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VINCENT WILL MEER Florian David Fitz

DEUTSCHE DREHBÜCHER

Herausgegeben von Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön für die Deutsche Filmakademie




Über Florian David Fitz Mit der Hauptrolle in „Meine verrückte türkische Hochzeit“ (u.a. Grimme-Preis als Darsteller) sowie „Doctor‘s Diary“ und „Männerherzen“ wurde Florian David Fitz, der seine Ausbildung am Boston Conservatory absolvierte, einem größeren Publikum bekannt. 2007/08 nahm er an der Drehbuchwerkstatt München teil. Das Ergebnis, VINCENT WILL MEER, wurde zum großen Publikumserfolg an der Kinokasse mit über 1 Millionen Besuchern. Er bekam dafür u.a. den Bambi und den Bayrischen Filmpreis. Über die Deutsche Filmakademie Die Deutsche Filmakademie e.V. wurde am 8. September 2003 in Berlin gegründet und hat inzwischen über 1000 Mitglieder aus allen künstlerischen Sparten des deutschen Films. Ziel der Filmakademie ist es, für die deutsche Kinolandschaft ein Forum zu schaffen, auf dem relevante Fragen diskutiert werden können, und die Aufmerksamkeit für den deutschen Film und seine Macher zu steigern. Mit Projekten wie „24 – Das Wissensportal der Deutschen Filmakademie“ fördert sie die filmspezifische Bildung im schulischen und außerschulischen Bereich. Eine wichtige, wenn auch keineswegs primäre Aufgabe der Akademie ist seit 2005 die Wahl der Preisträger für den DEUTSCHEN FILMPREIS in sechzehn Kategorien und die LOLA-Galaverleihung selbst, auf der diese Preise verliehen werden. Gestützt auf das Votum der besten Fachleute hat der Deutsche Filmpreis die Bedeutung erhalten, die einer nationalen Auszeichnung zukommen sollte. 2011 waren außer VINCENT WILL MEER noch ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND von Nesrin und Yasemin Samdereli und MIN DÎT – DIE KINDER VON DIYARBAKIR von Miraz Bezar für das „Beste Drehbuch“ nominiert.

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VINCENT WILL MEER Ein Drehbuch von

Florian David Fitz Nominiert für den Deutschen Filmpreis

DEUTSCHE DREHBÜCHER Jahrgang 2011

Herausgegeben von Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön für die Deutsche Filmakademie

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Deutsche Filmakademie e.V. (Hrsg.) VINCENT WILL MEER Ein Drehbuch von Florian David Fitz Berlin: Pro BUSINESS 2010 ISBN 978-3-86805-893-2 1. Auflage 2011 © Florian David Fitz, alle Rechte vorbehalten Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors Produktion und Herstellung: Pro BUSINESS GmbH Schwedenstraße 14, 13357 Berlin Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier Printed in Germany www.book-on-demand.de Gestaltung/Satz: e27 Brauns, Gackstatter, Quintus GbR Herstellungsleitung: Deutsche Filmakademie

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Vorwort

Am Anfang ist bekanntlich das Wort. So auch im Kino. Bevor sich eine Armada von Spezialisten anschickt, einen Film zu realisieren, muss sich ein Autor diesen Film erst einmal ausdenken, Satz für Satz, Szene für Szene. Das ist ein einsamer, aber hoch spannender Prozess. In einem „Making of“ allenfalls eine Einstellung von vier Sekunden, von außen gesehen im buchstäblichen Sinne unscheinbar. Dabei ist diese Arbeit elementar. Ohne sie könnten alle anderen gar nicht erst auspacken. Das Drehbuch ist jenes Medium, womit Regisseure begeistert, Produzenten überzeugt, Schauspieler gewonnen, Finanziers belagert, Kameraleute inspiriert und Teammitglieder geworben werden. Im Grunde besteht jeder Text in unserer Sprache aus unzähligen Kombinationen von knapp mehr als dreißig schwarzen Zeichen auf weißem Papier. Abstrakt gesehen ist es die Imagination und Kunst des Drehbuchautors, sie in einem Text so zu arrangieren, dass so etwas Komplexes wie ein vollständiger Film im Kopf der Leser entsteht. Und selbst wenn Autor und Regisseur ein und dieselbe Person sind, so entspricht die Vorstellung des Films, die er sich aufgrund seines eigenen Drehbuchs macht, niemals dem fertigen Film. Schon gar nicht eins zu eins. Jede Inszenierung entwickelt ihre eigene Dynamik. Und die Improvisation von Schauspielern, der Input eines Teams, die musikalische Interpretation des Komponisten und das Rhythmusgefühl des Cutters verfeinern den Film auf dem Weg seiner Herstellung. Drehbücher zu schreiben, ist eine eigene Kunst. Das Skript ist eine Herausforderung an die Fantasie der Leser. Wie beim Theaterstück. Wer erinnert sich nicht an die Schullektüre der Bühnenklassiker, die einem manchmal recht mühsam erschien? Diese vielen Dialoge mit ein paar kargen Regieanweisungen („tritt auf… tritt ab…“). Aber erst diese Lektüre ermöglicht, zwischen dem Text und seiner Inszenierung zu unterscheiden. Und man versteht, dass ein und dasselbe Stück auf unzählige Weisen realisiert werden kann. Das gilt für das Drehbuch nicht. Abgesehen von wenigen Remakes, erblickt der aus dem Drehbuch entstandene Film nur einmal und endgültig das Licht der Leinwand. Der Regisseur und sein Team hauchen den schwarzen Zeichen auf dem Papier Leben ein. Das Drehbuch ist nichts ohne den Regisseur und sein Team. Doch ohne ein gutes Drehbuch ist auch die ganze Kunst von Regie und allen Gewerken vergebens. Unsere Reihe „Deutsche Drehbücher“ soll die Arbeit herausragender Dreh-

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buchautoren, deren Bücher für den DEUTSCHEN FILMPREIS nominiert wurden, dem Publikum vorstellen. Nun kann sich jeder Filmfreund davon überzeugen, dass ein Drehbuch kein abgeschriebener Film ist. Denn von welchem Film hätte der Autor denn abschreiben sollen? Vielleicht kennen Sie den fertigen Film bereits und lassen sich jetzt überraschen, wie anders doch das zugrunde liegende Drehbuch war. Oder Sie kennen den Film noch nicht und wollen erst einmal das Drehbuch lesen, um zu erfahren, wie der Film im Kopf seines Autors aussah. Oder Sie lesen nur dieses Drehbuch und inszenieren in Ihrem Kopf Ihr ganz persönliches Meisterwerk… Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön

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01 HAUS VINCENT / KINDERZIMMER VINCENT – INNEN – TAG Vorspann: Keine Musik. Glocken läuten in der Ferne. Eine Hand greift ein weißes Hemd. Die Knöchel sind aufgestoßen. Das Hemd wird vor einer Brust geknöpft, auf der zahlreiche Narben sind. Die Hand beginnt zu zucken und wird von der anderen Hand kurz festgehalten, bis sie sich beruhigt. Dann geht es weiter. Ein schwarzes Jackett wird angezogen. Es ist an den Ärmeln zu kurz und spannt über den Schultern. Aus einem Gürtel wird eine Schlaufe gemacht und durch den schon vorhandenen gezogen. Die Schlaufe hängt nun an der Hüfte eines jungen Mannes, VINCENT (27). Er tritt vor einen Spiegel und blickt auf die Fragmente seines Gesichtes, denn der Spiegel ist von einem Spinnenetz aus Sprüngen durchzogen und notdürftig mit Klebeband repariert. Vincent ist blass und hat dunkle Augen. Sein Gesicht ist gezeichnet von vielen kleinen Narben und Schrunden. Er reißt den Kopf zur Seite und stößt einen gutturalen Laut aus. Bevor seine Hand die Bewegung aufnehmen kann, steckt er sie durch die Schlaufe und zieht den Gürtel fest zu. Seine Hand zuckt, ist aber an seiner Seite gefangen. Er wartet kurz bis der Tic vorbeigeht. Dann nimmt er sie wieder heraus. Es klingelt. Vincent schaut aus dem Fenster. Vor dem Haus steht ein Mann von breiter Statur, ebenfalls in schwarzem Anzug: Vincents VATER (56). Neben ihm steht eine gepflegte Frau Mitte Vierzig, auch in Schwarz. Der Vater sagt etwas zu ihr. Sie steigt in das Auto und fährt ab.

02 HAUPTSTRASSE SCHWÄBISCHES DORF – AUSSEN – TAG Vincent und sein Vater laufen nebeneinander zur Kirche am Ende der Hauptstraße. Die Randsteine sind sauber gekehrt, die Vorgärten betoniert. Blumen wiegen sich in Waschbetonkübeln. Die Häuser sind aus den Sechzigern. Am Straßenrand stehen Wahlplakate, auf denen mehrheitlich Vincents Vater zu sehen ist. Eines ist etwas nach vorne gekippt. Vincents Vater richtet es auf. Auf dem Bild hat ihm jemand mit Edding einen Hitlerbart gemalt. Der Vater kippt das Plakat schnell wieder nach vorne. Er guckt zu Vincent. Der ist weiter gegangen und hat sich nicht umgedreht.

03 KIRCHENPFORTE – AUSSEN – TAG Vincent und sein Vater stehen an der Pforte. Man sieht sie von hinten. Ab und zu zucken Vincents Schultern. Der Kopf reißt zur Seite oder ein Laut bricht sich Bahn. Auf der anderen Seite vom Vater steht Monika. Sie hält sich dezent im Hintergrund. Die Trauergäste fädeln sich an ihnen vorbei in die Kirche. Jeder schüttelt ihnen die Hand.

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ÄLTERER TRAUERGAST (ZUM VATER) Mein Beileid. VATER (LAUT) Danke, Gottfried. Der Mann schüttelt eifrig weiter die Hand vom Vater. Er hört nicht mehr gut. ÄLTERER TRAUERGAST Ist ja direkt eine Ehre... Der Vater winkt ab. ÄLTERER TRAUERGAST Darf man schon gratulieren? VATER Noch haben wir ja nicht gewonnen, wir brauchen auch deine Stimme. Wir bewegen was für Bayern. Vincent schaut seinen Vater ungläubig an. Der macht sogar auf dem Friedhof Wahlkampf. Der ältere Mann lässt den Vater los und gibt Vincent die Hand. ÄLTERER TRAUERGAST Mein Beileid. Deine Mutter war ein feiner Mensch. Vincent tippt sich an die Stirn. Ein junger Mann in Vincents Alter mit einem Kind auf dem Arm und einer hübschen Frau an der Seite kondoliert dem Vater und kommt zu Vincent. MICHI Dich hat man ja ewig nicht gesehen. Vincent nickt und zuckt. FREUNDIN Hallo Vincent. MICHI Mein Beileid. Vincent schweigt.

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VATER Danke, Michi. Michis junge Frau gibt Vincent höflich die Hand, ist aber sichtlich irritiert, als der ihr zwanghaft nach ihrem Blusenknopf greift. Schnell steckt er die Hand in die Gürtelschlaufe und zieht sie fest. Michi zieht seine Freundin sanft weiter. Vincent und sein Vater blicken auf die lange Schlange, die ihnen noch bevorsteht. Der Trachtenverein und die freiwillige Feuerwehr kommen mit Fahnen. Der Vater atmet durch und wischt sich die feuchten Hände an der Hose ab, bevor er den nächsten Gast begrüßt.

04 KIRCHE – INNEN – TAG Der Pfarrer hält die Trauerrede mit leichtem polnischen Akzent. Der Vater hat die Augen geschlossen und die Arme verschränkt. Vincents Kehlkopf hüpft auf und ab, den Mund hält er krampfhaft geschlossen. Sie sitzen in der ersten Reihe, alle Augen im Rücken. Monika sitzt neben dem Vater. Vorne steht eine kleine Urne, kaum sichtbar zwischen Kränzen und Blumen. PFARRER ...und nimm dich so auch deiner Tochter... (Blickt auf einen Zettel.) ... Katharina an. Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehest unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund. VINCENT (ENTFÄHRT IHM) HAH! Sofort hält er sich den Mund zu. Einige der jüngeren Trauergäste grinsen. Die älteren wahren Contenance. Eine graue Frau liest mit schwäbischem Akzent die Fürbitten vor. FRAU Für alle Kranken und Schwachen: Lass sie nicht allein, auf dass sie ein Licht haben, das ihnen in der Dunkelheit leuchte. ALLE Wir bitten dich, erhöre uns. FRAU Lass auch deine Tochter Katharina, die nach solch langem LeiVINCENT MÖSELECKEN!

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Es hallt durch die Kirche. Die Stille ist total. Der Vater stirbt vor Scham, Vincent versinkt in der Bank. Die Frau setzt sich wieder. VINCENT HAH! MMH-ARSCHFOTZE!! Vincent haut sich mit der Faust auf den Kopf. Trotzdem gehen die Tics weiter. Jetzt guckt niemand mehr amüsiert. Der Vater sitzt aufrecht, wie gelähmt. Der Schweiß steht ihm auf der Oberlippe. Bevor wieder etwas aus ihm hervorbrechen kann, hält sich Vincent die Hand vor den Mund und stolpert aus der Kirche. Seine Schritte hallen. Die Gemeinde ist bemüht, nicht hinzuschauen.

05 KIRCHENPFORTE – AUSSEN – TAG Vincent schließt keuchend die Tür, sein Kopf reißt zur Seite, ein lauter Schrei hallt über den Friedhof. Drinnen erklingt die Orgel. Die Gemeinde singt laut und etwas unbeholfen. Vincent lehnt an der großen Holzpforte. Dann schlägt er mit dem Kopf gegen die Tür. Immer wieder und ziemlich fest.

06 KIRCHE – INNEN – TAG Über den Gesang erhebt sich Vincents Selbstkasteiung wie ein lautes Klopfen an die Tür, eine Bitte um Einlass. Der Vater blickt in Richtung Tür. Monika guckt nach hinten. Der Vater singt weiter, so gut er kann.

07 HAUS VINCENT / MUTTERS SCHLAFZIMMER – INNEN – TAG Vincent und sein Vater räumen Mutters Sachen weg. Es gibt einen kleinen Karton und mehrere Müllsäcke. Das Zimmer ist verwahrlost. Das Bett ist schmutzig, das Kissen bräunlich, wo der Kopf der Mutter gelegen hat. Es ist nur auf einer Seite bezogen. Der Vater öffnet die Vorhänge und das Fenster. Vincents Müllsack ist fast leer. VATER Willst du das alles mitnehmen? Vincent legt ein weiteres Erinnerungsstück in den Karton. Der Vater öffnet den Kleiderschrank und packt gleich ein Dutzend Kleider in einen Müllsack. Hinten im Schrank findet er eine halbvolle Schnapsflasche. Er schnaubt. Vincent greift nach einem gerahmten Foto, das über dem Bett hängt. Auf dem Bild sieht man

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seine Mutter in jung vor einer Hafenmole. Die Sonne kitzelt ihre Nase und sie l채chelt. VINCENT Wo war das? HA! Italien? VATER Vincent, jetzt mach bitte. Vincent wischt mit dem Finger den Staub vom Bild. VINCENT Mama wollte da hin. VATER Hm? VINCENT Sie wollte mit di-HI-r und mir da hinfahren. VATER Wann hat sie das gesagt? VINCENT Letzte Woche. Der Vater guckt nachdenklich auf das Bild. Vincent beobachtet ihn. VATER Da l채chelt sie. VINCENT Wann war das? VATER Ach, vor deiner Geburt. Vincent guckt ihn an. Der Vater bemerkt Vincents Verletzung nicht und steckt Kleiderb체gel in den M체llsack. VINCENT Ziehst HUIA du wieder hier ein? Mit ihr?

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VATER Wir verkaufen das Haus. Der Vater greift einen alten Koffer, will ihn aus dem Schrank ziehen. Der Koffer ist schwerer als gedacht, offensichtlich ist er nicht leer. VATER Warum ist der gepackt? Der Vater öffnet den Koffer. VATER Warum der gepackt ist, Vincent? VINCENT Ich hätte sie hingebracht. VATER Wohin? VINCENT Nach Italien. VATER Das ist nicht dein Ernst. VINCENT Doch. Ging – LECKEN – aber nicht mehr. VATER Ach, Vincent. VINCENT Du warst ja nicht da. Wären wir zu zweit. VATER Ja, ihr beide. Du und Mama. Hast du gut auf sie aufgepasst, Vincent. Hast ihr die Hand gehalten, während sie gesoffen hat. VINCENT Wenigstens war ich da! Wo warst du? Der Vater schweigt.

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VINCENT Ich kann auch alleine. VATER Ich sag dir mal, was du alleine kannst: gar nichts. Nichts kriegst du fertig. Deine Schule nicht, die Lehre nicht, nichts! Du willst ans Meer... du gehst ja nicht mal mehr bis zum Bäcker, Vincent! VINCENT Haben wir dich enttäuscht, ja? Es tut mir leid, dass ich nicht mehr Fußballspielen kann, es tut mir leid, dass Mama trinkt! VATER JA, WENN’S DICH NICHT GÄBE, HÄTTE SIE DOCH GAR NICHT GESOFFEN! Sie schauen sich einen Moment fassungslos an, während die Worte noch im Raum hängen.

08 VOR HAUS VINCENT – AUSSEN – TAG Vincent sitzt blass auf dem Beifahrersitz von Vaters Benz. Der Vater packt eine Tasche in den Kofferraum, Monika hilft ihm dabei. Sie trägt Reinigungshandschuhe. In der Deckung des offenen Kofferraumdeckels gibt ihr der Vater einen kurzen Kuss. Vincent sieht das im Seitenspiegel. Die Frau kommt zu seiner Seite, Vincent lässt das Fenster zu. MONIKA (DURCH DIE SCHEIBE) Bis Weihnachten, Vincent. Vincent schweigt. Der Vater lächelt entschuldigend und setzt sich ins Auto. Sie fahren los. Vincent blickt auf sein Elternhaus mit der winkenden Frau davor.

09 HAUPTSTRASSE / SCHWÄBISCHES DORF – AUSSEN – TAG Sie biegen auf die Hauptstraße. Vincent dreht sich um. Am Ende der Hauptstraße, hinter der Phalanx von Wahlplakaten mit dem Gesicht seines Vaters, erhebt sich die Kirche. VINCENT Warte.

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10 KIRCHHOF – AUSSEN – TAG Vincent betritt den Friedhof durch das Gatter und läuft den Kiesweg entlang zu der Wand mit den Urnengräbern. Bei einem fehlt noch die Abdeckung. Ein paar welke Blümchen liegen neben der Urne. VINCENT Tschüss, Mama. Er dreht sich um und geht langsam in Richtung Auto. Vincent bleibt stehen und überlegt einen Moment. Plötzlich fasst er einen Entschluss. Er greift in seine Jackentasche und holt eine Bonbondose raus, leert die Bonbons in den Kies und rennt zurück zum Grab.

11 VATERS BENZ – INNEN – TAG Vincent und sein Vater fahren auf der Autobahn. In seiner Hand hält Vincent die Bonbondose. Er guckt in die weite Landschaft. Ab und zu zuckt ihm ein Tic durch den Leib. Irgendwann macht der Vater das Radio an. Ein bisschen Zeit vergeht. VATER Weihnachten holen wir dich. VINCENT Ha-HA-st du schon gesagt. VATER Kommst zu uns. Vincent schließt die Augen. VATER Es war gar nicht leicht, einen Platz zu kriegen. VINCENT Gott sei Dank, hast du Beziehungen. Er tippt sich an die Stirn, schließt die Faust um die Dose.

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12 KLINIK / BÜRO DR. ROSE – INNEN – TAG Vincent und sein Vater sitzen vor einem Schreibtisch. Vincents Schweigen wird von häufigen Tics zerissen. In seiner Hand hält er immer noch die Bonbondose. Auf dem Schreibtisch herrscht kreatives Chaos und dahinter sitzt eine braungelockte Mittvierzigerin mit spitzer Nase und wachen Augen, DR. ROSE. ROSE (ZU VINCENT) Derart spontan können wir nur Notfälle aufnehmen. VATER Es ist ein Notfall. ROSE (ZU VINCENT) Und dann nur Patienten, die freiwillig da sind. VATER Es ist freiwillig. Was wollen Sie denn damit sagen? ROSE Möchten Sie vielleicht draußen warten? Ich würde gerne ein paar Takte mit Vincent sprechen. Der Vater zögert. Rose lächelt ihm ermutigend zu. VATER Ich warte unten. Der Vater steht auf und verlässt den Raum. ROSE Wie siehst du die Sache? VINCENT HM-bitte? ROSE Was willst du? VINCENT Hat bisher keine Rolle gespielt.

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ROSE Aber jetzt spielt es eine Rolle. Vincent überlegt. VINCENT Können Sie mir helfen? ROSE Ja, ich glaube schon. VINCENT Dann bleib ich.

13 KLINIK / AUFFAHRT – AUSSEN – TAG Vincent holt seine Tasche aus dem Kofferraum, in dem dichtgedrängt Kartons mit Luftballons und Wahlutensilien stehen. Einen Moment stehen sich die beiden gegenüber und wissen nicht weiter. Der Vater umarmt Vincent. Als der gerade seine Arme um ihn schließen will, durchzuckt ihn ein Tic. Der Vater lässt ihn wieder los und klopft ihm auf die Schultern. VATER Weihnachten. VINCENT Ja. VATER Oh... Der Vater kramt einen grauen Umschlag hervor und drückt ihn Vincent in die Hand. VATER Vergiss nicht, zu wählen. Hab alles ausgefüllt, musst nur noch unterschreiben. Der Vater steigt in den Benz und fährt davon. Vincent steht mit seiner Tasche allein vor der Klinik.

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14 KLINIK / GANG – INNEN – TAG Dr. Rose führt ihn zu seinem Zimmer. ROSE Wir haben momentan nur dieses Bett frei. ROSE Sobald sich was ändert, kannst du in ein anderes Doppelzimmer. VINCENT Wieso? Was ist denn mit dem Zimmer? ROSE Nichts. Das Zimmer ist nicht das Problem. Sie klopft an eine Tür. ROSE Alexander? Keine Antwort. Sie lächelt Vincent an und öffnet die Tür.

15 KLINIK / ZIMMER ALEX – INNEN – TAG Das Zimmer ist in einem Zustand, den man makellos nennen muss. Die Gardinen hängen in abgezählten Falten, Bücher stehen nach Farben und Größe geordnet auf dem Brett, die beiden Betten sind armeeartig geglättet. Im Radio spielt Bach. An der Wand hängt, präzise ausgerichtet, eine einzelne Postkarte mit einem sentimentalen Bild. Auf dem Tisch liegt ein Stapel makellos zusammengelegter T-Shirts. In Mitten dessen sitzt, mit dem Rücken zur Tür und aufrecht wie ein Stabsgeneral, ALEXANDER (33). Er hat einen Seitenscheitel und ein spitzbübisches Gesicht. ALEXANDER Ich habe nicht ‚herein‘ gesagt. ROSE Entschuldige, Alexander. Das hier ist Vincent. Alexander schaut zu Vincent. Der unterdrückt mit Müh und Not einen Tic.

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ALEXANDER Und? Dr. Rose schiebt Vincent sanft in den Raum. ROSE Der wohnt für eine Weile hier. ALEXANDER Wie bitte? ROSE Für eine Woche oder zwei wird das ja wohl mal gehen. ALEXANDER Fr. DoktorROSE In deiner Position wäre ich sehr, sehr kompromissbereit, wenn du weißt, was ich meine. Alexander verstummt. Rose lächelt Vincent ermutigend zu. ROSE Und morgen besprechen wir uns, wie wir therapeutisch vorgehen. Leb dich gut ein. Sie schließt die Tür. Vincent steht im Raum. Alex schaut ihn an. Vincent dreht sich zu dem leeren Bett und setzt sich, seine Tasche auf dem Schoß. Das Betttuch zieht Falten. Alexanders Stirn auch. VINCENT (MIT BLICK AUF DAS RADIO) Klassik. ALEXANDER Bach. Ein paar Takte ziehen durch den Raum.Vincent fühlt den Tic wieder hochsteigen, wie einen Nieser, und legt schon mal vorsorglich die Hand vor den Mund. ALEXANDER Und was hast du?

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VINCENT Hm? ALEXANDER Warum bist du hier? VINCENT Ich, äh... ich... Er sammelt sich. VINCENT Habe... FICKEN, DRECKSAU, FICKEN! Er reißt den Kopf zur Seite und quiekt. Alexander schaut ihn mit offenen Mund an. ALEXANDER Das ist nicht ihr Ernst. Das kann nicht ihr Ernst sein. (Er springt auf.) Frau Doktor Rose! Fr. Doktor!! Er rennt Rose hinterher.

16 KLINIK / ZIMMER ALEX & VINCENT – INNEN – SPÄTER Vincent packt seine Siebensachen in den Schrank. Er klemmt das Foto von seiner Mutter zwischen Bett und Wand. Dann holt er die Bonbondose aus der Jackentasche und wiegt sie in der Hand. Wohin damit? Er hebt die Matratze hoch und steckt die Dose darunter. Es klopft. Vincent erschrickt, glättet die Matratze und dreht sich zur Tür. Die ist schon offen und in ihr steht eine sehr dünne, seltsam hübsche junge Frau, MARIE (25). Sie trägt einen dicken lila Pulli und ein Palestinänsertuch um den Hals. MARIE Was versteckst du? Vincent fühlt seine Tics nur so sprudeln. VINCENT Nichts. HM.

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Er versteckt den Tic unter einem Husten. MARIE Was zum Rauchen? VINCENT Nein! Marie guckt ihn lächelnd an und nickt. MARIE Schon klar. VINCENT Gar nicht. MARIE Marie. VINCENT Bitte? MARIE Ich bin Marie. Vincent tippt sich an die Nase, tarnt es als Kratzen. VINCENT Vincent. MARIE Gut, Vincent. Kommst du? VINCENT Wohin? MARIE Ich soll dir die Klinik zeigen. Sie geht voraus.

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17 KLINIK / GLASGANG – INNEN – GLEICH DANACH Marie führt Vincent durch die Klinik. Aus dem Glasgang zeigt sie ihm die verschiedenen Trakte. Vincent kann sich kaum konzentrieren, er ist damit beschäftigt, Marie verstohlen anzuschauen und gleichzeitig seine Tics vor ihr zu verstecken, was zunehmend schwieriger wird. MARIE Da drüben in Haus A sind die depressiven Störungen und Angststörungen, hier in Haus B die Essstörungen. Da hinten, Haus C, Persönlichkeitsstörungen und die Zwangskranken. Was machst du da? VINCENT Niesen, ich musste niesen. Marie guckt ihn sich an. Vincents Druck steigt. Gott sei Dank, spricht sie weiter. MARIE In der Klinik gilt eine Grundregel: Wir sollen wollen. Alles hier funktioniert nur mit uns. Keiner gegen seinen Willen. Wenn sie dich mit Alkohol oder Drogen erwischen, wird das so interpretiert, dass du die Sache nicht ernst nimmst. Dann musst du gehen. Pass also auf, mit deinem Gras oder was auch immer du da unter der MatratzeVincent wird gleich von einer ganzen Welle Tics geschüttelt: Er reißt den Kopf rum, jault, tippt sich den Finger an die Nase. Marie sieht ihm befremdet zu. VINCENT Entschuldigung- FICKDICH! MARIE Wie bitte? VINCENT Entschuldige, ich mein das TITTENFICK nicht so. Marie guckt weiter befremdet. VINCENT Tourette. MARIE

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Ah, ja. Eine Pause entsteht. MARIE Wollen wir weiter?

18 KLINIK / ESSSAAL – INNEN – GLEICH DANACH Im Esssaal stehen fünf lange Tische und auf der Seite ein kleinerer. Ein paar Leute sitzen in kleinen Gruppen bei „Mensch-ärgere-dich-nicht“ und Kuchen. MARIE Es gibt ein Tischsystem. Links sind die freien Tische, da kann jeder essen, wie er will. Das da sind die betreuten Tische, da sitzt ein Therapeut mit am Tisch und guckt dir zu. Sie zeigt auf den kleineren Tisch abseits. MARIE Und da hinten ist der Katzentisch. Da muss jeder kontrollierte Portionen in bestimmten Zeiten essen. Da kommen aber generell alle hin, die nicht kooperieren. Vincent fasst sich ein Herz. VINCENT Und du..? Wo..? Marie deutet stumm auf den Katzentisch.

19 KLINIK / GANG VOR ZIMMER ALEX & VINCENT – INNEN – GLEICH DANACH Die beiden sind am Ende der Führung. MARIE Du sollst morgen um 10 zu Rose kommen, dann arbeitet ihr einen Stundenplan aus. Bin gespannt, wie der bei dir aussieht. Sie sind am Zimmer angekommen.

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MARIE Da hast du dir ja den besten Zimmergenossen ausgesucht. VINCENT W-was ist denn los, m-HM mit dem? MARIE Zwangskrank, glaub ich. Der schafft es seit zweieinhalb Jahren, seinen Aufenthalt immer wieder zu verlängern. Benimmt sich, als sei er hier zu Hause. Also das war’s. Hast du noch Fragen? Vincent guckt und unterdrückt eine Grimasse. Jetzt wäre der Moment für eine gute Frage. VINCENT Du, äh... MARIE Marie. VINCENT Nein, du hast..? MARIE Magersucht. Ich dachte, das wäre offensichtlich. VINCENT Ah, ja... Danke. HAH!! Das war sehr laut. Marie versucht, ein höfliches Lächeln zu behalten. VINCENT Danke für die Führung. MARIE War ’ne Strafe. Vincent lacht, guter Scherz. MARIE Nein, kein Witz. Das war ’ne Strafe, weil ich beim Wiegen betrogen habe. VINCENT

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Oh. FICKEN! Tschuldige! Danke trotzdem. MARIE (LÄCHELT KURZ) Bitte gerne. Sie streckt ihm die Hand hin. Vincent nimmt sie und berührt, von einem Zwang überkommen, fünf Mal Maries Ärmel am Oberarm. Marie erstarrt. Vincent auch. MARIE Gehört das auch zu deiner... VINCENT Tourette. Ich weiß nicht, tut mir DÜRRESHUHN! leid... Er schließt die Augen, das wird immer schlimmer. VINCENT Ich geh mal ins Z-HUIA Zimmer. Marie guckt ihn immer noch an. Er lächelt entschuldigend, reißt den Kopf zur Seite und rettet sich hinter die Tür.

20 KLINIK / ZIMMER ALEX & VINCENT – INNEN – GLEICH DANACH Vincent lehnt den Kopf an die Tür. VINCENT Scheiße, FICKEN, ARSCHLOCH! Er haut den Kopf gegen das Holz. Hinter ihm wird das Radio leiser gedreht. Vincent dreht sich um, da sitzt Alex. ALEXANDER O.K., du Spinner, das reicht. Morgen hab ich dich hier raus.

21 KLINIK / ZIMMER ALEX & VINCENT – INNEN – NACHT

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In der Nacht liegt Vincent wach auf seinem Bett. Er lauscht den Geräuschen der Klinik, dem Quietschen von Birkenstocksandalen auf Linoleum, dem Surren der vollautomatischen Türen, dem Gluckern in seinem Bauch. Er ist allein. Alles ist fremd. Er tict so unterdrückt und leise er kann, um Alexander nicht zu wecken. Alexander liegt auf dem Rücken und hat die Augen offen. Er greift neben die Matratze und nimmt einen Schluck aus einer kleinen Flasche. Das wird eine lange Nacht für beide.

22 KLINIK / ESSSAAL – INNEN – TAG Morgens sitzt Vincent alleine an einem der freien Tische. Überall um ihn sitzen die Leute in Gruppen und unterhalten sich lautstark. Seine Tics ziehen neugierige Blicke auf sich. Vincent versucht, sich nichts anmerken zu lassen, aber an seiner Ticrate kann man sehen, wie unwohl er sich fühlt. Am anderen Ende des Raums sitzt Marie am Katzentisch, allein mit einem Pfleger. Den lächelt sie herausfordernd an. Ihr Essen ist unberührt.

23 KLINIK / BÜRO DR. ROSE – INNEN – TAG Dr. Rose wühlt in ihrem Schreibtisch. Es klopft. ROSE Herein. Vincent schiebt sich durch die Tür. ROSE Morgen, Vincent. Setz dich doch. Vincent setzt sich. Rose kramt zwischen Papierstößen. ROSE Hast du gut geschlafen? VINCENT Geht so. Rose blickt ihn an und nickt. ROSE

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Sei ihm nicht böse, er kann da nicht aus seiner Haut. Wenn er dir Ärger macht, gib mir Bescheid. Rose findet eine zerknautschte Packung Zigaretten, die sie erleichtert einsteckt. Vincent fasst sich an die Nase und reißt den Kopf zur Seite.

24 KLINIK / ZIMMER ALEX & VINCENT – INNEN – GLEICH DANACH Alex liest und dreht sich nicht um, als Vincent reinkommt. ALEXANDER Du hast noch nicht gepackt. Vincent steuert direkt auf das Klo zu. ALEXANDER Was machst du da?

25 KLINIK / ZIMMER ALEX & VINCENT / KLO – INNEN – GLEICH DANACH Vincent schließt sich ein und atmet tief durch. Er dreht das Wasser auf und lehnt sich mit dem Kopf an den Spiegel. Er schließt die Augen und lässt die Tics kommen, wie sie wollen. Sie vermengen sich mit dem Rauschen des Wasserhahns. Man sieht, wie der Druck von ihm weicht. Jetzt, wo er ticen darf, lassen die Tics nach. ALEXANDER (OFF DURCH DIE TÜR) Was machst du da drinnen? Du fasst da nichts an, ja? Wenn du meine Handtücher anfasst... wenn du...! Du kackst doch nicht etwa!? Wenn du kackst, ich flippe aus! Er haut von außen gegen die Tür. Vincent dreht den Wasserhahn zu. Die Tics sind wieder da.

26 KLINIK / ZIMMER ALEX & VINCENT – INNEN – NACHT

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Die zweite Nacht. Vincent beißt in sein Kissen, um keine Geräusche von sich zu geben. Natürlich lässt ihn genau diese Anspannung nicht zur Ruhe kommen. Alex, auf der anderen Seite, hat sein Kissen auf dem Kopf, was aber offensichtlich nicht hilft. Er dreht sich zornig um. Eine Weile vergeht ohne Geräusch, dann muss sich Vincent räuspern. Das ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ein Schuh prallt knapp über seinem Kopf gegen die Wand und fällt in sein Bett.

27 KLINIK / ZIMMER ALEX & VINCENT – INNEN – TAG Am nächsten Morgen. Man hört Alexander im Bad eine ritualisierte Toilette machen. Vincent öffnet ein verquollenes Auge. Auf seinem Bett liegen ein weiterer Schuh und ein hölzerner Briefbeschwerer in Form einer Bachbüste. Das Bild seiner Mutter ist heruntergefallen und zerknittert, weil Vincent darauf geschlafen hat. Er streicht es glatt und steckt es zurück. Dann steht er auf, zieht sich seine Hose an und sieht sich um. Er überlegt einen Moment, dann beginnt er fein säuberlich, Alex’ Ordnung aus der Balance zu bringen. Er zieht an den Vorhängen, dreht ein Buch um, legt Alex’ Kissen auf die Fußseite des Bettes. Er überlegt kurz, dann legt er sich auf das makellose Laken, wälzt sich hin und her und rubbelt sich Haare vom Kopf auf die Decke. Zu guter Letzt macht er das Radio an und verdreht die Station auf Heavy Metal. Befriedigt blickt er sich um und dreht sich zur Tür. Alex kommt aus dem Bad. VINCENT (FREUNDLICH) Guten Morgen. Vincent geht zur Tür. Alex erblickt das Chaos und erstarrt. In der Tür bleibt Vincent stehen. VINCENT Ach, und Alex? Alex dreht sich zu ihm. Vincent macht eine Faust, die er wie einen Hebel zum Körper zieht, und lässt dabei lautstark einen Furz ertönen. Dann geht er und lässt Alex mit dem Furz allein.

28 KLINIK / ESSSAAL – INNEN – TAG

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Im Esssaal wieder die gleiche Situation wie am Vortag. Vincent sitzt alleine und versucht, die neugierigen Blicke zu ignorieren. Er schaut rüber zum Katzentisch. Da sitzt wieder Marie. Als Marie ihren Blick schweifen lässt, winkt er kurz. Marie lächelt flüchtig, dann bittet sie ein Pfleger, weiter zu essen. Vincent ist unsicher. Hat Marie ihn angelächelt? Er blickt hinter sich, aber hinter ihm steht niemand.

29 KLINIK / GANG VOR ZIMMER ALEX & VINCENT – INNEN – TAG Vincent ist auf dem Weg zurück in sein Zimmer. Schon auf dem Gang hört er eine Debatte aus der offenen Tür. ALEXANDER (OFF) Ich habe die Flasche heraus genommen! PFLEGER (OFF) Verkauf mich nicht für blöd. Vincent kommt an der Tür an. Im Zimmer steht Alex, in heller Aufregung, mit dem diensthabenden Pfleger. ALEXANDER Ich hab sie rausgenommen! PFLEGER Ich hab dich doch gesehen, Alex. ALEXANDER O.K.! Ich hab sie gefunden und wieder rein gelegt. Aber gefunden hab ich sie bei ihm. Vincent sieht erstaunt, dass Alex richtig Angst hat. Er dreht sich um und will gehen, da wird er in der Tür bemerkt. Der Pfleger hält Vincent eine Flasche Eierlikör hin. PFLEGER Ist das deine? VINCENT Äh, b-HUA, bitte? PFLEGER Ich habe gerade Alex dabei erwischt, wie er diese Flasche in deine Tasche ge-

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steckt hat. Er behauptet, da habe er sie gefunden, aber es ist ja ziemlich eindeutig. ALEXANDER Da war sie, in seiner Tasche! PFLEGER Alex, sei mal besser still. Alex sinkt in sich zusammen. PFLEGER (ZU VINCENT) Also. Ist es deine? VINCENT Na ja... PFLEGER Was heißt das? VINCENT Mein –HAH– Vater hat mir die –ARSCH– mitgegeben. PFLEGER Dein Vater. VINCENT Ja. PFLEGER Du weißt, dass du dafür rausfliegen kannst. VINCENT Ha-HAH- Hab die Flasche total vergessen. Der Pfleger ist nicht befriedigt. Er glaubt Vincent kein Wort. PFLEGER (ZU ALEXANDER) Ach, was soll’s. Mach, was du willst. Ende des Monats bist du eh weg. Er geht aus dem Zimmer. Alex und Vincent stehen eine Weile schweigend da.

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ALEXANDER (LEICHT UNSICHER) Erwarte jetzt keinen Dank von mir. Vincent winkt ab und legt sich mit dem Gesicht nach unten auf das Bett. VINCENT Eine Nacht ohne Schuh wäre schon toll. Alex klettert auf das Fensterbrett und versteckt die Flasche Eierlikör in der Regenrinne.

30 KLINIK / ESSSAAL – INNEN – TAG Beim Abendessen. Jetzt sitzen drei Leute am Katzentisch. Vincent, Alexander und Marie, die sich sehr über die Neuzugänge wundert. Vincent konzentriert sich auf seine Mahlzeit, bis er merkt, dass Marie ihn dauerhaft anstarrt. Er hebt seinen Blick und guckt zurück. Marie lächelt. Vincent bekommt rote Ohren. Marie zwinkert ihm zu. Vincent verschluckt sich und eine Mischung aus Tic und Husten befördert einen Brocken lautstark aus seinem Mund. Alex schaut ihn mit offenen Mund an. Der Pfleger schaut auch. VINCENT Entschuldigung. Er sammelt den Brocken ein. Als sich der Pfleger wieder dem Tischgeschehen zuwendet, ist Maries Teller leer. Der Pfleger schaut Marie an. MARIE Fertig.

31 KLINIK / BÜRO DR. ROSE – INNEN – ABEND Rose sitzt auf dem Sims und raucht aus dem geöffneten Fenster, während sie sich über jeden Zug ärgert. Sie beobachtet Marie, die unten durch den Park läuft.

32 KLINIKGELÄNDE – AUSSEN – ABEND Vincent sitzt am hohen Drahtzaun, der das Klinikgelände von der Außenwelt

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trennt. Auf seinen Knien steht die kleine Bonbondose. Ein paar Meter weiter zerhackt ein Rasensprenger die Stille mit seinen ganz eigenen Tics. Das Geräusch beruhigt Vincent. Er hat die Augen geschlossen. MARIE Man kann dich von der Klinik aus sehen. Vincent erschrickt. Marie hockt vor ihm auf dem Rasen. MARIE (ZEIGT AUF DIE DOSE) Falls du was rauchen wolltest. VINCENT Ich, nein! Wollte- das ist kein Gras. Er steckt die Dose weg. MARIE Schon gut. Ich hab mein eigenes. Sie zieht ein Plastikbeutelchen hervor und präpariert eine Zigarette mit Gras. VINCENT Man kann dich von der Klinik aus sehen. Marie lacht und setzt sich mit dem Rücken zur Klinik. MARIE Danke für vorher beim Essen. VINCENT Äh, bitte. MARIE Willst du mal? Hilft. VINCENT Gegen..? MARIE Den Hunger.

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Sie zündet den Joint an und raucht. MARIE Wie lange bleibst du hier? VINCENT Offiziell? Bis-HM-Weihnachten. MARIE Und inoffiziell? Vincent versucht ein Grinsen. Er zuckt mit den Schultern. MARIE Dachte ich mir. Sie zieht nochmal und guckt ihn sich an. Dann küsst sie ihn auf den Mund. Vincent hustet, tippt sich an die Stirn und bellt einen Ton heraus. Er versucht, sich zu beruhigen. Marie beobachtet ihn dabei. MARIE Du bist ganz süß, mit deinen Tics. Man hört ein Prusten. Vincent springt auf. Auf der anderen Seite des Zaunes, zehn Meter weiter, stehen drei ca. dreizehnjährige Schuljungs. MARIE Die kleinen Arschlöcher mit ihren Handys. Vincent geht auf die Drei zu. Die haben Schiss, machen aber einen auf dicke Hose, weil keiner sich vor dem anderen eine Blöße geben will. SCHÜLER 1 Er kommt, er kommt! SCHÜLER 2 Krass. SCHÜLER 1 Film, Alter. Foto bringt nichts! Vincents Tics sprudeln. VINCENT

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Ma-HAHUIA- mach das aus! SCHÜLER 1 Spinnst du? SCHÜLER 3 Hol’s dir doch. SCHÜLER 2 Halt drauf, Alter! VINCENT Gib-FFF- her! Er greift durch den Zaun. Die Jungs springen zurück. Das Ganze hat etwas von einem Zoobesuch. Sie halten Vincent das Handy hin und pushen sich gegenseitig, näher hinzugehen, aber immer einen Haarbreit außer Reichweite. Derweil filmen sie immer weiter. Vincent ist stinksauer. MARIE Lass sie, die Hosenscheißer. SCHÜLER 1 Komm, hol’s dir! Aus dem Nichts wirft Vincent sich mit seinem vollen Gewicht in den Zaun, schlägt sich dabei das Gesicht auf, aber der Zaun gibt gerade genug nach, dass er den Arm des Jungen zu fassen kriegt. Mit voller Kraft zieht er den Arm durch den Zaun. Der Junge schreit. VINCENT Macht’s noch Spaß, ja? Er hebelt den Arm des Jungen in einen ungesunden Winkel, dessen Gesicht drückt sich in die Maschen. VINCENT Macht’s Spaß!? MARIE He, Vincent.

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Der Junge lässt das Handy fallen. Die anderen Jungs schreien um Hilfe. VINCENT Ich mach dir was kaputt, dann kannst du auch auf unsere Seite.

33 KLINIK / BÜRO DR. ROSE – INNEN – ABEND Marie und Vincent sitzen nebeneinander vor Roses Schreibtisch. Vincent hält sich eine Kompresse an die Augenbraue. ROSE (ZU VINCENT) Sag mal, was DENKST du dir eigentlich!? Das sind Kinder! MARIE Naja. ROSE Es sind Kinder, Marie! (zu Vincent) Was geht in deinem Kopf vor!? MARIE Er hat nichts gemacht! ROSE Zu dir komm ich gleich. Wo du bist, gibt’s Ärger. Du brauchst nicht glauben, dass wir das nicht mitbekommen. MARIE Was mitbekommen? ROSE Dass du alle Therapieansätze sabotierst!? Dass du die anderen Mädchen anstiftest!? Soll ich die Liste holen? MARIE Das können Sie nicht beweisen. ROSE Du musst den ersten Schritt selber gehen. MARIE Was ist denn? Ich mach doch alles!

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ROSE Hör auf, mich zu VERSCHEISSERN! Weißt du was, ich geb’s auf. Wenn du nicht willst, geh deinen Weg zu Ende und stirb. Schockierte Stille. Marie erblasst. Vincent starrt Löcher in den Boden. Rose räuspert sich. ROSE Und Vincent, ich werde deinen Vater benachrichtigen. Ich denke, wir sollten alle zusammen überlegen, ob du hier richtig bist oder man dich doch in einer anderen Institution besser betreuen kann. Vielleicht... Auf dem Boden liegt ein Autoschlüssel an einem kleinen goldenen Schweineanhänger. Vincent hebt ihn auf und will ihn auf den Schreibtisch legen. Ohne ihn anzuschauen, hält Marie seine Hand fest. So sitzen sie, Hand in Hand.

34 KLINIK / GANG – INNEN – NACHT Marie geht durch den Gang. Sie schleicht sich am Schwesternzimmer vorbei.

35 KLINIK / ZIMMER ALEX & VINCENT – INNEN – NACHT Alex liegt schon im Bett und hat den Kopf unter dem Kissen begraben. Vincent sitzt auf der Bettkante im dunklen Zimmer. Ab und zu zuckt ein Tic durch seinen Körper. Als er sich gerade hinlegen will, klopft es leise. Vincent öffnet die Tür. Es ist Marie. MARIE Also? VINCENT Also? MARIE Fahren wir? Vincent dreht sich um. Alex hat immer noch das Kissen über dem Kopf. VINCENT Jetzt?

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MARIE Warum nicht? VINCENT Wir beide? Marie fixiert ihn. MARIE In zehn Minuten unten, wenn du willst. Sie küsst ihn wieder auf den Mund, diesmal lang und zärtlich. Dann geht sie. Vincent blickt ihr nach. Dann hebt er die Matratze an der Ecke hoch. Da liegt die Bonbondose. Er nimmt sie, legt sie auf das Bett und betrachtet, wie sie das Mondlicht reflektiert. Auf der anderen Seite des Zimmers hat Alex die Augen offen.

36 KLINIK / AUFFAHRT – AUSSEN – NACHT Marie steht mit einem Rucksack vor der Klinik. Sie guckt auf die Uhr. MARIE Scheiße. Sie dreht sich um. MARIE Scheiße, Scheiße, Scheiße! Vincent kommt nicht. Marie geht geschlagen zurück in Richtung Eingang. Plötzlich steht Vincent vor ihr, mit glühenden Wangen. VINCENT Also-HAH- also los. MARIE Ich dachte schon, du kommst nicht mehr. VINCENT Welches Auto?

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MARIE Hier drüben. Sie laufen zum Parkplatz. Marie bleibt bei einem alten, beigen Einser Golf stehen. VINCENT Der da? MARIE Ja. VINCENT Wir m-machen das wirklich? MARIE Ich glaube schon...? Vincent gibt ihr den Schlüssel. VINCENT Fahr du. Ich fahr ni-HI-cht so gerne. MARIE Wieso? Vincent mimt ein Lenkrad, das er bei einem imaginären Tic zur Seite reißt. VINCENT Nur zur Sicherheit. Vincent atmet tief durch und steigt auch ein. VINCENT Spinn ich... Marie lacht. Sie fahren die Einfahrt runter. Plötzlich steht jemand auf der Straße. Marie und Vincent erschrecken sich zu Tode. VINCENT VORSICHT!!

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Marie legt eine Vollbremsung hin, trotzdem erwischt der Golf die Person leicht an den Knien und sie fällt aus dem Bild. Vincent und Marie springen aus dem Auto. Vor dem Golf liegt Alex. Sein Koffer ist aufgegangen. VINCENT Alles in Ordnung? ALEXANDER Alles in Ordnung? Nichts ist in Ordnung! Er sammelt seine Sachen ein. VINCENT Ne-Nein, ob alles in Ordnung ist mit deinen Beinen. ALEXANDER Ja, natürlich. Er steht auf, nimmt seinen Koffer und setzt sich hinten ins Auto. Marie und Vincent sind fassungslos. MARIE Was machst du da? ALEXANDER Ihr nehmt mich mit. VINCENT Dich!? Du steigst sofort aus oder ich hau dir eine rein! ALEXANDER Wenn du mich auch nur anfasst, schrei ich die ganze Klinik zusammen! Vincent will sich auf ihn stürzen, aber Alex macht schnell den Knopf runter. Marie blickt sich zur Klinik um. MARIE Vincent, lass ihn. VINCENT W-was?

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MARIE Wo soll er denn hin? Steig ein. Sie steigt in den Golf. Vincent ist stinksauer, aber die Entscheidung ist gefallen. Er reißt seinen Kopf zur Seite, tict kurz wütend in die Nacht und setzt sich ins Auto.

37 GOLF ROSE – INNEN – NACHT Marie fährt ziemlich schnell. Sie kurbelt das Fenster runter und der Wind zerzaust ihr das Haar. Ihre Wangen glühen. Vincent hält die Dose in der Hand und schaut aus dem Fenster. Im Radio läuft harte, laute Musik. Alex bläst es auch kräftig durch die Haare. ALEXANDER Machst du bitte das Fenster zu? MARIE (HÖRT NICHT) Was? ALEXANDER Das Fenster! Es zieht! Und gute Musik, vielleicht! MARIE (LACHT) Fick dich, Alex. ALEXANDER Das hätte der Touretti sagen können. MARIE Was? ALEXANDER Nichts! Eine Weile fahren sie so. ALEXANDER Wohin fahren wir? MARIE Was?

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ALEXANDER Wohin die Reise geht? Marie dreht die Musik leiser. MARIE Vincent? VINCENT Hm? MARIE Alex fragt, wohin die Reise geht. VINCENT Ans Meer. ALEXANDER (HAT NICHT VERSTANDEN) Wohin? MARIE Ans Meer! ALEXANDER Ans Meer? VINCENT Ans Meer! FICKEN! ALEXANDER Na, das ist mal ganz was Neues. Marie dreht die Musik wieder auf. Alex hält sich die Ohren zu.

38 SCHNELLSTRASSE IN DEN BERGEN – AUSSEN – MORGEN Am Morgen sehen wir den Golf in einer Parkniesche. Etwa direkt daneben rauschen LKWs vorbei. Bei jedem LKW erzittert der Golf leicht. Die Scheiben sind angelaufen. Eine Tür geht auf. Vincent schält sich mit steifem Nacken heraus. Danach Marie und Alexander. Alle sind blass und ernüchtert, haben beschissen geschlafen. Fröstelnd stehen sie in der kalten Morgenluft. Vielleicht war es doch keine so gute Idee.

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ALEXANDER Das Auto ist dreckig. Vincent und Marie schauen ihn an. ALEXANDER Ich habe kaum geschlafen. Auf der Rückbank sind Brösel. MARIE Magst du mal mit dem Kopf auf dem Lenkrad schlafen? Vielleicht ist dir das genehmer? Sie stolpert die Böschung runter. VINCENT Ich- FOTZHUIA, Entschuldigung, ich hab Hunger. Ihr auch? ALEXANDER Du hast echt ein Händchen für Magersüchtige, Vincent. VINCENT Willst du hier bleiben, Alex? Alex ordnet seine Kleider. Marie hockt sich sich in die Wiese zum Pinkeln. Alex dreht sich weg. ALEXANDER Ist ja gut.

39 VOR LANDTAG – AUSSEN – TAG Vor dem Maximilianeum wird eine Gruppe Politiker/innen in dunklen Anzügen für ein Gruppenfoto auf einem Podest arrangiert. Einige schwarze Limousinen stehen auf der Seite. Securitiy wartet. Es muss amtlich aussehen. Ein Trupp Pressefotografen baut gerade auf. Der Vater steht in einer Kleingruppe daneben und unterhält sich angeregt. Monika steht mit ein paar Politikerfrauen an der Seite. POLITIKER So kann’s jetzt losgehen? Wer bremst? MONIKA

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Robert! Sie macht eine Geste: deine Haare! Robert fährt sich irritiert durch die Haare. POLITIKER (ZU ROBERTS) Jetzt kommt’s halt mal rüber! Langsam stellt sich die Gruppe in Formation. Roberts Handy klingelt. POLITIKER 1 Handy aus, ze fix. Sonst wird des ja nie was. VATER (INS HANDY) Ja? Doktor... wer? Ah. Jetzt. Ja. Ist gerade schlecht. Wie? (lauscht) Wie weg!? Hören Sie, das passt jetzt gerade gar nicht. Ich bin hierROSE (OFF) Er hat ein Auto geklaut. Der Vater lässt das Telefon sinken.

40 TANKSTELLE ÖSTERREICH – INNEN – TAG Vincent steht in einer Tankstelle und kauft vom letzten Groschen Bifis und Cola, während der Tankwart ihn unverhohlen anstarrt. Vincent spürt den Blick und die Tics verstärken sich. Er reißt den Kopf zur Seite und stößt einen Laut aus. Der Tankwart nimmt den Blick nicht von ihm. Vincent schließt die Augen und versucht, sich zu beruhigen. Es funktioniert nicht. Die Tics sprudeln. Er hält sich die Hand vor den Mund und legt die Sachen zurück. Er verlässt den Shop. Der Tankwart blickt ihm hinterher.

41 TANKSTELLE ÖSTERREICH – AUSSEN – TAG Vincent kommt an die frische Luft und tritt sauer gegen einen Mülleimer. VINCENT Wichser! MARIE Vincent? Er guckt zum Auto, wo Marie steht. Alex putzt mit extremer Sorgfalt die Schei-

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ben. MARIE Wir haben ein kleines Problem. Hast du ’ne EC-Karte? Vincent fasst sich an die Hosentasche. Scheiße. Vergessen. VINCENT Äh... Im Schrank. MARIE Wir haben schon vollgetankt und Alex hat auch kein Geld. Ich hab nur das. Sie hält Kleingeld hoch. Alex zieht die Scheiben ab. VINCENT Klasse. Was sind wir für Idioten! MARIE Ja, ziemlich professionell, oder? VINCENT Was machen wir FICKEN jetzt? Der Tankwart guckt misstrauisch durch die Scheibe. Marie lächelt ihn an. MARIE Alex, steig doch mal unauffällig hinten ein. ALEXANDER Hinten sitz ich nicht mehr. Es ist schmutzig. MARIE Alex, steig sofort ein. ALEXANDER Ich muss mir noch die Hände waschen. Er bringt den Abzieher zur Tanksäule und dreht das Wasser auf. ALEXANDER Ich möchte jetzt am Steuer sitzen. Der Tankwart riecht Lunte und kommt in Richtung Ausgang.

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VINCENT Der T-Typ kommt. MARIE Alex, verdammte Scheiße, komm jetzt. Sie geht zu ihm und zieht ihn vom Wasserhahn weg. ALEXANDER (SCHREIT) Nicht anfassen! Er macht sich los, nimmt sich Papierhandtücher und trocknet seine Hände penibelst ab. MARIE Wir lassen dich hier. Sie rennt zum Auto und wirft sich auf der Fahrerseite rein. Vincent sitzt schon hinten. Die Glastür teilt sich und der Tankwart kommt heraus. TANKWART Was wird das? VINCENT Fahr los! Marie sucht nach dem Schlüssel. Alex steht neben der Fahrertür und lässt ihn von seinem Finger baumeln. MARIE Gib her! ALEXANDER Wir haben gesagt, ich fahre. Der Tankwart beginnt zu rennen. Marie rutscht rüber. Alex steigt ein. VINCENT Fahr los! ALEXANDER

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Ist das keine Automatik? Der Tankwart erreicht das Auto. Marie drückt die Knöpfe runter. MARIE Ich bring dich um, Alex. VINCENT Kupplung! A-Anmachen! Alex startet das Auto mit viel zu viel Gas. Der Tankwart rüttelt an der Tür. VINCENT Fahr los, fahr los! Alex haut einen Gang rein, die Kupplung röhrt. Marie und Vincent greifen gleichzeitig zum Schaltknüppel und reißen daran. ALEXANDER (EMPÖRT) Hände weg! Ein Gang rutscht rein. VINCENT Gib Gas, jetzt! Der Tankwart trommelt auf die Scheibe. Der Golf schießt nach hinten, offensichtlich hat man den Rückwärtsgang erwischt. Sie rasen auf die Hauptstraße zu. VINCENT Halt! MARIE Bremsen! Das Auto hält quietschend. Alex legt langsam, aber souverän den Vorwärtsgang ein und fährt los. ALEXANDER Man muss sich ja erstmal an ein Auto gewöhnen. MARIE Vorsicht!

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Der Tankwart kommt rudernd auf sie zu. Alex lenkt einen quietschenden Bogen um den Mann. Der Golf rast aus der Tankstelle.

42 GOLF ROSE – INNEN – GLEICH DANACH Im Auto schreien alle durcheinander. MARIE Alex, du Vollarsch! ALEXANDER Fass mir nicht ins Steuer! VINCENT Halt sofort an! ALEXANDER Nimm die Hände weg!! MARIE Fahr an die Seite! ALEXANDER Nee. VINCENT Ich h-HAH-hau dich! ALEXANDER Wenn du mich anfasst, Touretti, fahr ich in den Graben! MARIE Ich flipp gleich aus! ALEXANDER Schnall du dich lieber an. VINCENT A-Alex! ALEXANDER Das ist mein Bereich! Ja? Bleib du hinten bei den Bröseln!

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VINCENT Du -FOTZE- hättest den Typen beinahe überfahren! ALEXANDER Nennst du mich Fotze? Du spinnst ja wohl! MARIE Das war sein Tourette, du Idiot! VINCENT Nein, das hab ich schon absichtlich gesagt. Marie muss lachen. VINCENT Was ist jetzt daran lustig? MARIE Nichts, war nur... sorry... Sie lacht weiter. VINCENT Ja, danke. ARSCH! Vielen Dank! Jetzt grinst auch Alex. ALEXANDER War das jetzt Tourette? Oder Absicht? Man weiß nicht, wo du aufhörst und wo dein Tourette anfängt. VINCENT Das ist gar nicht so lustig. Ihr Arschlöcher! Bl-HAH- blöde Affen! Die Beiden kringeln sich. Vincent schaut sauer aus dem Fenster.

43 VOR DER KLINIK – AUSSEN – TAG Der Benz vom Vater zieht in die Einfahrt. Am Eingang steht eine Gruppe dünnbeiniger Mädchen in dicken Pullovern mit Zigaretten in den Händen wie eine schweigende Horde grauer Flamingos. Der Vater steigt aus. Dr. Rose kommt aus

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der Klinik gelaufen. ROSE Wir haben gesagt 13 Uhr. VATER Haben Sie die Polizei verständigt? ROSE Noch nicht. VATER Gut! Wie kann sowas passieren? Die Flamingos drehen ihre Köpfe. Rose bemerkt das. ROSE Ja. Wollen wir das vielleicht drinnen... Sie geleitet den Vater durch die Tür.

44 KLINIK / ZIMMER ALEX & VINCENT – INNEN – TAG Der Vater inspiziert das Zimmer. Alex’ Seite ist makellos. Nur noch die Bücher stehen auf dem Brett. Vincents Seite ist chaotisch. Rose lehnt an der Tür. ROSE Normalerweise besprechen wir uns erst mit den Eltern, bevor wir die Behörden einschalten. VATER (KRAMT IM SCHRANK) Normalerweise? Passiert sowas öfter bei Ihnen? ROSE (IRONISCH) Beinahe täglich. VATER Der hat ja fast nichts mitgenommen. ROSE Ich nehme an, das war eine eher überstürzte Aktion.

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Der Vater zieht Vincents Geldbörse unter einem Stapel T-Shirts hervor. EC-Karte, Pass, alles da. VATER Nicht mal das kriegt er hin. VATER Wie kommen die eigentlich an den Schlüssel zu Ihrem Auto? ROSE Äh... Roses Telefon klingelt. ROSE (ERLEICHTERT) Pardon. Sie dreht sich weg und geht ran. ROSE Ja? Ja gut, stell durch. Der Vater sieht sich um. Über Vincents ungemachtem Bett hängt das Bild der Mutter. Der Vater betrachtet es. Dann geht er hin und macht es ab. ROSE Ja? (Sie lauscht.) Äh, ja. Wieso? Sie blickt den Vater an. Der hebt die Augenbrauen. Sie sagt stumm ‘Polizei’ und drückt auf den Lautsprecherknopf. POLIZIST (OFF) ...Sie heute schon damit gefahren? ROSE Nein. Wieso? POLIZIST Ihr Wagen war gerade an einem Tankstellendiebstahl beteiligt. Rose und der Vater gucken sich an.

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45 KLINIK / GLASGANG – INNEN – TAG Der Vater läuft eilig den Gang entlang. Rose versucht, Schritt zu halten. ROSE Die sind doch längst über alle Berge. VATER Ich kenne meinen Sohn. Der kommt nicht weit. ROSE Warten Sie! Ich hole meine Tasche. Der Vater versteht nicht. ROSE Das sind meine Patienten. Es ist mir lieber, ich bin dabei.

46 VOR DER KLINIK – AUSSEN – TAG Der Vater läuft die Treppe runter zu seinem Benz. Die Flamingos waren im Gespräch und verstummen. VATER (ins Handy) Sag es ab, persönlicher Notfall, irgendwas! (lauscht) Ja, kannst du dir vorstellen, was los ist, wenn das rauskommt? Sohn von Staatssekretär in spe knackt Auto und raubt Tankstelle aus. Die Interviews geb ich morgen am Telefon. Ich seh dich später in Markoberdorf. Das schaff ich auf jeden Fall. Ja, ja. Bussi. Rose eilt die Treppe runter. Der Vater setzt sich rein und startet den Motor. ROSE Danke, Sie brauchen mir die Tür nicht aufhalten.

47 SERPENTINENSTRASSE – AUSSEN – TAG Am Rande einer kleinen Straße steht der Golf. Es regnet in Strömen. Die Scheiben sind wieder angelaufen.

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48 GOLF ROSE – INNEN – TAG Alex und Vincent essen aus zwei großen McDonalds-Tüten. Marie begnügt sich mit einer Cola Light. Alex hat Probleme mit dem Fastfood, dauernd macht er seine Finger schmutzig, putzt sie wieder mit einem neuen Erfrischungstuch ab, die in einem kleinen, ordentlichen Stapel vor ihm auf der Ablage liegen. Er kommt nicht wirklich weiter. MARIE Wieviel Geld haben wir noch? VINCENT Vier Euro. ALEXANDER Marie könnte davon eine Woche essen. Marie zieht eine Grimasse. Sehr witzig. VINCENT Lass sie in Ruhe. (zu Marie) Magst du ein paar- JAHUI- ein paar Pommes? MARIE Nein danke, bin nicht hungrig. VINCENT Vielleicht m-HAH, Entschuldigung, meinen Salat hier? MARIE Danke, nein. VINCENT Die Gurke? MARIE Lass mich in Ruhe, du bist nicht mein Arzt! Schweigen breitet sich aus, der Regen trommelt aufs Dach. Vincent knüllt die Tüten zusammen und wirft sie auf die Rückbank. Alex guckt in den Spiegel. ALEXANDER Das lässt du aber nicht so, oder?

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VINCENT W-wieso? ALEXANDER Räum das bitte auf. Vincent traut seinen Ohren nicht. Alex reicht ihm ein Erfrischungstuch. ALEXANDER Und wisch dir die Hände ab, bevor du überall deine Tapper hinterlässt. VINCENT Was? ALEXANDER Bei dir weiß man ja nie, wo deine Hände landen. Vincent zuckt das Augenlid, er reißt den Kopf zur Seite. ALEXANDER Und zum Rumschreien gehst du bitte raus. Vincent blickt zu Marie, aber die sagt nichts. Er springt aus dem Auto in den strömenden Regen. Er lässt eine Salve deftiger Flüche los. Er tritt den Autoreifen und macht seinem Ärger Luft. Dann hält er das Gesicht in den Regen, bis er sich beruhigt. Er kramt in der Jacke, findet die Bonbondose und stellt sie vor sich auf das Autodach. Er lehnt sich mit dem Kinn auf das Dach und betrachtet sie. Was soll er tun? Dann geht die Beifahrertür auf. MARIE Vincent! Vincent reagiert nicht. Marie springt in den Regen und kommt zu ihm. ALEXANDER (AUS DEM AUTO) Tür zu! Marie sieht die Dose. Sie kneift sich den Regen aus den Augen. MARIE Was ist das?

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Vincent steckt die Dose ein. VINCENT Fahren wir weiter? Du weißt den Weg, oder? MARIE Was ist in der Dose? VINCENT Meine Mutter.

49 TANKSTELLE ÖSTERREICH – AUSSEN – TAG Auch hier regnet es in Strömen. Der Benz fährt mit hohem Tempo an der Tankstelle vorbei. Er macht einen U-Turn und zieht in die Tankstelle.

50 VATERS BENZ – INNEN – TAG Rose hält sich etwas verkrampft am Armaturenbrett fest. Ihr ist nicht ganz wohl. VATER Passen Sie auf. Ich regle das alleine. Der wird die Anzeige zurückziehen. ROSE Wenn Sie nur etwas langsamer fahren. VATER Machen Sie sich mal keine Sorgen. Ich weiß, wie man mit solchen Leuten sprechen muss. ROSE Ich bewundere Ihre Nähe zum Volk. Der Vater hält den Wagen an. Er steigt aus.

51 TANKSTELLE ÖSTERREICH – AUSSEN – TAG Dr. Rose steht in der Nähe der Tür und raucht eine Zigarette. Der Vater kommt zur Schiebetür heraus. ROSE

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Na? Lief gut, ja? VATER Hm. ROSE Darf ich jetzt jetzt mit ihm sprechen? VATER Bitte. Nur zu. ROSE Vielen Dank.

52 TANKSTELLE ÖSTERREICH – INNEN – TAG Rose geht in die Tankstelle und durch die Gänge zu den Süßigkeiten. Sie sucht sich etwas heraus. Der Tankwart guckt sie müde an. Sie lächelt charmant und legt einen Schokoriegel auf die Theke. ROSE Haben Sie auch Espresso? TANKWART Haben wir. ROSE Könnte ich einen haben? Der Tankwart geht zur Kaffeemaschine und macht einen Espresso. ROSE Mittlerweile bekommt man überall großartigen Espresso. Vor zehn Jahren? Mein Gott! Servicewüste. Sie lacht. TANKWART Zucker? ROSE Gerne. Haben Sie eine lange Schicht?

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TANKWART Hm. ROSE Stelle ich mir einsam vor, so mittenTANKWART Hören Sie, ich weiß nicht, wohin die drei Irren gefahren sind und ich würde die Anzeige nicht zurücknehmen, selbst wenn ich könnte. Und ja, ich habe eine lange Schicht. Drei fünfundsiebzig. Er stellt ihr den Espresso hin. Rose zückt etwas pikiert den Geldbeutel und legt vier Euro auf den Tresen. ROSE Der Rest ist für Sie. Kaufen Sie sich davon ein bisschen Humor. Sie geht hoch aufgerichtet aus der Tankstelle.

53 TANKSTELLE ÖSTERREICH – AUSSEN – TAG Rose verlässt die Tankstelle. Der Vater checkt am Handy die Mails. VATER Und? ROSE Da war nichts mehr zu holen. Das haben Sie vorher schon versaut. Der Vater grinst. ROSE (ZURÜCK ZUR SACHE) Gut. Was wissen wir? Sie haben getankt. Sie haben Benzin geklaut. Aber kein Essen. VATER Kein Essen. ROSE Sie müssen essen. Die Jungs zumindest. Wo kriegen sie das Essen her? Hier in der Gegend?

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VATER Ich nehme an, sie werden kaum in ein Restaurant marschieren. ROSE Richtig. VATER Sie sind ja eine richtige kleine Miss Marple.

54 FASTFOOD DRIVE IN – AUSSEN – TAG Der Mercedes steht neben dem geschlossenen Ausgabefenster. ROSE Also Burger King war nichts. Was gibt es sonst noch? VATER Ich glaube das war’s. Das Fenster öffnet sich. Ein übergewichtiger junger Mann mit Papiermütze erscheint. MCDONALDS-MITARBEITER WillkommenbeiMcDonaldsIhreBestellungbitte? VATER Wir haben keine Bestellung. ROSE Wir haben eine Frage. MCDONALDS-MITARBEITER Frage. ROSE Äh, ja. Haben Sie heute drei junge Leute bedient... MCDONALDS-MITARBEITER Wenn nicht mehr.

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ROSE Nein, die, die ich meine, waren speziell. Manche würden sagen seltsam. MCDONALDS-MITARBEITER Dauernd. ROSE Nein, Sie verstehen nichtDer Vater übernimmt. VATER Etwa so: Er zuckt und macht einen von Vincents Tic nach. Rose ist empört. MCDONALDS-MITARBEITER Ach die! Ja, vor ’ner knappen Stunde. VATER Danke. Er lässt die Scheibe hoch. Rose ruft durch das sich schließende Fenster. ROSE (ZUM VERKÄUFER) Tourette! Das heißt Tourettesyndrom! Sie fahren auf die Straße. VATER Vor einer Stunde. Dann können wir es vergessen. ROSE Nein, sie müssen in der Nähe sein. VATER Warum? ROSE Weil es regnet. Der Vater schaut sie an. VATER

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Und?

55 SERPENTINE – AUSSEN – TAG Wir blicken durch die verregnete Windschutzscheibe des Golfes auf die Gesichter von Alex, Marie und Vincent. Man starrt durch die Scheibe. Lange Pause.

56 GOLF ROSE – INNEN – TAG MARIE Probier noch mal. ALEXANDER Bitte. Alex macht den Scheibenwischer an. Der bewegt sich in mühsamem Schneckentempo über die Windschutzscheibe. ALEXANDER Und das ist die höchste Stufe. Es geht noch langsamer. Er legt den Hebel um. Jetzt bewegt sich der Scheibenwischer millimeterweise. Vincent ist fassungslos. VINCENT Wir -ARSCH- planen eine grandiose Flucht und vergessen das Geld. Wir stehlen ein Auto und es ist eine Schrottmühle. Wir wollen nach Italien und bleiben nach 100 km stecken. HA! Mit IHM! ALEXANDER Bitte mäßige dich. VINCENT Wenn er -HA- wenn er noch ein Wort sagt, bring ich ihn um! MARIE Alex, bitte. VINCENT Schau, HUI- das ist doch sinnlos. Lass uns umdrehen.

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MARIE Das ist nicht dein Ernst. VINCENT Wir kommen nicht weit. Du und ich und – er. Marie weiß nicht, was sie sagen soll. Alle drei schauen in den Regen. Jeder in eine andere Richtung.

57 TALSTRASSE – AUSSEN – TAG Durch den prasselnden Regen fährt Vaters Benz die Straßen ab. An einem Aussichtspunkt fährt er auf den Parkplatz und an den Autos entlang. Rose lehnt sich nah an die Scheibe, sucht die parkenden Autos ab und schüttelt dann den Kopf. Der Mercedes zieht aus dem Parkplatz.

58 GOLF ROSE – INNEN – TAG Vincent ist an der Scheibe eingenickt. Alex streckt sich vorne. Marie ist weg. ALEXANDER Es hat aufgehört. Vincent wacht auf. VINCENT Wo ist Marie? ALEXANDER Pinkeln, nehme ich an. Vincent stößt die Tür auf. Die Sonne ist rausgekommen. Der Regen tropft von den Bäumen. Er wälzt sich aus dem Auto und streckt sich, sein Bein ist eingeschlafen. Er stellt sich an den Abhang und blickt ins Tal. Die Luft ist grün und vom Regen gewaschen.

59 VATERS BENZ – INNEN – TAG Der Vater und Rose fahren eine Bergstraße hoch. Sie ist im Zickzack in den steilen Hang gefräst. ROSE 61


Ich glaube, wir können aufhören. Der Vater schnaubt. ROSE Es hat vor einer halben Stunde aufgehört zu regnen. Ich denke, unsere Chancen stehen mehr als schlecht. Der Vater haut gegen das Lenkrad. VATER Mist, verdammter! Er hält den Wagen an. Er steigt aus. Rose auch. ROSE Und jetzt? VATER Ja, jetzt...? Fahren wir zurück. Er zückt sein Telefon und sucht ein Netz. ROSE Ich ruf jetzt Maries Eltern an. Hat ja keinen Zweck. Rose kramt aus ihrer Tasche einen überfüllten, zerlumpten Organizer und schlägt eine Nummer nach. Sie steckt sich eine Zigarette an. Der Vater schaut kritisch. VATER Sie, als Ärztin. ROSE Ich bitte Sie. VATER Ich habe vor drei Jahren aufgehört. Cold turkey. ROSE Ja. Ich habe schon vier Mal aufgehört. Der Vater bekommt eine Verbindung. Ding.

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VATER Sechs Anrufe in Abwesenheit. Scheiß Netz! Er hört seine Nachrichten ab. Rose zieht tief durch und guckt den Berg hoch. Fünzig Meter über ihnen stehen Vincent und Alexander. ROSE Das gibt’s ja nicht... VATER Was? Er dreht sich um und entdeckt die Beiden. Der Vater und Rose starren den Hang hoch. ROSE (LEISE) Gut, jetzt nichts überstürzen. Wir sollten überlVATER VINCENT! ROSE Oder so. Vincent und Alex gefrieren. VATER VINCENT!! ALEXANDER Wer ist das? ROSE Alexander! ALEXANDER Dr. Rose!? VINCENT Papa. VATER

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Vincent! ROSE Alexander!! Kleine Pause. Soweit so gut. ROSE (RATLOS ZUM VATER) Und jetzt? Sie blicken auf die lange Serpentine nach oben. VATER (FRAGE: SOLLEN DIE BEIDEN HIER PARALLEL SPRECHEN?) Komm SOFORT hier herunter! ROSE Bewegt Euch nicht von der Stelle! Sie blicken sich entnervt an. VATER (FRAGE: SOLLEN DIE BEIDEN HIER PARALLEL SPRECHEN?) Bleib, wo du bist! ROSE Gut, dann kommt runter! ALEXANDER Was denn jetzt? Rose und der Vater springen in den Benz. Der Motor heult auf.

60 BERGSTRASSE – AUSSEN – DIREKTER ANSCHLUSS Vincent erwacht aus seinem Schockzustand. VINCENT W-HA-wo ist Marie!?

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ALEXANDER Ja, wohl doch mehr als Pinkeln... VINCENT MARIE! ALEXANDER Marie! Wir sollten jetzt wirklich... Der Benz vom Vater röhrt die Serpentine hinauf. VINCENT MARIIE! Er läuft zwischen die Bäume. Von weiter hinten kommt Marie. MARIE Was ist denn? VINCENT Wo bist du, verdammt!? MARIE Ich fahr nicht zurück, das könnt ihr euchALEXANDER Wir stehen ein bisschen unter Zeitdruck. Vincent bugsiert sie ins Auto. MARIE Was ist denn los!? Der Benz kommt den Hang hochgebraust. Der Golf steht falsch herum. Alex will vorne einsteigen, aber Vincent drängt sich auf den Sitz. ALEXANDER Ich finde das höchstVINCENT HALT! die Fresse und rutsch rüber. Alex merkt, mit Vincent ist jetzt nicht zu spaßen. Vincent startet den Motor. Er

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versucht mit quietschenden Reifen, den Golf zu wenden, da blockiert ihm der Benz vom Vater den Fluchtweg. Der Vater springt aus dem Auto. In seiner Aggression entwickelt er eine einschüchternde Wucht. Alex zieht instinktiv den Kopf ein. Der Vater reißt die Tür vom Golf auf. VATER Steig aus. Vincent bleibt sitzen. VATER Sofort. Der Vater greift nach Vincents Arm. VINCENT (LEISE) Nicht. Der Vater nimmt die Hand zurück. Vincent steigt langsam aus. Er tict sehr schlimm, versucht es aber, eisern zu unterdrücken. VATER Wo sind deine Sachen? Vincent schaut zur Hinterbank. Der Vater öffnet die Hintertür und greift nach dem Rucksack. Marie starrt ihn an wie ein Gespenst. Rose ist ausgestiegen. Keiner von ihnen sagt was. Der Vater bringt Vincent zum Benz und öffnet die Hintertür. Er wirft den Rucksack auf den Sitz. VATER Setz dich rein. Rose wirft einen sorgenvollen Blick auf Marie. ROSE Alles in Ordnung? Marie ignoriert sie. ROSE (ZU ALEX) Sag mal, was macht ihr denn für Sachen? ALEXANDER (LEISE) Wir wollten nur zum Meer.

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ROSE Gib mir bitte den Schlüssel. Alex zieht ihn ab und gibt ihn ihr. Marie steigt aus. Alex auch. Er holt brav seinen Koffer. Marie und Vincent schauen sich einen Moment an. Dann setzt Vincent sich hinten rein. Der Vater beugt sich runter. VATER (LEISE ZU VINCENT) Glaubst du, du kannst alles kaputtmachen, was ich mir aufbaue? Glaubst du, ich lass das zu? Vincent antwortet nicht. Der Vater geht um den Benz und steigt vorne ein. Rose, Marie und Alex bekommen alles mit. Rose ist sprachlos. Vincent guckt ihn an. VATER Aber auf dich ist, Gott sei Dank, Verlass. Ich wusste, dass du nicht weiter kommst. Du schaffst es einfach nicht. Das ist das Gute an dir. VINCENT (LEISE) Das-HM... VATER Ja? VINCENT Das stimmt nicht. VATER Ach, Vincent. MARIE Vincent! Sie hält Vincent die Bonbondose hin. MARIE Vergiss nicht. Vincent streckt die Hand aus dem Fenster. Marie geht zu ihm. Ihre Finger berühren sich, zwischen ihnen die Dose. Der Vater startet den Wagen.

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ROSE Äh, Entschuldigung... VATER Was denn? ROSE Wollen Sie uns jetzt einfach so stehen lassen? VATER Sie haben doch ein Auto. Er will losfahren. ROSE Meine Tasche! VATER Ihre Tasche. Er zieht die Handbremse, packt Roses Tasche vom Beifahrersitz und steigt aus. VATER Ihre Tasche... Marie und Alex wechseln einen Blick. Gerade, als der Vater Rose ihre Tasche geben will, nimmt Marie Rose den Golfschlüssel aus der Hand. MARIE Entschuldigung. Sie wirft den Schlüssel in hohem Bogen den Hang hinunter in die Wiese. Bevor Rose und der Vater reagieren können, schlüpfen Alex und Marie in einer selten einigen Bewegung in den Benz. Der Vater rennt sofort los. Marie gibt Gummi. Der Benz springt nach vorne, Alex hängt mit seinem Koffer noch halb in der Tür. Vincent und Marie ziehen ihn so gut wie möglich rein. ALEXANDER (ZU MARIE) Nicht anfassen! Pisshände! Der Wagen beschleunigt. Vater und Rose werden klein und kleiner.

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ALEXANDER Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott. MARIE (SCHREIT) Yiieeeeehaaaa! ALEXANDER Wir kommen in die HÖLLE! Er guckt sich um. ALEXANDER Ist das hier aber... ist das ein tolles AUTO! So aufgeräumt! Er sieht eine Reihe klassischer Kassetten im Handschuhfach. ALEXANDER Und gute Musik! (zu Vincent) Dein Vater gefällt mir. Marie sucht Vincents Augen im Rückspiegel. Der ist hoffnungslos überfordert. Sein Atem geht schnell. MARIE Hey. VINCENT He-hey. ALEXANDER (LEICHT IRRITIERT ZU BEIDEN) Hey...

61 BERGHANG – AUSSEN – TAG Der Vater und Rose stehen fassungslos auf der Straße. ROSE Ich glaub es nicht! Ich GLAUB es nicht! Wir HATTEN sie doch schon! Hören Sie sich eigentlich mal sprechen! VATER SIE haben sich doch den Schlüssel abnehmen lassen!

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ROSE Jeder von diesen Sätzen, die Sie gleich dutzendweise vom Stapel lassen, ist ein eigener Therapiegrund! Sie stapft auf unsicheren Absätzen die Wiese runter. VATER Kümmern Sie sich mal um Ihre eigenen Angelegenheiten! ROSE Können Sie mir vielleicht mal helfen!? Er hängt an einem kleinen, goldenen Schwein. VATER Bitte! Er stapft in das Mohnfeld. Beide suchen. ROSE Ihr Konfliktverhalten ist bedenklich! Definitiv sehr bedenklich! Kein Wunder, dass es bei Ihnen kaum Frauen in der Partei gibt. VATER Wir haben die höchste Frauenquote in der Bundesrepublik! ROSE Das Mädchen ist gefährdet, das gehört in Behandlung. Und ich habe morgen früh Dienst. VATER Ja, glauben Sie, ich hätte nichts Besseres zu tun, als hier nach Ihrem Schweineanhänger zu suchen? ROSE DAS IST EIN GLÜCKSBRINGER! Ein bisschen Glück wäre jetzt nicht fehl am Platze. VATER Ich soll nachher in Markoberdorf – oh Gott, ich muss Bescheid... Er tastet nach seinem Handy. Mist. ROSE Was ist?

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VATER Mein Organizer ist in meiner Jacke. ROSE Und? VATER Meine Jacke ist im Auto. Rose dreht sich zum Golf. ROSE Und? VATER In meinem Auto. Sie starren sich an.

62 VATERS BENZ – INNEN – ABEND Vincent liegt mit unter dem Kopf verschränkten Armen auf der Hinterbank und blickt an die Decke. Alex hat mit Marie getauscht. Er fährt konzentriert und hält das Lenkrad mit zwei Erfrischungstüchern. Marie betrachtet Vincent. Eine Weile fahren sie so. Dann streckt Marie ihre Hand zu Vincent aus und legt sie ihm auf die Brust. Vincent registriert das. Er wartet nur auf den nächsten Tic, der diesen Moment der Nähe wieder zerstört und just in dem Moment kommt er. Sein Körper bäumt sich auf und sein Kopf fliegt zur Seite. Maries Hand hebt sich wie erwartet von seiner Brust weg. Keine Nähe bleibt, wenn man so ist wie er. MARIE Ist es anstrengend? VINCENT Hm? MARIE Wenn du ticst? VINCENT Wie sieht es denn aus?

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MARIE Anstrengend. Sie lächelt. Vincent lächelt müde zurück. VINCENT Ist es auch. Sie legt die Hand wieder auf seine Brust. Er legt seine Hand auf ihre. Alex guckt in den Spiegel, dann wieder auf die Straße. Plötzlich schreit er. ALEXANDER AAH. MARIE Was ist? ALEXANDER Da vibriert es. Er lehnt sich nach vorne. Auf dem Sitz liegt die Jacke vom Vater. ALEXANDER Mach’s weg! Marie greift die Jacke und fischt den Organizer vom Vater raus. Sie geht ran. MARIE Hallo? Sie horcht kurz und hält dann Vincent das Handy hin. Vincent zögert. MARIE (IN DAS HANDY) Er will Sie nicht sprechen. Sie will auflegen, da greift Vincent nach dem Telefon. VINCENT Zwei-HM-, zwei Sachen: du irrst dich. Du hast keine Ahnung von mir. Und -HA- du wirst mich nie wiedersehen. Er legt auf. Pause. Es klingelt nochmal. Es klingelt eine Weile, dann nimmt Marie Vincent das Telefon aus der Hand und macht es aus. Sie lächelt Vincent an,

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aber Vincent guckt aus dem Fenster.

63 BERGHANG – AUSSEN – TAG Rose und der Vater stehen beim Golf. Der Vater hat einen Panikanfall. VATER Mailbox. (Er bekommt leichte Atemnot.) Das ist eine Katastrophe! ROSE Was hat er gesagt? VATER Da sind all meine Nummern drinnen! ROSE Was hat er gesagt! VATER Nichts von Bedeutung. ROSE Ja. Aber was? VATER Nichts. Das ich mich irre. ROSE Nicht wohin sie fahren? Alex hat gesagt, sie wollten zum Meer. VATER Ja Meer, gut... Der Vater wählt nochmal. ROSE Und Sie können sich nicht vorstellen, was Vincent vorhat? VATER (INS HANDY) Gut, Vincent. Du gibst mein Handy irgendwo ab und sagst bitte Bescheid, wo genau es liegt! Ich BRAUCHE DAS HANDY! Hörst du!? Er legt auf. Atmet durch.

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ROSE Was würden Sie tun? VATER Bitte? ROSE An seiner Stelle. VATER Was ist denn das für eine Frage? ROSE Ihr Vater sagt Ihnen, dass Sie ein Nichts sind. Eine Null. Was würden Sie tun? VATER Na hören Sie mal. Das kann man überhaupt nicht vergleichen. ROSE Nein? VATER Ich bin keine Null. ROSE Nein. VATER Mein Vater hat mich immer respektiert. ROSE Und wenn das anders gewesen wäre? VATER Hätte ich ihm das Gegenteil bewieDer Vater langt sich an die Stirn. ROSE Was?

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VATER Italien. Rose schaut ihn an. VATER Natürlich. Er fährt nach Italien.

64 GOLF ROSE – INNEN – DÄMMERUNG Der Vater ruckelt an der Abdeckung unter dem Lenkrad. VATER Können Sie mir mal leuchten? Die Abdeckung bricht ab. VATER Oh. ROSE Hören Sie mal! VATER Das Auto ist so alt, das muss man doch kurzschließen können. ROSE Woher wissen Sie bitte, wie das geht? VATER Da müssen zwei Kabel sein, die verbindet man einfach. Er hält ein Knäuel von ca. 20 Kabeln in der Hand. VATER Oh. ROSE Ah ja. VATER (SEUFZT) Gut, dann fangen wir mal an.

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Er rupft zwei Kabel aus der Fassung und hält sie zusammen. Nichts passiert. Er nimmt ein weiteres dazu. ROSE Und Sie meinen, es ist gut, wenn Sie hier irgendwelche Kabel rausziehen? Der Vater macht unbeirrt weiter. Zwei neue Kabel. Es passiert nichts. Zwei weitere. Nichts. ROSE Ich rufe jetzt den ADAC. Der Motor leiert. VATER Hah! ROSE Das gibt’s ja nicht. Gas! Gas! Der Vater gibt Gas und der Wagen röhrt. Rose rennt zum Beifahrersitz und steigt ein. VATER Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie das niemandem erzählen. ROSE Licht. Der Vater drückt auf den Knopf, aber nichts passiert. ROSE Ja. Die Kabel hatten also einen Sinn. Der Vater will unter das Lenkrad greifen. ROSE Nein! Bleiben Sie auf dem Gas. Sonst stirbt er ab. Pardon. Sie greift in den Kabelwust zwischen Vaters Beinen und bringt Drähte aneinander. Man sieht den Golf von außen auf der Bergstraße stehen. Alles ist dunkel. Die Lichter flackern an. Und aus. Und an.

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ROSE Ja! (Sie drückt dem Vater einen Kuss auf die Wange.) Pardon. Der Golf setzt sich in Bewegung.

65 DEUTSCHE LANDESGRENZE – AUSSEN – DÄMMERUNG Der Benz hält an. Im Licht der Scheinwerfer steht ein Schild: Bundesrepublik Deutschland. Eine Weile passiert nichts, dann geht die Tür auf und Alex kommt in Richtung Schild. ALEXANDER Ich fasse es nicht. VINCENT Das sieht mir nicht nach Italien aus. ALEXANDER Nein. Wo sind wir hier? Marie? Sie drehen sich zu Marie um. MARIE Was schaust du mich an? ALEXANDER Ich dachte, du kennst den Weg? MARIE Ich bin mit meinen Eltern immer nur Autobahn gefahren. ALEXANDER Autobahn können wir nicht fahren! MARIE Ich dachte, wir fahren nach Süden in die Berge. Und irgendwann sind die Berge vorbei und... ALEXANDER Abrakadabra, wir sind wieder in Deutschland, sieh mal einer an! Alex steigt aus.

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VINCENT Du weißt gar -HUIA- gar nicht, wie wir nach Italien kommen? MARIE Ich dachte, wenn wir jetzt nicht fahren, dann fahren wir gar nicht. ALEXANDER Du hohle, anorexische Nuss! MARIE Und dich, du Arschloch, wollte keiner dabei haben, also beschwer dich nicht!! Vincent schaut sich den Streit eine Weile an und fasst dann einen Entschluss. Er wird nicht aufgeben. Er steigt aus und setzt sich auf den Fahrersitz. ALEXANDER Ich stehe hier mit einem gestohlenen Auto irgendwo im Nirgendwo und stelle soeben fest, dass es gar keinen Plan gibt, da werde ich mich doch mal kurz beschweren dürfen. Vincent steigt vorne ein. VINCENT Ich fa-HA-hr jetzt ’ne Karte kaufen. (zu Alex) Kommst du mit? Alex ärgert sich über die vollendeten Tatsachen, vor die er gestellt wird und geht dann betont langsam in Richtung Auto. Vincent ist das zu blöd. Er fährt los. Jetzt kriegt Alex Muffensausen. Der Benz hält zehn Meter weiter und eine Tür geht auf. Diesmal zögert Alex nicht. Er rennt los.

66 TANKSTELLE 2 – INNEN – NACHT Der Benz zieht in eine zweite Tankstelle. Der Tankwart stellt seinen Fernseher auf stumm und reibt sich die Augen und stellt seinen Fernseher leiser.

67 VATERS BENZ – INNEN – NACHT

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Vincent macht den Motor aus. Er kramt ein paar Münzen hervor. Marie legt ein paar dazu. VINCENT 3,80. (zu Alex) Du? Alex zuckt mit den Schultern. Er hat kein Geld. VINCENT O.K. Einer klaut. Einer lenkt ab. MARIE Ich klau. Wer lenkt ab? VINCENT Na. Für Ablenkung -PISSER- bin ich ja wohl prädestiniert. Vincent steigt aus.

68 TANKSTELLE 2 – INNEN – NACHT Marie postiert sich bei den Straßenkarten. Sie wirft Vincent einen Blick zu: alles klar. Vincent steht bei den Zeitschriften, blättert unauffällig und wartet auf einen Tic. Der Tankwart guckt leicht angenervt. Vincent lächelt zurück. Es kommt kein Tic. Vincent räuspert sich. Nichts. Er nimmt die erstbeste Zeitschrift und geht zur Kasse, in der Hoffnung, die direkte Konfrontation möge einen Tic auslösen, aber nichts passiert. TANKWART 2 Alles? VINCENT (OHNE TIC) Ja, vielen Dank. TANKWART 2 Fünfundneunzig. Vincent guckt. TANKWART 2 (ZU MARIE) Kann ich Ihnen helfen?

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MARIE Äh, nein, danke. TANKWART 2 (ZU VINCENT) Fünfundneunzig Cent. VINCENT Ach, ja. Entschuldigung. Er kramt seine paar Münzen raus. Der Tankwart gibt ihm 5 Cent. Vincent bleibt stehen. TANKWART 2 Noch was? VINCENT Äh nein. Danke. Schönen Abend. Vincent geht ab. Marie folgt leicht irritiert. MARIE Wiedersehen.

69 TANKSTELLE 2 – AUSSEN – NACHT MARIE Was war das denn? VINCENT (BAFF) Ich weiß nicht, wann mir sowas zum letzten Mal passiert ist. ALEXANDER Wo ist die Karte? MARIE Er hat nicht getict. Alex blickt auf die Zeitschrift. ALEXANDER Du meinst, die einzige Ausbeute dieser Aktion war eine ‚Frau im Spiegel’?

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Vincent blickt auf die Zeitschrift. Tatsache. Eine ‚Frau im Spiegel’. VINCENT Das ist doch total Scheiße! Kann ich nicht einen, nur einen verdammten Vorteil durch diese Scheißkrankheit haben? Kommen diese Scheißtics nur, wenn ich sie absolut nicht gebrauchen kann!? In den schlimmsten, verfickten Momenten! MARIE Du hast gerade fünf Sätze ohne einen Tic gesagt. ALEXANDER Und er hat sechs Mal geflucht. Wo ist der Unterschied? VINCENT Halt’s MÖSELECKEN Maul, Alex! ALEXANDER Ah, da sind sie wieder. Welcome back to the freakshow. Vincents Auge zuckt. MARIE Du bist wirklich ein Arschloch, Alex. VINCENT HAH! Und jetzt? ALEXANDER Und jetzt? Jetzt setzt ihr euch mal ins Auto und ich mach das. VINCENT Du?

MARIE Du?

Er geht in die Tankstelle. Marie und Vincent schauen sich an.

70 TANKSTELLE 2 – INNEN – GLEICH DANACH Alexander betritt aufgeräumt die Tankstelle. Der Tankwart 2 blickt auf. Noch so einer.

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ALEXANDER (FREUNDLICH) Guten Abend. Er nimmt sich pfeifend einen Einkaufskorb.

71 TANKSTELLE 2 – AUSSEN – GLEICH DANACH Marie und Vincent sitzen im Auto. Marie versucht zu erkennen, was Alex treibt. MARIE Jetzt reg dich doch nicht auf. VINCENT In meinem Kopf sitzt ein Clown, der mir ständig zwischen die Synapsen kackt! Der mich zwingt, immer genau DAH-AS zu machen, was ich gerade am WENIGSTEN gebrauchen kann! Das würde dich auch aufregen! MARIE Aber das bringt doch jetzt nichts. Marie guckt nach Alex. Der steht an der Kasse. VINCENT Wieso isst du nichts? MARIE Was? VINCENT Bei mir ist das Hirn kaputt, aber du musst doch einfach nur was essen. Marie ist überrumpelt. MARIE Ich – das ist nicht einfach. VINCENT Warum? Alex platzt zur Hintertür herein.

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ALEXANDER Losfahren! Schnell! FAHR LOS! Vincent und Marie gucken wie Autos.

72 ARBEITSZIMMER VATER – INNEN – NACHT Monika sitzt mit Lesebrille vor dem Computer, hat den Vater am Telefon. MONIKA Und das ist normal, dass diese Ärztin mit dir nach Italien fährt?

73 GOLF ROSE – INNEN – NACHT Der Vater ist an Roses Handy und telefoniert mit seinem Wahlkampfmanager, während er fährt. Rose blickt aus dem Fenster in die Nacht. VATER Jetzt gib mir bitte die Flugdaten, Monika. MONIKA (LEICHT ANGEPISST) Genua, dreizehn Uhr. Und das ist jetzt ihr Handy, auf dem du telefonierst? VATER Buchungscode? (zu Rose) Schreiben Sie: Rose guckt ihn an: ich? Der Vater wirft ihr einen Zettel hin. Rose ist fassungslos. VATER LH 324, Buchungscode UX6775G. MONIKA Und, darf ich fragen, wie alt die Frau ist? VATER Oh, Monika, wirklich, ich muss mich jetzt auf die Straße konzentrieren. Du kannst mich unter dieser Nummer erreichen. Ja. Bussi. Er legt auf.

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VATER War wichtig. Rose nickt belustigt. Kleine Pause. Der Vater reibt sich müde die Augen. ROSE Ist dreizehn Uhr nicht ein bisschen optimistisch? VATER In acht Tagen ist Wahl. Mehr Zeit hab ich nicht. ROSE Machen Sie sich eigenlich Sorgen? VATER Um was? ROSE Um Ihren Sohn. VATER Ja, haben Sie die Buchungsnummer? Rose gibt ihm den Zettel. Er ist leer. Der Vater guckt sie an. ROSE Ich bin nicht Ihre Sekretärin. Das Handy klingelt. Vater verdreht die Augen. VATER (HEBT AB) Ja? Rose lehnt den Kopf an die Scheibe und schließt die Augen.

MONTAGE: Der Golf fährt durch eine Ortschaft. Der Benz fährt über einen Bahnübergang. Er biegt ab und fährt eine steile Straße hoch. Vincent fährt. Alex hat die Karte aufgefaltet und gibt Anweisungen. Marie guckt mit. Alex rollt mit einem Stift eine Musikkassette auf und gibt sie nach vorne. Marie verdreht die Augen. Alex langt vor und steckt die Kassette rein. Reaktion Vincents auf die Musik. Alex bläst einen farbigen Wahlluftballon auf und lässt ihn aus dem Fenster sausen. Marie entdeckt den Schminkspiegel. Ein kurzer Blick und sie klappt ihn abge84


törnt wieder zu. Vincent hat es gesehen. Marie schraubt den Deckel von einer Wasserflasche auf und reicht sie Vincent. Der trinkt. Alex putzt mit Hingabe den Flaschenhals. Dann trinkt er, ohne die Flasche mit den Lippen zu berühren. Vincent macht absichtlich einen kleinen Schlenker. Alex macht sich nass und ärgert sich. Im Golf: Der Vater telefoniert immer noch. Rose holt ihre Tasche von der Rückbank. Sie bettet sich am Fenster. Rose hat ihren Kalender auf dem Schoß und telefoniert. Der Vater reibt sich die Augen. ENDE MONTAGE.

74 GOLF ROSE – INNEN – NACHT Rose wacht auf. Der Vater spricht nicht mehr. Das Auto rauscht durch die Nacht. Rose findet eine bequemere Position für ihren Kopf und betrachtet ihre Spiegelung im Fenster. Die Tannen am Straßenrand gleiten lautlos durch ihr Gesicht. Etwas ist komisch. Die Tannen werden größer. Rose stutzt. Die Straße macht eine leichte Kurve, doch der Wagen fährt gerade aus. Sie dreht sich zum Vater. Der ist eingenickt. ROSE VORSICHT!! Der Vater schreckt auf und reißt am Steuer, doch der Golf durchbricht einen Weidezaun und fährt meterweit in ein Feld, bevor er zum Halten kommt. Der Motor stirbt ab. Rose und der Vater sind wie schockgefroren. VATER Ist Ihnen etwas passiert? ROSE Nein. Ihnen? VATER Nein. Pause. ROSE Darf ich anregen, dass wir in der nächsten Pension Halt machen? VATER

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Ich bitte darum.

75 BERGPASS – AUSSEN – NACHT Alex, Marie und Vincent lehnen eingemümmelt an der Windschutzscheibe. Vincent zieht gerade am Joint. Alexander isst. MARIE Drin halten, bis du hustVincent hustet. MARIE Genau. Und dann noch mal. Hilft vielleicht mit deinen Tics. Vincent zieht nochmal. Er sinkt zurück auf die Windschutzscheibe, Tränen in den Augen. Dann lässt er die Luft aus. ALEXANDER Gefällt’s dir, Vinnie? Vincent guckt auf den Joint. VINCENT Hm. Seine Tics schmelzen zunehmend dahin. Alex räumt den Müll weg. VINCENT Es ist -HM- nicht, als ob man unter den Sternen sitzt. MARIE Sondern? VINCENT So... drin. ALEXANDER Gib den Joint lieber wieder her. MARIE Das ist die Milchstraße.

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ALEXANDER (RUFT AUS DEM AUTO) Wisst ihr, dass wir nur auf den Arm der Galaxie gucken, in der wir selber stecken? Vincent und Marie fällt dazu nichts ein. Alex kommt zurück und putzt sich die Hände. ALEXANDER Warum das Meer? VINCENT Hm? ALEXANDER Warum das Meer? VINCENT Hab ich versprochen. ALEXANDER Wem? MARIE Darf ich es ihm sagen? Vincent zuckt mit den Schultern. Marie greift in seine Tasche und zieht die Dose raus. MARIE (BEKIFFT) Das ist Vincents Mutter. ALEXANDER Ich dachte, deine Mutter wäre tot... Kleiner Scherz, mein Gott, lebend würde sie ja nicht in die Dose passen. (zu Marie) Obwohl... so jemand wie du, das ginge vielleicht. MARIE Alex, es reicht! ALEXANDER

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Entschuldigung, ich habe diese Hemmschwelle nicht, dieses, wie heißt es? MARIE Mitgefühl. ALEXANDER Genau. (zu Vincent) Und was machst du danach? VINCENT Weiß nicht. Hab noch nicht übers Meer hinaus -HM- hinaus nachgedacht. (zu Marie) Und du? MARIE Ich fahr weiter. VINCENT Weiter. MARIE Nach Süden. Sie zieht am Joint und gibt ihn Alex. MARIE Bis es nicht mehr geht. (zu Vincent) Komm doch mit. Sie gucken sich an. Eine Weile sagt keiner was. MARIE (ZU ALEX) Und du? Alex schweigt. MARIE Alex? ALEXANDER Ich hoffe, wir kommen nie an.

76 PENSION / GASTRAUM – INNEN – NACHT

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Der Vater und Rose sitzen an einem Tisch in der schlecht dekorierten Gaststube. Die Wirtin kommt und legt zwei Zimmerschlüssel mit riesigen Messingtannenzapfen als Anhänger auf den Tisch. Roses Teller ist fast unberührt. WIRTIN (OHNE INTERESSE) Hat’s geschmeckt. (Nimmt Roses Teller.) Wollen Sie noch was, weil sonst würd’ ich jetzt... VATER Nein, nein! Wir wollten auch gerade... Die Wirtin wartet gar nicht ab und geht. Vater und Rose stehen auf. Als sie den Gastraum gerade verlassen wollen, geht auch schon das Licht aus.

77 PENSION / TREPPE – INNEN – NACHT Der Vater geht vor Rose die Treppe hoch. Seine Hose ist sehr schmutzig.

78 PENSION / GANG – INNEN – NACHT Sie gehen den kiefergetäfelten Gang entlang zu den Zimmern. VATER Sie haben die... ROSE Acht. VATER Ah ja, ich hab die... Gut. ROSE Gute Nacht. Sie gehen in die Zimmer.

79 BALKON PENSION – AUSSEN – NACHT Rose sitzt auf einem Plastikstuhl auf dem durchgehenden Balkon und raucht eine

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Betthupferl-Zigarette. Der Vater steckt den Kopf aus der Balkontüre nebenan. VATER Ich kann nicht schlafen. ROSE Gerade im Auto haben Sie ganz gut geschlafen. VATER Ihr Qualm zieht in mein Zimmer. Der Vater tritt in Boxershort und T-Shirt auf den Balkon. ROSE (CHARMANT) Dann machen Sie doch die Tür zu. Der Vater zieht von außen seine Tür zu. Sie klemmt ein wenig. Er haut sie fest zu. Jetzt schließt sie. Der Vater tritt ans Geländer. VATER Sie wollen mir ein schlechtes Gewissen machen. ROSE Kann man das? Kurze Pause. VATER Dieses Mädchen. ROSE Marie? VATER Heißt sie so? ROSE Ja. VATER Sie isst wenig. ROSE

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Sehr wenig. VATER Und das ist alles. ROSE Wenn Sie so wollen. VATER Na gut. Es gibt Schlimmeres, oder? ROSE Dreißig Prozent sterben. VATER Wirklich? ROSE Ja. Und Marie gehört meiner Meinung nach zu dieser Gruppe. VATER Und hilft Ihre Therapie? ROSE Manchmal ja, manchmal nein. VATER Öfter ja als nein? ROSE Tendenziell ja. Gute Nacht. Sie macht die Zigarette aus und geht ins Zimmer.

80 PENSION / ZIMMER ROSE – INNEN – NACHT Rose kommt rein und zieht den Vorhang zu. Sie atmet tief durch. Die Sache geht ihr näher, als sie draußen gezeigt hat. Sie zieht sich ihre Bluse aus. Es klopft leise an der Balkontüre. Rose sammelt sich einen Moment und macht dann auf. VATER (KLEINLAUT) RoseMeine guckt Türe ihn an klemmt. und öffnet dann langsam die Türe und bleibt im Rahmen ste-

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hen. Der Vater muss in nächster Nähe an ihr vorbei. Das tut er langsamer, als es sein müsste. Einen Moment könnte es auch ganz anders weitergehen. Die beiden blicken sich an. Dann geht der Vater zur Zimmertüre. VATER Stelle ich mir schwer vor. Wenn man im Beruf nicht das ausrichten kann, wofür man ihn seinerzeit ergriffen hat. ROSE Reden Sie jetzt von Ihrem Beruf oder meinem? Der Vater muss lächeln. Touché. Er schließt die Türe.

81 PENSION / GANG – INNEN – NACHT Der Vater geht zu seiner Tür, realisiert dann, dass sein Zimmerschlüssel ja im Zimmer ist. VATER Mist. Er geht noch einmal zu Roses Tür. Hebt die Hand zum Klopfen, traut sich dann aber nicht und geht zerknirscht und in Unterhose die Treppe runter zur Rezeption.

82 BERGPASS – AUSSEN – TAG Der Bergpass liegt in dichtem Nebel. Der Benz steht in einem Meer aufgeblasener Wahlluftballons. Der Gipfel verliert sich im Grau. Etwas abseits sitzt Alexander eingemümmelt an einer Rastbank und glättet die Karte auf dem dazugehörigen Tisch. Am Straßenrand steht ein Schild: (Pass, 1890m)

83 VATERS BENZ – INNEN – MORGEN Spärliches Morgenlicht fällt fahl durch die angelaufenen Scheiben. Vincent betrachtet Marie, die in viele Schichten von Jacken und Pullovern eingepackt, in seinen Armen liegt. Vincent kann seinen Atem sehen. Er fährt mit seinem Finger Maries Profil nach, streift ihr Haare aus dem Gesicht. Ein erster Tic fährt ihm in die Hand. Marie wacht auf. VINCENT Versprichst du mir was? 92


Marie öffnet die Augen und guckt ihn an. MARIE Hm? VINCENT Isst du heute? Nur ein bisschen. Marie schaut ihn lange an. MARIE Versprochen. Vincent nimmt glücklich die Hand. Marie schließt die Augen wieder. Vincent macht sich vorsichtig frei. Vorne ist das Auto picobello. Die Kleider, die Alex als Decke gedient haben, sind fein säuberlich gefaltet. Vincent kneift die Augen zusammen und macht die Tür auf.

84 BERGPASS – AUSSEN – MORGEN Vincent steigt aus. Alex studiert die Straßenkarte. VINCENT Morgen. ALEXANDER Morgen. Vincent fröstelt und geht an den Waldrand pinkeln. ALEXANDER Wie heißt der Ort, in den du musst? Vincent bemerkt, wie wenig er über den Wunsch seiner Mutter weiß. VINCENT Weiß nicht. Kein Ort. Ans Meer halt. ALEXANDER Und an welches Meer willst du?

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VINCENT Äh, wel- HAH- welche stehen denn zur Auswahl? ALEXANDER Adria oder Mittelmeer. VINCENT Welches ist näher? ALEXANDER Ungefähr gleich. VINCENT Und welches schöner? ALEXANDER Ich glaube, das Mittelmeer. Er blickt wieder in den Plan. ALEXANDER Ligurien oder Toskana? VINCENT Alex, ich HAH- hab keine Ahnung. Was ist der Unterschied? ALEXANDER Ligurien ist näher. VINCENT Ist es dort schön? ALEXANDER Weiß nicht. Auf den Bildern ist es schön. Vincent setzt sich zu Alex, schaut sich die Bilder an. Eine Weile schweigen sie. ALEXANDER Sei vorsichtig mit Marie, Vinnie. VINCENT B-Bitte?

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ALEXANDER Glaub nicht, dass sie dich lieben kann. Das kann sie nicht. VINCENT (VERLETZT) Danke FICKELBERG, HAH, für das Kompliment. ALEXANDER Das hat nichts mit dir zu tun. VINCENT Ist schon gut. Vielen Dank. Mit dir darf man einfach nicht sprechen. Eine Pause. Hinter der Bank verliert sich ein steiler Trampelpfad im Nebel wie eine Treppe. VINCENT Meinst du, der Gipfel ist weit? ALEXANDER Ein paar hundert Meter...? Wahrscheinlich über den Wolken. Vincent guckt angestrengt in den Nebel. VINCENT Dann ist TAHA! ist das gar kein Nebel. ALEXANDER Nein. Hier oben sind das Wolken. VINCENT Komm, wir gehen hoch. Alex guckt nach oben. ALEXANDER Weiß nicht. VINCENT Ich war noch nie auf HAH! einem Berg. ALEXANDER Vielleicht ist es Scheiße.

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VINCENT Vielleicht ist es saugeil. Alex faltet den Plan so, als ob er ihn wieder verkaufen möchte. Die Hintertür vom Benz öffnet sich und Marie blickt äußerst schlecht gelaunt um sich. MARIE Ihr seid laut. ALEXANDER Er hat Tourette. Marie schält sich aus dem Auto. VINCENT Wir gehen jetzt mit dir auf den Gipfel. Marie lacht kurz. Dann wird sie ernst. MARIE Wie bitte? Sie guckt hoch in den Nebel.

85 PENSION / FRÜHSTÜCKSRAUM – INNEN – TAG Rose sitzt mit tiefen Augenringen vor einer sehr gediegenen Tapete. Vor ihr steht ein dünner Kaffee. Auf einem Unterteller qualmt die erste Zigarette. Der Vater kommt frisch geduscht und gut gelaunt in seinen schon etwas beanspruchten Kleidern zum Tisch. VATER Guten Morgen. ROSE Sie sind ja frisch. Der Vater schmiert sich im Stehen ein Brötchen. VATER Bin seit zwei Stunden wach. Dann Liegestütz, Kniebeugen, kalt Duschen.

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Sollten Sie mal probieren. ROSE Bei Gelegenheit. VATER Ich hoffe, Sie haben das Handy aufgeladen. Der Vater kippt seinen Orangensaft. Rose zieht noch einmal an der Zigarette. Der Vater dreht ein Tischschild so, dass Rose es lesen kann: Rauchen verboten.

86 BERGHANG HOCHGEBIRGE – AUSSEN – TAG Vincent und Alex stapfen schwer atmend den nebligen Hang hoch und springen über einen Bach. Marie hängt weit zurück. MARIE Nicht weit! VINCENT Was? MARIE Du hast gesagt: Nicht! Weit! VINCENT Es kann -HUIA! Es kann ja auch nicht mehr weit sein. Sie warten auf Marie, die sich auf unsicheren Beinen den Berg hochkämpft. Vincent hilft ihr über den Bach. VINCENT Alles klar? MARIE Ja, ja. Bin nur nicht bergfest. Geht ruhig. Ich komm schon. Vincent schließt zu Alex auf. Marie geht in die Knie und hält sich an einem Felsbrocken fest. Ihr ist schwarz vor Augen. VINCENT (AUS DEM NEBEL)

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Marie? Marie rappelt sich auf, nimmt all ihre Kraft zusammen und geht weiter. MARIE (ZU SICH) Nimm dich zusammen, du dumme Sau.

87 BERGHANG HOCHGEBIRGE / WEITER OBEN – AUSSEN – TAG Alex und Vincent stehen im Nebel und warten auf Marie. Alex wundert sich. ALEXANDER Ist vielleicht doch weiter als ich dachte. Vincent guckt nach Marie. VINCENT Vielleicht -HM- drehen wir besser um. ALEXANDER Vincent. VINCENT Sorry, w-war ’ne Scheißidee. ALEXANDER Nein, Vincent, schau mal. Vincent dreht sich um. Über ihnen tut sich der Nebel auf und gibt den blauen Himmel frei. Der Nebel fängt die ersten Sonnenstrahlen und leuchtet flammend auf. VINCENT Marie, Marie! ALEXANDER Komm schnell! Marie kommt hoch, völlig außer Atem. MARIE Ich komm ja, ich- oh, wow.

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Vor ihnen breitet sich das Hochgebirge aus. Die Gipfel stehen wie Inseln in dem Wolkenmeer unter ihnen. Links steigt die Sonne über die Wolken. Alles scheint wie in Flammen. Alex und Marie sind sprachlos. Vincent erst recht. Noch nie konnte er so weit sehen. Er klettert auf den Arm des Gipfelkreuzes und stellt sich hin. Er streckt die Hand aus und hilft Marie auf das Kreuz. Dann hält er Alex die Hand hin. Der zögert kurz. Alex nimmt die Hand und klettert hoch. VINCENT Ich glaube... ich kann... Ich kann das Meer sehen!! MARIE Wo? VINCENT Da.

ALEXANDER Da...

Und tatsächlich, man ahnt es mehr, als dass man es sieht, eine glitzernde Fläche weit hinten zwischen den Bergen, wie ein Versprechen. MARIE Oh, wow. Alex guckt Vincent an. Vincent lächelt ihm zu. Er nimmt Maries Hand. Da sitzen sie, die drei. Marie und Vincent auf dem einen Arm des Kreuzes und Alex auf dem anderen. Man sieht sie, sehr klein auf dem Gipfel.

88 GIPFEL – AUSSEN – TAG Marie, Vincent und Alex sitzen immer noch auf dem Gipfelkreuz und blinzeln ins Licht. ALEXANDER Vinnie? VINCENT Hm? ALEXANDER Wenn du nicht krank wärst, was würdest du machen? VINCENT

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Ich würde -HUI- unter Leute gehen. ALEXANDER Und dann? VINCENT Dann alles. Würde ich mein Abi nachmachen. In -HM- die Stadt ziehen. Vielleicht studieren. ALEXANDER Warum machst du’s nicht einfach? VINCENT Ich trau mich nicht. Alex nickt. ALEXANDER Ich würde mitkommen. Unter die Leute. Vincent lächelt. Marie beobachtet die seltene Einigkeit zwischen den Jungs. VINCENT (ZU MARIE) HM- was ist mit dir? MARIE Was soll sein? ALEXANDER Was würdest du machen, wenn du nicht krank wärst? MARIE Ich bin nicht krank. Die beiden Köpfe drehen sich zu ihr.

89 GOLF ROSE – INNEN – TAG Der Vater fährt bestens gelaunt und sehr schnell die Brenner-Autobahn entlang. Rose ist am Telefon. Der Vater hört mit. ROSE (ANGESPANNT) Das heißt, ihr habt ihre Eltern angerufen. (Horcht.) Nein, nein, ist ja klar!

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(Horcht.) Ich, äh, hab einen familiären Notfall in der Familie. Ich bin morgen wieder da. Ich meld mich am Nachmittag nochmal. Legt auf. VATER Warum ist das Mädchen weggelaufen? ROSE (GEREIZT) Ich weiß es nicht. Ich kann’s Ihnen nicht sagen. VATER Sie haben ein schlechtes Gewissen. Also wenn Sie mich fragen. ROSE BLÖDSINN! Das Mädchen hat einen Herzfehler, ja? VATER Oh. ROSE Darum geht es! VATER Dafür können Sie doch nichts. ROSE Das verstehen Sie nicht. VATER Gut. Gut, Sie haben kein schlechtes Gewissen. Pause. VATER Eine Frage noch: Rose schaut. VATER Warum rufen Sie nicht einfach die Polizei? ROSE Würden Sie sich bitte trotzdem an das Tempolimit halten.

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VATER Wären Sie schon mal auf einer italienischen Autobahn gefahren wären, wüssten Sie: Man muss sich nur an die Einheimischen dranhängen, dann kann einem nichts passieren.

90 GIPFEL – AUSSEN – TAG Inzwischen steht die Sonne hoch am Himmel. Vincent und Marie liegen am Fuße des Gipfelkreuzes und saugen mit geschlossenen Augen die Sonne auf. Alex sitzt daneben und kramt ein eingeschweißtes Sandwich aus seinem Rucksack. Er macht es auf. Ein Magen knurrt lautstark. Vincent öffnet ein Auge. ALEXANDER Meiner war’s nicht. VINCENT Meiner auch nicht. Sie blicken zu Marie. Die lässt sich nichts anmerken. VINCENT (ZU ALEXANDER) Krieg ich was? ALEXANDER Nachdem ich scheinbar der Einzige bin, der hier zu vorausschauendem Handeln befähigt ist. Er zieht ein zweites Sandwich aus der Tasche und reicht es Vincent. VINCENT (ERSTAUNT) Danke. Du wirst ja noch zum Menschenfreund. ALEXANDER (KAUEND) Für Marie hab ich keins. Warum auch? Er grinst. Vincent öffnet die Plastikverpackung und legt eine Hälfte des Sandwichs neben Marie. Die andere isst er. ALEXANDER Ich weiß langsam nicht mehr, ob ich dich für deine Naivität verachten oder bewundern soll.

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Marie öffnet die Augen und setzt sich auf. Sie guckt Alex an, dann Vincent. Dann nimmt sie das Sandwich und beißt hinein. Sie kaut etwas mechanisch und schluckt unter Mühen runter. Beißt wieder ins Sandwich, kaut, schluckt runter. Die beiden Jungs sind sprachlos, Alex schwer beeindruckt.

91 BERGHANG – AUSSEN – TAG Im sich auflösenden Nebel rennen drei Gestalten schreiend und lachend den Berghang runter. Total überdreht und glücklich. Marie knickt ein Bein weg, sie stolpert und gerät ins Rollen. Sie rollt und schlittert gut zwanzig Meter und bleibt in dem Bett des kleinen Baches bewegungslos liegen. Vincent und Alex stürzen hinterher. Da liegt sie. Das klare Wasser fließt um sie herum. Vincent kniet sich zu ihr und nimmt sie in den Arm. VINCENT M-Marie? Hey, Marie! Alex kniet sich daneben. Er tastet am Hals nach ihrem Puls. VINCENT Marie! Wa-HA-ch auf! Marie schlägt die Augen auf und nimmt Alex’ Hand weg. MARIE War nur ein Scherz. Sie lacht und steht etwas wackelig auf. Alex und Vincent knien fassungslos im Bach. MARIE Kommt ihr? Marie geht hinkend voraus. In ihrem Gesicht sieht man, dass es kein Scherz war. Im Gegenteil, es war ganz schön knapp. Vincent rennt ihr hinterher. VINCENT Komm, ich helf dir. MARIE Geht schon. Vincent will Marie auf den Arm nehmen. Sie ist viel zu leicht.

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MARIE Hör auf, lass mich... Marie macht sich los.

92 BERGE – AUSSEN – TAG Wir fliegen über die Berge und sehen neben der Autobahn und einer unendlichen Kette von Lastwagen winzig klein Roses Golf, der mit leicht eingedrückter Motorhaube auf einem Rastplatz steht. Hinter ihm ein Polizeiauto mit blinkendem Blaulicht.

93 AUTOBAHN – AUSSEN – TAG Rose und der Vater sitzen im Golf. Ein Polizist steigt hinter ihnen aus dem Streifenwagen. Ein Kollege gibt die Daten durch den Funk. ROSE Man muss sich nur an die Einheimischen hängen. VATER Keine Sorge. Ich regle das. Der Polizist klopft an das Fenster. Der Vater kurbelt es herunter. POLIZIST Le prega d’legittimarsi. VATER Excuse me? POLIZIST Documenti. Ausweis. Der Vater kramt, reicht ihm den Ausweis. Der Polizist vergleicht ihn mit dem Bild. Dann betrachtet er Rose. Die Beiden machen keinen guten Eindruck in ihren dreckigen Kleidern. VATER Das kann man doch sicher unbürokratisch klären.

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POLIZIST Eh? VATER Un-büro-kratisch. Er macht die leiseste Geste mit seinem Geldbeutel. Der Polizist zögert und dreht sich dann zu seinem Kollegen. POLIZIST Eine Moment. Er geht zum Streifenwagen. Der Vater nickt Rose beruhigend zu. VATER Sehen Sie? Rose kann es nicht fassen. ROSE Sie wollen ihm Geld geben? VATER Ein bisschen für die Gattin. Das hier ist Italien. Der Polizist kommt zurück. POLIZIST Das Auto ist gemeldet gestohlen. Dem Vater rutscht das Lächeln aus. ROSE Nein, nein. Das ist ein Missverständnis. Das ist meines. POLIZIST Come? ROSE Mein Auto. VATER

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Ihr Auto. POLIZIST Ihren Lizenz, bitte. ROSE Die Lizenz? VATER (ZU ROSE) Den Fahrzeugschein. ROSE (ZUM VATER) Der Fahrzeugschein? VATER Ja. POLIZIST Allora? ROSE (ZUM POLIZISTEN) Äh, den hab ich nicht. Der Polizist guckt. ROSE Der ist in der Klinik. Der Polizist guckt. VATER (ZUM POLIZISTEN) Sie ist Ärztin. POLIZIST Fahren Sie bitte auf den Seite. Der Vater zögert. Der Polizist guckt. Der Vater lächelt. POLIZIST Habe Sie verstanden? VATER Das, äh, geht nicht.

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POLIZIST Geht nicht. Rose vergräbt das Gesicht in den Händen. VATER Äh. POLIZIST Fahren Sie auf den Seite. Der Vater seufzt. Dann greift er unter das Lenkrad und bringt die beiden Drähte aneinander. Der Wagen startet brav. Der Polizist guckt.

94 BERGHANG HOCHGEBIRGE – AUSSEN – TAG Alex geht stramm voraus. Vincent hat Marie auf dem Arm und geht ein bisschen unsicher über Stock und Stein. Marie streicht ihm über die Wange. MARIE (LEISE) Du kannst mich nicht den ganzen Weg tragen, Vincent. VINCENT Ich lass dich nicht los. Marie küsst ihn. Ein leiser, ehrlicher Kuss. Vincent bleibt stehen. Sie küsst ihn wieder. Diesmal länger. Vincent lässt sie runter. Sie gucken sich lange an. Dann nimmt Marie Vincent bei der Hand. Irgendwo im Moos lässt sie sich nieder und zieht Vincent zu sich. Sie küssen sich. Er streicht über ihren Rücken. Er fährt mit den Fingern ihre Wirbel nach, die sich durch die Haut drücken. Marie dreht sich aus der Berührung und küsst ihn heftig. Sie schlafen miteinander. Einige Bäume weiter kniet Alex. Er guckt den beiden zu, seine Augen liegen im Schatten. Vincent sucht Maries Augen, doch immer wieder weicht ihr Blick ihm aus. Wann immer er ihr Gesicht zu sich holt und sich Offenheit zwischen ihnen einstellt, zieht sich Marie zurück und versteckt diesen Rückzug unter der Vorgabe von Leidenschaft. Vincents Gesicht beginnt zu zucken. Er versucht, einen Tic zu unterdrücken, und der Impuls sucht sich einen anderen Weg: Er tippt Marie sechs Mal auf einen spitzen Knochen, der die Aufmerksamkeit seines Tourettesyndroms erregt. Marie tut so, als hätte sie nichts gemerkt und beide machen mutig weiter, aber irgendwie ist der Moment vorbei und sie versuchen nur, ohne eigene und gegenseitige Verletzung aus der Situation zu kommen. Am Ende liegen sie

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einen Moment still aufeinander. Als Vincents Kopf zur Seite fährt, setzt sich Marie auf. Sie gucken sich an. MARIE Alex wartet. Sie steht auf und geht weiter. Vincent bleibt liegen und kaut auf seiner Lippe. Dann beginnt, sich mit der Faust an den Kopf zu hauen. Er springt auf. VINCENT Marie! Vincent läuft Marie hinterher.

95 BERGPASS / PARKPLATZ – AUSSEN – TAG Marie kommt am Parkplatz an. Vincent steht auf dem Kies. VINCENT Marie. MARIE Was? VINCENT Das Auto ist weg. Und tatsächlich: Der Parkplatz beim Aussichtspunkt ist leer. Vincent kann es nicht fassen. Er rennt zum Abhang und blickt ins Tal. Auf der Serpentine, die sich vom Pass bis weit runter zu einem Städtchen im Tal zieht, sind ein paar Autos, klein wie Ameisen. Unmöglich zu sagen, ob der Benz dabei ist. Marie setzt sich erschöpft auf den Boden. VINCENT Scheiße.

96 POLIZEIBUS – INNEN – TAG Rose und Vater sitzen hinten in einem Polizeibus. Rose starrt vor sich hin. VATER Das ist doch vollkommen absurd! Das ist reine Geldmacherei! Da zocken sie

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die Touristen ab, um ihren maroden Staatshaushalt zu sanieren! VATER Aber ich lasse mir das nicht bieten. IchROSE HALTEN SIE DOCH ENDLICH MAL DIE KLAPPE.

97 VOR POLIZEIREVIER – AUSSEN – TAG Rose beobachtet, wie der Vater gestikulierend auf die Polizisten einredet. Er hat das Handy am Ohr. Ein Polizist bedeutet ihm, das Handy wegzulegen. Der Vater weigert sich. Der Polizist greift danach. Kleines Handemenge infolgedessen der Vater mit Arm auf dem Rücken ins Revier geführt wird.

98 SERPENTINE – AUSSEN – TAG Totale: Vincent und Marie gehen mit lahmen Füßen die Serpentine ins Tal. Marie hat ihre Arme um sich geschlagen. Sie geht mit letzter Kraft und einem regungslosen Gesicht. Vincent geht voraus. Ein Auto kommt. Vincent hebt die Arme und stellt sich in den Weg. Marie nutzt den unbeobachteten Moment und geht hinter eine kleine Scheune am Straßenrand. CUT TO: Marie steckt sich den Finger in den Hals und kotzt. Als sie sich wieder aufrichtet, ist da Vincent. Für einen Augenblick sehen sich beide ertappt und traurig an. VINCENT Da HM- nimmt uns jemand mit. Er dreht sich um und geht.

99 UNTERSUCHUNGSZELLE – INNEN – TAG Rose wird in die Zelle gebracht. ROSE Sie sind dran. Er geht mit dem Polizisten aus der Zelle.

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100 POLIZEIWACHE / TELEFONZIMMER – INNEN – ABEND Rose sitzt in einem Kabuff an einem Holztisch und telefoniert mit einem altmodischen Telefon. Ein italienischer Beamter ist zugegen. ROSE Hör zu, ich hab nicht viel Zeit. Marie ist in Schwierigkeiten. Ich weiß, wo sie sind. Nein, hör zu, bitte. Ich hab mich ganz schrecklich verzettelt, es tut mir leid. Sagt Vincent unbedingt, dass Marie den Herzfehler hat, der weiß das nicht, und dass er sie schleunigst in eine Klinik bringen muss und, und... (Schnieft.) Hier ist die Handynummer, probiert das weiter, und das Kennzeichen, ein Mercedes...

101 LUPO MONIKA – INNEN – TAG Monika fährt. Ihr Handy klingelt. MONIKA Hallo? VATER Ich bin’s. Hast du was erreicht? MONIKA Ich fahr grad vom Flughafen zurück, ich mache, was ich kann. Das Konsulat weiß Bescheid, der Friesinger auch. VATER Gut. MONIKA Robert, die wollen natürlich wissen, ob du heute Abend da bist. Was soll ich denn jetzt sagen? Keine Antwort. MONIKA Robert, hörst du? VATER Sags ab.

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MONIKA Was? VATER Sags ab.

102 POLIZEIWACHE / TELEFONZIMMER – INNEN – ABEND Der Vater legt auf. Der Vater starrt auf das Telefon. Dann wählt er. Seine eigene Mailbox antwortet. VATER Vincent, ich bin es. Ich weiß nicht, ob du das abhörst. Ich... ich wollte dir nur sagen: (Er schluckt.) Ich mache mir Sorgen. Er legt auf.

103 UNTERSUCHUNGSZELLE – INNEN – TAG Der Vater wird zurückgebracht. Rose raucht durch die Maschen am Fenster. ROSE Wie sieht’s aus? VATER Äh, gut. Alles gut. Rose betrachtet ihn nachdenklich. Der Vater stellt sich neben sie an das kleine Fenster. Sie gucken auf ihren Ausschnitt Italien. Ein Luftzug weht ihnen um die Nase. VATER Darf ich mal? Rose schaut überrascht. Dann hält sie ihm die Zigarette hin. Der Vater nimmt sie, betrachtet sie und zieht dann. Er lässt den Rauch mit einem Seufzer aus.

104 MITFAHRGELEGENHEIT – INNEN – ABEND Marie und Vincent sitzen auf der Hinterbank eines Kombis und gucken jeweils

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aus ihrem Fenster. Sie ein wenig entfremdet. Marie guckt zu Vincent. Sie berührt seine Hand. Vincent nimmt die Hand, aber guckt sie nicht an. Marie schaut wieder aus dem Fenster. MARIE HALT! Halten Sie an! Der Mann steigt in die Eisen.

105 BERGDORF SÜDTIROL – AUSSEN – ABEND Vincent und Marie stehen auf einem Dorfparkplatz. Vor ihnen steht zwischen anderen Autos der Benz. Von Alex keine Spur. Vincent probiert die Türen. Sie sind abgeschlossen. Marie guckt sich um. MARIE Alex! VINCENT ALEX! FICKEN! Sie blicken sich um. Leute schauen Vincent neugierig an. Vincent tict. VINCENT WAS GLOTZT IHR DENN!? MARIE Alex! Verdammt!

106 BERGDORF SÜDTIROL – AUSSEN – NACHT Marie und Vincent laufen die Straßen entlang und suchen Alex. VINCENT Scheiße! MARIE Sinnlos. Wir können uns genauso neben das Auto setzen und warten, bis er auftaucht.

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Vincent stutzt. VINCENT Hörst du das? MARIE (LAUSCHT EINE WEILE) Klassik. VINCENT Bach. Er guckt zu einem geöffneten Fenster im ersten Stock einer Pension einige Häuser weiter.

107 PENSION / ZIMMER ALEXANDER – INNEN – NACHT Sie öffnen die Zimmertür und da sitzt Alex, inmitten penibel aufgestellter Möbel, Gardinen und zusammengelegter Handtücher. Er ist frisch geduscht und seine Kleider hängen säuberlich auf Bügeln. Eine Insel zwanghafter Ordnung. VINCENT A-Alex! ALEXANDER Ich hab nicht herein gesagt. VINCENT Spinnst du, wir -FICK- wir haben dich überall gesucht. ALEXANDER Habe nicht darum gebeten. VINCENT Komm jetzt, lass uns gehen. Wir können das Zimmer nicht mal zahlen. MARIE Vincent. VINCENT Was? Marie deutet auf ein säuberliches Bündel Geld auf dem Nachttisch. Vincent

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starrt das Geld an. VINCENT Ist das deins? ALEXANDER Leg das bitte zurück, Marie. VINCENT Du hattest die ganze Zeit Geld? ALEXANDER Das geht dich einen Scheißdreck an, Vinnie. VINCENT W- FICKDICH- was ist das hier für dich? Ein Spaß? Ein Abenteuerurlaub!? Marie winkt müde ab. MARIE Komm, Vincent, gehen wir. ALEXANDER Genau, du abgefucktes Huhn, geh! VINCENT Du beschissener L-Lügner! ALEXANDER Ach, ich bin der Lügner, wie amüsant. Haut ab, ihr Arschlöcher! VINCENT Was soll das? Was sind wir für -HAH- dich, Alex? ALEXANDER Was ihr seid? NICHTS! NIEMAND! KAPIERS ENDLICH, VINNIE, HIER IST NIEMAND NICHTS FÜR KEINEN! VINCENT B-Bullshit! ALEXANDER Ach, glaubst du immer noch, sie fährt mit dir immer weiter, immer nach Süden? Glaubst du, sie ist mitgekommen, weil sie dich so toll findet, Freaky?

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Weil sie deinen reizenden Tics nicht widerstehen kann? Die ist hier, um sich in Ruhe zu Tode zu hungern. Immer weiter, bis es nicht mehr geht, Vincent! Das meint sie nicht geographisch! Die interessiert sich für keinen anderen Menschen außer sich. Ich hab’s dir gesagt! Vincent dreht sich zu Marie. VINCENT Stimmt das? Marie laufen die Tränen runter. ALEXANDER Ach, du weißt es doch selber, Vinnie! Guck sie dir doch an. Die will sich an der Seite von ’nem Deppen wie dir zugrunde richten, damit sie jemanden hat, der ihre Asche aufhebt, wenn sie zu Staub zerfällt. Aber damit hast du ja Erfahrung. Ein Licht geht aus in Vincents Augen. Marie weint hemmungslos. MARIE Alex, hör auf. Du machst alles kaputt. ALEXANDER Und du, Vinnie, bist doch auch aus deinen eigenen Gründen unterwegs. ALEXANDER Rennst schön vor Papa weg und führst Muttis letzten Botengang aus – ich sag dir was, die hat sich ihre letzte Kreuzfahrt auch anders vorgestellt als in einer 50-Cent-Bonbondose – ... Er bekommt mit voller Wucht Vincents Faust ins Gesicht. MARIE (SCHREIT AUF) VINCENT! Doch Vincent ist über die Grenze. Aller Frust, aller Hass und Schmerz fließt jetzt in seine Schläge. Keine Tics mehr. Er prügelt Alex, bis der nicht mehr stehen kann und zieht ihn dann auf dem Bett zu sich. VINCENT Besser noch so beschissen leben wie wir, als so sein wie du. Wir sind jämmerlich, ja? Richtig! Und du? Hängst du dich an so jämmerliche Figuren wie

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uns, um wenigstens einmal ein bisschen Leben abzukriegen. Lieber am Alkohol verrecken wie meine Mutter oder so wie Marie, als so sein wie du. Weil dich, Alex, dich gibt’s eigentlich gar nicht. Vincent lässt Alex fallen und will zur Tür, aber da sitzt Marie, in Tränen aufgelöst. Er will sie von der Tür wegziehen, rauslaufen und einfach abhauen, aber plötzlich fehlt ihm die Kraft. Er lässt Marie los und sinkt neben ihr auf den Boden. Er starrt vor sich hin. Eine lange Weile passiert nichts. VINCENT (LEISE) Wie mein Vater. Marie guckt ihn an. VINCENT Ich bin kein bisschen besser. Alex liegt reglos auf dem Bett. VINCENT Alex? Keine Antwort. Alex bewegt sich nicht. Vincent kriecht zum Bett. VINCENT (FLÜSTERT) Alex. Alex liegt da, starre Augen auf die Decke gerichtet. Er ist übel zugerichtet. Einziges Lebenszeichen sind zwei Tränen, die sich in seinen Augen gesammelt haben. ALEXANDER (LEISE) Wenigstens hast du einen Vater. Ich hab keinen Vergleich. Vincent bricht ein. VINCENT Es tut mir leid. ALEXANDER Warum seid ihr hergekommen, Vinnie? VINCENT Weil wir uns Sorgen gemacht haben, du Arschloch.

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Er nimmt Alex’ Kopf in die Hände und senkt sein Gesicht zu Alex’ Stirn. ALEXANDER Hattet ihr wirklich? VINCENT Ja. Tut es sehr weh? Alex lächelt, die Tränen laufen ihm aus den Augen. ALEXANDER Gar nicht.

108 UNTERSUCHUNGSZELLE – INNEN – NACHT Rose und der Vater sitzen sich mit angezogenen Beinen gegenüber auf der Pritsche. Auf einem wackeligen Emailletisch stehen ratzeputz leergegessene Teller. Anscheinend hat es geschmeckt. Es gibt sogar eine kleine Karaffe mit Rotwein, den Rose und der Vater aus kleinen Wassergläsern trinken. Beide rauchen ihre eigene Zigarette. VATER Wissen Sie, als er klein war, war er noch nicht so. ROSE Ja, so ist das meistens bei Tourette. VATER Ich war der erste in meinem Freundeskreis mit Sohn. Und das von der Frau, die wir alle haben wollten. Mich hat sie genommen. VATER Und Vincent konnte Fußball spielen wie ein kleiner Teufel, sag ich Ihnen. Den konnte ich überall mitnehmen. Ein super Junge. ROSE Und Ihre Frau? Der Vater denkt nach. VATER Das ist komisch. Ich habe kaum Erinnerungen an sie in dieser Zeit.

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ROSE Und wann fing Vincent an, auffällig zu werden? VATER In der zweiten, dritten Klasse, glaub ich. Die Lehrerin sagte, er sei extrem, äh, renitent. ROSE Das hat Ihnen doch gefallen. VATER (LACHT) Ja, natürlich. Wir dachten ja auch, das gibt sich wieder. ROSE Aber es wurde schlimmer. VATER Ja... (Schweigt lange.) Irgendetwas ist gestorben in mir. Verstehen Sie das? Rose nickt. ROSE Wie ist Ihre Frau damit umgegangen? VATER Sie werden lachen, aber ich hatte das Gefühl, sie war erleichtert. ROSE Ah, ja? VATER Als er aus dem Fußballteam geworfen wurde, hat sie ihn mit offenen Armen empfangen. Hat sich mit ihm eingeigelt. ROSE Und Sie? VATER Ich hatte viel zu arbeiten. ROSE

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Verstehe. Rose zieht an ihrer Zigarette. ROSE Woran ist Ihre Frau gestorben, wenn ich fragen darf? VATER Leberzirrhose und sie hatte Wasser in der Lunge. ROSE Kein schöner Tod. VATER Nein, sie ist erstickt. ROSE Waren Sie dabei? VATER Nein, ich hatte meine eigene Wohnung. Als ich kam, war sie schon zwei Tage tot. ROSE Und Vincent? VATER Der saß neben ihr und hielt immer noch ihre Hand. ROSE Nach zwei Tagen? VATER Ja. Hat niemanden angerufen, hat nichts gegessen, saß einfach nur da und hielt die Hand fest. Wir mussten ihn zu zweit losmachen. ROSE Oh Gott. VATER Ja.

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109 UNTERSUCHUNGSZELLE – INNEN – NACHT Die Zellentür wird geöffnet. Der Polizist kommt herein, mit einem Zettel in der Hand. Darauf Roses Foto und Daten. POLIZIST Allora, die deutsche Behörde hat geschickt die Fax mit Ihre DaEr sieht den Vater und Rose, total erschöpft auf der Pritsche eingeschlafen. Der Kopf vom Vater liegt auf Roses Schoß. POLIZIST Ecco... Er dreht sich um und geht leise raus. Die Tür lässt er einen Spalt offen.

110 PENSION / ZIMMER ALEXANDER – INNEN – NACHT Auf dem Bett liegen hintereinander Marie, eingerollt; Vincent mit seinem Bauch an ihrem Rücken und Alex, mit ein bisschen Abstand hinter Vincent. Alle schlafen, nur Alex ist wach. Er betrachtet die Beiden und streckt dann die Hand nach ihnen aus. Er berührt Vincent fast am Rücken, aber zieht dann seine Hand wieder zurück. Nach einer Weile nimmt Vincent seine obere Hand von Marie und streckt sie nach hinten. Alex nimmt die Hand und so schlafen sie ein.

111 KÜSTENORT ITALIEN / HAFEN – AUSSEN – TAG Die Sonne scheint. Möwen streiten sich um Abfälle. Dr. Rose sitzt am Pier und hört ihre Mailbox ab. Sie trägt eine Sonnenbrille. Der Vater kommt von den Fischerbooten. Er hat mittlerweile einen Dreitagebart. Auch er versteckt seine Augen unter einer Sonnenbrille. Die Klamotten der beiden sind mittlerweile auffällig derangiert. ROSE Und? VATER Nichts. Rose löscht eine Nachricht.

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ROSE Im Hotel auch nicht. Der Vater nimmt die Brille ab. VATER Irgendwelche Nachrichten? ROSE Ungefähr siebzehn von Ihrer, äh, Wahlkampfleiterin, drei von irgendwelchen Journalisten, zwei von der Klinik, keine von Vincent. Sie löscht die letzte Nachricht und legt auf. VATER Was hat meine Wahlkampfleiterin gesagt? ROSE Dass Sie politisch ein toter Mann sind. VATER (LACHT BITTER) Großartig. ROSE Wollen Sie nicht zurückrufen? VATER Ich würde lieber meinen Sohn finden. Es muss sie doch jemand gesehen haben. ROSE (GRINST) Sie wollten doch immer, dass Ihr Sohn unauffällig ist, jetzt haben Sie den Salat. Der Vater lächelt müde zurück. Er setzt sich zu ihr. VATER Er hat Recht. Ich habe keine Ahnung von ihm. ROSE Warum dachten Sie, dass er hier ist?

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VATER Da hinten. ROSE Was? VATER Das Foto, das Sie bei Vincent gesehen haben. ROSE Ja? VATER Das war da hinten. ROSE Wirklich? VATER Ich habe es gemacht, ich sollte es wissen. Rose rappelt sich auf und geht rüber, der Vater folgt ihr. Der Blick am Ende vom Pier ist wirklich ausnehmend schön. ROSE Wann war das? VATER 1982. Rose stellt sich an den Rand und atmet die Salzluft ein. VATER Genau, wo Sie jetzt stehen. ROSE Ja, ich erinnere mich. Ein sehr schönes Bild. VATER Ja. Man konnte sehen, wie glücklich sie war. ROSE Ich finde, man sieht noch etwas anderes.

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VATER Was denn? ROSE Man sieht, wie glücklich der Fotograf war. Der Vater schaut sie lange schweigend an. Dann muss er die Sonnenbrille aufsetzen. VATER Es ist so hell hier. ROSE (LÄCHELT) Ja. Der Vater wendet sich zum Gehen. ROSE Wollen Sie nicht wissen, wie die Wahl ausgegangen ist? VATER Kommen Sie. Er geht in Richtung Parkplatz.

112 KÜSTENORT ITALIEN / PARKPLATZ – AUSSEN – TAG Der Golf steht arg lädiert und staubig in der Sonne. ROSE Ich sollte vermutlich zurück in die Klinik zur Schadensbegrenzung. Maries Eltern sind dort. VATER Darf ich mir Ihr Auto leihen? ROSE

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Was wollen Sie machen? VATER Ich würde gerne die Küste fahren. ROSE Ich glaube, man kann nur hoffen, dass die Polizei Ihr Auto genauso schnell findet wie meines. VATER Ja. ROSE Robert? VATER Es gibt einen Flughafen im Norden bei Genua und einen im Süden bei Pisa. Er öffnet das Auto. ROSE Warum wollte Ihre Frau wieder hierher? Was war so besonders? Der Vater guckt sie eine Weile an. VATER Nord oder Süd?

113 GOLF ROSE – INNEN – TAG Die beiden fahren in Gedanken. Dr. Rose kurbelt das Fenster runter und lehnt ihren Ellbogen auf. Dann guckt sie zum Vater. Sie verlassen das Dorf. Roses Blick fällt auf das Ortsschild. Sie dreht sich um und guckt noch einmal. Der Ort heißt San Vincente. Sie guckt zum Vater. ROSE Das ist ja lustig. Der Ort heiSie begreift. Der Vater versteckt sich hinter der Sonnenbrille.

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114 VATERS BENZ – INNEN – TAG Auch der Benz ist wieder auf der Straße. Die Berge sind sanft geworden. Das Licht ist anders. Alex fährt wieder. Sein Gesicht ist grün und blau. Vincent hält seine Hand in die warme Luft und beobachtet, wie der Luftstrom sie hoch und runter drückt. Ab und zu unterbricht ihn ein Tic, dann streckt er die Hand einfach wieder aus. Marie hat die Haare im Wind. Die Gesichter sind geläutert und klar. Keiner sagt was. Die Berge tun sich auf: Diesig breitet sich das Meer vor ihnen aus.

115 AUSSICHTSPUNKT MEER – AUSSEN – TAG Der Benz fährt von der Straße auf einen kleinen Parkplatz aus Kies und Staub. Die Drei steigen aus. Die Luft flimmert, Zikaden schrillen und unter ihnen, ein paar hundert Meter entfernt, rauscht leise das Meer. Es ist überzogen von einer silbernen Haut und verschwindet irgendwo weit weg im Dunst. Ein Tanker kriecht winzig über den Horizont. Alex und Vincent stehen am Rand der Böschung und gucken in die Ferne. Der Wind weht ihnen sanft ins Gesicht. VINCENT Jetzt -HM- sind wir da. ALEXANDER Ja. VINCENT Ja. Sie schauen sich an. Marie steht nicht bei ihnen. Sie drehen sich um und da liegt sie, im Staub beim Auto. ALEXANDER Marie? Der Ton fadet aus. Von nun an Zeitlupe: Vincent rennt zu Marie. Er dreht sie um. Sie rührt sich nicht. Diesmal ist es kein Scherz. Vincent beugt sich über sie und macht das Bild zu.

116 AUSSICHTSPUNKT MEER – AUSSEN – SPÄTER

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Selbe Einstellung wie eben. Vincents Rücken. Zwei Hände fassen ins Bild und ziehen Vincent in eine aufrecht sitzende Position. Es sind die Hände von Sanitätern. Sie versuchen, an Marie ranzukommen, aber Vincent gibt sie nicht frei. Er heult erbärmlich. Nun greifen mehrere Hände nach ihm und Marie. Sie sehen aus wie eine umgekehrte Pietà. Es gelingt den Sanitätern, Vincent und Marie zu entflechten, Vincent hält immer noch Maries Hand. Marie wird auf eine Liege gelegt und man versucht, sie zum Krankenwagen zu bringen. Vincent lässt die Hand nicht los. Zwei Sanitäter und Alex braucht es, um Vincents Hand aufzuzwingen. Die Türe des Krankenwagens schließt sich hinter Marie. Alex bleibt mit Vincent zurück, den er mit aller Kraft festhalten muss. SCHWARZBLENDE

117 STRAND – AUSSEN – TAG Der Ton kommt zurück. Das Meer rauscht. Diesmal nah. Dann das Bild: Die Wellen kommen, eine Generation nach der anderen türmt sich ein bisschen auf, bricht und rollt sich schäumend über dem Sand ein. Vincent sitzt mit dem Rücken zu uns und guckt auf den Kreislauf. Lange passiert nichts. Dann setzt sich jemand neben ihn. Es ist der Vater. Vincent schaut zu ihm. Lange. Dann wieder aufs Wasser. Tränen rollen ihm übers Gesicht. VATER Vincent. VINCENT Geht das immer so weiter? Der Vater weiß keine Antwort. VINCENT W-wenn ja, weiß ich nicht, ob ich das sch-schaffe. Vor Vincent steht die kleine Bonbondose im Sand. Der Vater zeigt drauf. VATER Bekomme ich eins? Vincent schaut ihn an. Er reicht dem Vater die Dose. Der wiegt sie in seiner Hand. VINCENT

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Ich hab sie vergessen, Papa. Vollkommen vergessen. Alles, w-HA- was ich wollte, war, sie ans Meer zu bringen. Und am Ende hab ich sie vergessen. VATER Aber jetzt hast du sie doch hier. Am Meer. VINCENT AH- Ich wollte sie an einen glücklichen Ort bringen, aber -FICKEN- das ist es nicht. VATER Dann warte noch. Er gibt ihm die Dose in die Hand, lässt seine Hand auf Vincents. Vincent schaut ihn an. VATER Hallo..., Sohn.

118 STRAND – AUSSEN – TAG Weiter oben am Strand hockt Alex. Hinter ihm steht Dr. Rose und hat die Hand auf seiner Schulter. Aus ihrem Blick sieht man Vincent und den Vater, ein gutes Stück weit entfernt. ROSE Du siehst übel aus. ALEXANDER Es geht mir gut. ROSE Ja? ALEXANDER (LÄCHELT) Ging mir nie besser. ROSE Alexander, ich muss mich entschuldigen. Die letzten Tage war ich eine katastrophale Therapeutin. ALEXANDER Ah, ja, die letzten Tage...Viel passiert.

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ROSE Ich rede nochmal mit dem Ausschuss, vielleicht kannst du ja bleiben. ALEXANDER Müssen sie nicht. Ich komme nicht zurück. Rose sieht ihn irritiert an. Unten am Wasser bricht Vincent zusammen und der Vater nimmt ihn in den Arm.

119 KRANKENHAUS ITALIEN / FLUR – INNEN – TAG Aufgereiht auf einer Bank sitzen Vincent, der Vater, Alex und Dr. Rose. Alle sind sehr müde. Vincent hat eine Plastikflasche mit Wasser und Sand vor sich stehen und einen Zettel in der Hand, den er klein zusammenfaltet. Eine Tür geht auf und Vincent wird in ein Zimmer gewinkt.

120 KRANKENZIMMER MARIE – INNEN – TAG Marie liegt schmal und blass auf dem Bett. Sie sieht mehr tot aus, als lebendig. Nährlösung wird ihr über einen Tropf ins Blut geleitet, ein EKG überwacht ihr Herz. Vincent stellt sich vor das Bett und wartet. Marie macht die Augen auf. Sie sieht Vincent, lächelt und will etwas sagen, aber die Stimme versagt ihr. Dann realisiert sie langsam, wo sie ist. Ihr Blick fällt auf den Tropf und die Flüssigkeit, die Nährstoffe in ihren Körper schwemmt. Sie bekommt einen Panikanfall und will sich den Zugang herausreißen. Vincent zuckt kurz, aber Marie kann nichts ausrichten, sie ist festgeschnallt. Es ist ein elender Anblick. Marie laufen die Tränen über das Gesicht. VINCENT (LEISE) Marie. Maries Augen finden wieder ihn, sie entspannt sich kurz. VINCENT Marie, HM, deine Eltern sind unterwegs. MARIE (VERSUCHT ZU SPRECHEN.) Vincent, hol... VINCENT

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Du musst noch hier bleiben. Du -HAH- du warst schon tot. Die haben diHI-ch wieder zurück geholt. MARIE (HEISER) Vincent, bring mich hier raus. VINCENT Du wolltest nicht, dass sie dich zurückholen, oder? MARIE ...hier raus. Lass uns abhauen. VINCENT Alex hat Recht, oder? MARIE (IGNORIERT DEN EINWAND.) Nur wir beide, Vincent, ohne Alex. Nach Süden, immer weiter. Vincent laufen die Tränen übers Gesicht. Er reißt sich zusammen und wischt sie sich ab. VINCENT Schau mal, ich hab dir das Meer mitgebracht. Er hält die Flasche mit Sand und Wasser hoch. Marie schaut überhaupt nicht hin. MARIE Bis ans Ende von Europa. Und dann nach Afrika rüber. Vincent stellt die Flasche auf den Nachttisch. VINCENT Ich FICKEN geh jetzt, Marie. MARIE Geh nicht, nimm mich mit, bitte bitte, Vincent. VINCENT Hör kurz zu, Marie. Sie schaut ihn an. Er nimmt ihre Hand. VINCENT

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Ich lass dich jetzt los. Ich vertrau dir. Wir sehen uns wieder. Er legt ihr den Zettel in die Hand und schließt ihre Finger darum. MARIE Vincent. VINCENT Bitte finde mich. O.K.? Er drückt ihr die Hand und geht zur Tür. Marie zerfließt in Tränen. MARIE Vincent, bitte. Du liebst mich doch! Oder Vincent? Vincent geht langsam zur Tür hinaus.

121 KRANKENHAUS ITALIEN / FLUR – INNEN – GLEICH DANACH Vincent kommt durch die Tür auf den Gang. In diesem Augenblick kommt ein gut gekleidetes Ehepaar mittleren Alters, von einem Arzt geleitet, den Gang entlang gelaufen. Maries Eltern. Dr. Rose steht auf. Vincent geht, ohne etwas davon wahrzunehmen den Gang entlang zur Tür.

122 AUTOBAHN – AUSSEN – TAG Der Golf fährt an der bergigen Küste entlang nach Norden. Direkt dahinter der Benz. Darin sitzen der Vater und Vincent, im Golf Alex und Dr. Rose. Rose hat verweinte Augen. Alex und Vincent gucken jeweils aus dem Fenster. Vincents Gesicht spiegelt sich im Glas, dahinter zieht das Meer vorbei. Nach einer Weile legt Vincent die Hand auf den Arm seines Vaters. VINCENT W-HUIA- warte mal. Der Benz bremst und hält an der Seite der Straße. Rose guckt in den Spiegel und sieht, dass der Benz steht. Sie wundert sich und fährt an die Seite. Alex dreht sich um. Im Benz: Vincent lächelt den Vater an. VINCENT Ich komm nach.

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Der Vater will etwas sagen, aber Vincent greift nach hinten und holt seinen Rucksack. Dann steigt er aus. VATER Vincent. Vincent dreht sich um. VATER Gibst du sie mir? Vincent weiß nicht, was er meint. VATER (STRECKT DIE HAND AUS) Ich weiß, wo sie hin will. Vincent schaut ihn lange an. Er holt die Bonbondose aus der Tasche und gibt sie dem Vater. Nach einer kurzen Weile startet der Benz und fährt weiter. Er fährt am Golf vorbei. Rose zögert kurz und setzt dann den Blinker. Auch der Golf fährt wieder auf die Straße. Alex guckt durch die Rückscheibe. Vincent winkt.

123 KÜSTENSTRASSE – AUSSEN – TAG Vincent geht mit seinem Rucksack die Küstenstraße entlang. Hinter ihm liegt diesig das Meer. Kein Geräusch ist zu hören außer dem Wind. Er kneift die Augen zusammen. Vor ihm an einer alten Stadtmauer sitzt jemand. Es ist Alex. Vincent lächelt. ALEXANDER Ich dachte, du könntest ein bisschen Geld gebrauchen. VINCENT Komm. Sie gehen durch das Stadttor. Die Kamera erhebt sich über die Mauern. Sie gehen eine belebte Straße hinunter. Vespas fahren an ihnen vorbei. Marktfrauen schreien sich an. Sie tauchen ein in die Menge und werden ganz klein. Von hier aus kann man gar nicht mehr sehen, ob Vincent noch tict. ENDE

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Bisher sind folgende Drehbücher in der Reihe

DEUTSCHE DREHBÜCHER erschienen:

2008 AUF DER ANDEREN SEITE Von Fatih Akin KIRSCHBLÜTEN – HANAMI Von Doris Dörrie 2009 CHIKO Von Özgür Yildirim NACHT VOR AUGEN Von Johanna Stuttmann NOVEMBERKIND Von Heide und Christian Schwochow 2010 DAS WEISSE BAND Von Michael Haneke DIE FREMDE Von Feo Aladag WHISKY MIT WODKA Von Wolfgang Kohlhaase

2011 ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND

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Von Nesrin und Yasemin Samdereli MIN DÎT – DIE KINDER VON DIYARBAKIR Von Miraz Bezar VINCENT WILL MEER Von Florian David Fitz

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