Page 1

MARIANNE VON WALDENFELS JENNIFER DIXON

WIR LIEBEN

VINTAGE der style-guide


MARIANNE VON WALDENFELS UND JENNIFER DIXON IN ZUSAMMENARBEIT MIT

WIR LIEBEN

VINTAGE der style-guide

CALLWEY


Inhalt WIR LIEBEN VINTAGE Mythos Vintage 8 Prominente Vintage-Fans 10 Wie und wo kaufe ich Vintage-Mode? 12

MODEGESCHICHTE ZUM MITREDEN Die Twenties 16 Die Thirties 20 Die Forties 24 Die Fifties 28 Die Sixties 38 Die Seventies 44 Die Eighties 50 Die Nineties 56 Vintage for tomorrow 66

LIEBLINGSSTÜCKE Die Top-10-Investment-Pieces Birkin Bag von Hermès 72 Kelly Bag von Hermès 74 Fake Check Hermès-Tasche · Geldanlage Birkin Bag 75 Wickelkleid von Diane von Furstenberg 76 Rockstuds von Valentino 77 Baguette Bag von Fendi 78 Kurven-Dress von Alaïa 79 Gommino-Mokassins von Tod’s 80
 Box Bag von Céline 81 Horsebit-Loafer von Gucci 82 Speedy Bag von Louis Vuitton 83 Fake Check Louis-Vuitton-Tasche 85


STYLE-GUIDE MODEKLASSIKER Taschenkrönung: Die 2.55 von Chanel 88 So kombiniere ich … die 2.55 90 Fake Check Chanel-Tasche · Geldanlage 2.55 92 Der Klassiker: Trenchcoat von Burberry 94 So kombiniere ich … den Burberry-Trench 96 Modewunder: Das kleine Schwarze 98 So kombiniere ich … das kleine Schwarze 100 Statussymbol: Carré von Hermès 102 So kombiniere ich … das Hermès-Carré 104 Sexbomb: Pigalle-Pumps von Christian Louboutin 106 So kombiniere ich … die Pigalle-Pumps 108 Fake Check Louboutin-Schuh 110

FASHION-REPORT Vintage-Profis im Interview Cameron Silver, Vintage-Guru 114 Caro Daur, Instagram-Phänomen 116 Colleen B. Rosenblat, Schmuckdesignerin 118 Doris Raymond, Vintage-Queen 120 Jasmin Khezri, »Irma«-Erfinderin & Modejournalistin 122 Jessie Weiß, Digitale Fashion-Pionierin 126 Lilly Ingenhoven, Designerin 128 Pearl Lowe, Designerin 130 Tamara von Nayhauß, TV-Moderatorin & Bloggerin 132 Veronika Heilbrunner, Streetstyle-Ikone 134 Viktoria Strehle, Modeprofi & Concept-Store-Besitzerin 136 Clementina Zegna, Künstlerin 138

VINTAGE-INSIDERTIPPS VON CATCHYS Einkaufen, Verkaufen oder für immer tragen Catchys: Wer steckt dahinter? 142 Platz da! Wardrobe-Detox 146 Gut im Geschäft: Der Verkaufsguide 148 Catchys Lieblinge: Vestiaire Collective 152, Secondella, Hamburg 156, Rebelle 160 Die wichtigsten Plattformen im Überblick 164 Ewiges Leben: Wie pf lege ich meine Handtasche? 166 Die weltweit besten Vintage- und Secondhand-Boutiquen 168 Dank/Bildnachweis 175 Impressum 176


WIR LIEBEN

VINTAGE


WIR LIEBEN VINTAGE 7 

Vintage … Dieses vielversprechende verlockende Wort, das uns ständig in den angesagten Fashion-Magazinen und Blogs begegnet. Es erinnert uns an eine Welt, in der prachtvolle Dior-Roben aus den 50ern und mondäne, bunt gemusterte Pucci-Kleider die Hauptrolle spielten, an elegante Chanel-Jacken – Karl Lagerfeld hat bis heute den Schnitt des Originals nicht großartig verändert – und an »Le Smoking«, den legendären Damen-Tuxedo des charismatischen Wunderkindes Yves Saint Laurent. Seit Hollywood-Stars, Fashion-Profis, Blogger und Inf luencer immer öfter in außergewöhnlichen Looks aus den vergangenen Jahrzehnten fotografiert werden, hat sich um Vintage-Mode ein regelrechter Hype entwickelt. Vintage zu tragen heißt, etwas Seltenes, vielleicht sogar Einmaliges anzuhaben, kostbar und von hoher Qualität. Es ist ein Statement für den eigenen Stil. Und gegen die immer schnellere, preiswert kopierte McMassen-Mode. Aber was bedeutet Vintage eigentlich? Wer trägt es? Was sind die begehrtesten Stücke, in die man investieren sollte? Und vor allem: Wo finde ich sie?


Mythos Vintage »Wow! Seit wann hast du denn eine Birkin …?« Neidvolle Blicke auf die orangefarbene Hermès-Tasche mit den zwei Henkeln, die demonstrativ vor uns auf dem Stuhl platziert worden war. Ein prächtiges Stück, offensichtlich nagelneu. Unsere Freundin Alex zog eine Braue hoch, lächelte überlegen und f lüsterte: »Vintage … online günstig geschossen.«

Vintage ist außerdem ein Stück Zeitgeist. Mode wird bleibender Wert verliehen, geliebten Stücken ein neues Leben geschenkt. Nach­h altig­keit statt Fast Fashion.
 Vintage? Wie? Wo? Was? Der Ausdruck »Vintage« stand früher einmal für »Weinlese«, etwas später bezeichnete man damit dann einen besonders guten Jahrgangswein. In der Mode verbindet man damit ebenfalls sofort Qualität und Tradition. Und die Sehnsucht nach einer Zeit, in der Handwerk und Beständigkeit noch Werte waren. Ein Kleidungsstück muss mindestens 20 Jahre alt sein, um als Vintage bezeichnet zu werden. Experten rechnen alles von 1920 bis Ende der 80er-Jahre in diese Kategorie, während die Mode der letzten zehn bis 15 Jahre als »Secondhand« bezeichnet wird. Wir erzählen Ihnen noch einmal die Geschichten der legendären Couturiers und ihrer wichtigsten Kreationen – von Coco Chanel und Cristóbal Balenciaga über Valentino, Ossie Clark und Helmut Lang bis zu den aktuellen Designern, deren Entwürfe man heute kaufen sollte, weil das, was sie kreieren, ganz sicher im Wert steigen wird: wie zum Beispiel (fast) jede Kollektion von Phoebe Philo für Céline. Sie hat auch die Box Bag erfunden, eine der Taschen, die immer wieder als Nummer-sicher-Investition empfohlen wird. So wie die Birkin Bag von Hermès. Um diese und andere ikonische Modestücke – die Rockstuds von Valentino, das Kurven-Kleid von Alaïa – geht es in unserem

Kapitel über die Top-10-Investment-Pieces: einzigartige Designerstücke aus den letzten Jahrzehnten. Vintage ist außerdem ein Stück Zeitgeist. Mode wird bleibender Wert verliehen, geliebten Stücken ein neues Leben geschenkt. Nachhaltigkeit statt Fast Fashion. Auch die Star-Stylisten, die viele Hollywood-Größen einkleiden, bedienen sich gerne in hochwertigen Vintage-Boutiquen, damit ihre Klienten auf dem roten Teppich mit einzigartigen Looks herausragen: zum Beispiel bei Cameron Silver (»Decades«) oder Doris Raymond (»The Way We Wore«), die uns im Kapitel »Fashion-Report« verraten, wie und wo sie ihre kostbaren Stücke finden. Bei Sammlern ist zum Beispiel gerade Christian Dior aus der Zeit von 1947 bis 1957 sehr gefragt, außerdem Vivienne Westwoods Stücke aus ihren Anfangskollektionen. Und natürlich alles von Yves Saint Laurent. Rare, gut erhaltene Vintage-Teile zu finden ist eine Kunst. Sie dann auch noch richtig zu kombinieren, ebenfalls. Im Kapitel »Style-Guide Modeklassiker« geben wir Ihnen Tipps für Ihre Fashion-Bucket-List: fünf Teile, die man im Schrank haben sollte – vom Burberry-Trench bis zum Hermès-Carré. Und wie man sie mit aktuellen Trendteilen für verschiedene Anlässe stylt.

Oben: Hahn im Korb: Karl Lagerfeld bei der H / W-1996 / 1997-HauteCouture-Show von Chanel, umringt von den Super­models der 90er-Jahre. Unten: Märchenhaft schön: Grace Kelly im Jahr 1954 während der Dreharbeiten zum Film »Grünes Feuer« in Kolumbien.


WIR LIEBEN VINTAGE 9 

I

n

Sekund 30 en

Vintage-Wissen Vintage war ursprünglich der englische Begriff für »Weinlese«, später bezeichnete es einen besonders guten Jahrgangswein. Außerdem bedeutet das Wort »hervorragend«, »ehrwürdig«, »alt« und »erlesen«.

Ein Kleidungsstück muss mindestens 20 Jahre alt sein, um als Vintage bezeichnet zu werden. Experten rechnen alles von 1920 bis Ende der 80er-Jahre in diese Kategorie. Es muss den Stil seiner Zeit auf ganz besondere Art verkörpern und sollte in guter Verfassung sein, zum Beispiel keine aufgetrennten Nähte, keine neuen billigen Knöpfe statt der ursprünglichen.

Secondhand nennt man dagegen die Mode der letzten zehn bis 15 Jahre.


Prominente Vintage-Fans Julia Roberts löste mit ihrem Auftritt bei der Oscar-Verleihung 2001 eine gewaltige Vintage-Welle aus. Sie trug ein atemberaubendes Valentino-Kleid in Schwarz und Weiß aus dem Jahr 1992. Der Designer sah im Fernsehen zu und war sichtlich gerührt, erzählte er später, als Roberts in seinem Kleid den Oscar für »Erin Brokovich« entgegennahm. Seitdem griffen auch viele ihrer berühmten Kolleginnen für die Oscar-Verleihung – die glamouröseste Modenacht des Filmjahres – zu großen Roben aus den vergangenen Jahrzehnten: Als Reese Witherspoon 2006 für »Walk the Line« nominiert war, wählte sie eine Christian-Dior-Robe von 1955. Anne Hathaway wurde 2011 in einer roten Traumrobe von Valentino aus dem Jahr 2002 gefeiert und Natalie Portman 2012 in einem zauberhaften roten Vintage-Dior-Kleid von 1954. Aber nicht nur auf dem roten Teppich sorgten Vintage-Looks für Style-Schlagzeilen. Der große Hype begann eigentlich erst, als Stars wie Über-Model Kate Moss in megacoolen vintage-inspirierten Looks auf der Straße fotografiert wurden. Kate kauft bis heute viel in Secondhand-Läden ein, am Anfang ihrer Karriere war sie Stammkundin bei Oxfam. Sie sei ein großer Vintage-Fan, weil die Dinge eine ganz persönliche Geschichte haben, erzählte die Stil­ ikone in einem Interview. Unter anderem besitzt sie eines der legendären Kleider der »Nostalgia of the Mud«-Kollektion von Vivienne Westwood, Cocktailkleider von Jean Dessès aus den 50er-Jahren und Hippie-Dresses von Thea Porter – zum Dinner am Vorabend ihrer Hochzeit mit Jamie Hince trug sie eines davon in Türkis. Kate Moss‘ Look ist fast immer ein genialer Mix aus Alt und Neu. Überhaupt, die Britinnen … Auch Alexa Chung mischt Teile aus früheren Kollektionen oft mit aktueller Mode. Highstreet meets Haute Couture – für ihren einzigartigen Stilmix ist Daphne Guinness weltberühmt. Die Brauereierbin und Modemuse besitzt eine der imposantesten Couture-Sammlungen der Welt – mit über 3000 Stücken. Sie begann ihre beeindruckende Sammlung mit Alaïa und Christian Lacroix, nach und nach kamen unzählige wertvolle Kreationen von Chanel, Givenchy, Philip Treacy, Schiaparelli, Madame Grès, Dior und Balenciaga – und natürlich von ihrem engen Freund Alexander McQueen – dazu. Ein Teil ihrer Garderobe

wurde sogar bei einer Schau von September 2011 bis Januar 2012 im renommierten Fashion Institute of Technology in New York ausgestellt. Sie hatte unter anderem den legendären Modefundus ihrer Freundin Isabella Blow nach deren Selbstmord 2010 aufgekauft. Auch Amerikas ehemalige First Lady Michelle Obama ist bekennende Vintage-Liebhaberin. Beim »Christmas in Washington«-Konzert erschien sie 2010 in einem Cocktail-Kleid aus den 50er-Jahren von Norman Norell. Die Fangemeinde von Designklassikern aus zweiter Hand wächst von Jahr zu Jahr. Wir haben mit einigen prominenten Mitgliedern im Kapitel »Fashion-Report« über ihre Leidenschaft gesprochen. Und über besondere

Der große Hype begann eigent­lich erst, als Stars wie Über-Model Kate Moss in megacoolen vintageinspirierten Looks auf der Straße fotografiert wurden. Shops, Lieblingslabels, außergewöhnliche Fund- und Sammlerstücke. Mit dabei: Streetstyle-Ikone Veronika Heilbrunner, die Blogger und Inf luencer Caro Daur und Jessie Weiß, die Künstlerin Jasmin Khezri, die Fashion-Profis und Stilvorbilder Clementina Zegna di Monte Rubello und Viktoria Strehle, Moderatorin Tamara von Nayhauß und die Designer Lilly Ingenhoven, Pearl Lowe und Colleen B. Rosenblat.

Look we love: Über-Model und Secondhand-Fan Kate Moss in einem gelben Vintage-Kleid von Jean Dessès auf einer Party in New York.


11 

WIR LIEBEN VINTAGE


Links oben: Mustergültig: Ein Model trägt ein Seiden-Cape von Pucci für ein Vogue-Shooting 1968. Der Italiener ist berühmt für seine leuchtenden Farben und wilden Muster. Links unten: Die Topmodels der 90er­ Jahre schrieben Modegeschichte: Naomi Campbell, Cindy Crawford, Linda Evangelista, Yasmeen Ghauri, Elaine Irwin, Karen Mulder, Tatjana Patitz, Claudia Schiffer, Niki Taylor und Christy Turlington. Rechts oben: Fashion-Genie Yves Saint Laurent ist ein absoluter Perfektionist. Kurz vor der Show checkt er hier ein letztes Mal, dass alles sitzt.


»Schatz, das ist doch ein Investment-Piiieeece!« Okay, wir geben es zu. Manchmal ist das auch einfach nur eine verzweifelte Ausrede, wenn wir mal wieder unser Konto für eine sündhaft teure Sofort-Haben-Muss-Tasche überzogen haben. Aber Fashion eignet sich wirklich als Geldanlage. Allein die 2.55 von Chanel, einer unserer Modeklassiker, ist in den letzten Jahren im Wert um 70 Prozent gestiegen. Ein anderes Beispiel: die Birkin Bag von Hermès, das Statussymbol schlechthin, deren Geschichte wir in unserem Kapitel »Lieblingsstücke – die Top-10-Investment-Pieces« erzählen. Diese Tasche gilt als absolutes Nummer-sicher-Investment. Gut, sie kostet auch ab 6000 Euro aufwärts. Aber lässt sich in der Regel auch wesentlich teurer wiederverkaufen. Allgemein gilt: Besonders teuer sind Sondereditionen. Oder streng limitierte Kollektionen. Aber Achtung: Wer sich eine Birkin online aus zweiter Hand kaufen möchte, sollte das unbedingt bei einem Shop tun, der mit einem Expertenteam arbeitet und die Echtheit und Qualität superakribisch prüft. Die beste Anlaufstelle dafür ist die Plattform »Catchys«, eine Suchmaschine, die über fünf Millionen begehrte Modestücke aus zweiter Hand und damit weltweit die beste Auswahl anbietet. Gründerinnen Franzi Majer und Magdalena Oehl sind absolute Secondhand- und Schnäppchen-Expertinnen – und die Herausgeberinnen dieses Buches. Im Kapitel »Vintage-Insidertipps« erzählen sie unter anderem von ihrem aufregenden Business, welche Kollektionen gerade besonders gefragt sind, welche Teile im Wert steigen und worauf man beim Kauf unbedingt achten sollte. Die Community von Modesammlern und Liebhabern von außergewöhnlichen Pre-owned-Teilen wächst von Jahr zu Jahr. Bei »Vestiaire Collective« laufen die Geschäfte gut. Über 3500 Vintage-Produkte werden hier pro Tag neu eingestellt. Mitgründerin Fanny Moizant und

Groß in Vintage-Mode: die Boutique »Gunvor« in Berlin.

Cécile Wickmann, Gründerin von »Rebelle« – ebenfalls ein Marktplatz für gebrauchte Luxusware –, gelten als Pionierinnen der Branche. Aber auch Vintage-Boutiquen, deren Besitzer seit Jahren mit viel Leidenschaft um die Welt reisen, um ihre treuen Kunden mit wirklich einzigartigen Stücken glücklich zu machen, wie die Hamburger Boutique »Secondella«, der Berliner In-Laden »Gunvor« oder die Münchner Institution »Vintage Love«, erfreuen sich großer Beliebtheit. Noch viel mehr Tipps für tolle Designerware aus zweiter Hand für jeden Geldbeutel haben wir im Kapitel »Im Überblick« für sie zusammengetragen: die besten Vintage-Boutiquen, Flohmärkte und Onlineshops.

Wer sich eine Birkin online aus zweiter Hand kaufen möchte, sollte das unbedingt bei einem Shop tun, der mit einem Expertenteam arbeitet und die Echtheit und Qualität superakribisch prüft.

WIR LIEBEN VINTAGE 13 

Wie und wo kaufe ich Vintage-Mode?


MODE-

GESCHICHTE

zum Mitreden


MODEGESCHICHTE ZUM MITREDEN 15 

Mitreißend, berührend, beeindruckend und manchmal auch tragisch: Das sind die Lebensgeschichten der großen Meister der Mode, deren Vintage-Kreationen heute gefragt sind wie nie. Von Coco Chanel, die sich durch nichts unterkriegen ließ, über den schüchternen Spanier Cristóbal Balenciaga bis zum Enfant terrible John Galliano. Ihre Werke sind wahre Kunst, in die Träume und Visionen, endlose Arbeitstage und Nächte und unglaublich viel Herzblut eingef lossen sind. Ihre Schicksale sind oft eng verknüpft mit den Frauen, die den Stil der Dekaden prägten: von der geheimnisvollen Greta Garbo bis zur einzigartigen Kate Moss. Außerdem wollen wir Ihnen auch Designer ans Herz legen, deren Mode noch nicht zu Vintage gezählt wird, weil sie zu »jung« ist. Wie die von Phoebe Philo, die bei Céline ikonische Taschen wie die Trapèze oder die Trio kreierte. Es lohnt sich, jetzt zu investieren – in zehn bis 15 Jahren haben die guten Stücke Sammlerwert.


Die Twenties Coco Chanel Gabrielle »Coco« Chanel (1883–1971) ist wohl die sagenumwobenste Modeschöpferin ihrer Zeit. Es ranken sich unzählige Mythen um die Französin, die das Frauenbild im 20. Jahrhundert für immer veränderte. Ihre Kreationen sind bis heute wegweisend, begehrte Vintage-Stücke und echte Wertanlagen. Gabrielle Chanel kommt aus einfachsten Verhältnissen. Ihr Vater, Henri Chanel, ist Straßenhändler. Ihre Mutter stirbt, als die kleine Gabrielle gerade mal elf Jahre alt ist. Eine Tragödie, denn Vater Henri gibt sie und ihre beiden Schwestern in ein Kloster, in dem die Geschwister die nächsten sieben Jahre verbringen. Dort lernt Gabrielle nähen, und als sie 18 Jahre alt ist, beginnt sie, als Verkäuferin zu arbeiten. Doch Coco ist ehrgeizig. Sie wird die Geliebte des vermögenden Arthur »Boy« Capel, der sie finanziell unterstützt und ermutigt, sich selbstständig zu machen. Im Jahr 1910, sie ist 27 Jahre alt, eröffnet sie ihre erste eigene Boutique »Chanel Modes« in der Rue Cambon in Paris. Coco beginnt, Jacken und Röcke aus Jersey zu schneidern. Sie bevorzugt schlichte Schnitte, klare Linien, die Farben Schwarz und Weiß und für ihre Zeit skandalös kurze Röcke, bei denen man beinahe das Knie sieht. Der große Durchbruch folgt 1926: Sie schneidert ihr erstes »kleines Schwarzes«, jenes Kleid, das bis heute eng mit ihrem Namen verbunden ist. Im gleichen Jahr wird es in der amerikanischen Vogue abgebildet. Im Text dazu heißt es: »Chanel ›Ford‹ – ein Modell, das alle Welt tragen wird – ›Modell 817‹«. Anfang der 30er-Jahre beschäftigt Coco Chanel über 4000 Mitarbeiterinnen, der Betrieb in der Rue Cambon boomt. Doch dann beginnt der Zweite Weltkrieg. Und die Gedanken der Society drehen sich nicht mehr um Mode und Luxus, sondern um Hitler und den Krieg. Chanel schließt ihr Geschäft und zieht in eine Suite im Hotel Ritz an der Place Vendôme. Wegen einer Affäre mit einem adligen Nationalsozialisten fällt sie in Frankreich in Ungnade und f lieht 1944 ins Exil in die Schweiz. Jahre später, 1954, als sie bereits 71 ist, kehrt sie in die Rue Cambon zurück. Der Erfolg von Christian Dior, der mit seinem »New Look« Furore macht, hat ihren Ehrgeiz angestachelt. Sie will es noch einmal wissen. Die Kritiker

warten nur auf ihr Scheitern, ihre erste Kollektion wird völlig verrissen. Doch Chanels etwas kastige Zweiteiler aus Tweed mit leicht ausgestelltem Rock und bortengefassten Jacken sind »Le dernier Cri«, bald gibt es keine Dame der Gesellschaft, die nicht mehrere Chanel-Kostüme besitzt. Bis heute. Ein Jahr darauf erfindet sie einen weiteren Klassiker, die berühmte Tasche 2.55, die sie nach dem Monat und Jahr ihres Entstehens benennt. Eine

In

Sekund 30 en

Cocos Karriere Während ihrer Zeit als Verkäuferin im Garnisonstädtchen Moulins tritt sie auch in Cabarets auf, ihre beiden Standard-Songs »Ko Ko Ri Ko« und »Qui qu’a vu Coco?« bringen ihr den Spitznamen »Coco« ein.

Nach einem Ausf lug an die bretonische Küste entwirft sie das »Breton Top« und stellt es 1917 vor. Heute hat jede Frau ein Streifentop im Kleiderschrank. 1921 lanciert sie ihr Parfum »Chanel N° 5«, das heute als erfolgreichster Duft aller Zeiten gilt. Der endgültige Durchbruch? 1926 – Coco schneidert ihr erstes »kleines Schwarzes«.

Comeback nach dem Zweiten Weltkrieg: 1954 stellt Chanel ihr legendäres Kostüm vor, ein Tweedensemble mit leicht ausgestelltem Rock und bortengefasster Jacke. Ein Jahr darauf erfindet sie ein Fashion-Evergreen: die Tasche 2.55 in diamantförmiger Steppoptik mit Kettenriemen.


MODEGESCHICHTE ZUM MITREDEN 17 

Gabrielle »Coco« Chanel liebte mehrreihige Perlenketten. Sie gilt bis heute als größte Modeschöpferin des 20. Jahrhunderts.

Tasche in diamantförmiger Steppoptik mit Kettenriemen, die sich praktisch über der Schulter tragen lässt. 1971 stirbt Coco Chanel in ihrer Suite im Hotel Ritz. Sie hat nie geheiratet. Und keine Kinder. Seit dem Tod der Gründerin schwindet der Mythos Chanel Jahr um Jahr, die Mode wirkt mit der Zeit langweilig und altbacken. Händeringend suchen die Besitzer, die Brüder Wertheimer, nach einem Designer, der ihre Marke zurück zum alten Kultstatus führt. 1983 wird Karl Lagerfeld zum künstlerischen Direktor der Marke ernannt. Das Modegenie hat mit seinen poetischen, jungen Kreationen bei Chloé begeistert und soll frischen Wind in die heiligen Chanel-Hallen bringen. Nach ein

paar Saisons hat der Hamburger das Label völlig entstaubt und zu alten Höhen zurückgeführt. Er setzt weiter auf die bewährten Klassiker – Tweedkostüm, Goldknöpfe, Perlenketten, Boucléjacken –, aber die Art und Weise, wie er sie immer wieder abwandelt, neu inszeniert und perfektioniert, macht Chanel in kürzester Zeit zum begehrtesten Label der Modewelt. Lagerfelds Schauen sind Spektakel: Er lässt die Chanel Cruise Collection auf einem Boot auf der Seine vorführen, echte Wasserfälle im Pariser Grand Palais rauschen oder eine Rakete starten. Karl Lagerfeld steht wie Coco Chanel für Kreativität, Mut, Zeitgeist und große Kunst: Sie hätte sich keinen besseren Nachfolger wünschen können.


Jeanne Lanvin Die Liebe zu ihrer Tochter ist Jeanne Lanvins größte Inspirationsquelle. Mit der Geburt von Marguerite beginnt ihre Karriere – für sie entwirft sie ihre ersten Kleider: Miniausgaben von ihren späteren langen, üppig bestickten Abendroben. Noch heute zeigt das Emblem von Lanvin ein Bild von Jeanne und ihrer Tochter, angefertigt vom berühmten Modezeichner Paul Iribe im Jahr 1923. Gegründet wird die älteste noch bestehende französische Modemarke unter den Haute-Couture-Häusern von Jeanne Lanvin schon im Jahr 1889. Jeanne (1867–1946) ist die Erstgeborene von elf Kindern und kommt aus einfachen Verhältnissen. Mit 16 Jahren arbeitet sie in einem Pariser Schneideratelier, bevor sie sich 1889 mit ihrem Hutsalon »Lanvin (Helle Jeanne) Modes« auf der Pariser Rue de Boissy selbstständig macht. Später zieht sie mit ihrem Geschäft an eine elegantere Adresse um: 22, Rue du Faubourg Saint-Honoré ist bis heute der Stammsitz des Hauses Lanvin. Auch privat macht die Französin einen großen Schritt: 1895 heiratet Jeanne Lanvin den italienischen Grafen Emilio di Pietro und bekommt mit ihm eine Tochter: Marguerite, genannt Marie-Blanche, Jeannes Ein und Alles. Doch während Jeanne ihre Tochter vergöttert, hat sie von der Ehe schnell genug: Schon 1903 lässt sie sich wieder scheiden, zieht ihr Kind alleine groß und baut ihr Geschäft mit viel Energie und Leidenschaft aus. Weil ihre Kunden ganz begeistert von den bunten Kleidern sind, die sie für ihre heiß geliebte Marie-Blanche schneidert, beginnt Jeanne 1908, einheitliche Mütter-Töchter-Outfits zu entwerfen. Und die werden ein absoluter Hit! Nur ein Jahr später stellt sie dann ihre erste Damenkollektion vor. Wieder ist tout Paris begeistert. 1923 gründet sie eine eigene Färberei, schließlich spielen Farben im Lanvin-Kosmos eine große Rolle. Nach und nach kreiert Jeanne eine Herrenlinie, Lingerie, Interieur und Parfums, sie eröffnet Boutiquen in Buenos Aires, Cannes, Barcelona und Deauville. Jeanne Lanvin besitzt – anders als Coco Chanel – ein Faible für sehr weibliche, verspielte lange Kleider mit aufwendigen Stickereien, Applikationen und Rüschen. Ihre berühmten »Robe de Style«-Kleider haben eng anliegende Mieder, hohe schmale Taillen und weite Röcke, die mit Bändern, Spitzen, üppigen Stickereien und Volants verziert waren. Und sie hat eine Vorliebe für pudrige Farben: das berühmte »Lanvin-Blau« findet sie auf einem Fresko des Malers Fra Angelico in Florenz, das mädchenhafte

»Polignac-Pink« entwickelt sie für die Hochzeit ihrer Tochter mit dem Grafen Polignac. Nachdem Jeanne 1946 stirbt, führt Marie-Blanche das Unternehmen weiter. Da sie keine Kinder hat, fällt Lanvin nach ihrem Tod 1958 an ihren Cousin Yves Lanvin. 1989 muss Yves Sohn Bernhard wegen finanzieller Schwierigkeiten den Hauptanteil des Unternehmens verkaufen. In späteren Jahren sind einige legendäre Designer für Lanvin beschäftigt. Der einf lussreichste: Alber Elbaz, Kreativdirektor von 2001 bis 2015. Er wird für seine eleganten, femininen Kleider gefeiert, die Branche und die Kundinnen lieben seine Mode, und er führt Lanvin zurück zum Erfolg. Zurzeit verantwortet der französische Designer Olivier Lapidus das Design der Damenmode.

Damenhaft und elegant: Ein Model präsentiert Jeanne Lanvins hochgeschätzte »Robe de Style«-Kleider.


19 

GRETA GARBO

MODEGESCHICHTE ZUM MITREDEN

vorbild Stil

»Die Göttliche«, wie die Schwedin ehrfurchtsvoll genannt wird, ist eine der ersten Ikonen im Filmbusiness – unvergessen als »Königin Christine« oder »Anna Karenina«. Ihre Aura? Unnahbar, kühl, verführerisch – dabei unglaublich elegant. Ende der 20er- und in den 30er-Jahren prägt sie gemeinsam mit Marlene Dietrich das Stilverständnis der Frauen. Greta Lovisa Gustafsson, Tochter eines Seemanns, wird 1905 in Stockholm geboren. 1922 bekommt sie ihre erste Filmrolle – und ihren Künstlernamen Garbo. Der Stummfilm macht sie berühmt. Doch als sie 1925 in Hollywood eintrifft, hat Studioboss Louis B. Mayer einiges an ihrer Figur auszusetzen. Sie sei zu dick. Denn die »Garçonne« der späten 20er-Jahre muss dünn sein. 1922 war Victor Marguerittes skandalöser Roman La Garçonne (auf Deutsch: Die Aussteigerin) erschienen und zum Bestseller geworden. Die Hauptfigur Monique Lerbier stürzt sich in Affären mit Männern und Frauen, trägt das Haar kurz, kleidet sich androgyn und liebt und lebt alles, was verboten ist. Greta Garbo nimmt ab, dreht Welterfolge und wird zum Schönheitsvorbild ihrer Generation mit ihren schmal gezupften Augenbrauen und den akzentuierten Wangenknochen. Für ihren richtungsweisenden Film-Look ist ein Mann verantwortlich: Adrian Adolph Greenberg, der sich, seit er 18 ist, schlicht Adrian nennt und Chef-Kostümbildner bei MGM ist. Die glamourösen Kleider und Kostüme, die Greta Garbo, Joan Crawford und Jean Harlow zu Leinwandgöttinnen machen, sind in seinem Atelier entstanden. In die Modegeschichte eingegangen ist der Anzug aus goldenem Lamé, mit dem Greta Garbo in »Mata Hari« großes Aufsehen erregt. Im Privatleben setzt die Schwedin weniger auf Gold und Silber – sie bevorzugt dunkle und gedeckte Farben, enge Rollkragenpullis aus Kaschmir, feine Schluppenblusen, weit geschnittene Hosen und Trench­ coats. Ohne Hut und Sonnenbrille geht sie nur selten aus dem Haus. Ihre Schuhe lässt sie von Salvatore Ferragamo fertigen. Mit ihm hat sie sich angefreundet, nachdem sie ihn 1927 gebeten hat, ihr ein Paar bequeme Schuhe, die trotzdem chic aussehen, anzufertigen. Der Designer macht

Rätselhaft und schön: die schwedische Filmdiva Greta Garbo.

ihr 70 Paar Schuhe mit niedrigem Absatz in verschiedenen Farben, dazu samtene Abendslipper und Sandalen. Ihre bevorzugte Modemacherin für abendliche Outfits ist Valentina Schlee, die ihren Salon von 1928 bis 1957 auf der New Yorker Madison Avenue führt. Die beiden wohnen auch im selben Haus in der East 52nd Street, denn als Garbos Romanze »Die Frau mit den zwei Gesichtern« (1941) f loppt, verlässt sie Hollywood und dreht keinen einzigen Film mehr. Valentina Schlees Mann George, ein Bank­ ier, wird Gretas engster Berater. Und angeblich mehr. Es ranken sich unzählige Klatschgeschichten um die geheimnisvolle Schwedin: gesellschaftliche Skandale, gebrochene Männer- und Frauenherzen. Greta Garbo stirbt kinderlos am 15. April 1990 im Alter von 84 Jahren.


Die Thirties Elsa Schiaparelli Ein Mittagessen im Herbst 1927 verändert ihr Leben für immer: Zum Lunch mit einf lussreichen Modejurnalisten erscheint Elsa Schiaparelli (1890–1973) in einer Eigenkreation: einem schwarzen Pullover, in den eine weiße Schleife eingestrickt ist. Die anderen weiblichen Gäste sind begeistert, einige bestellen bei ihr gleich nach dem Mittagessen ein Exemplar. Etwas später geht bei Elsa eine Order des New Yorker Kauf hauses Lord & Taylor ein: 40 Pullover, so schnell wie möglich. Die internationalen Ausgaben der Vogue bilden das Stück mit Lobeshymnen ab. Noch heute ist einer der »Bow Knot Sweater«, mit dem Elsas rasanter Aufstieg in der Modewelt beginnt, im Philadelphia Museum of Art ausgestellt. Elsa Schiaparelli liebt es, die Menschen zu überraschen. Schon in jungen Jahren hat sie einen Hang zur Rebellion. Sie wächst in einem Renaissancepalast auf, der Vater ist Wissenschaftler, die Mutter eine italienische Aristokratin. Als Teenager fängt sie zum Entsetzen ihrer Eltern an, erotische Gedichte zu schreiben. Zur Strafe wird sie ins Kloster gesteckt. Später verliebt sie sich in den Franzosen William de Wendt de Kerlor, geht mit ihm nach New York und erträgt es, dass er sie ständig betrügt, unter anderem mit der berühmten Tänzerin Isadora Duncan. Kurz nachdem ihre gemeinsame Tochter Gogo geboren wird, lässt sie der untreue Ehemann endgültig sitzen. 1922 kehrt sie abgebrannt nach Europa zurück und lässt sich in Paris nieder. Sie entwirft ab und zu ein paar Kleider für ihre Freundinnen. Doch erst der Schleifenpullover bringt ihr die gewünschte Aufmerksamkeit. Im Dezember 1927, kurze Zeit, nachdem ihr »Bow Knot Sweater« für ihren ersten großen Erfolg gesorgt hatte, gründet sie in der Pariser Rue de la Paix ihr Label. Während ihre Konkurrentin Coco Chanel, die Elsa abfällig »die kleine Italienerin« nennt, auf schlichte Eleganz setzt, dreht sich bei der nur 1,50 Meter großen Modeschöpferin alles um Extravaganz und Theatralik. Sie erfindet den Hosenrock, experimentiert mit Materialien und ungewöhnlichen Farbkombinationen. Und sie liebt das Plakative: optische Täuschungen auf Kleidungsstücken, Schmuck aus Perlhuhnfedern, Knöpfe, die wie Kronen oder Zuckerstücke modelliert sind, sichtbar eingesetzte Reißverschlüsse.

Ihr Freund Salvador Dalí entwirft einen Hut in Form eines High Heels für »Schiap«, wie sie liebevoll genannt wird. Und er ist auch an ihrer legendärsten Kreation im Jahr 1937 beteiligt: einem Abendkleid, dessen Rock ein Hummer schmückt – den hat der berühmte Künstler aufgemalt. Wallis Simpson lässt sich darin für die amerikanische Vogue fotografieren.

Elsa Schiaparelli liebt es, die Menschen zu überraschen. Schon in jungen Jahren hat sie einen Hang zur Rebellion. Elsa Schiaparellis erfolgreichste Jahre sind die zwischen 1934 und 1940. Mit ihren ungewöhnlichen Kollektionen wie »Le Cirque« macht sie Furore: Handtaschen in Luftballonform, mit Elefanten und tänzelnden Pferden bestickte Jacken, Stoffe, die mit Akrobaten bedruckt sind. Dann beginnt der Zweite Weltkrieg, und Elsa schließt ihr Geschäft. Als sie 1945 wiedereröffnet, ist der lebenslustige und avantgardistische Zeitgeist der 30er-Jahre verf logen, ihre exzentrische Kunst ist nicht mehr gefragt. Im Jahr 1954 muss Elsa Schiaparelli ihre Firma aufgeben. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1973 kümmern sich ihre Tochter und ihre Enkeltöchter Marisa und Berry Berenson um sie. Marisa wird selbst weltberühmt: als Model, Schauspielerin und Stilvorbild. Ihre Schwester Berinthia »Berry« Berenson Perkins, ebenfalls Model, ist mit dem Schauspieler Anthony Perkins verheiratet. Tragischerweise stirbt sie bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Diego della Valle, Chef der Tod’s-Gruppe, erwirbt 2006 die Archive und Rechte an der Marke Schiaparelli. Wer heute einen »echten« Schiaparelli erwerben will, muss tief in die Tasche greifen. Bei einer Vintage-Auktion von Christie’s kam eine ihrer extravaganten, mit spiegelnden Glasplättchen bestickten Abendjacken aus Samt von 1939 für über 90 000 Euro unter den Hammer.


MODEGESCHICHTE ZUM MITREDEN 21 

Coco Chanels rebellische Konkurrentin Elsa Schiaparelli begutachtet eine ihrer konservativeren Kreationen am Model.


Marcel Rochas Wie kommt ein Rechtsanwalt dazu, in Mode zu machen? Im Fall von Marcel Rochas (1902–1955) durch die Liebe zu seiner ersten Frau Yvonne Coutanceau. Die träumt nämlich davon, in einem von ihrem zukünftigen Ehemann designten Kleid zum Altar zu schreiten. Als sie 1924 heiraten, erfüllt ihr Marcel diesen Wunsch. Ein Jahr später gründet er sein Couture-Haus in Paris, an einer der feinsten Adressen: 100, Rue du Faubourg Saint-Honoré. In den frühen 30er-Jahren gilt Rochas, der zu den surrealistischen Künstlern seiner Zeit eine enge Verbindung pf legt, als richtungsweisend: Der Franzose schneidert feminine Formen, seine Kleider und Oberteile zeichnen sich durch klare Silhouetten und breite Schultern aus. Rochas setzt auf dramatische Akzente und Stickereien, weltberühmt wird er für die Kreation eines Vogelkleides: ein schwarzes Etui­ kleid mit einer überdimensional großen weißen Taube. 1931 eröffnet er seine erste Boutique an der Avenue Motignan Nr. 12. Als Erster entwirft er Röcke mit Taschen

Schauspielerin Toby Wing in einem bodenlangen weißen Rüschenkleid von Rochas.

1941 wird er für die Erfindung der »Guêpière« gefeiert, eines Miedergürtels, der die Taille erheblich schmälert. und Mäntel in Dreiviertellänge, er nimmt für sich in Anspruch, »Slacks« (Freizeithosen), weit geschnittene lange Flanellhosen, erfunden zu haben. Die amerikanische Vogue verleiht ihm den Spitznamen »Valentino der Couture« – wegen seiner Ähnlichkeit zu dem Schauspieler Rudolph Valentino. Bei der feinen Gesellschaft sind seine Kreationen so beliebt, dass der Legende nach bei einer Society-Party acht Damen im gleichen Rochas-Kleid kamen. 1941 wird er für die Erfindung der »Guêpière« gefeiert, eines Miedergürtels, der die Taille erheblich schmälert. »Waspie« wurde dieser Nachfolger des Korsetts auf Englisch genannt, der den Damen die von Marcel Rochas bevorzugte Hourglass-Silhouette formt. Schauspielerin Mae West macht den »Waspie« weltberühmt. Diese Taillenform war auch das Vorbild seines Parfumf lakons »Femme«, das er seiner Muse und dritten Ehefrau Hélène Nelly Brignole widmete. Die beiden lernten sich in der Pariser Metro kennen. Die Tanz- und Schauspielschülerin war gerade 18, Tochter der ersten Zahnärztin Frankreichs, Marcel bereits 40 Jahre alt und zweimal geschieden. Ein paar Monate später heirateten die beiden. Als Marcel Rochas 1955 stirbt, übernimmt seine Frau, die zu dieser Zeit noch keine 30 Jahre alt ist und sich außerdem um ihre beiden kleinen Kinder kümmern muss, die Leitung des Unternehmens. Sie ist damals die jüngste Firmenchefin in Frankreich. Das ehemalige Model führt die Firma mit großem Erfolg weiter, konzentriert sich allerdings auf den Kosmetik- und Parfummarkt. 1972 verkauft sie Rochas an einen Pharmakonzern, später geht Parfum Rochas an Wella über. Hélène Rochas ist bis zu ihrem Tod fester Bestandteil des internationalen Modejetsets, auf ihrem »My Fair Lady Ball« im Bois de Boulogne 1965 feiert der europäische Hochadel. Erst in den 90er-Jahren wird die Modesparte von Rochas wiederbelebt: vom irischen Designer Peter O’Brien, der dort für 14 Jahre Kreativdirektor bleibt. 2003 tritt der belgische Designer Olivier Theyskens an, um Rochas wieder nach vorne zu bringen, nach drei Jahren trennen sich die Wege wieder. Es folgen Marco Zanini und Alessandro Dell’Acqua, der heute als Kreativdirektor für seine eleganten und innovativen Entwürfe geschätzt wird.


»Eine Frau kann nie zu reich oder zu dünn sein.«

vorbild Stil

WALLIS SIMPSON Es war die größte Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts. Eine Amerikanerin, schon zum zweiten Mal verheiratet, schnappt sich den umschwärmtesten Junggesellen der damaligen Zeit: den britischen König Edward VIII. Wegen Wallis Simpson (1896–1986), einer Bürgerlichen, die nicht einmal besonders hübsch ist, verzichtet er auf den Thron. Und schockiert damit die ganze Welt. Am 10. Dezember 1936 dankt König Edward ab. Im Jahr darauf heiratet er seine Wallis im Chateau de Candé in der Nähe von Tours. Die künftige Herzogin von Windsor trägt ein zartblaues, langes, schräg geschnittenes Kleid aus Seidencrêpe mit Stehkragen von Mainbocher mit dazu passenden Handschuhen – sie hasst ihre Hände. Das Originalkleid ist

Neben Mainboucher, Dior und Givenchy gehört Elsa Schiaparelli zu den Lieblings-Couturiers der Herzogin. In Schiaparellis berühmtem »Lobster Dress« lässt sie sich von Cecil Beaton für die amerikanische Vogue fotografieren. »Eine Frau kann nie zu reich oder zu dünn sein«, ist eines der Lieblingszitate von Wallis Simpson, die als Bessie Warfield im US-Staat Maryland geboren wird und ihren Vornamen ändert, weil er ihr zu unelegant ist. Tagsüber bevorzugt sie Kostüme mit kurzen taillierten Jacken, darüber Pelzjacken oder Stolen. Abends eng anliegende Kleider, die ihre Figur betonen. Und Schmuck. Furchtbar viel Schmuck. Die Herzogin von Windsor liebt alles, was funkelt und glitzert. Gold, Silber, Diamanten, in Form von Colliers, Broschen und Armbändern. Bevorzugt von Cartier, van Cleef & Arpels und Harry Winston. Als ihre Schmucksammlung 1987, ein Jahr nach ihrem Tod, in Genf versteigert wird, beläuft sich der Gesamt­ umsatz auf 31 Millionen Pfund. Unter den Bietern: Joan Collins und Elizabeth Taylor. Damit der Schleier ihres schwarzen Kleides die richtige Länge hat, muss Hubert de Givenchy angeblich die Nacht vor der Beerdigung ihres Mannes im Jahr 1972 durcharbeiten. Simpson stirbt 1986, wird aber bis heute von Modemachern verehrt. Als Madonna 2011 einen Spielfilm über die Liebesgeschichte von Edward und Wallis dreht, widmet Designer Roland Mouret der Herzogin ein bodenlanges goldenes Maxikleid aus Seide in seiner Herbst/Winterkollektion.

MODEGESCHICHTE ZUM MITREDEN

heute im Metropolitan Museum in New York zu sehen. Der Stil der Herzogin von Windsor ist bezeichnend für die späten 30er-Jahre. Sinnlich, weiblich und immer vornehm. 40 Jahre lang steht sie auf den »Best Dressed«-Listen. »Mein Mann hat alles für mich aufgegeben. Ich bin keine schöne Frau«, sagt sie über sich. »Das Einzige, was ich tun kann, ist, mich besser anzuziehen als alle anderen.« Nie sieht man sie nachlässig gekleidet, jeder Look ist durchdacht. Neider behaupten allerdings, Wallis habe den Prinzen mit ihren Liebeskünsten von sich abhängig gemacht. In Hongkong habe sie in einem Luxusbordell eine spezielle erotische Massagetechnik gelernt, der der Prinz verfallen sei.

23 

Hier guckt sie ziemlich unschuldig: Wallis Simpson, die Frau, die das britische Empire ins Wanken bringt.


Die Forties Cristóbal Balenciaga Christian Dior nennt ihn »unser aller Meister«. Der spanische Couturier Cristóbal Balenciaga (1895–1972) gibt in der Haute Couture in den 40er- und 50er-Jahren den Ton an. Für seine Schneidekunst und seine handwerkliche Perfektion wird er bewundert, für seine radikalen Entwürfe frenetisch gefeiert. Balenciaga wird 1895 im spanischen Dorf Guetaria als Sohn einer Näherin geboren. Von seiner Mutter, die für die Marquesa de Casa Torres arbeitet, lernt der Junge schon früh sein Handwerk. Nachdem Cristóbal für die Gräfin eines ihrer Kleider makellos kopiert, ermutigt sie ihn, in Madrid eine Ausbildung als Schneider zu beginnen. Sie unterstützt ihn finanziell bei der Eröffnung seiner ersten Boutique in San Sebastián, da ist er gerade 24 Jahre alt. Kurz darauf folgen Geschäfte in Madrid und Barcelona, bald kauft sogar die königliche Familie bei ihm ein. Doch dann, 1936, beginnt der spanische Bürgerkrieg. Und Balenciaga bricht seine Zelte in Spanien ab. Der junge Modemacher zieht um: nach Paris. In der Avenue George V Nr. 10 eröffnet der Designer, der stets einen blauen Arbeitskittel trägt, eine »Maison de Couture«. In den 50er-Jahren entwirft er Kostüme mit langen Ärmeln und runden Schultern, Kleider, die vorne kurz und hinten lang geschnitten sind, große Abendroben aus schweren Stoffen mit Pailletten, Bändern und Fransen. Der äußerst zurückgezogen lebende Designer, der in seinem Leben nur ein einziges Interview gibt – der britischen Times – experimentiert mit ungewöhnlichen Silhouetten, mit seinen Schnitten scheint er seiner Zeit weit voraus. Er entwickelt die I-Linie: gerade Kleider in leichter Kastenform, ganz ohne Taille, erfindet das Babydoll-Dress und Ballonröcke. Balenciaga geht mit seinen Entwürfen auf die Bedürfnisse seiner Kundinnen ein. So bringt er zum Beispiel den »Schmuckärmel« auf den Markt, einen Ärmel in Dreiviertellänge, der Uhren und teuren Schmuck besonders gut zur Geltung bringt. Überhaupt, Ärmel. Fast obsessiv beschäftigt sich der Couturier mit dem perfekten Ärmelschnitt. Die Damen der feinen Gesellschaft reißen sich um seine Kreationen, zu seinen Kundinnen zählen die elegantesten Damen ihrer Zeit: Marella Agnelli, Gloria Guinness,

Barbara Hutton, die Herzogin von Windsor. Mona von Bismarck habe sogar ihre Shorts von ihm fertigen lassen, heißt es. Als man immer mehr Mode direkt von der Stange kaufen kann, geht Balenciaga zurück nach Spanien. Er ist frustriert, das passt nicht in sein Weltbild. 1972 stirbt er an einem Herzinfarkt.

Die Damen der feinen Gesellschaft reißen sich um seine Kreationen, zu seinen Kundinnen zählen die elegantesten Damen ihrer Zeit. Nach seinem Tod dümpelt die Marke dahin, bis 1997 der Franzose Nicolas Ghesquière auf den Posten des Chef­ designers berufen wird. Er führt das Label wieder dorthin, wo es einst war: an die Spitze. Ghesquière bringt als Erstes die perfekte schwarze Biker-Jacke auf den Markt. Dann gelingt ihm ein weiterer Coup: Als er der Geschäftsführung von Balenciaga eine Tasche aus weichem, dünnem Lammleder mit auffälligen Nieten präsentiert, ist die zuerst wenig begeistert. Doch dann werden Kate Moss und Sienna Miller mit der City Bag fotografiert. Und der weltweite Hype um das gute Stück beginnt. Sie wird bis heute immer wieder neu aufgelegt. 2012 wechselt Ghesquière nach 15 Jahren bei Balenciaga zu Louis Vuitton. Zurzeit ist Vetements-Gründer Demna Gvasalia, wie einst der Gründer visionäres Wunderkind der Mode, für Balenciaga als Kreativdirektor verantwortlich. Wer heute noch ein Original-Balenciaga-Kleid im Kleiderschrank hat, sollte gut darauf achten: Als 2015 bei einer Auktion eine Kreation des Designers aus dem Jahr 1965 versteigert wird, bezahlt der neue Besitzer 56 250 Euro für das rosafarbene, mit Straußenfedern besetzte Abendkleid.

Meisterwerk: Cristóbal Balenciagas Wollmantel mit abgerundeten Schultern und Goldknöpfen.


25 

MODEGESCHICHTE 25 ZUM DieMITREDEN Klassiker


Nina Ricci Ihr wichtigstes Anliegen ist es, Frauen weiblich, vornehm und hübsch aussehen zu lassen, Provokationen und Stilbrüche sind Nina Ricci (1883–1970) fremd. Ihre Kreationen verkörpern den großen Pariser Glamour. Nina kommt als Marie Adélaide Nielli in Turin als Tochter eines Schuhmachers zur Welt. 1895 zieht sie mit ihrer Familie nach Frankreich. Nachdem sie mit Begeisterung Kleidung für ihre Puppen und die Puppen der halben Nachbarschaft fertigt und dabei überzeugendes handwerkliches Talent beweist, beginnt sie bereits im Alter von 13 Jahren in einem Pariser Schneideratelier zu arbeiten,

Griff hat, besitzt allerdings noch ein ganz anderes Talent: Er ist ein begnadeter Parfümeur. 1946 kreiert er seinen ersten Duft, 1948 seinen zweiten: »L’Air du Temps« wird weltberühmt. Es ist die erste Zusammenarbeit mit dem Art-déco-Künstler René Lalique, der den Verschluss des Kristallf lakons entwirft: eine gläserne Taube. 1954, sie ist 71 Jahre alt, zieht sich Nina Ricci aus dem Geschäft zurück. Ihr Assistent, der Belgier Jules-François Crahay, steigt an die Designspitze auf. Er begeistert die Kundinnen sowohl mit schlichten Tageskleidern als auch mit pompösen Abendroben, das Label schafft es sogar auf die Front Page der New York Times. Crahays größter Erfolg: sein »Crocus«-Suit aus dem Jahr 1959. 1964 übernimmt Gérard Pipart das modische Zepter, da Für ihre Kreationen sind leichte Stoffe, Crahay zu Lanvin wechselt. Im Jahr 1970 stirbt Nina Ricfeine Details, zarte Farben, Verzierungen ci, ihr Sohn Robert 1988. Pipart bleibt Nina Ricci über 30 Jahre erhalten. und Stickereien bezeichnend. 2006, nach seinem Abgang bei Rochas, wird Olivier Theyskens als Chefdesigner verpf lichtet. Gerade verantspäter absolviert sie dort eine Ausbildung zur Schneiderin. wortet Guillaume Henry die Modelinie und verbindet Marie, die von ihren Freunden Nina genannt wird, heira- dort Weiblichkeit und Moderne auf geniale Art und Weise. tet 1904 einen Juwelier, Luigi Ricci. Ein Jahr später wird ihr Sohn Robert geboren – Robert, der später die treibende Kraft hinter dem Durchbruch und der weltweiten Modeschöpferin Expansion des Hauses Ricci sein wird. Nina Ricci ist Ihren ersten Job als Designerin erhält Nina beim Mozufrieden mit dehaus Raffin, im Jahr 1908. Dort ist sie über 20 Jahre ihrem Entwurf. lang beschäftigt, steigt sogar zur Partnerin auf, verkauft aber viele ihrer Eigenkreationen an lokale Boutiquen. Erst 1932 gründet sie ihr eigenes Couture-Unternehmen, das »House of Nina Ricci«, in einem einzigen Raum am Boulevard des Capucines 20 mit der Hilfe ihres Sohnes, der sich um den wirtschaftlichen Part kümmert. Die Zusammenarbeit zwischen Mutter und Sohn wird ein riesiger Erfolg, die Zahl der Mitarbeiter wächst schnell von 40 auf 450. Ricci hat vor allem Kundinnen aus dem Großbürgertum, die mehr auf Qualität als auf Extravaganz achten. Nina Ricci arbeitete mit ihren Stoffen direkt am Modell, nie skizziert sie auf Papier. Sie entwirft sinnliche, feminine Silhouetten, die sie oft mit drapierten Stoffen betont, alles Strenge und Maskuline ist ihr ein Dorn im Auge. Für ihre Kreationen sind leichte Stoffe, feine Details, zarte Farben, Verzierungen und Stickereien bezeichnend. Ihre romantischen Roben sind zwar genauso edel, aber mindestens um ein Drittel billiger als die von Chanel und Lanvin. Robert, der geschickt und klug expandiert und die Finanzen im


27 

JOAN CRAWFORD

MODEGESCHICHTE ZUM MITREDEN

vorbild Stil

Auch wenn sich einige nur noch wegen des Skandalbuchs ihrer Adoptivtochter Christina, Mommie Dearest, an sie erinnern, in der sie als machtgierige, ihre Kinder misshandelnde Trinkerin dargestellt wird, hat Joan Crawford (1905–1977) den Stil der Frauen in den 30er- und vor allem in den 40er-Jahren stark geprägt. Sie wird als Lucille LeSueur geboren und wächst in armen Verhältnissen auf. Ihren Durchbruch hat Lucille, die mittlerweile den Künstlernamen Joan Crawford trägt, 1928 mit dem Film »Our Dancing Daughters«, ein Jahr später heiratet sie in die Hollywood-Elite ein: Douglas Fairbanks jun. ist der Sohn von Douglas Fairbanks sen., einem der großen Stars der Stummfilmzeit und Mitbegründer des Filmverleihs United Artists. Nach vier Jahren wird die Ehe geschieden, da Crawford eine Affäre mit ihrem CoStar Clark Gable beginnt. 1932 kreiert der legendäre Kostümbilder Adrian für den Film »Letty Lynton« ein auffälliges weißes Kleid für sie. Obwohl der Film an den Kinokassen f loppt, kopiert das US-Kauf haus Macy’s das extravagante Modell mit den riesigen gerüschten Schultern. Ein gigantischer Erfolg, über 50 000 Stück wandern über die Ladentheke. Zum ersten Mal zeigt sich, welchen Einf luss Hollywood auf die Mode haben kann. Auch der Power-Suit, den Adrian später für die Schauspielerin erfindet, wird vielfach nachgeschneidert. Statt Joan Crawfords breite Schultern zu kaschieren, betont der Kostümdesigner sie extra. Dass Schulterpolster so populär und außerdem zum Ausdruck starker Frauen werden, wird auch Adrian zugeschrieben. Im Scherz erklärt der Designer oft, dass seine Karriere auf den Schultern von Joan Crawford gebaut sei. Joan ist nicht sexy wie Jean Harlow oder makellos schön wie Greta Garbo. Aber sie verkörpert den Frauentyp der 40er-Jahre wie keine andere: emanzipiert, entschlossen, selbstbewusst. Ihr Look wird zum Signaturstil der Dekade: Bleistiftröcke und schmal geschnittene Blazer mit akzentuierten Schultern. Darüber üppige Pelzmäntel mit Schulterpolstern und dazu passende Hüte. Power-Dressing par excellence. Joan ist insgesamt viermal verheiratet, weil sie keine eigenen Kinder bekommen kann, adoptiert

Schauspielerin Joan Crawford in einer Robe ihres Haus- und Hofschneiders Adrian.

sie 1939 ihr erstes: Christina, die später jenes Skandalbuch verfasst, das mit Faye Dunaway in der Hauptrolle verfilmt wird. Kurz danach nimmt sie einen Jungen an, danach zwei Mädchen. Am 10. Mai 1977 stirbt Joan Crawford an einem Herzinfarkt, die Jahre vor ihrem Tod kämpft sie mit massiven Alkoholproblemen. Als ihr Testament eröffnet wird, sind Christina und ihr Bruder enterbt – aus »bekannten Gründen«, wie sie darin schreibt. Ein Jahr später erscheint Christinas umstrittene Abrechnung Mommie Dearest.


Die Fifties Christian Dior Als Christian Dior am 12. Februar 1947 um 10.30 Uhr seine erste Kollektion in der Pariser Avenue Montaigne präsentiert, ist Carmel Snow, die einf lussreiche Chefredakteurin von Harper’s Bazaar, völlig begeistert: »It’s quite a revolution, dear Christian, your dresses have such a new look«, ruft sie dem schüchternen Couturier zu. Diors Kollektion, die er »Ligne Corolle«, Blütenkelchlinie, nennt, weil die Silhouette einer umgekehrten Blume ähnelt, revolutioniert die Modewelt mit ihrer völlig neuen Ästhetik. Und die Bezeichnung »New Look« verbreitet sich rasend schnell im Fashion-Kosmos bis über den Atlantik nach Amerika und schreibt Modegeschichte. Besonders ein Modell der Kollektion hat es den Modeexperten angetan: die »Bar«-Jacke, ein extrem taillierter Blazer mit Schößchen, die die Hüften akzentuieren. Dior hat ihn so genannt, da man ihn am besten zur Cocktailstunde am Nachmittag tragen soll. Dazu wird ein wadenlanger ausgestellter Rock mit Plisseefalten kombiniert. Nach den kargen und sparsamen Jahren während des Zweiten Weltkrieges sind Diors Kreationen eine Hommage an den Glamour der Belle Époche. Stoffe verwendet er verschwenderisch – pro Robe verarbeitet er schon mal bis zu 50 Meter. Er schneidert extrem figurbetonte Linien, rauschende Röcke und schmale Taillen. Und auch die Korsage feiert mit ihm ihr Comeback. Der äußerst zuvorkommende, leicht korpulente Designer Christian Dior gelangt innerhalb kürzester Zeit zu Weltruhm. Er beeinf lusst die Mode der Nachkriegsjahre maßgeblich, wird in den zehn Jahren bis zu seinem Tod 1957 zu einem der wichtigsten Designer des 20. Jahrhunderts. Dior (1905–1957) stammt aus Granville in der Normandie, er ist das zweitälteste Kind des Düngemittel-Fabrikanten Maurice Dior. Christian wächst in dem prunkvollen Herrenhaus »Les Rhumbs« auf, mit seiner Mutter Madeleine pf legt er am liebsten den Rosengarten. Als er fünf Jahre alt ist, zieht die Familie nach Paris, das herrliche Anwesen in Granville wird als Ferienwohnsitz genutzt. Dann – die Tragödie: Der Vater geht infolge des Bankencrashs von 1929 bankrott, die Mutter stirbt aus Gram darüber. Christian, der mit einem Freund eine Galerie betreibt, die sein Vater finanziell unterstützt, muss plötzlich selbst Geld

verdienen. Er beginnt, für das Modehaus von Robert Piguet zu zeichnen und zu entwerfen. Dann wird er während des Krieges vom Militär eingezogen, 1941 allerdings schon wieder aus dem Dienst entlassen. Viel schlimmer trifft es seine jüngere Schwester Catherine. Als Mitglied der Résistance wird sie in Paris von der Gestapo verhaftet und kommt ins KZ Ravensbrück. Acht Monate lang hofft und bangt die Familie – dann wird Catherine 1945 befreit. Die Familie ist außer sich vor Glück. Nach ihr benennt Christian später das Parfum »Miss Dior«. Christian Dior kehrt nach Paris zurück und arbeitet für den Designer Lucien Lelong. Dort freundet er sich mit einem anderen jungen Mann an, der wie er Großes vorhat: Pierre Balmain. Die beiden schmieden Pläne, doch

Nach den kargen und sparsamen Jahren während des Zweiten Weltkrieges sind Diors Kreationen eine Hommage an den Glamour der Belle Époche. als Christian sich aus dem Vorhaben für ein gemeinsames Modehaus zurückzieht, ist Balmain sehr enttäuscht und kündigt bald, um sein eigenes Label zu gründen. Sein Abschied ist bitter für Christian, auf Balmains Farewell-Party vergießt er sogar Tränen. 1946 trifft Dior Marcel Boussac, den französischen Baumwoll-König, der ihm anbietet, sein eigenes Modehaus zu finanzieren. Wie vor jeder großen Entscheidung konsultiert er erst seine Wahrsagerin Madame Delahaye, die Christian zurät. Der Franzose hat einen ausgeprägten Sinn für Vorahnungen und Zeichen des Schicksals, ohne Delahaye zu befragen, geht er nur ungern neue Wege. Ein Jahr später macht Dior, er ist 42 Jahre alt, jedenfalls mit dem »New Look« Furore. Seine Schnitte betonen die weiblichen Formen und sind extrem feminin, Strenge und Funktionalität haben bei Dior nichts verloren. Beinahe jede Saison kreiert er eine neue Silhouette: Kuppel-,

>


MODEGESCHICHTE ZUM MITREDEN 29 

Christian Diors »New Look« ist eine echte Revolution: Er läutet damit ein neues Modezeitalter ein.


MODEGESCHICHTE ZUM MITREDEN

Christian Dior kreiert beinahe jede Saison eine neue Silhouette: von A über H bis Y.

31 

Maiglöckchen- oder Tulpenlinie, A-, H- oder Y-Linie. Seine Mode wirkt wie eine Hommage an seine Vergangenheit, an die heile Welt von früher und seine Kindheit in »Les Rhumbs«. Die üppigen, verschwenderischen Roben, die Wagenrad-Hüte, die überlangen Handschuhe – Dior designte für Frauen, die das Weibliche, Schönheit und Wohlstand verkörpern. Präsidentengattinnen, Hochadel und Hollywood-Diven tragen seine Kreationen. »No Dior, no Dietrich«, drohte Marlene Dietrich angeblich einst. Und: Christian Dior ist einer der ersten der Modebranche, der Lizenzen an Fremdfirmen, z. B. für Strümpfe und Kosmetika, vergibt. Im Sommer des Jahres 1957 beschließt der Designer, im Spätherbst eine Schlankheitskur im italienischen Montecatini zu buchen. Dior liebt gutes, reichhaltiges Essen, es ist eine seiner großen Schwächen. Er will attraktiv sein für seinen jungen Liebhaber, den marokkanischen Sänger Jacques Benita. Die Wahrsagerin, Madame Delahaye, sieht böse Vorzeichen und rät ihm von der Reise ab. Zum ersten Mal nimmt er sie nicht ernst.

Dior designte für Frauen, die das Weibliche, Schönheit und Wohlstand verkörpern. Präsidentengattinnen, Hochadel und Hollywood-Diven tragen seine Kreationen. Am 23. Oktober 1957 erleidet Christian Dior in Montecatini einen Herzinfarkt und stirbt an den Folgen. Er wird nur 52 Jahre alt. Als Nachfolger hat er seinen Kollegen Yves Saint Laurent bestimmt, der für seine erste Kollek­ tion, in der er die Trapezlinie propagiert, hochgelobt wird. Doch Saint Laurent wird, während er Militärdienst leisten muss, von Marc Bohan ersetzt und darf nicht auf seinen Posten zurückkehren. Marc Bohan bleibt 30 Jahre bei Dior, am Ende ist sein konservativer Stil nicht mehr gefragt. Außerdem schaden die vielen Lizenzen, die Dior vergeben hat, dem einst so vornehmen Image des Hauses. Das Erfolgslabel gerät finanziell ins Schlingern und wird Ende der 70erund Anfang der 80er-Jahre mehrfach verkauft. Erst als Bernard Arnault mit ein paar anderen Investoren zusammen Dior übernimmt, wird es saniert und modernisiert.

>


Don’t be like the rest of them, darling Coco Chanel

Was haben Über-Model Kate Moss, Hollywood-Darling Julia Roberts und Streetstyle-Ikone Veronika Heilbrunner gemeinsam? Sie machen vor, wie man Vintage glamourös und alltagstauglich stylt: beim Einkaufen, auf dem roten Teppich, bei den Schauen in Paris, Mailand oder New York.Vintage-Mode zu tragen ist ein Statement für den eigenen Stil geworden. Und in den letzten Jahren auch ein wichtiger Bestandteil der Modeindustrie. Denn der weltweite Hype um Fashion aus zweiter Hand wächst. Aber in welchen Shops findet man außergewöhnliche Schätze zu günstigen Preisen oder zeitlose Klassiker in bester Qualität? Wie kombiniert man Vintage mit aktueller Mode? Worauf muss ich beim Kauf achten? Und beim Verkauf – wenn ich das kanariengelbe Kleid, das vor ein paar Saisons en vogue war, wieder loswerden will? Welche Stücke sind die schickste Geldanlage? Diesen Fragen geht unser umfassender Fashion-Guide auf sachkundige und unterhaltsame Weise nach.

Wir lieben Vintage  
Wir lieben Vintage