von Istanbul toben zum 1. Mai wie jedes Jahr heftige Krawalle. Vermummte Demonstranten werfen Steine auf Polizisten in voller Kampfmontur, die sich mit Tränengas und Gummigeschossen revanchieren. Autos brennen, Fensterscheiben werden eingeschlagen, Hundertschaften stürmen mit Schlagstöcken auf Demonstranten zu, die sich blutig zur Wehr setzen.

5


Fassung vom 13.07.2006

5.

ISTANBUL – KADIKÖY

A/T

Eine aggressive und angespannte Stimmung herrscht in der Menge der vermummten DEMONSTRANTEN. Jemand schreit plötzlich auf. DEMONSTRANT Polis! Polizei! Durch den Demonstrationszug eilt die Nachricht von einem zivilen Polizisten, der sich unter die Demonstranten geschlichen hat. Bruchstückhaft verstehen wir: „Aramızda polis var...“, „sivil polis...“, „telsizini kaybetmiş...“ Ein DICKER ZIVILPOLIZIST Mitte 40 zieht seine `9mm´ und feuert damit in die Luft. Ein hilfloser Versuch, sich die radikalen Demonstranten vom Leibe zu halten. Von allen Seiten wird auf den Polizisten eingeprügelt, er stürzt, so dass er seine Pistole verliert. Die Waffe schlittert über den Asphalt. Eine hagere vermummte Gestalt schnappt sich das silberne Ding und steckt es ein. Ein anderer, nicht enttarnter ZIVILPOLIZIST beobachtet das. Der Vermummte verschwindet vom Ort des Geschehens, wo ein Dutzend Demonstranten wieder und wieder mit unglaublicher Brutalität auf den am Boden liegenden Zivilpolizisten eintreten. Der zweite Zivilpolizist verfolgt die vermummte Gestalt und überlässt seinen Partner dem Mob. Der Vermummte entfernt sich aus der Menge. Der Zivilpolizist spricht in sein WalkieTalkie. Er gibt eine Beschreibung durch. Auf einmal explodiert eine Ladung Tränengas und die Demonstranten lösen sich auf. Die vermummte Gestalt flieht in eine Gasse. Ein Dutzend POLIZISTEN hinterher.

6


Fassung vom 13.07.2006

6.

ISTANBUL - GASSEN IN KADIKÖY

A/T

Der Vermummte rennt um sein Leben durch die verwinkelten Gassen von Kadiköy von den Polizisten verfolgt. Als der vermummten Gestalt etwas aus der Tasche fällt, hält sie inne, dreht sich um und sieht ihr Mobiltelefon zersplittert auf dem Boden liegen. Die Verfolger holen auf, die Gestalt muss das Gerät liegen lassen und rennt weiter. Einer der Polizisten sammelt das Handy auf. Die Gestalt verschwindet in dem verwitterten Eingang eines Altbaus.

7


Fassung vom 13.07.2006

7.

ISTANBUL - KADIKÖY/TREPPENHAUS

I/T

Der Vermummte läuft Stockwerk für Stockwerk die Treppen hinauf. Als er die dritte Etage erreicht, kommen die ersten Polizisten ins Treppenhaus. Die Gestalt erreicht eine Stahltür, die auf das Dach des Gebäudes führt. Sie ist verschlossen. Plötzlich öffnet sich eine Wohnungstür und eine ALTE FRAU um die 70 erscheint. Sie erschrickt, als sie den Vermummten sieht. Für einen Moment schauen sich die beiden stumm an. Die alte Frau hört die Polizisten die Treppe hoch stürmen. Da nimmt die Gestalt ihre Motorradmaske ab: Es ist eine Frau! AYTEN schaut ihrem Gegenüber flehend in die Augen. In einem stillen Akt der Solidarität schließt ihr die Alte die Dachtür auf und schließt sie gleich, nachdem Ayten herausgeschlüpft ist, wieder ab. Sekunden später passiert die Frau auf der Treppe die Polizisten, die vor der verschlossenen Tür kehrt machen müssen.

8


Fassung vom 13.07.2006

8.

ISTANBUL - KADIKÖY/DACH

A/T

Auf dem Dach des Gebäudes herrscht Chaos: Es liegen Holzbalken herum, längst nicht mehr benutzte Wäscheleinen schaukeln im Wind, alles ist voller Taubenkot. Ayten versteckt sich unter einem Stapel Holzbalken. Dank ihrer dunklen Kleidung ist sie für den Hubschrauber unsichtbar. Einige Zeit später traut Ayten sich aus ihrem Versteck. Sie schaut hinunter auf Kadiköy. Die Demonstration ist vorbei. Ayten holt die Waffe aus ihrem Hosenbund und schaut sie sich genauer an. Dann blickt sie sich suchend um und entdeckt eine große Tafel mit Solarzellen, die auf einer Empore steht. Die Solarzellen sorgen für warmes Wasser, daher steht gleich daneben ein großer Wasserbottich. Ayten wickelt die Pistole in ihre Motorradmaske und versteckt das Bündel unter der Solaranlage.

9


Fassung vom 13.07.2006

9.

ISTANBUL - FÄHRE NACH KARAKÖY

A/T

Ayten sitzt am Bug des Bootes und schaut mit ernstem Gesicht auf das europäische Ufer. Kurz darauf befindet sie sich im Gewusel und steigt mit der Menge von Bord.

10


Fassung vom 13.07.2006

10.

ISTANBUL - 'ZELLE'

I/T

Die 'Zelle' ist eine Wohnung im Istanbuler Viertel Tarlabaşe. Sie ist nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Die Matratzen auf dem Boden, Koffer statt Schränke, ein paar kleine Schreibtische, ein Computer, Flugblätter. Kaum private Sachen. Etwa 20 POLIZISTEN stürmen die Wohnung und nehmen drei FRAUEN zwischen 25 und 40 fest. Eine von ihnen ist NURHAN, Mitte 30. Die Frauen wehren sich, doch gegen die Übermacht der bewaffneten Polizisten haben sie keine Chance.

11


Fassung vom 13.07.2006

11.

ISTANBUL – TARLABAŞE

A/T

Ayten kommt eine hügelige Straße herauf. Vor ihrem Wohnblock sieht sie Polizeifahrzeuge. PASSANTEN stehen neugierig dabei und POLIZEI-BEAMTE kommen mit Akten, Papieren und mit ihren drei Genossinnen aus dem Haus. Ayten wendet sich ab und geht die Straße wieder zurück.

12


Fassung vom 13.07.2006

12.

BREMEN – STRASSEN

A/T

Die Demonstration zum 1. Mai in Bremen erscheint im Gegensatz zu Istanbul wie ein fröhliches Kinderfest. Friedlich marschieren die DEMONSTRANTEN langsam mit ihren DGB-Transparenten und Trillerpfeifen durch die Straßen. ALI AKSU passiert den Demonstrationszug mit einem verschmitzten Lächeln. Er gehört nicht dazu.

13


Fassung vom 13.07.2006

13.

BREMEN - VOR KONTAKTHOF

A/T

Der Kontakthof von Bremen ist durch ein Tor von einer HauptstraĂ&#x;e getrennt. Das Tor ist voll gebombt mit Wildplakatierung und verschmierten Graffiti-Tags. Ali schaut flĂźchtig um sich und verschwindet dann im Hof.

14


Fassung vom 13.07.2006

14.

BREMEN – KONTAKTHOF

A/T

Der Hof hat etwa die Fläche eines halben Fußballplatzes. Kleine, einstöckige Reihenhäuser in holländisch anmutender Architektur umgeben die freie Fläche. In Schaufenstern sitzen PROSTITUIERTE leicht bekleidet auf Hockern, rauchen Zigaretten, schauen gelangweilt vor sich hin oder reden mit FREIERN vor den Fenstern. Es ist Vormittag und noch nicht viel los. Nur ŞENTÜRK und CELAL, zwei Türken mit Vollbart, schlendern über den Hof und entdecken YETER. Sie fixieren die Frau, die wendet sich ab und erblickt Ali, der sich nach einer passenden Frau umschaut. Die eine oder andere Dame kennt ihn bereits und lächelt ihm zu. Die Huren sind aus aller Herren Länder: Deutsche, Afrikanerinnen, Ostblock-Frauen mit slawischem Aussehen. Ali schaut sich Yeter genauer an. Mit ihrem Push-Up und kniehohen schwarzen Lackstiefeln, ihren schwarzen Locken und herben Gesichtszügen macht sie den alten Mann an. Sie lockt ihn zu sich. YETER Na? ALI Guten Tag. YETER Halbe Stunde 50 Euro. ALI Wie heißt du? YETER Jessy. ALI Jessy – machst du Französisch? YETER Französisch, Griechisch, Spanisch, International. ALI Bravo. Yeter macht das Fenster auf und der Alte steigt hinein.

15


Fassung vom 13.07.2006

15.

BREMEN - KONTAKTHOF/HINTERZIMMER

I/T

Ein großes Bett füllt den kleinen Raum aus. Auf dem Nachttisch stehen die üblichen Utensilien: Gummis, Gleitcreme, Servietten... Eine kleine Lampe wirft rotes Licht. Ein Bild hängt an der Wand. Es zeigt ein erotisches Manga-Motiv. Auf dem Boden steht ein kleiner CD-Spieler. Yeter drückt eine Taste. NESE KARA BÖCEK - SON HATIRA erklingt. YETER Musik ist gut oder? ALI Ja, warum nicht. YETER Hast du 50 Euro? Er gibt ihr das Geld. YETER Dann zieh dich aus! Der Alte beginnt, sich auszuziehen. Da dringt der türkische Text des Liedes an sein Ohr. ALI Bist du Türkin? YETER Kann sein. Sie setzt sich aufs Bett. Der Alte lächelt linkisch. ALI Bak şimdi utanmaya başladım. Jetzt schäm ich mich aber. Yeter reißt eine Kondompackung auf. ALI Adın ne kız? Wie ist dein Name, Mädchen? YETER Jessy dedim ya. Ich sagte doch: Jessy. ALI Jesy değil. Adını söyle bana! Nicht Jessy. YETER Yeter. 16


Fassung vom 13.07.2006

Es reicht. ALI Nasıl yeter? Wie? Es reicht? YETER Yeter bu benim adım. Yedi kız kardeşin en sonuncusuyum. Kazandibi işte. Benden sonra bıkmışlar. Ich heiße so. Yeter. Ich bin die jüngste von sieben Schwestern. Meine Eltern hatten danach keinen Bock mehr. Der Alte lacht verschmitzt auf. ALI Nerelisin? Woher kommst du? YETER Çene çalmaya mı geldin, sikişmeye mi geldin? Anlamadım amca bey. Onkel, bist du zum Sabbeln oder zum Ficken gekommen? ALI Bana amca deme. Ayıp oluyor. Nenn mich nicht Onkel, das ist doch peinlich. YETER Ne diyeyim peki kocacığım? Wie soll ich dich denn nennen? Mein Gatte? ALI Kurban olayım sana. Ali de bana! Bitte nenne mich Ali. YETER Ali abi. (Sırıtıyor) Bu yaşta bu malı kaldırabiliyor musun? Bruder Ali. (Sie grinst) Kriegst du in deinem Alter noch einen hoch? ALI Eyvallah. So Gott will. YETER 17


Fassung vom 13.07.2006

Gรถrelim bi abi. Zeig es mir, Bruder.

18


Fassung vom 13.07.2006

16.

BREMEN – KONTAKTHOF

A/T

O-beinig wie ein Cowboy, der einen harten Ritt hinter sich hat, kommt Ali aus Yeters Butze. ALI Allahaısmarladık, gülüm! Auf Wiedersehen, meine Rose! YETER Kendine iyi bak, Ali ağabey! Paß auf dich auf, Bruder Ali! ŞENTÜRK und CELAL schnappen das Türkisch auf und schauen mit großen Augen auf Yeter. Ist die Hure etwa Türkin? Als Ali an ihnen vorbeigeht, tuscheln die beiden miteinander.

19


Fassung vom 13.07.2006

17.

HAMBURG - HAUS SUSANNE/LOTTES ZIMMER

I/T

SUSANNE STAUB räumt das Jugendzimmer ihrer Tochter auf. In letzter Zeit hat sie es als Abstellraum benutzt. Sie klappt Bügelbrett und Wäscheständer zusammen und bezieht das Bett - eine breite Matratze auf dem Fußboden. Das Zimmer ist von Überbleibseln aus Kindheit und Jugend der Tochter geprägt. Ein Kurt Cobain-Poster hängt noch an der Wand, ein paar Schallplatten (Bowie, Clash, The Cure) stehen auf dem Boden vor einer billigen Stereoanlage, ein Setzkasten mit kleinen Döschen, Porzellanfiguren und anderem Nippes hängt an der Wand. Ein Regal beherbergt Schulbücher, Jugendprosa und Teenagerutensilien. Susanne stellt einen Aschenbecher und eine Sonnenblume ins Zimmer. Sie ist in Eile; spät dran.

20


Fassung vom 13.07.2006

18.

HAMBURG - VOR HAUS SUSANNE

A/T

Susanne kommt aus dem Haus. Es steht an einer kleinen Kreuzung im GrĂźnen, in Hamburg Blankenese.

21


Fassung vom 13.07.2006

19.

HAMBURG - STRASSENKREUZUNG IN DER CITY

Auch in Hamburg ist 1. Mai. Ein Demonstrationszug Hauptverkehrsader. Polizisten regeln den Verkehr.

A/T blockiert

eine

22


Fassung vom 13.07.2006

20.

HAMBURG - STRASSE IN DER CITY/WAGEN SUSANNE

A/T

Susannes weißer Golf folgt den improvisierten Umleitungen. Sie ist nervös. Sie wird zu spät kommen. Sie greift nach ihrer Handtasche, kramt ihr Handy hervor und wählt. Eine Mailbox meldet sich. SUSANNE Hallo Lotte! Ich komme wahrscheinlich zu spät, aber ich komme… Mit einem Seufzen legt Susanne das Telefon auf den Beifahrersitz.

23


Fassung vom 13.07.2006

21.

HAMBURG – HAUPTBAHNHOF

I/T

Etwas später hastet Susanne durch den Hauptbahnhof und wendet sich an einen BAHNBEDIENSTETEN. SUSANNE Entschuldigung, der Zug aus Frankfurt… auf welchem Gleis kam der an? Der Bahnbedienstete weist ihr mit ausgestrecktem Arm den Weg und sie eilt weiter.

24


Fassung vom 13.07.2006

22.

HAMBURG – HAUPTBAHNHOF/GLEIS 14

I/T

Als Susanne auf dem Bahnsteig erscheint, ist der Zug schon weg. Lotte sitzt ganz allein auf ihrem Rucksack. Mutter und Tochter fallen sich in die Arme. Lotte sieht aus wie eine typische Rucksack-Touristin. Sie ist braungebrannt und ihre Haare sind ausgeblichen.

25


Fassung vom 13.07.2006

23.

HAMBURG – HAUPTBAHNHOF/ROLLTREPPE

I/T

Wenig später fahren Susanne und Lotte mit der Rolltreppe in die Wandelhalle hinauf. Lotte holt einen kleinen, dunkelgoldenen Buddah aus der Jackentasche. LOTTE Hier. Der ist für dich. SUSANNE Danke. Woher ist der? LOTTE Aus Keralla. SUSANNE Da war’s damals schön. Und was willst du jetzt studieren? Als die beiden oben angekommen sind, kommt ihnen Nejat Aksu entgegen und geht die Treppe zum Gleis hinunter. Er trägt einen braunen Cord-Anzug und eine Umhängetasche.

26


Fassung vom 13.07.2006

24.

INTERCITY

I-A/T

Nejat sitzt in der ersten Klasse. Er hat ein Abteil für sich allein und liest in der ‚Süddeutschen Zeitung’. Etwas später fährt der Zug in den Bremer Hauptbahnhof ein.

27


Fassung vom 13.07.2006

25.

BREMEN - WALLER HEERSTRASSE

A/T

An der breiten Hauptstraße hält die Straßenbahn. Nejat steigt aus und verschwindet in einer Seitenstraße. In der Tiefe prangt ein Fernsehturm.

28


Fassung vom 13.07.2006

26.

BREMEN- STRASSE VOR WOHNUNG ALI

A/T

Nejat geht durch eine fast pittoreske Straße. Schließlich geht er in eines der typischen Bremer Stadthäuser.

29


Fassung vom 13.07.2006

27.

BREMEN - WOHNUNG ALI

I/T

Alis Zuhause ist das Erdgeschoss des kleinen Reihenhauses, eine enge Zwei- bis Dreizimmer-Wohnung. Es gibt einen kleinen Flur mit einem Ikea-Schrank für die Schuhe und eine Garderobe. Im Wohnzimmer befinden sich eine Couch, ein Sessel, ein Glastisch und ein mittelgroßer Fernseher. Ein paar eingerahmte SchwarzweißFotografien erinnern an alte Zeiten, als Alis Frau noch lebte und Nejat ein kleiner Junge war. Im Wohnzimmerschrank stehen etwa 20 Bücher. Das kleine Schlafzimmer beherbergt nur ein Bett und einen Stuhl. Ali ist in der Küche, als sein Sohn die Wohnung betritt. Nejat hat einen eigenen Schlüssel. Er streift sich die Schuhe ab und kommt in die Küche, wo Ali gerade Rotbarschfilet zubereitet. NEJAT Hey, Papa. ALI Merhaba Nejat. Sen otur, ben daha balıkları kızartacağım. Hallo Nejat. Setz dich, ich muss noch die Fische braten. Nejat geht an den Kühlschrank, holt eine Flasche Raki heraus und macht sich einen Drink. ALI Aç karnına içme şu boku. Trink den Scheiß nicht auf nüchternen Magen. Aus seiner Umhängetasche holt Nejat eine türkische Ausgabe von Selim Özdoğans Roman ‚Die Tochter des Schmieds’. NEJAT Bak baba… hab ich im Internet bestellt. Lies das mal. Schau mal, Vater… Ali schaut sich das Buch kurz an. ALI Nedir bunun konusu? Worum geht es denn? NEJAT Bir oku bakalım. Lies es einfach. Nejat reicht seinem Vater ein Glas und die beiden stoßen kurz an.

30


Fassung vom 13.07.2006

28.

BREMEN - WOHNUNG ALI/GARTEN

A/N

Etwas später gießt Ali in seinem kleinen Garten hinter dem Haus einen Strauch Tomaten, während Nejat am Gartentisch einen Mokka trinkt und die Rennzeitung studiert. ALI Benim İran’lı arkadaş var ya, Mahmut. O bir tüyo verdi. Dördüncü yarışa çıkan sürpriz bir at varmış. Ich hab doch diesen irakischen Freund, Mahmut. Der hat mir von einem neuen Pferd im vierten Rennen erzählt. NEJAT Wie heißt es denn? ALI Vallah sunsine’la ilgili bir şeydi... (kelime´yi hatırlamaya çalışıyor.) Sunsine of Life… Irgendwas mit Sunsine... Sunsine of Life... (Er spricht es völlig falsch aus.) Was heißt das? NEJAT Sunsine mi baba? Sunshine… Sunshine of Life. ALI Sunşine of Life… ne demek o? Sunshine of Life… was heißt das? NEJAT Yaşamın güneşi. Sonne des Lebens. ALI (grinst) Demek yaşamın güneşi, ha! İstermisin bizimde güneşimiz olsun? Sonne des Lebens? Wär doch schön, wenn die Sonne des Lebens auch mal für uns scheinen würde. NEJAT Es ist ein Außenseiter, baba. ALI Wir kucken, ne…

31


Fassung vom 13.07.2006

29.

BREMEN – GALOPPRENNBAHN

A/T

Nejat und Ali sitzen auf der Tribüne. Um sie herum FAMILIEN mit Kindern und die UPPER CLASS von Bremen. Das FUSSVOLK steht auf den Rängen unterhalb der Tribüne. Die Pferde rennen los. Nejat und Ali beobachten das Rennen aufmerksam. ALI Hadi be aslanım. Los, Junge. Das Pferd mit dem Namen 'Sunshine of Life' geht als erstes durchs Ziel. Ali und Nejat grinsen. NEJAT Auf die Quote bin ich mal gespannt. ALI 70’ten aşagı olmaz. Nicht weniger als 70. Die beiden erheben sich und gehen hinunter zu den Wettschaltern.

32


Fassung vom 13.07.2006

30.

BREMEN - GALOPPRENNBAHN/WETTSCHALTER

I/T

Nejat und Ali stehen in der Menge und schauen auf die Monitore. Die Wettquote wird durchgegeben: 75%. Ali grinst und Nejat lacht auf. Später wird Ali der Gewinn ausgezahlt. Es sind 700 Euro.

33


Fassung vom 13.07.2006

31.

BREMEN – PLATZ VOR HAUPTBAHNHOF

A/T

Vater und Sohn sitzen auf den Stufen vor dem Hauptbahnhof. Sie trinken Bier und schauen sich schweigend die LEUTE an, die vorbeigehen. ALI Şimdi kimi düzüyorsun? Wen bumst du zur Zeit? NEJAT Ein Gentleman spricht nicht über so was. ALI Das wußte ich nicht. NEJAT Kitabı oku baba. Tamam mı? Lies das Buch, okay? ALI Tamam. Okuyacağız. Okay. Ich werde es lesen. Nejat schaut auf die Uhr, erhebt sich und klopft seinem Vater auf die Schulter. Sie verabschieden sich und Nejat geht auf den Eingang zu. Ali schaut ihm hinterher.

34


Fassung vom 13.07.2006

32.

HAMBURG - FLUGHAFEN FUHLSBÜTTEL

A/T

Eine Maschine der THY (Turkish Airlines) landet auf dem Rollfeld des Hamburger Flughafens Fuhlsbüttel.

35


Fassung vom 13.07.2006

33.

HAMBURG - FLUGHAFEN FUHLSBÜTTEL/PASSKONTROLLE

I/T

Ayten steht in einer Schlange von TÜRKEN, die in die Bundesrepublik Deutschland einreisen wollen. Die Schlange vor dem Schalter für EU-Bürger ist deutlich kleiner. Schließlich ist Ayten an der Reihe. Sie ist nervös. Ein junger GRENZ-BEAMTER nimmt ihren Pass entgegen und mustert ihn. Das Gesicht auf dem Lichtbild ist nicht Aytens, sondern das einer Frau, die ihr ähnlich sieht. Der Grenzbeamte schaut auf Ayten, dann wieder auf das Foto im Pass. 'Was soll's, die sehen eh alle gleich aus', scheint er sich zu denken, stempelt und schiebt ihr den Ausweis zu. Ayten passiert schnell und lächelt erleichtert.

36


Fassung vom 13.07.2006

34.

HAMBURG - FLUGHAFEN FUHLSBÜTTEL/ANKUNFTSHALLE

I/T

Ayten kommt durch die automatische Schiebetür in die Empfangshalle. Sie hat nur eine kleine schwarze Sporttasche dabei. Viele TÜRKEN warten auf ihre Liebsten. ARIF, ein Kurde um die 40, und sein Kumpel SALMAN, Mitte 30, erwarten Ayten. Salman trägt ein Palästinensertuch. Es ist das Erkennungszeichen. Ayten kommt auf die beiden zu. Im selben Moment nimmt Salman das Tuch ab. Die Drei begrüßen sich knapp und gehen ab.

37


Fassung vom 13.07.2006

35.

HAMBURG - FLUGHAFEN/PARKPLATZ

A/T

Arif, Ayten und Salman auf dem Weg zum Auto. ARIF Pasaporttaki ismin ne? Wie ist der Name in deinem Pass? AYTEN Gül Korkmaz. ARIF Hep bu ismi kullanacaksın. Esas adını asla kullanma. Benutze immer diesen Namen, niemals deinen richtigen. Sie steigen in einen prollig angehauchten schwarzen BMW. Ayten ist einigermaßen verwirrt.

38


Fassung vom 13.07.2006

35 A. HAMBURG - ARIFS WAGEN/STRASSEN

I – A/T

Ayten blickt aus dem Wagenster und schaut sich ihre neue Umgebung an: Alsterdorf, Eppendorf, Eimsbüttel, Altona, St. Pauli. Das ist also Hamburg. ARIF Otobüsle, metroyla falan gittiğinde bilet çekeceksin. Wenn du mit Bus und Bahn durch die Stadt fährst, fahre nie Schwarz. AYTEN O da ne demek? Was heißt das? ARIF Bilet alacaksın işte. Eğer bir ihtimal polis seni bir gün yakalarsa bizi tanımıyorsun. Du mußt ein Ticket kaufen. Und solltest du je von der Polizei erwischt werden, kennst du uns nicht.

39


Fassung vom 13.07.2006

36.

HAMBURG - PARKPLATZ VOR VOLKSHAUS

A/T

Arifs BMW parkt auf dem Parkplatz vor einem Gebäude, in dem sich das Volkshaus befindet. Ayten, Salman und Arif steigen aus und gehen auf den Eingang zu. ARIF (off) Yıkanmak istiyorsan havuza gitmen gerekecek. En yakın havuz 5 dakika... Wenn du dich waschen willst, musst du ins Schwimmbad. Das nächste ist fünf Minuten zu Fuß von hier...

40


Fassung vom 13.07.2006

37.

HAMBURG – VOLKSHAUS

I/T

Das Volkshaus ist ein Kultur- und Veranstaltungszentrum für kurdische Mitbürger. Einst war es für türkische Linke gedacht, doch nach und nach hat die PKK das Volkshaus übernommen. Die Organisation von einst, mit eigener Folklore und Theatergruppe, gibt es nicht mehr. Arif führt Ayten durch die verschiedenen Räume und zeigt ihr ihren Schlafplatz. ARIF (off) ... en uygun yemekler üniversitenin yemekhanesinde var. Sadece bir durak mesafede. Odayı diğer arkadaşlarla paylaşacaksın. Paran var m›? ...das billigste Essen bekommst du in der Mensa der Universität. Sie ist nur eine S-Bahnstation von hier. Du wirst dir dein Zimmer mit ein paar weiteren Genossen teilen müssen. Wieviel Bargeld hast du dabei?

41


Fassung vom 13.07.2006

38.

HAMBURG - VOLKSHAUS/TEESTUBE

I/T

Die Teestube ist eine Art Café mit Tresen und Tischen. Früher gab es hier Veranstaltungen. Es ist ein großer Raum mit großen Fenstern, die einen heruntergekommenen Hof auf St. Georg zeigen. Ein riesiges, sozialistisch angehauchtes Realismusgemälde, das den Alltag eines anatolischen Dorfes zeigt, hängt gegenüber der Fenster an der Wand. Ayten und Arif trinken Tee. Salman sitzt in einer Ecke und SMSt mit seinem Handy. Es ist nicht viel los in der Teestube. Ein TEEBURSCHE serviert und ein ÄLTERER HERR liest in einer türkischen Zeitung. Zwei KURDEN spielen an einem der Tische Backgammon. AYTEN Yaklaş›k 20 Eurom var. Ungefähr 20 Euro. ARIF Belki bir lokantada bulaşıkçılık yapabilirsin. Vielleicht kannst du Teller waschen in einem Restaurant. Ayten überlegt einen Moment. AYTEN Bremen buraya uzak m›? Ist Bremen weit von hier? ARIF Trenle yaklaşık bir saat sürer. Niye soruyorsun? Ungefähr eine Stunde mit dem Zug. Warum fragst du? AYTEN Annem orada yaşıyor da o yüzden. Bana biraz borç verebilir misin? Yarın annemi görünce sana geri veririm. Meine Mutter lebt dort. Kannst du mir etwas Geld leihen? Wenn ich meine Mutter gesehen habe, gebe ich es dir zurück. Widerwillig legt Arif 50 Euro auf den Tisch.

42


Fassung vom 13.07.2006

39.

BREMEN – HAUPTBAHNHOF

A/T

Ayten kommt aus dem Bahnhofsgebäude und bahnt sich ihren Weg durch die Menge. Es ist acht Uhr früh und ziemlich viel Betrieb.

43


Fassung vom 13.07.2006

40.

BREMEN – CAFÉ

I/T

Ein buntes Café in einem Bremer Viertel, in dem einige STUDENTEN frühstücken. Ayten sucht in ihrem türkisch-deutschen Wörterbuch nach dem Wort 'Schuh', schreibt sich das Wort auf und schaut im Branchenbuch nach Schuhgeschäften. Sie klappt einen Stadtplan von Bremen auf und macht lauter Kreuze. Eine HÜBSCHE KELLNERIN beobachtet sie und schaut herüber. Ayten lächelt sie flirtend an.

44


Fassung vom 13.07.2006

41.

BREMEN – SCHUHGESCHÄFT

I/T

Ayten schaut durch das Schaufenster in einen Schuhladen und sieht eine VERKÄUFERIN. Ayten geht hinein und fragt nach ihrer Mutter. Die Verkäuferin schüttelt den Kopf. Ayten kommt wieder hinaus und streicht in ihrem Stadtplan eine Adresse durch.

45


Fassung vom 13.07.2006

42.

HAMBURG – VOLKSHAUS

I/N

Zurück in Hamburg sitzt Ayten in der Teestube des Volkshauses Arif gegenüber. Beide haben einen Tee vor sich stehen. Ayten hat einen frustrierten und erschöpften Gesichtsausdruck. ARIF Eh? Buldun mu? Na? Hast du sie gefunden? Ayten schüttelt knapp den Kopf. Arif schaut sie einen Moment an; weiß nicht so recht, was er sagen soll. ARIF Param ne olacak şimdi? Und was wird jetzt aus meinem Geld? Ayten schaut auf und sieht ihn mit unterdrückter Wut an. AYTEN Sen ne biçim yoldaşsın ya? Pezevenk arabası gibi bir araba kullanıyorsun, Amerikan sigarası içiyorsun ve 50 Euro için karı gibi car car car ötüyorsun! Alem göt olmuş ya! Sag mal, was für ein Genosse bist du eigentlich? Du fährst ein Zuhälterauto, rauchst amerikanische Zigaretten und reißt dir den Arsch auf wegen 50 Euro! Zum Teufel mit eurem Haufen! Fassungslos starrt Arif sie an. ARIF Ne biçim konuşuyorsun lan sen! Sen benim kim olduğumu biliyor musun? Wie redest du denn? Ist dir klar, mit wem du sprichst? AYTEN Nerden bileyim lan. Woher soll ich das wissen, Mann? ARIF Siktir git! Fick dich! Er packt sie am Kragen und zieht sie hinaus.

46


Fassung vom 13.07.2006

43.

HAMBURG – STEINDAMM

A/N

Es schon spät in der Nacht, als Ayten mit ihrer Tasche durch das Rotlicht-viertel läuft. Ein schräger DEALER in ihrem Alter fährt lässig auf einem BMX-Rad den Gehsteig auf und ab. AYTEN Excuse me, where is the road to the university? DEALER What? AYTEN The way to university. DEALER Do I look like a student? AYTEN I don’t know. DEALER Okay Lady, what do you want? Dope, crack, cocaine? My bike? AYTEN No, no problem… yahu kardeşim – just the way to university. DEALER It´s too late for the university! University’s finished, closed… Tomorrow, mañana…

47


Fassung vom 13.07.2006

44.

HAMBURG – PONYBAR

I/N

Ayten ist der letzte Gast. Es ist kurz nach zwei. Sie trinkt einen Tee und blättert gelangweilt im 'Hamburg Pur-Magazin'. Die KELLNERIN kommt an ihren Tisch und will abkassieren. Ayten schaut sie zu ihr hoch und greift in die Hosentasche. Das hat sie verstanden, auch wenn sie die Sprache nicht spricht.

48


Fassung vom 13.07.2006

45.

HAMBURG – CAMPUS/SPARKASSENVORRAUM

I-A/N

Ayten geht über den verlassenen Campus. Es hat geregnet. In einem überdachten Durchgang sieht sie das Licht einer kleinen Sparkassenfiliale. Sie schaut durch die Scheibe in einen neonhellen Vorraum und zuckt zurück. Ein MANN wendet sich gerade vom Geld-automaten ab und geht auf die Tür zu. Er geht seines Weges, Ayten tritt aus der Deckung, ist an der Tür, bevor die zufällt und schlüpft hinein. Ein PENNER schläft in einer Ecke. Sie kauert sich auf den Boden und schließt die Augen.

49


Fassung vom 13.07.2006

46.

BREMEN - KONTAKTHOF/HINTERZIMMER

I/T

Ali ist wieder bei Yeter und hat Sex mit ihr. Der alte Mann nimmt sie von hinten. YETER Amma uzattın ha Ali abi! Nun komm schon, Alter! ALI Bu kadar hızlı gelemem. Artık delikanlı değilim ki. So schnell komme ich nicht. Schließlich bin ich keine vierzehn mehr. YETER Bu artık extra’ya giriyor. Wenn das so lange dauert, muß ich das extra berechnen. ALI Otuz kâğıt daha vereceğim, 50 kâğıt daha vereceğim. Ich geb dir 30 Kröten mehr, ich geb dir 50 mehr. YETER Kalp krizininden cartlağa çekmeyesin de. Nicht, dass du einen Herzinfarkt kriegst. ALI ‘Götümü avuçla’ de bana. Sag: Fick mich von hinten! YETER Götümü avuçla… Fick mich von hinten… Etwas später zieht sich der Alte an. Yeter raucht eine Zigarette und schaut ihm dabei zu. ALI Sana bir şey diyeceğim; yaptığın işten memnun musun? Ich will dich mal was fragen: Bist du mit deinem Beruf zufrieden? YETER Çok şükür iyi gidiyor. Ich kann mich Gottseidank nicht beklagen.

50


Fassung vom 13.07.2006

ALI Bak ben tek başıma yaşıyorum. Emekliyim. Üstelik dulum. Yalnızlık Allah’a mahsusdur. Ben bir can yoldaşı arıyorum. Sana yüklenmem. Bir de kazandığın para ne kadarsa aynısını vereceğim. Bunun karşılığında sen sadece benimle olacaksın. Bak kıskanç bir adamım. Schau mal, ich lebe allein. Ich bin Rentner. Es heißt: Die Einsamkeit steht nur Gott zu. Ich suche einen Lebensgefährten. Ich werde keine Ansprüche stellen. Was du hier verdienst, werde ich dir bezahlen. Als Gegenleistung schläfst du nur mit mir, denn ich bin ein eifersüchtiger Mann. Völlig verdutzt schaut Yeter den Alten an, weiß noch immer nicht, was sie sagen soll. YETER Sen şimdi bana aşık mı oldun moruk? Hast du dich jetzt in mich verliebt, Alter? ALI Şimdi bir şey söylemek zorunda değilsin. Dediklerimi bi düşün. Buraya cep numaramı yazdım. ‹stediğin zaman beni ararsın. Hadi eyvallah. Du musst jetzt nichts sagen. Lass dir meine Worte einfach durch den Kopf gehen. Ich habe dir hier meine Handynummer aufgeschrieben und wenn du magst, ruf mich einfach an. Er schreibt seine Handynummer auf ein Kleenex und drückt es ihr in die Hand, setzt zu guter Letzt seinen Hut auf und verabschiedet sich. Yeter schaut ihm hinterher.

51


Fassung vom 13.07.2006

47.

BREMEN - STRASSE VOR KONTAKTHOF

A/AB

Yeter hat Feierabend. Sie kommt aus dem Tor, überquert die Fahrbahn und geht die Straße hinunter. Sie bemerkt nicht, daß ŞENTÜRK und CELAL sie von der gegenüberliegenden Straßenseite beobachten und hinter ihr hergehen.

52


Fassung vom 13.07.2006

48.

BREMEN - STRASSENBAHN

I-A/N

Yeter setzt sich auf eine leere Sitzbank. Plötzlich setzt sich ŞENTÜRK neben sie. ŞENTÜRK Selam aleyküm. Friede sei mit dir. Yeter erschrickt, antwortet nicht. Sie schaut hoch. Celal steht ihr gegenüber. CELAL Selam aleyküm dedik. Neden Allah’ın selamını vermiyorsun? Friede sei mit dir. Warum erwiderst du nicht den Gruß Gottes? YETER Nix verstehen. CELAL Bana yalan atma! Türkçe konuştuğunu duydum. Yoksa Türk olmaktan utanıyor musun? Lüg mich nicht an! Ich habe dich schon Türkisch reden hören. Oder schämst du dich dafür, dass du Türkin bist? Yeter schweigt. CELAL Sen hem Türk, hem de Müslümansın, anladın mı? Du bist sowohl Türkin als auch Muslimin, hast du verstanden? ŞENTÜRK Anladın mı, lan? Hast du verstanden, lan? YETER Sağır değilim ya. Ich bin ja nicht taub. CELAL Senin etin haram. Cayır cayır cehennemde yanacaksın. Tek kurtuluş yolun tövbe etmektir. Dein Fleisch ist unrein. Es wird knisternd in der Hölle brennen. Es sei denn, du bereust. Yeter schaut von einem zum anderen. Jetzt bekommt sie wirklich Angst.

53


Fassung vom 13.07.2006

CELAL Bir Müslüman orospuluk yapmaz. Tövbe et! Eine Muslimin prostituiert sich nicht. Bereue! Yeter schaut sie an, sagt aber nichts. ŞENTÜRK Tövbe et, lan! Bereue, Mensch! YETER Tövbe estağfurullah. Ich bereue. Celal schaut sie an. CELAL Seni bir daha fahişelik yaparken yakalarsak keseriz. Wenn wir dich noch einmal auf dem Strich sehen, bringen wir dich um. In diesem Moment hält die Straßenbahn. Die beiden Kerle steigen aus. ŞENTÜRK Esselamün aleyküm. Friede sei mit dir. Celal starrt sie mit großen Augen an. YETER Ve aleyküm esselam. Friede sei mit dir. CELAL Güzel Gut. Und weg sind sie. Beunruhigt schaut ihnen Yeter aus dem Fenster der abfahrenden Bahn hinterher, doch sie sind nicht mehr zu sehen.

54


Fassung vom 13.07.2006

49.

HAMBURG – UNIVERSITÄT/WASCHRAUM

I/T

In Unterhose und Unterhemd steht Ayten vor einem Waschbecken und wäscht sich unter den Achseln. Im Off hören wir schon den Text der folgenden Szene...

55


Fassung vom 13.07.2006

50.

HAMBURG - UNIVERSITÄT/HÖRSAAL

I/T

In einem großen Hörsaal im Philosophenturm der Hamburger Universität, der etwa 300 Personen fasst, wird ein Referat gehalten. Etwa 20 STUDENTEN und PENSIONÄRE sitzen in der Vorlesung. In der letzten Reihe sitzt Ayten und schläft. Es ist Nejat Aksus Vorlesung. Ein Projektor projiziert eine Tabelle an die Wand, die eine Auflistung von Goethe-Daten beinhaltet. Links stehen Daten und Fakten zu Goethe in Frankfurt, rechts Daten und Fakten zu Goethe in Weimar. Darüber die Überschrift: DER ÜBERGANG VON GOETHE IN FRANKFURT ZU GOETHE IN WEIMAR. NEJAT Goethe war gegen revolutionäre Umstürze. Nicht aus ethischen Gründen, sondern weil ihm die explosionsartigen Umwälzungen zu unkontrollierbar und zu wenig regelbar erschienen. Zwei Zitate drücken diese Grundtendenzen treffend aus: 1. 'Wer wollte schon eine Rose im tiefsten Winter blühen sehen? Alles hat doch seine Zeit: Blätter, Knospen, Blüten... Nur der Tor verlangt nach diesem unzeitgemäßen Rausch.' 2. 'Ich bin gegen Revolutionen, denn es geht genauso viel bewährtes Altes kaputt, wie gutes Neues geschaffen wird.'

56


Fassung vom 13.07.2006

51.

HAMBURG - UNIVERSITÄT/VOR MENSA

A/T

Vor der Hauptmensa schließt Nejat sein Fahrrad auf und fährt davon. Die Kamera erfasst Ayten, die zwischen den STUDENTEN umherirrt. Sie ist nervös und sieht übermüdet aus. Ihre Haare sind verfilzt. Seit Beginn der Geschichte trägt sie dieselben Klamotten: Jeans, Armeestiefel, schwarzer Pullover und schwarze Armeejacke. Da sieht sie Lotte auf sich zukommen. Lotte ist im Gegensatz zu den meisten anderen Studenten, die in Gruppen unterwegs sind, allein. Ayten schaut ihr direkt in die Augen, gibt sich einen Ruck und spricht sie an. AYTEN Excuse me, can I ask you something? LOTTE Sure. Es ist Ayten unangenehm, aber sie hat keine andere Wahl. AYTEN I have forget my money and I am hungry. Can you give me some money? Borrow? Lotte schaut sie an. Ayten sieht aus wie eine Studentin, wie alle anderen auch. LOTTE How much do you need? AYTEN Three. I think, three is okay. Lotte holt ihre Börse hervor und sucht nach Kleingeld. LOTTE I don't have change. I just have 10 Euros. AYTEN (lächelt, denkt, das war es) Okay. No problem. LOTTE I can change it inside. AYTEN (versteht erst jetzt) Oh... thank you. LOTTE Let's go inside, huh? Die beiden Frauen gehen in die Mensa.

57


Fassung vom 13.07.2006

52.

HAMBURG - UNIVERSITÄT/MENSA

I/T

Die Mensa ist voll. Es herrscht Hochbetrieb. Lotte und Ayten stehen in der Schlange für die Essensmarken. AYTEN If you give me your address, I will send you the money back. LOTTE Oh... you don’t have to. AYTEN No… please… LOTTE The next time, when we see each other, you can invite me. AYTEN Okay. Schließlich sind sie an der Reihe. AYTEN Are you not hungry? Lotte überlegt kurz, schaut dann Ayten an und nickt schließlich bestimmt. Etwas später sitzen die beiden an einem der Tische, umgeben von vielen STUDENTEN und einer entsprechenden Geräuschkulisse. Lotte hat nur einen Salat vor sich. Verwundert und fasziniert schaut sie zu, wie Ayten heiß-hungrig über Schweinekoteletts, Kartoffelpüree, Spinat, Salat und einen Nachtisch herfällt. LOTTE What do you study? AYTEN Äh... Sosyoloji. Yani… LOTTE Soziologie... äh... social science. AYTEN Yes. And you? LOTTE English and Spanish. AYTEN Aha. LOTTE And where are you from?

58


Fassung vom 13.07.2006

AYTEN I am from Istanbul. LOTTE You came here to study? Ayten mustert das blonde, hellhäutige, hübsche Mädchen. Kann sie ihr trauen? Droht Gefahr von ihr? AYTEN No. LOTTE (überlegt kurz) So why are you here? AYTEN I am here, because here is the cheapest place you can eat. LOTTE That's right, yes. Do you like it? AYTEN I don't care because I am hungry. Lotte wird immer neugieriger. Wer ist diese geheimnisvolle, schöne Frau? LOTTE Where do you live? Ayten zuckt mit den Achseln und isst weiter. AYTEN Nowhere. LOTTE And where do you sleep? Ayten hält inne, seufzt und schaut fast wütend auf Lotte. AYTEN Do you really want to know? LOTTE Yes. Lotte hält ihrem Blick stand und nickt.

59


Fassung vom 13.07.2006

53.

HAMBURG - HAUS SUSANNE

I/T

Lotte und Ayten kommen durch die Küche ins Haus. Susanne liegt auf der Wohnzimmercouch und liest in einem Buch. Lotte zeigt Ayten die Küche. Die schwarze Hauskatze frisst gerade ihr Whiskas. LOTTE This is the kitchen. You can take whatever you want anytime. This is Elvis, the cat. AYTEN (grinst) Elvis? LOTTE Yes. He looks like him. Lotte führt den Gast weiter durch den Wohnbereich. Susanne legt ihre Lektüre beiseite. Sie scheint nicht wirklich begeistert zu sein. LOTTE This is my mother, Susanne. Mami, das ist Gül. Sie wird eine zeitlang bei uns wohnen. AYTEN (lächelt freundlich) Hello. SUSANNE Hello. LOTTE I show you the guest-room. Die beiden betreten das Gästezimmer, in dem ein Bett, ein Schrank und ein Tisch stehen. LOTTE I hope you will like the bed. AYTEN Perfect. LOTTE You want to see my room? AYTEN Yes. Ayten nickt und so kommen die beiden in Lottes Zimmer. Neugierig schaut Ayten sich um. AYTEN Oh, cute. LOTTE I used to live here, till I finished school. I just came 60


Fassung vom 13.07.2006

from India, I was three months in India. Now I came back and I had no place to stay, just like you. AYTEN I see. LOTTE Do you have anything to wash? Laundry stuff? AYTEN I had to escape quick, that's why I only have these clothes... LOTTE Do you want to try my things? I think we have a similar size… más o menos. You want to try this? Lotte holt eine Jeans aus ihrem Schrank. Ayten streift sich die Stiefel ab und zieht ihre Jeans aus. Lotte kramt ein paar Slips hervor. Ayten streift sich die Jeans über. Sie passt wie angegossen. LOTTE It´s okay? AYTEN Yes. Lotte holt Pullis hervor und reicht ihr einen Kapuzenpullover von 'Nike'. LOTTE You want to try this? AYTEN No, I don’t like American... marka? LOTTE Trade marks. Hmm. I guess, you’re right. Sie wirft den Pullover in den Papierkorb, sucht einen anderen heraus. Ayten kommt zu ihr und berührt sie am Arm. AYTEN Thank you, Charlotte. Lotte lächelt verstrahlt. LOTTE Lotte. You can call me Lotte. It’s shorter. AYTEN Lotte... I like Charlotte better. LOTTE Okay, so call me Charlotte. You want to take a shower?

61


Fassung vom 13.07.2006

Ayten nickt.

62


Fassung vom 13.07.2006

54.

HAMBURG - HAUS SUSANNE/KÜCHE

I/T

Während Ayten unter der Dusche ist, setzt Lotte einen Kaffee auf. Susanne sitzt in der Küche und beobachtet ihre Tochter. SUSANNE Übrigens sehr großzügig von dir, eine fremde Frau einfach so hier wohnen zu lassen. LOTTE Wir müssen der helfen, Mama! SUSANNE Aber du kennst sie doch gar nicht. LOTTE Das ist Deutsch, Mama! Genau das! Schrebergarten. Die wird verfolgt in ihrem Land! SUSANNE Dann muss sie Asyl beantragen. LOTTE Und wenn sie kein Asyl bekommt, was dann? SUSANNE Du, das ist strafbar, eine Illegale aufzunehmen. LOTTE Bist du so lieb und machst ihr das Bett? SUSANNE Bin so lieb. Susanne seufzt. Vorerst muss sie sich geschlagen geben. Sie steht auf und geht Richtung Gästezimmer. LOTTE Ach, und Mama! Kannst du noch ihre Wäsche waschen, die liegt bei mir im Zimmer? SUSANNE (ironisch) Gerne.

63


Fassung vom 13.07.2006

55.

BREMEN - KONTAKTHOF

A/N

Yeter sitzt hinter dem Fenster in ihrer Butze und wartet auf Kundschaft, als ŞENTÜRK und CELAL in den Hof kommen. Sie gehen zielstrebig und mit bösem Blick auf sie zu. Yeter schnappt sich eine Trillerpfeife und pfeifft so laut sie kann. Plötzlich kommen von überall die Frauen in ihrer Reizwäsche angestürmt und umringen die beiden Bärtigen. Die wissen gar nicht, wie ihnen geschieht, als sie von so viel unreiner Haut unsanft berührt werden. ŞENTÜRK Ne oluyor burda, lan?! Was passiert hier eigentlich, Mann?! CELAL Laßt mich los, ihr Nutten! Die Prostituierten, etwa 12 an der Zahl, schieben sie in Richtung Ausgang. CELAL Biz daha görüşürüz seninle, orospu! Sen öldün, kar›!!! Wir sehen uns noch, du Hure!!! Du bist tot, du Nutte!!! Die Brüder nehmen die Beine in die Hand und verschwinden. Die Frauen jubeln triumphierend, lachen, geben sich die Fünf. Doch Yeter ist beunruhigt.

64


Fassung vom 13.07.2006

56.

BREMEN – WETTSTUBE

I/T

Ali sitzt in einer Wettstube. Auf einem Dutzend Monitoren werden Pferderennen und Wettquoten aus aller Welt übertragen. Über einen der Bildschirme flimmert sogar ein Hunderennen. Es sind überwiegend ÄLTERE AUSLÄNDER im Laden. Sie trinken Bier, rauchen und starren süchtig auf die Monitore. Andere brüten über ihren Wettscheinen. Das Ganze hat eine abgestandene Charles Bukowski Atmosphäre. Ali sitzt nervös vor einem Weizenbier und schaut ständig zur Tür. Schließlich geht sie auf und Yeter kommt herein. Sie schaut sich kurz suchend um, sieht den alten Mann und kommt zielstrebig auf ihn zu. ALI Merhaba. Hallo. Sie setzt sich auf den leeren Hocker neben den Alten. ALI Geldiğine çok sevindim. Schön, dass du gekommen bist. Yeter ist selbst ein wenig nervös. Sie schaut im Raum umher. YETER Bana bir kola ısmarlar mısın? Gibst du mir eine Cola aus? ALI Tabii. Natürlich. Er steht auf, geht an den Tresen und kommt mit einer Cola wieder. ALI Aç mısın? Hast du Hunger? YETER Sana gelirsem genelevde kazandığım parayı ödeyeceğini söylemiştin ya bana… Ciddi miydin? Als du sagtest, dass du mir das Geld zahlst, das ich im Puff verdiene, meintest du das ernst? ALI Ne kadar kazanıyorsun genelevde? Wieviel verdienst du denn im Puff?

65


Fassung vom 13.07.2006

YETER Elime ayda 3 bin kalıyor. Bu kadar paran var mı? Mir bleiben 3000 im Monat. Hast du so viel? ALI Ayarlarım. Ich besorg es. YETER Nasıl ayarlarsın? Wie denn? ALI Emekli maaşım fena değil, birikmiş para var bankada, arazi var memlekette, ev var. Daha ne olsun? Bir de oğlum var, Alman üniversitesinde profesör. Maaşı iyi, en kötü vaziyette bana yardım eder. Meine Rente ist nicht übel. Ich hab ein wenig Geld auf der Bank. Außerdem habe ich in der Heimat Land und Gut. Und ich habe einen Sohn. Der ist Professor an einer deutschen Universität. Er verdient gut und im schlimmsten Fall wird er mir helfen. Sie schaut ihn einen Moment lang prüfend an. YETER Nerelisin? Woher bist du? ALI Trabzon’luyum. Aus Trabzon. YETER Dindar mindar değilsindir inşallah. Ich hoffe, du hast nichts mit Religion am Hut. ALI Kimseye ait değilim. Çok talepte bulunmam. Sen yine istediğini yaparsın. Sadece benimle otur, benimle seviş. Ich gehöre niemandem an. Ich erhebe keine Ansprüche. Du kannst weiterhin so leben, wie du willst. Ich will nur, dass du bei mir bist und mit mir schläfst.

66


Fassung vom 13.07.2006

Sie schaut ihn an.

67


Fassung vom 13.07.2006

YETER Aslında açım. Beni yemeğe götür! Ich habe doch Hunger. Führ mich zum Essen aus! Ali schaut sie an. Dann springt er auf, hilft ihr hoch, öffnet ihr die Tür und führt sie hinaus.

68


Fassung vom 13.07.2006

57.

SCHWARZMEERKÜSTE – LANDSTRASSE

A/T

Es ist schon später Nachmittag. Nejats weißer Renault-Broadway fährt eine romantische Steilküste am schwarzen Meer entlang. In der Ferne sieht man die Kleinstadt Filyos, deren Wahrzeichen eine Anlegestelle ist, die etwa 100 Meter ins Meer reicht.

69


Fassung vom 13.07.2006

58.

SCHWARZMEERKÜSTE – FILYOS

A/T

Der weiße Renault-Broadway passiert einen kleinen Bahnübergang. Es ist nicht viel los auf den Straßen. Wie im Western schauen die Männer, die in den 'Kahves' (Männercafés) sitzen, dem Wagen mit Istanbuler Kennzeichen neugierig hinterher. Es ist jemand Neues in der Stadt.

70


Fassung vom 13.07.2006

59.

SCHWARZMEERKÜSTE - FILYOS/HOTEL

A/T

Neben einem Fußballplatz, in dessen Toren kaputte Netze hängen und dessen Tribüne recht verwittert ist, steht das einzige Hotel der Stadt: Ein einstöckiges, abgerocktes Gebäude. Der Renault hält vor dem Hotel. Nejat steigt aus, streckt sich und geht hinein.

71


Fassung vom 13.07.2006

60.

SCHWARZMEERKÜSTE - FILYOS/STRASSE

A/T

Nejat spaziert durch den Ort und entdeckt ein kleines, gemütliches Internetcafé. Er betritt den Laden.

72


Fassung vom 13.07.2006

61.

SCHWARZMEERKÜSTE - FILYOS/INTERNETCAFÉ

I/T

Nejat betritt das kleine Internetcafé und schaut sich um. Mehr MÄDCHEN als JUNGEN sitzen vor den Bildschirmen. Hier wird nicht gedaddelt, die Jugend-lichen scheinen sich tatsächlich weiterzubilden. Nejat kommt an die Theke des Ladens, hinter der eine FRAU Anfang 40 sitzt. Sie hat kurzes, blondes Haar und scheint ein freundliches Wesen zu sein. Es ist EMINE. NEJAT Merhaba! EMINE Merhaba! NEJAT Yarım saati ne kadar? Was kostet eine halbe Stunde? Emine schaut ihn länger an, bevor sie antwortet. EMINE Bist du nicht der Nejat? Nun schaut auch er sie genau an, erkennt sie. NEJAT Emine. Sie kommt zu ihm, stellt sich ihm linkisch gegenüber und umarmt ihn schließlich. Dann küsst sie ihn links und rechts auf die Wange. EMINE Wie lange ist das her? NEJAT 25 Jahre. EMINE Boh… 25 Jahre?! Wahnsinn. Ganz unvermittelt zieht sie sich die Jacke über - eine Übersprungshandlung. EMINE Ich muss meinen Jungen abholen... willst du nicht mitkommen? NEJAT Gern.

73


Fassung vom 13.07.2006

62.

SCHWARZMEERKÜSTE - FILYOS/FUSSBALLPLATZ

A/T

Quer über das Feld spielen zwei Mannschaften 10-12 JÄHRIGER JUNGEN gegeneinander. Da wird einer der Jungen gefoult - es ist der 12jährige ŞENOL. Er trägt ein Trabzonspor-Trikot, das bei der nun folgenden Prügelei in Stücke gerissen wird. In diesem Moment erreichen Emine und Nejat den Platz. NEJAT Welcher ist deiner? EMINE Die Nummer 11... Die Nummer 11! Emine schaut auf die sich prügelnden Knaben und rennt zum Zaun. EMINE Bırakın lan oğlumu, yoksa sizi parçalarım. Lasst meinen Sohn los, sonst schlag ich euch in Stücke! Doch die Prügelei auf dem Platz geht weiter. Inzwischen dreschen alle auf alle ein.

74


Fassung vom 13.07.2006

63.

SCHWARZMEERKÜSTE- FILYOS/STRANDPROMENADE

A/T

Gegen Abend gehen Nejat, Emine und ihr Sohn Şenol die Promenade entlang. Zu ihrer Rechten die Wellenbrecher, zur Linken der Park des Ortes. Şenols Trikot ist total zerfetzt. ŞENOL En sevdiğim formamdı. Das war mein Lieblingstrikot. EMINE Üzülme, yenisini alırım sana. Sei nicht traurig. Ich besorg dir ein Neues. Einen Augenblick gehen sie weiter. ŞENOL Kim bu anne? Wer ist das, Mama? EMINE Nejat dayın, üvey kardeşim. Das ist Onkel Nejat. Er ist mein Stiefbruder. NEJAT Merhaba! Der Kleine mustert Nejat. ŞENOL Üvey kardeş ne demek? Was ist noch mal ein Stiefbruder? EMINE Nejat dayınla ben çok küçükken, onun babasıyla benim annem evliydiler. Als Onkel Nejat und ich noch ganz klein waren, haben sein Vater und meine Mutter geheiratet. ŞENOL Neden? Warum? EMINE Çünkü onun annesiyle benim babam erken ölmüşler. Weil seine Mutter und mein Vater früh gestorben sind.

75


Fassung vom 13.07.2006

ŞENOL Benim babam gibi mi? So wie Papa? EMINE Evet. Senin baban gibi. Ve yalnız yaşamak istemedikleri için de evlenmişler. Ja. So wie Papa. Und weil sie nicht alleine leben wollten, haben sie geheiratet. Eine Gruppe von KINDERN kommt den Dreien auf Fahrrädern entgegen. Eines der Kinder bleibt stehen. KIND Şenol gelmiyor musun? Şenol, kommst du mit? ŞENOL Gidebilir miyim anne? Darf ich, Mama? EMINE Olur. Geh. Şenol klettert auf den Gepäckträger seines Freundes und weg ist er. Emine und Nejat gehen weiter. EMINE Weswegen bist du gekommen? NEJAT Ich will das Grab meiner Mutter besuchen. EMINE Und wie lange bleibst du? NEJAT Nur eine Nacht. EMINE Wohnst du bei Yüksel abla? NEJAT Nein, im Hotel. EMINE In der Bruchbude da?! Die fällt doch auseinander. Nee, du übernachtest bei mir! Sie redet weiter auf ihn ein und zieht ihn mit sich.

76


Fassung vom 13.07.2006

64.

HAMBURG – PUDEL CLUB

I/N

Volles Haus. Es läuft lauter Dub von SHANTEL, der höchstpersönlich am DJ-Pult der Meute einheizt. Das Publikum besteht aus SZENE-GÄNGERN zwischen 25 und Anfang 30, darunter Lotte und Ayten, die wild und ausgelassen miteinander tanzen.

77


Fassung vom 13.07.2006

65.

HAMBURG – VOR PUDEL CLUB

A/N

Verschwitzt und happy sitzen Lotte und Ayten auf einer Bank vor dem Laden. Die Musik dringt gedämpft heraus. Ayten schaut Lotte an und streichelt ihr zärtlich über’s Gesicht. Lotte lächelt glücklich und für einen reglosen Moment bleiben ihre Blicke aneinander hängen. Mit einem Mal küsst Ayten Lotte auf den Mund, gibt ihr einen langen, leidenschaftlichen Zungenkuss. Als sie sich voneinander lösen, grinst Ayten breit. Lotte starrt sie mit aufgerissen Augen an.

78


Fassung vom 13.07.2006

66.

HAMBURG – STRASSE V. PUDEL CLUB/WAGEN SUSANNE

I-A/MO

Lotte und Ayten gehen auf den Golf von Susanne zu, der vor dem Pudel Club auf einer Parkfläche unterhalb der St. Pauli Hafenstraße abgestellt ist. Im Hintergrund sind die beleuchteten Docks von Blohm & Voss zu sehen. Einen Moment später knutschen Ayten und Lotte im Auto heftig herum. Ayten geht zur Sache. LOTTE Let’s get another drink somewhere. AYTEN Okay. Can you drive? You are drunk. LOTTE Ach, just a bit. Sie startet den Motor, legt den Rückwärtsgang ein, gibt Gas und knallt voll gegen das hinter ihnen geparkte Auto. LOTTE Scheiße... are you okay? AYTEN Yes. Lotte und Ayten steigen aus und begutachten den Schaden. Ein Rücklicht ist zerdeppert. Lotte fängt an, zu kichern. LOTTE My mother will go crazy! Ayten kichert auch. LOTTE Can you drive? AYTEN I don't know... LOTTE Try it. Die beiden Frauen setzen sich wieder in den Wagen, Ayten hinters Steuer. Mit einem Ruck springt der Wagen nach vorn und knallt diesmal frontal gegen den Wagen vor ihnen. Die beiden lachen sich schlapp, schälen sich aus dem Auto und umarmen sich. AYTEN (lacht) Sorry, I didn't know... too much power... LOTTE (lacht) My mother will eat me up... Sie gehen die Straße hinunter und winken einem Taxi. 79


Fassung vom 13.07.2006

67.

HAMBURG - HAUS SUSANNE

I-A/T

Susanne liegt in ihrem Schlafzimmer im Bett. Sie liest in ihrem Buch, als sie einen Dieselmotor vor dem Haus hรถrt. Sie tritt ans Fenster und sieht, wie ihre Tochter und Ayten wankend aus einem Taxi steigen und auf das Haus zutorkeln.

80


Fassung vom 13.07.2006

68.

HAMBURG - HAUS SUSANNE/KÜCHE

I/T

Ayten und Lotte betreten stoned und betrunken die Küche. LOTTE Let's... äh... Brot schmieren. I don't know how to say this in English. It's something very German. When you make bread... AYTEN You mean, baking bread? LOTTE No. No, no, that's 'backen'. I show you. Sie holt scheppernd Brot aus dem Brotkasten, Butter und Käse aus dem Kühlschrank. Susanne kommt im Nachthemd in die Küche. AYTEN (grinst) Hello. LOTTE Mama, was heißt Brot schmieren auf Englisch? SUSANNE Schau doch ins Wörterbuch. Lotte schnippt mit den Fingern, von wegen: Gute Idee! Sie geht aus der Küche. SUSANNE Did you have fun? AYTEN Yes. Peinliches Schweigen. AYTEN And you? SUSANNE Well, I couldn't sleep. Lotte kommt wieder hereingetorkelt. LOTTE Schmieren means 'to smear'... ah, now I know what they mean with Smörebröd. You know Smörebröd? No? (singt kurz 'Smörebröd') The Danish cook from the Muppet Show? AYTEN (lacht) No.

81


Fassung vom 13.07.2006

LOTTE Muppet Show, you had that in Turkey? The puppets... with Kermit the frog. AYTEN Susam Sokak, you mean Sesam Street... LOTTE No, no, not Sesame Street. Sie schaut auf ihre Mutter. LOTTE Mama, Mama: Was heisst Muppet Show auf tĂźrkisch? SUSANNE Wo hast du das Auto gelassen? Lotte lacht los. Ayten schaut sie fragend an. LOTTE She asks for the car... Ayten kann nicht anders, sie muss mitlachen. Susanne schaut die beiden genervt an.

82


Fassung vom 13.07.2006

69.

HAMBURG - HAUS SUSANNE

I/T

Etwas später sitzt Susanne in ihrem Zimmer und schreibt einen Brief. Sie hört nebenan eine Tür klappen und leises Kichern. Sie steht auf, tritt in den Flur und lauscht an der Gästezimmertür. Sie hört die Mädchen tuscheln und kichern, dann ist es auf einmal still. Sind das etwa Stöhnlaute? Susanne steht geschockt und verloren im Flur. Etwas später ist sie allein in der Küche und fängt an, den wie ein Schlachtfeld hinterlassenen Raum aufzuräumen.

83


Fassung vom 13.07.2006

70.

HAMBURG - HAUS SUSANNE/GÄSTEZIMMER

A-I/T

Stunden später. Lotte ist wach. Sie schaut auf die schlafende Ayten und streicht ihr die Haare aus dem Gesicht. Ayten schlägt die Augen auf. Lotte lächelt sie an. LOTTE Gül... what does Gül mean? Lotte lächelt verliebt. AYTEN My name is not Gül. Lotte schaut irritiert. AYTEN My name is Ayten. Ayten Öztürk. Ayten means ‘Moonskin’. Ayten lächelt unschuldig.

84


Fassung vom 13.07.2006

71.

BREMEN – STRASSENBAHN

I-A/AB

Nejat sitzt in der Straßenbahn und fährt durch Bremen. Er ist auf dem Weg zu seinem Vater.

85


Fassung vom 13.07.2006

72.

BREMEN - WOHNUNG ALI/GARTEN

A/N

Ali, Yeter und Nejat sitzen im Garten am Tisch und speisen. Sie schlürfen gerade die Suppe. Eine Flasche Raki steht auf dem Tisch. Irritiert schaut Nejat immer wieder kurz zu Yeter. Das ist also die neue Freundin seines Vaters. Es herrscht ein verlegenes Schweigen, bis Yeter es bricht. YETER Çorba çok güzel olmuş. Ellerine sağlık. Die ist sehr gut geworden, die Suppe. Gesegnet seien deine Hände, Alter. ALI Afiyet olsun. Lass es dir schmecken. YETER Böyle güzel yemek yapmayı nereden öğrendin? Wo hast du so gut kochen gelernt? ALI Kendi kendime öğrendim. Bu çocuğa hem annalık, hem babalık ettim. Ben büyüttüm onu. Ich hab es mir selbst beigebracht. Ich war sowohl Vater als auch Mutter für den Jungen. Ich habe ihn großgezogen. Sie sind fertig mit der Suppe. Der Alte will mit dem Geschirr in die Küche, doch Nejat nimmt es ihm ab. YETER Ben topliyim. Ich kann auch gehen. NEJAT Vallah sorun değil, siz oturun. Schon in Ordnung. Bleiben Sie sitzen. Er nimmt das Geschirr und verschwindet in der Küche. YETER Bunu iyi yetiştirmişsin. Den hast du gut erzogen. ALI Kız gibi. Wie ein Mädchen. Nejat kommt mit den Fischfrikadellen wieder. 86


Fassung vom 13.07.2006

NEJAT Buyrun. Bitte schön. ALI Bunlar balık köftesidir, beğeneceksiniz. Das sind Fischfrikadellen. Sie werden Euch schmecken. Yeter probiert eine. YETER Nefis olmuş. Köstlich. Sie speisen weiter. YETER (zu Nejat) Annen öldüğünde kaç yaşındaydın? Wie alt warst du, als deine Mutter starb? ALI Altı aylıkdı. Sechs Monate. Mit mitleidigem Blick schaut Yeter auf Nejat. YETER Yazık. Sonra hiç evlenmedin mi? Das ist schade. Hast du danach nie wieder geheiratet? ALI Dul bir karıyla evlendim. Bir de kızı vardı. Neydi kızın adı Nejat? Doch. Eine Witwe mit einer Tochter. Wie hieß die Tochter noch, Nejat? NEJAT Emine.

87


Fassung vom 13.07.2006

ALI Ha tamam. Bundan bir yaş küçüktü. Sene 68. Nejat’la Trabzon’dan İstanbul’a geldik. Iki sene oradaydık. Sonra dört kişi olduk Bremen’e gittik. Olmadı, boşandık. Kadın kızı aldı. Nereye gitti bunlar? Sie war ein Jahr jünger als er. Das war 68, als ich mit Nejat von Trabzon nach Istanbul gezogen bin. Zwei Jahre waren wir dort. Dann wurden wir vier und sind nach Bremen. Es lief nicht, also haben wir uns getrennt. Die Frau ist mit ihrer Tochter weggezogen. Wohin sind die? NEJAT Heilbronn’a. Nach Heilbronn. ALI Sonra memlekete dönmüşler. Und dann sind die wieder zurück in die Heimat. YETER Ben de dul kaldım. Kocamı 78’te Maraş’ta vurdular. Ich bin auch Witwe. Meinen Mann haben sie 78 in Maras erschossen. ALI Sen Maraş’lı mısın? Bist du aus Maras? YETER Evet. Ja. NEJAT Bir kola daha alır mısınız? Noch eine Cola? YETER (steht auf) Ben alırım. Ich hol schon. Nejat und Ali springen auf. NEJAT Lütfen, lütfen. Bitte, bitte. 88


Fassung vom 13.07.2006

ALI Ben getiririm. Ich mach das schon. NEJAT Yok... Nein… ALI Oturun! Setzen Sie sich! Der Alte geht in die Küche. Nejat und Yeter schauen sich an. Sie schweigen verlegen, wissen nicht, was sie sagen sollen. Beide sehen verlegen weg, doch nur, um sich kurz darauf wieder anzuschauen und noch verlegener zu werden. YETER Sen harbiden profesör müsün? Und du bist wirklich Professor? NEJAT Evet. Ja. YETER Yaşın kaç? Wie alt bist du denn? NEJAT 39. Und du? Ali kommt mit einer Flasche River-Cola aus der Küche. Er füllt ihr nach und füllt sein Rakiglas bis zum Rand. Nejat steht auf. NEJAT Ich hol den Nachtisch. YETER Durun onuda ben getiriyim ama. Den hol ich jetzt aber. ALI Olmaz, sen misafirsin. Nein, du bist zu Gast. YETER Ama burada yaşıyacaksam öğrenmeliyim değil mi? Wenn ich hier wohnen soll, muß ich das doch lernen. Sie steht auf und geht in die Küche. Ali, schon ziemlich angesäuselt, kippt sich den frischen Raki hinter die Binde. 89


Fassung vom 13.07.2006

NEJAT Trink nicht so viel, Baba. ALI İçmiyorum ki oğlum. Ich trink doch gar nicht so viel.

90


Fassung vom 13.07.2006

73.

BREMEN - WOHNUNG ALI/SCHLAFZIMMER

I/N

Ali hat's geschafft: Er ist sternhagelvoll! Er singt ein Lied von Sezen Aksu, krumm und falsch. Nejat und Yeter bringen ihn ins Bett. ALI Ulan, beni bilerek sarhoş ettiniz... orospu çocukları. Ihr habt mich mit Absicht breit gemacht... ihr Hurensöhne. NEJAT Halt die Klappe, Mann. (Zu Yeter) Mutfaktan bir bardak su getirebilir misiniz? Können Sie ein Wasser aus der Küche holen? Sie geht ab. Nejat zieht seinem Vater die Schuhe aus und deckt ihn zu. ALI Bana bak, sakın ona dokunma! Lass bloß die Finger von ihr. Nejat schaut ihn verletzt an. Yeter kommt mit einer Flasche Wasser wieder. ALI Gülüm. Gel bana. Yanıyorum kız, yanıyorum! Komm her, meine Rose. Ich brenne nach dir. Er zieht Yeter zu sich. Nejat verlässt das Schlafzimmer und geht zurück in den Garten.

91


Fassung vom 13.07.2006

74.

BREMEN - WOHNUNG ALI/GARTEN

A/N

Nejat sitzt in Alis kleinem Garten mit einem Glas Raki in der Hand. Kurz darauf gesellt sich Yeter zu ihm. NEJAT ‹ster misiniz? Wollen Sie? YETER Ver bir yudum. Schenk mir etwas ein. NEJAT Nasıl tanıştınız? Wie habt ihr euch kennen gelernt? YETER O bana geldi. Er ist zu mir gekommen. NEJAT Nereye? Wohin? YETER Sana anlatmadı mı? Hat er dir nichts erzählt? Nejat schüttelt den Kopf. YETER Ben bir hayat kadınıyım. Ich bin ein Freudenmädchen. NEJAT Hayat kad›n›? Was heißt das? YETER Hure… Er schaut sie an. Sie trinkt aus und wünscht ihm eine gute Nacht. Er blickt ihr nach, trinkt sein Glas leer und schaut nachdenklich vor sich hin. Plötzlich hört er Yeter schreien. YETER (off) Nejat! NEJAT! Schnell rennt er ins Schlafzimmer. 92


Fassung vom 13.07.2006

75.

BREMEN - KRANKENHAUS/NOTAUFNAHME/WARTEZIMMER

I/N

Nejat und Yeter sitzen schweigend in einem leeren, kahlen Warteraum. Sie können nur warten. Schließlich kommt eine SÜDLÄNDISCHE ÄRZTIN, wahrscheinlich türkischstämmig. ÄRZTIN Ihr Vater hat einen schweren Herzinfarkt erlitten. Sein Zustand ist kritisch, deswegen muss er über Nacht auf der Intensivstation bleiben. Wir werden ihm morgen früh eine Arterie öffnen müssen. Wenn sich sein Zustand stabilisiert, bleibt er noch ein paar Tage zur Beobachtung. Nejat und Yeter starren sie an. ÄRZTIN Haben Sie noch Fragen? NEJAT Können wir jetzt zu ihm? ÄRZTIN (seufzt) Ungern. Alles, was ihn erregen könnte, ob Freude oder Leid, ist jetzt nicht besonders förderlich. Nejat nickt. Die Ärztin lächelt freundlich zum Abschied und geht den Flur hinunter. Nejat kullern die Tränen herunter. Yeter hält ihn fest und umarmt ihn schließlich. Sie küsst ihn auf den Kopf. Eine unbewusste Geste.

93


Fassung vom 13.07.2006

76.

BREMEN – STRASSENBAHN

I/N

Nejat und Yeter fahren durch das nächtliche Bremen. Seine Augen sind rot verweint. In der Tram sind kaum LEUTE. Nejat schaut aus dem Fenster. Yeter schaut ihn mitleidig an. Schließlich dreht er sich zu ihr. NEJAT Hast du Kinder? YETER Ich habe eine Tochter. NEJAT Wie alt ist sie? YETER 27. NEJAT Weiß sie, dass du das machst, was du machst? YETER Sie denkt, ich arbeite in einem Schuhgeschäft. Ara sira ona ayakkabı gönderiyorum. Hin- und wieder schicke ich ihr Schuhe. Nejat nickt. YETER Kızım için herşeyi yaparım. Kızımın cahil kalmasını istemedim. Okuyup senin gibi olsun istedim. Für meine Tochter würde ich alles tun. Ich wollte nicht, dass meine Tochter ungebildet ist. Sie sollte studieren und so werden wie du. Er ist sichtlich berührt, lächelt sogar ein wenig, als er aus Verlegenheit aus dem Fenster schaut. Dann wendet er sich wieder zu ihr. Sie schauen sich an.

94


Fassung vom 13.07.2006

77.

HAMBURG - HAUS SUSANNE

I/T

Ayten kommt am Morgen barfuss in die Küche. Sie trägt Jeans und ein Schlabber-Shirt - Lottes Klamotten. Susanne entkernt gerade Kirschen, sie bereitet einen Kuchen vor. Ayten setzt Kaffee auf und zündet sich eine Zigarette an. AYTEN Guten Morgen. SUSANNE Es ist schon Mittag. Ayten zuckt mit den Achseln und setzt sich an den Tisch. SUSANNE You shouldn't smoke on your empty stomach. AYTEN It's okay. Einen Augenblick lang schweigen sich die beiden an. SUSANNE Charlotte told me, you were persecuted because of political activities? AYTEN I am a member of a political resistance group in Turkey. SUSANNE What exactly are you fighting for? Ayten drückt die Zigarette aus und schmiert sich ein Brot. AYTEN We are fighting for 100 percent human rights, 100 percent freedom of speech and 100 percent social education. In Turkey just people with money can get education. Susanne beobachtet sie neugierig. SUSANNE But maybe things will get better - 10 percent, or 20 percent, or even 30 percent when you come into European Union. AYTEN No! SUSANNE Why ‘No’?! AYTEN 95


Fassung vom 13.07.2006

I don't trust in European Union.

96


Fassung vom 13.07.2006

Susanne hat die Kirschen entkernt und macht sich jetzt daran, sie auf den Teig zu legen. SUSANNE And why not? AYTEN Who is leading the European Union? France, England and Germany. And Spain. And Italy. These countries are all colonial countries. Susanne denkt über Aytens Worte nach. SUSANNE Why must it be all so bad? For instance I heard... or I saw on television... I don't remember anymore... something about carparking in Istanbul. They destroy very old buildings to build parking places. Till my... how you say... Pension...before I was out of work. Ayten nickt und wiederholt das Wort auf Türkisch. SUSANNE ...yes, I worked for the state to protect old buildings... Denkmalschutz we say. This is something very European, the protection of architecture. Ayten hört ungeduldig zu. Eigentlich hat sie dem kein Argument entgegen-zusetzen. SUSANNE Come on, you should put on some socks, the floor is cold. AYTEN It's globalization and we are fighting against that! SUSANNE You fight against too many things. AYTEN Yes! Ayten zündet sich eine neue Zigarette an. Sie ist wütend. SUSANNE Maybe you’re a person, who fights just to fight. AYTEN You think, I am crazy?! SUSANNE No. I know sometimes…

97


Fassung vom 13.07.2006

AYTEN If a country kills the people, the folk, just because they think different, or look different, or because they protest to have work and energy and schools, you have to fight back. If they want to kill you, you need weapons to protect yourself... SUSANNE With the European Union... AYTEN Fuck the European Union! Jetzt ist Susanne sauer. SUSANNE Gül, you can use these words in your house but not in my house. Please! Wütend schauen sich die Frauen an. Dann steht Ayten auf, geht in Lottes Zimmer, zieht sich schnell an, packt ihre Siebensachen und knallt die Haustür hinter sich zu.

98


Fassung vom 13.07.2006

78.

HAMBURG - HAUS SUSANNE

I-A/T

Ayten steht auf der Straße und wartet rauchend auf Lotte. Susanne schaut immer wieder aus dem Fenster auf Ayten. Etwas später kommt Lotte mit dem verbeulten Golf der Mutter vorgefahren und hält am Straßenrand neben Ayten. Das Seitenfenster fährt surrend hinunter. LOTTE Hey! Ayten antwortet nicht. Lotte steigt aus und küsst sie. Irgendetwas stimmt nicht mit Ayten. Sie schmollt wie ein kleines Mädchen. LOTTE What happened? Lotte schaut zum Haus und sieht ihre Mutter am Fenster. Sie versteht nicht ganz. AYTEN I want to find my mother. LOTTE Let's go inside first... AYTEN No! I want to go now! Und sie geht einfach los. Lotte schaut wieder zu ihrer Mutter am Fenster. Ihre Blicke treffen sich. Lotte wendet sich ab und holt Ayten ein. LOTTE Wait! Susanne sieht, wie sich ihre Tochter für die Fremde entscheidet. Die beiden jungen Frauen steigen in den Wagen. Susanne tritt vom Fenster weg.

99


Fassung vom 13.07.2006

79.

BREMEN - STRASSE IM VIERTEL

I-A/T

Lotte und Ayten fahren im Golf die Straßen von Bremen ab. An einer Straßenkreuzung vor einer roten Ampel hält eine Straßenbahn neben ihnen. In der Tram sitzen Nejat und Yeter. Einen Augenblick lang fahren die beiden Parteien parallel nebeneinander her. Ayten wirft einen Blick hinauf auf die Fenster der Bahn. Doch genau in diesem Moment springt eine andere Ampel auf rot. Lotte muss bremsen und die Straßenbahn fährt davon.

100


Fassung vom 13.07.2006

80.

BREMEN - KRANKENHAUS/KRANKENZIMMER

I/T

Ali liegt in einem Krankenbett. Ein Tropf hängt an einem Arm. Er schaut traurig aus dem Fenster. Das Nachbarbett ist leer. Der Fernseher ist ausgeschaltet. Yeter sitzt auf dem Bett des Alten und hält seine Hand. Nejat sitzt an einem kleinen Esstisch. ALI Yaşlanmak kötü bir şey amına koyiyim. Hiçbir iyi tarafı yok, hiç. Çok anlamsız bir şey. Das Altwerden ist etwas Böses. Es hat nichts, aber auch gar nichts Gutes. Es ist etwas sehr Sinnloses. YETER İki gün sonra taburcu edecekler seni. Übermorgen bist du wieder draußen. ALI Nejat, oğlum, domatesleri sulamayı unutma. Nejat. Vergiss nicht, die Tomaten zu gießen, mein Sohn. Nejat dreht sich zu seinem Vater und nickt. Dann schaut er von Ali auf Yeter und lächelt. Sie fängt seinen Blick auf und erwidert das Lächeln. Dieser Blickwechsel ist Ali nicht entgangen.

101


Fassung vom 13.07.2006

81.

BREMEN - WOHNUNG ALI/GARTEN

A/N

Yeter und Nejat sitzen an dem kleinen Gartentisch und trinken Wein. YETER Baban ona torun yapmadığından şikayetçi. Dein Vater hat sich darüber beklagt, dass du ihm keine Enkelkinder schenkst. Nejat lächelt traurig. NEJAT Torun yapmak için iki kişi lazım. Um Enkelkinder zu zeugen, braucht es zwei. Das ist leider so. YETER Hiç kimse yok mu hayatında? Gibt es niemanden in deinem Leben? Er schaut sie an. Dann schaut er unter den Tisch. Sie muss lachen. NEJAT Birisini gördün mü? Hast du jemanden gesehen? YETER Görmedim, ama yakışıklı bir çocuksun. Ich hab zwar niemanden gesehen, aber du bist doch ein hübscher Kerl. NEJAT Sağol. Danke. YETER Peki niye kimse yok? (cevap gelmiyor) Ne yapıyorsun peki? Aber wieso hast du niemanden? Irgendwas mußt du doch tun. NEJAT Selbst ist der Mann. YETER Olur mu ama! Aber das geht doch nicht! Nejat steht auf, schließt den Gartenschlauch an und beginnt, die Tomaten-sträucher des

102


Fassung vom 13.07.2006

Alten zu wässern.

103


Fassung vom 13.07.2006

YETER Bu domatesler olmuş, onları kopar artık. Die Tomaten sind reif. Pflück sie endlich. Und so beginnen die beiden, die Tomaten von den Sträuchern zu pflücken.

104


Fassung vom 13.07.2006

82.

BREMEN - WOHNUNG ALI

I/N

Nejat liegt auf der ausgezogenen Couch. Yeter liegt in Alis Bett. Das Licht brennt noch. YETER İyi geceler. Gute Nacht. NEJAT İyi geceler. Gute Nacht. Beide liegen mit offenen Augen da.

105


Fassung vom 13.07.2006

83.

BREMEN - WOHNUNG ALI

I/N

- entfällt -

106


Fassung vom 13.07.2006

84.

HAMBURG - AUTOBAHN/WAGEN SUSANNE

I-A/N

Zur selben Zeit fahren Lotte und Ayten am Hamburger Hafen vorbei. Sie kommen in den Elbtunnel. AYTEN Can you give me some money for a hotel? LOTTE Why? AYTEN I cannot stay in your mother’s house. LOTTE Come on... AYTEN No! She doesn't like me. LOTTE In one week we will find another place, where we can stay together. Ayten antwortet nicht. LOTTE Hey. She's my mother. She is old-school. Ayten überlegt. LOTTE I want you close to me. Ayten lächelt. Lotte fährt an der Ausfahrt Othmarschen ab.

107


Fassung vom 13.07.2006

85.

HAMBURG - TEUFELSBRÜCK/WAGEN SUSANNE

I-A/N

Lotte bemerkt im Rückspiegel einen Streifenwagen, der sie mit einem Lichtsignal auffordert, anzuhalten. STOP/POLIZEI blinkt es im Spiegel. LOTTE Shit! AYTEN What? LOTTE Fasten your seatbelt! Lotte fährt rechts ran und stoppt in einer Bushaltestellenbucht. Eine POLIZISTIN und ein POLIZIST kommen ans Fahrzeug. Lotte lässt das Fenster herunter. LOTTE Schönen guten Abend. Was gibt's denn? POLIZIST Schalten Sie bitte den Motor aus. Lotte gehorcht. LOTTE Was ist denn los? POLIZIST Ihre Beleuchtungsanlage ist defekt. Ihr rechtes Rücklicht... hatten Sie einen Unfall? LOTTE So was ähnliches... POLIZIST Kann ich mal bitte Fahrzeug- und Führerschein sehen? Lotte kramt die Papiere hervor. Die Polizistin ist auf der Seite von Ayten und leuchtet mit einer Taschenlampe in den Wagen. POLIZISTIN (zu AYTEN) Ihren Ausweis bitte! AYTEN What does she want? LOTTE (zur POLIZISTIN) Wieso das denn? POLIZISTIN Ihre Beifahrerin war nicht angeschnallt. LOTTE (zu AYTEN) 108


Fassung vom 13.07.2006

Your ID… Ayten holt ihren Pass hervor und reicht ihn der Polizistin. Die schaut im Schein ihrer Taschenlampe von dem Foto im Pass auf Ayten und wieder zurück. Nach einer Weile verliert Ayten die Nerven, reißt die Tür auf, schubst die Polizistin zur Seite und rennt davon. POLIZIST Stop! Er läuft ihr sofort hinterher. Lotte springt aus dem Auto. POLIZISTIN Stehen bleiben! Lotte friert ein. Ayten rennt so schnell sie kann Richtung Elbufer, doch der Polizist holt sie bald ein und packt sie am Nacken. AYTEN ASYL! ASYL! ASYL! ASYL! Fassungslos verfolgt Lotte, wie Ayten abgeführt wird.

109


Fassung vom 13.07.2006

86.

BREMEN - WOHNUNG ALI

I/T

Ali ist wieder zu Hause. Er geht ins Bett. Ächzend streckt er die Beine aus. Yeter geht gleich in die Küche. ALI Sikiştin mi onunla? Hast du sie gebumst? Nejat schaut seinen Vater verletzt an. NEJAT Arschloch. Yeter kommt mit einem Teller Börek ins Zimmer. Sie hat ein strahlendes Lächeln im Gesicht. YETER Bak sana börek yaptım. Sever misin? Schau mal, ich habe Börek gemacht. Magst du? ALI Kaldır şunu, canım börek mörek istemiyor. Nimm das weg, mir ist jetzt nicht nach Börek, Mörek. Yeter schaut ihn getroffen an. Nejat geht aus dem Zimmer. ALI (off) Bana öyle bakma doktor ‘hamur işleri yeme’ dedi. Schau mich nicht so an. Der Arzt hat gesagt, ich soll keine Teigsachen essen. Im Wohnzimmer packt Nejat seine Sachen zusammen. Plötzlich hält er inne und schnuppert in der Luft. Fassungslos geht er zurück ins Schlafzimmer. NEJAT EY! Du isst kein Börek, weil der Arzt dir das nicht erlaubt, rauchst aber Zigaretten? Willst du mich verarschen?! ALI Hayatıma karışma. Benim hayatım ayrı, senin hayatın ayrı. Misch dich nicht in mein Leben ein. Du hast deins und ich hab meins. Wütend schaut Nejat auf seinen Vater, dann geht er aus dem Zimmer, rafft seine Sachen zusammen und schnappt sich seinen Mantel.

110


Fassung vom 13.07.2006

ALI (off) Yeter! Yeter geht in die Küche und kommt mit dem Börek zurück. YETER Al, yolda yersin. Hier, für unterwegs. Sie küssen sich zum Abschied auf die Wangen. In diesem Moment kommt Ali aus dem Schlafzimmer, sieht die beiden, schüttelt den Kopf und geht ins Wohnzimmer, um den Fernseher einzuschalten. Nejat verlässt die Wohnung. Yeter schaut ihm einen Moment hinterher und geht dann ins Wohnzimmer. ALI Bana bir rakı yap kız! Yeter! Mach mir einen Raki, Mädchen. Yeter! YETER Doktor ne demişti sana? Was hat dir der Arzt gesagt? ALI Doktoru sikiyim! Fick den Arzt! YETER İyi o zaman, sağlına. Na gut, dann auf deine Gesundheit. Sie lächelt ihn an, scheint es ernst zu meinen. Mißtrauisch schaut der Alte sie an und erhebt sein Glas.

111


Fassung vom 13.07.2006

87.

HAMBURG - INTERCITY/ELBBRÜCKEN

I-A/T

Nejat in der Bahn. Der Zug fährt in Hamburg ein.

112


Fassung vom 13.07.2006

88.

HAMBURG – PORTUGIESENVIERTEL

A/T

Nejat kommt die Ditmar-Koel-Straße hinunter. Hinter ihm rasselt die Hochbahn am Hafen entlang. Nejat verschwindet in einem der Häuser.

113


Fassung vom 13.07.2006

89.

HAMBURG - WOHNUNG NEJAT

I/AB

In Nejats Wohnung herrscht Chaos. Ăœberquellende BĂźcherregale, Zettel, Akten, Studienarbeiten, Schallplatten... Nejat sitzt - noch immer im Mantel - an seinem Schreibtisch vor einem Kaffee. Traurig schaut er in die Ferne und improvisiert eine melancholische Melodie auf einer akkustischen Gitarre.

114


Fassung vom 13.07.2006

90.

BREMEN - WOHNUNG ALI

I/N

Ali und Yeter sitzen noch immer auf der Couch. Mittlerweile sind sie ziemlich betrunken. Er hat sich an sie gekuschelt. ALI Sikiştin mi onunla? Hast du mit ihm gebumst? Keine Antwort. ALI Sana bir şey sordum! Ich hab dich was gefragt. YETER Sarhoşsun. Du bist besoffen. ALI Sen değilmisin? Und du nicht, oder wie? Er fängt an, sie zu küssen und zu befummeln. Sie schiebt ihn weg. YETER Dokunma! Bırak beni! Fass mich nicht an! ALI Ne demek dokunma? Bastım parayı ya. Sikeceğim amına koyayım! Was heißt: Fass mich nicht an? Ich hab dich bezahlt, ich werd dich jetzt ficken, verdammt nochmal! YETER Ben senin malın değilim. Ich bin nicht dein Eigentum. ALI Malımsın, malımsın! Hadi yap französisch. Al 50 kâğıt daha. Doch, du bist mein Eigentum! Los, mach’s mir französisch. Kriegst 50 extra. Yeter steht auf. YETER

115


Fassung vom 13.07.2006

O parayı götüne sok. Steck dir das Geld in den Arsch.

116


Fassung vom 13.07.2006

Yeter zieht sich die Stiefel an und will aus dem Raum. Ali springt auf, versperrt ihr den Weg, packt sie und schleudert sie zurück. ALI Nereye? Wohin? YETER Nereye istersem oraya. Ich geh, wohin ich will. ALI Gidemezsin! Du gehst nirgends hin! YETER Bana bak, istediğim yere giderim. Senin gibilerini çok gördüm. Sana mı papuç bırakacağım lan? Ich sag’s dir nochmal: Ich geh, wohin ich will. Ich habe schon viele wie dich gesehen. Glaubst du, ich lasse mich von dir unterkriegen, Alter? Voller Zorn packt er sie. Yeter strauchelt, stolpert und stürzt rücklings auf den flachen Glastisch. Ihr Kopf knallt unglücklich auf die Kante und der Schwung war so groß, dass ihr Genick bricht. Ali sieht, dass sie mit offenen Augen regungslos auf dem Boden liegt. Er will sie aufheben. Doch ihr Kopf hängt unnatürlich zur Seite. Yeter ist tot. ALI Yeter? YETER! YETER!!! Er stützt ihren Kopf, doch der fällt immer wieder zur Seite. ALI Kaldır kafanı kız!. Yeter! Yeterciğim… Heb den Kopf, Mädchen! Yeter! Kleine Yeter… Er weint.

117


Fassung vom 13.07.2006

91.

HAMBURG - AUSLÄNDERPOLIZEI/BÜRO

I/T

- entfällt -

118


Fassung vom 13.07.2006

92.

LÜBECK - ASYLANTENHEIM/TOR

A/T

- entfällt -

119


Fassung vom 13.07.2006

93.

LÜBECK - ASYLANTENHEIM/BÜRO

I/T

Ayten wird fotografiert. Frontal und im Profil. Kurz darauf werden ihr die Fingerabdrücke genommen. Lotte schaut mit großen Augen zu. Ayten ist einfach nur müde.

120


Fassung vom 13.07.2006

94.

LÜBECK - ASYLANTENHEIM/WOHNBLOCK/FLUR

I/T

Ein MITARBEITER DES ARBEITERSAMARITERBUNDES begleitet Ayten und Lotte durch den Flur zu Aytens Zimmer. Ayten hat Sanitärutensilien und Bettwäsche unter dem Arm. Es ist der Familienblock, d.h. ERWACHSENE UND KINDER AUS ALLER WELT laufen hier herum. Vor einigen Zimmern stehen Wäscheständer oder Kinderwagen. Aus einem der Zimmer dringt ein Lied von ‘Shantels Bucovina Club'.

121


Fassung vom 13.07.2006

95.

LÜBECK - ASYLANTENHEIM/ZIMMER

I/T

Die Gruppe kommt ins Zimmer, das mit zwei Betten, einem Schrank, einem Tisch und zwei Stühlen möbliert ist. ASB-MITARBEITER Na, dann wünschen wir Ihnen einen schönen Aufenthalt. (zu Lotte) Sie wissen, dass Sie hier nur drei Nächte im Monat bleiben dürfen? Lotte nickt. Ayten schaut auf die türkischen und arabischen Graffitis an der Wand. Sie ist niedergeschlagen. Der ASB-Mitarbeiter läßt die beiden Frauen allein. LOTTE It's not so bad. Ayten antwortet nicht. LOTTE The people are nice. Wütend dreht sich Ayten zu ihr. AYTEN But I am not free. It’s like prison… (sie seufzt) Asylantenheim… Lotte kommt zu ihr und berührt sie. LOTTE You will be free. Ayten geht ihr aus dem Weg und legt sich auf das Bett. Lotte schaut sie leidend an. Ayten starrt an die Decke. Dann dreht sie sich endlich zu Lotte. AYTEN Lock the door. Lotte gehorcht. AYTEN Come here. Lotte setzt sich auf das Bett. AYTEN Lay down. Lotte legt sich zu ihr. Und dann küsst Ayten sie mit aller Leidenschaft.

122


Fassung vom 13.07.2006

96.

ISTANBUL - ATATÜRK FLUGHAFEN

A/T

Aus dem Rumpf einer Boeing 737 der Turkish Airlines wird das Gepäck ausgeladen. Als letztes kommt auf dem Rollband ein Sarg aus der Maschine. Nejat steht im Hauptgebäude hinter einer Fensterwand und verfolgt die Szenerie.

123


Fassung vom 13.07.2006

97.

ISTANBUL - FRIEDHOF

A/T

Auf einem Istanbuler Friedhof findet die Bestattung von Yeter statt. Nejat und sein Cousin UFUK, Mitte 40, beobachten neugierig die Verwandtschaft von Yeter: Zwei Schwestern der Toten, NURTEN und TÜRKAN, beide über 40, ein ALTER HERR mit grauen Haaren und Familie und eine junge Frau , Mitte 20, vielleicht eine Nichte von Yeter. Der IMAM liest auf Arabisch die Fatiha-Sure aus dem Koran. Dann werden dreimal die Worte des Imams nachgesprochen. Die Leiche wird aus dem Sarg gehoben und in einem weißen Leichentuch bestattet. Yeters Körper verlässt das Diesseits.

124


Fassung vom 13.07.2006

98.

ISTANBUL - STRASSE RICHTUNG OKMEYDAN/TAXI

I-A/T

- entfällt -

125


Fassung vom 13.07.2006

99.

ISTANBUL - WOHNUNG SCHWESTER NURTEN

I/T

Nejat, Ufuk und Türkan sitzen auf einer Couch und trinken Mokka. Nurten blättert in einem Fotoalbum. NURTEN Nerde olduğunu kimse bilmiyor. Kayboldu gitti. Niemand weiß, wo sie steckt. Sie ist verschwunden. NEJAT Ne zamandan beri? Und seit wann? TÜRKAN Vallah, bir kaç ay oldu. Es ist jetzt schon ein paar Monate her. Nurten holt ein Foto von Ayten aus dem Album. Nejat betrachtet es. Ayten ist vielleicht vier oder fünf auf dem Bild. Er reicht es seinem Cousin weiter. UFUK Çok tatlı. Sehr süß. NEJAT Daha yeni bir fotoğrafınız var mı? Haben Sie kein aktuelleres Bild? NURTEN Maalesef. Kendiniz bakın. Leider nicht. Schauen Sie selbst. Sie reicht ihm das Album. Nejat blättert darin herum, wird aber nicht fündig. NEJAT Hangi bölümde okudu? Was hat sie denn studiert? TÜRKAN ‹şletmede... Wirtschaft... NURTEN Tıpda... Medizin… UFUK ‹şletme mi tıp mı? Wirtschaft oder Medizin? 126


Fassung vom 13.07.2006

NURTEN Doğrusu ben de tam olarak bilmiyorum. Kendisine hiç sormamıştım. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich es gar nicht. Ich habe sie nie gefragt. Nejat entdeckt ein Portrait von Yeter. Es muss vor gar nicht allzulanger Zeit aufgenommen worden sein. NEJAT Bunu alabilir miyim? Darf ich das haben? NURTEN Buyrun. Bitte.

127


Fassung vom 13.07.2006

100.

ISTANBUL – STRASSE IN OKMEYDAN

A/T

Cousin Ufuk und Nejat gehen die Straße hinauf. UFUK Nerede kalmayı düşünüyorsun, amcaoğlu? Wo willst du wohnen, Cousin? NEJAT Otelde. Im Hotel. UFUK Benim yanımda kalsana. Bleib doch bei mir. NEJAT Sağol. Danke. UFUK Ciddi söylüyorum ha. Ich meine es ernst. NEJAT Ben yalnız kalmayı seviyorum. Ich bin gerne allein. UFUK ‹yi, sen bilirsin. Ne kadar kalmayı düşünüyorsun? Na gut, du musst es wissen. Wie lange willst du bleiben? NEJAT O’nu bulana kadar. Bis ich sie gefunden habe. UFUK Bak burası ‹stanbul. Yirmimilyon insanın içinde o kız senin karşına çıkacak değil ya. Das ist Istanbul. Bei zwanzig Millionen Menschen rennt sie dir bestimmt vor die Füße.

128


Fassung vom 13.07.2006

101.

ISTANBUL - VOR KOMMISSARIAT IN BEYOGLU

A/T

Tags darauf geht Nejat in das Kommissariat von Beyoglu.

129


Fassung vom 13.07.2006

102.

ISTANBUL - KOMMISSARIAT IN BEYOGLU

I/T

Nejat steht vor einem Schalter. Im Gebäude geht es laut und hektisch zu. Ein JUNGER POLIZEIBEAMTER sitzt Nejat gegenüber. NEJAT Ayten Öztürk. Der Polizist tippt den Namen in den Computer. JUNGER POLIZEIBEAMTER Doğum yeri? Herkunft? NEJAT Ya Maraş ya da ‹stanbul. Entweder Maraş oder Istanbul. JUNGER POLIZEIBEAMTER Kahramanmaraş! NEJAT Pardon. Der Polizist tippt weiter, schaut dann zu Nejat, steht auf. JUNGER POLIZEIBEAMTER Benimle gelin... Folgen Sie mir bitte...

130


Fassung vom 13.07.2006

103.

ISTANBUL - KOMMISSARIAT IN BEYOGLU/TREPPENHAUS

I/T

Nejat folgt dem Polizisten in den ersten Stock des Gebäudes.

131


Fassung vom 13.07.2006

104.

ISTANBUL - KOMMISSARIAT IN BEYOGLU/KOMMISSARBÜRO

A/T

Nejat wird zu einem KOMMISSAR geführt. Er ist vielleicht Mitte 30 und trägt eine Nickelbrille. Sein Gesicht hat etwas von einem Wiesel. Die Atmosphäre im Raum ist ungewöhnlich, gar nicht so, wie man es sich vorstellt. Es hängt Malerei an den Wänden und Jazz von 'Miles Davis' läuft im Hintergrund. KOMMISSAR ‹sim? Name? NEJAT Ayten... KOMMISSAR Sizin isminiz! Ihr Name! NEJAT Ah pardon. Nejat. Nejat Aksu. KOMMISSAR Doğum yeri? Herkunft? NEJAT Trabzon. Sürmene. KOMMISSAR Sürmene’nin neresinden? Woher aus Sürmene? NEJAT Çamburnu. KOMMISSAR Laz mısınız Gürcü müsünüz? Seid ihr Laziten oder Georgier? NEJAT Bunu neden soruyorsunuz? Warum fragen Sie? Die beiden Männer schauen sich an. KOMMISSAR Peki, ne istiyorsunuz Ayten Öztürk’ten? Also, was wollen Sie von Ayten Öztürk? NEJAT 132


Fassung vom 13.07.2006

Okul masraflarını karşılamak istiyorum. Ich möchte ihr das Studium finanzieren. Neugierig blickt der Kommissar auf Nejat. KOMMISSAR Bunu neden yapmak istiyorsunuz? Warum wollen Sie das tun? NEJAT Neden mi? Bilgi ve eğitimin her insanın hakkı olduğundan. Weil Wissen und Erziehung ein Menschenrecht ist. KOMMISSAR Vatanımızda okuma yazması olmayan yüzbinlerce insan var. ‹stanbul sokakları bunlarla dolup taşıyor. Bunların masraflarını neden karşılamıyorsunuz? Es gibt in unserem Land hunderttausende von Analphabeten.. Die Straßen von Istanbul sind voll davon. Warum finanzieren Sie nicht die?! Die beiden Männer schauen sich herausfordernd an.

133


Fassung vom 13.07.2006

105.

ISTANBUL - ISTIKLAL CADDESI

A/T

Nejat klebt Flyer mit Yeters Foto an einen wild plakatierten Bauzaun. Auf Türkisch und Deutsch steht da: 'Wer kennt diese Frau?' Darunter Nejats Mobilnummer. Cousin Ufuk begleitet ihn. UFUK Bunu ne diye yapıyorsun? Was versprichst du dir denn davon? NEJAT Belki bize yardım edebilecek birisi çıkar. Vielleicht meldet sich jemand, der uns weiterhilft.

134


Fassung vom 13.07.2006

105 A.

ISTANBUL - GASSE IN BEYOGLU

A/T

Etwas später entdeckt Nejat in einer Nebengasse eine deutsch-türkische Buchhandlung. Im Schaufenster hängt ein Schild: ZU VERKAUFEN. Der Laden weckt seine Neugier. NEJAT Şuna bir bakalım. Lass doch mal schauen. UFUK Nejat, ben kitaptan fazla anlamam. Hele Almanca olunca. Ben iş yerime geçeyim. ‹htiyacın olursa bir alo dersin, oldu mu? Cousin, ich versteh nicht so viel von Büchern. Vor allem, wenn sie auf Deutsch sind. Ich geh von hier in meine Werkstatt. Wenn du was brauchst, meldest du dich. Sie küssen sich zum Abschied. Nejat tritt in den Laden.

135


Fassung vom 13.07.2006

106.

ISTANBUL - DEUTSCH-TÜRKISCHE BUCHHANDLUNG

I/T

Nejat kommt in den Laden und der gefällt ihm auf Anhieb. Wie ein Kind bei der Bescherung geht er durch den Laden, entdeckt immer weitere Regale und Winkel: Er hat sein Nirwana gefunden! Er lacht auf vor Freude. Der Inhaber, ein Deutscher in gleichem Alter wie Nejat, HERR OBERMÜLLER, liest die in der ‚Süddeutschen Zeitung’. Ein junger Student, CENGIZ, die Aushilfe, sortiert Bücher in die Regale. NEJAT Guten Tag. HERR OBERMÜLLER Guten Tag. Obermüller beobachtet Nejat. Er kommt ihm irgendwie bekannt vor. Nejat schnappt sich gleich sämtliche deutsche Zeitungen, die SZ, die FAZ, die ZEIT, den SPIEGEL etc. Er legt die Zeitungen und Zeitschriften auf den Tresen und schnuppert weiter nach Literatur. NEJAT Ist das Ihr Laden? HERR OBERMÜLLER Ja. Gefällt er Ihnen? NEJAT Sehr. Er reicht Nejat die Hand. HERR OBERMÜLLER Das freut mich. Ich bin Markus Obermüller. NEJAT Nejat Aksu. HERR OBERMÜLLER Möchten Sie einen Cay? NEJAT Gern. HERR OBERMÜLLER Oder lieber einen Mokka? NEJAT Tee ist okay. HERR OBERMÜLLER (türkisch) Cengiz, bring uns mal zwei Tee. Cengiz geht los. Nejat schaut sich um, blättert in ein paar Büchern herum. NEJAT Warum wollen Sie den Laden verkaufen? 136


Fassung vom 13.07.2006

HERR OBERMÜLLER (überlegt) Ach wissen Sie, seit 10 Jahren lebe ich nun hier. Und auf einmal, ganz plötzlich, vermisse ich Deutschland. Das hätte ich nie gedacht. Die Heimweh tut mir weh, wie... Zahnschmerzen. Verstehen Sie? Nejat nickt. Dann schaut er sich weiter im Laden um. HERR OBERMÜLLER Sie mögen Bücher, oder? Nejat schaut ihn an. NEJAT Was würde dieser Laden denn kosten? HERR OBERMÜLLER Mit all den Büchern? Nejat nickt. Obermüller lächelt ihn an. HERR OBERMÜLLER Was sind Sie von Beruf? NEJAT Ich bin Germanistikprofessor. HERR OBERMÜLLER (kichert) Ein türkischer Germanist aus Deutschland landet in einer deutschen Buchhandlung in der Türkei! Das ist doch mal was.

137


Fassung vom 13.07.2006

107.

ISTANBUL – SULTANAHMET/BAHNHOF

A/AB

Eine Art S-Bahn fährt ein. Nejat steigt aus und verschwindet im Strom der Passanten. Im Hintergrund ist der Bosporus zu sehen.

138


Fassung vom 13.07.2006

108.

ISTANBUL – TISCHLEREI

I/N

Nejat und sein Cousin sitzen in der Tischlerei und trinken Tee. UFUK Demek şimdilik burada kalacaksın. Also bleibst du erst einmal hier. Nejat schlürft den Tee und nickt. UFUK Peki işin ne olacak? Und deine Arbeit? NEJAT Öğretmenlik belki benim işim değil. Vielleicht ist das Lehren nicht meine Bestimmung. Ufuk trinkt seinen Tee und versucht, zu verstehen, was zu verstehen ist. UFUK Ya Ali amcam? Und Onkel Ali? Nejat nippt am Tee und antwortet nicht, schaut bloß nachdenklich vor sich hin.

139


Fassung vom 13.07.2006

109.

BREMEN - VOR HAFTANSTALT/HOF

A/T

Ein Gefangenentransporter der Bremer Polizei f채hrt durch das Tor der Haftanstalt und h채lt im Hof. Ali Aksu wird in Handschellen und Begleitung zweier POLIZEIBEAMTER in das Geb채ude gef체hrt.

140


Fassung vom 13.07.2006

110.

BREMEN - HAFTANSTALT/ZELLENBLOCK

I/T

Von einem der Beamten wird Ali durch den Zellenblock geführt. Hier und da laufen GEFANGENE in Arbeitskleidung herum und mustern den Alten neugierig. Schließlich erreichen sie die Zelle 224. Der JVA-Beamte schließt die schwere Stahltür auf und gibt den Blick auf einen etwa 8 qm großen Raum frei, in dem sich ein schmutziges Eisenbett, ein Klosett, ein Schrank, ein Tisch, ein Stuhl und zwei Holzregale befinden. Das vergitterte Fenster ist in zwei Metern Höhe, man muss schon auf den Stuhl steigen, um herausschauen zu können. JVA-BEAMTER Willkommen in Ihrem neuen Zuhause, Herr Aksu. Ali schaut sich den Raum an. Er nickt. ALI Ist klein. JVA-BEAMTER Leider, ja. Ihre Sachen können Sie später abholen. ALI Danke. Der Beamte schließt Ali ein. Der will aus dem Fenster schauen. Also stellt er sich auf dem Stuhl auf die Zehenspitzen, um auf eine kahle Backsteinmauer zu blicken.

141


Fassung vom 13.07.2006

110 A. SCHWARZMEERKÜSTE - FILYOS/FUSSBALLPLATZ

A/AB

Der Fußballplatz, still und verlassen im Abendlicht. 110 B. SCHWARZMEERKÜSTE - FILYOS/PROMENADE

A/AB

Jung und Alt flaniert auf der Promenade am Meer entlang. 110 C. SCHWARZMEERKÜSTE - FILYOS/STRAND

A/AB

Die Sonne versinkt hinter dem großen Steg im Meer. 110 D. SCHWARZMEERKÜSTE - FILYOS/BAHNHOF

A/AB

Die letzten Sonnenstrahlen fallen auf den kleinen Bahnhof, der den Ort mit der Provinzhauptstadt Zonguldak verbindet.

142


Fassung vom 13.07.2006

111.

SCHWARZMEERKĂœSTE - FILYOS/WOHNUNG EMINE

I/N

Nejat und Emine sitzen auf der Couch und schauen sich in einem Album Fotos aus den Tagen ihrer gemeinsamen Kindheit an. Sie schwelgen in Erinnerungen, lachen, sind ganz verzaubert - bis sie sich mit einem Mal kĂźssen.

143


Fassung vom 13.07.2006

112.

SCHWARZMEERKÜSTE - FILYOS/WOHNUNG EMINE

I/N

- entfällt -

144


Fassung vom 13.07.2006

113.

SCHWARZMEERKÜSTE – FILYOS/SCHLAFZIMMER EMINE

I/N

Etwas später liegen sie mit nackten Oberkörpern im Schlafzimmer auf dem Bett und berühren sich zärtlich. Noch später sind sie ganz ausgezogen und schlafen miteinander. Nach dem Sex liegen sie erschöpft nebeneinander. NEJAT Wie ist dein Mann gestorben? EMINE Krebs. Alle sterben hier an Krebs. Die ganze Schwarzmeerküste ist verseucht. NEJAT Willst du denn nicht wieder heiraten? EMINE Wen denn? Das ist so ein kleiner Ort. NEJAT Du bist noch jung. EMINE Ich bin fast 40, Nejat. Nejat betrachtet Emine. Sie küssen sich.

145


Fassung vom 13.07.2006

114.

SCHWARZMEERKÜSTE - FILYOS/FRIEDHOF

A/T

Der Friedhof von Filyos liegt an einem steilen Hang über der Küste. Nejat und Emine stehen an einem Grabstein mit der Aufschrift: LEYLA AKSU, geb. 1943, gest. 1961. Emine hat sich ein Kopftuch umgebunden und betet. Nejat, der nicht weiß, wie man betet, schaut nachdenklich auf das Grab seiner Mutter. Dann ist Emine mit ihrem Gebet fertig. EMINE Ich würde auch gerne meinen Mann besuchen. Nejat nickt und sie gehen weiter.

146


Fassung vom 13.07.2006

115.

SCHWARZMEERKÜSTE - FILYOS/VOR HAUS EMINE

A/T

Nejat will seine Reise fortsetzen. Er verstaut sein weniges Gepäck auf dem Rücksitz. Emine und Şenol stehen dabei und schauen zu. Emine hat einen kleinen Topf mit Wasser in der Hand. NEJAT Ich komme auf dem Rückweg wieder. Sie lächelt und nickt. Dann beugt sich Nejat zu dem kleinen Şenol und küsst ihn auf die Wangen. NEJAT Annene iyi bak, tamam mı? Pass gut auf deine Mutter auf. ŞENOL Tamam. In Ordnung. Nejat und Emine küssen sich auf die Wangen. Dann küsst er sie kurz auf den Mund. Die DORFFRAUEN, die gegenüber auf einer Bank sitzen und Sonnenblumenkerne knabbern, schauen schweigend zu ihnen herüber. EMINE Ist das dein Auto? NEJAT Das hab ich mir ausgeliehen. EMINE Fahr vorsichtig. Die Straßen sind nicht gut. Nejat nickt, steigt ein und fährt davon. Nach einem alten Brauch schüttet sie dem abfahrenden Auto Wasser hinterher. Seine Reise soll wie Wasser fließen. Durch die Heckscheibe, hinter dem herunterfließenden Wasser, sieht man Emine und Şenol kleiner und kleiner werden.

147


Fassung vom 13.07.2006

116.

SCHLESWIG – OBERVERWALTUNGSGERICHT

I/T

In einem anonymen, bürokratischen Raum wird das Urteil über Aytens Verbleib in der Bundesrepublik verlesen. An einem halbrunden Tisch stehen drei RICHTER in blauen Roben, flankiert von zwei ehrenamtlichen BEISITZERN in Zivil. Ihnen gegenüber stehen Ayten, ihre ANWÄLTIN und ein türkischer Dolmetscher. In den Zuschauerreihen hören Lotte und Susanne aufmerksam zu. Der Dolmetscher übersetzt simultan leise in Aytens Ohr. VORSITZENDE RICHTERIN Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Die Berufung der Klägerin gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts ... vom ... wird zurückgewiesen. Gerichtskosten werden nicht erhoben. Die Klägerin hat die Kosten des Verfahrens zu tragen. Nehmen Sie bitte Platz. Alle Anwesenden setzen sich. In Lottes, Aytens und Susannes Gesicht steht Entsetzen. VORSITZENDE RICHTERIN (weiter) Frau Öztürk, Ihre Berufung konnte keinen Erfolg haben. Im Ergebnis hat das Verwaltungsgericht zu Recht Ihre Klage auf Verpflichtung des Bundesamtes, Sie als Asylberechtigte anzuerkennen, abgelehnt. Fassungslos starrt Lotte auf den Richter. Susanne spürt den Schmerz ihrer Tochter und hält ihre Hand. VORSITZENDE RICHTERIN (weiter) Dies wurde im vorliegenden Berufungsverfahren durch die Einholung eines Sachverständigengutachtens nachgeholt. Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme ist davon auszugehen, dass Ihnen im Falle einer Rückkehr in die Türkei eine solche Gefährdung nicht droht. Ayten dreht sich zu Lotte. Ihr Blick sagt: 'Hilf mir!' Lotte nickt ihr zu.

148


Fassung vom 13.07.2006

117.

HAMBURG – FLUGHAFEN/BGS-TERMINAL

I/T

- entfällt -

149


Fassung vom 13.07.2006

118.

HAMBURG - HAUS SUSANNE/LOTTES ZIMMER

I/T

Lotte verschnürt ihren prallgefüllten Rucksack. Sie lässt ihren Blick im Raum umherschweifen, wühlt dann auf ihrem Schreibtisch, reißt Dinge aus ihrem Regal. Sie ist fahrig. Hektisch zieht sie eine Schublade auf, so heftig, daß sie ganz herausfällt. Wütend schmettert sie die Lade samt Inhalt auf den Boden. Susanne steht in der Tür und beobachtet ihre Tochter. Die Blicke der Frauen treffen sich für einen Moment. Ein Streit beginnt. Loche pfeffert weitere Sachen durch’s Zimmer. Susanne nimmt etwas von der Fensterbank. Es ist ein Reisepass. Sie drückt ihn Lotte wortlos in die Hand und geht aus dem Raum. VORSITZENDE RICHTERIN (off) Nach Art. 16 a Absatz 1 Grundgesetz genießt als politisch Verfolgter Asylrecht, wer bei einer Rückkehr in seiner Heimat wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung Verfolgungsmaßnahmen…

150


Fassung vom 13.07.2006

119.

HAMBURG – VOR HAUS SUSANNE/HAUS SUSANNE

A/T

Susanne begleitet Lotte auf die Straße, wo ein Taxi wartet. Mutter und Tochter umarmen sich etwas steif. Lotte steigt ein und das Taxi fährt ab. Susanne blickt dem Wagen hinterher. Lotte schaut sich nicht noch einmal um. VORSITZENDE RICHTERIN (off) …mit Gefahr für Leib und Leben oder Beeinträchtigung seiner persönlichen Freiheit zu erwarten hat. Nach den Feststellungen des Gutachters muss das Gericht jedoch davon ausgehen, dass Sie, Frau Öztürk, politische Verfolgung in der Türkei nicht erlitten haben.

151


Fassung vom 13.07.2006

120.

HAMBURG - HAUS SUSANNE/LOTTES ZIMMER

I/T

- entfällt -

152


Fassung vom 13.07.2006

121.

ISTANBUL – TAKSIMPLATZ

A/T

Buntes, lautes, hektisches Treiben auf dem Taksim-Platz. Wildes Gehupe, schnorrende Bettler, kindliche Schuhputzer, Brezelverkäufer und Passanten - ein einziges Hin- und Her. Alle Menschen scheinen es irgendwie eilig zu haben. Lotte geht mit einem Stadtplan in der Hand über den Platz und fragt einen PASSANTEN nach dem Weg. VORSITZENDE RICHTERIN (off) Im Zuge des beabsichtigten Beitrittes in die Europäische Union kann nicht mehr davon ausgegangen werden, dass es bei der Wiedereinreise in die Türkei…

153


Fassung vom 13.07.2006

122.

ISTANBUL - DEUTSCHES KONSULAT

A/T

Lotte kommt den Hügel der Tophane hinab und erreicht ihr Ziel: Das majestätische Konsulatsgebäude der Bundesrepublik Deutschland in Istanbul. VORSITZENDE RICHTERIN (off) …nach einem erfolglosen Asylverfahren zum Einsatz körperlicher Misshandlungen, also zur Folter kommt.

154


Fassung vom 13.07.2006

123.

ISTANBUL - DEUTSCHES KONSULAT/AUFNAHME

I/T

Durch eine Panzerglasscheibe wird über ein Telefon mit den Konsulatsmitarbeitern kommuniziert. Lotte hat einen Hörer in der Hand und spricht mit einem KONSULATSMITARBEITER um die 50, dem man seine Herkunft nicht ansieht. Es könnte ein deutscher Beamter sein - oder ein türkischer. LOTTE Mit anderen Worten, es interessiert sie nicht, ob meine Freundin hier gefoltert wird oder nicht? KONSULATSMITARBEITER Nichtdeutsche in türkischen Gefängnissen gehören nicht in unseren Zuständigkeits-bereich. LOTTE Haben Sie denn wenigstens einen Tipp, wer mir weiterhelfen kann? Der Konsulatsmitarbeiter seufzt und geht ab. Lotte schaut ihm hinterher. Sie sieht sich in dem kahlen Raum um: LEUTE warten darauf, an die Reihe zu kommen. Jeder hat seine eigene Geschichte. Schließlich kommt der Konsulatsmitarbeiter mit einem Zettel zurück. KONSULATSMITARBEITER Hier. Das ist die Telefonnummer der BARO. Wenn Inhaftierte sich keinen Anwalt leisten können, wird ihnen einer von der BARO gestellt. Vielleicht können die Ihnen weiter helfen. Lotte lächelt dankbar.

155


Fassung vom 13.07.2006

124.

ISTANBUL - STRASSE IN BEYAZIT

A/T

Lotte geht mit einer Sonnenbrille auf der Nase durch das Viertel Beyazit. Sie fragt einen Passanten nach dem Weg und überquert daraufhin die Straße.

156


Fassung vom 13.07.2006

125.

ISTANBUL – ANWALTSKANZLEI

I/T

Lotte sitzt in einem engen Büro RIZA BEY, einem 40 jährigen intellektuellen ANWALT der Linken gegenüber. Neben Riza Bey sitzt SELEN, eine junge Dolmetscherin Anfang 20. Sie trinken Tee. Menschenrechtsplakate und ein Porträt von Kazim Koyuncu zieren die Wände. RIZA BEY Ayten Öztürk, silahlı bir gençlik örgütünün üyesi olmakla itham edilmekte. Devlet bunlara militan, radikal solcu direniş hareketi gözüyle bakıyor. Üyelik söz konusuysa çok ağır bir ceza alması ihtimali oldukça yüksek. SELEN Ayten Öztürk wird beschuldigt, Mitglied einer bewaffneten Studentenvereinigung zu sein. Diese Organisationen werden als militante linksextreme Widerstandsgruppen betrachtet. Die Mitgliedschaft kann sehr hart bestraft werden. LOTTE Zum Beispiel? SELEN Örneğin ne kadar? RIZA BEY 15 – 20 yıla kadar alabilir. SELEN 15 – 20 Jahre. Lotte steht der Mund auf. Ihr wird ganz schwindelig. LOTTE Und wo ist sie jetzt? SELEN Şimdi nerede o? RIZA BEY O şu an Üsküdar Kadın Cezaevi’ßnde mahkeme kararını bekliyor. SELEN Sie sitzt im Frauengefängnis von Üsküdar und wartet auf ihre Urteilsverkündung. LOTTE Glauben Sie, ich kann sie besuchen? SELEN 157


Fassung vom 13.07.2006

Sizce onu ziyaret etmesi mümkün mü? Riza Bey seufzt. RIZA BEY Görebildiğim kadarıyla tutuklu ile akrabalığınız yok. SELEN Sie sind nicht mit Frau Ayten verwandt. LOTTE Nein. RIZA BEY Soyadınız tutuklunun soyadıyla tutmayınca ya da akrabalığınızı belgeleyemediğiniz sürece bir görüş izni çıkarmak çok zor. SELEN Eine Besuchererlaubnis zu bekommen, ohne denselben oder einen ähnlichen Nachnamen wie die Gefangene zu haben, ist sehr schwer. LOTTE Das ist ein seltsames Gesetz. SELEN Tuhaf bir kanun. RIZA BEY Burası Türkiye, kızım. Das ist die Türkei, Mädchen. SELEN Andere Länder, andere Sitten. Lotte schaut ihn an. Reza Bey wendet sich an Selen. RIZA BEY Onun için bir görüş izni çıkarmaya çalışabilirim, fakat oldukça uzun sürebileceğini söyle. Belki iki ay kadar. Bir de söyle ki bu davayı hiç kimse ile konuşmasın. Ayten Öztürk ismini hiç ağzına almasın. SELEN Er kann versuchen, Ihnen eine Erlaubnis zu besorgen, das kann aber ein paar Wochen dauern. Vielleicht sogar zwei Monate. Und Sie dürfen mit niemandem über diesen Fall reden. Den Namen Ayten Öztürk gibt es für Sie nicht mehr!

158


Fassung vom 13.07.2006

126.

ISTANBUL - HOTEL BÜYÜK LONDRA/REZEPTION

I/N

Lotte sitzt barfuss auf dem Fußboden einer antiken Telefonkabine und telefoniert mit ihrer Mutter. FATIH BEY, der Mann von der Rezeption, spielt am Hotelcomputer 'Solitaire'. Dann und wann kreuzt ein GAST oder ein HOTELBOY die Kabine. LOTTE Das Ganze wird ein wenig länger dauern. SUSANNE (off) Ja?! Wie lange denn? LOTTE Ich weiß es nicht so genau. Ein halbes Jahr... SUSANNE (off) Ein halbes Jahr?! LOTTE Vielleicht auch nur ein paar Monate. SUSANNE (off) Und was wird aus deinem Studium? LOTTE Ach, Mama. Das hatte alles sowieso keinen Zweck mehr. SUSANNE (off) Also Lotte, jetzt habe ich es aber satt. Das mach ich nicht mehr mit. Du kannst doch nicht immer dein Leben vertun. Lotte wird sauer. LOTTE Mama, zum ersten Mal hat das, was ich tue, einen Sinn. Zum ersten Mal in meinem Leben, habe ich das Gefühl, gebraucht zu werden! Ich muss Ayten helfen! SUSANNE (off) Wie willst du das denn machen, in einem wildfremden Land, wo du niemanden kennst? LOTTE Ich besorg ihr einen Anwalt, Mama. SUSANNE (off) Und wer soll das bitte bezahlen? Weißt du eigentlich, wieviel mich deine Freundin gekostet hat? Hast du dich das jemals gefragt? Ein Jahr lang habe ich die Anwaltskosten bezahlt! Und wir haben 159


Fassung vom 13.07.2006

verloren. LOTTE Kannst du nicht Papa fragen? SUSANNE (off) Oh nein, den werde ich ganz bestimmt nicht fragen! Schweigen. SUSANNE (off) Lotte, ich möchte, dass du zurückkommst. LOTTE Nein, Mama! SUSANNE (off) Bitte. LOTTE Mama, ich kann nicht! Schweigen. SUSANNE (off) Gut, dann bleib da. Aber sieh zu, wie du zurecht kommst. Ich helf dir nicht. Von jetzt an bist du endlich auf dich gestellt. LOTTE Mama... Susanne legt auf. Fassungslos starrt Lotte vor sich hin. So hat sie ihre Mutter noch nie erlebt.

160


Fassung vom 13.07.2006

127.

ISTANBUL - DEUTSCH-TÜRKISCHE BUCHHANDLUNG

I/T

Nejat sitzt hinter der langen Theke und liest in einem Buch. Cengiz sortiert Bücher aus Kisten in die Regale. Einige KUNDEN schmökern in den vielen Büchern. In den Auslagen sehen wir auch die türkische Ausgabe von Selim Özdoğans ‚Die Tochter des Schmieds’. Lotte kommt in den Laden. LOTTE Hallo! NEJAT Guten Tag. LOTTE Hier soll es eine Pinnwand mit Mitwohngelegenheiten geben? NEJAT Vorne an der Tür. Lotte nickt kurz, geht zurück zur Eingangstür und entdeckt die Wand. Lotte bemerkt das Foto von Yeter: WER KENNT DIESE FRAU? Nejat beobachtet aus den Augenwinkeln, wie Lotte ihren roten Zettel an die Pinnwand heftet. Dann kommt sie wieder auf ihn zu. LOTTE Haben Sie vielleicht Bücher über das türkische Justizsystem? Nejat überlegt einen Moment. Dann steht er auf und schaut in einem der Regale nach. NEJAT Hmm, lassen Sie mich mal schauen. Ich weiß nicht so genau… (Er sucht…) Das hier ist ein Bericht von Amnesty International über die Türkei 2005. Da kommen politische Strafverfahren vor. LOTTE Kann ich da mal reinschauen? NEJAT Klar. Setz dich. Willst du einen Tee? LOTTE Gern.

161


Fassung vom 13.07.2006

NEJAT Cengiz. Bayana bir çay, bana da bir sade olsun. Cengiz. Bring der Dame einen Tee. Für mich einen Mokka. Lotte lächelt dankbar. Cengiz geht los. Lotte setzt sich an den Tisch und macht sich ein paar Notizen auf einem Stück Papier. Nejat beobachtet sie. NEJAT Studierst du Jura? LOTTE Nee. Ich hab Spanisch und Englisch studiert. NEJAT Ah ja. Nejat nickt und kümmert sich um einen KUNDEN, der nach einem Roman von Orhan Pamuk fragt. Nach ein paar Stunden ist der Laden leer und Nejat will Feierabend machen. Nur Lotte ist noch im Laden. Nejat steht an der Tür. NEJAT Ich wollte Schluss machen. LOTTE Oh. Sie legt das Buch zur Seite und kommt hinaus. Nejat schaut auf die Pinnwand. Er betrachtet Lotte. Irgendwie sieht die ganz nett aus. NEJAT Ist das dein Zettel? Er deutet auf ihren Zettel. Sie nickt. NEJAT Ich hätte ein Zimmer zur Untermiete. LOTTE Aha!

162


Fassung vom 13.07.2006

128.

ISTANBUL – ÇUKURCUMA

A/T

Lotte und Nejat gehen durch das schöne, alte Viertel Çukurcuma unterhalb von Beyoglu und betreten ein altes Gebäude deutscher Architektur aus der Gründerzeit. NEJAT Warum interessierst du dich für das türkische Rechtssystem? LOTTE Ich habe eine Freundin, die hier im Gefängnis sitzt. NEJAT Aha. Und weswegen? LOTTE Das weiß ich selber nicht so genau. NEJAT Wie heißt denn deine Freundin? Lotte überlegt einen Moment. LOTTE Gül. Gül Korkmaz. Nejat nickt nachdenklich.

163


Fassung vom 13.07.2006

129.

ISTANBUL - WOHNUNG NEJAT

I/T

Nejat führt Lotte durch eine spärlich eingerichtete 3-Zimmer Wohnung. In einem der Zimmer schläft Nejat auf einer Matratze, in einem anderen Zimmer steht sein Schreibtisch mit Laptop, eine mp3-Anlage und Regale voller Bücher. Lotte schaut sich alles an. Es gibt eine kleine, niedliche Küche und ein drittes Zimmer mit einer Couch und einem Schrank. NEJAT 100 Euro im Monat. LOTTE Aha. Danke! NEJAT Bitte.

164


Fassung vom 13.07.2006

130.

ISTANBUL – FRAUENGEFÄNGNIS ÜSKÜDAR/HOF

A/T

Einige GEFANGENE haben auf dem Gefängnisshof ein Netz gespannt und spielen Volleyball. Eine der Spielerinnen ist Ayten, die schwitzend ihr Haar zum Zopf gebunden hat. Nurhan, die andere politische Gefangene im Trakt, die wir schon zu Anfang der Geschichte kurz kennen gelernt haben, eine hagere Frau Mitte 30 mit herben Gesichtszügen, tritt an den Spielfeldrand und beobachtet sie. Als das Spiel unterbrochen wird, spricht Nurhan Ayten an. NURHAN Seninle konuşmam gerek. Ich muß mit dir reden. Ayten wendet sich an eine etwas füllige Mitgefangene. AYTEN Filiz, sen geçsene. Filiz, übernimm mal! Etwas später stehen die beiden Frauen abseits vom Spielfeld und rauchen. NURHAN Bir dahaki ayda Van’dan yoldaşlar›m›z gelecek. Önemli toplantımız var. Örgütün geleceği tart›şılacak. Onlara koruma sağlayacağız. Nächsten Monat kommen Genossen aus Van zu einem wichtigen Treffen. Es geht um die Zukunft unserer Organisation. Wir müssen ihnen Schutz bieten. Ayten schaut ihre Genossin wortlos an. NURHAN Onu nereye saklad›n? Wo hast du sie versteckt? AYTEN Sana güvenebileceğimi nereden bileyim? Woher weiß ich, daß ich dir vertrauen kann? NURHAN Manyak m›s›n k›z›m sen? Bist du völlig übergeschappt? AYTEN Bilmiyorum. Olabilir. Weiß ich nicht. Kann sein. Sie geht zurück auf das Spielfeld und läßt Nurhan stehen. 165


Fassung vom 13.07.2006

131.

ISTANBUL – FRAUENGEFÄNGNIS ÜSKÜDAR/KOGUS

I/T

Aytens Zelle ist ein so genannter 'Koğus', eine Gemeinschaftszelle, in der bis zu 15 Insassen sitzen; Frauen jeden Alters, von blutjungen, hübschen Mädchen bis zu Frauen jenseits der 60. Sie kochen Tee, häkeln, unterhalten sich, schauen fern oder lesen Zeitung, so wie Ayten auf ihrer Pritsche. Nurhan kommt in die Zelle, setzt sich zu ihr und lächelt sie an. NURHAN Doğru hareket ediyorsun. Du machst es schon richtig. Nurhan streicht Ayten über den Kopf und geht ab. Ayten schaut ihr hinterher.

166


Fassung vom 13.07.2006

132.

ISTANBUL - STRASSE VOR HAUS NEJAT

A/T

Etwa sechs Wochen später kommt Lotte aus dem Haus. Die BESITZER eines Antiquariats gegenüber sitzen auf dem Gehsteig und spielen Backgammon. Sie kennen Lotte inzwischen und grüßen sie freundlich auf Türkisch. Lotte grüßt auf Türkisch zurück und geht die Straße hinunter.

167


Fassung vom 13.07.2006

133.

ISTANBUL - FÄHRE NACH ÜSKÜDAR

A/T

Lotte sitzt an Deck der Fähre nach Üsküdar. Sie bestellt sich ganz selbst-verständlich einen Tee.

168


Fassung vom 13.07.2006

134.

ISTANBUL – TAXI

I-A/T

Lotte sitzt auf dem Beifahrersitz und kaut nervös Kaugummi. Das Taxi passiert einen Friedhof. Links und rechts der Straße stehen Gräber.

169


Fassung vom 13.07.2006

135.

ISTANBUL - FRAUENGEFÄNGNIS ÜSKÜDAR

I/T

Lotte wird von einer AUFSEHERIN durchsucht. Eine 2. AUFSEHERIN schaut dabei zu. Wie beim Sicherheitscheck am Flughafen muss sie alle Metallgegenstände abgeben: Ohrringe, Gürtel, Kette, Münzen. Sie muss die Schleuse mehrmals passieren. Schließlich piept es nicht mehr und sie kann ihre Turnschuhe wieder anziehen.

170


Fassung vom 13.07.2006

136.

ISTANBUL - FRAUENGEFÄNGNIS ÜSKÜDAR/BESUCHERRAUM

I/T

Heute ist offener Besuchstag, das heißt, an einem langen Tisch sitzen die weiblichen GEFANGENEN ihren BESUCHERN gegenüber. Lebhafte Gespräche schwirren durch den Raum, manche weinen, andere lachen, man tauscht sich aus. Ein paar SOLDATEN stehen an der Tür und achten darauf, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Lotte sitzt schon am Tisch, als Ayten den Raum betritt. Ayten grinst knapp. Eine Träne kullert ihre Wange herunter. Auch Lotte kommen die Tränen. Die beiden Frauen dürfen sich nicht umarmen, also halten sie sich fest an den Händen und lassen nicht los. Einen Moment schauen sie sich an. Und lachen dann unvermittelt und befreit. LOTTE Why are all these women here? AYTEN Most of them killed their husbands. LOTTE Oh. Sie lachen wieder und halten sich noch fester an den Händen. AYTEN It is good you came today. Only once a month they make this open visit. Sie spielen mit ihren Händen, schauen sich verlegen an. LOTTE I want to help you. Ayten schaut sie einen Moment an, blickt auf Lottes Hände, fühlt ihre Haut und sieht ihr dann tief in die Augen. AYTEN Do you love me? Lotte schaut sie fest an. LOTTE Yes. Und bevor Lotte es so richtig merkt, hat Ayten ihr einen Zettel in die Hand gedrückt. AYTEN You must help some friends of mine! Lotte schaut sie fragend an. AYTEN You are neutral. Nobody knows you. Lotte nickt.

171


Fassung vom 13.07.2006

AYTEN All you have to do is to get something from the place written on the paper. Lotte starrt Ayten mit groĂ&#x;en Augen an. LOTTE And what do you want me to do with this‌ something? AYTEN Just keep it. Somebody will find you and get it. LOTTE And what do you need it for? AYTEN It is just to protect somebody. Lotte starrt sie immer noch an. AYTEN Trust me. Lotte nickt.

172


Fassung vom 13.07.2006

137.

ISTANBUL - GASSEN IN KADIKÖY

A/T

Lotte geht durch die verwinkelten Gassen von Kadiköy und sucht nach einer Adresse. Wir waren schon einmal hier, zu Anfang des Films, als Ayten am 1. Mai vor der Polizei geflüchtet ist. Lotte geht in das Haus, durch das Ayten damals davongekommen ist.

173


Fassung vom 13.07.2006

138.

ISTANBUL - KADIKÖY/TREPPENHAUS

I/T

Lotte steigt die Treppen bis ganz nach oben, kommt an die Tür, die zum Dach führt. Die Tür ist verschlossen. Lotte überlegt und klingelt an einer Wohnungstür. Die ALTE FRAU, die wir schon kennen, öffnet. Die beiden schauen sich an.

174


Fassung vom 13.07.2006

139.

ISTANBUL - KADIKÖY/DACH

A/T

Die Solaranlage fällt Lotte sofort ins Auge. Sie sucht zielstrebig und findet die Motorradmaske mit dem schweren Inhalt. Lotte steckt das schmutzige Bündel in ihre Umhängetasche und verlässt das Dach.

175


Fassung vom 13.07.2006

140.

ISTANBUL - GASSEN VON TOPHANE

A/T

Eilig und nervös läuft Lotte durch die Gassen von Beyoglu. Sie meidet die volle Einkaufsstrasse und geht durch die Gassen beim Transenstrich. Plötzlich ist Lotte von 4 Kindern umgeben, völlig verwahrloste KLEBSTOFF-SCHNÜFFLER, Straßenkinder zwischen 8 und 12 Jahren, die sich das Hirn weggeätzt haben. KINDER Abla mendil al, lütfen mendil al. Schwester, kauf' uns Taschentücher ab, bitte. Die Kinder bedrängen Lotte, sie betteln körperlich, zerren an ihrer Jacke, an ihrer Tasche und an ihren Beinen. Lotte nimmt sich zusammen und gibt sich Mühe, keinen hysterischen Anfall zu bekommen. LOTTE Hey! KINDER Abla lütfen! Schwester, bitte! LOTTE Haut ab! Plötzlich laufen die Kinder wie von der Tarantel gestochen davon. Sie haben ihre Beute! Lottes Umhängetasche! LOTTE Scheiße! Hey! Sie rennt den Kindern hinterher. Die verteilen sich in verschiedene Richtungen. Lotte weiß nicht, wem sie hinterherlaufen soll, also läuft sie instinktiv in eine Gasse. Die Kinder sind weg. Lotte rennt weiter. LOTTE Verdammt! Sie sucht die Kinder im Labyrinth der Gassen. Sie will schon aufgeben, da kommt sie an eine ziemlich verwahrloste, menschenleere Ecke. In einem verfallenen Altbau, der total entkernt ist, hocken die Kinder mit zusammen-gesteckten Köpfen auf dem Boden. LOTTE Ey!

176


Fassung vom 13.07.2006

Die Kinder erschrecken. Eines von ihnen hat eine Plastiktüte mit Klebstoff in der einen und einen undefinierbaren Gegenstand in der anderen Hand. Der Junge ist vielleicht 10, er grinst debil, denn er ist total high. Lotte kommt auf die Gruppe zu. Da richtet der Junge den Gegenstand auf Lotte. Es ist eine Waffe! Der Junge spielt und imitiert mit seiner Stimme imaginäre Schüsse. Doch dann löst sich ein Schuss und trifft Lotte direkt ins rechte Auge. Sie fällt sofort um. Die Kinder rennen davon. Nur der Junge, der geschossen hat, schaut noch einen Moment konsterniert und erschrocken auf Lotte. Ihr linkes Auge ist weit aufgerissen und bildet einen schrecklichen Kontrast zu dem blutigen Loch auf der rechten Seite. Dann rennt auch er davon.

177


Fassung vom 13.07.2006

141.

ISTANBUL - FRAUENGEFÄNGNIS ÜSKÜDAR/KOGUS

I/T

Ayten liest Zeitung, als eine AUFSEHERIN in die Zelle kommt. AUFSEHERIN Ayten! Gel! Ayten! Komm mit! Ayten legt die Zeitung beiseite und geht hinaus.

178


Fassung vom 13.07.2006

142.

ISTANBUL - FRAUENGEFÄNGNIS ÜSKÜDAR/HOF

A/T

Ayten wird von zwei AUFSEHERINNEN über den Hof geführt. Dabei treffen sie auf Nurhan. Nurhan blickt Ayten fragend an. ‚Hat es geklappt?’ Ayten antwortet mit einem Augenzwinkern. Die Aufseherinnen ziehen Ayten weiter. Wäsche hängt hier und da aus den Fenstern.

179


Fassung vom 13.07.2006

143.

ISTANBUL - FRAUENGEFÄNGNIS/BÜRO DES DIREKTORS

I/T

Der GEFÄNGNISDIREKTOR, ein sympathisch wirkender Mann um die 50, verlässt sein Büro und überlässt es zwei SICHERHEITSBEAMTEN, die Ayten gegenüber stehen. SICHERHEITSBEAMTER 1 Dün ziyaretine gelen kız kimdi? Wer war das Mädchen, das dich gestern besucht hat? AYTEN Avukatım olmadan hiçbir soruya cevap vermem. Ich beantworte keine Fragen ohne die Anwesenheit meines Anwalts. Jetzt tritt der 2. Sicherheitsbeamte vor. Er ist älter als der andere. SICHERHEITSBEAMTER 2 Bak, birini ihbar etmeni istemiyoruz. Ama ortada uluslararası bir kriz var. Yurtdışından önemli adamlar gelmiş, bir sürü soru soracaklar bize. Senden gayet medeni bir şekilde bize yardımcı olmanı rica ediyoruz. Dün öğle saatlerinde bir Alman vatandaşı senin koğuşuna geliyor. Beş saat sonra sokakta ölü bulunuyor. Wir verlangen nicht, daß du hier jemanden verrätst. Aber jetzt haben wir eine internationale Krise. Wichtige Männer aus dem Ausland sind da und stellen eine Menge Fragen. Also bitten wir dich friedlich um deine Kooperation. Gestern Mittag besucht dich eine deutsche Staatsbürgerin und fünf Stunden später liegt sie erschossen auf der Straße. Ayten ist geschockt und atmet heftig. SICHERHEITSBEAMTER 2 Bana bak kızım bize baskı yapıyorlar. Sen şimdi bize yardımcı ol biz de sana yardımcı olalım. Yakında mahkeme kararının verileceğini biliyorsun. Bize yardımcı olur ve pişmanlık yasasından yararlanırsan serbest kalma ihtimalin var. Hör mal, Mädchen, wir stehen unter Druck. Wenn du uns jetzt hilfst, dann helfen wir dir. Du weißt, dass dein Urteil bald ansteht?! Wenn du uns hilfst und auch bereust, kommst du vielleicht frei. Ayten fängt an, zu weinen. Die Beamten schauen sich an. Dann wendet sich der Erste 180


Fassung vom 13.07.2006

wieder an Ayten. SICHERHEITSBEAMTER 1 O kız kimdi, Ayten? Wer war das Mädchen, Ayten?

181


Fassung vom 13.07.2006

144.

ISTANBUL - ATATĂœRK FLUGHAFEN

I-A/T

Es ist fast die identische Situation wie damals, als am Istanbuler Flughafen Yeters Sarg aus dem Flugzeug geholt wurde. Nur wird diesmal ein Sarg an Bord gebracht. Darin liegt Lotte.

182


Fassung vom 13.07.2006

145.

SCHWARZMEERKÜSTE – LANDSCHAFTEN

A/T

Nejat ist auf dem langen Weg von Filyos nach Trabzon. Die Straße geht quer durchs Land, bis sie irgendwann wieder zur Küste führt. Der weiße Renault-Broadway fährt durch karge Landschaften, unendlich weite Felder, in der Ferne schneebedeckte Berge, durch Ortschaften mit merkwürdiger, sozialistisch anmutender Architektur. Er passiert die hässliche Stadt Samsun und fährt dann immer weiter am Schwarzen Meer entlang. Hinter einer Reihe von Pinienbäumen geht schließlich die Sonne unter.

183


Fassung vom 13.07.2006

146.

TRABZON - VOR HOTEL

A/N

Der Renault-Broadway kommt in der Nacht endlich in Trabzon an und hält vor dem Hotel 'Büyük Trabzon Oteli'. Völlig erschöpft steigt Nejat aus und betritt das Gebäude.

184


Fassung vom 13.07.2006

147.

TRABZON - GASSEN DER ALTSTADT

A/N

Etwas später schlendert Nejat alleine durch die verlassenen, mit gelben Metalldampflampen erleuchteten Gassen der Trabzoner Altstadt. Von irgendwoher weht ihm Musik entgegen. Es ist das Lied von Kazim Koyuncu, das ihn auf seiner Reise begleitet hat. Er entdeckt das Gebäude, aus dem die Musik dringt und geht hinein.

185


Fassung vom 13.07.2006

148.

TRABZON – MUSIKCLUB

I/N

Nejat steigt ein seltsames Treppenhaus empor und betritt oben angekommen einen großen Laden, der bis auf die wenigen alternativ angehauchten MITARBEITER leer ist. Auf einem Barhocker sitzt ŞEVVAL SAM und singt das uns bekannte Lied und begleitet sich selbst auf der Gitarre. Nejat, der einzige Gast, bestellt sich ein Bier. Als sie mit dem Lied fertig ist, kommt Şevval an die Bar. NEJAT Güzel şark›. Ein schönes Lied. ŞEVVAL Sağol… Danke… NEJAT Çok üzgün. Sehr traurig. ŞEVVAL Buradaki insanlar acıyı seviyor. Die Menschen hier leiden gerne. Die beiden schauen sich an. ŞEVVAL Bob Dylan’ın ninesinin Trabzon’lu olduğunu biliyor muydunuz? Wussten Sie, dass die Großmutter von Bob Dylan aus Trabzon war? Nejat schüttelt den Kopf. Şevval lächelt, verabschiedet sich und geht. Nejat schaut ihr hinterher und trinkt sein Bier aus.

186


Fassung vom 13.07.2006

149.

TRABZON - GASSEN DER ALTSTADT

A/T

Am nächsten Tag schlendert Nejat wieder durch dieselben Gassen, die nun voller Menschen sind. Schließlich findet er, was er suchte: Den Fanshop des Fußballvereins Trabzonspor. Nejat betritt den Laden.

187


Fassung vom 13.07.2006

150.

TRABZON - TRABZONSPOR FANSHOP

I/T

Im Laden herrscht hektische Betriebsamkeit. Nejat findet ein Trikot in Şenols Größe. Er schnappt sich die passenden Shorts und Stutzen und noch ein Paar Fußballschuhe.

188


Fassung vom 13.07.2006

151.

HIMMEL

A/T

Am Himmel ziehen dicke Wolken umher. Die himmlische Ruhe wird von einer vorbeiziehenden Boeing 737 der THY gestĂśrt. Auf Englisch wird gerade der Anflug auf den Istanbuler Flughafen verkĂźndet.

189


Fassung vom 13.07.2006

152.

FLUGZEUG

I/T

- entfällt -

190


Fassung vom 13.07.2006

153.

ISTANBUL - ATATÜRK FLUGHAFEN/PASSKONTROLLE

I/T

Susanne steht in der Schlange für Ausländer. Ein paar Meter weiter steht Ali in der Reihe für türkische Staatsbürger. Er ist jetzt dran und sieht sich einem JUNGEN GRENZBEAMTEN gegenüber. Der mustert seinen Pass ganz genau. Dann kommt er aus seiner Kabine und führt Ali ab.

191


Fassung vom 13.07.2006

154.

ISTANBUL – KARAKÖY/FISCHMARKT

I/T

Ali sitzt auf einer Bank am Ufer mit Blick auf das Goldene Horn und liest die letzten Seiten von Selim Özdoğans ‚Die Tochter des Schmieds’, das Buch, das ihm Nejat einst mitgebracht hat. Berührt klappt er das Buch zu und legt es zur Seite. Sein Blick schweift in die Ferne und bleibt auf ein paar Fischerbooten hängen, die auf dem Wasser schaukeln.

192


Fassung vom 13.07.2006

155.

ISTANBUL - HOTEL BÜYÜK LONDRA/ZIMMER 403

I/N-MO-T-AB

Susanne steht am Fenster ihres Hotelzimmers und schaut auf die Skyline von Istanbul. Susanne hyperventiliert heftig. Dann sitzt sie auf dem Bett und weint bitterlich. Gegen Morgengrauen ist sie eingedöst. Am Mittag wählt sie eine Nummer auf dem Hoteltelefon, doch es hebt niemand ab. Schließlich bricht sie ohnmächtig zusammen und liegt ein paar Stunden auf dem Boden. Gegen Abend steht sie auf, trinkt gierig eine Flasche Wasser und versucht erneut, zu telefonieren. Diesmal meldet sich eine Mailbox am anderen Ende der Leitung. SUSANNE Guten Abend. Mein Name ist Susanne Staub, ich bin die Mutter von Charlotte Staub. Ich habe Ihre Nummer vom Deutschen Konsulat. Ich möchte Sie treffen, wenn das möglich ist.

193


Fassung vom 13.07.2006

156.

ISTANBUL - HOTEL BÜYÜK LONDRA/LOBBY

I/N

Nejat betritt die Lobby und schaut sich suchend um. Er entdeckt Susanne an einem Tisch und geht zu ihr. NEJAT Frau Staub? Sie schaut zu ihm auf. NEJAT Ich bin Nejat Aksu. SUSANNE Setzen Sie sich doch. Er setzt sich zu ihr. Sie mustert ihn mit glasigen Augen. NEJAT Mein herzliches Beileid. SUSANNE Danke. Nejat sitzt linkisch da. Was kann er der Frau, die vor kurzem ihre Tochter verloren hat, schon sagen? Der Kellner bringt Whisky und Kaffee für Susanne. SUSANNE Möchten Sie etwas trinken? NEJAT Bana da aynısından getirin lütfen. Bringen Sie mir dasselbe. KELLNER Bir kahve, bir whisky. Tamam. Ein Kaffee, einen Whisky. In Ordnung. Der Kellner geht ab. SUSANNE Woher wussten Sie, dass ich es bin? NEJAT Sie sind der traurigste Mensch in diesem Raum. Susanne nickt kurz. SUSANNE Wie gut kannten Sie meine Tochter? NEJAT Sie war mir sympathisch. Der Kellner kommt wieder und serviert. Nejat nimmt einen Schluck Whisky. 194


Fassung vom 13.07.2006

NEJAT Haben Sie schon gegessen? Susanne schĂźttelt den Kopf. NEJAT Wollen wir irgendwo hingehen? SUSANNE Ich wĂźrde lieber das Zimmer meiner Tochter sehen. Nejat nickt.

195


Fassung vom 13.07.2006

157.

ISTANBUL – TAKSIM PLATZ

A/N

Ein Taxi schlängelt sich durch den nächtlichen Verkehr. NEJAT (off) Sind Sie das erste Mal in Istanbul? SUSANNE (off) Ich war vor 30 Jahren schon einmal da. Das sah damals aber alles ganz anders aus. NEJAT (off) Was haben Sie vor 30 Jahren hier gemacht? SUSANNE (off) Ich bin per Anhalter nach Indien gefahren. Das war doch damals angesagt.

196


Fassung vom 13.07.2006

158.

ISTANBUL - WOHNUNG NEJAT

I/N

Sie betreten das Zimmer. In einer Ecke stehen ein paar Umzugskartons. NEJAT Ich habe ihre Sachen in den Kisten verstaut. Susanne setzt sich auf das Bett und schaut auf die Kartons. Dann fängt sie wieder an, zu weinen. Nejat zögert einen Moment, setzt sich schließlich zu ihr und hält sie fest. Sie weint noch mehr und er umarmt sie. Etwas später hat sie sich beruhigt. SUSANNE Danke. NEJAT Kann ich noch etwas für Sie tun? SUSANNE Ich möchte noch bleiben. NEJAT Natürlich. Sie schaut ihn dankbar an und lächelt. Nejat geht aus dem Zimmer, lehnt die Tür an und schleicht linkisch durch die Wohnung. Susanne schaut sich Lottes Sachen an: Kleidung, ein paar Bücher und ein Tagebuch. Susanne legt sich auf das Bett, liest in dem Tagebuch, lässt es aber bald sinken und schläft erschöpft ein.

197


Fassung vom 13.07.2006

159.

ISTANBUL - WOHNUNG NEJAT

I/MODÄ

Susanne wacht auf. Der Raum liegt im Halbdunkel. Lotte ist im Zimmer. Sie schaut ihre Mutter lächelnd an. Dabei summt sie ein Lied: 'Brahms Wiegenlied'. Dann geht sie rückwärts in den Raum und verschwindet. Susanne erhebt sich und sitzt auf dem Bett.

198


Fassung vom 13.07.2006

160.

ISTANBUL - DEUTSCH-TÜRKISCHE BUCHHANDLUNG

I/T

Cousin Ufuk und Nejat sitzen in einer Ecke des Buchladens und trinken Tee. Nejat blickt nachdenklich drein. UFUK Seni görmek isteyip istemeyeceğini sordum. O beni görmek istemez dedi bana. Ich habe ihn gefragt, ob er dich sehen will, doch er meinte, du würdest das bestimmt nicht wollen. NEJAT Bu konuda haklıydı. Da hat er recht gehabt. UFUK Birkaç gün bende kalmasını teklif ettim ama hemen Trabzon’a devam etmek istedi. Dün akşam otogara götürdüm. Ich habe ihm angeboten, noch ein paar Tage bei mir zu wohnen, aber er wollte gleich weiter nach Trabzon. Gestern Abend habe ich ihn zum Bus gebracht. NEJAT Trabzon’da ne işi varmış? Was will er denn in Trabzon? UFUK Balık tutacağını söyledi. Er hat gesagt, er will fischen. Cousin Ufuk trinkt seinen Tee aus und steht auf. UFUK Ben kalkıyorum. Kendine iyi bak. Ich bin weg. Pass auf dich auf. NEJAT Sen de kendine iyi bak, Ufuk’çuğum. Du auch, Bruder Ufuk. Sie küssen sich zum Abschied. Cousin Ufuk sieht das Foto von Yeter an der Pinnwand. UFUK Şimdiye kadar hiç arayan oldu mu? Hat sich eigentlich bisher irgendjemand gemeldet?

199


Fassung vom 13.07.2006

Nejat schüttelt den Kopf. Ufuk geht aus dem Laden und Nejat ist alleine. Vor Wut wirft er plötzlich einen Stapel Bücher zu Boden. Etwas später kommt Nejat an die Pinnwand, nimmt den Steckbrief mit Yeters Foto ab, faltet ihn zusammen und steckt ihn ein. Auf der Korktafel bleibt ein Rechteck zurück, umrahmt von vielen Zetteln und Flyern in allen Formen und Größen.

200


Fassung vom 13.07.2006

161.

ISTANBUL - STRASSE VOR HAUS NEJAT

A/AB

Nejat hat Feierabend und kommt nach Hause. Auf den Stufen zu seiner Haustür sieht er zu seiner Überraschung Susanne sitzen. Sie hat ihr Gepäck dabei und schaut ihn an. Das Gebäude neben Nejats Haus, ein ehemals wunderschöner Altbau, zerfällt vor sich hin. NEJAT Hallo. SUSANNE Ein Jammer, was aus diesem Haus geworden ist. Warum kümmert sich niemand darum? NEJAT Korruption… Parkhausmafia… Kulturverfall… SUSANNE (steht auf) Kann ich ein paar Tage in Ihrer Wohnung bleiben? Es hat mir letzte Nacht gut getan, hier zu schlafen. NEJAT Haben Sie schon gegessen? SUSANNE Nein. Aber heute habe ich Hunger. Sie lächelt ihn an. Er erwidert das Lächeln.

201


Fassung vom 13.07.2006

162.

ISTANBUL - RESTAURANT YACUP 2

I/N

Das beliebte Restaurant ist voll besetzt. An allen Tischen wird ausgiebig gespeist. Die KELLNER haben alle Hände voll zu tun. Susanne und Nejat sitzen an einem der Tische und essen Mezze; Vorspeisen, die auf kleinen Tellern serviert werden. Eine Flasche Raki steht auf dem Tisch. Nejat registriert zu seiner Erleichterung, dass Susanne großen Appetit hat. Das Lied 'Muhabett Abla' in der Version von SAFIYE AYLA läuft. NEJAT Worauf wollen Sie trinken? SUSANNE (überlegt kurz) Auf den Tod. Nejat lächelt und so stoßen sie an und trinken. SUSANNE Nehmen Sie's mir nicht übel, aber heute ist mir nach Betrinken. NEJAT Vielleicht mach ich mit. Die beiden essen einen Moment lang. SUSANNE Sind Sie jetzt schon ganz weg aus Deutschland? NEJAT Wissen Sie, es klingt vielleicht komisch, aber diese Stadt ist sowas wie Niemandsland. Sie schaut ihn an. Er weiß nicht, ob sie ihn versteht. SUSANNE Für Sie? NEJAT Ja. Hier bin ich frei. SUSANNE Niemandsland…wo gibt es denn das Visum? (Sie lachen) Was hat Lotte Ihnen an Miete bezahlt? NEJAT Warum fragen Sie? SUSANNE Wäre ich Ihnen als Untermieterin recht? Nejat überlegt einen Moment.

202


Fassung vom 13.07.2006

NEJAT Wie lange wollen Sie denn bleiben? SUSANNE Ich mรถchte den Weg meiner Tochter zu Ende gehen. Ich weiร nicht, wie lange das dauern wird. Nejat schaut sie nachdenklich an. NEJAT Was wollen Sie als Hauptspeise, Fisch oder Fleisch?

203


Fassung vom 13.07.2006

163.

ISTANBUL - ÇUKURCUMA/STRASSE VOR HAUS NEJAT

A/T

Ein paar Wochen später verlässt Susanne das Haus, wie es einst ihre Tochter getan hat. Das Nachbargebäude, das bei ihrer Ankunft total baufällig war, ist jetzt eingerüstet und wird renoviert. Die Jungs aus dem Antiquariat gegenüber grüßen sie höflich. Sie grüßt zurück.

204


Fassung vom 13.07.2006

164.

ISTANBUL - FRAUENGEFÄNGNIS/BESUCHSKABINEN/HOF

I-A/T

Susanne wird von einer AUFSEHERIN in eine der Telefonkabinen geführt. Sie wartet auf Ayten, die von einer anderen AUFSEHERIN über den Hof zu den Kabinen geführt wird. Die beiden Frauen schauen sich an. Schließlich greifen sie zu den Hörern. AYTEN I am sorry. I don’t know. I’m so sorry. Ayten schaut sie an, mit Tränen in den Augen. AYTEN Forgive me! Forgive me! Schluchzend schlägt sie mit dem Hörer gegen die Plexiglasscheibe. Susanne versucht, Ayten zu beruhigen. SUSANNE Stop hurting yourself! Ayten schaut sie verheult an. SUSANNE I am here to help you. That’s what she wanted, that’s what I want now. Whatever you need, a good lawyer, money, food, anything… just let me know. Ayten schaut sie an. Sie kann es nicht so recht verstehen. AYTEN Forgive me. Ayten schluchzt wieder los.

205


Fassung vom 13.07.2006

165.

ISTANBUL - FRAUENGEFÄNGNIS ÜSKÜDAR/FLUR

I/T

Etwas später wird Ayten wieder in ihre Zelle geführt. Ayten und die Aufseherin passieren Nurhan, die neugierig auf die verweinte Ayten schaut. NURHAN Ne oldu, Ayten? Was hast du, Ayten? AYTEN Bir şey yok. Nichts. Als Ayten und die Aufseherin an Nurhan vorbei sind, wendet sich Ayten an die Aufseherin. AYTEN Müdüre söyle ben yaptıklarımdan pişmanım. Sag dem Direktor, dass ich meine Tat bereue. AUFSEHERIN Söylerim. In Ordnung.

206


Fassung vom 13.07.2006

166.

ISTANBUL - FRAUENGEFÄNGNIS ÜSKÜDAR/KOGUS

I/T

Ayten kommt zurück in ihre Zelle und klettert auf ihr Hochbett. Sie vergräbt ihr Gesicht in den Händen. Nurhan steht in der Tür und beobachtet sie.

207


Fassung vom 13.07.2006

167.

ISTANBUL - BEYOGLU/ÇUKURCUMA/CIHANGIR

A/MODÄ

Von den Minaretten diverser Moscheen erklingt der Ruf des Muezzins und lädt zum Morgengebet ein.

208


Fassung vom 13.07.2006

168.

ISTANBUL - WOHNUNG NEJAT

I-A/MODÄ

Susanne steht am Fenster und schaut hinaus. Die Straße ist voller MÄNNER aller Altergruppen in 'Sonntagsanzügen', die zum Morgengebet wollen. Nejat will gerade ins Bad, als er Susanne am Fenster stehen sieht. Er kommt zu ihr und schaut mit ihr aus dem Fenster. SUSANNE Wohin gehen all diese Menschen? NEJAT In die Moschee. Heute beginnt Bayram, das dreitägige Opferfest. SUSANNE Was genau wird da geopfert? NEJAT Gott wollte von Ibrahim wissen, wie stark sein Glaube ist. Also befahl er ihm, seinen Sohn Ismail zu opfern. Ibrahim führte seinen Sohn auf den Opferberg, doch in dem Moment, in dem er zustechen wollte, wurde sein Messer stumpf. Gott war zufrieden und schickte Ibrahim ein Schaf. Er sollte dieses Schaf anstelle seines Sohnes opfern. SUSANNE Diese Geschichte gibt es bei uns auch. NEJAT Ich weiß noch, wie ich meinen Vater fragte, ob er mich auch opfern würde. Als Kind hat mir diese Geschichte Angst gemacht. Meine Mutter ist früh verstorben, wissen Sie. SUSANNE Was hat Ihr Vater Ihnen geantwortet? NEJAT Er sagte, er würde sich sogar Gott zum Feind machen, um mich zu beschützen. Sie schaut ihn einen Moment an. SUSANNE Lebt ihr Vater noch? Er schaut sie an und nickt knapp. NEJAT Würden Sie für ein paar Tage die Buchhandlung übernehmen? 209


Fassung vom 13.07.2006

Sie schaut ihn an und lächelt. SUSANNE Warum nicht?

210


Fassung vom 13.07.2006

169.

ISTANBUL - FRAUENGEFÄNGNIS ÜSKÜDAR/KOGUS

I/T

Aytens letzter Tag im Knast: Sie verschenkt ihre Sachen an ihre Mitgefangenen: Bücher, einen Walkman und ein paar Klamotten. Dann geht die Tür auf und die Aufseherin winkt Ayten heraus. ZELLENGENOSSIN Geçmiş olsun, Ayten. Möge es schnell vorüber gehen, Ayten. AYTEN Size de. Euch auch. Die Frauen küssen sich zum Abschied. Dann geht Ayten hinaus.

211


Fassung vom 13.07.2006

170.

ISTANBUL - FRAUENGEFÄNGNIS ÜSKÜDAR/FLUR

I/T

Zwei Aufseherinnen begleiten Ayten hinaus. Im Gang begegnen sie noch ein letztes Mal Nurhan. NURHAN Sen pişmanlıktan mı çıktın? Hast du bereut? Ayten schaut sie mit einer Mischung aus Wut und Verachtung an. AYTEN Aynen öyle. Ja, das habe ich. Nurhan spuckt Ayten ins Gesicht. Eine der Aufseherinnen packt Nurhan und zieht sie beiseite. Die andere führt Ayten ab, die sich den Speichel aus dem Gesicht wischt.

212


Fassung vom 13.07.2006

171.

ISTANBUL - FRAUENGEFÄNGNIS ÜSKÜDAR/HOF

A/T

Ayten steht im Hof bei den Besuchskabinen und telefoniert aus einer Telefonzelle. AYTEN Frau Staub? Guten Morgen! It's me! Ayten! I am free! Yes! They let me go. It went fast, because of Bayram. (Sie hört zu) Tünel. I know… Auf Wiedersehen. Tamam, I’m coming.

213


Fassung vom 13.07.2006

172.

ISTANBUL - FÄHRE NACH KARAKÖY

A/T

Ayten steht auf der Fähre und schaut aufs Wasser. Sie genießt die Freiheit.

214


Fassung vom 13.07.2006

173.

ISTANBUL - DEUTSCH-TÜRKISCHE BUCHHANDLUNG

I/T

Susanne liest in einem Buch, als Ayten den Laden betritt. Susanne nimmt ihre Lesebrille ab. Die beiden Frauen kommen aufeinander zu und umarmen sich. SUSANNE Are you well? AYTEN It’s okay. SUSANNE Do you have a place to stay? AYTEN No problem. SUSANNE No problem? You can stay a couple of days where I stay, if you want. AYTEN No, it's okay, I will find something... SUSANNE There is enough space for the two of us. It's not far... in Kukurcuma. Ayten grinst. AYTEN (verbessert) Çukurcuma. Tschukurdchuma.

215


Fassung vom 13.07.2006

174.

ISTANBUL – DEUTSCH-TÜRKISCHE BUCHHANDLUNG

I - A/T

Ayten und Susanne schließen den Laden ab und gehen gemeinsam die Gasse hinunter. An der Pinnwand neben der Tür ist noch immer eine leere Stelle zu sehen, wo noch vor kurzem Yeters Foto hing.

216


Fassung vom 13.07.2006

175.

SCHWARZMEERKÜSTE - CAMBURNU/LANDSTRASSE

A/T

Der weiße Renault-Broadway biegt von der Küstenstrasse ab und fährt in ein Dorf hinauf, das an einem Teehang liegt. Es besteht aus verstreuten alten Holzhäusern in einer grünen, märchenhaften Landschaft. Nejat erkennt das Haus seiner Kindheit. Er steigt aus dem Wagen und geht auf das Haus zu. Vor dem Nachbarhaus schneidet eine ALTE FRAU mit einer Sichel Tee. NEJAT Kolay gelsin. Bu Ali Aksu’nun evi değil mi? Guten Tag, ist das nicht das Haus von Ali Aksu? ALTE FRAU Evidir, evidir. Sen kim sin? Es ist sein Haus. Und wer bist du? NEJAT Ben onun oğluyum. Ich bin sein Sohn? ALTE FRAU Baban balık tutmaya çıktı. Dein Vater ist zum Fischen rausgefahren. NEJAT Sağol. Danke. Er steigt wieder in sein Auto und fährt hinab zum Strand.

217


Fassung vom 13.07.2006

176.

SCHWARZMEERKÜSTE - STRAND VON CAMBURNU

A/AB

Nejat kommt an den kleinen Strand von Camburnu, der umgeben ist von kleinen Bootsschuppen. Vor einem der Schuppen sitzen ein paar ALTE FISCHER und flicken ihre Netze. Nejat geht zu ihnen. NEJAT Kolay gelsin. Ali Aksu’yu arıyorum. Habt es einfach. Ich suche Ali Aksu. FISCHER O daha denizde, birazdan gelir herhalde. Deniz dalgalanmaya başladı. Er ist noch draußen, aber er wird bald kommen. Die See wird unruhig. Nejat setzt sich in den Sand und starrt aufs Schwarze Meer. Am Horizont geht die Sonne unter. Nejat wartet.

- ENDE -

218