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KRIEGERIN David F. Wnendt

DEUTSCHE DREHBÜCHER

Herausgegeben von Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön für die Deutsche Filmakademie


Über David F. Wnendt David F. Wnendt wurde 1977 in Gelsenkirchen geboren und wuchs in Islamabad, Miami, Brüssel und Meckenheim auf. Seinen ersten Kurzfilm realisierte er mit 18 Jahren. Nach dem Abitur arbeitete er bei verschiedenen Fernseh-, Filmund Theaterproduktionen in wechselnden Positionen. Von 1999 bis 2004 studierte er BWL und Publizistik mit Schwerpunkt Journalismus an der Freien Universität in Berlin. Während dieser Zeit absolvierte er ein einjähriges Filmstudium ander„FilmováateleviznífakultaAkademiemúzickýchumění“ (FAMU) in Prag. Nach seinem Magisterabschluss studierte er von 2004 bis 2011 Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ Potsdam-Babelsberg. KRIEGERIN ist sein Abschlussfilm. Über die Deutsche Filmakademie Die Deutsche Filmakademie e.V. wurde am 8. September 2003 in Berlin gegründet und hat inzwischen über 1300 Mitglieder aus allen künstlerischen Sparten des deutschen Films. Ziel der Filmakademie ist es, für die deutsche Kinolandschaft ein Forum zu schaffen, auf dem relevante Fragen diskutiert werden können, und die Aufmerksamkeit für den deutschen Film und seine Macher zu steigern. Mit Projekten wie „vierundzwanzig.de – Das Wissensportal der Deutschen Filmakademie“ fördert sie die filmspezifische Bildung im schulischen und außerschulischen Bereich. Eine wichtige, wenn auch keineswegs primäre Aufgabe der Akademie ist seit 2005 die Wahl der Preisträger für den DEUTSCHEN FILMPREIS in sechzehn Kategorien und die LOLA-Galaverleihung selbst, auf der diese Preise verliehen werden. Gestützt auf das Votum der besten Fachleute hat der Deutsche Filmpreis die Bedeutung erhalten, die einer nationalen Auszeichnung zukommen sollte. 2012 waren außer KRIEGERIN noch BARBARA von Christian Petzold und HALT AUF FREIER STRECKE von Andreas Dresen und Cooky Ziesche für das „Beste Drehbuch“ nominiert.

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KRIEGERIN Ein Drehbuch von

David F. Wnendt Nominiert für den Deutschen Filmpreis

DEUTSCHE DREHBÜCHER Jahrgang 2012

Herausgegeben von Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön für die Deutsche Filmakademie

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Deutsche Filmakademie e.V. (Hrsg.) KRIEGERIN Ein Drehbuch von David F. Wnendt Berlin: Pro BUSINESS 2012 ISBN 978-3-86386-233-6 1. Auflage 2012 © David F. Wnendt, alle Rechte vorbehalten Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors Produktion und Herstellung: Pro BUSINESS GmbH Schwedenstraße 14, 13357 Berlin Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier Printed in Germany www.book-on-demand.de Gestaltung/Satz: e27 Brauns, Gackstatter, Quintus GbR Herstellungsleitung: Deutsche Filmakademie

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Vorwort

Am Anfang ist bekanntlich das Wort. So auch im Kino. Bevor sich eine Armada von Spezialisten anschickt, einen Film zu realisieren, muss sich ein Autor diesen Film erst einmal ausdenken, Satz für Satz, Szene für Szene. Das ist ein einsamer, aber hoch spannender Prozess. In einem „Making of“ allenfalls eine Einstellung von vier Sekunden, von außen gesehen im buchstäblichen Sinne unscheinbar. Dabei ist diese Arbeit elementar. Ohne sie könnten alle anderen gar nicht erst auspacken. Das Drehbuch ist jenes Medium, womit Regisseure begeistert, Produzenten überzeugt, Schauspieler gewonnen, Finanziers belagert, Kameraleute inspiriert und Teammitglieder geworben werden. Im Grunde besteht jeder Text in unserer Sprache aus unzähligen Kombinationen von knapp mehr als dreißig schwarzen Zeichen auf weißem Papier. Abstrakt gesehen ist es die Imagination und Kunst des Drehbuchautors, sie in einem Text so zu arrangieren, dass so etwas Komplexes wie ein vollständiger Film im Kopf der Leser entsteht. Und selbst wenn Autor und Regisseur ein und dieselbe Person sind, so entspricht die Vorstellung des Films, die er sich aufgrund seines eigenen Drehbuchs macht, niemals dem fertigen Film. Schon gar nicht eins zu eins. Jede Inszenierung entwickelt ihre eigene Dynamik. Und die Improvisation von Schauspielern, der Input eines Teams, die musikalische Interpretation des Komponisten und das Rhythmusgefühl des Cutters verfeinern den Film auf dem Weg seiner Herstellung. Drehbücher zu schreiben, ist eine eigene Kunst. Das Skript ist eine Herausforderung an die Fantasie der Leser. Wie beim Theaterstück. Wer erinnert sich nicht an die Schullektüre der Bühnenklassiker, die einem manchmal recht mühsam erschien? Diese vielen Dialoge mit ein paar kargen Regieanweisungen („tritt auf… tritt ab…“). Aber erst diese Lektüre ermöglicht, zwischen dem Text und seiner Inszenierung zu unterscheiden. Und man versteht, dass ein und dasselbe Stück auf unzählige Weisen realisiert werden kann. Das gilt für das Drehbuch nicht. Abgesehen von wenigen Remakes, erblickt der aus dem Drehbuch entstandene Film nur einmal und endgültig das Licht der Leinwand. Der Regisseur und sein Team hauchen den schwarzen Zeichen auf dem Papier Leben ein. Das Drehbuch ist nichts ohne den Regisseur und sein Team. Doch ohne ein gutes Drehbuch ist auch die ganze Kunst von Regie und allen Gewerken vergebens. Unsere Reihe „Deutsche Drehbücher“ soll die Arbeit herausragender Dreh-

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buchautoren, deren Bücher für den DEUTSCHEN FILMPREIS nominiert wurden, dem Publikum vorstellen. Nun kann sich jeder Filmfreund davon überzeugen, dass ein Drehbuch kein abgeschriebener Film ist. Denn von welchem Film hätte der Autor denn abschreiben sollen? Vielleicht kennen Sie den fertigen Film bereits und lassen sich jetzt überraschen, wie anders doch das zugrunde liegende Drehbuch war. Oder Sie kennen den Film noch nicht und wollen erst einmal das Drehbuch lesen, um zu erfahren, wie der Film im Kopf seines Autors aussah. Oder Sie lesen nur dieses Drehbuch und inszenieren in Ihrem Kopf Ihr ganz persönliches Meisterwerk… Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön

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ES SPIELEN MIT: MARISA (21) Ein rechtsradikales, tätowiertes Skinhead-Girl. Sie stolpert öfter über ihre eigenen Sätze, kann sich nicht besonders gut ausdrücken. Sie schlägt schnell zu und ist gewalttätig. Sie ist wegen schwerer Körperverletzung vorbestraft. Marisa ist aufbrausend und cholerisch und kann ihre Gefühle nicht wirklich verstecken oder sich verstellen. SVENJA (14) Sie ist mit ihrer Mutter in die Stadt zu ihrem Stiefvater gezogen und sucht jetzt Anschluss in der Clique. Sie ist mitten in der Pubertät, sie hat noch etwas ganz Kindliches und gleichzeitig erwachsene Züge. Sie ist klug und redegewandt, manchmal etwas altklug für ihr Alter. Sie kommt aus einer etwas anderen sozialen Schicht als Marisa. Sie ist behüteterer aufgewachsen. MARKUS (20) Weicher Typ mit großen, sensiblen Augen. Schlank, wendig, gutaussehend. Großer Junge, den jede Schwiegermutter in ihr Herz schließen würde. Nur seine Tätowierungen lassen Rückschlüsse auf seine rechte Gesinnung zu. RASUL (15) Ein junger Afghane, der mit seinem Bruder Jamil nach Deutschland geflohen ist, hier Asylbewerber ist und eigentlich nur weg will. SANDRO (30) Sandro ist Marisas Freund. Er hat sich ganz der klassischen Skinhead-Kultur verschrieben. Körperlich präsent und angsteinflößend kann er sich oft nicht beherrschen und lässt seinen Frust dann an Marisa ab. Er ist mehrfach wegen einschlägiger Delikte vorbestraft: Körperverletzung, Volksverhetzung, Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole. ANDREA (33) Andrea ist Svenjas Mutter. Und ihre allerbeste Freundin. So sieht das jedenfalls Andrea selbst. Kleidet und gibt sich jünger als sie ist, hat dadurch etwas Mädchenhaftes. BEA (50) Marisas Mutter, seit Jahrzehnten Kettenraucherin. Legt mit Schmuck, Haartönung Wert auf ihr Äußeres. Leitet den Supermarkt, in dem auch Marisa arbeitet. Kann nicht mit ihrer Tochter, aber auch nicht ohne sie.

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CLEMENS (43) Führt Schulungen durch. Versucht, Netzwerke aufzubauen. Bindeglied zwischen verschiedenen Kreisen von Alt- und Neonazis. JAMIL (20) Rasuls großer Bruder und Beschützer. Er ist mit Rasul aus Afghanistan geflohen und versucht, sich weiter nach Schweden durchzuschlagen. OLIVER (50) Svenjas strenger, beinah preußischer Stiefvater. Ihm gehören ein prächtiges Haus und ein florierender mittelständischer Malereibetrieb. Hat alles in seinem Leben unter Kontrolle. Bis auf Svenja. BENNY (18) Er filmt ständig mit seinem Handy. Sein Lieblingssport ist es, Melanie zu quälen und zu piesacken. Er ist dünn und immer in Bewegung. FRANZ (85) Auf den ersten Blick der Traumgroßvater. Verschmitzt, gutmütig, zu Späßen aufgelegt. Trotzdem merkt man noch, dass er ein männlicher Mann war und kein Softie. Also nicht der Typ „Werthers-Echte-Reklame“, er hat einen harten Zug. Löst ein Gefühl aus, als würde man auf Alufolie beißen. FRAU KACHEL (50) Angestellte des Asylbewerberheims, die Rasul in ein Jugendheim abschieben will. DETLEF (50) Rollstuhl fahrender Vater von Markus. Gelähmt in jeder Hinsicht. MELANIE (19) Eine der wenigen Frauen, die von Marisa in der Clique toleriert werden. UWE TRINKAUS (17) Gehört ebenfalls zur Clique um Marisa. Er ist ein wenig der Ritter von der traurigen Gestalt. Lang, schlaksig, hervortretender Adamsapfel. Ein paar Aknenarben im Gesicht und ein dünnes Bärtchen auf der Oberlippe. Wird mit 30 noch Jungfrau sein.

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WEITERE ROLLEN: ÄLTERE KUNDIN Im Supermarkt ELIAS (7) Gelehriger Schüler von Marisa im Supermarkt LUPO Er ist der Dorfalkoholiker, der täglich seinen Stammplatz vor dem Supermarkt bezieht. HIPHOPPER (18) Opfer der Clique im Triebwagen SCHAFFNER FAHRGAST (50) WEIBLICHER FAHRGAST (30) ASIATISCHER JUNGE (26) Opfer der Clique ASIATISCHES MÄDCHEN (19) Opfer der Clique BRAVER JUNGE Demonstriert Kleidungs- und Aussehspektrum moderner Neonazis in der Exposition ÄLTERE KUNDIN (70) Ungeduldige Stammkundin des Supermarktes DENNIS (17), BUSTER (24) UND MIKE (20) Gehören zum erweiterten Kreis der Clique. Tauchen am Badesee und bei der Party auf. EINE FAMILIE MIT KINDERN, EIN ÄLTERES EHEPAAR, EIN PAAR MIT EINEM BABY UND EIN MANN Sonnengäste am Badesee

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HAUSMEISTER Angestellter des Asylheims BEWOHNER Drogen verkaufender Heimbewohner BEWOHNERFAMILIE Familie, deren Abendessen jäh gestört wird. HÜNE Muskelschrank und Partygast HAGERER TYP Lange Haare und trotzdem Neonazi, Partygast TRINKGEFÄHRTE Weicht selten von Lupos Seite SCHWARZHAARIGER JUNGE Von hinten Rasul zum Verwechseln ähnlich EIN HUND Faltig und kuschelig

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00 SCHWARZ – INNEN MARISA (V.O.) Demokratie ist das Beste, was wir je auf deutschem Boden hatten. Wir sind alle gleich. Es gibt kein Oben und kein Unten. Alle sind frei.

01 STRAND – AUSSEN – TAG Das Bild steht auf dem Kopf. Man sieht Himmel und darüber Wellen und die Brandung, die auf den Strand läuft. Alles ist überbelichtet, hell wie von der Sonne ausgeblichen. Der Sand ist weiß wie Schnee. Man hört Wellen, gedämpft, aus weiter Ferne. Alles ist leise, als hätte man die Ohren mit Oropax versiegelt. Die ganze Szenerie wirkt traumartig, zeitlos. MARISA (V.O.) In einer Demokratie darf jeder mitbestimmen. Du, ich, Alkoholiker, Junkies, Kinderschänder, Neger. MARISA (21) liegt auf dem Rücken im Sand, den Kopf weit in den Nacken gelegt, sieht sie kopfüber aufs Meer hinaus. Sie ist blass, ihr Pony klebt ihr verschwitzt und sandig in der Stirn. An den Schläfen hat sie lange Haarsträhnen, der Rest ihrer Haare ist kurz geschoren. SVENJAs (14) kindliches Gesicht. Sie starrt auf Marisa, die vor ihr im Sand liegt. Der Wind weht Svenja in ZEITLUPE ein paar der langen Haarsträhnen, die ihren rasierten Kopf wie einen Kranz umgeben, ins Gesicht. MARISA (V.O.) (CONT’D) Leute, die zu blöd sind, ihren Hauptschulabschluss zu schaffen, Leute, denen dein Land einfach scheißegal ist. Das Sonnenlicht glitzert auf den Wellen. MARISA (V.O.) (CONT’D) Denen egal ist, wenn alles hier den Bach runtergeht. Man sieht die beiden Mädchen am Strand von oben. Das Bild dreht sich wie eine Schallplatte. Die Kamera geht immer höher. Man sieht das offene Wasser, die Dünen, den Wald. Die Mädchen sind bald nur noch kleine Punkte. MARISA (V.O.) (CONT’D) Aber mir ist es nicht egal. Ich liebe mein Land.

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02 SCHIENEN – AUSSEN – TAG Ein Triebwagen rast sehr nah vorbei. So nah, dass man sich etwas Sorge um den Kameramann macht, dessen Sicherheit jedoch nicht gefährdet ist. Der Lärm der kreischenden Räder und des Fahrtwindes ist kaum zu ertragen.

03 TRIEBWAGEN – INNEN / AUSSEN – TAG Musikeinsatz: Schnelle, treibende Musik. Ein Paar Füße in Turnschuhen marschiert durch den Wagen. Es sind die Füße von Marisa. Sie trägt ein gelbes TShirt, auf dem wie eine Warnung der Schriftzug „Nazibraut” prangt. Hinter ihr BENNY (18), MARKUS (20), MELANIE (19) und UWE TRINKAUS (17).Vor ihr geht SANDRO (30). Er bleibt stehen und dreht sich zu Marisa um. Sie springt ihn an und knutscht mit ihm. Die Gruppe marodiert durch den Triebwagen. Marisa läuft voran, in ihrem Nacken sieht man eine Tätowierung. An der Toilette begegnen sie einem HIPHOPPER (18), der gerade dabei ist, einen Döner zu vertilgen. Ein WEIBLICHER FAHRGAST (30) blickt besorgt rüber, sieht aber schnell wieder aus dem Fenster. Sandro reißt ihm den Döner aus der Hand und beißt herzhaft rein. Er reicht den Döner an Melanie weiter. Sie beißt rein, verschlingt ihn halb, als hätte sie seit Tagen nichts gegessen. Das Bild friert ein, wird schwarzweiß. Es ist ein PORTRAIT von Melanie, ihr Name wird mit ROTER SCHRIFT eingeblendet. Melanie reicht den Rest des Döners an Marisa weiter. Marisa riecht kurz dran und verzieht angewidert die Nase. Sie reibt dem Hiphopper den Döner ins Gesicht. Marisa rempelt den Hiphopper an, er rutscht aus, fällt vor der Tür runter. Markus versetzt ihm einen Tritt. Hier friert das Bild zu einem PORTRAIT von Markus ein. Der Triebwagen hält in einem Bahnhof. Der SCHAFFNER versucht, auf die Gruppe einzureden. Benny schubst den Schaffner zusammen mit Trinkaus aus dem Wagen. Die Tür schließt sich. Sandro schlägt mit der flachen Hand auf die Scheibe. Der Schaffner zuckt zurück. Benny und Trinkaus lachen sich krank. Benny filmt ihn mit seinem VIDEOHANDY. Das Bild friert ein und wird zu einem PORTRAIT von Benny und Trinkaus. Der Schaffner blickt dem Triebwagen hilflos nach. Die Gruppe läuft lärmend weiter. Sie sind die unangefochtenen Könige. Niemand wagt es, sich ihnen in den Weg zu stellen. Marisa zieht Sandro zu einer Sitzbank am anderen Ende des Triebwagens. Dort sitzt ein ASIATISCHER JUNGE (26) mit seiner FREUNDIN (18). Marisa und Sandro lassen sich auf die Sitzbank ihnen gegenüber plumpsen. Der Rest der Gruppe steht darum herum. Benny filmt den asiatischen Jungen mit dem Handy. Benny kommt ihm ganz nah, als wolle er ihm einen Kuss geben. Aber statt des Kusses sagt Benny nur so:

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BENNY Buh! Trinkaus schlägt ihn mit der Hand auf den Hinterkopf. MARISA Das ist Deutschland. Du hast hier nichts zu suchen. Der asiatische Junge steht auf. Sandro stellt sich vor ihn. Ohne Vorwarnung schlägt Sandro ihm ins Gesicht. Das Bild friert zu einem PORTRAIT mit dem Schriftzug „Sandro” ein. Sandro stößt ihn, sodass er auf den Boden fliegt. Jetzt fallen alle über ihn her. Alle treten und schlagen auf ihn ein. Die Freundin des asiatischen Jungen schreit. Sie wirft sich auf ihren Freund, versucht, ihn mit ihrem Körper zu schützen. Benny lacht sich schlapp über ihr Geschrei. Marisa zieht ihr an den Haaren und knallt ihr eine. Benny zieht sich die Augen zu Schlitzen und imitiert ihre fremde Sprache. Die Gruppe haut in den nächsten Wagon ab. Nur Sandro tritt noch weiter auf den Jungen ein. Marisa schiebt ihn an. Sandro löst sich und stürmt weiter. Bevor Marisa ihm folgt, wirft sie noch einen letzten Blick auf den am Boden Liegenden. Er rührt sich nicht mehr. Einen kurzen Moment lang wirkt das Bild auf sie, dann fängt sie sich, rennt den anderen hinterher. Marisa bleibt in der Tür stehen, während die anderen schon draußen sind. Sie dreht sich zu den wenigen, verschreckten Passagieren um. Sie reißt den rechten Arm zum Hitlergruß hoch. Das Bild friert ein, wird rot-schwarz wie ein Zweifarbdruck von Marisa. Dazu der Text: „Marisa“.

04 STUDIO / SCHWARZ – INNEN MARISA (V.O.) Es ist nicht schwer, Nazi zu sein. Vor einem komplett schwarzen Hintergrund steht ein BRAVER JUNGE mit Glatze in Springerstiefeln und klassischem Skinhead-Outfit. MARISA (V.O.) (CONT’D) Springerstiefel, weiße Schnürsenkel, Glatze. Der Klassiker. Aber wir sind inzwischen ziemlich tolerant. Kapuzenpullis. Schwarz. Bunt. Mit Logo. Ohne. Während sie das sagt, verändert sich die Kleidung des braven Jungen im STOPPTRICK. Die Kleidung verändert sich, sodass sie zur jeweiligen Beschreibung passt. MARISA (V.O.) (CONT’D)

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Anzug, Uniform, Kleid, Blaumann, Graumann, T-Shirt, Hemd. Alles geht. Wir sehen die aufgezählten Kleidungsstücke. Bei „Alles geht.“ wechselt die Kleidung immer schneller weiter, in Sekundenbruchteilen. Wir sehen seine Füße mit entsprechendem im STOPPTRICK wechselnden Schuhwerk. MARISA (V.O.) (CONT’D) Hohe Stiefel, kurze Stiefel, braune Stiefel, rote Stiefel, Turnschuhe. Ein Großaufnahme von der Brust des Jungen, man sieht verschiedene T-ShirtSprüche, die im STOPPTRICK wechseln: „I hate juice“ usw. MARISA (V.O.) (CONT’D) Sehr beliebt sind aufgedruckte Sprüche. Wir sehen seinen Kopf mit im STOPPTRICK wechselnden Frisuren und Dekorelementen. MARISA (V.O.) (CONT’D) Es geht mit Haaren, mit langen Haaren, mit Glatze. Bart, Schmuck, kein Schmuck. Ketten, Ringe, Tätowierungen, Ohrringe. Der Junge verschwindet, das Bild ist schwarz. Die ARCHIVAUFNAHME „Hitler landet mit dem Flugzeug“ zoomt ins Bild. MARISA (V.O.) (CONT’D) Manche lieben Hitler. Manche nicht. Die Archivaufnahme wird ausgeschaltet. Dazu SOUNDFX von einem alten Fernseher, der ausgeht. MARISA (V.O.) (CONT’D) Du kannst dich für Himmler begeistern. ARCHIVFOTO von Himmler. MARISA (V.O.) (CONT’D) Oder er geht dir am Arsch vorbei. SFX: Himmlers Bild wird durchgerissen und verschwindet. MARISA (V.O.) (CONT’D)

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Rudolf Hess geht für viele – wenn sie ihn kennen. ARCHIVAUFNAHMEN von HESS. MARISA (V.O.) (CONT’D) Du erkennst uns vielleicht nicht, aber wir sind überall. Alles wird sich ändern. Es ist Krieg. Und da ist alles erlaubt.

05 HAUS MARISA / MARISAS ZIMMER – INNEN – TAG Marisa sitzt rittlings auf Sandro. Beide sind nackt. Sie schlafen miteinander. Schweißperlen bilden sich auf Marisas Rückentätowierung. Das Bett steht in einem Zimmer, das mit Nazidevotionalien vollgestellt und -gehängt ist, darunter ein schwarzer Porzellankopf von Adolf Hitler, eine alte Schulkarte mit Deutschland in den Grenzen vor 1918. Über dem Bett hängen eine Hakenkreuzfahne, alte Waffen, ein Sturmhelm. Marisa schließt die Augen. Sie legt den Kopf in den Nacken. Ihre Finger krallen sich in Sandros Haut. MARISA (V.O.) Aber in jedem Krieg gibt es Opfer. Auch in diesem. Marisa sitzt auf der Bettkante. Sie zieht einen Slip an. Sandro beobachtet sie stumm. Sie steht vom Bett auf und verlässt das Zimmer.

06 HAUS MARISA – INNEN – TAG Marisa läuft nackt, bis auf ihren Slip, durchs Haus. Auf dem Boden vor einer Tür bemerkt sie eine Scherbe. Sie bückt sich und hebt sie auf. Sie öffnet die Tür zu einem Zimmer, das mit Möbeln und Habseligkeiten ihres Großvaters eingerichtet ist. Auf einer Kommode steht ein gerahmtes Bild ihres Großvaters. Das Schutzglas des Bildes ist gesprungen. Marisa legt die Scherbe in die entsprechende Lücke des Schutzglases. Sie passt genau. Marisa geht weiter zum Badezimmer. Marisa öffnet die Tür zum Badezimmer. BEA (50), Marisas Mutter, kommt ihr entgegen. Sie hat blondiertes Haar, an den Ansätzen sieht man wie ihr Haar grau nachwächst. Sie trägt einen weißen Kittel mit dem aufgedruckten Logo eines Supermarktes. Bea quetscht sich an Marisa vorbei und achtet peinlichst darauf, dass die verschwitzte Marisa nicht mit den frisch gewaschenen Handtüchern in Berührung gerät, die sie gerade aus dem Bad schleppt. Marisa beugt sich tief über das Waschbecken. Sie lässt Wasser über ihren Kopf laufen. Sie kommt prustend hoch und betrachtet sich im Spiegel. Marisa wäscht sich die Achseln und streift ein Männerunterhemd über. Sie

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nimmt ein Pflaster und klebt sich damit ein Hakenkreuz-Tattoo ab. Sie hört ein Scheppern. Sie dreht sich um und geht zur Badezimmertür. Sie öffnet die Tür und sieht nach draußen. Nichts zu sehen und zu hören. Marisa geht den Flur entlang. Jetzt ist der Lärm lauter. Man hört ein Klirren und schwere Stiefel, die die Treppe raufrasen. Dann, auf einmal, bricht die Hölle los. Ein SEK-Trupp stürmt die Wohnung. Die Polizisten rammen Marisa um und fixieren sie auf dem Boden. Sie sieht aus dem Augenwinkel Bea, die wimmernd auf dem Boden liegt. Ein Polizist kniet auf ihrem Rücken, während er ihre Hände mit einem Kabelbinder fesselt. Ein anderer Polizist stapft über die auf dem Boden verstreuten, frisch gewaschenen Handtücher in Marisas Zimmer. Auf einmal Lärm, man hört Sandros Schreie und die der Polizisten, die ihn umstellen. Sandro schwingt den Stiehl einer Axt und versucht, die Polizisten auf Distanz zu halten. Mit ihren Waffen halten sie ihn in Schach und zwingen ihn, den Axtstiehl fallen zu lassen. Während Sandro gefesselt und abgeführt wird, beginnt ein Polizist, die Fahnen und Flaggen im Zimmer zu fotografieren. Ein anderer verfrachtet Propagandamaterial, darunter auch den schwarzen Hitlerkopf, in Kisten. SANDRO Wenn ihr meiner Kleinen ein Haar krümmt, bring ich euch um. Marisa wird hochgezerrt. Sie versucht, die Hände, die sie halten und führen, abzuschütteln. Sie wehrt und sträubt sich, ohne Chance. Mit nacktem Oberkörper und gefesselten Händen wird Sandro von mehreren Polizisten abgeführt. Das Bild friert ein. MARISA (V.O.) Stell dir vor, du sitzt in einem Zug und wartest darauf, dass du ankommst. Was ist, wenn du da sitzt und nicht merkst, dass der Zug längst auf einen Abgrund zurast? Wäre es nicht besser, aufzustehen und etwas zu tun?

06 AA HAUPTTITEL „KRIEGERIN“

06 A KRANKENHAUS / FAHRSTUHL – INNEN – TAG Marisa fährt im Fahrstuhl des Krankenhauses. Sie trägt etwas, was gar nicht zu ihr zu passen scheint: einen großen Strauß Blumen, eingepackt in knisterndes Zellophanpapier.

06 B KRANKENHAUS / ZIMMER GROSSVATER – INNEN – TAG

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Marisa betritt mit den Blumen das Zimmer. In dem Bett liegt Marisas Großvater FRANZ (85). Ein Schlauch versorgt ihn über die Nase mit Sauerstoff. Seine Haut ist in einem tiefen Gelbton gefärbt. Marisa reicht ihm die Blumen. FRANZ Ein Schnaps wär mir lieber. Marisa umarmt ihren Großvater, lange und innig. FRANZ (CONT’D) Danke, mein Engel. MARISA Ich muss schon wieder weiter zur Arbeit. Brauchst du was? FRANZ Nur dich.

07 SUPERMARKT / DISPATCHER-RAUM – INNEN – TAG Marisa sitzt an einem Schreibtisch, einen Telefonhörer ans Ohr gepresst. Marisa lauscht auf das Rauschen in der Leitung. Sie sieht hoch durch das Dispatcher-Fenster in den Innenraum des Marktes. Der Markt ist fast leer, nur ihre Mutter Bea ist zu sehen, die vor dem Fenster bei den Backwaren arbeitet und eine ÄLTERE KUNDIN (70) bedient. Marisa ist wieder ganz beim fernen Rauschen. Sie spielt gedankenverloren mit der Gardine. MARISA Sag was. Es ist still in der Leitung. Beide sprechen so leise, dass der andere das Gesagte gerade noch hören kann. SANDRO (O.S.) Erzähl du mir was. MARISA Was denn? SANDRO (O.S.) Was du so machst.

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MARISA Nichts. SANDRO (O.S.) Die Arschlöcher können mir nichts. Und dir auch nicht. Ich halt dicht. MARISA Ich weiß. SANDRO (O.S.) Gestern ist hier einer durchgedreht. Sechs Mann mussten ihn überwältigen und auf ihm sitzen, damit er sich beruhigt. Bea klopft gegen die Scheibe des Fensters. MARISA Mama, lass mich kurz. Ich telefoniere. Bea trommelt unnachgiebig gegen das Fenster. BEA (DURCH DIE SCHEIBE) Die Kasse ist nicht besetzt. Los! SANDRO (O.S.) Wenn ich raus bin, wird alles anders. Bea kommt ganz nah an die Scheibe und schattet die Augen mit der Hand ab, um in den dunklen Dispatcher-Raum sehen zu können. MARISA (ZU BEA) Mann! SANDRO (O.S.) Hörst du? MARISA Ja. Wir schaffen das. SANDRO Ich muss aufhör’n. MARISA Morgen wieder?

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SANDRO Ja. MARISA Tschüss. Marisa legt auf. Sie verschwindet aus dem Raum, kurze Zeit später sehen wir sie durch das Fenster im Innenraum auftauchen.

08 SUPERMARKT – INNEN – TAG Marisa stößt mit Svenja zusammen, die gerade an der Lagertür vorbeischlendert. Svenja hat langes Haar, trägt eine Brille und ist mädchenhaft gekleidet. Sie sieht kindlicher aus als am Strand. MARISA Pass auf. SVENJA Entschuldigung. Darf ich Sie etwas fragen? Wo finde ich Zahnpasta? Marisa geht weiter, über ihre Schulter hinweg antwortet sie, ohne weiter auf Svenja einzugehen. MARISA Dritter Gang links. Bevor Svenja nachhaken kann, wo genau das sein soll, ist Marisa schon entschwunden. Svenja geht weiter zu ihrer Mutter ANDREA (33), die gerade Kartoffeln in den Einkaufswagen lädt. Andrea ist sportlich und für ihr Alter etwas zu jugendlich gekleidet. Sie blickt nachdenklich auf eine geknickte und verschmierte Einkaufsliste. SVENJA Was brauchst du noch? Lass mich gehen. ANDREA Wir kaufen wirklich nur, was auf der Liste steht. Schau mal, ob du Kapern findest. SVENJA Gibt’s schon wieder Königsberger Klopse?

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ANDREA Oliver freut sich doch so darüber. SVENJA Und wann kann ich mich mal freuen? Wann kochst du, was mir schmeckt? ANDREA Jeden Tag Pizza Margherita mit Ketchup geht einfach nicht. Svenja wandert an einem Regal entlang und findet die Stelle mit den Zahnpastatuben. ANDREA (O.C.) (CONT’D) Was holst du da? SVENJA Zahnpasta. ANDREA (O.C.) Schon wieder? SVENJA Ja-ha. Svenja scannt die verschiedenen Marken. Aus den Augenwinkeln nimmt sie den Jungen wahr, der sich neben sie stellt. Sie sieht zu ihm rüber. Es ist RASUL (15). Der Junge sieht irgendwie anders aus, was zum Großteil daran liegt, dass er aus Afghanistan kommt. Er hat dichtes, schwarzes Haar, ein hübsches Gesicht und trägt einen billigen Jogginganzug aus Fallschirmseide. Svenja greift nach einer Zahnpastatube. Rasul greift ebenfalls nach einer Tube. Svenja beobachtet seine Bewegung. Sie nimmt sich eine weitere Tube. Er macht es ihr nach. Sie stellt die Tube wieder zurück, er seine auch. Sie macht eine Bewegung mit der Hand, er imitiert sie wieder, wie ein Spiegel. Er grinst sie an. Svenja nimmt ihre Tube, dreht sich weg und stiefelt in Richtung Andrea. Im Gehen dreht sie sich kurz zu Rasul um. Jemand knufft Rasul auf die Schulter. JAMIL (AUF DARI) Was machst du? Träumst du? JAMIL (20) ist Rasuls älterer Bruder und lädt nun Ware auf Rasuls Arme. Öl, eine Packung Brot, Gemüse, große Flaschen Cola, Reis und Limo.

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RASUL (AUF DARI) Ich bin doch nicht dein Packesel! JAMIL (AUF DARI) Einen faulen Esel wie dich, würd ich vom Hof jagen. Jamil schleift Rasul mit sich zur Kasse. Rasuls Arme können die Menge an Waren kaum halten. Jamil nimmt ihm die Waren einzeln ab und legt sie auf das Band. Eine Packung Reis fällt runter. JAMIL (CONT’D) (AUF DARI) Heb’s auf. Rasul murrt, bückt sich aber und hebt sie auf. Jamil blickt zu Marisa, die hinter der Kasse mit verschränkten Armen sitzt und keinen Finger rührt. Jamil ist verwirrt, er blickt von Marisa zu den Waren, die sich noch kein bisschen auf dem Kassenband nach vorne bewegt haben. RASUL (AUF DARI) Was ist los mit der Alten? Jamil holt ein paar Gutscheine aus einer Innentasche und zeigt sie Marisa, als Beweis, dass sie zahlen können. Die ältere Kundin stellt sich hinter Rasul und Jamil an. Sie funkelt Jamil und Rasul böse an. Marisa rührt sich nicht. Rasul starrt sie finster an. Sie erwidert seinen Blick. Keiner will zuerst wieder wegschauen. Jamil legt ihr den Gutschein hin, streicht ihn sorgsam glatt. Marisa holt eine Zeitschrift hervor und beginnt zu lesen. RASUL (CONT’D) (AUF DARI) Vielleicht müssen wir heute nicht zahlen. Lass uns los! JAMIL (AUF DARI) Halt den Schnabel. Jamil nimmt die Brotpackung und hält sie Marisa hin. Doch Marisa bleibt stur. Andrea und Svenja stellen sich nun ebenfalls an der Kasse an. Die ältere Kundin fängt an zu meckern. Das Gemurre alarmiert Bea, die jetzt angefegt kommt. BEA Mensch, was ist denn los? Sie quetscht sich neben Marisa an die Kasse und fängt an, die Waren einzuscannen.

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MARISA So was bedien’ ich nicht. BEA Wer soll die denn sonst bedienen? Die können mit ihren Gutscheinen doch nur hier einkaufen. Bea verscheucht Marisa von ihrem Platz. BEA (CONT’D) Geh mal eine rauchen. Bea klemmt sich hinter die Kasse und scannt die Waren ein.

09 VOR DEM SUPERMARKT –AUSSEN – TAG Marisa raucht. Sie kniet und spielt mit einem HUND, den ein Kunde hier angebunden hat. Marisa knuddelt sein weiches, faltiges Fell. Marisa lässt den Eingang des Supermarkts nicht aus den Augen. Jamil und Rasul verlassen den Laden. Jamil schließt ein Mofa auf, ohne Marisa anzusehen. Rasul hingegen schaut immer wieder zu ihr rüber. Die beiden steigen auf und fahren schwer beladen los. Svenja und Andrea tragen ihre Einkäufe an Marisa vorbei zum Auto und laden alles ein. Svenja schaut rüber zu Marisa, die immer noch mit dem Hund spielt, der vor Freude über die intensive Streicheleinheit fast durchdreht. Er leckt Marisa durchs Gesicht, sodass sie lachen muss.

09 A SVENJAS ZIMMER –INNEN – TAG Bildfüllend ein Laptop-Bildschirm. Man sieht die Seite eines Social Netzwerks für Schüler. Ein Mauszeiger klickt auf den Knopf „Neues Profil anlegen“. Svenja sitzt vor dem Computer. Die Vorhänge vor allen Fenstern sind zugezogen. Neben Svenja brennen ein paar Kerzen. Asche fällt von einem glimmenden Räucherstäbchen. OLIVER (O.S.) Svenja. Svenja verdreht die Augen und ignoriert den Ruf. Svenja denkt kurz über den Spitznamen nach, dann schreibt sie „hasserfüllt“. Der Mauszeiger klickt auf den

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Knopf „Bild hochladen“. Bilder werden schnell durchgeklickt: Svenja experimentiert mit sexy Posen, die eher ungelenk und erotisch wirken. Svenja mit Mutter, Mutter Arm in Arm mit einem Mann, Svenja knuddelt Hundewelpen, ganz junge Svenja füttert Pferd. Sie findet ein Foto von sich, bei dem ihre Haare nach vorn fallen und ihr Gesicht verdecken. Dieses Bild wählt sie als Profilbild aus. OLIVER (O.S.) (CONT’D) Svenja! Svenja flucht leise. Sie trägt bei Familienstand „Vollwaise“ ein. OLIVER (O.S.) (CONT’D) Svenja! Die Stimme duldet keinen Widerspruch. Svenja steht auf und verlässt das Zimmer.

10 HAUS SVENJA / ARBEITSZIMMER –INNEN – TAG Hier ist das Büro eines Malereibetriebs eingerichtet. Svenja sitzt an einem Schreibtisch. Sie dreht sich um und blickt zu OLIVER (50) hoch, der durch die Tür und ein paar Stufen runter in den Raum hinabsteigt. Oliver setzt sich auf die andere Seite des Schreibtisches. Oliver hat ihr Schulzeugnis in der Hand und studiert es. Svenja faltet ihre Hände in ihrem Schoß und wartet. Oliver nimmt einen Taschenrechner und beginnt zu rechnen. OLIVER Was haben wir gesagt, zwei Euro für jede Eins, und einen für jede Zwei. SVENJA Es ist das zweitbeste Zeugnis der Klasse. OLIVER So, Sport, Mathematik, Englisch, Biologie, Deutsch. 10 Euro. Dann der Rest… Er rechnet weiter, dann holt er von einem Regal ein schwarzes Ledermäppchen und entnimmt einen 10-Euro-Schein und einen Fünfer. OLIVER (CONT’D) Das hast du dir verdient.

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Svenja nimmt ihr Geld, steht auf und geht zur Tür. OLIVER (CONT’D) Komm mal her. Svenja zögert einen kurzen Moment, dann geht sie um den Schreibtisch herum und stellt sich vor ihn. OLIVER (CONT’D) Deine Hände. Sie reicht ihm ihre Hände. Er nimmt sie in seine, führt sie zu seinem Gesicht. Er riecht an ihnen. SVENJA Ich hab nicht geraucht. OLIVER Atme mich an. Svenja beugt sich zu ihm und haucht ihm ins Gesicht. OLIVER (CONT’D) Gut. Oliver streichelt ihr zart über die Schultern.

11 HAUS SVENJA – INNEN / AUSSEN – TAG Svenja steht vor ihrem Zimmer auf einer Galerie und blickt runter ins Wohnund Esszimmer. Sie beobachtet Andrea, die unten vor einem Computer sitzt und Solitaire spielt. Svenja läuft weiter von der Galerie in den Treppenraum. Sie kommt an einem Zimmer vorbei, die Tür steht offen. Svenja sieht im Vorbeigehen Oliver, der sich auf einem Fahrrad-Ergometer abstrampelt. Svenja steigt die Treppen runter. Ihre Finger gleiten über die Bordüre, die die Wand ziert, bis sie das kleine gemalte Rotkehlchen erreicht, das an einer Stelle auf der Bordüre hockt und sich mit seinen Krallen an ihr festhält wie an einem Ast. Während Svenja weitergeht, fällt auf, dass jede Wand in dem Haus mit einer anderen Maltechnik verziert ist. Alle aufwendig und handwerklich einwandfrei ausgeführt, aber in ihrem Zusammenspiel geschmacklos und merkwürdig. Svenja geht durch einen Abstellraum in den Vorraum des Arbeitszimmers und steigt hinab in das Arbeitszimmer. Sie öffnet eine der Haustüren und tritt ins Freie.

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Svenja geht über einen kleinen Pflasterweg durch den Vorgarten bis zu einem mit weißen Kieselsteinen ausgelegten Parkplatz. Dort ist ein Lieferwagen geparkt. Die seitliche Werbeaufschrift des Lieferwagens weist ihn als Firmenfahrzeug des Malereibetriebes von Meister Oliver Liehr aus. Beinahe wird sie von Markus über den Haufen gerannt, der Werkzeuge und Farbeimer aus dem Wagen wuchtet und rüber zum Haus schleppt. MARKUS Vorsicht! Markus stellt seine Ladung ab, er zieht sein T-Shirt aus und wischt den Schweiß ab, der in Strömen sein Gesicht und Oberkörper runter fließt. Svenja schaut verlegen runter auf den Boden, wirft aber einen verstohlenen Blick auf seine Muskeln und Tätowierungen, während Markus sich mit dem Wasser aus einer Trinkflasche abkühlt. MARKUS (CONT’D) Kippe? Svenja schüttelt den Kopf. Markus zieht sich ein frisches T-Shirt an, das er aus seinem Rucksack kramt. Er fischt eine Schachtel Marlboro light aus seiner Tasche, doch sie ist leer. SVENJA (LEISE) Komm mit.

12 HAUS SVENJA / GARTEN – AUSSEN – TAG Svenja späht kurz zurück zum Haus. Markus und sie stehen an der Grenze zum Nachbargrundstück. Svenja hebt einen Stein hoch und holt aus dem Versteck darunter ein kleines Päckchen. Sie wickelt eine Packung Zigaretten aus. Sie nimmt zwei Zigaretten, steckt sie sich beide in den Mund und zündet sie an. Den Rest packt sie sorgfältig wieder ein und verstaut das Päckchen unter dem Stein. Sie reicht Markus eine der beiden Zigaretten. Sie rauchen schweigend und eng an die Hecke gedrückt. Svenja spielt mit ihren Sandalen an dem Gartenzwerg, der unten im Gras hockt und mit einer Laterne in der Hand den Garten bewacht. Svenja gibt ihm ein paar Tritte ins Gesicht, gerade so fest, dass der Zwerg wackelt, aber eben doch nicht ganz umfällt. MARKUS Rauchst du schon lange?

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Svenja nickt. SVENJA Seit ich 13 bin. MARKUS Und wie alt bist du jetzt? SVENJA 14. Er greift nach ihrer Brille. Eh sie weiß was geschieht, hat er sie ihr schon vom Gesicht gezogen. MARKUS Du bist hübsch. Svenja weiß vor Verlegenheit nicht, was sie sagen soll. Sie nimmt ihm die Brille aus der Hand und steckt sie ein. SVENJA Ich muss rein. Svenja sammelt beide übrig gebliebenen Filter auf und steckt sie ein. Sie nimmt eine Tube Zahnpasta aus der Hosentasche und drückt sich etwas Zahnpasta in den Mund. Sie kaut um die Pasta zu verteilen, dann schluckt sie sie runter. MARKUS Isst du die? SVENJA Es gibt nichts Besseres gegen den Geruch. Svenja geht zum Haus. MARKUS Hast du Lust, mal was zu machen? Svenja nickt. Dann verschwindet sie im Haus.

12 A BADESEE / PARKPLATZ – INNEN / AUSSEN – TAG In der Ferne blitzt das Wasser eines Sees. Das Geräusch eines Autos und eines

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plärrenden Autoradios stören die Stille. Wir hören, dass das Auto bremst, der Motor wird abgestellt. Marisa steigt aus ihrem Auto aus.

13 BADESEE – AUSSEN – TAG Sonntagmittag. Es ist heiß. Das Wasser glitzert verheißungsvoll. Am Rand sitzen Marisa, Trinkaus, Melanie, Benny und weitere Jungs: DENNIS (17), BUSTER (24) und MIKE (20). Die Gruppe versucht, sich mit einem Kasten Bier die brennende Sonne und die Langeweile erträglicher zu machen. Sie sind nicht die Einzigen, die den freien Tag hier verbringen: EINE FAMILIE MIT KINDERN, ein ÄLTERES EHEPAAR, ein PAAR MIT EINEM BABY und ein MANN haben sich hier mit Handtüchern, Sonnenschirmen und Picknickkörben eingerichtet. LUPO, der Dorfalkoholiker, ist auch mit von der Partie. Er hat einen Jogginganzug an und die Hose bis über die Knie hochgekrempelt. Die Mutter der jungen Familie und ihre Kinder schmeißen sich einen Flummi im flachen Wasser zu. Die Männer lassen sich in Sonnenöl durchgaren, löschen sich mit Bier ab. Trinkaus versucht, einen Grill anzufeuern. Benny filmt Melanie mit seinem Handy. BENNY Hey, Frogshit! Gleich platzt die Linse. MELANIE Halt die Schnauze! Benny rückt näher an sie heran. BENNY Mann, Frogshit, bist du fett. MELANIE Halt die Schnauze! Benny filmt Marisa mit seinem Handy. Er filmt ihr Gesicht und schwenkt an ihr runter auf ihren Busen. MARISA Wenn du weitermachst, hau ich dir eins in die Fresse. Marisa bemerkt ein lautes Knattern, sie schaut auf und sieht zwei Leute, die sich auf einem Mofa dem See nähern. Es sind Rasul und Jamil. Jamil hat Mühe, die Kontrolle über das Mofa zu behalten. Es ist ein auf 25 km/h gedrosseltes Ding,

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aber der Boden ist uneben und abschüssig, sodass es nun immer schneller wird. Es schlingert, beinahe kippen sie um. Sie fahren versehentlich über eines der Badehandtücher, was wütende Protestschreie auslöst. Jamil stemmt die Füße gegen den Boden, um zu bremsen. Erst kurz vor dem Wasser kommen sie zum Stehen. Die zwei sind durchgeschwitzt. Sie lassen das Mofa fallen, reißen sich die Hemden vom Leib. Sie machen ein Wettrennen ins Wasser. Rasul rennt ein paar Schritte rein und stürzt sich dann mit einem Kampfschrei kopfüber ins Wasser. Dicht gefolgt von Jamil, der eine Art Dreisprung macht und so versucht, so weit wie möglich vom Ufer wegzukommen. Das ältere Ehepaar faltet seine Badehandtücher zusammen. Benny filmt die beiden Afghanen mit seinem Handy. BENNY Was unterscheidet einen Neger von einem Winterreifen? Benny schwenkt zu Melanie, die aber nur mit den Achseln zuckt und nichts sagt. TRINKAUS Det sind doch keene Neger. BENNY Egal. Der Winterreifen singt keine Gospelsongs, wenn man ihm Ketten anlegt.

14 BADESEE – AUSSEN – TAG Rasul entdeckt im Gras den Flummi. Stolz zeigt er Jamil, der immer noch im Wasser steht, seinen Schatz. RASUL (LAUT, AUF DARI) Schau mal, was ich gefunden hab! Jamil! Komm her! Die fremd klingenden Worte dringen bis zu der Gruppe Jugendlicher. TRINKAUS Schnauze! Rasul schaut sich irritiert um. Er kann nicht genau orten, von wo der Ruf kam oder was er bedeutet, aber ihm ist klar, dass es nichts Freundliches war. JAMIL (AUF DARI) Komm wieder rein.

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Rasul sieht ein Kind und grüßt es. Rasul hält ihm den Flummi hin. Doch schon kommt die Mutter und zieht ihr Kind fort, bevor es den Flummi aus Rasuls Hand annehmen kann. Lupo, der nicht weit weg sitzt, spricht Rasul an. LUPO Mach dir nichts draus. Zusammen auf einem Haufen sind die eh alle unerträglich. Das ist so meine Erfahrung mit denen. Rasul, der kein Wort davon versteht, nickt nur stumm und trottet zurück ins Wasser. Jamil spritzt ihn nass, die beiden starten eine Wasserschlacht. Jamil versucht, Rasul weiter rein zu locken, doch Rasul sträubt sich, da er nicht schwimmen kann.

15 BADESEE – AUSSEN – TAG Benny steht auf, läuft zum Mofa und der abgelegten Kleidung von Rasul und Jamil. Er filmt auf das Wasser und zoomt auf die Köpfe von Jamil und Rasul, die in der Mitte des Sees schwimmen. Benny schwenkt runter auf die Kleidung. Er öffnet seine Hose und dann sieht man auf seinem Videobild einen gelben Strahl, der die Kleidung trifft. Marisa und die anderen beobachten aus der Ferne, wie Benny auf die Kleidung pinkelt. Sie grölen und lachen. Das bleibt nicht unbemerkt. Jamil und Rasul steuern auf das Ufer zu. Rasul springt als erstes aus dem Wasser. Er stürzt sich auf Benny, obwohl der deutlich größer ist. Marisa springt auf und stürmt hin. Marisa zerrt Rasul von Benny weg und schubst ihn. Rasul blickt ihr unerschrocken ins Gesicht. Jamil steht jetzt hinter ihm. Er hebt die bepinkelten Sachen vom Boden auf. JAMIL (AUF DARI) Wir gehen. Rasul denkt gar nicht daran. Er stürzt sich auf Marisa. Marisa packt ihn am Kragen, schubst ihn erneut von sich, sodass er hinfliegt. Gleich rappelt er sich wieder auf, Jamil hindert ihn daran, gleich wieder anzugreifen. JAMIL (CONT’D) (AUF DARI) Komm. Rasul platzt fast vor Schmach. Aber er gehorcht seinem Bruder. Sie nehmen ihr Mofa und schieben es unter dem Gegröle der Jugendlichen zum Parkplatz hoch. Marisa schaut ihnen hasserfüllt nach. Die anderen beiden kehren zurück zur Gruppe.

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16 BADESEE / PARKPLATZ – AUSSEN – TAG Jamil steigt auf das Mofa. Rasul steht neben dem einzigen Auto, das hier parkt. Es ist der rote Golf von Marisa. Rasul macht einen Jumpkick und trifft ihren Außenspiegel, der abbricht und splitternd wegfliegt. Rasul klettert hinter Jamil auf das Mofa.

17 LANDSTRASSE – AUSSEN – TAG Jamil und Rasul fahren, beide immer noch mit nacktem Oberkörper. Rasul hält die bepinkelte Kleidung am ausgestreckten Arm von sich weg. Sie düsen durch eine idyllische Landschaft. Vorbei an Feldern, Kühen, großen Rollen mit geerntetem Weizen. Über ihnen rauscht das Blätterdach der Alleebäume vorbei, durch das das Sonnenlicht blitzt.

18 BADESEE / PARKPLATZ – AUSSEN – TAG Marisa läuft vom See zum Parkplatz und sieht dort das Auto von Markus, das gerade anhält. Sie eilt hin und reißt die Fahrertür auf. Markus hat sie nicht kommen sehen und dreht sich erschrocken zu ihr um. MARISA Wer ist das? Sie deutet auf Svenja, die neben Markus im Auto sitzt. SVENJA Hallo. MARISA Tschüss. MARKUS Die ist in Ordnung. SVENJA Ich bin Svenja. MARISA Das ist mir doch scheißegal. Sie kann sich gleich wieder verpissen und du

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dich mit. Wir brauchen hier keine Mitläufer oder Kinderficker. Marisa knallt die Autotür zu und stapft davon.

18 A BADESEE / PARKPLATZ – AUSSEN – TAG Vor sich auf dem Boden sieht Marisa den abgebrochenen Autospiegel. Sie hebt ihn auf. Sie geht zu ihrem Auto und sieht den Schaden. Sie schließt ihr Auto auf, steigt ein und rast mit ihrem Auto Richtung Straße.

19 AUTO MARISA – INNEN / AUSSEN – TAG Marisa jagt über die Landstraße, Musik einer rechten Band läuft laut übers Autoradio. Sie sieht das Mofa von Rasul und Jamil ein paar hundert Meter vor sich. Marisa kommt nah heran, dann fährt sie langsamer. Dann drückt sie das Gaspedal durch, das Auto beschleunigt. Das Auto setzt zum Überholen des Mofas an. Marisa sieht es jetzt durch das Seitenfenster, während das Auto parallel dazu fährt. Sie zieht das Lenkrad rüber, um das Mofa seitlich zu rammen. Man sieht nur Marisa, den Stoß gegen das Mofa sieht man nicht, sondern hört ihn nur. Marisa fährt weiter. Marisa sieht in den Rückspiegel, sie reißt das Steuer herum und macht einen U-Turn. Sie bleibt mit laufendem Motor stehen. Aus der Entfernung sieht man nur das verbogene Mofa. Marisas Atmung rast. Ihre Hand zittert, als sie die Musik ausschaltet. Sie starrt gebannt auf die Unfallstelle. Dort rührt sich nichts. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Sie lässt ein paar Mal den Motor aufheulen. Sie sieht sich um, blickt nach hinten raus die Landstraße hoch, es ist kein anderes Fahrzeug zu sehen.

20 AUTO MARKUS – INNEN / AUSSEN –TAG Markus steht an der geöffneten Beifahrertür. Svenja bleibt unschlüssig sitzen. MARKUS Hier drin wird’s viel zu heiß. Markus hockt sich neben sie hin, sieht ihr in die Augen und versucht, sie mit seinem Grinsen anzustecken. Svenja macht keine Anstalten auszusteigen, sie wischt sich den Schweiß von der Stirn und starrt runter auf ihre Knie. MARKUS (CONT’D)

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Okay, ich bring dich nach Haus. SVENJA Nein! Sie schnallt sich los und steigt aus. MARKUS Okay.

21 BADESEE – AUSSEN – TAG Markus begrüßt ein paar der Jungs, die er kennt. Svenja stellt sich zu Trinkaus. Er reicht ihr eine Flasche. TRINKAUS Oder trinkst du noch keinen Alkohol? Sie nimmt die Flasche und versucht, sie mit einem Feuerzeug zu öffnen. Es klappt nicht. Benny zeigt ihr, wie’s geht. Svenja fühlt sich sichtlich wohl zwischen den Jungs. Sie trinkt.

22 AUTO MARISA – INNEN / AUSSEN – TAG Marisa legt einen Gang ein und gibt Gas. Sie kommt der Unfallstelle näher. Sie starrt vor sich auf die Straße. Sie fährt immer schneller. Sie passiert die Stelle und kann nicht anders, als kurz rüberzuschauen. Sie erhascht einen kurzen Blick auf jemanden, der auf dem Boden neben dem Mofa liegt. Marisa kann bei dem Tempo nichts Genaues erkennen. Sie schaut schnell wieder nach vorn auf die Straße. Sie dreht die Musik wieder bis zum Anschlag auf und tritt das Gaspedal voll durch. Sie wühlt in ihren Taschen nach Zigaretten. Findet die Packung. Sie versucht, eine Kippe rauszuziehen, wobei fast alle auf den Boden fallen. Endlich hat sie eine zwischen den Lippen. Sie zündet sie sich mit dem Anzünder an. Ihre Hände zittern immer noch, ihre Atmung rast.

23 BADESEE – AUSSEN – TAG Die Jungs spielen Fußball mit einem tragbaren CD-Player und viel Körperkontakt. Svenja wuselt zwischen ihnen umher und spielt mit. Sie nimmt den Player einfach in die Hand und rennt damit auf das Tor zu. Die Jungs versuchen, sie

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einzufangen. Sie schlägt Haken und entwischt immer wieder. Sie kreischt, als einer der Jungs sie festhält und hochhebt. Svenja quietscht vor Vergnügen und strampelt, bis er sie wieder absetzt. Die Jungs werfen sich auf Svenja und den CD-Player wie bei einem Rugby-Spiel. Svenja tobt lachend mit ihnen.

24 BADESEE / PARKPLATZ – AUSSEN – TAG Marisa parkt ihr Auto neben Melanie, die auf dem Parkplatz rumlungert. Marisa steigt aus und nimmt Melanie die Bierflasche aus der Hand und ext sie in einem Zug leer. Sie lässt die Flasche fallen und geht runter zum See.

25 BADESEE – AUSSEN – TAG Die Jungs umringen Benny und Svenja. Benny liegt auf dem Boden und macht Liegestütze. Die Zuschauer zählen laut mit, während Svenja einen Fuß auf Bennys Schultern stellt und es ihm schwer macht hochzukommen. Marisa steuert auf den Grill und den daneben stehenden Bierkasten zu. Sie hämmert den Kronkorken einer Bierflasche gegen die Kante des Bierkastens, bis sie sie endlich aufkriegt. Svenja stößt zu ihr und angelt sich ebenfalls eine Flasche aus dem Kasten und öffnet sie mit einem Feuerzeug. Sie hält Marisa die Flasche zum Anstoßen hin. SVENJA Prost. MARISA Glaubst du, du kannst dich hier durchschnorren und umsonst saufen? Bring sie weg. Markus zieht Svenja weg, die sich zuerst noch sträubt.

26 AUTO MARKUS – INNEN / AUSSEN – TAG Markus fährt Svenja nach Hause. Er hält ihr eine Packung Zigaretten hin. Sie nimmt sich eine und zündet sie an. Beide rauchen schweigend. SVENJA Wohin fahren wir? MARKUS Ich fahr dich nach Hause.

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SVENJA Sehen wir uns morgen wieder? MARKUS Wenn ich am Spielplatz vorbeilaufe. Sie versucht, zaghaft mit ihm zu flirten. Markus geht gar nicht darauf ein. SVENJA Bitte lass mich noch mal mitkommen. MARKUS Es war ein Fehler, dich überhaupt mitzunehmen. Markus hält vor Svenjas Haus. Er wartet darauf, dass sie aussteigt, aber sie bleibt sitzen. SVENJA Wenn du mich nicht mitnimmst, erzähl ich, dass du mich angegrabscht hast. Dann feuert dich mein Stiefvater. MARKUS Steig jetzt aus. Svenja drückt ihre Zigarette aus. SVENJA Ich halte es nicht aus zu Hause. Svenja angelt eine kleine Zahnpastatube aus ihrer Tasche und drückt sich etwas Zahnpasta in den Mund. Sie kaut. um die Pasta zu verteilen und schluckt sie runter. SVENJA (CONT’D) Kann ich nicht vielleicht doch wieder mitmachen? Markus lässt sich endlich breitschlagen. MARKUS Meinetwegen. Svenja lächelt.

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27 BADESEE – AUSSEN – ABEND Marisa sitzt in der Nähe eines Lagerfeuers am Ufer des Sees. Neben ihr Melanie, Benny und Lupo, der sich wieder angeschlichen hat, in der Hoffnung auf kostenlose Getränke. Sie schaut Mike und Dennis zu, die sich im flachen Wasser prügeln. Beziehungsweise sie prügeln nach festen Regeln. Beide schlagen abwechselnd. Der andere darf dem Schlag nicht ausweichen oder ihn abblocken. Sie versuchen, den Schlag, den sie einstecken, mit dem Schlag, den sie austeilen, zu übertreffen. Sie sind allerdings so betrunken, dass sie sich nur ungenau treffen. Benny und Buster haben sich Lupo geschnappt und schmeißen ihn ins Wasser. Er schimpft und schleppt sich triefend nass wieder ans Ufer. Um Melanie hat sich eine kleine Gruppe versammelt. Melanie trinkt aus einer Wodkaflasche, die zur Hälfte gefüllt ist. Die anderen feuern sie an. Benny filmt sie. BENNY Frogshit, zieh! Zieh! Melanie trinkt die Flasche bis zum letzten Tropfen leer. Sie schmeißt die Flasche hinter sich und hebt die Arme im Triumpf. Sie verliert die Balance. Versucht, durch einen Schritt nach hinten ins Gleichgewicht zu kommen, doch torkelt nur, nicht mehr in der Lage, ihre Beine zu kontrollieren. Benny hat vor lauter Lachen Mühe, das Videohandy gerade zu halten. Auch die anderen lachen sich schlapp, als Melanie auf den Hosenboden fällt und desorientiert um sich blickt. Sie feuern sie weiter an, als sie versucht wieder hoch auf die Beine zu kommen. Sie schafft es nur, sich ein wenig aufzurichten, dann fällt sie wieder hin.

28 BADESEE / PARKPLATZ – AUSSEN – ABEND Marisa hockt am Rande des Parkplatzes, um zu pinkeln. Durch die Bäume hindurch sieht sie das Licht eines Autos, dass auf der Landstraße fährt. Marisa steht auf und versucht, einen besseren Blick zu bekommen. In der Ferne sieht sie, dass das Licht von dem Blaulicht auf einem Autodach kommt. Das Auto kommt näher und scheint, sich auf den Parkplatz zuzubewegen. Die Blaulichter biegen jedoch nicht auf den Parkplatz ab, sondern fahren die Landstraße entlang weiter. Es ist ein Polizeiauto. Aber offensichtlich hat es nichts mit dem Unfall oder zumindest nicht mit Marisa zu tun, denn das Blaulicht wird kleiner und verschwindet in der Nacht. Marisa beobachtet es angespannt, bis nichts mehr zu sehen ist. Sie geht zurück zum Ufer.

29 BADESEE – AUSSEN – NACHT

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Die meisten schlafen oder sind vom Alkohol bewusstlos. Benny beugt sich über Melanie, die regungslos im Sand liegt. Er hebt ihr T-Shirt hoch und filmt mit dem Handy. Zusammen mit einem anderen zieht er ihr Hose und Unterhose aus. Er filmt. Ihre bleichen Beine leuchten in der Dunkelheit. Er hält mit der Kamera direkt auf das schwarze Dreieck ihrer Schamhaare. Er legt ihr eine Bierflasche zwischen die Oberschenkel. BENNY Du Hure. Er lacht. Der Typ, der ihm geholfen hat, verliert das Interesse und geht weg. Melanie bewegt sich, sie dreht sich auf die Seite und kotzt. Marisa sitzt mit einem Rest um das Feuer. Markus wirft neue Äste in die Flammen. Er setzt sich neben Marisa und legt einen Arm um sie. Ein Junge bastelt an dem lädierten CD-Spieler, bis Musik ertönt. Die langsame, traurige Ballade einer rechtsradikalen Band, etwa wie Sleipnir, ertönt. Markus rollt einen Joint, zündet ihn an und lässt ihn kreisen. Alle sind still. Ein Junge fängt an zu weinen. BENNY (CONT’D) Flennste, weil das Bier alle ist? MARISA Schnauze.

30 BADESEE – AUSSEN – MORGENS Am nächsten Morgen. Die Sonne beginnt, den Morgennebel vom See zu vertreiben. Marisa sitzt fröstelnd im Sand und umklammert ihre Beine. Melanie richtet sich auf. Sie versucht, ihr sandiges Haar mit den Händen in Form zu bringen. Sie zieht sich ihre Hose an. BENNY Frogshit, vermisst du was? Er hält mit beiden Händen Melanies Unterhose hoch. Melanie dreht sich vom ihm weg und ignoriert ihn. Benny steckt sich die Unterhose in die Tasche und geht zum Parkplatz. Hier und da sieht man im Gras einzelne Schnapsleichen. Marisa zündet sich eine Zigarette an. Sie bemerkt eine junge Familie, die auf den Strand kommt, beide Eltern bepackt mit Schirm, Sonnencreme und Badetaschen. Ihr Sohn hüpft mit seinem Strandspielzeug um sie rum. Der Vater wirft die Sachen in den Sand und tollt mit seinem Sohn herum. Der Sohn springt in

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den Arm des Vaters. Ein Bild der Harmonie und der vorpubertären Liebe. Marisa beobachtet die Szene hasserfüllt.

31 AUTO MARISA / PARKPLATZ – INNEN / AUSSEN – MORGENS Marisa betrachtet die Beifahrerseite ihres Autos. Mit dem Finger befühlt sie die Delle und den langen Kratzer, der sich über die Tür zieht. Marisa steigt in ihr Auto ein. Melanie klopft an ihre Scheibe. Marisa kurbelt runter. MELANIE Nimmst du mich mit? MARISA Damit du mir das Auto vollkotzt? Marisa legt den Rückwärtsgang ein und düst davon. Melanie bleibt allein zurück und läuft den Schotterweg hoch.

32 AUTO MARISA – INNEN / AUSSEN – TAG Marisa fährt auf der Landstraße in Richtung Unfallstelle. Sie ringt mit sich. Sie sieht die Unfallstelle, dort flattert jetzt ein rot-weißes Polizeiabsperrband. Marisa fährt in hohem Tempo an der Stelle vorbei. Dann steigt sie auf die Bremse. Sie sitzt im Auto und überlegt, dann fährt sie auf den Seitenstreifen und steigt aus. Sie läuft zurück zum Absperrband. Marisa hat keinen Blick für die schöne Landschaft, die sie umgibt. Sie sieht sich den Boden genauer an. Das Mofa ist nicht mehr zu sehen. Sie hebt eine Scherbe auf, die zwischen den Gräsern blinkt. Sie befühlt den Boden und betrachtet ihre Finger, dort klebt eine dunkle, ölige Flüssigkeit.

33 KRANKENHAUS / ZIMMER GROSSVATER – INNEN – TAG Marisa berührt ihren Großvater sanft an der Schulter, doch er bleibt reglos. Sie schüttelt seine Schulter und beugt sich zu ihm, als immer noch jede Reaktion ausbleibt. Auf einmal hört sie ein ganz leises Knurren. Sie schaut ihren Franz erstaunt an, er hat immer noch die Augen geschlossen. Das Knurren wird lauter, wie das eines hungrigen Wolfes. Franz reißt die Augen auf und packt Marisa mit

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beiden Händen und zieht sie zu sich. FRANZ Damit ich dich besser fressen kann! Er kitzelt Marisa und tut so als würde er sie beißen und verspeisen. Marisa befreit sich lachend aus seinem Griff. MARISA Ich hab dir auch was mitgebracht, Großmutter. Sie zieht Zeitschriften und Schokolade aus der Tasche. MARISA (CONT’D) Aber warum hast du denn so große Hände? Franz lässt die Mitbringsel schnell in der Schublade neben seinem Bett verschwinden. FRANZ Damit ich dir ordentlich den Po verhauen kann. Bist du allein? MARISA Und du? Der Großvater winkt müde ab. FRANZ Hier ist Endstation. Ich leg hier den Rückwärtsgang ein. Die Erinnerungen sind wichtiger, als das was noch kommt. Marisa setzt sich schweigend neben sein Bett und hält seine Hand. Sie legt ihren Kopf in die Arme ihres Großvaters und schließt die Augen. FRANZ (CONT’D) Hast du was ausgefressen? Marisa bleibt regungslos liegen. FRANZ (CONT’D) Ich hab so viel Schlimmes gemacht in meinem Leben, dass es für vier reicht. Was du auch gemacht hast, es kann nicht so schlimm sein. Er drückt ihr Kinn hoch, sodass sie ihn ansieht.

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FRANZ (CONT’D) Aber man muss für alles bezahlen und geradestehen. Und den Dreck wegmachen, den man hinterlässt. Marisa nickt und lässt ihren Kopf auf seinen Arm sinken. Franz blickt nachdenklich zur Zimmerdecke. Er scheint unruhig. Einen Moment lang sieht es so aus, als käme Franz ein Gedanke, den er Marisa mitteilen will. Er öffnet schon den Mund, doch da ist der Gedanke wie weggeblasen. Er denkt nach, versinkt in Erinnerung, merkt gar nicht mehr, das Marisa neben ihm steht. Marisa bricht es das Herz, ihn so zu sehen. MARISA Opa? FRANZ Will deine Mutter nicht mal mitkommen? Marisa schüttelt den Kopf. MARISA Vielleicht musst du sie anrufen. FRANZ Hab ich. Ich hab sie gefragt, wann sie mich denn besuchen kommt. MARISA Und was hat sie gesagt? FRANZ Sie kommt erst, wenn ich aufgehört hab zu atmen.

34 KRANKENHAUS – INNEN – TAG Marisa läuft durch die Flure. Unten kommt sie an der Notaufnahme vorbei. Am Rande des Gangs wurde ein SCHWERVERLETZTER in seinem Rollbett abgestellt. Sein Kopf wird durch grell orangefarbene Kissen abgestützt und sein Gesicht dadurch verdeckt. Marisa kommt zögernd näher. Sie tritt ganz an das Bett heran und zupft die Decke leicht zurück, bis sie das Gesicht klar sehen kann. Sie

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erkennt, dass es nicht Jamil ist.

35 KRANKENHAUS / ANMELDEBEREICH – INNEN – TAG Marisa geht zur Anmeldung. Sie lehnt sich auf den Tresen und blickt in das Gesicht einer Krankenschwester, die laut ihrem Namensschild „Y. BIEMANN“ heißt. Schwester Biemann blickt Marisa an. Doch Marisa weiß nicht genau, was sie sagen soll. Schwester Biemann klappert ungeduldig mit ihrem Kugelschreiber. MARISA Ich hab einen Freund, der war gestern in einen Unfall verwickelt und ich erreich ihn nicht mehr. Sind bei Ihnen gestern welche eingeliefert worden? SCHWESTER BIEMANN Hier wird alle paar Minuten jemand eingeliefert. MARISA Und Verkehrsunfall? SCHWESTER BIEMANN Da kommen Se am besten mal am Wochenende, da gibt’s Unfälle bis zum Abwinken. Die Krankenschwester blickt in ihre Unterlagen. SCHWESTER BIEMANN (CONT’D) Name? Marisa überlegt was sie sagen soll. SCHWESTER BIEMANN (CONT’D) Der Name von Ihrem Freund? Sie sind nicht verwandt, oder? Marisa verliert langsam die Geduld. MARISA Ne. Befreundet, wie der Name schon sagt. SCHWESTER BIEMANN Dann darf ich Ihnen nichts sagen. Die Krankenschwester klappt die Unterlagen wieder zu und klappert mit dem Kugelschreiber.

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MARISA Gab’s irgendwelche Tote? SCHWESTER BIEMANN Sonst geht’s noch. Auf Wiedersehen. Marisa wird wütend. Sie langt über die Theke und schnappt sich die gehefteten Unterlagen. Sie beginnt, drin zu blättern. Die Krankenschwester zerrt an den Unterlagen. Marisa lässt nicht los. Sie zerrt und knickt an den Zetteln. Marisa reißt die Unterlagen an sich und pfeffert sie auf den Boden. Sie haut ab.

36 WOHNUNG MARKUS / WOHNZIMMER – INNEN – TAG Im Wohnzimmer der Plattenbauwohnung scheint die Zeit vor mindestens 30 Jahren stehengeblieben zu sein. An einem Tisch, vor einer Schrankwand mit Furnier aus Holzimitat, sitzen Svenja und DETLEF (50), der Vater von Markus. Svenja schielt immer wieder rüber zum Nachbarzimmer, aus dem man Staubsaugergeräusche hört. Detlef sitzt im Bademantel in einem Rollstuhl. In seinem Gesicht wuchert ein dichter Vollbart. Detlef schenkt sich Kaffee aus einer zierlichen Porzellankanne nach. Svenja bedeckt ihre Tasse mit der Hand, als Zeichen, dass sie keinen Kaffee mehr möchte. Detlef schenkt ihr trotzdem ein. Svenjas Hand zuckt weg, als der heiße Kaffeestrahl ihre Haut berührt. DETLEF (ZU SVENJA) Er ist noch gründlicher als meine Frau. (LAUT) Menschenskind, jetzt lass doch die Küche und setz dich zu uns. Svenja leckt sich den Kaffee von ihrer Hand. Detlef stochert in seinem Kuchen rum. Beide schweigen. DETLEF (CONT’D) Bist du auch so politisch? Wie Markus? Ich verstehe das nicht. Ich bin Marxist. Immer noch. Svenja schiebt sich die letzten Krümel ihres Kuchens in den Mund. SVENJA Letzten Sommer sind wir nach Lanzarote geflogen. DETLEF Schön. (TRINKT SEINEN KAFFEE AUS) Thermodynamik, Luftdruck, Winde, damit hab ich mich beschäftigt. Es war wie Wissenschaft. Interessiert

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dich bestimmt nicht, was so ein alter Mann zu sagen hat. SVENJA Doch. Das Staubsaugergeräusch verstummt. Detlef blickt zur Tür, von der man jetzt Geschirrklappern hört. DETLEF Früher hätte es das nicht gegeben. SVENJA Kann ich noch ein Stück? Svenja greift nach dem Kuchen. DETLEF Nein. Wir müssen noch was für Markus lassen. Svenja hat sich den Kuchen schon fast auf den Teller genommen. Sie blickt Detlef an, sie merkt, dass er es ernst meint und lässt den Kuchen liegen. Markus kommt aus der Küche und setzt sich zu den beiden. Er bemerkt, dass Detlev seinen Bart mit Erdbeerkuchen bekleckert hat. Markus nimmt eine Serviette und tupft den Bart seines Vaters ab. MARKUS Kommst du? Er verlässt den Raum. Svenja steht auf.

37 WOHNUNG MARKUS / WOHNZIMMER – INNEN – ETWAS SPÄTER Svenja sitzt neben Markus auf dem Sofa und kramt in einem Pappkarton voller Unterlagen. Sie zieht einen READER raus, auf dem das Logo einer rechten Partei prangt. Markus hat eine GITARRE auf dem Schoß, auf der er rumklimpert. MARKUS

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Kannst alles mitnehmen. Svenja kramt weiter und findet eine HITLER-GUMMI-MASKE. Sie zieht sich die Maske über den Kopf. SVENJA Küss mich. MARKUS Lass mal. Er zieht ihr die Maske wieder vom Kopf runter. Markus nimmt seine Gitarre und fängt an, auf ihr zu spielen. MARKUS (CONT’D) (SINGT) Gegen Rechts, gegen Rechts, gegen Rechts ist kein Kraut gewachsen. Sinti, Roma, Negerschwein kommen alle in die Öfen rein. Und Jude, ja, du kennst die Hatz, für dich haben wir ’nen Ehrenplatz. Euch hilft jetzt kein Parteigekeife. Aus eurer Asche machen wir Seife.

38 VOR DEM SUPERMARKT – AUSSEN – TAG Ein Dinosaurier aus weißem Knetgummi wandert über Marisas Arm. MARISA Schau mal, wie schön. Ganz weiß. Marisa sitzt rauchend vor dem Supermarkt. Sie hat eine Sonnenbrille auf und neben ihr sitzt ELIAS (7). Marisa lässt den Dinosaurier weiter über ihren Arm wandern. Marisa nimmt den Dinosaurier und verknetet ihn mit anderen Farben zu einer bunten Masse. MARISA (CONT’D) Was hat der jetzt für eine Farbe? ELIAS Braun, gelb, lila, grün gestreift. MARISA Und wenn du jetzt wieder einen weißen willst? ELIAS Dann muss man den wieder auseinander machen.

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MARISA Genau. Aber das geht nicht. Der bleibt jetzt für immer so matschig dunkel. Das ist wie bei den Menschen. Es gibt gelbe Menschen, weiße Menschen, braune, rote. Und wenn die sich mischen, dann geht alles durcheinander. Und viele Menschen wollen das nicht. Und die nennt man Rassisten. Verstehst du? Elias nickt eifrig.

39 SUPERMARKT – INNEN – TAG Marisa sitzt auf ihrem Platz an der Kasse. Sie wechselt eine Bonrolle. Plötzlich rollt ein Flummi über das Kassenband auf sie zu. Sie blickt hoch. Dort steht Rasul. Marisa erschrickt. Rasul packt seine Einkäufe auf das Kassenband. Er reicht ihr einen Gutschein. Marisa ist verunsichert, sie braucht einen Moment, um zu entscheiden, wie sie reagieren soll. Dann lehnt sie sich zurück und verschränkt die Arme. Sie weigert sich, ihn zu bedienen. Rasul rührt sich nicht vom Fleck. Trotzig blickt er ihr direkt in die Augen. Sie hält seinem Blick nicht stand. Sie drückt auf die Klingel. Ein helles Schrillen schallt durch den Supermarkt. Doch niemand scheint, darauf zu reagieren. Rasul starrt Marisa an. Marisa klingelt erneut. Marisa überlegt, dann setzt sie das Kassenband in Bewegung. Rasuls Einkauf rollt auf sie zu und sie zieht alles über den Scanner. Zuletzt fehlt nur noch eine Packung geschnittenes Kommissbrot. Rasul hält sie fest, sodass das Kassenband unter ihr herschleift und sie nicht vorwärts kommt. Marisa blickt ihn an. Das Kassenband steht still. Rasul lässt die Packung los. Das Kassenband läuft wieder, doch sofort schnappt sich Rasul wieder die Packung und hält sie fest. Schließlich lässt er die Packung los, sie rollt auf Marisa zu. Marisa scannt sie ein und nimmt Rasul den Gutschein ab. Rasul streckt ihr die Hand entgegen. RASUL Money back? MARISA Nicht mit dem Gutschein. Rasul trollt sich mit seinen Einkäufen. Marisa steht von der Kasse auf, geht zum Fenster und schaut zu, wie er auf ein zu großes Fahrrad steigt und schwankend davonfährt.

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40 BAHNÜBERGANG LUCKOWEHNA-KRENSITZ – AUSSEN – TAG Ein Bahnübergang im Niemandsland. Ein Zug rast vorbei. Die Luft donnert, der Boden zittert. Es hat den Anschein, als wolle der Zug die Gegend hier so schnell wie möglich hinter sich lassen. Auf der anderen Seite, durch den Zug hindurch, sieht man Rasul wie mit einem Stroboskopeffekt. Dann ist der Zug weg. Rasul steigt auf das Fahrrad, überquert die Schienen mit seinen Einkäufen und fährt weiter.

40 A ANLIEGERSTRASSE – AUSSEN – TAG Rasul fährt auf der Anliegerstraße in Richtung Asylbewerberheim. Am Straßenrand weist ein Schild auf das „Wohnheim“ hin.

41 ASYLBEWERBERHEIM – AUSSEN – TAG Rasul lehnt das Fahrrad neben andere Räder an einen grünen Zaun, der das Gelände des Heims umgibt. Er geht durch ein Tor zu einem großen Plattenbau, in dem das eigentliche Heim untergebracht ist. Der HAUSMEISTER, ein großer Mann mit großem Bauch, ist gerade dabei, Sicherheitsglasscherben zusammenzukehren. Rasul geht grußlos an ihm vorbei. Er sieht im Vorbeigehen, dass eine der Außenwände mit Farbe bemalt ist. Würde er Deutsch verstehen, könnte er dort die Worte „Haut ab!“ lesen.

42 ASYLBEWERBERHEIM / PLATTENBAU – INNEN – TAG Rasul geht die Treppen seines Blocks hoch. Hinter einer verschlossenen Tür hört er Fernsehergeräusche. Im Flur vor der Wohnung steht ein halbes Regal voller Schuhe in verschiedenen Größen. Rasul geht weiter hoch. In der Etage darüber stehen die Türen offen und geben den Blick in verlassene und leere Wohnungen frei.

43 ASYLBEWERBERHEIM / RASULS ZIMMER – INNEN –TAG Rasul setzt sich auf sein Bett in dem karg eingerichteten Raum. Rasul nimmt ein Stück von dem Kommissbrot und beißt ein Stück ab. Er spuckt es schnell wieder aus. RASUL (AUF DARI) Dieses Brot kommt direkt aus der Hölle.

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Er blickt rüber zum Bett an der gegenüberliegenden Wand. Etwas stimmt nicht. Rasul geht rüber und zieht das Bett von der Wand. Er bückt sich und fischt eine POSTKARTE mit einer schwedischen Flagge darauf hervor. Er pinnt die Karte an die Wand. Ein Stück Tapete löst sich dabei. Rasul zieht daran. Auf der Rückseite ist die Tapete mit einer alten russischen Zeitung verstärkt. Rasul betrachtet die kyrillischen Buchstaben. Rasul stellt einen Topf mit Reis und Wasser auf die mobile Kochplatte in der Kochnische. Rasul befühlt die Seite des Topfs mit der Hand, doch er kann keine Wärme spüren. Rasul geht auf den Balkon und blickt runter. Von hier hat er einen Blick auf den grünen Zaun und das Gelände um das Heim. Unten sieht er Markus. Er steht außen und redet durch den Zaun mit einem BEWOHNER. Markus steckt einen Geldschein durch den Zaun. Der Bewohner nimmt ihn, bückt sich und zieht etwas aus einem Versteck am Fuß eines Baumes heraus. Er steckt Markus etwas zu. Rasul hockt im Zimmer auf dem Boden. Er stellt den Topf auf ein Bügeleisen, das, von Bücherstapeln gestützt, mit der Heizfläche nach oben steht.

44 HAUS SVENJA / WOHNZIMMER – INNEN – TAG Die kleine Familie sitzt am Esstisch. Oliver erzählt gerade eine lustige Anekdote aus seiner Firma, über die Andrea so lachen muss, dass ihr die Tränen in die Augen steigen. Oliver stürzt den Rest Rotwein aus seinem Glas runter. Svenja sitzt schweigend auf ihrem Platz und stochert in ihrem Essen rum. SVENJA Darf ich bitte aufstehen? Ich möchte etwas lesen. ANDREA Ja klar. Oder? Sie sieht sich unsicher zu Oliver um. Oliver nickt. Svenja steht auf, ihr fällt noch etwas ein. SVENJA Ich wollte morgen zum Optiker, um mich nach Kontaktlinsen zu erkundigen. OLIVER Deine Brille ist völlig in Ordnung. ANDREA

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Du siehst doch süß aus mit. SVENJA Ich möchte Kontaktlinsen. OLIVER Nein. ANDREA Wir schauen mal, okay, Svenja? OLIVER Nein. Andrea schaut Oliver an, wagt aber nicht, noch etwas zu sagen. Svenja verlässt den Raum.

45 HAUS SVENJA / SVENJAS ZIMMER – INNEN – TAG Svenja liegt im Bett und liest in den Unterlagen von Markus. Andrea kommt rein und setzt sich zu ihr. ANDREA Wie viel brauchst du denn? SVENJA Etwa 18 Euro pro Linse. ANDREA Okay, trag einfach noch etwas deine Brille und ich geb dir was. Was liest du denn? SVENJA Geschichte und Politik. ANDREA Für sowas interessierst du dich? Andrea schleicht zur Zimmertür und horcht in den Flur. Sie macht die Tür wieder zu und schließt sie ab. ANDREA (CONT’D) Hast du noch eine für mich?

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Svenja geht zum Fenster und öffnet es. Sie klettert auf die Fensterbank und tastet draußen den oberen Teil des Fensterrahmens ab. Dort ist ein weiteres ihrer Zigarettenverstecke. Sie holt die Packung rein und holt zwei Kippen raus. Andrea zündet ein Räucherstäbchen an. ANDREA (CONT’D) Und der Junge? Läuft da alles gut? SVENJA Nein, wir haben nicht miteinander geschlafen. Danke der Nachfrage. ANDREA Das Letzte, was du willst, ist, so früh schwanger zu werden, wie ich damals mit dir. Du bist mein Augenstern, aber es war der Horror. SVENJA Ja-ha.

46 AUTO MARISA / HAUS MARISA – INNEN / AUSSEN – TAG Marisa parkt. Vor dem Haus haben sich zwei NACHBARN versammelt, die gebannt auf ein Fenster im oberen Stockwerk schauen. Marisa folgt ihrem Blick. In diesem Moment wuchtet Bea einen Nachttisch aus dunklem Holz auf das Fensterbrett und schmeißt ihn raus. Der Nachttisch kracht auf den Boden vorm Haus, wo bereits weitere Möbel und Holzteile liegen.

47 HAUS MARISA – INNEN – TAG Marisa rennt die Stufen rauf in den ersten Stock. Bea ist dabei auszumisten. Sie steht vor einem alten Schreibtisch und wirft mit ihren gelben Spülhandschuhen Briefe, Unterlagen und Ansichtskarten in einen Müllsack. Das ganze Zimmer steht voller Habseligkeiten und Möbel von Marisas Großvater. MARISA Was machst du? Bea hat genug vom Schreibtisch und geht zu einem Schrank. Sie öffnet ein kleines Kistchen. Es ist voller alter Uhren und ihrer Einzelteile. Bea schüttet den Inhalt in den Müllsack. BEA

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Wir brauchen den Platz. MARISA Hör auf! Bea nimmt ein gerahmtes Foto, das Franz zeigt, von der Wand und pfeffert es in den Müllsack. BEA Steh mir nicht im Weg rum. Das ist mein Haus. MARISA Aber das sind nicht deine Sachen! Bea reißt einen weiteren Müllsack von der Rolle. Sie beginnt, auch diesen zu füllen. MARISA (CONT’D) Und wenn er wieder gesund wird und aus dem Krankenhaus kommt? Bea schnaubt verächtlich. MARISA (CONT’D) Lass mich das machen. Hör auf. BEA Wie du willst, aber bis morgen ist alles weg. Bea zieht ihre Handschuhe aus und geht raus. Marisa befüllt vorsichtig den Müllsack.

48 HAUS MARISA / GARTENLAUBE – INNEN / AUSSEN – TAG Marisa schleppt zwei Müllsäcke durch den Garten zu einer kleinen Gartenlaube und deponiert sie dort. Sie hat Tränen in den Augen.

49 ASYLBEWERBERHEIM / BÜRO – INNEN – TAG

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Rasul sitzt im Büro der Sozialamtsmitarbeiterin. FRAU KACHEL (50) sitzt hinter ihrem Schreibtisch und zwinkert Rasul durch ihre Brille hindurch an. Sie hält ihm ein Papier unter die Nase. Mit der anderen Hand hält sie einen Filzstift, den sie wie einen Zeigestock verwendet, damit Rasul mitbekommt, wo auf dem Papier er hinschauen soll. FRAU KACHEL Alone you cannot stay here. This here, there are many other children like you. RASUL My brother? Sie legt Papier und Stift zur Seite und schaut ihn ernst und traurig an. FRAU KACHEL He will not come back. The police will send him back. You’re alone. You are under 18, so you can stay, but not here. RASUL I go? Where? FRAU KACHEL Jugendheim. New home, many children. Very good! RASUL I go to Sweden. With my brother. Frau Kachel verliert langsam die Geduld. FRAU KACHEL No. We pack now. Bus is coming. Rasul ist den Tränen nahe. RASUL My uncle and his family in Sweden. FRAU KACHEL We help you, okay? But no Sweden. RASUL Can I use phone?

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FRAU KACHEL Now? Mensch jetzt reicht’s mir langsam! RASUL Yes. Rasul greift nach dem Telefon. FRAU KACHEL Who you want to call? We have to write it. RASUL My mother. FRAU KACHEL Where is she? RASUL Afghanistan. Frau Kachel hält alles akribisch fest. FRAU KACHEL But you can only call Festnetz in Germany. No Ausland, no handy. RASUL Okay. No call? FRAU KACHEL It is not allowed. Rasul legt den Hörer wieder auf.

50 ASYLBEWERBERHEIM – INNEN / AUSSEN – TAG Rasul packt seine Sachen, er findet noch ein paar der Einkaufsgutscheine, die er sich in die Hose steckt. Frau Kachel hilft ihm beim Packen. Rasul will auch Jamils Sachen einpacken. FRAU KACHEL This stay. We send to police.

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Rasul zögert. Er blickt zu der Postkarte mit der schwedischen Fahne, die über dem Bett an der Wand hängt. Er steckt die Postkarte ein, Frau Kachel lässt ihn gewähren. Mit voller Tasche verlässt Rasul das Zimmer, er geht ins Treppenhaus, begleitet von Frau Kachel. Sie gehen die Treppe runter. Rasul geht vor, er geht so zügig, dass etwas Abstand entsteht. Rasul beschleunigt. FRAU KACHEL (O.C.) (CONT’D) Warte mal. Rasul rennt, er nimmt drei, vier Stufen auf einmal. Es ist ein halsbrecherisches Tempo, nur mit vielen Übungsläufen wird es dem Kameramann gelingen, ihn in dieser Einstellung zu folgen. Rasul kommt im Erdgeschoss an. Der Hausmeister stellt sich ihm in den Weg. Rasul dreht um und spurtet den ersten Treppenabsatz wieder hoch. Er wirft sich gegen die Wohnungstür und stürzt ins Innere. Er überrascht eine BEWOHNERFAMILIE beim Essen, er stolpert an ihnen vorbei auf den Balkon, klettert hoch auf die Brüstung und hangelt sich über die Feuerleiter nach unten. Er landet im hohen Gras, rappelt sich auf und läuft, so schnell er kann, vom Gebäude weg.

51 SUPERMARKT – INNEN – TAG Marisa nimmt einzelne Packungen und Dosen aus einem Regal raus und schaut sich das Haltbarkeitsdatum an. Bei einer Dose reißt sie ein Stück des Aufklebers ab. Es ist genau das Stück mit dem Datum. Dann stellt sie die Dose wieder zurück ins Regal. Sie geht zur Kühltheke und nimmt sich eine Packung mit eingeschweißtem Hackfleisch vor. Sie riecht kurz an der Packung und knibbelt den Aufkleber mit dem Haltbarkeitsdatum ab. Sie klebt ein neues Datum drauf.

52 SUPERMARKT – INNEN – TAG Rasul schlendert durch die Regalreihen. Marisa bemerkt ihn. Rasul liest die Etiketten der einzelnen Waren, als hätte er noch nie so etwas Interessantes gelesen. Er lässt immer wieder seinen Flummi auf den Boden titschen. Marisa kassiert ein paar Kunden ab. Immer wieder versucht sie, einen Blick auf Rasul zu erhaschen. Marisa bricht eine Kleingeldrolle auf und sortiert die Münzen in das Fach ihrer Kasse. Rasul lässt sich absichtlich Zeit mit seinem Einkauf. Als keine Kunden

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mehr an der Kasse stehen, legt Rasul seine Waren auf das Kassenband. Er gibt Marisa einen Gutschein zum Bezahlen. Marisa schiebt einen Teil der Waren weiter und nimmt den Gutschein. Der Gutschein reicht nicht für alles. Ein paar Waren, für die es nicht mehr reicht, hält Marisa zurück. MARISA Der reicht nicht. Hast du noch einen Gutschein? Rasul zuckt mit den Schultern. Sie hält ihm den Gutschein vor die Nase. MARISA (CONT’D) Hier noch so einen. Two! RASUL No. I only one. MARISA Nix genug. Geld? Sie zeigt ihm einen Zehn-Euro-Schein aus der Kasse. Rasul schüttelt den Kopf. MARISA (CONT’D) Okay. Das hier alles zurück. Sie gestikuliert in Richtung Regale. Rasul rührt sich nicht. MARISA (CONT’D) Wo ist dein Freund? Der Andere. Friend? You? He Money? RASUL No. MARISA Was ist mit ihm? Wo? Where? RASUL I alone. MARISA Das hier mitnehmen. Das hier zurück. Okay? Zurück. RASUL I alone. No money.

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Er schaut sie durchdringend an. Dann steckt er sich die unbezahlte Ware ganz langsam in die Jacke. Zuerst eine Packung Rosinen, dann eine Mango und zuletzt eine Dose Pfirsiche. Marisa beobachtet ihn, sie ist wie erstarrt. Dann schaut sie sich langsam um, ob irgendjemand sie sehen kann. Rasul schließt seine Jacke und geht Richtung Ausgang. Marisa hält ihn nicht auf.

53 VOR DEM SUPERMARKT – AUSSEN – DÄMMERUNG Bea und Marisa stehen neben der Eingangstür neben dem Laden. Sie rauchen eine Feierabendzigarette. MARISA Ich hab mit Sandro telefoniert. Bea zieht an ihrer Caro würzig und beobachtet die Leute auf der anderen Straßenseite. MARISA (CONT’D) Er kommt bald raus. Marisa lauert auf eine Reaktion. MARISA (CONT’D) Wenn er draußen ist, wollen wir ein Kind. Bea schnuppert in der Luft. BEA Riechst du das? Ich glaub die Kühlung schmort wieder durch. MARISA Bea, freust du dich nicht, wenn du vielleicht Omi wirst? BEA Durch ein Kind ändert sich so einiges. MARISA Ach komm. (DRÜCKT IHRE MUTTER.) Glaubst du nicht, dass ich eine gute Mutter wäre? BEA (KÜHL LÄCHELND)

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Bestimmt. Bea streichelt die Schulter ihrer Tochter. BEA(CONT’D) Es gibt ja sonst nicht wirklich viel, was du gut kannst. Man sieht, dass der Satz Marisa trifft. BEA (CONT’D) Jetzt guck nicht so wie ein Auto.

54 HAUS SVENJA / ARBEITSZIMMER – INNEN – TAG Svenja steht oben in der Tür und blickt runter auf Oliver, der an seinem Schreibtisch sitzt. SVENJA Du wolltest mich sprechen? OLIVER Setz dich. Svenja schleicht die Stufen ins Zimmer runter und setzt sich vor den Schreibtisch. Er schaut sie schweigend an. Sie versucht, in seinem Gesicht zu lesen, aber er sitzt nur mit unbeweglicher Mine vor ihr. Svenja wartet gespannt, doch Oliver schweigt. Svenja rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. OLIVER (CONT’D) Du bist so unruhig. SVENJA Was ist denn? OLIVER Möchtest du eine Zigarette? SVENJA Was? Nein! OLIVER Vielleicht würden sie deine Nerven beruhigen.

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SVENJA Ich rauche nicht. Oliver schweigt. SVENJA (CONT’D) Ich schwöre dir, dass ich nicht rauche. In meiner Klasse rauchen fast alle, aber ich find’s eklig. Wortlos öffnet Oliver seine Schreibtischschublade und holt einen Zigarettenstummel raus, den er vor Svenja platziert. Er holt weitere raus, die er alle fein säuberlich vor Svenja hinlegt. SVENJA (CONT’D) Die sind nicht von mir. OLIVER Die habe ich in deinen Hosentaschen gefunden. Während er spricht, holt er eine neue Packung Zigaretten hervor und entfernt die Zellophanverpackung. SVENJA Es tut mir leid. OLIVER Weißt du, warum du nicht rauchen sollst? SVENJA Weil deine erste Frau an Lungenkrebs gestorben ist. OLIVER Wir wollen, dass du nicht an Lungenkrebs stirbst. Aber wenn du so gerne rauchst, dann sollst du es auch tun. Nimm. Er reicht ihr eine Zigarette. Svenja schüttelt den Kopf. OLIVER (CONT’D) Nimm! Sein Ton duldet keinen Widerspruch. Mit zitternder Hand nimmt Svenja eine Zigarette. Oliver gibt ihr Feuer. Svenja raucht. Die Zigaretten sind ungewohnt stark für sie. Schon beim ersten Zug muss sie beinahe husten. Sie blickt ängstlich

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zu Oliver, der sich keine Emotion anmerken lässt. Er sitzt nur da und beobachtet sie kalt. Svenja zieht tapfer an der Kippe. OLIVER (CONT’D) Gut? Svenja schüttelt den Kopf und bläst Rauch aus. Oliver öffnet das Fenster. Dann lehnt er sich entspannt zurück und schlägt eine Zeitung auf. OLIVER (CONT’D) Eigentlich kann man dir gar keinen Vorwurf machen, dass du lügst und betrügst. Das wird dir ja an jeder Ecke in diesem System vorgelebt. Dieser Staat geht vor die Hunde. Genau wie der letzte. Etwas später. Svenja zieht an der fast heruntergebrannten Kippe. Oliver lehnt sich vor und reicht ihr den Aschenbecher. Svenja drückt ihre Zigarette aus. Oliver reicht ihr erneut die Zigarettenschachtel. Sie nimmt sich eine neue Zigarette. OLIVER (CONT’D) Du wirst nicht eher gehen, als bis diese Packung leer ist. Hast du mich verstanden?

55 HAUS SVENJA / ARBEITSZIMMER – INNEN – NACHT Svenja hängt auf dem Stuhl, sie ist grün im Gesicht. Sie drückt eine Kippe im jetzt vollen Aschenbecher aus. Svenja nimmt die Packung Zigaretten, die noch immer nicht leer ist. Sie schaut rüber zu Oliver, der seelenruhig Zeitung liest. SVENJA Mir ist schlecht. Ich muss ins Bad. OLIVER Du bleibst, wo du bist. Er reicht ihr einen Plastikeimer und schlägt wieder seine Zeitung auf. Svenja kann nicht mehr an sich halten. Sie reißt den Eimer an sich, steckt den Kopf rein und übergibt sich. SVENJA Darf ich jetzt in mein Zimmer gehen? Bitte. Er reicht ihr eine weitere Zigarette und gibt ihr Feuer.

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OLIVER Glaub mir, es tut mir mehr weh als dir.

56 AUTO MARISA / PARKPLATZ JVA – INNEN / AUSSEN – TAG Marisa sitzt im Auto. Musik spielt auf voller Lautstärke. Sie wartet und raucht. Sie sieht immer wieder raus. Sie hält es kaum aus, still zu sitzen. Auf einmal sieht sie etwas. Sie reißt die Tür auf und springt raus.

57 PARKPLATZ JVA – AUSSEN – TAG Marisa rennt über den Parkplatz. Fliegt vorbei an parkenden Autos. Springt. Landet. Direkt in den Armen von Sandro. Reißt ihn fast mit sich zu Boden, er kämpft um sein Gleichgewicht, sie drückt ihn mit beiden Armen an sich. Ihre Beine verschränken sich hinter seinem Rücken. Er hält sie fest mit seinen durchtrainierten, tätowierten Armen. Sie küssen sich. Dann trägt er sie und seine Tasche zurück zum Auto. Sie hält ihn die ganze Zeit fest. Wie ein Klammeraffe, wie ein kleines Paket, das ihm um den Hals hängt. Er findet das Auto. Sieht sich um. SANDRO Bist du allein gekommen? Marisa hört ihm gar nicht zu. Mit Mühe kriegt Sandro die Autotür auf. Mit noch mehr Mühe muss er sich von ihr befreien, damit sie ihn loslässt und auf dem Beifahrersitz Platz nimmt.

58 AUTO MARISA – INNEN / AUSSEN – TAG MARISA Lass uns irgendwo ranfahren. SANDRO Nein. Sandro lenkt. Marisa ist so dicht bei ihm, dass sie fast zu zweit auf dem Fahrersitz sitzen. Marisa küsst ihn, öffnet ihm während der Fahrt die Hose, ihr Kopf geht runter auf seinen Schoß. Sandro sieht sich um. Er biegt von der Straße ab auf einen kleineren Weg. Das Auto fährt an Häusern vorbei an den Waldrand. Sandro stellt den Motor ab. Er zieht Marisas Kopf hoch und dann zieht er sie ganz rüber zu sich auf seinen Schoß. Er stellt den Sitz zurück, kurbelt an der Lehne, versucht, sie flacher zu kriegen. Sie haben Sex. Leidenschaftlich, aber auch effizient

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und erfolgsorientiert. Man merkt, dass sie ein eingespieltes Paar sind. Der wortlose Sex geht beinahe nahtlos über in genauso effizientes und genauso wortloses Anziehen, Lehne aufrichten. Schweigend sitzen sie nebeneinander. Sandro ist aufgewühlt, etwas arbeitet in ihm. Er blickt Marisa an, findet aber einfach nicht die Worte, um mit ihr zu sprechen. Er drückt seine Finger, bis die Fingergelenke knacken. Es ist eine Angewohnheit von ihm, er macht es gänzlich unbewusst. MARISA Du musst nichts erzählen. Sandro startet den Motor. Das Auto setzt zurück, im Fahren schließt er seinen Reißverschluss, zündet eine Kippe an und reißt den Lautstärkeregler des Radios voll auf.

59 AUTO MARKUS / VOR PLATTENBAU – INNEN / AUSSEN – TAG Markus und Svenja knutschen. Dann steigt Markus aus. SVENJA Ich komm nach. Markus legt den Autoschlüssel auf den Fahrersitz. MARKUS Fünfter Stock. Svenja bleibt im Auto sitzen. Sie hat ihre Schulungsmaterialien dabei. Sie blättert darin, als stünde ihr eine Klausur bevor. Sie steigt aus, schließt das Auto ab.

59 A PLATTENBAU / TREPPENHAUS – INNEN – TAG Svenja steigt die Treppen hoch. Dumpf hört man wummernde Musik und Stimmen, die immer lauter werden, je höher Svenja steigt.

60 WOHNUNG IM PLATTENBAU – INNEN – TAG Svenja klingelt an einer Tür. Die Tür wird geöffnet. Svenja zögert, der HÜNE, der öffnet, sieht gefährlich aus. Svenja reicht ihm gerade mal bis zum Schriftzug „Masterrace“, der in flammender Schrift auf seinem T-Shirt steht. Doch er lä-

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chelt sie an, macht ihr Platz und eine einladende Geste. Svenja erkundet die Wohnung. Markus ist verschwunden. Die Wohnung ist spießig, miefig eingerichtet. Sie wird von Neonazis sämtlicher Couleur belagert. Die meisten Typen im Flur jagen Svenja Angst ein. Sie wagt sich trotzdem immer weiter rein. Ein paar Leute drehen sich zu ihr um und mustern sie neugierig. CLEMENS (43) stellt sich ihr in den Weg. Seinen massigen Körper hat er in eine SA-Uniform gesteckt, mit braunem Hemd, Breecheshose, Koppel und Schulterriemen. Er schaut sie durch seine runde Brille an. CLEMENS (ÖSTERREICHISCHER AKZENT) Schlucken oder Spucken? SVENJA Was? CLEMENS Schluckst du oder spuckst du? Er zeigt ihr eine Flasche Met. Sie will nach der Flasche greifen, doch Clemens hat andere Pläne. CLEMENS (CONT’D) Leg deinen Kopf in den Nacken. Ja so ist’s brav. Schön weit aufmachen den Mund. Svenja legt den Kopf in den Nacken und macht den Mund auf. Clemens schüttet, bis ihr Mund vollgelaufen ist. Er schüttet noch etwas weiter, sodass ihr der Schnaps über das Gesicht auf ihr T-Shirt läuft. Dann setzt er ab. Die Umstehenden klopfen ihr anerkennend auf die Schulter und geben ihr eine volle Flasche mit.

61 WOHNUNG PLATTENBAU / KÜCHE – INNEN – TAG Mit der Flasche in der Hand erkundigt Svenja die Wohnung weiter. Sie kommt in die Küche. Hier erkennt sie Leute wieder: Trinkaus, Benny, Markus und Melanie. Svenja setzt sich neben Markus. Trinkaus genehmigt sich einen Schluck aus der Metflasche, dann gibt er sie zurück an Svenja. Benny lehnt ab. Er reicht Markus ein Tütchen mit Speed. Markus nimmt es und zieht eine Line. Svenja beobachtet ihn mit großen Augen. Sie versucht, nach außen hin so zu wirken, als sei es das Normalste der Welt. Melanie hängt wie ein trauriger Vogel am Küchentisch. Sie hat sich weit in ihren riesigen schwarzen Pullover zurückgekrochen und schaut Svenja aus großen, grünen Augen an.

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SVENJA Auch einen Schluck? Melanie starrt sie an, ohne zu antworten. BENNY Hey, Frogshit, noch ein Schluck Sahnepudding? MELANIE Halt die Schnauze. BENNY Oder ein, zwei Pfund Butter? MELANIE Halt die Schnauze. BENNY Fette Sau. TRINKAUS Kannst du mit nach Hause nehmen, Frogshit. Butter könnt ihr euch doch bestimmt nicht leisten. MARKUS Jetzt lasst Melanie in Ruhe. Markus legt eine weitere Line und reicht Svenja ein Röhrchen. Svenja zögert, dann lehnt sie ab. Markus bedient sich selbst. Svenja verlässt die Küche.

62 WOHNUNG PLATTENBAU – INNEN – TAG Im Flur sieht Svenja, dass neue Gäste ankommen. Sandro kommt rein und wird gleich hinter der Tür umringt. Man klopft ihm auf die Schulter, drückt ihm etwas zu trinken in die Hand, zerrt an ihm. Sandro schüttelt Hände, man nimmt ihn überschwänglich in die Mangel, wie einen lang verlorenen Sohn. Marisa schiebt sich grußlos an dem Gedränge vorbei. Bevor Marisa sie entdecken kann, verlässt Svenja den Flur und flüchtet sich ins Wohnzimmer.

63 WOHNUNG PLATTENBAU – INNEN – TAG

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Lautes Stimmengewirr schlägt Svenja entgegen. Der Raum ist voller Leute. Clemens steht vorne und heizt ein. CLEMENS (ÖSTERREICHISCHER AKZENT) Wir lassen uns nicht länger belügen. Wir kämpfen für die Wahrheit. Und wir stehen zusammen, da ist es egal, woher du kommst. Ob aus dem Osten wie ihr, oder aus dem Westen oder aus Österreich. Clemens schwitzt wie ein Ochse in dem voll besetzten Raum. Er ist ganz in seinem Element. CLEMENS (CONT’D) Wir kämpfen zusammen, bis jeder in dieser verräterischen Regierung an einem schönen Baum aufgeknüpft ist und im Winde baumelt. Lasst den Jud und den Neger erzittern, erbeben, wenn er uns sieht, wenn wir marschieren. Wir stehen zusammen wie ein Rudel Wölfe. Lasst uns Wölfe sein und unsere Feinde zerfleischen. Uns im Blut unserer Feinde baden. Lasst uns alles niedermähen, was sich uns in den Weg stellt. Heil Hitler! ALLE Heil Hitler! CLEMENS Prost, ihr Säcke! ALLE Prost, du Sack! Clemens bahnt sich einen Weg zum Fernseher in der Schrankwand. Er schiebt eine DVD in den Spieler. CLEMENS Damits ihr auch noch was lernt heut Abend. Die Wahrheit lässt sich nicht verbieten. Licht aus! Er drückt auf einen Knopf der Fernbedienung, die ersten schwarzweißen Bilder des Films fangen an. Man sieht den Titel des Films: „Der ewige Jude“. Jemand schaltet das Licht aus, durch die Vorhänge dringt noch ein wenig Tageslicht auf die Gesichter der Zuschauer, die weiter trinken und reden. Manche lachen, als der Film beginnt. Er ist von 1940 und zunächst wirken die alten Bilder und die Stimme des Sprechers sehr fremd. Clemens drückt noch mal auf die Fernbedienung, bis die Lautstärke des Fernsehers die Leute im Raum übertönt.

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FERNSEHTON Wo Ratten auch auftauchen, tragen sie Vernichtung ins Land, zerstören sie menschliche Güter und Nahrungsmittel... Die Geräusche im Raum verstummen, alle schauen gebannt zum Fernseher, ihre Gesichter blass und bläulich durch das Licht der Mattscheibe. Dort flimmern Bilder vom Schächten einer Kuh. FERNSEHTON (CONT’D) Diese Bilder sind ein eindeutiger Beweis für die Grausamkeit der Schächtmethode. Sie enthüllen zugleich... Einige der zuschauenden Jungs lachen, die meisten sind jedoch von den Bildern beeindruckt. Svenja schaut gebannt hin und kann kein Auge vom Bildschirm nehmen. Jemand reicht Svenja ein volles Schnapsglas. Svenja trinkt ihr Glas leer. Jemand schüttet es wieder voll. Im Nachbarzimmer bricht ein Tumult aus. Einige der Zuschauer rennen rüber, mit ihnen Svenja.

64 WOHNUNG PLATTENBAU – INNEN – TAG Svenja sieht wie Sandro Markus jagt. Markus versucht verzweifelt, sich hinter anderen Leuten in Sicherheit zu bringen. Sandro stößt Leute und einen Stuhl zur Seite und erwischt Markus. Er prügelt auf ihn ein. Marisa geht dazwischen, worauf sie sich prompt auch eine fängt. Mitten aufs Auge. Sie rappelt sich sofort wieder auf und geht wieder dazwischen. Sie versucht, Sandro ihre Hand vor die Augen zu halten, um den Blickkontakt zu Markus zu unterbrechen. Dann zerrt sie Markus von Sandro weg. SANDRO Ich hab dir gesagt, ich bring dich um, wenn ich dich noch mal mit Drogen erwische. MARKUS Das war nicht von mir. SANDRO Bringt ihn hier weg. Ich will ihn nicht mehr sehen. Markus geht raus. Svenja geht hinterher.

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MARKUS Lass uns abhauen. Svenja schüttelt den Kopf, sie will bleiben. Markus schaut sie überrascht an, dann zuckt er mit den Schultern und geht.

65 WOHNUNG PLATTENBAU / KÜCHE – INNEN – TAG Sandro sitzt mit Clemens am Küchentisch. Marisa versucht, Sandro zu sich zu ziehen. Dann drängt sie sich auf seinen Schoß und beißt ihn in den Hals. Clemens stellt einen schwarzen Hartplastikkoffer auf den Tisch. Er öffnet den Koffer und Sandro holt eine Pistole raus. CLEMENS Damit hast du die besten Argumente immer auf deiner Seite. Die ist echt. Walther P38. 1938 in der Wehrmacht eingeführt. Scheckbuchgepflegt. SANDRO Wie viel? CLEMENS 600. SANDRO In bar? CLEMENS Seh ich aus wie ein Jud? Bei mir gibt’s keinen Kredit. MARISA Das ist zu viel. Sandro reicht ihm Geldscheine. Sandro drückt seine Finger, bis die Gelenke knacken, während Clemens das Geld zählt. CLEMENS Musst du dazwischenquasseln, wenn Erwachsene Geschäfte machen? Marisa hält ihm ihren Mittelfinger vor die Nase, ohne von Sandro abzulassen. Clemens prostet ihr mit einer Schnapsflasche zu. Sein Gesicht ist vom starken Al-

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kohol rot und verschwitzt. CLEMENS (CONT’D) Weißt du, was sie mit so jemandem wir dir früher gemacht hätten? So wie du rumläufst: Gleich ins Gas. Eigentlich brauchen wir genau das auch. Wir nehmen nur noch Leute, die die SA auch genommen hätte. MARISA Damit ihr euch alle schön gegenseitig in den Po ficken könnt. CLEMENS Weißt du, warum du noch die paar langen Strähnen hast? Damit man dich von einem Mann unterscheiden kann. Marisa schaut Sandro an, in der Erwartung, dass er sich für sie einsetzt. SANDRO (ZU MARISA) Los schieb ab. Sandro schubst sie von seinem Schoß. Marisa nimmt sich die Pistole und richtet sie auf Sandro. Spielerisch bedroht sie ihn damit. Sandro schlägt die Pistole zur Seite und steht auf. Er knallt Marisa eine mit der Rückseite seiner Hand und versetzt ihr einen Stoß, sodass sie gegen die Spüle kracht. SANDRO (CONT’D) Du weißt einfach nicht, wann Schluss ist. Marisa geht aus der Küche, sie stößt Trinkaus zur Seite, der gerade den Flur entlang getorkelt kommt.

66 WOHNUNG PLATTENBAU – INNEN / AUSSEN – TAG Svenja steht auf dem Balkon und liest in ihren Unterlagen. Sandro kommt mit Benny und einem anderen Jungen raus und nimmt sich ein Bier aus einem Kasten. Er stellt sich an das Geländer und schüttet eine kleine Plastiktüte mit weißem Pulver aus. SANDRO Prost. Er stößt mit Svenja an. Svenja trinkt sich ein wenig Mut an. Sandro blickt auf

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die anderen Häuser. Er drückt die Finger seiner linken Hand, bis die Fingergelenke knacken. Sie blättert in dem Schulungsreader, in der Hoffnung, dass es Sandro auffällt. Mit Erfolg. SANDRO (CONT’D) Das kannst du vergessen. Ich hab keinen Bock mehr auf Worte. Ich will Taten, ich bin bereit für den Krieg. Svenja beobachtet ihn mit großen Augen. SANDRO (CONT’D) Es gibt nur zwei Arten, wie das alles weitergeht. Wir sitzen wie ein Frosch im Kochtopf, während das Wasser immer heißer wird mit Bürgerkrieg, Drogen, Chip in der Haut, manipuliertem Trinkwasser und künstlichen Seuchen. Oder es tut bald einen großen Schlag, der all das verschlingt. Und ich sorge dafür, dass diesmal nicht nur der Dreck überlebt. Marisa betritt den Balkon und stellt sich dazu. SVENJA Alles okay? MARISA Ja und jetzt verpiss dich! SVENJA Du warst auch mal so alt wie ich und wurdest nicht weggeschickt. Ich bin keine Mitläuferin. Marisa packt Svenja und drückt sie mit dem Oberkörper über die Brüstung des Balkons. Marisa hält sie am Kragen über dem Abgrund. Das Schnapsglas segelt in die Tiefe und zerbirst auf dem Asphalt. Sandro bremst Marisa und zerrt Svenja wieder auf den Balkon. Svenja steht unter Schock. Zitternd sieht sie Marisa an, die sich drohend vor ihr aufbaut. Marisa haut Svenja mitten ins Gesicht, sodass Svenja nach hinten über eine Bierkiste stolpert und hinfällt. Svenja bedeckt ihre Nase mit der Hand. Als sie sich ihre Hand anschaut, sieht sie das Blut aus ihrer Nase an den Fingern. MARISA Nächstes Mal schmeiß ich dich runter. Und wenn du nicht stirbst, sondern im Rollstuhl landest, dann komm ich dich jede Woche besuchen und hau dir nochmal in deine behinderte Fresse.

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Marisa schiebt die anderen zur Seite und verlässt den Balkon. Svenja stürzt hinter Marisa her.

67 WOHNUNG PLATTENBAU / WOHNZIMMER – INNEN – TAG Svenja schmeißt sich von hinten auf Marisa. Marisa ist durch den Angriff überrumpelt und verliert das Gleichgewicht. Die beiden Mädchen fallen und ringen auf dem Boden miteinander. Um sie herum bildet sich ein Kreis von Zuschauern. Die beiden Mädchen kommen wieder auf die Füße und stehen sich gegenüber. Die Zuschauer feuern sie an, sie wollen einen Frauenkampf sehen. Marisa hat keine Mühe, Svenja abzuwehren. Marisa hält sie mit ausgestrecktem Arm auf Abstand, während Svenja wild um sich schlägt. Die Jungs johlen. Benny filmt den Kampf. Marisa ist nicht von Svenjas Schlägen beeindruckt, aber von ihrem Kämpferherz. Sie wehrt Svenjas Schläge ab, packt sie und ringt sie zu Boden. Sie setzt sich auf Svenja drauf und drückt ihre Arme auf den Boden. Svenja versucht, sie abzuschütteln und bockt wie ein Pferd beim Rodeo. Aber sie hat keine Chance. MARISA Na, was ist jetzt? Willst du immer noch mitmachen? SVENJA Ja. MARISA Und du willst nicht mehr wie ein Kind behandelt werden? SVENJA Ja. MARISA Gut. Dann müssen wir dich taufen. Marisa nimmt eine Bierflasche und schüttet den Inhalt über Svenjas Gesicht. Marisa nimmt zwei weitere Flaschen und schüttet sie über Svenja. Svenjas Augen brennen und sie kriegt kaum noch Luft. Gelächter, nur Svenja fängt an zu weinen. Das Bier, das über ihr Gesicht fließt, verdeckt ihre Tränen. Ein HAGERER TYP mit langen Haaren und Thors Hammer um den Hals hält eine Bierflasche zu, schüttelt sie und bespritzt die beiden Mädchen mit Bier. Einige Zuschauer bekommen etwas ab und sprühen zurück. Marisa lässt von Svenja ab. Sie schnappt sich eine Flasche und kippt einem Typen Bier über den Kopf. Ein

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Gerangel entsteht. Jemand dreht die Anlage voll auf, das Gerangel geht über in Pogen und eine wilde Bierschlacht. Jemand hilft Svenja auf die Beine und reicht ihr eine Flasche Bier. Svenja trinkt. Svenja sieht, wie verändert die Stimmung um sie herum ist. Marisa tanzt und sieht kurz rüber zu Svenja. Dann wendet sie ihr den Rücken zu. Sie scheint zu akzeptieren, dass Svenja hier bleibt.

68 WOHNUNG PLATTENBAU / BAD – INNEN – NACHT Svenja reißt Klopapier ab und trocknet ihr Gesicht ab. Sie schaut sich im Spiegel an. Sie sieht furchtbar aus. Völlig betrunken, ihre Haare kleben ihr in Strähnen am Kopf, ihre Nase ist geschwollen, tiefe Ringe unter den Augen. Sie kramt im Badezimmerschrank, die Hälfte der Sachen fliegen auf den Boden. Sie findet, wonach sie sucht: Eine Schere. Sie schneidet sich die Haare. Nur vorne und an den Seiten lässt sie lange Strähnen stehen. Sie betrachtet sich im Spiegel. Melanie kommt rein. Sie reicht Svenja ein Handtuch. Svenja trocknet ihre kurzen Haare ab, dann zieht sie ihr klitschnasses T-Shirt aus. MELANIE Willst du mein Sweatshirt haben? Svenja nickt. Melanie zieht ihr Sweatshirt aus und gibt es Svenja. MELANIE (CONT’D) Bisschen groß. SVENJA Danke, Frogshit. Im gleichen Moment schon tut es Svenja leid, dass sie Melanie so genannt hat. SVENJA (CONT’D) Wie heißt du richtig? Doch Melanie lässt sich nichts anmerken. MELANIE Melanie. Die Mädchen stehen sich unschlüssig gegenüber. Melanie geht zur Tür. Als Svenja keine Anstalten macht, ihr zu folgen, geht Melanie allein raus.

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68 A WOHNUNG PLATTENBAU – INNEN – NACHT Montagesequenz. Die Party wird immer exzessiver. Alle tanzen. Dann versuchen alle gleichzeitig, auf dem schmalen Couchtisch zu tanzen. Nach ein paar Sprüngen gibt der Tisch nach und bricht zusammen. Svenja und die anderen trinken, als wäre Alkohol ab morgen verboten. Drei Leute vergnügen sich komplett angezogen in der Badewanne. Ein Junge pogt, springt immer wieder hoch und verteilt dabei Tritte nach links und rechts in die Gesichter und Körper der Umstehenden, bis ihn jemand zu Boden rammt. Melanie macht mit einem Jungen rum. Benny sprüht Graffiti auf das Sofa.

69 WOHNUNG PLATTENBAU – INNEN – NACHT Marisa wandert durch die Wohnung. Es ist ruhig geworden. Einige sind gegangen, andere schlafen oder liegen im Koma. Marisa stolpert fast über Svenja, die zitternd auf dem Boden hockt. Marisa geht zum Sofa, das bei der Party umgeschmissen wurde. Sie wuchtet die Rückenlehne hoch und dreht das Sofa wieder um. Marisa zerrt Svenja hoch und schiebt sie zum Sofa. Svenja kauert sich auf die Sitzfläche. Marisa geht zum Fenster. Sie reißt die Vorhänge runter und reicht sie Svenja, die sich mit ihnen einwickelt. MARISA Du siehst Scheiße aus. SVENJA Du kannst mich mal. MARISA Ich hab dich gefragt, ob du nicht mehr wie ein Kind behandelt werden willst. Also heul hier nicht rum. Svenja nickt. Sie wischt sich die Tränen aus den Augen und legt sich auf das Sofa. Marisa geht raus.

70 WOHNUNG PLATTENBAU – INNEN – TAG Svenja wacht auf. Sie geht in die völlig verdreckte Küche, wo Marisa eine Zigarette raucht. Svenja spült sich ein Glas aus. Sie füllt es mit Wasser und trinkt. Jetzt sieht sie sich um, um herauszufinden, wo das penetrante Schnarchen herkommt. Sie findet Clemens aufrecht im Stuhl sitzend. Der Kopf ist ihm in den Nacken gefallen, der Mund offen und schnarchend. Jemand hat ihm das Gesicht

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mit Edding vollgemalt. Seine Wange ziert ein großer Edding-Penis.

71 AUTO MARISA – INNEN / AUSSEN – TAG Svenja schnallt sich auf dem Rücksitz an. Marisa sitzt vorne auf dem Beifahrersitz, daneben Sandro am Steuer. Svenja zündet sich eine Zigarette an. SVENJA Auch eine? Marisa nickt. Svenja gibt ihr ihre angezündete und nimmt sich selbst eine neue. Marisa wischt Svenjas Spucke vom Filter und raucht. Svenja gibt Sandro die nächste Kippe. Dann zündet sie sich selbst eine an. Ganz vorsichtig zieht sie dran. Sie muss sich etwas an den Geschmack gewöhnen, aber es geht wieder, sie kann wieder rauchen. Svenja inspiziert die Kassetten, die auf dem Boden verstreut sind. Auf den meisten Hüllen stehen mit Hand geschrieben die Namen der Bands wie „Landser“, „Sleipnir“, „Lunikoff Verschwörung“ usw. Sie hält Marisa eine Kassette vor die Nase, auf der das Foto eines Sängers zu sehen ist. SVENJA (CONT’D) Der hier ist ganz süß. Marisa verdreht die Augen. MARISA Gib her. Marisa nimmt ihr die Kassetten aus der Hand und schmeißt sie zurück zu den anderen. Sie nimmt eine andere aus der Hülle und macht sie rein. Sie dreht die Lautstärke hoch und macht damit jede weitere Unterhaltung unmöglich. Selbst vom Straßenrand kann man die Musik noch hören, während das Auto durch die Landschaft prescht.

72 AUTO MARISA / HAUS SVENJA – INNEN / AUSSEN – TAG Marisa und Sandro lassen Svenja raus. Svenja wankt durch das Gartentor aufs Haus zu. Noch bevor sie klingelt, reißt Andrea die Haustür auf.

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73 AUTO MARISA / SUPERMARKT – INNEN / AUSSEN – TAG Sandro schaut immer wieder rüber zu Marisa, um festzustellen, ob sie noch sauer ist. Sandro hält vor dem Supermarkt. Marisa geht vorbei an Lupo, der mit einem TRINKGEFÄHRTEN zwischen Eingang und Fahrradständer steht und Marisa mit seiner Bierflasche zuprostet. LUPO Na, heute Spätschicht? Marisa beachtet ihn nicht weiter. Sie geht schnurstracks durch die automatische Schiebetür in den Supermarkt. Kein Kunde und keine Bea zu sehen. MARISA Ich bin jetzt da! Marisa kann Bea nicht entdecken. Aber dafür sieht sie einen SCHWARZHAARIGEN JUNGEN von hinten, der gerade den Gang mit den Süßigkeiten entlang wandert. Marisa knallt die Kasse zu und geht dem Jungen hinterher. Sie packt ihn an der Schulter und dreht ihn zu sich um. Doch statt in Rasuls Gesicht blickt sie in das Gesicht eines fremden Jungen. MARISA (CONT’D) Sorry.

74 HAUS SVENJA / BAD – INNEN – TAG Svenja sitzt auf einem Hocker im Bad. Ein großes Badehandtuch bedeckt ihre Schultern. ANDREA Du siehst aus, als wärst du unter einen Mähdrescher geraten. Andrea holt Rasierer und Schere und stellt sich hinter Svenja. Sie umarmt Svenja und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. ANDREA (CONT’D) Hast du ein Glück, dass Oliver bis heute Abend auf der Messe ist. Andrea sieht die Frisur ihrer Tochter skeptisch an.

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ANDREA (CONT’D) Auweia. SVENJA Du musst hier hinten alles rasieren und die Strähnen vorne stehen lassen. Sie deutet mit den Händen den Schnitt an, den sie sich wünscht. Andrea rasiert und schneidet nach Svenjas Anweisungen. Svenja hat nun einen ähnlichen Feathercut wie Marisa. ANDREA Naja. Aber ich kenn das ja. Als ich so alt war wie du, hab ich mir meine Haare blondiert und dann gefärbt. In vier Farben. SVENJA Aus politischen Gründen? ANDREA Quatsch. Mit Politik konntest du mich schon damals jagen. Ich schlaf doch schon ein, wenn ich nur die Tagesschau guck’.

75 SUPERMARKT / DISPATCHER-RAUM – INNEN – TAG Marisa lungert im Dispatcher-Raum rum und etikettiert Waren. Auf einmal reißt sie die Gardine zur Seite. Sie blickt in den Markt, dann stürzt sie aus dem Zimmer. Sie läuft durch den Markt zu Rasul, der ihr entgegenkommt. RASUL Hello. MARISA Was machst du hier? RASUL You money? MARISA Geld, money? RASUL Yes, you help me.

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MARISA Hau ab! No money, no shopping. Marisa geht weg. Rasul folgt ihr. Marisa schließt das Lager auf und stellt die Tonne rein. Sie nimmt sich eine Warenpalette, geht damit zu einem der Regale und füllt Ware nach. Rasul lässt sie nicht aus den Augen. MARISA (CONT’D) You alone? Marisa deutet mit ihren Händen und, indem sie ein Motorgeräusch produziert, Mofafahren an. MARISA (CONT’D) Your friend? Wroomwroom. Where? RASUL He gone. MARISA Gone? Sie wartet, dass er mehr sagt, doch er schweigt. Sie räumt weiter Waren ein. Melanie steht in einem der Gänge und beobachtet die beiden. Dann geht sie weiter in Richtung Ausgang. Rasul fasst eine Ravioli-Dose aus dem Regal an. Langsam schiebt er sie mit der Hand bis zur Kante. Die Dose kracht auf den Boden. Marisa starrt ihn an. Er greift nach der nächsten und schiebt auch diese über die Kante, bis sie auf den Boden kracht. Marisa hebt die Waren vom Boden auf. Sie stellt die Dosen wieder aufs Regal. Rasul ist ein paar Schritte weiter zurückgewichen und schiebt nun eine Packung Eier vom Regal. Marisa stürmt auf ihn zu und packt ihn am Kragen. MARISA (CONT’D) Du Penner, was willst du? Rasul lässt sich nicht einschüchtern. Er hält ihrem Blick stand. RASUL Food. Sie nimmt eine Dose Pfirsiche aus dem Regal und hält sie ihm hin. Zögernd greift er danach.

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MARISA Nimm. Take. Nur heute. Du nimmst, was du brauchst und verschwindest. You take and go. Marisa drückt ihm die Ware in die Hand und geht zur Kasse. Rasul nimmt sich noch mehr aus den Regalen und stopft es in seine Jacke. Marisa entsorgt die zerbrochenen Eier. Marisa sitzt wieder an der Kasse. Rasul geht langsam vorbei, die Jacke ausgebeult aber Marisa tut so, als nehme sie ihn gar nicht wahr. Durch den Schrei ihrer Mutter schreckt Marisa hoch. Sie steht auf und rennt zum Ausgang. Sie sieht Bea, die mit hochrotem Kopf Rasul gepackt hat und an seiner Jacke zerrt. Die geklauten Waren, darunter die Pfirsichdose, fallen raus. Marisa versucht zu beschwichtigen. MARISA (CONT’D) Mama, hör auf, es ist alles okay. BEA Wenn man einmal nicht aufpasst, räumen die einem den ganzen Laden leer. Bea zerrt an Rasuls Jacke und Arm, sie versucht, ihn nach hinten ins Büro zu schleifen. Rasul wehrt sich. Marisa versucht, dazwischen zu gehen und den Griff ihrer Mutter zu lösen. Die Situation eskaliert, Bea kracht nach hinten und fällt zu Boden. Ihr Griff löst sich, Rasul kommt frei. Er greift so viele Lebensmittel, wie er fassen kann, und haut ab. Marisa betrachtet die Bescherung. Ihre Mutter rappelt sich vom Boden auf. Marisa hebt die Dose auf, die Rasul fallengelassen hat. Bea läuft nach hinten zum Lager. Marisa folgt ihr. MARISA Mama. BEA Verschwinde. Die Hand gegen deine Mutter zu erheben. Die wird dir noch aus dem Grabe wachsen. MARISA Wen rufst du an? BEA (O.C.) Die Polizei. Du bist so dämlich. Verschwinde. Marisa streift sich den Kittel über den Kopf und pfeffert ihn auf den Boden.

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MARISA So eine Scheiße!

76 VOR DEM SUPERMARKT – AUSSEN – TAG Marisa geht in Richtung Auto. Rasul wartet neben dem Fahrzeug auf sie. MARISA Schieb ab. Marisa steigt ins Auto, wirft die Dose auf den Autoboden und knallt die Tür zu. Sie startet den Motor. Doch sie kann nicht losfahren, denn Rasul stellt sich vors Auto. MARISA (CONT’D) An deiner Stelle würd ich auch da stehenbleiben. Die Bullen sind schon unterwegs. Wirst ja sehen, was du davon hast. Sie könnte nur losfahren, wenn sie ihn über den Haufen fährt. Entnervt lehnt sie sich rüber und öffnet die Beifahrertür.

77 AUTO MARISA – INNEN / AUSSEN – TAG Marisa fährt mit Rasul auf dem Beifahrersitz. MARISA Wo wohnst du? Rasul schweigt. MARISA (CONT’D) Wo du wohnst? Ich (SIE ZEIGT AUF SICH) fahre (SIE MACHT EINE LENKPANTOMIME) dich (SIE ZEIGT AUF IHN). Wohin? Wohin soll ich dich fahren? Rasul nickt, dann deutet er schweigend auf die Straße vor ihnen. MARISA (CONT’D) Da lang? Here? Rasul nickt. Marisa fährt geradeaus. Sie schaut während der Fahrt immer wieder rüber zu Rasul. Versucht, aus ihm schlau zu werden. Er ist so anders.

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MARISA (CONT’D) Okay, und was willst du von mir? Was läufst du mir nach? Rasul kann sie nicht verstehen. MARISA (CONT’D) Ist es wegen deinem Kumpel? Dem anderen Typen? Your friend? Ihr habt angefangen. Und ihr habt hier nichts zu suchen, klar? Rasul schaut sie schweigend an. MARISA (CONT’D) Your friend?? RASUL Here, here! MARISA Hier links? Sie zeigt auf einen abzweigenden Weg. RASUL Yes. Sie fahren den Weg entlang.

78 AUTO MARISA / BAHNÜBERGANG LUCKOWEHNA-KRENSITZ – INNEN / AUSSEN – TAG Marisa fährt mit Rasul über den Bahndamm und weiter in die Leere hinein. MARISA Wie heißt du? Name? RASUL Rasul. MARISA

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You live alone in Asylantenheim? Rasul sieht sie schweigend an.

79 AUTO MARISA / ANLIEGERSTRASSE – INNEN / AUSSEN – TAG Vor Marisa und Rasul taucht das Heim auf. RASUL Stop. MARISA Hier? RASUL Stop! Maria hält, noch ein gutes Stück vom Eingang entfernt. RASUL (CONT’D) I go. Rasul öffnet die Tür. MARISA Wo willst du hin? RASUL Thank you, bye! Er schlägt die Autotür zu und hastet die Straße entlang. Sie fährt ihm langsam hinterher. Er bleibt stehen, dreht sich zu ihr um und gestikuliert wild. Er macht ihr klar, dass sie zurückfahren soll. Marisa bleibt stehen. Rasul biegt vor dem Eingangstor des Heims von der Straße ab und geht entlang des grünen Zauns außen am Gelände entlang. Bald kann Marisa ihn nicht mehr sehen. Marisa entdeckt, dass die Dose immer noch auf dem Boden vor dem Beifahrersitz liegt. Sie hebt sie auf und steigt aus.

80 ASYLBEWERBERHEIM – AUSSEN – TAG Marisa geht ein Stück auf das Kasernentor zu. Dann geht sie am Zaun entlang,

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da, wo Rasul vor ihr weggegangen ist. Durch den Zaun sieht sie den Plattenbau des Heims. Sie kommt zu einer Stelle, in der eine Lücke im Zaun ist. Marisa zögert kurz, dann betritt sie durch das Loch im Zaun das Gelände des Heims.

81 ASYLBEWERBERHEIM – AUSSEN – TAG Vorsichtig, um sich nicht am herumliegenden Stacheldraht zu schneiden, stapft Marisa durchs hohe Gras. Sie streift über das Gelände. Sie ist sich sicher, dass Rasul hier irgendwo sein muss. Sie läuft vorbei an den Überresten eines Basketballkorbs. Sie läuft vorbei an einer Steinmauer, an der die Farbe einer sowjetischen Malerei abblättert. Sie nimmt die Ruine des Mannschaftsheims wahr, kann Rasul aber nicht entdecken. Sie geht auf die Ruine zu. Dann schreit sie vor Schmerz und Überraschung auf. Sie blickt zu ihrem Schuh runter. Sie ist auf ein Stück Holz getreten, aus dem ein Nagel ragt. Sie zieht den Nagel mit zusammengebissenen Zähnen aus ihrem Schuh. Sie wirft das Holz fluchend weg. Sie sieht Rasul in der Fensterhöhle der Ruine auftauchen. Marisa humpelt auf ihn zu. Sie klettert durch eine Fensterhöhle in die Ruine.

82 ASYLBEWERBERHEIM / RUINE MANNSCHAFTSHEIM – INNEN – TAG Marisa hockt auf dem Boden und zieht behutsam an ihrem Schuh. Der Schmerz ist so groß, dass sie auf ihre Hand beißen muss. Rasul steht ihr gegenüber und beobachtet sie. Dann dreht er sich wortlos um und geht weg. Mit Mühe befreit Marisa ihren verletzen Fuß vom Schuh. Ihr Socken ist rot vor Blut. Rasul kommt mit einer Wasserflasche zurück. Er kniet sich neben Marisa. Er hebt ihren Fuß etwas hoch. Sie lässt ihn machen. Rasul rollt vorsichtig ihren Socken runter und entfernt ihn, ohne die verwundete Stelle zu berühren. Mit dem Wasser aus der Flasche spült er die Wunde aus. RASUL Come! Rasul tritt zu ihr und will sie stützen. Sie schiebt ihn weg. Er besteht darauf, versucht, sie hochzuheben, sie macht sich von ihm los. MARISA Bist du bescheuert? Ich bin zu schwer für dich. Er geht etwas weiter und signalisiert ihr, dass sie folgen soll. Marisa nimmt Schuh und Socken und geht ihm hinterher. Bemüht, mit dem verletzten Fuß nur mit der Hacke aufzutreten. Sie folgt ihm zu einem provisorischen Lager aus Plastiktü-

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ten, die in einer windgeschützten Ecke auf dem Boden ausgebreitet sind. Marisa stellt die Dose zu den anderen Vorräten auf dem Boden. Rasul zieht sie runter. Beide sitzen nun. Er holt ein T-Shirt aus seiner Tasche und zerreißt es in Streifen. Er improvisiert mit den Streifen einen Verband um ihren Fuß. Rasul stellt einen Topf auf das Feuer.

83 HAUS SVENJA / SVENJAS ZIMMER – INNEN – NACHT Svenja liegt auf ihrem Bett. Sie trägt Kopfhörer. Ihr Laptop liegt aufgeklappt auf ihrem Bauch. Sie hört über Kopfhörer Musik. Andrea kommt rein und setzt sich dazu. Sie hebt die Kopfhörer an, die Svenja auf dem Kopf trägt. Man hört die harte Musik, die über die Kopfhörer läuft. ANDREA Seit wann hörst du denn so was? Svenja reagiert nicht. ANDREA (CONT’D) Hmm, Svenjamine? SVENJA Lass mich in Ruhe. Andrea überrascht der aggressive Ton von Svenja. ANDREA Noch eine rauchen vor dem Essen? SVENJA Nein. Siehst du nicht, dass ich lese? Solltest du auch mal. ANDREA Ich lese genug, vielen Dank. SVENJA Den Quark mein ich nicht. Und nicht deine Scheiß Sudoku-Hefte. ANDREA So kannst du mit deinen Kumpels sprechen, aber nicht mit mir.

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SVENJA Ja, ja. ANDREA Was verhältst du dich so ekelhaft? Stell den zur Seite. SVENJA Ich lerne! Kein Wunder, dass dir jeder Typ wegläuft, wenn du so dämlich bist. Andrea sieht ihre Tochter an, die krampfhaft auf ihren Laptopbildschirm starrt, fest entschlossen, den Machtkampf zu gewinnen. ANDREA Svenchen. Meine Große. Andrea versucht, Svenja zu erweichen, und streichelt sie behutsam. Man merkt, dass es in Svenja arbeitet, aber sie starrt weiterhin auf den Bildschirm. Andrea steht auf und geht zur Zimmertür. ANDREA (CONT’D) Komm bitte runter zum Essen. Oliver sitzt schon am Tisch. Sie geht raus. Svenja schaut ihr wütend hinterher.

84 HAUS SVENJA / ESSZIMMER – INNEN – NACHT Oliver und Andrea sitzen am Esstisch. Svenja trottet rein und setzt sich mit ihrem Laptop dazu. OLIVER Machst du den bitte zu, während wir essen? SVENJA Mann! Aber sie gehorcht und macht den Laptop zu. Andrea befüllt ihren Teller mit Kartoffeln und Klöpsen. Sie ist bemüht, wieder für gute Stimmung zu sorgen. Svenja rührt ihr Essen nicht an. Oliver seziert einen Klops. Immer wieder schaut er rüber zu Svenja, irritiert durch ihre neue Frisur und dass sie ihn unentwegt anstarrt. Svenja nimmt ihre Brille ab, biegt sie und bricht sie in der Mitte durch. Trotzig blickt sie Oliver an, der sich sichtlich bemüht, nicht die Beherrschung zu verlie-

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ren. OLIVER Die bezahlst du. SVENJA Und von welchem Geld? Von den 15 Euro, die du mir im Monat gibst? OLIVER Wir verkaufen deinen Laptop. SVENJA Werden wir ganz bestimmt nicht. Der ist von meinem Vater. Oliver isst seelenruhig weiter. SVENJA (CONT’D) Arschloch. Sie ist ein wenig selbst erschrocken über das, was da über ihre Lippen kam. Sie sieht, wie sehr sie Oliver geschockt hat und blickt ihn triumphierend an. Oliver steht auf. Svenjas Triumph weicht Entsetzen und Angst, während er näher kommt. Sie duckt sich instinktiv, in Erwartung einer kräftigen Ohrfeige. Aber Oliver schlägt sie nicht, sondern greift sich ihren Laptop. Er hält ihn einen Moment in der Hand, dann lässt er los. Der Laptop kracht auf den Boden.

85 ASYLBEWERBERHEIM / RUINE MANNSCHAFTSHEIM – INNEN – NACHT Marisa isst etwas von dem Fladenbrot, das Rasul auf einem Eisenstück gebacken hat. Und wie Rasul mit den Fingern. Sie ist selbst erstaunt, wie gut es ihr schmeckt. Rasul erzählt Marisa von sich. Die Verständigung ist schwierig, klappt aber immer besser. RASUL My father tell me and my brother: You go now. You send money. My mother cry, but he tell me go, so I go. Only my sister stay. And we go over border to Turkey. All in big truck. And soldiers shooting. Just shooting and

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someone die. Draußen ist es dunkel. Rasul legt ein paar Zweige auf das Feuer. Rasul reicht ihr einen Becher mit Tee. Sie nimmt ihn und er hält ihr eine Dose mit Bonbons hin. Dann demonstriert er ihr, was sie damit machen soll. Er nimmt ein Bonbon in den Mund und trinkt dann Tee aus der Tasse. Marisa probiert es aus. Es gefällt ihr. Rasul strahlt. RASUL (CONT’D) You like? Afghanian way to drink tee. Sie stellt die Tasse ab und will sich verabschieden. Rasul bittet sie zu bleiben. RASUL (CONT’D) You stay. Guest. Come I show you. Rasul drückt ein paar Tasten auf seinem Handy und reicht es Marisa. Sie setzt sich zu ihm. Marisa schaut auf das Display, Man sieht ein schwarzes Huhn mit weißen Sprenkeln. Es ist zwar eindeutig ein Huhn, sieht aber deutlich anders aus als seine europäischen Verwandten. Das Huhn geht ein paar Schritte und flattert dann hoch auf einen Zaunpfahl. Im Hintergrund sieht man ein Stück afghanischer Landschaft. Der Kameramann hat das Handy sehr ruhig gehalten und sich ganz auf das Huhn konzentriert. Es sind ganz einfache Bilder, das Huhn macht nichts Spektakuläres. Sie sitzen jetzt ganz nah beieinander. Rasul schaut ebenfalls das Video. Er muss grinsen und steckt damit Marisa an.

86 ASIA IMBISS – AUSSEN – NACHT Sandro beobachtet eine Gruppe junger Männer, die vor dem Asia-Imbiss stehen. Sie tragen Picaldi-Kleidung. Sandro geht direkt auf Markus zu, der inmitten der Gruppe steht. Er reicht Markus seine Hand, in die Markus automatisch einschlägt. Sandro umarmt Markus und bleibt dicht bei ihm stehen. SANDRO Hey was ist? MARKUS Was willst du?

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SANDRO Nach dir schauen. Du bist einfach weg. Alles klar bei dir? Sandro schaut sich unschlüssig um. Alle starren ihn feindselig an. Er nimmt sich Markus’ Bierflasche, prostet der Gruppe zu. Einer der Umstehenden knallt ihm eine Flasche gegen den Hinterkopf. Er strauchelt nach vorne. Ein zweiter Mann springt ihm in den Rücken, sodass er zu Boden fällt. Markus kniet sich auf Sandros Rücken. Er drückt Sandros blutenden Kopf runter ins Gras. Markus beugt sich soweit runter, dass es aussieht, als wolle er Sandros Ohr abbeißen. MARKUS Hej, Sandro, alles klar? Markus schlägt ihn mit der flachen Hand auf den Kopf. MARKUS (CONT’D) Alles klar? Sandro keucht, er kriegt kaum Luft, weil Markus immer noch auf seinem Rücken kniet. SANDRO Was is’n los, Mann? MARKUS Die Zeiten ändern sich. Markus steht auf und gibt Sandro zum Abschied einen Tritt gegen den Kopf.

87 BÄUME ASYLBEWERBERHEIM – AUSSEN – DÄMMERUNG Das Wetter schlägt um. Regentropfen fallen auf die Blätter. Der Wind wird heftiger, es braust und tobt.

88 ASYLBEWERBERHEIM / RUINE MANNSCHAFTSHEIM – AUSSEN – TAG An der Decke des Speisesaals bilden sich erste Tropfen. Marisa wird durch Tropfen geweckt, die ihr ins Gesicht fallen. Sie richtet sich auf. Sie ist steif, alles tut ihr weh und sie friert. Draußen regnet es in Strömen. Überall tropft es durch die Decke. Auf dem Boden bilden sich Pfützen. Das Lager, die Plastiktüten, Rasuls

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Sachen, alles ist nass. Von Rasul fehlt jede Spur. Marisa stopft Rasuls nasse Kleidung und die Lebensmittel in eine Tasche, die sie auf dem Lager findet. Ein Flummi titscht durch den leeren Raum. Marisa fängt ihn und humpelt in die Richtung, aus der er kam. Sie findet Rasul in einem der anderen Räume. Auch hier regnet es rein. Rasul steht vor einer Wand, die mit einer großen Weltkugel bemalt ist. Er zeigt ihr, wo er herkommt. Er hält seinen Flummi gegen die Stelle, wo in etwa Afghanistan ist. RASUL This is my home. And I go with my brother here. Er lässt den Flummi von Afghanistan über den Iran, die Türkei, Griechenland, Italien, Frankreich bis nach Deutschland rollen. RASUL (CONT’D) And my uncle. I go there. Er deutet mit dem Flummi auf Skandinavien. Dann reicht er Marisa die Postkarte mit der schwedischen Fahne. Marisa sieht sich die Karte an. MARISA Und was willste da? RASUL Good people. I can learn and work. You help me go to Sweden? Er dreht die Postkarte um und zeigt ihr die Nummer, die auf die Rückseite gekritzelt ist. RASUL (CONT’D) People here can take me to Sweden. With boat. You call. Marisa will ihm die Postkarte zurückgeben. Er besteht darauf, dass sie sie behält. RASUL (CONT’D) And I need to find money. MARISA Und hier? Germany? Good? RASUL Very bad. I miss my family too much.

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Beide sind mittlerweile bis auf die Haut durchnässt.

89 AUTO MARISA / ANLIEGERSTRASSE – INNEN / AUSSEN – TAG Marisa und Rasul sitzen im Auto. Draußen regnet es weiter in Strömen. Marisa raucht. Sie legt die schwedische Postkarte auf die Ablage unter der Windschutzscheibe. Rasul zittert vor Kälte und er niest. Marisa lässt den Motor an und dreht die Heizung auf. Sie fühlt die Luft, die aus den Luftschlitzen kommt. Sie richtet einen der Strahler auf ihn. Sie zeigt ihm ein kleines Foto von ihrem Großvater, dass sie in ihrem Portemonnaie hat. MARISA Mein Großvater. Soldier. This is father of my mother. RASUL Your father? MARISA No! Father of mother. Rasul schaut sie verwirrt an. Marisa entblößt ihre Schulter. Sie deutet auf eine Stelle, an der sie nicht tätowiert ist. MARISA (CONT’D) Dieses Bild I want to make Tattoo. Here. Und hier... (SIE ZEIGT IHM DIE ANDERE SCHULTER) ...Adolf Hitler. Er schaut ihr zu. MARISA (CONT’D) Okay. I have to go. Rasul macht keine Anstalten auszusteigen und der Regen draußen lässt auch nicht nach. Marisa startet den Motor und fährt los.

89 A TELEFONZELLE – AUSSEN – TAG Es regnet immer noch. Rasul steht in einer Telefonzelle. Alle Scheiben der Zelle sind zerstört. Auf einer Seite sind noch ein paar Reste des Sicherheitsglases zu sehen. Marisa quetscht sich mit ihm in die Zelle. Rasul schmeißt ein paar Münzen

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ein und wählt eine Nummer, die er in seinem Handy gespeichert hat. MARISA Das Geld krieg ich wieder. MUTTER (O.S.) (AUF DARI) Hallo? RASUL (AUF DARI) Mama? Hier ist Rasul. MUTTER (O.S.) (AUF DARI) Ist da jemand? Hallo? Diese verdammte Leitung. (RUFT ZU JEMANDEM IM HINTERGRUND) Hörst du? Das verdammte Telefon geht wieder nicht! RASUL (AUF DARI) Hallo! MARISA Was ist los? MUTTER (O.S.) (AUF DARI) Wenn jemand da ist, ich kann Sie leider nicht hören. Bitte rufen Sie ein andermal an. Wütend schlägt Rasul auf die Tasten. Seine Mutter hört das Tuten, als er eine der Tasten drückt. MUTTER (O.S.) (CONT’D) (AUF DARI) Hallo? RASUL Mama? Rasul drückt zweimal eine Taste. MUTTER (O.S.) (AUF DARI) Rasul? Bist du das? Rasul drückt einmal lang die Taste. MUTTER (O.S.) (CONT’D) (AUF DARI)

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Ich kann nichts hören nur das Tuten. Hörst du mich? (ZU JEMANDEM IM HINTERGRUND) Du fauler Nichtsnutz! Dein Sohn ist am Telefon. Rasul! MARISA Was ist denn? MUTTER (O.S.) (AUF DARI) Bis du in Europa? Rasul drückt eine Taste, lang. MUTTER (O.S.) (CONT’D) (AUF DARI) Ja. In Schweden? Rasul drückt zweimal. Er schüttelt dabei zur Verstärkung den Kopf, als könnte sie ihn sehen. MUTTER (O.S.) (CONT’D) (AUF DARI) Ist Jamil bei dir? Wieder zweimal. MUTTER (O.S.) (CONT’D) (AUF DARI) Mein Augenstern. In Schweden warten sie schon auf euch. Rasul drückt wieder einmal. Er kämpft mit den Tränen. Dann legt er auf. Marisa schweigt betreten.

90 HAUS MARISA / GARTENLAUBE – INNEN / AUSSEN – TAG Marisa öffnet die Tür der Gartenlaube. Sie schiebt Rasul rein und schlüpft hinterher. Drinnen hört man das laute Geprassel der Regentropfen, die auf das Dach prallen. Marisa stellt Rasuls Sachen ab und schafft etwas Platz. Sie zerrt eine dünne Matratze hervor und legt sie auf dem Boden. Sie klopft sie aus. Augenblicklich füllt eine Staubwolke den kleinen Raum. MARISA Du kannst hier bleiben, für ein, zwei Tage. Dann musst du sehen, wo du bleibst. One, two days. You here... Sie faltet ihre Hände und legt sie an den geneigten Kopf, macht Schnarchgeräusche, um ihm ‚Schlafen‘ zu bedeuten.

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RASUL I stay here? Marisa nickt. RASUL (CONT’D) No! Marisa muss lachen, weil er so entsetzt guckt. MARISA Du undankbarer Gnom. Hier ist es doch wenigstens trocken. RASUL And money? You give me? MARISA Ja, ja. Bye bye. Trotzig lässt sich Rasul auf die Matratze plumpsen.

91 HAUS MARISA – INNEN – TAG Marisa zieht ihre nasse Kleidung aus und schlüpft unter die Dusche. Sie lässt das dampfende Wasser über ihr Gesicht fließen. Sie wickelt die T-Shirt-Streifen von ihrem Fuß ab. Sie betrachtet ihren Fuß und spült das verschorfte Blut aus der Verletzung aus. Vor der Dusche trocknet sie sich ab. Sie nimmt die Postkarte, zieht ihr Handy aus der Hosentasche und geht ins Nachbarzimmer. Sie läuft direkt in die Arme von Sandro. SANDRO Wo warst du? Marisa weicht ein kleines Stück zurück, erschrocken auch über die Verletzungen in seinem Gesicht. Sandro lässt die Fingergelenke knacken. MARISA Was ist denn mit dir passiert? SANDRO Vergiss es. Wo warst du?

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MARISA Ich war unterwegs. Im Krankenhaus. Die Antwort scheint Sandro einzuleuchten. SANDRO Mit deiner Mutter? MARISA Ich bin in einen Nagel getreten und musste zur Notaufnahme. Sandro nickt, er zieht Marisa zu sich, presst sein Gesicht an ihres. Wieder sucht er nach Worten, um sich ihr auszudrücken. MARISA (CONT’D) Schon gut. SANDRO Deine Mutter hat gar nichts von dem Nagel gesagt. MARISA Sie war im Krankenhaus? Sie entwindet sich ihm und rennt runter zur Küche.

92 HAUS MARISA / KÜCHE – INNEN – TAG Marisa geht in die Küche und sieht Bea, die mit ihren gelben Spülhandschuhen die makellos sauberen Arbeitsflächen scheuert. MARISA Warst du bei Opa? Sie bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Bea wirkt besessen, als könne sie gar nicht mehr aufhören zu putzen. Marisa geht behutsam näher. Sie bemerkt, dass ihre Mutter weint. MARISA Was ist denn?

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BEA Er ist endlich tot. Marisa schaut sie entsetzt an. MARISA Wer? BEA Wer wohl. Bea spült den Schwamm unter laufendem Wasser aus und verteilt die halbe Flasche Scheuermilch auf der Spüle. Sie wischt sich mit ihrem gelben Spülhandschuh ihre laufende Nase ab. Marisa geht auf sie zu und will sie umarmen. MARISA Das ist nicht wahr. BEA Lass mich, fass mich nicht an.

93 HAUS SVENJA / VORRAUM ARBEITSZIMMER – INNEN / AUSSEN – NACHT Svenja inspiziert die verschiedenen Farbeimer und Töpfe, die hier gelagert werden. Sie hat eine Jacke an und trägt einen gepackten Rucksack auf ihren Schultern. Der Größe nach scheint sie, eine längere Reise zu planen. Sie nimmt sich einen der Töpfe und einen Pinsel. Auf dem Regal stehen auch einige Unterlagen und die auffällige Geldkassette. Svenja öffnet die Kassette und nimmt sich Geldscheine aus einem Umschlag.

94 HAUS MARISA – INNEN – NACHT Marisa sitzt weinend auf dem Sofa. Sandro drischt auf den Boxsack ein. Im Fernseher laufen ARCHIVAUFNAHMEN aus dem Dritten Reich. Man hört Goebbels, der von der nationalen Revolution spricht. Sandro setzt sich zu Marisa. Er berührt ihre Schulter mit seiner Stirn, reibt seinen Kopf an ihr. Sie reagiert nicht. Er zieht ihr Gesicht zu sich rüber. Sie schaut durch ihn durch. Er versucht, sie an sich zu ziehen, doch sie ist wie eine leblose Puppe, und er scheint, für sie nicht zu existieren. Er streichelt ihre Brust. Auch das bringt ihm keine Beachtung. Er geht

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mit der Hand unter ihr Hemd, knetet ihrer Brust, versucht, sie zu küssen. Langsam verliert er die Geduld. Er schüttelt sie. Als das auch keine Reaktion erzeugt, knallt er ihr eine. SANDRO Was ist los? Aber sie schweigt weiter. Er knallt ihr noch eine. Sie starrt ihn an, voller Hass, so als nähme sie ihn zum allerersten Mal richtig wahr. Etwas zwischen ihnen ist zerbrochen, auch wenn Sandro das noch nicht realisiert.

95 WALD /STEINBRUCH – AUSSEN – TAG Marisa, Melanie und Svenja sitzen im Wald am Rande eines Steinbruchs. Aus der Ferne hört man vereinzelt Schüsse. Marisa kämpft mit den Tränen. MARISA Mein Opa war immer für mich da. Meine Eltern waren immer auf Arbeit. Und ich hab dann mit Opa im Wohnzimmer gesessen und Kreuzworträtsel gelöst. Und einfach zusammen geschwiegen. Vor den Mädchen sieht man eine Gruppe Männer in Tarnfleck-Uniformen, die auf dem Bauch durch die Gegend robben. Sandro steht über ihnen und brüllt ihnen dabei Befehle zu. MARISA (CONT’D) Schau dir die Penner an. Was für ein Haufen Vollidioten. Jetzt erkennt man unter den Uniformierten Benny, Trinkaus, Mike, Dennis und Clemens. Sandro nähert sich den Mädchen. Er bleibt verlegen ein paar Schritte entfernt stehen. SANDRO Hallo. SVENJA Hi. Marisa ignoriert Sandro. Clemens kommt angeschnauft und lehnt durchgeschwitzt an einem Baum. Seine Augen leuchten vor Begeisterung. CLEMENS

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Und ihr versorgt uns Männer jetzt mit Essen? MARISA Mach’s dir doch selber Clemie.8 .Juli 2010 CLEMENS Geht doch scheißen. Clemens geht zu den anderen und bellt einen Befehl. Die Uniformierten raffen sich auf und stellen sich in Reih und Glied auf. SANDRO Na dann. Sandro dackelt Clemens hinterher. Bei den anderen, lädt Sandro Munition in seine Waffe. Er stellt sich mit gestrecktem Arm hin und feuert in die Grube des Steinbruchs.

96 WALD / STEINBRUCH – AUSSEN – NACHT Svenja, Melanie und Marisa trinken Bier und rauchen. Signalmunition wird in die Luft geschossen. Dort explodiert sie zu Feuerkugeln, die an kleinen Fallschirmen langsam runtergleiten und den Wald in ein gespenstisches Licht tauchen. Die Schatten der Bäume tanzen auf und ab, während die Feuerkugeln zur Erde sinken und dort langsam verglühen. Schüsse sind zu hören und Rufe von der Gruppe. SVENJA Ich hoffe, ich werde nie so wie meine Mutter. Sie ist ein Schatten, der kein eigenes Leben hat. Wenn ich Kinder hab, werd ich sie ganz anders erziehen. MARISA In dieser Welt darf man gar keine Kinder mehr kriegen. MELANIE Willst du keine Kinder haben? Marisa zuckt mit den Achseln. Melanie liegt etwas auf dem Herzen. MELANIE (CONT’D) Ich hab eins. Ja, klar.

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SVENJA Ja, klar. MELANIE Vor drei Jahren. Ich wollte endlich etwas haben, was nur mir gehört. MELANIE (CONT’D) Und dann, nach einem halben Jahr, haben sie es mir weggenommen. SVENJA Warum? Melanie zuckt mit den Schultern. Schweigen. MELANIE Mein Vater säuft. Das weiß ich. Aber sie haben gesagt, dass das Kind unterernährt und verwahrlost sei. Das war gelogen. Um sie herum hört man Rufe aus dem Wald. CLEMENS (O.S.) Schießt die Hunde nieder! SVENJA Ich geh nicht mehr nach Hause. Die beiden anderen schauen sie an. SVENJA (CONT’D) Ich bin abgehauen. MARISA Was ist mit deinen Eltern? SVENJA Ich hab ihnen eine Nachricht hinterlassen.

97 HAUS SVENJA / FAHRRADRAUM – INNEN – TAG Oliver strampelt sich auf dem Fahrrad-Ergometer ab. Er fährt mit hoher Geschwindigkeit. Schweiß rinnt ihm über den nackten Oberkörper und sammelt

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sich am Pulsmesser, den er um den Brustkorb gespannt hat. Doch er verzieht keine Miene. Oliver greift nach einem Handtuch und wischt sich den Schweiß ab. Er lässt das Handtuch sinken. Er starrt zur Decke. Dort oben ist ein fetter roter Farbfleck. Und nicht nur das. Vom dicken Fleck führt eine Farbspur die Decke entlang über den Türrahmen nach draußen.

97 A HAUS SVENJA – INNEN – TAG Oliver ist im Treppenhaus und folgt der Spur. Die Spur geht nach unten, die Fresken an der Wand sind übermalt. Oliver folgt dem fetten Strich bis ins Wohnzimmer. Dort sieht er die ganze Bescherung. Die Wände sind vollgemalt mit meterhohen Lettern. Oliver liest „Nationaler Widerstand“ und „Sieg heil!“ Dann fällt sein Blick auf die Längswand: Dort, über dem Sofa, prangt ein riesiges Hakenkreuz.

98 HAUS MARISA / MARISAS ZIMMER – INNEN – TAG Svenja probiert Kleidung von Marisa an. Sie trägt eins von Marisas Männerunterhemden und eine Jacke. Sie dreht sich zu Marisa um. Sandro kriegt von dem allen nichts mit. Er sitzt vor dem Fernseher und sieht sich ARCHIVAUFNAHMEN aus dem Dritten Reich an. SVENJA Wir können ja wirklich etwas zusammen machen. Marisa steht am Fenster und schaut raus zur Gartenlaube, ohne Svenja zu beachten. SVENJA (CONT’D) Wir könnten Waffen kaufen. Marisa beachtet sie immer noch nicht. SVENJA (CONT’D) Ich hab Geld. Svenja kramt in ihrer Tasche und zieht den Umschlag mit dem Geld hervor. Jetzt hat sie Marisas Aufmerksamkeit. Marisa nimmt den Umschlag und blättert durch den Haufen Geldscheine. SVENJA (CONT’D) Für uns. Damit könnten wir abhauen, zusammen oder so.

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An der Haustür klingelt es. Marisa gibt den Umschlag zurück und geht aus dem Zimmer.

99 HAUS MARISA – INNEN – TAG Marisa trampelt die Treppen runter, und reißt die Eingangstür auf. Vor der Tür steht Rasul. Marisa erholt sich schnell von ihrem Schock und packt ihn am Kragen.

100 HAUS MARISA / GARTENLAUBE – INNEN / AUSSEN –TAG Marisa schubst und zerrt Rasul zur Gartenlaube und bellt ihn an. MARISA Was machst du? Rasul wird seinerseits wütend. Marisa sieht sich um. Gegenstände und Andenken an ihren Opa aus den Müllsäcken liegen verstreut auf dem Boden und der Matratze. Sie bückt sich und sammelt alles wieder ein. MARISA (CONT’D) Wenn du die Sachen noch einmal mit deinen dreckigen Pfoten berührst, mach ich dich fertig. Jetzt bemerkt sie, dass Rasul ein neues Kleidungsstück trägt. Einen Pullover ihres Opas. Sie zerrt ihm den Pullover mit Gewalt vom Leib. RASUL What is wrong with you? MARISA Hau ab! RASUL I’m hungry. Rasul sieht sie an. Marisa knallt ihm eine. Im selben Moment schon tut es ihr leid. Rasul schaut sie hasserfüllt an. MARISA I bring food and then you go.

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Marisa knallt den Müllsack hin und geht raus.

101 HAUS MARISA / KÜCHE – INNEN – TAG Marisa steht in der Küche und säbelt mit einem Messer dicke Scheiben von einem Brotlaib ab. Sie beschmiert sie mit Margarine und belegt sie mit Aufschnitt. Beim Fertigen der Stullen flucht sie ohne Unterlass und schimpft mit sich selbst. MARISA Du bist so stinkend dumm. Du kriegst auch gar nichts auf die Reihe. Du bist so dumm… Sie packt die Stullen auf einen Teller und rennt damit wieder aus der Küche raus.

102 HAUS MARISA / GARTENLAUBE – INNEN / AUSSEN – TAG Marisa eilt durch den Garten und bringt den Teller mit Stullen zur Laube. Sie bemerkt als erstes, dass die Tür sperrangelweit offen steht. Marisa wird langsamer. Sie sieht sich im Garten um, ob Rasul vielleicht irgendwo rumspaziert. Sie nähert sich dem Eingang zur Laube. Drinnen ist jemand. Marisa bleibt wie angewurzelt stehen. Der Jemand dreht sich um und Marisa blickt überrascht in Sandros Gesicht. MARISA Was machst du hier? Sie lässt den Teller fallen und geht auf ihn los. MARISA (CONT’D) Was machst du? Er hält sie fest. Sie erhascht einen Blick in die Laube. Von Rasul ist nichts zu sehen. SANDRO Ich hab was für dich. Er hält ihr eine kleine Schachtel hin. Marisa zögert. Sandro nähert sich ihr behutsam, er öffnet die Schachtel für sie. Er holt eine silberne Kette hervor, an

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der ein Thorshammer als Anhänger baumelt. Sandro legt ihr die Kette um. SANDRO (CONT’D) Für wen sind die Brote? MARISA Für mich. Da drin sortier ich die Sachen von meinem Opa. Sandro schaut sie nachdenklich an.

103 AUTO SANDRO – INNEN / AUSSEN – TAG Sandro cruised mit Svenja, Benny, Trinkaus und Melanie durch die Stadt. Svenja stellt sich auf den Sitz und drängt ihren Oberkörper durch das offene Schiebedach nach draußen. Sie genießt den Fahrtwind in ihren Haaren. Freiheit. Über ihr rauschen die Äste und Blätter der Alleebäume vorbei.

103 A AUTO SANDRO / ASIA-IMBISS – INNEN / AUSSEN – TAG Sie halten vor dem Asia-Imbiss, an dem wieder die Picaldi-Gang mit Markus rumhängt. Svenja schaut immer noch durch das Schiebedach. Sie hebt ihren rechten Arm. SVENJA Heil Hitler. Ein paar der Picaldi-Jungs müssen lachen. Sandro beugt sich zum Handschuhfach rüber und holt die Pistole raus. Er lehnt seinen Arm aus dem Fenster. Die Pistole gut sichtbar in seiner Hand. SVENJA (CONT’D) Na, was los? Ihr Arschlöcher! Jetzt, da alle herschauen, hebt Sandro die Pistole hoch und zielt mit ihr auf die Gruppe am Imbiss. Ein, zwei der Jungs reagieren blitzschnell und hauen sofort ab. Sandro und die anderen steigen aus und rennen zum Imbiss, sie vertreiben die letzten Jungs dort.

104 AUTO MARISA – INNEN / AUSSEN – NACHT Rasul läuft die Straße entlang. In der Hand einen Stock, den er über die verschie-

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denen Gartenzäune klappern lässt. Während er läuft, gehen immer wieder durch Bewegungsmelder aktivierte Lichter an den Häusern an. Er bleibt stehen, sein Blick fällt auf Marisas Auto, das an der Straße geparkt ist. Er lehnt sich an die Scheibe, beschattet seine Augen und späht hinein. Er entdeckt die schwedische Postkarte, die immer noch unter der Windschutzscheibe klemmt und jetzt im Licht der Straßenlaterne schimmert. Rasul probiert an der Tür herum, doch sie ist abgeschlossen. Rasul schlendert nach vorne und klettert auf die Motorhaube. Er setzt sich hin und spielt mit seinem Holzstock. Aus der Ferne hört man das Geräusch eines Motors und eines Autoradios.

105 AUTO SANDRO – INNEN / AUSSEN – NACHT Sandro und die anderen fahren mit lauter Musik und runtergekurbelten Fenstern durch die Stadt. Svenja berührt Sandro am Arm. Sandro folgt ihrem Blick und sieht das Auto, das am Straßenrand geparkt ist, und Rasul, der vorne auf der Motorhaube sitzt.

106 HAUS MARISA / GARTENLAUBE – INNEN / AUSSEN – NACHT Marisa sitzt auf der Matratze und kramt im Licht ihrer Taschenlampe in den Sachen ihres Großvaters. Die Eingangstür knarrzt und geht auf. Marisa blickt raus und sieht Melanie. Melanie zögert. Sie überlegt, wie sie formulieren soll, was sie beschäftigt. MELANIE Sie haben jemanden erwischt. (Pause) Jemanden, den du kennst. MARISA Was ist los? MELANIE Sandro und die anderen. Sie haben ihn fertiggemacht.

106 A STRASSE VOR MARISAS HAUS – AUSSEN – NACHT Melanie führt Marisa zu Rasul, der zusammengekauert auf dem Boden hockt. Marisa geht zu ihm hin und hockt sich neben ihn. Rasul bedeckt sein Gesicht mit seinem Arm. Er will sie nicht anschauen. Marisa drückt den Arm sanft runter und sieht ihm ins Gesicht. Sie sieht, wie schlimm er zugerichtet ist. Er kann

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kaum noch sehen, weil sein Auge zugeschwollen ist. Seine Nase blutet und seine Wange ist grotesk geschwollen. Marisa stockt der Atem. Es zerreißt sie, ihn so zu sehen.

107 HAUS MARISA / BAD – INNEN – NACHT Marisa versorgt Rasuls Verletzungen im Badezimmer. Melanie hilft ihr dabei. Rasul kann sich kaum auf den Beinen halten. Marisa wäscht sich das Gesicht und die Hände und zieht ihr blutbeflecktes Hemd und Sandros Halskette aus.

107 A HAUS MARISA / ZIMMER – INNEN – NACHT Marisa nimmt eine gebügelte Bluse aus dem Schrank, streift sie über und zieht einen Rock an. Sie packt eine Tasche. Unter dem Bett holt sie einen hölzernen Axtstiehl hervor. MELANIE Was machst du? MARISA Du hältst die Schnauze! Im gleichen Moment bereut sie auch schon ihre Worte. Beide schweigen für einen Moment. MARISA (CONT’D) Ich geh weg. MELANIE Okay. Marisa tritt dicht vor Melanie, den Axtstiehl und die Tasche in der Hand. Sie schauen sich an. Dann schlingt Marisa die Arme um Melanie und drückt sie. Melanie ist überrascht, doch dann erwidert sie die Umarmung. MARISA Aber vorher muss ich noch etwas erledigen. Sie deutet auf das Bad, in dem sie Rasul versorgt haben. MELANIE Okay.

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107 B HAUS MARISA / TREPPE – INNEN – NACHT Marisa zieht die Zimmertür hinter sich zu. Sie ist beladen mit ihrer Tasche. Rasul läuft vor ihr die Treppe runter und nach draußen. Marisa stößt fast mit ihrer Mutter zusammen. Bea hat sich fest in einen Morgenmantel gewickelt. BEA Wie siehst du denn aus? MARISA Ich verschwinde. BEA Bleib stehen. Sie hält Marisa fest. BEA (CONT’D) Wenn du gehst, kannst du nie wieder zurück. Hörst du? Marisa drängt weiter zum Ausgang. BEA (CONT’D) Du weißt nicht, was er mir angetan hat. Du kannst mich doch jetzt nicht allein lassen. Wie Dreck hat er mich behandelt. Als er gemerkt hat, dass ich ohne Ehemann schwanger bin, hat er mich an den Haaren die Treppe runtergerissen bis ganz unten und mich getreten mit seinen Stiefeln bis mir schwarz vor Augen wurde. Aber als du dann da warst... Marisa befreit sich von ihr und rennt raus.

108 WOHNUNG PLATTENBAU – INNEN – NACHT Marisa betritt die Wohnung. In der Hand trägt sie einen Axtstiehl. Aus dem Wohnzimmer hört man Clemens, der Gitarre spielt und singt. CLEMENS (O.C.) In Berlin steht bald eine Gaskammer und d’rauf erheben wir unser Hakenkreuzbanner.

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Marisa schaut durch die Wohnzimmertür. Sie sieht Clemens mit der Gitarre. Um ihn herum einige Leute, die trinken und zuhören. Unter ihnen Svenja. Marisa geht weiter über den Flur zur Küche. Die Leute auf dem Flur grüßen sie, beachten sie aber nicht weiter. CLEMENS (O.C.) (CONT’D) Gegen die Juden und Parlamentarismus, da hilft doch nur eins: Neuer Faschismus. Marisa drängt sich bis zur Küche durch. Dort sieht sie Sandro. Er ist allein. Sandro sieht sie. Marisa geht rein. Ohne Vorwarnung geht sie auf ihn los. Der erste Schlag erwischt ihn am Kopf, den nächsten versucht er, mit dem Arm zu parieren. MARISA Bist du krank? Das ist doch noch ein Kind. Sie schlägt auf ihn ein, bis er sich nicht mehr rührt. Marisa lässt ihn liegen. Sie sieht sich um, sie sind immer noch allein in der Küche. Sie geht in den Flur und sieht sich im Wohnzimmer um. Sie entdeckt Svenja auf dem Sofa. Sie geht zu ihr hin, nimmt sie bei der Hand und zieht sie mit sich. SVENJA Was ist los? MARISA Jetzt oder nie. Du wolltest doch abhauen, oder? Svenja sieht sie mit großen Augen an und nickt. Sie steht auf und folgt Marisa. Marisa zieht sie mit sich auf die Eingangstür zu. Hinter sich hört sie jemanden rufen. Sandro wurde entdeckt. Marisa hat fast die Tür erreicht. Clemens stellt sich ihnen in den Weg. CLEMENS Bist du jetzt komplett… Weiter kommt er nicht, denn Marisa schlägt ihm den Axtstiehl, ohne lange zu fackeln, mitten ins Gesicht. Er fällt wie ein nasser Sack zu Boden und Marisa verschwindet mit Svenja aus der Wohnung.

109 AUTO MARISA – INNEN / AUSSEN – NACHT Marisa rast mit Svenja im Schlepptau zum Auto.

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SVENJA Krass. Marisa steigt ein und schiebt Svenja auf die Rückbank. Sie steigt ein und knallt die Tür zu. Svenja starrt entgeistert zu Rasul auf dem Beifahrersitz. SVENJA (CONT’D) Was macht der hier? Marisa kramt nach dem Schlüssel. Ihre Hände zittern. Sie sieht zum Eingang des Plattenbaus, in dem Sandro gerade auftaucht. Der Schlüssel fällt ihr aus der Hand. Sie bückt sich, panisch sucht sie den Boden nach dem Schlüssel ab. Sandro hat das Auto fast erreicht. Marisa findet den Schlüssel, sie drückt alle Knöpfchen des Autos runter. Gerade noch rechtzeitig, denn Sandro reißt am Griff ihrer Tür. Sie steckt den Schlüssel ins Schlüsselloch. Startet den Motor. Sandro schlägt mit dem Ellbogen gegen ihre Scheibe. Das Fenster zerberstet. Glassplitter fliegen ihr um die Ohren. Marisa würgt den Motor ab. Sie muss erneut starten. Sandro greift durchs Fenster nach dem Knöpfchen und will die Tür öffnen. Endlich schafft sie es, den Motor wieder zu starten, den richtigen Gang reinzubekommen. Sandro reißt die Tür auf. Marisa jagt das Auto auf die Straße und hängt Sandro ab.

110 AUTO MARISA / STRASSE – INNEN / AUSSEN– NACHT Marisa hat auf einer beleuchteten Landstraße geparkt. Sie ist draußen und telefoniert mit ihrem Handy. Rasul sitzt auf dem Beifahrersitz, Svenja sitzt schmollend auf der Rückbank. Marisa steigt ein und reicht Rasul die schwedische Postkarte. MARISA Es gibt ein Boot, das jeden Tag rüberfährt. Mit dem kann er mit. SVENJA Wow. Rasul sitzt vorne neben Marisa. Er hat ihre Sonnenbrille aufgesetzt, er dreht sich zu Svenja um und grinst sie an. Svenja dreht sich weg. MARISA

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Gib mir das Geld. Svenja weiß, was sie meint, stellt sich aber stur und starrt aus dem Fenster. MARISA (CONT’D) Jetzt mach! SVENJA Das ist mein Geld. MARISA Du bist eine verwöhnte, arrogante kleine Bürgertochter. Das ist nicht dein Geld. Du hast es geklaut. Svenjas Gesicht sieht man an, dass sie Marisa am liebsten umbringen würde. MARISA (CONT’D) Ich versprech dir, du kriegst alles zurück. Okay? SVENJA Und wenn er dann weg ist? MARISA Wir fangen neu an. Auch ohne Geld. Svenja reicht ihr den Umschlag. SVENJA Und wo werden wir dann wohnen? Marisa startet das Auto und fährt los. MARISA Du bist 14. In Marisas Augen ist damit alles gesagt. Aber sie sieht Svenja an, dass für sie noch nichts damit gesagt ist. MARISA (CONT’D) Was glaubst du wie schnell die Bullen vor der Tür stehen? Du kommst ein paar Tage mit, dann setz ich dich in den Zug nach Hause.

111 AUTOBAHNAUFFAHRT – AUSSEN – NACHT

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Marisas Auto fährt über die Auffahrt auf die Autobahn.

112 AUTO MARISA – INNEN / AUSSEN – NACHT SVENJA Können wir noch mal anhalten? Ich muss mal. Marisa schaut sie an, um zu sehen ob sie es ernst meint.

113 TANKSTELLE – INNEN / AUSSEN – NACHT Marisa nimmt sich Red-Bull-Dosen aus dem Kühlregal. Svenja lässt sich den Schlüssel für die Toiletten geben. Sie sieht sich nach Marisa um, dann geht sie zu den Toiletten.

114 TANKSTELLE / KLO – INNEN – NACHT Svenja sitzt auf dem Klo. Sie holt ihr Handy aus der Tasche. Sie sucht eine Nummer raus und wählt. SANDRO (O.S.) Hallo? Svenja zögert. SANDRO (O.S.) (CONT’D) Wer ist da? SVENJA Hallo. Ich bin’s, Svenja.

115 AUTO MARISA – INNEN / AUSSEN – NACHT Marisa verklebt die Fensterscheibe notdürftig mit einer blauen Mülltüte. Im Auto schlürfen sie und Rasul Redbull. MARISA I am sorry with your brother.

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Rasul schaut sie an. MARISA (CONT’D) Is he dead? RASUL No. Why? MARISA Because of me? RASUL No. If you kill my brother, I kill you. Schweigen. RASUL (CONT’D) We go to hospital. But Problems with paper. Police arrest him and send him back. He in Pakistan now. But he come again. And I will wait for him.

116 TANKSTELLE /KLO – INNEN – NACHT Svenja lässt das Handy, mit dem sie gerade telefoniert hat, sinken und schaltet es aus. SVENJA Was ist? MARISA (O.C.) Bist du eingeschlafen? Svenja geht zur Kloschüssel und betätigt den Abzug. Sie öffnet die Tür. Marisa hält ihr die Dose hin. MARISA (CONT’D) Willst du auch eine? SVENJA Oh, vielen Dank. Hast du die auch von meinem Geld gekauft?

117 AUTO MARISA – INNEN / AUSSEN – NACHT

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Das Auto brettert durch die Nacht. Marisa blickt konzentriert auf die Autobahn vor sich. Wind dringt durch das notdürftig verklebte Fenster.

118 AUTO MARISA / STRANDPARKLPLATZ – INNEN / AUSSEN – NACHT Marisa lässt das Auto auf den Parkplatz rollen und bremst. Sie wirft einen Blick auf die Straßenkarte. MARISA Legt euch schlafen. Marisa macht ihren Sitz etwas zurück und versucht, eine bequeme Position zu finden. Svenja schaut ihr hasserfüllt zu. Rasul beobachtet Marisa, ihm wird klar, dass sie erstmal hier bleiben und Pause machen.

119 AUTO MARISA / STRANDPARKPLATZ – INNEN / AUSSEN – DÄMMERUNG Das Auto steht einsam auf dem leeren Parkplatz. Im Hintergrund, durch Bäume hindurch, sieht man Teile eines größeren Gebäudes. Marisa schläft auf dem Fahrersitz. Rasul hockt auf dem Beifahrersitz und summt ein Lied. Svenja auf der Rückbank hat sich die Karte gekrallt und tippt eine SMS in ihr Handy. Rasul tippt Marisa an, sie kommt langsam zu sich. Sie braucht ein paar Momente, um sich zu orientieren.

120 STRANDPARKPLATZ / DURCHGANG – AUSSEN – DÄMMERUNG Marisa und Rasul hetzen durch einen Durchgang im Gebäude zu einem Sandweg.

120 A DÜNE – AUSSEN – DÄMMERUNG Marisa und Rasul laufen über die Düne. Svenja trottet ihnen missmutig hinterher.

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121 STRAND – AUSSEN – SONNENAUFGANG Marisa und Rasul laufen entlang einer dunkelroten Mauer über den Strand runter zum Wasser. Dort liegt ein Schlauchboot. Ein SCHLEUSER ist gerade dabei, den Außenbordmotor zu befestigen. Eine PASSAGIERIN stellt ihre Plastiktasche in das kleine Schlauchboot. Svenja lässt sich in den Sand plumpsen, beobachtet das Geschehen und zündet eine Zigarette an. Es ist noch kalt, sie zieht die Beine nah zu sich an den Körper und umschlingt sie. Der Schleuser nimmt Rasul Geld ab. Der Schleuser zieht das Boot ein wenig ins Wasser, sodass Rasul und die Passagierin einsteigen können. Auf dem Meer, ca. 50-100 Meter vom Strand entfernt, liegt ein ca. 16 Meter langer Fischkutter vor Anker und schaukelt in den Wellen. Der Schleuser reißt den Außenbordmotor an. Rasul sieht zurück zu Marisa. Beide sehen sich an, ohne zu winken. Dann blickt Rasul wieder nach vorne. Der Schleuser lenkt das Schlauchboot in Richtung Fischkutter und dreht den Motor voll auf. Marisa blickt dem Boot nach.

122 STRAND – AUSSEN – ETWAS SPÄTER Marisa setzt sich neben Svenja, die raucht und Kreise in den Sand malt. Das Fischerboot verschwindet langsam in der Ferne. Marisa rückt etwas näher an Svenja ran. Svenja rückt sofort wieder ein Stück weg. MARISA Du bist wie ich. Ich hab immer gedacht: Das muss sich ändern und das muss passieren und DANN, dann kann ich richtig leben. Das ist, als säße man in einem Zug. Der fährt und fährt und du denkst, wir müssen nur ankommen, dann steig ich aus und es geht los. Dabei zerrinnt das Leben nur zwischen deinen Fingern. Ein MOLLIGES FKK PAAR läuft mit Nordic Walking Stöcken an den beiden vorbei. Marisa spielt mit ihrem Schuh und malt ebenfalls Kreise, die Svenjas Kreise berühren. Svenja reagiert, indem sie ihren Stock wegschmeißt und die Arme verschränkt. Marisa knufft Svenja in die Seite. Svenja kann sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Svenja kann ihr nicht in die Augen sehen. Sie steht auf. SVENJA Mir ist kalt. MARISA Ich komm gleich nach.

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122 A STRANDPARKPLATZ / DURCHGANG – AUSSEN – TAG Svenja läuft den schmalen Sandweg hindurch zum Durchgang, der zum Parkplatz führt. Im Hintergrund sieht man die endlose Flucht des Gebäudes. Zum ersten Mal erkennt man es als Ganzes.

122 B STRAND – AUSSEN – TAG Maria steht nachdenklich im Sand und blickt den Strand hinunter.

123 STRAND / RÜCKBLENDE – AUSSEN – TAG Ein anderer Strand, eine andere Zeit. Eine sehr JUNGE MARISA (8) keucht und schleppt sich vorwärts. Sie quält sich mit einem schweren Wanderrucksack, unter dessen Gewicht sie fast zusammenbricht. Ein deutlich jüngerer Franz steht mit Hut und Wanderstiefeln am Strand. FRANZ Marisa! Zähne zusammenbeißen! Die junge Marisa hat langes Haar und keinerlei Tätowierung. Sie stapft auf ihren Großvater zu. JUNGE MARISA Ich kann nicht mehr. Es tut weh. Das Mädchen stolpert. Sie wird erdrückt von der Last. FRANZ Steh auf! Ein Indianer kennt keinen Schmerz! Das sind doch nicht mal 20 Kilo. Marisa erreicht ihren Großvater mit Müh und Not. Er befreit sie vom Rucksack. FRANZ (CONT’D) Gut gemacht. Er klopft ihr den Sand von den Knien und ihrer Kleidung und nimmt sie in den Arm. FRANZ (CONT’D)

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Meine Kriegerin. Marisa lächelt ihn an. Beide löschen ihren Durst mit Wasser aus einer Feldflasche. Er ist sichtbar stolz auf seine Enkelin. JUNGE MARISA Kommst du Montag mit zur Schule? Ich halte einen Vortrag. Ihr Großvater muss schmunzeln. JUNGE MARISA (CONT’D) Über deine Zeit. Hitler und so. Krieg, die Konzentrationslager. Der Blick des Großvaters verfinstert sich. JUNGE MARISA (CONT’D) Und wie schlimm das alles war. Ich pass nie so gut auf wie in Geschichte. FRANZ Weißt du, da wird so viel erzählt. War deine Lehrerin dabei? Hat sie es selbst gesehen? JUNGE MARISA Nein. FRANZ Aber ich. Du musst dir genau überlegen, wem du glaubst. Sie sind mächtiger denn je, bei uns, in der Wirtschaft, auf der ganzen Welt. Sie sind immer noch dabei, ihre Lügen und ihr Gift zu verbreiten. JUNGE MARISA Wer? FRANZ Die Juden. Die junge Marisa schaut ihn mit großen Augen an.

124 STRAND – AUSSEN – TAG

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Marisa bleibt gedankenverloren am Strand. Sie schaut hinaus auf die Brandung.

125 AUTO MARISA / STRANDPARKLPLATZ – INNEN / AUSSEN – TAG Svenja sitzt im Auto und sucht nach ihrem Handy. Dann hält sie inne. Irgendetwas ist anders. Sie blickt hoch, durch die Scheiben hinaus auf den Parkplatz. Vorhin war alles noch leer. Jetzt steht dort ein Auto. Svenja steigt aus dem Auto und geht etwas näher, doch es ist eindeutig: Keine 20 Meter entfernt, parkt das Auto von Sandro. Das Auto ist leer.

126 STRAND – AUSSEN – TAG Marisa steht am Strand. Jemand tritt aus dem Kiefernwald hinaus auf die Düne. Er kommt Marisa immer näher. Marisa nimmt ihn wahr, dreht sich um und erkennt Sandro, der nun hinter ihr steht. Marisa sieht die Pistole in seiner Hand, die er langsam hebt und auf sie richtet. Sie schaut ihm in die Augen, als er abdrückt. Die rauchende Pistole fällt in Zeitlupe aus Sandros Hand und taumelt runter auf den Sand.

127 AUTO MARISA – AUSSEN – TAG Svenja zuckt zusammen, als sie den Schuss hört. Sie schaut in Richtung Strand.

128 STRAND – AUSSEN – TAG Svenja taumelt auf Marisa zu, die reglos im Sand liegt. Svenja beugt sich zu Marisa. Es ist das gleiche Bild wie ganz am Anfang. Marisa atmet noch, Blut läuft ihr plötzlich aus der Nase und dem Mund. Ihre Atmung wird schneller, sie atmet mit kurzen hektischen Stößen, als würde sie sich auf einen Tauchgang vorbereiten. Sie blickt hoch in den Himmel, sieht ein paar Möwen fliegen. Ihre Hand greift nach etwas Sand. Sie lässt ihn durch die Finger rieseln. Svenja nimmt Marisas Hand und hält sie fest. Fassungslos blickt sie auf Marisa. Die Zeit scheint stillzustehen. MARISA (V.O.) Du sitzt im Zug und denkst, ich muss nur ankommen. Dabei rast du nur immer schneller auf den Abgrund zu. Aber wir rasen nicht mehr auf den Ab-

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grund zu. Wir sind schon l채ngst im freien Fall. Marisa reckt den Kopf, legt ihn in den Nacken und schaut runter zum Meer. Wir sehen ihren Blick, die Wellen oben und darunter der Himmel. Svenja steht auf und blickt auf Marisa.

ENDE

KRIEGERIN NACHWORT ZUM DREHBUCH VON DAVID F. WNENDT Rechtsextremismus ist weit verbreitet und findet seinen N채hrboden in der Mitte der Gesellschaft. Das Vertrauen in Demokratie oder die Wertsch채tzung des Grundgesetzes schwindet in zunehmend erschreckendem Tempo. Umfragen zufolge sind die Menschen, die mit der Demokratie in Deutschland zufrieden sind inzwischen in der Minderheit. Im Osten sind fast 75 % der Menschen unzufrieden mit der jetzigen Regierungsform. Es besteht also Handlungsbedarf auf allen Ebenen: In der Politik, im Alltag, in den Schulen, in der Forschung und beim Filmemachen Die Figuren und ihre Geschichten wurden auf Grundlage einer intensiven Recherche entwickelt. Zum einen bestand die Recherche aus Leitfadeninterviews mit jungen Frauen aus der rechtsextremen Szene. Zum anderen habe ich Cliquen und Jugendliche in L체bben, Forst, Preschen und anderen Orten aufgesucht, mit ihnen Zeit verbracht und zum Teil mit der Kamera begleitet. Besuche auf Demos der rechten

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Szene und das Durcharbeiten einschlägiger Literatur und Filmmaterialien rundeten die Recherche ab. Die Recherche liefert den Rohstoff des Drehbuchs. Im Schreibprozess wurden die Geschichten und Beobachtungen verdichtet. Das Ziel war es, einen Film zu schaffen, der das Milieu und die Figuren realistisch zeichnet und gleichzeitig den Zuschauer durch seine dramatische Struktur fesselt und berührt. Der Film soll aufklären, ohne vordergründig pädagogisch zu sein. Er soll Stellung beziehen, ohne auf Klischees zurückzugreifen. Er soll provozieren und unterhalten, ohne nach billigen Effekten zu haschen. Man wird den Figuren nahekommen, sie verstehen können, ohne ihre Taten zu entschuldigen. Der Film gibt keine abschließenden, einfachen Antworten. Er beleuchtet aber die für den Rechtsextremismus ursächlichen Faktoren und macht klar, dass es nicht um ein Jugendphänomen geht, sondern dass rechte Tendenzen ein Problem sind, das weit in alle Gesellschafts- und Altersschichten vorgedrungen ist. Durch die genaue Darstellung des Milieus entlarvt der Film die Vorstellung von rechter Kameradschaft als Mythos. Er zeigt die Gruppe der Neonazis nicht als straff organisierte, paramilitärische Einheit, sondern als verrohte Horde. Der Film zeigt, wie perspektivlos die rechte Ideologie ist. Die Hauptfigur Marisa, die am Anfang eine knallharte Rassistin ist, die körperlich aggressiv durch die Welt rast wie ein offenes Rasiermesser, macht in dem Film eine Läuterung durch. Ihre seelische Reifung ist nur durch den Bruch mit ihrer bisherigen Weltsicht möglich. Die stumpfen Parolen und das rechte Menschenbild halten der Konfrontation mit der Realität nicht stand.

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Bisher sind folgende Drehbücher in der Reihe

DEUTSCHE DREHBÜCHER erschienen:

2008 AUF DER ANDEREN SEITE Von Fatih Akin KIRSCHBLÜTEN – HANAMI Von Doris Dörrie 2009 CHIKO Von Özgür Yildirim NACHT VOR AUGEN Von Johanna Stuttmann NOVEMBERKIND Von Heide und Christian Schwochow 2010 DAS WEISSE BAND Von Michael Haneke DIE FREMDE Von Feo Aladag WHISKY MIT WODKA Von Wolfgang Kohlhaase

2011 ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND

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Von Nesrin und Yasemin Samdereli MIN DÎT – DIE KINDER VON DIYARBAKIR Von Miraz Bezar VINCENT WILL MEER Von Florian David Fitz

2012 BARBARA Von Christian Petzold KRIEGERIN Von David F. Wnendt

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Profile for Deutsche Filmakademie e.V.

Kriegerin  

Kriegerin  

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