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EXTRA

TOP OF TOSKANA 2018 600 der besten Weine Italiens Brunello, Chianti Classico, Bolgheri und mehr Heisse Tipps zum Ãœbernachten und Essen


Kunst und Wein

Daniel Burens Wand auf Castello di Ama.


Es begann mit Michelangelo Pistoletto: Der Künstler schuf 2000 im Abgang zum historischen Gewölbekeller von Castello di Ama seinen «Baum von Ama»: Damit begann wohl das bis heute beeindruckendste Kunstprojekt eines Weingutes in der Toskana: Castello di Ama for Contemporary Art.

Günter Grass (links mit Stefania Canali) und Dario Fo (rechts mit Peter Femfert) schufen unter anderem Künstleretiketten für Nittardi.

Foto: Castello di Ama

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orenza Sebasti und Marco Pallanti kamen in den späten 80er Jahren nach Castello di Ama. Das Gut war bald eines der ersten, die auf Chianti Classico und Crus setzten: Casuccia, Bellavista oder L’Apparita zählen heute zu den renommiertesten Weinen Italiens. Im Laufe der Jahre entdeckten Sebasti und Pallanti aber immer mehr auch ihre Liebe zur Kunst: Die Idee war, zeitgenössische Arbeiten in den Kontext der alten Gemäuer zu integrieren. Künstler sollten hier ihren Genius Loci erforschen können, sagte Marco Pallanti einmal. So entstand Daniel Burens Wand mit den Spiegeln und Fensterdurchbrüchen im Garten – noch heute eines der beliebtesten Fotomotive bei einem Besuch auf Ama. Dem folgten Kendell Geers, Anish Kapoor, Chen Zen oder Louise Bourgeois. 2016 zeichnete der Künstler Lee Ufan für die Arbeit Topos (Excavated) verantwortlich, 2017 stammt das Werk vom Amerikaner Roni Horn. Ziel von Sebaste und Pallanti ist ein «Gesamtkunstwerk Ama». Der New Yorker Philip Larratt-Smith ist seit 2015 Kurator der Ausstellung. Er meint, «Ama selbst hat den Status eines Kunstwerkes erreicht: eine Wahrnehmung von Authentizität und innerer Wahrheit.» Aber Ama ist längst nicht das einzige Weingut der Toskana, das zeitgenössische Kunst mit Wein in Verbindung bringt: Der Düsseldorfer Galerist und Verleger Peter Femfert zum Beispiel lädt auf seinem Weingut Fattoria di Nittardi jedes Jahr einen Künstler ein, ein Etikett zu gestalten. Dabei hat auch das Gut selbst eine enge Beziehung zu einem Künstler: Im 16. Jahrhundert gehörte es Michelangelo Buonarroti. Über die Jahrhunderte hinweg war das Gut in den Händen verschiedener Eigentümer, bis Peter Femfert 1982 zusammen mit seiner Frau Stefania Canali, Historikerin aus Venedig, übernahm. Seit Anfang 2013 arbeitet Léon Femfert, Stefanias und Peters ältester Sohn, auf dem Weingut. Für den Casanuova di Nittardi Vigna Doghessa Chianti Classico gestaltet seit 1981 jedes Jahr ein internationaler Künstler das Etikett und ein Einschlagpapier, das jede Flasche dieses von Sammlern in aller Welt gesuchten Chianti Classico umhüllt: Zeitgenössische Künstler wie Corneille, Janssen Yoko Ono, Tomi Ungerer, Günter Grass, Dario Fo und Alain Clément haben so ihre Ideen verwirklicht. Das ist noch nicht alles: Auch der Skulpturengarten

KUNST UND WEIN

auf Nittardi umfasst mittlerweile eine grosse Sammlung. Kunstwerke – unter anderem von Horst Antes, Miguel Berrocal, Dietrich Klinge, Raymond Waydelich, Igor Mitoraj, Giuliano Ghelli, Paul Wunderlich, Victor Roman und Friedensreich Hundertwasser – empfangen die Gäste und Besucher von Nittardi. Aber nicht nur zeitgenössische Kunst ist mit toskanischem Wein verbunden: Bereits die Medici waren Mäzene und Förderer einiger der bedeutendsten Künstler Europas, deren Werke heute unter anderem in den Uffizien zu sehen sind. Als Kunstmäzene und -sammler waren über die Jahrhunderte auch die Principe Corsini bekannt. Im barocken Palazzo Corsini in Florenz sind noch immer zahlreiche Werke – unter anderem von Botticelli, Raffael, Caravaggio, van Dyck oder Rubens – zu sehen: Der Palazzo am Arno ist nach Vereinbarung von montags bis freitags zu besichtigen (www.palazzocorsini.it). Und auch die Verbindung zum Wein ist gegeben: Duccio Corsini ist seit fast 30 Jahren einer der wichtigsten Produzenten im Chianti-Gebiet: Neben der prachtvollen Renaissance-Villa Le Corti in San Casciano Val di Pesa, 30 Kilometer von Florenz entfernt, wird vinifiziert. In einem der komfortablen Case Coloniche auf dem Grundstück kann man sogar übernachten – eigener Pool inklusive. Duccio Corsini schätzt auch persönlich die Kombination von Wein und Kunst: So wurden im Getty-Museum in Los Angeles und in der National Gallery of Canada in Ottawa zur Präsentation einer Büste von Bernini aus seiner Sammlung die Weine von Le Corti getrunken.

Adressen Castello di Ama Fraz. Lecchi, I-53013 Gaiole in Chianti Tel. +39 0577 74 60 31, www.castellodiama.com Fattoria Nittardi Loc. Nittardi, I-53011 Castellina in Chianti Tel. +39 0577 74 02 69, www.nittardi.com Villa Le Corti Via San Piero di Sotto 1 I-50026 San Casciano in Val di Pesa Tel. +39 055 82 93 01, www.principecorsini.com


Rocca di Montegrossi, Gaiole in Chianti Vigneto San Marcellino 2012 18 Punkte | 2020 bis 2026 Einladende Aromen von Kirschen und schwarzem Pfeffer, auch feine Würznoten; geschliffen und ausgewogen die Textur, feinkörnige Tannine, punktgenau dimensioniert, feinherb und anregend der lange Ausklang. Kombiniert Eleganz mit Facettenreichtum.

Casa Emma, San Donato in Poggio Chianti Classico Gran Selezione 2013 17.5 Punkte | 2019 bis 2023

Foto: Consorzio Chianti Classico

Noten von Himbeeren, Blüten und heissem Stein; im Mund saftig, frische Säure, zeigt Schliff und grosse Länge auf Schwarzbeerkonfitüre, Gewürzen und Tabak. Kombiniert kompakte Fülle mit Eleganz.

Casa Sola, Barberino Val d’Elsa Chianti Classico Gran Selezione 2013 17.5 Punkte | 2019 bis 2023 Waldfruchtduft, ein Hauch Pfeffer, auch Trockenblumen zeichnen diesen Einzellagenwein aus; im Mund saftig, die Tannine gut eingebunden, lebendige Säure, das Finale harmonisch und ausgewogen. Zu einer Rindsroulade mit Pfifferlingen.

GUIDE CHIANTI CLASSICO

Castello di Ama, Lecchi in Chianti San Lorenzo 2014 17.5 Punkte | 2019 bis 2024 Einnehmende Nase, sehr sortentypisch; am Gaumen mit feinem Schliff und gut eingebundenen festen Gerbstoffen und akzentuierter Säure, verführerisches, angenehm pfefferiges Finale. Ein Wein, der noch reifen sollte.

Castello di Meleto, Gaiole in Chianti Chianti Classico Gran Selezione 2012 17.5 Punkte | 2019 bis 2025 Kirschduftiger Wein mit Kräuternoten; schmeichelnd am Gaumen, seidiges Tannin, eingebettet in feiner Säure, endet lang und frisch. Gefällt mit seiner Finesse und seiner schnörkellosen Machart. Kann reifen.

Colle Bereto, Radda in Chianti Chianti Classico Gran Selezione 2013 17.5 Punkte | 2020 bis 2025 Harmonischer Duft nach kleinen Waldfrüchten, Lakritze und Flieder; kerniger Auftakt, robuste, lebhafte Tannine, spürbare, rassige Säure, das Finale geschliffen und jugendlich. Elegante, fast burgundermässige Gran Selezione, die noch reifen sollte.

Fattoria Poggiopiano, San Casciano Val di Pesa La Tradizione 2012 17.5 Punkte | 2019 bis 2023 Finessenreiches Bouquet nach Johannisbeeren, Trockenblumen und Tabak; saftig, getragen von einer erfrischenden Säure, das Finale vielschichtig und lang. Traditionelle Machart und doch voller Eleganz.

Fattoria Lornano, Monteriggioni Chianti Classico Gran Selezione 2012 17.5 Punkte | 2020 bis 2024 Einnehmende Aromatik von Beeren, Sandelholz und Pilzen; am Gaumen kompakt, die Säure und die Tannine im Einklang, viel Druck im opulenten Finish. Sollte mit der Reife noch an Schmelz gewinnen.

Renzo Marinai, Panzano Chianti Classico Gran Selezione 2011 17.5 Punkte | 2019 bis 2024 Facettenreiches Bouquet mit Aromen von Waldbeeren, Lakritze und Kräutern; der Ansatz saftig, feinkörnige Gerbstoffe, dichter Bau mit einem würzig-fruchtigen Finish. Gefällt mit seiner eleganten Machart, sollte aber noch reifen.

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Die Jahrgänge

Foto: Siffert/weinweltfoto.ch

Jahrgang 2011 Frühe Blüte, frühe Entwicklung der Trauben. In der Folge aber immer wieder Regenphasen, unterbrochen durch Tage mit hohen Temperaturen. Im August und Anfang September waren die Temperaturen hoch, was die frühe Reife der Trauben begünstigte. Sangiovese zeichnet sich durch hohen Alkoholgehalt und moderate Säure aus, der Extrakt sorgt für Alterungsfähigkeit. Ein guter Jahrgang auch in Bolgheri. Jahrgang 2012 Die Vegetationsperiode begann in der zweiten Dekade des Aprils, der Sommer war sehr heiss, mit wenig Niederschlägen. Regenfälle im Spätsommer und Anfang September begünstigten die Reife der Sangiovese-Trauben, während eine folgende Schönwetterperiode auch Cabernet und Co. gut tat. Ein Jahrgang mit Alterungsperspektiven: fünf Sterne in Montalcino. Jahrgang 2013 Winter und Frühling mit Niederschlägen und kühl, es folgte ein Sommer mit Wechsel

DIE JAHRGÄNGE

zwischen Hitze und feuchten Temperaturen, was Rebkrankheiten begünstigte. Stabileres Sommerwetter stellte sich erst im August und September ein. Ab der ersten Oktoberhälfte setzten allerdings in weiten Teilen der Toskana Regenfälle ein. Kein grosser, aber ein solider Jahrgang.

der Traubeninhaltsstoffe sorgten. Gilt als gleichermassen gelungen bei Weiss- wie Rotweinen. Bei Riserve-Qualitäten erwartet man sich einen der seltenen Fälle, dass Fruchtigkeit, Trinkfreude und eine solide Langlebigkeit gegeben sind. Fünf Sterne für Brunello di Montalcino.

Jahrgang 2014 Ein durchwachsenes Jahr: Wer gut im Rebberg arbeitete, konnte solide Ergebnisse in den Keller bringen – vor allem bei den Weissen, aber auch bei Roten. Die Qualität an der toskanischen Küste liegt etwas über dem Durchschnitt: Die Weine haben vom stabileren Klima des tyrrhenischen Meeres profitiert, das weniger von Wetterturbulenzen beeinflusst war. Auch im Chianti waren einige Zonen bevorzugt.

Jahrgang 2016 Mit 51,5 Millionen Hektoliter Weinproduktion war der Jahrgang 2016 in Italien der quantitative Spitzenreiter der vergangenen zehn Jahre. Die Voraussetzungen dafür waren ideal: Der Winter war mild und mit wenig Niederschlägen. Diese folgten dann allerdings im Frühjahr, im Sommer trat Beruhigung ein, so dass die Trauben bei optimaler Reife ohne Stress eingebracht werden konnten. In der Toskana spricht man durch den harmonischen Reifeverlauf von einem hervorragenden Jahrgang.

Jahrgang 2015 Ein sehr harmonischer Reifeverlauf der Trauben wurde durch einen perfekten Herbst abgeschlossen, bei dem kühlere Nachttemperaturen und eine gute Ventilation in weiten Teilen für ein optimale Reife

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Merlot, monumental und mediterran Die Bordelaiser Traube ist wahrscheinlich nicht die perfekteste für die Toskana, aber im Blend mit Cabernet und manches Mal auch Sangiovese ist sie zuverlässig. Auf einigen wenigen besonderen Terroirs im Inland und an der Küste bringt sie allerdings auch Grossartiges hervor. Dreimal top Castello di Ama, Gaiole in Chianti Toscana IGT L’Apparita 2014 18 Punkte | 2020 bis 2025 L’Apparita war noch vor dem Masseto der erste reinsortige Merlot der Toskana (Geburtsjahr 1985). Die Lage im Rebberg Bellavista erstreckt sich über 3,8 Hektar in 490 Metern Meereshöhe im Herzen des Chianti-Gebietes: Der lehmige Boden sorgt in den besten Jahren für einen kraftvollen Merlot, zeigt aber auch in etwas schwierigen Jahren wie 2014 grosses Potenzial: Noten von Schwarzkirschen und Pfeffer; Harmonie am Gaumen, geschliffene Gerbstoffe und viel Substanz sorgen für eine gelungene Symbiose aus Eleganz und Kraft.

Petrolo, Bucine Val d’Arno di Sopra DOC Galatrona 2015 18 Punkte | 2020 bis 2026 In vierter Generation von der Familie BazzocchiSanjust geführt, ist Petrolo eines der Aushängeschilder des toskanischen Weinbaus: Das Gut erstreckt sich über 272 Hektar auf 250 bis 400 Metern Höhe im Val d’Arno Superiore. Der Galatrona ist das Paradepferd im Stall: Der reinsortige Merlot duftet nach Brombeeren und Veilchen, Gewürzen und Kakao; am Gaumen saftig, mit feinmaschigem Tannin, geschliffen und lang.

Tenuta di Trinoro, Chianciano Terme Rosso Toscana IGT Palazzi 2013 18 Punkte | 2020 bis 2027 Andrea Franchetti hatte die Ufer der Gironde im Sinn, als er 1997 den Palazzi erfand, produziert hat er ihn allerdings dann nur drei Jahre, bis 1999. Erst 2009 – in einem hervorragenden Merlot-Jahr – nutzte er die Gunst der Stunde, um den Palazzi wiederzubeleben. Die Selektion der besten Reblagen des Gutes in einer Meereshöhe zwischen 450 und 600 Metern bringt acht Monate in neuem Holz und elf Monate in Zement

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zu, um sich abzurunden: überaus vielschichtige Fruchtaromatik, überraschende Mineralität; am Gaumen komplex, perfekt ausbalanciertes Tannin-Säure-Gerüst, viel Schliff und doch auch Fülle bis ins überaus geschmeidige Finale. Der Überraschungssieger!

Die Verfolger Tenuta Argentiera, Donoratico Bolgheri DOC Superiore Giorgio Bartholomäus 2012 17.5 Punkte | 2019 bis 2024 Ein weiterer Beweis dafür, wie einzelne Lagen in Bolgheri für die Rebsorte Merlot geeignet sind: Giorgio Bartholomäus ist das Ergebnis einer sorgfältigen Auslese von Merlot-Reben, die auf einer Anhöhe von 200 Metern über dem Meer wachsen. Komplexe Nase nach Minze und Schwarzkirschen, auch Noten von Pfeffer und Mandeln; geschmeidige Tannine, gute Säurestruktur, der Abgang angenehm mineralisch und von grosser Eleganz.

Uggiano, San Vincenzo a Torri Merlot di Toscana IGT Petraia 2010 17 Punkte | 2019 bis 2023 Merlot mit etwas Cabernet Sauvignon, 16 Monate in Barriques und dann im grossen Holz gereift: würzig-fruchtige Blume, Aromen von Trockenblumen und Pfeffer; gut gebaut im Mund, robustes Tannin, das sich noch etwas abrunden muss, füllig und lang das Finish.

Colline San Biagio, Carmignano Toscana IGT Merlot Quattordicisei 2013 17 Punkte | 2019 bis 2023 Reinsortiger Merlot von einem kleinen Gut bei Carmignano westlich von Florenz, der eineinhalb Jahre in kleinem Holz reift: ausgewogene Fruchtnase mit feinen balsamischen Komponenten wie Vanille und Schokolade; opulent und doch mit einer eleganten Tannin-Säure-Ader am Gaumen, wirkt geschliffen und doch mit Charakter. Kann auch reifen.

Die Legende Masseto, Castagneto Carducci Toscana IGT Masseto 2014 18.5 Punkte | 2020 bis 2026 Der wahrscheinlich berühmteste Wein Italiens (ganz sicher einer der teuersten) überrascht auch im Jahrgang 2014: Die längste und späteste Weinlese in der Geschichte des Kultweines, die bis 1986 zurückreicht. Aber gerade in diesem Jahr hat der blaue Lehm des Masseto dafür gesorgt, dass er im feuchten Zustand eine wasserdichte Schicht bildet und die Trauben vor übermässiger Wasseraufnahme schützt – was im doch recht verregneten Sommer nötig war. Bei der Lese wurden die Trauben sorgfältig selektioniert, sowohl im Weinberg – in manchen Fällen drei Durchgänge derselben Parzelle – als auch am Sortiertisch. Jede Parzelle des Weinbergs wurde separat vinifiziert, insgesamt acht verschiedene Partien, die auch während der ersten zwölf Monate des Reifeprozesses getrennt ausgebaut wurden. Danach wurde der Wein assembliert und dann für ein weiteres Jahr in Barriques gelagert. Facettenreiche Nase mit Noten von Schwarzbeeren, mediterraner Macchia, Bitterschokolade und Pfeffer; die Gerbstoffe geschliffen und feinkörnig, bei aller Jugend überraschend geschmeidig am Gaumen, vielschichtig das Finale. Nicht mit der Opulenz anderer Jahre, dafür aber mit viel Eleganz und Finesse.

MERLOT

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