Nacht vor Augen

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NACHT VOR AUGEN Johanna Stuttmann

DEUTSCHE DREHBÜCHER

Herausgegeben von Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön für die Deutsche Filmakademie




Über Johanna Stuttmann Johanna Stuttmann wurde 1979 in Braunschweig geboren und wuchs in Freiburg auf. Sie studierte an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg Drehbuch, an der sie 2007 mit NACHT VOR AUGEN ihr Diplom absolvierte. Das Buch wurde mit dem Baden-Württembergischen Drehbuchpreis (heute Thomas-Strittmatter-Preis) und dem First Steps Award ausgezeichnet. 2007 wurde der Film NACHT VOR AUGEN vom SWR im Rahmen des „Debüts im Dritten“ unter der Regie von Brigitte Bertele und in Zusammenarbeit mit Noirfilm produziert. Daraufhin folgten die 2008 verfilmten Drehbücher DER TAG, AN DEM ICH MEINEN TOTEN MANN TRAF eine Literaturadaption des gleichnamigen Romans von Andrea Paluch und Robert Habeck, und TOTENTANZ in Zusammenarbeit mit Co-Autor und Regisseur Corbinian Lippl. Johanna Stuttmann arbeitet als freie Autorin in München und unterrichtet als Gastdozentin an der Filmakademie Baden-Württemberg. Über die Deutsche Filmakademie Die Deutsche Filmakademie e.V. wurde am 8. September 2003 in Berlin gegründet und hat inzwischen über 1000 Mitglieder aus allen künstlerischen Sparten des deutschen Films. Ziel der Filmakademie ist es, für die deutsche Kinolandschaft ein Forum zu schaffen, auf dem relevante Fragen diskutiert werden können und die Aufmerksamkeit für den deutschen Film und seine Macher zu steigern. Mit Projekten wie „24 – Das Wissensportal der Deutschen Filmakademie“ fördert sie die filmspezifische Bildung im schulischen und außerschulischen Bereich. Eine wichtige, wenn auch keineswegs primäre Aufgabe der Akademie ist seit 2005 die Wahl der Preisträger für den DEUTSCHEN FILMPREIS in dreizehn Kategorien und die LOLA Galaverleihung selbst, auf der diese Preise verliehen werden. Gestützt auf das Votum der besten Fachleute hat der Deutsche Filmpreis die Bedeutung erhalten, die einer nationalen Auszeichnung zukommen sollte. 2009 waren außer NACHT VOR AUGEN noch CHIKO von Özgür Yildirim und NOVEMBERKIND von Heide und Christian Schwochow für das „Beste Drehbuch“ nominiert.

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NACHT VOR AUGEN

Ein Drehbuch von

JOHANNA STUTTMANN Nominiert für den Deutschen Filmpreis

DEUTSCHE DREHBÜCHER Jahrgang 2009

Herausgegeben von Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön für die Deutsche Filmakademie

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Deutsche Filmakademie e.V. (Hrsg.) Nacht vor Augen Ein Drehbuch von Johanna Stuttmann Berlin: Pro BUSINESS 2009 ISBN 978-3-86805-363-0 1. Auflage 2009 © Johanna Stuttmann Produktion und Herstellung: Pro BUSINESS GmbH Schwedenstraße 14, 13357 Berlin Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier Printed in Germany www.book-on-demand.de Gestaltung/Satz: e27 Brauns, Gackstatter, Quintus GbR Herstellungsleitung: Deutsche Filmakademie

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Vorwort

Am Anfang ist bekanntlich das Wort. So auch im Kino. Bevor sich eine Armada von Spezialisten anschickt, einen Film zu realisieren, muss sich ein Autor diesen Film erst einmal ausdenken, Satz für Satz, Szene für Szene. Das ist ein einsamer, aber hoch spannender Prozess. In einem „Making of“ allenfalls eine Einstellung von vier Sekunden, von außen gesehen im buchstäblichen Sinne unscheinbar. Dabei ist diese Arbeit elementar. Ohne sie könnten alle anderen gar nicht erst auspacken. Das Drehbuch ist jenes Medium, womit Regisseure begeistert, Produzenten überzeugt, Schauspieler gewonnen, Finanziers belagert, Kameraleute inspiriert und Teammitglieder geworben werden. Im Grunde besteht jeder Text in unserer Sprache aus unzähligen Kombinationen von knapp mehr als dreißig schwarzen Zeichen auf weißem Papier. Abstrakt gesehen ist es die Imagination und Kunst des Drehbuchautors, sie in einem Text so zu arrangieren, dass so etwas Komplexes wie ein vollständiger Film im Kopf der Leser entsteht. Und selbst wenn Autor und Regisseur ein und dieselbe Person sind, so entspricht die Vorstellung des Films, die er sich aufgrund seines eigenen Drehbuchs macht, niemals dem fertigen Film. Schon gar nicht eins zu eins. Jede Inszenierung entwickelt ihre eigene Dynamik. Und die Improvisation von Schauspielern, der Input eines Teams, die musikalische Interpretation des Komponisten und das Rhythmusgefühl des Cutters verfeinern den Film auf dem Weg seiner Herstellung. Drehbücher zu schreiben, ist eine eigene Kunst. Das Skript ist eine Herausforderung an die Fantasie der Leser. Wie beim Theaterstück. Wer erinnert sich nicht an die Schullektüre der Bühnenklassiker, die einem manchmal recht mühsam erschien? Diese vielen Dialoge mit ein paar kargen Regieanweisungen („tritt auf… tritt ab…“). Aber erst diese Lektüre ermöglicht, zwischen dem Text und seiner Inszenierung zu unterscheiden. Und man versteht, dass ein und dasselbe Stück auf unzählige Weisen realisiert werden kann. Das gilt für das Drehbuch nicht. Abgesehen von wenigen Remakes, erblickt der aus dem Drehbuch entstandene Film nur einmal und endgültig das Licht der Leinwand. Der Regisseur und sein Team hauchen den schwarzen Zeichen auf dem Papier Leben ein. Das Drehbuch ist nichts ohne den Regisseur und sein Team. Doch ohne ein gutes Drehbuch ist auch die ganze Kunst von Regie und allen Gewerken vergebens. Unsere Reihe „Deutsche Drehbücher“ soll die Arbeit herausragender Dreh-

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buchautoren, deren Bücher für den DEUTSCHEN FILMPREIS nominiert wurden, dem Publikum vorstellen. Nun kann sich jeder Filmfreund davon überzeugen, dass ein Drehbuch kein abgeschriebener Film ist. Denn von welchem Film hätte der Autor denn abschreiben sollen? Vielleicht kennen Sie den fertigen Film bereits und lassen sich jetzt überraschen, wie anders doch das zugrunde liegende Drehbuch war. Oder Sie kennen den Film noch nicht und wollen erst einmal das Drehbuch lesen, um zu erfahren, wie der Film im Kopf seines Autors aussah. Oder Sie lesen nur dieses Drehbuch und inszenieren in Ihrem Kopf Ihr ganz persönliches Meisterwerk… Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön

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1. STRASSENPISTE IN AFGHANISTAN, AUTO AUSSEN, INNEN – NACHT In einer kargen, staubigen Landschaft, die im Hintergrund von einem schroffen Bergmassiv begrenzt wird, läuft wenige Meter parallel zu einer steinigen Straßenpiste ein Mann mit einem Jungen von ungefähr neun Jahren an der Hand. Im Mondschein sind ihre Gesichter nicht zu erkennen, nur ihre Silhouetten. Das Bild bewegt sich kontinuierlich und wird mit einem Mal heftig erschüttert, denn es ist aus einem fahrenden gepanzerten Wagen der ISAF zu sehen. Auf der Rückbank sitzt David, ein fünfundzwanzigjähriger Soldat der Bundeswehr in Uniform. Er hat kurz geschorene Haare und einen durchtrainierten Körper, der im Moment vor Müdigkeit schlaff im Sitz hängt. David starrt erschöpft aus dem Fenster, den beiden Nachtgestalten hinterher. Neben ihm sitzt aufrecht Feldwebel Kleiber, ein kleiner, kompakter Mann Ende Vierzig, der die grau melierten Haare im Bürstenschnitt trägt und aufmerksam zwischen dem Fahrer und seinem wachsamen Begleiter durch die Windschutzscheibe blickt. Alle außer David haben ein Gewehr in greifbarer Nähe. Der Wagen fährt ohne Licht langsam auf eine Straßensperre der ISAF zu. Patrouillierende Soldaten der ISAF richten aufgeregt ihre Gewehre auf das Fahrzeug. SOLDAT DER ISAF (mit französischem Akzent) United Nations - Stop, or I fire! Der Wagen hält. Darum positionieren sich geschwind die Soldaten der ISAF, richten die Mündungen ihrer Gewehre auf die Insassen und leuchten mit Taschenlampen hinein. Kleiber beobachtet das Geschehen mit Unruhe. Ein Unteroffizier wendet sich an den Fahrer, der die Scheibe runterkurbelt. Er hat einen französischen Akzent. UNTEROFFIZIER Where do you come from? Where you wanna go? Kleiber lässt den FAHRER nicht aus den Augen. FAHRER (mit französischem Akzent) We come from Camp Warehouse and go to Kabul International Airport. UNTEROFFIZIER Why do you go in camouflage? FAHRER For safety under the command of first lieutenant Seiffer we bring private Da-

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vid Kleinschmidt to the airport separately from his platoon. We have to take in consideration attempts on his live. Der Unteroffizier richtet den Lichtkegel seiner Taschenlampe auf David und sieht ihn unverfroren lange an. David hält dessen Blick kleinmütig stand, bis Kleiber dem Unteroffizier mit einer abweisenden Handbewegung zu verstehen gibt, dass er es sein lassen soll. Der Unteroffizier wendet sich an ein paar Soldaten der ISAF, die vor der Barrikade aus Stacheldrahtzaun stehen. UNTEROFFIZIER Pas de problème. Ouvrez! (Alles in Ordnung. Macht auf!) Die Stacheldrahtsperre wird beiseite geräumt. Der Wagen passiert im Schritttempo. David sieht aus dem Seitenfenster, wie einer der Soldaten der ISAF immer noch sein Gewehr auf ihn gerichtet hat. Die anderen glotzen ihn an. David blickt nach vorne und erkennt durch die Windschutzscheibe in der Ferne die Lichter des internationalen Flughafens Kabul.

2. BUNDESWEHRKASERNE, DTLD. / FLUR, BÜRO INNEN – TAG In einem kahlen Flur einer Bundeswehrkaserne, einem unrenovierten Bau aus den siebziger Jahren, stehen in einer Warteschlange vor einem Büro ungefähr zwanzig Bundeswehrsoldaten. Sie sind alle braun gebrannt, tragen Uniformen und haben eine dicke Reisetasche und einen Rucksack in Tarnfarben bei sich. Ein paar unter ihnen wirken freudig aufgekratzt, die meisten müde. Einige unterhalten sich darüber, wie sie nach Hause kommen (ad lib.). David steht ganz vorne in der Reihe und reibt immer wieder seine geschwollenen roten Augen. Um seine Tasche weiter zu schieben, versetzt er ihr mehrere Tritte. Ein Bundeswehrsoldat kommt aus der Tür, vor der sie anstehen. BUNDESWEHRSOLDAT (aus Witz in militärischem Ton) Nächster! Hauptgefreiter Kleinschmidt. Der Bundeswehrsoldat umarmt David zum Abschied und klopft ihm auf die Schulter. BUNDESWEHRSOLDAT (cont‘d) Ciao, Mann. Verlier nicht die Nerven. David nickt und betritt mit seinem Gepäck ein ordentliches, ungemütliches Büro, während sich der Bundeswehrsoldat von den anderen Kameraden verabschiedet. Hinter einem Schreibtisch lächelt Feldwebel Kleiber ihm

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entgegen mit einer provokanten Munterkeit. DAVID Hauptgefreiter Kleinschmidt meldet sich zum Abmelden. FELDWEBEL KLEIBER Na, da freut sich einer! Dann bekomme ich hier ein Autogramm zur Bestätigung, dass wir Sie heil zurückgebracht haben. David unterschreibt eine Liste. FELDWEBEL KLEIBER (cont‘d) Ihr Rückkehrerseminar mit Frau Doktor Poloczek findet in zwei Wochen statt. Ich würde mich aber freuen, wenn sie die Gute schon in den nächsten Tagen unter vier Augen treffen würden. Kleiber schiebt David eine Visitenkarte zu, der sie zurückschiebt. DAVID Die stinkt aus dem Mund. FELDWEBEL KLEIBER Sie müssen sie ja nicht küssen. DAVID Da wär‘ ich auch der Erste. Servus. Kleiber fährt in zynischem Befehlston fort. FELDWEBEL KLEIBER Wir sind noch nicht fertig, Hauptgefreiter Kleinschmidt. Außerdem fahren wir Sie selbstverständlich. DAVID Der Kech kann mich bringen. FELDWEBEL KLEIBER Aber wir können es besser. Sicher ist sicher. DAVID Ist klar.

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Kleiber nickt dem Obergefreiten zu, der neben ihm steht, und drückt ihm die Visitenkarte von Frau Poloczek in die Hand, der sie David überreicht. David steckt sie ein. FELDWEBEL KLEIBER Über den weiteren Verlauf Ihrer Angelegenheit werden Sie über den Postweg informiert. Wir werden uns bald wiedersehen. DAVID Wird nicht zu vermeiden sein. FELDWEBEL KLEIBER (wieder aufgesetzt freundlich) Ich wünsch‘ Ihnen einen guten Start ins alte Leben! DAVID (lustlos) Ihnen auch. Hauptgefreiter Kleinschmidt meldet sich ab vom Abmelden. David verlässt mit dem Obergefreiten das Büro. Kleiber schüttelt hoffnungslos den Kopf.

3. BUNDESWEHRAUTO, SÜDSCHWARZWALD INNEN, AUSSEN – TAG David sitzt auf der Rückbank eines Bundeswehrautos. Er schaut entspannt aus dem Fenster über die Hochebene des sommerlichen Südschwarzwaldes. Dann zieht er ein langes Klappmesser aus der Hose und öffnet es. Der Obergefreite wirft David über den Rückspiegel einen misstrauischen Blick zu. David reinigt sich mit dem Messer die tief schwarzen FIngernägel. Der Wagen verschwindet in einem Tannenwald.

4. ORTSRAND EINES DORFES AUSSEN – TAG Der Wagen fährt vor ein verwittertes, alleinstehendes Haus am Rand eines beschaulichen Dorfes. David steigt mit der Reisetasche und dem Rucksack der Bundeswehr über der Schulter aus und knallt die Tür des Wagens zu, der davonfährt. David eilt eine Außentreppe hoch, schließt ungeduldig die Tür zu einer Einzimmerdachgeschosswohnung auf und betritt sie.

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5. DAVIDS WOHNUNG INNEN – TAG Zu seinem Erstaunen ist die renovierungsbedürftige Wohnung fast leer geräumt. Die Wände sind kahl bis auf ein riesiges Werbeplakat mit einer Frau im Bikini und ein Rocky-Poster. In einer Ecke stehen ein alter Fernseher mit Videorecorder und ein paar offene Umzugskartons. An einer Wand lehnt eine unbezogene, schmale Matratze. Ungläubig legt David Tasche und Rucksack ab und irrt durch die Räume. Im Badezimmer liegen vereinzelt gebrauchte Utensilien herum. Die kleine Küche ist noch komplett mit alten Möbeln ausgestattet. Auf dem Küchentisch liegt ein hoher Stapel Post, darauf ein liebevoll geschriebener Zettel mit einem aufgezeichneten Ortsplan. Davids Gesicht erhellt sich. Er zieht aus dem Rucksack einen Laptop und eine Plastiktüte und verlässt die Wohnung.

6. LANDSTRASSE AUSSEN – TAG Mit einem Lächeln auf dem Gesicht läuft David eine viel befahrene Landstraße entlang, den Zettel in der Hand, den Laptop und die Plastiktüte unterm Arm. Waghalsig überquert er die Straße und geht auf ein Neubaugebiet zu.

7. VOR UND IN DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG AUSSEN, INNEN – TAG Suchend bleibt David vor einem neuen Mehrfamilienhaus stehen, bis er eine von einem roten Herzen umrahmte Klingel entdeckt. Er drückt sie ungestüm und stemmt sich gegen die Haustür, die sofort aufspringt, sobald der Türöffner summt. Mehrere Stufen auf einmal nehmend, hechtet David die kurze Treppe zur Wohnung im Hochparterre hoch und tritt durch eine weit geöffnete Tür. DAVID Kirsten? Ungeduldig streift er durch einen liebevoll eingerichteten Flur. DAVID (cont‘d) Kirsten? David stößt die Tür zu einer billig, aber komplett eingerichteten Küche auf und legt seinen Laptop und die Plastiktüte auf den Küchentisch. Er lacht.

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DAVID (cont‘d) Hast Du Dich versteckt? David hört es hinter sich knacksen und grinst. Er schaut aber nicht auf. Plötzlich wirft sich von hinten Kirsten an Davids Hals und küsst ihn. Sie sieht hübsch und nett aus und hat sich sichtlich zurechtgemacht. David tut so, als bemerke er sie nicht und fängt an, den Backofen und den Kühlschrank zu durchsuchen. Kirsten haftet an seinen Fersen, die Arme um seinen Hals geschlungen und lacht. DAVID (cont‘d) Hier ist sie nicht... hier nicht, aber lecker Schwein... David will sich vom Kühlschrank wegdrehen. Dabei tritt er Kirsten mit voller Wucht mit einem Bundeswehrstiefel auf den Fuß. Kirsten jault auf, so dass David erschrickt und sich zu ihr umdreht. DAVID (cont‘d) Oh Scheiße! Sorry! David setzt Kirsten auf einen Küchenstuhl. KIRSTEN Macht nichts, David, ist nicht schlimm. David zieht Kirsten die Badeschlappe aus, begutachtet professionell ihren Fuß und drückt auf den Knöchel. DAVID Tut das weh? Kirsten beugt sich zu ihm runter, küsst ihn erst auf die Backe, wendet dann seinen Kopf, um ihn auf den Mund zu küssen. KIRSTEN Hi. DAVID Hallo, Hase. Kirsten küsst David erneut. Dann steht er auf, kramt im Tiefkühlfach rum und hält ein oder zwei moderne Frischhalteboxen hoch.

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DAVID (cont‘d) Ist in einer dieser Superschachteln Eis? KIRSTEN Ne. David findet eine Sektkühlergamasche aus Kunststoff, die er Kirsten um den Fuß streift. DAVID Was ist denn das für ein hässliches Teil? KIRSTEN Hab ich extra für heute gekauft. DAVID Passt perfekt. Kirsten ist amüsiert und umarmt David. Er will gleich wieder weggehen. KIRSTEN Bleib doch mal hier! DAVID Ich muss doch erst mal gucken, wo ich bin. David löst sich von Kirsten, geht neugierig durch den Flur und bleibt vor einem fast leeren Zimmer stehen, in dem nur altes Spielzeug steht. Es ist nicht zu übersehen, dass es als Kinderzimmer gedacht ist, David kokettiert begeistert mit Begriffsstutzigkeit. DAVID (cont‘d) Hier kommt ‘ne Werkbank rein. David dreht sich zu Kirsten um, die grinst und den Kopf schüttelt. DAVID (cont‘d) Dann ein Tischkicker. KIRSTEN Hast doch gar keinen.

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DAVID Kauf ich mir. KIRSTEN Ne! Kirsten steht auf und humpelt zu ihm. Sie führt ihn ins lieblich eingerichtete Schlafzimmer und zieht ihn dort auf ein großes, neues Bett, so dass er liegt. David pfeift staunend. KIRSTEN (cont‘d) Da steckt Deine Gefahrenzulage drin. Und meine Überstunden. DAVID Rentiert sich das denn? David wippt ein paar Mal mit der Hüfte auf und ab. Kirsten zuckt neckisch mit den Schultern, setzt sich auf ihn und streift sich verführerisch das T-Shirt über den Kopf, unter dem sie nichts trägt. David schaut sie ernst an und verstummt. Vorsichtig und langsam legt er seine Hand auf ihre Brust, als wolle er sie bedecken. So verharrt er so lange, dass die Stimmung unangenehm verlegen wird zwischen den beiden. Dann lacht Kirsten laut auf. KIRSTEN Pack halt richtig zu! David zieht die Hand zurück. DAVID Ich muss mich erst waschen. KIRSTEN Dann reicht es nicht mehr. Deine Mutter kommt gleich mit Anhang. DAVID Ich kleb vor Dreck. Vor Scheiß-Afghanistan-Staub. KIRSTEN Macht mir nichts. Impulsiv schmeißt David Kirsten von sich runter, spuckt ein bisschen Speichel auf ihren Bauch und pustet Luft gegen ihre Haut, so dass Grunzgeräusche entstehen. Kirsten wehrt sich und lacht.

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KIRSTEN (cont‘d) Du Sau! Lass! David lacht und geht ins Badezimmer.

8. DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG / BADEZIMMER INNEN – TAG David schaut sich im blitzblanken Badezimmer um. Es ist so eingerichtet, als wohne schon lange ein Paar darin, da alles in doppelter Ausführung für Mann und Frau bis zum Nassrasierer bereitsteht. David pinkelt unvorsichtig im Stehen, so dass einiges daneben geht. Er stöhnt, nimmt ein sauber gefaltetes weißes Handtuch von der Stange und wischt fahrig Klobrille und Fußboden sauber. Es klingelt. Durch die verschlossene Türe hört er Stimmen. KIRSTEN (o.s.) Hallo! Nett, dass Ihr schon kommt. INGE (o.s.) Ist er schon da? KIRSTEN (o.s.) Ja, aber gerade unter der Dusche oder so. (laut) David! INGE (o.s. freudig) Hallo! DAVID Gleich! KIRSTEN (o.s.) Wir können ja schon mal raus. Die Stimmen (ad lib.) verschwinden. David setzt sich auf den Fußboden, lehnt erschöpft den Kopf gegen die Wand und schließt die Augen, als wolle er schlafen. Dann steht er auf und hängt das Handtuch wieder hin.

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9. DAVIDS UND KIRSTENS GARTEN AUSSEN – TAG Mit einem Grinsen auf dem Gesicht schleicht David in den Garten, hinter seinem Rücken die Plastiktüte. Unter einem Baum, der nahe am Haus wächst, steht Reiner, Mitte Vierzig, der Ehemann von Davids Mutter Inge, der seinem achtjährigen schmächtigen Sohn Benni etwas über Borkenkäfer erklärt und dafür Rinde vom Baum pult (ad lib.). Kirsten deckt eine Kaffeetafel fertig und unterhält sich mit Inge, Mitte Vierzig, die einen selbstgebackenen Kuchen auspackt (ad lib.). David schleicht sich von hinten an Inge ran und bindet ihr einen bunten Schal aus der Tüte um die Augen. Inge schreit freudig auf. INGE Uh! Hilfe! Wer kommt denn da? Sie dreht sich zu David um, schließt ihn fest in ihre Arme, wiegt ihn hin und her wie ein kleines Kind, wobei ihr die Tränen kommen. INGE (cont‘d) Gut, dass Du wieder hier bist! DAVID Mudder, mir wird schwindelig! Inge löst sich von David und mustert ihn. INGE Bist ja braun wie ein Neger! Und schmal! David klopft auf seinen Waschbrettbauch. DAVID Ne, muskulös! Da, für Dich. David drückt Inge den bunten Schal in die Hand und wendet sich Kirsten zu, der er einen ähnlichen um den Hals legt. Währenddessen bewundert Inge ihr Geschenk. INGE Toll! Ist das echt afghanisch? DAVID Und für Dich... (ironisch) Ne, Mudder, made in Taiwan.

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David wurschtelt Kirsten am Hals rum. KIRSTEN Hey, was machst Du denn da? Kirsten fasst sich an den Hals und entdeckt unter dem Schal eine Halskette. Sie schielt auf den Anhänger, eine Schlange aus Silber und Lapislazuli. KIRSTEN (cont‘d) Die ist ja abgefahren! DAVID (witzelnd) Beschützt Dich vor bösen Männern. KIRSTEN Vor Dir oder was? Kirsten lacht. Reiner und Benni gesellen sich zu den Dreien. Reiner streckt David die Hand hin. REINER Bist froh, wieder hier zu sein, was? DAVID Mal sehen. Die beiden drücken sich kurz die Hände. Aus dem Schatten seines Vaters sieht Benni erwartungsvoll zu David auf und bietet ihm seine kleine blasse Hand an. Irgendetwas an Benni lässt David leicht nervös werden. BENNI Hallo, David. David gibt ihm zögerlich die Hand. DAVID (knapp) Hey. Benni sieht auf die Plastiktüte, die David in den Händen hält. DAVID (cont‘d) Sorry. Kein Mitbringsel für Dich.

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Benni ist enttäuscht. DAVID (cont‘d) Ich kann Euch aber zeigen, warum. Alle richten ihre Augen gespannt auf David. Der bläst die Tüte auf, steigert die Spannung mit einem Moment der Ruhe und zerknallt dann die Tüte. Alle zucken kurz zusammen. DAVID (cont‘d) Ja, da unten gibt‘s nichts für Kinder außer Minen. KIRSTEN Oh, Mann... DAVID (entschuldigend) War doch nur ein Scherz. REINER Sehr komisch! DAVID Ich hab Hunger. David setzt sich an den Tisch, um den vorwurfsvollen Blicken der anderen auszuweichen.

10. DAVIDS UND KIRSTENS GARTEN AUSSEN – TAG Der Kuchen ist fast aufgegessen, das dreckige Geschirr gestapelt. Kirsten, Inge, Reiner und Benni sitzen um Davids Laptop herum und sehen sich darauf Fotos an, die in regelmäßigen Abständen erscheinen. Sie zeigen zu einer dazu programmierten dramatischen Filmmusik den Ablauf einer Hilfsaktion der ISAF, bei der Davids Zug über mehrere Kilometer Schotterpiste Bänke in eine Schule bringt. David steht hinter den anderen, stopft weiterhin Kuchen in sich rein und berichtet stolz mit vollem Mund. Besonders Benni hört fasziniert zu. Während des Gespräches läuft die Fotoshow weiter und zeigt David in heroischen Posen in Einsatzuniform mit Palästinensertuch und Sonnenbrille und immer mit Gewehr vor verschiedenen Hintergründen. Irgendwann sind Bilder vom Camp zu sehen. DAVID

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Das war vielleicht ‘ne geile Aktion! Zwölf Stunden Fahrt für zweimal hundertsiebzig Kilometer bei neunundvierzig Grad im Schatten. Ich dacht‘, ich verreck‘! Und das für ein paar olle Schulbänke. Aber die Kurzen haben sich gefreut wie Bolle. INGE Und wieso seid Ihr da bewaffnet? DAVID Waffe am Mann ist Pflicht. INGE Und warum? DAVID Na, was glaubst Du, wie viele Irre da rumrennen? INGE Aha. BENNI Wer wollte Euch denn was tun? Bennis Frage verunsichert David. Er sieht Benni nicht an und versucht, witzig zu sein. DAVID Kleine Terroristenkinder bis unter die Zähne bewaffnet. David fletscht seine mit Kuchenmatsch verklebten Zähne und grinst. Benni schmunzelt. Reiner verdreht die Augen. REINER Der David war in Afghanistan, um dort gegen die Terroristen zu kämpfen, die Deutschland und unsere Nachbarn hier bedrohen. Benni sieht David bewundernd an. DAVID So ähnlich.

INGE

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Aber er hat doch nicht gekämpft. REINER Gekämpft im Sinne von Frieden gestiftet, damit die uns nichts tun können. Hast Du das verstanden? BENNI Ja. David belächelt Reiners Erklärung. REINER Der „Südbote“ hat vor Jahren mal einen Bericht rausgebracht über einen ehemaligen Soldaten vom KSK aus der Gegend hier. Der hat mit seinen Spezis damals im Kosovo Kinder von Häftlingen erschlagen. INGE Das war doch gelogen! REINER Natürlich. Aber die hatten Rekordverkauf. Habt Ihr so was auch gemacht? David wendet sich wieder den Bildern zu, auf denen provisorische Klohäuschen zu sehen sind. DAVID Ne, aber das hier waren unsere Scheißlatrinen. Da haben wir alle reingesteckt, die ihr Maul zu weit aufgerissen haben. KIRSTEN Und du saßest jeden Tag drin. David grinst.

11. DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG, BADEZIMMER UND SCHLAFZIMMER INNEN – NACHT David steht unter der Dusche, lässt vor Hitze dampfendes Wasser auf seinen Nacken prasseln und schrubbt sich fest mit einer Bürste. Die Kacheln und Glasflächen im Badezimmer sind bereits beschlagen. Von Außen klopft es an die Türe. KIRSTEN (o.s.)

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Lebst Du noch? DAVID Ich komm gleich! David schrubbt sich weiter, als plötzlich das Licht ausgeht und gleich wieder an. David hält kurz inne. Dann erlischt das Licht ganz. DAVID (cont‘d) Mach wieder an! David wartet ab. Es ist nur noch das Prasseln der Dusche zu hören und über der Wanne glimmt die Flamme des Durchlauferhitzers. DAVID (cont‘d) Du sollst wieder anmachen! Plötzlich gibt der Durchlauferhitzer ein lautes, krachendes Geräusch von sich. David erschrickt und hastet aus der Wanne. Dabei stolpert er und fällt zu Boden. Das Licht geht wieder an. Duschwasser spritzt aus der Wanne. David liegt in einer Wasserlache und rappelt sich auf. Kirsten lacht. KIRSTEN (o.s.) Ist was passiert? DAVID (sauer) Ja! David stellt die Dusche ab und bindet sich ein frisches Handtuch um. Dann verlässt er das Badezimmer. Im Schlafzimmer liegt Kirsten in einem neuen aufreizenden Negligé verführerisch auf dem Bett und nippt an einem Sektglas. Auf dem Nachttisch steht ein weiteres gefülltes Glas und die Sektflasche in der hässlichen Gamasche. KIRSTEN War doch nur ein Scherz. Oder ist was futsch? DAVID (vorgebend ernst) Ich hab mir den Schwanz gebrochen. Kirsten lacht, David auch. Er geht auf sie zu und legt sich neben sie.

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KIRSTEN Ich behandel Dich. DAVID In dem Fummel hättest Du bei den Jungs da unten ‘nen Haufen Kohle gemacht. KIRSTEN Hab ich hier auch. David kann Kirstens Schlagfertigkeit nichts entgegnen. Kirsten verteilt Küsse auf Davids Bauch. Sie spuckt ihm darauf, so wie er es gemacht hat und prustet. KIRSTEN (cont‘d) Du bist so ein Dummschwätzer! David lacht und schließt genüsslich die Augen. Schließlich schlägt sie vorsichtig das Handtuch auf und küsst ihn. Dass sich nichts regt, ist David unangenehm. DAVID Der Soldat ist müde. KIRSTEN Keine Behandlung? DAVID Hm-m. KIRSTEN Ich hab vorhin extra noch eingekauft. Kirsten präsentiert ein Glas Nougatcreme aus dem Nachttisch. DAVID Vielleicht morgen. David lächelt und löscht das Licht.

12. DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG INNEN – NACHT Kirsten und David schlafen aneinandergeschmiegt. Auf ein unregelmäßiges, pe-

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netrantes Klopfen hin, schreckt David hoch, horcht auf und blickt beunruhigt um sich. Er steht auf, geht in den Flur und lauscht. Dann folgt er dem Geräusch in das fast leere Zimmer und sucht es ab, bis er vor dem Fenster Äste entdeckt, die gegen die Scheibe schlagen. David schaut in den Garten und die nächtliche, düstere Landschaft des Schwarzwaldes.

13. LANDSTRASSE AUSSEN – NACHT Im Mondschein marschiert David die Landstraße entlang, die aus dem Dorf führt, seine Uniform unterm Arm. Die Umgebung um ihn herum ist finster und wirkt wie ausgestorben. Nicht mal die Straßenlaternen brennen. Da hört David ein Geräusch hinter sich, als ob Steine auf Asphalt landen. Er dreht sich um und sieht undeutlich einen kleinen, sich bewegenden Schatten. Dabei ist es ungewöhnlich still. David wird unwohl. Er beschleunigt seinen Gang wie ein Verfolgter, der nicht auffallen will.

14. DAVIDS WOHNUNG INNEN – NACHT In der Wohnung macht David Licht und schließt gehetzt die Wohnungstüre doppelt ab. Im Badezimmer sortiert er entschieden sein Gepäck aus Rucksack und Tasche: Die Wäsche schmeißt er in die Badewanne und weicht sie mit Unmengen von Waschmittel ein. Die Boxershorts sind zum Teil komplett gelb von Urin gefärbt. Ein paar Unterlagen und anderen Kleinkram, darunter einen schwarzen Plastikkoffer, lässt er in einem Versteck in der Badewannenverkleidung verschwinden. Die Karte der Bundeswehrpsychologin Poloczek wirft er ins Klo. Dann stellt er sich an den Küchentisch und geht die Post durch. Einen neuen Brief der Bundeswehr reißt er ungeduldig auf, überfliegt ihn, bleibt aber dann an einer Stelle hängen und liest sie vor sich her nuschelnd. DAVID ...findet zur Klärung der Rechtslage Ihres Falls am Elften Siebten eine weitere Anhörung statt... David sinkt auf einen Küchenstuhl und denkt kurz mit ernster Miene nach. Dann sucht er aus dem Stapel alle weiteren Briefe der Bundeswehr raus und reißt sie auf.

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15. DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG INNEN – TAG Morgenlicht dringt durch die zugezogenen Vorhänge ins Schlafzimmer. Vorsichtig legt David sich in Boxershorts zurück zu Kirsten, die aufwacht. KIRSTEN (verschlafen) Wo warst Du? DAVID Im Jetlag. KIRSTEN Und was hast Du da gemacht? DAVID Meine Wäsche. Kirsten sieht David kurz skeptisch an. KIRSTEN (ironisch) Wow. Sie dreht sich grinsend auf die Seite und schläft weiter. David schaut mit müden Augen nachdenklich an die Decke.

16. IN UND VOR DAVIDS AUTO, VOR DAVIDS UND KIRSTENS HAUS, HINTER DER ORTSEINFAHRT INNEN, AUSSEN – TAG Eine Kofferraumklappe wird unter Krachen zugeschlagen. David läuft in Badehose um seinen gebrauchten Kleinwagen zum Fahrersitz. Auf dem Beifahrersitz sitzt Kirsten in einem Sommerkleid mit Bikini darunter. David steigt ein und fährt los. KIRSTEN Nicht so grob. DAVID Ohne Gewalt pariert der nicht. KIRSTEN War bei mir anders.

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DAVID Bist ja auch ‘ne Frau. KIRSTEN Fahren wir an unsere Erste-Kuss-Stelle? In diesem Moment passieren sie das Ortsausgangsschild. David gibt Gas und macht sofort wieder eine Vollbremsung. DAVID Ist doch langweilig, immer dieselbe... Sein Wagen ist wenige Zentimeter vor Benni zum Stehen gekommen, der wie gelähmt durch die Windschutzscheibe starrt. David springt vor Schreck erregt aus dem Wagen. DAVID (cont‘d) Hast Du den Arsch offen? Benni ist nicht in der Lage, auch nur irgendwie zu reagieren. DAVID (cont‘d) Du hättest mir fast die Karre geschrottet! David setzt sich zurück in den Wagen. Währenddessen rennt Benni überraschend plötzlich in das angrenzende Feld. Drei Jungs laufen vor den Wagen und verfolgen Benni. Sie werfen ihn auf dem Feld zu Boden und prügeln auf ihn ein. DAVID (cont‘d) Hier sind wohl alle verrückt geworden. KIRSTEN Greif doch mal ein! Die Jungs schieben Benni etwas in den Mund. David sieht weg und fährt langsam weiter. Kirsten kurbelt die Scheibe runter und schreit die Jungs an. KIRSTEN (cont‘d) Ey! Aufhören! Sonst sag ich das der Frau Halmich! Die Jungs hören tatsächlich auf. David gibt Gas. DAVID

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Sobald wir um die Kurve sind, kriegt der wieder eins aufs Maul. KIRSTEN (sauer) Dann lass ihn uns mitnehmen! David fährt einfach weiter. Kirsten sieht ihn befremdet an. KIRSTEN (cont‘d) Du bist gerade ein richtiges Arschloch! Sie fahren schweigend ein Stück. David rast über die Landstraße und beruhigt sich. DAVID (ernst) Willst Du mich heiraten? KIRSTEN (auch ernst) Nein. David trifft Kirstens Antwort. Er sieht sie an. Kirsten reagiert nicht. Dann verziehen sich ihre Mundwinkel zu einem Grinsen, bis sie lachen muss und David ansteckt. DAVID Wo geht‘s noch mal zum Knutschufer?

17. BADESEE IM SCHWARZWALD AUSSEN – TAG Kirsten schwimmt genüsslich langsame Bahnen parallel zum Ufer. David steht am Wasser, beobachtet sie dabei und hebt ein paar flache Kieselsteine auf. Den ersten lässt er so über den See schlittern, dass er nah vor Kirstens Augen vorbei springt. Kirsten lacht und taucht ab. David zielt weiterhin und sie weicht flink und lachend aus, bis ein Kiesel ganz knapp an ihrem Kopf vorbeischlittert. Sie schreit auf und versinkt in dramatischer Pose unter kicherndem Todesseufzen. David grinst und wendet sich ab.

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17A BADESEE IM SCHWARZWALD AUSSEN – TAG David sonnt sich entspannt, als ihn plötzlich ein Kieselstein am Kopf trifft. Panisch fährt er hoch und fuchtelt mit seinen Armen in der Luft, als müsse er etwas abwehren. Er wirkt wie ausgewechselt. Für einen Schreckensmoment starrt Kirsten David vom Ufer aus an. Dann geht sie lachend auf ihn zu und streichelt ihm den Kopf. KIRSTEN Hast Du Dich so erschreckt? David zieht ihr Spielerisch die Beine weg, so dass sie neben ihn fällt. Kirsten wringt ihre Haare über ihm aus. KIRSTEN (cont‘d) Ich dachte, Du rettest mich vorm Ertrinken. DAVID Dann hätte ich Dich nicht abgeschossen. KIRSTEN Bist Du so böse? DAVID (ernst) Ja. Kirsten lässt von David ab. Dann nimmt er sie lächelnd fest in den Arm und schließt wieder die Augen. Kirsten sieht ihn nachdenklich an.

18. SPORTPLATZ DES DORFES AUSSEN – TAG In der Nachmittagssonne verfolgen einige Dorfbewohner, versammelt an der Bande eines Sportplatzes, das Spiel der F-Jugend. Inge und Reiner stehen mit anderen Eltern zusammen. Die Dorfbewohner sind aufgebracht, da sich für die gegnerische Mannschaft gerade eine Torsituation ergibt. Die Väter brüllen ihren Söhnen etwas zu. REINER Geh ran, Benni! Gottverdammt!

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Ein Tor fällt und das Publikum der gegnerischen Mannschaft jubelt. David spielt bei seinen Kollegen und Kirsten mit nacktem Oberkörper Ball. Er köpft ihn, kickt ihn elegant mit den Knien oder den Füßen, ohne dass er runterfällt. Nebenher beobachtet er das Spiel. Die paar Kommentare seines Kollegen ignoriert David. DAVID Dem Benni könntest Du einen Ball direkt vors Auge schießen. Der würde ihn erst sehen, wenn er ‘ne Gehirnerschütterung hat! Die Kollegen lachen. KOLLEGE Oder nicht mal dann. Plötzlich kickt jemand David den Ball weg und klatscht ihm freundschaftlich, aber mit voller Wucht seine Hand in den Nacken. Angriffslustig dreht David sich um und entdeckt seinen Freund Felix. David freut sich und umarmt Felix gewaltig, aber liebevoll. Kirsten beobachtet die beiden zufrieden. DAVID Felix-Felice! Felix macht einen sympathischen, ausgeglichenen Eindruck. Er ist viel schmaler und schlechter gebaut als David, trägt Rettungsassistentenkleidung und eine Ordnerbinde um den Arm. Während die beiden sich unterhalten, läuft das Spiel im Hintergrund weiter und die Kollegen diskutieren es (ad lib.). Felix tätschelt David männlich freundschaftlich. FELIX Na, Rocky Kabul, heil zurückgekommen? David sieht an sich runter. DAVID Seh ich malad aus? FELIX Ne, wie ein junger Gott. Servus Kirsten! KIRSTEN Hi!

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Felix wendet sich Kirsten zu und gibt ihr herzlich rechts und links auf die Backe ein Küsschen. David beobachtet das. FELIX Die Zwerge kriegen nichts mehr auf die Kette, seitdem Du sie nicht mehr coachst. DAVID Ist ‘ne Katastrophe. FELIX Keine Lust, die mal wieder auf den ersten Platz zu bringen? DAVID Keine Lust mehr auf schlechten Fußball. FELIX Verstehe. Felix lacht. Kirsten gesellt sich zu Inge und Reiner. DAVID Wie geht‘s, Felici? FELIX Kann nicht klagen. Aber hast mir gefehlt beim Schaffen! David freut sich und Felix umarmt ihn noch mal kräftig. DAVID Wie ist der Chef drauf? Meinst Du, ich kann schon im Urlaub wieder anfangen? FELIX Ist gut drauf, steht vor Dir. Kohlmann hat abgedankt. DAVID Respekt... Die Karriere von Felix nagt ein wenig an David. DAVID (cont‘d) Hast Du Dich um Kirsten gekümmert, als ich weg war?

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FELIX Wie? DAVID Sie getröstet oder so. FELIX Hä? DAVID Wäre ja nett gewesen. FELIX Hab ich aber nicht. KOLLEGE (aus dem Hintergrund) Aber ich. DAVID (grinsend zu Felix) Hast was verpasst. Davids Anspielung irritiert Felix. FELIX Ich muss mal wieder auf Position. Ich kümmer‘ mich um Deine Stelle. Wir sehen uns. DAVID Sauber. Ciao Lici. Felix wirft David den Ball zurück, der damit weiter spielt. KOLLEGE Die waren unter Dir echt besser.

19. SPORTPLATZ DES DORFES AUSSEN – TAG Gestrichen.

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20. DAVIDS UND KIRSTENS GARTEN AUSSEN – TAG David mäht lustlos den Rasen. Als der Rasenmäher an einer kleinen Mauer die äußeren Gräser nicht erfasst, rammt David den Mäher wütend gegen die Mauer. Der Rasenmäher schaltet sich aus. David stöhnt und zieht aus seiner Hosentasche sein Klappmesser. Er packt die Grashalme büschelweise und haut sie genervt ab. Es klingelt in der Wohnung. David blickt durchs Gartentor in Richtung Haustür und sieht Benni in Trainingsklamotten mit einem Fußball unterm Arm vor der Tür stehen. Grob metzelt David weiter das Gras ab. Es klingelt erneut stürmisch. Mit dem Messer in der Hand marschiert David zum Gartentor. Bennis Anwesenheit ist David sichtlich unwohl. DAVID Geht‘s noch? BENNI (wie auswendig gelernt) Ich wollte Dich ganz höflich fragen, ob Du mit mir trainieren gehst. DAVID Ist nicht mehr mein Job. BENNI Nur eine Stunde. DAVID War das Reiners Idee? Benni nickt. DAVID (cont‘d) Was krieg ich dafür? Benni ist vorbereitet und kramt aus seiner Hosentasche einen Haufen Kleingeld. BENNI Sieben Euro und sechsunddreißig Cent. David zählt überschlagend und gibt es Benni zurück. DAVID Das reicht nicht. David überlegt kurz, während Benni ihn erwartungsvoll ansieht.

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DAVID (cont‘d) Ich gehe jetzt ein Mal mit Dir trainieren. Bennis Gesicht erhellt sich. DAVID (cont‘d) Aber dann lässt Du mich in Ruhe. Klar? Benni nickt schüchtern. David steckt das Messer in die Hosentasche, springt übers Gartentor und marschiert los, so dass Benni Mühe hat hinterherzukommen. Er rennt, bis er David eingeholt hat und folgt ihm dann eilig mit einem Schritt Abstand.

21. SPORTPLATZ DES DORFES AUSSEN – TAG In der Mittagssonne liegt der Sportplatz leer da. Auf dem Feld befinden sich nur Benni und David. David spielt barfuß und in seiner kurzen Hose. Er dribbelt, wechselt häufig die Richtung und gibt Benni, der um ihn herumstolpert, immer wieder die Möglichkeit, ihm den Ball abzunehmen. DAVID Geh von der Seite rein, oder von hinten... Jetzt! Benni probiert es von hinten, fällt aber hin. DAVID (cont‘d) Wieso machst Du eigentlich keinen anderen Sport? Bodenturnen oder so. Die krebsen dauernd auf allen Vieren rum. Benni rappelt sich auf. BENNI Mir macht Fußball Spaß. DAVID Soso. Dann stell Dich mal da hin. Benni stellt sich auf den von David angegebenen Punkt. DAVID (cont‘d) Mit dem Rücken zu mir.

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Benni dreht seinen Rücken David zu, der etwa zehn Meter von Benni entfernt steht. DAVID (cont‘d) Wenn ich „Jetzt!“ rufe, kick ich Dir den Ball zu. Dann drehst Du Dich um und köpfst ihn. Verstanden? Benni nickt. DAVID (cont‘d) Also... David nimmt Anlauf und kickt Benni einen fairen Ball zu. DAVID (cont‘d) Jetzt! Benni dreht sich um und erwischt den Ball nicht. David stöhnt. BENNI (vorsichtig) Der war zu hoch für mich. DAVID Schwätz nicht! Noch mal. Benni holt den Ball, wirft ihn David unbeholfen zu und dreht ihm wieder den Rücken zu. David legt den Ball ab. Er visiert konzentriert Bennis Kopf an, nimmt einen weiteren Anlauf und kickt den Ball ab. DAVID (cont‘d) Jetzt! Benni hat keine Zeit sich umzudrehen, der Ball trifft ihn an der Schläfe und Benni fällt. David seufzt und geht zu ihm. DAVID (cont‘d) Scheiße! Tut was weh? BENNI (leise) Nein. DAVID Dann steh auf.

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Langsam rappelt Benni sich auf. David klopft ihm kontrollierend den Nacken. Benni schreit auf. DAVID (cont‘d) Tut also doch weh. Sag‘s doch gleich! Und erzähl das bloß nicht der Mami. Das war nämlich nicht meine Schuld. BENNI Ja. DAVID So. Ende jetzt. David verlässt den Sportplatz. Benni holt seinen Ball und folgt David.

22. DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG INNEN – NACHT Kirsten liegt leicht bekleidet und schlafend auf dem Bett, David in Shorts neben ihr. Das Licht im Zimmer ist bläulich vom Fernseher, in dem eine seichte Reality-Show läuft. David blickt sehnsüchtig auf Kirstens Körper. Er fasst sie gehemmt an, zieht seine Hand aber wieder zurück, greift sich in die Hose und reibt sich. Dabei hat er Schwierigkeiten. Seine Blicke wandern über Kirsten. Er reibt sich angestrengt schneller. Dann gibt er verzweifelt auf, schaltet Licht und Fernseher aus und sieht an die Decke.

23. BUNDESWEHRKASERNE, BÜRO INNEN – TAG FELDWEBEL KLEIBER Was erwarten Sie? Feldwebel Kleiber sitzt mit dem für ihn typisch munteren Lächeln auf dem Gesicht in seinem ordentlichen Büro David gegenüber, der einen nervösen Eindruck macht. DAVID Weiß nicht. Keine Ahnung. David bemüht sich um ein Lächeln. Vor Nervosität zappeln seine Knie. Kleiber bemerkt es.

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FELDWEBEL KLEIBER Wir haben uns erlaubt, Ihre Angelegenheit ohne eine weitere Anhörung abzuschließen, damit sich die Sache nicht noch länger hinzieht. Das liegt doch ganz in Ihrem Interesse, oder? Kleiber lächelt ihm zu. David wirkt verunsichert. DAVID Ja natürlich. FELDWEBEL KLEIBER Darf ich vorlesen? DAVID (unruhig) Klar. Während Feldwebel Kleiber in amtlichem Ton liest, zeichnet sich auf Davids Gesicht Irritation ab. FELDWEBEL KLEIBER Babbelbabbel und so weiter... David Kleinschmidt vereitelte dank seines Einsatzes gegen besagten Verdächtigen ein Attentat auf den zweiundzwanzig Mann starken Zug, Einsatzkompanie Zwei, unter der Führung von Hauptfeldwebel Kleiber. Dafür erhält er die Einsatzmedaille in Gold. Und Ihre normale Einsatzmedaille in Bronze mit Urkunde bekommen Sie nun endlich auch. Bitteschön. Feldwebel Kleiber reicht David eine Urkunde, den Bericht und zwei geöffnete Plastikkästchen mit den Medaillen darin. David glotzt verwirrt auf die Einsatzmedaille in Gold. DAVID Ich dachte, die bekommt man nur, wenn man sein halbes Leben im Auslandseinsatz war. FELDWEBEL KLEIBER Bei Ihnen machen wir eine Ausnahme. Irgendwie wollen wir Ihren Verdienst ja honorieren. Sie können stolz auf sich sein. David wirkt eher verwirrt als erfreut. Er nickt. FELDWEBEL KLEIBER (cont‘d) Behalten Sie das möglichst für sich. Mit Ehrensachen gibt man nicht an. Ha-

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ben Sie Frau Doktor Poloczek angerufen? DAVID Ne. FELDWEBEL KLEIBER Machen Sie das. Sie wird Ihnen helfen, die gute Nachricht zu verdauen. DAVID Klar. Kleiber steht auf, um David zu verabschieden. FELDWEBEL KLEIBER Schön, dass wir das so reibungslos über die Bühne bringen konnten, nicht wahr? DAVID Ja. FELDWEBEL KLEIBER Danke und auf Wiedersehen, David. DAVID Wiedersehen. David verlässt wie vor den Kopf geschlagen das Büro, während Kleiber mit ernster Miene zum Telefon greift.

24. BUNDESWEHRKASERNE / PARKPLATZ AUSSEN – TAG David geht auf sein Auto zu, das auf einem Parkplatz vor dem grauen, leicht verwitterten Kasernengebäude geparkt ist. Er wirkt äußerst angespannt. Ihm fällt ein gefaltetes Papier auf, das am Wischer der Heckscheibe klemmt. Er zieht es raus und faltet es auf. Es ist ein gemaltes Bild von Benni, auf dem ein starker Mann einen Ball köpft. Darunter steht „Fußballgott David Kleinschmidt“. David schließt den Wagen auf und schmeißt das Bild, das dabei zerknittert, die Unterlagen und die Medaillen achtlos hinein und steigt ein.

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25. IN UND VOR DAVIDS AUTO, VOR DER ORTSEINFAHRT INNEN, AUSSEN – TAG Davids Wagen biegt von der Landstraße kurz vor der Ortseinfahrt in einen von Wald gesäumten Forstweg und hält nach ein paar Metern. Blass und nervös nimmt David den Bericht vom Beifahrersitz und liest ihn sorgfältig durch. Dabei zittern seine Hände. Zeile für Zeile entspannen sich seine Gesichtszüge jedoch und er beruhigt sich. Von außen dringen Kinderstimmen zu ihm. Er sieht auf und entdeckt in ein paar Metern Entfernung Benni mit den Jungs, die ihn verprügelt haben, auf einer abgelegenen Brücke aus dicken Stahlstreben für Eisenbahn und Fußgänger. Benni ist dabei, ungelenk das Brückengeländer zu besteigen. Die Jungs beobachten das und befehlen ihm, höher zu steigen. Benni macht kehrt. Daraufhin lachen die Jungs ihn hämisch aus und verlassen die Brücke. Benni sieht ängstlich das Brückengeländer runter. David hat die Szene aufmerksam beobachtet.

26. DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG INNEN – NACHT Zu lauter Musik aus dem Radio stemmt David mit angewinkelten Beinen auf dem Rücken auf dem Wohnzimmerboden liegend den Fernseher wie ein Gewicht. Sein Gesicht ist schweißnass und vor Anstrengung rot. Er stößt an die Grenzen seiner Kraft. Die Musik wird ausgestellt. Kirsten küsst ihn grinsend auf die Stirn. KIRSTEN Hi. Sie setzt sich auf seine Knie und schlotzt mit einem Löffel Nougatcreme aus einem Glas. David setzt den Fernseher hinter seinem Kopf unter Keuchen ab. KIRSTEN (cont‘d) Wo sind denn Deine Hanteln? DAVID Die sind zu leicht geworden. KIRSTEN Hast Du den Rasen fertig gemacht? DAVID Ich musste noch mal in die Kaserne.

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KIRSTEN Warum? DAVID Medaillen abholen. David streckt seinen Arm aus und reicht Kirsten die Urkunde, die Medaillen und den Bericht. Kirsten schaut sich die Medaillen und die Urkunde stolz an. KIRSTEN Einsatzmedaille in Gold. Ist ja der Wahnsinn! Und wofür? DAVID Steht da drin. Kirsten faltet den Bericht auf und liest. David stemmt wieder den Fernseher. KIRSTEN Was heißt denn „vereitelte dank seines Einsatzes“? Hast Du den verprügelt? David zögert. DAVID Ne. Erkannt. Dann wurde er festgenommen. Stolz und gerührt schaut Kirsten David an. Sie rutscht auf seinen Bauch und küsst ihn. KIRSTEN (verführerisch) Bist ja ein richtiger Held. David zieht sie runter und rollt sich auf sie, so dass sein Schweiß ihr ins Gesicht tropft. Er schaut ihr eindringlich in die Augen. DAVID (ernst) Aber nicht überall rumerzählen. KIRSTEN Warum nicht? DAVID Mit Ehrensachen gibt man nicht an.

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David greift in das Nougatcremeglas und tupft Kirsten einen Punkt auf die Nase. Dann nimmt er wieder den Fernseher und stemmt ihn. Kirsten schiebt ihren Kopf zwischen seine Arme, um David zu küssen. Dabei rutscht ihm fast der Fernseher aus den Händen. DAVID (erschrocken) (cont‘d) Willst Du mich umbringen? KIRSTEN Ne, nur feiern. Kirsten schmiert David einen dicken Nougatcremestrich auf die Stirn und verlässt das Zimmer.

27. DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG INNEN – NACHT David liegt mit offenen Augen im Bett, starrt an die Decke und lauscht dem entfernten Klopfen des Astes. Kirsten schläft. Auf einmal sieht David an seinem Fußende einen kleinen Jungen sitzen, der in der Dunkelheit schlecht zu erkennen ist. Er schaut David an. Panisch schlägt David die Bettdecke beiseite und setzt sich. Sofort verschwindet der Junge. David steht auf. Kirsten ist aufgewacht, ohne dass David es merkt.

28. DAVIDS WOHNUNG INNEN – NACHT Ein Feuerzeug wird entzündet. David sitzt auf dem Badewannenrand und verbrennt entschlossen den Bericht, den er am Nachmittag bekommen hat, und andere Unterlagen. Die Asche versinkt im dreckigen Wasser. Die eingeweichte Wäsche liegt zerknittert im Waschbecken.

29. STRASSE IM DORF, INGES GARTEN AUSSEN – TAG David schleicht um Inges schön renoviertes Haus herum, dessen Gesamtbild freundlich und einladend gestaltet ist. Er bleibt hinter einem Busch stehen und beobachtet Benni. Der läuft suchend mit einer Hand voll Löwenzahn im Garten rum.

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BENNI Fridolin!... Fridolin!... Psps. Benni bückt sich, um besser in ein dichtes Beet sehen zu können. David hebt einen Stock auf und schmeißt ihn in das Beet gegenüber. Sofort lauscht Benni aufmerksam und rennt zu dem Beet. Benni knickt Blumen beiseite. Er ruft verzweifelt. BENNI (cont‘d) Fri-do-lin! David geht lächelnd auf Benni zu, der überrascht ist. DAVID Was brüllst Du denn so? BENNI Fridolin ist ausgebrochen. DAVID Wie sieht der denn aus? Benni schaut David mit großen Augen an. BENNI Wie ein Schäferhund. Ist aber ganz lieb. David läuft in gebückter Haltung im Garten rum und ruft ein paar Mal nach Fridolin (ad lib.). Benni beobachtet David gespannt. Unter einer Rosenhecke fängt David etwas. DAVID Da bist Du ja, Du Strolch! David übereicht Benni streichelnd ein Kaninchen, das tatsächlich die Musterung eines Schäferhundes hat. Benni setzt es zurück in ein Gatter. DAVID (cont‘d) Hier, Dein Schäferhund. Meine Rammler haben sich auch immer da unten versteckt, wenn sie aus dem Gatter gewitscht sind. Das kann ich bei Gelegenheit mal ausbessern. David rüttelt fachmännisch an dem Zaun. Benni schaut ihn immer noch mit

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großen Augen an. David kramt aus der Hosentasche das gemalte, wieder glatt gestrichene Bild von Benni. DAVID (cont‘d) Hast Du das gemalt? BENNI Ja. Für Dich. DAVID Gut getroffen! Ich dachte, wir könnten noch mal ein bisschen kicken. Hast Du Lust? BENNI Ja. Benni nickt eifrig mit einem breiten Lächeln und rennt ins Haus. BENNI (cont‘d) Mama! David hört Benni mit Inge reden, versteht sie aber nicht. Das Bild faltet er ordentlich und steckt es wieder ein. Inge kommt lächelnd aus dem Haus. INGE Da ist aber lieb von Dir! Passt es Dir denn? DAVID Bin ja zu sonst nichts nutze! Inge legt David ihren Arm um den Rücken, was David gefällt. INGE Ich glaube, der Einsatz hat Dir gut getan. Du bist richtig erwachsen geworden. DAVID Da gab es manchmal ganz schön krasse Situationen. INGE Ja? DAVID

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Bei einem Einsatz zum Beispiel... Inge blockt ab, als sie Benni mit Trainingsklamotten und dem Ball unterm Arm kommen sieht. INGE Aber es ist ja, Gott sei Dank, nichts passiert. DAVID Ne. INGE Viel Spaß Euch! Du passt auf, ja? DAVID Klar! Inge winkt David und Benni, die den Garten verlassen. Benni winkt zurück. Auf der Straße geht Benni intuitiv in eine andere Richtung als David. DAVID (cont‘d) Stopp! Hier lang. Wir trainieren auf unserem Geheimplatz. Wie die Profis. Benni strahlt und folgt David.

30. WALDSPIELPLATZ AUSSEN – TAG Der Spielplatz liegt am Waldrand außerhalb des Ortes, nicht weit von der Landstraße entfernt, aber so, dass man von dort aus keine Einsicht auf den Platz hat. Außer David und Benni, in Trainingsklamotten, befindet sich niemand dort. David kickt Benni einen fairen Ball zu. Benni nimmt die richtige Haltung ein, weicht dem Ball aber aus. DAVID Schade! Benni lässt den Kopf hängen. David geht auf ihn zu und kniet sich zu ihm. DAVID (cont‘d) Die Technik hast Du voll drauf, Benni! Und ich weiß, warum Du den Rest nicht checkst.

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BENNI Warum denn? DAVID Weil du Angst hast. Benni lässt den Kopf unten. DAVID (cont‘d) Hast Du oft, stimmt‘s? Benni zuckt bejahend mit den Schultern. DAVID (cont‘d) Was war denn da neulich los, als Du den Wahnsinns-Stunt vor meinem Auto hingelegt hast? Benni schaut zu David auf. BENNI Die anderen haben Frösche geröstet und gegessen und wollten, dass ich auch einen esse. DAVID Aber Du hast dich geekelt. BENNI Nein, mir taten die Frösche leid. David muss sich das Lachen verkneifen. DAVID Ist ja auch assig, die vorher noch zu foltern. Wir haben die immer roh gegessen. Einfach den Rachen runter geschmissen. Dann sind die bewusstlos, bevor die überhaupt merken, dass sie tot sind. BENNI Du Lüger. DAVID Nichts Lüger! Woher hattet Ihr die Frösche denn?

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BENNI Vom Teich hier. DAVID Willst Du mir mal einen zeigen? Das beste Mittel gegen Angst ist, sich ihr zu stellen. Benni nickt.

31. WALDTEICH AUSSEN – TAG Der Waldteich ist naturbelassen und hat ein unwegsames wildes Ufer. Benni stapft im Gestrüpp rum und versucht, einen Frosch zu fangen. Als ihm einer knapp entwischt, ruft er „Mist!“. David steht ein paar Meter entfernt und beobachtet ihn grinsend, weil Bennis Fangversuche sehr komisch aussehen. Da kommt er mit einem Frosch in der geschlossenen Hand und überreicht ihn David. DAVID Dankeschön! David zögert keine Sekunde und es sieht so aus, als schlucke er den Frosch. Benni sieht ihn fassungslos an. DAVID (cont‘d) Was ist? BENNI Du bist gemein. DAVID Du hättest ihn ja retten können! BENNI Wie denn? DAVID Mit ‘nem kleinen Angriff. BENNI Angreifen tun nur die Dummen, sagt der Papa.

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DAVID Soso. Aber nicht, wenn man damit jemanden rettet. Das nennt man Friedenseinsatz. Haben wir in Afghanistan auch gemacht. Benni ist beeindruckt. David hickst plötzlich und tut so, als müsse er brechen, greift schnell mit der Hand in die Hosentasche, hält sie dann vor den Mund und hat den Frosch wieder darin. Benni strahlt. DAVID (cont‘d) Da ist er ja wieder, unser Freund. Der will Dir noch eine Chance geben. Benni hat den Trick nicht verstanden. David kniet sich hin, so dass er auf Bennis Höhe ist. DAVID (cont‘d) Jetzt musst Du ihn aber retten, noch mal überlebt der das nicht. David droht, den Frosch zu essen. Zögerlich boxt Benni auf David ein und bekämpft ihn immer stärker, je näher David den Frosch an seinen Mund hält. Als David den Frosch in den Mund stecken will, schreit er plötzlich auf. Benni weicht zurück. David hat auf seinem linken Arm blutige Bissspuren. Er lacht. Benni errötet vor Scham. DAVID (cont‘d) Du bist ja ‘ne richtige Kampfmaschine! BENNI Tut mir leid! DAVID Ne, machst Du genau richtig! Hauptsache Deinem Kollegen hier geht es gut! David hält den Frosch hoch und spielt mit ihm, während er sich mit Benni unterhält. DAVID (cont‘d) Es geht sogar noch weiter: Wenn Du mich richtig abmurkst, so dass ich Deinem Freund nie wieder was tun kann, hast Du gewonnen. Das nennt man dann Enduring Freedom, Frieden für immer. BENNI Ihr habt ja komische Sachen gespielt.

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DAVID Wir haben nur geholfen. BENNI Ich will auch mal Soldat werden. Und dann geh ich auch nach Afghanistan. Die Mama hat gesagt, dass Du ein richtiger Held bist, weil Du da warst. Dann lassen mich die anderen auch in Ruhe, gell? DAVID Klar. Aber wenn Du so werden willst wie ich, müssen wir noch ganz schön was tun. Packst Du das? David hält Benni die Hand hin. Benni schlägt schüchtern ein. BENNI Ja. DAVID Dann kümmer dich mal um Deinen Kollegen hier. Benni nickt. David schließt die Hand um den Frosch und Benni stürzt sich konzentriert auf David.

32. WALD AUSSEN – TAG Gestrichen.

33. DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG INNEN – NACHT Die dramatisch heroische Filmmusik ist zu hören. Dazu erscheint das Foto einer Kobra auf einem Bildschirm. Die Stimmen einer Gruppe von Leuten sind zu hören. Sie geben staunende Kommentare. Es folgt ein Bild, auf dem David in seinem Wüstentarnanzug die Kobra um den Hals trägt und ihr den Kopf hält vor dem Hintergrund der kargen Landschaft Afghanistans. Die kommentierenden Stimmen werden lauter. David steht mit ungefähr zwanzig Gäste, hauptsächlich in seinem Alter, im Wohnzimmer vor dem Fernseher, an den sein Laptop angeschlossen ist. Unter den Gäste befinden sich Felix, Inge und Reiner. Kirsten steht neben David. Die meisten halten Pappbecher in der Hand. Manche essen von

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Tellern kaltes Büffet, das an einer Wand aufgestellt ist. Überall brennen Kerzen, was eine gemütliche Partystimmung erzeugt. In einer Ecke des Wohnzimmers spielen ein paar Gäste Tischkicker. Ein weiteres Bild erscheint, auf dem David sich eine Schildkröte vor die Augen hält. Er grinst. DAVID Das sind die neuen Späher der Bundeswehr. Die GÄSTE lachen. FELIX Ihr habt da unten ja nur Party gemacht. DAVID Quatsch! Wir waren auf Patrouille, hatten Wache... FELIX Zeig doch mal was davon. DAVID Okay... David bedient seinen Laptop. Auf dem Fernseher erscheint das Foto eines Jugendlichen mit einem verkrüppelten Bein, der auf Achselkrücken läuft. DAVID (cont‘d) Das ist in Baz-Wayana, wo wir ganz oft auf Patrouille waren. Der ist mal in ‘ne Mine gerannt. Das war zum Totlachen, wenn der Fußball gespielt hat! Ein paar GÄSTE zeigen sich empört. KIRSTEN David... DAVID Der war total cool drauf und konnte saugeil flanken. David zeigt ein Bild, auf dem er mit dem fröhlichen Jugendlichen kickt. DAVID (cont‘d) Da ging es anderen viel dreckiger. David klickt weiter. Auf dem Bildschirm erscheint das Foto eines kleinen, erblindeten Jungen ohne Arme, dessen Haut den Narben nach zu urteilen einmal

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völlig zerfetzt wurde. DAVID (cont‘d) Hier, die arme Sau kann gar nichts mehr alleine machen. Die GÄSTE sind entsetzt, die meisten gehen verlegen zum Büffet oder woanders hin. KIRSTEN David, lass! DAVID Felix hat mich danach gefragt. FELIX Aber Du musst keine Freakshow draus machen. DAVID Die armen Kerle sehen halt so aus. Da kann ich doch nichts dafür. KIRSTEN Aber die auch nicht! Kirsten geht den GÄSTEN hinterher und schlägt mit einem Messer gegen ein Glas, während David, allein gelassen, beleidigt seinen Computer herunterfährt. Die GÄSTE lächeln Kirsten erwartungsvoll an. Ein paar tuscheln. KIRSTEN (cont‘d) Ich finde es schön, dass Ihr alle hier seid. Und ich bin froh, dass mein David wieder da ist - wenn er nicht gerade seine David-Horror-Picture-Show zeigt! Die GÄSTE lachen. KIRSTEN (cont‘d) Und wir haben eine Neuigkeit für Euch. Das Getuschel wird lauter, alle grinsen außer David, der ahnungslos ein paar Meter daneben steht. KIRSTEN (cont‘d) Mein lieber David hat in Afghanistan einen Attentäter festnehmen lassen und damit zweiundzwanzig Soldaten das Leben gerettet. Dafür hat er die Einsatzmedaille in Gold bekommen.

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Die Gäste applaudieren. Davids Gesicht versteinert. Kirsten geht zu ihm, gibt ihm einen Kuss auf die Backe, gefolgt von der begeisterten Inge. INGE Warum hast Du denn nichts gesagt? David antwortet nicht. Inge drückt ihn. Felix folgt ihr und tätschelt David den Nacken. FELIX Ab morgen wollen die Leute nur noch von Dir gerettet werden! David kann nicht reagieren. Reiner drängt sich dazwischen und schüttelt David kräftig die Hand. REINER Meine Hochachtung. Hätte ich Dir nicht zugetraut. DAVID Ist klar. REINER Ich verabschiede mich dann auch. Benni ist allein. DAVID Grüß ihn. REINER Der spricht nur noch von Dir. David lächelt. Reiner nickt und geht. David nimmt sich eine volle Flasche Sekt und trinkt daraus, während weitere Gäste ihm die Schulter klopfen. David beobachtet Kirsten und Felix, der auf sie zugeht. FELIX Ich dachte schon, Du bist schwanger! Kirsten lacht laut auf. David trinkt aus der Sektflasche, ohne abzusetzen.

34. DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG INNEN – NACHT David liegt in Shorts auf dem Bett und trinkt immer noch aus irgendeiner

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Flasche Alkohol. Kirsten legt sich in ihrem aufreizenden Nachthemd zu ihm. KIRSTEN Ich habe den Abend richtig genossen. DAVID Ich hab zu viel gesoffen. KIRSTEN Selber schuld. DAVID Warum hast Du es einfach rausgequatscht? KIRSTEN Es haben sich doch alle gefreut! DAVID Du hast Dich gefreut. Außerdem hatte ich es Dir verboten. Kirsten lacht hämisch. KIRSTEN Bist Du hier der Oberbefehlshaber? DAVID Ist doch schon Felix. KIRSTEN Was? DAVID Wenn der schon glaubt, dass Du schwanger bist! KIRSTEN Von Dir hätte ich es nicht werden können! Wütend schaltet Kirsten das Licht aus. Sie dreht sich zur Seite. David wartet kurz ab, dann versucht er, Kirsten vorsichtig an der Schulter zu sich zu drehen. Kirsten rührt sich nicht. KIRSTEN (cont‘d) Lass!

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David starrt an die Decke. Nach einem langen Moment der Ruhe hört er wieder das penetrante Klopfen. Er steht auf und schleicht in das leere Zimmer. Die klopfenden Äste kann er in der Dunkelheit nicht erkennen. Doch plötzlich zerbricht ein Stein die Fensterscheibe und fliegt haarscharf an David vorbei. David erschrickt. Mit einem Mal fliegen weitere Steine mit Karacho auf ihn zu. Um ihnen auszuweichen dreht er dem Fenster den Rücken. Ein Stein trifft ihn am Kopf, ein lautes, unangenehmes Krachen ist zu hören und ein Kinderlachen. David schreckt im Bett neben Kirsten hoch. Unsicher tastet er unter seine Bettdecke und zieht seine Hand wieder zurück. Er steht auf und fängt an, das genässte Bett abzuziehen. Kirsten beobachtet ihn misstrauisch aus den Augenwinkeln, schließt die Augen dann aber wieder.

35. DAVIDS WOHNUNG INNEN – NACHT Ein Wasserhahn wird aufgedreht. David sitzt angezogen auf dem Wannenrand im Badezimmer seiner alten Wohnung, in der überall Licht brennt. Übermüdet lässt er heißes Wasser auf sein von Urin durchweichtes Bettlaken und die Bettwäsche laufen und streut großzügig Waschmittel darüber. Die zuletzt gewaschene Wäsche aus dem Einsatz hängt verknittert über der Duschstange. David hört ein Knacken in seinem Zimmer. Er dreht den Wasserhahn zu, lauscht, holt aus der Hosentasche sein Klappmesser und öffnet es.

36. LANDSTRASSE AUSSEN – NACHT Gestrichen.

37. DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG INNEN – TAG David schreckt im Bett hoch. Er scheint, schlecht geträumt zu haben. Im Hintergrund wurschtelt Kirsten in der Küche und im Flur. Davids Blick fällt auf die Zeitung „Südbote“, die unübersehbar aufgeschlagen neben ihm liegt. Er richtet sich auf und nimmt sie in die Hand. Auf der dritten Seite ist ein Bild von ihm in Uniform zu sehen. Darüber steht: „Held aus dem Schwarzwald rettet deutsches Leben im fernen Hindukusch!“ David liest und macht einen verstörten Eindruck. Kirsten setzt sich fertig angezogen und lächelnd zu ihm. KIRSTEN

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Du hast gar nicht erzählt, dass das während einer Hilfsaktion passiert ist. DAVID Was für ‘ne Hilfsaktion? KIRSTEN Als ihr die Schulbänke geliefert habt. David liest suchend. DAVID Aha... Auf seinem Gesicht zeichnen sich Sorge und Angst ab. Kirsten streichelt den lesenden David anerkennend. KIRSTEN Mein „Held aus dem Schwarzwald“. – Ich muss. Kirsten will aufstehen, David hält sie plötzlich am Handgelenk. KIRSTEN (cont‘d) Au! David... David drückt Kirsten fest an sich, so dass sie sich kaum rühren kann. Sie stutzt. KIRSTEN (cont‘d) David, ich muss jetzt. David hält sie noch einen Augenblick, dann lässt er sie los, Kirsten rückt die verrutschte Kleidung zurecht. KIRSTEN (cont‘d) Du musst auch aufstehen. David nickt. KIRSTEN (cont‘d) Tschüss. DAVID Ja. Kirsten verlässt irritiert die Wohnung. David starrt auf sein Bild in der Zeitung.

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38. HOF DER RETTUNGSWACHE AUSSEN – TAG David eilt auf den Hof der Rettungswache. Felix steht einsatzbereit vor einem Rettungswagen. DAVID Tut mir leid. War keine gute Idee, die Party unter der Woche zu machen. Davids Handy Klingelt, während Felix spricht. FELIX (freundlich) Die Geretteten werden es dem Messias verzeihen. Felix grinst und David geht ans Handy. DAVID Ja? FELDWEBEL KLEIBER (o.s. zynisch) Herr Kleinschmidt. Darf man gratulieren? DAVID Haben Sie doch schon. FELDWEBEL KLEIBER (o.s. zynisch) Aber nicht zu dem großartigen Artikel! DAVID Das war mein Stiefvater. FELDWEBEL KLEIBER (o.s. ernst) Sie sollten die Geschichte besser für sich behalten. Sie wissen warum. DAVID Weil es Quatsch ist. FELDWEBEL KLEIBER Sie können froh sein, dass unsere Pressestelle solchen Quatsch auf Lager hat – zum Schutz ihrer Privatsphäre. Frau Doktor Poloczek wartet übrigens auf Ihren Besuch.

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David ist mit seiner Schlagfertigkeit am Ende. Er kann nichts erwidern. FELDWEBEL KLEIBER (cont‘d) Na gut. Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berg gehen. DAVID Und ich muss jetzt zur Arbeit. FELDWEBEL KLEIBER (o.s.) Sie arbeiten schon wieder? DAVID Wiederhören. David legt auf und schaltet das Handy aus. Er ist aufgewühlt und läuft auf das Gebäude der Rettungswache zu. FELIX Alles in Ordnung? Davids Gesicht ist verkrampft. Er streckt Felix nur im Gehen den Daumen entgegen, als Zeichen dafür, dass alles gut ist.

50. DORFKNEIPE INNEN – NACHT [EINGEFÜGT] FELIX Wenn die scheiß Motorradfahrer ihre Fleischfetzen selbst zusammenkratzen müssten, würden die sich nicht mehr auf ihre Bikes setzen. David und drei andere Kollegen lachen. Sie sitzen erschöpft und betrunken in einer Dorfkneipe vor ihrem Bier. Außer ihnen befindet sich dort nur noch ein übermüdeter Wirt, der mit ihnen säuft. DAVID Ne, genau deswegen setzen die sich auf ihre Kisten. Die wollen sich selbst kaputt machen und es allen zeigen. Das Schlachtfeld ist ihre Message! Die Kollegen sehen David, verwundert über das eben Gesagte, an. FELIX

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Und die heißt? DAVID Ich bin ein kleiner dummer Amateurwichser, zu nichts mehr zu gebrauchen und ihr könnt mich alle mal am Arsch lecken! Die Kollegen grölen vor Lachen. KOLLEGE 1 Hast Dich ja doch nicht verändert! DAVID Hat das jemand behauptet? Es wird still, alle schauen verlegen weg. WIRT Auf unseren Helden! Sie stoßen gratulierend an (ad lib.). KOLLEGE 2 Wie hast Du eigentlich Deinen Attentäter verscheucht? FELIX Er hat gesagt, er soll die Sauerei nachher selber wegmachen! Die Kollegen grölen wieder vor Lachen. DAVID Ne. Ich hab gesagt: Melgäro Mellatuna, dreesch, ka ne se dasee... David muss lachen. DAVID (cont’d) ...kawum! Die Kollegen und der Wirt brechen in schallendes Gelächter aus. David trinkt sein Bier in einem Zug leer. KOLLEGE 2 Und was heißt das Geschwätz? DAVID

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Vereinte Nationen, stopp oder ich scheiße. Wieder lachen alle. WIRT Ich hol Dir noch eins. DAVID Ne, ich darf nicht so viel saufen, sonst krieg ich ein Trauma. WIRT Von was? DAVID Vom scheißenden David. Die Kollegen und der Wirt brechen wieder in schallendes Gelächter aus. Nur Felix sieht David aufmerksam an.

39. DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG INNEN – TAG David schubst Benni brutal im Wohnzimmer. Benni greift nach Davids Handgelenk, bekommt es gerade noch zu fassen, zieht sich an David ran, dreht sich, bringt David so zu Fall und drückt ihn auf einen Haufen ausgebreiteter Kissen auf dem Fußboden. Er setzt sich auf ihn mit den Knien auf seinen Händen und will ihm gerade mit dem Ellbogen ins Gesicht schlagen. DAVID Du hast was vergessen. Benni ist enttäuscht. DAVID (cont‘d) Halt mit einer Hand meine Haare fest, sonst kann ich Dir eins mit der Rübe überziehen. Benni nickt bedrückt. DAVID (cont‘d) Was ist, Rocky? Klappt doch schon super! Benni zuckt mit den Schultern.

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BENNI Ich hab trotzdem noch Angst. DAVID Brauchst Du nicht. BENNI Und wenn ich wieder auf die Brücke muss... DAVID Musst Du nicht. Wenn Du einen von denen mal fertig machst, lassen die Dich für immer in Ruhe. Schwör ich Dir. Benni nickt. Er geht von David runter. BENNI Hast Du noch nie Angst gehabt? DAVID Klar. Bis ich sechs war oder so. Vor Höhe, Dunkelheit... Wie Du. BENNI Aber ich bin schon acht. DAVID Und in Afghanistan. Manchmal. David hilft Benni auf, geht mit ihm zu seinem Laptop und startet einen kurzen Film, den er mit dem Handy aufgenommen hat. Benni sieht sich den Film gefesselt an. In der Dunkelheit ist nicht viel zu erkennen, hauptsächlich Stiefel auf staubiger Straße in Taschenlampenlicht. Kanister, Gewehre, Waffenkoffer und Munition werden von beunruhigten Soldaten in eine Richtung getragen. Gedämpft sind aufgeregte Stimmen und Befehle zu hören. DAVID (cont‘d) Da hatte ich zum Beispiel Schiss. Da haben wir ‘nen Zugriff vorbereitet... Irgendwie war es aber auch geil. Benni sieht den nervös gewordenen David mit großen Augen an, der auf den Bildschirm starrt. Die Wohnungstüre ist zu hören. David drückt eine Taste, um den Film zu schließen, aber der Laptop reagiert nicht. David wird aggressiv und hämmert auf der Tastatur herum.

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DAVID (cont‘d) Scheiß Teil! Benni beobachtet David verunsichert. Kirsten betritt fröhlich das Wohnzimmer mit vollen Einkaufstaschen. David klappt rabiat den Laptop zu. KIRSTEN Hallo, ihr zwei! Geht es Euch gut? Davids Laune ist wie ausgewechselt. DAVID Geht es uns gut, Benni? Benni versucht, Davids Tonfall zu imitieren. BENNI Klar. Kirsten gibt David einen Kuss und streicht Benni über den Kopf. KIRSTEN Willst Du mit uns essen? DAVID Ne, ich bring ihn jetzt nach Hause. Komm! David zieht Benni aus der Wohnung.

40. STRASSE IM DORF, VOR INGES HAUS AUSSEN – TAG Die Sonne steht tief. Benni und David laufen Hand in Hand auf Inges Haus zu. DAVID Wie findest Du mich eigentlich? BENNI Toll. DAVID

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Und nicht noch was Schlechtes? Benni sieht David an und schüttelt den Kopf. BENNI Du bist der beste Halbbruder der Welt. DAVID Soso. David lacht und nimmt Benni auf seine Schultern. David tritt ans Küchenfenster. DAVID (flüsternd) (cont‘d) Klopf mal. Benni duckt sich ein wenig und klopft. Inge schreit auf und tritt ans Fenster. David und Benni lachen. INGE Um Gottes Willen, habt Ihr mich erschreckt! Bist Du aber gewachsen! DAVID Benni ist der Größte! Benni lächelt stolz, David lässt ihn ab. DAVID (cont‘d) Ciao, bis morgen, halb Vier. BENNI Ciao. Mit einem eingeübten Handschlag verabschieden sie sich. Reiner tritt ans Fenster. REINER (bemüht anerkennend) Ah! Der Held auf ganzer Linie! DAVID (gehässig) Ah! Der rasende Reporter! David will gehen.

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REINER Hat Dir der Artikel nicht gefallen? DAVID Du hättest Dir die Infos von mir holen sollen. REINER Wieso? Hat was nicht gestimmt? DAVID Nein. Ciao. David geht.

41. DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG INNEN – TAG David und Kirsten sitzen an einem feierlich gedeckten Tisch. Kirsten isst, während David im Essen rumstochert. KIRSTEN Ich habe Dich in letzter Zeit ein bisschen bedrängt, hm? David grinst. DAVID Hast Du doch schon immer. Du tust nur so, als sei ich ohne Eier zurück-gekommen. KIRSTEN Ach, David! Kirsten lacht. Sie steht auf, geht zu David und schmiegt sich auf seinen Schoß. KIRSTEN (cont‘d) Du hast doch da unten mehr Eier gezeigt als alle anderen. David lächelt. Kirsten küsst David vorsichtig, als müsse sie es ihm neu beibringen. Er lässt es zu. Ganz vorsichtig schiebt er seine Hand unter ihr T-Shirt. Zum ersten Mal seit seiner Rückkehr streichelt und küsst David Kirsten zärtlich. Es klingelt. Sofort ist die intime Stimmung kaputt. Kirsten stöhnt.

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KIRSTEN (cont‘d) Die hab ich ganz vergessen! Da hat sich heute eine Psychologin angemeldet von der Bundeswehr. Polschek oder so. Weil Du es verpennt hast, zu irgendeinem Seminar zu gehen. Davids Gesicht verfinstert sich. Er springt auf. DAVID Ich mach auf. Kirsten bleibt im Wohnzimmer zurück. David öffnet die Türe und Frau Poloczek steigt ihm mit einem bemühten Lächeln durchs Treppenhaus entgegen. Sie ist jung, blass und unauffällig gekleidet. FRAU POLOCZEK Ich habe angerufen. Ich hoffe, ich störe nicht. Frau Poloczek streckt David die Hand hin. Er nimmt sie nicht. DAVID Zu wem wollen Sie denn? FRAU POLOCZEK Zu Ihnen. Zu David Kleinschmidt. DAVID Kenn ich nicht. FRAU POLOCZEK Herr Kleinschmidt, bitte. DAVID Na gut. Rein mit Ihnen. FRAU POLOCZEK Danke. Frau Poloczek huscht in die Wohnung. Kirsten nickt ihr freundlich zu und zieht sich ins Schlafzimmer zurück. KIRSTEN Hallo.

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FRAU POLOCZEK Guten Abend. David geleitet Frau Poloczek ins Wohnzimmer. DAVID Sie haben uns beim Knutschen gestört. FRAU POLOCZEK Das tut mir Leid. - Herr Kleinschmidt, Sie waren nicht beim Rückkehrerseminar. DAVID Weil ich Sie lieber privat treffen wollte. Frau Poloczek fasst Mut und wird sachlich. FRAU POLOCZEK Herr Hauptfeldwebel Kleiber hat mich geschickt. Ich hatte Einsicht in Ihre Akten und weiß, wie sich Ihr Fall tatsächlich zugetragen hat. David wird unruhig. DAVID Muss ja spannend gewesen sein. FRAU POLOCZEK Ja, war es. David nähert sich Frau Poloczek. Sie wird nervös. DAVID Sie haben heute weniger Mundgeruch als sonst. David gibt ihr einen dicken schmatzenden Kuss auf den Mund und grinst. DAVID (cont‘d) Im Auftrag von Hauptfeldwebel Kleiber: Kleiner Zugriff. Frau Poloczek wehrt sich unbeholfen. FRAU POLOCZEK Sie müssen jetzt nicht den großen Macker spielen. Ich weiß, dass Sie seit dem

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Vorfall Bettnässer sind. DAVID Was labern Sie denn für eine Scheiße? FRAU POLOCZEK Ich biete Ihnen eine Therapie an. DAVID Brauch ich nicht. FRAU POLOCZEK Dann müssen Sie Ihr Problem mit sich selbst ausmachen, ohne weiteres öffentliches Aufsehen zu erregen. Ansonsten werden Sie massive Probleme bekommen. David ist tatsächlich verunsichert, mimt aber weiterhin den Starken. Kirsten erscheint im Türrahmen. DAVID Welche denn? Dass Sie mir wieder auf die Pelle rücken? FRAU POLOCZEK Zum Beispiel. Und wenn Sie dann nicht reagieren, dass man aus ihrem Verhalten Konsequenzen zieht. DAVID (ironisch) Sie können ja richtig drohen! David schüttelt sich kurz und gibt dazu bibbernde Geräusche von sich, als zittere er vor Angst. Dann lacht er. FRAU POLOCZEK Das Gespräch hat keinen Zweck, wenn Sie keine Bereitschaft zeigen. DAVID Ganz genau. FRAU POLOCZEK Überlegen Sie es sich gut, David. Wiedersehen. Frau Poloczek geht zur Wohnungstür. Kirsten, irritiert vom Geschehen, begleitet sie. Währenddessen irrt David im Wohnzimmer hin und her, kratzt sich an Bennis Bisswunde und beobachtet Kirsten mit finsterem Blick.

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KIRSTEN Entschuldigung. Frau Poloczek reicht Kirsten eine Visitenkarte. FRAU POLOCZEK Wenn was sein sollte, können Sie hier rund um die Uhr jemanden erreichen. KIRSTEN Mhm. Danke. FRAU POLOCZEK Einen schönen Abend noch. Wiedersehen. KIRSTEN Danke, Wiedersehen. Kirsten schließt hinter Frau Poloczek die Tür und steckt die Karte in ihren Geldbeutel. Dann geht sie ins Wohnzimmer, wo David sich aufgewühlt weiterhin kratzt. KIRSTEN (sauer) (cont‘d) Was sollte die Nummer denn jetzt? DAVID Die nervt. KIRSTEN Du auch. Kirsten setzt sich genervt an den Tisch und isst. KIRSTEN (cont‘d) Ist noch warm. David verlässt die Wohnung.

42. BADESEE IM SCHWARZWALD AUSSEN – ABENDDÄMMERUNG Ein Stein knallt gegen eine Boje. Die Sonne ist gerade untergegangen.

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Der Himmel leuchtet in einem blassgrauen Blau. David steht alleine am See an derselben Stelle, an der er mit Kirsten baden war und lässt mit voller Kraft flache Steine über die Wasseroberfläche schlittern. Dabei trifft er jedes Mal eine Boje. Als er keine Steine mehr in der Hand hat, bückt er sich nach neuen. Obwohl die Sonne schon untergegangen ist, sieht er neben sich einen Schatten auf dem Boden, der für ihn zu klein ist und auch nicht seiner Statur entspricht. David schaut auf. Wenige Meter neben ihm sammelt ein kleiner afghanischer Junge Kieselsteine. Es ist der Junge, den David schon oft gesehen hat. Er sieht auf und lächelt David an. David schaut sich Hilfe suchend um. Beim nächsten Hinsehen ist der Junge verschwunden. David ist ratlos und verzweifelt.

43. DAVIDS UND KIRSTENS GARTEN AUSSEN – NACHT Eine Motorsäge wird gestartet. David steht im Garten und sägt vor dem leeren Zimmer die Äste ab, die das penetrante Klopfen verursacht haben. Der Stecker wird gezogen. Kirsten steht im Negligé auf der Terrasse und sieht David fassungslos an. David stöhnt, geht auf sie zu, schiebt sie beiseite und steckt den Stecker wieder rein. Kirsten lässt es mit unterdrückter Spannung geschehen. DAVID Die stören mich beim Schlafen. David startet die Motorsäge. Sofort wird der Stecker erneut gezogen. KIRSTEN Mein Opa war auch jahrelang im Krieg. Und der ist nie so abgegangen. DAVID Damals gab es auch noch keine Psychologen. KIRSTEN Die will Dir doch nur helfen. DAVID Einen Scheiß wollen die! KIRSTEN Aha. Und ich? DAVID Du willst nur mal wieder richtig gefickt werden!

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KIRSTEN Die Hoffnung hab ich aufgegeben! David geht mit der Säge in der Hand auf Kirsten zu, setzt sie dann ab und versucht wieder an den Stecker zu kommen. DAVID Lass mich sofort da ran oder es knallt. KIRSTEN Du kannst Dir Deine Drohungen in den Arsch schieben. David packt Kirsten. Ihrer Angst trotzend, sieht sie ihn an. Für einen Moment wirkt es, als wolle David Kirsten schlagen. Dann küsst er sie gierig und drückt sie auf den Boden. Er knutscht wahllos ihr Gesicht ab und fasst ihr unter das Negligé. KIRSTEN (cont‘d) Nicht so grob, David. David schiebt ihr die Unterhose runter und dringt in sie ein. Grob schläft er mit ihr. Sobald sie etwas sagen will, fährt er ihr mit Küssen über den Mund. David hat die Augen fest geschlossen, strengt sich an und schwitzt. Kirsten lässt es geschehen. Es dauert nicht lang, da stöhnt David auf und geht schweißnass von ihr runter. Kirsten bleibt reglos liegen, den Blick von ihm abgewandt. David steht auf und sieht sie verzweifelt an. DAVID (unsicher) Bist Du jetzt zufrieden? Kirsten schüttelt leicht den Kopf. KIRSTEN Du? David geht ins Haus.

44. DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG / BADEZIMMER INNEN – NACHT David lässt mit geschlossenen Augen den vor Hitze dampfenden Duschstrahl auf

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sich prasseln. 45. DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG INNEN – NACHT David kommt in Unterwäsche ins Schlafzimmer, er ist immer noch gereizt. Kirsten bezieht in einem frischen Nachthemd eifrig die Betten neu. Sie hat geweint und spricht leise und ernst. Es fällt ihr schwer, David anzusehen. KIRSTEN Ich weiß, ich muss auch irgendwas ändern. Aber dafür musst Du mir mehr erzählen. DAVID Was denn? KIRSTEN Wie alles war. DAVID Du willst es doch gar nicht hören. KIRSTEN Doch. Will ich. DAVID Du willst nicht hören, dass ich den Jungen nur abgeknallt hab, weil ich gerade mal Bock drauf hatte. KIRSTEN (irritiert) Welchen Jungen? DAVID (ernst) Der hier jede Nacht auf meiner Bettkante hockt. KIRSTEN Verarsch mich nicht. DAVID Du verarschst Dich doch selber. Du willst überhaupt nichts hören. KIRSTEN Jedenfalls keinen Schwachsinn.

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Kirsten schmeißt David sein Messer vor die Füße, das sie die ganze Zeit versteckt in der Hand gehalten hat. KIRSTEN (cont‘d) Tu was dagegen. DAVID Wogegen? KIRSTEN Dass Du so ein Arschloch bist. David starrt auf das Messer. Dann zieht er sich etwas an und steckt das Messer ein. Kirsten beobachtet David ängstlich. KIRSTEN (cont‘d) Wohin gehst Du? David läuft aus der Wohnung, packt seinen Laptop und schmeißt die Tür hinter sich zu. Hinter sich hört er eine Zimmertüre knallen.

46. LANDSTRASSE AUSSEN – NACHT David läuft aufgebracht die Landstraße entlang und boxt dabei regelmäßig heftig gegen die Leitplanke, so dass es schmerzen muss.

47. DAVIDS WOHNUNG UND DAVOR INNEN, AUSSEN – NACHT David gibt der schmalen Matratze, die an der Wand lehnt, einen Schubs, so dass sie auf den Boden fällt. Den Fernseher rückt er parallel zum Kopfende. Dann leert er einen Umzugskarton aus, aus dem alte Videokassetten, Zeitungsausschnitte über den ISAF-Einsatz in Afghanistan und anderer Kruscht fällt, reißt ihn in große Stücke und heftet die Pappe blickdicht in die Fensterrahmen. Dabei sieht er etwas Großes auf dem Hof vor dem Haus liegen. Er verlässt die Wohnung und geht die Treppe runter, ohne das Unbekannte aus den Augen zu lassen. Als er sich nähert, sieht er, dass es der afghanische Junge ist, der leblos und verrenkt daliegt. David will auf ihn zu rennen, wird aber von hinten von mehreren Soldaten in Einsatzmontur brutal zurückgehalten. David schreit, aber sein

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Schrei ist nicht zu hören. Er schlägt verzweifelt um sich und findet sich plötzlich in der geöffneten Wohnungstür, nach draußen starrend. Sein Atem geht flach und schnell. Er schließt die Türe mehrmals ab, setzt sich auf seine Matratze, zieht sein Klappmesser aus der Hosentasche und pult damit Bennis Bisswunde auf. Dabei beruhigt sich sein Atem. Als die Wunde offen ist, steht er auf und geht auf den Kleinkram zu, den er aus der Kiste geleert hat. Daraus greift er eine Videokassette und legt sie ein. Ein Zeichentrickfilm, der aus Davids Kinderzeiten stammt, beginnt. David legt sich wie ein kleiner Junge davor und dämmert vor sich hin. 48. DAVIDS WOHNUNG INNEN – NACHT Gestrichen.

49. LANDSTRASSE AUSSEN – NACHT Gestrichen.

50. DORFKNEIPE INNEN – NACHT Verschoben vor Szene 39.

51. DAVIDS WOHNUNG INNEN – NACHT Gestrichen.

52. DAVIDS WOHNUNG INNEN – TAG Gestrichen.

53. INGES GARTEN AUSSEN – TAG

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Gestrichen. 54. FORSTWEG HINTER DER ORTSAUSFAHRT AUSSEN – TAG Gestrichen.

55. INGES GARTEN AUSSEN – TAG Gestrichen.

56. VOR UND IN DAVIDS WOHNUNG AUSSEN, INNEN – TAG Die Pappen liegen neben den Fenstern. Frisch geduscht und in ziviler Kleidung macht David sein Bett nach Bundeswehrvorschrift. Im Hintergrund läuft der Zeichentrickfilm. Mit seinen müden Augen sieht David auf eine Uhr, die Fünf nach Vier anzeigt und fummelt unruhig unter dem Verband an Bennis Bisswunde rum. Es klopft. DAVID Ist offen. Benni betritt aufgeregt und strahlend die Wohnung. David versucht, möglichst munter zu wirken. BENNI Hi. DAVID Weißt du, wieviel Uhr es ist? BENNI Nein. DAVID Zehn nach Vier. Und wann waren wir verabredet? BENNI Um halb Vier.

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DAVID Ganz genau. Gute Freunde lässt man nicht warten. BENNI Entschuldigung, David. Ich bin erst in Deine neue Wohnung... Außerdem hab ich es den Arschlöchern voll gezeigt! Den Kalli hab ich K.O. geschlagen. Und die sind alle vor mir weggerannt. David zeigt sich extra nicht beeindruckt. DAVID Soso. Dann haben wir ja alles erreicht. BENNI Gehen wir trainieren? DAVID Zu spät. Ich will jetzt den Film sehen. David setzt sich auf die Matratze vor den Fernseher, Benni hockt sich daneben. Ein paar Momente sehen sie den Film. David lacht ab und zu laut auf, während Benni sich langweilt. Benni bleibt noch einen Augenblick sitzen. Dann steht er auf und verlässt die Wohnung. BENNI Den kenn ich schon. Tschüss. DAVID Pech gehabt. Ciao. Sobald Benni die Wohnung verlassen hat, springt David auf, rennt ins Bad, kramt eine Streichholzschachtel aus der Badewannenverkleidung und rennt auf den Treppenabsatz. DAVID (cont‘d) Okay, okay, Bruder! Ich hab was für Dich. Benni kommt zurück. Sie gehen zusammen in die Wohnung und setzen sich auf die Matratze. David überreicht Benni die Streichholzschachtel. DAVID (cont‘d) Deine Belohnung.

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Benni strahlt und schiebt die Schachtel auf. Darin liegt ein Schlangenzahn. DAVID (cont‘d) Ist von ‘ner Kobra. Hab ich ihr bei lebendigem Leib rausgebrochen. BENNI Die Arme! DAVID Das ist ein Tier und kein Mensch. Heulsuse! BENNI Weiß ich doch. Mit Menschen macht man so was Ekliges eh nicht. DAVID Doch, wenn einer zum anderen richtig böse war, dann macht man noch viel Ekligeres. David tippt auf ein Zeitungsfoto auf dem Fußboden, auf dem Gefangene mit Säcken über den Köpfen in einem von Stacheldraht eingegrenzten Areal knien. DAVID (cont‘d) Würdest Du auch tun. Enduring Freedom. BENNI Nein. DAVID Wollen wir wetten? BENNI Um was? DAVID Um Deine Ehre. Sie geben sich die Hand. Benni strahlt vor Stolz. DAVID (cont‘d) Ist eh alles nur ein Spiel.

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57. WALD AUSSEN – TAG David sitzt auf einem Baumstamm und zieht sich eine Einkaufstasche aus Stoff über den Kopf. Die Henkel reicht er Benni, der verkrampft vor ihm steht. DAVID Bind zu. Benni nimmt vorsichtig die Henkel und bindet sie sanft vorne an Davids Hals zu. DAVID (cont‘d) Fester. Benni schnürt die Henkel zögerlich fester. David japst und hechelt übertrieben, als würde er ersticken. Das bringt Benni zum Lachen und lockert seine Anspannung. David steht impulsiv auf und klatscht in die Hände, als ginge es zu einer tollen Unternehmung. DAVID (cont‘d) Auf geht’s! Ich mach alles, was Du sagst. Benni ist verunsichert und vorsichtig. BENNI Also, wenn Du jetzt einen Schritt vor machst, dann musst Du aufpassen, da liegt ein Ast. DAVID Ach komm, Benni, das ist doch langweilig. David dreht sich von Benni weg und marschiert mutig in den Wald hinein. Benni folgt ihm nur zögerlich. Als er aber sieht, wie David Sprünge und andere Faxen macht, bekommt er Mut und rennt ihm hinterher. BENNI Stopp! Warte! David gehorcht. Bennis Tonfall bekommt etwas Befehlendes. BENNI (cont‘d) Geradeaus.

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David marschiert. Plötzlich bleibt er an einer Wurzel hängen und fällt der Länge nach hin. Benni erschrickt und will gerade hinrennen. David quietscht aber wie ein Komiker, rappelt sich auch mit witzigen Bewegungen auf und läuft wie ferngesteuert weiter. Benni lacht. BENNI (cont‘d) Rechts rum! David macht eine Drehung nach rechts und läuft weiter. BENNI (cont‘d) Schneller. David läuft schneller. Er lacht dabei. Benni gibt Acht, dass David nicht gegen einen Baum rennt. BENNI (cont‘d) Ein bisschen rechts... äh, links, links. Der Wald wird dichter und David läuft von sich aus schneller. Benni hat Mühe hinterherzukommen. BENNI (cont‘d) Warte! David rennt direkt auf einen Baum zu. Benni bleibt vor Spannung stehen. BENNI (cont‘d) Baum! David knallt gegen den Baum und fällt. Benni rennt zu ihm. Aber David lacht schon wieder und steht auf. DAVID (lachend) Sauwitzig! Ohne dass Benni etwas sagt, rennt David weiter, Benni rennt streckenweise hinterher, hat aber nicht genügend Ausdauer und bleibt zwischendurch stehen. David rennt wieder gegen einen Baum und quietscht, steht sofort wieder auf und rennt weiter gegen den nächsten Baum. Es sieht so witzig aus, dass Benni lachend stehen bleibt. Mit vollem Karacho rennt David auf einen dicken Baum zu, knallt dagegen, so dass es kracht und bleibt liegen. Benni lacht sich kaputt. Als David sich jedoch nicht rührt, rennt er auf ihn zu.

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BENNI David? Benni erreicht David. Durch die Tasche sickert Blut. Benni erschrickt. BENNI (cont‘d) David! David richtet sich langsam auf. DAVID Geiles Spiel! David zieht grinsend die Tasche vom Kopf. Er blutet an der Stirn und aus der Nase. Benni ist schockiert. DAVID (cont‘d) Tut nicht weh. Das gehört dazu. David tupft sich mit der Tasche das Blut ein wenig ab. DAVID (cont‘d) Was ‘ne Sauerei! Er lacht, so dass Benni auch mitlacht. Er streckt seine Hand nach Benni aus. DAVID (cont‘d) Hilf mir mal hoch, Bruder. Benni hilft David hoch. Sie gehen ein paar Schritte, dann nimmt David Benni auf die Schultern. DAVID (cont‘d) Alles klar da oben? BENNI Alles klar!

58. VOR INGES HAUS AUSSEN – ABEND

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Inge öffnet die Türe. Als sie David sieht, erschrickt sie. INGE Himmel! David! DAVID Ist nicht schlimm, Mudder, bin dumm gefallen. Sofort schaut Inge Benni an, der sie anlächelt. INGE Aber Dir geht es gut. BENNI (überzeugt) Ja. DAVID Ciao, bis morgen halb Vier. BENNI Ciao. INGE Ich würde sagen, morgen macht ihr erst mal Pause! Muss das nicht genäht werden? DAVID Amputiert. Reiner kommt dazu, ein Schinkenbrot kauend. REINER Wo kommt Ihr denn her? DAVID Wir haben trainiert. REINER Im Schlachthof? DAVID Genau. REINER Siehst ja mörderisch aus. - Mein Chef hat gefragt, ob Du Lust auf ein

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Interview hast. DAVID Vergiss es! David geht. Reiner nagt an seinem Schinkenbrot.

59. LANDSTRASSE AUSSEN – ABEND Gestrichen.

60. VOR DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG, TREPPENHAUS AUSSEN, INNEN – NACHT David steht vor Kirstens Wohnung, zieht sich das schmierige Blut aus der Nase und säubert sich mit Spucke und dem T-Shirt seine Oberlippe. Dann drückt er die Herzklingel. Wie beim ersten Mal stemmt er sich gegen die Eingangstür, muss aber lange warten, bis geöffnet wird. Kirsten steckt nur den Kopf durch die Wohnungstür. DAVID Hi. KIRSTEN Wie siehst Du denn aus? DAVID Bin dumm gefallen. Kirsten reißt sich zusammen. KIRSTEN Aha... DAVID Ich wollte mich mal entschuldigen. Kirsten überlegt kurz. KIRSTEN Wofür?

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DAVID Was soll denn die scheiß Frage? KIRSTEN Ich will wissen, für was Du Dich entschuldigst. DAVID Für alles halt. Das ist ‘ne Pauschalentschuldigung! Felix erscheint hinter Kirsten in der Tür. David fängt an zu zittern. DAVID (cont‘d) Was macht der denn hier? FELIX Ich wollte Dich besuchen. Ich wusste nicht, dass Du weg bist. DAVID Kannst gleich einziehen. FELIX Was? David gerät außer sich. DAVID Ihr habt‘s doch schon gemacht, als ich weg war! KIRSTEN Spinnst Du? David atmet flach. Er versucht, in die Wohnung einzudringen, Felix hält ihn davon ab. DAVID Lass mich rein! FELIX David, mach mal locker! Ich bin echt nur hier... David schlägt ziellos und verzweifelt um sich. Kirsten wird ängstlich.

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FELIX (cont‘d) David, hör doch mal zu! DAVID Finger weg! Weg! Felix drückt mit aller Kraft die Türe zu. David schlägt fest dagegen, stürzt aus dem Haus und rennt auf die Straße.

61. VOR DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG, LANDSTRASSE AUSSEN – ABENDDÄMMERUNG Gestrichen.

62. WALD AUSSEN – NACHT David rennt ungebremst in den Wald wie ein Gejagter. Er schlägt sich Wege durch das Unterholz wie ein gehetztes Tier. Als er hinfällt und sich verletzt, rappelt er sich sofort auf und rennt weiter, bis ihm Kraft und Atem ausgehen und er ununterbrochen droht zu fallen. Sein Schritt verlangsamt sich. Sein Atem beruhigt sich. Ungläubig sieht er sich um.

63. VOR INGES HAUS AUSSEN – NACHT David steht vor Inges Haus. Er schaut in die Richtung, aus der er gekommen ist, und sieht die bekannte Wohnstraße. Der Weg bis zu Inges Haus ist nicht nachvollziehbar. In Bennis Zimmer brennt Licht. Benni steht mit gesenktem Kopf neben seinem Bett, das Inge frisch bezieht. David beobachtet sie und packt sein Messer weg, bis Inge das Zimmer verlässt. Das Licht brennt weiterhin. David wirft einen Stein an Bennis Fensterscheibe. Benni schleicht verängstigt ans Fenster. DAVID (leise rufend) Benni! Benni öffnet das Fenster. Er ist erleichtert, als er David sieht. Die Wunden scheint er gar nicht wahrzunehmen.

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DAVID (cont‘d) Ich wollte Dir nur Gute Nacht sagen. Benni nickt beruhigt. DAVID (cont‘d) Alles okay? BENNI Ja. Benni zieht unter seinem Schlafhemd den Kobrazahn vor, der an einem Lederbändchen hängt. BENNI (cont‘d) Guck mal, hat die Mama gemacht. Aber die hat den Zahn ganz stumpf geschmirgelt. DAVID Sieht trotzdem hammermäßig aus! Kannst Du jetzt schlafen? BENNI Ja. DAVID Gute Nacht! BENNI Gute Nacht! David beobachtet sehnsüchtig, wie Benni sich hinlegt. Dann geht er.

64. DAVIDS WOHNUNG INNEN – NACHT An den Zimmerwänden flimmert blau das Licht des Fernsehers. Beruhigt dämmert David, wie ein Kind in einer Decke eingekuschelt, vor dem Zeichentrickfilm ohne Ton vor sich hin.

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65. DAVIDS WOHNUNG INNEN – TAG Ein Wecker Klingelt. Die Pappen sind vor die Fenster geheftet. David wacht auf und stellt ihn aus. Blut ist unter seiner Nase getrocknet, Schorf hat sich auf den Wunden in seinem Gesicht gebildet. Er setzt sich unter Schmerzen auf und schiebt sein T-Shirt hoch. An den Rippen hat er dunkle Blutergüsse, teilweise aufgeschürft. David greift nach seinem Handy und wählt. Während des Telefonates tastet er die Blutergüsse ab, wobei einer an den Rippen besonders zu schmerzen scheint. Die Wunde am Arm eitert. FELIX (o.s.) Felix Heiligtag. DAVID Ich bin es. FELIX (o.s.) Na? DAVID Ich kann heute nicht kommen. Mich hat es gestern beim Training total zerrissen. FELIX (o.s.) Hat man gesehen. Ich war übrigens wirklich nur bei Euch, weil... DAVID (unterbrechend) Ist mir egal. Geht es, dass ich nicht komme? FELIX (o.s.) Ja. - Brauchst Du irgendwie Hilfe? David zögert mit der Antwort. DAVID Nein. FELIX (o.s.) Ich kann nachher mal vorbeikommen. DAVID Ne. Ich will einfach mal Ruhe.

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FELIX (o.s.) Gut. Aber meld Dich, wenn was ist. Und danke, dass Du Bescheid gegeben hast. DAVID Ist klar. Ciao. David legt auf und macht sein Bett nach Bundeswehrvorschrift.

66. BUNDESWEHRKASERNE / PFORTE AUSSEN – TAG Davids Auto hält vor dem Kasernentor. Ein Pförtner öffnet das Fenster seines Häuschens. DAVID David Kleinschmidt. Ich möcht zum Hauptfeldwebel Kleiber. Der Pförtner gibt David ein Zeichen, dass er warten soll, und telefoniert. Als es David zu lange dauert, fährt er einfach auf das Gelände.

67. BUNDESWEHRKASERNE / FLUR, BÜRO INNEN – TAG Ohne zu klopfen, betritt David das Büro. Feldwebel Kleiber telefoniert. David ist nervös, aber willensstark. FELDWEBEL KLEIBER (leise) Er ist jetzt da. Ich melde mich dann. Kleiber legt auf und begrüßt David mit dem gewohnten Grinsen. FELDWEBEL KLEIBER (cont‘d) David. Was kann ich für Sie tun? DAVID Den Fall noch mal aufnehmen. Kleiber wird ernst.

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FELDWEBEL KLEIBER Setzen Sie sich doch erstmal. David bleibt fordernd stehen. FELDWEBEL KLEIBER (cont‘d) David, abgesehen davon, dass das nicht in meiner Macht liegt, sehen Sie nicht, dass wir Sie schützen wollen. DAVID Die Scheiße hab ich jetzt schon tausend Mal gehört. FELDWEBEL KLEIBER Setzen Sie sich doch bitte. David setzt sich. Kleiber steht auf und läuft im Zimmer hin und her. FELDWEBEL KLEIBER (cont‘d) Ich mache Ihnen ein Angebot: In Hamburg gibt es ein schönes Haus mit einem bezaubernden Garten. Dort kann man sich wunderbar erholen und die Leute da haben sich auf Probleme wie das Ihrige spezialisiert. DAVID Ich hab kein Problem. Kleiber lacht. FELDWEBEL KLEIBER Glauben Sie. - Manche Menschen erinnern sich anders an ein Ereignis, als es tatsächlich stattgefunden hat. Nämlich dann, wenn die Wahrheit sie zu sehr belastet. Kleiber übertönt David, indem er einfach weiter spricht. DAVID Was labern Sie denn? Ich erinner‘ mich an alles, was passiert ist und ich habe keinen Bock mehr, mir von Ihnen was anderes erzählen zu lassen! FELDWEBEL KLEIBER (gleichzeitig) Und Betroffene, die ihr Problem nicht erkennen, sollte man in dringenden Fällen, zum Beispiel wenn sie ihre Umwelt gefährden und zu ihrem eigenen Wohl, zwangseinweisen.

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David gibt auf. Er schweigt und wird vor Angst nervös. Kleiber beugt sich zu David unangenehm nah herunter. FELDWEBEL KLEIBER (cont‘d) Was haben Sie eigentlich für Verletzungen im Gesicht? DAVID (unsicher) Vom Fußballtraining. FELDWEBEL KLEIBER Interessant. David schweigt verschüchtert. Kleiber greift zum Telefon und sieht David eindringlich an. FELDWEBEL KLEIBER (cont‘d) Dann werde ich Ihre Bitte wohl mal weiterleiten. DAVID Nein, ist okay. FELDWEBEL KLEIBER Keine Wiederaufnahme? DAVID Nein. Kleiber stellt sich vor David und schüttelt ihm die Hand. FELDWEBEL KLEIBER Dann danke ich für Ihren Besuch! Überlegen Sie sich das mit Hamburg. Es ist, wie gesagt, ein gutes Haus. Wiedersehen! DAVID Wiedersehen! David beißt die Zähne zusammen und verlässt das Büro.

68. BUNDESWEHRKASERNE / PARKPLATZ AUSSEN – TAG David will sein Auto aufschließen. Seine Hände zittern vor Anspannung jedoch

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so sehr, dass er den Schlüssel nicht ins Schloss bekommt. Er schaut an der Gebäudefassade hoch und entdeckt hinter einem Fenster den telefonierenden Kleiber, der sich in dem Moment abwendet, in dem David hoch sieht.

69. DAVIDS WOHNUNG INNEN – TAG Gestrichen.

70. INGES GARTEN AUSSEN – TAG David betritt Inges Garten, wo Benni verzweifelt vor dem Kaninchengatter hin und her tigert. DAVID Großer! Hast du Lust, ‘ne Runde zu kicken? Benni sieht verheult auf und schüttelt den Kopf. David tritt näher und sieht, was los ist: Fridolin liegt blutend und schwer atmend im Hasengatter, den Verletzungen nach zu schließen, von einer Katze oder von einem Marder angegriffen. DAVID (cont‘d) Ach Du Scheiße! Ist die Mama nicht da? Benni schüttelt mit Tränen in den Augen den Kopf. BENNI Die ist beim Einkaufen. Benni schluchzt verzweifelt. BENNI (cont‘d) Du musst dem Fridolin helfen! DAVID Klar. Aber das kannst Du auch. David streicht Benni über den Kopf, geht zu einem Beet und holt einen dicken Stein, mit dem die Beete begrenzt sind. Er reicht ihn Benni, der ihn ängstlich ansieht.

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DAVID (cont‘d) Wenn wir den jetzt zum Tierarzt bringen, leidet der noch länger. Und wenn einer so am Arsch ist, will der nur noch seine Ruhe. Benni zögert. Dann nickt er und nimmt den Stein. Umständlich steigt er zu Fridolin ins Gatter. Er sieht David noch einmal fragend an, der ihm beruhigend zunickt. Benni holt zitternd aus und schlägt zu. Dann droht er, vor Traurigkeit zusammenzubrechen. David zieht ihn aus dem Gatter, nimmt ihn in den Arm und streichelt ihn tröstend. DAVID (cont‘d) Dem geht es jetzt gut. Glaub mir. Er nimmt Benni den Stein aus der Hand und wirft ihn in ein dichtes Gebüsch, während er Benni weiter streichelt. DAVID (cont‘d) Wir machen dem jetzt ein schönes Hasengrab, ja? Wie er es verdient hat. Benni winselt. BENNI Die Mama hat gesagt, ich darf nicht mehr mit Dir weg. David bedrückt die Information. DAVID Aber das ist eine Ausnahme. Das wird sie verstehen.

71. WALD AUSSEN – TAG David und Benni stehen in der Nähe des Spielplatzes vor einem kleinen, offenen Grab, in dem ein geschlossener Schuhkarton liegt. Beide haben die Hände gefaltet und den Kopf gesenkt. Benni weint leise. DAVID Du hast uns jeden Tag mit Deiner Heiterkeit erfreut. Dafür danken wir Dir, Fridolin. Wir werden Dich sehr vermissen. - Vater im Himmel, geheiligt werde Dein Name, gebenedeit sei die Frucht Deines Leibes. So wie der Leib von dem, der jetzt zu Dir in den Himmel auffährt. Dein Reich komme, Dein Wille geschehe. In Ewigkeit, Amen.

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BENNI Amen. David und Benni schmeißen beide eine Hand voll Erde auf den Schuhkarton. David schüttet das Grab zu. Benni hebt ein Wandkruzifix und eine ausge-buddelte Gartenblume auf.

72. EISDIELE AUSSEN – TAG Benni stochert im Hals eines fast leeren Eisbechers herum. Seine Augen sind gerötet, aber er weint nicht mehr. DAVID Willst Du noch eins? Benni zögert. David wendet sich an den Ober, dann an Benni. DAVID (cont‘d) Noch einen Eisclown für meinen großen Bruder! - Beim Leichenschmaus muss man so viel essen, bis man nicht mehr traurig ist. Benni nickt bedrückt. Ihm liegt sichtlich etwas auf der Seele. David beobachtet ihn geduldig, bis er spricht. BENNI Ich hab schon vorher gewusst, dass er gefressen wird. David wird aufmerksam. DAVID Woher? BENNI Ich hab es geträumt. David weiß nichts zu entgegnen. Benni muss weinen. BENNI (cont’d) Ich vermiss ihn so! Benni schluchzt.

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David rutscht mit dem Stuhl an ihn ran und nimmt ihn in den Arm. DAVID Ich auch. Ganz arg. Benni stottert vor lauter Weinen. BENNI Und ich hab... ich hab Angst, dass ich wieder... wieder ins Bett... David drückt Benni fester an sich. DAVID Das ist doch nicht schlimm, Benni. Willst Du heute bei mir schlafen? Benni nickt in Davids Arm. Das neue Eis wird gebracht. Der Ober erkennt die Lage und sagt nichts. David nickt ihm zu. Er nimmt den Löffel und füttert Benni.

73. VOR INGES HAUS AUSSEN – TAG REINER Du hättest wenigstens einen Zettel schreiben können! DAVID Wir mussten so schnell wie möglich zum Tierarzt. Da schreib ich doch keinen Zettel mehr... Es tut mir Leid. Reiner steht wütend in der Tür, Inge aufgelöst daneben. INGE Ist schon gut. Sie streichelt dem vor Traurigkeit erschöpften Benni den Kopf, der zwischen David und seinen Eltern steht. Sein Mund ist mit Eis verschmiert. INGE (cont‘d) Komm, wir waschen Dich mal. Inge verschwindet mit Benni im Haus. Reiner fixiert David.

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REINER Was machst Du eigentlich mit ihm? DAVID Ich trainiere ihn im Fußball. Deine Idee. Und ich kümmer mich, wenn Ihr keine Zeit habt. REINER Benni hat gestern ins Bett gemacht. Er ist launisch, seitdem er mit Dir unterwegs ist und frech. DAVID Der wird erwachsen. REINER Aber nicht so, wie ich mir das vorstelle. DAVID Zum Glück, sonst würde er so werden wie Du. In Reiner staut sich eine Wut an. Inge stößt zu ihnen. INGE Warum hast Du uns eigentlich nicht erzählt, dass Du bei Kirsten ausge-zogen bist? DAVID Geht Euch nichts an. INGE Ihr habt schlimm gestritten, hab ich gehört. DAVID So was interessiert Dich doch sonst nicht. Die Aussage trifft Inge sehr.

INGE Das stimmt nicht, David. Benni kommt dazwischen gerannt und trocknet sich das Gesicht ab.

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BENNI Darf ich heute bei David schlafen? REINER Nein. BENNI Ich muss aber. REINER Warum? BENNI Weil ich Angst habe bei Euch. Inge und Reiner sind für einen Augenblick sprachlos. Reiner gerät in Rage. REINER Du schläfst nicht bei ihm und Du trainierst nicht mehr mit ihm! Tränen steigen Benni vor Wut in die Augen. Er rennt zurück ins Haus. Inge wendet sich an David. INGE Was soll das heißen, dass ich mich nicht interessiere? DAVID Ihr habt doch keine Ahnung, wie es uns geht. REINER Natürlich seh ich, dass mein Sohn völlig durch den Wind ist, seitdem er bei Dir rumhängt. DAVID Und dass er jeden Tag von seinen Klassenkameraden verkloppt wurde? Und dass ich ihn aus der Scheiße geholt habe, weil Ihr nichts checkt? Inge ist sprachlos. REINER Erzähl keinen Schmarren!

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INGE Stimmt das? - Benni? Die Drei schweigen, bis Benni wieder angeschlichen kommt. INGE (cont‘d) Fühlst Du Dich bei David wohler als hier? Benni nickt. INGE (cont‘d) Und warum? BENNI Weil er mir Endorin Friedmen beibringt. Inge sieht David fragend an.

74. DAVIDS WOHNUNG INNEN – NACHT Die Pappen sind vor die Fenster geheftet. Benni sitzt in der ordentlichen Küche am Tisch vor einem sehr schönen gemalten Bild von Fridolin. David sieht ihm zu. BENNI Fertig. DAVID Toll! Da freut sich Fridolin im Rammlerhimmel. Benni nickt zufrieden. BENNI Schenk ich Dir. DAVID Oh! Danke! Das kommt gleich neben den Fußballgott. Jetzt aber Zähne putzen. BENNI Nein.

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DAVID (witzelnd) Doch. Deine Zähne liegen mir sehr am Herzen. BENNI Warum? David zieht den Verband hoch, unter dem die dicke, entzündete Wunde zu sehen ist. Benni schluckt. BENNI (cont‘d) Entschuldigung. DAVID Ach was! Steck es doch mal mit Deiner Mitleidstour. Immer wenn ich die sehe, muss ich an Dich denken. Ist doch schön. Benni lächelt gezwungen und geht mit David ins Bad.

75. DAVIDS WOHNUNG INNEN – NACHT Dicht aneinandergeschmiegt wie Tiere, die sich vor der Kälte schützen müssen, schlafen David und Benni. Über dem Bett hängt das Bild von Fridolin. Plötzlich schreckt Benni schweißgebadet auf, wovon auch David aufwacht. DAVID Hast Du wieder Albträume? BENNI Ja, ganz schlimme. DAVID Die verjagen wir jetzt. Komm. David steht auf und Benni wühlt sich aus dem Bett.

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76. WALD AUSSEN – NACHT Gestrichen.

77. VOR UND AUF DER STAHLBRÜCKE AUSSEN – NACHT David und Benni stehen nebeneinander auf der Stahlbrücke. Benni macht einen ängstlichen Eindruck. DAVID Wenn Du das schaffst, Benni, bist Du so mutig wie ich und wirst nie wieder Angst haben. David führt den verkrampften Benni ans Geländer. Benni löst sich zitternd von Davids Hand und klettert dann Stück für Stück am Geländer hoch. BENNI Ich seh nichts. DAVID Ich pass auf. Benni erreicht das Fußgeländer. Er sieht David an, der ihm ermutigend zunickt. DAVID (cont‘d) Weiter. Vergiss die Angst einfach. Benni klettert an einer diagonal verlaufenden Strebe auf den obersten Bogen der Brücke zu, der mehrere Meter über dem Brückenboden verläuft. Dabei konzentriert er sich so sehr, dass er David nicht mehr ansieht. Je höher Benni kommt, umso nervöser wird David. Da dreht David seinen Kopf zur Seite, als habe er schon etwas im Augenwinkel gesehen. Am Ende der Brücke entdeckt er den afghanischen Jungen, der ihn anlächelt und von einem Fuß auf den anderen tritt, als warte er auf eine Reaktion von David. Davids Atem wird flach. Er wendet sich angespannt ab und entfernt sich von der Brücke. Hinter ihm hat Benni den schwindelerregend hohen Scheitelpunkt des Bogens erreicht und richtet sich auf. Er brüllt mit zittriger Stimme. BENNI David!... David!

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David blickt starr geradeaus und beschleunigt seinen Gang. Benni klettert unvorsichtig eilig von der Brücke herunter. Einmal rutscht er aus, so dass er beinahe in die tödliche Tiefe stürzt. Er kann sich aber fangen und klettert danach genauso unvorsichtig weiter. Aufgebracht rennt er David hinterher. Der dreht sich plötzlich zu Benni um. DAVID Hau ab! Benni heftet sich an Davids Fersen. Ihm kommen die Tränen. David dreht sich erneut um. DAVID (cont‘d) Du sollst abhauen! David schubst Benni, so dass er fällt. Benni weint. Er rappelt sich auf, rennt David hinterher und greift ihn an. David wehrt sich und die beiden prügeln sich heftig. Dabei vergisst David für einen Moment, dass er kräftiger ist. Er packt Benni für einen Augenblick so fest, dass der laut aufschreit. Sofort hört David auf und ist wieder bei Sinnen. Er umarmt den völlig erschöpften Benni und drückt ihn fest an sich. Benni heult sich an Davids Schulter aus. DAVID (cont‘d) Sorry, Großer. Das war nur ein Spiel. Sch... Benni beruhigt sich ein wenig. Sein Körper ist erschlafft von der abfallenden Anspannung. David nimmt ihn auf die Schultern, trägt ihn und streichelt ihn dabei an den Beinen, was ihn selbst beruhigt. DAVID (cont‘d) Jetzt bist Du ein richtiger Held. Wie ich. Benni lächelt schwach.

78. IN DAVIDS AUTO, VOR BENNIS SCHULE INNEN – AUSSEN – TAG David stoppt sein Auto vor einer kleinen beschaulichen Grundschule. Benni sitzt angeschnallt auf der Rückbank und hält ein unangerührtes Nougatcremebrot in der Hand. Er wirkt bedrückt.

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DAVID Hast Du keinen Hunger? Benni schüttelt den Kopf, schnallt sich ab und öffnet die Autotür hinten. Er sieht David nicht an. DAVID (cont‘d) Ich hol Dich nach der Arbeit zum Fußball ab. BENNI (schüchtern) Ich muss für die Klassenarbeit lernen. Benni legt das Brot auf den Rücksitz, schließt die Tür und geht schnellen Schrittes auf das Gebäude zu, ohne sich noch mal nach David umzudrehen. David sieht ihm lange hinterher. Dann gibt er Gas.

79. RETTUNGSWAGEN INNEN – TAG David sitzt auf dem Beifahrersitz im Rettungswagen und zieht seine Weste aus. Am Steuer sitzt ein junger schmächtiger Sanitäter. DAVID Wenn du ‘ne eklige Wunde versorgst, denk dran, dass es nur kaputtes Fleisch ist, nicht an irgendwelche Schmerzen oder so was. Wer ‘ne Mitleidsnummer schiebt, kann nicht helfen. SANITÄTER Du warst als Sani in Afghanistan, oder? DAVID Ne, freiwillig verpflichtet nach dem Bund. Ich wollt da nicht nur Krankenschwester spielen. SANITÄTER Da würden mich keine zehn Pferde hinbringen. DAVID Ist auch nichts für Schlappschwänze. Ich würd sofort wieder hin. Eine Stimme über Funk meldet sich.

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STIMME ÜBER FUNK Dreiundsechzig, neunundsechzig? Der Sanitäter hebt ab. David beobachtet ihn. SANITÄTER Dreiundsechzig, neunundsechzig hört... Alles klar. Nein, machen wir noch... Ciao... Der Sanitäter legt auf und liest auf dem Bildschirm über Datenfunk weitere Informationen. Dann schaltet er das Martinshorn an, gibt Gas und wendet sich an David. SANITÄTER (cont‘d) Auf dem Waldspielplatz liegt kleiner Junge mit ‘ner schweren Kopfverletzung. David wird unruhig. DAVID Die Kurzen haben nur Scheiße im Kopf.

80. WALDSPIELPLATZ, WALD AUSSEN – TAG David springt mit dem Koffer in der Hand aus dem Rettungswagen, der ein paar Meter entfernt vom Spielplatz am Rand der Landstraße steht. Zielstrebig rennt er über den Platz in den Wald. Der Sanitäter eilt hinterher, kann aber kaum mit David Schritt halten. Zwischen den ersten Bäumen steht eine Traube von schockierter Jungs in Bennis Alter. David schubst sie zur Seite. DAVID Weg da!... Weg! David kämpft sich vor, bis er den Verletzten Jungen am Boden liegen sieht. Er hat eine Einkaufstasche über den Kopf gezogen. Blut sickert durch. David ist außer sich. DAVID (cont‘d) Hat jemand von Euch Benni angerührt? Die Jungs schütteln irritiert den Kopf. Der Sanitäter kommt hinzu und schnappt den ältesten Jungen.

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SANITÄTER (o.s.) Was ist passiert? ÄLTESTER JUNGE (weinerlich, o.s.) Wir wollten eine Mutprobe machen. Also der Benni wollte das. Und der ist... losgerannt, immer schneller. Erst hat der Benni gesagt, wohin... Und dann, ist er, ist er aber gegen den Baum... Und ich hab... hab dann die Feuerwehr gerufen. Während sich der Sanitäter mit dem ältesten Jungen unterhält, beugt David sich herunter zu dem verletzten Jungen und zieht die Einkaufstasche vom Kopf. Es ist derjenige, der Benni am meisten schikaniert hat. Er hat eine klaffende Platzwunde an der Stirn, Blut sickert aus den Ohren. Davids Blick erstarrt auf dem Kopf des verletzten Jungen. Seine Ohren werden taub für das Gespräch im Hintergrund. Er fängt an, zu schwitzen und zu zittern. SANITÄTER Willst Du eine Infusion legen? David sieht den Sanitäter mit leerem Blick an, scheint ihn aber gar nicht wahrzunehmen. Er dreht sich weg und geht. Der Sanitäter läuft ihm hinterher. SANITÄTER (cont‘d) Hey, David! Was soll ich denn machen? - Holst Du Hilfe? David reagiert nicht und geht weiter. Der Sanitäter hüpft unentschieden hin und her, bis er schließlich zurück zum verletzten Jungen rennt. SANITÄTER (cont‘d) Blödmann! Wie gelähmt, verlässt David den Spielplatz. Ein Hubschrauber ist zu hören.

81. DAVIDS WOHNUNG INNEN – TAG Vor den Fenstern klemmen die Pappen. Nur durch die Ritzen dringt grelles Tageslicht. In Einsatzklamotten sitzt David auf seinem nach Bundeswehr-vorschrift gemachten Bett und reißt sich den eitrigen Schorf von seiner Wunde am Arm. Es klopft.

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FELIX (o.s.) David? David reagiert nicht. Felix tritt ein und geht auf David zu, der ihn nicht wahrzunehmen scheint. FELIX (cont‘d) David. David reagiert immer noch nicht. Felix kniet direkt vor ihm nieder und schüttelt ihn. FELIX (cont‘d) Hey. DAVID (ruhig) Du kannst wieder gehen. Felix lässt von David ab, bleibt aber vor ihm knien. FELIX Was ging denn vorhin mit Dir ab? David reagiert wieder nicht. FELIX (cont‘d) David? DAVID Du kannst wieder gehen. FELIX Ich lass Dich gleich in Ruhe. Ich muss Dir nur leider sagen, dass ich Dich rausschmeißen muss. David reagiert wieder nicht sofort, dann greift er völlig unemotional Felix an. DAVID Du fickst meine Freundin, Du nimmst mir den Job. Was willst Du denn noch hier? Felix sieht David fassungslos an. Er will ihn umarmen, aber David wehrt sich aggressiv.

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FELIX (besorgt) David, was geht denn ab bei Dir? DAVID Kann Dir doch egal sein! FELIX Ist es mir nicht, sonst wäre ich ja nicht hier. David starrt weiter vor sich hin. Felix ist hilflos. FELIX (cont‘d) Was willst Du denn von mir? David schüttelt nur den Kopf. FELIX (cont‘d) Na gut. Felix will gehen und öffnet die Wohnungstür. Da wird David panisch wie ein kleines Kind, das von seiner Mutter verlassen wird. DAVID Felix, Felice! Komm noch mal! Felix ist erstaunt, er geht zurück zu David. David drückt die Hände gegen sein Gesicht. Felix beugt sich zu ihm runter und sieht ihn besorgt an. Er will ihm die Hände vom Gesicht nehmen, aber David lässt es nicht zu. FELIX Hol irgendwo Hilfe, David. DAVID Bei Dir. FELIX Ich hab keine Ahnung, was bei Dir abgeht. Du brauchst ‘nen Profi. Felix tippt David an der Hand an, David reagiert nicht. FELIX (cont‘d) Ich check nicht, was Du willst. Wenn ich hier bleiben soll, dann sag jetzt was.

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Felix wartet einen Augenblick ab. Da David sich nicht regt, verlässt er besorgt die Wohnung. FELIX (cont‘d) Wenn ich kommen soll, ruf an. Ich bin sofort da. David nimmt die Hände vom Gesicht, seine Augen sind verheult. Dann steht er rasch auf und scheint, plötzlich wieder voll bei Sinnen zu sein. Er zieht zivile Kleidung an, geht ins Bad und kramt aus der Badewannenverkleidung ein schwarzes Köfferchen. Er öffnet es. Darin liegt eine Pistole der Bundeswehr. David klemmt das Köfferchen unter den einen Arm, unter den anderen einen kleinen Umzugskarton.

82. DAVIDS AUTO, VOR UND IN INGES HAUS INNEN, AUSSEN – TAG David sitzt im Auto und beobachtet Inges Haustür. Auf dem Beifahrersitz steht geschlossen der Umzugskarton. Die Haustüre öffnet sich. Inge kommt heraus mit leeren Einkaufstaschen über dem Arm. Sie redet streng auf Benni ein, gibt ihm einen Kuss und schließt die Tür hinter sich. Sobald sie außer Sichtweite ist, geht David mit dem Umzugskarton unterm Arm auf das Haus zu. Er klingelt und wartet unruhig. Es öffnet keiner. David geht um das Haus herum, kann aber auch im Garten niemanden finden. Fridolins Gatter steht leer da mit einer schwarzen Schleife um den Zaun gebunden. Durch die Terrassentür betritt er das Haus, sucht die unteren Räume ab, bis er sieht, dass sich jemand in der Toilette eingeschlossen hat. David klopft, aber es regt sich nichts. DAVID Ich hab Dir was mitgebracht. BENNI (o.s.) Ich muss für die Klassenarbeit lernen. DAVID Auf dem Klo? Überlegende Stille hinter der Tür. BENNI (o.s.) Ja.

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DAVID Gut, dann stell ich es hier ab und warte im Garten. Wenn Du nicht kommst, geh ich wieder. David verlässt das Haus und setzt sich ungeduldig auf die Terrasse. Er zupft seinen Verband über der Wunde zurecht. Es dauert nicht lange, da kommt Benni strahlend mit einem jungen Kaninchen auf dem Arm an, das Fridolin ähnlich sieht. BENNI Darf ich den behalten? DAVID Klar. Der ist für Dich geboren. BENNI Danke! DAVID Setz den gleich mal da rein. Dem ist sicher noch kotzübel von der Autofahrt. Benni nickt, setzt das Kaninchen im Gatter ab und löst die Trauerschleife vom Zaun. David lässt Benni nicht aus den Augen, folgt ihm, hält aber Abstand. DAVID (cont‘d) Wär natürlich gut, jetzt gleich in den Wald zu gehen und ein paar Äste zu sammeln. Dann könnte ich den Zaun sichern. Sonst wird der kleine Kumpel hier auch noch vom Marder verdrückt... Aber jetzt pauk erst mal für Deine Arbeit. Wird schon schiefgehen. Ciao. David lächelt Benni zu und verlässt langsam den Garten. Hin- und hergerissen sieht Benni ihm hinterher und auf sein neues Kaninchen. Dann rennt er David hinterher. BENNI David! David dreht sich um und lächelt Benni an.

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83. WALD AUSSEN – TAG David und Benni streifen im Wald umher und prüfen abgebrochene Äste vom Boden. David trägt bereits ein paar dicke. DAVID Dein Rammler ist bald besser gesichert als wir im Einsatz. BENNI Dann braucht der keine Angst mehr zu haben, gell? DAVID Ne! Und Du auch nicht. Benni nickt zufrieden. DAVID (cont‘d) Hattest Du eigentlich mal Schiss vor mir? Benni schüttelt deutlich den Kopf. DAVID (cont‘d) Gut. David zieht aus seinem Hosenbund die Pistole. Der Lauf ist auf Benni gerichtet, ohne dass David es zu beabsichtigen scheint. Benni erstarrt. David entsichert die Pistole und hebt sie ein Stück an, so dass er sie noch mehr auf Benni richtet, der immer größere Augen bekommt. Dann lässt David die Pistole sinken, geht auf den angespannten Benni zu und zeigt sie ihm. DAVID (cont‘d) Die ist leicht zu bedienen. Hier entsicherst Du, dann musst Du nur noch zielen und abdrücken. Ganz easy. - Sollte mal was sein. Er drückt die Pistole dem sprachlosen Benni in die Hand. Der hält sie unbeholfen fest, während David um ihn herumtigert und Äste sammelt. DAVID (cont‘d) Ich hatte noch nie so einen guten Freund wie Dich, Benni, weißt Du? Benni schüttelt verunsichert den Kopf. Er lässt David nicht aus dem Auge.

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DAVID (cont‘d) Mit dem ich alles machen kann: Kicken, fernsehen, raufen - und der jeden Scheiß mitmacht: Benni umfasst die Pistole umständlich mit beiden Händen, da sie ihm zu schwer wird. DAVID (cont‘d) Zum Beispiel Fridolin erschlagen. Den hättest Du locker retten können. Aber der kleine Benni gehorcht seinem großen Bruder. Benni drückt die Pistole fest an seinen Körper. DAVID (cont‘d) Und unsere Wette hab ich auch gewonnen: Du kannst sehr wohl jemanden abmurksen, der Dir auf die Eier geht. Dein Kollege Kalli verreckt wahrscheinlich gerade an einem Schädelbasisbruch. Hast Deine Ehre verloren. Benni steigen Tränen in die Augen. DAVID (cont‘d) Und warum machst Du den ganzen Scheiß mit? Bennis Atem wird flacher. Er umgreift die für ihn große Pistole neu, während David langsam auf ihn zugeht. DAVID (cont‘d) Weil Du mich beeindrucken willst. Weil Du in Wirklichkeit nur vor einem Schiss hast. Vor mir. David bleibt wenige Meter vor Benni stehen. DAVID (cont‘d) Und nur Du kannst was dagegen tun. Benni sieht David verzweifelt und fragend an. DAVID (cont‘d) Dass ich so ein Arschloch bin. Enduring Freedom hat seinen Preis, Benni. Man muss mutiger sein, als man will. David dreht Benni den Rücken provokativ zu und bleibt als ideale Zielfläche vor ihm stehen.

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DAVID (cont‘d) Das war alles nur ein Spiel. In Wirklichkeit gehst Du mir nach wie vor am Arsch vorbei. Bennis Atem geht flach und schnell. Er drückt den Hahn so fest er kann. Wenn er noch die Kraft hätte, würde er schießen, aber er hyperventiliert und bricht zusammen. David dreht sich um und rennt auf Benni zu. Er packt ihn und hält ihm Mund und Nase zu. DAVID (beruhigend) (cont‘d) Sch... sch... Es sieht so aus, als wolle er Benni ersticken. Benni schlägt um sich, schreit und heult. Aber langsam beruhigt sich sein Atem durch Davids gekonnten Griff. Sobald er kräftig genug ist, steht Benni auf und schleppt sich mit weit aufgerissenen Augen stolpernd aus dem Wald. David schaut ihm starr hinterher, bis er aus seinem Blickfeld verschwunden ist. Dann zieht er sein T-Shirt über den Kopf, so dass er nichts mehr sieht, rennt los, kreuz und quer durch den Wald, bis er mit voller Wucht gegen einen Baum prallt. Ihm wird schwarz vor Augen. Reglos bleibt er liegen.

84. WALD AUSSEN – TAG Gestrichen.

85. DAVIDS WOHNUNG INNEN – NACHT David schreckt von seiner Matratze hoch und schaut sich um. Seine Stirn ist erneut aufgeschürft. Er zittert und schwitzt. Verunsichert betastet er die Matratze um sich herum. Er steht auf, zieht sein Bett ab und geht damit ins Badezimmer. Die Decke und das Laken weicht er in der Badewanne ein und auch sein T-Shirt, das einen großen, braunen Blutfleck hat. Während das Wasser in die Wanne rauscht, sucht er ein frisches T-Shirt und eine frische Hose.

85A LANDSTRASSE AUSSEN – NACHT David geht die verlassene Landstraße entlang. Das Messer lässt er an der

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Leitplanke entlang schleifen, was ein unangenehmes Geräusch verursacht.

86. STUDIOMASKE INNEN – TAG Gestrichen.

87. DORFKNEIPE INNEN – NACHT David betritt nervös die Dorfkneipe, die leer ist bis auf den Stammtisch, an dem Felix, der Wirt und Davids Kollegen reden und trinken (ad. lib.). Als David den Raum betritt, verstummt das Gespräch kurz. KOLLEGE 3 Stopp! Oder ich scheiße! Alle lachen. Felix grinst David zu. FELIX Hock Dich. Felix rutscht auf der Bank zur Seite, so dass David sich setzen kann. Der Wirt holt David ein Bier. KOLLEGE 2 Mensch Alter, ist Dir heute die Sicherung durchgebrannt? Felix schaut den Kollegen mahnend an, aber David reagiert gelassen. DAVID Ja. Volle Rotze. KOLLEGE 2 Ist mir auch mal passiert bei so ‘nem Stöpsel. Der hatte sich dumm an ‘nem Zaun aufgehängt und tat mir so Leid, dass ich nichts mehr für den tun konnte. David versucht, trotz Nervosität ruhig zu reden.

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DAVID Der Junge tat mir nicht Leid. Die Kollegen sehen David erstaunt an. Der Wirt setzt ihm ein Bier vor. FELIX Hast vielleicht einfach zu früh wieder angefangen. DAVID Ne. David sieht prüfend in die Runde. DAVID (cont‘d) Ich hab ‘n Trauma. KOLLEGE 3 Stimmt. Vom scheißenden David. Sie lachen wieder. DAVID Ne, vom Einsatz. KOLLEGE 1 Kann ich voll verstehen. Da tust Du was Gutes und bringst den Kids da unten Schulbänke und dann kommt so ein Hanswurst und will Dir den Hintern wegsprengen. KOLLEGE 3 Der Hintern wär mir noch egal. Prost! Alle lachen außer David und Felix. Sie stoßen an. DAVID (ernst) Das war ja gar nicht bei der Schulbankaktion. Das hat Reiner von den Pressefuzzis von der Bundeswehr. Das war bei ‘nem Zugriff. Felix wird aufmerksam, die Kollegen neugierig. KOLLEGE 3 Bist Du ‘nen Tornado geflogen, oder was?

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KOLLEGE 1 Mission Impossible. Alle lachen, sogar David grinst. DAVID Ne, das war ein Ding mit den Amis zusammen. Mit den Seals. Wir mussten den äußeren Ring stellen, als die ein Talibannest ausheben wollten. Es hieß darunter sei einer in der dritten Reihenfolge zu Bin Laden. KOLLEGE 3 Ach, schwätz keinen Scheiß! Alle lachen außer Felix und David. FELIX Wie geht denn so was ab? DAVID Das war ‘ne Nacht- und Nebelaktion. Wir haben die Nummernschilder mit Infrarotband markiert und doppelt so viel Munition aufgeladen. KOLLEGE 3 Und dann hast Du sie alle platt gemacht. Den Attentäter und den Schwippschwager von Bin Laden. Alle lachen. David verspannt. Felix bemerkt das. FELIX Lass doch mal ausreden, Dumpfbacke! - Was habt Ihr denn da genau gemacht? DAVID Weiß ich auch nicht. Genaue Instruktionen gab es nicht. Wir sind halt da rumgestanden und haben auf den Knall gewartet, wenn die Seals den Eingang sprengen und wir näher ran sollten. Aber da ging irgendwie nichts. Ich dacht, ich piss mir ins Hemd. KOLLEGE 1 Hätt ich auch. DAVID Die Vorgesetzten hatten auch Schiss. Und dann tauchte dieser Knirps auf.

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KOLLEGE 2 Der Attentäter. KOLLEGE 3 Bin Laden. Es lacht nur noch Kollege 3 über seinen eigenen Witz. Die anderen hängen an Davids Lippen. Felix sieht ihn ernst an. DAVID Ein Junge. Ungefähr neun. Die Kurzen sind immer sofort zu uns gerannt, wenn wir irgendwo aufgetaucht sind, weil wir denen Süßigkeiten geschenkt haben. Ist natürlich illegal. Aber die haben sich jedes Mal gefreut wie Bolle. Aber der ging mir auf den Sack. Der hat da Terror gemacht wie ein Bekloppter. Aber ich hatte für die Mission natürlich keine Gummibärchen eingepackt. Dann ist der total ausgetickt und hat mit Steinen geschmissen. Und als mich dann einer am Kopf getroffen hat, gingen bei mir die Lichter aus. KOLLEGE 2 Wie heute. DAVID Ne. Ich hab den erschossen. Die Kollegen sind schockiert und vorerst zu keiner Reaktion fähig. Kollege 3 nickt, als hätte er gleich gehandelt. KOLLEGE 3 (leise) Sauber. Felix bemüht sich um Fassung. Er sieht David betroffen an. Ihre Blicke treffen sich. DAVID Wir hatten das ja tausendmal geübt. Das ging wie automatisch. KOLLEGE 2 (empört) Und die sagen, Du hast zwanzig Typen das Leben gerettet. David schüttelt deutlich den Kopf.

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KOLLEGE 3 Und wie ist es, jemanden abzuknallen? Die anderen sehen den Kollegen entsetzt an. DAVID Ein Wahnsinns-Kick. So ‘ne Mischung aus Angst und Neugier. Wie wenn man irgendwo runterspringt. Die Kollegen, der Wirt und Felix hängen an Davids Lippen. DAVID (cont‘d) Aber inzwischen würd ich mich bei dem Knirps irgendwie gerne entschuldigen. FELIX Geht aber nicht. DAVID Ich hab sogar Angst, ich könnt so was wieder tun. Wenn ich ‘ne Wahnsinnswut hab. Den Kollegen ist sichtlich unwohl. Sie sehen David misstrauisch und befremdet an. Nur Kollege 3 nickt. Der Wirt verzieht sich. WIRT Ich zapf mal noch eins.

88. VOR DEM STUDIO AUSSEN – ABEND Gestrichen.

89. DAVIDS WOHNUNG INNEN – NACHT Gestrichen.

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90. DAVIDS WOHNUNG INNEN – MORGENDÄMMERUNG David reißt von seinen Fenstern die Pappe, so dass sanftes Morgenlicht ins Zimmer fällt. Dann zerwühlt er sein nach Bundeswehrvorschrift gemachtes Bett, legt sich rein, schließt die Augen und schläft sofort ruhig ein.

91. DAVIDS WOHNUNG INNEN – TAG Gestrichen.

92. SPORTPLATZ DES DORFES AUSSEN – TAG Ordentlich gekleidet, betritt David den Sportplatz. Ein Junges Mädchen kommt ihm entgegen. DAVID (freundlich) Hallo. Das junge Mädchen weicht David ängstlich aus. David kommen ein paar andere Dorfbewohner entgegen. David grüßt sie mit „Hallo!“ oder „Grüß Gott!“, aber auch sie weichen ihm aus oder sehen ihn nicht mal an. An der Bande haben sich bereits einige Dorfbewohner versammelt. Inge und Reiner stehen abseits. David will sich unter die Menge mischen und sucht Blickkontakt zu den Kollegen, aber alle weichen ihm aus, so dass sich ein Kreis um ihn bildet. Als Inge David entdeckt, möchte sie zu ihm, aber Reiner hält sie zurück. David entdeckt Felix an seinem gewohnten, erhöhten Platz. Er trägt die Ordnerbinde. Neben ihm steht Kirsten. David nickt beiden hoffnungsvoll lächelnd zu. Felix nickt zurück, wendet sich dann aber sofort an Kirsten, die Davids Blick ausweicht und zu Felix etwas sagt. Unruhe droht unter den Dorfbewohnern aufzukommen, die David immer wieder anstarren, doch dann wird das Spiel der E-Jugend angepfiffen. Unter den Spielern befindet sich Benni, der David nicht bemerkt. Benni greift als Stürmer an. DAVID (cont‘d) Jawoll, Benni, vor! Die Dorfbewohner werden nervös und starren David an. Benni entdeckt David und spielt forscher.

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DAVID (cont‘d) Geh von hinten ran! Benni versucht dem Spieler, der den Ball hat, den Ball von hinten rauszuschlagen. Der Spieler fällt. Der Schiedsrichter pfeift und erteilt Benni eine Verwarnung. DAVID (cont‘d) Hey! Das war doch kein Faul! Der hatte Ballkontakt! Der Schiedsrichter reagiert nicht. DAVID (cont‘d) Dilettant! (leise) Arschloch. Noch mehr Blicke richten sich auf David. Felix geht auf David zu. FELIX Ich glaube, es wäre besser, wenn Du gehst. DAVID Warum? FELIX Du machst die Leute nervös, wenn Du so schreist. DAVID Hier schreien doch alle. FELIX Aber die haben nicht so ‘ne Geschichte hinter sich. DAVID Das hat doch damit nichts zu tun. (zu Benni) Geh noch mal ran! David sieht, wie Felix zurück zu Kirsten geht, die eine Visitenkarte aus dem Geldbeutel kramt und über Handy telefoniert.

93. SPORTPLATZ DES DORFES AUSSEN – TAG Die erste Halbzeit wird abgepfiffen. David macht eine zufriedene Geste des Ap-

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plaudierens in Bennis Richtung. DAVID Sehr gut, Großer! Benni sieht es nicht, da die Trainer die jungen Spieler schnell vom Feld in die Umkleidekabinen lotsen. David realisiert, dass sich der Kreis um ihn weitet. Als er sich umdrehen will, wird er von zwei Polizisten brutal gepackt, zu Boden geworfen und nach Waffen durchsucht. Die Dorfbewohner sehen aus sicherer Distanz neugierig zu. DAVID (cont‘d) Habt Ihr den Arsch offen? POLIZIST Ich hab was. David wird wieder hochgezogen, aber weiterhin abgetastet. Ein Polizist hält sein Klappmesser in der Hand. DAVID Das hat eine acht Komma fünf Zentimeter Klinge. Die ist legal. POLIZIST Führen Sie weitere Waffen mit sich? DAVID Seh ich so aus? ANDERER POLIZIST Ist sauber. Der Polizist nickt. David wird zum Rand des Platzes geführt, wo Kirsten, Felix und andere Dorfbewohner in einem der Polizeibusse von unaufgeregten Polizisten vernommen werden. David wird in einem Bus dem Polizisten gegenübergesetzt. Während des folgenden Gespräches beobachtet David, wie Frau Poloczek mit einem Bundeswehrauto auf den Sportplatz fährt und sich kurz mit einem weiteren Polizisten unterhält. POLIZIST Personalien? ANDERER POLIZIST Aufgenommen. Stimmen.

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POLIZIST Herr Kleinschmidt, mit welchen Absichten sind Sie auf diesen Sportplatz gekommen? DAVID Ich wollte mir das Spiel ansehen. Der Polizist hebt das Messer hoch. POLIZIST Und wozu tragen Sie das bei sich? DAVID Sie haben doch auch ‘nen Schrank voll Waffen am Gürtel hängen. Der Polizist versteht keinen Spaß. POLIZIST Ich frage Sie noch einmal, wozu... DAVID (unterbrechend) Zum Vespern. POLIZIST Aha. Frau Poloczek kommt ein wenig aufgeregt, aber selbstsicher auf David zu. Der Polizist nickt ihr zu, steigt aus dem Bus und bleibt in der Nähe. FRAU POLOCZEK David. Es ist nur ein Angebot. In Hamburg wären Sie mal aus allem draußen. DAVID Ich will Benni sprechen. FRAU POLOCZEK Wer ist Benni? DAVID Mein Bruder. FRAU POLOCZEK

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Und wo kann ich den finden? David gibt mit einem Kopfnicken die Richtung an, in der Benni sich aufhält. Frau Poloczek folgt der Richtung. David steigt aus dem Bus und beobachtet, wie sie kurz mit Reiner spricht und dann in den Umkleidekabinen verschwindet. Währenddessen bereitet die Polizei ihren Abzug vor. Im Hintergrund sind Bruchstücke eines Telefonats des Polizisten zu hören. POLIZIST Nein... Keine Schusswaffe am Verdächtigten... Vermutlich erhitzte Gemüter am Fußballplatz. Frau Poloczek führt Benni zu David. Benni verhält sich zurückhaltend. Während des Gespräches kommen Inge, Kirsten und Felix hinterher und bleiben in ein paar Metern Abstand zu David stehen. DAVID Hi! Hast klasse gespielt! BENNI Klar. DAVID Hör mal, hältst Du mich für krank? Benni sieht Frau Poloczek fragend an, die mit den Schultern zuckt. BENNI Nö. DAVID Und sag noch mal, wie Du mich findest. BENNI Toll. DAVID Genau. Und nicht noch was Schlechtes? Benni scheint Angst zu haben, weiter zu sprechen.

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DAVID (cont‘d) Nicht lügen. BENNI Meistens bist Du lieb zu mir. DAVID Und sonst? Böse? Benni nickt vorsichtig. BENNI Ein bisschen vielleicht. David sieht Benni enttäuscht an. Die Antwort trifft ihn. Er wendet sich Frau Poloczek zu und deutet auf Benni. DAVID Ich komm mit. - Dem vertrau ich. FRAU POLOCZEK Dann fahren wir erst mal zu Ihnen nach Hause. Da können Sie packen. DAVID Ich brauche nichts. FRAU POLOCZEK Sie müssen doch... DAVID (unterbrechend) Gar nichts muss ich. FRAU POLOCZEK Gut. Frau Poloczek setzt sich hinter das Steuer des Bundeswehrautos. David sieht noch einmal Inge, Kirsten und Felix an und zögert kurz, ob er sich verabschieden soll. Dann steigt er neben Frau Poloczek ein.

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94. BUNDESWEHRAUTO INNEN – TAG Durch die Scheibe sieht Benni David ratlos an. Der Wagen fährt los. David lehnt sich an die Autotür und sieht im Rückspiegel, wie er sich von Benni entfernt. Das Auto beschleunigt, Benni wird im Rückspiegel kleiner. Auf Davids Gesicht zeichnet sich Schmerzempfinden ab. Mit seiner Hand umklammert er den Türgriff. Als Benni aus dem Rückspiegel zu verschwinden droht, drückt David sich plötzlich gegen die Autotür und lässt sich aus dem Wagen fallen.

95. KARGE LANDSCHAFT AFGHANISTANS AUSSEN – NACHT In der bekannten, nächtlichen Landschaft tritt der afghanische Junge lächelnd und erwartungsvoll von einem Fuß auf den anderen. Dann erstarrt er. Seine Stirn wird ins Fadenkreuz gerückt. Er blickt in Richtung Kreuz. Dann wird es Schwarz.

96. BUNDESWEHRKRANKENHAUS / BEHANDLUNGZIMMER INNEN – TAG Gestrichen.

97. BUNDESWEHRKRANKENHAUS / ZIMMER INNEN – NACHT Gestrichen.

98. BUNDESWEHRKRANKENHAUS / CAFETERIA INNEN – TAG Gestrichen.

99. BUNDESWEHRAUTO INNEN – TAG David sitzt auf der Rückbank eines Bundeswehrautos und schaut auf die vorbeiziehende Landschaft des Schwarzwaldes. Er wirkt ruhig und geschwächt.

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Die immer wieder aufgekratzte Bisswunde an seinem Arm ist vernarbt, seine Haare sind gewachsen. Er holt aus seiner Hosentasche eine Tablettenpackung, drückt geübt eine Tablette heraus und schluckt sie.

100. VOR UND IN DAVIDS WOHNUNG AUSSEN, INNEN – TAG Gestrichen.

101. LANDSTRASSE AUSSEN – TAG Gestrichen.

102. VOR UND IN DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG AUSSEN, INNEN – TAG David klingelt. Er wirkt müde. Das Papier der roten Herzumrahmung ist verblasst und welk. Die Türe wird sofort geöffnet. Auf dem Treppenabsatz vor der Wohnung wartet Kirsten. Sie lächelt ihm entgegen. Verhalten küssen sie sich auf den Mund und streichen sich gegenseitig die Arme. KIRSTEN Endlich da. DAVID Ja. David betritt wie zum ersten Mal die Wohnung. KIRSTEN (unsicher) Was magst Du als erstes machen? Duschen, essen, schlafen? David antwortet nicht. Seine Erschöpfung scheint ihn zu lähmen. Er geht die Räume ab. Kirsten versucht, ihn vorsichtig aufzuheitern. KIRSTEN (cont‘d) Es hat sich nichts verändert. David kommt in das fast leere Zimmer, in dem sich nun sein Zeug aus seiner al-

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ten Wohnung stapelt und in einer Ecke der Tischkicker steht. KIRSTEN (cont‘d) Dein Haus wird abgerissen. Ich dachte, Du kannst das Zimmer für Dich haben. Wenn Du deine Ruhe brauchst. DAVID Ja. Danke. David tritt ans Fenster und schaut in den Garten. Kirsten beobachtet ihn. Dann stellt sie sich neben ihn und legt ihren Arm um seinen Rücken. Es wirkt ein wenig unbeholfen, da David in seiner Mattigkeit zu keiner Reaktion fähig ist. Zusammen sehen sie aus dem Fenster.

103. BADESEE IM SCHWARZWALD AUSSEN – TAG Gestrichen.

104. INGES GARTEN AUSSEN – TAG David haut mit einem schweren Hammer dicke Äste in den Rasen und sichert damit das Gatter. Die Arbeit strengt ihn an. Inge und Benni stehen daneben und sehen zu. David macht einen letzten Schlag und prüft mit der Hand die Festigkeit der Pfähle. DAVID Müsste halten. Benni stellt sich neben David und prüft deutlich gröber die Pfähle. BENNI Klar. Benni wendet sich an Inge. BENNI (cont‘d) Kannst Du mal kurz weggehen? Ich will David was zeigen. Inge zögert.

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INGE Na gut. Aber Ihr verlasst nicht den Garten. BENNI Ne, Mudder. Inge verlässt den Garten. Benni zieht David hinter das Haus, wo das ausgewachsene Kaninchen, das David Benni geschenkt hat, in einem Stall sitzt. BENNI (cont‘d) Rat mal, wie der heißt? DAVID David. BENNI Stimmt. - Ich hab was für uns. Benni zieht aus seiner Hosentasche einen Gefrierbeutel und leert daraus auf seine Hand zwei tote, aufgetaute, kleine Frösche. Einen davon gibt er David. BENNI (cont‘d) Die hab ich extra noch im Herbst gefangen. War ganz leicht. DAVID Aha. BENNI Mahlzeit. Benni nimmt den Frosch in den Mund und wundert sich, dass David es nicht tut. BENNI (cont‘d) Keine Angst. Die merken nichts mehr. David wirft den toten Frosch ins Gebüsch. Benni zögert irritiert. Dann spuckt er seinen hinterher. BENNI (cont‘d) Ich bin jetzt Stürmer in der D-Jugend.

DAVID

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Ich hab doch gesagt, dass Du es drauf hast. BENNI Hab ich auch. Benni lächelt David an.

105. DAVIDS UND KIRSTENS WOHNUNG INNEN – NACHT David schlummert in Kirstens Arm. Da horcht er auf und lauscht dem unregelmäßigen, penetranten Klopfen. Er richtet sich auf und hält inne. Als er das Klopfen erneut hört, steht er auf und träufelt sich schnell und geübt mit einer Pipette Tropfen, die auf dem Nachttisch stehen, auf die Zunge. Dann schleicht er in das Zimmer, in dem immer noch unausgepackt seine Kisten stehen. Er tritt ans Fenster. Draußen wartet in der bekannt kargen Landschaft der kleine, afghanische Junge und lächelt David an. Davids Atmung wird schnell und flach. Dann konzentriert er sich und atmet ruhig. Er schaut weiterhin aus dem Fenster und sieht sich selbst auf den Jungen zugehen, ihn an die Hand nehmen und friedlich mit ihm weggehen.

ENDE

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Bisher sind folgende Drehbücher in der Reihe

DEUTSCHE DREHBÜCHER erschienen:

2008 AUF DER ANDEREN SEITE Von Fatih Akin KIRCHBLÜTEN – HANAMI Von Doris Dörrie

2009 CHIKO Von Özgür Yildirim NACHT VOR AUGEN Von Johanna Stuttmann NOVEMBERKIND Von Heide und Christian Schwochow