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ICON MAI 2018

THROUGH HER EYES


ORGANISCH

Ein Ort wie kein anderer in der Toskana: Blick von oben auf das Castello di Ama; das leuchtende Neon-Kunstwerk oben hängt im Weinkeller und ist von Kendell Geers; Kunstwerk unten von Roni Horn, daneben Gutsbesitzerin Lorenza Sebasti


ALESSANDRO MOGGI(3); MONTAGE ICON; „REVOLUTION/LOVE“, 2003 KENDELL GEERS © 2018 VG BILDKUNST BONN

H

igh Noon der Kultiviertheit, die Spitze der Toskanafraktion hat sich im Castello di Ama eingefunden. Anlass ist die jährlich stattfindende Vernissage auf dem Weingut nahe Siena. In einer Region, deren landschaftliche Verfeinerung und Ästhetisierung seit Jahrhunderten vorangetrieben wird, hat auch die moderne und zeitgenössische Kunst ihren festen Platz: Es gibt die Pioniere, wie Giuliano Gori mit seinem Skulpturenpark Villa Celle, und neuere Konzepte wie den „Art Hunt“, eine Art Kunst-Schnitzeljagd, die über Ländereien, Herrenhäuser und Gehöfte führt. Zahlreiche Sammler haben zudem Residenzen in der Gegend. Und hier, in Ama, hat sich ein Ort etabliert, der trotz öffentlich zugänglicher Weltklasse-Werke ein Geheimtipp bleiben möchte: Besucher werden nur nach Voranmeldung und in Kleingruppen über das Anwesen geführt. Wer das Konzept tiefer ergründen möchte, übernachtet in einem der fünf Gästezimmer, und genießt den Wein des Guts sowie das exzellente Essen. Kultur und Genuss gehören hier zusammen. Lorenza Sebasti und Marco Pallanti haben Ama erschaffen: Sie kümmert sich um die Gäste, er ist für den Wein verantwortlich – und ihre gemeinsame Leidenschaft ist die Kunst. Beide wissen um die zwei Seiten des Ortes: „Ich möchte ihn einerseits schützen und bewahren, aber andererseits ist es mir wichtig, ihn mit der Öffentlichkeit zu teilen – sie soll sanft von der Kunst umarmt werden“, erläutert die Besitzerin ihr Konzept, und es schwingt gleichzeitig Stolz und Sorge in ihrer Stimme mit. Mit fünf- bis sechstausend Besuchern pro Jahr ist man fast an der Grenze dessen, was der Ort verkraftet, ohne seine kontemplative Kraft zu stören. Einen Tag nach der Vernissage wird sich die Öffentlichkeit in Gestalt von Freunden und Mitstreitern aus der Nachbarschaft auf dem Gelände tummeln. Auf Ama, so scheint es, sind viele in der Gegend besonders stolz. Jeder scheint mit dem Ort verbunden oder hat in irgendeiner Art und Weise zum Gelingen des Projektes beigetragen. Am Mittag davor geht es jedoch exklusiv zu. Unter einem Pop-Art-blauen Himmel decken livrierte Kellner auf dem getrimmten Rasen die meterlange Tafel ein, die vor einer Spiegelwand mit Fenstern des französischen Konzeptkünstlers Daniel Buren steht.

Von der Kunst sanft umarmt Sie putzen das Silber, rücken die Korbstühle und die Dekoration zurecht – ein Arrangement aus Trauben, Weinblättern und aufgeschnittenen Granatäpfeln. Die paar Dutzend Gäste begrüßen sich derweil mit Küsschen, probieren den bereitgestellten Rosé und stärken sich mit Antipasti und dem Blick über die Weinberge, die sich wie ein naturalistisches Gemälde vor dem Betrachter ausbreiten. Finde den Fehler? Es gibt keinen. In Ama, einer Ansammlung von Gebäuden aus dem 18. Jahrhundert, 500 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, sind an diesem Tag auch Natur und Kultur miteinander verschmolzen. Zyniker könnte dieses Szenario glatt nervös machen: Vielleicht ist die Toskana ein so guter Ort für die Kunst, nicht weil sie so schön ist, sondern weil sie zu schön ist. Sie fleht förmlich um Reibung von außen. Oder, wie die Gutsbesitzer es formulieren: „Die Natur übertrifft uns immer, und die Kunst strebt stets danach, ihre Perfektion zu erreichen.“ Daran arbeitet hier auch der kanadische Kurator Philip Larratt-Smith. Und um das zu erleben, sind Branchengrößen wie Sam Keller, Museumsdirektor der Schweizer Fondation Beyeler, der deutsche Verleger Gerhard Steidl oder die Direktorin der Londoner Tate Modern, Frances Morris angereist. Marco Pallantis vielfach preisgekrönten Wein aus dem Castello kennen sie bereits. Den konnten sie unter anderem zur Eröffnung der Biennale in Venedig genießen oder auf den privaten Dinners und in den Restaurants, auf denen die Kunstvermittler sonst so ihre Netze auswerfen. Der Grund für die heutige Zusammenkunft in Cinemascope liegt verborgen in einer Kammer, nur einen Steinwurf von den gesellschaftlichen Ritualen an der Mittagstafel entfernt. Man muss sich bücken, um in den unscheinbaren Raum mit dem kleinen, nach Norden ausgerichteten Fenster zu gelangen. Auf dem mit loser Erde ausgestreutem Boden ist ein unbekanntes Objekt („Untitled“) der New Yorker Künstlerin Roni Horn gelandet. Es ist aus Glas und schimmert silbrig diffus. Ist das Objekt fest oder teilweise flüssig? Seine Aura ist jedenfalls geheimnisvoll: „Wie das Fragment eines Himmelskörpers“, sagt Larratt-Smith. Glas sei ein Alltagsmaterial, „aber in dieser Aufbereitung gibt es uns einen neuen und erfrischenden Blick darauf, wie wir die Welt betrachten.“ Und tatsächlich: Horns Kunstwerk entfaltet an diesem Ort eine geradezu überirdische Anziehungskraft – wie ein verschlüsseltes Signal aus der Zukunft,3

AUF DEM GUT CASTELLO DI AMA IN DER TOSKANA GEDEIHT VIELES: WEIN, KUNST UND GASTFREUNDSCHAFT. HEIKE BLÜMNER PROBIERTE VON ALLEM ETWAS UND ENTDECKTE SO EINEN EINZIGARTIGEN ORT, DER KULTUR UND GENUSS VEREINT

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3 eingebettet in die Geheimnisse der Vergangenheit seiner Umgebung. Das Werk ist der aktuelle Neuzugang und eines von 15 weiteren von Künstlern wie Anish Kapoor, Lee Ufan, Louise Bourgeois oder Kendell Geers, die sich auf dem Gelände mal offensiv, mal versteckt dem Besucher offenbaren. Die Spiegelwand von Buren springt sofort ins Auge, ebenso Carlos Garaicoas Installation „Yo no quiero ver más a mis vecinos“ („Ich möchte meine Nachbarn nicht mehr sehen“). Der Kubaner baute dafür berühmte Mauern der Welt auf eine Wiese, darunter die chinesische, die amerikanische und natürlich die Berliner Mauer samt Wachturm. In dieser Umgebung entfalten die Bollwerke gegen tatsächliche und vermeintliche Feinde – im Minigolfformat ihrer Monumentalität beraubt – eine fast schon amüsante Kleingeistigkeit und zeigen damit die Absurdität menschlicher Abschottung auf. Louise Bourgeois’ Installation „Topiary“ (Formschnitt) hingegen befindet sich in einer unterirdischen Zisterne. Man kann sie von oben betrachten oder auf einer wackligen Leiter in das feuchte Loch hineinklettern, wo ein Wesen aus Marmor – teils Mädchen, Blume oder Phallus, je nach Betrachtungsweise weint, tropft oder ejakuliert. Diese Arbeiten, die der Kurator ausdrücklich nicht als „Sammlung, Akquisition oder Open-Air-Museum“, sondern „als Dialog

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zwischen dem Ort und dem Wein“ beschreibt, nahmen 1994 mit einer Installation von Michelangelo Pistoletto ihren Anfang. Es ist ein von innen ausgehöhlter und verspiegelter Baumstamm. Er steht in einem Gang zum Weinkeller und wirkt so, als wäre er genau dort und genau so gewachsen. Später arbeiteten Sebasti und Pallanti lange Zeit mit der renommierten Galleria Continua aus San Gimignano zusammen, bis Larratt-Smith, der zuvor unter anderem acht Jahre als Archivar für Louise Bourgeois tätig war, im Jahr 2015 die künstlerische Leitung des Projekts übernahm. Zu diesem Zeitpunkt war Ama schon über die Grenzen der Toskana hinaus bekannt. Als Lorenzas römische Familie das Weingut in den 70er-Jahren kaufte, sah es hier allerdings noch ganz anders aus: „Die Gegend war total verlassen und das Castello hatte kein Dach.“ Die eigensinnige Tochter, die im Übrigen eine Schulfreundin von Maria Grazia Chiuri ist, hatte sich jedoch in den Kopf gesetzt, den Ort einerseits umzukrempeln und andererseits seinen Charakter freizulegen. Marco, der in den 80er-Jahren frisch vom Önologie- und Landwirtschafts-Studium als junger Winzer engagiert wurde, gelang zunächst genau das mit den Weinen des Hauses: „Mein Wein ist nicht neu, er ist zeitgenössisch, mit Wurzeln in der Vergangenheit“, lautet sein Credo bis heute. Insgesamt

200 Hektar Land bearbeitet er inzwischen mit seinem Team: 300 000 Flaschen Wein pro Jahr kommen dabei heraus. Gerne getrunken werden seine Chianti Classico, aber der berühmteste Wein des Gutes ist „L’Apparita“, der erste toskanische Wein aus hundert Prozent Merlot-Trauben. 1992 gewann er bei einer Blindverkostung gegen hochdekorierte Weingüter Frankreichs und zählt heute zu den berühmtesten Merlots der Welt. Und dann? „Wir wollten nicht noch mehr Weinberge kaufen“, erzählt der Winzer. „Wir wollten das Anwesen weiter düngen – aber mit Kreativität.“ Diese Saat ist aufgegangen. In diesem Jahr freut man sich auf eine Kooperation mit der amerikanischen Künstlerin Jenny Holzer. „Es ist jedes Mal bereichernd“, sagt Lorenza Sebasti, „auch wir sehen den Ort von Jahr zu Jahr wieder mit neuen Augen.“ Und Kurator Larratt-Smith beschreibt einen ähnlichen Effekt für die Besucher: „Es ist eine echte Alternative zu der Art und Weise, wie wir sonst Kunst erleben und wie sie von Profis präsentiert wird.“ Die Besucher scheinen dieses Konzept intuitiv zu begreifen: Sie spähen hinter Türen, wandeln über die Wiese – der Kontakt mit der Kunst hat hier viel Spontanes und wenig Didaktisches. Zumal die sie umgebende Landschaft sich durch nichts in den Schatten stellen lässt. Da kann sich die Kunst weiter dran abarbeiten. Zur Freude aller.

ALESSANDRO MOGGI(4), HEIKE BLÜMNER; „CONFESSION OF ZERO“, 2014 HIROSHI SUGIMOTO; ©DANIEL BUREN/© 2018 VG BILDKUNST BONN

Zeit für die jährliche Vernissage: Die Tafel wird vor Daniel Burens Spiegelwand von 2001 eingedeckt; in der Mitte das Kunstwerk „Confession of Zero“ von Hiroshi Sugimoto; Darunter der Blick ins Gästezimmer

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