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BARBARA Christian Petzold

DEUTSCHE DREHBÜCHER

Herausgegeben von Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön für die Deutsche Filmakademie


Über Christian Petzold Christian Petzold wurde 1960 in Hilden geboren. Nach dem Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin studierte er von 1988 bis 1994 Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Während des Studiums arbeitet er als Regie-Assistent bei Hartmut Bitomsky und Harun Farocki und schreibt als Filmkritiker für verschiedene Publikationen. Zu Petzolds vielfach ausgezeichneten Kinofilmen gehören PILOTINNEN (1995), DIE INNERE SICHERHEIT (2001), WOLFSBURG (2003), GESPENSTER (2005), YELLA (2007) und JERICHOW (2008). Viele seiner TV-Spielfilme, zuletzt DREILEBEN – ETWAS BESSERES ALS DEN TOD (2010 / 2011 gemeinsames Projekt mit Dominik Graf und Christoph Hochhäusler) wurden mehrfach ausgezeichnet. Über die Deutsche Filmakademie Die Deutsche Filmakademie e.V. wurde am 8. September 2003 in Berlin gegründet und hat inzwischen über 1300 Mitglieder aus allen künstlerischen Sparten des deutschen Films. Ziel der Filmakademie ist es, für die deutsche Kinolandschaft ein Forum zu schaffen, auf dem relevante Fragen diskutiert werden können, und die Aufmerksamkeit für den deutschen Film und seine Macher zu steigern. Mit Projekten wie „vierundzwanzig.de – Das Wissensportal der Deutschen Filmakademie“ fördert sie die filmspezifische Bildung im schulischen und außerschulischen Bereich. Eine wichtige, wenn auch keineswegs primäre Aufgabe der Akademie ist seit 2005 die Wahl der Preisträger für den DEUTSCHEN FILMPREIS in sechzehn Kategorien und die LOLA-Galaverleihung selbst, auf der diese Preise verliehen werden. Gestützt auf das Votum der besten Fachleute hat der Deutsche Filmpreis die Bedeutung erhalten, die einer nationalen Auszeichnung zukommen sollte. 2012 waren außer BARBARA noch HALT AUF FREIER STRECKE von Andreas Dresen und Cooky Ziesche sowie KRIEGERIN von David F. Wnendt für das „Beste Drehbuch“ nominiert.

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BARBARA Ein Drehbuch von

Christian Petzold Nominiert für den Deutschen Filmpreis

DEUTSCHE DREHBÜCHER Jahrgang 2012

Herausgegeben von Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön für die Deutsche Filmakademie

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Deutsche Filmakademie e.V. (Hrsg.) BARBARA Ein Drehbuch von Christian Petzold Berlin: Pro BUSINESS 2012 ISBN 978-3-86386-232-9 1. Auflage 2012 © Christian Petzold, alle Rechte vorbehalten Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors Produktion und Herstellung: Pro BUSINESS GmbH Schwedenstraße 14, 13357 Berlin Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier Printed in Germany www.book-on-demand.de Gestaltung/Satz: e27 Brauns, Gackstatter, Quintus GbR Herstellungsleitung: Deutsche Filmakademie

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Vorwort

Am Anfang ist bekanntlich das Wort. So auch im Kino. Bevor sich eine Armada von Spezialisten anschickt, einen Film zu realisieren, muss sich ein Autor diesen Film erst einmal ausdenken, Satz für Satz, Szene für Szene. Das ist ein einsamer, aber hoch spannender Prozess. In einem „Making of“ allenfalls eine Einstellung von vier Sekunden, von außen gesehen im buchstäblichen Sinne unscheinbar. Dabei ist diese Arbeit elementar. Ohne sie könnten alle anderen gar nicht erst auspacken. Das Drehbuch ist jenes Medium, womit Regisseure begeistert, Produzenten überzeugt, Schauspieler gewonnen, Finanziers belagert, Kameraleute inspiriert und Teammitglieder geworben werden. Im Grunde besteht jeder Text in unserer Sprache aus unzähligen Kombinationen von knapp mehr als dreißig schwarzen Zeichen auf weißem Papier. Abstrakt gesehen ist es die Imagination und Kunst des Drehbuchautors, sie in einem Text so zu arrangieren, dass so etwas Komplexes wie ein vollständiger Film im Kopf der Leser entsteht. Und selbst wenn Autor und Regisseur ein und dieselbe Person sind, so entspricht die Vorstellung des Films, die er sich aufgrund seines eigenen Drehbuchs macht, niemals dem fertigen Film. Schon gar nicht eins zu eins. Jede Inszenierung entwickelt ihre eigene Dynamik. Und die Improvisation von Schauspielern, der Input eines Teams, die musikalische Interpretation des Komponisten und das Rhythmusgefühl des Cutters verfeinern den Film auf dem Weg seiner Herstellung. Drehbücher zu schreiben, ist eine eigene Kunst. Das Skript ist eine Herausforderung an die Fantasie der Leser. Wie beim Theaterstück. Wer erinnert sich nicht an die Schullektüre der Bühnenklassiker, die einem manchmal recht mühsam erschien? Diese vielen Dialoge mit ein paar kargen Regieanweisungen („tritt auf… tritt ab…“). Aber erst diese Lektüre ermöglicht, zwischen dem Text und seiner Inszenierung zu unterscheiden. Und man versteht, dass ein und dasselbe Stück auf unzählige Weisen realisiert werden kann. Das gilt für das Drehbuch nicht. Abgesehen von wenigen Remakes, erblickt der aus dem Drehbuch entstandene Film nur einmal und endgültig das Licht der Leinwand. Der Regisseur und sein Team hauchen den schwarzen Zeichen auf dem Papier Leben ein. Das Drehbuch ist nichts ohne den Regisseur und sein Team. Doch ohne ein gutes Drehbuch ist auch die ganze Kunst von Regie und allen Gewerken vergebens. Unsere Reihe „Deutsche Drehbücher“ soll die Arbeit herausragender Dreh-

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buchautoren, deren Bücher für den DEUTSCHEN FILMPREIS nominiert wurden, dem Publikum vorstellen. Nun kann sich jeder Filmfreund davon überzeugen, dass ein Drehbuch kein abgeschriebener Film ist. Denn von welchem Film hätte der Autor denn abschreiben sollen? Vielleicht kennen Sie den fertigen Film bereits und lassen sich jetzt überraschen, wie anders doch das zugrunde liegende Drehbuch war. Oder Sie kennen den Film noch nicht und wollen erst einmal das Drehbuch lesen, um zu erfahren, wie der Film im Kopf seines Autors aussah. Oder Sie lesen nur dieses Drehbuch und inszenieren in Ihrem Kopf Ihr ganz persönliches Meisterwerk… Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön

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PERSONEN

Barbara Andre Jörg Stella Mario / Der Junge Angie Klaus Schütz Friedel Schütz Patienten Stationsschwester Schlösser Assistenzärztin Schulze Eine Medizinstudentin Ein Medizinstudent Gerhard, Jörgs Mitarbeiter Steffi Rentner am Auto Friedels Schwester / Die Frau / Frau Hausmeisterin Klavierstimmer Kellner Junge Kellnerin / Die Frau / Die junge Frau Mitarbeiterin Schütz / Die Frau / Frau Angelo Mädchen mit Lungenentzündung / Mädchen Ein Nachbar Andres Pflegepersonal Pförtner Bedienungen im Ausflugslokal Rentnerin am Auto Mitarbeiter Schütz Angies Bruder 3 Vopos Friedels Neffe Jugendliche Torgau Aufseher Torgau Froschmann Dr. Fabricius Bewohner der Kleinstadt

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00 STRASSE ZUM KRANKENHAUS / IM BUS – AUSSEN / INNEN – TAG Ein voller Bus. Schichtbus. Die MENSCHEN stehen und sitzen gedrängt. Es ist früh und still, man schleppt den müden Körper mit sich. Alle haben Taschen oder Beutel. Es ist Spätsommer, die Nacht war frisch. Vom Warten an den verschiedenen Haltestellen im kalten Morgenwind tragen sie alle Jacken. Jetzt wird es warm. Wir sehen in Richtung des Busfahrers, die Landschaft schemenhaft. Der Bus hält. Menschen steigen zu, niemand steigt aus, es wird gedrängt. Jetzt sehen wir BARBARA, stehend zwischen anderen, bunt Gekleideten. Ein gelber Pullunder, leuchtend. Eine rote Jacke, signalrot. Barbara ist still, schaut zwischen den Körpern hinaus durchs Seitenfenster. Wieder hält der Bus. Fast alle steigen jetzt aus. Barbara ist unter ihnen.

01 VOR DER KLINIK – AUSSEN / INNEN – TAG Der Bus hält an einer Haltestelle vor der Klinik. Alle steigen aus. Man sieht das von oben, von einem Fenster aus. Die Passagiere gehen schnell zu ihren verschiedenen Arbeitsplätzen. Gegenüber eine Fabrikation für Kugellager. Dorthin verschwindet ein großer Teil. Der Bus fährt weiter. Menschen gehen auf das Krankenhaus zu, schnell, als ob sie zu spät wären. Nur Barbara, zwischen gelb und rot, bleibt stehen, schaut auf die Uhr, hinauf zu einem nicht sichtbaren Kirchturm. Wartet. Setzt sich auf eine Bank. Zündet sich eine Zigarette an. In dem Ziegelbau im zweiten Stock ist eines der Fenster geöffnet. Ein junger Arzt im weißen Kittel steht dort. Auch er raucht. Er heißt ANDRE. Er leitet die Kinderchirurgie. Er ist einen Schritt zurückgetreten, sodass man ihn von unten nicht sehen kann. Er beobachtet die Frau. Jetzt sind wir bei ihm. Er schaut hinunter. ANDRE Ist sie das? Schritte von hinten, die sich nähern. Jemand, der über Andres Schulter blickt. Hinunter zu der Frau vor der Bushaltestelle. Der Mann trägt einen Anzug. Er ist Mitte vierzig. Er heißt SCHÜTZ. Aber das spielt eigentlich gar keine Rolle. SCHÜTZ Ja. Schütz, der wieder Platz nimmt. ANDRE

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Und was macht sie da? SCHÜTZ Sie wird keine Sekunde zu früh kommen. Andre, der auf die Uhr schaut. Merkwürdigerweise schaut auch Barbara im selben Moment auf ihre Armbanduhr. Jetzt zieht sie an der Zigarette, auch das im selben Moment wie Andre. Für ein paar kleine Momente ähneln sie Synchronschwimmern. SCHÜTZ Die ist eben so. ANDRE Wie ist sie? SCHÜTZ Wenn sie sechs wäre, dann würde man das Schmollen nennen. ANDRE Sie ist aber nicht sechs. SCHÜTZ Arroganz!? Andre, der sich zu Schütz umgedreht hat. Der das „Arroganz“ mit einer Geste wie eine Möglichkeit „anbietet“. Jetzt schaut er wieder zu Barbara. Allein sitzt sie da, wie eine Figur in einer Modelleisenbahnlandschaft. Als ob Schütz, der ja gar nicht mehr am Fenster steht, dasselbe Bild, den gleichen Eindruck hat. ANDRE Ist sie alleine hier? SCHÜTZ Die Inhaftierung wirkte sich zersetzend auf ihren Freundeskreis aus. Andre schaut ihn an. Von Ferne Kirchenglocken. Es ist sieben Uhr. Barbara wirft ihre Zigarette zu Boden, drückt sie mit der Schuhspitze aus, erhebt sich. Sie geht auf das Krankenhaus, auf das Pförtnerhäuschen zu. Klopft an die Scheibe. Das sehen wir jetzt von oben. Andre, der sie noch immer beobachtet. Der sich umschaut zu Schütz. Der ihn betrachtet hat. Der jetzt breit lächelt.

02 KINDERCHIRURGIE / PATIENTENZIMMER – INNEN – TAG

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ZWEI JUNGEN liegen da. Einer, der sein Buch zur Seite legt. Erwartungsvoll aufschaut. Der andere, der mit dem gebrochenen Bein, das ein wenig hochgelegt ist, schaut ganz apathisch. Hinüber zu der Gruppe weiß Gekittelter, die da wartet: ASSISTENZÄRZTIN. STATIONSSCHWESTER. Eine MEDIZINSTUDENTIN. Ein STUDENT. Und Barbara. Andre, eine Kladde unterm Arm, die er aufgeschlagen hat und studiert. Barbara, die das beobachtet, die etwas abseits steht. ANDRE Beginnen wir mit dem Weber B? Dem kleinen Beyer? Angelo? Er schaut die Stationsschwester an, die nickt. Eine JUNGE ASSISTENZÄRZTIN, die wohl zu spät ist, hat den Raum betreten. Kommt zu der Gruppe. Murmelt. ASSISTENZÄRZTIN Musste noch mal hoch auf die sieben. Andre nickt abwesend. Will weitermachen. Die Assistenzärztin schaut sich um. Blickt zu Barbara. ANDRE Frau Doktor Wolff ist ab heute hier bei uns in der Kinderchirurgie. Sie kommt aus Berlin von der Charité und sie hat sich entschlossen, hier bei uns... ASSISTENZÄRZTIN Wir haben uns schon vorgestellt. Um das noch einmal zu unterstreichen, nickt die Ärztin Barbara zu. Barbara erwidert das Nicken. ANDRE Gut. Es geht um den Weber B. Die Schwellung ist vollständig abgeklungen. Wir werden gleich die Drainage ziehen. Er schaut auf. ANDRE Gehhilfen? STATIONSSCHWESTER

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Sind schon beantragt. Die Gymnastik beginnt morgen. Alle reden leise, aber bestimmt, so, als gäbe es gar keine Patienten im Raum. ANDRE 25% Belastung. Die Assistentin notiert. Auch die Studentinnen und die Stationsschwester machen sich Notizen. ANDRE Der Junge hat sich beim Fußballspiel das rechte Wadenbein gebrochen. Wir haben operiert. Titanverschraubt. Die Operation verlief problemlos. Nach Ziehung der Drainage kann mit der Reha begonnen werden. Das alles hat er zu Barbara hin gesprochen. Kurzinformation. Jetzt schaut er sie an. Wartet auf eine Reaktion. Barbara nickt. Ein fast unsichtbares Nicken. Die Gruppe geht jetzt hinüber zu dem Jungen, der da ein wenig apathisch versucht hat, dem Gespräch zu folgen. Andre steht jetzt vor dem Jungen. Redet, während er den Verband vom Fußgelenk abnimmt. ANDRE Guten Morgen, Angelo. Angelo, der ihn misstrauisch anschaut. ANDRE Das sieht doch großartig aus. Du kannst bald wieder spielen. Ja! Denn der Junge ist noch immer misstrauisch. ANDRE Mittelfeld? Der Junge nickt. ANDRE Zentral? ANGELO Rechts. ANDRE

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Dann ist das also hier dein Schussbein. Oder kannst du auch links? Der Junge schüttelt den Kopf. ANGELO Nicht gut. Den hab ich nur, damit ich nicht umfalle. ANDRE Hat dein Trainer gesagt. Angelo nickt. ANDRE Der Paulick? Wieder nickt der Junge. Andre scheint, hier jeden zu kennen. Verwurzelt in dieser Provinz, wo jeder jeden kennt. Wahrscheinlich ist er auch im Verein, spielt auch Fußball, weil man das so macht hier, denkt sich Barbara. Der Verband ist jetzt ab. Man sieht die Narbe. Die Fäden, den Drainageschlauch, der aus dem Fleisch ragt, die Flüssigkeit, die in einen Behälter getropft ist. Andre löst die Pflasterstreifen, die den Schlauch fixiert haben. ANDRE Mit dem muss ich mal reden! ANGELO Wieso? Fast ängstlich. ANDRE Dein Gegenspieler weiß doch sofort, dass du über rechts gehen musst, um flanken zu können. Solltest die Reha nutzen, an deinem linken Fuß zu arbeiten. Während er so spricht, hat er den Drainageschlauch fest gepackt. Der Student verzieht in ängstlicher Erwartung das Gesicht. Das sieht der Junge. Der ahnt, dass ihm etwas zugefügt werden wird. ANDRE Was glaubst du, was für ein tolles Gefühl das sein wird, nach innen gehen zu können und dann mit links... Ein Schmerzensschrei des Jungen, der sich, kurz bevor Andre den Schlauch aus

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dem Bein reißt, gegen den Eingriff zu wehren versucht hat. Die Stationsschwester, die ihn auf das Bett drückt, fixiert. Andre presst jetzt eine Binde auf die Wunde. Der Junge weint, wird weiter gehalten. Die Stationsschwester, die aus ihrer Kitteltasche eine Tüte mit Pfefferminzbonbons hervorgeholt hat und sie dem Jungen als Belohnung überreichen will. Der Junge hat kein Auge dafür. Die Stationsschwester, die ihm beruhigend die Stirn streichelt. STATIONSSCHWESTER Das hast du ganz tapfer gemacht. Schau mal. Die magst du doch.

03 KRANKENHAUSKANTINE – INNEN – TAG Eine kleine Kantine. Ein kleines Krankenhaus. Ein kleines Buffet. Andre, der gerade sein Tablett gefüllt hat und jetzt auf den Tisch am Fenster zugeht, an dem die anderen sitzen. Auf dem Tisch eine rote Nelke in einer kleinen Vase. Er schaut sich um, sieht Barbara, die gerade am Buffet steht. Er setzt sich an den Tisch. Gemurmeltes „Mahlzeit!“. Er beginnt zu essen, schaut wieder hinüber zu Barbara. Spürt, dass ihn die anderen anschauen. Die Assistenzärztin hat sich auch umgedreht, auch zu Barbara, ist Andres Blick gefolgt. Für einen Moment ist ihm das unangenehm. ANDRE Dass Sie geseufzt haben und sich abwendeten, das hat dem Jungen Angst gemacht. Er ist völlig verkrampft und so haben sich seine Schmerzen vervielfacht. Der Student ist rot geworden. STUDENT Es tut mir leid. Andre isst weiter, ohne ihn anzuschauen. Schaut ihn nach einer Weile an. Er ist ganz nüchtern und kalt. Das beginnende Amüsement über sein offensichtliches Interesse an der neuen Ärztin fast weggewischt. Jetzt kommt Barbara mit dem Tablett vom Buffet. Am Tisch der Ärzte ist ein Platz frei. Vielleicht hätte Andre sie einladen sollen, vielleicht hat er aber gedacht, dass sie sich sicherlich an ihren Tisch setzt. Er redet weiter. Auch das vielleicht, um ihre Aufmerksamkeit zu erheischen. ANDRE

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Die ganze Fußballgeschichte war da umsonst. Und jetzt glaubt er sie auch nicht mehr. STUDENT Entschuldigen Sie, aber der Junge hätte doch auf jeden Fall gemerkt, warum Sie die Geschichte erzählt haben. ANDRE Stimmt, aber vielleicht glaubt man die Geschichten, die einem aus taktischen Gründen erzählt werden. Er jedenfalls wird ein Rechtsfuß bleiben. Barbara, die vorbeigeht. Andre, der sie ein wenig erwartet hat und auf den freien Stuhl am Tisch weisen will. Da hat Barbara, mit kurzem Seitenblick, schon ein „Mahlzeit!“ gemurmelt. Und dann ist sie vorbei. Andres einladende Geste erstirbt. Barbara erreicht einen Tisch am Fenster. Da sitzt sie allein. Halb abgewendet. STUDENTIN Berlin. ASSISTENZÄRZTIN Aber so was von. Andre reagiert nicht, obwohl die beiden Frauen ein wenig in seine Richtung gesprochen haben.

04 BUSHALTESTELLE – AUSSEN – TAG Die Bushaltestelle neben dem Pförtnerhäuschen. Barbara. Sie steht. Wartet. Sie liest nicht, unterhält sich nicht. Sie raucht, den Ellbogen des Zigarettenarms gestützt auf die Hand des anderen. Menschen, die in Gefängnissen gewesen sind, kennen diese Haltung von den Hofgängen der Gefangenen – so stehen sie an den Rändern des Hofes, einsame Souveränität. Jetzt sehen wir Barbara aus einem Wagen heraus. Wie beobachtet. Jetzt sind wir wieder bei ihr. Den Blick gesenkt, auf ‚Standby‘ geschaltet, würde man heute, 29 Jahre später, sagen. Ein Motorengeräusch, das sich nähert. Sie schaut nicht auf. Das Motorengeräusch jetzt nah. Da steht ein Wagen. Und in ihm sitzt Andre, der sich zum Beifahrersitz hinüberbeugt und das Seitenfenster hinunterkurbelt. ANDRE Kann ich Sie mitnehmen? Barbara, die in die Richtung, aus der der Bus kommen soll, blickt.

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ANDRE Das dauert. Ich hab auch oft hier gestanden. Einen Moment denkt Barbara nach. Dann geht sie hinüber zum Wagen. Andre, der ausgestiegen ist, um ihr die Tür aufzuhalten. Barbara, die diese Höflichkeit nicht abwartet, sie vielleicht auch nicht erwartet hat, öffnet die Beifahrertür selbst. Andre ‚verhungert‘ vorne an der Motorhaube auf halbem Weg, ist irritiert. Steigt wieder ein. Sie fahren los.

05 ANDRES WAGEN – INNEN / AUSSEN – TAG Er fährt. Sie schweigt. BARBARA Danke. Zu spät, zu leise. Andre nickt, murmelt irgendein „Keine Ursache“ oder Ähnliches. Dann schweigen sie wieder. Damit kommt Barbara scheinbar besser zurecht, vermisst keine Konversation. Sie schaut aus dem Seitenfenster in die Landschaft. Andre sucht ein Gespräch. Das sieht man ihm an. Soll er über einen der Patienten sprechen? Irgendwas wie „Gefällt Ihnen unser kleines Krankenhaus am Rande der Stadt?“ (Eine populäre Serie aus der Tschechoslowakei, die auch im Westfernsehen erfolgreich war.) Es dauert das Schweigen im Wagen. Dann spricht Andre. ANDRE Und? Gefällt es Ihnen? Barbara schaut ihn an. ANDRE Die Station. Die Arbeit. BARBARA Ich bin gerade einen Tag hier. Wie soll ich mir da ein Urteil bilden? Wieder Schweigen, das Barbara besser erträgt als Andre. ANDRE Sie sollten sich nicht so separieren! Barbara schaut ihn an. Ein Lächeln. Ein wenig abfällig.

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BARBARA Separieren? Andre, der vielleicht glaubt, dass sie etwas missversteht und seinen Satz als Reaktion auf das Schweigen im Wagen deutet, erklärt sich. ANDRE Die Leute hier sind empfindlich. Charité, Berlin, Großstadt. Da fühlen die sich ganz schnell wie zweiter Klasse. Barbara schaut ihn an. Ganz offen. Noch immer amüsiert. ANDRE Sie verstehen, was ich meine. Barbara nickt. Einen Moment lang ist Andre erleichtert. BARBARA Haben Sie deshalb „separieren“ gesagt? Er ist verwirrt. Was meint sie? Er schaut sie an. BARBARA Weil Sie nicht wie zweite Klasse wirken wollten? Das ist gemein und kalt. Wie eine Ärztin, die die Wirkung eines Medikaments interessiert studiert, betrachtet Barbara Andre. Der nickt plötzlich. Lächelt. ANDRE Ah, Absondern ist zweite Klasse, Separieren erste. Barbara ärgert sich über sein Lächeln. Schaut nach vorn. Schweigen. Lang. BARBARA An der Kreuzung hätten Sie mich fragen müssen. ANDRE Was? BARBARA Rechts oder links. Jetzt versteht Andre.

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ANDRE Aber wir sind doch richtig! Barbara schaut ihn nicht an. Schaut nach vorn. Schüttelt den Kopf. ANDRE Also was hätte ich Sie fragen müssen? Jetzt schaut sie ihn an. BARBARA Sie hätten mich fragen müssen, wo ich wohne. Aber das wissen Sie ja bereits. Und Sie hätten mich fragen müssen, warum ich hier in der Provinz gelandet bin. Aber auch das wissen Sie bereits. Er schaut sie an. BARBARA Jetzt tun Sie nicht so erstaunt. Die haben doch mit Ihnen geredet. Sie sind doch präpariert. Und ich separiere mich jetzt. Andre ganz still. Betrachtet Barbara. Mag er ihre direkte Art, das Umschweiflose? Und verachtet er das nicht auch ein wenig? Arroganz, die in den Westen will, die da spricht? BARBARA Halten Sie bitte an! Andre schüttelt den Kopf. Schaut hinüber zu ihr. ANDRE Geht nicht. BARBARA Was? Andre schaut sie an. ANDRE Ich kann nicht. Bin präpariert. Ich muss doch eine Beziehung aufbauen zu Ihnen. Wird nicht einfach werden. Sie starrt ihn an. Seine Ironie. Er lächelt, entschuldigend. Was soll ich tun? So

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sind sie nun mal die Verhältnisse. BARBARA Jetzt halten Sie an! Wut in ihr. Er schaut hinüber zu ihr. Schüttelt den Kopf. Lächelt er? Bremst. Der Wagen hält. Barbara öffnet die Tür. ANDRE Bis morgen. Sie schaut ihn nicht an. Schließt die Tür. Andre wendet den Wagen. Schaut in die Richtung, in die Barbara geht. Ein Torbogen. Dahinter ein Mietshaus, Teil einer Siedlung aus den zwanziger Jahren. Er sieht noch, wie Barbara auf das Haus zu geht. Sie schaut sich nicht mehr um, auch als er Gas gibt und sie das Aufheulen des Motors hätte hören müssen.

06 BARBARAS WOHNUNG – INNEN – TAG Sie hat geduscht. Sie geht durch die Wohnung. Ein Badetuch um die Haare. Einen Bademantel. Die Wohnung ist möbliert. Spärlich. Alles macht einen leicht verwahrlosten Eindruck. Ein altes Klavier. Zwei Koffer. Einer ist geöffnet. Kleidung. Bücher. Noch nicht ausgepackt. Barbara macht sich in der kleinen Küche einen Tee. Geht zum Klavier öffnet den Deckel. Schließt ihn wieder. Ein Knarzen. Sie schaut zu Boden. Eine lose Diele, der Nagel steht heraus, sie drückt ihn zurück ins Holz. Sie geht ans Fenster. Schaut hinaus. Ein Wagen am Ende der Straße. Sonst ist es still. In dem Wagen sitzt ein Mann. Barbara geht zu der verschlissenen Couch. Sie setzt sich. Sie trinkt. Die Hände um die Tasse, als ob sie friert. Sie schaut hinunter zu den beiden Koffern. Der eine ist aus dem Westen. Ein Samsonite Hartschalenkoffer. Rot. Klein. Für das weibliche Handgepäck entwickelt. Sie geht zu dem Koffer. Öffnet ihn. Entnimmt einen Haartrockner, ein Gerät aus dem Westen, originalverpackt. Sucht die Steckdose. In Augenhöhe neben dem Schlafsofa. Die ist offen, das Gehäuse zersprungen. Vorsichtig führt sie den Stecker ein. Es brizzelt, aber der Kurzschluss bleibt aus. Sie beginnt, sich zu föhnen. Fast hätte sie das Klopfen an der Tür überhört. Sie stellt den Fön ab. Hält inne. Wie erschreckt. Dann geht sie zum Fenster, schaut hinaus in Richtung des Wagens. Geht dann zur Tür. Öffnet einen Spalt. Da steht eine Frau. Barbaras Alter. Ein Kittel, ein Schlüsselbund, die HAUSMEISTERIN. Etwas Verbittertes an ihr, was vielleicht zum Bild‚ Hausmeisterin‘ gehört und dem sie Genüge tut. Vielleicht ist das Leben aber auch wirklich nicht gut zu ihr gewesen. Man hat den Eindruck, dass die Frau unbedingt einen Blick in die Wohnung werfen möchte. Immer wieder taucht ihr Augenpaar im Spalt auf und Babara kommt

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sich fast lächerlich vor, wie sie den Spalt immer wieder verengt. HAUSMEISTERIN Tach, Bungert, ich muss Ihnen den Keller zeigen. BARBARA Jetzt gleich? HAUSMEISTERIN Nachher habe ich keine Zeit.

07 KELLER – INNEN – TAG Die Hausmeisterin, die den Kellerverschlag öffnet. Vier, fünf Schlüssel ausprobiert. Barbara, die zurücksteht. Bei jedem Fehlversuch schaut die Hausmeisterin Barbara an. Ihr Gesichtsausdruck nicht richtig zu deuten. Ist es der Ärger über die Unordnung der Schlüssel, die ihr der Vorgänger überlassen hat? Oder taxiert sie die Frau vor ihr, die da steht, im Bademantel, fröstelnd? Und es macht doch ein wenig Freude, eine Ärztin, die sich scheinbar mehr um ihren Körper als um ihre Arbeit kümmert und einen Ausreiseantrag gestellt hat, um das süße Leben zu genießen, ein wenig warten und leiden zu lassen. Jetzt passt ein Schlüssel, sie öffnet die Türe, betritt den Verschlag. Ein paar Briketts, die noch auf dem Boden im Kohlenstaub liegen. HAUSMEISTERIN Bestellen müssen Sie schon jetzt. Ne Tonne brauchen Sie. Mindestens. Eineinhalb, würde ich sagen. Sie scheinen ja gerne zu baden. Irgendwie scheint das anzüglich. Irgendwie redet man so nicht mit einer Ärztin. Barbara überhört das, während sie den Keller betrachtet. In der Ecke ein rostiges Fahrrad. Jetzt dreht sie sich zu der Frau um. Die hat den Schlüssel gelöst. Barbara streckt die Hand nach dem Schlüssel aus. Die Hausmeisterin vielleicht verwundert über die Sprachlosigkeit Barbaras. HAUSMEISTERIN Donnerstag sind Sie dran mit dem Treppenhaus. BARBARA Das sagten Sie bereits. HAUSMEISTERIN Feucht. Im Winter trocken.

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Barbara nickt. Endlich gibt ihr die Frau den Schlüssel.

08 BARBARAS WOHNUNG / BADEZIMMER – INNEN – NACHT Im Vordergrund, im Flur, das aufgebockte Fahrrad. Barbara, die gerade einen der Reifen geflickt hat. In Gummihandschuhen drückt sie ihn unter Wasser. Bläschen steigen auf. Sie trocknet den Schlauch, markiert die Stelle. Radio. Eine Art Feature, wie man das im Westen nennt. Ein Musikstück, das gerade verklingt. Dann ein Kommentator: „In seinen späten Jahren neigte er zur Melancholie. Ein Kritiker schrieb: ‚Hinter dieser Schwermut ist immer der hoffende Mensch spürbar.‘ Es spielt das Gewandhausorchester Leipzig...“ Hier eine Sendung des DDR-Hörfunks suchen. Die Musik zieht hinüber in die...

09 KRANKENHAUS – INNEN – TAG ... Kinderchirurgie. Vom Flur aus sieht man in den Aufenthaltsraum. Man kann Barbara sehen, die gerade ihre Spindtüre schließt. Aus dem Radio, ein Halbröhrengerät, das irgendjemand einmal mitgebracht hat und das noch ein Senderfeinstimmungsauge besitzt, ist Musik zu hören. Barbara ist barfuß. Will gerade ihre bequemen Schuhe anziehen. Auf dem Tisch eine Tasse Kaffee. Plötzlich Poltern. Türenschlagen. Ein gellender Schrei, ganz tief und verzweifelt, als ob eine Hand einen Mund zugehalten hätte und der Mund jetzt einen Moment befreit wäre und der Schrei sich den Weg bahnt. Barbara, die aus der Tür des Zimmers getreten ist. Am Ende des Flures, ganz hinten, sind DREI UNIFORMIERTE MÄNNER, die ein junges Mädchen halten, das sich wehrt. Physische Gewalt.

10 KRANKENZIMMER / BEHANDLUNGSRAUM – INNEN – TAG Eine Pritsche. Darauf das Mädchen. Es ist 15,16 Jahre alt. Gekleidet wie die Punks aus dem Westen, nur eben mit Sachen aus dem Osten. Das Flanellhemd eines Bauarbeiters, Lederstiefel von der NVA. Das Mädchen macht einen verdreckten Eindruck, eine sogenannte Asoziale. Noch immer sind die drei Männer mit der Fixierung beschäftigt, von hinten hält ihr einer den Mund zu. Die Hand unter dem Kinn, den Kopf an sich gepresst. Angst vor Bisswunden. Andre, der eine Spritze aufzieht. Und immer wieder die gepressten und manchmal gellend lauten Schreie des Mädchens, das STELLA heißt. STELLA Es tut weh, es tut so weh.

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Barbara, die auch im Raum ist, die die Akte studiert. Andre, der sie kurz beobachtet, dann mit der Spritze, die eine Beruhigungsspritze ist, zu Stella hinübergeht. Stella, die die Spritze sieht und sich aufbäumt. Und wirklich wirkt das alles wie ein epileptischer Anfall. Andre ist jetzt bei ihr und ganz erstaunt, dass er von der Pritsche fortgeschoben, fast gerissen wird. Barbara, die ihn resolut zur Seite schiebt. Die jetzt vor Stella steht. Stella, die sie angsterfüllt mit geweiteten Augen anstarrt. Barbara, die Stella die Hand auf die Stirn legt. BARBARA Lassen Sie sie los! Die Uniformierten starren Barbara überrascht an. Schauen jetzt an ihr vorbei hin zu Andre, der das Sagen hat, den sie kennen. Er nickt fast unmerklich. Barbara hat sich nicht umgedreht, hat ihn nicht gefragt. Sie schaut das Mädchen an. BARBARA Sie werden dich jetzt loslassen. Ganz leise, ganz bestimmt. Die Männer, die das Mädchen loslassen. Vielleicht haben sie erwartet, dass es aufspringt, angreift, sich selbst, die anderen. Das Mädchen bleibt liegen. Blut aus ihrem Mund, sie hat sich wohl auf die Zunge gebissen. Die Männer, die noch immer bei dem Mädchen stehen. Barbara, die sie fortschickt. Eine Geste. BARBARA Stella? Das Mädchen starrt sie an. Sagt nichts. BARBARA Kannst du das? Und Barbara macht etwas vor. Berührt mit ihrem Kinn ihre Brust. BARBARA Versuche es. Das Mädchen versucht es wohl, man sieht es kaum, ganz laut heult sie auf. Ein Schmerz durchströmt sie. BARBARA Schon gut.

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Sie ist bei ihr. Die Hand sanft auf ihrem Kopf. ANDRE Verdammt. Ganz leise hört man ihn. BARBARA Ich bin gleich wieder da. Es wird alles gut werden. Warte hier. Und sie geht hinaus. Fordert die anderen auf, ihr zu folgen.

11 KRANKENHAUS / GANG – INNEN – TAG Andre. Barbara, die zu ihm tritt. Er nickt. Anerkennend. Schuldbewusst. ANDRE Hirnhautentzündung! Barbara nickt. ANDRE Zecken? BARBARA Wahrscheinlich. ANDRE Haben Sie die Stiche gesehen? Barbara schüttelt den Kopf. BARBARA Sie hat sich oben in den Auen versteckt. Sechs Tage lang. Ist ein Zeckengebiet. Stand in der Akte. ANDRE Ich lese die sonst immer, ich hab einfach... BARBARA Wir müssen eine Liquorentnahme vorbereiten.

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ANDRE Ja. Er schweigt einen Moment. Schaut an Barbara vorbei. Die Scham. Und das Nachdenken. Die Assistenzärztin, die das Gespräch mitgehört hat. ASSISTENZÄRZTIN Lumbalpunktion? ANDRE Ja. Bereiten Sie das bitte vor. ASSISTENTÄRZTIN Und wie soll das gehen? Die wird glauben, dass wir sie umbringen wollen.

12 KRANKENZIMMER – INNEN – TAG Barbara neben Stella. Sie spricht mit ihr. Erklärt ihr etwas. Andre, der im Raum steht, nur Flüstern hört. Das dauert. Er schaut immer wieder verstohlen zu den beiden, das Flüstern im Ohr. Er hat eine Spritze präpariert, die die Rückenmarksflüssigkeit aufziehen soll. Eine furchtbare Spritze. Als er wieder aufschaut, blicken ihn die beiden Frauen an. Barbara weist auf die Tür. Zeigt mit den Fingern die Zahl zwei. Andre versteht. Er holt ZWEI PFLEGER in den Raum. Währenddessen hat Barbara Stella geholfen, sich aufzurichten. Sie zieht ihr das Hemd aus. Steht jetzt vor ihr. BARBARA Mach dich ganz krumm. So. Und Barbara macht ihr die Bewegung vor. Das Mädchen versucht es. Es wimmert vor Schmerz. BARBARA Es wird furchtbar wehtun. Aber es wird dir nichts passieren. Das Mädchen umarmt Barbara plötzlich. Die Angst. Und Barbara hält sie und flüstert ihr ins Ohr, während die Männer ihren Rücken so unfassbar verbiegen, damit Andre mit der Spritze zwischen die Wirbel kommt. Es sind leise Schreie und die Männer müssen den zuckenden Körper halten und ihre Gesichter sind rot vor Anstrengung. Die Arme des Mädchens verkrampfen sich um Barbara, die noch immer auf sie einredet, während die Nadel in Stella eindringt.

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13 IM KRANKENZIMMER STELLAS – INNEN – TAG Das Mädchen Stella liegt da, im Dunkeln, Abgedunkelten. Barbara betritt das Zimmer, schon nicht mehr im Kittel. Sie hat eigentlich schon Schluss. Barbara hat sich zu dem Mädchen gesetzt. Jetzt kann man hören, was das Mädchen spricht. Fieberwahn. Flüstern. STELLA Nein. Nein. Barbara, die das Mädchen beruhigend streichelt. Die Vorhänge sind nicht ganz geschlossen und Barbara steht auf und schließt sie. In diesem Moment geht die Türe auf. Andre betritt das Zimmer, tritt an das Krankenbett. Ist überrascht, als er plötzlich Barbara wahrnimmt, die am Vorhang steht, gerade zurück zum Bett geht. Auch Andre ist schon in privater Kleidung. Jetzt stehen sich die beiden gegenüber, Stella zwischen ihnen, die jetzt aufseufzt, dann still ist. Barbara fühlt den Puls. Andre, der nach Worten sucht. Beginnt. ANDRE Das Mädchen ist schon viermal eingewiesen worden und jedes Mal hat sie... BARBARA Stella. ANDRE Was? BARBARA Das Mädchen heißt Stella. Andre schaut sie an. ANDRE Ja. Stella ist schon viermal eingewiesen worden und jedes Mal hat sie simuliert, weil sie nicht zur Arbeit wollte. Er sucht weiter nach Worten, um sein Verhalten zu erklären. Setzt an, bricht ab. Barbara knöpft sich die Jacke zu. BARBARA Können wir darüber morgen sprechen? Ich muss jetzt los.

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ANDRE Ich kann Sie mitnehmen. BARBARA Ich habe ein Fahrrad. Andre starrt sie an. BARBARA Bis morgen. Und sie geht. ANDRE So etwas darf eigentlich nicht passieren. BARBARA Nein. Ganz ernst ist sie. Und dann ist sie draußen. Und Andre steht vor Stella. Betrachtet das Mädchen, das dort vor ihm liegt. Dann folgt er Barbara.

14 LANDSTRASSE / IM AUTO – INNEN / AUSSEN – TAG Aus dem Wagen. Wir passieren den Schlagbaum des Krankenhauses, passieren die Bushaltestelle. Jetzt sehen wir Andre am Steuer, suchend schauend. Vor ihm eine unbefestigte Straße. Er kann am Ende der Straße Barbara auf ihrem Fahrrad sehen. Sie biegt ein, nach links der Straße nach, gerät aus seinem Blickfeld. Er gibt Gas. Er will sie sprechen. Es nagt an ihm, die Schuld, der Vorwurf. Jetzt ist auch er um die Kurve herum. Irritiert, denn die Straße vor ihm ist leer. Er fährt langsamer, schaut nach rechts, nach links, in den kleinen Wald hinein. Barbara im kleinen Wald. Schaut sich um. Andres Wagen auf der Straße, der langsam vorbeifährt. Barbara schiebt das Fahrrad vorsichtig, um nicht erkannt zu werden, zwischen den Bäumen hindurch zu einem Feldweg. Als sie sieht, dass sie sicher ist, nicht erkannt werden kann, steigt sie wieder auf. Fährt los. Den holprigen Feldweg entlang. An einem alten Telegrafenmast vorbei, der da so einsam steht wie die Vogelscheuche im ‚Wizard of Oz‘. Biegt ein auf einen befestigten Weg. Neben einer Bahnstrecke. Immer wieder schaut sie sich um. Die Bahnstrecke entlang. Jetzt kommen einzelne Häuser, leerstehende Häuser der Reichsbahn, ziegelsteinverfallen, glassplitterübersät. Neben einem versteckt sie ihr Fahrrad. Aus der Ferne das Zuggeräusch eines Schienenbusses.

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15 IM ZUG – INNEN – TAG Barbara am Fenster, sie schaut hinaus. Sie hat sich nach hinten gesetzt. Keiner der anderen Passagiere schaut sich um zu ihr. Draußen das flache und vom Frühling eingefärbte Land. Leuchtend gelb der Raps. Es wird Sommer.

16 RESTAURANT AN DER ELBE – INNEN – TAG Ein Ausflugslokal. FDGB. In den Zwanzigern ein großer, beliebter Biergarten, der schon bei Nabokov Erwähnung findet. Jetzt ist er verbraucht, die Substanz abgewirtschaftet, nicht erneuert. Barbara, die das Lokal betreten hat. Ein großer Saal. Tischreihen. Eingedeckt. Gespenstisch leer. Sie schaut hinein. Macht ein paar Schritte in den Saal. Ihr suchender Blick. KELLNER Haben Sie nicht gelesen? Von weit her spricht der Kellner. Jetzt sieht ihn Barbara am Ende des Saals. Auf einer Leiter. Er tauscht Glühbirnen aus. Bellend seine Stimme. KELLNER Sie werden platziert. Als ob er den Text zitiert, den Barbara scheinbar übersehen hat und der doch groß über dem Pult am Eingang angebracht ist. KELLNER Bitte draußen warten! Das noch ein wenig lauter und Barbara geht ein paar Schritte zurück aus dem Sichtfeld des weißlivrierten Kellners. Ein Gang, der zu den Toiletten führt. Barbara geht, sucht, schaut. Da sind die Toiletten, sie passiert sie. Zwei Bullaugen in einer Schwingtür. Die Küche. Die Türen stehen auf. Barbara schaut in die Großküche. Ein merkwürdiges Bild. Ein gutes Dutzend FRAUEN, auf dem Boden liegend, die Beine an den Wänden hochgelegt. An den Füßen die Kellnerinnenschuhe. Leinen / Bast. Flüsternde Unterhaltungen. Jemand pfeift eine Melodie. Barbara betrachtet das Bild. Eine der Frauen hat sie jetzt entdeckt. DIE FRAU Toiletten sind vorne.

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Die anderen schauen jetzt auch zu Barbara. Barbara macht einen Schritt zurück in den Gang, in Richtung der Toiletten. Wartet da. EINE DER FRAUEN kommt um die Ecke, schaut Barbara an. Geht voraus auf die Damentoilette. Barbara folgt ihr.

17 AUSFLUGSLOKAL / DAMENTOILETTE – INNEN – TAG Barbara und die junge Frau. Hinter den Kabinen, in einer Ecke. Barbara hat am Waschbecken gewartet. Die junge Frau, die gerade die Toilette betreten hat. Ein lautes Signalhorn ist zu hören. Die junge Frau steigt auf den Radiator, zieht sich hoch, schaut aus dem Klappfenster. Blickt hinaus. DIE JUNGE FRAU Da kommt es schon, das Scheiß Schiff. Barbara, die sie irritiert betrachtet, die auf etwas wartet. Eine Klingel, die wohl die Kellnerinnen zur Arbeit ruft. Die Frau, die wieder hinuntersteigt, am Bund ihres Rockes nestelt. Einen Zettel herausholt. Ihn Barbara gibt. Und ein kleines Paket. DIE JUNGE FRAU Hier. Ich muss los. Da ist sie schon bei der Tür. Dreht sich noch mal um. DIE JUNGE FRAU Sag mal, du bist doch Ärztin. Barbara nickt. DIE JUNGE FRAU Die Beine hochlegen, bringt das was? BARBARA Wegen Krampfadern? Die junge Frau nickt. BARBARA Bringt was.

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DIE JUNGE FRAU Viel? Barbara nickt. Die junge Frau lächelt. Dann ist sie weg. Barbara, die den Zettel und das kleine Päckchen an ihrem Körper verbirgt.

18 IM ZUG – INNEN – TAG Ganz leer der Schienenbus. Wieder sitzt Barbara hinten. Der einzige andere Passagier ist eine Frau, die vorne sitzt und scheinbar eingeschlafen ist. Ihr Kopf, ans Fenster gelehnt, sackt immer wieder ab und wird vom Unterbewussten gehalten. Barbara nimmt den Zettel. Schaut die Frau an. Dann liest sie. Immer wieder. Bewegt ihre Lippen, als ob sie lerne. Dann nimmt sie den Zettel. Zerreißt ihn in kleine Stücke. Sie schiebt das Fenster hinunter. Die Schnipsel im Wind.

19 FELDWEG / TELEGRAFENMAST / STRASSE HINTER DEM TORBOGEN – AUSSEN – NACHT Barbara, auf dem Feldweg, passiert den Telegrafenmast. Hält an. Versteckt das kleine Paket unter dem Mast. Schaut sich um. Erde über das Versteck. Dann steigt sie wieder auf ihr Fahrrad. Fährt los. Sie biegt auf die Straße ein. Sie fährt. Das Geräusch des Dynamos. Im flackernden Licht sieht sie ein am Straßenrand geparktes Auto. Für einen Moment könnte man meinen, dass dort noch immer Andre sitzt. Als sie das Auto passiert, erkennt sie zwei Männer darin. Hört, wie hinter ihr der Wagen angelassen wird. Das Auto kommt jetzt näher, ist jetzt neben ihr. Der Beifahrer, der die Scheibe hinuntergekurbelt hat. Es ist der Mann, der bei Andre war: Schütz. SCHÜTZ Ausflug gemacht? Babara, die weiterfährt, parallel zum Wagen. Sie nickt. SCHÜTZ Ist ja auch eine schöne Gegend hier. Schweigend geht die Parallelfahrt weiter.

20 BARBARAS WOHNUNG – INNEN – NACHT Die beiden Männer. Jetzt in Barbaras Wohnung. Einer der beiden, Schütz, sitzt in einem Sessel. Der andere durchsucht die Wohnung. Schweigend, langsam und 30


genau. Arbeitsteilung. Schütz betrachtet Barbara. Liest in ihr, sucht Reaktionen wie ein Kindergeburtstagspiel: Heiß / Kalt. Barbara ist still, gelassen, innerlich emigriert. Sie kennt das schon. Es klopft an der Tür. Barbara rührt sich nicht. Einen Moment lang schauen sich alle an. Dann geht der eine der Männer an die Tür. Öffnet. EINE FRAU betritt den Raum. Stellt ihre Tasche ab. Öffnet sie. Holt einen Gummihandschuh heraus. Einen Chirurgenhandschuh, wie ihn Barbara auch zur Reparatur des Fahrrads benutzt hat. DIE FRAU Kommen Sie bitte? Die Frau hat die Badtüre geöffnet. Bittet Barbara hinein. Zieht den Handschuh über. Schließt die Türe.

21 BARBARAS WOHNUNG – INNEN – TAG Barbara im Bett. Zusammengerollt. Das Tageslicht tanzt durch wehende Vorhänge. Sie betrachtet das Lichtspiel ganz abwesend. Sie hat geweint. Jetzt sieht man sie total. Die Wohnung durchsucht, in Unordnung. Es klopft an der Tür. Sie will gar nicht aufmachen. Es klopft noch einmal. Energischer. Barbara erhebt sich. Geht zur Tür. Öffnet sie. Da steht Andre. Sie schaut ihn an. Senkt müde den Blick. Die Nachbarin, die Hausmeisterin gegenüber, die ihre Tür geöffnet hat. Schamlose Neugierde. ANDRE Guten Morgen! BARBARA Ich weiß, ich bin zu spät. Können Sie melden: „Die W. gab an, Kopfschmerzen gehabt zu haben.“ ANDRE Ich kenne Ihren Dienstplan nicht. BARBARA Ach, hören Sie auf! Andre dreht sich zu der Schamlosen um. Und die schämt sich wirklich nicht. ANDRE Darf ich kurz hinein? Barbara denkt kurz nach. Die Müdigkeit. Keine Kraft.

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BARBARA Sie fragen wenigstens. Und sie hält ihm die Tür auf. Er betritt die Wohnung. Steht ein wenig verloren da, schaut sich um. Barbara in ihrem Morgenmantel. Bleibt an der Tür stehen, die sie gerade geschlossen hat. ANDRE Sieht ja furchtbar aus. Er schaut sie an. Sie schaut ihm in die Augen. Komm zum Punkt, soll das heißen. ANDRE Sie sind durchsucht worden. BARBARA Nein, ich bin unordentlich. Andre schaut sie an. Nickt. ANDRE Das Serum ist da. Barbara schaut ihn überrascht an. Schüttelt den Kopf. Glaubt es nicht. BARBARA So schnell? Andre, der in der Wohnzimmertür steht und das Chaos betrachtet. ANDRE Die Steckdose da, die ist gemeingefährlich. Barbara geht darauf nicht ein. Schaut ihn an und wartet. ANDRE Stella lässt sich keine Infusionskanüle legen. Nur von Ihnen, hat sie gesagt. Und ich möchte das Mädchen nicht noch einmal fixieren.

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Barbara nickt. ANDRE Ich kann Sie im Wagen mitnehmen. Danach können Sie wieder nach Hause, sich ausschlafen. Pause. Versucht, etwas Leichtigkeit in diese furchtbare Situation zu bringen. „Musste die W. aufgrund ihrer Schmerzen nach Hause schicken.“ Barbara, der das Ironische gefällt, die es aber zu verbergen weiß. BARBARA Gut. Fünf Minuten. Und sie nimmt sich Kleidung aus dem Koffer neben dem Bett. BARBARA Ich habe gerade einen Tee gemacht, wenn Sie möchten... ANDRE Nein, danke. Barbara ist mit der Kleidung im Bad verschwunden. Andre wartet. Schaut sich um. Der Samsonite-Koffer. Er spielt ein wenig an den Schlössern herum, die wie hydraulisch sind. Großartige Technik. Er macht das zwei, dreimal. Kindliche Begeisterung. Schlechtes Gewissen. Er dreht sich zur Badezimmertür, die geschlossen ist und sich jetzt öffnet. ANDRE Furchtbare Wohnung hat man Ihnen zugeteilt. Aber ein Klavier haben Sie. BARBARA Wollen wir? Andre nickt. Geht. Zeigt noch einmal auf das Klavier. ANDRE Spielen Sie? BARBARA Ist völlig verstimmt. ANDRE

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Also spielen Sie! Dann sind sie draußen.

22 IM WAGEN – INNEN – TAG Andre, der fährt. Barbara neben ihm, die Hände in den Manteltaschen, als ob sie friert. ANDRE Ihnen ist kalt. Barbara zuckt mit den Schultern. ANDRE Ich kann die Heizung aufdrehen. BARBARA Es ist Juli. ANDRE Na, und? Schweigen. Andre, der versteht, dass Barbaras Frösteln etwas mit der Durchsuchung zu tun hat. ANDRE Warum wurden Sie durchsucht? BARBARA Warum wohl. ANDRE Passiert das oft? BARBARA Ich war für ein paar Stunden nicht auffindbar. ANDRE Wo waren Sie denn? Barbara lacht.

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BARBARA Wollen Sie mich auch durchsuchen? Schweigen. Andre ist das ein wenig unangenehm. Barbara schaut nach vorne. ANDRE Das Mädchen ist schwanger. BARBARA Was? ANDRE Stella ist schwanger. BARBARA Hat sie das Ihnen gesagt? ANDRE Ich habe es bei der Herstellung des Serums entdeckt. Barbara starrt ihn an. BARBARA Sie haben das Serum hergestellt? ANDRE Das hätte sonst vier Tage gedauert, mindestens. Muss ja erst nach Rostock… BARBARA Und Sie haben ein Labor? ANDRE Ja. BARBARA In der Klinik? ANDRE Ja.

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23 IM KRANKENHAUS / ZIMMER STELLA – INNEN – TAG Barbara am Krankenbett von Stella. Sie reden miteinander, während Barbara die Kanüle in Stellas Vene einführen will. BARBARA Das Serum wird schnell anschlagen. Übermorgen kannst du wieder lesen. Und zum Fenster hinausschauen. Stella schaut hinüber zu Andre. Ein abweisender Blick. STELLA Er soll rausgehen. Barbara schaut sie an, dann zu Andre. Vielleicht will sie ihn gerade verteidigen, erzählen, dass er das Serum hergestellt hat, dass er ein guter Arzt ist. Aber Andre nickt. Geht hinaus.

24 VOR DEM KRANKENZIMMER – INNEN – TAG Andre beobachtet die beiden. Er sieht Stella lachen, das verwundert ihn. Auch Barbara lacht. Auch das verwundert ihn. Dann geht er zu seinem Arztzimmer. Hinter sich hört er eine Tür gehen. Er sieht Barbara am Ende des Ganges, wie sie gerade Stellas Zimmer verlässt und den Gang zum Treppenhaus entlanggeht.

25 KRANKENHAUS / BIBLIOTHEK – INNEN – TAG Barbara zwischen den zwei Buchregalen der sehr bescheidenen Bibliothek. Da stehen zwei Handwagen mit Büchern, die einmal in der Woche zu den Patienten, die bettlägerig sind, gefahren werden. Barbara sucht zwei Bücher aus. Liest ein wenig darin, so als kenne sie die Bücher und erinnere sich gerade. Ihre Lippen bewegen sich einmal, als ob sie lautlos eine Passage mitlese. Dann füllt sie einen Ausleihschein aus.

26 KRANKENHAUS / STELLAS ZIMMER – INNEN – TAG Stella am Tropf. Barbara, die den Tropf überprüft. Stella, die eines der Bücher anschaut. Stella darf sich nicht anstrengen, darf nicht selbst lesen. Der Raum darf

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nicht zu hell sein, ist getaucht in dämmriges Licht. Barbara setzt sich zu Stella. Liest ihr vor. Leise hat Andre die Tür geöffnet. Hört mit. Lange Momente. Barbaras schöne, leise Stimme. Plötzlich schaut Barbara auf, sieht Andre da stehen. Der gestikuliert, zeigt auf seine Uhr. Dann hält er ein imaginäres Lenkrad. Barbara nickt. Liest weiter, ein, zwei Sätze. Das Mädchen ist eingeschlafen. Barbara streicht ihr über den Kopf. Legt das Buch auf den Nachttisch. Erhebt sich. Nimmt ihren Mantel. Geht zu Andre. Beide hinaus.

27 KRANKENHAUSFLUR – INNEN – TAG Die beiden, die den Flur entlanggehen. Richtung Treppenhaus. Richtung Ausgang. Passieren die Stationsschwester. Aus dem Aufenthaltszimmer kommt Musik. Als sie das passieren, schauen zwei Krankenschwestern auf, die am offenen Fenster rauchen. ANDRE Was macht der Kopfschmerz? BARBARA Besser. Wenn Stella schwanger ist, wäre das eine Katastrophe für das Mädchen. Barbara ist stehengeblieben. Auch Andre ist jetzt stehengeblieben. BARBARA Die nehmen ihr das Kind weg. ANDRE Will sie es denn? Barbara zuckt mit den Schultern. BARBARA Sie weiß es ja nicht. ANDRE Haben Sie nicht gefragt? Barbara schüttelt den Kopf. BARBARA Und Sie sind ganz sicher?

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Andre nickt. BARBARA Kann ich Ihr Labor mal sehen? ANDRE Sie wollen es selber analysieren? Barbara schaut groß, ist sich über den kleinen Affront bewusst, zuckt mit den Schultern. Andre muss plötzlich breit grinsen. Über die Unverschämtheit, aber auch über das Gesicht Barbaras, das so offensichtlich schuldbewusst tut und ihn an ein Mädchen aus seiner Klasse erinnert, die er sehr mochte, die man die Freche nannte. Aber all das behält er für sich. Er muss einfach lachen. Sie gehen den Gang zurück. Wieder am Aufenthaltsraum des Klinikpersonals vorbei. Da sitzen noch immer die beiden Frauen von eben. Trinken einen Kaffee, schauen Andre und Barbara hinterher. ANDRE Die schauen so, als ob ich Sie in mein achtes Zimmer führte. Wieder lacht er. Barbara ist das alles zu nah. Sie geht darauf nicht ein.

28 KRANKENHAUS / LABOR – INNEN – TAG Barbara am Mikroskop. Blickt durchs Okular, dann auf die Kladde daneben. Andre steht am Fenster. Das Labor im Erdgeschoss. Draußen die Vögel, die man hören kann, weil Andre das Fenster geöffnet hat, denn Babara raucht. Er nimmt einen Aschenbecher, geht zu ihr. Sie schaut ihn jetzt an, nickt. BARBARA Eine gute Arbeit. ANDRE Sie können das Labor jederzeit benutzen, wenn Sie wollen. Und er zeigt auf die Gerätschaften, auf das Labor, das Angebot im Raum. Barbara schaut sich um. Zieht sich dabei die Handschuhe aus. BARBARA Haben Sie das zusammengestellt? ANDRE

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Sind noch nicht alle Geräte, die ich wollte. Nächste Woche soll ich eine Zentrifuge aus Prag bekommen. Wieder schweigt Barbara. BARBARA Was machen Sie eigentlich hier in der Provinz? Aufpassen, dass sich niemand separiert? Der Sarkasmus ist zurück. Andre, der sich vorgenommen hat, das zu überhören. ANDRE Mir gefällt es hier. BARBARA Sollen Sie mich überzeugen? ANDRE Wovon? BARBARA Den Ausreiseantrag zurückzuziehen? Andre schaut sie an. Denkt nach. Mustert Barbara. Die macht weiter. BARBARA Die Arbeiter und Bauern haben für Ihr Studium gesorgt. Und jetzt haben Sie die Verpflichtung, ihnen davon etwas zurückzugeben. Wieder dieses ironische Sprechen. Und Barbara mustert Andre, sucht das spöttische Lächeln, das sie von den Verhören kennt. Andre schaut sie ruhig an. ANDRE Das ist doch eigentlich nicht falsch. Ganz ruhig und bestimmt hat er das gesagt. Barbara zieht an ihrer Zigarette. Weicht seinem Blick aus. Steht auf. Macht ein, zwei Schritte. Will sie gehen? Oder will sie argumentieren und nimmt sich Zeit zum Überlegen. Jetzt schaut sie auf das Bild an der Wand. Über dem Sofa die Reproduktion eines Gemäldes,

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Rembrandts „Die Anatomie des Dr. Tulp“. Sie betrachtet es.

ANDRE Würde schon gerne mal nach Den Haag. Barbara schaut ihn an. Vermutet wieder so einen Verhörtrick. ANDRE Da hängt der Rembrandt. Im Mauritshuis. BARBARA Antrag stellen. Sie hebt bedauernd die Schultern. Macht die Zigarette aus. Steht auf. Will gehen. Andre, der sitzengeblieben ist. BARBARA Ich muss nach Hause. Und gehen will sie. Andre, der keine Anstalten macht.

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BARBARA Sie hatten mir gesagt, ich könnte nach Hause gehen. ANDRE Ist Ihnen nichts aufgefallen? Barbara schaut ihn an. ANDRE Das Bild! Sie schaut ihn an, schaut das Bild an. ANDRE Da stimmt etwas nicht. Barbara zögert. Will vielleicht etwas Schnippisches antworten wie „Soll das ein Quiz werden?“ Aber sie schaut doch auf das Bild. ANDRE Der da liegt heißt Aris Kind. Er ist ein paar Stunden zuvor wegen Diebstahls gehängt worden. Die Anatomie leitet Dr. Tulp. Barbara, die noch immer das Bild betrachtet. Lange. Konzentriert. Andre sieht sie an, diesen stillen Moment. Verwundert, dass sie wirklich nach der Irritation im Bild sucht. Und auch Barbara ist verwundert, hier zu stehen. Ein Ehrgeiz in ihr, den sie lange versteckt gehalten hat. BARBARA Sie hätten erst den Unterleib öffnen müssen. ANDRE Stattdessen haben sie die linke Hand seziert. Barbara macht jetzt einen Schritt auf das Bild zu. BARBARA Da ist ein Fehler. Die Hand stimmt nicht. Sie betrachtet die Sehnen, die Handstellung. BARBARA Sie ist vertauscht. Es ist die rechte Hand. Und sie ist zu groß.

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ANDRE Ich glaube nicht, dass Rembrandt einen Fehler gemacht hat. Er steht jetzt neben Barbara. Zeigt auf den Atlas. ANDRE Sehen Sie den Atlas. Ein Anatomieatlas. Alle hier starren darauf. Er und er, alle. Die Hand hier ist gemalt wie eine Abbildung aus dem Atlas. Rembrandt malt etwas in das Bild hinein, das wir nicht sehen können, nur die hier. Die Abbildung einer Hand. Und er malt sie falsch. Barbara schaut ihn an. Andre ist bei dem Bild, gar nicht dozierend, Barbaras Aufmerksamkeit überprüfend. ANDRE Und dieser Fehler irritiert uns. Durch ihn sehen wir nicht mehr durch die Augen dieser Ärzte. Wir sehen ihn, Aris Kind, das Opfer. Seinen Leib. Sind mit ihm. Und eben nicht mit denen hier. Die, die sehen Abbildungen. Sie sehen nicht ihn. Rembrandt malt das als Fehler. Und dadurch sind wir bei ihm. Und er zeigt auf Aris Kind. Und dann auf die Ärzte. ANDRE Und nicht mit denen hier. Er schaut sich zu Barbara um, die hinter ihm steht. Ein wenig unbehaglich ist ihm. War das jetzt angeberisch? Das Labor, der feinfühlige Arzt, der sein Wissen präsentiert. Und denkt Barbara, die da vor dem Bild neben dem Sofa steht, dass sie womöglich die 27. Frau ist, die er so beeindruckt und dann aufs Sofa bringt? BARBARA Ich bin müde. Ich muss nach Hause. Hab Nachtschicht. ANDRE Ich auch. Ich fahre Sie. BARBARA Brauch ein bisschen Luft. ANDRE Gut.

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Er nickt und sie geht. ANDRE War ein bisschen angeberisch. Barbara, die stehengeblieben ist. Andre, der sie anschaut. ANDRE Das Labor und dann noch die Bildinterpretation. BARBARA Nur ein bisschen. Bis morgen. Dann geht sie. Hat sie gelächelt? Andre setzt sich auf das Sofa. Im Aschenbecher auf dem kleinen Tisch glimmt Barbaras Zigarette. Für einen Moment schaut er sie an. Ein Geräusch. Er schaut aus dem Fenster. Er kann Barbara zwischen den Bäumen erkennen. Barbara läuft, um den Bus zu erreichen. Dann sehen wir ihn, der ihr hinterher schaut. Dann noch einmal die Zigarette.

29 HAIN / FELDWEG – AUSSEN – TAG Barbara auf ihrem Fahrrad. Sie fährt, langsam und stetig. Sie ist von ihrer Wohnung gekommen, hat wohl gerade das Fahrrad geholt. Einen Korb hat sie dabei. Will sie unten in der Stadt einkaufen? Jetzt überquert sie eine kleine Brücke. Barbara fährt. Ab und zu schaut sie sich um. Sie fährt schon lange, Schweiß auf ihrem Antlitz. Immer wieder schaut sie auf ihre Uhr. Ein Wald.

30 WALD AN DER LANDSTRASSE – AUSSEN – TAG Barbara, die ihr Fahrrad versteckt. Den Korb nimmt. In den Wald geht. Durch die Bäume hindurch ist fern die Landstraße zu sehen. Der Verkehr, das Rauschen. Jetzt bleibt sie stehen. Sie schaut auf die Uhr. Sie schaut sich um. Sie setzt sich unter einen Baum. Wartet. Ein Pilz unter dem Laub. Sie betrachtet ihn. Sie zieht den Korb zu sich. Nimmt ein Küchenmesser mit Plastikgriff heraus. Sie schneidet den Pilz knapp über der Wurzel. Legt ihn in den Korb. Jetzt hört man ein Motorengeräusch, das nicht vorbeizischt. Barbara schaut auf. Durch die Bäume ein Wagen. Er hat die Landstraße verlassen. Hält am Waldrand. Ein Mann steigt aus. Er geht in den Wald. Barbara beobachtet ihn. Der Mann schaut sich um. Stellt sich an einen Baum. Der Mann pinkelt. Barbara schleicht sich an den Mann heran. Jetzt ist sie hinter ihm. Ganz leise ist

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sie gewesen. Der Mann hat sie nicht bemerkt. Jetzt ist sie ihm ganz nahe. Lehnt sich gegen ihn. Der Mann muss lachen, denn er pinkelt wirklich und es verlangt ihm alles ab: die Frau, die er liebt, die da plötzlich in seinem Rücken aufgetaucht ist, und das Pinkeln. Jetzt dreht er sich um. Die beiden schließen sich in die Arme. Der Mann heißt JÖRG WAGNER. Er arbeitet für Mannesmann. Er ist im Außendienst Ost. Er ist geschäftlich in der DDR. Er wohnt in Düsseldorf-Benrath. Ein 2-Zimmer Appartement mit Blick auf das Schloss, zehn Minuten vom Rhein entfernt. Er trägt einen sehr schönen Trenchcoat, den er, während er und Barbara sich küssen, abstreift, auf dem Boden ausbreitet und Barbara darauf bettet. Unnatürlich gehetzt sind die beiden. Sie schlafen miteinander und obwohl das alles so hektisch, gehetzt und wie ausgehungert wirkt, scheinen die beiden doch gefasst und bei Bewusstsein. Immer wieder schauen sie durch die Bäume hin zur Straße. Auf der Straße. Der Wagen. Der wartende Mann, der Wache hält. Der so tut, als lese er in einer Straßenkarte. Der ab und zu verstohlen in den Wald schaut. Der auf die Uhr schaut. Dem das alles nicht geheuer ist, hier wie auf einem Präsentierteller zu stehen, nur weil Jörg sein Mädchen treffen will. Aber Jörg ist der Chef. Kann der sich nicht auch einfach eine Nutte holen? Verdammte Scheiße. Er heißt GERHARD und man sagt Gerd zu ihm. Er ist Mitte vierzig und findet die DDR das langweiligste Land der Welt. Der Kaffee schmeckt Scheiße und alles ist verranzt und das einzig Gute ist das schwarz getauschte Geld, die Objektive aus Jena und dass die Mädchen einem nicht folgen können. Barbara und Jörg. Jetzt liegen sie nebeneinander. Angestrengt haben sie sich, nicht gehört zu werden, von irgendwelchen imaginären Zeugen, aber auch vom Mann, der da Wache hält. Während sie miteinander geschlafen haben, hat Barbara den Korb umgestoßen und Jörg betrachtet jetzt den Pilz, das Messer, den Korb. JÖRG Ist ja ’ne süße Tarnung. Barbara schaut den Korb an. Jörg küsst sie. JÖRG Rotkäppchen. Barbara schüttelt den Kopf. BARBARA Pilzsucherin. JÖRG Kennst du dich denn aus mit Pilzen?

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Barbara nickt, genießt die Küsse. JÖRG Dann musst du mir mal eine Suppe kochen. Sie dreht sich um zu ihm, beide lächeln. BARBARA Die mach ich dir, wenn du mich betrügst. Das Geräusch eines Wagens, der sich nähert. Beide schauen auf. Jörg, der Barbara einen Zettel gibt. Und ein kleines Paket. JÖRG Hast du den Samsonite noch? BARBARA Ja. Beide stehen jetzt. Alles wieder schnell und hektisch. Das leise Sprechen. Nur das Notwendige. Den Pilzwitz haben sie der Hektik abgerungen. JÖRG Der ist wasserdicht. Den wirst du brauchen. BARBARA Mit dem Boot? Jörg macht eine Geste wie: Sieht danach aus. Noch nicht sicher. BARBARA Wann? JÖRG Bald. Sehr bald. Sie küssen sich. Flüstern in Barbaras Ohr. Jörg schaut zwischen den Bäumen hindurch zum Wagen. Ein Trabant hat dahinter gehalten. Zwei Leute sind ausgestiegen. Ein Mann und eine Frau. Sehen aus wie RENTNER. Hoffentlich ungefährlich.

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JÖRG Brauchst du sonst was? BARBARA Weiß nicht. JÖRG Sag was, ich besorge es dir! BARBARA Mir fällt nichts ein. JÖRG Na komm, irgendwas. Es macht mir Spaß, dich zu beschenken, glaub mir. Sie schaut ihn an. Sie zuckt mit den Schultern. Türenschlagen. Wir sind wieder bei Gerhard. Die beiden Rentner haben ihm wohl helfen wollen, haben ihm wohl den Weg beschrieben. Jetzt interessieren sie sich für den Westwagen. Gerhard ist behilflich. Und genervt, aber er versteckt das. Der Mann berührt jetzt das Lenkrad. DER MANN Ist gepolstert. GERHARD Ja. DER MANN Habe gelesen, dass es jetzt schon beheizbare gibt. GERHARD Nee, nee, im Winter muss ich auch Handschuhe anziehen. DER MANN Und was bringt der so? GERHARD Zweihundert. DER MANN Aber nicht hier auf den Scheißstraßen. Aus dem Unterholz taucht Jörg auf. Nestelt wie ein schlechter Schauspieler am Hosenschlitz.

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JÖRG Guten Tag. Wieder bei Barbara. Barbara verbirgt sich hinter einem Baum. Beobachtet, wie Jörg den Wagen erreicht. Sieht ihn einsteigen. Sieht den Wagen davonfahren. Etwas angeberisch, denn Gerhard möchte den beiden Neugierigen eine kleine Show abliefern.

31 IM WAGEN – INNEN – TAG Gerhard am Steuer. Schaut in den Rückspiegel. Auch Jörg dreht sich jetzt um. Doch niemand folgt. Gerhard persifliert die beiden Neugierigen. GERHARD Ist das ein Mercedes? Was kostet der? Wie lange ist die Wartezeit? Wir haben auf unseren Kleenen hier acht Jahre gewartet und das war noch schnell... Gerhard schaut Jörg an. GERHARD Deine Knie sind dreckig. Müssen wir also vorher noch ins Hotel. JÖRG Sieht so aus. GERHARD Hoffentlich hat es sich wenigstens gelohnt. Jörg schaut Gerhard an. Legt den Finger an die Lippen.

32 IM WALD – AUSSEN – TAG Barbara. Jetzt geht sie durch den Wald. Sie liest den Zettel. Sie zündet sich eine Zigarette an, verbrennt den Zettel. Es dämmert. Im Korb das Geschenk. Sie nimmt das Geschenk heraus, öffnet die Verpackung. Intershop-Stillleben. Ein Parfüm, „Opium“, vier Schachteln Zigaretten, eine kleine Flasche Chivas Regal. Ein Schokoladenherz, ein Zettel. Ich liebe dich. Sie nimmt sich eine Zigarette. Um sie herum haben die Vögel das Singen eingestellt, denn es wird bald Nacht werden. Barbara, die aufsteht. Ihr Fahrrad sucht. Es ist verschwunden. Panik. Misstrauen. Sie schaut sich um. Der Baum. Der Strauch. Hier muss es doch ge-

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wesen sein. Die Dämmerung lässt sie nichts mehr wiedererkennen. Sie schaut auf die Uhr. Sie muss los. Die Schicht. Sie läuft los. Und dann sieht sie das Fahrrad, es liegt da am Wegesrand. Sie hebt es auf. Beide Reifen platt. Die Ventile geklaut. Barbara flucht. Sie muss das Fahrrad schieben. Sie geht los. Über die Brücke. Blick zur Uhr. Jetzt läuft sie schneller. In die Weite und die Dämmerung hinein.

33 KRANKENHAUS – AUSSEN – NACHT Barbara außer Atem. Sie hat das Krankenhaus erreicht. Der Fahrradständer. Sie eilt zum Portal. Das alles vom Laborfenster aus gefilmt. Oder von Andres Zimmer.

34 KRANKENHAUS / PERSONALRAUM – INNEN – NACHT Barbara, die sich umzieht. Am Spind steht. Jetzt setzt sie sich, um in die bequemen Schuhe zu schlüpfen. Die Müdigkeit. Seit 36 Stunden ohne richtigen Schlaf. Der kilometerlange Laufschritt. Fast eingeschlafen wäre sie. Die Augen geschlossen, den Kopf gesenkt. Sie schüttelt sich. Zieht die Pumps aus. Schaut auf ihre Füße. Die sind blutig. Die Pumps, die sie für Jörg angezogen hat, mit denen sie durch die Nacht gerannt ist. Schnell wischt sie das Blut mit einem Zelltuch ab. Schlüpft in die bequemen Schuhe. Geht hinaus. Den Gang entlang. ANDRE Wollen Sie auch einen Kaffee? Ganz überrascht ist sie, ein paar Meter den Gang hinunter Andre hinter sich zu sehen. Sie starrt ihn an. Andre sieht ihre Müdigkeit. ANDRE Ich glaube, Sie könnten einen gebrauchen. Barbara nickt. Andre, ein kurzes Lächeln. Dann geht er den Kaffee holen. Barbara schaut ihm hinterher. Dann geht sie zu Stella.

35 KRANKENHAUS / STELLAS ZIMMER – INNEN – NACHT Stella starrt Barbara an. Sie hat vorgelesen. Aus „Tom Sawyer“. Hat abgebrochen. Wieder angesetzt. Wieder abgebrochen. Die Müdigkeit. Die Erschöpfung. Das kleine Leselicht.

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STELLA Was ist mit dir, Frau Doktor? Barbara, die das Duzen Stellas mag. Lächelt müde. BARBARA Ich bin müde. STELLA Dann schlaf doch. Barbara, die fast unmerklich den Kopf schüttelt. BARBARA Kann nicht. Stella, die im Bett ein wenig zur Seite rutscht, Platz macht, den sie Barbara anbietet. Barbara, die lächeln muss. Stella, die ihre Hand nimmt. STELLA „Der Mond ist aufgegangen, die gold’nen Sternlein prangen am Himmel hell und klar; der Wald steht schwarz und schweiget...“ Stella singt die ersten zwei, drei Strophen. Am Fenster Andre, der hineinschaut. Barbara, die sich erhebt. STELLA Komm... BARBARA Ich komme später noch einmal. Dann lese ich weiter. STELLA Die sagten, ich könnte schon alleine lesen. Barbara nickt. STELLA Dann werden sie mich bald abholen? Barbara schaut sie einfach nur an. STELLA

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Kannst du irgendwas für mich tun, Frau Doktor? BARBARA Ich schau mal. STELLA Ich kann nicht nach Torgau zurück. Ich halt das da nicht aus. Barbara schaut sie an. STELLA Frau Doktor, ich krieg ein Kind. Das muss weg. BARBARA Willst du es wegmachen lassen? STELLA Nein, nicht so. Weg von hier, von Torgau. Weg aus diesem Scheißland. Andre in der Tür. Barbara schaut ihn an. Schaut Stella an. Barbara geht zur Türe. Noch einen Blick zu Stella. Sie nickt.

36 KRANKENHAUS / GANG – INNEN – NACHT Andre mit zwei Tassen Kaffee. Barbara, die zu ihm tritt. Die Tür hinter sich zuzieht. Andre, der ihr eine Tasse anbietet. Barbara, die sie nimmt. Die Tasse entgleitet ihr, fällt zu Boden. BARBARA Mist! Sie bückt sich. Auch Andre bückt sich. Die Scherben. ANDRE Entschuldigen Sie. BARBARA War mein Fehler. Andre schaut sie an, wie sie die Scherben vorsichtig zusammenklaubt. Die beiden auf den Knien.

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ANDRE Kommen Sie! Barbara schaut ihn an. ANDRE Sie legen sich jetzt mal eine Stunde hin. Barbaras protestierendes Aufbegehren. BARBARA Es geht schon. ANDRE Jetzt kommen Sie schon. Vielleicht will er sie sanft am Arm fassen und hochziehen. Er hält inne, versucht, die Geste zu verstecken. ANDRE Ich passe auf. Ich wecke Sie in zwei Stunden und dann können wir tauschen. Barbara nickt. ANDRE Das mach ich schon weg. Kommen Sie. Sie erheben sich und gehen den Gang entlang. Zu seinem Zimmer. An einem Fenster vorbei. ANDRE Gleich ist Sonnenaufgang. Jetzt stehen sie vor der Tür. ANDRE Ich wecke Sie dann. Er öffnet die Tür. Lässt Barbara den Vortritt. Barbara hat ihm zugenickt. Dann leise.

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BARBARA Danke.

37 KRANKENHAUS / ARZTZIMMER – INNEN – NACHT Eine Schlafcouch. Barbara im dämmrigen Zimmer, dessen Vorhänge zugezogen sind. Dort liegt sie, die Augen geschlossen. Sie hat sich zugedeckt mit ihrem Mantel. Die Tür, die leise geöffnet wird. Andre trägt etwas in der Hand, eine Decke. Er ist leise zu ihr herangetreten. Tief schläft sie, Bauchlage, den Kopf in der Armbeuge. Er sieht ihre Füße, die blutigen Socken. Er legt ihr die Decke über, nimmt den Mantel, will ihn auf einen Stuhl hängen. Etwas fällt heraus. Er schaut auf. Barbara, die weiterschläft. Vorsichtig hebt er die herausgefallenen Gegenstände auf. Die Westzigaretten. Und das „Opium“-Parfüm. Er betrachtet das alles einen langen Moment. Jetzt sehen wir, dass Barbara die Augen geöffnet hat und Andre betrachtet, der am Parfümflacon schnuppert. Sich noch einmal zu Barbara umschaut. Die schließt schnell ihre Augen. Er steckt jetzt alles zurück in die Manteltasche. Geht hinaus.

38 KRANKENHAUS / BESPRECHUNGSZIMMER – INNEN – TAG Draußen die Wischgeräusche der Putzfrau. Der Schrubber, der immer wieder an die Scheuerleisten schlägt. Andre sitzt vor irgendwelchen Röntgenbildern. Schreibt etwas auf. Lange der Blick auf ihn, genauso lang wie der Blick Barbaras ins Halbdunkel des Zimmers, so, als würden sie aneinander denken. Andre ist hundemüde. Er macht das Licht aus. Jetzt sieht er, dass draußen der Tag beginnt. Er öffnet die Fenster. Vogellärm. Er geht aus dem Zimmer. Draußen, am Ende des Ganges, sieht er die Putzfrau. Er geht hinüber zum Arztzimmer. Öffnet vorsichtig die Türe. Ist überrascht, dass die Vorhänge zurückgezogen sind, dass der Raum ganz hell ist. Das Bett ist leer. Die Tür des Kabinetts angelehnt. Barbara wäscht sich dort. Gesicht. Unter den Armen. Sie hat das Geräusch der Türklinke gehört, hat Andre gesehen, schnell die Tür des Kabinetts zuziehen wollen. Der Schnappverschluss, der nicht arretiert. Ein wenig öffnet sich die Türe wieder, gibt einen Spalt frei. Andre sieht sie einen Moment lang, den entblößten Oberkörper. Für einen Moment betrachtet er sie. Dann geht er zurück zur Tür. Geht hinaus. Jetzt bleiben wir bei Barbara. Sie schaut sich um. Trocknet sich Gesicht und Arme. Zieht sich wieder an. Ist hinaus getreten ins Zimmer. Klopfen an der Tür. Schnell schließt sie die Knöpfe ihrer Bluse. BARBARA Ja?

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Die Tür öffnet sich. Andre kommt hinein. Er hat einen Kaffee dabei. Für Barbara. ANDRE Gut geschlafen? BARBARA Ja. Er reicht ihr den Kaffee. Barbara nimmt ihn mit beiden Händen entgegen, verzieht leicht das Gesicht, als ob das anstrengend wäre. Beide lachen. BARBARA Nicht noch mal. Sie nippt. BARBARA Danke. Andre betrachtet die Couch. Die sauber zusammengelegte Decke. Dann Barbara, die ihren Kaffee trinkt und zurückschaut. BARBARA Werden Sie das in ihren Bericht schreiben? ANDRE Was denn? BARBARA Die W. nahm bereitwillig den Kaffee an. Wir machten Konversation. Sie beginnt, Vertrauen zu schöpfen. Andre, der sich auf die Couch setzt. Müde ist. Der eigentlich keine Lust auf ironische Konversation hat. ANDRE Irgendwas in der Art. Barbara hat ihren Kaffee ausgetrunken. Hat sie gelächelt bei seiner Bemerkung? Jetzt will sie gehen. ANDRE

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Ich habe Ihnen was für Ihre Füße mitgebracht. Und er zeigt auf den Tisch. Da liegen ein paar Socken. Desinfektionsmittel. Watte. ANDRE Hat mal eine Patientin liegenlassen. Sind frisch. Barbara betrachtet das kleine Ensemble. Nimmt es. BARBARA Danke. Und sie will gehen. ANDRE Sie haben noch Zeit! Barbara schaut ihn an. ANDRE Ist nichts los. Barbara spürt, dass er noch etwas sagen will. Bleibt stehen. Wartet. Und dann erzählt er von sich. Seine Geschichte. ANDRE Ich war in einem Krankenhaus in Eberswalde. Da waren Apparate neuseeländischer Herkunft geliefert worden. Sie sollten der Versorgung frühstgeborener Kinder dienen, Kinder, die in einem klassischen Brutkasten kaum eine Überlebenschance hätten. Ich war fasziniert: Das Design, die Schnörkellosigkeit, die Verarbeitung. Die Anweisungen, ein 260 Seiten starkes Buch, waren in Englisch. Ich habe mich hineingearbeitet. Eine Assistentin, die ein wenig Englisch sprach und mit der ich eine Beziehung hatte, half mir. Irgendwie hat sie gespürt, dass das von mir nichts Ernstes war. Wollte mich beeindrucken. Eines Nachts war ich so müde wie jetzt. Sie brachte mir eine Decke, so eine wie die, sagte, ich solle ruhig schlafen, sie mache das schon. In dieser Nacht schloss sie, während ich völlig übermüdet und koffeinverseucht im Bereitschaftszimmer eingeschlafen war, die Apparate an. Es war nur ein kleiner Fehler, Celsius und Fahrenheit, die sie verwechselte, aber das führte zu einem abnorm hohen Druck. Die Netzhäute der beiden Säuglinge, deren Namen auf kleinen Karteikarten am Kopfende der Brutkästen angebracht waren und die Maik und Jennifer hießen, lösten sich. Die beiden konnten gerettet wer-

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den. Sie waren blind für den Rest ihres Lebens. Es war mein Verantwortungsbereich. Sie boten mir an, die Geschichte im Sand verlaufen zu lassen. Ich könnte in ein Provinzkrankenhaus. Was sie wollten, war natürlich meine Schweigepflicht. Ich sollte berichten. Der Weg zur Forschung war natürlich verstellt. Kein Berlin. Keine Charité. An dem Morgen, als mir klar wurde, dass alles vorbei war, ging ich noch einmal auf die Station. Da saßen die Eltern von einem der Säuglinge. Da ging ich zu ihnen hin. Die Eltern hatten geweint, aber jetzt waren sie ganz still. Ich habe ihnen erklärt, was passiert ist, unsere Schuld, meine Verantwortung. Die Eltern hörten kaum zu. Auf eine stille, furchtbare Art hatten sie sich abgefunden. So, wie sie sich mit allem abgefunden hatten. Da war keine Anklage, keine Wut. Die Mutter nickte, der Vater musste zurück ins Zementwerk. Sie besprachen sich kurz. Um mich kümmerten sie sich gar nicht mehr. Als sie gingen, verabschiedeten sie sich. Gaben mir die Hand. Bedankten sich. Barbara schaut ihn an. ANDRE Natürlich denken die, der Ehrgeiz wäre noch da und wenn ich hier schön was berichte, könnte ich raus aus der entsetzlichen Provinz und zurück nach Berlin. Aber ich habe keinen Ehrgeiz mehr in dieser Richtung. Mir gefällt es hier. Ich werde nichts berichten. Ich werde niemanden verraten. BARBARA Wie lange ist das her? ANDRE Zwei Jahre. BARBARA Was waren das für Apparate? ANDRE Was? BARBARA Die aus Neuseeland. Andre spürt, dass sie ihm nicht glaubt. Spürt ihr Misstrauen. ANDRE Zu lang die Geschichte.

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Er schaut sie an. ANDRE Zu rund. Und er formt mit den Händen einen Kreis. Er nickt. BARBARA Können Sie was für Stella machen? Andre, der von der Wendung etwas enttäuscht ist. ANDRE Sie länger hierbehalten? Barbara nickt. ANDRE Zwei Tage. Drei vielleicht. Und dann? BARBARA Wissen Sie, was Torgau ist? (Sie schaut ihn an, wartet auf Antwort, auf das Wort ‚Werkhof‘. Andre reagiert nicht.) Der ‚Werkhof‘ Torgau! In so was seid Ihr gut, Euphemismen. Das ist eine Vernichtungsanstalt, eine sozialistische Vernichtungsanstalt und... ANDRE Ich habe Sie was gefragt! BARBARA Was denn? ANDRE Und dann? Barbara sagt nichts. Schaut ihn an. BARBARA Ich weiß es doch nicht. ANDRE Ich habe mit dem Werkhof in Torgau telefoniert. Zwei Tage, mehr geht

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nicht. Barbara starrt ihn an. Nickt. Er zieht sich die Decke über. Barbara überlegt. BARBARA Stimmt die Geschichte? Er schaut sie an. BARBARA Maik und Jennifer. ANDRE Ich muss jetzt schlafen. Barbara sagt gar nichts. Schließt leise die Tür. Einen langen Moment liegt er auf der Couch. Dann löscht er das Licht.

39 KRANKENHAUS / FENSTER ZUM HOF – INNEN – TAG Barbara. Sie steht am Fenster. Vor dem Krankenhaus Schreie. Es sind Stellas Schreie. So ähnlich wie die am Tag, als sie eingeliefert wurde. Jetzt sieht man sie. Aus dem Eingang kommend, flankiert und gehalten von zwei Männern. Sie windet sich. Barbara, die das alles von hier oben anschaut. Es nicht aushält. Und jetzt sehen wir sie vom Ende des Ganges. Die Angst. Andre. Er sieht Barbara. Er kann Stella und die Männer nicht sehen. Nur Barbara. Er geht zu ihr. Er kommt näher. Er sieht, dass sie weint. Weint über Stella, über ihre Ohnmacht, nichts tun zu können, und über die kleine Feigheit, diese Ohnmacht zugeben zu können. Andre bei ihr. Sieht jetzt unten Stella. Sieht, dass Barbara weint. Er nimmt sie in den Arm. Und sie lässt sich das gefallen. Von unten betrachtet, und Stella schaut wirklich in diesem Moment nach oben und sieht die beiden Ärzte dort am Fenster stehen, sehen sie aus wie Eltern. Stella schaut hinauf und Barbara schaut hinunter und dann reißt sie sich los. Andre, der zurückbleibt. Der hinunterschaut. Der sie den Hof betreten sieht. Barbara, die zu Stella gelaufen ist. Die Stella in den Arm nimmt. Den beiden Männern energisch bedeutet, Stella für einen Moment loszulassen. Jetzt sieht er, wie Barbara Stella umarmt. Umarmt wird. Jetzt sind wir ganz nah bei den beiden. Sie flüstern. Gehetzt und stoßweise. Wir können davon nichts verstehen. Stella weint. Will Barbara gar nicht loslassen. Ganz ruhig ist sie jetzt. Von oben, wie sich die Umarmung löst. Wie Stella zum wartenden Wagen geht. Die Männer, die sie nur flankieren, nicht mehr gepackt halten. Dann verschwindet sie im Wagen. Der Wagen, der das Gelände verlässt.

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Barbara, die ihm ein paar Schritte hinterher geht. Andre, am Fenster stehend. Barbara, die sich plötzlich umdreht. Andre sieht. Dann ins Haus geht. Andre, der zu ihr gehen will. Der nur noch sieht, wie sie am Ende des Ganges aus dem Umkleidezimmer tritt, wohl ihren Mantel geholt hat. Die ihn jetzt sieht. Einen Moment innehält. Die beiden, die nichts sagen. Sie hält ihren Mantel hoch. So, als wolle sie fragen, ob sie freibekommen könnte. Und er, auf die Distanz, der lange Gang, nickt ihr zu. Barbara geht. Und er lässt sie gehen. Geht noch mal zum Fenster. Sieht sie fortgehen.

40 TELEGRAFENMAST – AUSSEN – TAG Barbara am Versteck. Das Paket. Sie holt es heraus. Steckt es ein. Schaut sich um.

41 BARBARAS WOHNUNG – INNEN – TAG Barbara hat ihre Wohnung betreten. Sie geht zum Fenster, zieht die Vorhänge zu. Sie schaut hinaus. Der Wagen am Ende der Straße. Sie heizt den alten Badeofen. Beginnt, sich auszuziehen. Frische Wäsche, viel ist da nicht mehr, sie muss Waschen gehen. Leises Fluchen. Sie wirft die Schmutzwäsche auf ein altes Laken, bindet es zusammen wie ein Wäschebündel. Fühlt das Badewasser. Geht wieder hinaus ins Zimmer. Setzt sich auf das Sofa. Nimmt das kleine Paket. Knotet Gummilitze um das Paket. Eine Schlaufe. Ein kleiner Eisenhaken. Sie geht zum Allesbrenner. Öffnet die kleine Klappe im Ofenrohr. Sie hängt das kleine Paket an dem Haken hinein. Will gerade die Klappe schließen, da klopft es an der Türe. Barbara hält inne. Die rostige Türklingel, eine Drehklingel, einmal, zweimal. Schnell schließt sie das Versteck. Ihre Hände voller Ruß. Sie hetzt ins Bad, wieder die Drehklingel. Jetzt hat sie ihre Hände gewaschen. BARBARA Komme schon! Sie geht zur Türe. Öffnet die Türe, erwartet das Durchsuchungskommando vom letzten Mal. Aber da steht nur EIN MANN. Eine Tasche umgehängt. Der Mann starrt sie an. Ein schüchterner Mann. KLAVIERSTIMMER Frau Dr. Wolff? Und wieder die Schamlose von gegenüber. Der kleine Vorhang in der Tür, der sich bewegt.

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BARBARA Ja. KLAVIERSTIMMER Der Andre schickt mich. Barbara starrt ihn an. Weiß nicht, wovon der Mann da vor ihr spricht. KLAVIERSTIMMER Dr. Reiser. Der Mann schaut an Barbara vorbei. Der Mann zeigt nach hinten in die Wohnung. KLAVIERSTIMMER Ich soll das Klavier stimmen. Wie blöd schaut Barbara auch nach hinten das Klavier an. BARBARA Jetzt? KLAVIERSTIMMER Ich hatte Ihnen eine Karte geschrieben. Und Barbara zuckt mit den Schultern: „Ich habe keine erhalten.“ Der Klavierstimmer zuckt mit den Schultern: „Wie konnte das geschehen?“ Er schaut an ihr vorbei. KLAVIERSTIMMER Ist ein schönes Stück. Ein Bechstein. Und da geht er schon an ihr vorbei und Barbara ist verblüfft. Dann ist sie wütend. BARBARA Nein. Der Mann bleibt stehen, starrt sie an. BARBARA Hier wird nichts gestimmt. Bitte gehen Sie.

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KLAVIERSTIMMER Warum denn? BARBARA Ich möchte jetzt baden. Und sie kommt sich blöd vor, diese Antwort, sie verdreht die Augen. KLAVIERSTIMMER Das können Sie doch. Und dann hat er schon den Deckel gehoben, ein paar Tasten angeschlagen. KLAVIERSTIMMER Eine Stunde. Er hat seine Tasche abgesetzt, das Werkzeug herausgenommen und macht sich an die Arbeit und Barbara schließt resigniert die Haustüre. Steht im Raum. Der Klavierstimmer schaut sie an. Neben der Tasche liegen Noten. Chopin, Nocturnes. KLAVIERSTIMMER Hat Andre mir mitgegeben. Für Sie. Sie nickt. Sie geht ins Bad. Sie fühlt das Wasser, das aus dem Hahn kommt. Sie stellt das Wasser wieder ab. Sie kann jetzt nicht baden. Sie will nicht. Sie hört die Klänge, die aus der Stube kommen. Barbara wartet.

42 KRANKENHAUS / AUFNAHME – INNEN – TAG Ein Notarztwagen. Das Blaulicht kreist. EIN JUNGE, sechzehn Jahre, der auf der Trage liegt. Blut aus Mund und Ohren. Das Bein unnatürlich verdreht. Man fährt ihn hinein in die Aufnahme. Direkt zum OP. Barbara, Andre und die Assistenzärztin neben der Bahre. ASSISTENZÄRZTIN Sturz aus dem 3. Stock. Lag ca. 20 Minuten im Hinterhof. Der Hausmeister hat ihn gefunden. Druck stabil. Luxation Kniegelenk. Kopfverletzung. Sie fahren ihn zum Röntgen. Bleidecken werden aufgelegt. Plötzlich beugt sich Andre über den Kopf des Jungen. Ganz nahe ist er seinem Mund. ANDRE

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Magen auspumpen! Schnell! ASSISTENZÄRZTIN Was? Barbara, die sich jetzt auch zu dem Jungen hinunterbeugt. BARBARA Lösungsmittel. Dem Jungen wird ein Schlauch durch den Mund eingeführt. Er erbricht sich. Barbara und Andre halten ihn.

43 KRANKENHAUS / GANG – INNEN – TAG Andre und Barbara. Sie stehen nebeneinander. Warten. Stille. Andre, der nichts sagt. Barbara, die vor sich hin schaut. Die Assistenzärztin, die dazukommt. ASSISTENZÄRZTIN Ist jetzt zum Röntgen. Das Lösungsmittel war harmlos. ANDRE Gut. ASSISTENZÄRZTIN Wollte sich wohl umbringen. Müssen wir melden. ANDRE Lassen Sie ihn erstmal aufwachen. Die Assistenzärztin zuckt mit den Schultern. Ihre Sache, soll das heißen. Müssen Sie verantworten. Er schaut sie an. ANDRE Sie bringen dann die Bilder rüber in den Besprechungsraum. Ganz hart hat er das gesagt. Der Junge wird auf der Trage in den Röntgenraum gefahren. Andre bleibt draußen. Geht hinüber zum Besprechungsraum mit den Neonkästen. Will dort auf die Röntgenbilder warten. Barbara, die ihm folgt. Mit ihm hineingeht. Andre und Barbara. Sie stehen nebeneinander. Warten. Stille. Andre, der nichts sagt. Barbara, die vor sich hin schaut.

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BARBARA Warten Sie jetzt auf ein „Danke“? Barbara schaut Andre an. Der hält ihren Blick aus. BARBARA Ich kann solche Überraschungen nicht leiden. Andre starrt sie an. Versteht. ANDRE Der Klavierstimmer? Barbara richtig wütend. Eine Geste. „Was soll ich denn sonst gemeint haben!“ Andre, fast entschuldigend, eher beruhigend. ANDRE Aber er hat Ihnen doch einen Terminvorschlag geschickt. Hat er mir gesagt. BARBARA Wenn ich einen Klavierstimmer brauche, dann besorge ich ihn mir selber. Ganz hart, ganz schneidend, ein wenig hysterisch. Viel zu laut und ihre Worte werfen ein Echo in den leeren, sterilen Raum. Stille. Andre scheint das alles zu schlucken. Aber dann spricht er. Erst ruhig. Und dann wird auch er sehr laut. ANDRE Wissen Sie was? Sie haben völlig recht! Wenn Sie jemanden brauchen, dann besorgen Sie sich den selbst. Barbara, die ein wenig überrascht ist. BARBARA Genau das werde ich. ANDRE Ich werde Ihnen nicht helfen. BARBARA Das will ich auch nicht. Andre, der ihr ins Wort fällt.

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ANDRE Und die Steckdose im Bad? BARBARA Was soll das denn jetzt? ANDRE Haben Sie da auch schon jemanden besorgt? Barbara, verwirrt. ANDRE Ist schwer, einen Elektriker zu kriegen. BARBARA Das kann Ihnen doch egal sein. ANDRE Ist es auch. Wieder schweigen sie. Von Weitem sieht es aus wie ein Streit auf einem Grundschulflur. ANDRE Können den ja mit Westzigaretten bezahlen. Oder vielleicht will er ja Ihren tollen Koffer, den Sie da im Schrank ausgestellt haben. Aufgeregt hat er sich, obwohl er kalt und böse bleiben, sich nicht hinreißen lassen wollte. ANDRE Scheiße! Barbara starrt ihn an. Glaubt, dass er gehen wird nach diesen Abgangssätzen, die laut und schwach und verliebt sind. Aber er bleibt. Steht einfach da. Schaut sie an. Und plötzlich grinst er. Und Barbara merkt, dass wohl auch sie grinst. Die beiden haben gar nicht gemerkt, dass die Assistenzärztin gekommen ist und die Bilder an die Leuchtkästen klemmt. Die Röntgenbilder auf den Leuchtkästen. Sie stehen alle davor. ANDRE Was sagen Sie, Frau Dr. Wolff?

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BARBARA Kein Schädelbruch. ANDRE Und das Blut? BARBARA Welches Blut? ANDRE Er hat aus dem Ohr geblutet. Barbara nickt. BARBARA Vermutlich Schädelprellung. Sie geht jetzt weiter zu den anderen Bildern. BARBARA Das Knie. Wahrscheinlich die Bänder. Hier, oberhalb des Knies, eine Fraktur, glatt. Muss gegipst werden. Und sie dreht sich zu den anderen um. Da wird genickt. Sie sieht, dass Andre noch immer bei den Röntgenbildern des Schädels steht. BARBARA Herr Dr. Reiser? ANDRE Das mit dem Blut. Auf den Bildern ist nichts zu sehen, aber es könnte sich auch ein Gerinnsel gebildet haben. Barbara, die ihn anschaut. Will er streiten? Oder ist es ein Anliegen? Eine Sorge? BARBARA Um das zu diagnostizieren, müssten wir den Schädel öffnen. Andre nickt. BARBARA Das Risiko erscheint mir aber zu groß. Er ist gerade ein wenig stabilisiert. Andre schaut sie an.

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ANDRE Wir werden ihn beobachten. Wenn er in diesem Zustand bleibt und keine Besserung eintritt, dann werden wir öffnen müssen. Barbara nickt.

44 KRANKENHAUS / FLUR – INNEN – TAG Barbara, die sich umgezogen hat. Nach Hause will. Den Flur entlang geht. Vor einem Zimmer bleibt sie stehen. Schaut hinein. Sieht Andre am Bett des Jungen. Eine Taschenlampe. Andre testet die Augenreflexe des Jungen, der wie im Koma liegt. Barbara öffnet die Tür. Andre schaut auf. Sieht sie. Erhebt sich. Kommt leise herüber zu ihr. Tritt auf den Gang, zieht die Tür hinter sich zu. BARBARA Sie sind sich nicht sicher. ANDRE Die Reflexe sind normal. BARBARA Kälte / Wärme? ANDRE Auch. Schweigen. ANDRE Wir werden warten müssen. Sie gehen nebeneinander her. Auch Andre ist schon in Zivil. Sie gehen zum Ausgang. Sie reden nicht.

45 KRANKENHAUS / FAHRRADSTÄNDER / UNBEFESTIGTE STRASSE – AUSSEN – TAG Jetzt sind sie draußen. Ein Sommertag. Für einen Moment bleiben beide stehen.

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ANDRE Ein richtiger Angebersommer. Barbara nickt. Will weiter. BARBARA Bis morgen. Und da ist sie schon an ihrem Fahrrad. ANDRE Bin auch mit Fahrrad. Barbara schaut ihn an, wie er da ein paar Meter entfernt ein furchtbares Herrenrad aus dem Ständer hievt. Andre lacht. Barbara, irritiert, steigt auf. Fährt los. Schaut sich um. Biegt ab. Andre, der ihr folgt. Jetzt sind sie auf der unbefestigten Straße, auf der Andre Barbara schon einmal mit dem Wagen folgte und sie verlor. Jetzt ist er neben ihr. ANDRE Na, ich hatte mir gedacht, dass Sie sich über den Klavierstimmer freuen und ich Sie dann irgendwie hätte überreden können zu einer kleinen Fahrradtour. Sie kennen ja die Gegend kaum und da gibt es schöne Ecken und so. BARBARA Was denn für welche? ANDRE Nicht weit von hier, oben in den Feldern. Der alte Galgenhügel. Kennen Sie den? (Barbara schüttelt den Kopf.) Da steht jetzt ein Telegrafenmast. Dort beginnt ein Hohlweg. Den geht man entlang, nur ein paar Meter, und dann steht man plötzlich auf einer Anhöhe. Und unten ist das Meer. Das ist der schönste Ort, den ich kenne. Waren Sie da schon mal? Barbara schüttelt den Kopf. ANDRE Ist abends natürlich noch schöner. Barbara schaut ihn an. ANDRE Andre!

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Barbara schaut auf die ausgestreckte Hand. Schlägt ein. Beide haben Schwierigkeiten, einhändig auf dieser holprigen Strecke zu fahren. Trotzdem schlagen sie ein. BARBARA Barbara. Schweigen. BARBARA Das mit dem Koffer war gemein. ANDRE Die Westzigaretten fand ich gemeiner. BARBARA Nein, der Koffer. ANDRE Sie haben recht. Sie schweigen. Plötzlich hält Andre an. Es ist die Stelle, an der einige Tage zuvor Barbara im Wald verschwunden ist. ANDRE Müssen hier durch den Wald. Ist ’ne Abkürzung. Er lächelt sie an, die ein paar Meter entfernt stehengeblieben ist. In den Wald starrt. Dann zu Andre. ANDRE Wollen wir? BARBARA Tut mir leid, aber ich hasse das Meer. Er starrt sie an. BARBARA Ist nun mal so. Barbara ist schon wieder aufgestiegen. Fährt. Weg hier, von diesem Mann. Von

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sich selbst. Noch einmal schaut sie sich um. Da steht er. Neben dem Waldweg. BARBARA Bis morgen. ANDRE Ja, bis morgen. Er schaut ihr hinterher. Und sie schaut sich noch einmal um. Und noch einmal treffen sich ihre Blicke.

46 BARBARAS WOHNUNG – INNEN – TAG Barbara. Sie steht am Fenster. Sie schaut hinaus. Die Straße. Die geparkten Wagen. Wieder ist einer der Wagen besetzt. Barbara wartet. Sie schaut auf die Uhr. Jetzt geht sie hinüber zum Klavier. Öffnet den Deckel. Steht neben dem Klavier. Schlägt einen Akkord an. Dann noch einen. Setzt sich auf den Klavierhocker. Spielt etwas. Chopin, Nocturne No.6. Spielt, verliert sich. Dann schlägt sie den Deckel wieder zu. Sie ist unruhig. Wieder geht sie zum Fenster. Der Wagen ist fort. Sie schleicht aus dem Haus.

47 WEG ZUM BAHNHOF – AUSSEN – TAG Barbara. Auf dem Feldweg. Der Boden, der jetzt fester wird. Fährt. Am Telegrafenmast vorbei. Ein Blick hinüber zum Hohlweg.

48 BAHNHOF – AUSSEN – TAG Sie versteckt das Fahrrad. Zuerst an derselben Stelle hinter dem alten Reichsbahnschuppen. Dann sucht und findet sie ein anderes Versteck in einem alten Verschlag. Schaut hinauf auf die Gleise. Die runden Lichter des Schienenbusses, die sich nähern. Sie wartet ab. Will erst im letzten Moment auf dem Bahnsteig sein. (Verkleidet sie sich? Eine Brille. Ein Kopftuch. Eine Joppe. So wie die anderen, die zur Schicht nach Boitzenburg fahren?)

49 IM SCHIENENBUS – INNEN / AUSSEN – DÄMMERUNG Barbara. Sie isst ein Brot. Auch das wie eine Tarnung. Draußen fängt die Nacht an. Wieder sitzt sie so, dass die anderen Fahrgäste sie im Rücken haben.

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50 IN DER STADT – AUSSSEN – NACHT Barbara, die durch die nächtliche Stadt geht. Das trübe Licht der Neondampflampen, die fehlenden Reklamelichter und Farben. Die fehlenden illuminierten Schaufenster. Immer wieder schaut sie sich um. Ein Wagen, der langsam die Straße entlangfährt. Barbara tritt in einen Hauseingang, ein altes Haus, der Putz bröckelt, einer der Türflügel fehlt. Barbara verbirgt sich. Abblendlichter. Das Motorengeräusch verschwindet in der Ferne. Sie geht weiter. Ein Kiosk, Männer mit Flaschen, einer prostet ihr zu. Sie ignoriert ihn. Eine Straßenecke, die Fassade des Interhotels, eine Auffahrt, Fahnen, die leise im Wind knattern. Barbara passiert langsam das Hotel. Die beleuchtete Lobby. Sie blickt kurz hinein. Niemand ist zu sehen. Da steht ein Mann. Er raucht, schaut sich die dem Hotel gegenüberliegende Fassade an, sieht gedankenverloren aus. Langsam geht sie auf den Mann zu. Der dreht sich zu ihr um, aufmerksam geworden durch das Klappern ihrer Absätze. Barbara hält inne, jetzt tritt der Mann aus dem Dunkel ins Licht der Laterne. Es ist Jörg. Er geht an ihr vorbei hoch zur Lobby. Im Vorbeigehen flüstert er. JÖRG Erdgeschoss links. Barbara ist weitergegangen. Geht jetzt durch den kleinen Park hinter das Hotel. Betrachtet die rückseitige Fassade. Die meisten der Fenster sind dunkel. Geklapper aus der Hotelküche. Stimmen. Jetzt ist eine Bewegung zu sehen. Ein Vorhang wird aufgezogen. Wieder geschlossen. Ein Zimmer im Erdgeschoss. Das dritte von links. Barbara geht jetzt im Schatten der Bäume auf das Hotel zu. Jetzt steht sie neben dem Fenster, das angelehnt ist. Der Abendhauch bewegt die Vorhänge. Barbara, die einen kleinen Stein aufgenommen hat. Schon als sie an den Bäumen wartete, wirft sie diesen an das Fenster. Ein kaum hörbares Geräusch. Sofort wird das Licht im Zimmer ausgeschaltet. Im Dunkeln wartet sie. Das Fenster wird jetzt ganz aufgeschoben, leise und gleichmäßig. Eine Gestalt beugt sich hinaus. Barbara starrt auf die Silhouette. Es ist Jörg. Ganz leise schleicht sie zu ihm. Er packt sie unter den Achseln und hebt sie ins Zimmer.

51 HOTELZIMMER – INNEN – NACHT Jörg hat sie aufs Bett gehoben. Sein Schattenriss gegen das Fenster, kaum zu erkennen. Draußen die Dunkelheit. Jörg zieht die Vorhänge vor. Barbara, die ihren eigenen Atem hört. Jörg, der das Leselicht über dem Bett anknipst. Barbara starrt ihn an. Jetzt tritt er zu ihr. Beugt sich über sie. Er küsst sie auf das Bett. Öffnet

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ihren Mantel. Ihre Bluse. Küsst sie. Lange. Sie beide. JÖRG Ich liebe dich. Nur halblaut, fast geflüstert. Aber trotzdem hält ihm Barbara erschrocken den Mund zu. Schüttelt den Kopf. Er beugt sich hinab. Flüstert ihr ins Ohr. JÖRG Das Zimmer oben war völlig verwanzt. Habe einen kleinen Wasserschaden produziert. BARBARA Und hier? JÖRG Die sitzen nebenan und versuchen es durch die Wand. Es sind zwei. Und er zeigt auf die eine Zimmerwand. Plötzlich hustet er. Dann wieder leise flüsternd. JÖRG Das können sie hören. Barbara schaut ihn an. Zweifelnd. BARBARA Und woher willst du das wissen? JÖRG Na hör mal, ich bin Ingenieur. Er lächelt. Jetzt schauen sie sich lange an. Auch Barbara lächelt. Während sie so redeten, hat er sie ausgezogen. Sie liegt jetzt im Halbdunkel nackt vor ihm. Er kniet vor ihr. Öffnet sein Hemd. Barbara schaut ihm dabei zu. Eine Scham ist in ihr. Auch eine Verwirrung. Haben sie sich früher nicht anders geliebt? Jetzt schauen sie sich an. Ein langer Blick. Im Dunkeln deutet ihn Jörg anders. Erwartungsvoll. Und nicht irritiert. Plötzlich Geräusche. Es wummert leicht gegen die Wand. Gestöhn, Geschrei. Barbara hat wie im Reflex die Bettdecke übergezogen. Jörg lauscht den Geräuschen. Barbara fragt ihn gestikulierend, was das sei. JÖRG

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Gerhard hat ein Mädchen kennengelernt. Sie lauschen jetzt beide. Lange. Es ist ihnen unangenehm. Sie schaffen es nicht, sich zu lieben. Die Schreie des Mädchens nebenan. JÖRG Das ist doch nicht echt. BARBARA Sie will in den Westen. Jetzt ist das Unangenehme zwischen ihnen, hat sich hereingeschlichen, setzt sich fest. Noch immer die Geräusche. Und der Nachhall ihrer geflüsterten Sätze. Lange. JÖRG Gerhard sagt, dass er sie liebt. BARBARA Weil sie ihm nicht nachlaufen kann. Jetzt ist Stille im Zimmer nebenan. Aber auch zwischen ihnen. Jörg betrachtet Barbara. Versucht, im Halbdunkel zu erkennen, ob sie ihn anschaut, ob da Aggressivität, Angriffslust oder Verbitterung in ihr ist. Er hört sie atmen. Warten. Jetzt streichelt sie ihn. Er beugt sich über sie. JÖRG Barbara! Ihr Name geflüstert. Die Liebe. Und sie beugt sich zu ihm und sie glaubt, dass sie jetzt miteinander schlafen werden und ist zärtlich. Da spricht er weiter. JÖRG Ich kann auch zu dir kommen. Barbara hält inne, versteht nicht. JÖRG Könnte auch hier mit dir leben. BARBARA Wie hier?

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JÖRG Na hier. Wäre doch ’ne Möglichkeit. Sollen schon einige gemacht haben. BARBARA Wer denn? Ganz nüchtern klingt sie, vergisst das Flüstern fast. JÖRG Warum nicht. Ich kann auch hier glücklich mit dir werden. Und die nehmen mich mit Handkuss. BARBARA Du spinnst! Und sie wendet sich ab. Wirkt ganz schockiert über diesen Vorschlag. Still ist es jetzt. BARBARA Hier kann man nicht glücklich werden. Gezischt hat sie das. Und wieder Stille. Barbara merkt gar nicht, dass sie weint. Jörg betrachtet sie, ihre Tränen. Er küsst sie. Und in diesem Moment, in dem die Zärtlichkeit zurückkommt, da fängt es wieder an im anderen Zimmer. Jetzt lacht Barbara ein wenig bitter. Jörg springt plötzlich auf. Er geht zum Schreibtisch. Kommt zurück. Einen Stift und ein Blatt Papier in der Hand. Er legt sich zu ihr, stellt die Nachttischlampe auf das Bett. Beide unter der Bettdecke wie in einer beleuchteten Höhle. Von Weitem würde man ein Liebespaar und seine Zärtlichkeiten vermuten. Man hört sie flüstern. Jetzt sind wir bei ihnen in der Höhle. Jörg zeichnet, schreibt. Barbara lauscht, betrachtet. Nebenan ist es still. Nur ab und zu ein schrilles Lachen. Beide liegen bäuchlings auf dem Bett. Das Leselampenlicht wirft einen kleinen Lichtkreis. Darin erklärt ihr Jörg auf einem Zettel die Flucht. Ein Plan. Das Meer. Der Strand. Jetzt zeichnet er zwei kleine Kreise. JÖRG Da sind zwei Findlinge, ein großer und ein kleiner. Die Fischer nennen sie Romeo und Julia. Da kannst du warten. Ist Neumond. Um Punkt 2 Uhr gehst du direkt hinunter über den Strand. Da ist kein Licht. Der im Boot hat ein Nachtsichtgerät. Der wird dich sehen. Das wird ganz schnell gehen. BARBARA Wirst du auf dem Boot sein?

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JÖRG Ist ein Spezialboot, ist zu klein. Ich warte auf dich in Dänemark. BARBARA In Dänemark? JÖRG Ist gar nicht weit. Barbara starrt auf den Zettel. Jörg schaut sie an. BARBARA Wann? JÖRG Am Wochenende. In der Nacht zum Sonntag. Barbara starrt ihn an, ungläubig. BARBARA Das kommende Wochenende? Jörg nickt, lächelt. Jetzt, wo es so schnell geht, ist Barbara in Panik. BARBARA Da habe ich Dienst. Ich muss mir frei nehmen. JÖRG Brauchst du einen guten Grund? Barbara zuckt mit den Schultern. JÖRG Gibt doch sicher irgendeine blöde Parade? BARBARA Das glaubt mir doch kein Mensch. Jetzt zuckt Jörg mit den Schultern. In dem Moment klingelt das Telefon. Er springt aus dem Bett. JÖRG Bin gleich da!

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Er legt auf. Kommt herüber zu ihr. Im selben Moment hört man auch im Zimmer nebenan das Klingeln des Telefons. Auch dort wird abgenommen. Das Murmeln einer Männerstimme. Jörg ist jetzt bei Barbara. JÖRG Muss kurz ins Restaurant. Briefing. Dauert nicht länger als eine Stunde. Wartest du? Geflüstert. Barbara nickt. JÖRG Soll ich dir was mitbringen? Barbara schüttelt den Kopf. Betrachtet ihn, der sich schnell anzieht. Noch einmal ans Bett tritt. Ein Kuss. BARBARA Ich glaub, ich werd einschlafen. JÖRG Ich werde dich wecken. Er küsst sie. JÖRG Wenn du drüben bist, kannst du immer ausschlafen. Barbara ist wirklich todmüde. Nuschelt schlaftrunken. BARBARA Wieso? JÖRG Ich verdiene genug für uns beide. Brauchst nicht mehr arbeiten. Barbara schaut ihn irritiert an. Er küsst sie noch einmal, merkt Barbaras Irritation gar nicht. Die Bilder, die ihr durch den Kopf gehen: Die Hausfrau, die dem Mann, der auf dem Weg zur Arbeit ist, hinterherwinkt. Der Frühstückskaffee, keine zweite Tasse – schmeckt ihm der im Büro besser, was habe ich falsch gemacht? Bilder aus dem Westfernsehen. Jörg zeigt auf den Zettel. JÖRG Präg dir den Plan ein. Und dann verbrenn den Zettel.

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Barbara nickt. Dann ist er draußen. Sie liegt in ihrer Höhle. Die Zeichnung vor sich. Sie studiert sie. Sie schließt die Augen, so, als würde die Müdigkeit sie übermannen. Plötzlich ein Geräusch. Die Zwischentür zum anderen Zimmer geht auf. Barbara, die aus ihrer Höhle herauslugt, den Atem anhält. Den Zettel leise zerknüllt. Eine JUNGE FRAU in Slip und Shirt. Sie betritt das Zimmer. Schaut sich um im Halbdunkel. Hat Barbara nicht gesehen. Vorsichtig, auf Zehenspitzen, geht sie zum Schreibtisch. Schaut sich dort ein paar Sachen an. Öffnet den Kleiderschrank. Jörgs Hemden. Sie befühlt sie. Der Stoff des Trenchcoats. Sie riecht daran. Barbara, die, noch unentdeckt, den Zettel in den Mund schiebt. Kaut, nicht schlucken kann. Die junge Frau, die jetzt zum Badezimmer geht, die Tür öffnet, das Licht einschaltet und innehält, denn da sind Schritte auf dem Flur. Dann ist es wieder still. Sie öffnet einen After-Shave-Flacon. Schnüffelt daran. Jetzt kann Barbara sie nicht sehen, denn die junge Frau ist wohl zur Badewanne gegangen. Man hört, wie wieder irgendein Fläschchen von ihr geöffnet wird. Barbara nutzt die Gelegenheit. Sie nimmt das Mineralwasserglas vom Nachttisch, will trinken, will den Zettel hinunterspülen. Das Glas ist leer. Plötzlich schrickt sie zusammen. STEFFI Scheiße. Barbara schaut hoch, sieht die junge Frau im Gegenlicht der Badezimmerlampe. Sie steht da, die Hand erschreckt vor dem Mund. Ihr ist es peinlich, entdeckt worden zu sein. Barbara, die den Finger an den Mund legt. Die junge Frau versteht. Nickt. Geht langsam hinaus. Barbara richtet sich auf. Kaut herum auf dem Zettel. Will ihn loswerden. Plötzlich steht die junge Frau vor ihr. Einen Sektkübel in der Hand, zwei Gläser. Eine Pantomime: Wollen wir beide einen trinken? Sie hebt die Flasche, zeigt, dass sie noch halbvoll ist. Barbara nickt. Die junge Frau setzt sich auf die Bettkante. Gießt ein. Reicht Barbara ein Glas. Barbara, die es sofort austrinkt, um den Zettel hinunterzuspülen. Die junge Frau, die gerade ihr Glas einschenkt, schaut erstaunt auf. STEFFI Du hast aber Durst. Barbara nickt. STEFFI Steffi! BARBARA Barbara. Alles geflüstert.

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STEFFI Darfst du nicht hier sein? BARBARA Nein. STEFFI Warum nicht? Barbara schaut sie an, die gerade Barbaras Glas neu einschenkt. Das kommt ihr alles zu Vertrauen erheischend vor. Steffi reicht ihr das Glas. Betrachtet sie. STEFFI Bist du verheiratet? BARBARA Dann müssten wir nicht flüstern. Steffi versteht. Nickt. Jetzt ist es ihr egal. STEFFI Hat er dir gesagt, wie lange sie brauchen? BARBARA Ne Stunde, höchstens. STEFFI Dann dauert es bestimmt zwei Stunden. Prost! Sie stoßen an, unhörbar. Steffi lacht ein wenig. STEFFI Was hast du geschenkt bekommen? Barbara schüttelt den Kopf. STEFFI Ich krieg es immer vorher. Ist besser so. Für beide. Wie einen Ratschlag hat sie das formuliert. Barbara belässt es so. Es ist besser, die etwas dumme Amateurin zu spielen. Sie betrachtet Steffi. STEFFI

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Ich glaub, der liebt mich. Warte mal. Und sie steht auf. Geht hinaus. Kommt wieder. Einen Folianten in der Hand. Ein Quelle-Katalog. Setzt sich neben Barbara. Blättert ihn auf. Sucht etwas. STEFFI Wahnsinn! Beim Suchen verweilt sie immer wieder auf verschiedenen Seiten. Kommentiert. Ungläubig, was es da alles gibt. Dann findet sie die Seiten, die sie gesucht hat. STEFFI Der will mich heiraten. Ich soll mir einen Ring aussuchen. Der ist schön. Was meinst du? Und Barbara schaut sich den Ring an, der abgebildet ist. 189,99 DM. STEFFI Ist nicht der teuerste. So, als bedeute das, dass sie nicht gierig ist. BARBARA Schön. Plötzlich nimmt Steffi Barbaras Hand. In dem Katalog ist eine Pappe mit runden Aussparungen. Man kann hier seinen Fingerumfang feststellen, für die Ringbestellung. Steffi führt Barbaras Ringfinger ein. STEFFI Viel zu groß. Warte mal. Das könnte gehen. Das würde passen. Schöne Hände hast du. BARBARA Danke. STEFFI Welchen würdest du dir aussuchen? Barbara zuckt mit den Schultern.

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BARBARA Den vielleicht. STEFFI Oh, der ist schön. Steffi schaut Barbara an. STEFFI Wenn der mich heiratet, lassen die mich dann raus? BARBARA Glaub nicht. STEFFI Kennst dich da aus? Doch ein Verhör? Barbara antwortet nicht. Steffi schaut sie an. Plötzlich Schritte auf dem Gang. Türschlüssel. Steffi springt schnell auf, packt Katalog, Gläser und Kübel und verschwindet durch die Tür. Dann steht Jörg im Zimmer. Schließt die Tür hinter sich. Kommt auf Barbara zu, gleitet neben sie aufs Bett. Er küsst sie. Lippen, Hals. Barbara, die die Augen geschlossen hat und Jörgs Haare streichelt.

52 SCHIENENBUS – INNEN / AUSSEN – TAG Barbara. Sie steht am Fenster. Draußen zieht die Landschaft vorbei. Ein Halt. Fast alle Passagiere verlassen den Zug. Jetzt könnte sich Barbara setzen. Sie bleibt aber stehen. Der Zug fährt an. Sie schaut weiter hinaus. Ein Mann, der sie betrachtet, mustert. Barbara, die ihn ignoriert. Sie hat Angst. Einmal schaut sie noch in Richtung des Mannes. Der ist verschwunden.

53 BAHNHOF – AUSSEN – TAG Barbara sucht ihr Fahrrad. Findet es. Steigt auf. Fährt los. Eine Langsamkeit ist in ihr. Nicht so gehetzt wie beim letzten Mal. Die Angst vor der Flucht? Oder spürt sie, wie schwer es ist, einen Ort für immer zu verlassen?

54 FELDWEG / HOHLWEG / AUEN – AUSSEN – TAG Barbara, die den Telegrafenmast passiert. Stehenbleibt, sich umschaut. Sich an das erinnert, was Andre beschrieben hat. Dort ist der Hohlweg. Einen Moment zögert sie. Dann schiebt sie ihr Fahrrad durch den weichen Staub in den Hohl78


weg hinein. Jetzt sehen wir sie stehen. Schauen. Das Morgenlicht auf ihrem Gesicht. Lange steht sie so. Dann besteigt sie ihr Fahrrad. Verschwindet im Hohlweg. Jetzt erst sehen wir das, was sie betrachtet hat. Vor uns das Meer. Und das alles sieht wirklich unfassbar schön aus.

55 STRASSE VOR BARBARAS HAUS – AUSSEN – TAG Barbara auf dem Fahrrad. Ganz still, ganz in sich gekehrt. Und wieder der Wagen neben ihr. Sie ist überrascht. Versucht, sich das nicht anmerken zu lassen. Diesmal spricht Schütz nicht. Hat das Fenster heruntergekurbelt. So fahren sie neben ihr her.

56 BARBARAS WOHNUNG – INNEN – TAG Wie eine Wiederholung der ersten Durchsuchung. Schütz im Sessel. Der andere, der sucht. Der am Klavier ist. Barbara, den Kopf gesenkt, schaut nicht hin. Hört aber, wie der andere den Klavierdeckel öffnet. Wie Hunde, denkt sie, erschnüffeln auch alles. Scheiße. Jetzt ist er am Allesbrenner. Öffnet die Ofenklappen. Schaut hinein. Barbara erwartet, dass jetzt das Versteck entdeckt wird, dass der Mann gleich die Klappe am Rohr öffnet und den kleinen Haken entdeckt. Wieder klopft es an der Tür. Schütz fordert Barbara auf, die Türe zu öffnen. BARBARA Nein. SCHÜTZ Doch. Fast bedauernd klingt das. BARBARA Bitte nicht. Barbara zittert. Ist es die Angst, dass das Versteck entdeckt wird? Die Angst vor der Strafe? Oder die Angst vor der Erniedrigung? Sie bewegt sich nicht. Wieder klopft es. Schütz, der sich schwerfällig erhebt. Zur Tür geht. Der andere Mann, der jetzt vom Ofen weggetreten ist, in die Küche geht. Barbara, die ihre Erleichterung verbirgt. Hoffnung, dass an der Tür nicht die Frau mit den Gummihandschuhen ist. (Zeitsprung.) Im Badezimmer. Barbara fast nackt vor den Kacheln. FRAU

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Büstenhalter und Schlüpfer. Nun mach schon! Barbara, die ihre Unterwäsche auszieht, jetzt nackt ist. FRAU Die Haare auf! Barbara, die ihre Haare öffnet. Nah. Ihr Gesicht gegen die kühlen Kacheln gepresst. Die behandschuhte Hand der Frau, die durch Barbaras Haare geht. FRAU. Die Beine auseinander. Bück dich. Und noch immer sind wir nah bei Barbara, die ihre Augen geschlossen hält wie ein Kind, das sich wegträumt. Und jetzt hört man ein Summen, ein Murmeln. Eine Melodie. Der Mond ist aufgegangen. Barbara, die jetzt ihre Augen öffnet. (Sprung.) Torgau.

57 TORGAU – INNEN / AUSSEN – TAG Der Fuchsbau. Ein Strafkerker. Ein Mädchen an die Wand gelehnt. Die Stirn gegen die Wand gepresst. Es ist Stella. Zwei Tage ist sie schon hier in diesem Loch. Liegt auf der Betonpritsche. Sie singt sich weg. Der Mond ist aufgegangen. Der ganze faschistische Drecksrest, die Kirchen im Westen, die Anstalten im Osten, die NazierzieherInnen, das Brechen der Kinder, der Missbrauch, Kinderstimmen sind zu hören. Draußen ein Feld. Der Erziehungsacker. Die Dauerarbeit. Zum Abstumpfen, Müde- und Gefügigmachen. Jetzt sehen wir hier eine Gruppe Jugendlicher. Kartoffelernte. Aufseher. So richtig unüberwindlich war das Bewachungssystem hier in der DDR nicht. Wohin sollten sie auch, die Geflohenen? Man hat sie immer wieder gekriegt. Hier in dieser Gruppe, da ist Stella. Und sie sammelt die Kartoffeln. Plötzlich russische Laute in der Luft. Alle schauen sich um. Und dann schauen die ersten nach oben, die anderen folgen ihren Blicken. Dort sind zwei Fallschirmspringer zu sehen, im Gleitflug. Und die haben die Mädchen auf dem Feld gesehen und machen sich einen Scherz: Ihr Täubchen... Und weil das alles so schön ist, die Weite des Himmels und die lustigen Soldaten, starren alle hinauf. Stella schaut sich um, macht ein paar Schritte rückwärts und dann, als sie sieht, dass niemand sie gesehen hat, läuft sie zum Wald und springt hinein. Da hört sie die Trillerpfeifen, erst eine und dann viele. Und sie läuft und läuft und wir begleiten sie. Die Mauer, der Stacheldraht. Sie klettert, springt, bleibt hängen, Haut und Fleisch in den Dornen, ein entsetzlicher Riss auf der Innenseite der Oberschenkel. Blut durchtränkt den Stoff. Stella, die liegenbleibt. Einen langen Moment lang. Dann erhebt sie sich. Läuft weiter.

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58 KRANKENHAUS / GANG / UMKLEIDERAUM – INNEN – TAG Der lange Gang. Barbara, die gerade das Krankenhaus betreten hat. Den Gang entlang geht. Den Umkleideraum betritt. Barbara, die sich umzieht. Wieder in die bequemen Schuhe. Sie hört Stimmen und durch die angelehnte Tür sieht sie draußen die Visite vorbeigehen.

59 KRANKENHAUS / ZIMMER DES JUNGEN – INNEN – TAG Die Visite, die um das Bett des Jungen herum steht. Es ist wie an Barbaras erstem Tag. Andre, die Kladde in der Hand. Er spricht mit dem Jungen. Barbara beobachtet ihn. ANDRE Was gab es zum Frühstück? DER JUNGE Brot. Vierfruchtmarmelade. Käse. ANDRE Was für einen Käse? DER JUNGE Schmierkäse. ANDRE Magst du den? Der Junge schüttelt den Kopf. ANDRE Und gestern? DER JUNGE Zum Frühstück? ANDRE Mittags. Der Junge denkt nach.

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DER JUNGE Frikassee. Andre nickt. ANDRE Stimmt. Haben wir auch gehabt. Das Rhabarberkompott war aber lecker. DER JUNGE Ich hatte Pudding. Andre kratzt sich an der Stirn. ANDRE Hatten wir auch Pudding? Er fragt in die Runde. Jetzt begegnen sich seine und Barbaras Blicke. Keiner antwortet. ANDRE Stimmt, wir hatten auch Pudding. Er lächelt. ANDRE Ich hasse Pudding. Besonders die Haut da oben drauf. DER JUNGE Ich hab’s auch nicht gegessen. Auch der Junge lächelt.

60 KRANKENHAUS / KANTINE – INNEN – TAG Auch wie am ersten Tag. Der Tisch mit Andre und der Assistenzärztin. Und wieder Barbara am Buffet. Doch diesmal setzt sie sich zu den anderen, die schon fast aufgegessen haben. BARBARA Mahlzeit.

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Gemurmel. Barbara beginnt, mit dem Löffel in ihrem Cordon Bleu herumzustochern. Andre liest einen Text, den er neben seinem Teller hat. Er hat aufgeschaut. Freundlich. Distanziert. BARBARA Schon wieder Pudding. Eine Gesprächseröffnung. Ungewohnt. Und so schaut Andre sie an. Er sagt nichts. Und die Gesprächseröffnung versandet. Die Assistenzärztin erhebt sich, verlässt den Tisch. ASSISTENZÄRZTIN Bis später. Und so sind Barbara und Andre allein. BARBARA Das waren gute Fragen. Andre nickt unmerklich. BARBARA Sein Gedächtnis ist da. Wieder nickt er. BARBARA Sie machen sich noch immer Sorgen. Barbara schaut ihn an. ANDRE Ich weiß nicht. Ist ja alles normal. Die Werte. Reaktionen. Gedächtnis. BARBARA Was sagen denn die Eltern? ANDRE Die sind erleichtert. BARBARA Ist denen was aufgefallen an ihm? Andre schüttelt den Kopf. Barbara nickt. Andre erhebt sich.

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ANDRE Wir sehen uns ja gleich. Guten Appetit noch. BARBARA Tut mir leid, dass ich gestern so, na ja, abrupt war. Andre schaut sie an. ANDRE Sind Sie doch immer. BARBARA Nein. Andre, vor ihr stehend. Schaut herunter zu ihr. BARBARA Ich habe eine Bitte. Sie schaut ihn an. ANDRE Ach so. BARBARA Was, „Ach so!“? Barbara ganz aggressiv. Andre lächelt. ANDRE Schon gut. Barbara schluckt die Bemerkung hinunter. BARBARA Kann ich das Wochenende frei haben und dafür Nachtdienst machen? Wäre mir wichtig. ANDRE Wollen Sie nach Berlin zur Parade? Andre belustigt.

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BARBARA Nein, ich möchte renovieren. Andre schaut sie lange an. ANDRE Dann machen Sie das. BARBARA Danke. Und Andre verlässt den Tisch. Sie schaut ihm hinterher, als er sein Tablett wegbringt und dann die Kantine verlässt. Er hat sich nicht mehr zu ihr umgedreht.

61 KRANKENHAUS / KAMMER – INNEN – NACHT Barbara allein. Auf der Station. Sie geht den Flur entlang. Betritt ein Behandlungszimmer. Schließt die Tür hinter sich. Ein Schrank. Sie öffnet ihn. Entnimmt Pflaster, Verbandsmaterial. Schaut sich um. Steckt es ein. Wie eine Diebin, die sich an den Morphiumvorräten schadlos hält. Aber es ist nur Verbandszeug.

62 BARBARAS WOHNUNG – INNEN – TAG Barbara am Versteck hinter dem Klavier. Sie entnimmt das kleine Paket. Sie geht ins Bad. Öffnet das Paket. Münzen, Schmuck und Briefmarken. Familienbesitz. Im Westen wird sie den versilbern. Das wasserdichte Verbandszeug, in das sie Schmuck, Münzen und Briefmarken einschlägt. Mit dem Pflaster verklebt. Die Geschicklichkeit, die man erlernt, während Studium und Lehrjahren. Jetzt geht sie ins Wohnzimmer. Holt den Samsonite und schließt ihn. Das Wasser der Badewanne, das die ganze Zeit über gelaufen ist, stellt sie jetzt ab. Sie drückt den Samsonite unter Wasser, als ob sie einen Fahrradschlauch auf mögliche Undichte prüft. Es steigen keine Bläschen auf.

63 KRANKENHAUS – INNEN – NACHT

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Barbara, die eben die Station betreten hat. Geht den Gang hinunter am Zimmer des Jungen vorbei. Zögert, bleibt stehen. Schaut hinein. Sieht dort Andre am Bett des Jungen sitzen. Eine Kladde in der Hand. Er spricht mit dem Jungen. Barbara zögert. Dann geht sie weiter. Zieht sich im Spindraum um. Betritt den Gang, als Andre gerade aus dem Zimmer des Jungen tritt. Er geht den Gang entlang, er hat schon nicht mehr seinen Arztkittel an, ist schon in Zivil. Vertieft in Unterlagen. BARBARA Wie geht es ihm denn? ANDRE Dem Mario? Erstaunlich gut. Andre ist ganz selbstverständlich, tut auch nicht überrascht. Reicht ihr die Mappe. ANDRE Auf der vier ist ein Mädchen eingeliefert worden, Lungenentzündung. Die haben wir heute am Tropf, aber die kann morgen nach Hause. Die Mutter hat ein Baby, ist den ganzen Tag zu Haus und so kann das Antibiotikum auch oral eingenommen werden. Barbara nickt. Schaut in die Mappe. ANDRE Schauen Sie bitte auch noch mal nach Mario. Barbara schaut ihn an. BARBARA Sie glauben... ANDRE Ich weiß nicht. Er redet völlig zusammenhängend, Reiz / Reaktion ist auch in Ordnung. BARBARA Es ist eine Schädelprellung. ANDRE Ich hab ein schlechtes Gefühl.

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Sie schaut ihn an. ANDRE Weiß nicht. Kann’s nicht verifizieren. Sie schaut Andre an. Irgendwas will sie sagen. Auf Mario bezogen? Oder vielleicht doch etwas Persönliches, Andre betreffend? ANDRE Ich möchte morgen noch einmal eine Testreihe bei dem Jungen machen. Können Sie mir dabei helfen? BARBARA Ich habe morgen frei. ANDRE Ich auch. Barbara antwortet nicht auf diese versteckte Bitte, ihre Freizeit zu opfern. Lange Augenblicke. Andre schaut sie an. ANDRE Können Sie die Renovierung nicht für zwei Stunden unterbrechen? Ich mach Ihnen dann auch die Steckdose. BARBARA Sonntag kann ich. Sonntag ist sie schon in Dänemark. Barbara kann nicht gut lügen. Den Kopf gesenkt. Aber Andre deutet das anders. Sie hatten sich ja schon mal geduzt. Und sind wieder auf Anfang. Bestimmt hat sie eine Verabredung mit einem Freund, denkt er sich. Andre nickt. ANDRE Wann? BARBARA Um 11? Andre starrt sie an. Wartet. Lange. Sie hält dem Blick stand. ANDRE Gute Nacht.

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BARBARA Ihnen auch. Er geht und dann ist sie allein. (Zeitsprung) Nacht.

64 AUF DER STATION – INNEN –NACHT EIN KIND, 13, 14 Jahre alt. Der Atem rasselt. Barbara, die ans Bett tritt. Sputum aus dem Mundwinkel des Kindes. Barbara wischt sanft, um das Kind nicht zu wecken, die Mundwinkel. Betrachtet den Auswurf. Entsorgt das Zellstoffläppchen. Wäscht sich die Hände, desinfiziert sie. Tritt wieder ans Bett des Kindes, bettet dessen Kopf, so dass das Sputum besser abfließen kann. All ihre Verrichtungen von großer Genauigkeit und Vorsicht. Fast könnte man es Zärtlichkeit nennen. Draußen das Geräusch einer Tür. Noch einer. Barbara tritt auf den Gang. Sieht am Ende des Ganges ein JUNGES MÄDCHEN, das die Tür zu Marios Zimmer geöffnet hat und gerade darin verschwindet. Barbara, die zu Marios Zimmer geht. Hineinschaut. Sieht das junge Mädchen am Bett von Mario. Die Leselampe ist eingeschaltet. Wie in einem Gemälde sitzen die beiden da und dieses Bild lässt Barbara zögern, die Tür zu öffnen. Sie beobachtet die beiden. Das Mädchen nah am Gesicht des Jungen. Barbara sieht, dass sie weint. Dann das laute Schluchzen eines Kindes. Barbara zurück in das Mädchenzimmer. Ein Kind hat die Augen aufgeschlagen. Schaut Barbara an. Barbara beugt sich über sie. Die Hand auf der Stirn des Kindes. Die Flüsterstimme des Mädchens. Ein Lächeln. DAS MÄDCHEN Du hast ja blaue Haare. Barbara ist ein wenig verwirrt. BARBARA Morgen kannst du nach Hause. Sie flüstert und das Kind schaut einfach nur auf diese Ärztin und denkt vielleicht an die gute Fee aus Pinocchio, die mit den blauen Haaren. Starrt ganz entrückt. Und Barbara starrt zurück. Das Kind muss plötzlich ganz breit grinsen, schließt die Augen und schläft ein. Einen Moment wartet Barbara. Als sie sicher ist, dass das Kind sicher und ruhig schläft, will sie zurück zu Mario und dem Mädchen. Schaut den Gang hinunter, sieht gerade noch, wie das Mädchen das Krankenhaus verlässt. Sie läuft hinter dem Mädchen her.

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65 VOR DER KLINIK – AUSSEN – NACHT Die Bushaltestelle. EIN JUNGE AUF EINEM MOTORRAD. Das Mädchen will aufsteigen. Jetzt ist Barbara bei ihnen. BARBARA Warte mal. Die beiden hören sie nicht. Das laute Geräusch des Zweitaktmotors. Barbara muss schreien. BARBARA Warte mal!! Jetzt hat der Junge sie gehört. Er schaut erstaunt die Ärztin an, die da im weißen Kittel unter dem Neondampflicht steht. Er stellt den Motor ab. Stille. BARBARA Kann ich dich mal sprechen? Sie spricht zu dem Mädchen. Das Mädchen bleibt auf dem Rücksitz sitzen. Schaut Barbara an. Nickt. BARBARA Du warst bei Mario. ANGIE Mhh. BARBARA Was ist passiert? Das Mädchen schaut erstaunt. ANGIE Nichts. Der Junge starrt Barbara an. BARBARA Kann ich dich mal sprechen?

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Das Mädchen zuckt mit den Schultern. Bleibt sitzen. BARBARA Kommst du mal mit? ANGIE Warum? BARBARA Bitte. Das Mädchen steigt ab. Geht zu Barbara. Die geht ein paar Schritte zur Bushaltestelle. Setzt sich auf die Bank. Erwartet das Mädchen. Bietet ihr den Platz neben sich an. Der Junge auf dem Motorrad schaut sie schweigend an. Zündet sich eine Zigarette an. Barbara und das Mädchen. Jetzt sitzen sie zusammen. BARBARA Ich bin die behandelnde Ärztin, Dr. Wolff. Das Mädchen schaut Barbara kurz an. Nickt. Wie auf dem Sprung ist sie. BARBARA Und wie heißt du? ANGIE Angelika. BARBARA Angie? Das Mädchen starrt Barbara an. ANGIE Hat er von mir erzählt? Barbara schüttelt leicht den Kopf. BARBARA Geraten. Jetzt nickt das Mädchen. Es wirkt unglaublich traurig. Wieder schießen ihr Tränen ins Gesicht. Das Mädchen drückt sie weg. Barbara hat sie nur einen Mo-

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ment angeschaut. ANGIE Ich muss los. BARBARA Du hast eben geweint. ANGIE Habe ich nicht. BARBARA Als du bei Mario warst. Das Mädchen sagt jetzt nichts. BARBARA Seid ihr zusammen? Du und Mario? Jetzt weint das Mädchen. Barbara schweigt. Wartet. Das Mädchen, das einen Brief aus der Tasche zieht. ANGIE Der kam mit der Post.

Barbara öffnet den Brief, der ganz zerknüllt ist: „Angie, ohne dich kann ich doch nicht leben.“ BARBARA Und du hast geweint, weil du glaubst, dass du schuld bist? ANGIE Ja. Nein. Wieder wartet Barbara. ANGIE Wir sind gerade von der Zellwolle oben in Stralsund. Da gab es ein Fest. Ich habe mit zwei Kubanern getanzt. Mehr nicht. Nur getanzt. Und der Arsch Werner hat ihn angerufen, bestimmt war der es, und hat Mario wer weiß was erzählt. UND DANN KAM HEUTE MORGEN DER BRIEF. Und dann habe ich angerufen und die Frau Nussbaum hat mir alles erzählt, vom Krankenhaus und so. Und dann hat mein Bruder mich abgeholt.

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Barbara hat zugehört. BARBARA Deshalb hast du geweint? ANGIE Nein. Sie starrt vor sich hin, wischt sich Nase und Gesicht an ihrem Ärmel ab. ANGIE Weil er so kalt ist. BARBARA Was meinst du? ANGIE Der ist ganz kalt. BARBARA Es ist doch oft so, dass man nach solch einer Tat ganz nüchtern ist. ANGIE Meinen Sie? Ich habe ihm alles erklärt. Dass der Werner lügt, weil er mal in mich verliebt war. Das weiß er doch, der Mario. Habe ihn geküsst. Jetzt weint Angie wieder. ANGIE Er hat mich gefragt, ob ich ihm ein Wasser holen könnte. Und dann hat er mir erzählt, was es heute zu essen gab. BARBARA Vielleicht hat er dir nicht geglaubt und wollte dich bestrafen? Angie schüttelt den Kopf. ANGIE Es stimmt was nicht. Das ist er nicht. Der hat mir aufgezählt, was es zu essen gab die letzten Tage. Das ist doch nicht normal. Wenn er sauer wäre, okay, aber er ist kalt.

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66 IM KRANKENHAUS – INNEN – NACHT Barbara. Durch die Flure zu Marios Zimmer.

67 IM KRANKENHAUS / MARIOS ZIMMER – INNEN – NACHT Barbara am Krankenbett von Mario. Es ist dunkel. Nur ein wenig Licht durch das kleine Fenster in der Tür. Barbara betrachtet den Jungen vor sich. Unschlüssig. Und plötzlich sieht sie, dass der Junge die ganze Zeit über die Augen geöffnet hat und Barbara anschaut. Barbara tritt leise an ihn heran. BARBARA Mario? MARIO Ja. BARBARA Kannst du nicht schlafen? MARIO Doch. BARBARA Angie war da. MARIO Ja. BARBARA Du hast ihr einen Brief geschrieben. MARIO Wann? BARBARA Einen Abschiedsbrief. Mario schaut Barbara an. Schweigt. Barbara ist sich nicht sicher, ob er zumacht oder ob er sich wirklich nicht erinnern kann.

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BARBARA Was hast du ihr geschrieben? Jetzt denkt er nach. MARIO Dass sie hübsch ist? Stille. MARIO Können Sie das Fenster schließen? Barbara schließt das Fenster. MARIO Vielen Dank. Es könnte ironisch sein, ist es aber nicht. Er spricht wie ein Roboter, gefühllos. Barbara betrachtet ihn. BARBARA Soll Angie dich morgen besuchen kommen? Mario schaut sie an. MARIO Was gibt es denn morgen zu essen? Barbara starrt ihn an. MARIO Wissen Sie das schon?

68 BARBARAS WOHNUNG – INNEN – TAG Barbara. Gerade ist sie nach Hause gekommen. Die lange Nachtschicht in den Knochen. Sie zieht die Vorhänge vor. Sie ist in Unterwäsche. Die Zahnbürste im Mund. Im Bad. Sie rasiert sich die Beine. Sie macht sich schön. Wie zu einem Rendezvous. In dieser Nacht wird sie fliehen. Sortiert Wäsche aus ihrem Schrank. Selektiert. Die wenigen Sachen, die sie gerne hat, legt sie geordnet zur Seite. Zwei Bücher und ein Tagebuch daneben. Ein kleiner Stapel mit Fotografien. Briefe. Dokumente. Auch die werden jetzt wasserdicht eingepackt. Jetzt sitzt

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sie auf dem Bett. Legt sich hin. Stellt den Wecker. Kann nicht schlafen. Schaut in die Wohnung. Das gedämpfte Licht. Der Samsonite. Sie schließt die Augen. Für einen Moment könnte man glauben, dass sie eingeschlafen sei. Erschöpfungsschlaf einer Schichtarbeiterin. Dann springt sie plötzlich auf.

69 STRASSE VOR BARBARAS WOHNUNG – AUSSEN – TAG Eine Telefonzelle. Ein Telefon an einer Häuserwand. Darüber ein Blechdach als Regenschutz. Eine kleine Schlange Wartender. Unter ihnen Barbara. Ungeduldig. Eine Spannung in ihr. Sie steht da, wie wir sie kennen. In sich gekehrt. Gelernt im Gefängnishof. Gelernt bei den unzähligen Stunden des Wartens. Das Geräusch des Hörers, der auf die Gabel zurückgelegt wird. Sie schaut auf. Sie ist dran. Nimmt den Hörer ab. Ein 20-Pfennig-Stück. Sie wirft es ein. Wählt. BARBARA Dr. Wolff. Ich muss Dr. Reiser sprechen... Ach so... Ja... Und wo ist das? … Ich muss ihn sprechen. Sie hört. Sie merkt sich etwas. Dann legt sie auf.

70 STRASSE VOR ANDRES HAUS – AUSSEN – TAG Barbara auf dem Fahrrad. Sie liest die Hausnummern. Jetzt steigt sie ab. Lehnt das Fahrrad an einen Zaun. Ein kleines Haus, Rieddach. Um die Jahrhundertwende gebaut. Ein Vorgarten. Gepflegt. Eine Bank, zur Straße hin. Barbara durchquert den Vorgarten. Klingelt. Niemand öffnet. Sie geht um das Haus herum. Schaut in die Fenster. Den Garten. Eine Terrasse. Sie ruft. Stille. Plötzlich die Stimme eines Mannes. Sie schaut sich um. Da sind die Garagen des Nachbargrundstückes und Kaninchenställe. EIN MANN. Ein Bollerwagen. Der Mann tauscht das Stroh aus. NACHBAR Der Doktor ist nicht da! BARBARA Wissen Sie, wo ich ihn finden kann? Ich bin Dr. Wolff, seine Kollegin. NACHBAR Beim Schütz ist der. BARBARA

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Und wo ist das? NACHBAR Das Café am Markt. BARBARA Danke. Aber der Mann sagt nichts mehr. Macht weiter mit seiner Arbeit. Dann geht sie zum Fahrrad zurück. Steigt auf. Fährt. Eine kleine Straße. Eine Kreuzung. Sie überquert die Kreuzung. Hält inne. Vor ihr der Marktplatz. Sie hat den Wagen von Andre gesehen. Er steht vor einem Haus, auf dem in verwitterten Lettern ‚Café und Konditorei‘ steht. Sie fährt auf das Haus zu. Sie betritt das Cafe, erwartet, Andre hier zu sehen. Kaffee. Zigaretten. Freunde. Eine große Eichentür. Ein Flur, Steinboden, eine Treppe, die nach oben führt. Links eine Tür, ein Emailleschild, angestoßen, ‚Schankraum‘. Sie öffnet die Tür.

71 IM GASTHOF – INNEN – TAG Ein leerer Raum. Die Stühle auf den Tischen. Die Morgensonne flutet herein. Qualm ist in der Luft. Hinten, am Fenster, sitzt ein Mann. Mit dem Rücken zu Barbara. Die Hände vor dem Gesicht. Der Mann wirkt erschöpft. Vor sich Kaffee. Der Aschenbecher. Die Zigarette zwischen den Fingern. Gerade will Barbara den Mann ansprechen, der offensichtlich nicht Andre ist. Jetzt dreht sich der Mann zu ihr um, hat die Hände vom Gesicht genommen. Es ist Schütz, der Mann, der sie observiert. Sie starren sich an. Kein „Was wollen Sie denn hier?“ Barbara zögert. Ist irritiert. Der Mann vor ihr sagt nichts. Wartet. Dann. SCHÜTZ Kann ich Ihnen helfen? BARBARA Ich suche Dr. Reiser. Der Mann nickt. SCHÜTZ Er ist oben. Wollen Sie warten? Barbara zuckt mit den Schultern. Ganz eingeschüchtert ist sie. Sie kann die Situation nicht lesen.

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SCHÜTZ Ist es dringend? Barbara nickt. SCHÜTZ Was in der Klinik? BARBARA Ja. SCHÜTZ Die Treppe hoch, dann links. Barbara nickt. Geht hinaus. Die Treppe hinauf. Oben ein dunkler Flur. EINE FRAU auf einem Stuhl vor einer der Türen. Neben ihr EIN JUNGE. Sie schauen jetzt Barbara an. Ganz leise ist Stöhnen zu hören. Aus dem Zimmer. Barbara spricht unwillkürlich leise. BARBARA Ich möchte zu Dr. Reiser. Die Frau und der Junge starren sie an. Barbara zeigt auf sich. BARBARA Dr. Wolff. Ich komme aus der Klinik. DIE FRAU Er ist drinnen bei Friedel. BARBARA Kann ich ihn sprechen? Die Frau erhebt sich. Barbara, die einen Schritt zurücktritt. Es ist ihr nicht geheuer. Die Frau öffnet leise die Tür, schaut hinein. Für einen Moment ist ihr Kopf nicht mehr zu sehen. Wieder Stöhnen. Leiser diesmal. Das Flüstern der Frau, die jetzt wieder auftaucht und Barbara bedeutet, ihr zu folgen. Im Zimmer. Kurz schweift Barbaras Blick durch das Zimmer, das aufgeräumt ist, sehr schlicht und schön eingerichtet. In der Ecke eine Staffelei. Ein Tisch mit Malutensilien. Ein Fenster zur Nordseite, das nachträglich vergrößert worden ist. Im Nebenraum ein Bett. Hoch aufgeschichtete Kissen, sodass DIE KRANKE, die dort gebettet ist, aufrecht liegen kann.

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DIE FRAU Herr Dr. Reiser, hier ist jemand für Sie. Andre, der neben der Kranken sitzt. Der sich jetzt erstaunt umdreht und Barbara sieht. Er hat eine Spritze in der Hand. Hat eine Vene im Unterarm der Kranken gesucht. Auch die Kranke schaut Barbara an. Eine Frau, Mitte dreißig. Ausgezehrt von der Krankheit. Von der Arbeit. Schweiß auf ihrer Stirn. Andre nickt. Barbara bleibt stehen. Versucht, die Situation zu verstehen. Hinter Barbara, im Türrahmen, der Junge. Ganz neugierig schauen sie. Die Frau flüstert noch immer. DIE FRAU Komm! Und sie schiebt den Jungen hinaus in die Küche. Jetzt steht Barbara allein da. FRIEDEL Sie haben aber eine schöne Freundin. Das Sprechen fällt ihr schwer. Die Schmerzen. Ein Lächeln in ihrem Gesicht, trotz alledem. Andre, der, als er Barbara so überraschend hinter sich stehen sah, die Arzttasche geschlossen hat. Noch immer starrt er Barbara an. BARBARA Ich habe Ihren Wagen gesehen. Ich muss Sie sprechen. FRIEDEL Sie siezen sich? Sie schaut Andre an. FRIEDEL Machen das die Ärzte so? ANDRE Nur manchmal. Zu Barbara gewendet. ANDRE Barbara, ich komme gleich. Können Sie unten warten?

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Jetzt hat er sich wieder der Kranken zugewendet. Bindet ihren Oberarm ab. Sucht wieder eine Ader. Und Barbara geht hinaus.

72 SCHANKSTUBE – AUSSEN – TAG Barbara auf einer Bank im Flur vor dem Schankraum. Im Schatten. Müde ist sie. Ein wenig verwirrt. Sie sitzt da und raucht. Schütz, der still und in sich gekehrt am Tisch sitzt. Barbara wollte sich nicht zu ihm setzen, es gab auch keine einladende Geste. Aber auch ein Sträuben in ihr, sich zu dem Mann zu setzen, der sie gedemütigt hat. Die Frau kommt die Treppe hinunter. Eine Emailleschüssel in den Händen. Hinter ihr der Junge. DIE FRAU Das ist für euch. In der Schüssel Paprika, Auberginen, Kartoffeln. Barbara nimmt die Schüssel entgegen. Irritiert starrt sie das Gemüse an. BARBARA Danke. Die Frau, die jetzt zu Schütz hinüber geht. Ihm über den Kopf streicht. DIE FRAU Klaus, ich muss los. Ich komme später noch mal. Der Mann nickt. Murmelt etwas. Dann verlässt sie mit dem Jungen den Schankraum. Begegnen auf der Türschwelle Andre. Die Frau nickt. Zeigt auf den am Tisch sitzenden Schütz. Andre nickt. Dann ist die Frau draußen. Barbara, die sich erhoben hat, sprechen will. ANDRE Gleich. Und er geht in den Schankraum, setzt sich zu Schütz. Setzt sich neben ihn. Die beiden Männer flüstern. Schütz, der sich zu Barbara umschaut und etwas zu Andre sagt. ANDRE Barbara, können Sie draußen am Wagen auf mich warten? Barbara nickt und erhebt sich. Zögert einen Moment. Nimmt dann die Emaille-

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schüssel. Im Hinausgehen sieht sie, wie Andre den Arm um Schütz legt. Barbara scheint es, als ob Schütz weint.

73 VOR DER GASTWIRTSCHAFT – AUSSEN – TAG Barbara, die noch immer die Schüssel in den Händen hat. Vor dem Wagen steht. Die Schüssel neben sich auf die Motorhaube stellt. Dann kommt Andre aus dem Haus. Steht jetzt vor ihr. Barbara schaut ihn an. Ganz ernst. BARBARA Sie haben recht. Der Junge muss operiert werden. Andre starrt sie an. BARBARA Heute Nacht war seine Freundin da. Er hatte ihr einen Abschiedsbrief hinterlassen. Er kann sich an nichts erinnern. Andre schaut sie an. ANDRE So eine schwere Erschütterung kann zu Amnesien führen. Nicht unnormal. BARBARA Er kann sich ja erinnern. An alles. Nur nicht an seine Gefühle. Die sind weg. Andre schaut sie an. Langer Blick. Barbara schaut zurück. Plötzlich ganz ungehalten. BARBARA Ich weiß, was sie sagen wollen. Dann müsste ich ja auch operiert werden, meine Gefühle sind ja auch... Und sie macht eine Geste, rollender Finger, usw. Andre, der nicht weiß, ob er lächeln soll, der aber ernst bleibt. ANDRE Wir können das Fahrrad in den Kofferraum legen. Und schon öffnet er die Heckklappe. Barbara, die die Beifahrertüre öffnet, zögert. Zur Motorhaube geht und die Schüssel nimmt, so, als sei das schon selbstverständlich.

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74 WAGEN – INNEN – TAG Barbara auf dem Beifahrersitz. Die Schüssel im Schoß. Andre fährt. Sie schweigen. Hinten rappelt das Fahrrad herum. BARBARA Das ist Morphium gewesen. ANDRE Ich hab’s entwendet. Werden Sie mich melden? BARBARA Was hat die Frau? ANDRE Friedel hat Krebs und wird sterben. BARBARA Sind Sie verwandt? ANDRE Nein. BARBARA Und der Offizier? ANDRE Ihr Ehemann. BARBARA Kennen Sie sich schon lange? ANDRE Seit Friedel erkrankt ist. BARBARA Machen Sie das oft? ANDRE Das Sterben erleichtern? BARBARA Arschlöchern helfen.

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ANDRE Wenn sie krank sind: Ja. Barbara fragt nicht weiter. Sie fahren dahin.

75 KRANKENHAUS – INNEN – TAG Durch das kleine Fenster in der Tür zu Marios Zimmer ist Andre zu sehen. Er spricht mit dem Jungen. An der Tür Barbara. Sie beobachtet. Sie setzt sich auf eine Holzbank. Die Stationsschwester geht vorbei. Sie grüßen sich. Barbara ist hundemüde. Die Stationsschwester, die sich noch einmal umschaut. Ein wenig irritiert ist, Barbara außerhalb ihrer Arbeitszeit hier auf der Station zu sehen. Jetzt lehnt Barbara ihren Kopf zurück. Die Kühle der lackierten Wand. Sie schließt die Augen. Plötzlich die Stimme Andres. ANDRE Barbara. Ganz leise. Sie öffnet die Augen. Verwirrt. Das Licht im Gang hat sich verändert. Wie lange hat sie geschlafen? Sie schaut auf ihre Uhr, die nicht da ist, die zu Hause ist, eingeschweißt, wasserdicht. Der Kalender am Ende des Ganges. Die schwarze Acht. Heute Nacht soll ihre Flucht stattfinden und jetzt ist sie eingeschlafen. Neben ihr Andre. Er reicht ihr einen Kaffee. BARBARA Wie spät ist es? ANDRE Kurz vor zwei. Barbara beruhigt. BARBARA Danke. Sie nippt am Kaffee. ANDRE Ich hab Fabricius angerufen. Er kommt heute Abend. Er wird operieren. Barbara verwirrt.

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ANDRE Wir sollten ausgeschlafen sein. Ich fahre Sie nach Hause. BARBARA Woher kennen Sie ihn? ANDRE Hab studiert bei ihm. Barbara schaut ihn an. ANDRE Sie schlafen wie ein Soldat. Er macht sie nach. Barbara muss lachen. ANDRE Kommen Sie! Barbara erhebt sich, streckt sich ein wenig. Den Kaffee hat sie hinuntergestürzt. BARBARA Und die Anästhesie? ANDRE Das machen Sie. BARBARA Was? ANDRE Können Sie doch. Stand in ihrer Akte. BARBARA Kann doch die Schulze machen. ANDRE Wollen Sie denn nicht dabei sein? BARBARA Doch.

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Ganz leise.

76 IM WAGEN – INNEN – TAG Das Fahrrad im Kofferraum. Es klappert bei jeder Unebenheit. Barbara, die neben Andre sitzt. Wieder eine Unebenheit, irgendwas ist umgefallen. Barbara dreht sich nach hinten zur Rückbank. Die Schüssel. Das Gemüse, das sich auf dem Rücksitz verteilt. Sie sammelt es wieder ein. Andre, der Barbara dabei betrachtet. ANDRE Was hat Friedels Schwester denn mitgegeben? BARBARA Zucchini. Aubergine. Tomaten. Langsam zählt sie die Gemüse auf. ANDRE Die ist ’ne Künstlerin. Das schafft kein anderer hier anzubauen. Jetzt kommt Barbara nach vorne. Die Schüssel auf dem Schoß. ANDRE Mögen Sie Ratatouille? Barbara schaut ihn an. ANDRE Dauert ’ne halbe Stunde. Barbara, die nicht weiß, was Ratatouille ist, schaut ihn an. ANDRE 40 Minuten. Höchstens. Barbara zögert. ANDRE Na, kommen Sie. Schmeckt großartig.

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Und vielleicht, weil es Ihr letzter Abend hier in diesem Land ist, mit diesem Mann, aus dem sie nicht schlau wird. Sie nickt so leicht, dass es auch eine Bodenwelle gewesen sein könnte. Aber Andre lächelt. ANDRE Großartig. Ganz leise hat er das gesagt, wie ein Echo auf seinen letzten Satz.

77 ANDRES HAUS – INNEN / AUSSEN – TAG Andre in der Küche. Barbara, die durch das Haus geht. Die Tür zur Terrasse, die offen steht. Bilder an der Wand. Überhaupt sieht alles übervoll aus. Regalbretter biegen sich. Stapel auf dem Boden. Alles scheint in Arbeit. Eines der Bilder, ein Gemälde, Öl, ein wenig impressionistisch, Frühlingslicht. Es ist eine Bild des Hohlwegs mit dem Meer, gemalt sicherlich von dem Ort aus, an dem Barbara gestanden hat und von dem Andre erzählt hat. Auf der rechten Seite ein Bücherregal. Jetzt schaut sie sich die Bücher an. Bemerkt nicht, dass Andre, aus der Küche kommend, den Raum betreten hat. Er wischt sich die Hände ab. Vielleicht will er sie gerade ansprechen, aber er schaut sie einfach nur an, wie sie seitlich fast mit dem Rücken zu ihm steht und die Buchrücken liest. Er geht hinaus in den Garten. Jetzt spürt Barbara seine Anwesenheit. Sieht, wie er gerade hinausgeht. Zu einem Beet. Ein Kräuterbeet. Er schneidet ein paar der Kräuter. Sie betrachtet ihn dabei. Ihr gefällt die Sorgfalt, das Prüfen der Kräuter mit den Fingerspitzen. Jetzt hat er seine Kräuter, erhebt sich. Barbara tritt wieder zurück in den Raum zu den Büchern. Er betritt das Wohnzimmer. Sie schaut ihn an. ANDRE Dauert nicht mehr lange. Barbara nickt. Er schaut sie an. Da sind fünf, sechs Meter zwischen ihnen. Ein langer Blick. BARBARA Wie sind die Bücher sortiert? Andre ist überrascht von dieser Frage. BARBARA Ich kann kein System erkennen.

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Andre nickt. ANDRE Das da sind Erzählungen von und mit Ärzten. BARBARA Und das auch? „Aufzeichnungen eines Jägers“? Sie hält einen Band hoch. Turgenjew. ANDRE Da ist überhaupt eine der schönsten Geschichten drin. „Der Kreisarzt“. Er ist näher getreten. Zwei, drei Meter. Rechts die Küche. ANDRE Ein älterer, hässlicher Arzt wird zu einem schwindsüchtigen Mädchen gerufen. Das Mädchen glüht, es ist 17 oder 18. Das Fieber. Ein Sturm, ein Unwetter. Er kann nicht zurück. Muss bleiben. Aderlass. Der ganze Unsinn. Das Mädchen hat noch nie geliebt und jetzt muss es sterben, ohne je geliebt zu haben und so nimmt sie ihn, den hässlichen Arzt, zu ihrem Geliebten. BARBARA Er schläft mit ihr? ANDRE Nein. Er ist nur Stellvertreter. Für all die Lieben, die sie nie haben wird. Sie phantasiert eine Liebesgeschichte mit ihm. Beschreibt ihn, seine Zärtlichkeit, seine Leidenschaft, seine Schönheit. Dann stirbt sie. Und der alte, hässliche Arzt fährt nach Hause zu seiner Frau, zu seinen Kindern. Aber nie ist er so geliebt worden wie in dieser Nacht. Ich schenk’s Ihnen. Er blickt zur Küche, irgendwas brutzelt oder kocht und vielleicht tut er nur so, als ob er jetzt schnell dorthin müsste. Barbara steht da, das Buch in der Hand. Sie kann ihn durch die Tür sehen. Komisch, dass sie sich wohlfühlt. Die Geräusche von draußen, aus der Küche. Der Sommer. Ganz leicht ist sie. Sie zündet sich eine Zigarette an. Sie geht zur Terrassentür, schaut hinaus. Sie sieht das Klavier, hebt den Deckel. Man sieht ihn in der Küche, wie er sie beobachtet, dabei weiter Geräusche macht, sodass Barbara sich unbeobachtet fühlt. Barbara sieht die Noten, Chopin. Und er hofft, dass sie spielt. Doch jetzt schließt sie den Deckel wieder, gerade als es aussah, als wolle sie zu spielen beginnen. Sie kommt zur Küche. BARBARA

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Kann ich helfen? ANDRE Kochen Sie gerne? Barbara schüttelt den Kopf. Andre lacht. Auch Barbara muss lachen. ANDRE Ich freu mich so, dass du da bist. Er ist ganz offen. Barbara, die den Blick senkt, ist ganz erstaunt über diese Schüchternheit. Dann schaut sie ihn an, nickt. Der lange Blick. Dann geht er zu ihr, die zwei Schritte, der lange Weg. Und als er noch überlegt, was jetzt, als er noch erstaunt ist über diesen Mut, da umarmt sie ihn. Küsst ihn. Wie ein Abschiedskuss. Und auch er umarmt sie. Und dann macht sie sich los und er sich. Und sie flüstert. Den Blick gesenkt. BARBARA Ich kann jetzt nicht. Ich muss... Und sie läuft hinaus. Und er steht einfach da. Und sieht durch das Fenster, wie sie auf ihr Fahrrad steigt. Und wegfährt.

78 STRASSE VOR BARBARAS HAUS – AUSSEN – NACHT Zwei Blicke auf das Haus, in dem Barbaras Wohnung sich befindet. Dort ist Licht. Ein Blick von weit weg. Und einer von Nahem, wie aus dem Gebüsch im Garten vor dem Haus.

79 BARBARAS WOHNUNG – INNEN – NACHT Barbara, am Fenster stehend. Rauchend. Die leere Straße. Ihr Blick auf die Uhr. Eine Bewegung. Die Hausmeisterin mit einem Bollerwagen, den sie hinter sich her zieht. Überquert die Straße. Verschwindet durch den Torbogen gegenüber. Barbara geht noch einmal hinüber zum Koffer, der geöffnet neben dem Bett steht. Sie setzt sich auf das Bett. Die Verzweiflung einer Wartenden. Sie schaut vor sich hin. So, als denke sie nach. Wieder schaut sie auf die Uhr. Sie legt sich auf das Bett. Schließt die Augen. Konzentriert sich. Ruhige Atemzüge. Jetzt steht sie auf. Geht zum Tisch. Nimmt ein Buch. Es ist der Turgenjew. Sie geht hinüber zum Koffer. Öffnet ihn. Darin all’ die wasserdicht verpackten Sachen. Sie legt das Buch obenauf. Betrachtet das Stillleben. Nimmt sich ihre Strickjacke.

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Zieht sie an. Da klopft es. Leise. Barbara zögert, erschrickt. Noch einmal das Klopfen. Lauter jetzt. Barbara nimmt den Koffer, schiebt ihn unters Bett. Noch einmal das Klopfen. Leiser jetzt. Barbara, die zur Tür geht. Sie öffnet. Nichts ist zu sehen. Das dunkle Treppenhaus. Stille. Jetzt will sie das Licht einschalten, da hört sie, wie ihr Name geflüstert wird. STELLA Barbara. Und Barbara schaut die Halbtreppe hinunter. Neben der Tür ein Schatten. Ein Wimmern. Sie hat Stellas Stimme erkannt. Beugt sich hinab. Arme, die sie umschlingen. BARBARA Stella! Und jetzt weint Stella. Ein Weinen in ihren Schultern. Barbara, die sie sanft in ihre Wohnung stützt. Die Tür hinter sich schließt. Das Weinen des Mädchens, das immer wieder Barbaras Namen flüstert, so wie sie das wohl schon während ihrer ganzen Flucht getan hat. Wie ein Gebet. Barbara, die die Vorhänge schließt. Und die jetzt das Licht einschaltet. Zurückweicht, die Hand erschreckt vor dem Gesicht. Vor ihr auf dem Boden Stella. Tiefe Augenringe. Blut aus Nase und Mund. Schon eingetrocknet. Barbara beugt sich hinab zu ihr. Stella, die Barbara umarmt. STELLA Du bist da. Barbara, die jetzt gar keine Fragen stellt, wie kommst du hierher, wie hast du mich gefunden, was hat man dir angetan? Die, eben Ärztin, Stella sofort untersucht. Stella, die sie während dieser Untersuchung umarmt hält. Barbara, die Spuren von Schlägen entdeckt. Hämatome, Rücken, Oberarme. Schenkel. Blut auf der Innenseite der Schenkel, Stella, die das verstecken will, vor Schmerz und Scham. BARBARA Schweine!

80 KRANKENHAUS – AUSSEN – NACHT Vor dem Portal. Andre. Er steht da und wartet wie auf ein Rendezvous. Er raucht. Er schaut. Das Geräusch eines Fahrrads. Nah, Andre erwartungsvoll. Die Zigarette zu Boden. Fahrradlicht tanzt über die Straße. Jemand passiert das Kran-

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kenhaus. Es ist nicht Barbara. EINE ANDERE FRAU. Andre schaut der Frau hinterher, so, als müsste das alles ein Versehen sein.

81 BARBARAS WOHNUNG – INNEN – NACHT Stella auf dem Bett. Eine Schüssel, rosarot das Wasser, vom Blut gefärbt. Lappen. Desinfektionsflüssigkeit. Verbände. Stella, die schläft. Barbara im Bad. Sie zieht zwei Spritzen auf. Wir sehen sie so nah, wie wir Andre gesehen haben. Barbara denkt. Schwer ist das. Barbara, die auf die Uhr schaut. STELLA Barbara. Barbara schaut zu Stella, die mit geschlossenen Augen wie im Halbschlaf ihren Namen geflüstert hat. Weiter flüstert. Unverständlich. Barbara, die zu ihr hinüber geht. Sich hinabbeugt. Ihr Ohr an ihrem Mund. Barbara streichelt Stella, während die ihr ins Ohr flüstert. Plötzlich steht Barbara auf. STELLA Geh nicht weg. Barbara, die ins Bad geht. STELLA Lass mich nicht allein. Barbara, die aus dem Bad zurückkommt. Zwei Spritzen in der Hand. Stella, die sie ängstlich betrachtet. STELLA Was ist das? BARBARA Schmerzmittel. STELLA Und die andere? BARBARA Koffein. STELLA

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Was macht das mit mir? BARBARA Das macht, dass du wach bleibst.

82 IM KRANKENHAUS – INNEN – NACHT Der Gang vor dem OP. Andre. Er wartet. Er schaut. Hat schon den Kittel an. Schaut den Gang hinunter. Schritte im Treppenhaus. Die Türen. Die Assistenzärztin. Schnellen Schrittes geht sie den Gang entlang auf Andre zu. ANDRE Danke, Karin. Dr. Fabricius ist schon im OP. Ich komme gleich nach. ASSISTENZÄRZTIN Schon rasiert? ANDRE Ja, Ramona hat das gemacht. Ist alles vorbereitet. Und Dr. Karin Schulze passiert ihn, geht zum OP. Ein Blick in die Schleuse. Das Bett mit Mario ist zu sehen. Und Andre bleibt stehen. Und wartet. Geht einige Schritte in den Gang hinein. Bis zur Eingangshalle. Er kann nicht glauben, dass Barbara nicht kommt. Er starrt hinunter, Treppenhaus, Eingangsportal. Niemand. Und er hofft, dass sie jetzt gleich auftaucht, aus dem Dunkel, keine Minute zu früh, wie damals. Aber niemand tritt heraus aus dem Dunkel. Und da steht Andre. Und wartet. Lange. Und dann hört er, wie er gerufen wird.

83 STRASSE / TORBOGEN – AUSSEN – NACHT Die beiden auf dem Fahrrad. Stella auf dem Gepäckträger. Damensitz. Mit der einen Hand hält sie Barbaras Taille umklammert. Mit der anderen den Samsonite. Sie fahren durch den Torbogen. Der Schotterweg dahinter. Dunkel die Nacht. Fahles Laternenlicht. Sie fahren langsam, schweigend, wollen raus aus der Siedlung, wo sie erkannt werden könnten. Jetzt haben sie es fast geschafft. Eine Biegung, dann die letzten Häuser. Plötzlich hält Barbara inne. Ein Bollerwagen unter einer Laterne, neben einem kleinen Feld / Beet. Sie passieren den Wagen. Immer wieder dreht sich Barbara um, ob die Hausmeisterin in der Nähe ist. Jetzt ist sie schon fast außer Sichtweite. Noch einen Blick zurück. Niemand zu sehen. Jetzt sehen wir sie verschwinden, das rote Rücklicht. Und aus dem Beet tritt die Hausmeisterin, ein paar Frühkartoffeln im Korb. Sie geht zum Bollerwa-

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gen. Schaut in die Richtung, in der das Fahrrad verschwunden ist. (Kleiner Sprung.) Am Telegrafenmast. Sie passieren ihn. STELLA Ich bin glücklich. BARBARA Psst. STELLA Ich habe gar keine Schmerzen mehr. BARBARA Das ist die Spritze. STELLA Glaub ich nicht. Ihre Umarmung ist jetzt ganz fest und sie lehnt ihren Kopf an Barbaras Rücken. Die auf ihre Armbanduhr schaut, leise flucht, schneller in die Pedale tritt.

84 AM MEER – AUSSEN – NACHT Sie haben das Fahrrad zwischen den Dünen versteckt. Gehen durch die Schwärze der Neumondnacht. Leise. Dann sind sie an den Findlingen. Romeo und Julia. Barbara bedeutet Stella, sich zu setzen. Jetzt sitzen sie nebeneinander. Das Rauschen der bleiernen Ostsee. Ölig brechen sich die Wellen. Stella möchte etwas sagen, doch Barbara hält ihr sanft den Mund zu. Stella bemerkt, dass Barbara etwas auf einen Zettel schreibt. Hastig. Zeile um Zeile. Barbara weint. Stella streicht ihr die Tränen aus dem Gesicht. Barbara schreibt weiter. Stella lehnt an Barbara. Sie ist eingeschlafen. Und Barbara schreibt weiter. Immer wieder unterbricht sie. Horcht.

85 IN ANDRES WAGEN – INNEN – NACHT Andre. Er fährt durch die Nacht. Eine Spannung in ihm. Er fährt durch die Siedlung. Er bremst. Hält an. Schaut. Licht in Barbaras Wohnung. Er springt aus dem Wagen.

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86 BARBARAS WOHNUNG – INNEN / AUSSEN – NACHT Andre vor der Haustür. Weiß leuchtet seine Kleidung. OP-Kleidung. Er hat sich nicht umgezogen. Der Mundschutz baumelt noch um seinen Hals. Er klingelt. Merkt, dass die Haustüre offen steht. Er betritt den Flur. Zur Wohnungstüre. Ein Lichtspalt. Auch diese Tür ist offen. Er schiebt sie leise auf. Geht den kleinen Wohnungsflur entlang. Steht an der Schwelle zum Wohnzimmer. Ruß neben der Tür. Hat sie Kohlen geholt? Hat sie gefroren? Irgendein Unsinn, der ihm durch den Kopf geht. Die offene Klappe im Ofenrohr. Dann der Turgenjew auf dem Tisch. Die Wohnung ist durchwühlt. Schränke stehen offen. Plötzlich Schütz, der aus der Nachbarwohnung gekommen ist. Man kann den telefonierenden Mitarbeiter sehen. Auch die Hausmeisterin, die neugierig herüberschaut. SCHÜTZ Geh nach Hause, Andre! Er starrt Schütz an. SCHÜTZ Die kommt nicht wieder! ANDRE Habt ihr sie festgenommen? SCHÜTZ Komm, geh! Nun versteht er, dass Barbara fort ist. Für immer. Er starrt das Buch an. Er geht hinaus, an allen vorbei.

87 WAGEN ANDRES – INNEN – NACHT Setzt sich in seinen Wagen. Kann nicht losfahren. Sieht, wie Schütz und der Mitarbeiter schnellen Schritts aus dem Haus gehen. Zu ihrem Wagen. Losfahren. Dann ist Ruhe. Er weint, ganz plötzlich und still.

88 AM MEER – AUSSEN – NACHT Barbara und Stella. Barbara schreibt. Unterbricht plötzlich. Ein Geräusch. Ein

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Plätschern. Barbara weckt Stella. Hält ihr den Mund zu. Stella erwacht. Barbara erhebt sich. Zieht Stella mit sich nach oben. Stella nimmt den Koffer. Beide hinunter zum Meer. Leise, gebückt. Über den Sand. Jetzt umspült das Meer ihre Fesseln. Stella ist jetzt wach. Klammert sich an Barbara. Sie stehen jetzt bis zu den Knien im Wasser. Und da ist das Boot. Ganz schwarz liegt es vor ihnen. Kein Motorengeräusch. Ein Froschmann. Maske. Vor sich eine kleine Plattform. Ein Haltegriff. Er ist jetzt bei ihnen. Erkennt sie. Hebt den Daumen. Zeigt auf die Uhr. Barbara nickt. Sie setzt Stella auf die kleine Plattform. Der Froschmann zeigt ihr den Haltegriff. Stella, die den Griff umklammert. Den Koffer unterm Körper. Jetzt zieht sie Barbara zu sich. Barbara, die den Kopf schüttelt. Stella. Die versteht. STELLA Nein. Barbara, die sich zu ihr hinunterbeugt. Ihr den Mund verschließt. Ihr den Brief reicht. Stella, die schreien will. Den Kopf schüttelt, Barbaras Griff abschütteln will. Der Froschmann, der sich wütend gegen die Stirn schlägt. Barbara, die Stella küsst. Umarmt. Auch Barbara weint. Stella, den Brief in der Hand. Barbara, die den Koffer öffnet. Den Brief hineinlegt. Der Froschmann, der auf seine Taucheruhr zeigt. Barbara, die nickt. Stella, die weint. Die nicht loslassen will. Babara, die Stellas Griff löst. Das Boot, das im Meer verschwindet. Ganz schnell ging das. Barbara, die allein zurückbleibt, mit den Knien in der kleinen Brandung. (Zeitsprung.) Barbara durch die Dünen. Der Tag kommt. Noch grau. Noch farblos. Dann steigt sie auf ihr Fahrrad. Schiebt es durch den Sand. Zu den Bäumen. Jetzt kann sie niemand mehr sehen. Sie steigt auf. Fährt.

89 KRANKENHAUS – INNEN – TAG Der Junge Mario. Nach der Operation. Im Aufwachzimmer. Neben ihm Andre. Er ist eingeschlafen. Man sieht sie von Weitem durch das Fenster der Tür. Die sich jetzt öffnet. Andre, der aufschaut. Der Barbara sieht. Wie eine Erscheinung. Er starrt sie an. Barbara betritt den Raum. Schaut auf Andre. Dann auf den Jungen. Geht hinüber zum Bett. Andre gegenüber. Schaut auf den Jungen. ANDRE Es war ein Gerinnsel. Morgen wäre es zu spät gewesen. Barbara nickt. Schaut Andre an. Der starrt auf ihre Beine. Der nasse Sand, der noch überall klebt. Sie schauen sich an. Sie könnten sich jetzt küssen oder ihre Hände könnten sich berühren oder irgendsowas. Aber sie sitzen da und schauen

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sich an. Der Junge wacht jetzt auf. Sieht Andre. Sieht Barbara. Der Junge, der von Andre zu Barbara und zurück schaut. Der die Augen wieder schließt. Wieder einschläft unter seinem Turban. Beruhigt, weil doch alles so in Ordnung ist.

ENDE

DIRECTOR’S NOTE Irgendwie kommt die DDR in den Filmen der letzten Jahre ziemlich entsättigt daher. Keine Farben, kein Wind, es herrscht das Grau der Grenzübergänge und die Gesichter müde wie die der übernächtigten Passagiere im Liegewagen des Interzonenzuges im Bahnhof Gera. Es ging uns nicht darum, das Portrait eines Unterdrückerstaates zu filmen. Und dagegen dann die Liebe zu setzen, die unschuldige, reine, befreiende. Wir wollten keine Symbole. Man decodiert sie, und nichts bleibt übrig, nur das, was man schon zuvor gewusst hat. In der Vorbereitung haben wir viele Filme gesehen. Einer der Filme, die uns am tiefsten beeindruckten, war TO HAVE AND HAVE NOT von Howard Hawks. Hier gibt es zwei Liebende, Bacall und Bogart, die sich misstrauisch beäugen, die betrügen und lügen, die umgeben sind von einem Polizeiapparat und die gezwungen sind, immer zwischen den Zeilen zu sprechen. Das Merkwürdige: Die beiden können damit umgehen. Haben Spaß an der Art und Weise, wie der andere damit umgeht. Die Eleganz, die Klugheit, die präzisen Scharmützel ihrer Dialoge, fast scheinen sie befördert von der Verbots-und Kontrollwelt um sie

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herum. Man sieht, dass die Verhältnisse neue Menschen hervorbringen, die anders küssen, sprechen, blicken. Ein anderer Film, der uns beeindruckte, war DER HÄNDLER DER VIER JAHRESZEITEN von Fassbinder. Wie hier die 50er Jahre der BRD da sind, in der geteilten Heckscheibe eines VW Bullys. Im echoleeren Klang eines Hinterhofes. In der Enge einer Resopalküche. Das ist nie Kulisse. Das ist ein Raum. In dem geliebt und gestritten und geschwiegen wird, und dieses Lieben und Streiten und Schweigen, das klebt und bleibt, in der Luft, an den Wänden. Das Vergangene nicht vergangen, es reicht hinein, in unsere Gegenwart. Wir wollten das filmen, was zwischen den Menschen ist, sich aufgetürmt hat, was sie misstrauen lässt, oder vertrauen, abwehren und annehmen. Bei den Proben erzählte eine der Schauspielerinnen, dass sie die DDR Ende der 70-er verlassen wollte, ein Gastspiel im Westen wollte sie zur Flucht nutzen, und sie hat noch Einladungen zum Abendessen angenommen, obwohl sie wusste, dass sie schon weg sein wird. Für immer. Und diese furchtbare Einsamkeit, die dann doch da ist, denn niemals wird man zurückkehren, und das Leben, was man gehabt hat, wird verschwunden sein. Der Anna Seghers Satz. Wenn Du Deine Vergangenheit verlierst, wirst Du keine Zukunft haben. In den Knochen steckt er ihr, bis heute, sagte sie. (Christian Petzold)

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Bisher sind folgende Drehbücher in der Reihe

DEUTSCHE DREHBÜCHER erschienen:

2008 AUF DER ANDEREN SEITE Von Fatih Akin KIRSCHBLÜTEN – HANAMI Von Doris Dörrie 2009 CHIKO Von Özgür Yildirim NACHT VOR AUGEN Von Johanna Stuttmann NOVEMBERKIND Von Heide und Christian Schwochow 2010 DAS WEISSE BAND Von Michael Haneke DIE FREMDE Von Feo Aladag WHISKY MIT WODKA Von Wolfgang Kohlhaase

2011 ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND Von Nesrin und Yasemin Samdereli

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MIN DÎT – DIE KINDER VON DIYARBAKIR Von Miraz Bezar VINCENT WILL MEER Von Florian David Fitz

2012 BARBARA Von Christian Petzold KRIEGERIN Von David F. Wnendt

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Profile for Deutsche Filmakademie e.V.

Barbara  

Barbara  

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