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Graffitolog ein integratives GraďŹƒtiprojekt von CasaNova KĂśln


„Wie öffentlich ist der urbane Raum noch? Wem gehört er? Wie wird er genutzt? Welche Formen von Machtund Gewaltverhältnissen der Gesellschaft spiegeln sich in ihm wieder? Mit diesen Fragen setzt sich das politische Kunstprojekt Graffitolog auseinander, wenn es darum geht Graffiti im Zusammenhang mit der Rolle des urbanen Raumes in unserer Gesellschaft zu verhandeln.“

R

etrospektive Graffitolog 2008

Bereits zum fünften Mal fand vom 08.08. bis zum 24.08.08 die Veranstaltungsreihe „Graffitolog“ in der Alten Feuerwache statt, einem selbst verwalteten soziokulturellem Zentrum, dessen Ziel es ist, gesellschaftlich verursachte Benachteiligungen sichtbar zu machen und auszugleichen. Von diesem für das kulturelle Leben der Stadt Köln wichtigen Ort ausgehend, umfasste der 2008 stattfindende Graffitolog verschiedene Kunstaktionen: eine „Hall of Fame“, eine offen zugängliche Fläche zum legalen Malen auf dem Gelände der Alten Feuerwache wurde eröffnet; eine etwas andere Stadtführung fand statt, welche die Straße als eigentlicher Ort des Geschehens von Graffiti und Streetart zeigte; eine Diskussionsveranstaltung mit verschiedenen Rednern und Filmabende mit Graffitidokumentationen bildeten den informativen Teil des Projektes. Begleitet wurde das Rahmenprogramm von Konzerten. Zentraler Anlaufpunkt war und ist aber traditionell eine Ausstellung junger KünstlerInnen aus dem Graffiti- und Streetartumfeld, die als Begegnungs- und Kommunikationsraum die Basis der Veranstaltung darstellte. Hier wurde ein Ort geschaffen, der den Austausch über Graffiti bzw. generell über öffentlichen Raum und dessen Nutzbarkeit auch mit Personen außerhalb der Szene ermöglichte.

Initiiert wird das Projekt alljährlich von der Gruppe CasaNova aus Köln, einem offenen Netzwerk, das sich aus GraffitimalerInnen, WissenschaftlerInnen, KünstlerInnen, SozialarbeiterInnen und interessierten BürgerInnen zusammensetzt. Es geht dieser seit 2000 bestehenden unabhängigen Initiative darum, gerade im Hinblick auf den repressiven Umgang mit der Graffitiszene, alternative Konzepte im Umgang mit Straßenkunst bzw. allgemein mit der Politik und Ästhetik im städtischen Raum zu entwickeln. So wird Graffiti als Ausgangspunkt genommen, um sich mit der politischen und gesellschaftlichen Bedeutung von öffentlichem Raum innerhalb einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft auseinander zu setzen. Gerade im Hinblick auf die zunehmende Privatisierung städtischen Raumes und dem verschärften Sicherheitsdiskurs der letzten Jahre, bekommt eine Auseinandersetzung mit Graffiti eine deutlich politischere Dimension. Wenn in das gewünschte homogene Erscheinungsbild von städtischem Raum, das einen ungestörten Konsum ermöglichen soll, interveniert wird, wenn Menschen dort ihre Spuren hinterlassen, so wird damit auf die Rückeroberung von öffentlichem Raum verwiesen, auf Möglichkeiten sich kreativ mit der eigenen Umwelt auseinander zu setzen, im Raum zu handeln und ihn dadurch zu verändern.


Der „Wimster“ beim Abbau der „Herr+Knecht“ Installation

1. G

raffiti und Streetart Ausstellung

Zentraler Anlaufpunkt war hierbei eine Ausstellung, die es jungen KünstlerInnen aus dem Graffiti- und Streetart-Umfeld erlauben sollte, innovative Arbeiten vorzustellen. Neben diesem eher klassischen Zugang, wurden auch Künstler eingeladen, die selber nur lose mit Graffitiwriting und Streetart verbunden waren, aber gewisse Parallelen aufweisen. Entgegen dem oft unterstellten Konservatismus rund um Graffiti, gehen wir davon aus, das es sich hierbei um eine sich ständig verändernde und weiterentwickelnde Kultur handelt, die dadurch lebt, dass sie immer neue Verbindungen ausdifferenziert und neue Medien und Darstellungsweisen erschließt. Ein Versuch, der sich als Erfolg erwies und gerade künstlerische, auch zum Teil subversive Kommunikation mit der Öffentlichkeit zum Thema hatte.

Gleichzeitig wurde hiermit eine Basis geschaffen, die es ermöglicht, auch mit Personen außerhalb der umgrenzten Subkultur über Graffiti und Kunst im Verhältnis zu öffentlichen Räumen ins Gespräch zu kommen. Verschiedene Aktionen (Stadtführung) und Veranstaltungen (Filmabend, Diskussionsrunden) im Rahmen der Ausstellung förderten zudem den Dialog über Straßenkultur, Graffiti und aktuelle Veränderungen des urbanen Raumes. Jenseits aktueller stadtpolitischer Ausrichtungen entlang eher zweckrationaler Markt- bzw. Marketingüberlegungen, zeigte sich verstärkt soziale Ausgrenzung aus dem öffentlichen Raum als ein entscheidendes Problem, welches zwischenzeitlich auch einen Niederschlag in künstlerischen oder kreativen Umgangsformen mit städtischen Sozialräumen findet. Somit steht auch immer die Frage im Raum, in wie weit gegenwärtige Stadtkultur mit ihren fluiden Verräumlichungen überhaupt sinnvoll in räumliche Teilungspraktiken wie Museen oder aber, um ein anderes Beispiel zu wählen, Skateparks eingeschlossen werden kann. Mehr als 2000 Menschen nutzten die Möglichkeit und besuchten die zweiwöchige Veranstaltungsreihe. Für jene die es verpasst haben, und die, die mit uns zurückblicken wollen, wurde diese kleine Dokumentation erstellt.


1.a V

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Etwa 700 BesucherInnen waren zur Eröffnung anwesend. Musik von Ivan Arrow und weiteren DJ´s ließ uns bis in die frühen Morgenstunden mit den Aktivisten, Freunden und Besuchern feiern. Unsere Erwartungen wurden durch den hohen Andrang übertroffen! Auch in den kommenden Wochen konnten wir pro Tag ca. 100 BesucherInnen zählen. Das Publikum war dabei zu unserer Freude genauso vielfältig wie die ausgestellten Exponate.

Der Herr und sein Knecht (Köln/ GER), Wolfgang „For“ Sturm (FH_Dortmund) & Kristine Arnold (Köln/ GER), Phillip Emde (Köln/ GER), David Jansen (Köln/ GER_KHM, Köln), Stephan Ganoff (Köln/ GER_KHM Köln), Bela Janssen (Berlin/ GER), Dizkid (Köln/ GER_KISD, Köln), Artwars (Bonn/ GER_ Kunstakademie Düsseldorf), Wahn (Köln/ GER) , Fashion kills Personality (Köln/ GER), Christian May (Bonn/ GER), Marcus Müller (Köln/ GER), Paste (Köln/ GER), Du Pham (Köln/ GER), Koet Constructions (Köln/ GER), Paxiode (Köln/ GER)

ernissage

Ausstellende KünstlerInnen 2008


Linke Seite: Impressionen der Vernissage Diese Seite: Ansichten der Ausstellung / Fotos 1, 6 & 7 von Christoph Lenz / freelenz@gmail.com


Links: Interessierte bei Sascha`s Stadtführung Rechts: „Winston & George“ rocken den Bauwagenplatz

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Am Nachmittag konnten Flächen am Veranstaltungsort, dem Wohn- & Kulturprojekt „Wem gehört die Welt“, gestaltet werden. Am Abend feierten dann über 250 BesucherInnen zu einer musikalischen Mischung aus Punkrock, Jungle, Elektro und Rap- Musik. Bedanken möchten wir uns deshalb noch mal bei allen HelferInnen und den Acts des Abends:

Mit den beiden Stadtführungen führten wir Interessierte dahin, wo Graffiti und Streetart eigentlich stattfinden. Die TeilnehmerInnen bekamen so einen Einblick in diese globale Subkultur, ihre Kölner Geschichte, und verschiedene Arbeitstechniken und Stile vermittelt. Hierfür wurden zwei alternative Strecken im Innenstadtbereich zwischen der Alten Feuerwache, dem Aachener Weiher, dem Stadtgarten und der Universität ausgewählt, die unserer Meinung nach wenigstens einen gewissen Teil der Kölner Szene repräsentieren konnte. Auch hier war der Andrang überraschend stark und es bestehen auch weiterhin Anfragen nach weiteren Stadtführungen, denen wir sicherlich in Zukunft nachkommen werden. Mehr noch als die pure Quantität überraschte uns aber die Zusammensetzung des Publikums. War es für uns schwer vorherzusagen, wer da nun kommen würde, stellte sich eine durchaus bunte Mischung aus Kunstaktiven, Streetartkünstlern, Rapmusikern, szene-affinen Teenagern, Eltern mit Kindern, Wissenschaftlern, Architekten oder Journalisten und eben jenen Interessierten ein, die sich schon immer gefragt haben, wie denn Graffiti und Streetart überhaupt funktionieren. Die Stadtführung kam sehr gut bei BesucherInnen verschiedenster Altersklassen an. Auch die Presse zeigte sich sehr interessiert. Am Tag der ersten Stadtführung kamen ca. 200 Besucher. Wir waren begeistert über so viel Interesse!

onzert und Filmabend

zosch, missfortune, bambambabylonbajasch, one man nation, winston&george, das epizentrum Im Rahmen der bereits häufiger initiierten Filmabende „Wri(o)te“ zeigten wir einen Abend später die Dokumentation „Art Incosequence”, welche die heutige Arbeit einer Graffiti-Legende aus dem Ruhrgebiet zeigt, sowie weitere Graffitidokumentationen aus Europa und Brasilien. Bedeutsam erschien uns weniger das Zeigen der Filme an sich, sondern vor allem die Tatsache, dass sie die einzige Möglichkeit darstellen, Außenstehenden einen Einblick in die zum Teil illegale Produktion der Werke, die aktionsgeladene Ästhetik des Normbruchs und eben der alternativen Produktion städtischen Raums zu geben. Weitere Filme ( z.b. ein für die BBC produzierter Kurzfilm von „Lichtfaktor“ aus Köln ) wurden in unserem Ausstellungsraum ca. 100 Interessierten vorgeführt.

raffiti-Stadtführungen durch Köln


Links: Diskussionsabend / Rechts & Oben :Stadtführungen

4. D

iskussionsabend zum Thema: Wie öffentlich ist der urbane Raum?

Auch inhaltlichen Fragen sollte der Graffitolog wieder genügend Raum geben und so organisierten wir eine Diskussionsveranstaltung zum Thema „Wie öffentlich ist der urbane Raum?“. Dies erwies sich für die Beteiligten selber auf der ersten Ebene als relativ unspektakulär. Über was mussten wir uns ansonsten auch immer mit unseren Besuchern verständigen? Die Produktion, der Zugang oder Ausschluss aus und die Umgestaltung von öffentlichen Räumen als demokratisch oder künstlerisch nutzbare Räume, wie der Umgang mit verstärkten Kontroll- und Marktmechanismen im Kontext, standen immer im Mittelpunkt der Diskussionen mit interessierten Außenstehenden. Gerade die Kooperation mit dem Dom - Skateboard Verein erwies sich als höchst interessant, zeigten sich doch immer wieder auffällige Parallelen, die die Stadt Köln im Umgang mit beiden Subkulturen favorisiert. Die Kunsthistorikerin Nicole Grothe eröffnete uns fundiert den politisch-künstlerischen Blick aus der Perspektive der subversiv inszenierten Innenstadtaktionen der 1990er Jahre. Auch für die Zukunft steht somit für uns im Raum, wie politisch künstlerisches Handeln im öffentlichen Raum sein oder werden kann und wie Raum immer auch von Macht durchzogen wird. Ausserdem beteiligten sich unter anderem Vertreter des „Junkie Bundes“, aber auch Aktive aus der Hip Hop Szene mit Redebeiträgen.

Wem gehört also der öffentliche Raum? Was bedeutet dabei eigentlich öffentlich? Und wie eignet man sich diesen ästhetisch, künstlerisch, subversiv oder politisch an, wenn er zusehends unter einem ökonomischen Verwertungsimperativ umgeformt wird? Verfolgte man viele Vorschläge, die im Rahmen des Kölner Bürgerhaushalts aufgeworfen wurden, favorisierten ganz normale Bürger vor allem extrem repressive, ausgrenzende und auf Reinheit und Ordnung abzielende Interventionen. Wie bricht man also die grassierende Law and Order Ideologie auf? Diese Fragen wurden im Rahmen der Podiumsdiskussion aufgeworfen und mit den Vertretern des Dom Skateborarding eV. (Köln) und Nicole Grothe (Autorin von „InnenStadtAktion“, Düsseldorf) besprochen. Als Vertreter von Casanova nahm der Soziologe Sascha Schierz an der Diskussion teil. Die Moderation übernahm Hannes Loh, ehemaliger Musiker bei „Anarchist Academy“ und Autor der Bücher „25 Jahre HipHop in Deutschland“ und „Fear of a Kanack Planet“.


5.D

esignermarkt und Finissage

Im Rahmen der Finissage wurde die Ausstellungshalle der Feuerwache zum Designermarkt und bot zahlreichen jungen Designern die Möglichkeit ihre Kleidung, Accessoires, Magazine etc. zu präsentieren und zu verkaufen. Alternativen und jungen DesignerInnen und KünstlerInnen sollte eine Plattform gegeben werden einen kleinen, wie für sie häufig auch überlebensnotwendigen Ausschnitt ihrer alltäglichen Arbeit zu präsentieren, den wir genussvoll konsumieren durften. Wir stellten den Raum, Tische sowie Musik zur Verfügung. Somit feierten wir auch den letzten Tag des Graffitologs 2008 mit Freunden und Besuchern.

Infografik der neuen „Hall of Fame“

6.E

röffnung Hall of Fame

Die eigentlich auch im Rahmen des Graffitologs geplante Eröffnung der „Hall of Fame“, im Hof der Alten Feuerwache, fand schliesslich am 02. November 2008 mit Musik, Grill und Glühwein statt. Wir verputzten Teile der Wände neu und strichen die Bereiche, die unbemalt bleiben sollen. Seit dem stehen mehrere hundert Quadratmeter rund um die Uhr zum legalen Sprühen zur Verfügung. Das Angebot ist die zweite wirklich legale Graffitifläche in Köln und wird sowohl von den Sprühern als auch von den Besuchern und Mitarbeitern der Alten Feuerwache sehr gut aufgenommen.


S

elbstdarstellung CasaNova

CasaNova existiert seit September 2000 und versteht sich als ein offenes Projekt rund um Graffiti und die Ästhetik bzw. Politik des öffentlichen Raums. Innerhalb eines repressiven Kontextes, wie zum Beispiel im Falle von Köln, bleibt nur die Möglichkeit parteiischer Arbeit, bei der sich betroffene Maler, interessierte Bürger, Sozialarbeiter, Künstler und Wissenschaftler zusammenfinden um an alternativen Konzepten im Umgang mit Graffiti bzw. den öffentlich Raum zu arbeiten. Dabei versuchen wir den Spagat, legales wie illegales Graffiti als Spektrum zu fassen. Wir bemühen uns um Diskussionen über verschiedene Aspekte der Subkultur, veranstalten aber z.b. auch Filmabende und Ausstellungen um und über Graffiti. Ziel ist es nicht nur Graffiti als eine bunte Kultur nach außen darzustellen, sondern auch in der Szene Diskussionen über verschiedene Aspekte der Kultur (z.b. Aufträge, Flächen, Philosophie) anzuregen. Nicht zuletzt bietet dieses Vorgehen den Beteiligten die Möglichkeit sich kommunal- und kulturpolitisch zu äußern und den Umgang mit der Organisation von kulturellen Veranstaltungen zu erlernen. Andererseits versuchen wir durch Veranstaltungen mit Rechtsanwälten und Vertretern der Jugendarbeit den illegalen Teil der Szene aufzuklären und einen Anker zu geben, wenn es brennt. Als unabhängige, ehrenamtliche Initiative unter der ehemaligen Betreuung des Bürgerzentrums Mütze, Köln und aktuell der Alten Feuerwache, Köln sind wir auf Spenden angewiesen. Bisherige Unkosten wurden aus Eigenmitteln erbracht, die wir Teils durch selbst organisierte Veranstaltungen, teilweise durch Spenden oder private Mittel realisiert haben. Ein erheblicher Teil unseres Budgets bestand in der Vergangenheit aus Fördermitteln des Landes (Landesarbeitsgemeinschaft soziokultureller Zentren (LAG)) und der Projekte der „Aktion Mensch“ (Programm 5000x Zukunft).

CASA


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raffitolog 2009

07.08 - 23.08.09 Alte Feuerwache Köln

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nsprechpartner

Presse: Wolfgang Sturm: 0177 / 603 82 68 Künstler: Vicky Kornas: 0163 / 235 85 92 Sponsoren: Marcus Müller: 0175 / 243 49 52 www.casanova-koeln.net casanova-koeln@gmx.de


Graffitolog_2008 Dokumentation  

Eine Dokumentation des Graffiti-Projekts "Graffitolog2008" der Kölner Graffiti-Initiative CasaNova / A documentation of the graffiti-proje...

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