Demokratische Räume / dérive - Zeitschrift für Stadtforschung, Heft 81 (4/2020)

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No 81

Zeitschrift für Stadtforschung

dérive

DEMOKRATISCHE RÄUME

dérive

N o 81

Lorenzo Tripodi, Laura Colini, Manuela Conti, S. 46

dérive – Zeitschrift für Stadtforschung

»This blossoming of communitarian spaces defines itself as a movement, and takes inspiration and situated practices from urban movements struggling for rights.«

Okt — Dez 2020

DEMOKRATISCHE RÄUME

ISSN 1608-8131 9 euro

dérive

Okt — Dez 2020

Raum, Demokratie, Commons, Nachbarschaftszentren, Kulturzentren, Soziale Zentren, Bildung, Inklusion, Freiräume, Selbstverwaltung, Beirut, Covid-19, Dichte, Armut, Städtebau


Editorial Rund ein Jahr ist es her, dass in Wien die Nordbahnhalle durch einen Brand vernichtet wurde, dessen genauer Hintergrund bis heute nicht aufgeklärt ist. Wir waren damals Teil der Initiative IG Nordbahnhalle, die sich nachdrücklich bemüht hat, die Halle vor dem geplanten Abriss zu retten und daran arbeitete, ein Nutzungskonzept für »ein soziales Modellprojekt für Nachbarschaft, Kultur und Wissenschaft, ein politisches Modellprojekt für ökologische Nachhaltigkeit und solidarische Ökonomie und ein rechtliches Modellprojekt für eine kooperative, gemeinnützige Trägerstruktur« zu entwickeln. Die Pläne und Ansprüche waren groß, die Unterstützung aus Nachbarschaft, Kultur und Wissenschaft ebenso. Nach vielen kontroversen Debatten um den Erhalt mit Entscheidungsträger*innen aus Stadtplanung und Bezirk, Immobilienentwicklung und der Eigentümerin ÖBB, hat das Feuer schlussendlich Fakten geschaffen. Die Nordbahnhalle ist Geschichte, die Notwendigkeit für Common Spaces, Hybrid Places, wie auch der Titel des urbanize! Festivals 2020 lautet, das von 14.–18. Oktober in Wien stattfindet, bleibt jedoch bestehen. Wir haben uns im Zuge des urbanize!-Festivals und in etlichen dérive-Ausgaben in den letzten Jahren aus unterschiedlichen Blickwinkeln immer wieder mit dem Thema Demokratie beschäftigt. Die Bedeutung von offenen und niederschwelligen Orten der Begegnung, des Austauschs und der Diskussion hat sich dabei regelmäßig bestätigt. Das Schwerpunktthema Demokratische Räume, der Blick auf Geschichte, Gegenwart und Zukunft solcher nicht-kommerziellen Hybrid Places ist als Fortsetzung dieser Auseinandersetzung zu sehen. Räume außerhalb der eigenen Wohnung, die als öffentliche soziale Treffpunkte dienen, Platz für Soziales, Bildung, Kultur und/oder Sport bieten, sowie Orte für gesellschaftspolitische Diskussionen und Engagement sind, erfüllen eine wichtige demokratiepolitische Funktion. Besonders dann, wenn sie sich nicht darauf beschränken, ein Top-down-Angebot zu stellen, sondern von ihren Nutzer*innen kollektiv verwaltet und programmiert werden. Solche Räume, für die es viele Namen gibt, seien es Arbeiter*innenheime, Volksheime, Genossenschaftshäuser, Kulturhäuser, Centri Sociali, Stadtteilzentren oder Third Places, haben eine lange Tradition, waren und sind überall zu finden. In manchen Städten sind sie ein wichtiger und unumstrittener Teil des Alltagslebens, in anderen ist ihre Geschichte vergessen oder sie sind mit politischem oder ökonomischem Druck konfrontiert. Ihr Problem in diesem Zusammenhang ist: Sie werfen keinen Profit ab, lassen sich touristisch nicht vermarkten, gelten manchen als verstaubt und wenig innovativ, sind – wenn selbstverwaltet – schwer kontrollierbar und stehen Aufwertungsprozessen immer wieder einmal im Weg. Der Soziologe Ray Oldenburg hat in den späten 1980erJahren ein Buch zu einigen Aspekten des Themas geschrieben und den Begriff Third Places geprägt. Dieser hat sich bis heute gehalten, neuere umfassende Auseinandersetzungen mit dem Thema gibt es seither allerdings kaum, was ob der Bedeutung solcher Orte für die Stadtgesellschaft verwundert. Das Forschungsinteresse scheint auf einzelne Aspekte des Themas begrenzt zu sein. Wir stellen im vorliegenden Heft

einige Typen solcher Räume und die dazugehörigen Kontexte und Konzepte vor: Von Kulturhäusern in Polen, über soziale Community-Museen und SESCs in Brasilien, Clubes de Barrio in Buenos Aires bis zu Gemeinschaftszentren und Common Spaces in Zürich. So unterschiedlich die Beispiele sind, alle zeigen den Bedarf von Räumen, die Gesellschaft bieten, die sich aneignen lassen, die für alle offen sind, die man für die unterschiedlichsten Aktivitäten nutzen kann, in denen Konsum keine Rolle spielt. Interessant ist, dass selbst in Häusern, die ein Kulturprogramm und Kurse anbieten, nicht dieses Angebot die Attraktion und der wichtigste Grund für den Besuch sind. Die meisten Menschen machen sich ausschließlich deswegen auf den Weg in einen dieser Räume, um in der Gesellschaft anderer Menschen zu sein. 50 Prozent der Besucher*innen der Zürcher Gemeinschaftszentren – immerhin 600.000 pro Jahr – kommen einfach so, ohne ein Angebot wahrzunehmen. Das Herz der brasilianischen SESCs, die ebenso wie die Gemeinschaftszentren ein umfassendes und vielfältiges Programm bieten, ist die Convivencia (dt. Zusammenleben), das Wohnzimmer der Einrichtungen, ein Raum, in dem kein Programm angeboten wird. Er ermöglicht andere zu treffen, sich zu unterhalten, Ruhe zu finden, gut und günstig zu essen und – in brasilianischen Städten nicht unwichtig – sicher zu sein. Demokratische Räume erweisen sich somit auch als wichtige Inseln in unserem kapitalistisch durchgetakteten Alltag und sind ein Safe Space der anderen Art. Im Magazinteil ist ein Beitrag von Christa Kamleithner zu lesen, den wir eigentlich schon als Teil unseres letzten Schwerpunkts Pandemie veröffentlichen wollten, was aus Zeitgründen jedoch nicht klappte. Er zeigt die Kontinuitäten in der medialen Berichterstattung und vorurteilsbehafteten Diskussionen von den Cholera-Pandemien des 19. Jahrhunderts bis zu Covid-19, wenn es um die Ursachen der Verbreitung von Pandemien und das Thema Dichte im Städtebau geht. Ein weiterer Artikel, der uns besonders am Herzen liegt, stammt von Mona Fawaz, die über die Folgen der Explosion und die Probleme der Stadtentwicklung in ihrer Heimatstadt Beirut berichtet. Einer Stadt, der wir bereits eine ganze Reihe von Artikeln gewidmet haben. Das Kunstinsert von Isa Rosenberger verweist auf ein im Zusammenhang mit unserem Schwerpunkt sehr wichtiges Haus in Wien, die unter dem Namen Volksheim Ottakring gegründete Volkshochschule Ottakring. Sie war bei ihrer Gründung eine enorm wichtige Raumressource für selbstorganisierte Forschung, außeruniversitäre Bildung, Austausch und Diskussion. Rosenberger blickt in ihrer Arbeit … das weite Land, woher sie kommt auf eine Tanzaufführung der Tänzerin und Choreographin Gertrud Kraus in eben jener Volkshochschule zurück, die dort im Jahr 1934 stattgefunden hat. Wie schon erwähnt, steht das urbanize!-Festival vor der Tür. Coronabedingt begibt sich urbanize! verstärkt in den öffentlichen Raum, um mit Stadtspaziergängen, Walkshops und urbanen Spielen Commons-Potenziale für Wien zu erkunden. Wir bitten um Anmeldung und können eine Teilnahme trotz Maske und physikal distancing nur nachdrücklich empfehlen. Wir freuen uns auf Euer/Ihr Kommen, denn wie immer gilt: urbanisieren Sie sich! Christoph Laimer, Elke Rauth

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»dérive forscht mit der Stadt

und nicht über sie.« Angelika Fitz ist Direktorin des Architekturzentrum Wien.

Angebot: Abonnement + Buch* 8 Ausgaben (2 Jahre) dérive um 56,–/75,– Euro (Österr./Europa) inkl. ein Exemplar von:

Gabu Heindl Stadtkonflikte Radikale Demokratie in Architektur und Stadtplanung Wien: Mandelbaum Verlag 270 Seiten, 20 Euro

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Inhalt 01 Editorial Christoph Laimer Elke R auth Schwerpunkt 04—06 Einleitung Christoph Laimer 07—14 Warum wir das Öffentliche, den öffentlichen Raum und öffentliche Gebäude in Städten brauchen Martina Baum, Markus Vogl 15—18 Gemeinschaftszentren in Zürich Christoph Laimer im Gespräch mit Ingrid Vannitsen 19—24 Primary Care Culture Community centres in Poland Karol Kurnicki, Barbara Nawrocka, Dominika WilczyŃska 25—31, 37—38 Das L200: ein Zürcher Modell für hybride gemeinschaftliche Räume Panayotis Antoniadis, Ileana Apostol, Thomas Raoseta Kunstinsert 32—36 Isa Rosenberger … das weite Land, woher sie kommt

39—43 Rote Fabrik, Rojc, Gängeviertel … Philipp Klaus 44—49 Memory and resistance: The Museu da Maré in Rio de Janeiro Lorenzo Tripodi, Laura Colini, Manuela Conti Magazin 50—52 Beirut braucht einen bewohner*innenzentrierten Wiederaufbau Mona Fawaz 53—58 Krankheit, Armut, Dichte Die Kartierung der Cholera und der moderne Städtebau Christa Kamleithner Besprechungen 59—61 Die unbekannte Karriere der Moderne-Architektin Elizabeth Scheu Close S. 59 Von der Stadt für Autos zu einer Stadt für Menschen S. 60 68 ImpressuM

– dérive – Radio für Stadtforschung Jeden 1. Dienstag im Monat von 17.30 bis 18 Uhr in Wien auf ORANGE 94.0 oder als Webstream http://o94.at/live. Sendungsarchiv: http://cba.fro.at/series/1235

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Christoph Laimer

Demokratische Räume

Raum, Demokratie, Commons, Nachbarschaftszentren, Kulturzentren, Soziale Zentren, Bildung, Inklusion, Freiräume, Selbstverwaltung

Versuch einer Annäherung

Andreas Fogarasi, Haus der Begegnung in der Per-Albin-Hansson-Siedlung, Wien 2020 Foto — Wolfgang Thaler

Vor rund 40 Jahren hat der Sozialwissenschaftler Ray Oldenburg den Begriff der Third Places geprägt und damit Räume bezeichnet, die weder der privaten Sphäre zuzuordnen sind noch dem Berufsleben. Räume, die ihren ersten großen Aufschwung erlebten, als es mit der Industrialisierung zu einer Trennung von Wohnraum und Arbeitsplatz kam. Oldenburg bezeichnete damit vorrangig soziale Orte der Geselligkeit wie Cafés, Pubs oder Klubs, aber auch Buchhandlungen oder Friseurläden – auch das Wiener Kaffeehaus findet in seinem gleichnamigen Buch prominente Erwähnung. Oldenburgs Third Places sind, wie er selbst schreibt, Orte, an denen die Menschen, die sie aufsuchen, nicht in die Rolle des*der Gastgebers*Gastgeberin schlüpfen müssen und es sind Orte, die man in erster Linie aufsucht, um in Gesellschaft zu sein, sich zu unterhalten, to »serve the human need of communication« (S. 20). Third Places sind Orte, die es erlauben zu kommen und zu gehen wann immer man will. Es gibt keine Verpflichtung zur Anwesenheit, es gibt keine Beginnzeiten, es gibt keine organisierten Treffen. Man kommt in der Gewissheit, jederzeit Leute zu treffen, mit denen sich eine gute Zeit verbringen lässt.

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1 Ein Beispiel aus Wien: Für die Nutzung der Nordbahnhalle als soziokulturelles Stadtteilzentrum haben letztes Jahr innerhalb kürzester Zeit tausende Menschen eine

Petition unterzeichnet. In der Umfrage einer Zeitung haben sich 67 Prozent der Nachbarschaft für den Erhalt ausgesprochen (siehe Laimer 2019).


Third Places fungieren auch als Leveler, als Orte, die soziale Unterschiede ausgleichen und diese in den Hintergrund treten lassen. Die wichtige Rolle der Third Places sieht Oldenburg gerade darin, die Gesellschaft zusammenzuhalten: weil von Angesicht zu Angesicht diskutiert werden kann, weil man von seinen Mitmenschen ein umfassendes Bild bekommt, weil unterschiedliche Menschen miteinander ins Gespräch kommen, die vor allem die Tatsache eint, sich zur selben Zeit am selben Ort aufzuhalten und nicht etwa gemeinsame Interessen, Ansichten oder Berufe. Third Places bilden für Oldenburg »the political forum of the common man« (S. 25). Die Orte selbst brauchen dafür ein »low profile« (S. 36) mit günstigen Konsumationsmöglichkeiten und einer »unimpressive« (ebd.) Gestaltung, die einladend, aber trotzdem neutral in ihrer sozialen Kodierung wirkt. Hipness und innenarchitektonischer Übereifer sind fehl am Platz, im Mittelpunkt stehen die Gäste. Allgemeine Voraussetzungen für das Funktionieren dieser dritten Orte sind aber auch heterogene, nicht segregierte Stadtviertel und das Vorhandensein von Freizeit. All die erwähnten Voraussetzungen haben sich seit dem erstmaligen Erscheinen von Oldenburgs Werk im Jahr 1989 verschlechtert. Gentrifizierung hat in vielen Städten dazu geführt, dass Reiche und Arme noch seltener als zuvor in denselben Stadtvierteln wohnen, günstige Lokale gibt es nicht mehr an jeder Ecke und solche, in denen man sich stundenlang aufhalten kann, ohne ständig konsumieren zu müssen, schon gar nicht. Unimpressive zu sein will und kann sich heute kaum mehr wer leisten. Unaufgeregte, günstige und eben dadurch für unterschiedliche Schichten attraktive Beisln, Wirtshäuser, Kneipen und Cafés sind mit der Verwertung der Stadt vielerorts aus den Nachbarschaften verschwunden und durch nichts Gleichwertiges ersetzt worden. Vielleicht mit ein Grund, warum für nicht-kommerzielle, niederschwellige Räume, wie es sie in unterschiedlicher Ausprägung in vielen Städten gab und gibt, wieder verstärktes Interesse besteht.1 Oldenburgs Studien haben zweifellos einen wichtigen Anstoß geliefert, um die Bedeutung von sozialen Räumen in der Stadt zu erkennen. Doch sie decken bei weitem nicht alle Aspekte ab, die wir unter der Bezeichnung Demokratische Räume diskutieren möchten. Denn neben Orten der niederschwelligen Begegnung braucht es auch eine Verfügbarkeit von Räumen, an denen Pläne geschmiedet, Projekte umgesetzt, Treffen abgehalten, Veranstaltungen durchgeführt und Experimente gestartet werden können, die Möglichkeiten der Selbstverwaltung, der Aneignung und Gestaltung bieten. Räumliche Ressourcen: Demokratie als Prozess Was aber macht Third Places und andere für alle zugänglichen Raumressourcen demokratiepolitisch so wichtig? Die Möglichkeiten, sich aktiv in die Gestaltung der eigenen Umwelt einzubringen und an der gesellschaftlichen Entwicklung Anteil zu nehmen, indem eigene Wünsche und Vorstellungen, eigenes Wissen und eigene Erfahrung eingebracht werden können und eine Rolle spielen, sind rar gesät und ungleich verteilt. Es braucht Selbstbewusstsein und das Wissen über Spielregeln, Strukturen und Netzwerke, um überhaupt in Betracht zu ziehen, Bestehendes in Frage zu stellen. Die Voraussetzungen für gesellschaftliches Engagement korrelieren mit dem Christoph Laimer — Demokratische Räume

sozialen Status. Sich gestaltend an der Gesellschaft zu beteiligen ist keine Selbstverständlichkeit. Selbstverständlich und vorherrschend in unserer demokratiemüden Gesellschaft ist vielmehr, die Verhältnisse als gegeben hinzunehmen, darauf zu vertrauen, dass »die Politik« schon ihr Möglichstes tun wird, um für eine lebenswerte Gesellschaft zu sorgen, oder, was viel öfter der Fall ist, sich zumindest damit abzufinden, dass man ohnehin nichts ändern kann. Die Dominanz des Neoliberalismus hat für viele eine Verschlechterung der Bedingungen gebracht, ein anständiges Leben führen zu können. Arbeitslosigkeit und Wohnkosten sind stark gestiegen, die Zahl der Jobs, die nur Hungerlöhne einbringen, ebenso. Arbeitsbelastung und Stress nehmen laufend zu, Solidarität und Klassenbewusstsein, und damit auch das Wissen darüber, dass es grundlegende gesellschaftliche Interessenskonflikte gibt und eben nicht jede*r ihres*seines Glückes Schmied ist, ab. Stattdessen greift die Erzählung vom individuellen Versagen und der persönlichen Schuld, wenn sich statt Erfolg nur Burnout einstellt, wenn sich trotz massiver Arbeitsbelastung die Geldbörse lange vor Monatsende leert. Die Hoffnung, die Politik würde sich darum kümmern, dass alle ein Auskommen finden, schwindet bei immer mehr Menschen. Die Politikverdrossenheit steigt, Ohnmachtsgefühle sind weit verbreitet und populistische Parteien und Verschwörungstheorien im Aufwind. Was aber tun, um einen neuen Pfad in Richtung mehr Demokratie einzuschlagen und den geschilderten Phänomenen entgegenzuwirken? Selbstverständlich braucht es mehrere Maßnahmen auf allen Ebenen. Doch die Nachbarschaften, das Grätzl und der Kiez bilden wichtige Ausgangspunkte für die Stärkung der Demokratie. Der Maßstab des Lokalen, des eigenen Lebensumfelds bietet konkrete Anlässe für Diskussion und Engagement. Hier kann erlebt werden, dass die eigenen Wünsche Berechtigung haben, kann Gegebenes in Frage gestellt und gemeinsam mit anderen um gute Lösungen gerungen werden. Im eigenen Viertel verfügt man über Alltagsexpertise, kennt die Probleme und Schwachstellen genauso wie ein paar Menschen, mit denen Vorstellungen diskutiert und ein Veränderungsprozess gestartet werden kann. Sich austauschen, andere Meinungen und Erfahrungen kennenlernen, tätig werden und Ideen gemeinsam erfolgreich umsetzen, sind Interventionen gegen die Ohnmacht und damit auch Schulen der Demokratie. Doch aktives, öffentliches Engagement benötigt Raum, der niederschwellig und kostenlos zur Verfügung steht. Egal ob es sich um Engagement in Stadtentwicklungsfragen oder die Bildung eines Nachbarschafts-Treffs, um Eltern-KindGruppen, Fablabs, Repair- oder Sprachcafés, Kunst, KreativExperimente oder soziale Start-ups handelt: Ohne räumliche Ressourcen bleiben viele gesellschaftlich nützliche Ideen auf der Strecke. In einer Gesellschaft, die mehr und mehr auseinanderdriftet und deutliche demokratische Defizite offenbart, braucht

2 Eine Ausnahme sind hier am ehesten die 1978 vom Verein Wiener Jugendzentren gegründeten Einrichtungen.

3 Das kolportierte Argument dafür lautet, dass Verhältnisse wie in Zürich (Züri brennt) verhindert werden sollten.

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es offene demokratische Räume als integralen Bestandteil für funktionierende Nachbarschaften, die für Stadtteilversammlungen genauso Platz bieten wie für informelle Treffen, gesellige Feierlichkeiten, Weiterbildung, Kulturveranstaltungen und gesellschaftspolitisches Engagement. Top-down oder zwischengenutzt: Die Wiener Situation In der Zweiten Republik wurden Institutionen, die man tendenziell als offene Räume bezeichnen kann wie Volkshochschulen oder Büchereien, in Wien zwar wieder in Betrieb gesetzt und später auch neue wie die Volksheime oder die Häuser der Begegnung gegründet, aber im Vordergrund stand stets ein Top-down-Angebot und ideologische Vorstellungen wie beispielsweise »der Vermassung des Einzelnen in der Stadt« entgegenzuwirken (Ganglbauer 2012). Räume einfach günstig und unkompliziert als Ressource zur Verfügung zu stellen oder vielleicht sogar offensiv anzubieten, wurde von der Stadt nahestehenden Institutionen nie aufgegriffen oder umgesetzt.2 Die Kultur suchte sich eigene Räume und fand sie in der Nachkriegszeit nicht zuletzt in den Kellern der Stadt. Auch die Wiener Kaffeehäuser bildeten noch lange Zeit wichtige Ressourcen als Treffpunkte für Künstler*innen, politische Gruppen und Initiativen. In den 1970er- und 80er-Jahren standen in Folge des Strukturwandels vermehrt Gewerberäume, Fabriksgebäude und anderer Leerstand zur Verfügung, der von einer neuen Generation besetzt wurde. Einige davon bilden bis heute wichtige Orte für eine selbstbestimmte Alternativkultur und gesellschaftspolitisches Engagement wie Arena, WUK, Amerlinghaus oder EKH. Trotz ihres Stellenwerts für die Stadt mussten alle in den letzten Jahren um ihr Überleben kämpfen. Andere sind mit großer Brutalität geräumt worden wie etwa die Besetzungen in der Gassergasse und Aegidigasse. Insgesamt spielten Besetzungen in Wien im Vergleich zur Schweiz und Deutschland immer nur eine Nebenrolle. Der Umgang damit war und ist, bis auf eine kurze Phase, stets sehr restriktiv.3 Damit blieb und bleibt ein interessanter Nährboden für gesellschaftliche Entwicklungen, den Besetzungen bilden können, in Wien stark unterentwickelt. Wie wichtig aber die Erfahrungen eines experimentellen und selbstbestimmten Umgangs mit (Frei)Räumen sind, zeigen die Gründungen der heute hochbeachteten, weil sozial und baulich höchst innovativen Zürcher WohnbauGenossenschaften oder des Mietshäuser Syndikats in Deutschland, die jeweils aus Hausbesetzungsbewegungen hervorgegangen sind (siehe auch das Interview mit Andreas Wirz in dérive 77, S. 6–12). Neue Räume in Wien entstehen derzeit im Umfeld von gemeinschaftlichen Hausprojekten, die aber bis auf wenige Ausnahmen relativ klein sind.4 Ein weiterer Versuch, (sozio) kulturelle Räume zu schaffen, stellt das Konzept der Ankerzentren dar, mit dem die Wiener Kulturpolitik dezentrale kulturelle Angebote in die Randbezirke bringen will. Ob sich diese Orte 4 Das 2019 bezogene Hausprojekt Gleis21 hat einen beeindruckenden

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Kulturraum geschaffen, das Hausprojekt SchloR verfügt über eine große Halle.

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zu Ressourcen für eine selbstbestimmte und aktive Stadt gesellschaft entwickeln werden, wird sich erst zeigen. Dass sie maximal eine längst nötige Ergänzung, aber sicher nicht ein Ersatz für bestehende zentrale Räume sein können, ist jedoch heute schon klar. Dominiert wird die aktuelle Debatte vom Thema Zwischennutzung, das in Wien noch immer als Allheilmittel gegen den steigenden Raumbedarf speziell für Kunst und Kreativwirtschaft gesehen wird. Vor allem aber wird Zwischennutzung sehr strategisch zur Attraktivierung von Stadtentwicklungsgebieten eingesetzt, immer unter dem Vorzeichen der großen Dankbarkeit der NutzerInnen und ohne jegliche Diskussion darüber, wer hier Werte schafft, und wer davon profitiert. In den letzten zwei Jahrzehnten sind auch in Wien viele genutzte oder potenziell nutzbare Räume verschwunden. Sie fallen der Stadtentwicklung oder dem Umstand zum Opfer, dass sich Immobilieninvestor*innen mittlerweile für Stadtgegenden und Objekte interessieren, die lange Zeit außerhalb von Entwicklungsinteressen standen. Die Ideologie der Ökonomisierung aller Lebensbereiche macht auch in Wien weder vor öffentlichen Räumen noch vor Räumen für künstlerische, soziale und gesellschaftliche Anliegen halt. Die generelle Inwertsetzung von Raum und Ressourcen verhindert die Entfaltung von gesellschaftlichen Potenzialen zur Lösung von Zukunftsfragen. Sie produziert soziale Ausschlüsse, gesellschaftliche Ungleichheit und demokratiepolitische Defizite. Die Verfügbarkeit von Raum für Tätigkeiten, die außerhalb einer monetären Verwertbarkeit liegen, ist damit eine hochpolitische Frage und berührt die Zukunft der städtischen Gesellschaft. Gemeingüter, Commons und PCPs Doch wie sollen und können unter den herrschenden Bedingungen hybride demokratische Räume für die urbane Gesellschaft entstehen? Interessante Ansätze liefert das Konzept der Gemeingüter oder Commons, das seit einigen Jahren eine viel beachtete Renaissance feiert. Die Potenziale der Commons, geteilter materieller Ressourcen, die einen Möglichkeitsraum jenseits von Staat und Privat eröffnen und damit die Eigentumsfrage neu verhandeln, werden in alle Richtungen

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.

Literatur Ganglbauer, Stephan (2012): Bauten für die Volksbildung? Volkshochschulen, Volksheime und Häuser der Begegnung in Wien. In: Spurensuche, Heft 1–4/2012. S. 192–228. Laimer, Christoph (2019): Das Ende der Nordbahnhalle. In: dérive – Zeitschrift für Stadtforschung, Heft 78, 4/2019, S. 47–52. Verfügbar unter: https://derive.at/texte/das-endeder-nordbahnhalle [Stand 23.08.2020]. Oldenburg, Ray (1997): The Great Good Place. Cafés, Coffee Shops, Bookstores, Bars, Hair Salons and other Hangouts at the Heart of the Community. Cambridge: Da Capo Press.


Martina Baum, Markus Vogl

Warum wir das Öffentliche,

den öffentlichen Raum

und öffentliche Gebäude in Städten brauchen Clubes de barrio, SESC, Convivência, Nachbarschaftszentren, Zusammenkunft, Freiraum, Buenos Aires, São Paulo, Stuttgart

Sporthalle des Club Eros, Buenos Aires Foto — Markus Vogl

Martina Baum, Markus Vogl — Warum wir das Öffentliche, den öffentlichen Raum und öffentliche Gebäude in Städten brauchen

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Ingrid Vannitsen

Gemeinschafts-

zentren in Zürich Nachbarschaftszentrum, Zürich, Freiraum, Kulturraum, Repair Café, Freizeit, Integration, Nachhaltigkeit, Kommunikation

Werkstätten zählen zur Standardausstattung von GZ Foto — GZ

Gemeinschaftszentren (GZ) sind in Zürich eine wohlbekannte Einrichtung, die rund 1,2 Mio. Besucher*innen pro Jahr aufsuchen. Unter dem Dach der 17 über das Stadtgebiet verteilten GZ befinden sich zumeist jeweils Veranstaltungs- und Seminarräume, Werkstätten, Proberäume, Ateliers und Indoorspielplätze sowie eine Cafeteria. Aufsuchen und nutzen kann sie jede und jeder. GZ bieten selber ein Veranstaltungsprogramm, stellen ihre Infrastruktur aber genauso ihren Besucher*innen für die Verwirklichung eigener Ideen zur Verfügung und stehen mit beratender Unterstützung zur Seite. Die Stadt Zürich finanziert die Gemeinschaftszentren mit 18,9 Mio. Euro pro Jahr, wovon knapp 5,2 Mio. für die Pacht der Gebäude verwendet werden. Die Gemeinschaftszentren selbst erwirtschaften ca. 4,5 Mio. Euro. Ingrid Vannitsen, Leiterin der soziokulturellen Betriebe der GZ, stellt im Interview mit dérive Konzept und Alltag der GZ vor. Ingrid Vannitsen — Gemeinschaftszentren in Zürich

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K arol Kurnicki, Barbara Nawrocka, Dominika WilczyŃska

Primary

Care Culture Community centres in Poland

Social Centres, Culture, Neighbourhood, Modernity, Poland, Public Space, Socialism, Cooperative, Architecture

Palace of Culture and Science in Warsaw (NAC) Foto — MCA

Karol Kurnicki, Barbara Nawrocka, Dominika Wilczyń ska — Primary Care Culture

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Kunstinsert Isa Rosenberger … das weite Land, woher sie kommt Isa Rosenberger stellt in dieser Ausgabe eine mehrteilige Arbeit vor, in der sie sich auf die Spurensuche einer Tanzaufführung in der Volkshochschule Ottakring am 29. April 1934 begibt. An diesem Abend hatte Gertrud Kraus Die Stadt wartet – nach einem Text von Maxim Gorki und bearbeitet von Elias Canetti – als Avantgarde-Tanzspiel aufgeführt. Isa Rosenberger, die sich in vielen ihrer Projekte mit Fragen von Bildung und den damit verbundenen politischen Hintergründen beschäftigt, ist bei ihren Recherchen zum Volksheim Ottakring auf das Programmheft mit Presseauszügen der besagten Aufführung gestoßen. Zu dieser sind keine Fotos, keine Tondokumente oder Notationen vorhanden. Aber genau hier beginnen die Fragen des Zusammenspiels von Volksbildung und Avantgarde der 1920er- und 1930er-Jahre in Wien, die mit dem Exodus bzw. der Ermordung der jüdischen Intelligenzija geendet hat. Die heute in Österreich weitgehend vergessene Gertrud Kraus war vor ihrer Emigration nach Tel Aviv eine der innovativsten Tänzer*innen bzw. Choreograph*innen Wiens. Für … das weite Land, woher sie kommt lud Isa Rosenberger 2019 die Tänzerin und Choreographin Loulou Omer, die 2016 von Tel Aviv nach Wien übersiedelt ist, ein, sich dem Stück anzunähern und auf der Bühne der heutigen Volkshochschule Ottakring, die sich architektonisch kaum verändert hat, »aufzuführen«. Aus dieser Performance entstand das zentrale Video der Installation sowie eine beeindruckende Fotoserie, aus welcher zwei Fotos auf der ersten Seite des Inserts zu sehen sind. So schließt sich der Kreis der Geschichte, da Loulou Omers Mutter, Zipora Lerman, selbst Schülerin von Gertrud Kraus war bzw. von ihr entdeckt wurde. Das Projekt führte Isa Rosenberger weiter nach Israel, wo sie mit der Tanzforscherin Ruth Eshel und unabhängig davon auch mit Andrea Amort (Kuratorin von Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne), Interviews führte. Diese beiden Video-Interviews ergänzen die Installation (die Video-Stills sind auf der linke Mittelseite zu sehen). Außerdem kehrte die Künstlerin an den Ursprungsort der politischen Rolle, die einer Bildungsinstitution innewohnt, an die Volkshochschule Ottakring zurück und veranstaltete dort mit Jugendlichen mit Fluchterfahrung im Jänner 2019 einen Workshop (letzte Seite). Bei diesem wird der Titel des Stückes Die Stadt wartet durch die Jugendlichen individuell interpretiert. »Das Projekt erzählt von Aufbruch und Träumen einer neuen Zeit – ebenso wie von Flucht, Migration und Neubeginn, davon, wie das an einem Ort zum Mythos und an einem anderen wiederum in Vergessenheit geraten konnte.« (Nora Sternfeld) 2019 stellte Isa Rosenberger … das weite Land, woher sie kommt erstmals im Rahmen der Ausstellung Cross Sections (kuratiert von Basak Senova) in der Kunsthalle Exnergasse in Wien vor. Von März bis 30. August 2020 wurde das Projekt in der Camera Austria (kuratiert von Reinhard Braun) in vollem Umfang präsentiert (rechte Mittelseite). Dazu erschien kürzlich ein Katalog mit einem Text von Nora Sternfeld. Isa Rosenberger wurde in Salzburg geboren und studierte an der Angewandten in Wien sowie an der Jan-van-Eyck-Akademie in Maastricht. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen wie den renommierten Msgr. Otto-Mauer-Preis. Isa Rosenberger lehrt an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Aktuell (bis Ende 2020) ist in Salzburg ihre Installation Portalrahmen für den Mirabellgarten anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele zu sehen, in der sie das nie realisierte Festspielhaus von Clemens Holzmeister für den Rosenhügel im Mirabellgarten thematisiert. Ergänzt wird die Installation durch ein Hörspiel, das hier nachzuhören ist: salzburgerfestspiele.at/feentempel. Barbara Holub / Paul Rajakovics

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Philipp Klaus

Rote Fabrik, Rojc,

Gängeviertel …

Ein Streifzug durch die Konzepte, Orte und Realitäten von Freiräumen

Freiraum, Selbsthilfe, Zwischennutzung, Hausbesetzung, Kreativwirtschaft, Party, Zürich, Strukturwandel, Fabriksgebäude, Produktion

Rote Fabrik in Zürich Foto — pichenettes

Philipp Klaus — Rote Fabrik, Rojc, Gängeviertel …

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Lorenzo Tripodi, Laura Colini, Manuela Conti

Memory

and resistance The Museu da Maré in Rio de Janeiro

Social Museology, Museum, Representation, Neighbourhood, Cultural Space, Inclusion, Community Organising, Rio De Janeiro, Museu Da Maré, Favela, Social Center

Recently the Museu da Maré showed an exhibiton about LGBT activist and local politician Marielle Franco, who was killed in 2018. Franco grew up in the favela the museum is located. All photos — Manuela Conti.

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Mona Fawaz

Beirut braucht einen bewohner* innenzentrierten Wiederaufbau

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Beirut, Explosion, Katastrophe, Selbsthilfe, Städtebau, Infrastruktur, Immobilienspekulation, Wohnungspolitik, Raumnutzung, Verdrängung

Seit der Explosion im Hafen von Beirut am 4. August 2020 ist das Leben in weiten Teilen der Stadt stillgelegt. In den Vierteln rund um den Hafen sind Dutzende von Gebäuden vollständig evakuiert. Viele der Bewohner*innen – alte und junge, hier geborene oder kürzlich zugezogene, Mieter*innen und Vermieter*innen, Libanes*innen und Migrant*innen – sind verschwunden. Ebenso die Besitzer*innen von Lebensmittelgeschäften, Lagern, Designstudios, Werkstätten, Ateliers, Büros, Restaurants, Pubs, Apotheken, Schulen, religiösen Gebäuden, Krankenhäusern und mehr. In Ermangelung eines konzertierten Wiederaufbaus bemühen sich NGOs und Bürger*innenitiativen darum, zu reparieren, was und wo sie können, aber es fehlt dringend an Koordination. In den letzten Wochen wurden die Geräusche, Gerüche und Bewegungen des alltäglichen Lebens der Stadt durch diejenigen der Katastrophenhilfe ersetzt: klirrende Geräusche durch Glas, Staubwolken, Schaufeln, die Trümmer entfernen, Rettungswagen und Sirenen, Polizeieinsätze, die Anwesenheit von Untersuchungsteams und Freiwilligen vermitteln das Gefühl, die Zeit sei stehengeblieben. Elektrizitäts- und Wasserleitungen sind in mehreren Gebieten nach wie vor unterbrochen. Die Gefahr eines strukturellen Versagens beschleu-

Eines der zahlreichen durch die Explosion beschädigten Häuser Foto — Mona Fawaz.

dérive No 81 — Demokratische räume


Christa Kamleithner

Krankheit,

Armut, Dichte Die Kartierung der Cholera und der moderne Städtebau

Pandemie, Städtebau, Dichte, Armut, Moral, Covid-19, Cholera, Zirkulation, Liberalismus, Hygiene, Ökonomie, Gesundheit, Kartierung

Edwin Chadwick, Sanitary Map der Stadt Leeds, 1842, basierend auf einer Cholerakarte Robert Bakers von 1833 — Wellcome Collection

Christa Kamleithner — Krankheit, Armut, Dichte

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Besprechungen Die unbekannte Karriere der Moderne-Architektin Elizabeth Scheu Close Judith Eiblmayr

One of the largest oeuvres by an Austrian Modern architect happens to be almost unknown in Austria – how is that possible? Eines der umfassendsten Gesamtwerke, das ein österreichischer Architekt der Moderne im Zeitraum von 1938–1991 aufweisen kann, ist in Österreich unbekannt – wie ist das möglich? Nun, es ist möglich, weil man diese architekturschaffende Person im Deutschen gendern sollte, denn diese ist eine Frau. Man kennt Rudolf Schindler, Richard Neutra und Victor Gruen, aber eine Architektin? Elizabeth Scheu Close, nie gehört! Es ist eine spannende Geschichte, wie man im 20. Jahrhundert als Wienerin in der Architektur der Moderne in den USA reüssieren konnte, in der früheren Heimat jedoch nicht wahrgenommen wurde. Noch dazu, wenn man in einem von Adolf Loos geplanten Haus aufgewachsen ist! Die renommierte amerikanische Architekturhistorikerin Jane King Hession hat in ihrem jüngst erschienenen Buch, Elizabeth Scheu Close – A Life in Modern Architecture die einmalige Geschichte einer mutigen jungen Frau aus Österreich erzählt,

die 1932 zum Studium in die USA auswanderte und die erste und bedeutendste Architektin in Minnesota wurde. In dem Bildband werden erstmals das reichhaltige Œuvre und nachhaltige Wirken der Architektin, die über 50 Jahre lang aktiv war, umfassend dargestellt, ein repräsentativer Querschnitt durch ein Werk von 456 aufgelisteten Projekten. Ebenso hat Jane Hession ein sensibles biografisches Portrait verfasst, hatte sie doch noch Gelegenheit gehabt, mit Lisl, wie sie zeitlebens genannt wurde, persönliche Gespräche zu führen. Elisabeth (später Elizabeth) Scheu, geboren 1912, ist in der Larochegasse 3 in Wien Hietzing aufgewachsen und war – im doppelten Sinne – stark durch ihr Elternhaus geprägt. Es waren ihre aufgeschlossenen Eltern gewesen, die Schriftstellerin und Verlegerin Helene Scheu-Riesz (1880–1970) und der Anwalt Gustav Scheu (1875–1935), die Adolf Loos mit der Planung ihres Hauses beauftragt hatten, das 1913 von Familie Scheu bezogen wurde. Elisabeth lebte bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr in dieser Architektur-Ikone, womit ihr das Leben in der Moderne quasi in die Wiege gelegt worden war. Je älter sie wurde, desto mehr begriff sie die Wirkungsmacht von Architektur, wie diese nicht nur zum Quell von Inspiration, sondern auch von Provokation werden kann, so wie sie das beim Haus Scheu erlebte. Gegen Ende ihrer Schulzeit wusste Elisabeth Scheu, dass sie Architektin werden wollte, bereits damals fokussiert auf die aufkeimende Moderne. Die Prägung in einem Loos-Haus aufgewachsen zu sein hatte entschieden dazu beigetragen, nebst der Ermunterung durch die Eltern einen ihren Talenten entsprechenden Beruf anzustreben. Beides waren außergewöhnliche Faktoren einer weiblichen Biographie im bürgerlichen Wien der Zwischenkriegszeit. Elisabeth Scheu begann ihr Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Wien 1930 – zehn Jahre, nachdem Frauen zum Studium zugelassen worden waren,

immer noch eine Herausforderung. Die männerdominierte Fakultät legte den Kolleginnen konsequent Steine in den Weg. »Die wollten dort einfach keine Frauen«, erinnerte sich Elizabeth Scheu Close. Dies war einer der Gründe, dass sie für sich in Österreich keine Zukunft sah, der andere war der verstärkte Antisemitismus; Helene Scheu-Riesz war zwar als Quäkerin aktiv, aber sie entstammte einer jüdischen Familie. Im Jahr 1932 bestieg Elisabeth Scheu ein Schiff nach New York, um am MIT – Massachusetts Institute of Technology in Boston ihr Architekturstudium fortzusetzen und niemand konnte damals ahnen, dass sie in den USA bleiben und ihr Lebensmittelpunkt Minnesota werden würde. Nach ihrem Studienabschluss 1935 arbeitete sie drei Jahre lang in Architekturbüros in Philadelphia und Minneapolis, bevor sie 1938 gemeinsam mit Winston Close (1906–1997), ihrem Studienkollegen am MIT und späteren Mann in Minneapolis ein Büro explizit für moderne Architektur eröffnete. Die beiden setzten diesen Plan auch um und hinterließen ein breit gefächertes, nachhaltiges Werk. Der erste Planungsauftrag sollte ein erschwingliches Haus für drei junge Universitätsprofessoren sein, das diese als Wohngemeinschaft bewohnen wollten, eine Bauaufgabe, bei welcher Close & Scheu Architects, wie sie ihr Büro bis zu ihrer Hochzeit nannten, ihren Innovationsgeist beweisen konnten: Ein Haus mit Flachdach, um überflüssige Kubatur zu sparen. Der boxy style war für Minnesota nicht nur wegen seiner schneereichen Winter eine Besonderheit, sondern wegen der reduzierten Form eine Provokation, wurde es doch in der Wiederverkäuflichkeit in Frage gestellt. So erging es Elizabeth Scheu Close ähnlich wie Loos – visionäre Architektur war ein Grund zur Anfeindung. Das Holzhaus, das immer noch steht, besticht in seinem Selbstverständnis einer unaufgeregten Moderne, die ihre Wiener Spuren nicht leugnen kann. Während des Zweiten Weltkriegs ließen Elizabeth and Winston Close, Architects

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dérive Nr. 1 (01/2000) Schwerpunkte: Gürtelsanierung: Sicherheitsdiskurs, Konzept – und Umsetzungskritik, Transparenzbegriff; Institutionalisierter Rassismus am Beispiel der »Operation Spring« dérive Nr. 2 (02/2000) Schwerpunkte: Wohnsituation von MigrantInnen und Kritik des Integrationsbegriffes; Reclaim the Streets/ Politik und Straße dérive Nr. 3 (01/2001) Schwerpunkt: Spektaktelgesellschaft dérive Nr. 4 (02/2001) Schwerpunkte: Gentrification, Stadtökologie dérive Nr. 5 (03/2001) Sampler: Salzburger Speckgürtel, Museumsquartier, räumen und gendern, Kulturwissenschaften und Stadtforschung, Virtual Landscapes, Petrzalka, Juden/Jüdinnen in Bratislava dérive Nr. 6 (04/2001) Schwerpunkt: Argument Kultur dérive Nr. 7 (01/2002) Sampler: Ökonomie der Aufmerksamkeit, Plattenbauten, Feministische Stadtplanung, Manchester, Augarten/Hakoah dérive Nr. 8 (02/2002) Sampler: Trznica Arizona, Dresden, Ottakring, Tokio, Antwerpen, Graffiti dérive Nr. 9 (03/2002) Schwerpunkt in Kooperation mit dem Tanzquartier Wien: Wien umgehen dérive Nr. 10 (04/2002) Schwerpunkt: Produkt Wohnen dérive Nr. 11 (01/2003) Schwerpunkt: Adressierung dérive Nr. 12 (02/2003) Schwerpunkt: Angst dérive Nr. 13 (03/2003) Sampler: Nikepark, Mumbai, Radfahren, Belfast dérive Nr. 14 (04/2003) Schwerpunkt: Temporäre Nutzungen dérive Nr. 15 (01/2004) Schwerpunkt: Frauenöffentlichkeiten dérive Nr. 16 (02/2004) Sampler: Frankfurt am Arsch, Ghetto Realness, Hier entsteht, (Un)Sicherheit, Reverse Imagineering, Ein Ort des Gegen dérive Nr. 17 (03/2004) Schwerpunkt: Stadterneuerung dérive Nr. 18 (01/2005) Sampler: Elektronische Stadt, Erdgeschoßzonen, Kathmandu, Architektur in Bratislava dérive Nr. 19 (02/2005) Schwerpunkt: Wiederaufbau des Wiederaufbaus dérive Nr. 20 (03/2005) Schwerpunkt: Candidates and Hosts

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dérive Nr. 21/22 (01-02/2006) Schwerpunkt: Urbane Räume – öffentliche Kunst dérive Nr. 23 (03/2006) Schwerpunkt: Visuelle Identität dérive Nr. 24 (04/2006) Schwerpunkt: Sicherheit: Ideologie und Ware dérive Nr. 25 (05/2006) Schwerpunkt: Stadt mobil dérive Nr. 26 (01/2007) Sampler: Stadtaußenpolitik, Sofia, Frank Lloyd Wright, Banlieus, Kreative Milieus, Reflexionen der phantastischen Stadt, Spatial Practices as a Blueprint for Human Rights Violations dérive Nr. 27 (02/2007) Schwerpunkt: Stadt hören dérive Nr. 28 (03/2007) Sampler: Total Living Industry Tokyo, Neoliberale Technokratie und Stadtpolitik, Planung in der Stadtlandschaft, Entzivilisierung und Dämonisierung, StadtBeschreibung, Die Unversöhnten dérive Nr. 29 (04/2007) Schwerpunkt: Transformation der Produktion dérive Nr. 30 (01/2008) Schwerpunkt: Cinematic Cities – Stadt im Film dérive Nr. 31 (02/2008) Schwerpunkt: Gouvernementalität dérive Nr. 32 (03/2008) Schwerpunkt: Die Stadt als Stadion dérive Nr. 33 (04/2008) Sampler: Quito, Identität und Kultur des Neuen Kapitalismus, Pavillonprojekte, Hochschullehre, Altern, Pliensauvorstadt, Istanbul, privater Städtebau, Keller, James Ballard dérive Nr. 34 (01/2009) Schwerpunkt: Arbeit Leben dérive Nr. 35 (02/2009) Schwerpunkt: Stadt und Comic dérive Nr. 36 (03/2009) Schwerpunkt: Aufwertung dérive Nr. 37 (04/2009) Schwerpunkt: Urbanität durch Migration dérive Nr. 38 (01/2010) Schwerpunkt: Rekonstruktion und Dekonstruktion dérive Nr. 39 (02/2010) Schwerpunkt: Kunst und urbane Entwicklung dérive Nr. 40/41 (03+04/2010) Schwerpunkt: Understanding Stadtforschung dérive Nr. 42 (01/2011) Sampler dérive Nr. 43 (02/2011) Sampler dérive Nr. 44 (03/2011) Schwerpunkt: Urban Nightscapes dérive Nr. 45 (04/2011) Schwerpunkt: Urbane Vergnügungen dérive Nr. 46 (01/2012) Das Modell Wiener Wohnbau

dérive Nr. 47 (02/2012) Ex-Zentrische Normalität: Zwischenstädtische Lebensräume dérive Nr. 48 (03/2012) Stadt Klima Wandel dérive Nr. 49 (04/2012) Stadt selber machen dérive Nr. 50 (01/2013) Schwerpunkt Straße dérive Nr. 51 (02/2013) Schwerpunkt: Verstädterung der Arten dérive Nr. 52 (03/2013) Sampler dérive Nr. 53 (04/2013) Citopia Now dérive Nr. 54 (01/2014) Public Spaces. Resilience & Rhythm dérive Nr. 55 (02/2014) Scarcity: Austerity Urbanism dérive Nr. 56 (03/2014) Smart Cities dérive Nr. 57 (04/2014) Safe City dérive Nr. 58 (01/2015) Urbanes Labor Ruhr dérive Nr. 59 (02/2015) Sampler dérive Nr. 60 (03/2015) Schwerpunkt: Henri Levebvre und das Recht aus Stadt dérive Nr. 61 (04/2015) Perspektiven eines kooperativen Urbanismus dérive Nr. 62 (01/2016) Sampler dérive Nr. 63 (02/2016) Korridore der Mobilität dérive Nr. 64 (03/2016) Ausgrenzung, Stigmatisierung, Exotisierung dérive Nr. 65 (04/2016) Housing the many Stadt der Vielen dérive Nr. 66 (01/2017) Judentum und Urbanität dérive Nr. 67 (02/2017) Nahrungsraum Stadt dérive Nr. 68 (03/2017) Sampler dérive Nr. 69 (04/2017) Demokratie dérive Nr. 70 (01/2018) Detroit dérive Nr. 71 (02/2018) Bidonvilles & Bretteldörfer dérive Nr. 72 (03/2018) Warsaw dérive Nr. 73 (04/2018) Nachbarschaft dérive Nr. 74 (01/2019) Sampler dérive Nr. 75 (02/2019) Sampler dérive Nr. 76 (03/2019) Stadt – Land dérive Nr. 77 (04/2019) Wohnungsfrage dérive Nr. 78 (01/2020) Willkommen im Hotel dérive Nr. 79 (02/2020) Protest dérive Nr. 80 (03/2020) Pandemie


Impressum dérive – Zeitschrift für Stadtforschung Medieninhaber, Verleger und Herausgeber: dérive – Verein für Stadtforschung Mayergasse 5/12, 1020 Wien Vorstand: Christoph Laimer, Elke Rauth ISSN 1608-8131 Offenlegung nach § 25 Mediengesetz Zweck des Vereines ist die Ermöglichung und Durchführung von Forschungen und wissenschaftlichen Tätigkeiten zu den Themen Stadt und Urbanität und allen damit zusammenhängenden Fragen. Besondere Berücksichtigung finden dabei inter- und transdisziplinäre Ansätze.

Autor*innen, Interviewpartner*innen und Künstler*innen dieser Ausgabe: Panayotis Antoniadis, Ileana Apostol, Martina Baum, Laura Colini, Manuela Conti, Judith Eiblmayr, Mona Fawaz, Barbara Holub, Christa Kamleithner Karol Kurnicki, Barbara Nawrocka, Christoph Laimer, Paul Rajakovics, Thomas Raoseta, Isa Rosenberger, Lorenzo Tripodi, Ingrid Vannitsen, Markus Vogl, Dominika Wilczyńska, Mathias Wilde Anzeigenleitung & Medienkooperationen: Helga Kusolitsch, anzeigen(at)derive.at Website: Artistic Bokeh, Simon Repp Grafische Konzeption & Gestaltung: Atelier Liska Wesle — Wien / Berlin Lithografie: Branko Bily Coverfoto: Maratona SESC Bom Retiro, 2016; Foto — Zé Barretta Hersteller: Resch Druck, 1150 Wien

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