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PETER BOLLAG

CHRISTOPH MERIAN VERLAG


PETER BOLLAG

CHRISTOPH MERIAN VERLAG 3


Inhalt Prolog auf dem Eis und im Stadion … 7 Kinder- und Jugendjahre … 11 Anfänge: Treffpunkt Kunschti … 27 Für eine Schachtel Pralinen: Die ersten Engagements … 43 Traumziel London … 57 Populär unter Pyramiden … 79 Mit ‹Holiday on Ice› in den USA … 93 Vor heimischer Kulisse … 113 Grande Finale … 125 Buddy in Japan, Otti in Basel … 143 Fussball und Fasnacht … 155 Vom Eis zurück auf die Bühne … 175 Auf dem Weg ins Golden Age – Buddy und Otti heute … 187 Epilog im Theater … 191 Drummeli-Texte … 195 Grüsse aus der Welt der Eisrevuen … 201 Sie tanzen auf dem Eis … 205

Anhang Verwendete Literatur … 212 Bildnachweis … 213 Dank … 214 Der Autor … 215 Impressum … 216


Prolog auf dem Eis und im Stadion

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Fasnachtsveranstaltung auf der Kunschti, 1934

Basel, Anfang Dezember 2013: Ein strahlender Sonntagnachmittag, eigentlich wie gemacht, um sich auf der Kunsteisbahn Margarethen, die alle hier nur die ‹Kunschti› nennen, zu vergnügen. Die einen laufen Schlittschuh oder spielen Eishockey, die anderen machen unter fachkundiger Anleitung Gymnastik auf dem Eis, und wieder andere sitzen einfach in der Sonne und sehen dem Treiben auf dem Eis zu. Heute, am jährlichen Gratistag der Kunschti, sind mehr Menschen da als sonst, Jüngere und Ältere, Eltern mit ihren Kindern, Jugendliche und ganze Gruppen. Die Kasse beim Haupteingang ist zwar besetzt, aber niemand muss Eintritt bezahlen. Die Stimmung ist entsprechend locker und entspannt, auf den breiten Treppen der altehrwürdigen Anlage steigen dauernd neue grosse und kleine Besucherinnen und Besucher nach oben. «Genauso war es damals», geht es mir durch den Kopf, als auch ich langsam die Treppen erklimme. Vor meinem geistigen Auge taucht ein vielleicht siebenjähriger Junge auf, der die gleichen grauen Treppen an der Hand einer jüngeren Frau hochsteigt. Oben, bereits an der frischen Luft, wartet schon eine sportlich gekleidete Frau auf die beiden, die speziell verpflichtete Eislauflehrerin. «Der Junge soll Schlittschuhlaufen lernen», hat seine Mutter verkündet, als die ersten Anzeichen eines kalten Winters spürbar wurden – was jetzt in die Tat umgesetzt werden 8


soll. Aber für den kleinen Jungen wird dieser erste KunschtiNachmittag zu einer einzigen Tortur: Die Lehrerin bemüht sich vergebens, der Junge schwitzt und sehnt sich nach einer Pause, ja eigentlich danach, dass die ganze Übung endlich zu Ende sein möge. Auch die Beschallung mit lauter Musik vermag seine Stimmung nicht zu heben, obwohl er sonst ganz gern Musik hört. Doch hier nervt es ihn, hier nervt ihn fast alles: die klobigen Schlittschuhe und die Kälte, die durch die Kleider dringt – trotz der Sonne, welche eben eine Wintersonne ist und darum kaum wärmt. Das alles ist so gar nicht nach dem Geschmack des kleinen Peter. Nach der zweiten Lektion gibt die Mutter denn auch enttäuscht auf, die Übung wird abgebrochen. Was für ein Unterschied zu Buddy Elias und Otti Rehorek, die sich hier gut ein Vierteljahrhundert früher auf den Schlittschuhen vergnügten und am liebsten den ganzen Tag (und die halbe Nacht) hier verbracht hätten! An diesem Dezembersonntag im Jahr 2013 liegt der Teil der Anlage, wo früher Eishockey gespielt wurde, verlassen da. Schwer vorstellbar, dass damals an diesem Ort vor Tausenden von dicht gedrängten Zuschauern hochdramatische Spiele ausgetragen wurden, in den Dreissiger- und Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Ich frage mich nicht zum ersten Mal, wo all die Zuschauer überhaupt Platz fanden und wie weit die Anfeuerungsrufe der Fans damals wohl schallten, ob bis hinauf aufs zurückhaltend-vornehme Bruderholz und hinunter durchs Gundeli bis in die Stadt – akustische Zeugen wichtiger Ereignisse auf der Kunschti. Im hinteren Teil des vollbesetzen Eisfeldes albern einige halbwüchsige Jungen auf Schlittschuhen herum, einer fällt um. Ich schliesse kurz die Augen und sehe zwei jüngere Männer vor mir, beide schlank und keine Riesen. Sie stechen aus der Masse der Schlittschuhbegeisterten heraus, denn sie vollführen nicht nur ihre Kunststücke auf dem Eis, sondern schneiden auch Grimassen dazu und fallen gespielt ungeschickt auf die Nase. Um sie herum stehen kichernde junge Mädchen, ein interessierter kleiner Kreis. So etwa muss damals, im Basel der Zwischenkriegszeit, die Karriere von Buddy Elias und Otti Rehorek begonnen haben. Ein anderes Bild und eine andere Jahreszeit: Es ist der Hochsommer des Jahres 1964 auf dem Fussballplatz Landhof hinter der Messe, Heimat des FC Basel von 1893 bis 1967. Zum allerersten Mal sitze ich mit meinem Vater auf der kleinen Tribüne. Basel gegen Grenchen heisst die nicht übermässig attraktive Affiche, immerhin steht bei den Solothurnern National-Goalie 9


Charly Elsener zwischen den Pfosten, fast schon eine Torwartlegende. Ich kann zwar mit Fussball nicht allzu viel anfangen, aber die Plakate des Grafikers Herbert Leupin haben mich neugierig gemacht. Sie hängen in jenen Jahren überall in der Stadt und zeigen einen grossen gelben Fussball mit einem rotblauen Viertel mittendrin und darunter, in Grossbuchstaben, den Namen des jeweiligen Gegners. Irgendwie sehr übersichtlich und klar. So frage ich denn eines Abends meinen Vater, ob wir zum Match gehen können, und er ist einverstanden. Von diesem warmen Sonntag im August 1964 an werden wir jahre-, ja jahrzehntelang gemeinsam auf der Tribüne sitzen, zuerst im Landhof, später im Joggeli und immer wieder auch bei Auswärtsspielen des FC Basel, dann meist auf den billigeren Stehplätzen. Wir werden Europacup-Spiele bejubeln und CupBlamagen bedauern, uns über schöne Tore freuen und über unbegreifliche Abwehrfehler ärgern. Und begleiten wird uns, zumindest bei den Heimspielen, nach kurzer Zeit ein Mann, der mit seinem Witz und seiner Präsenz ganz schnell die Rolle des Moderators im Stadion übernehmen wird. Sein Familienname tönt etwas fremdländisch, damals fast exotisch, und kontrastiert mit seinem gepflegten Basler Dialekt. Als mein Vater mir bei einem Matchbesuch mit Blick auf den Speaker Otti Rehorek einmal verrät, dass dieser in seiner Jugend Eisclown bei ‹Holiday on Ice› gewesen sei, zusammen mit Buddy Elias, dem Schauspieler und Cousin von Anne Frank, erwacht mein Interesse an den beiden Baslern und wird nicht mehr verschwinden, bis ich ihre Geschichte jetzt niedergeschrieben habe. Hier ist sie also, die Geschichte von Buddy und Baddy, den zwei Baslern, die auszogen, auf Schlittschuhen die Welt zu erobern.

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1920 Kinder- und Jugendjahre


Friedrich Rehorek (1884 – 1956) in Pilsen


Die ersten Julitage des Jahres 1922 sind für Friedrich und Rosa Rehorek-Schneider an der Fürstensteinerstrasse in Basel aussergewöhnlich, denn die vierköpfige Familie wird am Vierten dieses Monats noch um ein Köpfchen grösser: Otto, nach Stammhalter Friedrich und Tochter Trudy das dritte Kind, kommt zur Welt. Sein Taufname lautet Otto Karl, nennen werden ihn aber fast alle nur ‹Otti›. Dass er, der später für kurze Zeit auch in den USA leben wird, ausgerechnet am amerikanischen Nationalfeiertag das Licht der Welt erblickt, ist dabei eine nette Fussnote. Otto – das ist der Name des Habsburgers, der Kaiser geworden wäre, wenn die österreichisch-ungarische Monarchie das Jahr 1918 überstanden hätte. Und Karl hiess der Vater von Otto von Habsburg und letzte k.u.k. Monarch von 1916 bis 1918, vor eben diesem Zusammenbruch. Obwohl das auch in der Schweiz gebräuchliche Namen sind, verweisen Otto und Karl auch auf die Herkunft von Friedrich Rehorek. Der wurde nämlich im Jahr 1884 in Pilsen geboren – in jener böhmischen Bier-Stadt, die damals noch zur Donaumonarchie gehörte, wie auch die übrige spätere Tschechoslowakei, heute Tschechien. Familienintern trägt der jüngste Rehorek als ersten Namen den seines Taufpaten, der ein Freund des Vaters ist, und als zweiten den des Bruders der Mutter, Karl Schneider. Friedrich Rehorek kam 1908 als frisch promovierter ‹Assekuranz-Ingenieur› (so lautet in der Donaumonarchie die offizielle Bezeichnung für einen Versicherungsmathematiker) nach Basel. Hier hat er bei der Basler Lebensversicherungs-Gesellschaft, heute Bâloise, eine Stelle gefunden, die sich für ihn als Lebensstelle erweisen wird, und hier fühlt er sich bald so wohl, dass er 1914, unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg, seine verwitwete Mutter und seine Schwester aus Pilsen nachkommen lässt. 1918 heiratet er Rosa Schneider, die aus dem Kanton Bern stammt. Bald kommen die ersten beiden Kinder zur Welt. Nur zwei Tage nach der Geburt von Otti hat Vater Friedrich aber noch einen weiteren Grund zur Freude: Er wird nach dem Erhalt seiner Schweizer Staatsbürgerschaft nun auch ins Basler Bürgerrecht aufgenommen. Offensichtlich muss er dafür nicht Schweizer- oder gar Baseldeutsch sprechen, denn «das hat er immer ganz kategorisch abgelehnt», erinnern sich sowohl Sohn Otti als auch die beiden Enkel Ronnie und Mike (die Söhne von Otti Rehorek). In was für ein Basel wird Otti Rehorek hineingeboren? Die Rheinstadt ist Anfang der Zwanzigerjahre die zweitgrösste Stadt der Schweiz und zählt 140 000 Einwohnerinnen und Einwohner 13


Generalstreik in Basel 1919

(Stand 1. Dezember 1920). Im Stadtkanton leben knapp 72 Prozent Schweizer und 28 Prozent Ausländer, 88 987 Protestanten, 44 720 Katholiken, 2459 Israeliten und diverse andere Religionsgemeinschaften. Basel ist durchaus international, hat seit knapp zehn Jahren einen deutschen und schon länger einen französischen Bahnhof und besitzt seit einigen Jahren auch eine Messe, die Mustermesse. Das sind die Vorteile der Lage am Dreiländereck. Aber an der Grenze zu Deutschland und Frankreich, den Kontrahenten des eben zu Ende gegangenen Ersten Weltkriegs, bekommt Basel auch die negativen Folgen dieses ersten grossen Krieges des 20. Jahrhunderts stärker und direkter zu spüren als Schweizer Städte im Landesinneren. Im Juli 1922, dem Geburtsmonat von Otti Rehorek, organisieren beispielsweise die Gewerkschaften in der badischen Nachbarschaft einen Generalstreik wegen der starken Teuerung und der grossen Not der Bevölkerung, bald wird die Inflation die Preise im Deutschland der Weimarer Republik in absurde Höhen steigen lassen. Auch politisch sind die Zeiten unruhig, es gärt in vielen Teilen des Reiches: Die Ermordung des deutschen Aussenministers Walther Rathenau am 24. Juni in Berlin durch Rechtsradikale wirkt sich bis an die Südgrenze aus, einige rechte Organisationen werden nach dem Mord im Land Baden verboten. Auch jenseits des Rheins, in Frankreich, flammen soziale Unruhen und Proteste auf. 14


In Basel kommt es im Zusammenhang mit dem Generalstreik von 1918/19 zu beinahe bürgerkriegsähnlichen, heute nur noch schwer vorstellbaren Auseinandersetzungen. Auch hier ist nach dem Ersten Weltkrieg die soziale Not gross. Im Dezember 1921 zählt Basel beispielsweise mehr als viertausend Arbeitslose, und entsprechend polarisiert sind die politischen Verhältnisse: Seit den kantonalen Wahlen von 1920 besteht im baselstädtischen Parlament zwar zum ersten Mal in diesem Jahrhundert eine linke Mehrheit, die Regierung dagegen politisiert klar bürgerlich. Es gibt also eine Art Cohabitation, die sich erst einspielen muss, was eher schlecht als recht gelingt. Immerhin fällt in diese Zeit beispielsweise auch die Einführung des 1. Mai als Tag der Arbeiterbewegung, eine Errungenschaft des linken Basel. Doch schon bald zerstreiten sich Sozialdemokraten und Kommunisten, schuld daran sind vor allem ideologische Fragen, die weniger mit lokalen Konflikten und mehr mit der weltpolitischen Lage nach dem russischen Bürgerkrieg und dem Sieg der Bolschewiken zusammenhängen. Wohl auch aufgrund dieser Differenzen ist es 1923 mit der linken Mehrheit im Grossen Rat (vorerst) vorbei. Ausserdem herrscht auch im linken Basel jener Jahre keineswegs das Paradies sozialer Gerechtigkeit; vom Sozialstaat moderner Ausprägung, wie er sich nach dem Zweiten Weltkrieg herausbildet, ist man noch sehr weit entfernt. So berichtet eine Baslerin, die 1923 in einer Kleiderfabrik im Gundeldinger Quartier arbeitet und allein für ihr Kind sorgen muss, weil ihr Mann sie verlassen hat: «Die Arbeitslosenversicherung war erst im Entstehen. Aber eines Tages war sie wirklich da – zwar erst auf freiwilliger Basis. Wir Arbeiterinnen und Arbeiter wollten voller Freude beitreten. Am nächsten Morgen aber hing am Saaleingang ein Plakat vom Fabrikchef, das die ganze Breite der Türe einnahm: ‹Wer sich bei der Arbeitslosenkasse meldet, wird fristlos entlassen.›» (Hans Jenny: Basler Memoiren. Bd. 2: 1920  – 1938) Im Sommer 1922 beschäftigen aber nicht nur die sozialen Gegensätze die Basler. Viel Publikum versammelt sich beispielsweise am 2. Juli, einem Sonntag, auf dem Landhof. Hier treffen sich für einmal nicht die Fussballer, sondern die Schwinger  – das Basler Schwingfest steht auf der Agenda. Der Landhof ist zwar damals bereits ein klassisches kleines Fussballstadion – im Jahr 1908 fand hier zum Beispiel das erste Fussball-Länderspiel der Schweiz gegen Deutschland statt –, aber auch andere Sportarten kommen zum Zuge: 1916 gab es auf dem Landhof sogar Olympische Spiele (vor allem Leichtathletik-Wettbewerbe), wenn auch nur der Schweiz und nicht der ganzen Welt. Sie waren gedacht als nationaler Ersatz der wegen des Krieges ausgefallenen ‹richtigen› Spiele, die in Berlin hätten stattfinden 15


Familie Rehorek mit Otti (zweiter von rechts)

sollen. Der Landhof wird dann 1924 ein erstes Mal umgebaut und ein Jahr später mit dem Städtespiel Basel – Montevideo feierlich wiedereröffnet. Aber in jenen Jahren kann er die wachsende Begeisterung für den Freizeitsport nicht mehr fassen: Im Herbst 1922 wird die Sportanlage Schützenmatte in Betrieb genommen, zwei Jahre später folgt der Rankhof an der Grenzacherstrasse. Fussball-Länderspiele in Basel werden von nun an dort ausgetragen und mobilisieren schon einmal zwanzigtausend Zuschauer oder mehr. Auch andere Sportarten ziehen die Baslerinnen und Basler an: Etwas später, im Oktober 1930, veröffentlicht die ‹Schweizer Illustrierte Zeitung SIZ› (die Vorgängerin der ‹Schweizer Illustrierten›) einen Bericht mit Bildern des bekannten Basler Fotografen Lothar Jeck von einem Windhunderennen auf der Schützenmatte, und inmitten der Zuschauer ist die Familie Rehorek zu sehen, auch der achtjährige Otti. «Wir waren anscheinend damals neugierig, auch diese Art von Unterhaltung einmal kennenzulernen», sagt Otti Rehorek heute dazu. Dieser Besuch blieb allerdings eine Ausnahme, Windhunderennen standen nicht mehr auf dem Programm der Familie und fanden wohl in Basel eher selten statt, was vielleicht auch mit dem eher schwachen Zuschauerzuspruch der Veranstaltung zusammenhängen könnte. «Der Besuch hätte zahlreicher sein dürfen», bemerken etwa die ‹Basler Nachrichten› in ihrem Bericht über die Rennen, welche «mit militärischer Pünktlichkeit um acht Uhr ihren Anfang nahmen». 16


Nehmen wir nun einmal an, diese Ausgabe der erwähnten SIZ wäre dem deutschen Staatsbürger Erich Elias in die Hände gekommen und er hätte sie aufmerksam gelesen. Sein Interesse hätte wohl weniger dem Basler Windhunderennen gegolten als vielmehr den Berichten in der gleichen Ausgabe über die Eröffnungssitzung des neugewählten deutschen Reichstags in Berlin. Diese Eröffnungssitzung, so berichtet die SIZ ausführlich in Wort und Bild, sei tumultartig verlaufen, denn gegen die neugewählten 107 Abgeordneten der NSDAP, die ohne Ausnahme in braunen Uniformen erschienen waren, erhob sich wütender Protest der Linken, vor allem vonseiten der starken Fraktion der Kommunisten. Und dann gibt es noch ein kleines Bild, auf dem ein gewisser «Abgeordneter Dr. Goebbels, Führer der Berliner Nationalsozialisten» zu sehen ist – dieser allerdings nicht in Uniform, sondern im zivilen Regenmantel. Er sollte offenbar verhaftet werden, so die Zeitung, «verstand es (aber), sich der Polizei zu entziehen» und sich in die Immunität seines Abgeordnetenmandats zu flüchten. Erich Elias hätte diese Berichte aus Berlin wohl zumindest mit einem Stirnrunzeln gelesen und sich in seinen Plänen bestätigt gefühlt. Diese Pläne hatten ihn, der seit Februar 1921 in der Bankenstadt Frankfurt am Main ansässig war, ein Jahr vor den erwähnten Berliner Ereignissen nach Basel geführt. In Frankfurt liess er nicht nur seine Frau Leni, geborene Helene Frank, zurück, sondern auch seine beiden Söhne Stephan und Bernhard, den bald alle nur ‹Buddy› (zuerst ‹Buddi›) nennen werden. In Basel baut Erich Elias ab 1929 die Schweizer Vertretung der Opekta-Werke auf, einer Firma, die den Zusatzstoff Pectin herstellt. Pectin ist ein Geliermittel, das zur Verbesserung der Konsistenz von Konfitüre verwendet wird. Wie Mirjam Pressler in ihrer Geschichte der Familie von Anne Frank schreibt, war Erich Elias «der Erste, der die Konsequenzen aus der veränderten politischen Situation zog». Eine veränderte politische Situation, die sich auch auf das soziale und politische Klima Frankfurts auswirkte: Mit dem ‹Schwarzen Freitag› an der New Yorker Börse bricht in den USA im Oktober 1929 die Wirtschaftskrise aus, die sich bald zu einer Weltwirtschaftskrise ausweiten wird und den kurzen ‹Goldenen Zwanzigern› ein Ende setzt. Da Deutschland als Kriegsverlierer Reparationen bezahlen muss und für deren Finanzierung von amerikanischen Krediten abhängig ist, bedeutet der Einbruch der New Yorker Börse für die noch junge Weimarer Republik eine schwerwiegende Wirtschaftskrise, explodierende Arbeitslosenzahlen und die Gefährdung der Demokratie durch politische Radikalisierung. Wie überall im Reich gewinnen auch in Frankfurt die Links-, aber 17


Der Rรถmer, das Frankfurter Rathaus 18


vor allem die Rechtsextremen rasch an Boden, dem waren schon im Frühjahr 1929 erste politische Morde an zwei jungen Sozialdemokraten durch Nazis vorausgegangen. Erich Elias, bisher im Bankhaus Michael Frank beschäftigt, welches von seinem bereits vor längerer Zeit verstorbenen Schwiegervater gegründet worden war, entscheidet sich in diesem Krisenjahr also für die Auswanderung; nicht zuletzt deshalb, weil er jüdisch ist und auf die deutschen Juden schwere Zeiten zukommen sieht. Es ist allerdings eine Auswanderung auf Probe und in Raten, vorläufig bleibt seine junge Familie in Frankfurt und wartet hier ab, ob er in der Schweiz erfolgreich ist. Blenden wir einige Jahre zurück: Frankfurt, Pfingsten 1925. Die Feiertage fallen in diesem Jahr relativ spät, weshalb es nun, Ende Mai, fast schon sommerlich warm ist. So lockt das strahlende Wetter die Menschen am Main denn auch in Scharen ins Freie: beispielsweise zu den Rotkreuz-Werbetagen im Palmengarten oder zu Schifffahrten auf dem Main, aber auch zu den Pferderennen im Vorort Niederrad, die speziell viel Publikum anziehen. «Die Trambahn allein transportierte die Einwohnerschaft einer mittleren Stadt zu den Rennen», weiss die ‹Frankfurter Zeitung› zu berichten, und sie kennt auch das beliebteste Getränk der Rennen an diesen Tagen: «Der Himmel liess einen milden Wind zur Dämpfung der Sonne wehen, was den Konsum von Eiskaffee aber nicht beeinträchtigte.» Nicht alle pfingstfeiertäglichen Veranstaltungen in und um Frankfurt sind allerdings friedlicher Natur. Die sozialdemokratische ‹Volksstimme› erwähnt unter dem Titel «Hakenkreuzler Frechheiten» seltsame mittelalterliche Ritterspiele auf einem Schloss in der Nähe von Darmstadt, wo «Hakenkreuzler und nationalistische Jugendverbände eine Freilicht-Aufführung aus der Feudalzeit des preussischen Junkertums» in historischen Kostümen vorgeführt hätten, dem Berichterstatter der Zeitung sei allerdings der Zugang verwehrt worden. Er bekommt dennoch die Kernaussage des Stückes mit: «Was schert mich das verbriefte Recht, hier ist das Schwert, dessen Recht ist älter und auch härter!» Diese Aussage veranlasst die Zeitung mit Blick auf die NSDAP zur folgenschweren Warnung: «Seid auf der Hut, sie beginnen immer frecher zu werden!» Es ist nicht anzunehmen, dass das Ehepaar Elias die Warnung der ‹Volksstimme› gelesen hat, das sozialdemokratische Blatt ist nicht allzu verbreitet im bürgerlichen Frankfurt, zu dem sich Erich und Leni Elias zählen. Sie sind seit 1921 verheiratet, Erich wurde mit offenen Armen in die seit Langem in Frankfurt ansässige Familie Frank aufgenommen. Das gilt vor allem für Otto 19


Stephan und Buddy Elias, Ende 1925

Frank, einen von Lenis Brüdern, der sich seit dem frühen Tod des Vaters ganz besonders um Leni gekümmert hat. Die freundliche Aufnahme des künftigen Schwiegersohns und Schwagers hatte wohl auch damit zu tun, dass alle in der Familie Frank froh waren, als die bereits 28-jährige Leni nach einer unglücklichen Liebschaft den Mann fürs Leben gefunden hatte. Im ersten Jahr ihrer Ehe wurde der Stammhalter Stephan geboren und jetzt, im Frühsommer 1925, steht Leni kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes. Am 2. Juni 1925, dem Dienstag nach Pfingsten, kommt der zweite Sohn Bernhard, oder eben Buddy, zur Welt. Es sind schöne Tage und Wochen für die Familie Elias-Frank, denn nur wenige Wochen vor Buddys Geburt hatte Otto Frank in Aachen Edith Holländer geheiratet, was in der grossen Familie mit einem rauschenden Fest gefeiert wurde. Bald gibt es auch bei den Franks Nachwuchs, die Tochter Margot kommt zur Welt. Sowohl Otti als auch Buddy werden also in Familien hineingeboren, in denen schon Kinder da sind: Das Ehepaar Rehorek hat bereits einen Sohn und eine Tochter, bei den Elias ist der vier Jahre ältere Stephan der Stammhalter. Auch ihre wirtschaftliche und soziale Verankerung im Mittelstand ist beiden Familien gemeinsam. Allerdings verändern sich bei der Familie Elias die Besitzverhältnisse stärker als bei den Rehoreks, was auch mit den unterschiedlichen politischen Verhältnissen in der Weimarer Republik und in der Schweiz zu tun hat. Die Auswirkungen der unsicheren politischen Lage in Deutschland bekommt auch Erich 20


Elias zu spüren. Zwar kann er wie erwähnt ins Bankhaus Frank eintreten, also ins wirtschaftliche Umfeld der Familie seiner Frau. Die ersten Jahre nach ihrer Hochzeit sind relativ sorgenfrei, wie die beginnenden Zwanzigerjahre in vielen europäischen Ländern und auch in Deutschland von wirtschaftlicher Prosperität geprägt sind. In Frankfurt wird 1924 Ludwig Landmann zum neuen Oberbürgermeister gewählt, er gehört der (kleinen) linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei an. Während seiner Amtszeit entwickelt sich die Stadt rasant, wird durch Eingemeindung der Stadtteile Höchst und Fechenheim zur flächengrössten Stadt der Republik und gehört nach Einwohnerzahl zu den grössten Metropolen des Landes. Auch gebaut wird viel in diesen Jahren: So wird 1925, im Geburtsjahr von Buddy, die grosse Fussballarena, das Waldstadion, fertiggestellt und mit einer ‹Arbeiter-Olympiade› feierlich eröffnet. Die Wahl Landmanns steht auch für die Emanzipation der jüdischen Minderheit der Stadt, die zu den grossen jüdischen Gemeinden Deutschlands gehört. Von gut einer halben Million Einwohnern sind um 1930 circa dreissigtausend jüdisch. Denn Landmann ist Jude, «seine Biographie wies einige Parallelen zu der Familiengeschichte der Franks» auf, wie Esther Alexander-Ihme im Ausstellungskatalog ‹«Früher wohnten wir in Frankfurt …». Frankfurt am Main und Anne Frank› berichtet. Auch Landmanns späteres Schicksal wird dem der Familie Frank leider nicht unähnlich sein: Von den Nazis 1933 zum Rücktritt gezwungen, kann er 1939 nach Amsterdam ausreisen, überlebt zwar Verfolgung und Not, aber stirbt bei Kriegsende an Entkräftung in Holland – ohne seine Heimatstadt Frankfurt je wieder gesehen zu haben. «Es war natürlich eine Legende, dass Frankfurt besondere Sympathien für seine jüdischen Bürger hätte. Sicher, es hat immer wieder kurze Zeiten der Harmonie gegeben. Aber die Nachfahren von Vinzenz Fettmilch, der im 17. Jahrhundert für das grosse Judenschlachten in Frankfurt verantwortlich war, wurden wieder aktiv und machten sich immer lauter und unverschämter bemerkbar.» Dies lässt Michel Bergmann in seinem Roman ‹Die Teilacher› einen Protagonisten sagen, und so spielen 1925 nicht nur ein paar Nazi-Jünglinge auf einer Burg irgendwo weit draussen auf dem Land mittelalterliche Ritterspiele, sondern während des ‹Deutschen Stahlhelmtages› marschiert die SA mitten durch Frankfurt – zum ersten, aber leider nicht zum letzten Mal. Als Erich Elias im Jahr 1929 in die Schweiz übersiedelt, wird in Frankfurt dem Ehepaar Otto und Edith Frank ihre Tochter Anne geboren, und Buddy verbringt dort seine ersten Lebensjahre, an 21


die er sich aber kaum noch erinnert: «Das erste grosse Abenteuer meines Lebens war der Umzug in die Schweiz, nach Basel.» Erst 1931 kann Leni mit ihrem jüngeren Sohn endlich nach Basel umziehen, Stephan reist ein Jahr später nach. Die Jahre der Trennung sind vor allem für Leni schwierig, wie sich aus den zahlreichen Briefen an ihren Mann ablesen lässt. Im Alltag wird sie immerhin von einer sogenannten Kinderfrau unterstützt. Die Familie Rehorek ist dagegen in Basel ansässig und denkt nicht ans Wegziehen – der Vater Fritz, oder Friedrich, hatte seine jugendlichen Wanderjahre hinter sich. Nach Basel gekommen war er mit seinem Freund Otto Schwarz, der später wie er für den FC Basel spielte. Dass Friedrich Rehorek in seinen ersten Basler Jahren für den FCB gespielt hat, entbehrt angesichts der weiteren Familiengeschichte nicht einer gewissen Ironie, denn was seine Kinder betrifft, hält sich seine Sportbegeisterung in engen Grenzen. Stattdessen widmet er sich in seiner Freizeit lieber in Ruhe seiner Briefmarkensammlung. Otti bezeichnet seinen Vater heute als einen «tschechischen Patriarchen». Er sei am Abend von der Arbeit nach Hause gekommen und habe von seinen Kindern verlangt, dass sie schon an der Haustür mit seinen Pantoffeln bereitstehen. Wenn es regnet, trägt er noch, wie damals üblich, die nassen Galoschen über den Schuhen, welche sie ihm zuerst abstreifen müssen. Auf dem behaglichen Sofa lässt er sich von den Kindern vielleicht noch ein Bier bringen, um sich die Wartezeit aufs Essen zu verkürzen. «Schon als kleiner Knirps weigerte ich mich aber beharrlich, meinem Vater die Pantoffeln zu bringen», schmunzelt der ungehorsame Sohn noch Jahrzehnte später. Sowieso sei der vier Jahre ältere Bruder, der den Vornamen des Vaters trug, dessen Liebling gewesen: «Er durfte alles, sogar fliegen lernen, meine Schwester Trudy und ich hätten das nie gedurft.» Das habe laut Otti auch damit zu tun gehabt, dass sein Bruder sich schon früh entschieden habe, Kaufmann zu werden, «eine Berufswahl, mit der mein Vater ausdrücklich einverstanden war». Dagegen sei es Aufgabe der Mutter gewesen, um den familiären Ausgleich besorgt zu sein – auch das in jenen Jahren wohl keine Seltenheit. Wo Friedrich und Rosa sich kennenlernten, weiss der Sohn heute nicht mehr so genau: «Ich glaube, sie trafen sich an einem Tanzfest in Basel.» Es sei eine gute Ehe gewesen, so sagt Otti über die Beziehung der Eltern. Der mütterlichen Verwandtschaft verdankt er seine erste Begegnung mit dem Theater, das ihn ein Leben lang nicht loslassen wird, wenn er auch beruflich andere Wege geht. Denn die Rehoreks verbrachten die Ferien immer im Bernbiet, teilweise in Uetendorf, teilweise in Unterseen 22


Otti (letzte Reihe, Kreuz) in der Primarschule, 1929

bei Interlaken, wo bei den dortigen Tellspielen auch Ottis Onkel mitspielte. Und so kam es, dass der achtjährige Basler Ferienbub als Statist in ein Kostüm schlüpfen und einen Teil des staunenden Volkes mimen durfte. Die Liebe zum Theater entdeckte Otti aber auch als Zuschauer: «Als Zwölfjähriger durfte ich mit den Eltern im Stadttheater eine Aufführung von ‹Sissi› besuchen», erinnert er sich, und dass er sich «unsterblich» in die Darstellerin der unglücklichen österreichischen Kaiserin verliebt habe. Die Familie zieht in den ersten Lebensjahren von Otti innerhalb von Basel einige Male um, so zum Beispiel von der Palmen- an die Birsigstrasse, wo der Junge dann auch den Kindergarten besucht. Der Stadtkanton stösst in gewissen Quartieren schon an seine Grenzen, und es beginnt in jenen Jahren auch das Nachdenken über eine Wiedervereinigung mit Baselland. Gleichzeitig gibt es aber in der Innenstadt teilweise noch sehr viel Platz. Bei der Luftmatt im Gellert-Quartier beispielsweise, heute ein dicht bebautes Quartier, weiden bis in die frühen Dreissigerjahre noch Kühe bei einem Bauernhof, nur wenige Gehminuten vom doch so grossstädtisch anmutenden Aeschenplatz entfernt. Für Kinder sind das, zumindest was die Spiel- und Entdeckungsmöglichkeiten angeht, paradiesische Zustände. Zum Stadtbild gehören im damaligen Basel auch noch Droschken, wie man sie heute etwa noch aus Wien kennt. Diese Droschken sind für die Kinder, die noch auf der Strasse spielen, eine grosse Attraktion und eine ungefährliche dazu, da sie, im Gegensatz zu den aufkommenden Automobilen, nicht so schnell unterwegs sind. Bis 1925 23


Stephan und Buddy noch in Frankfurt


– Otti bekommt es vielleicht gerade noch mit – verkehren auf den Basler Strassen auch die sogenannten Lohnhofdroschken. Sie bringen seit den 1890er-Jahren, jeweils begleitet von einem noch als ‹Landjäger› bezeichneten Polizisten, jährlich an die dreitausend Diebe, Einbrecher, Schwindler, Hochstapler und Raubmörder ins damalige Gefängnis Lohnhof. Jeder Transport wird von einer Schar Kinder begleitet. Die Lohnhofdroschke verschwindet aus dem Basler Stadtbild, als das damalige Polizeidepartement 1925 ein eigenes ‹Gefangenenautomobil› erwirbt. Otti Rehorek erlebt in dieser Stadt eine glückliche, weitgehend unbeschwerte Kindheit. Manchmal muss er den sanften Spott seiner Mitschülerinnen und Mitschüler wegen seines seltsam klingenden Familiennamens ertragen, etwa wenn sie ihn mit ‹Otti Veloschreck› betiteln. Auch er selbst verzichtet nicht auf die üblichen Kinderstreiche, die sich aus heutiger Sicht aber ziemlich harmlos ausnehmen: So entwendet er seiner Schwester einmal fünf Franken (was damals sehr viel Geld ist) und kauft damit stolz Patisserie, die er dann in der Schule verteilt, wo die Lehrer denken, er habe das Geld als Belohnung von den Eltern bekommen. Als der kleine Diebstahl herauskommt, erhält er von seiner Mutter eine schallende Ohrfeige. «Das war damals für mich keine Seltenheit», sagt er heute nur dazu. Diese eigentlich drastischen Erziehungsmassnahmen führte die von Otti als sanft geschilderte Mutter durch: «Der Vater mischte sich da eigentlich nicht ein.» Das ist bei der Familie Elias nicht anders, allein schon aus praktischen Gründen, denn der Vater ist in Buddys ersten Lebensjahren nicht oder nur selten anwesend. Vor allem deshalb geniessen die beiden Jungen am Main sehr viele Freiheiten. Als die Familie ab 1932 endlich wieder in Basel vereint ist, lebt sie anfänglich in der Pension Wehrli an der Dufourstrasse beim Aeschenplatz. Die beiden Jungen wollen aber am neuen Ort nicht auf ihre Streiche verzichten und sorgen bei Vater Elias immer wieder für Ärger, etwa als sie mit Äpfeln auf vorbeifahrende Autos zielen. Buddy besucht bald den Kindergarten in der Elisabethenstrasse (der längst nicht mehr existiert) und eckt dort mit seinem Verhalten manchmal an. Die Elias-Jungen werden von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern ansonsten aber bald akzeptiert, wobei sicher auch hilft, dass sie schnell den Basler Dialekt lernen. Bald bezieht die Familie Elias die erste Basler Wohnung in einem unscheinbaren Mietshaus an der Gundeldingerstrasse. Prominenter Mitbewohner ist der Schauspieler Leopold Biberti, der am Basler Theater engagiert ist. Buddy besucht das Gundeli25


Schulhaus und findet dort viele Freunde, obwohl er doch zweifacher Aussenseiter ist: Sein Hochdeutsch ist ohne schweizerdeutschen Akzent, und er ist Jude. Vor allem wegen Letzterem muss er später auch die eine oder andere Schmähung hinnehmen: «Ein Lehrer im RG hat mich schon während der Nazizeit einmal als ‹kleiner Saujude› beschimpft, so spielerisch, fast locker – als sei es eigentlich ein Lob.» Vater Erich ist nach Angaben seines Sohnes Mitglied der Israelitischen Gemeinde Basel und geht an den hohen Feiertagen auch in die Synagoge. «Allerdings nicht aus Religiosität, sondern aus Solidarität», erinnert sich Buddy. Die Familie Elias bekommt weiteren Zuwachs, als sechs Jahre später Erichs verwitwete Mutter Ida Deutschland den Rücken kehrt. Lenis Mutter Alice hat Frankfurt bereits 1933 verlassen und lebt ebenfalls in Basel, aber in einer eigenen Wohnung. Stephan und Buddy huldigen bald einer Freizeitbeschäftigung, die damals gerade in europäischen Grossstädten rasant zunimmt: dem Schlittschuhlaufen. Für beide hat ihr neues Hobby auch geografische Gründe, denn zur nahe gelegenen, 1934 eröffneten Kunschti sind es nur ein paar Schritte über die Strasse. In den Jahren vorher hatte ein ebenfalls nahe gelegener Tennisplatz als Ersatz gedient, der bei eisigen Temperaturen mit Wasser in ein Eisfeld verwandelt wurde. Die beiden Elias-Buben versuchen auch, das Experiment zu Hause auf dem Flachdach zu wiederholen, «worauf alle Röhren bei uns platzten und alle in der Familie frieren mussten», erinnert sich Buddy viele Jahre später an dieses Erlebnis. Als die Wohnung im Gundeldinger Quartier für die heranwachsenden Lausbuben samt Grossmutter Ida zu klein wird, mietet die Familie im Jahr 1938 ein Haus im Westen der Stadt unweit des Kannenfeldparks, an der Herbstgasse 11. Es wird das Basler Zuhause der Familie Elias werden. Otti Rehorek wiederum treibt in jenen Jahren in seiner Freizeit viel Sport, er spielt Handball und ist aktiver Leichtathlet. Doch bald verlagert sich sein Betätigungsfeld in Richtung Margarethen, wo auf der neu eröffneten Kunschti auch Buddy Elias bald öfter anzutreffen ist als an irgendeinem anderen Ort der Stadt. Dass sich die beiden dort irgendwann über den Weg laufen, ist fast unvermeidlich.

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1934 Anf채nge: Treffpunkt Kunschti


Zwei Eisclows erobern die Welt