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Beiträge zur Basler Geschichte

Kapital und Moral

Robert Labhardt

Robert Labhardt

Diese neue Biografie rückt Christoph Merian, Basels berühm­ testen Wohltäter, und seine Frau Margaretha in den Kontext der Umwälzungen des 19. Jahrhunderts. Der Gutsbesitzer, ­Financier, Philanthrop und Kirchenstifter war als Geschäftsmann konser­vativ und rigoros, als Wohltäter grosszügig, manchmal e­igen­sinnig, und als Stifter zukunftsoffen. Souverän verknüpft Robert Labhardt geschichtlichen Überblick mit spannender ­Erzählung und fügt die Lebensfragmente des Stifterpaares zu ­einem facettenreichen historischen Mosaik zusammen.

Beiträge zur Basler Geschichte

Kapital und Moral www.merianverlag.ch

Christoph Merian Eine Biografie

ISBN 978-3-85616-525-3

Christoph Merian Verlag

Umschlagabbildungen Umschlag vorne : Christoph Merian-Burckhardt (1800–1858 ). Daguerreotypie von 1857 ( Archiv der Christoph Merian Stiftung ) Umschlag hinten : Margaretha Merian-Burckhardt (1806–1886 ). Undatierte Fotografie um ca. 1880 ( Archiv der Christoph Merian Stiftung )


Kapital und Moral


Beitr채ge zur Basler Geschichte


Robert Labhardt

Kapital und Moral Christoph Merian Eine BiograďŹ e

Christoph Merian Verlag


Diese Publikation wurde ermöglicht durch einen Beitrag der Christoph Merian Stiftung an die Produktionskosten.

1. Auflage, 2011 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek :  Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie ; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http ://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-85616-525-3

© 2011 Christoph Merian Verlag Alle Rechte vorbehalten ; kein Teil dieses Werkes darf in irgendeiner Form ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet,vervielfältigt oder verbreitet werden. Lektorat : Jörg Bertsch, Basel Gestaltung und Satz : Atelier Mühlberg, Basel Lithos : LAC AG, Basel Druck und Bindung : Kösel GmbH & Co. KG, Altusried-Krugzell Papier : Z-Offset W 120 g/m2 www.merianverlag.ch


Inhalt

9 Vorbemerkung 11 Wozu eine dritte Merian-Biografie ? Elternhaus und frühe Jahre 1800–1824 24 Kontexte der Geburt 27 Jugend an der Rittergasse 29 Die alliierten Truppen in Basel im Winter 1813/14 35 Ausbildungs- und Wanderjahre Die väterliche Gegenwelt : Welthandel – Krisen – Schmuggel 46 Die ‹ Frères Merian › 47 Geschäfte im Strudel der Weltpolitik 56 Schleichwege gegen Napoleon 61 Napoleons Kontinentalsperre und die Meriansche Geschäftswende 63 Vater und Sohn Kapitalanlage und Lebenswelt : Christoph Merians Grundbesitz 68 Heirat mit Margaretha Burckhardt 69 Herzstück Brüglingen –   das Hochzeitsgeschenk des Vaters 75 Die Lebenswelt des Gutsbesitzers Merian –   Annäherung an einen Erinnerungsort 83 Die Ausgestaltung des Gutsbetriebs unter Christoph Merian


Kapital und Moral

86 Besitzerweiterungen : Neue Welt und St. Jakob 90 Der Kauf der ‹ Neuen Welt ›. Vom Umgang mit Pächtern und Dienstpersonal 97 Das Waisenhaus verkauft St. Jakob 103 Merians Grundbesitz: Versuch einer historischen Einordnung 112 115 120

Nachbarschaftskonflikte Das ‹ Pflotschrad › Streit mit der Firma Felix Sarasin & Heussler Ungeliebter Fabriknachbar De Bary

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Christoph Merian und der Staat Stadtrepublik statt Staat Ein patriarchales Staatsverständnis Merians Umgang mit der Kantonstrennung ‹ Die Szene wird zum Tribunal › –   Eine Burleske vor den Schranken des Baselbieter Gerichts 146 Der Katasterstreit mit Münchenstein und die Armenspende 149 Merian und die Eisenbahn 160 162 163 169 173

Christoph Merian als Geschäftsmann Merians Vermögensbildung Quellen « Saumselige Zinser » Kreditor Merian und seine Basler Schuldner Riedmatters Fall


Inhalt

177 « Seulement pour savoir qui a raison ou tort » 179 Die Beteiligung an der Basellandschaftlichen Hypothekenbank 186 189 194 197 201 209

1850 : Merians philanthropische Wende Reich, reserviert, berühmt Wachstum und Strukturwandel der städtischen Gesellschaft Die Brotaktion Der ‹ Merian-Flügel › des Bürgerspitals Projekt Speiseanstalt – ein Scherbenhaufen Eine Million für die Armen

« Zum Wohle der Mitbürger und zur Ehre Gottes » Philanthropie und Religiosität 226 Die religiöse Vertiefung der letzten Jahre 228 Die Stiftung der Elisabethenkirche 237 Das Elisabethenprojekt als Spiegel der Persönlichkeit Merians und seiner geistig-kulturellen Orientierung 246 Die Schenkungen an die Basler Mission Stiften und sterben 256 Das grosse Finale : Das Testament von 1857 und die Stiftung 266 Christoph Merians letzte Monate Margaretha Merian – Hüterin von Vermächtnis und Tradition 276 Merians Interpretin 279 Der freisinnige Angriff auf Basels Staatskirche


Kapital und Moral

283 Margarethas christliches Schulregiment 290 Margaretha Merians Legate : Kontinuität und Eigensinn Zum Schluss : 299 Wurde Christoph Merians testamentarischer Wille respektiert ? 308 319 329 332

Anhang Anmerkungen Literaturverzeichnis 319 Quellen 321 Sekundärliteratur Personenverzeichnis Bildnachweis


Vorbemerkung

Der Autor dankt der Christoph Merian Stiftung und Beat von Wartburg, dem Leiter der Abteilung Kultur der Stiftung, für den schönen Auftrag zu diesem Buch im rechten Moment. Ein herzlicher Dank geht an alle, die dieses Buch kritisch und freundschaftlich begleitet und verbessert haben : an Peter Haenger, Sara Janner, André Salvisberg und vor allem an meine Frau Verena, meine erste kritische Leserin und geduldig-aufmerksame Zuhörerin. Ferner danke ich ­Michael Bangert, Bernard Degen, Albert Schnyder und Hermann Wichers für wertvolle Hinweise. Dankbar war ich für die unkomplizierte Unterstützung im Basler Staatsarchiv und im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv und für das gründliche und einfühlsame Lektorat von Jörg Bertsch. Ein dickes Dankeschön geht schliesslich an meinen Bruder Dominik für seine kreativen, in vergnügter Zusammenarbeit entwickelten fotografischen Beiträge. Seine Bilder fangen Meriansche Tatorte in der Gegenwart ein und eröffnen als Auftakt-Bilder zu jedem Kapitel einen Bezug zum jeweils behandelten Thema. Die Schwarzweiss-Bilder aus dem Basler Staatsarchiv stammen zum allergrössten Teil aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit einer Toleranz bis circa 1910. Sie entfalten viel ästhetischen Reiz und dokumentieren zu den einzelnen Kapiteln Aspekte des städtischen Umfelds, in welchem Christoph Merian und, fast dreissig Jahre über ihn hinaus, seine Frau Margaretha gelebt haben.

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Wozu eine dritte Merian-Biografie ?


Dass die Christoph Merian Stiftung im Erscheinungsjahr dieses Buches ihr 125-jähriges Bestehen feiert, hat eigentlich nichts mit Christoph Merian zu tun, sondern mit dessen Witwe Margaretha. Sie starb 1886 und damit trat die Stiftung in Kraft, die Christoph Merian testamentarisch der Stadt Basel vermacht hatte. Er tat dies in voller Übereinstimmung mit seiner Frau, mit der er – wie es in seiner Leichenrede heisst – eine « 34jährige in gegenseitiger Liebe und Zuneigung verlebte glückliche Ehe » geführt hatte. Sie fand durch Merians relativ frühen Tod 1858 ihr Ende und war kinderlos geblieben. Vom Ehepaar Merian-Burckhardt existieren also keine Nachkommen, die eine familiäre Überlieferung bewahrt hätten, und es ist auch kein Nachlass erhalten, der Auskunft über ihr Denken, ihre Lebensgestaltung oder Erlebnisse und Erfahrungen geben könnte. Während vom Mann immerhin einige Dokumente in die Archive gelangten, darunter zahlreiche juristische Akten, die sein Notar aufbewahrt hatte, handgeschriebene Briefkopien über Finanzgeschäfte, die er über seine Bank abgewickelt hat, und verschiedene Unterlagen, die Merian offenbar als Referenz­ papiere aufbehalten hat, weil sie Käufe, Prozesse und Konflikte im Zusammenhang mit seinem Landbesitz betrafen, wissen wir von der Ehefrau fast nichts. Über sie lässt sich gar nichts berichten, solange sie als Ehefrau im Hintergrund geblieben ist, Haus und Hof beaufsichtigt, den Schwiegervater gepflegt, den Mann gestützt hat. Hinreichend dokumentiert sind lediglich ihre vom ältesten Bruder als Vormund begleiteten Aktivitäten als Witwe, soweit sie die Stiftung, die Äufnung weiterer Legate sowie Kirche und Kleinkinderschule von St. Elisabethen betrafen. Dann gibt es noch einige wenige Anekdoten über ‹ Tante ­Gritli ›, und damit hat es sich. Warum der gesamte persönliche Nachlass verschwunden ist, wissen wir nicht. War es Schutz ? Diskretion ? Oder schlicht Gedankenlosigkeit ? Selbst Merians 12


Wozu eine dritte Merian-Biografie ?

Testament galt in seiner Originalfassung als verloren, bis es 1994 zufällig bei einer Familie im Baselbiet entdeckt wurde. Wie soll bei dieser kümmerlichen Ausgangslage eine Biografie entstehen, und gar noch eine dritte nach jener von Traugott Geering von 1908 und Gustaf Adolf Wanner von 1958 ? Natürlich habe ich mir diese Frage auch gestellt, bevor ich den Auftrag der Christoph Merian Stiftung annahm. Bei aller Kargheit der Informationen gewann das Thema aber zunehmend an Vielseitigkeit. Es begann mich zu besetzen, gerade weil Merians Leben so vieles gleichzeitig war : unspektakulär und eigenwillig, versteckt und markant, zurückgezogen und verstrickt mit den Themen seiner Zeit, ein individueller Spiegel der ersten Hälfte des 19. Jahr­hunderts. Die Figur Christoph Merians begann bei längerer ­Beschäftigung zu provozieren :   Merian war Inbegriff eines konservativen Menschen, beinahe in jeder Hinsicht rückwärtsgewandt, aber seine Stiftung war wie wenige offen, zukunftsgerichtet und entwicklungsfähig.   Mit Merian als privilegiertem und bekennendem Vertreter der patrizischen Stadtelite kann man Mühe haben ; in seinem distanzierten, mitunter schrulligen Eigensinn erscheint er aber auch irgendwie sympathisch.   Merian hat in seinen letzten Lebensjahren krankheitshalber schwer ­gelitten, in dieser Zeit tritt er mit seinem Testament in Erscheinung. Krankheit und Testament rückten sein Leben in eine persönliche, existenzielle Dimension, die Respekt abnötigt. Im Testament bestellte er das eigene Haus und beschenkte die Vaterstadt. Damit zeigte er ein über den Tod hinausgehendes soziales Verantwortungsbewusstsein dem eigenen engeren und weiteren Lebens­raum gegenüber.   Merian galt zugleich als Patrizier und Bauer, als Grundbesitzer und Financier, als unerbittlicher Geschäftpartner und frommer Stifter, als grosszügiger Spender und kleinlicher Rappenspalter. Wie passen solche Paradoxien zusammen ?   Merian war Provinzler, er lebte praktisch nur in Basel und – eine knappe halbe Stunde von seinem Stadthaus, dem Ernauerhof, entfernt – auf seinem Gut Brüglingen, aber er lebte in einer turbulenten Zeit der Schweizer und Basler Geschichte und war von deren epochalen Prozessen betroffen. 13


Kapital und Moral

  Merian hat sich der Öffentlichkeit verweigert. Aber war er bescheiden ? ­Gewiss, laut war er nie; aber dezidiert in seiner Gesinnung und in seinen ­Absichten, mithin auch selbstüberzeugt, das war er. Die historische Auseinandersetzung mit anderen Biografien ist immer auch eine bald bewusste, bald unbewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Zeit. Man reibt die Gegenwart an der Vergangenheit und erkennt in den Interaktionen eines Menschen in seinem räumlichen und epochalen Umfeld Positionen, Reaktionen und Konflikte der eigenen Gegenwart. So gesehen, wage ich folgende aktualisierende Zuspitzungen :   Merian war in seiner Reaktion auf das väterliche Geschäftsgebaren ein früher Globalisierungsverweigerer.1 Welthandel und Weltmärkte interessierten ihn nicht. Er war absolut kein Spekulant und Finanzjongleur, sondern ein auf Sicherheit und Solidität bedachter Geschäftmann, der sich in Leben und Geschäft fast ausschliesslich auf einen lokalen Aktionsradius konzentrierte. Er wohnte in Basel, hatte hier seinen Familien- und Beraterkreis, sein Land und – regional etwas weiter gestreut – sein Vermögen. Mobilität galt ihm nichts, ihm genügten die Tapetenwechsel zwischen Basel und Brüglingen.   Die Stiftung des Ehepaars Merian war in ihrer gesamten Konzeption eine politisch kluge Handlung : Sie legte zwar soziale Schwerpunkte, war aber offen für neue Entwicklungen und Bedürfnisse der Stadt. Deshalb kann die Christoph Merian Stiftung sich auch heute noch als hilfreiche Mitträgerin und zukunftsbewusste Schrittmacherin der städtischen Entwicklung behaup­ ten. Natürlich beansprucht jede Stiftung eine Art private Gestaltungsmacht im öffentlichen Leben. Sie erhöht damit die Gestalt des Stifters und enthält ein undemokratisches Element. Andererseits aber entdeckt man heute im Stiftungsprinzip wieder ein effizientes Innovations- und Wirkungspotenzial, das dem staatlichen Handeln aus strukturellen Gründen oft abgeht. Was bei staatlichen Projekten oft in den Kämpfen der Parteien und politischen Profilierungen strandet oder in Kompromissen klein gemahlen wird, kann die private Trägerschaft einer Stiftung professionell initiieren und kompromissloser zu einem guten Ende führen.

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Wozu eine dritte Merian-Biografie ?

  Die heutige Medienwelt ist dermassen von Homestorys und Prominenten­ geschichten überfüttert, dass eine Biografie nicht unbedingt noch mehr davon liefern muss. Die Askese, zu der Merians Hinterlassenschaft den Biografen zwingt, erlaubt den Blick auf das Grundsätzliche : Es gilt, auf dem Lebensweg eines Einzelnen die Sedimente des Zeitalters zu finden, seine Handlungen auch als Auseinandersetzung mit Zeitprozessen und als Positio­ nierung in einem historischen Umfeld zu verstehen. Zu zeigen, wie im Leben des Stifterpaares sich der Ablauf der Epochen des Basler 19. Jahrhunderts spiegelt, dürfte einem Bedürfnis nach historischer Orientierung und Refle­ xion in einer Zeit grassierender Unübersichtlichkeit entgegenkommen.   Am Ende schauen sie uns an, Christoph Merian und später – als Witwe – ­seine Frau, in ihrer Öffentlichkeitsscheu und Beharrlichkeit, in ihrer Sesshaftigkeit und Sparsamkeit, in ihrer Frömmigkeit, Grosszügigkeit und Contenance – als provozierende Gegenfiguren, unmodisch und unmodern, eigentümlich gegen den Strom. Worin unterscheidet sich die vorliegende Biografie von ihren Vorgängerinnen ? Traugott Geering ( 1859–1932 ), verdienter Basler Wirtschaftshistoriker, hat in seinem Gedenkbuch zum 50. Todestag Christoph Merians alle ihm verfügbaren Quellen gesammelt und zu einer historisch-biografischen Erzählung zusammengefügt. Dazu gehörten auch manche mündliche Zeugnisse, die von ihm noch eingeholt werden konnten, sowohl im familiären und sozialen Milieu der ­Merians als auch bei den Nachkommen und Nachfolgern der Merianschen Gutsverwalter. Es sind nie zeitgenössische Aussagen, sondern solche von Spätgeborenen oder von Folgegenerationen, die Anekdoten aus ihrer Familienüberlieferung weitergaben. Geering hat dazu auch kaum Quellen angeführt ausser in den handschrift­ li­chen Randnotizen seiner eigenen, im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv aufbe­ wahrten Handausgabe.2 Trotzdem haben sich manche dieser Mündlichkeiten als feste Fakten in der Merian-Literatur etabliert. Vielleicht zu Recht, vielleicht zu Unrecht. Manches entzieht sich hier der historischen Überprüfbarkeit. Inter­es­ sant bleibt Geerings Gedenkbuch als gut erzählte Vita, welches auch etwas vom Merian-Bild des späten 19. Jahrhunderts verrät, wenn es aus liberaler ­Warte bei Merian mehrfach die Handlungsweise eines ‹ Feudalfürsten › herausstreicht.3

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Kapital und Moral

1958 dann, zum 100. Todestag Christoph Merians, hat Gustaf Adolf Wanner ( 1911–1984 ) auf 450 Seiten eine sehr umfassende Biografie vorgelegt. Sie ist in ihrer Gründlichkeit und dokumentarischen Ausführlichkeit wissenschaftlich ­immer noch wertvoll und unverzichtbar. Wanner hat mit dem Notariats­archiv von Rudolf Schmid-Bloch, Merians juristischem Berater, und der Korrespondenz der ‹ Frères Merian › in den Briefkopierbüchern der Firma ‹ Bourcard Fils & Cie. › in Nantes, aufbewahrt im Segerhof-Archiv, sowie den Kopierbüchern von Vater und Sohn Merian im Archiv des Württembergerhofs neue Quellen­konvolute erschlossen und das Christoph Merian-Privatarchiv im Basler Staatsarchiv geordnet sowie vollständig biografisch ausgewertet. Er hat bis 1963 seine Recherchen zu Merian fortgesetzt und in vielen publizierten und nicht mehr publizierten Aufsätzen festgehalten. Er hat eine grosse Materialfülle nicht nur bewältigt und dokumentiert, sondern auch ganze Quellenkonvolute über viele hundert Seiten transkribiert.4 Wanners Forschungen waren – das sei dankbar vermerkt – auch für die vorliegende Biografie eine unentbehrliche Orientierungshilfe. Aber Wanners ‹ Christoph Merian › hat auch Seiten, die heute schwer verdaulich und wissenschaftlich nicht mehr akzeptabel sind. Er hat Merian zu einer leuchtenden Stiftergestalt emporgehoben und die fragwürdigen Facetten seiner Persönlichkeit, die Konflikte, die er produzierte, und die Einseitigkeiten, die ihn kennzeichneten, weitgehend abgedämpft. Wanner hat von Merian das verklärte Bild eines grossen, frommen und bescheidenen Wohltäters gezeichnet. Zudem hat er das soziale Milieu, dem Merian zugehörte, verabsolutiert und Merians Beziehungsnetz – mangels anderer Quellen – zu einem Biografienkranz von Angehöri­ gen der Stadtelite, des Basler ‹ Daig ›, ausgebaut. Immer wieder schreibt er sich dabei in Mutmassungen hinein, die dem Stifter und seinen Bekannten tiefgründige Gespräche und Vertraulichkeiten unterstellen, welche auf Brüglingen oder im Ernauerhof stattgefunden haben « mochten ». Magere Fakten oder Quellenaussagen geben bisweilen Anlass zu seitenstarken Exkursen, in welchen tiefe geistige Prägungen Merians suggeriert oder poetische Phantasien über sein ­Gemütsleben entfaltet werden.5 Geschmeidiges Loben war Wanners Markenzeichen ; nicht zufällig war der gebürtige Schaffhauser, der sich als Historiker und Publizist dem traditionellen Basel mit Herz und Seele verschrieben hatte, im

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Wozu eine dritte Merian-Biografie ?

Rahmen seiner journalistischen Tätigkeit bei den ‹ Basler Nachrichten › auch ­Basels bekanntester Nachruf-Schreiber. Der Hang zur psychologischen Spekulation hing mit Wanners spezifischem Anspruch zusammen, den er mit seiner Biografie verfolgte. Er hatte sich dazu in einem Arbeitsbericht zuhanden der Christoph Merian Stiftung folgendermassen geäussert : « Die Biografie Chr. Merians, die mir vorschwebt, hätte sich an den breiten Kreis der gebildeten Öffentlichkeit zu wenden. – Sie sollte ihre besondere Aufmerksamkeit darauf richten, die Komponenten sichtbar zu machen, die die Gestalt Merians bestimmen, und die Motive abzudecken, die ihn zu seinen testa­ mentarischen Verfügungen führten, um so vor allem seinen geistesgeschicht­ lichen Standort zu fixieren. Zu diesem Zweck wäre in einem ersten Kapitel das Erbgut seiner Ahnen näher zu untersuchen, in deren Leben und Wirken sich weithin eine ausgesprochen stadtbürgerliche Gesinnung widerspiegelt, die in Chr. Merian zu neuem und grossartigem Durchbruch gelangt ist. Die Schilderung der Jugendjahre und Lehrzeit hätte das tiefgreifende Erlebnis Philipp Emanuel von Fellenbergs in Hofwyl und Ludwig Hofackers in Hohenheim neu heraus­ zuarbeiten … Bei der Darstellung des eigenen Hausstandes wäre eingehend den aus der Familie seiner Frau mächtig ins Leben Chr. Merians einströmenden ­religiösen Kräften nachzuspüren ( Beleuchtung von Daniel Burckhardt-Wildt u. ­Daniel Burckhardt-Forcart ). Im weitern müsste die erschütternde, aber zugleich für das baslerische Staatsbewusstsein ausserordentlich fruchtbare Auswirkung der 1833er Trennung die ihre gebührende Beachtung finden ; sie ist … mit ausschlaggebend dafür geworden, dass Chr. Merian sein Vermögen ausschliesslich der Vaterstadt zukommen liess, was in andern Teilen der Schweiz auffallende Kritik hervorrief. Damit wären m. E. die wichtigsten Elemente für die Behandlung der testamentarischen Verfügungen und der ihnen zugrunde liegenden Motive des Stifters gewonnen. » 6 Wanners historiografischer Anspruch bleibt unvermeidlicherweise diffus. Denn die geistesgeschichtliche Perspektive wird auf einen Mann angewendet, der keinerlei eigene geistige Zeugnisse hinterlassen hat – mit Ausnahme vielleicht des Stiftungsparagraphen 26. Das verführt den Biografen immer wieder zu spekulativen Behauptungen, die untergründige Traditionslinien und perso17


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nelle Prägungen unterstellen, einem obsoleten Basler Aristokratismus huldigen und die dichte Versippung unter den führenden Familien als erbbiologische Errungenschaft darstellen : « So ist denn zu Recht gesagt worden, dass in Christoph Merians Adern reines Basler Blut floss. Es ist nicht mehr das mit der frischen Lebenskraft zeitlich naher bäuerlicher Generationen pulsierende Blut junger Geschlechter, sondern das während Jahrhunderten verfeinerte Blut der durch ungezählte Verbindungen hundertfach unter sich versippten städtischen Familien. » 7 Wanners Bemühung um die « geistige Erfassung der Persönlichkeit » blendet zudem den Blick für lebensgeschichtliche Erfahrung und Veränderung aus. Sie unterstellt eine Wesenskonstanz, wenn sie Christoph Merian etwa Frömmigkeit, Grossherzigkeit, Bescheidenheit als grundlegende Wesensmerkmale zuschreibt. Auch Merians Vater bekommt einen unwandelbaren Charakter zugesprochen. Weil er ein risikofreudig spekulierender Handelsmann war, wird ihm mehrmals Enttäuschung über den eigenen, nicht spekulativen Weg des Sohnes unter­ schoben, obwohl Fakten und Zeugnisse für das Gegenteil sprechen. Die hier vorgelegte Biografie profitiert natürlich selber von den Entwicklungen der Geschichtswissenschaft seit den sechziger Jahren, besonders von ihrer sozialgeschichtlichen Erweiterung, und beabsichtigt eine Darstellung Christoph Merians und – in einem letzten Kapitel – seiner Frau Margaretha als zweier Menschen, deren Lebensform und Handlungen individuelle, aber milieugeprägte Reaktionen auf ihre bewegte Zeit darstellten. Deshalb erhalten die historischen Kontexte, in denen sie sich als Basler Patrizier bewegten, besondere Aufmerksamkeit : Landwirtschaftsreform, Restauration und Regeneration ( Kantonstrennung ), Industrialisierung und sozialer Wandel, das protestantische Basel. Damit gestaltet sich die Lebensbeschreibung zugleich als eine Art Geschichtsbuch zu grundlegenden Themen der ersten zwei Drittel des 19. Jahrhunderts und ihren Brechungen im Spiegel eines privilegierten Basler Paares. Die historische Erzählung ist von teilweise ausführlichen Quellentexten begleitet und von historischen oder dokumentarischen Exkursen. Beides soll die Vielfalt der Epoche der Merians und das Mosaik ihrer Lebensbezüge aufscheinen lassen und statt einer in sich geschlossenen Biografie eher ein Panorama ihrer Lebenszusammenhänge anbieten. Weder ist eine vollständige Dokumentation aller bekannten Fakten, 18


Wozu eine dritte Merian-Biografie ?

etwa zu Merians Landkäufen, angestrebt noch ein Entwicklungsroman zum Merian­schen ‹ Wesen ›, sondern eine Situierung eines privilegierten Lebenswegs im Basel des 19. Jahrhunderts. Daraus soll die Besonderheit der Christoph ­Merian Stiftung verständlich werden.

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Elternhaus und frühe Jahre 1800–1824


Haus ‹ Zum Delphin ›, Rittergasse 10: Sicherheit, Geschlossenheit und sparsame Ästhetik.


Kontexte der Geburt Christoph Merian wurde am 22. Januar 1800 im Haus ‹ Zum Grünen Ring › an der Ecke Freie Strasse/Ringgässlein in Basel geboren. Seine Eltern waren Christoph Merian senior ( 1769–1849 ) und Valeria Hoffmann ( 1773–1834 ). In diesen zunächst banalen Fakten steckt bereits viel Geschichte. Die Merians hatten sich 1498 in Basel eingebürgert. Laut der Autobiografie von Matthäus Merian dem Jüngeren ( 1621–1687 ) stammte das Geschlecht aus dem bischöflichen Jura und hatte sich nach einem gemeinsamen Stammvater Theobald in zwei Linien geteilt, die sich nacheinander in Basel niederliessen. Während die bekannten Künstler Merian, die beiden Matthäus und Maria ­Sibylla, zur jüngeren Linie gehörten, leiten sich die Ahnen von Christoph Merian aus der älteren Linie ab. In ihren Basler Anfängen tauchen sie alsbald in der Zunft zu Spinnwettern, welche die Bauleute, auch Säger, verband, und einige Jahre ­später in der Zunft zu Fischern und Schiffleuten auf. Man kann sich vorstellen, dass sie ursprünglich als Flösser an den Holztransporten aus den Jurawäldern die Birs hinunter und dann den St. Albanteich hinab bis ins Gewerbezentrum des Basler St. Albantals beteiligt waren und sich schliesslich in der Stadt niederliessen und das Bürgerrecht verdienten. Die Nachkommen blieben Schiffsleute und holten sich auch militärische Meriten. Es war dann ein Onophrion Merian ( 1566–1621 ), dem, nicht zuletzt dank einer guten Heiratspartie, der Aufstieg in den Kaufmanns­ beruf gelang. Damit war eine Tradition begründet, die die Familie Merian durch Handel zu Wohlstand und durch eheliche Verbindungen hinein ins Basler Patri­ zi­at führte. Unser Christoph Merian gehörte also zum ‹ Daig ›, jenem Verbund viel­fach untereinander versippter, verschwägerter und geschäftlich verbandelter alt­ein­gesessener Basler Familien, welche die städtische Oberschicht bildeten und ‹ ihre › Stadt als geschlossene Gruppe wirtschaftlich, kirchlich und politisch be24


Kontexte der Geburt

herrschten.8 Die baslerisch-protestantische Grossbürgerlichkeit als Tradition und Milieu ist die eine prägende historische Konstante des Christoph Merian. Seine Mutter, geborene Hoffmann, hat diese Prägung ihrerseits verstärkt. Ihr Vor­fahre war jener berühmte Emanuel Hoffmann, der 1667 den ersten ­Kunstwebstuhl auf riskanten Wegen von Holland über Frankreich nach Basel schmuggelte und damit den Aufstieg der Seidenbandindustrie zur Basler Schlüsselindustrie ­einleitete. Merian-Hoffmann, Handel und Bandfabrikation, das bedeutete auch die Vereinigung zweier Erbvermögen, die für Christoph Merian eine Grundlage seiner Philanthropie, insbesondere natürlich seiner Stiftung, bildeten. Das elterliche Vermögen ist deshalb ein zweiter prägender, historisch gewachsener und verwendeter Faktor seiner Biografie. Christoph Merian wird biografisch fast nur fassbar in seinem Umgang mit Geld und Vermögen. In seinen Investitionen und Investitionsverweigerungen zeigt sich sein Profil, in seinem Umgang mit Geschäftspartnern zeigt sich manches von seinem Charakter, seinen Werten und Abgrenzungen. Geld schafft Beziehungen und Unterschiede. Dafür hatte der Basler Grossbürger Merian ein hoch entwickeltes Gespür, darin drückte sich auch sein politisches Bewusstsein aus. Mit Geld schliesslich war auch der grösste Teil des Merianschen Beziehungsnetzes verknüpft. Symbolisch mag dafür sein Geburtshaus stehen. Denn das Haus ‹ Zum Grünen Ring › an der Ecke Freie Strasse/ Ringgässlein verkörperte einerseits familiäre Tradition – Christoph Merian-Hoffmann hatte es von seinem Vater Samuel Merian-Frey erworben – und andererseits Geschäftsbeziehungen : 1804 verkaufte es Vater Merian seinem treuen Freund und Geschäftspartner Theodor von Speyr. Dieser gründete hier eine Bank, die bis 1912 existierte und dann im Schweizerischen Bankverein und schliesslich in der UBS aufging. Und einen dritten historischen Faktor bildet das Geburtsjahr 1800 : Zwei Jahre vorher hat Basel die helvetische Revolution erlebt, den Aufstand der Land­ schaft gegen die städtische Obrigkeit und den Beginn eines ländlichen Emanzipa­ tionsprozesses, der Merians Leben bis 1833, als sich Baselland zu ­einem eigenen Kanton formierte, und darüber hinaus, begleiten sollte. Mit der Helvetik begann für die Schweiz das turbulente 19. Jahrhundert, in dessen Konflikten sich allmählich die industrielle, demokratisch verfasste Gesellschaft gegen die alte ständische Ordnung durchsetzte. Diese Auseinandersetzungen haben Christoph 25


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