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Carl Gerber und Anne Zohra Berrached

DEUTSCHE DREHBĂœCHER Herausgegeben von der Deutschen Filmakademie


Z D F - Das Kleine Fernsehspiel, Burkhard Althoff Caligari-Preis 2014 des Fördervereins der Filmakademie Baden-Württemberg

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W O C H E N

Anne Zohra Berrached / Carl Gerber Fassung GELBE SEITEN Vom 11.04.2015, Nummer 11.4

D R E H B U C H / R E G I E Anne Zohra Berrached T: +49 (0) 157 80 30 70 76 M: anne.berrached@gmail.com

D R E H B U C H Carl Gerber T: +49 (0) 157 85 101 875 M: carl.gerber@gmail.com

P R O D U K T I O N zero one film GmbH Tobias Büchner / Melanie Berke Lehrter Strasse 57 D-10 557 Berlin T: +49 (0)30 - 390 66 30 M: tobias@zeroone.de


1 1. INT. - IM BAUCH - NACHT Unendliche Dunkelheit, Partikel schweben schwerelos in einer durchsichtigen Flüssigkeit. Es ist nicht zu erkennen, wo wir uns befinden. Im Weltall? Unter Wasser? ASTRID (OFF, FLÜSTERND) ...Übelkeit, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen. Titel werden eingeblendet.

2. INT. - SHOW 1 (LADIES NIGHT) / BACKSTAGE-BEREICH / HINTER BÜHNE - NACHT Astrid fummelt an etwas herum. Nackte Füße eilen über dicke Kabel auf dem Steinboden. Lautes Gelächter schallt gedämpft hinter die Bühne. ASTRID LORENZ (35), im Pailetten-Minirock und gestylterFrisur hat eine Zigarette hinters Ohr geklemmt und wirft im Laufen einen letzten Blick auf ihren Zettel. ASTRID ... Jetzt weiß ich nicht mal mehr, ob sie noch da ist. Im Gehen zieht sie die Kippe hinterm Ohr hervor und steckt sie sich zwischen die Lippen, zieht zwei Mal daran, ohne sie anzuzünden. Im Vorbeigehen gibt sie MARKUS (38), der neben dem Bühnentechniker und dessen Bildschirm steht, wie selbstverständlich die Kippe. Neben einem schweren Vorhang zieht sie ihre Heels an, die eine Gaderobiere ihr hinterhergetragen hat, dann streift sie mit einer Fusselrolle über Astrids Minirock, ein Techniker macht etwas an ihrem Ansteckmikro, das unter ihrer Kleidung versteckt ist. ASTRID (CONT'D) Kaputt? Applaus erschallt, eine KABARETTISTIN in Tigersamthose und Tigeroberteil tritt durch den Vorhang hinter die Bühne. KABARETTISTIN N’ Lindenstraßenpublikum. Astrid atmet tief durch, streicht ihren Minirock glatt.


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MODERATORIN (OFF) Und wo wir schon so schön unter der Gürtellinie sind, darf ich unsere nächste Gästin begrüßen, die meistenwerden sie kennen... Der Techniker fummelt immer noch an Astrid herum. TECHNIKER Shit... MODERATORIN (OFF) Sie kommt aus Leipzig, ich frag’ mich immer noch, wie man da freiwillig leben kann... begrüßen Sie mit mir heute hier in Köln: ASTRID LORENZ! Der Ladies Night Jingel für den nächsten Auftritt erklingt. Der Techniker ist immer noch nicht fertig. Astrid tauscht kurz Blicke mit Markus, reißt sich kurzerhand das Headset ab und tritt ohne Mikro ins grelle Bühnenlicht. Fassungslos schaut ihr der Techniker hinterher. Die Garderobiere kichert.

3. INT. - SHOW 1 (LADIES NIGHT) / BÜHNE - NACHT Auf der Bühne der Ladies Night streift Astrid der verdutzten Moderatorin das Headset ab. ASTRID Darf ich mal? Astrid klemmt sich das Funkgerät oberhalb des Pos fest. ASTRID (CONT'D) Der Techniker hatte Angst um sein Gerät, weil ich heut’ krasse Blähungen hab’... Die Moderatorin will schmunzelnd hinter die Bühne treten, da ruft ihr Astrid hinterher.


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ASTRID (CONT'D) Ach, und: Leipzig is’ die schönste Stadt der Welt, bis auf en’ paar Nazis und depressive Ossis. Nicht wie Dein Köln, wo man sich einmal im Jahr komatös schönsäuft und Leute abschleppt, die man am nächsten Morgen nicht wiedererkennt. Das Publikum lacht und buht. Astrid stellt sich seitlich zum Publikum, streicht sich über den Bauch. ASTRID (CONT'D) Ist euch was aufgefallen? Sie schaut fragend ins Publikum. ASTRID (CONT'D) Richtig, ich hab’ neue Schuhe. Lachen. Astrid wedelt mit der Hand vor ihrer Nase, spricht die erste Reihe an. ASTRID (CONT'D) Nein, nein, ihr seid nicht irgendwo reingetreten. Das war ich. Tja so ist das halt, wenn man... Sie schaut einen Mann in der ersten Reihe an. ASTRID (ZU DEM MANN) Was glotzt du so? Ja, dich mein’ ich. Denkst wohl, ich bin fett geworden? Der Angesprochene grinst peinlich berührt, während um ihn herum gelacht wird.

4. INT. - SHOW 1 (LADIES NIGHT) / BACKSTAGE-BEREICH / HINTER BÜHNE - NACHT Markus steht neben der Garderobiere und dem Bühnentechniker und sieht auf einem kleinen Bildschirm Astrid. Schmunzelnd schüttelt er den Kopf.


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ASTRID (OFF) Aber keine Angst, ich leide nicht unter Fresssucht...

5. INT. - SHOW 1 (LADIES NIGHT) / BÜHNE - NACHT In ihrem weiblichen Outfit hebt Astrid die Arme und grölt wie ein Hooligan. ASTRID Ich rette Deutschland! Die Gäste jubeln und applaudieren. ASTRID (CONT'D) Oh Gott, ich bin so schwanger. Man ist ja nicht einfach nur schwanger. Also ich, ich bin richtig schwanger und krieg’ richtig Respekt vor so Ballermantouristen, die sowas immer vor sich hertragen. Astrid zückt einen Taschenspiegel und reflektiert damit das Licht der Scheinwerfer. ASTRID (CONT'D) Ja, ja die Wunder der Geburt: Übelkeit, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen. Und das Beste: Ich kann meine Muschi nicht mehr sehen. Nicht dass ich sie mir ständig angucken würde. Aber jetzt weiß ich nicht mal mehr, ob sie noch da ist. Sie hält den Taschenspiegel hoch, hält ihn zwischen die Beine. ASTRID (CONT'D) ... so muss ich wenigstens nicht mehr meinen Mann fragen, was da unten abgeht. Der Saal brüllt vor Lachen. Astrid bleibt ernst, lässt die Spiegelung des Lichts durch den Saal irren. ASTRID (CONT'D) Ich habs: Ich bring den Muschi


5 Spiegel auf en’ Markt. Wird der Renner. Wenn wir Mammies schon Unsummen für unsere 200 PS-BugatiKinderwägen zahlen oder für selbstreinigende Windeln,... waszahlen wir erst hierfür? Was würdet ihr zahlen?? Sie schaut fragend ins Publikum. Keine Antwort. ASTRID (CONT'D) Ich seh’ schon, mit aktiverBeteiligung habt ihrs nicht so. Ihr seid eher das Publikum, dass sich zurücklehnt und sagt: Mach’ ma. Kein Problem, dafür habt ihr schließlich ordentlich gelatzt und ich sack’ ein. Aber wenn ich den Muschi-Spiegel raushau’, bin ich auf euer Geld nicht mehr angewiesen... Sie lacht diabolisch. ASTRID (CONT'D) ... und kann hier oben sagen, was ich wirklich sagen will, endlich, yeaah!! Zum Beispiel... Sie tut so, als ob sie überlegen würde. ASTRID (CONT'D) Vielleicht... nein, doch nicht. Jetzt ich habs, ich würd’ sagen: Schafft die Armut ab! Oder: Hört endlich auf mit Krieg!! Nein, nein, nein, jetzt hab’ ichs’ wirklich: Warum zum Teufel haben wir Muttis mit Bugati-Kinderwägen im Straßenverkehr eigentlich immer noch keine Vorfahrt?? Gelächter. ASTRID (CONT'D) Erstmal schön an sich selbst denken... Aber glaubt bloß nicht, Ihr werdet mich wegen dem ganzen Gedöns los. Ich krieg’ das Kind, hier in Köln, auf der Bühne. Erste Live-Geburt Deutschlands! Damit könnt’ ihr richtig Quote machen.


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Applaus von allen Seiten. ASTRID (CONT'D) Und für die Schwangerschaftspause überleg’ ich mir auch was, damit ich bloß nicht von der Bildfläche verschwinde. Passiert einem als Frau schneller als de’ denkst. Aber ich könnt’ mal meine körperlichen Vorteile zur Geltung bringen... Sie deutet mit einer Hüftbewegung einen Strip an. ASTRID (CONT'D) ...und hoffen, dass mir irgend en’ Politiker verfällt, den ich dann wegen sexueller Belästigung drankrieg’... Oder ich ess’ im Dschungel einfach en’ Kamelpenis...

6T1. INT. - SHOW 1 (LADIES NIGHT) / BACKSTAGE-BEREICH / GANG, SHOW 1 (LADIES NIGHT) / BACKSTAGE-BEREICH / HINTER BÜHNE NACHT Astrid geht an dem Bühnentechniker beim Bildschirm vorbei, einen Gang mit grellem Neonlicht entlang. MODERATORIN (OFF) Und nach ihrer Babypause können Sie Astrid Lorenz endlich mit ihrem zweiten Programm erleben. Sollten Sie so lange nicht warten können: Astrid Lorenz tritt vor ihrer Pause noch in Frankfurt am 15. April, in Kassel am 24. Mai und in München am 31. Mai auf. Astrid sieht glücklich aus, voller Energie.

6T2. INT. - SHOW 1 (LADIES NIGHT) / BACKSTAGE-BEREICH - NACHT Astrid betritt den Backstage-Bereich. Sie streichelt überschwenglich einer Kabarettistin über das Haar, wie einem Kind, und umarmt sie.


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KABARETTISTIN 2 Lass uns mal was zusammen machen. ASTRID Du willst nur was von meinem Ruhm. Markus spricht mit einer Kabarettistin in Tigersamthose diskutiert. MARKUS Glaub mir, du wirsts bereuen. KABARETTISTIN Gerade du müsstest mich dahin prügeln, das ist dein Job! MARKUS Mach’ dir mal keine Sorgen, fahr’ zu deiner Schwester, die braucht dich jetzt. KABARETTISTIN Aber ich kann das Interview mit Lanz doch nicht einfach sausen lassen. MARKUS Doch kannst du. So ne’ Chance kommt wieder, vertrau mir. Die Kabarettistin schaut Markus einen Moment nachdenklich an, nickt dann. Im Hintergrund versucht sich der Techniker an Markus vorbei zu schleichen. MARKUS (ZUM TECHNIKER) Da reden wir später drüber. Der Techniker grinst schuldbewusst. Markus streckt Astrid ein Papier entgegen, dass sie ungelesen unterschreibt. ASTRID Alles im Griff, Chef? Grinsend gibt sie Markus das unterschriebene Papier zurück. MARKUS (ZU ASTRID) Soundcheck vorm Essen oder danach? ASTRID Danach.


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MARKUS Das mit dem Furz warn’ bißchen flach. Passt nicht zu dir. ASTRID War improvisiert. Ich hab’ wirklich gefurzt. Die Kabarettistin entfernt sich von den beiden. MARKUS Aber das mit dem Headset sollteste’ immer machen. Markus faltet das Blatt ordentlich und heftet es in einem Ordner ab. ASTRID Hört, hört, Lob von meinem größten Kritiker... Wie selbstverständlich gibt ihr Markus die Zigarette zurück, die sich Astrid wieder hinters Ohr klemmt.

7. INT. - ZUGABTEIL - NACHT Astrid geht durch den schmalen Gang eines Zuges, balanciert zwei Becher Cafe und stützt sich an den Sitzen ab, als der Zug wackelt. Sie betritt durch eine automatische Schiebetür die erste Klasse, die ruhig und leer vor ihr liegt. Markus sitzt an einem Tisch, auf dem bereits zwei leere Becher Kaffee stehen und isst ein Stück Donauwelle. Astrid stellt die zwei Kaffeebecher auf den Tisch, setzt sich. Grinsend verschlingt sie den Rest ihres Kuchenstücks und macht sich über den Teller von Markus her.

7E. EXT. - LANDSCHAFT - NACHT Ein ICE rast durch die nächtliche Landschaft.


9 8T1. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / SCHLAFZIMMER - DÄMM. MORGEN Astrid sitzt auf Markus, die beiden schlafen miteinander, er hat seine Hand auf ihrem Bauch, sie beugt sich zu ihm runter, ihre Haare fallen in sein Gesicht, er streicht sie zur Seite, die beiden schauen sich an. Astrid stöhnt leise. Plötzlich vernimmt Astrid ein lautes Scheppern aus dem Erdgeschoss. Sie hört auf sich zu bewegen, lauscht. Markus bewegt sie zum Weitermachen, Astrid versucht sich wieder zu konzentrieren. NELE (OFF) Mami! Astrid seufzt resigniert, kann nicht aufhören Markus zu lieben. Sie hören, wie Nele die Treppe hochkommt. Hektisch löst sich Astrid von Markus und wickelt sich eine Decke um den nackten Körper. ASTRID Boah, seit ich schwanger bin, wie ne’ Dreijährige. Markus liegt keuchend im Bett, macht keine Anstalten sich zu bedecken. Astrid wirft ihm schnell eine Decke über, schon steht NELE (10) in der Tür, schaut sie verschlafen an. Astrid tut, als ob nichts gewesen ist. Markus muss grinsen. Astrid wirft ein Kissen nach ihm. Als sie auch nach Nele werfen will, rennt diese weg.

8T2. INT.-EXT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / FLUR, HAUS ASTRID UND MARKUS / GARTEN, HAUS ASTRID UND MARKUS / WOHNZIMMER DÄMM. MORGEN Mit der Decke um den nackten Leib gewickelt, rennt Astrid der kreischenden Nele hinterher: Die Treppen hinunter, durch das offene Wohnzimmer hinaus in den Garten, barfuß durch das nasse Gras. Die Sonne geht auf, färbt den Himmel über der Leipziger Südvorstadt orange und rot. Astrid bekommt Nele zu fassen und dreht sich mit ihr an den Händen im Kreis, immer schneller und schneller.


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ASTRID (OFF) Im Gegensatz zum Verhalten ist die Handlung ein Tun, für das wir Gründe und Motivationen haben.Bevor sie vollzogen werden kann, braucht es im Gehirn ein Bereitschaftspotenzial. Wir haben circa hundert Millisekunden, um ein Veto gegen diese Vorgabe einzulegen. Hundert Millisekunden, die wir den freien Willen nennen.

9. INT. - PRAXIS NAUTH / UNTERSUCHUNGSZIMMER - TAG Astrid wischt sich das Gel vom Bauch, richtet sich von einer Liege auf. An der Wand neben ihr hängen zwei moderne Kunstwerke. Die Gynäkologin NAUTH schaltet das Ultraschallgerät aus. ASTRID Liebe Frau Doktor Nauth, wenn mein Kind von der Rutsche fällt, auf den Kopf oder so, kann ich das auch nicht verhindern. Sie müssten doch mittlerweile wissen, dass wir nicht zu diesen Muttis und Vatis gehören, die bei der kleinsten Kleinigkeit jeden Test machen... Also wieviel sind jetzt normal? GYNÄKOLOGIN NAUTH Wenn der Nacken 1...1,5 mm hat. ASTRID Wegen nem’ Millimeterchen mehr wollen Sie uns sone’ Untersuchung andrehen? Das haben Sie doch schon bei Nele versucht. Tsch... Sie könnten auch Staubsauger oder Versicherungen verkofn’. GYNÄKOLOGIN NAUTH Da warn’ Sie auch noch keine 35, Frau Lorenz.


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MARKUS Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass... Nauth betrachtet eine Tabelle, die auf ihrem Schreibtisch liegt. GYNÄKOLOGIN NAUTH Mit diesen Befunden... etwa eine von Zehn Frau in Ihrem Alter erwartet ein Kind mit BehinMARKUS -Zehn Prozent... Nauth nickt. Markus und Astrid schauen sich an. GYNÄKOLOGIN NAUTH Jetzt haben Sie schon die NT-Messung gemacht. Zu Ihrer Beruhigung: Machen Sie auch eine Fruchtwasseruntersuchung... MARKUS (ZU NAUTH) Es ist doch so: Wir wollen das Risiko nicht eingehen, von so nem’ invasiven Eingriff. GYNÄKOLOGIN NAUTH Das Risiko einer Fehlgeburt wäre gerade mal ein Prozent. ASTRID Gerade mal? Ich find’ das verdammt hoch. Astrid zieht ihren Pullover über, versteckt ihre Nervosität. MARKUS Ich hab’ was von nem’ Bluttest gelesen, der soll nicht invasivGYNÄKOLOGIN NAUTH -Damit kommen jetzt alle. Mit dem Harmony-Test lassen sich aber nicht alle Erkrankungen erkennen, kostet 800 Euro, zehn Euro mehr, wenn Sie das Geschlecht erfahren wollen. Die


12 Fruchtwasseruntersuchung übernimmt die Kasse. ASTRID Ich hab’ meine Meinung gesagt. Sie schaut zu Markus. MARKUS Gegen diesen Bluttest spricht doch nichts, Astrid. Dann wissen wir einfach Bescheid. ASTRID Ich will das Kind sowieso. Egal was es hat. Sie schaut Markus und Nauth entschlossen an.

10. EXT. - PARKDECK - TAG Astrid und Markus laufen nebeneinander auf dem Parkdeck an einem Geländer entlang. ASTRID Ich überleg’ mir glatt ob ich nicht das Ufer wechseln sollte, die is’bestimmt ne’ bessre Partie als du... Markus grinst sie an. ASTRID (CONT'D) ... drei so Voruntersuchungen am Tag und sie kann sich bald en’ echten Van Gogh dahin hängen. MARKUS Die hat eh’ en Auge auf dich geworfen... Warum Siezt ihr euch eigentlich immer noch? ASTRID Die Tante kennt meine Muschi besser als Du... die soll schön Sie zu mir sagen. Die beiden lachen. Astrid wirkt nachdenklich.


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ASTRID (CONT'D) Okay, ich mach den Bluttest. MARKUS Oh Mann, warum dann die ganze Diskussion? ASTRID Ich machs’ nur, damit du dich nicht verrückt machst. MARKUS Ich mach’ mich nicht verrückt. Markus tippt auf dem Display seines iPhones rum. Astrid reißt ihm das iPhone aus der Hand, versteckt es hinter ihrem Rücken. Markus versucht um Astrid herum zu greifen, doch die drückt ihren leicht gewölbten Bauch nach vorne. ASTRID Pech gehabt, Suchti. Markus zieht Astrid an sich und fängt sie an zu kitzeln, woraufhin sie sein Iphone übers Geländer hält. MARKUS Ok, ok, hast gewonnen!

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11Z1. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / ZIMMER NELE - NACHT Astrid liegt neben Nele im Kinderbett und cremt ihren Bauch ein. Nele hat ihren Kopf an Astrids Bauch gelegt, klopft daran wie an eine Haustür. NELE Hallo? Jemand zuhause? Astrid antwortet in Babystimme: ASTRID (MIT BABYSTIMME) Wo soll ich denn sonst sein? NELE Auf Hawai oder Mallorca. Im Urlaub.


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ASTRID (MIT BABYSTIMME) Und dann komm’ ich ganz braungebrannt zur Welt. Nele lacht. NELE Hol’ dir bloß kein Sonnenbrand. ASTRID (MIT BABYSTIMME) Nein, ich crem’ mich ganz doll ein. Astrid und Nele cremen zusammen den Bauch ein. NELE Und gehst du auch schwimmen? ASTRID (MIT BABYSTIMME) Ich tauche ganz tief runter, bis auf den Boden und rede mit den Fischen... die verstehen Babysprache. NELE Das will ich auch!!

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11Z3. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / ZIMMER NELE - TAG Nele sitzt vor ihrem Computer und spielt DIE SIMS.

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13T1. EXT. - KLETTERWAND - TAG Nele und ein paar andere andere Kinder bereiten sich für den Kletterunterricht vor: Schuhe werden geschnürt, Seile umgelegt, Karabiner überprüft. Astrid bindet Nele den Helm um. ASTRID Halt mal still.


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NELE Keiner trägt einen. ASTRID Du ab jetzt schon. Sie klopft ihr auf den Helm. Nele läuft zum Rest der Gruppe, zieht sich im Laufen den Helm wieder ab und legt ihn zur Seite. Astrid seufzt.

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15. EXT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / GARTEN - TAG Astrid hält sich die Hand vor Augen. Durch ihre Finger strahlt Sonnenlicht. Sie trägt ein Mario Barth-Shirt und liegt in der Hängematte. Astrid schaut in den Himmel, dann rüber zu Markus und Nele, die im Garten stehen. MARKUS Hier kommen die Stelzen hin, alles aus Buche, die hat en’ sehr stabilen Stamm und hält ziemlich viel Gewicht aus. NELE 10.000 Tonnen? MARKUS Na vielleicht bißchen weniger... Hier machen wir den Verschlag hin, zum Sitzen. Vielleicht können wir sogar was mit Glas machen. Und da die Stufen... Er zeigt auf eine Stelle, wo er die ersten Holzlatten befestigt hat. NELE Dann übernacht’ ich mit meinemBrüderchen dadrin, ganz allein, nur wir beide, ja? Bitte, bitte!


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MARKUS Oder mit deinem Schwesterchen. NELE Och nee, kein Mädchen... Sie hängt sich an die Holzlatten. NELE (CONT'D) Ein Jungenmädchen! Markus und Astrid müssen lachen. Sie liest aus einem handgeschriebenen Brief vor: ASTRID Ach hier, das ist gut: Hören Sie endlich auf, mit Ihren geschmacklosen Witzen unsere Kinder zu verderben. Nele wirft sich in die Hängematte, reißt Astrid die Briefe aus der Hand. NELE Sie sind eine... was heißt das PseudoFem... Femi, die... Schon hat Markus ihr die Briefe weggerissen. NELE (CONT'D) Ejjj! Sie klammert sich lachend an Markus’ Arm, der die Briefe einfach höher hält, sodass Nele nicht rankommt. MARKUS ... eine Pseudo-Feministin, die mit Ihrer Mittelalter-Haltung uns Frauenmehr schadet als dass sie gutes tut. ASTRID Das könnt’ ich mir als Spruch auf mein Programmplakat drucken lassen. Sie streicht über ihren Bauch.


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MARKUS Hier schreibt einer, dass du die beste Kabarettistin Deutschlands bist... Er fragt, wann du endlich die Themen für deine neue Tour bekannt gibst. Astrid grinst ihn an. Nele ist aus der Hängematte gesprungen, versucht die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, indem sie sich an die Holzlatten hängt. NELE Schaut mal: Wie Spider-Man. Als niemand sie beachtet, läuft sie in den Garten, spielt im Hintergrund weiter. MARKUS Dann spielen wir das alte Programmwieder, dein Leben lang, hoch und runter... ASTRID Das geht nicht auf Knopfdruck. MARKUS Das ist deine Chance, nem’ größeren Publikum bekannt zu werden. Aber du willst bis nächstes Jahr ein neuesProgramm haben und hast noch nichtmal en’ Thema. Er wirft einen Blick auf ihren Bauch. ASTRID Du verstehst das nicht. MARKUS Was gibt’s da zu verstehen? Ich bin dein Agent und sorge dafür, dass du möglichst viel Geld verdienst. ASTRID Das is’ nicht wie Brötchen backen. Das fällt einem nicht einfach so zu. Ich such’ nach was... anderem. Das dauert.


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MARKUS Ich weiß, ich weiß, Kabarett muss wehtun... ASTRID Wie en’ Pickel am Arsch des Zuschauers. Ich will was anderesmachen als diese belanglosenSchwätzer, die Olympiahallen füllen. Astrid schaut auf ihr T-Shirt. MARKUS Die ham’ genau so ihre Berechtigungwie du. Komm’ ma runter von deinemhohen Ross. ASTRID Besser als du mit deiner PseudoToleranz. Die beiden grinsen sich an. ASTRID (CONT'D) 10 Prozent... findste das hoch? MARKUS Zu 90 ist nichts. Das find ich hoch.

16. INT. - PRAXIS NAUTH  / BERATUNGSZIMMER - TAG Astrid und Markus sitzen im Beratungszimmer von Dr. Nauth, die sich im Nebenzimmer mit ihrer Sekretärin unterhält. SEKRETÄRIN (OFF) Herzhaft Knabbern, Indoor, die Portionspackung. Am besten Truthahn nass oder was es im Angebot gibt. NAUTH (OFF) Ich hätte das mal früher wechseln sollen. Fränki ist ziemlich eigen, was sein Fressen angeht. Hab’ ihn wohl zu sehr verwöhnt. Die beiden lachen. Nauth betritt den Raum und grüßt Astrid und Markus mit Händedruck. Sie legt das Blatt mit dem


19 Untersuchungsergebnis auf den Schreibtisch, setzt sich Astrid und Markus gegenüber. Die beiden wirken nervös. GYNÄKOLOGIN NAUTH Es tut mir Leid, dass ich Ihnen das mitteilen muss, aber... Ihr Kind hat Trisomie 21. Astrid und Markus starren sie fassungslos an, unfähig zu einer Reaktion. MARKUS Wie sicher ist so ein Bluttest? GYNÄKOLOGIN NAUTH 98 Prozent. ASTRID Wollen Sie nicht Ihre Sekretärin reinholen? Nauth schaut Astrid irritiert an. GYNÄKOLOGIN NAUTH Ich weiß, dass es schwierig ist, so eine NachrichtASTRID Ich würd’ von Herzhaft Knabbern abraten, davon kriegt Fränki nur Ausschlag. GYNÄKOLOGIN NAUTH Was soll das? Also... ASTRID Nehmen Sie Rindfleisch oder Schwein, vom Rewe oder sonstwo. Stopfen Siesihm rein, bis er platzt. MARKUS Astrid... ASTRID Was? Markus blickt sie eindringlich an. Astrid atmet tief durch, versucht sich zu beruhigen.


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MARKUS Können Sie mir... Er streckt seine Hand aus. Nauth reicht ihm das Blatt mit dem Untersuchungsergebnis, das Markus studiert. Astrid ist den Tränen nahe. Markus greift beruhigend nach ihrer Hand. GYNÄKOLOGIN NAUTH Sie wissen, dass im Falle einer geistigen oder körperlichen Behinderung die Möglichkeit eines Spätabbruchs besteht? Astrid nickt abwesend. GYNÄKOLOGIN NAUTH (CONT'D) Lassen Sie sich das in Ruhe durch den Kopf gehen. MARKUS Aber sie ist in der 15. Bedeutet das... also wie langeGYNÄKOLOGIN NAUTH -theoretisch geht das bis zu den Wehen. Schweigen. GYNÄKOLOGIN NAUTH (CONT'D) Ist übrigens ein Junge. Sie lächelt den beiden aufmunternd zu.

17. EXT. - PARKDECK - TAG Als Astrid aus dem Dunkel des Lifts auf das helle Parkdeck tritt,rempelt sie aus Versehen eine junge Passantin mit Einkaufstüten an. Ihr fällt die Zigarette herunter, die hinter ihrem Ohr geklemmt hat. Markus hebt die Kippe auf, versucht mit Astrid Schritt zu halten. MARKUS Bleib doch mal stehen. Astrid reagiert nicht, eilt über die graue Fläche. Die beiden müssen schreien, um sich zu verständigen.


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ASTRID Vielleicht ham’ die sich geirrt, im Labor. MARKUS Wir müssen davon ausgehen, dass es stimmt. Eine Windböe fegt über den Parkplatz, weht den beiden ins Gesicht. Astrid eilt weiter aufs Auto zu. MARKUS (LAUT) Astrid, jetztASTRID (LAUT) -Am Geburtstag von Simone hab ich an ner’ Zigarette gezogen... MARKUS (LAUT) Das hat doch nichts mitASTRID (LAUT) -Aber ich hab’ nochmal heimlich mit Beate geraucht... Markus muss fast lachen. MARKUS (LAUT) Ne’ Zigarette? Das ändert nichts an den Chromosomen des Kindes. Die von Astrid angerempelte Passantin hat ihr Auto erreicht, steigt aber nicht ein, sondern starrt mit anderen Passanten zu den beiden hinüber. Astrid erschreckt sie plötzlich. ASTRID Buh! Schnell steigen die Passanten in ihr Auto, gehen weiter. Astrid ist stehen geblieben. ASTRID (CONT'D) Was machen wir jetzt? MARKUS Ich kauf’ zwei Stück Donauwelle, eins für dich und eins für dich. Astrid muss unfreiwillig schmunzeln. Sie geht auf ihn zu.


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MARKUS (CONT'D) Dann schlafen wir ne’ Nacht drüber und sagen deinen Auftritt ab. Markus nimmt Astrid fest in den Arm. Über seine Schulter schaut sie einen Moment direkt in die Kamera.

18Z1. INT. - SHOW 2 (3SATFESTIVAL) / HINTER DEM VORHANG NACHT Astrid liest leise ihren Bühnentext von einem Notizbuch ab: ASTRID Beim Bäcker neulich...

18. INT. - SHOW 2 (3SATFESTIVAL) / BÜHNE - NACHT Astrid steht auf der Bühne vor einem gefüllten Zuschauersaal. ASTRID Schön auch, wie die Leute reagieren.Meine Mutter hat mich tatsächlich gefragt: Kind, wie konnte das denn passieren? Ich dachte, will die mich aufn Arm nehmen? Bin ich adoptiert? Astrid verstellt ihre Stimme, spielt: ASTRID (CONT'D) Mama, du musst ganz stark sein, aber pass auf, da gibt es Blumen und da gibt es Bienen... Och Kind, das weiß ich doch. Aber bist du nicht zu alt?... Was? Ich bin Anfang 20, Mitte 30, das ist doch ein Topalter. Ich bin doch keine Lustgreisin, die aus Versehen schwanger geworden ist. Gelächter. ASTRID (CONT'D) Aber man erlebt auch schöne Sachen! Beim Bäcker neulich: Ich: Ich bekomm’ ein Schwarzbrot. Er: Sachen gibt’s.


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Lachen, Applaus. ASTRID (CONT'D) Danke schön! Sie verschwindet winkend unter Beifallsklatschen von der Bühne.

18Z2. INT. - SHOW 2 (3SATFESTIVAL) / HINTER DEM VORHANG NACHT Wir sehen Astrid auf einem Screen auf der Bühne. Jemand läuft vor dem Screen durchs Bild.

19. INT. - SHOW 2 (3SATFESTIVAL) / GANG ZUM MASKENRAUM, SHOW 2 (3SATFESTIVAL) / HINTER DEM VORHANG, SHOW 2 (3SATFESTIVAL) / MASKENRAUM - NACHT Astrid gelangt durch verwinkelte Gänge in den BackstageBereich, wo einige bekannte Künstler in ausgelassener Stimmung gerade auf die Premiere einer Kabarettistin anstoßen, die vor Astrid aufgetreten ist. Zwei angetrunkene Frauen umarmen Astrid überschwänglich. Astrid geht durch die Gruppe, die auf dem Gang und im Maskenraum verteilt steht und lässt sich in den Maskenstuhl vor dem Spiegel fallen. Beate dreht sich auf einem Maskenhocker im Kreis. Die beiden Frauen schauen in den Spiegel, sehen sich ähnlich. BEATE Was war mit dir heut los? Warst super. Astrid sucht den Blick von Markus, der sich an den Türrahmen gelehnt mit einem Mann unterhält. Sie beginnt sich abzuschminken, wirkt abwesend. BEATE (CONT'D) Hier oben und im mittleren Teil, 100 ml, dadurch wird sich das Ganze etwas heben... ASTRID Lass am besten die Nase gleich mitmachen. Beate begutachtet im Spiegel ihr Gesicht.


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BEATE Und bei dir: Die Augenringe... Du hast zu viel Stress, Liebes. Beate mustert Astrid, die gezwungen lächelt und hilfesuchend zu Markus schaut. BEATE (CONT'D) Den Gesichtsausdruck kenn’ ich. Immer wenn duASTRID Bitte, ichMarkus tritt zu den beiden, gibt Astrid wie immer ihre Zigarette zurück. MARKUS Beate, bist du bereit? BEATE Für was? MARKUS Da hinten steht der Pastewka. Ich stell’ euch vor. BEATE Oh Gott, oh Gott, oh Gott, oh Gott... Sie schaut schnell in den Spiegel, hängt sich dann bei Markus unter. Die beiden entfernen sich. Markus dreht sich zu Astrid, die mit ihren Lippen das Wort Danke formt.

20. INT.-EXT. - AUTO ASTRID UND MARKUS / VOR 3SATFESTIVAL NACHT Astrid und Markus schauen durch die Fensterscheiben zum Hintereingang des Theaters, wo sich zwei weibliche Gäste in Highheels und kurzem Rock eine Zigarette teilen. ASTRID Kannst ruhig laut lesen. Markus liest vor wie aus einer Zeitung, ohne es zu bewerten.


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MARKUS ... Erhöhtes Risiko auf Nieren- und Darmfehlbildungen, Herzfehler, zu großen Kopf. Atemwegserkrankungen, ein schwächeres Immunsystem... Die Lebenserwartung von Europäern mit Down-Syndrom ist von neun Jahren auf 50 gestiegen... ASTRID Meinste... der kann allein sein Zimmer aufräumen? Duschen, essen, aufs Klo gehen? Tragen die Windeln? Die beiden schauen sich ahnungslos an. MARKUS Ich wollte dem Fussballspielen beibringen, was ich alles machen wollte... ASTRID Na allein Zähne putzen kann er bestimmt... MARKUS Als Kind hab’ ich immer mit nem Downy gespielt. ASTRID (FLÜSTERND) Downy? Darf man das sagen? Schweigen. MARKUS Wie würde er aussehen? ASTRID Wahrscheinlich wie du und ich, nur mit Down halt. Beide schauen sich an und grinsen. Astrid schaut zum Eingang, aus dem ihre Mutter tritt und sich von den beiden Kichernden eine Zigarette schnorrt.


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MARKUS Wie soll so ne... so was eigentlich vor sich gehen? Töten sie die im Bauch und holen sie dann raus? Bis zu den Wehen, pervers... ASTRID (FLÜSTERND) Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen... MARKUS Warum flüsterst du? ASTRID (FLÜSTERND) Ich hab’ manchmal das Gefühl, er hört uns. Schweigen. ASTRID Machen wir das? (Oder: Kommt das in Frage für uns?) Markus zuckt mit den Schultern. Die beiden schauen sich unsicher an. Astrid antwortet nicht. Plötzlich zerknietscht Beate ihr Gesicht an der Autoscheibe, hinterlässt Kussmund. Astrid öffnet das Fenster. BEATE Ich bleib nochn’ bisschen. Markus schaut sie fassungslos an. MARKUS Das sind 400 Kilometer. BEATE Ich nehm’ en’ Zug. Sie küsst ihre Tochter flüchtig auf die Wange, winkt Markus und läuft wieder zurück zum Eingang. ASTRID Aber schlepp’ uns bitte nicht wieder irgend nen’ Typ ins Haus. Beate dreht sich im Laufen lachend zu ihrer Tochter.


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BEATE Die meisten hier sind zu alt. Astrid schüttelt den Kopf. ASTRID Die Grand Dame lebt im falschen Körper.

20E. EXT. - STADT - NACHT Die Nacht liegt vor uns in ihrer nächtlichen Pracht. Ein Meer von Lichtern.

20Z.  -  -

21. EXT. - KLETTERWAND - TAG Astrid nähert sich der Kletterwand, an dessen Fuß Nele mit einer Gruppe Jungen und Mädchen steht und nach oben schaut. Dort hängt ein korpulentes Mädchen frei in der Luft, das Nele am Boden mit einem Seil sichert. KORPULENTES MÄDCHEN Ey... jetzt lass doch ma. Die Gruppe am Boden lacht. GRUPPE Fette Qualle, fette Qualle... Die Kinder wiederholen den Satz singend. JUNGE 1 Gib mir mal. Nele gibt ihm das Seil, an dem der Junge zieht. Das korpulente Mädchen fällt einen halben Meter und hängt dann wieder im Freien. KORPULENTES MÄDCHEN Bitte, bitte!


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Doch am Boden macht keiner Anstalten, sie runter zu lassen. Astrid geht wütend auf die Gruppe zu. ASTRID Lasst sie runter. NELE Wir machen doch nur n’ bißchenASTRID -Sofort! Sie ist laut geworden. Die Kinder lassen das Mädchen runter. JUNGE 1 Is’ doch gar nichts passiert. NELE Wenn die nicht so ne’ fette Qualle wär, würd’ sies’ allein hinkriegen. ASTRID (ZU NELE) Und wenn dein Bruder ne’ fette Qualle wird... Nele schaut ihre Mutter irritiert an. NELE Wirds aber nicht. Woher wisst ihr, dass es ein Junge ist?

22. INT. - RADIOSTATION / AUFNAHMESTUDIO - TAG Astrid befindet sich im Live-Interview mit einer RADIOMODERATORIN (26). ASTRID Ich schreib’ mein Programm nach jedem Auftritt um. Bis es sitzt. Am Anfang ist es meist ziemlich... scheiße. Deswegen trete ich erstmal in Leipzig auf, damit mir meine Freunde die schlechten Gags um die Ohren hauen können.


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MODERATORIN Sie sagen in ihrem aktuellen Programm, Ossis stehen auf den Skipisten nur im Weg rum und sind in Deutschland die Ausländer mit der geringsten Anpassungsfähigkeit. Sie sind in OstBerlin geboren. Warum machen Sie sich über sich selbst lustig? ASTRID Sehn Sie, ich mag den Ort von dem ich komme, nicht so wie Sido, der hat ja Jahre lang verheimlicht, dass er im Osten geboren ist... Hey, bei mir kommen doch alle schlechtweg. Mein Vati hat mir als Kind immer Honeckerund Ulbricht-Witze erzählt. So als Teil des politischen Widerstands, sozusagen. Vor der Wende gabs noch mehr zu lachen. MODERATORIN Warum leben sie eigentlich hier in Leipzig und nicht wie ihre meisten Kollegen inASTRID -Prenzlauer Berg? Das Auffangbecken für Desorientierte... denen ist nur langweilig, da dröhnen sie sich mit Kultur voll oder lassen sich künstlich befruchten. MODERATORIN Nach ihrer Babypause treten Sie mit einem neuen Programm auf. Können Sie dazu vielleicht etwasASTRID -Mit allen meinen Berliner Freunden bin ich jetzt nach Hypzig. Endlich mal Römer spielen, nicht immer nur Gallier. Na is’ schon in Ordnung... solange die Schwaben in Berlin bleiben... Was kommt bei raus, wenn man einen Affen mit einem Schwaben kreuzt? Na? Noch ein Affe.


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MODERATORIN Können Sie die Rolle Astrid Lorenz eigentlich nie ablegen... ASTRID Ich bin doch Astrid Lorenz. MODERATORIN ... auch in ernsten Talksendungen wie der hier nicht? ASTRID Ach, das ist ne’ ernste Talksendung? MODERATORIN Jetzt lenken Sie ab... Also nochmal: Sie kriegen jetzt ihr zweites Kind. So stark wie Sie für Ihren Beruf leben, können Sie da überhaupt Mutter sein? Astrid lacht ungläubig. ASTRID Oh Gott... Gehören Sie auch zu den Frauen, die’s anderen Frauen nicht zutrauen, Beruf und Kinder unter einen Hut zu bekommen? Die Moderatorin ist überrumpelt. MODERATORIN Nein, ich... Sie spricht nicht weiter. Die beiden starren sich einen Moment an. MODERATORIN (CONT'D) Danke Astrid Lorenz, das war’s schon wieder mit Radio Brocken bei der Arbeit.

23. INT. - RADIOSTATION / TOILETTE - TAG Astrid betrachtet sich im Spiegel, dreht den Wasserhahn auf. Die Leitung scheint verstopft, das Becken läuft voller und voller. Kurzerhand taucht sie ihren Kopf in das gefüllte Becken.


31 24. INT. - RADIOSTATION / GANG - TAG Zeitlupe: Mit tropfnassen Haaren geht Astrid den Gang der Radiostation entlang, vorbei am Sekretärsbüro der Radiomoderatorin. Die Sekretärin ist durch die halboffene Tür zu sehen, verabschiedet Astrid kopfnickend. Auf dem Gang kommt Astrid ein junger Mitarbeiter entgegen, der sich im Gehen eine Jacke überzieht und sie irritiert anschaut.

25Z.  -  -

25. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / WOHNZIMMER - TAG Astrid und Kathi stehen auf dem Flur. Astrids Haare sind noch nass. ASTRID Frag nicht... Die beiden schauen durch die offene Tür zu Nele, die auf der Couch liegt und eine Videoprojektion von sich anschaut, in der sie als Einjährige Laufen lernt. Der Mann, der mit ihr spielt, ist nicht Markus. Kathi macht ein Gesicht, deutet zu Nele herüber. KATHI Ick hol sie morgen direkt vom Naturkundemuseum ab. (flüsternd:) Von der Vier in Rechnen hat sie dir erzählt? Die beiden verabschieden sich mit Umarmung. ASTRID (LAUT) Stolz war sie nicht gerade. (flüsternd:) War das ihre Idee mit den Videos? KATHI (FLÜSTERND) Zerfliest in Selbstmitleid. Astrid nickt. ZEITSPRUNG


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Astrid sitzt neben Nele auf der Couch. Sie zieht sich ihre nasse Bluse aus. Nele würdigt sie keines Blicks. Astrid mustert ihre Tochter von der Seite. ASTRID Redest du nicht mehr mit mir? Nele schaut unbeirrt nach vorne. ASTRID (CONT'D) Ihr habt euch über sie gestellt und sie ausgeschlossen... kannst du verstehen, was ich meine? Nele dreht sich plötzlich zu ihrer Mutter. NELE Du schließt mich auch aus. Sie schaut Astrid in die Augen, die irritiert ist. Nele legt ihr Ohr an Astrids Bauch. NELE (ZUM BAUCH) Was ist mit dir? Astrid entgegnet nichts. NELE Haallo. Jemand da? Sie schaut wieder Astrid an. NELE (CONT'D) Warum sagst Du, dass mein Bruder eine Qualle ist? Was hat er? Astrid weicht dem Blick von Nele aus. ASTRID Weck’ ihn nicht auf. Er schläft tief und fest.

26. INT. - DISKO - NACHT Markus geht durch eine Drehtür, Astrid folgt ihm.


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ASTRID Hoffentlich schleppste mich nicht zu irgendnem Kunstkack. Laute Musik schallt ihnen entgegen. ASTRID (ZU MARKUS) Ne Disco? Ein JUNGER MANN mit Downsyndrom erwartet sie im Eingangsbereich. Markus schüttelt ihm die Hand. Astrid schaut ihn fragend an. MARKUS Hi, ich suche Jonas Ebner, den Leiter der Gruppe. JONAS Ich bin Jonas. MARKUS Sie waren das am Telefon? Ich dachte... JONAS Downies können nicht sprechen? Lachend streckt Jonas auch Astrid die Hand entgegen, die völlig überrumpelt Markus anschaut. JONAS (CONT'D) Im Fernsehen siehste besser aus. ASTRID Das ist ne’ Doppelgängerin. Sie gehen Richtung Eingangstür, aus dem immer wieder Leute kommen. JONAS Warum seid ihr nochmal hier? MARKUS Wir haben überlegt, ein Programm über Down-Syndrom zu schreiben. Jonas guckt auf Astrids Bauch und lacht ungläubig.


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JONAS Aha.

27. INT. - DISKO - NACHT Astrid und Markus stehen am Rand der Tanzfläche von der laut Dr. Alban: Sing Halleluja dröhnt. Viele der Tanzenden haben eine Behinderung, einige das Down Syndrom. Sie tanzen wie wild zu der kitschigen Musik. Astrid schaut Markus an, schüttelt grinsend den Kopf. Er grinst zurück, wirkt aber etwas unsicher. Ein weiblicher Fan stellt sich neben Astrid, zeigt auf ihr Handy, will ein Selfiemachen. Astrid lässt es geschehen, bewegt sich danach schnell unter die Tanzenden. Markus bleibt am Rand stehen. Sie will ihn auf die Tanzfläche ziehen: Vergeblich. Jonas gesellt sich zu den beiden, greift nach dem anderen Arm von Markus, der widerwillig nachgibt. Als Astrid ihre Schuhe auszieht, schüttelt Markus schmunzelnd den Kopf. Die beiden tanzen immer gelöster zwischen den Menschen mit Down, tanzen und tanzen.

28E. INT.-EXT. - AUTO ASTRID UND MARKUS - NACHT Das Auto von Astrid und Markus gleitet durch die nächtliche Stadt.

28. INT.-EXT. - AUTO ASTRID MARKUS UNFALL - NACHT Astrid fährt den Leipziger Ring entlang. Sie ist vom wilden Tanzenwie befreit. In bunten Lichtern zieht die pulsierende Leipziger Innenstadt an Markus und ihr vorbei. Markus hat ein Bier in der Hand. Astrid schließt ihr iPhone ans Musikdeck an, macht Dr. Allban an. Astrid dreht lauter und macht mit Armen und Oberkörper ein paar Tanzbewegungen, lässt dabei das Lenkrad kurz los. ASTRID Mongo-Shake. Plötzlich gibt es einen lauten Knall. Astrid ist dem Vordermannaufgefahren, legt schützend ihre Hand um den Bauch, schreit kurzauf. Markus richtet sich wieder auf, dreht sich sofort zu Astrid.


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MARKUS Gehts dir gut? Dem Baby? Astrid tastet vorsichtig ihren Bauch ab. Markus beobachtet sie angespannt. ASTRID Ich glaub’ ist alles in Ordnung. MARKUS Wir müssen ins Krankenhaus. Das ist hier gleich um dieASTRID -Ich würd’ merken, wenn was ist. Schweigen. ASTRID (CONT'D) Wär’ ich durch die Windschutzscheibe geflogen... hätten wir jetzt en’ Problem weniger. Markus schaut sie fassungslos an. Astrid muss lächeln.

29. EXT. - STRAßENRAND - NACHT Die Unfallautos stehen am Straßenrand, während der Verkehr weiter rauscht. Lacksplitter liegen auf der Straße, ein Warndreieck leuchtet rot. Markus und Astrid stehen an der Leitplanke. Hinter ihnen liegt Leipzig, die Lichter scheinen schwach herüber. Etwas abseits diskutiert der andere Autofahrer lautstark mit einem Polizisten. AUTOFAHRER Ganz einfach: Der Idiot mit seinem Benz hat nicht gebremst. Er ruft zu Markus hinüber: AUTOFAHRER (CONT'D) Jetzt kannste’ mir schön meine Klapperkiste zahlen. Markus zeigt grinsend auf Astrid.


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MARKUS Sie ist gefahren. ASTRID (LACHEND) Er lügt. Markus schaut erst auf Astrids Bauch, dann in ihre Augen. MARKUS Was denkst du? ASTRID Ich find’ ja Karl en’ schönen Namen. Markus und Astrid umarmen und küssen sich. Markus kniet sich auf den Boden, legt sein Ohr an Astrids Bauch und tut so, als ob er lauschen würde. Der Polizist schaut rüber, während der andere Autofahrer ihnen den Vogel zeigt. MARKUS Ich hörs’ ganz deutlich: Moritz will er heißen. ASTRID Ich dachte, nur Nele versteht Karl. Glücklich stehen sie im Scheinwerferlicht, das sich im Nebel bricht. Das Auto von Astrid hält bei der Unfallstelle. Beate und Nele steigen aus, eilen auf Astrid und Markus zu. BEATE Ist euch was passiert!? Astrid schüttelt den Kopf. Neles Blick fällt auf die zerbeulten Autos. NELE Boaaah! Astrid schaut zu Markus, kniet sich dann zu Nele. ASTRID Nele, dein Geschwisterchen ist behindert. Sie schaut Astrid überrascht an. Auch Beate ist überrumpelt.


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ASTRID (CONT'D) Es hat Down-Syndrom. Weißt du was dasNELE -Hauptsache es ist keine Qualle. Astrid schaut Nele tadelnd an, muss gleichzeitig schmunzeln. Nele schaut wieder zu der Unfallstelle. BEATE Ich werd’ für euch da sein. ASTRID Danke, Grand Dame. Markus legt den Arm um Astrid, eine traute Familie. Astrid bemerkt den besorgten Blick ihrer Mutter: Wisst ihr, was da auf euch zukommt? SCHWARZBLENDE.

30. INT. - IM BAUCH - NACHT Unendliche Dunkelheit, Partikel schweben schwerelos, vereinzelt werden Teile eines Körpers sichtbar. Man hört dumpf das Geräusch von plätscherndem Wasser.

31. INT. - SCHWIMMHALLE / BECKEN - TAG Unter Wasser. Vereinzelte Lichtstreifen durchdringen die Oberfläche, Blasen bilden sich hier und da. Plötzlich tauchen mehrere Beinpaare ins Wasser, die regelmäßig, wie auf einem Fahrrad, angezogen und wieder gestreckt werden: Aqua Training für Schwangere. Dabei berühren die Knie fast die schwangeren Bäuche der Frauen. Die Wassermassen bilden Strudel, werden durchgewirbelt. Astrid taucht ganz unter Wasser, ihre Haare schweben in der Dunkelheit, sie umarmt ihren Bauch. Dumpf dringt die Stimme einer Trainerin unter die Wasseroberfläche. MARKUS (OFF) Anfangs wächst sie sehr langsam. Erst mit 120 Jahren erreicht sie ihren Hauptschub. Eine Buche kann bis zu 35 Meter hoch werden und über 200.000 Blätter besitzen.


38 32. EXT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / GARTEN - TAG Schnell rotierend bewegt sich eine Tischkreissäge auf ein Stück Holz zu und durchschneidet es mit kreischendem Geräusch. Späne wirbeln durch die Luft, das abgeschnittene Holzstück fällt ins Gras. Markus, im Garten stehend, setzt die Kreissäge erneut an. Seine Arme und das Gesicht sind schweißüberströmt. MARKUS (OFF) Die Chromosomenzahl der Buche beträgt 2 n gleich 24. Jede Baumart hat ihre eigene Chromosomenzahl. Doch sie sagt nichts aus über die Beschaffenheit der Bäume, nichts über ihre Erscheinungsform.

33. INT. - SCHWIMMHALLE / DUSCHRAUM - TAG Durchsichtiger Dampf. Wasser fließt über Astrids Bauch. Ihre Hände streichen darüber. Die schwangeren Frauen aus der Schwimmgruppe duschen. Astrid reibt ihren Körper mit Duschgel ein. Sie muss lächeln als sie spürt, wie sich der Embryo bewegt.

34A. EXT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / GARTEN - TAG Im Garten sind Tische und Bänke aufgebaut. Das Kindermädchen Kati öffnet eine Weinflasche. Im Hintergrund spielt Nele mit zwei Jungs Fangen. Astrid, ihre Freundin SVEA (32) und Beate decken den Tisch. Astrid mustert heimlich ihre Mutter, deren Lippe sich etwas verändert hat. SVEA ...Jetzt will Max Fechten und Susen aufs Pferd. Ein Theater... Ich sachsdir, mach dich auf was gefasst, wenn dein zweites kommt. BEATE Da hab’ ich ja alles richtig gemacht. ASTRID Und Matthias?


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SVEA Is’ einfach nie da. Na wenigstens iser talentiert. Sei froh dass du nicht mit nem Künstler. Hab’ ich dir eigentlich schon seine neuesten Wackelkatzen gezeigt? Markus zeigt seinen Eltern INGE (61) und ROLF (72) das halbfertige Baumhaus. INGE ... Sein Lehrer sagt, dass er so ein Talent noch nie gesehen hat. Der probt drei Mal am Tag, von sich aus! ROLF Woher er das wohl hat? MARKUS Von seinen Großeltern bestimmt nicht. ROLF Von seinem Onkel aber auch nicht... Die Drei müssen lachen. Markus’ Freund Paul und seine junge Freundin sitzen etwas abseits, neben ihnen steht ein Geschenk. FREUNDIN Aber so tut sie nur beiden weh! PAUL Ach, das überleben die schon. Letztens hat sie mir erzählt, dass sie über ihren Mann und diesen Kerl nur noch in Englisch nachdenkt... Seine Freundin schaut Paul fragend an. PAUL (CONT'D) ... weil sie irgendwo gelesen hat, dass es einfacher ist, in ner’ fremdenSprache zu nem’ Punkt zu kommen. Die beiden müssen lachen.


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FREUNDIN So n’ Quatsch. PAUL Mensch, Markus! Jetzt pack’ endlich mal aus! Er klopft auf das Geschenk neben sich.

34B. EXT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / GARTEN - TAG Die Gäste sind mitten beim Mittagessen, die meisten Teller sind schon leer, Nele rennt ins Haus. Astrid ist still, wirkt abwesend. INGE (ZU ASTRID) Als Markus mich angerufen hat um zu sagen, dass du schwanger bist... MARKUS ... da hast du vor lauter Freude vergessen, das Wasser für die Badewanne zuzudrehen und alles war überschwemmt. Inge schaut ihren Sohn verwirrt an. INGE Hab’ ich euch das schonMARKUS -ungefähr ein bis 20 mal. INGE Tja, bei deiner Schwester hab’ ich schon zwei Mal das Bad überschwemmt vor Freude, dass ich Oma werde. Und die ist noch nicht 45 geworden. Markus beugt sich hinüber zu Astrid, flüstert ihr etwas ins Ohr. Astrid klopft mit einem Löffel an ihr Glas. Alle Blicke richten sich auf sie. ASTRID Open-Air Auftritte bin ich nicht gewöhnt.


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Sie lächelt nervös. ASTRID (CONT'D) Wir wollten den Anlass hier nutzen, um euch etwas mitzuteilen. Sie stockt kurz, sucht nach Worten. Markus’ Vater fällt dazwischen: ROLF ... ihr wollt endlich heiraten!? ASTRID Nicht ganz. INGE Das ist Astrid doch viel zu spießig. Rolf und Inge lachen. Beate schaut die beiden schief an. ASTRID Wir wollen euch mitteilen, dass unser Kind ein Junge ist... und Down-Syndrom hat. Schweigen. Als niemand was sagt: ASTRID (CONT'D) Ja, also habt ihr irgendwelche... Immer noch Schweigen. Beate schaut ihrer Tochter fest in die Augen: Hast du gut gemacht. INGE Bei uns hat einer in der Strasse gewohnt, der hat immer gerechnet... addiert, subtrahiert bis 100 und wieder zurück, erinnerst du dich? Markus nickt schmunzelnd. ROLF Wir haben doch mal einen getroffen, der ist sogar Schaffner geworden.


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BEATE Und ich kenn’ einen, da wollten die Eltern unbedingt, dass er aufs Gymnasium kommt, aber der hat beim Reden immer nur gepupst und dann gelacht. ASTRID Es gibt ne Behindertenwerkstatt, gleich am Luisenplatz, da sind welche vom Gymnasium und auch en’ paar die furzen. Svea nimmt Astrids Hand, spricht leise mit ihr, während Rolf in die Runde fragt: ROLF Wie lange wisst ihr das schon? BEATE So en’ Monat. Oder? INGE Ach, du weißt das schon... MARKUS Wir wollten euch das persönlich sagen... nicht am Telefon. Gekränkt blickt Inge ihren Sohn an. ROLF (INGE BESCHWICHTIGEND) Ich schreib’ euch mal die Nummer von einem Logopäden auf, der ist spezialisiert auf solche Krankheiten. Er sucht einen Stift in seiner Tasche. SVEA Und ihr seid euch sicher, dass ihr das alles schafft? ASTRID Nein, aber wir machen es trotzdem. SVEA Ich mein’ nur, so viel wie ihr unterwegs seid...


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MARKUS Du weißt wir lieben Stress. INGE (ZU ROLF) Vielleicht tut ihnen das auch gut... wenn sich nicht immer alles nur um den Beruf dreht. Sie lächelt Markus und Astrid aufmunternd zu. Astrid wirkt nachdenklich. SVEA Und Nele? ASTRID Sie kann sich das noch gar nicht richtig vorstellen. SVEA Ich mir auch nicht. ASTRID Kann auch anders als bei euch zu Hause laufen. Die beiden lachen. Beate legt ihre Hand auf Katis Schulter. BEATE Wird schon. Und Kati habt ihr ja auch noch. KATI Ich passe weiter auf Nele auf, aber nicht... auf das Behinderte. Alle starren Kati an. Nur Beate kann sich ein Lachen nicht verkneifen.

35. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / KÜCHE - TAG Astrid und Kati räumen die Spülmaschine ein. ASTRID Wir zahlen natürlich mehr für den zusätzlichen Aufwand.


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KATI Ich hab’ wegen meiner Uni keine Zeit. ASTRID Du bist in zwei Monaten fertig mit deinem Bachelor. Außerdem hat Markus doch längst mit dir über alles gesprochen. Inge betritt die Küche, stellt Geschirr auf den Tisch. KATI Zehn Minuten zwischen Tür und Angel! So richtig zugesagt hatte ich noch gar nicht... ihr habt das einfach vorausgesetzt. Astrid schweigt einen Moment. ASTRID Tut mir leid, wir hatten so viel um die Ohren... Astrid wirft Inge einen Blick zu, die sich eilig entfernt. KATI Ich kenn’ mich mit denen gar nicht aus. Sie schnappt sich ihre Tasche, die auf der Ablage legt und hängt sich ihre Jacke über die Schulter. ASTRID Ich auch nicht. Lernen wirs’ eben. KATI Mit Nele, das geht gut nebenher, aber mit so nem’ Kind, wie stellt ihr euch das vor? Das is’ ein Full Time Job. ASTRID Kati, du bist seit vier Jahren bei uns. Ich weiß, dass ich dir vertrauen kann undKATI -Ich lass’ mich nicht zwingen.


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Kati will die Küche verlassen, doch Astrid stellt sich ihr in den Weg. ASTRID Ab jetzt ist das ein Haushalt mit behindertem Kind. Was ist Dein Problem? KATI (FLÜSTERND) Ich... ich find die einfach eklig. Astrid schaut das Kindermädchen fassungslos an. ASTRID Ich glaubs nicht, das süße Blondchen mit so ner’ Faschoeinstellung... Plötzlich geht eine Schranktür auf. Dahinter kommt Nele zum Vorschein, die das ganze Gespräch mitgehört hat. NELE Ich find’ die auch eklig. Sie klettert aus dem Schrank und gesellt sich zu Kati. KATI Na viel Spaß, ein Kind behindert, das andere en’ Fascho... Astrid ist sprachlos. Kati verlässt wütend die Küche durch die Terrassentür, gefolgt von Nele. ASTRID Nele! Nele dreht sich im Gehen nochmal um. NELE Hab’ kein Bock auf den Behindi. Astrid sieht durchs Küchenfenster wie Kathi im Garten an den Gästen vorbei geht, gefolgt von Nele.

36. EXT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / HOFEINFAHRT - TAG Markus und Astrid winken Svea zu, die auf der Straße vor dem Haus auf ihr Fahrrad steigt. Die Laternen leuchten schon.


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MARKUS Wir haben sie zu sehr vor vollendete Tatsachen gestellt! An ihrer Stelle hätt’ ich auch erstmalASTRID -Du hättst ihre Einstellung hören sollen! Rassistisch... Die beiden schlendern über die Hofeinfahrt zurück zum Haus. MARKUS Die beruhigt sich. Und dann reden wir nochmalASTRID -Die hat mein Kind beleidigt. Ich red’ mit der kein Wort mehr. Markus schaut Astrid an, seufzt. MARKUS Aber in einem Punkt hat se’ Recht: Wir brauchen jemand, der mehr Zeit hat. ASTRID Ne’ Fachkraft ist eh’ besser. MARKUS Mit Nele muss ich mir jetzt unbedingt was einfallen lassen. Astrid entgegnet nichts. MARKUS (CONT'D) Die beste Fachkraft für Nele, die mir einfällt, istASTRID - Dass die hier einzieht? Auf keinen Fall. MARKUS Ich bin jetzt mal dran mit spontanen Entscheidungen. Und ich find’ die Grand Dame ne’ tolle Frau... ASTRID Sie lässt sich liften.


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Markus grinst.

37E. EXT. - STADT - DÄMM. MORGEN Die Sonne geht über der Stadt auf, blinzelt durch die Bäume.

37T1.  -  -

37T2. EXT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / DACH - TAG Astrid klettert die Treppe aufs Dach. Oben angekommen setzt sie sich an den Rand des Daches neben Beate, die einen Joint raucht. Astrid muss schmunzeln. BEATE Ein Zug geht schon. Merkt doch keiner. Astrid verdreht die Augen. ASTRID Passivkiffen reicht... Seit wann bist du eigentlich so? BEATE Weißte doch’... neben ihm konnt’ ich mich nicht richtig entfalten. Astrid schaut ihre Mutter nachdenklich an. ASTRID Für mich war sein Tod nie ne’ Befreiung. Schweigen. Astrid versucht die Spannung wieder zu lösen: ASTRID (CONT'D) Danach hab’ ich manchmal geglaubt, dass du in der Pubertät bist, nicht ich. Beate erwidert nichts, zündet sich den Joint an. ASTRID (CONT'D) Markus und ich...


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Astrid gibt sich einen Ruck. ASTRID (CONT'D) ...haben uns gefragt, ob du vielleicht zu uns ziehen könntest. Beate schaut sie fassungslos an. ASTRID (CONT'D) Erstmal für die ZeitBEATE -Wie stellt ihr euch das vor? Ich wohne 200 Kilometer weg von euch. ASTRID Wir haben nur an vorübergehend gedacht, ein halbes Jahr vielleicht... Du hast doch gesagt, dass du uns hilfst. BEATE Ich wollte mit Andreas auf die Malediven. ASTRID Welcher Andreas? BEATE Hah, du und ich in einem Haus? ASTRID Nele würde sich riesig freuen, vielleichtBEATE Du bist erwachsen. Jeder hat neben Deinem Downy auch sein eigenes Leben. Astrid schaut ihre Mutter enttäuscht an.


49 38.  -  -

39.  -  -

40. INT. - TURNHALLE - TAG Astrid, Markus und Nele betreten eine Turnhalle, in der Menschenmit Down-Syndrom ziemlich schief ein Lied singen. Die verschiedene Mikros geben komische Geräusche ab. Am Rand der Bühne spielt einer begleitend das E-Piano. Eine LEITERIN (52) gibt vor der Bühne Anweisungen. Nele schaut beleidigt drein als sie bemerkt, wo Astrid und Markus sie hingeschleppt haben. Markus telefoniert leise. MARKUS Tut mir Leid Herr Seeger, dass wir die Untersuchung schon wieder verschieben müssen... Okay ja, dann bis Donnerstag. Wiedersehen. Plötzlich fallen die Mikros ganz aus, die Stimmen sind nur noch leise zu vernehmen; eine Erleichterung. LEITERIN Sascha, schaust du mal? Sascha tritt ans Mikro und bastelt daran herum. SASCHA Dauert n Moment. LEITERIN Dann is’ kurz Pause. Alle laufen in verschiedene Richtungen, holen ihre Trinkflaschen aus Rücksäcken, einer verteilt Plätzchen. SASCHA (ZU ALLEN VON DER BÜHNE) Hört mal, wir haben Besuch. Das sind Nele, Markus und Astrid! Astrid und Markus werden umringt von den behinderten Jugendlichen. Einer umarmt Nele einfach, der das alles zu viel ist.


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EMILIE Ich heirate nächste Woche. Da kommen alle, meine Eltern, die ganze Gruppe hier... Markus hört ihr zu, während sich Astrid an Tom wendet. ASTRID Und du? TOM Ich will Sex von dir haben. FRITZI Das will der immer. Die anderen lachen. Markus schüttelt dem Jungen die Hand. MARKUS Gratuliere, schaffen nur wenige, meine Frau sprachlos zu machen. Das Bühnenlicht flackert, als Sascha mit dem Stromverteiler hantiert. Nele redet so laut, dass alle sie hören können: NELE (ZU ASTRID) Warum ist Moritz eigentlich behindert? Astrid ist es unangenehm, vor den Anderen darüber zu reden. ASTRID Hab’ ich dir schon erklärt, das hat was mit der Chromosomenzahl zuNELE (ZU MARKUS) Muss was mit dir zu tun haben, weil Papa, Mama und ich sind ja gesund. Sie flüchtet in die Ecke unter einen Tisch. EMILIE Was ist mit der? ASTRID Wissen wir auch nicht. SASCHA Test ein, zwei...


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Das Mikrofon geht wieder, alle jubeln. LEITERIN Okay geht weiter, Hieu, du bist dran! Die Jugendlichen eilen wieder auf ihre Position. ASTRID Sie hat das nicht so gemeint. Markus lächelt verletzt. MARKUS Hat sie schon. Sascha steht stolz vor der Bühne. Eine junge Frau setzt an, ein Solo zu singen. ASTRID (FLÜSTERND ZU MARKUS) Bitte nicht noch eins... Doch nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Mikrofon wird klar:Die Frau hat eine beeindruckende Stimme. Der Raum wird ganz still. Die Leiterin blickt Emilie stolz an. Astrid und Markus schauenfasziniert zu dem Mädchen, sogar Nele kommt unterm Tisch hervor, lauscht staunend der Stimme.

41. INT. - KRANKENHAUS 1 / GANG - TAG Aus dem Off hören wir das Lied von Hieus. Markus und Astrid irren durch die Gänge eines Krankenhauses. Markus geht auf ein Schild zu, dessen Pfeile in verschiedene Richtungen zeigen. Astrid schaut sich um, wirkt in dem endlosen Gang wie verloren. Die beiden bleiben ratlos vor dem Schild stehen.

42. INT. - KRANKENHAUS 1 / WARTEZIMMER SEEGER - TAG Astrid und Markus sitzen in einem leeren Wartezimmer. Astrids Blick fällt auf ein schlichtes Jesuskreuz über der Tür. ASTRID Da sind wir ja in besten Händen. MARKUS Würden meine Eltern auch so sehen.


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ASTRID Du natürlich nicht. Markus grinst. MARKUS Nicht mehr. Eine SCHWESTER (24) betritt den Raum. SCHWESTER Frau Lorenz. Astrid und Markus stehen auf. Als sie hinter der Schwester durch die Tür gehen, dreht Astrid kurzerhand das Kreuz über der Tür um, worüber Markus schmunzelnd den Kopf schüttelt.

43. INT. - KRANKENHAUS 1 / UNTERSUCHUNGSZIMMER SEEGER - TAG Ein dunkler Raum. Astrid liegt auf einer Liege, während Markus nebendran sitzt und der Pränataldiagnostiker Seeger mit dem Schallkopf über ihren Bauch streicht. Alle drei schauen auf den leuchtenden Screen. PRÄNATALDI. SEEGER Das Köpfchen, erkennen Sies?... für die 21. Woche normal ausgebildet. Das Gehirn, einen Moment, dauert etwas, nicht wundern... Dr. Seeger wechselt die Einstellung auf dem Bildschirm. PRÄNATALDI. SEEGER (CONT'D) Maße sind durchschnittlich... MARKUS Guck mal, er zwinkert. ASTRID Wirkt alles ganz normal. PRÄNATALDI. SEEGER Sehen Sie hier, das flache Profil, typisch bei Down, der große Augenabstand, die platte Nase, die Sandalenfurche an der Hand... Jetzt der Hals und der Brustkorb,


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ASTRID Was ist eine Sandalenfurche? PRÄNATALDI. SEEGER Das ist ein unüblich großer Abstand zwischen großem Zeh und dem nebendran. Bekommt man auch vom Flip-Flop tragen. Astrid und Markus schmunzeln. PRÄNATALDI. SEEGER (CONT'D) das sieht alles in Ordnung aus...nun das Herz, kann wieder einen Moment dauern. Es herrscht Stille. Seeger bleibt mit dem Schallkopf an einem Punkt stehen. PRÄNATALDI. SEEGER Das Kind liegt etwas kompliziert, ich wechsel’ nochmal die Einstellung... Er verändert am Screen die Einstellung, vergrößert das Bild. Seegers Blick ist angespannt. Astrid sucht den Blick von Markus, der auf den Screen starrt. Für einen Moment schaut sie direkt in die Kamera. ASTRID Ist alles in Ordnung? Seeger flüchtet rollend auf seinem Hocker rüber zum Schreibtisch neben dem Fenster. PRÄNATALDI. SEEGER Okay, Sie können sich wieder anziehen. Astrid wischt sich nervös das Gel vom Bauch, streift sich wieder ihren Pullover über, während Seeger die Jalousien öffnet. Licht fällt in Längsstreifen durch den Raum. PRÄNATALDI. SEEGER (CONT'D) Ich habe eine Auffälligkeit am Herz festgestellt, ein AtrioVentrikulärer-Septum-Defekt, ein Loch im Herzen,nicht untypisch bei Down, allerdings unbalanciert... das ist seltener. Markus und Astrid schauen sich verständnislos an.


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ASTRID Bedeutet das, also ich meine... gefährdet dieses, dieses Loch das Leben unseres Kindes? PRÄNATALDI. SEEGER Wir werden einen Chirurgen hinzu ziehen müssen. Er kann genauer sagen, wie er verfahren wird. Astrid lehnt sich nach vorn, schaut Seeger eindringlich an. ASTRID Gibt es Kinder, die daran gestorben sind? PRÄNATALDI. SEEGER Nur sehr seltene Fälle.

44.  -  -

45. EXT. - KRANKENHAUS 1 / HUBSCHRAUBERLANDEPLATZ - TAG Astrid und Markus betreten die Rückseite des Hubschrauberlandeplatz. Hier herrscht Ruhe. Beide sind am Telefonieren. MARKUS Er hat uns die Vorfahrt genommen.... Ja, schon wieder. Ich weiß, das ist schwierig... Nach Hamburg schafft siesnicht mehr. Tut mir leid... ASTRID Grand Dame, jetzt... ich erklär’ dir das in Ruhe, wenn wir zu Hause sind. Bitte, kannst du Nele... Okay, okay, danke, ja bis später. Astrid legt auf, steckt sich nervös eine Zigarette hinters Ohr.


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MARKUS Nein, dem Baby gehts gut. Ich muss wirklich. Jetzt kommt der ADAC, ich muss... danke... Ciao. Markus legt auch auf. Wie paralysiert starren er und Astrid auf die vor ihnen liegenden Dächer.

46. INT. - KRANKENHAUS 1 / BERATUNGSZIMMER SEEGER - TAG Der Pränataldiagnostiker Seeger studiert mit dem Kinder-HerzChirurg KOSTELKA (39) die Befunde der Ultraschalluntersuchung. Kostelka zeichnet auf ein Blatt Papier die Umrisse eines Herzens. Er macht ein Kreuz in der Mitte des Herzens. CHIRURG KOSTELKA Dort ist das Loch, da fehlt ein Stück vom Vorhof und ein Teil der Kammer, vor allem auf der linken Seite. Je kleiner das Loch um so mehr Geräusche. Markus schaut den Ultraschallbefund an. MARKUS Die linke Seite ist zu klein. Macht das die Operation komplizierter? CHIRURG KOSTELKA Wahrscheinlich. Wenn eine überhaupt reicht, kann sein, dass es zwei, sogar drei werden. PRÄNATALDI. SEEGER Man kann aber mit hoher Prozentzahl davon ausgehen, dass sich das kompensatorisch verwächst. ASTRID Was wenn nicht? Sie hat eine Kippe in ihre Hand genommen, spielt damit herum. CHIRURG KOSTELKA Wir können im Vorfeld nicht genau sagen, wie sich das Herz Ihres Kindes nach der Operation entwickeln wird.


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PRÄNATALDI. SEEGER Wenn die Operationen gut verlaufen, kann Ihr Kind vielleicht einen integrierten Kindergarten besuchen. CHIRURG KOSTELKA Wir müssen einfach hoffen, dass es verwächst. ASTRID Hoffen? Keiner antwortet. Astrid fängt an das Papier am Filter der Zigarette zu lösen. ASTRID (CONT'D) Jetzt erklären Sie mir mal richtig, was Sie mit meinem Kind machen werden. Markus verrollt die Augen, er hätte das nicht gefragt. CHIRURG KOSTELKA Wir werden das Herz still legen... ASTRID -Stillegen!? MARKUS Das ist Routine für die Ärzte. CHIRURG KOSTELKA Wie sollen wir sonst ans Herz kommen? Ich muss in Ruhe operieren können. Es wird solange mit einer Herzlungenmaschine versorgt. Astrid hat die Kippe zerbrochen, steckt sie in ihre Tasche. MARKUS Um das Herz zu ersetzen, richtig? Er wendet sich an Astrid. MARKUS (CONT'D) Die treibt das Blut um.


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CHIRURG KOSTELKA Lange kann es nicht still gelegt werden. Ist ein erheblicher Zeitdruck für uns. ASTRID Gibt es andere Möglichkeiten als zu operieren? Alle gucken Astrid an. PRÄNATALDI. SEEGER Viele Eltern entscheiden sich in Ihrer Situation für einen Abbruch. Das ist, meiner Meinung nach... ein moralisch sehr schwieriger Eingriff. Aber ich will neutral bleiben, es ist Ihre Entscheidung... Ist das eine Option für Sie? ASTRID Nein.

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48. INT.-EXT. - AUTO ASTRID UND MARKUS - DÄMM. ABEND Astrid hat sich auf dem Beifahrersitz eine Wolldecke über den Kopf gezogen und die Augen geschlossen. Sie versucht zu schlafen. Gedämpftes Licht dringt durch die Decke. Markus legt während dem Fahren seine Hand auf Astrids Schulter. Sachte streichelt er sie. Astrid dreht sich zum Fenster. Bäume spiegeln sich im Glas der Scheibe. Leise beginnt sie zu schluchzen.

48E. INT.-EXT. - AUTO ASTRID UND MARKUS - DÄMM. ABEND Wir sehen das Auto von Astrid und Markus eine Allee entlang fahren.


58 49. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / ARBEITSZIMMER MARKUS NACHT Markus geht mit dem Telefon am Ohr nervös in seinem Arbeitszimmer auf und ab. MARKUS ... als würd’ ich über Glatteis laufenund mich jeden Moment auf die Fresse legen... Oder: Was da auf uns zukommt, das ist wie ein Riesentsunami und wir stehen einfach nur so da... Wenn wir nicht aufpassen, fliegt uns das richtig um die Ohren. Er weint, bemerkt nicht, wie Astrid in die offene Zimmertür getreten ist, mitgehört hat. Markus starrt aus dem Fenster in den Garten. MARKUS (CONT'D) Weißt du, wie klein er da noch ist? So groß wie meine Hand... wiegen tut er gar nichts. Markus bemerkt sie erst jetzt. MARKUS (CONT'D) Ich muss aufhören. Bis dann. Er lächelt Astrid an, versucht sich zusammen zu reißen. Reibt sich wie zufällig durchs Gesicht. ASTRID Ausgerechnet am Herz... MARKUS Das ist doch genau so ein Organ wie alleASTRID Wie wenns an der Seele operiert wird. MARKUS -wie die Leber, die Niere oder so. Ich bin mir sicher, dass der Klein tiefstapelt. Das is’ en Profi, der kriegtdas hin.


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Astrid will ihn in den Arm nehmen, will dass er sich seine Schwäche eingesteht. Doch Markus weicht der Berührung aus, spielt weiter den starken Mann. MARKUS (CONT'D) Wir kriegen das hin, glaub mir. Markus schaut sie nicht an.

50. EXT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / GARTEN - TAG Markus arbeitet im Garten am Baumhaus. Nele hilft ihm. Astrid sitzt auf der Terrasse und versucht etwas in ihr Büchlein zu schreiben, doch es fällt ihr schwer. BEATE Kommt nix? Beate pflanzt mit Zigarette im Mund eine Blume in einen Kübel. Astrid lässt nachdenklich die Seiten ihres Büchleins durch die Finger gleiten. BEATE (CONT'D) Kannst ja wieder Witze über mich machen, das zieht doch immer. Sie klopft ihrer Tochter aufmunternd auf die Schulter. ASTRID Ich musste heut’ an ihn denken. BEATE Ich denke jeden Tag an ihn. ASTRID Er wollte von Anfang an sterben... Astrid schaut ihre Mutter an. ASTRID (CONT'D) Weißt du, was verrückt war? Ich hab’ jeden Abend unter der Bettdecke gelegen und war so sauer, dass du das Papa nicht erfüllt hast...


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BEATE Hätt’ ich ihm n’ Kochtopf auf den Schädel haun solln? Beate grinst. ASTRID Und wenn du dich hättest entscheiden können? Beate erwidert den Blick, antwortet aber nicht. ASTRID (CONT'D) Wenn das Gesetz dir die Entscheidung nicht abgenommen hätte? Beate umarmt ihre Tochter auf einmal fest. BEATE (LAUT ZU ALLEN) Ihr könnt’ verdammt froh sein, dass euer Kind en’ Downie ist... Nele und Markus unterbrechen ihre Arbeit, schauen Beate verständnislos an, die ihre Worte genüsslich im Raum stehen lässt. Auch Astrid weiß nicht, was ihre Mutter meint. BEATE ... sonst würd’ ich nicht hier einziehen. NELE Hammer, Oma! Nele rennt weg, weil sie weiß, was jetzt kommt. Beate hinterher durch den Garten. BEATE Grand Dame heiss ich.

51. INT. - IM BAUCH - NACHT Unendliche Dunkelheit, Partikel schweben schwerelos, ein Kinderfuß, eine Hand, die Nabelschnur.


61 51Z1.  -  -

51Z2. INT. - PROBENBÜHNE / BÜHNE - TAG Astrid steht auf der Bühne und kommuniziert mit Carsten, der gegenüber des Zuschauerraums vor seinen Geräten sitzt, über ein Headset. ASTRID Mimimi...Zick zack Hühnerkack... Susi sucht süsse Sachen... Viel zu spitz... CARSTEN (OFF) Bin dran. Mach mal was ausm’ Programm. ASTRID Das Schlimmste an der Schwangerschaft:Ich darf nicht rauchen. Ich geh’ jetztheimlich in Bars, um wenigstens passivwas abzubekommen. Das ist übrigens der Grund, warum das Rauchverbotsgesetz wieder aufgehoben werden sollte: Wir Schwangeren haben uns mit Händen und Füßen dagegen gewehrt. Aber das fällt auf, wenn ich ganz dicht neben nem’ Raucher in der Bar stehe und... Sie atmet mehrmals heftig ein und aus. ASTRID (CONT'D) Meine Mutter raucht wie en’ Schlot. Deswegen hab’ ich sie jetzt gefragt, ob sie zu uns zieht. Sie bekommt dann ihr eigenes Zimmer ohne Fenster. Da räum’ ich mehrmals am Tag auf... Herrlich. Astrid schaut irritiert zu Carsten. ASTRID (CONT'D) Irgendwas kratzt. CARSTEN (OFF) Klingt ok für mich. Mach ma weiter.


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ASTRID Meine Mutter ist eh’ ein Spezialfall. Cremes hier, bisschen Botox to go, die nimmt auch nie die Treppe, die gehtlieber liften. Wenn die mal nicht mehr ist, die kannst du sofort zu Körperwelten stellen. Die musst du nur noch laminieren... Sie hängt auf einmal, wirkt unkonzentriert. ASTRID (CONT'D) Sorry einen Moment... Astrid fängt sich wieder. ASTRID (CONT'D) Aber das ist auch praktisch: Wenn ich bei IKEA nochmal ins Bälleparadies will, nehm’ ich einfach ihren Ausweis!

51Z3.  -  -

51Z4. EXT. - STRAßE - TAG Astrid steht an einer befahrenen Straße, will diese überqueren. Als sich eine Lücke auftut, eilt sie schnell hinüber. Ein Auto rast hupend hinter ihr vorbei.

52.  -  -

53. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / KÜCHE - NACHT Astrid, Markus, Beate und Nele sitzen am Tisch und essen. Astrid stochert wie selbstverständlich im Essen von Nele rum.


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NELE (ZU BEATE) Ich hab vorhin mit Papa telefoniert. Der is’ wieder auf en’ Mount Everest geklettert. Der hat sich jetzt entschlossen dort zu wohnen. Die anderen dürfen den dort nicht besuchen, nur ich. Beate kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Markus schaut nicht hoch von seinem Essen. Astrid muss rülpsen. Geschickter Themenwechsel: Nele lacht. ASTRID Ich darf das... Wie wars in der Schule? NELE Darf ich aufstehen? Astrid nickt. Nele springt auf und wirft im Wohnzimmer einen Tennisball an die Wand. ASTRID Nele, hörst du bitte auf? Astrid hält sich ihren Kopf. Beate mustert ihre Tochter. BEATE Habt ihr eigentlich mal darüber nachgedacht... Astrid und Markus schauen Beate an. BEATE (CONT'D) ...das Kind nicht zu bekommen? MARKUS Wir haben darüber nachgedacht und uns dagegen entschieden. BEATE Das wird euch so viel abverlangen. NELE Was hat sich geändert?


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MARKUS Nele, gehst du bitte mal raus oder in dein Zimmer? NELE Warum? MARKUS Weil wir hier was besprechen. Nele stöhnt genervt, dann verschwindet sie. MARKUS (ZU BEATE) Wolltest du uns nicht unterstützen? BEATE Tu ich doch auch. MARKUS Ne, du glaubst dass wir das nicht hinkriegen. BEATE Man wird sich doch eingestehen dürfen, nicht die Kraft zu haben für so einen Schritt. MARKUS Wie meinst du das, -wir haben nicht die Kraft? Beate schaut ihre Tochter an, die ihrem Blick ausweicht. BEATE Ich will nur sagen, dass ihr neu über alle Möglichkeiten nachdenken solltet. Musst dich nicht gleich angegriffen fühlen. MARKUS Ich fühl’ mich nicht angegriffen. BEATE Man muss solche Kinder nicht auf Biegen und Brechen bekommen. Markus schüttelt fassungslos den Kopf.


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MARKUS Wir haben den Entschluss gefasst und... Beate schaut immer noch ihre Tochter an. BEATE (ZU ASTRID) Wir? Und Du? Astrid merkt, dass auch Markus sie anschaut. ASTRID Halt dich da raus! So wie Dus gemacht hast, als Papa im Sterben lag. Das bin ich gewohnt, damit komm’ ich besser klar. Beate guckt Astrid erschrocken an.

53Z. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / ZIMMER NELE - NACHT Astrid und Nele liegen nebeneinander im viel zu engen Kinderbett. Astrid singt ihrer Tochter ein Schlaflied vor. Sie streicht Nele durchs Haar, die ihren Kopf an Astrids Bauch legt. NELE (ZUM BAUCH) Machst du dir eigentlich Sorgen, dass du nicht klettern kannst? Astrid ist der Moment unangenehm. NELE (ZU ASTRID) Manchmal hab’ ich Angst, dass Moritz einfach weg ist. ASTRID Wie kommst du denn darauf? NELE Bei der Mama von Tom... die hatte auch ein Baby im Bauch und dann war es plötzlich wieder weg. Astrid zögert einen Moment.


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ASTRID Manche Kinder wollen gar nicht von ihrer Mama weg und entscheiden sich lieber umzukehren. NELE Aber Moritz lebt doch schon da drin... wo geht er hin? ASTRID Er macht dann Winterschlaf. Tief und fest. Nele schaut ihre Mutter forschend an. NELE Und bei mir wolltest du auch, dass ich Winterschlaf mache? ASTRID Nein... natürlich nicht. Wir haben uns ganz doll gefreut, Papa hat sogar geweint und du wolltest gar nicht raus... wärst am liebsten in mir geblieben. Sie knuddelt Nele, unterdrückt ihren Kummer.

54. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / BAD, HAUS ASTRID UND MARKUS / SCHLAFZIMMER - NACHT Ein Live Auftritt von Serdar Somuncu schallt durch die Räume. Astrid tigert nur mit Strümpfen begleitet und Zahnbürste im Mund durch das Schlafzimmer und sucht ihre Schlafhose. Sie zieht sich kurzerhand Markus’ Unterhose an und geht ins Bad, spuckt die Zahnpasta ins Waschbecken. Markus liegt in der Badewanne, sein Airbook vor sich auf einem Holzbrett. Er hört einem Auftritt von Serdar Somuncu zu. Astrid und er müssen schmunzeln. Markus mustert Astrid, die abwesend wirkt und steigt aus der Wanne, klappt sein Airbook zu. ASTRID Ich ruf morgen im Krankenhaus an und meld’ uns für die Geburt.


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Markus küsst Astrid, sie weicht aus. Er streichelt sie über den Hals, packt sie fest. Sie erwidert. Er presst seine Hüften an Astrid. Die beiden schauen sich nicht an.

55. INT. - KRANKENHAUS 1 / BERATUNGSZIMMER MARTALER - TAG Durch eine Fensterscheibe sehen wir Astrid in einem Sessel der psychologischen Beraterin Martaler gegenübersitzen. Das Gespräch neigt sich dem Ende zu. Astrid packt ihren Stift in ihre Handtasche. MARTALER Es ist gut das alles nicht zu unterschätzen, schließlich beginnt ein neues Leben. Aber Sie haben Unterstützung und das wird sich einpendeln, spätestens wenn das Kind da ist... Sie muss lächeln. MARTALER (CONT'D) ... und es keine Zeit mehr für Diskussionen gibt... Manchmal klappen dann die Dinge besser. Astrid muss auch lächeln. ASTRID Ich denk auch manchmal... nichts totdiskutieren von dem wir eh’ nicht wissen wie es wird... einfach akzeptieren, dass es ein Sprung ins kalte Wasser ist. Martaler nickt, holt einen Stapel Prospekte aus einer Schublade. MARTALER Eine Behindertenwerkstatt, vorne am Luisenplatz, ich kenne die Leiterin sehr gut. Ne Selbsthilfegruppe von der Caritas, Kita, Spielplan vom Theater Rambazamba, Freizeitverein, organisieren auch Fahrdienste. Astrid nimmt die Prospekte, verabschiedet sich von Martaler.


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ASTRID Danke. MARTALER Ich bin natürlich auch nach der Geburt für Sie da. Astrid geht Richtung Tür, öffnet sie. Die Sekretärin huscht auf dem Gang vorbei, Martaler ruft ihr zu: MARTALER (CONT'D) Schicken Sie sie ruhig direkt rein. Doch Astrid zögert, dreht sich herum, schließt die Tür. Martaler will sich setzen, verharrt einen Moment. ASTRID So ein Spätabbruch... wie geht das vor sich? Die beiden schauen sich einen Moment an. Martaler setzt sich wieder. MARTALER Es gibt zwei Möglichkeiten: Meistens bis zur 23. Woche wird das Medikament Oxytocin verabreicht. Das leitet die Wehen ein. Der Abort dauert in der Regel zwei bis drei Tage... Die Tür öffnet sich, doch Astrid schließt sie wieder. MARTALER (CONT'D) Ab der 24. Woche wird ein Fetoziddurchgeführt. Beim Fetozid wird eine Kaliumchlorid-Spritze ins Herz des Kindes gestochen. Der Tod tritt imASTRID -Oh Gott... Danke. Astrid lässt Martaler stehen, verlässt das Zimmer.


69 56.  -  -

57. EXT. - KRANKENHAUS 1 / PARKPLATZ - TAG Astrid steigt in ihr Auto, steckt sich eine Zigarette hinters Ohr. Sie zieht im Rückspiegel vorsichtig die verlaufene Schminke an ihren Augen nach. Durch die Windschutzscheibe fällt ihr Blick auf die Außenfassade einer alten, imposanten Kirche, deren Glockenturm in den Himmel ragt. Sie betrachtet die Kirche einen Moment, bevor sie den Motor anwirft, ihr Handy ans Musikdeck anschließt und den Song der Downydisco, Dr.Alban, anschaltet. Astrid dreht lauter, singt mit, fährt los.

57Z. INT.-EXT. - AUTO ASTRID - TAG Astrid singt beim Fahren laut mit, starrt auf die Fahrbahn.

58. INT. - KLETTERWAND - TAG Astrid eilt auf die Kletterwand zu. Sie bleibt überrumpelt stehen als sie sieht, dass Nele und Sascha am Klettern sind. Während Markus Nele sichert, sichert ein Mitarbeiter Sascha. MARKUS Ok sehr gut, jetzt greif’ links von dir... Als Sascha Astrid bemerkt, winkt er ihr von oben zu. Sie winkt verhalten zurück. ASTRID (ZU MARKUS) Tut mir Leid... Hab’ Federica getroffen. Kennst sie ja, konnte nicht aufhören zu reden... Die beiden schauen nach oben, wo sich Sascha und Nele von der Wand weggeschwungen haben und sich mit ihren Fußsohlen voneinander abstoßen. ASTRID Wie haste’ das wieder hinbekommen?


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MARKUS Betriebsgeheimnis. Markus grinst sie an, schaut wieder zu den beiden nach oben.

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60A. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / BAD - NACHT Astrid schaut in den beschlagenen Spiegel, wischt die Sicht frei, blickt sich selbst in die Augen.

60B.  -  -

61. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / KÜCHE - NACHT Astrid sitzt in ihrem Schlafshirt am Küchentisch, trinkt ein Glas Wasser, hat Kopfhörer auf. Die Klospülung ist zu hören, kurz darauf schaut die völlig zerzauste Beate in die Küche. BEATE Was machst du da? ASTRID Ist gut für das Kind. Astrid nimmt die Kopfhörer ab, als sich Beate zu ihr an den Tischsetzt. ASTRID (CONT'D) Ich hab’ mich beraten lassen. BEATE Ohne Markus? Astrid antwortet nicht. BEATE (CONT'D) Du musst mit ihm darüber reden. Astrid nickt unsicher, versinkt in Gedanken.


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ASTRID Ich bekomm’ dieses Bild nicht aus dem Kopf, von diesen Schläuchen und Geräten, wie er da gehangen hat, ewig, ewig.... Die beiden Frauen schauen sich an. BEATE ... Oft hab’ ich mir vorgestellt, wie ich die Maschinen ausschalte, nur für ein paar Sekunden, das hätte schon gereicht... Aber ich hab’ deinen Vater nicht gehen lassen können... wegen mir selbst, verstehst du?

62. INT. - SCHWIMMHALLE / BECKEN - TAG Die Wasseroberfläche der Schwimmhalle liegt glatt und ruhig da. Plötzlich durchbricht Astrid mit ihrem Kopf und den Schultern das Wasser, Tropfen fliegen in alle Richtungen. Sie schwimmt zum Rand, läuft am Becken lang.

63. INT. - SCHWIMMHALLE / DUSCHRAUM - TAG Astrid und Svea stehen unter der Dusche. Eine FRAU (49) schnattert die beiden voll. FRAU Also auf der Bühne find’ ich sie ganz toll, wirklich, aber was Sie da in dem einen Interview gesagt haben, bei... na... genau bei Lanz, der stellt auch blöde Fragen, aber... dass es bei den heutigen Lehrern wahrscheinlich besser wäre, die Kinder nicht zur Schule zu schicken... war ja ein Witz aber... Svea will schon etwas sagen, da kommt ihr die Frau zuvor. FRAU (CONT'D) Na das mit Ihrem Kind tut mir sehr Leid. Habs grad im Radio gehört.


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Astrid starrt die Frau fassungslos an, die einfach weiter redet. FRAU (CONT'D) Aber was ich Sie noch fragen wollte, wenn Sie nächstes Mal hier in Leipzig auftreten, können Sie mir dann vielleicht zwei FreikartenSchon eilt Astrid nach draußen. ASTRID (ZU SVEA) (Du musst mit der Bahn...)

64. EXT. - SCHWIMMHALLE / DAVOR - TAG Svea folgt Astrid mit Badelatschen und Handtuch auf dem Kopf aus der Schwimmhalle. Astrid rast mit quitschenden Reifen an ihr vorbei.

65. INT. - RADIOSTATION / AUFNAHMESTUDIO, RADIOSTATION / BÜRO, RADIOSTATION / GANG, RADIOSTATION / VORDERBEREICH AUFNAHMESTUDIO - TAG Astrid eilt durch den Gang des Radiosenders, öffnet ohne zu klopfen die Tür zum Büro. ASTRID Wo ist sie? Die Sekretärin ist überrumpelt. SEKRETÄRIN Sie zeichnet gerade die Sendung auf, dauert noch ne’ halbe Stunde. Schon hat Astrid das Büro verlassen, läuft den verwinkelten Gang entlang, eng gefolgt von der Sekretärin. Astrid betritt den Vorderbereich des Aufnahmestudios. SEKRETÄRIN (CONT'D) Sie können da nicht rein. Astrid platzt in die Aufzeichnung. Die Radiomoderatorin und ihr Talkshowgast starren sie an.


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ASTRID Warn’ Sie das?? RADIOMODERATORIN Würden Sie... verlassen sie sofort das Studio... SEKRETÄRIN Sie ist einfach an mir vorbei. Ich konnt nichts... Bitte kommen sie... Die Radiomoderatorin kommt auf sie zu, schaut zwischen der Sekretärin und dem Talkshowgast hin und her. Die Sekretärin will Astrid nach draußen bewegen. Astrid schlägt ihre Hand weg. ASTRID Woher...? Sagen Sie mir sofort, woher Sie das haben! RADIOMODERATORIN Ich habe keine Ahnung wovon Sie reden. Astrid starrt die Radiomoderatorin an, wird unsicher. ASTRID Jetzt tun sie doch nicht so. Sie haben ohne mein Wissen... RADIOMODERATORIN Was? Der Talkshowgast starrt sie an. Astrid steht hilflos vor der Moderatorin, ist den Tränen nahe. RADIOMODERATORIN (CONT'D) Frau Lorenz, wie auch immer. Ich oder der Sender haben nichts damit zu tun.

66. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / ARBEITSZIMMER MARKUS, HAUS ASTRID UND MARKUS / FLUR, HAUS ASTRID UND MARKUS / GARAGE, HAUS ASTRID UND MARKUS / KÜCHE - NACHT Markus geht im Flur auf und ab, telefoniert.


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MARKUS (INS TELEFON) Und ihr habt mit niemandem...? Nein, nein okay... Astrid kniet in der Küche vor dem Tiefkühlfach und versucht eine viel zu große Packung Pommes reinzustopfen. Dabei hat sie das Haustelefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt. Astrid und Markus können sich nicht sehen, aber hören. ASTRID (INS TELEFON) Aber vielleicht hat Nele in der Schule... danke ja, wir finden das schon raus. Bis nächste Woche. Astrid legt auf, drückt nochmal voller Wucht gegen die Packung Pommes, wodurch gefrorener Rosenkohl aus dem Tiefkühlfach fällt und über den Boden kullert. MARKUS Meine Eltern hab’ ich auch schon angerufen... wir werden Stellung beziehen... Print natürlich, das belastet Astrid nicht so... Astrid schreit durch zwei Räume. ASTRID (LAUT) Hast du sie noch alle? MARKUS (INS TELEFON) Kannst du kurz... Markus schreit durch die Räume zurück. MARKUS (LAUT ZU ASTRID) Uns bleibt nichts anderes übrig... ASTRID (LAUT) Ich lass’ mich zu nichts zwingen. MARKUS (LAUT) Dann schreiben die, was sie wollen. ASTRID (LAUT) Ich dementier’ das. Wir gehen vor Gericht gegen die vor!


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Markus kommt mit dem Hörer in der Hand aus dem Arbeitszimmer in die Küche. MARKUS Was soll das Astrid? Wenn der Kleine auf der Welt ist, wissens’ eh’ alle! Astrid antwortet nicht, schaut Markus an. Der merkt, das was nicht stimmt. MARKUS (INS TELEFON) Hallo? Bist du noch dran? Ich ruf’ zurück. Okay bis dann, ja mach’ ich, tschüß. ASTRID Ich war bei ner’ psychologischen Beratung. Markus schaut Astrid fragend an. ASTRID (CONT'D) Ich hab’ mich erkundigt, wie so ein so n... Abbruch abläuft. MARKUS Warum hast du nicht mit mir geredet!? ASTRID Ich wollt’ dich nicht verunsichern. MARKUS Schwachsinn. Astrid schweigt. MARKUS (CONT'D) Ist es so schwer, mit mir zu diskutieren? ASTRID Nein. MARKUS Hab’ ich dich zu irgendwas getrieben?? ASTRID Nein.


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MARKUS Haben wir das gemeinsam entschieden oder nicht? ASTRID Doch. NELE (OFF) Könnt ihr mal leise streiten. ASTRID (LAUT) Kannst du nicht schlafen? MARKUS (FLÜSTERT) Weiß Beate davon? ASTRID (FLÜSTERND) Nein, also... sie weiß es jetzt, aber nicht vorher... Vor dem Gespräch. (Impro: Astrid bleibt Markus eine Antwort schuldig) Die beiden gehen in die Garage. MARKUS -Hinter meinem Rücken. Mit deiner Mutter. Ich fass’ es nicht. Ich fass’ es einfach nicht. ASTRID Jetzt hör doch ma auf mit meiner Mutter. MARKUS Wir wollen das Kind doch. Die beiden schauen sich an. ASTRID Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht mehr.

67. EXT. - STRAßE - NACHT Astrid geht alleine eine verlassene Straße entlang, die nur vom Licht der Straßenlaternen beleuchtet ist. Astrid geht schneller und schneller, sie rennt vor der Behinderung ihres


77 Babys weg, vor sich selbst. Bis sie nicht mehr kann. Sie schaut etwas Großes an: Eine riesige Plakatwand von ihrem Gesicht. Eine große Astrid, die der Kleinen geradewegs in die Augen starrt.

68. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / KÜCHE, HAUS ASTRID UND MARKUS / TERRASSE - TAG Astrid kommt verschlafen die Treppe runter und hört im Flur die Stimmen von Markus und Beate aus der Küche. MARKUS (OFF) Das war erstmal ein Test und wir haben ja gesehen, das funktioniert nicht so richtig. Astrid bleibt an der Treppe stehen, lauscht dem Gespräch. MARKUS Ich glaube es ist besser, wenn wir jemand Professionelles einstellen, das verstehst du sicherlich... ASTRID Du redest wie in ner’ Vertragsverhandlung. Markus fühlt sich ertappt, schaut zu Astrid, die durch das Wohnzimmer die Küche betritt. MARKUS Gut, dass du da bist. Wir sollten das zu Dritt besprechen. Astrid starrt Markus aufgebracht an. ASTRID Zu dritt nennst du das? Und mir vorwerfen, dass ich Sachen hinter deinem Rücken mach’... Sie schüttelt fassungslos den Kopf. MARKUS Noch ne Meinung bringt uns nur noch mehr durcheinander.


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ASTRID Verdammt es war deine Idee! MARKUS Jetzt lass mal gut sein... BEATE Ich weiß wirklich nicht, ob es gut ist, wenn ich hier bin. Astrid schaut ihre Mutter überrascht an. ASTRID Doch, es ist gut. Es ist sehr gut sogar. Wir... ich brauch’ dich, wie sollen wir das ohne dichMARKUS -es gibt da diese Website mit Babysittern... BEATE ... oder Neles Vater wollte doch dieses Jahr zurück kommen, der könnte auch malASTRID -Mama wovon redest du? Der will seitneun Jahren zurück kommen. Stattdessen klettert der da irgendwo, in irgendwelchen Alpen rum. MARKUS Oder ich schmeiß n’ paar Kabarretisten raus. Astrid ist nicht nach Lachen zumute. ASTRID Im Rausschmeißen biste gut. Sie bleibt hier, basta!

69. EXT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / HOFEINFAHRT - TAG Beate steht mit gepackter Tasche vor Astrid und umarmt ihre Tochter lange. Der Taxifahrer packt Beates Tasche in den Kofferraum.


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BEATE Ihr schafft das. Astrid lässt ihre Mutter gar nicht mehr los. Der Taxifahrer hupt.

70. INT. - ZUGABTEIL - DÄMM. ABEND Astrid und Markus sitzen im Speisewagen des ICEs. Astrid starrt in die hereinbrechende Dunkelheit, hat ihre Kopfhörer auf, während Markus laut auf seinem Laptop tippt. Markus gibt ihr zu verstehen, dass sie die Kopfhörer absetzen soll. MARKUS Es gibt elf Anfragen für ein Interview mit dir... Er schüttelt fassungslos den Kopf. Astrid reagiert nicht.

71. INT. - SHOW 3 / EINGANG ZUR BÜHNE - NACHT Astrid steht hinter dem Vorhang, der die Bühne vom Backstagebereich trennt und streift sich die Heels über die Füsse. Der Schuh fällt auf den Boden, Astrid hebt ihn hektisch auf, zieht ihn wieder an. Sie wirkt nervös. Draußen ist erwartungsvolles Murmeln zu vernehmen. Auf der Bühne wird Astrid vom Moderator angekündigt. MODERATOR (OFF) Und jetzt heißt es sich warm anziehen, vor allem in der ersten Reihe, wer noch nicht 18 ist, bitte den Saal verlassen, denn nun darf ich bei uns niemand anders als Astrid Lorenz begrüßen! Astrid drückt Markus, der nicht weit von ihr entfernt steht, die Kippe in die Hand, wechselt mit ihm noch einen letzten Blick, dann gibt sie sich einen Ruck und tritt auf die Bühne. Applaus schallt ihr entgegen. Doch Astrid verschwindet direkt wieder von der Bühne. Hinter dem Vorhang reißt sie sich das Headset vom Kopf, atmet hektisch ein und aus, versucht sich zu beruhigen. Ein Techniker gibt ihr per Handzeichen zu verstehen, dass


80 sie wieder auf die Bühne gehen soll, aber Astrid beachtet ihn nicht. Markus spricht in der Ecke des Raumes mit dem Inspizienten. Er zuckt mit den Achseln, woraufhin die Organisatorin mit ihrem Headset auf Astrid zueilt. Im Vorbeigehen sagt sie zu einer ASSISTENTIN: ORGANISATORIN (ÖSTERREICHISCHER AKZENT) Jetzt holts ihr mal n Wasser. Es wird leise gesprochen. ORGANISATORIN (Ins Headset:) Klar... sie geht gleichraus. (zu Astrid:) Wir wissen alle, dass es gerade schwierig für dich ist. Die Leute wollen dich sehen. (ins Headset:)Jetzt nicht, is gleich soweit. (zu Astrid:) Jetzt atme tief ein aus, ein aus. Du marschierst da jetzt einfach raus. Jeder wird denken es gehört zum Programm. Wenn du da raus gehst und vor den Leuten stehst... Astrid antwortet nicht, gibt ihr stattdessen das Headset. Sie steht völlig neben sich, dreht sich zur Seite, weg von der Organisatorin. ORGANISATORIN (CONT'D) Pass mal auf. Wenn Du das jetzt hier nicht machst, wird das Konsequenzen haben, auch für Markus als Agent. Der Saal tobt. ZUSCHAUER Astrid Lorenz, Astrid Lorenz... MARKUS -Lass uns bitte mal. Er nimmt Astrid am Arm, zieht sie weg. Astrid zittert. Markus schaut seine Frau an, dann die Organisatorin. MARKUS (CONT'D) Sie geht heut’ nicht mehr auf die Bühne.


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ORGANISATORIN Markus, das könnt’ ihr nicht machen. Du weißt was das für mich bedeutet. Das ist zu spät, jetzt muss sie... Markus nimmt Astrid, sie müssen an der Organisatorin vorbei Richtung Tür. ORGANISATORIN (CONT'D) Sag mal, seit ihr völlig... Sie ist außer sich, spricht in ihr Mikrofon: ORGANISATORIN (CONT'D) Lorenz tritt nicht auf. Musst dir was einfallen lassen. MODERATOR (OFF) Meine Damen und Herren, es tut mirfurchtbar leid... ASTRID (ZU MARKUS) Diese bescheuerte Tour... Ich will nicht mehr daraus. Nie mehr. Sie klingt verzweifelt. Die beiden schweigen. Markus legtschützend seine Arme um Astrid. MODERATOR (OFF) ... aber ich muss Ihnen mitteilen, dass Astrid Lorenz heute Abend nicht auftreten kann...

72. EXT. - BAHNSTEIG - NACHT Markus und Astrid, sie im Pailetten-Kleid mit seiner Lederjacke über der Schulter, stehen schweigend am Bahnsteig. Neben den beiden stehen zwei Rollkoffer. Astrid hat nackte Beine, fröstelt. Markus greift hinter ihr Ohr, nimmt ihre Kippe weg, zündet sie sich an.


82 72Z. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / WOHNZIMMER - NACHT Astrid, immer noch im Pailetten-Kleid, sitzt auf dem Wohnzimmerboden ans Fenster gelehnt, starrt nachdenklich ins Leere. Markus sitzt neben ihr, die beiden schweigen. ASTRID Markus, können wir... wenigstens mal versuchen darüber zu... Die beiden schauen sich an. Es kostet Markus viel Überwindung das Thema anzusprechen: MARKUS Theoretisch wir würden... im sechsten Monat... Wenn wir das tun... hast du keine Angst, dass du immer daran denken musst... dass du das nie mehr loswirst? ASTRID Doch. Aber vielleicht ist das besser als es einer Operation nach der anderen auszusetzen, es wird ständig Medikamente nehmen, nie so leben wie es gerne leben würde... Ich bin dochviel näher dran als du, ich spürs dochjeden Tag. MARKUS Aber wir haben keine Ahnung, wie das für ihn wird. ASTRID Deswegen müssen wir mutmaßen, in die Zukunft spekulieren. MARKUS Wir würden das machen, weil wir unser Leben für wichtiger halten. Wär’ das nicht reiner Egoismus? ASTRID Es wär’ auch egoistisch, das Kind um jeden Preis auf die Welt zu bringen... nur weil unser Wunsch danach so groß ist.


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MARKUS Was ist daran egoistisch wenn man sich auf sein Kind freut... ASTRID Nichts ist egoistisch, aber vielleicht ist es einfach zu viel für uns. MARKUS -Es steht uns nicht zu, über das Leben eines anderen Menschen zuASTRID -Es kann nicht für sich selbst entscheiden. Wir müssen das tun. MARKUS Wir würden uns schuldig machen. Die beiden schauen sich an. ASTRID Warum fängst du jetzt mit diesem christlichen Schuldding an? MARKUS Astrid, wir müssen lernen, mit dieser Aufgabe umzugehen! Schweigen. ASTRID Lass uns auf die Geburtsstation und sehen, wies den Kindern da geht. Markus nickt. ASTRID (CONT'D) Ich will einfach nur, dass wir wieder glücklich sind.

73. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / KÜCHE - NACHT Astrid sitzt leicht bekleidet mit Restschminke im Gesicht auf dem Dach und isst einen Apfel, immer schneller und schneller. Über ihr die Sterne, der Wind fährt ihr durch die Haare.


84 74.  -  -

74Z. INT. - KRANKENHAUS 1 / GANG - TAG Markus und Astrid irren durch die Gänge eines Krankenhauses. Markus geht auf ein Schild zu, dessen Pfeile in verschiedeneRichtungen zeigen. Astrid folgt ihm, schaut sich um, wirkt in dem endlos langen Gang wie verloren. MARKUS Kasse, Information, Zentrallabor, Andachtsraum... vielleicht doch auf der 3. Etage... ASTRID Aber die hat doch gesagt in der zweiten.

75. INT. - KRANKENHAUS 1 / NEONATOLOGIE - TAG Astrid streift sich ein grünes Gewand über und verstaut ihre Handtasche in einem Spint. Durch eine Schiebetür betritt sie die Neonatologie, wo Markus, auch im grünen Gewand, mit dem Chirurg Kostelka auf sie wartet. MARKUS Schick. CHIRURG KOSTELKA Kommen Sie... Kostelka geht mit Markus und Astrid einen Gang entlang. CHIRURG KOSTELKA (CONT'D) Die Kinder gelangen nach der Geburt direkt hierher. Durch eine Glasscheibe zeigt er auf die Brutkästen, in denen Babies liegen. Astrids Blick wandert über die winzigen, zerbrechlich wirkenden Körper, aus denen unzählige Schläuche ragen. Mit Pumpen wird der Herzschlag unterstützt, Atemmasken verdecken die Gesichter.


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ASTRID Kann es auch sein, dass unser Kind gar nicht in diesen Kasten muss? CHIRURG KOSTELKA Das ist vorgeburtlich schwer zu sagen... Astrid atmet angespannt ein. Die Drei gehen weiter. CHIRURG KOSTELKA (CONT'D) Die meisten hier haben wie Ihr Kind einen Herzfehler, manche sind unterentwickelt, manche kamen früher als geplant. Sie gehen an einer Reihe von Inkubatoren vorbei. CHIRURG KOSTELKA (CONT'D) In den Inkubatoren herrscht immer die gleiche Temperatur, wie im Mutterleib... Die Schwestern können die Babys so besser überwachen und transportieren. Astrid beobachtet, wie hinter der Scheibe zwei Frauen ihr Neugeborenes versorgen. Es scheint das Fläschchen nicht nehmen zu wollen. KATJA (41), die es füttert, wirkt angespannt. ISA (37) streicht ihr eine Haarsträhne hinters Ohr und küsst sie liebevoll auf die Wange. ASTRID Wo ist die Toilette? CHIRURG KOSTELKA Den Gang nach vorn, auf der rechten Seite... Astrid nickt und läuft von Markus und Kostelka unbemerkt in die andere Richtung. Heimlich schaut sie sich die Station an, schleicht sich in Räume. In einem stehen eine Reihe Inkubatoren, die mit durchsichtiger Folie bedeckt sind. In der Ecke ein Tischchen mit Babyspielzeug. Astrid tritt in den Raum mit den Säuglingen. Isa desinfiziert sich die Hände an einem Spender, während Katja versucht dem Kind mit einer Flasche zuzufüttern. Das


86 Baby schreit leise. Die Milch läuft am Mund vorbei, das Kind schluckt nicht. Katja versucht es wieder und wieder. ASTRID Was hat Ihr Kind? KATJA Hypoplastisches Linksherz. Ist ein Frühchen. ASTRID Wie oft am Tag machen Sie das? Isa tritt zu den beiden. KATJA Die Ärzte nennen sie Achtmahlzeiter. ISA So alle drei Stunden. Wir wechseln uns ab, ich brauch’ zwei Stunden, Katja isn’ bisschen schneller. Schweigen. ISA (CONT'D) Aber es ist ein Geschenk, dass es sie gibt. Der Säugling schreit lauter, verweigert immer noch den Nuckel. Katja müht sich weiter ab, wird verzweifelter. KATJA Wieso nimmst du das nicht? Ich versteh’ es einfach nicht. Astrid streckt ihre Finger nach der Kleinen aus und tatsächlich, sie greift danach, hört auf zu weinen. Markus tritt zu den drei Frauen, beobachtet Astrid und das Baby. MARKUS Hier bist du... ISA (ZU ASTRID) Ich finds toll, dass Sie sich wie wir entschieden haben... und dass sie dann auch noch den Mut haben an die Öffentlichkeit zu treten, mit der Behinderung...


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Isa schaut Astrid begeistert an. Astrid lässt den Finger des Babys bei den Worten von Isa los. ISA ...Sie sind ein Vorbild für viele Frauen, die vor der gleichen Entscheidung stehen. Es braucht Prominente wie Sie, die sich gegen Abtreibung einsetzen. KATJA (ZU ISA) Jetzt lass mal. Astrid starrt Isa fassungslos an. Der Säugling beginnt kraftlos zu schreien. MARKUS Komm... wir dürfen hier nicht sein. Astrid schaut erst Isa, dann Markus in die Augen. ASTRID Was ist, wenn ich das Kind gar nicht bekommen will? Wenn ichs nicht kann?

76. INT. - KRANKENHAUS 1 / PARKPLATZ - TAG Das Auto steht auf dem Krankenhausparkdeck. Markus und Astrid steigen ein. Sobald die Türen geschlossen sind: MARKUS Lass das erstmal sacken, beruhig’ dich. Du musst jetzt keine vorschnellen Entscheidungen treffen. ASTRID Hör endlich auf so zu tun, als ob du alles im Griff hast! Sie schaut Markus an. ASTRID (CONT'D) Ich glaub einfach ich hab’ das gerad’ernst gemeint.


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MARKUS Du hast doch gerad gesehen, dass es geht. Dem Kind gehts gut. ASTRID Woher weißt du das? Sein Zustand hat sich monatelang nicht geändert. Vielleicht hat es Schmerzen. MARKUS Hör doch mal auf, jedem Bauchgefühl nachzugeben. Denk nach verdammt, denk! Schweigen. MARKUS (CONT'D) Erst große Reden schwingen... Er macht ihre Stimme nach: MARKUS (CONT'D) Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen... Und auf der Bühne predigst du irgendwas von Haltung. ASTRID Du änderst natürlich nie deine Meinung. MARKUS Nicht bei sowas. Astrid öffnet die Autotür. Markus schaut sie irritiert an. ASTRID Komm mit. MARKUS Wohin? Astrid läuft über den großen Parkplatz Richtung Krankenhaus. Markus ist auch aus dem Auto gestiegen. MARKUS (LAUT) Red’ verdammt nochmal mit mir!


89 77. INT. - KRANKENHAUS 1 / BERATUNGSZIMMER MARTALER / DAVOR TAG Astrid betritt das Vorzimmer von Martaler, die gerade ihre Unterlagen durchblättert. ASTRID Können wir mit Ihnen reden? MARTALER Jetzt? MARKUS Vielleicht haben Sie noch einen Termin frei, morgen oder übermorgen. ASTRID Nein jetzt. Bitte, es ist wichtig. Martaler wirft ihrer in der Tür stehenden Sekretärin einen Blick zu.

78. INT. - KRANKENHAUS 1 / BERATUNGSZIMMER MARTALER - TAG Martaler setzt sich Astrid und Markus gegenüber. MARTALER Ist es wirklich in Ordnung für Sie, wenn wir jetzt darüber sprechen? MARKUS (ZU MARTALER) Ist es nicht.... An meinem Geburtstag haben wir alle eingeladen, um es zu sagen. Sie will das Kind, wir beide, egal was passiert. MARTALER Wie geht es Ihnen damit, Frau Lorenz? MARKUS Wissen Sie, meine Frau hat manchmal so Momente, da muss man einfach die Augen schließen und dann ist wieder alles in Ordnung. Astrid atmet tief durch, schluckt ihre Wut hinunter.


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ASTRID Wir müssen nochmal neu über alles nachdenken, zusammen. MARKUS Astrid, ich hab’ Angst, dass du was tust, was du später bereust. ASTRID Ich habe auch Angst. Aber ich weiss nicht mehr was richtig ist. MARKUS Für mich hat sich nichts geändert. Gar nichts. ASTRID Und ich, was ist mit mir? MARKUS (ZU MARTALER) Wenn Astrid nicht weiß was sie will, kann ich ihr auch nichtASTRID (FLEHEND) Warum kann der nicht reagieren wie ein normaler Mensch, der versucht sich einzufühlen in andere. Markus steht ruckartig auf, läuft zum Fenster. MARKUS Ich verstehs einfach nicht. Ich hör dich, aber ich kenn dich nicht. ASTRID Kannst du einmal die Augen öffnen? Kannst du wirklich dieses Leben führen? Willst du das wirklich für unser Kind? Oder für dich? Auch Martaler erhebt sich. MARTALER Es bringt nichts, wenn Sie sich anschreien. Markus wirkt verzweifelt.


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MARKUS Wenn wir alles tun, um dem Kind das Leben so gut wie möglich zuASTRID -Du kannst nicht alles bestimmen. MARKUS Aber genau das machst du gerade: Du bestimmst über Leben und Tod. ASTRID Amen. Das hätte dein Vater auf seiner Kanzel auch gesagt. Schweigen. MARTALER Sie kommen hier nur durch, wenn Sie aufhören, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen... und trotzdem ehrlich miteinander sind. Markus kommt vom Fenster wieder zu den beiden. MARKUS Ich sag’ Ihnen mal was Ehrliches: Sie will das Kind nicht, weil sie neben anderen Gründen, die sie nur vorschiebt, ihre scheiß Karriere gefährdet sieht. MARTALER Das mag jetzt hart klingen, aber... Im Zweifelsfall ist es die Frau die entscheidet... rechtlich gesehen. MARKUS (ZU MARTALER) Das ist unser Kind. Ich trage genau so die Verantwortung dafür. MARTALER Natürlich, aberMARKUS (ZU ASTRID) -Kein Aber. Ist es deine Entscheidung oder unsere? Astrid antwortet nicht. Markus schaut sie fassungslos an.


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MARKUS Jetzt sag’ schon. ASTRID Es ist meine. Markus fegt plötzlich alle Unterlagen vom Tisch. Astrid und Martaler erschrecken sich. MARTALER Herr Lorenz... MARKUS Was? Markus tritt nah an Martaler ran, die rückwärts an die Wand neben der Tür weicht. Astrid geht zwischen die beiden, will Markus wegziehen, aber er rührt sich nicht. ASTRID (SCHREIEND) Lass sie! Markus! Er schlägt an Martaler vorbei gegen die Wand. Die Sekretärin reißt die Tür auf, gefolgt von einem Arzthelfer, der Markus am Arm packt und Richtung Gang zieht. Doch Markus löst sich aus der Umklammerung. ARZTHELFER Kommen Sie. MARKUS (ZU ASTRID) Glaubst du, das geht mich alles nichts an? Glaubst du das!? Astrid antwortet nicht. Als der Arzthelfer wieder nach Markus’ Arm greifen will, schlägt er erneut die Hand weg, bleibt im Raum stehen, starrt Astrid an. MARTALER Setzen Sie sich wieder. Sie nimmt ihr Tasche. ASTRID (Jetzt lassen Sie uns mal in Ruhe.) Ich kann mich doch nicht gegen ihn entscheiden.


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Sie steht ruckartig auf, wechselt einen letzten Blick mit Martaler, die tief durchatmet. Dann geht Astrid an Markus und dem Arzthelfer vorbei nach draußen.

79.  -  -

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81. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / SCHLAFZIMMER - NACHT Markus liegt im Bett starrt die Wand an. Astrid wacht mitten in der Nacht ruckartig auf. Sie betrachtet einen Moment den unruhig schlafenden Markus.

82. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / FLUR - NACHT Astrid schleicht durch den dunklen Flur, zieht sich ihre Gummistiefel an.

83. EXT. - STRAßE NAHE HAUS ASTRID UND MARKUS - DÄMM. MORGEN Astrid läuft die verlassene Straße einer Wohnsiedlung entlang, die einen Hügel hinauf geht bis zum Horizont.

84. INT. - KIRCHE - DÄMM. MORGEN Astrid betritt durch eine schwere Holztür einen kleinen Vorraum und dann durch einen Vorhang das Innere der Kirche. Das erste Sonnenlicht bricht sich im bunten Milchglas der Fenster. Das Gebäude scheint menschenleer. Astrid geht langsam zwischen den Bänken nach vorn und setzt sich in die erste Reihe. Eine Weile betrachtet sie den mächtigen Altar, das Jesuskreuz darüber. Sie sieht zwei ältere Frauen den Boden der Kirche putzen. Eine der Frauen schaut ihr geradewegs in die Augen. Astrid schaut irritiert weg, dann für einen Moment in die Kamera.


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87. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / BAD, HAUS ASTRID UND MARKUS / SCHLAFZIMMER - TAG Astrid läuft durchs Schlafzimmer, sieht das leere zerwühlte Bett. Sie betritt das mit Jalousien verdunkelte Bad, nur spärlich fällt das Licht durch die Ritzen. Sie erschreckt sich, als sie Markus bemerkt, der in der nackt neben der Dusche kauert. Das Wasser der Duschhahns tropft. Astrid setzt sich neben ihn. Eine Weile sitzen die beiden schweigend nebeneinander. ASTRID (Ich werde das Kind nicht bekommen.) Sie versucht entschlossen zu klingen, doch ihre Stimme zittert, Tränen schießen ihr ins Gesicht. MARKUS (FLÜSTERT) Ich weiß. Astrid will Markus berühren, doch er weicht aus, hat auch Tränen in den Augen.

88. INT. - KRANKENHAUS 1 / BERATUNGSZIMMER MARTALER - TAG Astrid sitzt der Psychologin Martaler gegenüber. MARTALER Es tut mir Leid, ich darf Ihnen hier keine Indikation ausstellen. Das Krankenhaus ist katholisch. Sie zögert einen Moment. MARTALER (CONT'D) Aber ich kann einen Kollegen anrufen. Astrid nickt dankbar.


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ASTRID Wie soll ich das alles schaffen? Wie soll ich das meiner Familie... meinen Bekannten, der Öffentlichkeit sagen? MARTALER Sagen Sie, es war eine Fehlgeburt, das kommt bei Down öfter vor. So machen es die meisten Frauen. Die beiden schauen sich an.

88Z.  -  -

89. EXT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / HOFEINFAHRT - TAG Astrid biegt mit dem Auto auf die Hofeinfahrt ein und sieht das Auto von Rolf und Inge, den Eltern von Markus. Die beiden und Markus verlassen gerade das Haus. Astrid parkt, atmet tief durch, steigt aus und geht auf die Drei zu. Rolfs und Astrids Blicke treffen sich. Dann setzt er sich ins Auto, ohne Astrid zu beachten. INGE Du hast Nerven, Kind. Sie küsst ihren Sohn auf die Wange, dann setzt sie sich zu Rolf ins Auto. Die beiden fahren davon. ASTRID Ich habe einen Termin im Krankenhaus. Markus geht zurück in die Garage, Astrid folgt ihm. ASTRID (FLEHEND) Markus, ich schaff’ das nicht allein.

90. INT. - SCHWIMMHALLE / BECKEN - TAG Unter Wasser. Astrid taucht unter die Oberfläche dem Beckenboden entgegen. Dort angelangt, macht sie sich ganz schwer, zieht die Beine an die Brust und steckt den Kopf dazwischen.


96 91. INT. - SCHWIMMHALLE / GANG - TAG Astrid geht in der Schwimmhalle einen Gang entlang. Plötzlich öffnet sich hinter ihr die Tür zur Sammelumkleide und eine Horde Jungen und ein Mädchen strömt auf den Gang. Schreiend überholt die Horde Astrid.

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94. EXT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / HOFEINFAHRT - TAG Markus steht im ersten Stock. Als er ausatmet beschlägt die Fensterscheibe. Er sieht wie Astrid mit zwei Taschen aus dem Haus kommt, gefolgt von Nele, die ihre Mutter am Arm festhalten will. NELE Wo gehst du hin? Astrid dreht sich zu ihrer Tochter, schaut sie an. ASTRID Ich muss zu ner’ Routineuntersuchung. Du weißt doch, die machen eine nach der andern. Übermorgen bin ich wieder da. Sie küsst Nele auf die Wange, geht weiter Richtung Auto. NELE Wieso sagt ihr mir nie was? Astrid packt ihre Taschen in den Kofferraum, setzt sich rein und macht den Motor an. Die laute Dr Alban Musik dröhnt ihr entgegen. Sie schaltet den Motor wieder aus, steigt aus und geht zurück zu Nele, die immer noch auf dem Hof steht und ihrer Mutter erwartungsvoll entgegenblickt. Astrid schaut nach oben zu Markus, der erwidert ihren Blick: Entscheidet sich Astrid um?


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ASTRID Dein Bruder hat was am Herz, er ist schwer krank. NELE Geht sein Herz nicht? ASTRID Nicht so wie Deins. Da ist ein Loch drin... deswegen wächst es viel langsamer. Es kann nicht so viel Blut in den Körper pumpen und, und... es müsste immer wieder operiert werden, damit... Astrid fällt es sichtlich schwer, darüber zu reden. ASTRID (CONT'D) ... manchmal macht die Natur komische Sachen. Ich glaube, er wird kein schönes Leben haben. NELE Aber Sascha hat doch auch ein schönes Leben, wieso denkst du dann, dass... ASTRID Die Ärzte wissen nicht, ob sein Leben so sein wird wie Saschas. Nele lässt den Blick nicht von ihr. Astrid erträgt den Moment nur schwer. ASTRID (CONT'D) Ich werde ihn nicht bekommen, Nele. Wir werden ihn nicht bekommen. Nele schlingt plötzlich ihre Arme um Astrid und drückt sie fest an sich. Sie erwidert die Umarmung, schließt die Augen. Als sie sie wieder öffnet, blicken sich Markus und Astrid für einen Moment an. Sie formt mit ihren Lippen: Kümmer dich um sie.


98 95. INT.-EXT. - AUTO ASTRID - TAG Astrid starrt auf die Fahrbahn. Ganz langsam löst sich eine Träne aus Astrids Auge, läuft die Wange hinunter. Sie wischt sie weg.

95E. EXT. - AUTO ASTRID - TAG Das Auto fährt eine Schnellstraße/Autobahn entlang.

96. INT. - KRANKENHAUS 2 / GANG - TAG Astrid läuft mit ihrem Koffer und der Tasche im Schlepptau einen langen Gang entlang auf uns zu. DR. FRITSCH (OFF) Über die Nabelschnurblutgefäße werden dem Fötus schmerzstillende Medikamente verabreicht. Mit einer Nadel wird durch die Bauchdecke in die Gebärmutter und in die Fruchtblase eingedrungen. In das fetale Herz erfolgt die Injektion von Kaliumchlorid. Der daraus resultierende Herzstillstand erfolgt innerhalb weniger Minuten. Der Tod tritt zentral ein wegen Sauerstoffmangel im Gehirn.

97. INT. - KRANKENHAUS 2 / UNTERSUCHUNGSZIMMER - TAG Astrid sitzt in einem Beratungszimmer dem Gynäkologen FRITSCH (61) gegenüber. Ihr Koffer steht in einer Ecke. DR. FRITSCH ...Sie müssen das Kind dann gebären. ASTRID Ich dachte, es wäre auch möglich... einfach nur Medikamente zu nehmen.


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DR. FRITSCH Woanders wird das vielleicht anders gehandhabt... Sie sind in der 24. Woche. Ich werde nicht riskieren, dass das Kind lebend geboren wird.

98. INT. - KRANKENHAUS 2 / GANG, KRANKENHAUS 2 / ZIMMER ASTRID - TAG Astrid läuft, ihren Koffer hinter sich her ziehend, neben SCHWESTER JULIA den Gang entlang. Astrid schaut sich um: Auf dem Gang sind vorwiegend ältere Menschen. ASTRID Bin ich hier die einzige Schwangere? SCHWESTER JULIA Wir sind auf der Gynäkologie. Die Geburtsstation... nun, da kommen nur die Frauen hin, die ihre Säuglinge auch... behalten. Die beiden betreten das geräumige Einzelzimmer mit Balkon. SCHWESTER JULIA (CONT'D) So Ihr Zimmer, Frau Lorenz.

99. EXT. - KRANKENHAUS 2 / BALKON - NACHT Astrid steht auf dem Balkon ihres Zimmers im elften Stock und lehnt sich über das Geländer. Sie schaut nach unten, auf die Lichter der vorbei rasenden Autos. Astrid greift hinter ihr Ohr und steckt sich ihre Kippe in den Mund. Sie zündet sie an, zieht daran. Gleich darauf wirft sie die Zigarette jedoch über das Geländer, die glühend nach unten durch die Dunkelheit fliegt. Sie schreit vor Verzweiflung in die Nacht hinaus.

100A. INT. - KRANKENHAUS 2 / GANG - NACHT Astrid geht im Nachthemd einen Krankenhausgang auf und ab. Sie versucht Markus zu erreichen.


100 100B. INT. - KRANKENHAUS 2 / NACHTSTATION / DAVOR - NACHT Astrid erreicht auf dem Telefon nur die Sprachbox von Markus. Sie kommt an der Nachtstation vorbei. Dort hört sie, wie sich Schwester Julia mit SCHWESTER RIM unterhält: SCHWESTER RIM Die tun mir ja leid aber... SCHWESTER JULIA Warum hat der mich schon wieder dafür eingeteilt? SCHWESTER RIM Du hättest von Anfang an sagen sollen, dass du das nicht machst. Während die beiden miteinander reden, desinfizieren sie ihre Hände routiniert an einem Spender auf genau die gleiche Art. SCHWESTER JULIA Das zweite Mal diesen Monat... Ich sag’ ihm morgen, ich schaffs psychisch nicht... Sie schüttelt den Kopf. Astrid geht demonstrativ an der Scheibe der Nachtstation vorbei, sodass die Schwestern sie jetzt sehen können. Ertappt weicht Schwester Julia dem Blick von Astrid aus.

101. INT. - KRANKENHAUS 2 / ZIMMER ASTRID - NACHT Astrid zappt durch die Fernsehprogramme. Sie bleibt bei einem ihrer Comedy-Auftritte hängen, schaut sich selbst in einer Großaufnahme in die Augen. ASTRID (OFF) Keine Angst, ich leide nicht unter Fresssucht... Ich rette Deutschland! Schnell schaltet Astrid weiter, macht dann ganz aus. Astrid sitzt auf der Fensterbank, greift nach ihrem Telefon, doch es geht wieder nur die Sprachbox von Markus ran.


101 102. INT. - KRANKENHAUS 2 / ZIMMER ASTRID - DÄMM. MORGEN Astrid sitzt auf der Bettkante, schaut nachdenklich zum Fenster hinaus. Verzweifelt umklammert sie ihren Bauch. ASTRID Es tut mir so leid... aber... es ist das Beste für dich.

103. INT. - KRANKENHAUS 2 / ZIMMER ASTRID - TAG Astrid setzt sich im Bett auf, während die Schwester Julia wortlos ein Tablett mit Frühstück auf den Beistelltisch stellt und das Zimmer wieder verlässt. Die Hebamme YVONNE schiebt sich an Schwester Julia vorbei ins Zimmer, setzt sich neben Astrids Bett auf einen Stuhl. HEBAMME YVONNE Wie gehts’ Ihnen? Astrid antwortet nicht. HEBAMME YVONNE (CONT'D) Essen Sie jetzt lieber nochmal richtig... ASTRID Sind Sie sicher, dass Sie mich begleiten können? HEBAMME YVONNE Das gehört zu meinem Job. Sie sind diejenige, die da durch muss. ASTRID Nach der Geburt... was passiert da mit dem Kind? HEBAMME YVONNE Es bleibt 24 Stunden bei uns im Krankenhaus und wird dann an die Pathologie weiter gegeben. Astrid stochert lustlos in dem Essen rum, zwingt sich dazu, etwas runterzuschlucken. ASTRID Wie wird man damit fertig, später?


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Die Hebamme Yvonne wirkt ratlos. HEBAMME YVONNE Manche machen Fotos... mit ihren totenFöten auf dem Arm. Astrid verzieht das Gesicht. HEBAMME YVONNE (CONT'D) Verrückt. Aber ich rate Ihnen, Ihr Kind anzuschauen, nach der Geburt. Um alles besser zu verarbeiten. ASTRID Auf keinen Fall mach’ ich das. Plötzlich steht Markus in der Tür. Astrid ist unglaublich erleichtert, ihn zu sehen. MARKUS Wie gehts’ dir? ASTRID Mir gehts’ gut, wirklich. HEBAMME YVONNE Ok, ich hole Sie dann in vier Stunden. Versuchen Sie sich zu entspannen. Markus nickt Yvonne zu, als sie das Zimmer verlässt. ASTRID Danke dass du gekommen bist. Sie greift nach seiner Hand, möchte, dass er zu ihr kommt. Markus weicht der Nähe aus. MARKUS Brauchst du irgendwas? Astrid mustert ihn, entgegnet nichts.

104. INT. - KRANKENHAUS 2 / GANG - TAG Astrid und Markus sitzen in einer ruhigen Ecke an einem kleinen Tisch dem Bestatter KLUGE gegenüber, der vor ihren Augen einen Katalog mit Kindersärgen durchblättert.


103

KLUGE Der ist aus Eichenholz, ein sehr schönes Modell. Und die hier sind alle aus Massivholz... Er zeigt auf ein Model. (CONT'D) Dieses müssen wir in den Niederlanden bestellen. Das hier... ASTRID Einfach den Schlichtesten. MARKUS Wir nehmen was Sie uns am Anfang gezeigt haben, mit den Messingbeschlägen und den verzierten Griffen. Der aus Buche. Astrid und Markus schauen sich nicht an.

104Z.  -  -

105. INT. - KRANKENHAUS 2 / GANG - TAG Astrid und Markus gehen hinter Schwester Rim einen grellweißenGang entlang. Astrid bleibt stehen. ASTRID Markus, ich... Markus bleibt auch stehen. Astrid schaut ihn an. ASTRID (CONT'D) Ich mach das wegen mir selbst, weil ich son’ Leben nicht führen kann. Markus schweigt einen Moment. MARKUS Ist egal, warum dus’ tust. Du kannst es nicht, alles andere ist unwichtig.


104 106. INT. - KRANKENHAUS 2 / UNTERSUCHUNGSZIMMER - TAG Schwester Rim bereitet eine Spritze mit langer Nadel vor. Sie zieht eine Flüssigkeit hinein. Astrid liegt auf einer Liege neben einem Ultraschallgerät. Markus steht daneben. Der Gynäkologe Fritsch fährt mit dem Ultraschallgeät über ihren Bauch, schaut sich das fetale Herz an. DR. FRITSCH (ZU SCHWESTER RIM) Ist in der Beckenlage. Schwester Rim schaut von ihrer Tätigkeit auf den Ultraschallmonitor. DR. FRITSCH Bitte legen sie sich auf die Seite. Astrid folgt seiner Aufforderung. Fritsch fährt seitlich über den Bauch, schaut zu Schwester Rim, sie tritt nah an sie heran. SCHWESTER RIM Ich muss Sie an dieser Stelle nochmal fragen, ob Sie sich sicher sind. Astrid nickt. Dr. Frisch schaut sie aufmunternd an. DR. FRITSCH Nicht erschrecken. Das ist jetzt erstmal die lokale Anästhesie. Schwester Rim reicht ihm eine Punktionskanüle, dann eine kleine Spritze, die er in die Seite des Bauches sticht und ihr zurück gibt. Dann gibt sie ihm die grosse Spritze. Astrid wird zunehmend nervös, sucht den Blick von Markus. ASTRID Warten Sie, ich... MARKUS Du schaffst das... bist stärker als ich. Er drückt ihr die Hand. Fritsch sticht vorsichtig mit der Nadel durch Astrids Bauchdecke. Sie schließt die Augen, kann den Moment nur schwer ertragen. Astrid spürt, wie sich das Kind bewegt. Fritsch und Schwester Rim schauen auf den Ultraschallmonitor, der von Astrid und Markus weggedreht ist.


105 Astrid ist den Tränen nahe als das Kind in ihr immer ruhiger wird.

107. INT. - KRANKENHAUS 2 / KREISSAAL - NACHT Astrid schreit vor Schmerzen, liegt halb sitzend, halb liegend auf einem Bett, hält sich den Bauch. Hebamme Yvonne massiert ihr den Rücken, bewahrt Ruhe. HEBAMME YVONNE Ein, aus, ein, aus. Schön gleichmäßig atmen. Sie atmet mit Astrid, um sie im Rhythmus zu halten. Markus steht abseits daneben, versucht die Fassung zu bewahren. HEBAMME YVONNE (CONT'D) Okay, drücken, fest nach unten. Astrid schreit, schwitzt, presst, doch das Baby will und will einfach nicht kommen.

108. INT. - KRANKENHAUS 2 / VOR DEM KREISSAAL - NACHT Markus tritt aus dem Kreissaal auf den Gang. Er sieht einen erschöpften, aber glücklichen jungen Mann auf eine ältere Frau zugehen und sie umarmen. JUNGER MANN Ein Mädchen! ÄLTERE FRAU Gratuliere. Markus erträgt den Anblick nicht, entfernt sich von den beiden.

109. INT. - KRANKENHAUS 2 / KREISSAAL - NACHT Markus ist wieder an die Liege von Astrid getreten, auch der Oberarzt Fritsch ist dazu gekommen. Astrid schreit vor Schmerzen. ASTRID Es geht nicht...


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Sie legt ihre Hand vors Gesicht, als wollte sie sich vor allem verstecken. Durch ihre Finger sieht sie Markus, der ihr beruhigend über die Haare streicht. Astrid lächelt fast, die Schmerzen verzerren sofort ihr Gesicht. Langsam kommt das Köpfchen. Hebamme Yvonne hilft Astrid, das tote Baby zu gebären. Astrid hält den leblosen Körper in den Armen. Ihr schießen Tränen ins Gesicht. Dr. Fritsch schaut kurz zu Markus hinüber und schneidet dann die Nabelschnur durch. Markus nähert sich dem Kind vorsichtig, berührt es. Astrid fängt an, ganz leise Brüderlein komm tanz mit mir zu summen. Markus zögert einen Moment, doch dann stimmt er ein. SCHWARZBLENDE.

110E. EXT. - STADT - DÄMM. MORGEN Die Sonne geht über der Stadt auf. POV: Die Sonne blinzelt durch Bäume, durch ein Fenster.

110. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / SCHLAFZIMMER - TAG Völlige Stille. Wir sehen Details des Raumes unscharf. Die Fenster sind zugehangen. Astrid liegt allein auf dem Bett, starrt mit leerem Blick an die Decke. Nele kommt ins Zimmer geschlichen, ihre Mutter bemerkt sie gar nicht.

111. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / SCHLAFZIMMER - TAG Astrid liegt allein im Bett. Beate tritt mit einem üppigen Frühstückstablett zu ihr, doch Astrid winkt ab. Beate stellt das Tablett auf den Tisch und öffnet die zugezogenen Gardinen, macht ein Fenster auf Kipp. Aus dem Garten schallt ein monotones Hämmergeräusch ins Schlafzimmer. Astrid schützt ihre Augen mit den Händen vor der Sonne und gibt Beate zu verstehen, dass sie die Vorhänge wieder zuziehen, das Fenster schließen soll. Beate kommt der Aufforderung nach. MARKUS (OFF) Anfangs wächst eine Buche sehr langsam. Erst mit 120 Jahren erreicht sie ihren Hauptschub.


107 112. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / SCHLAFZIMMER - TAG Astrid liegt im Bett, während ihre Freundin Svea auf einem Stuhl neben ihr sitzt. Sie will Astrid berühren aber die weicht aus. Aus dem Garten ist das monotone Hämmern zu hören. MARKUS (OFF) Dann kann sie bis zu 35 Meter hoch werden und über 200.000 Blätter besitzen. Die Chromosomenzahl der Buche beträgt 2 n gleich 24.

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116. EXT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / GARTEN - TAG Astrid und Nele liegen mit weiße Laken umhüllt auf dem Boden des Baumhauses. Astrid ist in Embryonalhaltung an ihre Tochter gekuschelt, es sieht aus als ob sie mit der eingehüllten Nele schwanger ist. Astrid blinzelt, schliest wieder ihre Augen. Nele wacht auf, schleicht sich nach draußen ins Sonnenlicht. MARKUS (OFF) Jede Baumart hat ihre eigene Chromosomenzahl. Doch sie sagt nichts aus über die Beschaffenheit der Bäume, nichts über ihre äußere Erscheinungsform. Astrid öffnet die Tür des Baumhauses, gibt sich einen Ruck und klettert die Leiter nach unten in den Garten. Sie bleibt neben Nele stehen und betrachtet das Baumhaus in seiner ganzen Größe. Markus ist gerade dabei, die letzten Bretter mit lautem Hammergeräusch festzunageln. Nele greift nach der Hand ihrer Mutter.


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118. INT. - HAUS ASTRID UND MARKUS / WOHNZIMMER - TAG Astrid tauscht ihre schlabbrige Trainingshose und ihr ausgeleiertes T-Shirt gegen ein weißes Oberteil und eine schwarze Hose. Vorsichtig streicht sie über ihren wieder flachen Bauch. Markus betritt das Schlafzimmer. MARKUS Warum willst du dich freiwillig zur Zielscheibe von allen machen? Was hast du davon? Astrid weicht seinem Blick aus. ASTRID Wenns schlecht läuft, wars das für mich als Kabarettistin... Aber ich muss das tun. MARKUS Und Nele... denkst du nie daran, was das für sie bedeuten würde? Er bebt vor Zorn. Astrid schaut ihn verzweifelt an. ASTRID Du kannst mir nicht verzeihen. Und deswegen willst du nicht, dass ich mir selbst verzeihe. Markus schüttelt den Kopf. MARKUS Versteh’ ich nicht... warum du das machen musst, um dir zu verzeihen.

119. INT. - RADIOSTATION 2 / VOR AUFNAHMESTUDIO - NACHT Zeitlupe: Astrid geht einen Gang entlang Richtung Aufnahmestudio. Hinter der Glasscheibe ist Isa zu sehen, die sich vom Radiomoderator verabschiedet, aus dem Raum geht und Astrid entgegen kommt. Die beiden Frauen tragen dasselbe, müssen aneinander vorbei laufen.


109 120. INT. - RADIOSTATION 2 / AUFNAHMESTUDIO - NACHT Astrid sitzt im Radiostudio einem Radiomoderator gegenüber. RADIOMODERATOR Frau Lorenz, schön Sie in meiner Sendung begrüßen zu dürfen. Sie haben vor einem Jahr eine Entscheidung getroffen, die... Er schaut auf seinen Zettel. RADIOMODERATOR (CONT'D) ...über 90 Prozent aller Frauen in Ihrer Situation genau so treffen. Die meisten reden jedoch nicht darüber. ASTRID Ich weiß nicht, ob das richtig oder falsch war... Vielleicht ein bißchen beides. Ich habe mein Kind im 7. Monat abgetrieben. ASTRID (CONT'D) Ich kann nicht von aller Welt verlangen, zu ihren Überzeugungen zu stehen und selbst den Schwanz einziehen. Ich weiß nicht, ob das richtig oder falsch war... Vielleicht ein bißchen beides. Ich habe mein Kind im 7. Monat abgetrieben. RADIOMODERATOR Sie wollen noch einen Schritt weiter gehen... Der Ton des Interviews wird leiser, blendet aus. ASTRIDS STIMME OFF Eine Entscheidung ist eine Wahl zwischen Alternativen von einem oder mehreren Entscheidungsträgern in Zusammenhang einer sofortigen oder späteren Umsetzung. Eine Entscheidung kann emotional, spontan, zufällig oder rational erfolgen.


110 121. INT. - LEIPZIGER BÜHNE / HINTER DEM VORHANG - NACHT Astrids lackierte Fußnägel eilen über dicke Kabel auf dem Steinboden. Lautes Gelächter schallt gedämpft hinter die Bühne. Sie wirft einen letzten Blick auf ihren Zettel. ASTRIDS STIMME OFF Eine rational begründete Entscheidung richtet sich nach vorgängig abgesteckten Zielen oder vorhandenen Wertmaßstäben... Astrid wirft einen Blick hinüber zu dem kleinen Räumchen, wo Markus mit der Cutterin vor einem kleinen Monitor steht. Ein Paar Schuhe nähern sich ihr. Es ist Jonas, der ihr das Mikro ansteckt. JONAS Sag ma’ kurz was. ASTRID Mike Check. JONAS Okay, funktioniert perfekt. Astrid will Markus ihre Kippe reichen, doch als sie zu dem kleinen Räumchen schaut, ist er nicht mehr da. Verwirrt bleibt sie stehen, ihr Gesicht wird für einen Moment ganz traurig. Doch dann gibt sie sich einen Ruck, drückt Jonas die Kippe in die Hand und tritt auf die Bühne.

122. EXT. - LEIPZIGER BÜHNE / DAVOR - NACHT Markus tritt durch den Ausgang nach draußen, zieht den Reißverschluss seiner Jacke zu. Er entfernt sich vom Theater, ist schon bald in der Dunkelheit verschwunden.

123. INT. - LEIPZIGER BÜHNE / BÜHNE - NACHT Astrid geht zur Mitte der Bühne, wird vom Licht geblendet.


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ASTRIDS STIMME OFF Das Wort soll sich vom Ziehen einer Waffe aus der Scheide herleiten. Der Waffenträger hat Mut und Hoffnung. Er gewährt den Kampf. Ich vermisse Dich. ENDE.

124IMPRO. INT. - IMPRO-SZENE - TAG

125IMPRO. INT. -  - TAG

126IMPRO. INT. -  - TAG

127IMPRO. INT. -  - TAG

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24 WOCHEN  

Ein Drehbuch von Anne Zohra Berrached und Carl Gerber in der Reihe Deutsche Drehbücher der Deutschen Filmakademie

24 WOCHEN  

Ein Drehbuch von Anne Zohra Berrached und Carl Gerber in der Reihe Deutsche Drehbücher der Deutschen Filmakademie