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NOVEMBER KIND Heide und Christian Schwochow

DEUTSCHE DREHBÜCHER

Herausgegeben von Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön für die Deutsche Filmakademie


Über Christian Schwochow Christian Schwochow wurde 1978 in Bergen auf Rügen geboren und wuchs in Leipzig und Ost-Berlin auf. Schon als Kind wirkte er bei zahlreichen Hörspielproduktionen des Staatsrundfunks der DDR mit und wurde als Jugendlicher Herausgeber und Chefredakteur des niedersächsischen Jugendmagazins „Shot“. Nach dem Abitur 1998 in Hannover arbeitete er in Berlin als Autor, Sprecher und Reporter für verschiedene Rundfunkanstalten. Ab 2002 studierte er an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg Filmregie. NOVEMBERKIND ist sein Diplom-Film, mit dem er Anfang 2008 sein Studium abschloss und für den er schon zahlreiche Regie-Preise, u.a. den Publikumspreis des Filmfestivals Max Ophüls Preis 2008 gewonnnen hat. Das Drehbuch verfasste er gemeinsam mit seiner Mutter Heide Schwochow. Über Heide Schwochow Heide Schwochow wurde1953 in Stralsund geboren und wuchs in Bergen auf Rügen auf. Nach ihrem Pädagogikstudium in Leipzig studierte sie in Berlin Schauspielregie und arbeite im Anschluss am Theater und als Regisseurin und Autorin beim Rundfunk der DDR, Abteilung Funkdramatik/Hörspiel/Kinderhörspiel. Von 1990 bis 1993 studierte Heide Schwochow Journalistik in Hannover und arbeitet seitdem als freie Journalistin, Autorin und Regisseurin u.a. für das „ZDF – Das Kleine Fernsehspiel“ und als Lehrbeauftragte an den Hochschulen in Hannover, Göttingen und Leipzig. Über die Deutsche Filmakademie Die Deutsche Filmakademie e.V. wurde am 8. September 2003 in Berlin gegründet und hat inzwischen über 1000 Mitglieder aus allen künstlerischen Sparten des deutschen Films. Ziel der Filmakademie ist es, für die deutsche Kinolandschaft ein Forum zu schaffen, auf dem relevante Fragen diskutiert werden können und die Aufmerksamkeit für den deutschen Film und seine Macher zu steigern. Mit Projekten wie „24 – Das Wissensportal der Deutschen Filmakademie“ fördert sie die filmspezifische Bildung im schulischen und außerschulischen Bereich. Eine wichtige, wenn auch keineswegs primäre Aufgabe der Akademie ist seit 2005 die Wahl der Preisträger für den DEUTSCHEN FILMPREIS in dreizehn Kategorien und die LOLA Galaverleihung selbst, auf der diese Preise verliehen werden. Gestützt auf das Votum der besten Fachleute hat der Deutsche Filmpreis die Bedeutung erhalten, die einer nationalen Auszeichnung zukommen sollte. 2009 waren außer NOVEMBERKIND noch CHIKO von Özgür Yildirim und NACHT VOR AUGEN von Johanna Stuttmann für das „Beste Drehbuch“ nominiert.

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NOVEMBERKIND

Ein Drehbuch von

HEIDE UND CHRISTIAN SCHWOCHOW Nominiert für den Deutschen Filmpreis

DEUTSCHE DREHBÜCHER Jahrgang 2009

Herausgegeben von Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön für die Deutsche Filmakademie

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Deutsche Filmakademie e.V. (Hrsg.) Novemberkind Ein Drehbuch von Christian Schwochow und Heide Schwochow Berlin: Pro BUSINESS 2009 ISBN 978-3-86805-362-3 1. Auflage 2009 © Christian Schwochow und Heide Schwochow Produktion und Herstellung: Pro BUSINESS GmbH Schwedenstraße 14, 13357 Berlin Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier Printed in Germany www.book-on-demand.de Gestaltung/Satz: e27 Brauns, Gackstatter, Quintus GbR Herstellungsleitung: Deutsche Filmakademie

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Vorwort

Am Anfang ist bekanntlich das Wort. So auch im Kino. Bevor sich eine Armada von Spezialisten anschickt, einen Film zu realisieren, muss sich ein Autor diesen Film erst einmal ausdenken, Satz für Satz, Szene für Szene. Das ist ein einsamer, aber hoch spannender Prozess. In einem „Making of“ allenfalls eine Einstellung von vier Sekunden, von außen gesehen im buchstäblichen Sinne unscheinbar. Dabei ist diese Arbeit elementar. Ohne sie könnten alle anderen gar nicht erst auspacken. Das Drehbuch ist jenes Medium, womit Regisseure begeistert, Produzenten überzeugt, Schauspieler gewonnen, Finanziers belagert, Kameraleute inspiriert und Teammitglieder geworben werden. Im Grunde besteht jeder Text in unserer Sprache aus unzähligen Kombinationen von knapp mehr als dreißig schwarzen Zeichen auf weißem Papier. Abstrakt gesehen ist es die Imagination und Kunst des Drehbuchautors, sie in einem Text so zu arrangieren, dass so etwas Komplexes wie ein vollständiger Film im Kopf der Leser entsteht. Und selbst wenn Autor und Regisseur ein und dieselbe Person sind, so entspricht die Vorstellung des Films, die er sich aufgrund seines eigenen Drehbuchs macht, niemals dem fertigen Film. Schon gar nicht eins zu eins. Jede Inszenierung entwickelt ihre eigene Dynamik. Und die Improvisation von Schauspielern, der Input eines Teams, die musikalische Interpretation des Komponisten und das Rhythmusgefühl des Cutters verfeinern den Film auf dem Weg seiner Herstellung. Drehbücher zu schreiben, ist eine eigene Kunst. Das Skript ist eine Herausforderung an die Fantasie der Leser. Wie beim Theaterstück. Wer erinnert sich nicht an die Schullektüre der Bühnenklassiker, die einem manchmal recht mühsam erschien? Diese vielen Dialoge mit ein paar kargen Regieanweisungen („tritt auf… tritt ab…“). Aber erst diese Lektüre ermöglicht, zwischen dem Text und seiner Inszenierung zu unterscheiden. Und man versteht, dass ein und dasselbe Stück auf unzählige Weisen realisiert werden kann. Das gilt für das Drehbuch nicht. Abgesehen von wenigen Remakes, erblickt der aus dem Drehbuch entstandene Film nur einmal und endgültig das Licht der Leinwand. Der Regisseur und sein Team hauchen den schwarzen Zeichen auf dem Papier Leben ein. Das Drehbuch ist nichts ohne den Regisseur und sein Team. Doch ohne ein gutes Drehbuch ist auch die ganze Kunst von Regie und allen Gewerken vergebens. Unsere Reihe „Deutsche Drehbücher“ soll die Arbeit herausragender Dreh-

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buchautoren, deren Bücher für den DEUTSCHEN FILMPREIS nominiert wurden, dem Publikum vorstellen. Nun kann sich jeder Filmfreund davon überzeugen, dass ein Drehbuch kein abgeschriebener Film ist. Denn von welchem Film hätte der Autor denn abschreiben sollen? Vielleicht kennen Sie den fertigen Film bereits und lassen sich jetzt überraschen, wie anders doch das zugrunde liegende Drehbuch war. Oder Sie kennen den Film noch nicht und wollen erst einmal das Drehbuch lesen, um zu erfahren, wie der Film im Kopf seines Autors aussah. Oder Sie lesen nur dieses Drehbuch und inszenieren in Ihrem Kopf Ihr ganz persönliches Meisterwerk… Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön

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1. MECKLENBURG / SEE / HEUTE / A/T Später Herbst. Ein See. Die graublauen Wellen drängen in kleinen, aber kraftvollen Stößen ans Ufer. Das Wasser wirkt unnahbar, kalt. Die Bäume, die sich zum See hinbeugen, sind kahl und knorrig wie Greise. Die Sonne hat sich hinter einem milchigweißen Schleier versteckt, als wäre längst Winter. Zwei kleine Jungen, Marvin, acht Jahre alt, und Kevin, fünf, angeln mit einem ellenlangen Ast. Sie hören irgendetwas über Kopfhörer. Aus der Ferne nähert sich ein altes, knatterndes Motorrad mit Beiwagen. Es hält am See. Zwei junge Frauen, Inga und Steffi, beide Mitte Zwanzig, steigen herunter.

1a MECKLENBURG / SEE / A/T Fünf Minuten später. Sie stehen in Decken eingehüllt am Ufer. Ihre Gesichter sind von der Novemberkälte gerötet. Sie tragen Pudelmützen. Ein kurzer, strenger Blick auf Marvin und Kevin. STEFFI Weggucken Marvin, sonst geht‘s ab zu die Fische! Steffi reißt ihre Decke auf. Sie zeigt sich nackt. Marvin hält Kevin erschrocken die Augen zu. Steffi lacht. INGA Konzentration! Steffi sieht Marvin noch einmal überbetont böse an, denn der guckt heimlich. Inga aber konzentriert sich so ernsthaft, da kann Steffi nicht einfach ausbüchsen. Sie schauen beide auf das Wasser, sie schauen sich noch einmal aufmunternd an, sie atmen noch einmal ganz tief durch ... INGA Eins, zwei, drei! Sie werfen ihre Decken ab. Jetzt sind sie splitternackt. Inga rennt laut schreiend ins eiskalte Wasser. Sie taucht unter, kommt sofort wieder hoch, atmet laut. Sie spannt noch einmal ihren ganzen Körper gegen die Kälte an, sie atmet noch einmal tief in die Lunge, sie stößt sich todesmutig ab, sie macht wirklich ein paar Schwimmzüge. Sie springt wieder hoch und dreht sich um. Steffi steht in ihrer Decke am Ufer. Sie hat es nicht gewagt.

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2. EINE PRIVATKLINIK AM BODENSEE / KRANKENZIMMER / HEUTE / I/T Ein Einzelzimmer, nicht besonders groß, aber hell und freundlich. Blumen auf dem Nachttisch. Die Bettwäsche ist abgezogen. Neben dem Bett ein großer, gepackter Koffer. Auf dem Bett sitzt ein Mann, Robert von der Mühlen, Ende Vierzig: Das Leben scheint ihm zugesetzt zu haben. Robert wirkt angeschlagen, dünnhäutig, aber keinesfalls müde. Auf seinen Knien liegt ein Blatt Papier. Robert lächelt plötzlich und schreibt ein Wort auf das Blatt Papier: „Novemberkind“. Die Tür öffnet sich und eine Frau, etwa in Roberts Alter, kommt in das Zimmer. Es ist Roberts Frau Claire. Robert steht sofort auf, nimmt das Blatt Papier, faltet es schnell zusammen und geht auf sie zu. Sie umarmen sich. Robert hält das Papier abseits, als dürfe es nicht zwischen sie geraten. Sie bemerkt es, spöttelt liebevoll. CLAIRE Dein Testament brauchst Du nicht mehr... Robert schüttelt schweigend und nicht ohne List den Kopf. Dann gehen sie gleichzeitig auf den Koffer zu, Claire ist etwas schneller, sie fasst vorher zu. Aber Robert nimmt ihr den Koffer aus der Hand, dann stellt er ihn noch einmal ab, gibt ihr das Papier. Sie faltet es auseinander. CLAIRE Was ist das?

3. MECKLENBURG / SEE / AM UFER / A/T Steffi rubbelt Inga mit dem Handtuch ab. Über dem See brauen sich Wolken zusammen. Steffi spürt die ersten Tropfen. STEFFI Los, schnell weg.

4. MECKLENBURG / STRASSE / AUF INGAS MOTORRAD / A/T Inga und Steffi rasen durch die Mecklenburger Landschaft. Der Wind treibt Laub auf die Sandwege. Inga fährt verwegen dazwischen hindurch. Das alte, trockene Laub vermischt sich mit den ersten Regentropfen. Die Frauen rasen dem Regen davon.

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5. BODENSEE / AUF DER FÄHRE RICHTUNG KONSTANZ / A/T Eine Fähre bewegt sich schnell über den Bodensee. Robert steht auf der Spitze des Bootes. Himmel und Wasser haben sich zu einem aschgrauen Einerlei vermischt. Der Horizont bildet keine Trennlinie mehr. Novembernebel, unklar, depressiv, unversöhnlich. Robert atmet die Luft ein, als hätte er sie lange nicht mehr genossen, als würde er diesen Moment gern endlos ausdehnen. Claire sitzt in gespannter Haltung in ihrem Auto. Sie hält sich am Lenkrad fest. Durch das Auto dröhnt eine dramatische Opernarie. Claire steigt aus, sie geht zu Robert an die Reling. Sie sagen nichts. Nach einer Weile beginnt Claire zu reden. CLAIRE Ich hab gedacht, jetzt wachst Du endlich auf. Sie vermeiden, sich anzusehen. Sie sehen auf das Wasser. ROBERT Ich bin hellwach. So wach war ich schon lange nicht mehr. Robert berührt Claires Hand. Claire entzieht sie ihm. CLAIRE ... und machst weiter wie immer. Bis zum nächsten Infarkt. Robert wendet sich Claire mit voller Breitseite zu. ROBERT Ich schreibe meinen ersten Roman, verstehst Du das nicht? Ich kann an nichts anderes mehr denken. Robert sieht Claire mit leuchtenden Augen an. CLAIRE Du bist kein Schriftsteller. Robert sieht wieder auf das Wasser. ROBERT Ich hab nicht ewig Zeit.

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Er holt eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche, zündet sich eine an, nimmt einen intensiven, langen, genussvollen Zug. Claire sieht ihn unwillig an. CLAIRE Worum geht es Dir eigentlich, Robert? Um diese Geschichte, an der Du, ganz nebenbei gesagt, schon mal gescheitert bist, oder um Deine Midlifecrisis? Robert schmeißt die Zigarette über Bord. ROBERT Ich werd es herausfinden. Alles gesagt. Claire nickt bitter. Sie kämpft mit den Tränen. CLAIRE Und ich dachte: Wir fahren einfach mal weg und gucken, was mit uns passiert. Ohne Arbeit, ohne Programm, ohne Freunde. Das wäre ja vielleicht wirklich mal ein Anfang. Robert sieht sie nachdenklich an. Hat er überhaupt zugehört? Die Stadt Konstanz schält sich langsam aus dem Nebel heraus. ROBERT Ich muss dieses Mädchen finden. Claire dreht sich um. Sie bewegt sich auf das Auto und auf die dramatische Opernarie zu. Robert sieht ihr hinterher. Einen Moment scheint es, als wolle er ihr nachgehen, mit ihr reden, einlenken, aber er tut es nicht. Er steht regungslos: Hinten, auf der anderen Seite des Bootes, sieht er die Silhouette einer Frau. Man sieht sie nur von hinten. Ihr blondes Haar flutet den Rücken hinunter. Das hat etwas Unwirkliches.

6. MECKLENBURG / IN STEFFIS HAUS / SAUNA / I/N Inga und Steffi und Steffis Mutter Kerstin, Mitte Vierzig, in der Sauna. Steffi beklatscht Ingas Rücken mit einem Birkenreisig. STEFFI Könntest Du Dir vorstellen, in Finnland zu leben? Inga lacht.

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INGA Wie kommst Du auf Finnland? Wegen der Sauna jetzt, oder was? Noch ein Versuch von Steffi. STEFFI Na, oder in Hamburg? Kerstin sieht neugierig gespannt auf die beiden jungen Frauen. Was wird das? INGA In Hamburg? Mit Oma und Opa vielleicht, oder wie? Steffi beendet das Reisigklopfen. Versuch fehlgeschlagen. STEFFI Kannst Du Dir denn gar nicht vorstellen, ohne die Alten zu leben? INGA Hab ich das überhaupt schon erzählt? Oma schreibt auf, wie oft Opa Stuhlgang hat. KERSTIN Nee, ne? INGA Erster November: Stuhlgang vorhanden, aber zu wenig. Fünfter November: Stuhlgang knochenhart. Sechster November: Stuhlgang klumpig, auffallend stechender Geruch... STEFFI Siebenter November: Stuhlgang wie Wasser, trotz Stampfkartoffeln. Sie lachen. Kerstin schüttelt ungläubig den Kopf. KERSTIN Und was sagt Dein Opa dazu? Inga hebt ihre Schultern.

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INGA Er ist einfach verstopft. Lächelnd massiert sie sich die schwitzig nasse Haut. Inga fühlt sich wohl in ihrem Körper. Steffi ist abwesend. INGA Ist so schön, hier zu sitzen. Sie sieht Kerstin dankbar an. INGA Wenn ich Steffi nicht hätte... Manchmal würd ich auch verstopfen. Steffi und ihre Mutter Kerstin sehen sich kurz, fast unmerklich an. Kerstin bewegt sich von ihrer Bank. Sie steht den beiden gegenüber. Sie wirft Steffi einen offenen, auffordernden Blick zu. KERSTIN So. Und ich mache uns jetzt eine schöne Flasche Sekt auf. Kerstin verlässt die Sauna. Inga sieht Steffi fragend an. INGA Gibt es was zu feiern? Steffi druckst herum. Sie mag nicht so richtig antworten. STEFFI Ich hab ‘nen Brief bekommen. Inga braucht einen Moment, dann begreift sie. INGA Ach so. Hamburg? Steffi nickt vorsichtig. Dann schüttelt sie den Kopf. STEFFI Nürnberg... hat geklappt. Darauf kann Inga erst mal gar nichts sagen.

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INGA Na ja, das ist ja fast um die Ecke. Wann fährst Du? STEFFI Nächsten Sonntag. Inga nickt übertrieben verständnisvoll. Sie redet, als würde sie neben sich stehen. INGA Und? Freust Du Dich? Steffi zögert mit der Antwort, dann sagt sie ausweichend: STEFFI Weiß nicht... Und, als müsse sie ihre Antwort aufweichen, schiebt sie nach: STEFFI Irgendwie schon... Inga rutscht die Bank runter. Sie wickelt sich in ihr Handtuch ein. Sie ringt sich sogar ein Lächeln ab. INGA Schön für Dich. STEFFI Tu mir einen Gefallen, Inga. Piss mich an, kratz mir die Augen aus, aber lass diesen beschissenen, verständnisvollen Ton. Ich bin nicht Deine Oma. Inga dreht sich abrupt zu Steffi um. STEFFI Du hast doch Deinen Job.

INGA Hast recht. Du bist nicht meine Oma. Die wartet nämlich schon. Inga geht aus der Sauna. Steffi kriecht in sich zusammen.

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7. KONSTANZ / ROBERTS WOHNUNG / WOHNZIMMER / I/N Claire sitzt allein auf dem Sofa und hält sich an einem Glas Rotwein fest. Das Zimmer: geschmackvolle Einrichtung, ein paar schöne Einzelstücke, ein paar schöne Details, Bücher, die dem Zimmer Wärme geben. Claire hatte alles für Roberts Empfang vorbereitet: Der Teewagen mit Medizin steht dicht am Sofa, Blumensträuße sind im Zimmer verteilt, Karten auf dem Tisch: „Lieber Robert, gute Besserung!“, oder „Das ganze Institut wünscht baldige Genesung.“, und „Sehr geehrter Professor von der Mühlen! Der Studentenbeirat hofft, Sie bald gesund wiedersehen zu können!“

8. KONSTANZ / ROBERTS WOHNUNG / ARBEITSZIMMER / I/N Zur gleichen Zeit. Robert hockt auf der Erde vor seinem alten, wuchtigen Schreibtisch. Er kramt Papiere, Hefter, Manuskripte hervor. Er wirft sie ungeduldig auf den Boden. Endlich hat er gefunden, was er sucht: einen alten Papphefter, der voll mit handschriftlichen Notizen ist. Außerdem finden sich hier einige Dutzend Seiten, die mit Schreibmaschine geschrieben sind. Er steht auf, geht durch das Zimmer, blättert, liest. Robert sieht ein verschwommenes Bild:

9. KONSTANZ / UFER DES BODENSEES / 1983 / A/T Eine junge Frau läuft mit einem Puppenwagen am Ufer entlang. Sie lacht, zu Tode begeistert. Kinder spielen mit einem Ball. Sie läuft in die Kinder hinein, als sei sie selbst ein Kind. Die Kinder laufen vor ihr davon. Sie läuft den Kindern hinterher. Das Geräusch mischt sich in die nächste Szene, die durch das Ticken einer Küchenuhr abgelöst wird.

10. DAS HAUS VON INGAS GROSSELTERN / KÜCHE / HEUTE / I/N Mondlicht kommt in das Fenster, es scheint bleicher als die warme Luft der Küche. Alles ist für die Abendgemütlichkeit vorbereitet: für jeden ein Weinglas hingestellt, ein Kasten Konfekt steht da, Skatkarten liegen bereit. Opa Heinrich, 70, sitzt am Tisch und liest. Er sieht aus, als käme er geradewegs aus dem Büro: frisch gebügeltes Hemd, handgewaschener, gepflegter Westower, die Hose aus gutem Stoff, die Bügelfalte akkurat. Ein kleiner, stolzer Herr. Oma Christa, etwas jünger, wirkt sinnlich weich und etwas schwergewichtig. Sie trägt einen Rock und einen Pullover für bessere Tage. Oma Christa steht am geschlossenen Fenster und guckt in den Regen hinaus. Sie wartet. Auch Opa Heinrich, der kleine

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stolze Herr, kann sich nicht so richtig konzentrieren. Er guckt ab und zu auf die Uhr, die laut tickt. Sonst ist Stille in der Küche. Bis das Motorrad zu hören ist. OMA CHRISTA Inga kommt. Oma Christa geht beachtlich schnell vom Fenster weg, holt den Wein aus dem Kühlschrank, setzt sich an den Tisch. Sie popelt den Kasten Konfekt auf. Inga kommt regennass in die Küche. Oma Christa sieht sie kritisch an. OMA CHRISTA Du bist aber auch ‘ne Trödelliese. Inga geht auf Oma zu und gibt Küsschen. Sie spielt beste Laune. INGA Oma, hast Dich ja so schick gemacht. Sie schnuppert. INGA Hmm, 47 11. OPA HEINRICH Du riechst so gut, wo steht Dein Bett. Inga geht auf Heinrich zu und gibt ihm einen Kuss auf den Kopf. Heinrich lächelt Inga zu. Oma ist irgendwie ungeduldig. Sie will etwas loswerden. OMA CHRISTA Extra wegen Dir, ist doch Sonntag. Aber Du kommst ja nich‘. INGA Na, Opa? Inga hebt kurz Heinrichs Buch hoch, guckt ganz nebenbei, was er liest... Sie lächelt, obwohl ihr nicht nach Lächeln ist.

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OPA HEINRICH Na, mein Mädchen, hast Dich gut amüsiert? OMA CHRISTA Wir dachten schon, Du hast ‘ne neue Liebe. INGA Nee, war nur bei Steffi. Inga pellt sich aus den regennassen Sachen. Das Lächeln ist wie weggeblasen. OMA CHRISTA Is‘ auch besser so. Die Liebe fällt nicht immer auf ein Rosenblatt, sie fällt auch mal auf einen Kuhkack. Christa zelebriert diesen Familienspruch mit Bedeutung in der Stimme. Heinrich sieht Christa unwillig an. Solche Sprüche kann Inga jetzt überhaupt nicht vertragen. Trotzdem ein Versuch der frischen, guten Laune. INGA Na, denn wollen wir mal. Inga schiebt ihrer Großmutter die Karten hin. INGA Du bist dran.

10a HAUS DER GROSSELTERN / KÜCHE / I/N Minuten später. Heinrich steckt seine Karten noch einmal und noch einmal um. Inga könnte sterben vor Ungeduld. INGA Haste 18? Opa steckt seine Karten noch einmal um. INGA Opa, is‘ kein Schach! Endlich, Heinrich ist soweit.

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OPA HEINRICH 18. Inga nickt. OMA CHRISTA Opa ist mir heute hingefallen. Inga hält inne. Heinrich reizt schnell weiter. OPA HEINRICH 20? Ingas Blick sagt: Bitte nicht das noch! INGA Wie hingefallen? OPA HEINRICH 20! Inga sieht ihre Großmutter an. OMA CHRISTA Auf ‘n Boden geknallt. Ich hab ihn gar nicht halten können. OPA HEINRICH Also was jetzt: 20? Inga bestätigt und sieht ihren Großvater dabei besorgt an. OPA HEINRICH Also 22? OMA CHRISTA Willst nicht wieder zu uns ziehen, Inga? Inga sieht ihre Großmutter nicht an. Sie konzentriert sich auf ihre Karten. Christa wartet auf eine Antwort. OMA CHRISTA Ich schaff das nicht mehr allein mit Opa.

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OPA HEINRICH Jetzt wird hier gemütlich gespielt. 22! Inga legt ihre Karten hin. INGA Ich passe.

11. VOR DEM HAUS DER GROSSELTERN / DORFSTRASSE / A/N Inga steigt auf ihr Motorrad. Oma guckt aus dem Fenster. OMA CHRISTA Du kommst doch morgen? INGA Mach das Fenster zu Oma, Opa friert. Inga fährt los. Sie spürt Omas Blick im Rücken. INGA (murmelt) Nicht umdrehen! Dreh Dich nicht um! Aber Inga hält doch ihr Motorrad an, sie dreht sich doch um, Oma guckt natürlich immer noch aus dem Fenster, Inga winkt. Inga gibt frustriert Gas. Inga fährt in die Dunkelheit.

12. MALCHOW / IN DER BIBLIOTHEK / I/N Ingas Bibliothek. Zusammengewürfelte Möbel. Manche kommen noch aus DDR-Tagen, andere aus gesamtdeutscher Zeit. Eine Mischung mit ganz eigenem Charme: An den Wänden alte Plakate großer Schriftsteller: Klaus Mann zum Beispiel, Victor Hugo, Majakowski. Inga schaltet das Neonlicht ein. Bevor sie ihre Jacke auszieht, macht sie sich Musik an. In den Raum knallt russischer Plastikpop: Ingas Sehnsuchtsmusik. Sie wischt den Boden. Nicht gründlich, aber mit Wucht. Langsam entspannt sie sich. Bis es an die Scheibe klopft: Steffi. Sie öffnet vorsichtig die Tür. Inga wischt weiter. Steffi macht die Anlage aus. Sie stehen sich schweigend gegenüber.

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STEFFI Glaubst Du wirklich, ich freu mich auf Bayern? Stille. INGA Du wirst mir fehlen. Und was soll ich jetzt machen? Steffi hebt die Schultern. STEFFI Weiß nicht. Die Stellung halten... Wir dürfen doch nicht aussterben.

13. MALCHOWER BAHNHOF / BAHNSTEIG / A/T Sonntag. Inga und Steffi kommen auf den Bahnsteig gerannt. Steffi hat sich so etwas wie eine Frisur gemacht und zieht einen übergroßen Koffer hinter sich her, mit dem sie nicht so richtig umgehen kann. Er fällt immerzu um. Sie lachen, sie hetzen sich. Der Regionalzug wartet schon. Steffi steigt schnell ein und öffnet das Fenster. Inga steht unten auf dem Bahnsteig. Sie versucht zu lächeln, aber es gelingt ihr nicht. Steffi heult. INGA Tschüss, alte Westschlampe! STEFFI Ich schick Dir ‘n Paket! Mit Puddingpulver! Der Zug fährt an. Der Zug fährt weg. Steffi macht nur eine kleine Abschiedsgeste. Für Inga. Und ein bisschen auch für sich selbst. Der Zug ist längst nicht mehr zu sehen, da sieht ihm Inga immer noch hinterher... Sie bleibt auf dem Bahnsteig stehen. Ihr Handy geht. Sie lässt es ein paar Mal klingeln, bevor sie endlich rangeht. INGA Ja, ich komme, Oma. Inga setzt sich auf eine Bank. Die Sonne scheint hell, aber sie wärmt nicht. Inga ist irgendwo, irgendwo anders.

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14. BAHNSTEIG / ETWAS SPÄTER / A/T Von derselben Seite, in die der Zug verschwunden ist, kommt ein anderer Zug an. Er läuft ein. Inga beachtet ihn nicht. Aus dem Zug steigt ein Mann. Es ist Robert von der Mühlen. Er zieht einen Koffer hinter sich her, er trägt einen offenen, weiten, etwas zerknautschten Wintermantel. Er steht auf dem Bahnsteig und knöpft ihn zu. Den Schal bindet er sich enger um den Hals. Auf dem offenen Bahnsteig weht ein eisiger Wind. Robert beeilt sich. Er geht auf das einzige Taxi zu, das gleich neben dem Bahnsteig steht. Er kommt an einem Vehikel von Motorrad mit Beiwagen vorbei, registriert es anerkennend, wird aber wie ein Magnet zum Taxi gezogen, aus dem eine Arie von Maria Callas dröhnt.

15. IM TAXI / I/T Robert steigt ein. ROBERT Das ist ja ein schöner Empfang: “Lucia di Lammermoor”. Der Taxifahrer dreht sich verwundert um. ROBERT Damit hat mich mein Vater immer traktiert. Ich mag sie trotzdem... Der Taxifahrer sieht ihn immer noch an. ROBERT ... die Callas. TAXIFAHRER Wohin soll’s denn gehen? ROBERT Ich weiß nicht. Fahren Sie mich einfach in ein Hotel. Der Taxifahrer fährt los. Er sieht den Fremden im Rückspiegel an. TAXIFAHRER Ich war mal Musiklehrer.

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Robert nickt langsam. Was soll er dazu sagen? Der Taxifahrer summt „Lucia“ vor sich hin. Robert stimmt ein. Sie fahren. Sie fahren über eine heruntergelassene Drehbrücke, vorbei an hübsch sanierten Häusern, vorbei an alten, immer noch ostgrauen Fassaden. Sie fahren durch eine Plattenbausiedlung, wenig später vorbei an Touristenkneipen. Die Stadt wirkt still, Schlaf vortäuschend. Verwaiste Imbissbuden warten auf den Sommer. TAXIFAHRER Auf Urlaub? ROBERT So kann man‘s nennen.

16. BIBLIOTHEK / I/T Der nächste Tag. Inga brät sich auf dem Campingkocher ein Spiegelei. Das Ei hackt sich an der gusseisernen Pfanne fest. Blauer Dunst quält sich durch den Raum. Hektisch versucht sie, das störrische Ei mit der Gabel von der Pfanne zu lösen. INGA Nu komm schon, blödes Ei. Hinter ihr geht die Tür auf. Robert kommt in die Bibliothek. Er tritt näher in den Raum. Er sagt nichts. Er sieht sich den Rücken der jungen Frau an. Sie macht den Herd aus und bringt mit Schwung das Ei auf den Teller. Dann dreht sie sich um. INGA Huch, wer sind Sie denn? Robert sieht sie irritiert an. Ein Dèja-Vu? In seinen Gedanken formt sich ein Bild:

17. KONSTANZ / FUSSGÄNGERPASSAGE / 1983 / A/T Eine junge Frau mit blassem Wintergesicht irrt durch eine Fußgängerpassage. Sie hat Ähnlichkeit mit Inga, aber sie wirkt durchscheinender, zerbrechlicher. Sie dreht sich um, als würde man sie verfolgen. Sie möchte fliehen, aber sie weiß nicht vor wem; sie weiß nicht wohin. Sie schreit sich die Seele aus dem Leib. Aber ihre Schreie sind stumm, kein Laut ist zu hören.

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18. BIBLIOTHEK / HEUTE / I/T Inga weckt Robert auf. INGA Hab ich ‘nen Fussel im Gesicht? Einen kurzen Moment wirkt er wie benommen. ROBERT Nein, nein. Entschuldigung... Hab ich Sie etwa angestarrt? Inga ist belustigt. Robert starrt Inga weiter an. ROBERT Das passiert mir manchmal. Dann steh ich da und starre und starre und die Leute denken ich bin verrückt. Dabei hab ich doch nur was Schönes entdeckt. Jetzt lächelt er verlegen. Und mustert sie verstohlen: Ingas Gesicht wird von ihren Augen bestimmt. Sie sind groß. Ihr sinnlicher Mund, das blonde, keck aufgesteckte Haar, der knallrote Rollkragenpulli, eine kleine Portion Babyspeck: Inga ist eine junge Frau, bei der sich alles wunderbar zusammenfügt. Robert schweigt einen Moment zu lange. INGA Sonst noch was? ROBERT Ja... eigentlich wollte ich mich nur ein bisschen aufwärmen. Ginge das? INGA Na, woll‘n wir mal barmherzig sein. Bitteschön. Inga zeigt ihm die Clubecke. Robert dreht sich um, schaut wieder zu Inga, dankt ihr, geht zur Clubecke. Inga schüttelt den Kopf über diesen seltsamen Mann. Statt sich zu setzen, dreht er sich noch einmal um, kommt einen Schritt auf Inga zu. ROBERT Erzählungen, haben Sie so etwas? Über diese Gegend?

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INGA Über diese Gegend...? Robert nickt. Inga stellt ihren Teller ab. INGA Über diese Gegend... Fontane ist leider nicht bis Malchow gekommen. Mecklenburger Sagen, Dorfgeschichten oder so was... ? ROBERT Eher Literatur...? Inga versteht. Der Mann will etwas Anspruchsvolles. Das treibt ihren Ehrgeiz an. INGA Literatur ... Literatur über diese Gegend, pfff. Sie schiebt ihm das Anmeldeformular für den Bibliotheksausweis hin. Sie setzt sich in Bewegung. INGA Warten Sie mal. Aber Hände weg vom Spiegelei. Robert hebt beschwörend die Hände. Dann sieht er ihr erstaunt hinterher, wie sie schnell hinter den Regalen verschwindet. Robert bekommt Schweißperlen auf der Stirn. Ein kleiner Schwächeanfall. Inga ruft durch die ganze Bibliothek: INGA Ich hab mal in ‘ner Ramschkiste im Antiquariat was gefunden, von so ‘nem Engländer, 19. Jahrhundert... Ich weiß gar nicht, ob den schon mal einer ausgeliehen hat. Wo hab ich den...? Robert nimmt sich das Formular. Er überlegt, was er schreiben soll. Er wischt sich die Schweißperlen mit einem Taschentuch ab. ROBERT Lieben Sie alte Bücher? INGA (hinter den Regalen) Das kommt auf die Bücher an... Ich mag, wie sie riechen.

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Inga holt ein Buch mit einem völlig vergilbten Einband aus dem Regal, sie streicht mit der Fingerspitze darüber, pustet den Staub weg, schlägt es auf, blättert darin... Die Tür öffnet sich. Frau Bredow, eine Frau um die Sechzig, kommt herein. FRAU BREDOW So ein Muschebubuwetter... INGA Tach, Frau Bredow. FRAU BREDOW ... denn lieber Schnee. Robert huscht ein Lächeln über das Gesicht. Er will nicht, dass die Frau seine Schwäche bemerkt. Frau Bredow sieht den Fremden mitleidig an. FRAU BREDOW Machen Sie etwa Urlaub? Jetzt im November? Robert hebt bejahend die Schultern. ROBERT Ich mag den November. Frau Bredow hebt verwundert ihre Schultern. Dann setzt sie sich breit hin. Sie richtet sich auf Aufenthalt ein. Jetzt betreten die nächsten Besucher die Bibliothek: Marvin und Kevin, die tüchtigen, kleinen Angler. Inga kommt mit dem Buch hinter den Regalen hervor. MARVIN Inga, kann ich heute vier Kassetten nehmen? KEVIN Ich will auch. INGA Ausnahmsweise, weil bald Weihnachten ist. Kevin, Dir läuft der Rotz. Marvin putzt Kevins Nase. Inga sieht zu Robert, der das Anmeldeformular auf den Schreibtisch legt.

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INGA Ich weiß nicht, ob Sie so was meinen... Marvin, Kevin, Frau Bredow und Inga sehen Robert an. Der wischt sich unmerklich ein paar Schweißperlen aus dem Gesicht. ROBERT Können Sie es aufbewahren für mich? Ich komme später noch mal wieder. Robert hat es plötzlich sehr eilig. ROBERT Also, bis später... Er macht eine knappe Geste des Abschieds. Dann verlässt er schnell die Bibliothek. Die beiden Frauen sehen sich verwundert an. FRAU BREDOW Er „mag den November“. INGA So sieht er auch aus. War irgendwas? Inga nimmt das Anmeldeformular: INGA „Robert von der Mühlen, Professor für Kreatives Schreiben. Konstanz.” FRAU BREDOW Für so was kann man Professor werden? Wat‘s so alles gibt... Inga legt Buch und Anmeldeformular auf ihren Schreibtisch, sie sieht immer noch verwundert Richtung Tür. FRAU BREDOW Hast was Schönes mit Liebe, Inga? Was zum Aufwärmen?

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19. STRASSE IN MALCHOW / A/T Robert bewegt sich durch die Straße wie ein Fliehender. Er bleibt stehen, öffnet den Mantel. Er setzt sich erschöpft auf die Bordsteinkante. Er atmet die feuchte Luft durch den Mund ein, er will das Herz beruhigen, aber das tickt wie eine Uhr, die einen falschen Rhythmus schlägt. Als ein Auto vorbei fährt, bleibt er sitzen. Der Autofahrer hupt wütend.

20. HAUS DER GROSSELTERN / KÜCHE / I/N Zislow, abends. Opa und Inga sitzen in einiger Entfernung vom Küchentisch. Opa hat eines seiner Beine auf einen Stuhl gelegt. Inga schneidet ihm die dicken, verkrumpelten Zehennägel. Oma sitzt am Küchentisch, schält akribisch Äpfel, verteilt die Stücke auf drei Untertassen und streut Zimt drauf. Auf der Nase die Lesebrille. INGA Opa? Wenn Dich einer nach Literatur über diese Gegend fragen würde... Aber richtig gute... Heinrich freut sich über die Frage. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. OPA HEINRICH „Aufgewachsen bin ich an der Peene von Anklam, durch Güstrow fließt die Nebel, ... Leipzig bot mir Pleisse und Elster..., Manhattan ist umschlossen von Hudson und East und North..., in London diente mir vor dem Fenster die Themse,“.. Heinrich spricht das Englische sehr Deutsch aus. Jetzt erhebt er schelmisch den Zeigefinger. OPA HEINRICH „Aber wohin ich in Wahrheit gehöre? Das ist die Seenplatte Mecklenburgs von Plau bis Templin“ Mit großen Augen sieht Heinrich Inga an. Sie soll raten, wen er meint, aber sie sieht ihn nur neugierig gespannt an. OPA HEINRICH Na? Wer hat das geschrieben? OMA CHRISTA

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Uwe Johnson. Inga sieht von Opas Zehennägeln auf. INGA Auf den bin ich überhaupt nicht gekommen. OPA HEINRICH Ist ja auch in Westen gegangen. Jetzt sieht Christa erschrocken ihren Mann an. Inga schüttelt über sich selbst den Kopf. OPA HEINRICH Ist da jämmerlich krepiert. Die haben nicht mal gemerkt, dass er tot war. Hat wochenlang in seiner Wohnung rumgelegen. In Heinrichs Ton liegt urplötzlich Bitterkeit. Inga registriert das nicht. Sie klatscht Heinrich kräftig den Fuß ab, zieht ihm die Strümpfe an. Sie erzählt... INGA Da war nämlich heute einer in der Bibliothek, aus Konstanz. Der hat nach Literatur über unsere Gegend gefragt... Inga sammelt Opas Zehnägel ein und schüttet sie in den Mülleimer. OMA CHRISTA Und sonst? Was wollte der von Dir? Inga lacht. INGA Nichts. Sich aufwärmen. Inga rückt Opa an den Tisch zurück. OMA CHRISTA Nu mach doch nicht solche Unruhe. Setz Dich doch mal hin.

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INGA Nicht, was Ihr denkt. Der könnte mein Vater sein. Inga nimmt sich ein paar Apfelstücke und packt ihre Sachen zusammen. INGA So, Ihr zwei Beiden, ich muss jetzt los. Plötzlich herrscht frostige Stille in der Küche. Inga bemerkt es erst, als sie ihre Winterjacke schon an hat. Sie sieht ihre Großeltern mit sanftem Blick an. INGA Bin ja morgen wieder da. Inga gibt Oma und Opa einen Kuss, aber die bocken irgendwie. INGA Was ist denn los? Die Alten sitzen da wie zwei Menschen, die Angst haben, mit sich allen zu sein. Und Inga hat Hemmung, sie allein zu lassen. OPA HEINRICH Kannst den Mülleimer gleich mit rausnehmen. Opa hat einen ruppigen Ton. INGA Is‘ ja gut, kriegt Euch wieder ein. Also denn... Inga nimmt den Mülleimer und geht. Inga geht schnell.

21. VOR DEM HAUS DER GROSSELTERN / A/N Sie kommt aus dem Haus. Entleert den Mülleimer. Komisch, das Fenster öffnet sich nicht. Oma sieht ihr heute nicht hinterher. Inga sieht durchs Fenster. Drinnen versucht Opa, sich mit eigener Kraft vom Stuhl zu erheben. Er greift unsicher nach den Krücken. Oma redet auf ihn ein. Inga ist unschlüssig. Soll sie zurückgehen? Nein. Sie stellt den leeren Mülleimer vor der Haustür ab. Energisch bewegt sie sich auf ihr Motorrad zu.

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22. DORFSTRASSE / A/N Inga fährt mit Krach aus dem Dorf. Nach einigen Augenblicken nimmt sie eine Gestalt wahr, die mitten auf dem Weg läuft. Als Inga näher kommt, blickt sich dieser Mensch nicht um, sondern läuft einfach weiter. Versperrt den Weg. Inga hält an. INGA Hallo? Der Mensch dreht sich um. Es ist Robert, dieser seltsame Typ aus der Bibliothek. Er sieht völlig durchgefroren aus, als sei er schon Stunden durch die Kälte gelaufen. ROBERT Könnten Sie mir ein Restaurant empfehlen? Inga weiß nicht, ob er sie verarschen will. Sie schaut sich belustigt um, als suche sie wirklich ein Restaurant. INGA Lassen Sie mich überlegen. Worauf hätten sie denn Lust? Thailändisch, Indisch, Französisch? ROBERT Schmalzstulle. Was Richtiges wäre mir allerdings lieber. INGA Sie können ja mal meinen Großvater fragen, ob er Ihnen seine Angel borgt. Inga will weiterfahren. ROBERT Ob ich jetzt noch einen Bus nach Malchow bekomme? Er sieht wirklich jämmerlich aus. Inga schüttelt lachend den Kopf. INGA Sieht schlecht aus! Robert wirft einen anerkennenden Blick auf ihr Motorrad. ROBERT Würden Sie mich mitnehmen?

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Inga schwankt zwischen Abwehr und Zutrauen. Aber ihr Zutrauen siegt. INGA Haben Sie noch gesunde Knochen? Robert springt übermütig in den Beiwagen. Inga sieht zu ihm herunter.

23. FELDWEG / WALD / A/N Inga rast wie der Teufel über die sandigen Wege. Robert, der im erdnahen Beiwagen sitzt, wird ordentlich durchgeschüttelt. Es macht ihm Spaß. ROBERT (schreit gegen den Lärm an) Erwarten Sie manchmal, dass etwas passiert? Etwas Unvorhergesehnes? Inga schaut runter zu ihm. ROBERT Ich weiß nicht. Ich hab manchmal Angst, ich versäum was im Leben und dann hoff ich, es passiert was Unvorhergesehenes. Robert lässt den Kopf zurückfallen. Er genießt. Das spornt Inga zu noch schnellerem Fahren an.

24. MALCHOW / GASTSTÄTTE / I/N Inga und Robert in einer Malchower Gaststätte. Wenig Gäste an den Tischen, aber es kommen immer wieder Leute in den Gastraum, die sich etwas zu trinken holen und dann in den anliegenden Saal gehen. Musik in der Gaststätte: Sie spielt irgendwas auf Englisch, ein bisschen rührselig, auf alle Fälle zu laut. Inga winkt immer mal Bekannten zu, die in die Gaststätte kommen. Drei junge Männer am Nachbartisch, der eine sieht Inga verdächtig oft an. Inga beachtet ihn kaum. Mal ein kurzer Blick, nicht mehr. Vor Inga steht ein kleines Bier, vor Robert eine große Flasche gutes Mineralwasser, aus der er sich immer wieder nachschenkt. ROBERT Es war eine Harley Shovelhead – Riesen-Stahlrahmen – damit sind wir von Chicago runter bis nach New Orleans... total irre.

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Die Kellnerin bringt Inga und Robert zwei dampfende Teller. KELLNERIN So. Zwei Mal das „Schweinesteak auf Four.“ Lasst es Euch schmecken. Inga nimmt Sauce aus einer Flasche und macht sich einen ordentlichen Schwups auf ihren Teller. INGA Und Ihr Vater hat das alles mitgemacht? Robert lacht. ROBERT Nachts haben ihm alle Knochen gekracht, aber er hat sich tapfer in mein Bergzelt gelegt... und hat geschnarcht wie ein Tier... Sein Blick wendet sich zum Nachdenklichen. ROBERT Wie weit sind Sie mit Ihrer Harley gekommen? Inga lässt sich ihr Essen schmecken. INGA Nicht weit genug. Robert scheint sich für sein Steak nicht sonderlich zu interessieren. Er beobachtet Inga beim Essen. ROBERT Ihre Familie ist in Mecklenburg geblieben? In die Gaststätte kommt Steffis Mutter Kerstin. Sie sieht Inga mit dem fremden Mann sitzen und hat einen anerkennend neugierigen Blick: Wen hast Du Dir denn da aufgegabelt? Sie steht neben der jungen Kellnerin am Tresen. Auch die sieht vielsagend herüber. Inga grüßt mit einer kleinen Bewegung des Kopfes. INGA Ich hab nur meine Großeltern. Sie lacht kurz auf.

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INGA Und die sind immer noch hier. Sie lächelt Kerstin zu, die hinüber in den Saal geht. ROBERT Und Ihre Eltern? Inga antwortet nicht. Nebenan singt sich der Chor ein. Inga sieht in Richtung Saal. INGA Der Chor. Die haben bald Konzert. Dann sagt sie etwas, als hätte es keinerlei Bedeutung: INGA Meine Mutter ist in der Ostsee ertrunken. Roberts Blick heftet sich plötzlich auf die Flasche, er gießt sich Wasser nach. Er trinkt einen hastigen Schluck. Inga bemerkt das. Überhaupt, Robert hat bisher kaum einen Bissen angerührt. Inga legt Messer und Gabel beiseite und sieht Robert mit großen, beobachtenden Augen an. ROBERT In der Ostsee ertrunken? Inga zeigt auf sein Essen. INGA Sie hätten wohl doch besser was anderes bestellen sollen? Robert nimmt doch einen Bissen. ROBERT Wie alt waren Sie da? INGA Sie sind ganz schön neugierig. ROBERT Krankhaft neugierig. Damit schockier ich manchmal Leute. Ich kann nicht anders.

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INGA Und wann geben Sie Ruhe? ROBERT Gar nicht. INGA Ich hab sie nie kennengelernt. ROBERT Und Ihr Vater? INGA Das weiß keiner. Meine Großeltern nicht, ihre beste Freundin nicht... Der Mensch muss ihr echt unangenehm gewesen sein. Vielleicht ‘ne schnelle Nummer hinter der Disko.. Robert wischt sich unmerklich und nur mit dem kleinen Finger die Stirn, ganz so, als wären da Schweißperlen. ROBERT Und Sie haben nie nach ihm gesucht? INGA Ich hab Eltern. Sie heißen Oma und Opa. Inga will nicht weiter darüber reden. Sie schaut in Richtung Saal, wo der Chor: „Hoch auf dem gelben Wagen“ jubiliert. Roberts Haltung bekommt etwas leicht Fahriges. Er sucht etwas in seiner Hosentasche. Sein Gesicht hat plötzlich keine Farbe. Inga sieht ihn verwundert an. Robert steht auf, sehr schnell. Er nimmt seine Jacke von der Stuhllehne. ROBERT Ich komm gleich wieder.

25. GASTSTÄTTE / HERRENTOILETTE Robert kommt auf die Herrentoilette. Er öffnet die Tür eines der Klos, aber er geht nicht hinein. Er hängt sich an die Tür und macht einen Klimmzug. Ein Mann kommt auf die Toilette. Es ist der Taxifahrer. Robert springt herunter, er überspielt seine Verlegenheit.

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ROBERT Der Chor. Der andere nickt. Er vergisst, warum er eigentlich an diesem Örtchen ist. Er bewegt sich nicht zur Kloschüssel, er geht ans Waschbecken. Auch Robert geht ans Waschbecken. Sie stehen nebeneinander. Der Mann wäscht sich die Hände. Robert wartet. MANN Scheiße. Wieder keine Seife. Robert nickt dem anderen bierernst zu. MANN Is‘ typisch für Winter. Robert nickt noch einmal bierernst. Er wartet. Der andere wäscht sich immer noch die Hände. Robert geht doch noch ins Klo. Er nimmt ein Fläschchen Tabletten aus der Jackentasche, nimmt sich eine Tablette, schluckt sie.

26. GASTSTÄTTE / I/N Robert schwingt sich etwas übertrieben auf den Stuhl. Er redet, bevor Inga etwas fragen kann: ROBERT Wissen Sie eigentlich, dass hier mal ein russischer Soldat aus einer Kaserne geflohen ist? Haben Sie davon gehört? Inga schüttelt den Kopf. ROBERT Das muss so 1980 gewesen sein:

27. EINE STRASSE IN MALCHOW / 1980 / A/T Spätsommer. Die junge Frau mit dem blassem Wintergesicht – sie sieht Inga zum Verwechseln ähnlich – läuft mit ihrem Kinderwagen die Dorfstraße entlang. Auf der Straße eine Patrouille der Deutschen Volkspolizei. Die Polizisten sind schwer bewaffnet. Sie halten ein Auto an. Der Fahrer muss aussteigen. Sie durchwühlen den Kofferraum. In einigem Abstand hat sich eine Menschen-

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traube gebildet. Die Leute sind angeregt in ein Gespräch vertieft. Die junge Frau bleibt bei ihnen stehen. ÄLTERE FRAU ‘N Russe ist abgehauen. Sie haben ihn noch nicht. JUNGE FRAU So‘n Theater. MANN Is‘ schon richtig. Wenn der einen vor die Flinte kriegt, da verfriert den nichts. Du, der schießt. Der schießt. Da kannst nur noch beten. ÄLTERE FRAU Schlimm ist das. MANN Der hat doch nix zu verlieren. Der geht doch ab. Is‘ doch eigentlich ‘n armet Schwein, wenn man so will. ÄLTERE FRAU Schlimm.

28. MALCHOW / ANNES HAUS / SCHUPPEN / 1980 / I/N Am Abend. Die junge Frau geht in den Schuppen. Sie will Kartoffeln holen. Hinten, zwischen den Brettern, bewegt sich etwas. Plötzlich sieht sie einen Mann, der sich dort versteckt hält. Ein Soldat, Juri, 20. Sie erschrickt. Er hält eine Waffe auf sie gerichtet. Einen Moment stehen sie sich regungslos gegenüber. Er sieht sie flehend an. Sie ist starr vor Angst. JURI (auf Russisch) Bitte keine Angst haben. Ich mache nichts! Er lässt vorsichtig die Waffe sinken. In diesem Moment versucht die junge Frau, sich zu bewegen. Sofort hält er die Waffe wieder auf sie zu. Sie sieht ihm an, dass er panische Angst hat. Trotzdem lässt seine Körperspannung etwas nach. Seine Stimme ist sanft. JURI Bitte!

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Sie tasten mit Blicken das Gesicht des jeweils anderen ab. Da ist etwas zwischen ihnen, etwas, was den anderen berührt. Das nimmt ihnen etwas die Angst, aber nur ein bisschen. Plötzlich ist draußen ein Geräusch zu hören. Ein Mann singt auf dem Hof, er kommt näher. Die Anspannung ist sofort wieder da. Der Soldat verkriecht sich wie ein waidwundes Tier. Die Tür öffnet sich. Die junge Frau beginnt hektisch, Kartoffeln einzusammeln. NACHBAR Ach du bist‘s nur, ... Ich dachte schon... JUNGE FRAU (erschrocken) Peter. ‘N Abend... Hast gedacht, der Russe ist hier? Sie versucht, locker zu sein, irgendwie. Peter lacht halbherzig, irgendwie. NACHBAR Na ja, man weiß ja nie... Nacht! Er geht wieder. Es ist einen Moment still. Sie steht langsam auf. Der Soldat erhebt sich langsam aus seinem Versteck. Die Waffe hält er jetzt kraftlos in einer Hand. Sie zuckt die Achseln: Ich kann nichts für Dich tun, sagt ihr Blick. Ich kann wirklich nichts für Dich tun. JURI Juri. Er zeigt auf sich. Sie gibt ihm ein Zeichen, dass er still sein muss. Sie schaut, ob sie wirklich allein sind. Als sie zu ihm zurückkommt, hält Juri ihr die Waffe entgegen, wie eine ausgestreckte Hand. Sie ist unschlüssig, aber er sieht so schutzlos aus. Dann beginnt sie zu flüstern. JUNGE FRAU Komm, dawai!

29. MALCHOW / ANNES HAUS / HOF / 1980 / A/N Sie schleichen über den dunklen Hof zum Hauseingang. Als sie in der Tür verschwunden sind, schaut oben Peter, der Nachbar, aus dem Fenster.

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30. MALCHOW / ANNES WOHNUNG / 1980 / I/N Dieselbe Nacht. Die junge Frau gibt ihrem Kind die Brust. Sie hält sie verdeckt. Auf dem Sofa liegt Juri. Er schläft unruhig. Sie schaut ihm beim Schlafen zu. Sie hört draußen eine Autotür schlagen. Sie läuft erschrocken zum Fenster. Ihr Gesicht entspannt sich: Es war nur der Nachbar.

31. ANNES WOHNUNG / 1980 / I/N Eine Stunde später. Die junge Frau schaut auf Juri und wiegt ihr Kind. Sie summt ein Schlaflied. Juri hat die Augen geöffnet und schaut sie an. JURI (Russisch) Du hast gute Augen. Anne lächelt ihn an. Er fühlt sich geborgen in diesem Moment.

32. STRASSE VON MALCHOW / HEUTE / A/N Inga und Robert vor Ingas Haustür. Robert sieht Inga jetzt genauso wie Juri Anne an. Sein ganzer Ausdruck zeigt die Erzählsituation der Geschichte. Robert ist weich, tastend, um Nähe bemüht. ROBERT Sie haben nie davon gehört? INGA Nein. Ich glaub auch nicht, dass es so was gab. Klingt ausgedacht. ROBERT Vielleicht. Hätten Sie Lust auf einen Ausflug? Morgen vielleicht? Am liebsten auf Ihrer wunderbaren Höllenmaschine. INGA Warum nicht. Blühende Landschaften gucken. ROBERT Ich freu mich.

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INGA Gute Nacht. ROBERT Gut‘s Nächtle, sagt man bei uns. Eine Geste des Abschieds, er dreht sich um, geht. Inga bleibt stehen.

33. AM SEE / HEUTE / A/T Inga und Robert kommen knatternd zum Seeufer gefahren. Das Wetter kann sich nicht entscheiden. Die Sonne hat sich hervorgewagt, aber die Wolken wissen noch nicht, ob sie das auch akzeptieren. Sie steigen vom Motorrad. Marvin und Kevin angeln wieder mit ihren ellenlangen Ästen. Sie hören ihre Kassettengeschichten. Sie sind in ihrer eigenen Welt. Zwischen dem Schilf ist ein altes Ruderboot zu sehen. Inga zieht Schuhe und Strümpfe aus: Ihr Blick fordert Robert auf, das Boot mit ins Wasser zu hieven. Will sie ihn prüfen? Es ist November! Robert gibt sich unkonventionell. Er gehorcht tapfer, stakst mit hochgekrempelter Hose durchs Wasser und springt hinter Inga ins Boot. Als er die Ruder nehmen will, ist Inga schneller. INGA Ich ruder! Sie rudert kraftvoll, obwohl sie nur eine halbe Portion ist. Sie spielt Anstrengung, aber man sieht, dass sie geübt im Rudern ist. Robert schlägt sich den Kragen hoch.

34. MECKLENBURGER SEE / A/T Auf der Mitte des Sees werden die Wellen höher. Robert ist die Kälte bis unter die Haut gekrochen. Sein Körper spannt sich dagegen an. Er schaut auf die Wellen, die Inga mit dem Ruder schlägt. Das Boot schaukelt. Inga hört auf zu rudern. Sie sieht ihn erwartungsvoll an. ROBERT Über dem Bodensee liegt den ganzen Winter Nebel. Inga lächelt ironisch.

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INGA Der Mann, der aus dem Nebel kam... Robert erwidert ihre Ironie nicht. INGA Gestern Morgen in der Bibliothek, gestern Abend auf der Landstraße, dann Ihre Russengeschichte, was wollen Sie eigentlich? ROBERT Ich muss ein bisschen ausholen. INGA Ich hab Zeit. Robert beginnt vorsichtig. ROBERT Ich war damals noch wissenschaftlicher Mitarbeiter, es muss so 1980 oder ‘81, könnte auch ‘82 gewesen sein, weiß nicht mehr so genau... Ich hab einen meiner ersten Kurse für Kreatives Schreiben gegeben. Eine junge Frau fragte mich, ob sie als Gasthörerin teilnehmen dürfe. Sie hatte was... Robert sieht Inga an. Er lächelt unwillkürlich. ROBERT ... ich hab sie auf einen Kaffee eingeladen. Sie wissen ja... Robert sucht in seinen Taschen nach Zigaretten. Er findet keine. ROBERT Was sie erzählt hat, kam für mich... wie von einem anderen Stern... Nicht, weil sie aus der DDR war, aber... sie hatte dort einen russischen Soldaten versteckt – die Geschichte von gestern Abend – lange, mehrere Wochen, in ihrer Wohnung, sie hatte sich in ihn verliebt. Später sind sie zusammen geflohen. Eine Fluchthelfertruppe hat sie über Polen in den Westen geschleust. Anfang 1980 sind sie in Konstanz angekommen. INGA Im Nebel.

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Robert nickt beiläufig. Er hat endlich seine Zigaretten gefunden. Er öffnet die Schachtel, holt sich eine heraus, aber er zündet sie nicht an. ROBERT Jedenfalls, sie machte meinen Kurs mit. Und dann gab‘s da so eine Situation: Alle sollten ihre Texte vorlesen, dann war sie an der Reihe. Sie fing an zu lesen. Eine Skizze über ihr Weggehen aus der DDR, über Abschied, Schmerz... Es war plötzlich ganz still im Raum... Sie las so leise, sie war kaum zu verstehen...‚ Warum hast Du Dein Kind im Osten gelassen?’, fragt plötzlich jemand. Sie steht da, ich werde ihren Ausdruck nicht vergessen... Sie hat ihre Tasche genommen, sie ist gegangen. Nur das Deckblatt hat sie liegen lassen, mit einem kleinen Gedicht... Robert steckt die Zigarette wieder in die Schachtel. Er bemüht sich, mit fester Stimme zu sprechen. ROBERT Sie hieß Anne ... und sie war aus Ihrem Dorf. Wie gesagt: Bei ihrer Flucht hat sie ein Kind zurückgelassen. Das muss damals etwa sechs Monate alt gewesen sein. Ein Mädchen. Inga hört auf zu rudern. Sie sitzt mit verwunderten, weitgeöffneten Augen da. INGA Warum erzählen Sie mir das? ROBERT Das ist noch nicht alles. INGA Danke. Mir reicht‘s. Inga rudert das Boot zurück: schnell, kraftvoll, dass sie sich fast überschlägt. Sie sagt kein Wort. Sieht Robert nicht an.

35. DORFSTRASSE / A/T Inga schiebt Opa in ziemlichen Tempo über die Dorfstraße, Oma kommt kaum hinterher. INGA

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Hier soll früher eine Frau gewohnt haben, die in den Westen abgehauen ist. Habt Ihr davon gehört? Sie sieht abwechselnd zu Ihren Großeltern. Christa hebt die Schultern. Heinrich wehrt schroff ab. HEINRICH Wer erzählt denn so was? Inga fährt weiter. INGA Dieser Mann aus Konstanz. Heinrich verkriecht sich in die Decke. Christa kümmert sich um Heinrich. Sie wickelt ihm die Decke bis hoch über die Brust. Er wehrt ihre Fürsorge mit einer Handbewegung ab. OMA CHRISTA Wir müssen wohl zurück, Inga. Aber Inga hält den Rollstuhl an. INGA Habt Ihr denn gar nichts davon gehört? Inga sieht ihrem Großvater gerade ins Gesicht. OPA HEINRICH Solche Leute kennen wir nicht. Man hatte doch alles. OMA CHRISTA Du siehst doch, dass Opa friert. Inga schiebt den Rollstuhl weiter.

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36. ZISLOW / FRIEDHOF / A/T Inga und ihr Großvater stehen am Familiengrab. Oma ist in einiger Entfernung stehen geblieben. INGA Opa? Heinrich schweigt. INGA Wie ist Mutti gestorben? OPA HEINRICH Das weißt Du doch. INGA Im Urlaub an der Ostsee. Ertrunken. Stimmt doch, Opa? Oder? Inga sieht Opa bittend an. Sie möchte, dass alles nur ein Irrtum ist. INGA Opa? OPA HEINRICH Was sonst. Aus Heinrichs Antwort klingt starrsinniger Trotz. INGA Ich frag ja nur... Inga wirkt fast erleichtert, als sie den Rollstuhl nun vor sich herschiebt.

37. MALCHOW / GASTSTÄTTE / CHORRAUM / I/T Malchow. Inga kommt mitten in die Chorprobe. Der Chor singt sich gerade ein: „Kein schöner Land in dieser Zeit...“ Inga macht Steffis Mutter Zeichen. Kein Zweifel, es ist dringend.

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KERSTIN Is‘ was mit Steffi? INGA Du bist doch Muttis beste Freundin gewesen. KERSTIN Wie kommst Du da jetzt drauf? INGA Du warst doch damals auf ihrer Beerdigung?! Die Antwort lässt auf sich warten. INGA Wer hat eigentlich die Rede gehalten? Kerstin guckt, ob einer vom Chor rübersieht. Hagen, der Chorleiter, straft sie mit einem Blick. Der Chor stimmt sich immer noch ein. KERSTIN Du, wir haben bald Konzert... INGA Hat Euer Chor gesungen bei der Beerdigung? KERSTIN Inga, hör auf. Nicht zu überhören, Kerstin verteidigt sich. Ingas Ton wird schärfer. INGA Hast Du Blumen auf ihren Sarg geworfen? Hagen, der Chorleiter, unterbricht den Gesang. HAGEN (ruft) Kerstin, das ist genau das, worüber wir gesprochen haben mit der Disziplin. Der ganze Chor guckt zu Inga und Kerstin. INGA Sag schon!

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KERSTIN (leise) Wir wollten Dich doch nur schonen. Kerstin bewegt sich schnell wieder auf den Chor zu. INGA (in die Stille) Was willst Du damit sagen? Kerstin reiht sich in den Chor ein. Hagen, der Chorleiter erhebt die Hände. Der Gesang beginnt. CHOR Kein schöner Land in dieser Zeit Als hier das unsre weit und breit... Kerstin singt. Sie sieht Inga nicht an. Sie singt.

38. KÜCHE DER GROSSELTERN / I/N Etwas später. Die Tür fliegt auf. Heinrich und Christa sitzen am Küchentisch. Ihr Blick ist wie ein Schuldeingeständnis. Inga setzt sich ihren Großeltern gegenüber. Wie bei einem Verhör. Christa wartet darauf, dass Heinrich zu sprechen beginnt. Plötzlich sind sie bis zum Hals in der Vergangenheit versunken, die über ihrem Kopf zusammenzuschlagen droht. OMA CHRISTA Sie stand da in der Tür. Christa zeigt zur Tür, um es zu bekräftigen. OMA CHRISTA Inga hat Fieber, hat sie gesagt. Ich fahr bloß schnell zur Apotheke. Ja. Bloß schnell zur Apotheke. Vati kann doch fahren. Nein, sie wollte unbedingt. OPA HEINRICH Und denn kam sie nicht. Und kam nicht.

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39. DAS HAUS DER GROSSELTERN / WOHNZIMMER / 1980 / I/T Christa vor 25 Jahren. Sie schaut aus dem Fenster, das Kind im Arm. Sie steht da, wie versteinert. Heinrich läuft im Zimmer auf und ab. Endlich klingelt das Telefon. Heinrich läuft hin und nimmt eilig ab. HEINRICH Kaden...? Am anderen Ende ist Anne. Sie spricht leise. ANNE (Off) Hallo, Papa...? HEINRICH Anne! Sag mal, bist Du noch zu retten? ANNE (Off) Ich ... HEINRICH Wir sind hier fast verrückt geworden. Die Polizei war auch schon da. Mädchen, was macht Du mit uns? ANNE (Off) Ich... Ich bin im Westen, Papa. In Konstanz... Ich... HEINRICH Wo bist Du? Er schreit. HEINRICH Wo bist Du?

40. DAS HAUS DER GROSSELTERN / WOHNZIMMER / 1980 / I/T Christa wiegt ihr Enkelkind. Heinrich sitzt am Tisch, den Kopf in den Händen vergraben. Er weint.

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41. KÜCHE DER GROSSELTERN / HEUTE / I/N Lähmende Stille. Tränen sammeln sich auf Oma Christas Gesicht. OMA CHRISTA Sie war doch unser Mädchen. Opa haut mit der Faust auf den Tisch. INGA Und sie hat sich nie wieder gemeldet? Man hört nur Omas Weinen. INGA Hat sie nie nach mir gefragt? Die ganze Zeit nicht? Schweigen, verstocktes Schweigen. Inga nimmt Jacke und Mütze. Die Tür knallt hinter ihr zu.

42. INGAS HAUS / HAUSFLUR / I/N Inga kommt ins Haus. Sie macht das Licht an. Robert sitzt auf der untersten Treppenstufe. Er steht auf, sieht ihr entgegen. Ingas Ton ist zurückgenommen, leise. INGA Sie kommen her und machen alles kaputt. Inga geht langsam an ihm vorbei. Sie ist beängstigend ruhig. Robert sagt nichts. Er bleibt hilflos stehen. Inga schleppt sich wie eine alte Frau die Treppen hoch. Der Weg zu ihrer Wohnung dauert eine Ewigkeit. Sie hält sich am Geländer fest. Sie sucht ihren Schlüssel. Sie schließt ihre Wohnungstür auf. Sie geht in ihre Wohnung, macht leise die Tür hinter sich zu. In diesem Moment rennt Robert los. Er nimmt mehrere Stufen auf einmal. Er klingelt Sturm. Das Geräusch des Klingelns schrillt wie eine Sirene durch das Haus. Inga reißt die Tür auf. Sie schreit ihn an. INGA Was denn noch? Können Sie mich nicht einfach in Ruhe lassen? Gehen Sie weg! Lassen Sie mich in Ruhe! Lasst mich doch einfach alle in Ruhe.

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ROBERT Hätte ich denn nach Konstanz zurückfahren sollen? Ich konnte doch nicht ahnen, dass Sie gar nichts wissen. INGA Na toll. Vielen Dank. Und was weiß ich jetzt? Dass ich ‘ne Mutter habe, die nichts von mir wissen will? Die mich hier zurücklässt wie, wie den letzten dreckigen Ballast... Jetzt entlädt sich, was Inga bisher zurückgehalten hat. Sie weint, sie schluchzt, sie bricht körperlich zusammen. Sie hockt am Boden, klebt an der Wand, hält sich an sich selbst fest, als hätte sie starke Schmerzen. Robert hockt sich vor sie, nimmt ihre Hände, versucht, sie zu beruhigen. Inga stößt seine Hand weg, weint heftiger. Robert greift wieder nach Ingas Händen, lässt sich nicht abwehren. Inga beginnt, ruhiger zu atmen. Robert fasst sie sacht an den Schultern, für einen kurzen Moment lässt sie sich in seine Umarmung fallen. Dann setzt er sich neben sie. Sie sagen nichts. In die Stille: INGA Was wollen Sie eigentlich hier? Robert kauert sich neben Inga. Er zündet sich eine Zigarette an. Er holt einen Zettel aus der Tasche. Er liest: ROBERT „Keiner lehrt mich / Zu vergessen / Wär da ein Gruß von daheim / Und könnt suchen mich / Ich würd hoffen ein bisschen.“ Das hat sie damals liegen lassen. Ich hab es immer aufgehoben, um irgendwann... Inga nimmt ihm widerwillig den Zettel aus der Hand. INGA „Wär da ein Gruß von daheim / Und könnt suchen mich...“ Sie zerknüllt den Zettel. INGA Sie wartet auf einen Gruß von daheim.

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Sie faltet den Zettel wieder auseinander. Jetzt sieht sie Robert ins Gesicht. INGA Is‘ doch pervers, oder? Inga macht ein Gesicht, als würde sie sich ekeln. INGA Wissen Sie, wie lange die Mauer auf ist? Aber sie wartet auf einen Gruß von daheim. ROBERT Es gibt sicher einen Grund. Es muss einen Grund geben. Inga nimmt sich eine Zigarette. Robert will ihr Feuer geben, aber sie nimmt ihm das Feuerzeug aus der Hand. Sie raucht wie eine, die nicht raucht. INGA Ist mir, ehrlich gesagt, scheißegal.

43. INGAS WOHNUNG / BAD / I/N Eine halbe Stunde später. Inga steht vor dem Spiegel. Sie betrachtet sich still, als müsste sie sich neu erkunden.

44. PENSION / BAD / I/N Robert steht unter der Dusche. Geräuschvoll genießt er den Schmerz des eiskalten Wassers.

45. INGAS ZIMMER / I/N Inga telefoniert mit Steffi. STEFFI (im Off) Hallo Inga. INGA Hat Deine Mutter Dich angerufen?

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STEFFI Ja. INGA Hast Du was gewusst? Schweigen, unerträglich langes Schweigen. INGA Seit wann? STEFFI (Off) Schon lange, paar Jahre. Steffi weint. INGA Du also auch... Schweigen. INGA Na gut, Steffi. Sie sagt es leise. Sie hat keine Tränen. Sie legt auf.

46. MALCHOW / A/T In Malchow bricht der Morgen an. Der Himmel hängt tief.

47. BIBLIOTHEK / I/T In der Bibliothek brennt Licht. Inga hat sich Musik angemacht. Sie sitzt wie eine Schiffbrüchige in einem Meer aus alten, vergilbten Zeitungen. Sie wärmt sich die Hände an einer Tasse Tee. Man sieht ihr an, sie hat keine Minute geschlafen: Ihre Augen glänzen müde. Trotzdem, sie ist hellwach.

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48. ROBERTS PENSION / ZIMMER / I/T Die Vorhänge sind nicht zugezogen, die Morgendämmerung kommt schüchtern herein. Trotzdem wirkt das Zimmer wie eine Höhle. Kopfhörer und Discman liegen am Boden. Man hört leise Musik. Der Laptop ist geöffnet. Robert wacht auf. Er ist immer noch angezogen. Er geht zum Laptop, nimmt einige bedruckte Seiten aus dem kleinen Drucker. Liest.

49. BIBLIOTHEK / I/T Draußen ist es inzwischen hell geworden. Inga greift zum Telefonhörer: Sie wählt eine Nummer. Es ist die Auskunft. INGA Ich suche eine Anneliese Kaden. In Konstanz... Und irgendwo anders in Deutschland? ... Danke. Keine Ursache.

50. ROBERTS PENSION / ZIMMER / I/T Robert läuft im Zimmer auf und ab. Er hat sein Telefon zwischen Kinn und Schulter eingeklemmt. Es tutet, aber niemand nimmt ab. Währenddessen schiebt Robert die bedruckten Seiten in einen großen Umschlag, schreibt eine Adresse auf die Vorderseite. Am anderen Ende schaltet sich ein Anrufbeantworter ein. STIMME (im Off) Verlagsgesellschaft Könitz, Anschluss Wilfried Könitz. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht oder rufen Sie meine Sekretärin, Frau Knauer, unter der Durchwahl –337 an. Danke und auf Wiederhören. ROBERT Hallo Wilfried ... hier ist Robert. Erinnerst Du Dich an meine alte Geschichte? Du hast damals gesagt: „Interessant Robert – aber nicht auf der Höhe der Zeit. Solche Fluchtgeschichten sind längst durch.“, Du hast sie mir ziemlich rüde vom Tisch gefegt. Hör zu, ich werde Dir heute ein Exposé in die Post werfen. Ich hab eine neue Idee. Die Geschichte ist unglaublich. Ich werde sie schreiben, egal, was Du dazu sagst. Wenn Du sie nicht machst, denn macht sie jemand anders... 51. BIBLIOTHEK / I/T

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Inga ist in der Clubecke eingeschlafen. Kerstin kommt in die Bibliothek. Sie holt einen Brief aus der Tasche, sie will ihn Inga unbemerkt hinlegen. Aber Inga wacht auf. Kerstin beginnt gleich zu reden. KERSTIN Der kam ein paar Wochen, nachdem Anne weg war. Sie schiebt Inga den Brief zu. Sie wartet einen Moment, ob Inga etwas sagt. Inga nimmt den Brief, holt ihn langsam aus dem Kuvert, schaut sich die Schrift an, steckt ihn wieder ein, schaut zu Kerstin, wartet, dass die etwas sagt: KERSTIN „Ich hab einen Russen kennengelernt.“, hat Anne gesagt. Mehr nicht. Ich soll mit keinem drüber reden, hat sie gesagt. Und denn war sie plötzlich weg. Keiner wusste was. Nur Gerüchte. Die sind in den Betrieb gekommen, zwei Männer: Ich hab vorher nie was mit solchen Typen zu tun gehabt. Ob mir Anne denn gar nichts erzählt hat. Sie muss mir doch was erzählt haben! Freundinnen reden doch über alles! ... Und denn kommt so‘n Brief. Da antwortet man doch nicht. Da hat man doch Angst. Man war doch auch jung, Inga. Kerstin wendet sich zum Gehen. INGA Und keiner im ganzen Dorf hat mal nachgefragt? Kerstin schüttelt den Kopf. KERSTIN Es wurde getuschelt, wie das so ist, aber... Vielleicht wollte es keiner so genau wissen. Kerstin bindet sich den Schal fester um den Hals. KERSTIN Sei nicht böse auf Steffi, Inga. Ich hätt sie damit nicht belasten dürfen. Inga steht auf und geht an Kerstin vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

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INGA Arme Steffi. Sie setzt sich hinter ihren Schreibtisch. Von dort aus sieht sie Kerstin sehr offiziell an. INGA Wer ist mein Vater? Kerstin hebt unwissend ihre Schultern. Aber ihr Gesicht verrät: Sie will einfach darüber keine Auskunft geben. KERSTIN Das musst Du Anne fragen, solltest Du... Ich geh denn mal... Kerstin nickt ihr noch einmal zu. Sie wartet, ob Inga noch etwas sagt. Inga sagt nichts. Kerstin geht. Als sie aus der Tür ist, öffnet Inga den Brief. Sie liest, sieht die Bilder:

52. ANNES WOHNUNG / 1980 / I/N Zwei Monate sind vergangen. Anne macht bei ihrem Kind einen Wadenwickel. Juri hält eine neue Windel unter laufend kaltes Wasser. Plötzlich klopft es. Inga und Juri schauen sich ängstlich erschrocken an. Juri versteckt sich unterm Bett. Ein prüfender Blick zum Bett, dann geht Anne mit Inga im Arm zur Tür. Juri liegt zusammengekauert und in Anspannung unter dem Bett. Er hört die gedämpfte Stimme eines Mannes. Die Zeit will nicht vergehen. Endlich kommt Anne zurück. Sie setzt sich auf den Stuhl, wiegt Inga, sagt nichts. Juri kommt unter dem Bett hervor. ANNE (leise) Sie sind da. Juri holt eine gepackte Reisetasche aus dem Schrank. Aus einer Seitentasche nimmt er eine kleine Flasche mit Tropfen. Die Tropfen hält er Anne hin. Die aber bleibt bewegungslos auf ihrem Stuhl sitzen. JURI (auf Russisch) Komm, Anne. Wir müssen los.

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ANNE Ich bleibe hier. Juri sieht Inga fassungslos an. Anne bleibt sitzen. Sie hält Inga fest im Arm. JURI (auf Russisch) Bitte, Anne. Schnell. Juri kniet vor Anne. Er fleht sie an. JURI Bitte! Anne schüttelt den Kopf. Nein, sie will wirklich nicht. Er stellt das Fläschchen mit den Beruhigungstropfen auf den Tisch. Er holt Ingas Sachen. JURI (in gebrochenem Deutsch) Zieh Inga an, Anne! Wir müssen uns beeilen. Es ist doch alles abgesprochen. Anne steht auf, sieht Juri an, schüttelt den Kopf. ANNE Sie hat doch Fieber. JURI (auf Russisch) Ohne Euch nehmen sie mich nicht mit. ANNE Ich kann nicht. JURI Anne komm! Anne hält ihr Kind. Juri wird panisch. JURI (auf Russisch) Dann bleib ich auch hier. Juri stellt die Tasche hin, er setzt sich an den Tisch. Es klopft leise, aber eindringlich an der Tür.

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ANNE (auf Russisch) Sie erstickt uns im Kofferraum. JURI (auf Russisch) Ich geh und stell mich. Sollen sie mich doch erschießen. Ich sag Bescheid, ich bleibe. Ob ich tot bin oder lebe, das merkt keiner. Juri geht Richtung Tür. ANNE Juri? Anne muss sich krampfhaft bemühen, nicht loszuschreien. ANNE Frag, ob sie sie uns nachholen können. Juri geht zur Tür. Anne zieht Inga die Sachen an. Sie tut es, als sei sie ferngesteuert. Juri kommt zurück; er nickt bejahend. Er zieht sich eine Jacke an, holt Annes Mantel, legt ihn ihr zärtlich über. Noch einmal bleibt Anne vor Juri stehen. Er zittert vor Angst. Anne wirkt völlig überfordert. ANNE Ich kann ihr doch keine Tropfen geben. Sie hat doch Fieber. Juris Blick ist hilflos. JURI Sie holen sie nach. Sie verlassen die Wohnung.

53. VOR DEM HAUS DER GROSSELTERN / 1980 / A/N Das Haus der Großeltern. Christa öffnet die Tür. Draußen steht Anne. Sie hat Inga im Arm. Sie drückt sie an sich. Dann gibt sie Christa das Kind. ANNE Inga hat 40 Fieber. Ich muss zur Apotheke.

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CHRISTA Och, meine Kleine, was machst Du denn? Oma nimmt Dich, komm! Vati kann doch fahren. Aber Anne will ihr Baby nicht aus dem Arm geben. ANNE Nee, lass. Anne weint. Sie drückt Inga. CHRISTA Ach, Mucking. Kinder kriegen schnell mal Fieber. Das ist schnell wieder runter, Annemaus. Anne gibt Inga ihrer Mutter. Sie nickt. Sie versucht, die Tränen wegzudrücken. Sie dreht sich schnell weg. ANNE Geht schnell rein. Wird kalt. CHRISTA Macht sich die Mutti solche Sorgen. Das kriegen wir doch wieder hin, was, meine Süße? Christa macht die Tür hinter sich zu. Anne steht vor der verschlossenen Tür.

54. DAS HAUS DER GROSSELTERN / HEUTE / I/T In der Küche. Oma hat Torte gebacken und die guten Sammeltassen auf den Tisch gestellt, als sei gar nichts gewesen. Sie legt Inga ein Stück Torte auf den Teller. Inga schiebt den Teller von sich weg. INGA Habt Ihr eine Ahnung, wo sie jetzt sein könnte? Oma ist sanft und bittend. OMA CHRISTA Du weißt ja nicht, was Opa alles auszustehen hatte!

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INGA Was? Heinrich sitzt versteinert da. Er weicht Ingas Blick aus. Kein Wort kommt über seine Lippen. INGA Was??? Für ihn antwortet Christa. OMA CHRISTA Er durfte nicht mehr Schuldirektor sein. Inga sieht ihren Großvater an. Der schaut auf seine Hände. INGA Und was hast Du gemacht, dass Du wieder Schuldirektor sein durftest? Hast Du was unterschrieben? Hast Du den Kontakt abgebrochen? OPA HEINRICH Schluss jetzt! Inga wird plötzlich leise. INGA Ihr habt Eure eigene Tochter verraten, stimmt‘s? OPA HEINRICH (schreit) Halt Deinen Mund! INGA Das könnte Dir so passen. Ich kann nicht verstehen, wie Ihr noch ruhig schlafen könnt. OPA HEINRICH Hat sie sich hier einmal blicken lassen? INGA Und Ihr seid daran Schuld. Heinrich zittert vor Erregung.

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Jetzt steht Inga auf. Der Stuhl rutscht beiseite, Ingas Bewegung hat etwas Entgültiges, Entschlossenes. Sie nimmt ihre Sachen, zieht sich im Gehen an, geht. Die Haustür fällt unerbittlich laut ins Schloss.

55. VOR DEM HAUS DER GROSSELTERN / HEUTE / A/T Inga lehnt an der Hauswand. Sie löst sich langsam, bewegt sich auf ihr Motorrad zu... Oma ist aus dem Haus getreten. OMA CHRISTA Inga? Inga steigt auf das Motorrad. OMA CHRISTA Inga! Oma Christa schafft es gerade noch, Inga zu erreichen, bevor sie losfährt. Sie gibt ihr ein Foto von Anne. OMA CHRISTA Das ist alles, was ich von ihr habe. Sie hält sie ihr entgegen. Inga nimmt ihrer Großmutter das Foto aus der Hand, sieht sie noch einmal kurz an, ein Blick des Mitleids, aber sie wendet sich schnell wieder ab, gibt Gas und lässt Oma Christa in der Kälte stehen. Das Dorf wird hinter ihr immer kleiner, bis es nicht mehr zu sehen ist.

56. STRASSE VON MALCHOW / A/T Inga biegt in die Straße ein, in der ihre Bibliothek ist. Robert steht vor dem Schaukasten der Bibliothek. Inga bremst heftig. Er kommt freudig auf sie zu. INGA Sie haben gesagt: Es muss einen Grund geben, dass sie sich nicht gemeldet hat. Robert nickt vorsichtig.

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INGA Würden Sie mir helfen... wenn ich sie suche? Er lässt eine Pause entstehen. Lächelt verlegen. ROBERT Mir bleibt wohl gar nichts anderes übrig. Inga startet ihr Motorrad. Für sie ist alles klar. INGA Morgen früh um Sieben vor meinem Haus... ? Wir fahren nach Konstanz. Robert zeigt auf dem Schaukasten. ROBERT Und der Vorlesewettbewerb? Inga antwortet nicht darauf. Sie fährt los. INGA Ziehen Sie sich warm an. ROBERT Etwa auf Ihrer Shovelhead? INGA Was denn sonst? Robert sieht Inga hinterher. Er kann nicht anders. Er muss lächeln, als hätte er gerade eine Liebeserklärung bekommen. Er geht die Straße entlang. Er könnte springen, er könnte hüpfen, er könnte... Er läuft, läuft vorbei an Frau Bredow, die ihm kopfschüttelnd hinterher sieht. FRAU BREDOW Er mag den November.

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MONTAGESEQUENZ: 57. STRASSEN VON MALCHOW / A/T Der nächste Morgen. Inga und Robert verlassen Malchow auf Ingas Motorrad. Beide tragen einen Helm. Das Gepäck türmt sich hoch im Beiwagen. Robert hält sich an Inga fest.

58. AUTOBAHN / A/T Sie fahren durch Deutschland. Es schneit ungewöhnlich früh in diesem Jahr. Eine wahnwitzige Idee, mit dem Motorrad durch den November zu fahren. Inga bewegt sich sicher durch den Schnee.

59. RASTSTÄTTE / I/T Inga und Robert trinken Kaffee. Wenige Menschen in der Raststätte. Im Fenster spiegeln sich die vorbeirasenden Autos. Sie wärmen sich an ihrem Kaffee. Sie reden kaum. INGA Es ist so seltsam. ROBERT Was? INGA Alles. Inga schaut aus dem Fenster Richtung Autobahn. Roberts Handy klingelt. ROBERT von der Mühlen. Aha...? Ja. Ja gut. Dank Dir für die schnelle... Tschüss. Robert legt auf.

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ROBERT Die Detektei. Sie haben Juri gefunden. Wir müssen nach Stuttgart. Zum alten Güterbahnhof. INGA O Gott, das klingt nach Edgar Wallace.

60. STRASSEN VON DEUTSCHLAND / A/T Inga und Robert fahren über den ehemaligen Grenzübergang Eisenach, der Thüringen und Hessen verbindet.

61. KÜCHE DER GROSSELTERN / I/T Christa steht am Fenster hinter der geschlossenen Gardine. Heinrich sitzt auf seinem Platz am Küchentisch. Er hat ein Buch vor sich, aber er liest nicht. Er starrt vor sich hin. Die Uhr tickt. Die Uhr tickt laut in die Küchenstille hinein.

62. STRASSEN VON STUTTGART / A/N Am Abend erreichen Inga und Robert Stuttgart. Die Stadt liegt in einem Kessel. Von oben sieht sie aus wie ein glitzernder Moloch. Die Straße windet sich hinunter ins Tal. Inga fährt Richtung Innenstadt. ENDE DER MONTAGESEQUENZ

63. STUTTGART / HOTELZIMMER / I/N Sie kommen in ein Hotelzimmer. Stehen verlegen da. Das Zimmer wird durch ein großes Doppelbett bestimmt. Auf den Kopfkissen Tütchen mit Haribo-Bärchen. Sie vermeiden den Blickkontakt, sehen sich dann aber doch an. Kurze Verständigung. Sie schieben die Betten auseinander. Plötzlich lacht Inga. ROBERT Was ist? INGA Ich wusste gar nicht, dass Sie sich so aufregen können. Was konnte denn die arme Frau dafür.

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Robert hebt mit leiser Koketterie die Schultern. Er legt seinen Koffer auf das Bett, öffnet ihn. Obenauf liegt, ordentlich zusammengefaltet, ein Jackett. Darunter, ordentlich gefaltet, seine Kleidung. Ihm ist das plötzlich ungemein peinlich. Inga hat immer noch ihren Rucksack auf dem Rücken. Sie sieht zu Robert. Der holt von weiter unten die Waschtasche aus dem Koffer und klappt den Koffer wieder zu. Jetzt steht er mit der Waschtasche vor Inga und kommt sich total bescheuert vor. Komische Art von Intimität. ROBERT Mein Kulturbeutel. Sie lachen beide. Inga wirft endlich den Rucksack auf die Erde, holt von oben ein paar Bücher heraus, legt sie auf den Tisch, dann legt sie die Bücher wieder zurück in den Rucksack. Plötzlich sagt Robert. ROBERT Ich mache einen Vorschlag. Ich bin der Ältere. Wenn wir schon in einem Zimmer schlafen müssen, könnten wir uns wenigstens duzen. Inga möchte der Situation entkommen. INGA Ich heiße Inga. In ihren Augen hockt der Schalk. ROBERT Gestatten, Robert. INGA Ja, Robert, dann hol ich uns erst mal was zu essen. Robert nimmt seine Geldbörse aus der Jacke. Inga winkt ab. INGA Lass mal stecken. Sie schaut in ihre Umhängetasche und findet ihr Portemonnaie nicht: Sie sucht im großen Rucksack. Sie wirft ein paar Klamotten kreuz und quer auf die Erde. Auch die Bücher, die sie gerade wieder eingepackt hatte. Aus einem dicken Buch (Uwe Johnson: „Wohin ich in Wahrheit gehöre“) rutscht der Brief an Kerstin,

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Robert bemerkt das. Inga nimmt den Brief und legt ihn wieder in das Buch zurück. Dann hat sie endlich ihre Brieftasche gefunden. INGA Ich geh denn mal. Inga verlässt das Zimmer. Robert setzt sich auf das Bett. Blick auf Ingas Chaos am Boden. Blick auf das Buch, Blick auf den Brief. Plötzlich steht er auf, nimmt das Buch, nimmt zögerlich den Brief, holt ihn aus dem Kuvert, liest, von wem an wen er gerichtet ist, erschrickt über sich selbst, legt ihn wieder zurück. Er legt sich auf das Bett, verschränkt die Arme hinter den Kopf. Lächelt. Dann steht er wieder auf und sortiert seinen Koffer um. Das Jackett vergräbt er nach unten. Aber auch das findet er bescheuert. Er hängt das Jackett in den Schrank. Dann legt er sich wieder hin. Plötzlich springt er auf, als hätte er etwas vergessen. Aus einer kleinen Kulturtasche holt er seine Tabletten, geht ins Bad, lässt sich Wasser ein, schluckt zwei Tabletten. Er sieht sich kurz im Spiegel an. Selbstironischer Blick zu sich selbst.

64. ALTER GÜTERBAHNHOF / BRÜCKE / A/N Inga kommt auf eine Brücke gefahren. Sie stellt das Motorrad ab. Von oben sieht sie auf ein Bahnhofsgelände. Ein unendliches Geflecht von Schienen, abgestellter Güterzüge, stillgelegter Waggons. In einigen brennt Licht. Einzelne Güterwaggons fahren wie ferngesteuert, durch Lautsprecher ist eine diffuse Stimme im Hall zu hören. Ein merkwürdiger Ort. Inga lässt ihr Motorrad auf der Brücke stehen. Sie geht los.

65. ALTER GÜTERBAHNHOF / A/N In einem der Waggons brennt Licht. Inga nähert sich. Sie hört Stimmen von Männern: russische Laute, Musik. Inga schaut durch das Fenster. Drei Männer Mitte Vierzig spielen Karten. Irgendwo in der Nähe geht eine Tür auf: deutsche Stimmen. Inga zieht sich zurück in die Dunkelheit.

66. VOR JURIS WAGGON / A/N Inga ringt mit sich, dann klopft sie an die Tür. Sie wartet nicht auf Antwort, sie geht hinein. Die drei Männer sehen ihr erstaunt entgegen.

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INGA Ich suche eine Frau, die Anne heißt. Anne Kaden. Einer der drei Männer, Juri, Mitte Vierzig, steht auf und kommt ihr entgegen. Er sieht sie an: unendlich erstaunt, schweigend. Für Inga ist es schwer, diesen Blick auszuhalten. Sie sieht zu den anderen zwei Männern. INGA Ich bin sicher falsch hier. NIKOLAI Hier gibt es keine Anne, leider. Aber Du kannst mitspielen. Die zwei Männer lächeln ihr einladend zu. Juri hat es irgendwie die Sprache verschlagen. Erst, als sich Inga schon zum Gehen wendet, reagiert er. JURI Ich bin Juri. Juri dreht sich schnell zu den anderen zwei Männern, damit sein Name keinerlei Bedeutung bekommt. JURI Nikolai, Alexej. INGA Du bist Juri? JURI Möchtest Du Dich setzen? Inga hebt unschlüssig die Schultern. Alexej schiebt für Inga einladend eine Kiste zurecht. Inga zögert. Dann sieht sie Juri an. Er steht wie eingefroren da. NIKOLAI Woher kommst Du? Aus Russland? Juri antwortet für Inga.

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JURI (auf Russisch) Inga kommt aus Mecklenburg. Die anderen kapieren, dass sie keine weiteren Fragen stellen sollten. Sie unterlassen es. Inga setzt sich.

67. HOTELZIMMER / I/N Robert wacht vom Klingeln seines Mobiltelefons auf. Er braucht einen Moment, bis er weiß, wo er ist. Er nimmt ab. WILFRIED (im Off) Hast Du den Stoff schon jemand anders angeboten? Robert schaut sich im Zimmer um. Sieht, dass Inga nicht im Raum ist. ROBERT Ja, aber nicht so vielen. WILFRIED (im Off) Verarsch mich nicht. Bin ich der Einzige? ROBERT Vielleicht? WILFRIED (im Off) Wo steckst Du? ROBERT In Stuttgart. WILFRIED (im Off) Dann komm ich nach Stuttgart. Morgen früh. Ich ruf Dich an, wenn ich da bin. Ja, Adé. Robert legt das Handy beiseite. Er setzt sich auf: sein Gesicht, sein Körper drücken Jubel aus. Er steht auf.

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68. ALTER GÜTERBAHNHOF / IN JURIS WAGGON / I/N Juri hat die Karten aufgenommen. Die anderen zwei wissen nicht, was hier gespielt wird. Aber sie spüren die Spannung, die im Raum liegt. INGA Haben Sie mir nichts zu sagen? Juri sieht Inga an. Dann die anderen. JURI Spielen wir? Sie haben die Karten aufgenommen. Sie tauschen sie aus, sie legen Einsätze in die Mitte. Inga kramt in ihren Taschen nach Kleingeld. Nikolai schiebt ihr ein paar Euro hin. Inga schiebt sie zurück. Sie setzt aus. Sie sieht sich in Juris Waggon um. Ein großer, alter Koffer, der als Tisch dient, Holzkisten, die als Stühle dienen, Holzkisten, zu Regalen aufgebaut. Darin Bücher, etwas Geschirr, Gläser, persönlicher Kram. An den Wänden Zeichnungen: Bahnhofsmotive. Juri fixiert Inga. Inga fixiert Juri, der sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Das Spiel ist schnell zu Ende. Juri hat gewonnen. Nikolai wirft die Karten auf den Tisch. ALEXEJ (russisch) Das gibt‘s nicht!

69. IM HOTELZIMMER / I/N Robert verlässt das Hotelzimmer.

70. ALTER GÜTERBAHNHOF / JURIS WAGGON / I/N Vor Juri ist der Geldhaufen angewachsen. Nikolai und Alexej sind schon ausgestiegen. Inga legt eine Zwei-Euro-Münze auf den Tisch. Sie sieht Juri herausfordernd an. Juri erhöht den Einsatz. Nikolai und Alexej lächeln amüsiert, denn jetzt legt Inga weitere Münzen auf den Tisch. Auch Juri legt Geld auf den Tisch. Inga schaut den Geldhaufen an. Sie legt ihre Karten auf den Tisch und zückt ihre Geldbörse. JURI Hören wir auf.

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Inga denkt nicht daran, aufzuhören. Sie legt einen 50-Euro-Schein in die Mitte des Tisches. Juri legt nach und nach Münzen und kleinere Scheine in die Mitte, aber es reicht nicht. Er bittet Nikolai mit einem Blick, ihm auszuhelfen. Der legt einen Zehner auf den Tisch. Inga überlegt nicht lange. Sie holt einen weiteren Schein aus der Börse, all ihr Kleingeld und auch noch den Schlüssel für ihr Motorrad. Dann holt Inga ein Foto aus ihrem Rucksack, den sie als Einsatz in die Mitte legt. Juris Gesicht ist reglos. Das Foto zeigt Anne. Juri steht auf. JURI (auf Russisch) Lasst uns allein. Alexej und Nikolai stehen langsam auf. Sie nicken Inga freundlich zu und verlassen den Waggon. Juri nimmt Annes Foto, sieht es an. JURI Du siehst aus wie Anne. Juri lächelt verloren. INGA Wo ist sie? JURI Ich habe sie lange nicht gesehen. INGA Aber Sie wissen, wo sie ist. JURI Ich weiß nicht. Irgendwo... Juri legt das Foto auf den Koffer. Inga ist aufgeregt. INGA Diese Frau, diese Anne, man hat mir gesagt, sie soll meine Mutter sein, aber ich kenne sie nicht... Sie hat mich sitzengelassen... JURI Wer erzählt so was? INGA Sagen Sie mir, wo sie ist. Dann kann ich sie selbst fragen.

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JURI 24 Jahre hab ich sie nicht gesehen. INGA Sie wollen mir nichts erzählen... Inga nimmt das gewonnene Geld. Sie schiebt es auf den Platz, auf dem Juri gesessen hat. Schiebt es voller Verachtung hin. JURI Was soll das? Inga stapelt es ihm auf. Euro für Euro. INGA Vielleicht können Sie mir jetzt was sagen? Juri hat einen Anfall von Wut. Er fegt das Geld vom Koffer. Sie beginnt, es aufzuheben. JURI Beschissener Russe, alter Scheißkerl, verdammter Spieler. Den darf man treten, ja? Eine Weile sehen sich beide mit tiefer Verachtung an. Juri hält es nicht mehr aus. Er verschwindet aus dem Waggon, verschwindet im Dunkeln. Inga rennt ihm nach, schreit: INGA Hau bloß ab! Verpiss Dich! Sie rennt zurück in den Waggon. Inga nimmt den ganzen Wagen auseinander, sie treibt sich selbst in Rage. Keine einzige Spur von Anne. Inga nimmt ein Stück Kohle und schreibt fett an die Wand: Keiner lehrt mich / zu vergessen / Wär da ein Gruß / Und könnt suchen mich / Ich würd / Hoffen ein bisschen

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71. ALTER GÜTERBAHNHOF / ZWISCHEN DEN GLEISEN / A/N Inga knallt die Tür hinter sich zu. Sie beginnt zu rennen. Sie rennt über die Gleise, um sich zu betäuben. Sie schreit, brüllt... INGA Juri!!! Juri!!! Sie rennt, rennt...

72. ALTER GÜTERBAHNHOF / ZWISCHEN DEN GLEISEN / A/N Juri geht über die toten Gleise. Er hört Inga. Er beginnt zu rennen. Er hört Inga schreien, er hört Laute aus der Vergangenheit. SOLDAT (Off, russisch) Stehen bleiben! Juri rennt über die Gleise, rennt...

73. WALD IN MECKLENBURG / 1980 / A/N Juri rennt, rennt. Die Verfolger, Männer der sowjetischen Militärpolizei, sind wenige hundert Meter hinter ihm. Äste brechen, Handlampen leuchten auf, Hundegebell, Stimmen in der Ferne, Schüsse. Juri rennt, keucht, rennt um sein Leben. Vor ihm tauchen Häuser auf.

74. ALTER GÜTERBAHNHOF / JURIS WAGGON / HEUTE / I/N Juri kommt in seinen durchwühlten Waggon. Er starrt apathisch auf Annes Gedicht.

75. ANNES WOHNUNG / 1980 / I/N 1980. In Annes Wohnung. Juri legt seine Hand auf Annes Hand, ganz sanft, ganz zärtlich. Sie zieht ihre Hand unter seiner hervor, ganz leicht, ganz

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spielerisch. Daraus entwickelt sich „Fingerkloppe“. Juri ist immer schneller als Anne. Sie lachen, sie sind albern wie Kinder. Dann jagen sie sich, sie kloppen sich aus Spaß. Plötzlich klopft es an die Tür. NACHBAR (Off) Anne? Die beiden halten den Atem an. Der junge Mann kriecht unters Bett. NACHBAR (Off) Anne? ANNE Ja? NACHBAR (Off) Sach mal, bist Du mall geworden? Oder wat is los bei Dir? ANNE Hab mit Inga gespielt. NACHBAR (Off) Willst du die Dirn umbringen? Mach ma‘ Schluss jetzt Du, ich muss früh raus. ANNE Mach ich, Peter. Tschuldigung. Anne klettert zu Juri unters Bett. Sie kichern wie Kinder, die was Verbotenes tun und das Verbotene genießen. Sie berühren, sie küssen sich.

76. ALTER GÜTERBAHNHOF / JURIS WAGGON / HEUTE / I/N Juri streicht mit der Hand über Annes Zeilen. Er lehnt sich an die Zeilen. Er schlägt an die Zeilen. Er weint.

77. ANNES ZIMMER / 1980 / I/T Es ist früh am Morgen. Anne und Inga schlafen. Juri steht am Fenster.

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Er schaut sehnsüchtig bis über den See hinaus. Anne wacht auf, sie richtet sich auf. Als sie Juri am Fenster sieht, wird sie panisch. ANNE Juri, komm weg vom Fenster! Juri reagiert nicht. ANNE Wenn Dich einer sieht! Juri öffnet das Fenster und atmet die kalte Luft ein. Anne springt aus dem Bett, läuft zum Fenster, stößt Juri beiseite, will das Fenster schließen, aber Juri hält sie zurück. ANNE Dann spring doch gleich aus dem Fenster. Und nimm Inga gleich mit. Und mich auch. Jetzt dreht Juri sich um. JURI (russisch) Anne, ich muss weg. ANNE Was heißt, Du musst weg? Wo willst Du denn hin? JURI Westdeutschland. ANNE Westdeutschland... Und da? Was soll da sein? JURI (russisch) Soll ich mein ganzes Leben in diesem Versteck sein? Die Kaserne war ein Gefängnis, dieses Zimmer ist ein Gefängnis, das ganze Land ist ein Gefängnis. Verstehst Du? Anne nähert sich Juri und berührt kurz sein Gesicht. Juri streichelt jetzt auch Annes Gesicht. Er küsst ihren Hals.

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78. ALTER GÜTERBAHNHOF / ZWISCHEN DEN GLEISEN / A/N Inga geht über die Gleise. Ihre Füße bewegen sie kaum noch.

79. ALTER GÜTERBAHNHOF / ZWISCHEN DEN GLEISEN / A/N Robert sieht Inga von weitem. Sie wirkt verloren zwischen den Gleisen. Er sieht ein anderes Bild, das sich mit dem von Ingas vermischt.

80. KONSTANZ / AM UFER DES BODENSEES / A/T Die Silhouette einer Frau. Man sieht sie nur von hinten. Ihre blonden Haare fluten den Rücken hinunter. Himmel und Wasser haben sich zu einem aschgrauen Einerlei vermischt...

81. ALTER GÜTERBAHNHOF / ZWISCHEN DEN GLEISEN / A/N Robert holt sein Diktiergerät heraus. ROBERT Ein Uhr morgens, Freitag, November. Über den Gleisen leuchtet der Mond, gelb und böse. Nebel schiebt sich vor wie ein vergessener Vorgang. Sie hat sich verloren. Die Richtung? Da, dort, nirgends... Die Schienen bilden keine Spur. Robert sieht, dass Inga gefährlich nah an einem fahrenden Güterzug vorbeigeht. Er stopft das Diktiergerät in die Tasche und rennt los. ROBERT (schreit) Inga! Der Güterzug fährt dicht an ihr vorbei. Inga hört ihren Namen, sie dreht sich um. Robert bleibt dicht vor ihr stehen. Robert nimmt sie in den Arm. Er drückt sie fest an sich, damit sie sich spürt.

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82. HOTELZIMMER / I/N Inga sitzt, dick in die Bettdecke eingewickelt, auf dem Bett. Sie wirkt schutzlos. Robert dreht die Heizung auf. Dann nimmt er die zweite Bettdecke, deckt sie ihr auch noch über. Er setzt sich auf den Sessel ihr gegenüber. INGA Gibt es eigentlich jemanden, der auf Dich wartet? ROBERT Ja, nein, weiß nicht, vielleicht. INGA Warum fährst Du nicht nach Hause und guckst nach? ROBERT Ich weiß nicht, ob ich noch ein Zuhause hab. Inga sieht Robert fragend an. ROBERT Ich bin aus dem Krankenhaus gekommen, ich hatte ‘nen kleinen Herzinfarkt, hab meine Tasche gepackt und bin in den wilden Osten aufgebrochen. Inga legt sich hin. Sie schließt die Augen. Inga lächelt mit geschlossenen Augen. INGA Klingt wie im Roman: Du bist aufgebrochen, hast Deine Frau verlassen und beobachtest eine andere, die verzweifelt ihre Vergangenheit sucht. Und jetzt weißt Du endlich, was Du schon immer versäumt hast im Leben. Inga setzt sich wieder auf. Sie sieht ihn mit ihren unendlich großen Augen an. Sie wartet auf eine Antwort. ROBERT Frierst Du immer noch? Soll ich Dir ein heißes Bad einlassen? INGA Du weichst aus, Robert.

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ROBERT Du hast mich doch gefragt, ob ich mitkommen will. INGA Und warum bist Du mitgekommen? Robert holt weit aus. ROBERT Ich weiß nicht... Er zündet sich eine Zigarette an. Ingas Blick lässt nicht locker. ROBERT Ich hab Dir von meinem Vater erzählt... Er nimmt einen seiner langen Züge, dann geht er an das Fenster, macht es auf und schmeißt die Zigarette nach draußen... Er vertreibt den Rauch aus dem Zimmer. ROBERT Er war Pfarrer. Sehr beliebt in der Vorstadtgemeinde. Seine Dominanz hat den lieben Gott glatt in den Hintergrund treten lassen. Ich hab immer um seine Anerkennung gekämpft. Wir alle, vier Söhne, um die Wette... Er schließt das Fenster, lächelt bitter in die Erinnerung hinein. ROBERT Und dann haben wir erfahren, dass er ein hohes Tier bei der Wehrmacht war... Da war er leider schon tot. Mein ältester Bruder Marius, so ein richtig militanter 68er, der wollte es ganz genau wissen. Er ist in Archive gerannt, hat alle möglichen Leute gefragt... Er hat Beweise angeschleppt: Guckt Euch das an. Unser heiliger Vater hat die Waffen gesegnet für den Sieg. Er war ein widerliches Nazischwein. Ich hab meinen Bruder dafür gehasst. INGA Was hat Dein Nazivater mit meiner Geschichte zu tun? Robert hebt die Schultern. Eigentlich nichts, sagt sein Gesicht. Trotzdem redet er weiter.

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ROBERT Mein Bruder ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Und weißt Du, was ich bei seiner Beerdigung einen winzigen Moment gedacht habe? Jetzt ist endlich Ruhe. Robert weicht Ingas Blick aus. Sie schweigen. ROBERT Vielleicht wollte ich deshalb mit Dir mitkommen. Ich weiß es nicht. Inga legt sich wieder hin. INGA Kannst Du mir doch Badewasser anmachen?

83. HOTEL / BADEZIMMER / I/N Im Bad läuft das Wasser ein. Robert hat sich auf den geschlossenen Klodeckel gesetzt. Er schaut stoisch auf das Wasser. Ein lauter, gewaltiger Strahl kommt aus dem Hahn. Robert fasst mit den Händen ins Wasser, prüft, ob es die richtige Temperatur hat. Er streichelt das Wasser. Plötzlich hat Robert einen Anfall von Pulsrasen, als donnerten ihm Pferde durch den ganzen Körper. Robert zieht sich nackt aus und steigt in die Wanne. Er taucht ganz unter, taucht wieder auf, das Wasser tropft ihm über das ganze Gesicht: ROBERT Du Arschloch.

84. HOTELZIMMER / I/N Als er zurück ins Zimmer kommt, schläft Inga. Sie hat sich einen Teil ihrer Klamotten ausgezogen. Ihr Bein liegt frei neben der Bettdecke. Robert sieht Inga beim Schlafen zu. Dann steht er auf und deckt ihr vorsichtig das Bein zu. Robert bewacht Ingas Schlaf.

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85. HOTELZIMMER / EINE STUNDE SPÄTER / I/N Das Zimmer ist abgedunkelt. Robert hat sich aufs Fensterbrett gesetzt. Im Blick Ingas Rucksack. Er kämpft mit sich, ob er sich nähern soll. Plötzlich, langsam, steht er auf und geht auf den Rucksack zu. Er nimmt Annes Brief an Kerstin aus dem Rucksack.

86. HOTEL / BAD / I/N Robert sitzt auf dem Rand der Badewanne. Er faltet den Brief langsam auseinander. Dann schaltet er sein Diktiergerät ein.

87. HOTELZIMMER / I/T Morgens. Als Inga aufwacht, sitzt Robert halbwach in einer unbequemen Haltung im Sessel. Man sieht ihm an, dass er die Nacht kaum geschlafen hat. Er sieht sie an. INGA Du hättest Dich ruhig daneben legen können. Robert lächelt dankbar müde zurück. INGA Ich muss noch mal hin. Robert nickt.

88. ALTER GÜTERBAHNHOF / A/T Juris Waggon ist verschlossen. Inga sieht weit hinten einen alten Mann das Gelände fegen. INGA (ruft) Ich suche Juri! MANN Der wird arbeiten. Er zeigt auf einen anderen Waggon. Inga läuft über das Gelände.

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89. WAGGON / WERKSTATT / I/T Inga betritt den Waggon über eine Leiter. Hier drinnen ist eine Werkstatt eingerichtet. Juri arbeitet an einer Werkbank. Als er Inga sieht, reagiert er nicht. Inga stellt sich neben Juri. Sie guckt ihm zu. Sie fragt ihn nichts. JURI Willst Du Tee? Inga nickt zustimmend. Juri holt eine Thermoskanne und gibt sie Inga. JURI Heute Nacht ist das Wasser gefroren. INGA Das war Scheiße gestern mit dem Geld. JURI Da sind Tassen. Juri beginnt, einen rostigen, eisernen Ofen anzuheizen. Inga gießt sich Tee ein. Sie wärmt sich ihre Hände an der Tasse. Es ist kalt in der Werkstatt. Juri zieht seine Wattejacke aus und hängt sie Inga über. JURI Wird gleich warm.

90. PARK / A/T Robert und Wilfried, ein Mann in Roberts Alter, spazieren durch einen Park. WILFRIED Du siehst einen glücklichen Verleger. Er zelebriert die Pause und grinst. WILFRIED Da kriegst Du einmal ‘nen Herzkasper, verlässt Claire, flüchtest mal eben schnell nach Mecklenburg und schaffst in einer Woche, was Du in Jahren nicht zustande gebracht hast. Ich muss wirklich sagen...

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ROBERT Sie weiß von nichts. WILFRIED Was? ROBERT Sie weiß nicht, dass ich über sie schreibe. WILFRIED Wie jetzt? ROBERT Ich kann ja nicht mit der Tür ins Haus fallen und sagen: Ich will einen Roman über Dich schreiben. Darf ich mal ein bisschen Voyeur spielen? WILFRIED Bist Du irre? ROBERT Mir ist so was noch nie passiert. Eigentlich möchte ich sie beschützen, gleichzeitig hab ich das kranke Bedürfnis zu schreiben, es ist wie... Ich kann nicht anders... Jeden Moment sage ich mir: Du musst ihr jetzt die Wahrheit sagen, und dann bring ich‘s nicht. Ich könnte mir dafür ins Gesicht spucken...Ich werd noch wahnsinnig.Ich muss ihr die Wahrheit sagen, oder? WILFRIED Ja klar. Und gleich mit einbauen. ROBERT Du hast... Robert nimmt nun doch eine Zigarette. ROBERT Du begreifst gar nichts. Doch, Wilfried begreift. Sein Adrenalin steigt. WILFRIED Ne Liebesgeschichte... Wird ja immer besser.

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Er lächelt anerkennend. ROBERT Sie ist Mitte Zwanzig. Jetzt lacht Wilfried. WILFRIED Das is ja noch besser. Das macht den Konflikt größer. ROBERT Ich müsste Dir jetzt eigentlich ‘n paar in die Fresse hau‘n. Vergiss den Roman.

91. ALTER GÜTERBAHNHOF / WAGGON / WERKSTATT / I/T In Juris kleinem Ofen lodert Feuer. Inga hat sich auf eine der Kisten gesetzt. Sie trinkt Tee. Sie sieht ihn abwartend an. Juri ist fertig mit dem Ofen, aber er mag sich nicht setzen. Er holt aus seiner Brieftasche ein Foto, sieht es lächelnd an, zeigt es Inga. Auf dem Foto sieht man Anne mit Inga an ihrer Brust. Sie hält abwehrend die Hand in Richtung Kamera, als wolle sie nicht fotografiert werden. Aber sie lacht. JURI Die ganze Zeit in Deutschland, ich hab mich nur drei Monate gefühlt wie zuhause. Bei Anne. Wir drei. Anne, Du und ich, eine Familie. Inga nimmt das Foto nicht. Sie sieht ihn verstört und verletzt an. INGA Willst Du mir vielleicht auch noch sagen, dass sie eine gute Mutter war? JURI Ja. Du hättest sie sehen sollen... INGA Ich hätte sie sehen sollen? Wo war sie denn, wenn ich krank war? Wer hat mich getröstet, wenn es mir dreckig ging? Wer hat mir Geschichten erzählt? Wer hat mir den Arsch abgewischt? Ich hab sie nicht gesehen, weil sie nicht da war.

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Inga wird leiser. INGA Und warum war sie nicht da? Weil sie sich für Dich entschieden hat. Schöne Familie. JURI Sie wollte Dich holen. Sie haben es nicht zugelassen. Sie hat einen Deserteur versteckt, der letzte Dreck. Sie ist in Westen abgehauen mit letzten Dreck von Deserteur. Sie war ein Feind. Feinde muss man fertig machen. Wie schön für die Stasi, der Feind hat ihr Kind verlassen. Jetzt nehmen sie Rache. Sie hatte keine Chance. Keine. INGA Weißt Du, wie lange die Mauer schon auf ist? Sie hat sich nie bei mir gemeldet. Kannst Du mir das erklären? Juri schüttelt den Kopf. Inga fleht. INGA Dann sag mir doch endlich, was mit ihr ist. JURI Sie lebt mit Alexander. INGA Wer ist Alexander? JURI Der ist mit seinen Eltern in den Westen. Mit Ausreiseantrag. Alexander hat Fluchthelfer gefunden für uns. Das war der ganze Anfang vom Unglück. Juri wendet sich ab. Er stochert im Ofen, damit sie ihn nicht weinen sieht.

92. KONSTANZ / UNTERFÜHRUNG AM BODENSEE / 1981 / A/T Früh am Morgen. Anne und Juri stehen sich gegenüber.

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ANNE Ich werde sie nie wieder sehen. Juri nickt. JURI Ja, ich hab gesagt, wir holen sie nach. JURI Ich bin Schuld. Das denkst Du? Anne reagiert nicht. JURI Sie wollen inga behalten. Deine Eltern, dein Vater. Was kann ich dafür? Juri streichelt Anne. Er ist unbeholfen, werbend. Sie krallt sich plötzlich an ihm fest, sie küsst ihn leidenschaftlich. Plötzlich beginnt sie ihn heftig zu schlagen. Juri weicht zurück. Anne sieht Juri an. Ist das Hass? JURI Soll ich gehen? ANNE Ich werd sie nie wiedersehen. Juri weiß nicht mehr, was er machen soll. Er hält Annes trostlosen Blick nicht aus. JURI Dann geh doch zu Alexander. Er wird sie Dir holen. Anne zeigt keine Reaktion. JURI Willst Du zu Alexander? Anne reagiert immer noch nicht. Aber was hat das schon zu bedeuten in diesem besonderen Moment? Nichts.

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JURI Ja? ANNE Du hast gesagt, wir holen sie nach. Juri hält das nicht aus. Er geht nicht, er rennt. Anne bleibt allein am See zurück. In ihren Augen spiegelt sich das Unfassbare: Juri ist wirklich gegangen.

93. ALTER GÜTERBAHNHOF / WAGGON / WERKSTATT / HEUTE / I/T Juri hockt am Boden. Er hat die Hände in den Kopf gestützt. Sie schweigen beide. JURI Ich sehe heute noch Alpträume. Ein KGB-Mann knallt mich ab wie so‘n Hund. Und im Westen? Vier Geheimdienste, sie alle wollten wissen von mir: Was kann ich erzählen über die Armee. Er macht eine Pause. Sieht Inga an. JURI Ich war ein Deserteur. Kann so einer Anne glücklich machen? Alexander war besser für sie. Inga nimmt das Foto. Sieht es sich an. JURI Anne wollte Dich holen. Mit mir, sie hätte das nicht geschafft. Inga legt das Foto weg. Sie nimmt ein paar Späne vom Boden, lässt sie sich durch die Finger rieseln, sie gießt Tee ein, gibt Juri eine Tasse, nimmt noch einmal das Foto auf, sie macht etwas, um irgendetwas zu machen, damit es nicht so still ist im Waggon, damit sie nicht reden muss... Und dann fragt sie doch. INGA Und dieser Alexander? Er wollte mich nicht, stimmt‘s?

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Juri steht auf, geht zu Inga, kniet sich so, dass ihre Augen auf gleicher Höhe sind. Er lässt eine Pause entstehen: JURI Doch. Er ist Dein Vater. Inga sieht Juri fassungslos an.

94. ALTER GÜTERBAHNHOF / A/T Juri steigt aus dem Waggon. Inga kommt hinterher. Inga und Juri stehen sich sehr nah gegenüber. Inga hält einen Zettel in der Hand: Alexander Panknin. Juri sieht Inga mit großer Wärme an. JURI Er hat Medizin studiert. Er ist bestimmt großer Chefarzt. Jetzt streicht Juri Inga ganz vorsichtig eine Haarsträne aus ihrem Gesicht. Ein seltsam vertrauter Abschied. JURI Kommst Du wieder? INGA Vielleicht. JURI Ich weiß nicht, ist sie glücklich? INGA Ich sag Dir Bescheid. Inga geht. Juri schaut ihr nach. Sie dreht sich um, da steht er immer noch. Inga fühlt sich seltsam berührt. Sie dreht sich um, bis sie wieder vor ihm steht. Sie berührt ihn am Arm. INGA Dieser Alexander, hast Du ihn gehasst? Juri antwortet nicht.

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INGA Würde ich ihn mögen? Juri sagt nichts. Dann geht sie endgültig. JURI (leise) Auf Wiedersehen! Inga dreht sich nicht um. Sie läuft zur Brücke hoch.

95. BRÜCKE / A/T Robert steht auf der Brücke und wartet auf Inga. Als sie endlich kommt, geht er schnell ein paar Schritte auf sie zu. Inga sieht noch einmal auf die Schienen herunter. Juri steht immer noch da. Dann geht sie auf Robert zu, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, dass er da ist. Robert ist im Begriff, etwas zu sagen, aber sie kommt ihm zuvor. INGA Ich kann verstehen, dass sie sich in ihn verliebt hat. Robert reagiert irgendwie komisch. ROBERT Scheint Dich ja sehr beeindruckt zu haben. INGA Wie der lebt, so am Rand von allem, ist mir ganz warm und vertraut. ROBERT Aha. Verstehe. INGA Gar nichts verstehst Du. ROBERT Könnten wir uns irgendwo ins Warme setzen? Ich finde es hier so... ungemütlich. Und ehrlich gesagt, ich würd gern... reden. Inga versteht Robert falsch.

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INGA Ich weiß, Deine krankhafte... Neugier. Ich habe einen Vater. Er lebt in Konstanz. Sie lächelt sehr erwachsen. INGA Es gab Momente, da hab ich gedacht: Du bist mein Vater. Weiß auch nicht, warum. Dabei bist Du gar nicht wie ein Vater... Sie nimmt ihren Schal ab und gibt ihn ihm, wie eine Mutter, die ihr Kind behüten will. ROBERT Wollen wir nicht doch einen Kaffee trinken gehen? Inga hört nicht zu. Inga startet den Motor. INGA Später. Wir müssen nach Konstanz. Sie lässt den Motor aufheulen. Robert setzt sich hinter Inga. Er hält sich nicht an ihr fest. Er greift hinten an den Griff. Inga gibt Gas.

96. LANDSTRASSE / A/T Sie rasen wie der Teufel über die Landstraße.

97. KONSTANZ / STRASSE / A/T Früher Abend. Am Rand von Konstanz. Inga parkt ihr Motorrad an einem Straßenrand. Sie setzt ihren Helm ab und gibt ihn Robert. Dann rennt sie auf die andere Straßenseite zu einer Telefonzelle.

98. TELEFONZELLE / I/T Inga blättert das Telefonbuch durch. Sie findet, was sie sucht: „Alexander Panknin. Orthopäde. Praxis und Privat.“ Ohne lange zu überlegen, reißt sie die Seite heraus. Alles, was sie macht, ist schnell, mechanisch. Sie holt ihr Handy heraus, bleibt aber in der Zelle, wie zum Schutz. Robert beobachtet sie.

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Sie wählt eine Nummer. Es klingelt. Am anderen Ende eine Frauenstimme. STIMME EINER FRAU Hallo? Hallo? Wer ist denn da? Es ist eine sinnliche, warme Stimme. Inga legt erschrocken auf. Robert hält es nicht mehr aus. Er öffnet die Tür. ROBERT Ist was passiert? INGA Ich hab ihre Stimme gehört.

99. STRASSE IN KONSTANZ / A/N Inga eilt zurück zu ihrem Motorrad. Sie rennt fast in ein fahrendes Auto. ROBERT (schreit) INGA! Inga denkt gar nicht daran, zu stoppen. Sie will über die Straße, obwohl viel Verkehr ist. Robert muss sie anpacken, damit sie inne hält. INGA Das tut weh. Robert lässt sie erschrocken los. INGA Ich bin ganz nah dran. Sie rennt über die Straße; ein Auto hupt. ROBERT (schreit ihr hinterher) Hey! Aber Inga lässt sich nicht aufhalten. Sie startet das Motorrad. Robert muss aufsteigen, sonst bliebe er zurück.

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100. KONSTANZ / STRASSEN / A/T Sie fahren durch Konstanz.

101. KONSTANZ / STRASSE / VOR ALEXANDERS HAUS / A/T Inga und Robert halten vor einem Einfamilienhaus in einer kleinen, beschaulichen Straße. Inga wirft einen Blick auf das Haus. Robert verfolgt ihren Blick. Er sieht das Haus mit Ingas Augen. Das Haus ist nicht protzig, aber es zeigt gediegenen Wohlstand. Inga geht los, sie geht entschlossen auf das Haus zu. Sie öffnet die Tür zum Garten, sie geht in Richtung Haustür. Sie dreht sich noch einmal zu Robert um. Er nickt ihr aufmunternd zu. Robert sieht, wie Inga klingelt. Niemand öffnet. Inga bewegt sich um das Haus, sie geht durch den Garten. Robert geht hinter ihr her. Er sieht Inga an einem Sandkasten stehen, der sich mitten im Garten befindet. Sie hält eine Plastikschaufel in der Hand. Fassungslos sieht sie Robert entgegen. INGA Sie haben Kinder. Inga schmeißt die Plastikschaufel in hohem Bogen Richtung Fenster. INGA Bloß weg hier, mir wird schlecht.

102. KONSTANZ / ALEXANDERS PRAXIS / I/T Inga kommt ohne Zögern in die Arztpraxis des Orthopäden Alexander Panknin. Sie geht sofort an den Tresen. Die Praxis ist voll. INGA Ich möchte mich anmelden. Arzthelferin Heute? – Das kann dauern. INGA Macht nichts. Inga sieht wirklich kränklich aus.

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ARZTHELFERIN Da müssen Sie sich aber auf langes Warten einstellen. INGA Ich warte.

103. IM TREPPENHAUS DER PRAXIS / I/T Robert sitzt mit dem ganzen Gepäck auf der Treppe. Er wirkt wie ein Mensch ohne Obdach. Leute gehen an ihm vorbei, das stört ihn nicht. Er raucht, schmeißt die Kippe achtlos auf die saubere Treppe, holt sein Diktiergerät aus der Tasche. ROBERT Sie kommt in die Stadt, aber sie nimmt sie nicht wahr. Es könnte irgendein Ort sein, irgendwo... Er interessiert sie nicht. Sie sucht keinen Ort, sie sucht Anne. In Anne sucht sie sich selbst. Aber Anne ging damals weg und kam nie wieder irgendwo an. Sie wird Anne nicht finden. Er macht das Diktiergerät aus. Er zündet sich eine neue Zigarette an. Er macht das Diktiergerät wieder an. ROBERT Sie hätte glücklich hundert werden können. Dafür ist es zu spät. Er macht das Diktiergerät wieder aus. Er macht das Diktiergerät wieder an. ROBERT Ich nehme ihr die Biographie, ich nehme ihr die Identität, und was biete ich ihr an? Ein Mann kommt die Treppe herunter. Angewidert sieht er auf Robert, ange-widert auf die Kippe, die auf der blitzsauberen Treppe liegt. ROBERT Lügen. EIN MANN Muss das hier sein?

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Robert sieht den Mann nicht an. ROBERT Ja, das muss jetzt hier sein. MANN Penner. Robert sieht den Mann lachend an, als hätte der ihm ein Kompliment gemacht. Er macht das Diktiergerät wieder an. Robert will sprechen, ihm versagt die Stimme. ROBERT Ich habe mich verrannt...

104. WARTEZIMMER / I/T Inga sitzt im Wartezimmer. Ihr Körper ist aufrecht, als könnte sie jeder Zeit aufgerufen werden, als müsse sie bereit sein. Immer wieder kommen neue Patienten, die alle vor ihr an die Reihe kommen. Dann – endlich – wird sie aufgerufen. ARZTHELFERIN Frau Kaden, bitte, Zimmer 3. Inga steht langsam auf. Sie geht langsam in das Sprechzimmer.

105. PRAXIS / SPRECHZIMMER / I/T Es ist leer. Sie sieht sich um, mustert den Raum, bleibt stehen. Die Tür fliegt auf, Alexander, ein Mann Mitte Vierzig, kommt in das Zimmer: jungenhafter Typ, Frisur, wie mit der Küchenschere geschnitten, etwas verhuscht. Er telefoniert. ALEXANDER Du, darüber müssen wir dann noch mal reden. Ich hab der Frau gesagt, dass keine Kur genehmigt werden kann. Ja, aber ich meine, das ist doch absurd, sie erpresst sich das auf so‘nem Weg... Nee, das seh ich anders... Er schaut Inga ganz kurz an, sieht wieder weg.

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ALEXANDER Du, ich muss Schluss machen, ich hab hier eine Patientin. Ich ruf Dich später noch mal an, ja? Okay... Merci! ... Jetzt sieht Alexander Inga genauer an. Er ist irritiert. Erkennt er sie? ALEXANDER Setzen Sie sich doch. Inga bleibt stehen. Sie sieht ihm groß in die Augen. Alexander flüchtet zum Schreibtisch. Er schaut auf die Patientendatei. Er will sich vergewissern. ALEXANDER Einen Moment. Er nimmt den Telefonhörer. ALEXANDER Sie wollten bei den Untersuchungen dabei sein? Dann kommen Sie. – Mein Praktikantin, ich hoffe, es stört Sie nicht. Die Tür geht auf: Eine junge Frau im Kittel kommt vorsichtig in den Raum, setzt sich unauffällig auf einen Stuhl. Es liegt Spannung im Raum. ALEXANDER Bitte setzen Sie sich doch. Inga setzt sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Alexander ist unruhig, er kann seine Hände nicht still halten. Was er sagt, klingt in diesem Moment einfach nur absurd. ALEXANDER Wo drückt der Schuh? Inga sieht kurz zur Praktikantin. INGA Ich habe Rückenschmerzen. Alexander rettet sich in Arztfragen.

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ALEXANDER Wo sind Sie bisher in Behandlung gewesen? INGA In Malchow. Wissen Sie, wo das ist? Jetzt zwingt er sich zur Ruhe. ALEXANDER Und wie sind Sie auf mich gekommen? INGA Ich bin zu Besuch hier, und da habe ich plötzlich Schmerzen bekommen. Alexander schreibt irgendetwas in den Computer. ALEXANDER Wo sind die Schmerzen genau lokalisiert? INGA Ich weiß nicht, der Rücken tut weh. Alexander steht auf. ALEXANDER Machen Sie den Rücken bitte frei. Inga steht langsam auf, dreht sich mit dem Rücken zu Alexander, zieht sich den Pulli aus und hebt das Hemd hoch. PRAKTIKANTIN Sie müssen alles ausziehen, damit der Doktor abtasten kann. ALEXANDER Ist schon gut. Alexander berührt Ingas Rücken. Er ist unglaublich vorsichtig. Er greift kaum zu. ALEXANDER Hier? Spüren Sie was? Inga zieht zusammen.

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INGA Nein. ALEXANDER Da? Inga muss die Tränen zurück halten. ALEXANDER Sie können sich wieder anziehen. Ich kann nichts feststellen. Wenn es Ihnen in zwei Tagen nicht besser geht, dann kommen Sie wieder. Ich schreib Ihnen ein Pflanzenpräparat auf. Das lindert ein bisschen. Inga zieht sich an, setzt sich noch einmal auf den Stuhl. Er schreibt immer noch in den Computer. Dann muss er sie doch noch einmal ansehen. ALEXANDER Mehr kann ich nicht für Sie tun. INGA Danke für Ihre Hilfe. Inga steht auf, sie sieht ihn mit Verachtung an. Sie geht wie benebelt aus der Praxis.

106. TREPPENHAUS VOR ALEXANDERS PRAXIS / I/T Inga bleibt vor der Praxistür erst einmal stehen. Dann geht sie langsam die Treppe herunter. Sie sieht Robert auf der Treppe sitzen. Sie setzt sich zu ihm und lehnt sich an seine Schulter. Er legt den Arm um sie. So sitzen sie.

107. ALEXANDERS PRAXIS / SPRECHZIMMER / I/T Alexander steht im Raum. PRAKTIKANTIN Wat war denn dit jetzt? ALEXANDER Sie können jetzt Feierabend machen. Julia? Ich möchte nicht, dass Sie den Patienten Anweisungen geben.

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Julia verlässt den Raum. Alexander muss sich erst mal setzen. Er setzt sich auf den Patientenstuhl.

MONTAGESEQUENZ: 108. STRASSE IN MALCHOW / 1978 / A/T Anne läuft vor Alexander her. Dreht sich um, lacht ihn an.

109. PRAG / HOTELZIMMER / 1980 / I/T Anne sitzt Alexander gegenüber. Sie wirkt still, erwachsen. ALEXANDER Bist Du total bescheuert? Warum hast Du mir das nie gesagt? Anne hebt die Schultern. ANNE Du wolltest doch ausreisen.

110. PRAG / HOTELZIMMER / 1980 / SPÄTER / I/T Anne zeigt Alexander ein Foto. Es zeigt Inga als Baby. ALEXANDER Deine Augen. Er lacht. ALEXANDER Und meine fette Nase. Anne bleibt ernst.

111. PRAG HOTELZIMMER / 1980 / SPÄTER / I/T Alexander läuft durch das Zimmer. Er wurstelt sich durch das Haar. Er kann sich gar nicht mehr beruhigen. Anne sitzt.

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ALEXANDER Das ist ja Wahnsinn, ich kann das gar nicht glauben. Meine kleine Anne foppt die Staatsmacht! Versteckt einen Deserteur. Ich fass es nicht. Kann ich wirklich nicht fassen. Meine kleine Anne, die immer so zart und so schwach wirkt... ANNE Und jetzt? ALEXANDER Wenn ich das meinem Alten erzähl. Der hasst dieses Scheiß-Land wie die Pest. Den haben se so was von kaputt gespielt. Alexander ist ganz euphorisch. ALEXANDER Hej, Kopf hoch. Dem fällt bestimmt was ein. Er will Anne hochheben. Anne lässt sich anstecken von seiner Stimmung. Er wirbelt sie durch das Zimmer. ALEXANDER Du kommst nach Konstanz! Ich hol Dich da raus!

112. PRAG / HOTELZIMMER / 1980 / SPÄTER / I/T Alexander und Anne liegen nackt im Bett. Er streichelt ihren Rücken. ALEXANDER Ich denk ganz oft an zuhause. In Konstanz hab ich noch nie im Winter gebadet. Anne ist irgendwo anders, aber Alexander merkt es nicht. ALEXANDER Wir kriegen das schon hin. Musst Dir keine Sorgen machen wegen dem Geld. Ende der MONTAGESEQUENZ

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113. ALEXANDERS PRAXIS / HEUTE / I/T Alexander kommt eilig aus seinem Sprechzimmer, geht an den Empfang. ALEXANDER Die junge Dame da eben. Hat sie noch irgendwas gesagt? Oder irgendwas hinterlassen? Die Sprechstundenhilfe schüttelt den Kopf. Alexander wurstelt sich enttäuscht durchs Haar.

114. KONSTANZ / ITALIENISCHES RESTAURANT / I/N Robert und Inga sitzen in einem italienischen Restaurant. Kein Nobelitaliener. Schwarzweißfotos an den Wänden mit Familienbildern aus alten Zeiten, Regale mit Flaschen, auf den Tischen rotweiß karierte Tischdecken. Es sieht aus wie in einer Osteria in einem italienischen Dorf. Neben ihrem Tisch das Gepäck von Robert und Inga. Der Kellner gießt ihnen schwungvoll Wein ein. KELLNER Prego. Antipasti sind sofort fertig... Inga trinkt hastig. Es ist still zwischen den beiden. INGA Ich weiß, warum sie sich nicht gemeldet hat. Robert zerpflückt einen Bierdeckel. Inga redet, sie redet mehr zu sich selbst als zu Robert. Dabei trinkt sie immer wieder hastig. INGA Sie hat sich eingerichtet im schönen Westen. Herr Doktor schafft das Geld ran, Frau Doktor kümmert sich um die Kinder, macht ihm das Essen, stellt ihm die Puschen hin, am Abend geht Frau Doktor in einen Töpferkurs, oder sie malt Aquarelle... alles bestens. Klar, das hätte Juri ihr nicht bieten können. Is ja bloß ‘n Russe. ROBERT Du hast Yoga vergessen. Sie macht natürlich einen Yogakurs, bei einem Guru, das ist so üblich bei uns im Westen. Ist doch ‘n toller Aufstieg für ‘ne

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Frau, die aus so einem dunklen Land mit tiefgrauen Häusern und todtraurigen Menschen kommt... Hier ist nämlich alles hell und freundlich, weißt Du? Und das ganze Jahr Apfelsinen. INGA Du fühlst Dich angegriffen. ROBERT Ich kann solche Klischees nicht ausstehen. INGA Weißt Du, wie mein Leben ausgesehen hätte, wenn sie mich geholt hätte? Reitstunden, Ballett natürlich, Klavier, mit 16 von zuhause abgehauen, mit 17 magersüchtig, mit 18 in Therapie, mit 20 auf allen Schauspielschulen abgelehnt, mit 21 Praktikum bei Papa in der Praxis, mit 22 Medizinstudium – schade eigentlich, dass ich das alles nicht erleben durfte... Prost! Auch Robert trinkt hastig. Der Kellner stellt endlich einen Teller mit Antipasti hin. KELLNER Buon Appetito! Robert nimmt ein großes Stück Wurst und schneidet es in Scheiben. Er legt sie Inga auf den Teller. INGA Hab ich echt was versäumt. Inga schenkt sich Wein nach. Robert sieht Inga still an. ROBERT Vielleicht ist ja alles ganz anders? Inga sieht Robert widerwillig an. ROBERT Vielleicht ist sie ja,... was weiß ich...? Inga lässt ihm keine Zeit zum Weiterreden. Ihre Frage fordert eine unverzügliche Antwort.

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INGA Was weißt Du? ROBERT Sie... war, sie ist... Robert berührt über den Tisch Ingas Fingerspitzen. Aber er zieht sie gleich wieder zurück. Sie sehen sich einen Moment zu lange an.

115. KONSTANZ / RHEINBRÜCKE / A/N Robert und Inga gehen über eine menschenleere Brücke. Inga hat ihren Rucksack auf dem Rücken, Robert zieht seinen Koffer hinter sich her. Sie sehen aus wie zwei, die fremd in der Stadt sind und nicht wissen, wo sie unterkommen sollen. Inga hat einen lustigen, weinbeseelten Ausdruck, Robert wirkt auf eine sonderbare Art ruhig und schwerelos. INGA Konstanz ist schön. ROBERT Ich hab das Gefühl, ich bin das erste Mal hier. So gehen sie: leicht, schwerelos. Plötzlich nimmt Inga Roberts Hand. Sie schubst ihn ein bisschen. Sie gehen, dann bleiben sie beide stehen. ROBERT Ich möchte Dich gern küssen, aber ich trau mich nicht. INGA Schade.

116. PENSION / FLUR / ZIMMER / I/N Inga und Robert kommen einen engen Flur entlang. Inga versucht, spielerisch auf einer Linie zu balancieren, als ginge sie auf einem Seil. Robert schließt eine Zimmertür auf. Inga geht ins Zimmer. Robert bleibt draußen stehen. Inga dreht sich um. Inga sieht Robert fragend an.

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ROBERT Gute Nacht. Schlaf gut. Robert geht. Den Koffer lässt er stehen. Er nimmt nur seine Umhängetasche mit. Inga bleibt im Zimmer stehen.

117. KONSTANZ / RHEINBRÜCKE / A/N Robert steht am Wasser. Er sieht Bilder.

118. HAFEN AN DER WESTDEUTSCHEN OSTSEE / 1980 / A/T Im Hintergrund laute Geräusche: Ein großes Schiff läuft in den Hafen ein. Man sieht Annes Gesicht. Sie hat keine Tränen. Sie hat keine Stimme. Sie scheint gar nicht vorhanden zu sein. ALEXANDER Wir holen sie nach, Anne. Bestimmt. Alexander streichelt Anne, nimmt sie in den Arm, drückt sie. ALEXANDER Komm, wir gehen. Er nimmt sanft ihre Hand. Will mit ihr losgehen. ANNE Wir müssen auf Juri warten. Er ist doch noch im Kofferraum. ALEXANDER Wieso denn das? ANNE Sie haben gesagt, er muss auf dem Autodeck bleiben. Sonst hätten sie ihn auf dem Schiff gleich verhaftet. Er ist doch kein Deutscher. ALEXANDER Na los, dann verabschiede Dich. In Alexanders Stimme klingt Verständnis mit.

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ANNE Wir nehmen ihn mit. Alexander stutzt. ALEXANDER Wieso denn das? ANNE Ich kann ihn doch jetzt nicht allein lassen. ALEXANDER Ach, Inga konntest Du,... ? In Annes Gesicht spiegelt sich Entsetzen. ALEXANDER Entschuldige, Anne. Er will zärtlich sein, aber er greift sie etwas zu hart an in seiner Hilflosigkeit. Anne will schreien, aber sie kann nicht. Kein Wort kommt aus ihrem Mund.

119. PENSION / HEUTE / I/N Inga sitzt im Bett und schaut in den Raum. Sie ist seit Tagen zum ersten Mal allein. Im Off hört man die Nachrichten ihrer Mailbox. CHRISTA (Off) Inga bist Du dran? Bist Du‘s? Hier ist Oma. HEINRICH (von hinten, Off) Das ist doch die Maschine... CHRISTA (Off) Inga, wann kommst Du? Ich hab Quittenbrot gemacht. Ich geb Dir mal Opa. HEINRICH (Off) Hallo, Inga, hier ist Opa. Oma würde sich freuen, wenn Du bald kommst. Sie hat schon Quittenbrot gemacht... Na, bis denn. Wiederhören.

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STEFFI (Off) Hey Inga. Hier ist Steffi. Mensch, wo bist Du? Ich muss mit Dir reden. Bitte ruf zurück. Bitte. STEFFI (Off) Hast Du meine Nachricht abgehört? Dann meld Dich, Inga. CHRISTA (Off) Ist doch bald Weihnachten, mein Mädchen.

120. ROBERTS WOHNUNG / EINGANG / WOHNZIMMER / I/N Robert schließt die Tür seiner Wohnung auf. Er zieht den Mantel nicht aus. Er steht auf dem Flur, als wäre er fremd an diesem Ort. Einen Moment überlegt er, ob er umkehren soll. Dann bewegt er sich doch in Richtung Zimmer. Die Genesungskarten stehen noch auf dem Tisch, nur die Blumen sind verwelkt. Von Claire ist in der ganzen Wohnung keine Spur. Sie ist weg... Robert geht in sein Arbeitszimmer. Da liegt ein Zettel auf der Erde. CLAIRE (Off) Bin in den Osten gefahren. Ahrenshoop, Villa Seeblick. Wenn Du kommen magst, komm. Wenn nicht, nehme ich die Reise als Aufbruch. Für mich! Ganz allein für mich! Claire

121. ROBERTS WOHNUNG / ARBEITSZIMMER / I/N Robert sitzt am Schreibtisch. Vor sich die alte Mappe mit seinen Aufzeichnungen, aufgeschlagen. Er raucht. Er zieht den bitteren Rauch ein, hektisch, ohne jeden Genuss. Fieberhafte Anspannung in seinem Gesicht. Er blättert, er liest:

122. HAFEN AN DER WESTDEUTSCHEN OSTSEE / 1980 / A/T Ein Auto hält. Der Fahrer steigt aus, nickt Anne zu, öffnet den Kofferraum. Juri steigt aus einem präparierten Koffer. Anne und Juri wissen nicht, wie sie sich vor Alexander verhalten sollen. Sie fallen sich aber doch in die Arme, heulen, lachen, alles entlädt sich. Anne kann ihren Emotionen freien Lauf lassen. Alexander hat die Hände in den Taschen vergraben. Er sieht ihnen zu. Sein Ge-

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sicht ist abweisend. Endlich löst sich Anne aus Juris Umarmung. Sie sieht Alexander entschuldigend und um Verständnis bittend an. Alexander steht weit von Anne entfernt. Juri steht dicht neben Anne. Ungleiche Abstände.

123. ALEXANDERS AUTO / 1980 / I/T Anne sitzt neben Alexander im Auto. Alexander streichelt etwas linkisch Annes Hand. Es ist wie eine Entschuldigung. Anne lässt es geschehen. Alexander beobachtet Juri dabei im Rückspiegel. Juri hält seinem Blick stand. Sie belauern sich. ALEXANDER Ich setz ihn am Bahnhof ab. ANNE Wir müssen ihn mitnehmen, bis er was findet. Alexander stoppt den Wagen. Er dreht sich zu Anne hin. ALEXANDER Was läuft hier eigentlich? JURI (auf Russisch) Sag ihm die Wahrheit. Anne sieht Juri beschwörend an. ANNE (auf Russisch) Er versteht Dich. Alexander sieht von Anne zu Juri, von Juri zu Anne. ALEXANDER Verstehe.

124. ROBERTS WOHNUNG / ARBEITSZIMMER / HEUTE / I/N Robert steht in seinem Arbeitszimmer. Er heftet leere Blätter Papier an seine Bücherregale. Er schreibt Schlagworte auf die Zettel: „Lüge“, „Schuld“, Verdrängung“, „Heimat“, „Identität“. Robert malt Pfeile, Striche, er kreist Worte ein.

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125. ROBERTS ARBEITSZIMMER / I/N Robert hämmert in seinen Computer. Er ist in dichten, stinkenden Qualm gehüllt. Seine Gedanken, seine Worte fließen...

126. ROBERTS ARBEITSZIMMER / I/T Der Tag bricht an. Robert steht am Fenster. Er hört sein Diktiergerät ab. ROBERT (Off) Ich nehme ihr die Biographie, ich nehme ihr die Identität, und was biete ich ihr an? Knacken vom Ein- und ausschalten. Er geht zum Regal, sieht noch einmal auf die Zettel. Plötzlich reißt er den Zettel mit dem Begriff „Lüge“ ab und zerknüllt ihn. Entschlossen geht er aus dem Zimmer, er greift seinen Mantel, er verlässt die Wohnung.

127. KONSTANZ / DER BODENSEE / A/T Es ist früh am Morgen. Wieder hat sich Nebel über den Bodensee gelegt und ist bis in die Straßen gezogen.

128. VOR ALEXANDERS HAUS / STRASSE / A/T Inga hat sich im Beiwagen ihres Motorrades verkrochen. Sie schläft. Sie wacht auf, als Alexanders Auto die Garageneinfahrt verlässt. Kurz darauf öffnet sich die Haustür. Eine Frau mit einem kleinen Jungen kommt aus der Tür. Der Junge trägt einen kleinen Rucksack. Inga läuft den beiden hinterher, in sicherem Abstand. Die zwei albern miteinander. Der Junge hält die Hände vors Gesicht. JUNGE Wo bin ich? Die Frau tut so, als suche sie ihn. Dann spielt sie, dass sie ihn plötzlich entdeckt. Sie hebt ihn hoch und schleudert ihn durch die Luft. Inga ruft: INGA Anne?

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Die Frau reagiert nicht. Sie schleudert ihr Kind durch die Luft. Das Kind kreischt vor Wonne. Inga geht näher an die beiden heran. Sie ruft noch einmal. INGA Annelise Kaden? Die Frau dreht sich um, guckt Inga an, dreht sich um, guckt, wen Inga wohl meinen könnte. INGA Entschuldigung, ich hab Sie verwechselt. Die Frau lacht ihr freundlich zu. Inga entfernt sich schnell. In diesem Moment begreift die Frau, wer die andere junge Frau sein könnte. FRAU Inga? Aber Inga ist längst verschwunden.

129. PENSION / VOR DEM ZIMMER / I/T Robert kommt auf dem Flur des Hotels an. Er klopft an die Tür. ROBERT Inga? Keine Reaktion. Robert klopft stärker.

130. ALEXANDERS PRAXIS / I/T Inga betritt die Praxis von Alexander. Sie geht zum Tresen. INGA Ich muss dringend den Arzt sprechen. Die Arzthelferin nickt, als sei sie informiert. Sie greift zum Hörer.

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ARZTHELFERIN Frau Kaden ist hier. Ja. Der Doktor erwartet Sie. Sie legt auf. ARZTHELFERIN Gehen Sie doch bitte ins Sprechzimmer 2. Inga geht forsch in das Zimmer.

131. ALEXANDERS PRAXIS / SPRECHZIMMER / I/T Alexander kommt ihr ein Stück entgegen. Er sieht unausgeschlafen aus. INGA Keine Angst. Ich bin gleich wieder verschwunden. ALEXANDER Du hast keine Telefonnummer hinterlassen. Ich wusste nicht, wo ich Dich finden kann. INGA Ich wohne in Mecklenburg, seit 25 Jahren. Alexander weiß nicht, wohin mit seinen Händen. ALEXANDER Ich hab die ganze Nacht überlegt, was ich sagen soll. Ganze Reden hab ich vorbereitet, ich hab mit Dir diskutiert, ich hab mir überlegt, wie ich mich am besten verteidigen kann. INGA Also bitte. Verteidigen Sie sich. Alexander wurstelt sich durchs Haar. Eine Geste, die er sich nie abgewöhnt hat. Er schaut auf den Boden und zur Wand, er schaut Inga achselzuckend an. ALEXANDER Mir ist nichts eingefallen.

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Inga nickt ironisch. INGA Sagen Sie mir, wo meine Mutter ist. Mehr will ich gar nicht von Ihnen. ALEXANDER Ich hab Deinen Großeltern einen Brief geschrieben. Der ist ungeöffnet zurückgekommen. Alexander macht eine Pause. Seine Stimme wird weich. ALEXANDER Möchtest Du Dich nicht setzen? Inga reagiert nicht darauf. Sie sieht ihn unerbittlich an. ALEXANDER Anne ist... am 4. März 1992 gestorben. Sie hat sich selbst... Jetzt muss Inga sich doch setzen. INGA Warum?

132. TREPPENHAUS / VOR ALEXANDERS PRAXIS / I/T Robert sucht Inga in der Praxis. Er kommt zu spät. Die Praxis ist geschlossen.

133. BODENSEEFÄHRE / A/T Inga und Alexander stehen an derselben Stelle der Fähre, an der auch Robert und Claire standen, als er aus der Klinik kam. Die Fähre fährt jetzt in die Gegenrichtung. Inga sieht Alexander provozierend an. INGA Du hast sie Dir gekauft. Alexander wird von einer heftigen Gemütsbewegung befallen. Er presst die Hän-

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de auf die Reling und stützt sich ab. Er wird lauter, als es ihm lieb ist. ALEXANDER Ich hatte die ganze Flucht organisiert. Mein Vater hat einen Wahnsinnspreis vorgeschossen. Und die benutzen mich, alle beide. Sie hat in Prag mit mir geschlafen. Sie hat so getan... INGA Dann verstehe ich das Ganze noch weniger. Alexander wird ruhiger. Er sieht auf das Wasser hinaus. ALEXANDER Ich mach Dir ein Angebot, hab ich zu ihm gesagt. Wenn Du Dich von Anne trennst, dann erlasse ich Dir die Hälfte Deiner Schulden. Ich war so was von wütend auf diesen „Deserteur“. Meinst Du, er hätte einmal ein Danke über die Lippen gebracht? Ich hab ihm das Leben gerettet, aber er? Dieser Stolz, diese Arroganz! Er hätte die Schulden nie abbezahlen können. 50.000 Mark. Ich wollte ihn testen... Und dann war er weg, der Idiot, er ist wirklich darauf eingegangen. Und Anne ist zu mir gekommen. INGA Kuhhandel. Alexander sieht Inga an. ALEXANDER Sie wusste nichts davon. INGA Trotzdem. Sie hat ihn doch geliebt. In Alexander kommt wieder die alte Verletzung hoch. ALEXANDER Und mich hat sie gebraucht. Alexander sieht auf das Wasser hinaus.

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134. KONSTANZ / BODENSEE / 1984 / A/T Der Bodensee im späten Herbst. Anne läuft ins kalte Wasser. Alexander will sie zurückhalten, aber Anne stößt ihn weg. Er muss Gewalt anwenden.

135. BODENSEEFÄHRE / HEUTE / A/T INGA Hast Du sie geliebt? Alexander kann nicht gleich antworten. ALEXANDER Ich weiß nicht. Und, als müsse er das erklären, schiebt er noch einmal nach: ALEXANDER Komm mal von Malchow und lande in Konstanz. Er lacht bitter.

136. KONSTANZ / BODENSEE / 1984 / A/T Alexander steht hinter Anne. ALEXANDER Wir fechten das an. Anne schweigt. ALEXANDER Anne! Sag doch was. Anne schweigt. ALEXANDER Anne, warum redest Du nicht mit mir? Anne dreht sich zu Alexander um. Sie wirkt verwirrt.

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ALEXANDER Sie dürfen sie gar nicht da behalten. ANNE Wen? Alexander sieht Anne erschrocken an.

137. KONSTANZ / IN ALEXANDERS AUTO / 1984 / I/T Anne sitzt wortlos im Auto. Sie wirkt wie eine, die von ihrem Körper nicht mehr bewegt wird. Alexander verstaut ihr Gepäck im Kofferraum. Dann setzt er sich und fährt los.

138. BODENSEEFÄHRE / HEUTE / A/T INGA Warum hast Du Dich nie bei mir gemeldet? ALEXANDER Vielleicht wollte ich einfach nichts mehr damit zu tun haben. Ich war total überfordert mit Annes Krankheit. Ich war so froh, als sie in der Klinik war. Manchmal hab ich im Auto gesessen und hab geheult. Hab gesagt, ich geh da nicht rein. Ich hab sie irgendwann nicht mal mehr besucht. Inga löst ihre Hände von der Reling. Sie sieht den Mann, der ihr Vater ist, mit großer Ernsthaftigkeit an. In ihrem Ton ist kein Vorwurf, nur Vernunft, klare, unmissverständliche Vernunft. Inga wirkt in diesem Moment unglaublich erwachsen. INGA Die Mauer ist aufgegangen, da war ich neun. Ich hätte sie besucht. Vielleicht würde sie heute noch leben. Auch Alexander löst sich von der Reling. Die Fähre gleitet dem Ufer zu. Die Leute bewegen sich zu ihren Autos. Auch Inga bewegt sich von der Reling weg, sie geht auf Alexanders Auto zu. Sie will ihm jetzt nicht in die Augen sehen. Aber Alexander geht ihr hinterher, überholt sie, stellt sich ihr in den Weg. Sein Blick bittet um Verzeihung:

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ALEXANDER Ich kann‘s nicht mehr rückgängig machen. Inga sagt nichts. Was soll sie dazu auch sagen?

139. PARK VOR DEM PSYCHIATRISCHEN KRANKHAUS / 1984 / A/T Alexander und Anne gehen auf ein weißes Gebäude zu. Er trägt ihren Koffer. Sie nimmt ihm den Koffer ab, er bleibt stehen. Sie geht alleine zum Gebäude. Sie dreht sich nicht um.

140. PSYCHIATRISCHES KRANKENHAUS / HEUTE / I/T Ein verlassenes Gebäude der Psychiatrie. Die Wände sind weiß. Inga und Alexander laufen einen unendlich langen Gang entlang, vor ihnen Dr. Hochholdinger, Ende Fünfzig. Der Arzt führt sie in ein Zimmer, das bis auf ein altes Bettgestell und ein Waschbecken an der Wand leer ist. HOCHHOLDINGER Hier hat Ihre Mutter zehn Jahre gelebt. Das Zimmer sah natürlich freundlicher aus. Das Haus ist vor fünf Jahren stillgelegt worden. Inga geht durch den Raum. Sie berührt das Bett, sie bewegt sich im Zimmer. Alexander fühlt sich unwohl in diesem Raum. Während Inga diesen Ort für sich entdeckt, geht er zum Fenster und sieht in den Park hinaus. Auf dem Glas sind Fingerabdrücke. Inga stellt sich neben ihn. INGA Wie war sie,... meine Mutter? Hochholdinger sieht auf seine Hände. Er antwortet nicht gleich. Inga dreht sich zu ihm um. HOCHHOLDINGER Ja, wie war sie? Hochholdinger sieht Inga an, dann wandert sein Blick zu Alexander.

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HOCHHOLDINGER Ihr Vater wird Ihnen ja erzählt haben. Alexander dreht sich nicht um. HOCHHOLDINGER Sie litt unter den Folgen dieser Flucht. Inga dreht sich an. Auch Alexander dreht sich um. HOCHHOLDINGER Sie hat diesen Moment immer wieder durchlebt... jeder noch so kleine Anlass und sie war wieder mittendrin... in dieser Situation, als sie ohne ihr Kind gegangen ist... Hochholdinger bemerkt sofort, dass er über Inga spricht, er zeigt entschuldigend auf Inga. HOCHHOLDINGER Sie hatte Angstzustände, Panikattacken. Es war so qualvoll für sie, sie wollte dieses traumatische Erlebnis von sich abtrennen, sie wollte sich nicht mehr erinnern... müssen. INGA Sie wollte sich nicht mehr erinnern? HOCHHOLDINGER Wir haben alles versucht. Am Anfang gab es noch Gespräche, aber sie wollte nicht... Irgendwann war es nicht mehr möglich, noch irgendwie an sie heranzukommen. Die letzten Jahre hat sie noch geschrieben, zusammenhanglose Dinge... Hochholdinger kommt an das Fenster und stellt sich neben Inga und Alexander. HOCHHOLDINGER Ich hatte nicht mehr mit Suizid gerechnet, weil sie... kaum noch Gefühle zeigte. Diese Kraft habe ich ihr einfach nicht zugetraut. Inga sieht Hochholdinger vorwurfsvoll an. INGA Sie haben sie aufgegeben.

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Dann sieht sie Alexander an. Der erwidert den Blick kurz, dann weicht er ihr wieder aus. Schweigen. HOCHHOLDINGER Für Ihre Mutter ist die Mauer zu spät gefallen. INGA Meinen Sie.

141. EIN FRIEDHOF / A/T Robert steht im Schutz eines Baumes. Von weitem beobachtet er Alexander und Inga. Sie stehen vor einem Grab. Ein Bild der Ruhe. Robert ist unrasiert, sein ganzes Äußeres hat etwas von Verwahrlosung. Seine Augen wirken fiebrig. Inga und Alexander stehen schweigend vor Annes Grab. Es ist schmucklos, mit einem einfachen Stein. Die Inschrift? Wär da ein Gruß Von daheim Und könnt suchen mich Ich würd Hoffen ein bisschen. Inga sagt etwas ganz Merkwürdiges. INGA Es ist eigentlich so, wie es immer war. Meine Mutter ist gestorben. Nur, dass das Grab in Konstanz ist... Sie gehen Richtung Ausgang. INGA Das Gedicht. Hast du es ausgesucht? ALEXANDER Nein, das war Annes Literaturprofessor. Inga bleibt erschrocken stehen. INGA Wer?

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ALEXANDER Er hat sich sehr um sie gekümmert. Dem haben sie damals alle ihre Aufzeichnungen gegeben, auch die alten Tagebücher. Er wollte Annes Geschichte irgendwann mal aufschreiben. Inga sieht Alexander fragend an. Robert folgt ihnen von weitem. Er sieht, wie Inga und Robert in Alexanders Auto steigen.

142. AM FÄHRHAFEN / A/T Sie stehen am Ufer, hinter ihnen die Fähren. INGA Ich möchte mich hier verabschieden. Ich lauf noch ein paar Schritte. ALEXANDER Kommst Du uns besuchen? INGA Ich weiß nicht. Sie geben sich die Hand, Alexander behält ihre Hand in seiner, sie zieht sie zurück, zögert, umarmt ihn dann kurz und geht, ohne sich umzusehen. Er wartet, bis er sie aus den Augen verloren hat.

143. ROBERTS WOHNUNG / I/T Inga klingelt an Roberts Haustür. Robert öffnet, die offene Tür zum Arbeitszimmer im Rücken. Inga geht wortlos an ihm vorbei, Robert folgt ihr in das Arbeitszimmer.

144. ROBERTS ARBEITSZIMMER / I/T Das erste, was Inga sieht, sind die großen Papiere, die Robert an die Wände geklebt hat. INGA „Verdrängung“, Schuld“, „Identität“, „Heimat“.

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Sie sieht Robert voller Verachtung an. Sie sieht den geöffneten Laptop, liest ein paar Zeilen, nimmt das Diktiergerät, macht es an: Roberts Worte dringen erbarmungslos in den Raum. Robert schweigt. ROBERT (Off) Ein Uhr morgens, Mittwoch, November. Über den Gleisen leuchtet der Mond, gelb und böse. Nebel schiebt sich vor wie ein vergessener Vorgang. Sie hat sich verloren. Die Richtung? Da, dort, nirgends. Die Schienen bilden keine Spur. Robert sagt nichts. Hier wäre sowieso jedes Wort ohne Halt. INGA (leise) Gib mir ihre Tagebücher. Robert geht zu einem Schrank, holt einen Karton, gibt sie Inga. Er sagt immer noch keinen Ton. Inga schaut ihm fest ins Gesicht. Noch einmal schaltet sie das Diktiergerät an. Für Robert eine psychische Qual: ROBERT (Off) Sie kommt in die Stadt, aber sie nimmt sie nicht wahr. Es könnte irgendein Ort sein, irgendwo... Er interessiert sie nicht. Sie sucht keinen Ort, sie sucht Anne. In Anne sucht sie sich selbst. Aber Anne ging damals weg und kam nie wieder irgendwo an. Sie wird Anne nicht finden. Robert schweigt immer noch hartnäckig. Er nimmt den Hefter mit seinen eigenen Aufzeichnungen und gibt ihn Inga. Sie nimmt ihn, geht dicht an ihm vorbei. INGA Armer, alter Mann. Sie geht ohne ein weiteres Wort. Robert steht da wie eingemauert.

145. IM HOTELZIMMER / VOR DEM HOTELZIMMER / I/T Inga hat ihren Rucksack auf dem Rücken und will das Hotelzimmer verlassen. Roberts Koffer steht mitten im Raum. Als sie die Tür öffnet, kommt er ihr entge-

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gen. Er will sie aufhalten. ROBERT Inga, ich weiß, ich hab Scheiße gebaut. Aber so kannst Du nicht gehen. Doch Inga geht. ROBERT Wir haben was zusammen erlebt..., das werden wir beide nie vergessen. Du nicht, ich nicht. Ich muss es Dir doch wenigstens erklären. Inga bleibt stehen. INGA Warum geilst Du Dich eigentlich an fremden Geschichten auf? Hast Du nicht mit Deiner eigenen genug zu tun?! Oder war das mit Deinem Bruder auch gelogen? Robert macht eine Geste, die Nein sagt. INGA Hast Du überhaupt irgendwann mal die Wahrheit gesagt? ROBERT Als ich Dir die Wahrheit sagen wollte, da war es zu spät. Ich hatte mich längst... Inga bleibt vor Robert stehen. INGA Ich hab mir Liebe immer anders vorgestellt. Schade, Robert. Inga will weitergehen. Robert versperrt ihr den Weg. ROBERT Wenn ich meine Geschichte aufschreibe, wirst Du sie lesen? INGA

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Schreib sie doch erst mal auf! Robert lässt nicht locker. ROBERT Wirst Du sie lesen, Inga? Inga zuckt mit den Schultern. Das könnte heißen: Vielleicht ja. Vielleicht auch nein. ROBERT Auf Wiedersehen, Inga. Robert sieht Inga nach. Dann geht er langsam ins Hotelzimmer und setzt sich auf seinen Koffer. Dort bleibt er sitzen.

146. AUTOBAHN / A/T Inga fährt über die Autobahn.

147. RASTSTÄTTE / A/T Auf einer Raststätte trinkt sie einen Kaffee. Sie macht ihr Telefon an. Sie hört Steffis Stimme. STEFFI (Off) Inga, hallo. Hab schon aufgegeben. Bin zurück in Zislow. Nürnberg ist nichts für mich. Ich suche mir was anderes. Würd mich so freuen, ein Zeichen von Dir zu hören. Inga lächelt.

148. STRASSEN VON MECKLENBURG / A/N Der nächste Tag. Es ist früher Abend. Inga fährt durch Mecklenburg.

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149. DORFSTRASSE / VOR DEM HAUS DER GROSSELTERN / A/N Inga geht zu Fuß zum Haus der Großeltern. Sie schaut durchs Fenster. Da sitzen sie in der Küche, Oma kocht Suppe. Inga lächelt ihnen durch die Scheibe zu. Sie können sie nicht sehen. Sie wirft ihnen einen Brief in den Kasten.

150. AM SEE / A/N Inga kommt zur Chorprobe. Als Steffi sie sieht, kommt sie schnell zu ihr. STEFFI Mensch, Inga! INGA Ich will nur Tschüss sagen. Morgen früh fahre ich weg, gleich mit dem ersten Zug. Inga gibt Steffi den Schlüssel für ihre Bibliothek. INGA Vielleicht kannst Du auf die Bücher aufpassen? STEFFI Wo willst Du denn hin? INGA Weiß noch nicht, irgendwohin. STEFFI Und was soll ich machen? Inga lächelt. INGA Stellung halten und nicht aussterben.

151. VOR INGAS HAUS / STRASSE / A/T Am nächsten Morgen. Inga steht mit Rucksack und Reisetasche vor ihrem Motorrad.

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INGA Mach‘s gut. Dann geht sie durch das schlafende Malchow.

152. BAHNSTEIG / A/T Inga ist fast die Einzige, die in den frühen Zug steigt.

153. ZUGABTEIL / I/T Inga schaut aus dem Fenster auf das vorbeirauschende Land. Dörfer, Hunde, Menschen, die vor Schranken warten. Sie lächelt. Inga nimmt einige der Tagebücher von Anne aus ihrem Rucksack. Sie sucht. Findet das Buch, das Anne zuletzt beschrieben hat. Nach einem Viertel der Seiten enden die Aufzeichnungen. Inga nimmt einen Kugelschreiber aus der Tasche, streicht frisches, weißes Papier glatt. Sie schaut aus dem Zugfenster. Sie beginnt zu schreiben.

ENDE

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Bisher sind folgende Drehbücher in der Reihe

DEUTSCHE DREHBÜCHER erschienen:

2008 AUF DER ANDEREN SEITE Von Fatih Akin KIRCHBLÜTEN – HANAMI Von Doris Dörrie

2009 CHIKO Von Özgür Yildirim NACHT VOR AUGEN Von Johanna Stuttmann NOVEMBERKIND Von Heide und Christian Schwochow

Profile for Deutsche Filmakademie e.V.

Novemberkind  

Novemberkind  

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