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Erste Zigarette, zweiter Kuss“

Interview: Natalie Schalk

„VON DER ERSTEN ZIGARETTE BIS ZUM ZWEITEN KUSS“

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Wie aus einem Piratensenderbetreiber ein Senior Coach der Hochschule wurde.

Miteinander, füreinander: Axel Lindner, Jahrgang 1954, berichtet über ein Leben mit dem Sozialraum Hochschule. Seinen Abschluss machte er 1976 an der damaligen FH, der Beruf führte ihn dann zwar von seinen Coburger Ursprüngen weg, aber er blieb der Stadt und seiner alten Hochschule verbunden. 2019 gründete er mit Unterstützung von CREAPOLIS die „Senior Coaches“: eine Gruppe ehrenamtlicher Absolventinnen und Absolventen, die frisch im Ruhestand sind und ihr Praxis- und Erfahrungswissen aus dem Beruf an Studierende der Hochschule Coburg weitergeben.

Seit über 30 Jahren leben Sie in der Nähe von Erlangen. Trotzdem haben Sie die Senior Coaches an der Hochschule Coburg ins Leben gerufen. Woher kommt diese Verbundenheit? Axel Lindner: Ich bin in Coburg aufgewachsen, ein Teil meiner Familie lebt hier und ich habe ein „Suchtverhältnis“ mit Coburger Bratwürsten. Irgendwie bin ich einfach verhaftet mit dieser Stadt. In Adelsdorf wohne ich, aber ich bin dort nicht vernetzt. Mit dem Ausstieg aus dem Berufsleben suchte ich eine sinnvolle Aufgabe. An der Hochschule habe ich in meiner eigenen Studienzeit einen Umgang in Wertschätzung erlebt; die Professoren und Kommilitonen waren super! Ein gutes Miteinander. Uns verband die Neugier auf technische Innovationen, es war leicht, Freundschaften zu schließen und manche hielten jahrzehntelang. Ich war in der Studi-Vertretung als Senatsvertreter aktiv und in der evangelischen Studierendengemeinde. Da wurde einem die Buntheit des Lebens und soziales Engagement vorgelebt. Als ich ins Rentenalter kam, dachte ich: Ich habe noch frisches Fachwissen, bringe einiges an Erfahrungen mit und es wäre vielleicht eine gute Idee, wenn ältere Absolventinnen und Absolventen ihr Wissen als Ehrenamtliche an die Jungen weitergeben.

Sie sind Absolvent in Elektrotechnik mit Schwerpunkt Nachrichtentechnik, später haben Sie in München noch Sozialpädagogik studiert – wie passt das zusammen? Ich habe beide Impulse in mir: Technik und Soziales. Das waren schon als Jugendlicher meine Themen. Da gab es Elektronikbausätze für UKW-Sender, an die man einen Plattenspieler anschließen konnte. Ich habe eine Langspielplatte aufgelegt – 20 Minuten Beatles zum Beispiel – habe mein Radio geschnappt, bin zum nächsten Hügel gerannt und habe dort meine eigene Musik im Radio gehört. Mit Blick auf die Veste! Aber nicht lange, ich musste ja schnell zurückrennen und die nächste Platte auflegen. Es war vielleicht das erste illegale Lokalradio in Coburg, und es ist entstanden aus dieser Begeisterung für die Technik. Etwa zur gleichen Zeit ging es auch mit der evangelischen Jugendarbeit los. Dann wurde der „Soziale Arbeitskreis“ gegründet.

Was war das für ein Kreis? Ach, erst war die Jugendarbeit! Wer wie ich aus so einer liebevollen, streng evangelischen Welt kam, konnte sich von den robusten Jugendlichen einiges abschauen: von der ersten Zigarette bis zum zweiten Kuss. Dann kam die Bangladesch-Krise mit vielen Opfern. Da wollten wir was unternehmen, wir wollten helfen. Ich bin immer ein Zusammenführer gewesen; das mache ich jetzt noch: netzwerken. Damals habe ich die initiierenden Leute zu diesem Arbeitskreis zusammengeführt: Wir verkauften an einem Stand auf dem Markt DritteWelt-Produkte, später hat ein Teil in den Kasernen eine Spiel- und Lernstube für Jugendliche gemacht, wir haben beim Stadtrat eine Liegewiese im Hofgarten erstritten, sind friedensinitiativ gewesen undundund… das fing vorm Studium an und ging in die Hochschulzeit über. Viele von uns haben dann einen pädagogischen, sozialpädagogischen oder ähnlichen Beruf gewählt. Das hat uns geprägt. Einige sind heute auch bei den Senior Coaches.

Sie wurden Sozialpädagoge mit IngenieursHintergrund? Erst war ich nach dem Ingenieurstudium 18 Monate Zivildienstleistender in der Landesblindenschule in München, dann ab 1978 Dozent in der Siemens-Schule für Datenverarbeitung. Eigentlich wollte ich in den ökologischen Bereich: das erste Windrad, die erste Photovoltaikanlage – aber da waren die Stellen handverlesen. Die Lehrtätigkeit bei Siemens war schon eine pädagogische Arbeit, aber die sozialen Themen blieben auf der Strecke. Nach drei Jahren nahm ich das Studium der Sozialpädagogik mit Schwerpunkt Jugend- und Erwachsenenbildung in München auf. Und dann? Nach dem Abschluss bin ich in Erlangen gelandet. Ich habe ein Projekt für über den Bedarf ausgebildete Jugendliche aufgebaut: In der „Umweltwerkstatt“ flossen Ingenieurs- und Soz.Päd-Wissen zusammen. Der im technischen Bereich gelernte Blick auf Praktikabilitäten und Prozessabläufe, systemisches Denken und vor allem auch die Experimentierfreude und positive Fehlerkultur haben mir als Sozialpädagoge auch später als Leiter einer kommualen Anstalt des öffentlichen Rechts sehr oft geholfen.

Und als Senior Coach geben Sie ihre Erfahrungen nun weiter. Wir hätten Sie gern zusammen mit Ihrem Bruder Gerhard interviewt, er war zwei Dekaden Präsident der Hochschule und Leiter des Instituts für Sensor- und Aktortechnik ISAT ... Natürlich verfolgt er die mit der Hochschule Coburg verbundenen Aktivitäten weiterhin mit Interesse, möchte aber als ehemaliger Amtsträger Zurückhaltung wahren. Von den Senior Coaches habe ich ihm erst einmal nichts berichtet. Ich lese die Neue Presse schon lange als E-Paper, bin dadurch auf CREAPOLIS, die Innovations- und Vernetzungsplattform der Hochschule, aufmerksam geworden und da habe ich mich mit meiner Idee beworben. Bei Verena Blume bin ich gleich auf offene Ohren gestoßen. Dann habe ich geschaut, wen ich noch kenne – teilweise noch aus Arbeitskreis-Zeiten – und im Umfeld von CREAPOLIS wurden weitere rührige Leute gewonnen.

Was bringt die Arbeit der Senior Coaches? Ziel ist im weitesten Sinne, Coaching-Angebote für Studierende zu entwickeln und umzusetzen. Das kann Einzel-Coaching sein, das Arbeiten in Studierendenprojekten oder die Teilnahme an Vorlesungen. Die Seniors haben alle interessante, bunte Biografien und kennen berufliche Sprünge. Das kann für die Studis bei dem modernen Arbeitsmarkt auch beispielgebend sein. Es kann Mut machen. Und uns macht es Spaß, mit Studierenden und der Hochschule zusammenzuarbeiten – wir werden noch gefragt, das ist schön. Die Studierenden finden uns auf der Plattform mycampus beim Career Service. Wer sich als Senior Coach bei uns beteiligen will, kann sich einfach per Mail melden: seniorcoaches@hs-coburg.de

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