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Quarterly www.wpk.org

Schwerpunkt Ressort

Ausgabe III 2009

DAS MAGAZIN DER WISSENSCHAFTS-PRESSEKONFERENZ e.V.

Wer berichtet übers Klima? Über Ressortgrenzen und Wege, sie zu überwinden.

Auflösung: Das Ressort Wissenschaft der Berliner Zeitung gibt es nicht mehr. Gründung: Ein neues internationales Magazin will Innovationen im Wissenschaftsjournalismus befördern. Aufbruch: Ein Plädoyer für das Computer Assisted Reporting.


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Über Ressortgrenzen und Wege, sie zu überwinden EDITORIAL

Ob Klimawandel, Schweinegrippe oder die umstrittene HPV-Impfung - Themen aus dem sechsten Ressort werden zu Aufmachern in Zeitungen und Nachrichtensendungen. Wissenschaft hat Konjunktur - so sieht es zumindest auf den ersten Blick aus. Wer genauer hinschaut, erkennt jedoch ein ganz anderes Bild: Wenn Wissenschaftsthemen nach vorne rücken, übernehmen nicht selten die Kollegen aus Politik und Wirtschaft die Berichterstattung. Wissenschaft findet ohne Wissenschaftsjournalisten statt, denn die gelten im eigenen Haus oft als zu langsam und zu kompliziert. In Einzelfällen mag der Vorwurf stimmen. Nachrichtenredakteuren jedoch mangelt es häufig an Hintergrundwissen und vor allem an Zeit. Wer sich zu Themen wie der Schweinegrippe eine fundierte Meinung bilden will, kommt nicht darum herum, Studien zu lesen und zu bewerten. Bei den Aktuellen - egal in welchem Medium - ist das aber schlichtweg unmöglich. Eine enge Zusammenarbeit zwischen den Ressorts wäre sinnvoll, hat jedoch Seltenheitswert.

Die Folge: Fakten und wissenschaftliche Zusammenhänge spielen in den Artikeln und Sendungen eine immer geringere Rolle. Bestes Beispiel: Der „Eliteimpfstoff“ und die „Wundersalbe gegen Neurodermitis“, zwei Aufreger, die gerade durch die Medien geistern. Die Fakten gehen im Kleingedruckten unter. Tatsächlich ist der sogenannte Eliteimpfstoff schlechter erprobt als das Mittel Pandemrix, mit dem die Bevölkerung gegen die Schweinegrippe geimpft werden soll. Und im zweiten Fall sind die wenigen Studien, die es zu der angeblichen Wundersalbe gibt, alles andere als überzeugend. Die mahnenden Worte der Kollegen aus dem Wissenschaftsressort werden jedoch gerne überhört. Zu zugkräftig klingen die Schlagzeilen, und außerdem bestätigen sie weitverbreitete Vorurteile: Wenn es gegen die Pharmaindustrie geht, kann es ja so falsch nicht sein. Eine Welle schwappt durch den Blätterwald, und am Ende bleibt ein ratloses Publikum zurück: Wie gefährlich ist die Schweinegrippe denn nun wirklich? Soll ich mich impfen lassen

oder nicht? Und hilft die neue Salbe tatsächlich gegen Neurodermitis? Die Antwort scheint von der Meinung des jeweiligen Experten abzuhängen, nicht von Ansteckungsraten, Todeszahlen oder Studienergebnissen. Je mehr (pseudo)wissenschaftliche Artikel erscheinen, umso größer wird die Unsicherheit und Unwissenheit des Publikums. Wo Wissenschaft drauf steht, ist oft keine Wissenschaft drin. Auf den zweiten Blick steht es um das sechste Ressort also alles andere als rosig. Da passt es schon eher in den Trend, dass Uwe Vorkötter, der Chefredakteur der Berliner Zeitung, im Interview verkündet, dass zu einer Vollredaktion nicht zwangsläufig ein eigenes Wissenschaftsressort gehört. Dementsprechend wird die Wissenschaftsseite der Berliner Zeitung in Zukunft von den Kollegen der Frankfurter Rundschau produziert. „Verloren geht die Vielfalt“ beklagt Jakob Vicari in seinem Artikel „Aus zwei mach eins“. Braucht die Wissenschaft denn nun ein eigenes Ressort oder sollte


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sie nicht besser ihre Nische verlassen und überall im Blatt stattfinden? Darüber debattieren Björn Schwentker und Volker Stollorz. Die Antwort kann wohl kein „entweder-oder“ sondern nur ein „sowohl-als-auch“ sein. Eine eigene Sendung bzw. Seite ist nötig, denn nur so läßt sich auf Dauer ein Stamm von gut ausgebildeten Fachredakteuren halten. Gleichzeitig aber sollten die Kollegen regelmäßig ihr sicheres Revier verlassen und im normalen Programm mitmischen. Bei großen Ereignissen – wie zum Beispiel der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen – stellt sich in vielen Häusern die entscheidende Frage: Wer reist an - der Kollege aus der Politik oder ein Wissenschaftsredakteur? Allzu oft fällt dann die Wahl auf den Politikkollegen. Er – oder sie – sei ja schließlich aktuelles Arbeiten gewohnt. Und die wissenschaftlichen Hintergründe könne man genauso gut von Zuhause zuliefern. Im Hörfunk zeigt die ARD, dass es auch anders geht: Umwelt- und Wissenschaftsredakteure bilden einen senderübergreifenden Pool, der alle Wellen zwischen Hamburg und München mit Hintergründigem beliefert zusätzlich zur aktuellen Berichterstattung. Wilfried Bommert beschreibt das vorbildliche Modell. Wie klappt´s eigentlich mit den Nachbarn aus Politik und Wirtschaft? Dazu haben wir Stimmen aus Fernsehen, Hörfunk und Zeitung eingeholt. In diesem Heft erkunden wir das Wissenschaftsressort - seinen Stellenwert und seine Grenzen. Und wie immer finden Sie im Quarterly auch noch weitere interessante Geschichten und Rubriken - zum Beispiel ein Interview mit Alexander Mäder, dem neuen Vorsitzenden der WPK. Viel ] Spaß beim Lesen! Claudia Ruby

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Inhalt Editorial

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Für und Wider des Lebens in den Grenzen des Ressorts Wissenschaft

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Zusammenarbeit beim Klima !? Drei Praxisberichte

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Uta Pohlmann (PIK) im Interview: „Die ökonomische Seite des Klimawandels ist ins Zentrum der Berichterstattung gerückt“

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Organisation der Zusammenarbeit: New York Times beschreitet neue Wege

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Standpunkte: Pro und Contra des Ressorts Wissenschaft

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Computer Assisted Reporting: Schneisen schlagen durch den Datendschungel

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Die Schweinegrippe und die Medien: Anklagen einer Pressesprecherin

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Aus zwei mach eins! Die Berliner Zeitung verliert ihr Wissenschaftsressort.

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Der Chef der Berliner Zeitung im Interview: „Das Ziel ist, die Qualität zu steigern“

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WPK hat einen neuen Vorstand: Ein Gespräch über die Zukunft

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Zehn Jahre PUSH: Die Irrationalitäten öffentlicher Wissenschaft

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Zehn Jahre PUSH: Der Schatten der Popularisierung

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Ein neues Magazin ist online: Innovationen für den Wissenschaftsjournalismus

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Neue Mitglieder

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Impressum

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Claudia Ruby ist freie TV-Wissenschaftsjournalistin. Sie lebt und arbeitet in Köln.


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Für und Wider des Lebens in den Grenzen des Ressorts Wissenschaft1 Ein Überblick

Von Klaus Meier Journalisten lieben Routinen und feste Arbeitsstrukturen. Das gibt Sicherheit in einem ansonsten höchst unsicheren Geschäft, denn Themen-, Ereignis- und Quellenlage können sich schnell ändern. Der Journalismus hat sich deshalb frühzeitig ein strenges organisatorisches Korsett gegeben: Die Kernressorts der Nachrichtenmedien sind mehr als 100 Jahre alt. Die Welt der Nachrichten besteht schon lange aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und Lokalem.

Hinzu kommt, dass ein Bewusstsein für das journalistische Produkt als Ganzes kaum entstehen kann: Die Ressorts kämpfen eher gegeneinander um Prestige, Platz und Ressourcen – statt sich auszuhelfen, sich gegenseitig zu befruchten und zuzuliefern oder Themen gemeinsam anzugehen. Ressortautonomie ist hochgradig unflexibel.

Aber sind die Redaktionen mit diesen Strukturen innovationsfähig? Kann man entsprechend reagieren, wenn sich gesellschaftlich relevante Themenfelder wandeln, wenn sich die Anforderungen an die Hergehensweise an Themen verändern, wenn Interessen und Wünsche des Publikums andere sind als noch vor Jahren oder Jahrzehnten?

des Medienumbruchs

Die Redaktionsorganisation ist ein Strukturkontext, der bestimmt, welche Themen überhaupt in den Medien stattfinden und unter welcher Perspektive sie bearbeitet werden. Ressorts und thematische Zuständigkeiten von Journalisten sind die Wahrnehmungsstruktur des Journalismus. Eine feste Ressortierung ist einerseits sinnvoll, weil dadurch gesellschaftlich relevante Bereiche kontinuierlich und verlässlich beobachtet werden. Sie hat andererseits aber den Nachteil, dass Themen im Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozess ghettoisiert werden. In einer klassischen Zeitungsredaktion mit weitgehend autonomen Ressorts gibt es kein „Dazwischen“. Entweder ein Ereignis fällt in die Politik, die Wirtschaft, die Kultur, den Sport, die Wissenschaft – oder es fällt durchs Raster und kommt nicht vor.

Impulse für Innovationen in einer Phase Zum Problem der Themenghettos und der mangelnden Sicht aufs ganze Produkt kommen sinkende Anzeigenerlöse und Auflagenrückgänge, welche die Zeitungshäuser zum Sparen zwingen. Zudem hat sich das Leserverhalten vor allem junger Menschen dramatisch verändert. Wer die Leser nicht verlieren und neue Lesermärkte erschließen will, muss die Alleinstellungsmerkmale der Zeitung stärken – also das in der Zeitung, was kein anderes Medium so gut kann: die Geschichten hinter den schnellen, zusammenhangslosen Nachrichten und die Verknüpfung zwischen überregionalen, regionalen und lokalen Informationen. Um sich gegenüber den schnelleren elektronischen Medien zu profilieren, brauchen Zeitungsredaktionen Freiräume für Kreativität abseits der Routine, für eigene SchwerpunktThemen und Zusammenhänge sowie für Hintergrund-Recherchen. Auf der einen Seite sollen die Redaktionen also sparen, auf der anderen wird eine stärkere Eigenproduktion gefordert, was traditionell nur mit mehr Personal umzusetzen ist. Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist nur möglich, wenn redaktionelle Abläufe opti-

miert, Strukturen flexibilisiert und Tätigkeiten professionalisiert werden. Redaktionen werden zum Beispiel immer mehr funktional in Editors und Reporters getrennt. Editors sind Spezialisten fürs Blattmachen, für Produktion, Organisation und Themenplanung; sie arbeiten zentral am Newsdesk. Reporters können sich um ein Informantennetzwerk kümmern, recherchieren Hintergründe und schreiben eigene Geschichten. Medienhäuser arbeiten zunehmend mehrmedial und bedienen mehrere Plattformen (z.B. Print im „normalen Format“, Print als kompaktes Format für junge Zielgruppen, Internet, mobile Kommunikation etc.). In crossmedial organisierten Redaktionen werden diese Plattformen – beispielsweise an einem Newsdesk – zusammengeführt: Das digitalisierte redaktionelle „Material“ soll mehrfach verwendet, Ressourcen sollen für verschiedene Produkte eingesetzt werden. Neue Redaktionsstrukturen sind die Bedingung dafür, dass neue Ausspielkanäle schnell besetzt und redaktionell integriert werden können. Dies ist nicht unproblematisch und bringt neue Herausforderungen vor allem für den redaktionellen Workflow und die Kompetenzen der Journalisten mit sich.

Neue Modelle der Redaktion: Newsdesk und Newsroom Impulse für crossmediales Arbeiten kommen indes weniger aus Deutschland, sondern vielmehr aus Ländern mit deregulierten Medienmärkten, in denen regionale Medienunternehmen Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunksender zugleich betreiben dürfen: In Skandinavien und den


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USA – und zunehmend in Österreich und der Schweiz – gibt es bereits Regional- und Lokalredaktionen, die Print, Internet, Radio und Fernsehen gemeinsam bedienen. Antworten auf diese Herausforderungen werden seit einigen Jahren mit den Anglizismen Newsroom oder Newsdesk gegeben. Schätzungen gehen davon aus, dass ca. 40 Redaktionen im deutschsprachigen Raum neue Strukturen eingeführt haben – und dafür im weitesten Sinne diese Begriffe verwenden. Auch bei Nachrichtenagenturen, Zeitschriften und Rundfunkanstalten wird mit ressortund/oder medienübergreifenden Organisationsformen experimentiert. Es ist interessant, dass Kritik an der klassischen Ressortautonomie zuerst von Forschern kam, die sich mit Wissenschaftsjournalismus beschäftigten. Ulrich Pätzold stellte bereits Anfang der 70er Jahre fest: „Die Wirklichkeit trägt […] keinen Ressortstempel, ganz besonders nicht die Wirklichkeit der Wissenschaften.“ Er forderte „eine allseitige und gegenseitige Durchdringung“ und eine „Integration der Wissenschaftsberichterstattung in die allgemeinen Redaktionen der Politik, Wirtschaft, des Feuilletons und vor allem des Lokalen“. Ähnliche Forderungen kamen in den 80er Jahren von Wolfgang R. Langenbucher und Walter Hömberg. Als Beispiele für ressortübergreifende Themen nannte Langenbucher Energie, Verkehr, Ökologie, Gentechnik, Mikroelektronik, Ausländer, Medizin. Hömberg schlug Kooperationen über Ressortgrenzen hinweg und Projektredaktionen mit Beteiligung von Wissenschaftsjournalisten vor. Die Forderungen scheinen sich mit neuen Modellen der Redaktionsorganisation allmählich durchzusetzen. Im Konzept der vernetzten Redaktion und der niedrigen Ressortgrenzen gibt es meist nach wie vor die spezialisierten Wissenschaftsseiten. Werden innovative Wissenschaftsredakteure jedoch durch das Redaktionsmanagement gestützt, können sie aus ihrem Sparten-Ghetto ausbrechen, für die Politik, die Wirtschaft oder die Kulturseiten schreiben und

WPK-Quarterly mit Redakteuren anderer Ressorts zusammenarbeiten. In einer integrativen Rolle sieht sich zum Beispiel Berndt Röttger, Ressortleiter Wissenschaft und Technik beim „Hamburger Abendblatt“. „Unser Wissenschaftsressort versteht sich als Kompetenz-Center für Wissenschaft und bearbeitet grundsätzlich alle Wissenschaftsthemen quer durchs Blatt.“ Bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ wurde vor ein paar Jahren ein „Wissenschaftsdienstpult“ eingerichtet, womit die Wissenschaft aus dem „Mittwochsghetto“ geholt werden und vermehrt im ersten Buch und auf der vermischten Seite auftauchen sollte – ein Modell das sich nach Aussage des Wissenschaftsredakteurs Christian Speicher „gut bewährt“ hat. Ähnliche Erfahrungen mit dem neuen großen Newsroom hat Christian Müller gemacht, der bei der APA für die Wissenschaftsberichterstattung zuständig ist: „Ich erwarte, dass durch den Newsroom die wissenschafts-journalistische Hintergrundberichterstattung bei aktuellen großen Themen zunimmt. Und das ist auch spannend für uns. Das ist das Salz in der Suppe.“ Allerdings seien die Wissenschaftsjournalisten der APA oft durch eigene Termine gebunden und könnten sich deshalb nicht sehr intensiv an aktuellen großen Themen beteiligen.

Wissenschaftsjournalisten müssen sich an innovativen Redaktionskonzepten beteiligen, in neuen Teamstrukturen arbeiten und langfristige Ziele und Strategien formulieren Das geht auch Wissenschaftsredakteuren kleiner Zeitungen so. Sie haben es offenbar schwer, ihre Geschichten in den anderen Ressorts unterzubringen. Oder sie sind mit der zweifachen Aufgabe, eine eigene

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Sparte zu pflegen und anderen zuzuliefern, zeitlich überfordert. Praktische Erfahrungen und empirische Studien zeigen, dass die Vernetzung von der Redaktionsleitung gewollt und unterstützt werden muss. NewsdeskModelle haben hier zum Beispiel den Vorteil, dass die Fachredakteure vom Umbruch entlastet werden und sich auf Recherche, Schreiben und Themenfindung konzentrieren können. Sie liefern dem Newsdesk zu, das die Wissenschaftsthemen dann – je nach aktueller Bedeutung – auf der Titelseite, im Vermischten oder auf Hintergrundseiten platziert oder auch eine klassische Wissenschaftsseite produziert. Dass sich Wissenschaftsjournalisten immer öfter an innovativen Redaktionskonzepten beteiligen, in neuen Teamstrukturen arbeiten und langfristige Ziele und Strategien formulieren und umsetzen müssen, stellte auch Jan Lublinski fest. Die Formatierung von Wellen im öffentlich-rechtlichen Radio Anfang der 90er Jahre führte zu einer Krise der Wissenschaftsressorts, weil diese zumindest teilweise ihre angestammten Sendeplätze aufgeben mussten. In der Krise fanden sich indes neue Wege und Chancen für die Berichterstattung über Themen aus den Bereichen Naturwissenschaft, Technik, Umwelt und Gesundheit. Zu den wichtigsten Trends zählt Lublinski die Zulieferung von kleinen Rubriken, die in den Programm-Schemata verteilt sind, die Erschließung neuer Themenfelder und Darstellungsformen sowie die verstärkte Zusammenarbeit mit anderen Ressorts. Auch die Radio-Wissenschaftsjournalisten wurden also zunehmend aus ihren Ghettos vertrieben: Moderne Wissenschaftsressorts profilieren sich hausintern mit ihrem speziellen Themenfeld, müssen sich aber gezielt an den Redaktionskonzepten und den Publika der verschiedenen Wellen ihrer Rundfunkanstalt orientieren. Lublinski kommt sogar zu der Schlussfolgerung, dass die Zusammenarbeit mit anderen Ressorts ein Erfolgsfaktor und einer der „wesentlichen Garanten für das langfristige Überleben von Wissenschaftsredaktionen ist“.


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Die Herausforderung dabei ist, sich den jeweiligen Redaktionskonzepten, den Radioformaten und Zielgruppen der unterschiedlichen Wellen anzupassen. WDR-Redakteur Joachim Hecker (Köln): „Wir sind das Kompetenzzentrum für Wissenschaft für den gesamten WDR-Hörfunk.“ In der Redaktionskonferenz werde an jedem Morgen nicht nur überlegt, was in der eigenen Sendung ,Leonardo‘ gemacht werde, sondern auch, was anderen Wellen und Sendungen angeboten werden könne. „Wir müssen im Haus präsent sein.“

Die Redaktion der Zukunft Ist der Trend zu vernetztem Arbeiten nur ein „Hype“, der bald abflacht, oder bestimmt er die Zukunft des (Wissenschafts-)Journalismus?

Natürlich sind Prognosen immer schwierig, aber es lässt sich eine Reihe von Indizien dafür finden, dass ressort-, programm- und medienübergreifendes Arbeiten in der Redaktion der Zukunft selbstverständlich wird. Newsdesk-Modelle haben bei Zeitungen und Nachrichtenagenturen in den zurückliegenden Jahren enorm zugenommen. Für Umstrukturierungen in der Redaktion gibt es jedoch kein Rezeptwissen, das für alle Medien Gültigkeit hat, sondern ein Kaleidoskop von Möglichkeiten. Die Kriterien, nach denen jede Redaktion ihre optimale Organisationsform finden muss, sind sehr komplex und hängen nicht zuletzt mit der jeweiligen Tradition und Redaktionskultur eng zusammen. Wir sollten uns allerdings grundsätzlich von der These verabschieden, dass Redaktionen über Jahre hinweg die gleiche Struktur aufweisen. Um-

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strukturierungen und Flexibilisierungen werden vielmehr zur Regel. Es bleibt weiter spannend: Welche Auswirkungen dies auf den Wissenschaftsjournalismus noch haben wird, ist bislang kaum untersucht. ] 1Auszug aus Meier, Klaus: Für und Wider des Lebens im Ghetto. Wissenschaftsjournalisten in den Strukturen einer Redaktion. In: Hettwer, Holger; Markus Lehmkuhl; Holger Wormer und Franco Zotta: Wissenswelten! Theorie und Praxis des Wissenschaftsjournalismus, Gütersloh 2008, S. 267-278.

Dr. Klaus Meier ist seit September 2009 Professor am Institut für Journalistik der TU Dortmund.

Zusammenarbeit beim Klima !? – Drei Praxisberichte Das Klima wird immer wieder als Paradebeispiel genannt für den Facettenreichtum eines Themas, dem mit gängiger Ressortlogik nur schwer beizukommen ist. Das WPK-Quarterly hat drei an verantwortlicher Stelle arbeitende Redakteure gebeten, über das Zusammenwirken der Ressorts beim Klima zu berichten.

Die ARD: Kooperation wird durch die Organisation erschwert Von Martin Schneider Sagen wir mal so: der Klimagipfel in Kopenhagen gehört sicher mal wieder zu den Gelegenheiten, wo man sich als Fernsehschaffender wünscht, beim Radio zu arbeiten. Nicht nur, dass es wie immer das schnellere Medium ist; die Vernetzung von Kollegen aus Fach- und politischen Redaktionen ist hier sehr viel besser gelöst. Vier ausgewiesene Kollegen aus den Umwelt- bzw. Wissenschaftsredaktionen verschiedener ARD-Anstalten berichten für alle Sender und Wellen der ARD von dem Großereignis. Beim Fernsehen ist dies, vorsichtig gesagt, nicht ganz so. Es besteht keinerlei institutionalisierte Einbindung der Wissenschaftsredaktionen in die Arbeit der ARD Gemeinschaftsredaktion „ARD aktuell“, von der Sendungen

wie Tagesschau und Tagesthemen produziert werden. Wenn Walter Hömberg Ende der 80er Jahre von der Wissenschaft als „verspätetem Ressort“ sprach - im Fernsehen gilt das trotz des Booms der „Wissens“Formate (vgl. Quarterly Winter 2008) noch heute. Wie kann es sein, dass zwar sieben der neun ARD-Anstalten Fernseh-Wissenschaftsredaktionen unterhalten, diese aber bei Ereignissen von gesellschaftlicher Bedeutung kaum von den „Leitressorts“ angefragt werden? Ich sehe dafür zwei Gründe, die beide mit Historie und Organisationsstruktur des Senderverbundes zu tun haben. So untersteht die politische Berichterstattung und damit die Zulieferung zu den „Flaggschiffen“ Tagesschau und Tagesthemen oder auch den ARD-Brennpunkten in allen Häusern den Chefredaktionen. Auch die Wirtschaftsredaktionen, mit denen es in Sachen Klima ja

Überschneidungen gibt, gehören zur Chefredaktion. Die Fernseh-Wissenschaftsredaktionen dagegen gehören fast überall zu den Kultur-Hauptabteilungen. Das sind zwei völlig verschiedene hierarchische Zweige. Bei den Zulieferungen zu den Sendungen von ARD aktuell gilt überdies das Regionalitätsprinzip. Von einem Ereignis in München berichtet der BR, von einem in Düsseldorf der WDR usw.. Da die ganze Welt in Korrespondentenbüros aufgeteilt ist, die jeweils zu bestimmten ARD-Anstalten gehören, gilt das Prinzip quasi für die ganze Welt. Kopenhagen gehört zum Studio Skandinavien in Stockholm, das vom NDR verantwortet wird. So gesehen ist Kopenhagen zunächst mal Angelegenheit der NDR Korrespondenten vor Ort. Die könnten theoretisch natürlich die Kollegen der Fachredaktionen einbinden, haben diese aber in der


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Regel gar nicht „auf dem Schirm“. Zudem gehört es ja eher nicht zu den journalistischen Grundtugenden, sich einzugestehen, dass andere vielleicht etwas besser wissen oder können als man selbst. Und zugegebenermaßen sind die Wissenschaftsredaktionen – da selten nachgefragt – in aller Regel auch gar nicht dafür aufgestellt, Beiträge zu aktuellen Sendungen zuzuliefern. Ein zweiter Grund, warum die Fernseh-Wissenschaftsredaktionen selten von den Kollegen der „etablierten“ Ressorts zur Zusammenarbeit eingeladen werden, ist ebenfalls in der Historie begründet. Jahrzehntelang haben sich Wissenschaftssendungen im Fernsehen in der Tradition von Heinz Haber & Co eher als Werbesendungen für die Wissenschaft denn als journalistisches Format begriffen. Erklären und Popularisieren statt kritisch hinterfragen, Staunen statt Aufdecken. Auch wenn dies längst nicht mehr für alle Sendungen gilt, wirkt dieses Image noch immer nach. Nun gibt es natürlich glücklicherweise doch Möglichkeiten, wie die Expertise der Fernseh-Wissenschaftsredaktionen Eingang in die Berichterstattung der politischen Sendungen findet. Dies läuft dann auf der Ebene persönlicher Kontakte und nicht in institutionalisierter Form. So ist den Planern von ARD aktuell bekannt, dass zum Beispiel im Südwesten der Republik eine Wissenschaftsredaktion sitzt, von der man verlässlich auch mal von Mittag auf Abend einen Hintergrundbeitrag erwarten kann. Und da sich das Klima ja weltweit ändert, ist das auch mit dem Regionalitätsprinzip vereinbar. Zudem gibt es freie Kollegen, die sowohl für die Wissenschafts- als auch für die Wirtschaftsredaktion arbeiten, so dass es auch hier zarte Bande gibt, die man fast schon als Anfänge ressortübergreifenden Arbeitens bezeichnen könnte. Die Hoffnung also stirbt zuletzt, dass sich aus derartigen Kontakten, begleitet von einer fortschreitenden Reflexion über das journalistische Selbstverständnis in den Wissenschaftsredaktionen, zunehmend ein ressortübergreifendes ] Arbeiten entwickeln könnte.

WPK-Quarterly Martin Schneider leitet zusammen mit Helmut Riedl die WissenschaftsRedaktion des SWR in BadenBaden.

Der WDR Hörfunk: Gutes Klima für Klimaberichte Von Wilfried Bommert Warum Peking bald auf dem Trockenen sitzt, weshalb die Erderwärmung aus den Alpen eine gefährliche Geröllhalde macht, warum der Kabeljau aus der Nordsee verschwindet, ob auf Rügen demnächst deutscher Riesling wächst, der Klimawandel zeigt viele Facetten. Und diese Facetten werden von der WDR Redaktion Wissenschaft, Umwelt und Technik in die Programme des Senders gebracht. Mit mehreren hundert Beiträgen, Kollegengesprächen und Kommentaren bereichert die Wissenschaftsredaktion so über das Jahr hinweg die aktuellen Programme des WDR-Hörfunks. Das strahlt auch aus auf WDR.de, die Internetplattform des WDR. Was erklärt diesen Erfolg im eigenen Hause? Zum einen liegt es am Selbstverständnis der Redaktion. Sie sieht sich als Fach-KorrespondentenPool, der neben den eigenen Sendungen auch das aktuelle Programm mit Fach-Angeboten versorgt. Das beginnt jeden Tag neu mit der Frage: Was sind die Topthemen heute? Was könnte davon das aktuelle Programm interessieren? Wer steht als Reporter, Autor oder Kommentator zur Verfügung? Wenn die Aufgabe nicht aus dem Kreis der Redakteuren gestemmt werden kann, dann aus dem Kreis der freien Fachautoren. Koordiniert wird das Angebot von einem RvD, er ist ständiger Ansprechpartner für die Aktuellen, trägt die Themen täglich in die Konferenz der Chefredaktion und leitet fachliche Nachfragen an den richtigen Ansprechpartner in der Redaktion weiter. Bei personellem Engpass wird der/die Gefragte durch kollegi-

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alen Tausch freigestellt, soweit es die Personladecke zulässt. Auch bei internationalen Konferenzen zeigt die Redaktion Flagge, so auch bei der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen. Querelen mit den aktuellen Kollegen, die aus Berlin, Brüssel oder Washington über das politische Klima bei den Klimaverhandlungen berichten, gibt es nicht, weil die Aufgaben klar verteilt sind. Die Wissenschaft kümmert sich um die Hintergründe und Bewertungen, und übernimmt damit den Teil der Berichterstattung, der an der tagesaktuellen Front kaum zu leisten ist. Die erfolgreiche Praxis zeigt: Das Konzept des Fach-KorrespondentenPools trägt auch bei rauem Klima. ] Wilfried Bommert ist seit 1979 Journalist im WDR und Leiter der ersten Umweltredaktion im WDRHörfunk.

Die Stuttgarter Zeitung: Wenn man rechtzeitig zu diskutieren beginnt, können Grenzen fallen Von Alexander Mäder Zwei Monate sind in einer Tageszeitung eine halbe Ewigkeit. Was machen wir morgen?, lautet die tägliche Frage, und nicht: Wie berichten wir im Dezember von der UN-Klimatagung? Wer in der Redaktion zwei Monate im Voraus zu einer Besprechung einlädt, muss schon ein großes Projekt im Sinn haben. Eine Serie zum Beispiel oder eine Schwerpunktausgabe, die über mehrere Wochen nebenher produziert wird. Solche Projekte sind eine zwiespältige Angelegenheit. Die Zeitung zeigt damit zwar, wozu sie fähig ist, doch sie kann ihre Leser auch überfordern, wenn sie viel Hintergrund mit wenig Anbindung zum Tagesgeschehen bietet. Tageszeitungen sind keine Nachschlagewerke fürs Regal, sondern bieten Häppchen, die beim


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Frühstück verzehrt werden. Es gibt daher immer wieder Kollegen, die bei Besprechungen zu Großprojekten daran erinnern, dass man auch aktuell reagieren müsse: Was sollen wir mit unserer Schwerpunktausgabe machen, wenn schon vor der UNTagung deutlich wird, dass eine Einigung unrealistisch ist? Trotzdem haben solche Besprechungen einen Vorteil: Die Kollegen lösen sich von den selbst auferlegten Zwängen des Tagesgeschäfts und kommen auf wirklich neue Ideen. Im Alltag geht es sonst hektisch zu, und die Ressourcen einer mittelgroßen Zeitung sind begrenzt. Man kann oft nur einen Redakteur auf ein Thema ansetzen und hat nicht genug Zeit, um alle wichtigen Themen offen zu diskutieren. So bilden sich rasch Routinen und eindeutige Zuordnungen aus. Das Wissenschaftsressort kommentiert zum Beispiel den Weltklimabericht und das Politikressort schreibt über Gesetzesvorhaben und diplomatische Vorstöße. Bei den frühzeitigen und offenen Diskussionen können solche Grenzen fallen. Doch wie trägt man die vielen Ideen ins Tagesgeschäft? Bei der Stuttgarter Zeitung werden meistens zwei Kollegen ausgeguckt, die aus der Fülle der Anregungen ein praktikables Programm schneidern und die Autoren dazu anhalten, ihre Texte rechtzeitig fertig zu stellen. Die Kollegen versenden schließlich per E-Mail das Programm an die Redaktion - und das wird dann abgearbeitet. Für eine zweite, dritte und vierte Besprechung wird keine Zeit eingeräumt. Schließlich gibt es schon im normalen Tagesgeschäft drei Sitzungen am Tag. So darf es einen nicht wundern, dass die Mahner Recht behalten und manche gute Idee bei ] Erscheinen alt wirkt. Alexander Mäder ist Vorsitzender der WPK und leitet das Wissenschaftsressort der Stuttgarter Zeitung.

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„Die ökonomische Seite des Klimawandels ist ins Zentrum der Berichterstattung gerückt“ Längst findet das Thema Klimawandel nicht mehr nur auf Wissenschaftsseiten statt. Auch Politik- und Wirtschaftsressorts arbeiten sich daran ab. Uta Pohlmann, Pressesprecherin am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung über Klima-Berichterstattung in allen Ressorts. Im Dezember findet in Kopenhagen der UN-Klimagipfel statt. Bekommen Sie zur Zeit viele Anfragen? Natürlich haben viele Redaktionen diesen Termin im Kalender vermerkt. Der Bogen zu Kopenhagen wurde aber schon seit Beginn des Jahres bei fast allen Anfragen geschlagen. Häufig kommen Fragen zum Stand der Verhandlungen und dazu, welche Ergebnisse von Kopenhagen zu erwarten sind. Meistens geht es den Journalisten aber darum einzuordnen, welche Entscheidungen in Kopenhagen notwendig sind, damit sich das Weltklima nicht über eine kritische Grenze hinaus erwärmt. Wenn Sie die journalistischen Ressorts Politik, Wirtschaft und Wissenschaft vor Augen haben: Welche Kollegen rufen am häufigsten bei Ihnen an? Viele Anfragen kommen von Politikredaktionen. Wenn es um konkrete Studienergebnisse geht, rufen natürlich meist die Wissenschaftsredakteure an – zumindest von den Zeitungen, die Wissenschaftsredaktionen haben. Nachfragen von Wirtschaftsressorts sind eher selten. Viele Anfragen kommen aber mittlerweile auch von Magazinen von Stiftungen, Verbänden oder Unternehmen. Und zwar keineswegs nur von Organisationen, die für ihre „grüne“ Ausrichtung bekannt sind, sondern auch etwa von Banken, die als Investoren in langen Zeiträumen denken müssen. Wie haben sich die Schwerpunkte der Berichterstattung über Klima in den letzten Jahren verschoben?

Bis vor wenigen Jahren war der vom Menschen verursachte Treibhauseffekt eher ein Randthema. Wenn Europa von Überschwemmungen oder Hitzewellen heimgesucht wurde, oder wenn Klimawandel als Kinostoff präsentiert wurde, griff man das auf. Das hat sich mit dem Erscheinen des Stern-Berichts zur Ökonomie des Klimawandels im Herbst 2006 (http://www.hm-treasury.gov. uk/sternreview_index.htm) grundlegend geändert. Entscheidend für diese 180-GradWende in der weltweiten Berichterstattung zum Klimawandel war sicher der Befund, dass ambitionierter Klimaschutz schon nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten geboten ist. Bis dahin war die Haltung des Mainstreams der Ökonomen genau gegenteilig. Der Bericht wurde im Auftrag der britischen Regierung erstellt und der Autor Nicholas Stern war als ehemaliger Chefökonom der Weltbank unverdächtig, ein „grüner Spinner“ zu sein. 2007 verursachte der Sturm Kyrill gewaltige Schäden und der UN-Klimabericht erschien. Dadurch rückte die ökonomische Seite des Klimawandels noch mehr ins Zentrum der Berichterstattung. Das verstärkte sich mit dem ungewöhnlich warmen Herbst und Winter 2006/2007, die man als Vorboten des Klimawandels wahrnahm. Und auch zur Anpassung an klimatische Veränderungen gibt es jetzt mehr und mehr fundierte Berichterstattung. Gibt es Qualitätsunterschiede in Bezug auf Informationsstand und Faktentreue zwischen den Ressorts, die über Klimawandel berichten?


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Die Fragen des Klimawandels und des Klimaschutzes sind so komplex, dass Wissenschaftsjournalisten, die sich bevorzugt mit diesem Thema beschäftigen und meistens eine fachlich einschlägige Ausbildung mitbringen, einen Wissensvorsprung gegenüber Kollegen anderer Ressorts haben. Aufgrund der hohen Relevanz des Themas sind jedoch auch Journalisten aus anderen Ressorts inzwischen sehr gut informiert. Unterschiede bestehen vor allem im Verständnis des wissenschaftlichen Prozesses und in der Erfahrung, wissenschaftliche Daten zu interpretieren. Wirtschaftsund Politikredaktionen neigen dazu, Wissenschaftler genauso zu beurteilen wie Politiker. So wird häufig unterstellt, Klimaforscher würden ihre Ergebnisse überinterpretieren, um eigene Interessen zu verfolgen. Dabei wird übersehen, dass Wissenschaft grundsätzlich anders funktioniert als Politik. Wissenschaftliche Veröffentlichungen durchlaufen strenge Kontrollen, Stichwort „Peer Review“, die eine interessengeleitete Interpretation von Ergebnissen weitgehend ausschließen.

WPK-Quarterly unterschiedliche Sichtweisen erkennbar wären. Bis auf wenige Ausnahmen kann ich aber nicht bestätigen, dass konservativ-wirtschaftsfreundlich ausgerichtete Medien weniger differenziert auf Forschungsergebnisse zum Klimawandel oder zur Ökonomie des Klimawandels eingehen würden als andere Medien.

Gesamt-Portfolios, bei dem es kein Richtig oder Falsch gibt. Dazu gibt es umfangreiche Forschungsarbeiten. Eher selten wird auch auf den ökonomisch wichtigen Aspekt eingegangen, dass es technisch und finanziell immer schwieriger wird, das 2-GradZiel zu erreichen, je später die Länder beginnen, in kohlenstoffarme Technologien zu investieren. Welche Themen sind eher überrepräsentiert, gemessen an ihrer wissenschaftlichen Bedeutung? Ein aktuelles Beispiel ist die Kernenergie. Sie ist zwar wie alle anderen Energieträger Gegenstand der Forschung, aber die Vehemenz, mit der die künftige Bedeutung der Kernenergie für den Klimaschutz herausgestellt wird, wird von der Forschung nicht gestützt.

Uta Pohlmann ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Meinem Eindruck nach ist die Dichte an Wissenschaftsjournalisten in den allermeisten Redaktionen eher gering und das ist der Berichterstattung nicht immer zuträglich – sei es, weil wichtige Ergebnisse erst gar nicht als solche wahrgenommen werden, oder weil man sich bei fehlendem Überblick über das extrem interdisziplinäre Klimathema nicht über eine bestimmte Problembetrachtung hinauszubewegen vermag.

Welche Themen fehlen aus Ihrer Sicht in der deutschen Berichterstattung oder sind unterrepräsentiert?

Machen Sie bei der Berichterstattung auch politische Tendenzen im Vergleich der verschiedenen Ressorts aus, etwa dahingehend, dass Wirtschaftsressorts eher konservativ über Klimawandel berichten?

Selten findet man in der Berichterstattung zudem eine angemessene Darstellung des möglichen Zusammenspiels unterschiedlicher Energiequellen und Klimaschutzoptionen. Über einzelne Optionen wie erneuerbare Energien, Kernenergie, Energie aus nachwachsenden Rohstoffen, Kohlekraft mit CO2-Abscheidung und -Speicherung und natürlich Effizienz und Lebensstiländerungen wird ausführlich, aber fast immer isoliert berichtet. Was fehlt, ist eine integrierte Betrachtung im Sinne eines

Politische Einstellungen spielen in der Berichterstattung durchaus eine Rolle. Allerdings sehe ich hier die Unterschiede eher zwischen Redaktionen als zwischen den jeweiligen Ressorts. Das führt häufiger dazu, dass gar nicht erst berichtet wird, als, dass

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Hier sind zum Beispiel die unbeantworteten Gerechtigkeitsfragen zu nennen, die sich daraus ergeben, dass nicht die Hauptverursacher des Klimawandels am stärksten von den Auswirkungen betroffen sind, sondern viele der Länder, die am wenigsten dazu beigetragen haben.

Ein weiterer Punkt ist die Diskussion um den Einfluss des Menschen auf den Klimawandel. Dass unsere Treibhausgas-Emissionen Ursache der Erwärmung sind, wird heute von kaum einem Wissenschaftler mehr bestritten. Trotzdem wird in manchen Berichten weiterhin behauptet, es gäbe hierzu noch keinen Konsens. Und zu guter letzt sind natürlich die Klimakatastrophenmeldungen zu nennen, die vielleicht einen Kern Wahrheit enthalten, aber im Ton grob übertrieben sind. Zum Beispiel werden oft die in Frage stehenden Zeithorizonte, innerhalb derer die gravierendsten Folgen des Klimawandels zum Tragen kommen werden, nicht benannt, und es wird suggeriert, die Welt stehe unmittelbar vor dem Abgrund. Die Leser wird man auf diese Weise sicher nicht dauerhaft für das Thema gewinnen können. Zudem wird aufgrund solcher Berichte häufig unterstellt, es seien die Wissenschaftler, die Panik machten. Weil sie genau das aber vermeiden wollen, schon aufgrund ihrer Reputation in Fachkreisen, formulieren sie ihre Aussagen meist sehr genau und vorsichtig. Was wünschen Sie sich von Journalisten, die über Klimawandel berichten?


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Ein häufiges Problem ist die Tendenz, bedingte Aussagen in politische Forderungen umzuwandeln. Wenndann-Aussagen im Sinne von „wenn die Politik dieses oder jenes Ziel erreichen will, sollte aus wissenschaftlicher Sicht über diese und jene Strategie diskutiert werden“ werden zu Überschriften wie „Forscher fordern... „ oder „Forscher wollen...“ zugespitzt. Die Wissenschaftler werden dabei als Ersatzpolitiker dargestellt. Auch wenn sich Journalisten stets klare Aussagen wünschen, sollte die Rolle der Wissenschaft als ehrlicher Wissensmakler respektiert werden. Das heißt, im Unterschied zur Politik ist das Ziel unserer Wissenschaftler ja gerade, möglichst viele unterschiedliche Lösungsstrategien zu untersuchen und dazugehörige Grundannahmen transparent zu machen, und nicht, scheinbare politische Sachzwänge abzuleiten. Welche Verantwortung kommt Wissenschaftsjournalisten zu? Wissenschaftsreporter, die sich in der Szene auskennen, sollten vor

allem Forscher zu Wort kommen lassen, die im jeweiligen Thema auch anerkannte Experten sind. Es werden zu häufig Außenseitermeinungen ins Zentrum der Berichterstattung gerückt, die unter Fachexperten tatsächlich keine Rolle spielen. Außerdem sollten gerade Wissenschaftsjournalisten in der Lage sein, die Sprache der Wissenschaft für den Laien richtig zu übersetzen. Begriffe wie „unbewiesen“ und „unsicher“ werden von Laien und Wissenschaftlern in der Regel unterschiedlich verstanden. Wissenschaftliche Theorien sind häufig nur widerlegbar, aber nicht beweisbar. Deshalb sprechen Wissenschaftler selten davon, dass eine Hypothese bewiesen ist, selbst wenn – etwa im Fall der Darwinschen Evolutionstheorie – eine Hypothese von der absoluten Mehrheit der Wissenschaftler akzeptiert wird. Mancher Laie denkt hingegen, dass eine unbewiesene Hypothese automatisch auch umstritten ist, oder dass Mo-

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dell-aussagen aufgrund der immer vorhandenen Unsicherheiten beliebig wären. Deshalb sollten entsprechende Aussagen immer erläutert werden: Welche Fragen zum Klimawandel sind denn tatsächlich umstritten und wo besteht unter seriösen Wissenschaftlern weitgehend Konsens? Um welche Bandbreite an Unsicherheit über die Folgen des Klimawandels geht es überhaupt? Hier sollten gerade Wissenschaftsjournalisten sich weiterhin bemühen, den Lesern eine möglichst objektive Einschätzung der Sachlage zu ermöglichen, ohne zu suggerieren, die Wissenschaft werde irgendwann absolute Sicherheit bieten können. Auf diesen Luxus werden wir in vielen Fragen weiterhin verzichten müssen. Viel zu selten findet man analytische Artikel über vernünftige politische oder gesellschaftliche Handlungsoptionen, auch und gerade vor dem Hintergrund vorhandener Unsicherheiten! ] Mit Uta Pohlmann sprach Nicole Heißmann

Organisation von Zusammenarbeit: Die New York Times beschreitet neue Wege Von Franco Zotta und Holger Hettwer Die New York Times ist die einflussreichste Tageszeitung der Welt. Das Blatt, das seit 1851 erscheint, beschäftigt 1.300 Redakteure und hat mehr als eine Million Abonnenten. Allein die Webseite der NYT verzeichnete Anfang 2007 rund 1,5 Millionen Zugriffe - täglich. Dabei gehört das Wissenschaftsressort der Times, gemessen an der Lesequote, zu den erfolgreichsten Teilen der Zeitung. Zudem ist das Ressort für Wissenschaftsjournalisten ein Referenzmedium: Praktisch alle Wissenschaftsjournalisten, die ihren Blick international schulen, blicken auf das, was die Redaktion in der 8th Avenue für wichtig erachtet. Zurzeit richtet sich der Blick auf ein redaktionelles Experiment der

„gray old lady“: Im Januar 2009 hat die Times eine neue, hochkarätig besetzte Einheit für Umweltberichterstattung an den Start gebracht – ein „Environmental S.W.A.T. Team“, wie es die Columbia Journalism Review sogleich hoffnungsvoll, wenn auch ein wenig martialisch, taufte. Das Sondereinsatzkommando besteht mittlerweile aus acht Reportern, die bislang in den Ressorts Science, National, Metro, Foreign und Business gearbeitet haben, und zwei „editors“. Ihr Auftrag: eine umfangreichere und vor allem herausragende Berichterstattung über Umweltthemen. In einem internen Memo erläuterte Chefredakteur Bill Keller die Mission und die damit einhergehende redakti-

onelle Neuordnung so: „Die Times hat eine lange und bemerkenswerte Tradition der Berichterstattung über jene komplexen Themen, die mit ‚Umwelt‘ nur ungenau umschrieben werden: Klimawandel,Umweltverschmutzung, die Gefährdung von Natur und Arten, der Umgang mit natürlichen Ressourcen und all die damit verbundenen wirtschaftlichen, politischen, gesundheitlichen Fragen bis hin zu Lifestyle. Seit einiger Zeit arbeiten wir an dem Plan, die verschiedenen Reporter, die alle an unterschiedlichen Aspekten des Themas Umwelt arbeiten, zusammenzuziehen – unter Leitung eines Redakteurs (editor), der jeden Morgen mit der Frage aufwacht, wie er die Geschichte vorantreiben und ihr mehr Gewicht und Kontur verleihen kann.“


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Ob Erica Goode seitdem schlecht schläft, sei mal dahingestellt. Auf jeden Fall leitet sie das Team, das sich selbst „enviro pod“ nennt. Goode hat zunächst über Verhaltensforschung und Psychologie geschrieben, kam 1998 zur Times, wurde 2003 Gesundheitsredakteurin und hat 2008 aus Bagdad über den Irak-Krieg berichtet. Ihr illustres Team umfasst Andrew Revkin und Cornelia Dean aus dem Wissenschaftsressort, Felicity Barringer und Leslie Kaufman (National), Elisabeth Rosenthal (Foreign), Mia Navarro (Metro) und Matt Wald aus dem Büro in Washington, der auch für die ressortübergreifende Serie „Energy Challenge“ schreibt. Im Laufe des Jahres sind noch John M. Broder (Washington / Blog “The Caucus”) und Nancy Kenney als deputy editor dazu gestoßen. “Wir haben nun eine Mannschaft mit acht Reportern, die sich voll auf das Thema konzentrieren und alle ihr eigenes Fachwissen mit einbringen”, so Goode. „Und wir haben den Vorteil, nicht zu groß zu sein – so können wir wirklich zusammen arbeiten.“ Darüber hinaus will Goode eng mit den anderen Ressorts kooperieren – vor allem mit dem “energy cluster” im Ressort Business, das auch den Blog “Green Inc.” an den Start gebracht hat: „Wir bereiten alle unsere Stories auf und füttern damit dann die anderen Ressorts.“ Im Gegenzug schreiben Reporter anderer Ressorts ab und zu Stücke für das environmental cluster, zum Bespiel aus dem Ressort „Investigations“. Ein elementares Ziel ist es, mehr„big thought“-Beiträge zu Umweltthemen auf die Titelseite zu bekommen, sagt Assistant Managing Editor Glenn Kramon, an den Goode direkt berichtet. Kramon hatte bereits 2006 von Keller das Mandat bekommen „original New York Times reporting ventures across the newsroom“ voranzutreiben. Das bedeutet für ihn mehr investigative Arbeit und das Ausprobieren von Reportage- und Storytelling-Ansätzen, die die Leser aufzurütteln vermögen. Kramons Credo: „Ich will sie wütend machen – wütend genug, um etwas zu unternehmen.“

WPK-Quarterly Die redaktionelle Herangehensweise reagiert auf die Herausforderungen einer Umweltberichterstattung, die (aus amerikanischer Sicht) stärker gewachsen ist und sich als wesentlich komplexer und komplizierter erwiesen hat als noch vor wenigen Jahren gedacht. Als die Energieversorgungskosten zu einem zentralen Thema im vergangenen Wahlkampf wurden, ging anscheinend vielen Journalisten auf, dass hinter der „climate story“ eigentlich eine „energy story“ steckt.

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sinken die Geburtenraten aber. Dieser Trend verschleiert allerdings die Tatsache, dass die explodierenden Geburtenraten in Afrika und Asien eine enorme Bedeutung haben.“ In Richtung Nachhaltigkeit zielt auch die Hoffnung von Erica Goode, mit dem neuen Ansatz die ganze Bandbreite der Berührungspunkte zwischen Umweltthemen und unserem Alltag einzufangen. Als Beispiel für die Berichterstattung, die ihr vorschwebt, führt Goode einen Artikel aus der Serie „The Energy Challenge“ über das „Passivhaus“ in Deutschland an – eine neue Generation günstiger und energieeffizienter Häuser:

Erica Goode leitet das neue Team der New York Times. Dass sich dahinter wiederum die Frage nach einem effizienteren Einsatz der natürlichen Ressourcen verbirgt – darüber schreiben allerdings nur wenige. Andrew Revkin, ebenfalls im “pod”, greift dies seit langem in seinem Blog “DotEarth” auf. Für Revkin ist nicht das Thema Klima die „story of our time“, sondern Nachhaltigkeit – gerade in einer Welt, die bald mit einer Rekordeinwohnerzahl klar kommen muss: „Der menschliche Einfluss auf die Umwelt wird letztlich durch die Bevölkerungszahl und ihrem Bedarf an Ressourcen, Energie und Land bestimmt. Meiner Meinung nach steht die Bevölkerungsfrage aber zu wenig im Mittelpunkt – was auch mit der Wahrnehmung zu tun hat, dass die Welt das Bevölkerungsproblem bereits gelöst hätte: Wir steuern zwar auf einen Höchstwert von neun Milliarden Menschen zu, generell

Andrew Revkin gehört zu den profiliertesten Umweltjournalisten der Vereinigten Staaten. Er ist Mitglied des achtköpfigen Teams, das bessere Geschichten auf die Seite 1 bringen soll. „Ich kann gar nicht genug betonen, wie groß das Interesse der Leser an diesem Thema ist. Diese Story stand eine ganze Weile an der Spitze der E-Mail-Empfehlungen. Es ist offensichtlich, dass die Leute Lust auf das Thema haben. Und das war eine Story, die Wissenschaft, Wirtschaft und Lifestyle zusammengebracht hat – über die traditionellen Ressortgrenzen hinweg.“ Ein weiteres inhaltliches Ziel ist der Versuch, auch die ökonomischen Vorteile von Umweltschutzmaßnahmen abzubilden – zum Beispiel hat


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Elisabeth Rosenthal im August die Förderprogramme für brasilianische Bauern zum Schutz des Regenwalds untersucht.

Standpunkt: Pro Ressort

Für Andrew Revkin liegt der Vorteil im kreativen Zusammenspiel der Beteiligten – so wie bei der Serie „Climate Divide“ (2007), zu der science editors, Auslandskorrespondenten und Reporter aus der ganzen Welt beigetragen haben.

Ohne Schutzraum ist der Wissenschaftsjournalismus so gut wie tot

Es ist genau dieser „connect-thedots approach“, der die Idee der Times so innovativ erscheinen lässt: Die alte Tante zeigt, wie man das Thema Umwelt denken muss. Nur am Rande: Auf die Frage, ob die neue Organisationstruktur etwas mit Kostensenkung zu tun hat – die Times musste gerade alle hauseigenen Zeitungsabos kündigen –, antwortet Glenn Kramon „ganz im Gegenteil“. Und: „Umso mehr bewundere ich Bill für seine Vision, so etwas zu diesem Zeitpunkt anzugehen.“ Keine Frage, das redaktionelle Experiment der New York Times bleibt spannend: Sollte es sich als praxistauglich erweisen, hätte es durchaus Vorbildcharakter für deutsche Redaktionen – hierzulande ist es mit der Zusammenarbeit der Ressorts nämlich nicht zum Besten bestellt, wie eine neue Studie der TU ] Dortmund illustriert. www.initiative-wissenschaftsjournalismus.de

Franco Zotta leitet zusammen mit Holger Hettwer das Förderprogramm „Initiative Wissenschaftsjournalismus“ an der TU Dortmund Holger Hettwer leitet zusammen mit Franco Zotta das Förderprogramm „Initiative Wissenschaftsjournalismus“ an der TU Dortmund

Von Björn Schwentker Die Utopie hat ja was: Eine Gruppe bestens ausgebildeter Wissenschaftsjournalisten, flexibel einsetzbar in der ganzen Redaktion, sorgt dafür, dass die Wissenschaft in bester Manier überall im Blatt auftaucht. Ein Ressort gibt es nicht mehr – es ist nicht mehr nötig. Der Wissenschafstjournalismus ist erwachsen geworden: Er ist akzeptiert, er darf überall stattfinden. Leider gehört dieser Traum, so schön er klingt, nicht nur in die Kategorie Wolkenkuckucksheim, sondern auch in die Kategorie der verdammt schlechten Ideen. Sobald es kein Wissenschaftsressort mehr gäbe, wäre der dort ehemals beheimatete Journalismus dem Tod geweiht. Warum? Da wären zunächst die, für die wir all unser Herzblut in die anspruchsvollste aller Journalismusarten stecken: Die Leser (bzw. Hörer, Zuschauer,...). Erfreulicherweise gibt es immer mehr unter ihnen, die unser Ressort, „die Wissenschaft“, in ihrem Medium kennen, die sich auf die Geschichten dort freuen, und vor allem: die sie genau dort suchen – und finden. Regelmäßig an der gleichen Stelle, in ähnlicher Länge und Qualität, verlässlich. Es gibt Zeitungen, die von wichtigen Teilen der Leserschaft vor allem deshalb gekauft werden, weil „das Wissen“ so gut ist. Was wäre ohne Ressort? Die Leser müssten Geschichten aus der Wissenschaft und solche mit wissenschaftsjournalistischer Methodik unter allen Beiträgen mühsam heraussuchen. Und würden schnell frustriert aufgeben. Genauso gut könnte man den ARD-Guckern die Tagesschau wegnehmen. Mit dem

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Argument: Gute Nachrichten stecken bei uns jetzt den ganzen Tag über im Programm. Das wäre der sicherste Weg, das Publikum von jetzt auf gleich zu vergrätzen. Und damit – in unserem Fall – dem Wissenschaftsjournalismus die Basis zu entziehen. Der Tod würde aber auch innerhalb des Hauses drohen. Es ist illusorisch zu glauben, Wissenschaftsthemen könnten sich in der täglichen Redaktionskonferenz tatsächlich in dem Maße gegen die „großen“ Themen der Kollegen durchsetzen, wie sie im Garten des Ressorts blühen können. Vieles würde mit Pauschalargumenten schnell niedergebügelt werden: zu speziell, Nischenthema, unverständlich, kaum kommunizierbar. Das trifft vor allem Geschichten, die komplexe Forschungsergebnisse popularisieren. Also Geschichten, die sich nach Aktualität und Relevanz in der Forschungswelt richten, sich also jenseits „normaler“, journalistischer Nachrichtenfaktoren legitimieren. Vielleicht will man diese Art der Verlautbarungsschreiberei ja gerade sterben sehen. Sei’s drum. Was bleibt, ist das, was wir bisher leider nur als Kür unserer Arbeit verstehen (können): Öffentlich relevante Themen mit der Kraft der wissenschaftlichen Expertise in einer Argumentationstiefe aufzuarbeiten, die den Lesern eine nur dadurch mögliche Beurteilungsfähigkeit gibt. Nicht nur zur Schweinegrippe und anderen Gesundheitsthemen. Auch zum Klimaschutz, zu Energiefragen, Finanzkrise oder der Bevölkerungsveränderung. Solche Themen bearbeiten auch die Kollegen der anderen Ressorts. Aber sie können es nicht so gut. Die Geschichten bleiben oft flach, an der Oberfläche, die Recherche zahnlos. Erstaunlich oft findet sich gerade in unserem Ressort der wirklich gute Journalismus. Und manchmal ist er nur da möglich. Solides wissenschaftsjournalistisches Mythenbashing steht nämlich fast immer in Opposition zur Einheitsmeinung


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dessen, was in der Restredaktion ohne weitere Recherche einfach wiedergekäut wird. Es gibt nicht wenige Kollegen, die zu viel Wahrheit darum lieber verhindern wollen. Und dann ist er da, der schützende Zaun des Ressorts. Einen Text kann man mal niedermachen, ein ganzes Ressort nicht. Es mag ein Ghetto sein, aber es ist eine Institution. Mit festen Mitarbeitern, starken Verbindungen nach Innen und nach Außen (zu den Experten, den Freien), festen Budgets und einer festen Daseinsberechtigung. Natürlich kann man auch Ressorts dicht machen. Aber einzelne Wissenschaftsjournalisten, die mal hier und mal da mitarbeiten, sind viel angreifbarer. Sicher wären sie nur, wenn sie sich anpassten und unterordneten. Und genau das darf nie passieren. ] Björn Schwentker ist freier Wissenschaftsjournalist und lebt in Hamburg.

Standpunkt: Contra Ressort Die Ghettoisierung der Wissenschaft war und ist anachronistisch!

Von Volker Stollorz Eine Tugend heutiger Forschung ist ihr unersättlicher Appetit auf Neues. Die moderne Gesellschaft erlebt eine sich stetig beschleunigende Einwanderung wissenschaftlichen Wissens. Die Wissenschaft wird zur ewigen Zerstörerin und Erbauerin neuer Welten, durch die wie in einem „Schmelztiegel alle Werte erweichen und verschmelzen“, schreibt die Historikern Lorraine Daston.

WPK-Quarterly Für den Journalismus bedeutet diese Einsicht: Er müsste als Beobachter vermehrt hellwache Horchposten an den erhitzten Reibungszonen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft aufstellen. Mit dem System der Erzeugung sicheren Wissens vertraute Beobachter der Wissenschaft müssten einem fremdelnden Publikum Orientierung liefern, die Reichweite von Klimamodellen beschreiben, die ethische Sprengkraft der Stammzellforschung erklären und Ängste vor Impfungen verstehen. Nicht versteckt im Wissenschaftsressort, sondern überall in der Zeitung, weil Wissenschaft überall ist. Guter Journalismus sollte seinem Publikum helfen, realistische Erwartungen über die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft auszubilden. Derzeit wachsen die Zweifel, ob die Kompetenzen des Journalismus mit der dramatischen Beschleunigung der Wissensgesellschaft Schritt halten. Die meisten Zeitungen spalten die journalistische Beobachtung der Welt seit 100 Jahren in Ressorts auf. Diese gegenseitige Abschottung von Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft verdunkelt die Dynamik der Einwanderung von wissenschaftlichem Wissen in die Gesellschaft dramatisch. Viele relevante Themen finden keinen zentralen Platz in den Zeitungen, weil sie nur quer zu den starren Königreichen der klassischen Ressorts zu recherchieren wären. In der Krise ist es kein Wunder, dass derzeit besonders das verspätete Ressort Wissenschaft seine Kernkompetenz zu verlieren droht. War sein Wirken doch im Grunde von Beginn an ein Anachronismus in der Zeitung, weil damit Wissenschaftsthemen künstlich in ein Ghetto verbannt wurden, dem sie in Wirklichkeit längst entwachsen waren. Wissenschaft ist politisch mächtig, wirtschaftlich entscheidend, kulturell prägend, sie spielt selbst im sportlichen Wettbewerb eine zunehmend zentrale Rolle. Wissenschaft schafft sicheres Wissen, liefert Expertise für gesellschaftliche Debatten und wird

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doch in den Chefetagen der Zeitungen immer noch viel zu häufig nur belächelt. Guter Wissenschaftsjournalismus dagegen war von Beginn an gezwungen, multiperspektivische Themen zu bearbeiten. Atomkraft, Gentechnik, Ökologie, Klima, medizinischer Fortschritt oder das Thema Verkehr ließen sich nie in Ressortgettos einsperren. Einige wenige innovative Redaktionen haben früh erkannt, dass sich Wissenschaftsthemen im Grunde nur im Kompetenz-Team bearbeiten lassen. Starre Ressortstrukturen, aber auch auf Aktualität getrimmte Newsroom-Konzepte mit Nachrichtenschwerpunkt entmutigen derartige Formen der Kooperation bis heute. Modernes Wissensmanagement ist in vielen Redaktionen ein Fremdwort, schon der systematische Zugriff auf wichtige Quellen der Wissenschaft ist blockiert. Redaktionen lernen erst mühsam, komplexe Geschichten mit verteilter Kompetenz zu recherchieren. Sehen dann aber, dass das Publikum diese nachfragt. Wer bei Wissenschaftsthemen spart, macht Zeitungen blind für die Wirklichkeit. Wissenschaftsjournalisten nämlich beobachten die Wissenschaft als Werkstätte des Möglichen. Jede kompetente journalistische Beobachtung der Wissenschaft braucht Augenmaß, Erfahrung und viel Wissen. Sie benötigt Personal, Zeit, Routinen und Redaktionen, die den Mut haben zu journalistischen Gratwanderungen zwischen Vertrautem und Unvertrautem und dabei das scheinbar Getrennte zusammen denken. Das Publikum von Morgen wird Orientierung suchen, nicht Wissenshäppchen, die es im Netz viel zuverlässiger findet. Journalistische Wahrhaftigkeit wird damit wichtiger als das Verkünden scheinbarer Nachrichten, deren Halbwertszeit sich in Stunden bemisst. Da draußen im Netz leben schon heute Millionen Faktenprüfer, die alle Albernheiten von Journalisten schonungslos aufdecken. Lernt der Journalismus nicht bald, seine eigene Vorläufigkeit und Unvollkom-


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menheit zu kommunizieren, wird dies künftig vermehrt von außen geschehen. Den Leser einfach nur zu verwirren durch immer neue Expertenmeinungen, ist in Zeiten des Internets für Wissenschaftsjournalisten überflüssig und für das Vertrauen in die Zeitungen tödlich. Daher kann es für Qualitätszeitungen nicht länger darum gehen, einfach zu jedem wissenschaftlichen Thema drei bis vier unterschiedliche Positionen zu versammeln, womöglich noch in unterschiedlichen Ressorts. Stattdessen gilt es die relevanten Themen ressortübergreifend zu koordinieren oder besser dauerhaft Teams zu bilden, die komplexe Geschichten von Beginn an multiperspektivisch recherchieren. Die Wucht, Dynamik und die Karrieren von Wissenschaftsthemen müssen von Anfang an begriffen und journalistisch bewältigt werden in all ihren Facetten. Journalisten mit verteilten Kompetenzen müssten im Team neugierig um die richtigen Fragen ringen, statt voreilig Themen über Ressorts zu streuen, die inhaltlich zusammengehören. Journalisten müssten die Ergebnisse zudem multimedial präsentieren, dort, wo es für das jeweilige Thema am meisten Sinn macht. Gelingt den Zeitungen eine solche Reform nicht mehr, wird das Vertrauen in Journalismus weiter schwinden, gar ins Bodenlose sinken. Die Zeitung der Zukunft muss sich dramatisch wandeln, um mit Journalismus künftig punkten zu können. Die Zeiten der Gemütlichkeit sind vorbei, Ressortdenken ist von Gestern. Das Wissenschaftsressort muss sich zum Kompetenzteam Wissen erweitern, einer Art Einwanderungsbehörde der Zeitung, die intern prüft, welches sichere Wissen das Publikum über die Wissenschaft wirklich braucht. ] Volker Stollorz ist freier Wissenschaftsjournalist und lebt in Köln.

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CAR: Schneisen schlagen durch den Datendschungel Von Nicole Heißmann und Volker Stollorz In Deutschland kennt noch kaum ein Journalist den Begriff: „Computer Assisted Reporting“, kurz CAR. Wie schade. Denn gerade für Wissenschaftsjournalisten kann es sich lohnen, selber im Datendschungel nach Geschichten zu suchen. Eine der wichtigen Aufgaben von Journalisten ist das Sammeln von Themen und Meinungen. Journalisten sollten diese allerdings nicht einfach nur wiedergeben, sondern diskutieren, abwägen und gegebenenfalls die irrige oder interessengelenkte Meinung als solche entlarven. Dazu müssen sie hinter die Kulissenschieberei jener Verlautbarer und Agitatoren schauen, die die Medien beinahe täglich mit Daten, Fakten und Interpretationen derselben bombardieren. In Zeiten des Internets ist es einfach und billig geworden, eine Nachricht zu lancieren. Zugleich wird es immer aufwendiger, die wirklich wichtigen Themen aus der Flut der Nachrichten zu filtern, die aus Sicht der Absender im jeweils besten Licht erscheinen sollen. Die Recherchekraft im Journalismus hält derzeit weder personell noch methodisch Schritt mit den Techniken der Datenjongleure und der zunehmenden Komplexität der Themen. Als Folge der Krise beschränkt sich der Journalismus häufiger auf die bloße Wiedergabe der im öffentlichen Raum von Sprechern geäußerten Themen und Meinungen. Diese Scheu vor Datenbergen ist gerade für Wissenschaftsjournalisten bedauerlich. Denn nie war es so einfach, Daten und Datenbanken auf interessante Geschichten hin zu durchpflügen. In welcher Stadt sind die Gesundheitsausgaben in Deutschland am höchsten? Wie viele Experten stehen auf den Gehaltslisten der Pharmaindustrie? Wer meldet in Deutschland die meisten Impfnebenwirkun-

gen? Wo stehen die für Bewohner gefährlichsten Fabriken auf deutschem Boden? Melden deutsche Forscher weniger Patente an als in Großbritannien? Wie sicher sind Deutschlands Autobahnbrücken? Welche Stadt bläst am meisten Kohlendioxid in die Luft? In welchem Landkreis leben die Menschen am längsten? Welcher Politiker hat im Bundestag für welche Gesetze über das Thema Gesundheit gestimmt? Welche Empfänger erhalten die meisten Agrarsubventionen der EU?

CAR bedeutet, in verfügbaren Datensätzen nach journalistisch Verwertbarem zu suchen Die neuen Methoden, mit denen sich Fragen wie diese recherchieren lassen, werden in den USA und einigen skandinavischen Ländern unter dem etwas drögen Begriff „Computer-Assisted-Repor ting“ (CAR) subsummiert. Gemeint ist damit im Grunde, in Datensätzen und Statistiken mit Hilfe von Computerprogrammen nach journalistisch Verwertbarem zu suchen. Dann werden die Daten analysiert auf der Suche nach interessanten Mustern und in einem letzten Schritt entweder grafisch aufbereitet oder als Hinweis auf eine interessante journalistische Recherche benutzt. Als es eine Truppe von Journalisten und Technik-Tüftlern schaffte, die EU-Kommission und damit alle europäischen Länder zu zwingen, die Empfänger von Agrarsubventionen öffentlich zu machen, steckte CAR-Expertise dahinter: Die veröffentlichten wirren Datenbanken mussten auf dem eigenen Rechner analysiert werden, um daraus gute Geschichten zu generieren.


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Allerdings kam eine Studie der Universität Hamburg kürzlich zu dem Ergebnis, das CAR in Deutschland bisher kaum verbreitet ist. Zwar arbeiten im Netzwerk Recherche ein paar Individualisten an CAR-Stories, so zählte etwa Sebastian Heiser von der taz nach, ob im Osten Berlins mehr kranke Bäume stehen als im Westen. Bei dpa-RegioData durchkämmt eine schlagkräftige Truppe von Journalisten täglich öffentliche Datenbanken, um daraus für Regionalzeitungen CAR-Geschichten zu generieren – Diagramme und Landkarten inklusive. Dabei entstehen Geschichten wie diese: Wo ist die Dichte der Heilpraktiker am höchsten und warum? Wer leitet wo die meisten Schadstoffe in die Umwelt und was bedeutete das für die Bewohner der Regionen? In welchem Landkreis werden warum die meisten Kinder geboren? Die dpa-Kollegen spüren überraschende Häufungen in Daten auf und recherchieren dann die Gründe nach.

In Deutschland herrscht Ehrfurcht oder Unver-

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Coole CAR Geschichten So geht es den Bäumen in Berlin: • http://www.taz.de/regional/berlin/aktuell/artikel/1/so-geht-es-den-baeumen-in-berlin-1/ Tobacco Underground - The International Consortium of Investigative Journalists and the Center for Public Integrity: • http://www.publicintegrity.org/investigations/tobacco/pages/introduction/ Los Angeles Times: LAPD‘s public database omits nearly 40% of this year‘s crimes: • http://articles.latimes.com/2009/jul/09/local/me-lapd-crimemap9 New York Times/International Herald Tribune: A U.S. Hog Giant Transforms Eastern Europe: • http://www.nytimes.com/2009/05/06/business/global/06smithfield.html Washington Post: Big Donors Drive Obama‘s Money Edge: • http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2008/10/21/AR200810210296.html New York Times: „A Toxic Pipeline” Series  - Pulitzer Prize 2008 for Investigative Reporting: • http://topics.nytimes.com/top/news/international/series/toxicpipeline/index.html STERN Brigitte Alfter und Hans-Martin Tillack: Agrarsubventionen: Volle Töpfe für die Großen (November 2007): • http://www.stern.de/wirtschaft/news/unternehmen/agrarsubventionen-volle-toepfe-fuer-diegrossen-601794.html taz: Die geheime Liste der Subventionen. Staatsknete für die Agrarindustrie. (Juni 2009): • http://www.taz.de/1/zukunft/wirtschaft/artikel/1/staatsknete-fuer-die-agrarindustrie/

Netzwerk-Analysen ExxonSecrets:

ständnis über diese

• http://www.greenpeace.org/usa/campaigns/global-warming-and-energy/exxon-secrets • http://www.exxonsecrets.org/maps.php

Recherchemethode

• http://www.propublica.org/special/degrees-of-hank-paulson

Abgesehen von diesen wenigen CAR-Inseln herrscht in Deutschland Ehrfurcht oder Unverständnis darüber, wieso etwa ausgerechnet Excel oder soziale Netzwerkanalysen ein hilfreiches Werkzeug sein sollen, um als Journalisten Geschichten aufzuspüren. Viele Journalisten scheitern schon daran, ein Excel-File zu importieren und dessen Daten neu zu sortieren, um dann mit diesem Rohdatensatz zu arbeiten. Dabei könnte jeder etwa mit den Daten der Meldestatistiken des Robert-KochInstitut regional aufschlüsseln, wo die meisten Hepatitis B Infektionen gemeldet werden und dabei vielleicht feststellen, dass dies Orte mit großen Gefängnissen sind. Angesichts von CAR-Erfolgsgeschichten im Ausland - siehe Kasten - hatte eine kleine Gruppe von Kollegen zusammen mit der Initiative Wissenschaftsjournalismus an der

Pro Publica: Degrees of Hank Paulson: What’s Good for a Business Can Be Hard on Friends (New York Times, August 2007):

• http://www.nytimes.com/2007/08/04/business/04network.html?_r=1 Best Data Visualization Projects of the Year (2008):

• http://flowingdata.com/2008/12/19/5-best-data-visualization-projects-of-the-year/

Links in die Welt von CAR Sebastian Heiser: Auskunftsrechte kennen und nutzen. So kommt man an Aktenschätze (taz-dossier): • http://www.sebastian-heiser.de/download/taz/auskunftsrechte_0-8.pdf     Cristine Russell: The Survival of Investigative Journalism “Health and medicine appear particularly ripe for investigative journalism…” • http://www.cjr.org/the_observatory/the_survival_of_investigative.php    NICAR National Institute for Computer Assisted Reporting – IRE Journal: • http://data.nicar.org/irejournal The Investigative Reporters Network Europe (IRENE): • http://www.irene-reporters.org/Nieuwe%20site/About/index.html   Wobbing Europe: • http://www.wobsite.be/index.php?page=9  

TU Dortmund die Idee, dass Wissenschaftsjournalisten womöglich

durch ihr Studium der Naturwissenschaften eine höhere Affinität zu


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Datenbanken, Statistiken und Tabellenkalkulationen aufweisen. Und daher Lust verspüren, sich einmal selber in Datenbergen auf die Suche nach verborgenen Geschichten zu begeben. Mit den beiden Dänen Nils Mulvad und Tommy Kaas waren rasch zwei international renommierte CAR-Trainer gefunden, die zwölf interessierte Wissenschaftsjournalisten in zwei Workshops mit einigen Methoden des CAR vertraut machten. Das erste Fazit lautet: CAR ist möglich. Gute CAR-Geschichten warten in den Behördenstuben nur darauf, von Journalisten entdeckt zu werden. Klar ist aber auch: Ohne Teamwork und gegenseitige Hilfe kommt man mit CAR kaum voran. CAR kostet Zeit, die Tools erklären sich nicht von selbst. Ohne das Know-How der Kollegen steht man beim Trial-and-Error-Spiel schnell allein im dunklen Datenwald. Insofern braucht CAR im Wissenschaftjournalismus genau das, was auch die Wissenschaft selbst voran treibt: Das wachsende Wissen einer Community. Den Anfang dafür haben die zwölf CAR-Interessierten der Initiative Wissenschaftsjournalismus gemacht. In zwei Seminaren durften sie ihre ersten Gehversuche mit Excel-Journalismus und Social Network Analysis machen – und tauschen sich seitdem über Recherche-Probleme und Neuigkeiten aus dem kleinen CAR-Universum auf einem eigenen Blog aus.

Datenmengen im Internet, etwa die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder oder die SurvStatDatenbank des Robert-Koch-Instituts. Öfter wird man aber wohl erst einmal telefonieren müssen, um zu fragen, wo es die gewünschten Daten gibt, welche Abteilung – noch besser: welche Person – die Zahlen verwaltet und in welcher Form die Daten eigentlich archiviert werden: Liegen sie nur auf Papier vor, kann man Akteneinsicht beantragen oder um Kopien bitten. Sind die Daten digitalisiert, kann man um das Mailen einer Datei oder um eine CD-Rom bitten. In jedem Fall sollte man zuerst fragen, welche Gebühren dafür fällig werden. Und klären, welche Dateiformate man auf seinem eigenen Rechner überhaupt öffnen kann.

lanciert hat

Findet man keinen hilfreichen Geist und will die Behörde die Daten nicht rausrücken, sollte man die Herausgabe der Daten schriftlich unter Berufung auf die Informationsfreiheitsgesetze beantragen. Bundesbehörden fallen dabei unmittelbar unter das Bundes-Informationsfreiheitsgesetz, bei Landesbehörden kommt es auf Bundesland und Sujet an: Länder wie Berlin, NRW oder Schleswig-Holstein haben allgemeine Landes-Gesetze zur Informationsfreiheit, Bayern und Baden-Württemberg bislang nicht. Dort gibt es aber immerhin UmweltInformationsgesetze. Auf EU-Ebene kann man sich auf die Verordnung 1049/2001 berufen. Sehr hilfreiche Tipps und Musterbriefe finden sich zum Beispiel auf der Website www. wobbing.eu, die von einer belgischen Stiftung für investigativen Journalismus betrieben wird.

Wie könnte nun eine solche CARRecherche in der Praxis aussehen? Sie könnte ganz analog mit dem Ohr am Telefonhörer beginnen: Hat man eine Idee für eine Recherche, muss man zunächst herausfinden, wer dazu Daten haben könnte. Das kann mit Glück und einer gewissen Kenntnis der deutschen Behördenzuständigkeiten übers Internet funktionieren. Verschiedene Institutionen in Deutschland präsentieren große

Liegen die Daten auf der eigenen Festplatte, geht es darum, den Wust in eine handhabbare Tabelle zu überführen, um diese dann nach interessanten Details zu durchforsten: Im CAR-Workshop durften die Teilnehmer dabei die Erfahrung machen, wie viele unterschiedliche Formen von Sonderzeichendatenmüll die Importfunktion von Excel erzeugen kann, bis man endlich die richtige Darstellung der Zahlen gefunden

CAR mag mühsam sein, aber sie liefert Geschichten, die niemand

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hat. Mit Hilfe von Filter-, Sortier- und Formel-Funktionen versuchten sie dann, im Datensalat nach interessanten Häppchen zu stochern, zogen Summen, bereinigten zerschossene Zahlenformate und sortierten Daten nach Bundesländern auf- oder absteigend. Hat man am Ende tatsächlich ein Muster in den Datensätzen gefunden, muss man aber in der Regel doch wieder zum Hörer greifen, und die Gründe dafür recherchieren. Doch dann ist man im Besitz einer Geschichte, die nicht auf PR basiert und die sonst niemand hat.

Netzwerkanalysen sind geeignet, Verflechtungen zwischen Personen aufzudecken Bei der Einschätzung von Experten kann CAR ebenfalls wertvolle Dienste leisten. Mit Werkzeugen zur „Social Network Analysis“ (z.B. Biomedexperts) lassen sich Experten und ihr wissenschaftliches Netzwerk genauer durchleuchten. Wer hat wann und zusammen mit wem publiziert? Die Website Biomedexperts basiert auf der Publikationsdatenbank Medline, doch im Gegensatz zu dieser bekommt man hier keine Liste von Fachartikeln inklusive Abstracts, sondern eine Art Landkarte mit Verbindungslinien und Knotenpunkten, die verschiedene Experten miteinander in Beziehung setzen und die Epizentren gemeinsamen Publizierens markieren. Noch kein Beweis für wissenschaftliche Vergehen wie Zitierkartelle oder gemeinsames Frisieren von Daten. Aber ein hilfreiches Tool, wenn es darum geht, schnell herauszufinden, wer wem wissenschaftlich besonders eng verbunden ist. Auch aus Excel-Tabellen lässt sich mit Hilfe von Network-Software wie UCINET ein solches Netzwerk erstellen, dass graphisch aufbereitet werden kann. Wer sich etwa die Mühe macht, im Internet zu recherchieren, welche Forscher in welchen Aufsichtsräten sitzen, könnte zum Beispiel sichtbar machen, wer be-


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sonders viele dieser Posten in einer bestimmten Branche inne hat, etwa in der Pharmabranche. Das kann helfen, Herrn Prof. Dr. med bei künftigen Recherchen mit ganz neuen Augen zu sehen. Unter dem Strich glauben wir, dass es sich lohnt, in die Rechercheform CAR mit all ihren Werkzeugen Zeit und Energie zu investieren. Für Wissenschaftsjounalisten bietet CAR in jedem Fall die Chance, sich eigene Themen jenseits der Meldungen von idw und Eurekalert zu erschließen. Themen, die noch nicht über die großen Verteiler ge-

WPK-Quarterly jagt wurden. Neuigkeiten, die man sich aktiv gesucht hat und die einem kein Informant gesteckt hat, der seine ganz eigene Agenda verfolgt. Die ersten Werkstattberichte aus dem Projekt der Initiative Wissenschaftsjournalismus werden in diesem Jahr auf der WissensWerteKonferenz (9.-11.11.2009) in Bremen präsentiert.

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Wir möchten künftig Beispiele für CAR-Werkstattberichte hier im WPK-Quarterly veröffentlichen, damit künftig mehr Wissenschaftsjournalisten von diesem Werkzeug profitieren können. ] Nicole Heißmann arbeitet als Redakteurin beim Stern in Hamburg.

Wenn Sie oder Ihr als Wissenschaftsreporter bereits mit CAR gearbeitet haben/habt: Einfach eine Mail schreiben an heissmann.nicole@stern.de oder volker-stollorz@ netcologne.de.

„Dagegen kommen wir nicht an!“ Die Republik debattiert über die Sicherheit eines Impfstoffes und verdrängt die Risiken der Krankheit, die unter dem Namen Schweinegrippe mittlerweile Tausende von Zeitungsspalten gefüllt hat. Darüber klagt Susanne Stöcker, Referatsleiterin Öffentlichkeitsarbeit am Paul-Ehrlich-Institut im Gespräch mit dem WPK-Quarterly. Wie haben Sie die letzten Wochen zugebracht? Ich habe vor allem telefoniert, abends E-Mail-Anfragen beantwortet von denen, die tagsüber per Telefon nicht durchkamen, – am nächsten Tag dann wieder telefoniert, telefoniert.... In letzter Zeit kommt gern auch noch das Wochenende dazu, wenn nach Tickermeldungen am Samstag neue Informationen auf die Website müssen.

Susanne Stöcker, Referatsleiterin Öffentlichkeitsarbeit am Paul-Ehrlich-Institut, hat sich am Telefon aufgerieben.

Was macht die Kommunikation über Schweinegrippe für Sie so schwierig? Die Berichterstattung über das Thema! Die ist zu einem Selbstgänger geworden während des Sommerlochs, als viele Urlauber aus Spanien zurückkamen und sich dort angesteckt hatten. Anders als in vielen anderen Ländern waren die Verläufe der Krankheit bei uns glücklicherweise meist recht mild, so dass Stimmen zu hören waren, die die Gefährlichkeit der Krankheit relativierten. Keiner hat die Schweinegrippe so richtig ernst genommen und viele tun es immer noch nicht. Dann kam die Diskussion um die Impfstoffe auf und da haben sich Menschen zu Wort gemeldet, die meinten, diesen Impfstoff von Anfang an in Grund und Boden reden zu müssen – in einer Art, die für mich nicht nachvollziehbar war, und ohne handfeste Belege für ihre Behauptungen zu haben. Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, dass schon für die Musterimpfstoffe Studien gemacht wurden, an mehreren tausend Leuten. Diese Studien ergaben eine sehr gute Wirksamkeit und eine sehr gute Verträglichkeit, wenn auch die Nebenwirkungen, die man von der saisonalen Grippeimpfung kennt,

häufiger sein werden und im Einzelfall auch etwas schwerer, aber das ist nichts Gefährliches. Aber ich merkte schon zu diesem Zeitpunkt, dass das eigentlich niemanden interessiert. Warum nicht? Es war viel spannender zu sagen: Oh, da ist eine Impfung, die hat viel schlimmere Wirkungen als die Krankheit selbst. Und diese ‚schlimmen Wirkungen‘, das sind Lokalreaktionen, Fieber und Erkältungssymptome! Die werden inzwischen ganz ernsthaft als ‚schlimme‘ Nebenwirkungen verkauft. Darüber fing man an, die Verstärker in Frage zu stellen, die seien angeblich nicht ausreichend geprüft. Das wurde aber wieder nicht belegt. Das war das nächste Thema, über das ich häufig halbstündige Vorträge halten musste. Man weiß sehr wohl etwas über diese Verstärker, aus den klinischen Studien für die Musterimpfstoffe und aus klinischen Studien für weitere saisonale Impfstoffe. Außerdem gibt es einen Impfstoff, in dem einer dieser Verstärker seit Jahren erfolgreich verwendet wird. Vom Wirkprinzip her ist der dem in Pandemrix extrem ähnlich. Wir haben zusätzlich versucht, das über un-


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sere Homepage bekannt zu machen, aber die muss man auch lesen. Und dann bin ich auf ein Phänomen aufmerksam geworden, das ich schon bei der Vogelgrippe beobachtet habe: Es gibt Textbausteine, die von vielen Medien sehr intensiv benutzt werden. Bei der Vogelgrippe hieß der Textbaustein: „das auch für den Menschen gefährliche H5N1 Virus“. Ich habe mir damals den Mund fusselig geredet, um zu erklären, dass dieses Virus für den Menschen zunächst überhaupt nicht gefährlich ist, es sei denn, man kuschelt mit den Hühnern. Das brachte aber nichts. Jede, wirklich jede Nachricht zum Thema enthielt diesen Textbaustein. Das Gleiche haben wir jetzt: „Die in Verruf geratenen Verstärker...“, „Die als gefährlich eingestuften Verstärker...“, „Die in die Kritik geratenen Verstärker...“. Ich konnte sagen, was ich wollte, jeder Bericht enthielt einen solchen Satz. Welche Auswirkungen hatte es auf Ihre Arbeit, dass die Bundeswehr einen anderen Impfstoff gekauft hat? Das war ein Schlag ins Wasser. Seither heißt es nur noch: „Der Impfstoff Celvapan, der als verträglicher gilt... .“ Ein neuer Textbaustein, der in jeden Bericht, in dem es um die Impfung geht, eingebaut wird. Das ist kompletter Humbug, das ist durch nichts gedeckt, hält sich aber hartnäckig und wird überall verbreitet. Wer sich die Mühe macht, mal die Beipackzettel von Pandemrix und Celvapan zu vergleichen, kann das ganz leicht feststellen. Diese Berichte führen inzwischen dazu, dass wir hier teilweise wirklich bösartige Emails und Anrufe bekommen aus der Bevölkerung, in denen meine Mitarbeiter gefragt werden, wie wir so gemeingefährliche Impfstoffe auf den Markt lassen können. Viele Dinge, die wir versuchen zu vermitteln, kommen nicht an, werden nicht gedruckt. Ich habe mehr als ein Mal in Gesprächen gehört: Ach, das ist ja spannend, das wusste ich ja noch gar nicht, aber in dem Artikel, den ich am nächsten Tag gelesen habe, hat sich nichts davon wiedergefunden.

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Warum, glauben Sie, haben Sie sich so wenig Gehör verschaffen können? In meinen Augen haben sich viele Medien freiwillig gleichgeschaltet bei diesem Thema, und das erschreckt mich, ganz ehrlich. Sie haben sich auf die Seite der Kritiker geschlagen, getreu nach dem Motto, Kritik ist schick, only bad news are good

nur in Deutschland zugelassen sind, sondern von der EU-Kommission, und die in den anderen Mitgliedsstaaten auch angewendet werden. Wie bewerten Sie das? Am Anfang habe ich das relativ entspannt gesehen, ist halt Sommerloch, man muss etwas bringen. Aber es hat sich danach verselbständigt, es ist ein-

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Anzahl der Artikel über die Schweinegrippe pro Kalenderwoche

Die Zahl der Artikel über die Schweinegrippe in 185 deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen zeigt eine Wellenform. Derzeit befinden wir uns in der dritten Welle, in der der Impfstoff gespritzt wird. Die erste Welle erschien nach Bekanntwerden von zahlreichen Todesfällen in Mexiko Ende April/Anfang Mai, die zweite zwischen Mitte Juli und Anfang August, als Spanienurlauber mit Grippe heimkehrten. Quelle: LexisNexis (Deutsche Presse) news und ‚Konflikt‘ ist ein großartiger Nachrichtenfaktor. Eine Behörde, die einen Impfstoff aus guten Gründen zulässt, gerät in einer solchen Gemengelage unter Druck und hat offenbar ein Glaubwürdigkeitsproblem. Und da interessiert es dann auch niemanden mehr, dass es um europäische Zulassungen geht, um Impfstoffe, die nicht

seitig geworden, und zwar einseitig falsch. Konsequent und falsch gegen die Impfung. Es ruft zwar jeder hier an und behauptet, er wolle das Pro und Contra der Impfung bearbeiteten, tatsächlich aber herrscht ein absolutes Missverhältnis vor zugunsten der Contra-Position. Ein Beispiel war das ZDF Morgenmagazin Mitte Oktober. Ich


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habe am Sonntag hier gesessen, und alles versucht, um denen ein Interview mit unserem Präsidenten, Johannes Löwer, zu ermöglichen. Das Interview hat dann letztlich auf dem Flughafen stattgefunden, kurz vor seinem Abflug nach Genf. Es ging um die üblichen Fragen. Am Montag habe ich mir dann den Beitrag angeschaut und ich sehe einen Funktionär der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, wie er in drei O-Tönen die falschen Argumente gegen den Impfstoff wiederholt. Wunderbar zusammengeschnitten mit den entsprechenden Berichtsteilen. Ich habe mich wieder gefragt, woher der nun seine Weisheit eigentlich bezieht, was in der Sendung natürlich nicht beantwortet wurde. Nachdem man ihm viel Raum eingeräumt hatte, kam ganz zum Schluss ein kurzer O-Ton von Löwer. Dabei hätte er jede der Aussagen richtigstellen können – wenn man ihn gelassen hätte. So sah dann der Pro und Contra-Bericht aus. So etwas habe ich immer und immer wieder festgestellt. Die Bild-Zeitung gehört in meinen Augen mittlerweile zu denjenigen (wenigen), die die sachlichsten Berichte bringen, wobei ich die Titelseiten mal ausnehme. Man kann sich ja des Eindrucks nicht erwehren, dass in dieser Debatte all die Unsicherheiten, die grundsätzlich jeder Einführung eines Arzneimittels anhaften, in verdichteter Form zur Diskussion gestellt werden. Man könnte sagen, dass die Bevölkerung am Beispiel des Impfstoffes eine Art Crashkurs erlebt: „Wie ist Zulassung organisiert und welche Unsicherheiten gibt es dabei?“ Halten Sie es nicht für sinnvoll, dass die Bevölkerung auf bestimmte Risiken hingewiesen wird? Doch, es ist sinnvoll, Risiken zu benennen. Aber man sollte es ausgewogen tun. Es herrscht inzwischen die Meinung vor, dass die Risiken der Pandemie klein sind, Motto: „Hätten wir eine schlimme Pandemie, würden wir das alles ja akzeptieren, aber sie ist ja so leicht.“ Da verstehe ich auch die Ärzte nicht, die dieses Argument bringen. Ich sage: Es ist Sommer gewesen, als wir die erste Welle gesehen haben, also eine Zeit, in der die Grippe eigent-

WPK-Quarterly lich gar nicht auftritt. Mit dem Herbst werden wir mehr Fälle bekommen, wir werden schwerere Verläufe sehen. Ich werbe dafür, die Impfung als Chance zu sehen, die wir 1968, 1957 oder gar 1918 nicht hatten. Dass eben auch Nicht-Impfen mit Risiken behaftet ist, das wird derzeit völlig ausgeblendet. Pandemien treten oft in Wellen auf. Es war 1968 und auch 1918 so, dass die erste Welle so schwach war, dass sie gar nicht ernst genommen wurde. Es gibt ein Zitat aus der Ems Zeitung vom Juli 1918, in der deutlich zum Ausdruck kommt, wie man die Pandemie damals unterschätzte. Dieses Zitat hätte so auch diesen Sommer in einer deutschen Zeitung stehen können: „Die Dauer der früheren Epidemien betrug sechs bis acht Wochen, es darf deshalb damit gerechnet werden, dass die Krankheit, die mittlerweile in allen europäischen Staaten eingekehrt ist, ihren Höhepunkt bei uns erreicht hat und bei günstiger und warmer Witterung mit Sonnenschein rasch wieder abnehmen wird, jedenfalls liegt zur Beunruhigung kein Anlass vor.“ (Ems Zeitung, Juli 1918, z.n. Haas 2009) Benutzen Impfgegner die Schweinegrippe als eine Art U-Boot, um ihre Argumente von den Internetforen in die breite Öffentlichkeit zu tragen? Zu Beginn haben die Impfgegner diese Debatte zu nutzen gewusst. Jetzt brauchen die nichts mehr zu tun, denn es ist ein Selbstgänger daraus geworden, „seriöse Experten“ haben deren Rolle mit übernommen. Aber am Anfang haben es Impfgegner, also Leute, die aus ideologischen Gründen Impfungen ablehnen, sogar geschafft, unter dem Deckmäntelchen „Initiative für unabhängige Impfaufklärung“ einen selbsternannten Experten bis ins ARD-Morgenmagazin zu bringen. Ich frage mich bis heute, ob das Morgenmagazin nicht richtig recherchiert hat oder ob das Absicht war. Wenn sie recherchiert haben, wäre es noch schlimmer, denn dieser Mensch hat auf seiner Homepage stehen, dass Polio nicht durch ein Virus, sondern durch Pestizide verursacht wird und die Schweinegrippe „eine erfundene Seuche“ sei, von den USA

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und der WHO „gemacht“. An seinen Tipp für das Video ‚Hier sprrrricht das Virushauptquartier‘ mag ich gar nicht denken. Wenn man so jemanden als Experten verkauft, hört bei mir alles auf. Es ist ja für einen Laien schwierig bis unmöglich, die Qualität der Expertise, die da mittlerweile im Umlauf ist, einzuschätzen. Hat das Paul-Ehrlich-Institut eine Strategie, wie man in einer solchen Gemengelage reagiert? Wir mussten feststellen, dass wir kein Konzept haben, das in einer solchen Situation greift. Wir argumentieren, wir geben Interviews, wir erklären selbst in Talkshows, wir klären auf unserer Homepage auf, wir verschicken Informationen. Aber wir sind immer die Behörde und dann muss nur eine Organisation wie Transparency International kommen und behaupten, dass man uns auch nicht trauen dürfe, weil wir von der Pharma-Branche bezahlt würden. Natürlich, nach der PEI-Kostenverordnung müssen Pharma Firmen für die Zulassung zahlen. Wenn wir durch diesen Umstand zu einem Abhängigen der Interessen der Pharma-Branche gemacht werden, können wir einpacken. Dabei kann jeder auf unserer Homepage nachlesen, dass alle bei uns, die irgendwas mit Zulassung zu tun haben, jährlich eine Erklärung zur Unabhängigkeit von der Industrie unterschreiben müssen. Aber das ist so ein TotschlagArgument, dagegen kommen wir nicht an. Dasselbe gilt dann, wenn uns vorgehalten wird, dass wir nicht 100-prozentig ausschließen können, dass dieser Impfstoff schwere Nebenwirkungen auslöst. Da kann ich nur sagen, nein, wir können das nicht völlig ausschließen, es gibt so gut wie nichts, was man völlig ausschließen kann. Und sehr seltene Nebenwirkungen wird man immer erst in der breiten Anwendung erkennen können. Das gilt für jeden Impfstoff. Dafür gibt es Risiko-Management-Pläne. Nein, es gibt für solche Situationen kein Konzept, da können wir uns ausdenken, was wir wollen. ] Mit Susanne Stöcker sprach Markus Lehmkuhl


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Aus zwei mach eins Die Berliner Zeitung löst ihr Wissenschaftsressort auf. Die tägliche Seite kommt jetzt aus der Redaktion der Frankfurter Rundschau.

Von Jakob Vicari Jean Pierre Bassenge schreibt in der Berliner Zeitung. Über Schachforschung und die Reparatur des Hubble-Weltraum-Teleskops. Es sind keine einfachen Themen, doch der 20-jährige Volontär schreibt mit einer Leichtigkeit, als wären sie es. Gerade hat ihn das Branchenblatt Medium-Magazin in seine Liste der „vielversprechendsten Nachwuchstalente“ aufgenommen. Bassenge wird das letzte Talent aus dem Berliner Wissenschaftsressort sein. Denn das Ressort wird aufgelöst. Künftig kommt die Wissenschaftsseite der Berliner Zeitung von ihrer neuen Schwesterzeitung Frankfurter Rundschau. Zu vermelden ist das Ende eines Wissenschaftsressorts. Zu verabschieden ist ein Stück Wissenschaftsjournalismus. Eine Qualitätszeitung löst ihr Wissenschaftsressort auf und lässt zuliefern, das ist auch ein Signal für die Branche. Was heißt das für die Vielfalt der täglichen Wissenschaftsseiten? Die Frage nach Verlust und Gewinn ist nicht pauschal zu beantworten. Die Antwort steckt im Detail und hängt zusammen mit der jüngeren Geschichte beider Zeitungen. Die Fusion der Wissenschaftsseiten ist nur ein Schritt des Zusammenrückens der beiden Blätter. In Berlin bilden DuMonts Zeitungen einen Politikpool, in Frankfurt soll im Gegenzug die Wirtschaftsberichterstattung gebündelt werden. Während es hier eine gewisse sachliche Logik gibt, sind die Gründe für andere Ressorts nicht so klar. Die FR gibt ihre Medienseite an die Berliner Zeitung ab, die gibt ihr Wissenschaftsressort her. Und nicht Controller haben sich den Plan ausgedacht. Die Idee kommt von Uwe Vorkötter, dem langjährigen Chefredakteur der Berliner Zeitung. Als Montgomery kam, flüchtete Vorkötter 2006 zur Frankfurter Rundschau. Jetzt kehrt er als

Chef zur Berliner Zeitung zurück. Pikant: Mit dem Wechsel wurde er im DuMont-Reich ganz offiziell „Beauftragter für eine stärkere Kooperation von Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau“. Vorkötter nennt das, was er sich ausgedacht hat, ein „Qualitätsprogramm“ (s. Interview). Der Chefredakteur betont, dass es mehr Wissenschaft in der Berliner Zeitung geben werde.

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schaftsjournalismus als tägliche Seite etabliert zu haben. Etabliert, dazu gehört eben auch die feste Wissenschafts-Stimme in der Konferenz und Platz für wissenschaftsrelevante Themen. Mit dem Ressort fällt auch die Anlaufstelle für Wissen innerhalb der Redaktion weg, die „Lexikonredaktion“, wie sie Holger Wormer einmal genannt hat.

Tragisch:

Besser eine gut ausgestattete Redaktion, als zwei zusammengesparte, so Vorkötters Argumentation. Tatsächlich steigt das Budget des Frankfurter Ressorts. Eingestellt wird in Frankfurt niemand. Vor allem mit dem Verzicht auf eigene Schreibzeit der Redakteure wird das Ressort der Frankfurter Rundschau die tägliche dritte Seite produzieren.

Mit dem Retter

Verloren geht die Vielfalt

der Berliner Zeitung

und mir Ihr ein Stück

kommt das Ende

Selbstkontrolle

des Wissensressorts

Was verloren geht ist nur vordergründig ein Ressort. Es ist vor allem die eigene Art, eine Wissenschaftsseite zu machen. Im Sommer 2007 habe ich beide Redaktionen wissenschaftlich beobachtet. Ich habe jeweils eine Woche die Arbeitsprozesse untersucht und mit allen anwesenden Redakteuren Leitfadengespräche geführt (siehe WPK-Quarterly 1/2008). Das Ergebnis war klar. Die beiden Redaktionen erwiesen sich als grundverschieden in ihrer Arbeitsweise. Die beiden Seiten wurden mit etwa der gleichen Personalausstattung täglich produziert. Das waren auch schon die Gemeinsamkeiten.

Einerseits ergibt eine solche Kooperation betriebswirtschaftlich Sinn. Andererseits ist es nicht anders als tragisch zu nennen, dass mit dem Retter der Berliner Zeitung das Ende des Wissensressorts kommt. Ende August wurden die Pläne zur engeren Zusammenarbeit im DuMont-Reich öffentlich. Die Redaktion der Berliner Zeitung reagierte auf Vorkötters Pläne mit einem offenen Brief. Darin heißt es: „Eine Berliner Zeitung ohne eigenes, in die Redaktion integriertes Bundesbüro, ohne komplettes Wirtschaftsressort und eigenen Wissenschaftsteil ist undenkbar – ebenso wie Frankfurter Rundschau, Kölner Stadtanzeiger oder Mitteldeutsche Zeitung ohne unabhängige Politikberichterstattung.“ Chefredakteur Vorkötter sieht die „Wissenschaftskompetenz“ gewahrt, auch ohne Ressort. Diese Betrachtungsweise stuft das junge sechste Ressort Wissenschaftsjournalismus zurück in den Rang einer austauschbaren Beilagenseite. Gerade schien sich der Wissen-

In beiden Redaktionen hatte sich ein eigener Stil entwickelt. Im Ressort der Berliner Zeitung wurde ereignisorientiert gearbeitet, während die Frankfurter ein stärkeres Gewicht auf eigene Themensetzung legten. War in Berlin die Betonung von Nachrichten, inhaltlicher Präzision und Aktualität wichtiger, war es in Frankfurt die Unterhaltung und die grafische Ausstattung. Die tägliche Frankfurter Tabloid-Doppelseite deckt neben Wissenschaft auch Bildungsthemen ab. Dafür kommt Ökologie nicht vor,


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das fällt in Frankfurt traditionell in den Bereich der Wirtschaftsredaktion. Die Berliner Zeitung ist forschungsorientiert, behandelt aber keine Hochschulthemen. Inhaltlich war die Überschneidung gering. Das zeigte sich wieder an einem jüngeren Versuch: Seit dem Einstieg von DuMont in Berlin konnten die Zeitungen sich mittels Syndication günstig beieinander bedienen. Sie bekamen die Themenpläne sogar vorab. Die Berliner Wissenschaftsseite hat davon nie Gebrauch gemacht. Die Unterschiede waren nicht nur inhaltlicher Art. Sie spiegelten sich auch in einer vollkommen anderen Art zu arbeiten. Gab es in der Berliner Zeitung täglich mehrere Konferenzen, arbeiteten die Kollegen in Frankfurt auf Zuruf in ihrem Großraumbüro. Mit der Platzverteilung war es genau umgekehrt: Die Rundschau arbeitet mit vielen fest vergebenen Plätzen, an denen Serien und Kolumnen erscheinen, während die Berliner Seite ein kolumnenfreier Raum ist. Der Platz wird täglich frei vergeben. Verloren geht die Vielfalt. Und mit der Vielfalt ein Stück Kontrolle. Denn Journalisten überwachen sich auch gegenseitig, auch Qualitätsjournalisten. Diese Kontrollfunktion leidet darunter, wenn Medien zusammenrücken. Eine der Kolumnen auf der Wissenschaftsseite der Frankfurter Rundschau schrieb Hademar Bankhofer. Bankhofer erklärte Schnupfen, Arthritis, Bluthochdruck, wie er es in vielen Zeitungen, in Büchern und im Fernsehen auch tat. Im Frühjahr 2008 wurde offenbar, dass Bankhofer Schleichwerbung betrieben hat. Der selbsternannte Medizin-Experte hatte die Mittelchen von KlosterfrauMelissengeist angepriesen – und einen Beratervertrag mit dem Unternehmen. Diesen Vertrag hatte Bankhofer verschwiegen, auch der FR-Redaktion. Recherchen der Blogs „Stationäre Aufnahme“, „BooCompany“ und der Süddeutschen Zeitung brachten den Stein ins Rollen. In der Frankfurter Rundschau gab es statt Bankhofers Kolumne eine kurze Mitteilung. „In den Beiträgen für die Frankfurter Rundschau jedenfalls

WPK-Quarterly ist das problematische Wort „Klostermelisse“ nicht zu finden, da heißt es ganz schlicht Zitronenmelisse.“ In der Berliner Zeitung hingegen stand der Name jetzt. Sie berichtet über den Fall unter der Überschrift „Warum Medien so oft und oftmals sorglos auf Experten zurückgreifen“. Die Zeitung zitiert Gerd Antes, Direktor des CochraneZentrums: „Dieser Fall sei exemplarisch für den oft leichtfertigen Umgang mit Gesundheitsexperten.“ Ob es diese Art der Berichterstattung auf gemeinsamen Medien- und Wissenschaftsseiten noch geben wird?

Von der Ressortleiterin Lilo Berg heißt es, sie habe wie eine Löwin für ihre Leute gekämpft „Durchaus stolz, aber auch mit etwas Wehmut blicken wir zurück auf eine 12-jährige Ressortgeschichte in der Berliner Zeitung“, schrieb die Ressortleiterin Lilo Berg an ihre Autoren. Seit 1996 hatte die Berliner Zeitung eine eigene Wissenschaftsredaktion. Am Anfang produzierte sie eine achtseitige Beilage, seit 2001 eine tägliche Seite. „Als ich kam, hatte ich einen Schreibtisch und einen Computer. Der Stuhl wurde gerade hereingerollt“, sagt Lilo Berg. Sie begann ein Ressort aufzubauen, das immer mehr sein wollte als die Nischenredaktion einer Regionalzeitung. Im Mai 1997 war die Berliner Zeitung eine der ersten, die über den Fälschungsskandal um die Krebsforscher Hermann und Brach schrieb. Artikel der Berliner Wissenschaftsseite haben unter anderem den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus, den Medienpreis des Forschungszentrums Matheon und den Förderpreis Umweltjournalismus gewonnen. Zu den besten Zeiten waren sie zu fünft im Ressort, um 2003 war das. Die Seite brillierte mit ihrer Infografik. „Das war unser Markenzeichen. Das haben wir gepflegt“, sagt Berg. Dann begann das Sparen. Zuletzt haben zwei Redakteure und eine Aushilfe versucht, die Seite zu füllen. Oft füllte eine Eigenanzeige den unteren Teil der Seite. Lilo Berg sagt, sie hätte so

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nicht weitergemacht. An vielen Tagen soll ein Journalist die Seite alleine gefüllt haben – nicht immer war es ein Redakteur. Es war vor allem Lilo Bergs Ehrgeiz, der die Seite in dieser Zeit über Wasser hielt. Ende Oktober, nach 12 Jahren, geht die Wissenschaftsseite unter. Während dieser Artikel geschrieben wird, macht die Berliner Redaktion ihre letzten Seiten. So der Plan. „Wie eine Löwin“ habe Lilo Berg für ihre Leute gekämpft, heißt es. Und tatsächlich wird es keine Entlassung geben. Das Ressort war ohnehin personell längst ausgedünnt. Da an jeder Redakteursstelle ein Stamm von freien Journalisten hängt, wird der Wissenschaftsjournalismus strukturell geschwächt. Lilo Berg wird Autorin mit dem Status „Leitende Redakteurin“. „Morgens zu kommen, ganz ohne die Gedanken an eine leere Seite und den Druck der Ereignisse des Tages. Ich bin gespannt, wie das sein wird“, sagt sie.

Das Personal im Wissensressort in Frankfurt wird aufgestockt: Von 3,2 Stellen auf 3,4. „Die Seite wird qualitativ für beide Seiten hoffentlich ein Gewinn sein“, sagt Karl-Heinz Karisch, der die Wissenschaft bei der FR leitet. „Die Berliner Seite wird sich verändern. Aber unsere »Wissen und Bildung«Seite wird sich ebenfalls verändern.“ Anfang November soll es losgehen. Dann wird die Redaktion »Wissen und Bildung« in Frankfurt täglich neben den beiden eigenen Seiten eine Seite für Berlin produzieren. Die Leser in Berlin sollen also mehr Wissenschaftsberichterstattung bekommen. „Wir wollen an einigen Tagen eine andere Berliner Seite produzieren“, sagt Ressortleiter Karl-Heinz Karisch. Er bekommt dafür nur minimal mehr Personal: Statt 3,2 Stellen stehen ihm 3,4 Stellen zur Verfügung. „Wir haben für den Start die Zeit fürs Selbstschreiben reduziert“, sagt er. Das Projekt ist nicht nur inhaltlich und organisatorisch eine Herausforderung, auch technisch betreten sie


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Neuland. Vor dem Start gibt es mehr Fragen als Antworten. Technisch sind beide Zeitungen nicht kompatibel, arbeiten sie beide mit verschiedenen Redaktionssystemen. Ungeklärt ist, wie die Berliner Zeitung Einfluss nehmen kann auf die Wissenschaftsberichterstattung. Freie Journalisten, so heißt es, sollen für den Abdruck auf

WPK-Quarterly der Berliner Seite weiterhin ein ExtraHonorar erhalten. Bassenge wird nach seinem Volontariat studieren. Lilo Berg hat ihre ersten Reportage-Themen schon im Kopf. Und die neue Seite wird sich messen lassen müssen an ihrer Vorgängerin. ]

„Das Ziel ist, die Qualität zu steigern“ Uwe Vorkötter war zwischen 2002 und 2006 Chefredakteur der Berliner Zeitung. Im Mai 2006 wechselte er im Streit mit dem neuen Eigentümer David Montgomery zur Frankfurter Rundschau. Die wirtschaftlich angeschlagene Rundschau stellte er erfolgreich auf das Tabloid-Format um. Nachdem der Kölner Verlag M. DuMont Schauberg die Berliner Zeitung übernommen hatte, kehrte Vorkötter im Juni 2009 als Chefredakteur nach Berlin zurück. Als Chefredakteur muss Sie der Verlust des Wissenschaftsressorts schmerzen. Warum kann die Berliner Zeitung so einfach auf das Wissenschaftsressort verzichten?

wir uns mit anderen Methoden weiterentwickeln.

Nein, das Ziel ist die Qualität zu steigern. Wir sparen nicht unmittelbar Geld. Wir verzichten nicht auf Personal. Wir machen das nicht mit weniger Leuten. Unsere Redaktion ist in den letzten drei Jahren heruntergespart worden. Und jetzt stehen wir vor der Frage: Können wir das alles wieder aufbauen oder müssen

ist freier Wissenschaftsjournalist in Hamburg.

Das zweite ist, dass die Frankfurter Seite einen hohen Anteil an Bildungsthemen hat. Das hängt mit der speziellen Leserschaft der Frankfurter Rundschau zusammen. Und bei allen Ähnlichkeiten der Seiten, die es heute schon gibt, haben wir noch einen Unterschied. Unsere Seite ist eher forschungsnäher und orientiert sich an den Erscheinungsweisen von Nature und Science. Wie drückt sich das in Zahlen aus – hat Frankfurt jetzt eine Stelle mehr?

Verlieren Mitarbeiter durch die Übernahme ihre Stelle?

Aber das Berliner Wissenschaftsressort wird aufgelöst?

Das Ziel ist eindeutig Geld sparen!?

Jakob Vicari

Das sind jetzt vier Leute. Die stocken ihre Kapazitäten auf, zum Beispiel durch Teilzeitregelungen, die geändert werden. Es ist klar, dass wir in Frankfurt eine starke Einheit bilden für die Produktion. Und dass das Schreiben verteilt ist auf Berlin und Frankfurt.

Den Verlust eines Ressorts habe ich gar nicht zu beklagen. Im Gegenteil! Wir werden zukünftig mehr Wissenschaftsberichterstattung in der Zeitung haben. Wir haben bisher täglich eine 3/4 Seite. Künftig werden wir eine ganze Seite haben. Das ist wirklich ein Qualitätsprogramm.

Das Berliner Wissenschaftsressort besteht im Moment aus zwei Menschen. Und es gibt eine Kollegin, die gerade in Elternzeit ist. Diese Organisation wird aufgelöst.

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Nein.

Der Chefredakteur der Berliner Zeitung, Uwe Vorkötter, sieht es pragmatisch: Besser ein vernünftig ausgestattetes Ressort in Frankfurt als zwei mit ungenügenden Ressourcen. Wie werden sich die Wissenschaftsseiten der FR und der Berliner Zeitung in Zukunft unterscheiden? Es wird eine Schnittmenge geben. Wie groß die sein wird, kann ich noch gar nicht sagen. Die Seiten werden sich an mehreren Stellen unterscheiden. Das eine sind regionale Aspekte.

Als freier Journalisten konnte man bisher denken, man verkauft einen Artikel doppelt an Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau. Solche Geschichten lohnen sich jetzt nicht mehr? Wir pflegen mit Menschen ordentlich umzugehen. Autoren, die in beiden Zeitungen erscheinen, das sind unsere besten Autoren. Die werden sich nicht verschlechtern. Und dann gibt es Autoren, die bisher nur in Berlin oder Frankfurt erscheinen. Die haben eine Chance, auf beiden Seiten zu erscheinen. Die werden vielleicht nur einmal Honorar kriegen, dafür aber 150% des Gesamthonorars. Die


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haben ein Zusatzgeschäft. Die, die wir jetzt schon doppelt haben, denen wird nichts verloren gehen. Und die anderen werden gewinnen. Eine gewagte Aussage. Es wird weniger Vielfalt geben. Es ist in beiden Zeitungen zusammen durch die gemeinsame Redaktion nur noch halb so viel Platz für Artikel da. Wenn Sie das rein quantitativ sehen, mögen Sie rein mathematisch recht haben. Aber es gibt auch andere Verschiebungen. Wenn wir die Redakteure stärker für die Produktion einsetzen, werden wir einen freien Text mehr einkaufen. Es geht darum, Qualität zu steigern auf beiden Seiten. Besser eine richtige Organisation, die das für zwei macht als zwei, die unter ständigem Ressourcenmangel leiden. Können Sie ein Beispiel geben, was Ihnen vorschwebt als Qualitäts-

steigerung; wird es mehr exklusive Geschichten geben, mehr Infografiken? Quantitativ wird das Angebot in der Berliner Zeitung ausgedehnt. Und in der Wissenschaftsberichterstattung, wie ich sie verstehe, ist mehr Quantität auch mehr Qualität. Weil wir einfach jeden Tag ein zusätzliches Thema in die Zeitung kriegen. Die Berliner Zeitung hat ein Redaktionsstatut, in dem es sehr klar heißt: „Die Berliner Zeitung ist eine Autorenzeitung mit Vollredaktion.“ Alle Zeitungen vergleichbarer Größe haben ein eigenes Wissenschaftsressort. Warum gehört ein Wissenschaftsressort bei der Berliner Zeitung nicht zu einer Vollredaktion? Die Frage ist doch, ob eine Vollredaktion ein eigenes Wissenschaftsressort haben muss. Ich kenne auch eine ganze Reihe von Zeitungen, bei

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denen die Wissenschaft im Feuilleton angesiedelt ist. Was gemeint ist in dem Statut, ist eine Zeitung mit der eigenen Wissenschaftskompetenz. Die geben wir auch nicht verloren. Von Kompetenz steht im Statut nichts drin. Es steht da „Vollredaktion“. Ob ein eigenes Wissenschaftsressort zwangsläufig zu einer Vollredaktion gehört, da würde ich sagen: Nein. Das kann man auch anders organisieren. Es ist keine Reaktion darauf, dass Leser weniger Wissenschaft lesen wollen? Unsere Leser kriegen mehr Wissenschaft. Es ist überhaupt nicht geplant, dass wir weniger Angebot machen wollen. Ganz im Gegenteil. ] Mit Uwe Vorkötter sprach Jakob Vicari.

„Nicht nur Kosmetik“ Seit Mai hat die WPK einen neuen Vorstand. Im Interview spricht der Vorsitzende Alexander Mäder über die Zukunft des Vereins, ein politisches Mandat der WPK, den Presseausweis, journalistisches Berufsethos und das Ende des Wissenschaftsressorts. Der neue WPK-Vorstand will einiges verändern. Wie einschneidend wird es?

Weiß der Verband überhaupt, wofür er steht und wofür er ein politisches Mandat ergreifen könnte?

Wir betreiben sicher nicht nur Kosmetik. Vor einer Revolution stehen wir aber auch nicht. Ich glaube, dass viele Mitglieder erwarten, dass wir mit der Zeit gehen. Und es gibt auch Journalisten, die dem Verein beitreten würden, wenn er sich ihren Bedürfnissen anpasste. Die WPK hat sich ja schon verändert: Sie bietet heute weniger Pressekonferenzen an, weil die Forschungswelt das schon selbst ausreichend tut. Stattdessen organisieren wir mehr Hintergrundgespräche, mehr Reisen und mehr Fortbildungen. In Zukunft soll der Verein eine lebendigere Diskussionskultur kriegen. Manche wollen auch, dass wir uns in der Medienkrise öffentlich zur Entwicklung des Journalismus äußern.

Politische Aktionen müssen auf der Grundlage einer Diskussion in der Mitgliedschaft stehen. Da kann der Vorstand mal im akuten Fall, wenn etwa ein Wissenschaftsressort geschlossen wird, vorpreschen und dagegen Stellung beziehen. Denn da besteht Konsens: Natürlich finden wir Wissenschaftsberichterstattung wichtig und wollen sie stärken. Das ist der Gründungszweck der WPK gewesen, der sich bis heute durchzieht. Aber wir können nicht von heute auf morgen sagen: Wir geben jetzt zu jedem wissenschaftsjournalistischen Thema eine Pressemeldung raus, ohne dass auf einer Mitgliederversammlung je darüber gesprochen worden wäre, wofür der Verein

eigentlich steht. Wenn es um unterschiedliche Arten des Wissenschaftsjournalismus geht, sehe ich noch keinen Konsens. Ein Diskussionsansatz wird nächstes Jahr auf der ESOF sein: Da organisieren wir eine Veranstaltung mit dem Titel „Sind Wissenschaftsjournalisten zu zahm, um ihre öffentliche Wächterrolle auszufüllen?“ Wie zahm sind denn unsere Mitglieder? Wer bei den Freischreibern mitmachen will, muss vorher unterschreiben, dass er nicht PR und Journalismus für den gleichen Auftraggeber macht, bei uns wäre das das gleiche Forschungsinstitut. Wäre so etwas in der WPK auch denkbar? Darüber kann man reden. Ich persönlich finde, dass das Standard sein muss. Wir müssten aber darüber dis-


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kutieren, wie praktikabel eine solche Selbstverpflichtung wäre. Viele unserer freien Mitglieder machen ja auch Pressearbeit. In unserer Satzung steht bisher lediglich, dass man nur Mitglied werden kann, wenn man hauptberuflich wissenschaftsjournalistisch tätig ist. Können wir es uns denn überhaupt leisten, Mitglieder abzulehnen? Wir scheinen ja jeden zu brauchen. So würde ich das nicht sagen. Wir geben nicht jedem Mitgliedsantrag statt im Vorstand. Bei Leuten, die wir nicht kennen, schauen wir schon genau hin.

WPK-Quarterly man Aufmerksamkeit erregt, wir haben ein großes ehrenamtliches Potenzial. An der Arbeitskraft mangelt es sicher nicht. Und wir sind der Berufsverband der Wissenschaftsjournalisten in Deutschland. Wäre es sinnvoll, politisch mit anderen zu kooperieren, etwa mit der TELI oder den Freischreibern? Darüber ist in der jüngeren Vergangenheit in der WPK nicht diskutiert worden. Ich persönlich kann mir Kooperationen in einzelnen Projekten gut vorstellen - warum nicht? Wir könnten uns etwa bei einer Aktion für freie Journalisten durchaus mit den entsprechenden Verbänden zusammentun. Wären wir nicht viel schlagkräftiger, wenn wir mit der TELI fusionierten? Das wäre ein anderes Kaliber. Dazu kann ich ohne eine neue Diskussion im Verein nichts sagen. Aber die Frage ist berechtigt?

Alexander Mäder ist Vorsitzender der WPK und leitet das Wissenschaftsressort der Stuttgarter Zeitung. Wir haben im Moment gerade mal etwa 180 Mitglieder. Reicht das? Nein. Es wäre schön, wenn wir mehr hätten. Es ist vielleicht ein begrenzter Pool, auf den man zugreifen kann. Ich bezweifle, dass wir mehr als Tausend Mitglieder haben könnten, selbst wenn wir ein für all diese Leute attraktiver Verein wären. Aber vielleicht kommen wir in den nächsten Jahren ja auf 300. Damit sind wir aber immer noch nicht kampagnenfähig, wenn wir politisch etwas erreichen wollen. Wieso nicht? Wir sind gut vernetzt, wir sind Medienleute, die wissen, wie

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Und wir bieten keinen Presseausweis. Da sind wir dran. Der Antrag ist gestellt. Diesmal mit Erfolgsaussichten? Wir haben uns Mühe gegeben mit dem Antrag, uns auch mit dem DJVJustiziar besprochen. In der Vergangenheit war ein Punkt unsere Größe. Es gibt einen informellen Richtwert von 1000 Mitgliedern, den wir natürlich nicht erreichen. Sollten wir scheitern, überlegen wir uns, ob und wie laut wir protestieren. Dann müssten wir auch diskutieren, ob wir einen eigenen Presseausweis herausgeben. Und wie viel Energie wir in das Projekt überhaupt noch stecken wollen. Auf den Verband kommt anscheinend Einiges an Diskussionen zu. Wie weit wird denn der Vorstand schon vordenken und entscheiden?

Wenn ich das richtig weiß, ist die Fusion vor einigen Jahren daran gescheitert, dass die TELI die Unterscheidung zwischen Pressearbeit und journalistischer Tätigkeit nicht macht. Das ist bis jetzt wohl der Stand.

Der neue Vorstand diskutiert derzeit intern sehr viel. Meine Vorstellung wäre, dass wir auch diese Diskussionen publik machen. Unsicherheiten, Überlegungen und Themen des Vorstandes sollen allen bekannt sein; jeder soll dazu etwas beitragen können.

Bietet der Verband denn genug, um aus eigener Kraft ausreichend neue Mitglieder werben zu können?

Früher gab es ja durchaus Unwohlsein über die Intransparenz bisheriger Vorstände.

Absolut. In erster Linie bieten wir Wissenschaftsjournalisten eine professionelle Heimat. Künftig sollen es noch mehr Veranstaltungen werden, wir möchten Hilfestellungen beim Berufseinstieg bieten, ein Diskussionsforum im Netz einrichten und mehr Weiterbildungsangebote auflegen. Jetzt schon gibt es das WPK-Quarterly. Wir brauchen uns hinter den Kollegen vom DJV nicht zu verstecken.

Ich bin wohl zu neu dabei, um darüber etwas zu wissen.

Naja, die bieten ja schon ein bisschen mehr... Okay, wir haben keine Rechtsberatung, keine Streikkasse und sind kein Partner in Tarifgesprächen.

Wie will der neue Vorstand denn mehr Transparenz schaffen? Im Newsletter teilen wir jetzt schon viel mit. In der letzten Ausgabe zum Beispiel unseren Standpunkt zur Berliner Zeitung. Im Herbst soll ein neues Internetforum für Diskussionen fertig sein. Ich weiß – es gab schon mal eins, und das hat nicht so gut funktioniert. Aber wir sind guter Dinge, dass wir es in einem zweiten Anlauf auch wirklich mit Leben füllen. Es gibt genug Themen dafür: Das Verhältnis von Festen und Frei-


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en oder die Schließung von Wissenschaftsressorts. Die Diskussion über einen eventuellen neuen Namen der WPK läuft im Moment nur per E-Mail. Auch die könnte man transparenter führen. Welche Rolle spielt das WPK-Quarterly für Verbandsdebatten? Das Quarterly verstehe ich als eine Zeitschrift, die nicht vom Vorstand, sondern von der Mitgliedschaft gestaltet wird, von einem ehrenamtlichen Redaktionsteam. Der Vorstand unterstützt das, wo er kann. Im Quarterly können auch Vereinsthemen vorkommen. Es ist ja nun mal die Zeitschrift der WPK. Wenn der Vorstand eine Themenidee hat, dann äußert er sie auch. Aber er setzt nicht die Themen. Er verwendet das Quarterly nicht zur Verlautbarung seiner Positionen. Dafür gibt es den Newsletter. So ein Vereinsvorsitz ist viel Arbeit. Warum tust Du Dir den Stress an? Wir erleben wichtige Zeiten für den Wissenschaftsjournalismus. Er

WPK-Quarterly hat sich gut etabliert, ist aber trotzdem gefährdet. Außerdem ist er immer noch ein bisschen auf der Suche nach sich selbst. Das spiegelt sich auch im Verein wider. Mir macht es Spaß, mit zu diskutieren, in welche Richtung man gehen muss. Und, in welche Richtung müssen wir? Müssen wir der Wissenschaft zu ihrem Platz verhelfen? Es geht mir nicht so sehr darum, der Wissenschaft zu ihrem Platz zu verhelfen. Wichtiger ist, dass viele Themen, die öffentlich diskutiert werden, einen relevanten wissenschaftlichen Hintergrund haben. Und ich sehe, dass viele Journalisten, die keine Wissenschaftsjournalisten sind, vor solchen Themen zurückschrecken. Da braucht es uns. Ist das eine Absage an die Popularisierung der Wissenschaft? Das ist nicht unsere erste Aufgabe. Wir tun es oft, weil wir es den Leuten ja auch schmackhaft machen müssen. Aber es ist nicht unsere eigentliche Aufgabe.

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Du würdest einen Experten auch nicht Deinen Text gegenlesen lassen... Nein. Schon gar nicht den ganzen Artikel schicken. Ich kann verstehen, wenn jemand eine Passage, die nur technisch ist, noch mal überprüfen lässt. Aber mehr nicht. Auch wenn viele das anders machen. Wenn wir immer mehr von „Wissenschaftsverstehern“ zu normalen Journalisten werden, braucht es dann irgendwann gar kein Wissenschaftsressort mehr? Ich kann mir durchaus eine perfekte Welt vorstellen, in der Wissenschaft als Querschnittsthema in die ganze Zeitung diffundiert, so dass es kein eigenes Ressort mehr braucht. Dass also in allen Ressorts wissenschaftskompetente Leute sitzen. Aber das muss schon eine ziemlich perfekte Welt sein. Aus pragmatischen Gründen würde ich das nicht anstreben in der realen ] Welt. Mit Alexander Mäder sprach Björn Schwentker.

Zehn Jahre PUSH und die Irrationalitäten öffentlicher Wissenschaft Die Öffentlichkeitsarbeit der Wissenschaft hat es in den zurückliegenden Jahren zu handwerklicher Exzellenz gebracht. Es fehlt allerdings häufig eine nachvollziehbare Strategie.

Von Markus Lehmkuhl Die Wissenschaft, PUSH ist dafür beredtes Zeugnis, sucht die Öffentlichkeit. Sie sucht sich selbst vermittels unterschiedlichster Kommunikationsmedien einem breiten Publikum zu erklären und zu präsentieren, man geht nicht fehl zu sagen, dass sie sich „zu popularisieren“ versucht. Dieser Begriff steht historisch in der Tradition des politischen Popularitätsbegriffes und bezeichnete im 19. Jahrhundert ein „Herablassen zum Volk“ oder den Versuch, sich „beim Volke beliebt zu machen“ (Daum 2002: 39). Das Spektrum gegenwärtiger Populari-

sierungsbemühungen,also Anstrengungen, die auf ein nicht näher spezifiziertes Publikum zielen, reicht über die Jahre der Wissenschaft hinaus. Lange Nächte der Wissenschaft werden veranstaltet, selbst ein wissenschaftseigenes Fernsehangebot wie das DFG Science TV lassen Forscher-Gremien auf Sendung gehen. Zehn Jahre PUSH sind ein Anlass, den Sinn und Unsinn dieser mittlerweile vielfältigen Anstrengungen zu hinterfragen. Die PUSH Initiative war und ist Ausdruck eines vitalen Bestrebens

der Wissenschaft, sich als schlagkräftige, gesamtgesellschaftlich hoch relevante Institution zu formieren und öffentlich zu präsentieren. Sie hat in den zurückliegenden zehn Jahren fraglos mit dazu beigetragen, die Bedeutsamkeit einer wie auch immer gearteten öffentlichen Präsenz von Wissenschaft weiter zu untermauern, vorrangig und zuallererst in der Wissenschaft selbst. Die Funktion öffentlicher Wissenschaft ist in der Legitimationsbeschaffung gesehen worden (Weingart 2001: 232ff.). Die Wissenschaft


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als spezialisiertes Teilsystem moderner Gesellschaften bedürfe Ressourcen, die nicht ihr selbst entstammten. Darüber hinaus verfüge sie über weitreichende Privilegien, die vom Lizensierungsrecht für Berufe bis hin zu grundgesetzlich verankerten Freiheitsrechten reichten. Dadurch entsteht ein Legitimationsbedarf, der sich auf das Außen der Wissenschaft richtet, auf die Politik und die Wirtschaft, die über Privilegien und Ressourcen entscheiden. Aber auch auf die Bevölkerung oder, anders ausgedrückt, auf ein disperses Massenpublikum, dessen möglichst vorbehaltlose Akzeptanz und Wertschätzung gegenüber der Wissenschaft in demokratisch verfassten Gesellschaften mindestens den politischen Entscheidungen den Boden bereiten. Darüber hinaus, so jedenfalls die Hoffnung, wirkt ein positives Image innerhalb insbesondere junger Zielgruppen positiv auf die Wissenschaft zurück, die genügend Nachwuchskräfte benötigt. Genau dieser Mangel droht sich zum Beispiel in den Ingenieurwissenschaften zu einem echten Problem auszuwachsen. Flankiert und maßgeblich unterstützt wird die Relevanz der Öffentlichkeit für die Wissenschaft durch politische Instanzen, für die Wissenschaft und Technik Garanten der gesamtgesellschaftlichen Innovationskraft sind, deren Stärke in einer globalisierten Welt entscheidende Konkurrenzvorteile bringt. Dieser Logik folgend ist Popularisierung wichtig für Akzeptanz, diese wiederum für Innovationskraft und wirtschaftliches Wachstum und damit für das Gemeinwohl. Wenn als ein Movens der Wissenschaftspopularisierung die Legitimationsbeschaffung angesprochen ist, muss hinzugefügt werden, dass durchaus andere Motive die Popularisierung der Wissenschaft motiviert haben. Zu nennen ist insbesondere das der Aufklärung. Wissenschaftliches Wissen wird zur Erklärung der Welt an den Mann und die Frau zu bringen versucht, sicherlich nicht (mehr) allein in der von der Überzeugung in die Höherwertigkeit wissenschaftlichen Wissens getragenen Absicht, vormoderne Ansichten oder

WPK-Quarterly Traditionen zu bekämpfen oder wissenschaftliche Erklärungen gegen konkurrierende Weltbilder durchzusetzen, sondern vielmehr auch in der Absicht, einem Massenpublikum die Zauberhaftigkeit der Welt vor Augen zu führen, die Resultate in den (Natur-)Wissenschaften fortgesetzt offenbaren, im übrigen ein Motiv, das als das Movens der Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert ausgemacht worden ist (Daum 2002: 14). Dies dient keineswegs der Legitimations- oder Akzeptanzbeschaffung. Der Aufklärungsanspruch der Wissenschaft hat vielmehr Akzeptanz zur Voraussetzung. Jemand, der wissenschaftliche Erklärungen und Ansätze nicht akzeptiert, kann nicht aufgeklärt werden. Diese Überlegungen vermögen zunächst grob zu plausibilisieren, warum sich Wissenschaft zu popularisieren sucht. Zur Rationalisierung konkreter, auf die Öffentlichkeit zielender Anstrengungen operiert sie mit Unterstellungen, die sich erstens auf die Ausgangslage beziehen und zweitens auf die Wirksamkeit der Öffentlichkeitsarbeit. In diesen Unterstellungen offenbaren sich Rationalitätsdefizite. Insbesondere Unterstellungen der Wirksamkeit kommen – ganz unwissenschaftlich – trotz Evaluationen über den Status mehr oder minder plausibler Annahmen nicht hinaus, sie müssen im Prinzip geglaubt werden, um die Anstrengungen zu legitimieren. Dazu zählt zum Beispiel die recht pauschale Unterstellung, Popularisierung fördere die Akzeptanz. Angesichts der Forschungslage lässt sich sagen, dass diese Unterstellung als Rationalisierung der Anstrengungen nicht in Betracht kommt. Sie taugt allenfalls als Glaubensbekenntnis. Ebensogut kann man der Auffassung sein, Popularisierung schade der Akzeptanz der Wissenschaft. Ähnlich verhält es sich mit Unterstellungen, die sich auf die Ausgangslage beziehen. Das gilt zum Beispiel für die Einschätzung, Wissenschaft sei ganz generell öffentlich unterrepräsentiert oder/und falsch repräsentiert und dies sei mit Mitteln der Pressearbeit prinzipiell verände-

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rungsfähig. In dieser Rationalisierung offenbart sich ein unterkomplexes Verständnis medialer Selektivität. Die Frage, wie viel Wissenschaft in der Öffentlichkeit genug ist, entzieht sich, so gestellt, jedem intellektuellen Zugriff. Es ist offensichtlich, dass nicht entschieden werden kann, ob die Wissenschaft rein quantitativ angemessen in den Massenmedien repräsentiert ist. Sind, wie unlängst ermittelt (Leon 2008), durchschnittlich etwa zwei Prozent Wissenschaft in der ARD Tagesschau zu wenig? Es ist wiederholt gezeigt worden, dass Massenmedien Wissenschaft hoch selektiv aufgreifen. Nicht jede wissenschaftliche Disziplin hat dieselben Chancen auf öffentliche Thematisierung, weil die weitaus meisten wissenschaftlichen Ereignisse für die breite Öffentlichkeit nicht relevant sind: Ergebnisse sind zu speziell, ihre Botschaft ist nicht eindeutig, die Erkenntnisgewinnung lässt sich nicht als Abenteuer oder Entschlüsselung von Geheimnissen rekonstruieren oder als eine Reise zu den Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit, es lässt sich kein stichhaltiger gesellschaftlicher Nutzen konstruieren, die Ergebnisse werfen keine ethischmoralischen Fragen auf, es lässt sich kein Bezug zur alltäglichen Lebenswelt der Bevölkerung herstellen. All diese Faktoren begünstigen mediale Selektion von Wissenschaft, sie machen es unwahrscheinlich, dass bestimmte Wissenschaftsdisziplinen in der Öffentlichkeit überhaupt Beachtung finden, weil sie keines der Auswahlkriterien von Massenmedien erfüllen. Prinzipiell lassen sich die konkreten Selektionsentscheidungen der Massenmedien mit den traditionellen Mitteln der Pressearbeit nicht entscheidend beeinflussen. Dafür fehlt es an jeglicher Evidenz. Dies ist nicht als ein Plädoyer misszuverstehen, auf Pressearbeit zu verzichten, im Gegenteil. Pressearbeit ist eine Art conditio sine qua non für öffentliche Aufmerksamkeit, d.h., ohne Pressearbeit ist massenmediale Rekonstruktion von Wissenschaft unter den gegenwärtigen Bedingungen gar nicht denkbar. Dies darf man


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aber nicht fehldeuten in dem Sinne, dass Auswahlentscheidungen der Massenmedien durch die Art und Weise beeinflussbar wären, wie man Wissenschaft im Einzelfall verkauft. Stattdessen ist es ein Plädoyer dafür, die auf die Massenmedien gerichteten Anstrengungen zu rationalisieren in dem Sinne, dass man diese von den irrationalen Erwartungen großer Resonanzerzeugung entlastet und sie stattdessen vornehmlich rationalisiert und legitimiert als Pflicht der Universitäten und Forschungsinstitutionen, der Öffentlichkeit Rechenschaft abzulegen über das eigene Tun und ihr Expertise zur Verfügung zu stellen für gesellschaftlich relevante Fragen. Dies lässt sich mit Blick auf die Anstrengungen der Wissenschaft, die auf die Öffentlichkeit gerichtet sind, zuspitzen: Sie genügen noch nicht den Anforderungen, die an eine professionelle PR anzulegen sind. Sie hat zwar eine teilweise bemerkenswerte „handwerkliche“ Exzellenz erreicht, es mangelt ihr allerdings an strategischer Exzellenz. Die eigentlichen Probleme, auf die mit Öffentlichkeitsarbeit reagiert werden soll, sind im Regelfall nicht präzise genug bestimmt. Daraus ergibt sich die Schwierigkeit, nicht hinreichend genau sagen zu können, was denn einzelne Anstrengungen überhaupt bewirken sollen. Die Schwäche öffentlicher Wissenschaft besteht in der Diffusität ihrer Problembeschreibungen und Wirkungsabsichten, kurz: in ihrer strategischen Ausrichtung. Veranschaulichen lässt sich das am Beispiel des DFG Science TV. Es handelt sich um eine Art eigenen Fernsehkanal im Internet, der, folgt man entsprechenden Hinweisen auf der Internetseite, insbesondere junge Menschen ansprechen soll. In klarer Anlehnung an die Rhetorik von etablierten Fernsehveranstaltern heißt es dort: „Für DFG Science TV berichten Wissenschaftler drei Monate regelmäßig über ihre Projekte in dreiminütigen Kurzfilmen. Sie erzählen vom Alltag - von Herausforderungen und Erfolgserlebnissen, aber auch von Hindernissen und Misserfolgen.

WPK-Quarterly Für das Material der Filme haben die Forscher selbst Kamera geführt. Quer durch alle Wissenschaftsgebiete entstehen auf DFG Science TV zehn filmische Forschungstagebücher, die einen ganz persönlichen Einblick in die Welt der Forschung geben. Wissenschaft wird sichtbar!“ Es handelt sich bei diesen Forschungstagebüchern um die so genannte „zweite Staffel“. In der ersten „Staffel“ waren 2008 Filme entstanden, die sich, konzeptionell ähnlich, in ihrer Qualität von denen der bisher in der zweiten Staffel zu sehenden graduell unterschieden. Es liegen diesem Angebot augenscheinlich zwei Annahmen zu Grunde, die sich auf die Ausgangslage und die Wirksamkeit des Mediums beziehen. Wissenschaft muss hier sichtbar werden, weil sie andernorts, nämlich im Fernsehen, nicht oder unangemessen sichtbar wird. Wissenschaft soll junge Menschen erreichen, was das Fernsehen nicht schafft. Damit verknüpft ist die Hoffnung zu vermuten, dass dieses Angebot insbesondere junge Menschen für die Wissenschaft einnimmt. Dem muss man nun entgegenhalten, dass Deutschland im europäischen Vergleich über die weitaus meisten Sendeplätze für Wissenschaft verfügt, weil der öffentlichrechtliche Rundfunk vergleichsweise gut finanziert ist und dank vieler Kanäle über reichlich Sendeplatz verfügt. Wenn man von der Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen einmal absieht, gibt es keine speziellen Angebote für die Gruppe der 18 – 29 Jährigen auf dem Markt. Es gelingt bislang außer einigen privaten Angeboten (Galileo, Galileo Mystery, Planetopia) keinem Wissensformat, diese Gruppe zu erreichen. Dies ist ein Befund, der für ganz Europa gilt. Junge Menschen schauen solche Sendungen eher nicht. Es gibt also auf keinen Fall wenig Wissenschaft im deutschen Fernsehen. Dass es die Gruppe der zwischen 18 und 29 Jährigen nicht erreicht, mag man beklagen. Aber wieso sollte der DFG mit Forschungstagebüchern gelingen, woran sich Fernsehmacher seit Jahren die Zähne ausbeißen?

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Diese Initiative repräsentiert einen Irrweg einer Öffentlichkeitsarbeit, der es nicht primär um Rechenschaft und Dienstleistung gegenüber der Öffentlichkeit geht, sondern vielmehr um öffentliche Resonanz in werbender Absicht. Sie steht keineswegs allein, ähnliche Initiativen gibt es in den USA, auch die Europäische Kommission betätigt sich in der Rolle des Produzenten wissenschaftlicher Fernsehinhalte. Darüber hinaus zeugt sie von einem gewissen Widerwillen, auch nicht-intendierte, negative Nebenfolgen in Rationalisierungsbemühungen des eigenen Tuns aufzunehmen. Diese möglichen Nebenfolgen lassen sich zunächst ansiedeln auf der Ebene der Wirkung des konkreten Produktes. Wenn die DFG in ihrer Selbstbeschreibung darauf abhebt, hier werde Wissenschaft sichtbar, darf man durchaus fragen, was denn da sichtbar wird: Zuweilen wacklige Bilder, gemessen an professionellen Standards da und dort dilettantische Bildschnitte, eine diffuse Erzähltechnik, eine gezwungenermaßen Unidimensionalität der Perspektive, Wissenschaft auf dem Niveau eines besseren Homevideos oder eines schlechteren Werbefilms. Mindestens nicht von der Hand zu weisen ist die Gefahr, dass die allenfalls semiprofessionelle Form der Präsentation auf ihre wissenschaftlichen Urheber ausstrahlt. Die möglichen Nebenfolgen erstrecken sich darüber hinaus auf Reflexionen, die sich auf die Legitimität von Versuchen richten, Massenmedien zu umgehen. Es ist durchaus zweifelhaft, ob es zu den Aufgaben der DFG zählt, mit öffentlichen Forschungsgeldern TV Produktionen zu finanzieren, an deren Nützlichkeit geglaubt werden muss. Die Öffentlichkeitsarbeit der Wissenschaft weist noch beträchtliche Rationalitätsdefizite auf. Sie hat Schwierigkeiten, die eigenen, auf die Öffentlichkeit gerichteten Aktivitäten hinreichend zu plausibilisieren. Außerdem reflektiert sie zu wenig über negative Nebenfolgen eigener Popularisierungs-


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bemühungen. Es ist zum Beispiel völlig unbekannt, wie das Publikum auf werbende Botschaften der Wissenschaft reagiert, von der sie derlei Eigenwerbung nicht erwartet. Bedingt durch die große Relevanz der Öffentlichkeit für die Wissenschaft, bergen diese Rationalitätsdefizite die Gefahr, Irrwege wie den der DFG zu beschreiten. Zehn weitere Jahre

WPK-Quarterly PUSH wären eine Chance, bestehende Professionalitätsdefizite zu beseitigen. ] Literatur: Daum, Andreas W. 2002: Wissenschaftspopularisierung im 19.Jahrhundert. Bürgerliche Kultur, naturwissenschaftliche Bildung und die deutsche Öffentlichkeit, 1848-1914, Oldenbourg Verlag München.

Der Schatten der Popularisierung Wissenschaftler werden zu PR-Profis in eigener Sache. Das hat Folgen für unser Selbstverständnis

Von Ulrich Schnabel Muss man nicht jede Initiative bejubeln, die das Ziel hat, die Kommunikation über Wissenschaft zu verbessern? Sind „Wissenschaft im Dialog“ und„Public Understanding of Science“ (PUSH) nicht Begriffe, die uns Wissenschaftsjournalisten allesamt glühende Begeisterungsröte ins Gesicht treiben sollten? Schließlich verfolgen sie just jenes Ziel, dem auch unser Berufsstand dient: Wissenschaft verständlich zu machen und damit nicht nur zur Allgemeinbildung, sondern auch zur demokratischen Teilhabe beizutragen. Ist das nicht großartig? Ich gestehe: Meine Begeisterung ist geteilt. Zehn Jahre, nachdem das legendäre PUSH-Memorandum von den deutschen Wissenschaftsorganisationen unterzeichnet wurde, zeigen sich nicht nur Licht-, sondern auch einige Schattenseiten des vermehrten Drangs nach Kommunikation. Vielleicht ist das zehnjährige Jubiläum der rechte Anlass, einmal über diese Ambivalenz nachzudenken. Zunächst bleibt festzuhalten: Die PUSH-Initiative war ein lange fälliges Signal, ebenso wichtig war es, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 1999 den Communicator-Preis ins Leben gerufen hat, der seither jedes Jahr herausragende Wissenschaftskommunikatoren auszeichnet; damit hat die DFG unmissverständlich klar gestellt, dass sie die sogenannte „Popularisierung“

nicht nur für das Freizeitvergnügen emeritierter Professoren oder für die Spielwiese profilierungssüchtiger Schaumschläger hält – wie man unter deutschen Ordinarien lange Zeit meinte – sondern dass der Dialog mit der Öffentlichkeit ebenso wertvoll ist wie die Veröffentlichung eines neuen Nature- oder Science-papers. Allerdings bleibt auch festzuhalten, dass die jährlich zelebrierten „Wissenschaftsjahre“ vor allem großangelegte PR-Shows sind. (Weshalb die Veranstaltungen längst nicht mehr den Forschern allein überlassen bleiben, sondern von Werbeagenturen wie Scholz & Friends vermarktet werden). Dem ursprünglich im PUSHMemorandum angepeilten Ziel, die vielbeschworene Wissenschaftsskepsis abzubauen und gerade auch bei umstrittenen Themen (gentechnisch veränderte Lebensmittel, Stammzellen, Impfkampagnen…) für mehr Verständnis und Vertrauen zu sorgen, dienen die Wissenschaftsjahre damit gerade nicht. Denn dazu müsste man die Ängste der Bürger in diesen Fällen auch aufgreifen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Doch das findet kaum statt. Zwar wird ständig der „Dialog“ mit der Öffentlichkeit beschworen; doch wie alle Evaluationen der Wissenschaftsjahre zeigen, sind die Forscher vor allem daran interessiert, ihr Wissen an den Mann und die Frau zu bringen – nicht jedoch daran, die Hoffnungen und Befürchtungen des Publikums kennen zu lernen. Forma-

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León, Benvenido 2008: Science related information in European television: a study of prime-time news. In: Public Understanding of Science, Vol. 17, 443 – 460. Weingart, Peter 2001: Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft. Weilerswist.

te, die dies ermöglichten (wie etwa Bürgerkonferenzen), passen eben nicht ins PR-Konzept. Dazu kommt eine forschungspolitische Dimension, die die Wissenschaft zunehmend unter Spannung setzt: Die Einführung der Exzellenzinitiative hat auch dem naivsten Forscher klar gemacht, dass er in einem permanenten Konkurrenzkampf steht – nicht nur mit den eigenen Fachkollegen, sondern auch mit anderen Disziplinen sowie mit fremden Hochschulen, mit denen man um Exzellenzcluster und das begehrte Etikett „Elite“ konkurriert. Auch aus diesem Grund entdecken immer mehr Forscher den Reiz der Öffentlichkeit. Was könnte die Bedeutung des eigenen Faches sowie der eigenen Person besser unterstreichen als ein großer Auftritt in den Medien? Manche Professoren veröffentlichen inzwischen mehr eigene Zeitungsartikel als so mancher Journalist; andere sind so häufig auf Sendung – in Talkshows, als Interviewpartner oder als Eröffnungsredner – dass man sich ernsthaft fragen muss, wo sie eigentlich noch die Zeit zum Forschen hernehmen. Selbst bei den CommunicatorPreisträgern lassen sich ähnliche Tendenzen beobachten. So hat etwa der Astronom Harald Lesch, Preisträger von 2005, mittlerweile die Seite gewechselt hat und leitet eine eigene Show im ZDF. Ebenso perfekt beherrscht die Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger, Preisträgerin 2009, das Vermarktungsgeschäft: Eine großangelegte Studie zur Rolle der Frauen etwa publizierte sie zuerst in der Brigitte, und eben nicht in


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einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift. Auch in anderen Medien ist Allmendinger enorm präsent und prägt dadurch die Debatte um die Gleichberechtigung der Geschlechter oder jene um die Bildungsmisere nachhaltig. Doch dabei agiert sie eher als moderne Forschungsmanagerin oder -politikerin, denn als klassische, rein erkenntnisgetriebene Wissenschaftlerin.

nur der hehren Wahrheit verpflichtet fühlen; immer öfter sind die Wissenschaftler inzwischen selbst PR-Profis, die für etwas werben – für ihre Hochschule, ihr Fachgebiet, für ihre Sicht der Dinge und nicht zuletzt für sich selbst. Anders gesagt: Der Wissenschaftler in der Öffentlichkeit ist ein von Interessen getriebenes Wesen, genauso wie der Industriemanager oder die Politikerin.

Solche Beispiele zeigen: Jene Experten, die heute vor die Kamera oder vors Mikrofon treten, sind nicht mehr jene introvertierten Gestalten in ausgebeulten Cordhosen, die sich

Dass dies Folgen für unser journalistisches Selbstverständnis hat, liegt auf der Hand. Die Vorstellung einer „wertneutralen“ Wissenschaft – schon immer ein Mythos – ist we-

Innovationen für den Wissenschaftsjournalismus In Freiburg hat die Australierin Alison F. Binney im Juni ein OnlineMagazin gegründet, das seinen Namen zu Recht trägt: New Science Journalism Project. (http://www.newsciencejournalism.net/) Es soll zu einer Innovationswerkstatt für den Wissenschaftsjournalismus werden. Das Quarterly sprach mit ihr über die Chancen ihrer Idee. Was ist das New Science Journalism Project? Ganz praktisch ist es ein OnlineMagazin, in dem angehende Wissenschaftsjournalisten ihre Arbeiten publizieren können. Es ist ein Projekt, das insbesondere Studierenden im Bereich der Wissenschaftskommunikation nützlich sein soll. Es gibt sehr viele Studierenden-Magazine in diesem Bereich an diversen Hochschulen weltweit. Das Internet ermöglicht dies, daran ist im Prinzip nichts Schlechtes. Aber es frustriert mich, dass das Internet eine Unüberschaubarkeit durch die Vielzahl verursacht, so dass voneinander separierte Milieus entstehen. Das einzigartige dieses Projektes besteht darin, dass es ein Forum schaffen soll für die Arbeiten von Studierenden eines Feldes weltweit, so dass räumlich getrennte Gruppen von Leuten, die dasselbe machen, zusammenarbeiten können, um wirklich Neues zu entwickeln. Das ist die Theorie. Wen wollen Sie mit dem Magazin erreichen?

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niger gültig denn je. Ebenso gestrig ist die Ansicht, als Journalist sei man lediglich Sprachrohr oder Übersetzer von Wissenschaft. Wir sind eben nicht nur neutrale Berichterstatter, sondern zugleich Antreiber, Katalysatoren und Verstärker eines – zum Teil recht harten – Konkurrenzkampfes um Aufmerksamkeit und Ressourcen innerhalb der Wissenschaft. Diese Tendenz mag man bedauern und beklagen – ignorieren können wir sie nicht. Und, ähnlich wie Politikjournalisten, sollten wir auch nicht mehr der Illusion erliegen, dass wir uns selbst aus diesem Spiel herausnehmen könnten. ]

zusammenzuarbeiten, die an Wissenschaftsjournalismus und/oder Wissenschaftskommunikation interessiert sind, insbesondere mit Blick auf die zukünftige Entwicklung dieses Feldes.

Zuallererst Studierende oder Auszubildende in diesem Bereich. In zweiter Linie aber auch eine große Öffentlichkeit, die sich für Wissenschaft interessiert. Was hat Sie denn bewogen, dieses Projekt aus der Taufe zu heben? Ich suchte nach einer Möglichkeit, meine Fähigkeiten in einem Projekt zu bündeln. Ich bin ausgebildete Journalistin mit einem Schwerpunkt auf Web-Entwicklung und Graphik Design und habe so etwas wie eine Passion für die Wissenschaft. Ich suchte nach einer Möglichkeit, meine Spezialisierung auf Journalismus im Internet für das Themenfeld Wissenschaft nutzbar zu machen. Deshalb suchte ich an Universitäten in Australien, wo ich studiert habe, nach Kursen in Science Communication. Ich war daran interessiert, einen größeren wissenschaftlichen Hintergrund zu haben. So kam eins zum anderen. Das Science Journalism Project ist so etwas wie ein persönlicher Versuch, mit Studierenden weltweit

Alison Fay Binney hat das ambitionierte New Science Journalism Project im Juni gestartet. Es soll zu einer Innovationswerkstatt für den Wissenschaftsjournalismus werden. Wer unterstützt Sie denn oder hat Sie dabei unterstützt, insbesondere finanziell? Bisher gibt es niemanden außer mir selbst, der in dieses Projekt investiert hat. Alles, was es bislang gibt, ist also persönliche Investition in Form von Arbeitszeit aber auch


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von Geld: Ich habe eine US-Webfirma beauftragt, die mich bei der Technik unterstützt hat. Oberste Priorität im Moment hat die Suche nach finanziellen Förderern des Projektes, damit es weitergehen kann. Welches Geschäftsmodell verfolgen Sie? Das New Science Journalism Project versteht sich als ein unabhängiges Online-Medium. Es soll sich durch Anzeigen tragen. Jeder Journalist oder Studierende, der in diesem Magazin veröffentlicht, soll einen kleinen Anteil der Werbeeinnahmen erhalten, wer zum Beispiel eine Spalte dieses Magazins füllt, wird an den gesamten Anzeigeneinnahmen für die Ausgabe in dem Umfang beteiligt, wie es einer Spalte entspricht. Uns schwebt also ein transparentes System wechselnder Vergütung vor, das sich an den Anzeigeneinnahmen eines jeden Monats orientiert. Was an Einnahmen reinkommt, geht als Bezahlung der Autoren wieder raus. Im Moment funktioniert das noch nicht. Es ist dieses Henne-Ei-Problem. Anzeigen gehen nur dort hin, wo attraktive Inhalte und eine Leserschaft ist, attraktive Inhalte gehen nur dort hin, wo angemessen bezahlt wird. Wir müssen also das Magazin bekannt machen und suchen nach Finanzierungmöglichkeiten für eine Übergangszeit, um dieses Geschäftsmodell auch umsetzen zu können. Denn bisher haben wir noch kein Einkommen erzielt aus dem Verkauf von Anzeigen. Ich hätte erwartet, dass Sie eher die Ausbildungsinstitutionen im Blick haben, die für die Möglichkeit, dass ihre Studierenden bei Ihnen publizieren können, zahlen. Wir müssen unterscheiden zwischen einem Finanzierungskonzept und einem, sagen wir, idealistischen Hintergrund dieses Projektes. Natürlich ist es die Absicht, Universitäten und andere Ausbildungsinstitutionen an Bord zu holen. Wir wollen, dass Studierende die Möglichkeit

So sieht sie aus, die Seite des neuen Online-Magazins, das sich durch Anzeigen zu finanzieren versucht.

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erhalten, in einem professionell gestalteten Magazin zu veröffentlichen. Es ist klar, dass es ein großer Kampf ist, in eines der MainstreamMedien zu kommen, die Studenten haben keine Reputation und kaum Erfahrung. Darum ist mir daran gelegen, die Ausbildungsinstitutionen dazu zu bewegen, unser Magazin bekannt zu machen und ihren Studenten Publikationen in diesem Magazin zu ermöglichen. Gibt es denn überhaupt genug Ausbildungsinstitutionen, also auf Wissenschaftskommunikation in welcher Weise auch immer spezialisierte Einrichtungen, die das Modell mittragen könnten? Wir sind nicht nur an einer Zusammenarbeit mit solchen Institutionen interessiert, uns geht es auch um Möglichkeiten für Grafikdesigner, Fotografen, auch TV-Clips können wir publizieren in unserem Onlinemagazin. Wissenschaft endet für mich nicht an der Schwelle zum Labor. Ich will dieses Magazin nutzen als eine Art Werkstatt, in der die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus gestaltet wird. Und da spielen die künstlerisch ausgerichteten Fächer auch eine Rolle. Im Moment überwiegen zwar klassische Berichte über Wissenschaft bei den Einreichungen. Aber darauf allein wollen wir nicht beschränkt sein.

Neue Mitglieder Kai Kupferschmidt Berlin Mehr als eine halbe Million Vereine gibt es in Deutschland – einem bin ich jetzt beigetreten. Weil ich meinen Beruf als ungeheures Privileg empfinde und mir gerne mit anderen Menschen Gedanken über seine Aufgaben und Grenzen machen will, über all das also, was allzu leicht untergeht bei meiner täglichen Arbeit als Pauschalist in der Wissenschaftsredaktion des Tagesspiegel und als Autor für die NZZ, das Handelsblatt und andere

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Das ist ein sehr ambitioniertes Vorhaben! Oh ja, das ist es. Aber man findet nur heraus, ob es funktioniert, wenn man es versucht. Der Weltverband der Wissenschaftsjournalisten-Organisationen hat einen Artikel über dieses Projekt veröffentlicht und es überwiegt die Skepsis. Ich muss einräumen, ich weiß wirklich nicht, was am Ende bei diesem Projekt herauskommt. Im Moment haben wir etwa 100 Leute, die für dieses Magazin arbeiten, die Berichte kommen überwiegend aus Afrika, das illustriert zunächst, wo ein besonderer Bedarf an Publikationsmöglichkeiten besteht. Es ist möglich, dass diese Idee aufgeht in eine Kooperation mit dem Weltverband der Wissenschaftsjournalisten. Aber wir sind am Anfang. Es gibt viele Richtungen, in die es sich entwickeln kann. Jemand aus München etwa hat mir vorgeschlagen, dieses Konzept nur mit deutschen Inhalten zu verfolgen. Das wäre so etwas wie ein Spin-off der ursprünglichen Idee. Wir haben dieses Magazin im Juni erstmals herausgebracht, ich hatte nicht erwartet, dass es über Nacht zu einem großen Erfolg werden würde. Aber wir haben jetzt den Prozess angestoßen, wie gesagt, ich weiß noch ] nicht, wohin der uns führt. Mit Alison F. Binney sprach Markus Lehmkuhl

Zeitungen. Weil ich meine Begeisterung für den Wissenschaftsjournalismus während meiner Schulzeit in England entdeckt habe, wo gerade die Naturwissenschaften einen viel höheren Stellenwert haben als in Deutschland. Weil ich glaube, dass wir daran nur als Gemeinschaft etwas ändern können. Und vor allem, weil ich nach meinem Studium der Molekularen Biomedizin in Bonn und meiner Ausbildung an der Berliner Journalistenschule viel mehr Fragen als Antworten parat habe und jede Menge Lust, darüber zu diskutieren und zu streiten. Für alles andere gibt es ja noch eine halbe Million weitere Vereine. ]

Impressum Redaktion: Markus Lehmkuhl (V.i.s.d.P.), Antje Findeklee, Volker Stollorz, Claudia Ruby, Nicole Heißmann, Alexander Mäder und Björn Schwentker Autoren: Claudia Ruby, Klaus Meier, Martin Schneider, Wilfried Bommert, Alexander Mäder, Nicole Heißmann, Franco Zotta, Holger Hettwer, Jakob Vicari, Björn Schwentker, Volker Stollorz, Markus Lehmkuhl, und Ulrich Schnabel Layout und Design: www.gestaltika.de Titelbild: www.gestaltika.de

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