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Forum f체r Restauratoren, Konservatoren und Denkmalpfleger

Brandsch채den heilen Eine Datenbank f체r den Friedhof Unrestaurierbar? Tapisserien aus Potsdam Sammlungen aufbewahren

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Juni 2012


Editorial Schöner Schein und Wirklichkeit Von außen betrachtet sieht es beneidenswert aus, wie Restauratoren leben und arbeiten. Sie haben ihre Existenz dort, wo andere Menschen bestenfalls ihre Träume ausschweifen lassen. Viele Klischees werden bedient: ungezwungenes Künstlertum, spät aufstehen, ein ­wenig werkeln und sich mit schönen Dingen umgeben. Die Realität vor allem der freiberuflichen Kollegen sieht ein wenig anders aus. Sehr zeitig aufstehen, lange Strecken im Wagen zurücklegen, bis zu zehn Stunden fröstelnd auf einem Baugerüst stehen und nebenbei noch dringende Terminarbeiten oder Untersuchungen im Atelier erledigen. Feierabend ade! Viele Restauratoren müssen für weniger Geld mehr ­arbeiten als in anderen Berufen – oder nebenbei noch andere Jobs ausüben, weil sie mit ihrem Beruf eher schlecht als recht über die Runden kommen. In den letzten Jahren ist dies vermehrt zu beobachten, auch in meinem Bekanntenkreis. So schön können die schönen Dinge eben nicht sein, dass sie ein Leben am oder knapp über dem Existenzminimum wettmachen. Die Absicherung des Restaurators erinnert in vielen Fällen an Spitzwegs armen Poeten aus dem Jahr 1839. Das legendäre Gemälde veranschaulicht nämlich, dass hinter dem ­vermeintlich schönen Schein künstlerischer Freiheit oft eine wirtschaftliche Abhängigkeit steckt, die viele ins berufliche Abseits befördert. Die hohen Krankenkassenbeiträge und laufenden Kosten müssen erst einmal erwirtschaftet werden – und ab 2013 drohen Selbstständigen vielleicht noch verpflichtende Beiträge in die Rentenkasse (s. www.restauro.de). Woraus resultiert die Notlage der Restauratoren? Restaurator zu werden lag in den letzten Jahren im Trend. Heute drängt sich entsprechend eine Vielzahl an Restauratoren am Markt, darunter solche mit handwerklicher oder akademischer Ausbildung – oder auch gar keiner fachlichen Qualifikation, denn der Beruf ist nach wie vor in den meisten Bundesländern noch nicht geschützt. Auch verlassen zu viele Absolventen die Hochschulen. Das Resultat ist ein Restauratoren-Überschuss, der wiederum für einen beklagenswerten Preisverfall sorgt. Einer unterbietet den anderen. ­Naiv, wer glaubt, dass es noch einen echten Bedarf an weiteren restauratorischen ­Dienstleistern gibt. Man darf aber nicht den Hochschulen alleine einen Vorwurf machen, sind diese doch von der politischen Vorgabe abhängig, eine Mindestzahl an Studierenden aufzunehmen – sonst droht ihrem jeweiligen Standort das Aus. Zu bemängeln sind vor allem die Kürzungen im kulturellen Bereich, die damit einhergehenden geringeren Auftragsvergaben und der Stellenabbau. Aber auch einige Restauratoren muss man tadeln. Nämlich jene, die die eigenen Leistungen zu günstig anzubieten. Über die hierdurch verursachten Auswirkungen auf ein ganzes Berufsfeld spricht Johannes Jäger-Waldau in diesem Heft (S. 16). Wir danken für die offenen Worte! Restaurierung darf, nein, muss sogar Geld kosten. Sie werden mir sicherlich beipflichten, dass der Job des Restaurators anspruchsvoller ist als z. B. der des Klempners. Man sollte also meinen, dass sich dies auch in der Vergütung niederschlägt. Weit gefehlt. Der ehemalige VDR-Präsident Prof. Volker Schaible brachte diesen Sachverhalt auf einer Pressekonferenz im Oktober sehr gut auf den Punkt: »Es ist lukrativer, einen Wasserhahn zu installieren, als einen Raffael zu restaurieren«. Das darf nicht sein. Die Restaurierung verlangt dem Fachmann viel Kreativität und Fachwissen in der Lösungsfindung sowie einen hohen handwerklichen Standard in der praktischen Ausführung ab. Das muss entsprechend vergütet werden. Vom Interesse an dem schönen Beruf alleine kann keiner leben. Was zählt sind Zahlen, auch die Umsatzzahlen.

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Inhalt 55

Herausforderung Kunstdepot

restauro aktuell  3

Editorial

Blickpunkt  6 Kurz und Bündig – Neuigkeiten auf einen Blick  6 Schleuderguss als Hilfsmittel in der Restaurierung  7 Neuentwicklung zur Festigung mit Aerosolen  8 Nachruf: Prof. Jan Schubert verstorben  8 Forschungen zu Werken Rembrandts gestartet

Foto/© Ines Miersch-Süß

Nachgefragt 10 Zwischen Aufklärung und Kunst. Johanna Lang über die Konservierung, Lagerung und Handhabung von Wachsmoulagen Unterwegs 14 Schädlingsbekämpfung in Museen – ein Status quo

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restauro Themen

Hilfe nach dem Brandanschlag

Johannes Jäger-Waldau 16 Wilkommen in der Realität Eine Betrachtung der momentanen Marktentwicklung Sarah Hanini und Judith Teichmann 20 Erfassung, Bewertung und Katalogisierung von Denkmalgruppen Entwicklung eines Datenbankmodells am Beispiel der 20 Mausoleen des Südwest­ kirchhofes Stahnsdorf Jonny W. Stadler 28 Heilung nach dem Brandanschlag Die Konservierung und Restaurierung eines brandgeschädigten Kruzifixes aus dem Städtischen Klinikum Mannheim Hiltrud Schinzel und Brigitte Freericks 36 »Schweigendes Wissen« und Kommunikation Teil 2: Ein Beispiel interdisziplinärer Zusammenarbeit: Das Gemälde »Mann mit Axt« von Will Küpper 46

Christa Zitzmann, Nadja Kuschel und Ute Rönnecke Friedrichs Kartoffeln retten des Königs Luxus Die Restaurierung einer Wandbespannung aus dem Jahre 1768

Ines Miersch-Süß 55 Herausforderung »Projekt Sammlungsdepot« Eine Einführung

Foto/© Jonny W. Stadler

Stefan Fleck, Karl Reuter und Joachim Huber 61 Das kostenoptimierte Kunstdepot unter Einhaltung zeitgemäßer Standards Das Beispiel des neuen Zentraldepots KHM Wien, Teil 1: »Das Gebäude«

restauro rubriken 64 Termine + Ausstellungen 65 Vorschau 4

66 Stellenanzeigen + Vergabewettbewerbe 66 Impressum 4/2012


Inhalt Will Küpper: Interdisziplinäre Spurensuche

Foto/© Hildrud Schinzel

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Foto/© Textilrestaurierung SPSG 2010

46 Eine pfiffige Lösung für das Tressenzimmer

Forum für Restauratoren, Konservatoren und Denkmalpfleger

RESTAURO 4/2012

BRAnDSchäDEn hEilEn EinE DATEnBAnK FüR DEn FRiEDhOF UnRESTAURiERBAR? TApiSSERiEn AUS pOTSDAm SAmmlUngEn AUFBEwAhREn

Titelbild Dertail einer Christusfigur aus Mannheim. Zustand nach dem Brandanschlag. Foto/© Jonny W. Stadler

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Juni 2012

Die in RESTAURO veröffentlichten Ansichten der Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen. Bildnachweis: Soweit nicht anders angegeben, stammen die Abbildungen von den Autoren.

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Forum für Restauratoren, Konservatoren und Denkmalpfleger 118. Jahrgang

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Für die Zukunft gestalten.

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Mit dem neuen Aerosolgenerator »Partulizer« ist es nun möglich, nicht nur wässrige Lösungen, sondern auch organische Lösungsmittelsysteme zu vernebeln. So lässt sich eine Vielzahl von fragilen Oberflächen berührungslos festigen, wie hier (im Bild) Gouachefarben auf Kunststofffolie.

Foto/© Andrea Pataki-Hundt

Blickpunkt

Neuentwicklung zur Festigung mit Aerosolen

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ten Gerätes, dem sog. »Partulizer«. Dieser besteht aus den chemisch inerten Materialen Glas und Teflon, die von organischen Lösungsmitteln nicht angegriffen werden und somit eine Kontamination der Klebstofflösung vermeiden. Die Funktionsweise des »Partulizers« entspricht den bisherigen mit Druckluft betriebenen Geräten. Mit dem Gerät, das standartmäßig 100 ml (auf Wunsch auch größere Mengen) fasst, lassen sich Alkohole, Ketone, Benzine und eine Reihe von Klebstofflösungen vernebeln, wobei (so die Testergebnisse) die Partikel kleiner als 5 µm sind. Der neue Aerosolgenerator, den man bei der Autorin anmieten oder käuflich erwerben kann, wurde schon in der Praxis erprobt, unter anderem bei der Festigung eines Textilentwurfs (s. Abb. oben). Im Umgang mit dem Gerät (wie auch mit Aerosolen generell) ist zu beachten, dass Aerosole so klein sind, dass sie lungengängig sind. Arbeitsschutz muss also an erster Stelle stehen. Werden Wasser oder in Wasser gelöste Klebstoffe vernebelt, so schützt sich der Anwender mit einer Staubmaske, da die wässrigen Aerosole nicht durch ein Vlies hindurch dringen können. Werden allerdings Lösungsmittel vernebelt, so muss sich der Restaurator mit einer Aktivkohlemaske schützen. Um auch angrenzende Arbeitsräume zu sichern, sollte unter einem Abzug oder einer fahrbaren Abzugshaube gearbeitet werden. Je feuchter ein Raum ist, desto stabiler sind Aerosole und können sich in der Luft halten. Aus diesem Grund ist das Arbeiten unter Abzug, v. a. mit Lösungsmitteln, dringend angeraten. Weitere Details zur Anwendung des »Partulizers« sind einem Beitrag von Andrea Pataki-Hundt zu entnehmen: Funktionsweise von Nebulizern und eine Neuentwicklung für organische Lösungsmittelsysteme, in: Beiträge zur Erhaltung von Kunst-und Kulturgut 9/2 (2011), S. 64–73. Andrea Pataki-Hundt Unterer Birkenweg 10, 71229 Leonberg, Tel. 0 71 52/90 76 62

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Pudernde Malschichten und fragile Oberflächen ­erfordern häufig ein berührungsfreies Festigen. Die Klebstofflösung muss folglich als Aerosol, d. h. in vernebelter Form, aufgebracht werden. Hierfür kommen in der Restaurierung seit rund zwei Jahrzehnten modifizierte Ultraschallgeräte oder Druckluftvernebler (sog. Nebulizer) aus der Medizintechnik erfolgreich zum Einsatz. Bekannte durch Ultraschall betriebene Generatoren sind z. B. der AGS 2000 (www.zfb.com) oder der Ultraschall-MiniVernebler (www.deffner-johann.de). Bei den Ultraschallgeräten wird das Aerosol mit ­Hilfe eines Ultraschallverneblers erzeugt und über eine Luftpumpe nach oben durch den Schlauch transportiert. Die Druckluftvernebler hingegen werden an einen Kompressor angeschlossen, ein LuftFlüssigkeits-Gemisch wird erzeugt, wodurch etwas höhere Klebstoffkonzentrationen vernebelt werden können. Nachteilig ist hier der relativ hohe Luftstrom, auch Gas-Partikel-Strom genannt, der durch den Kompressor erzeugt wird. Es besteht die Gefahr, dass lose und pudernde Teile abgehoben werden. Beide Gerätearten können Flüssigkeiten mit einem Tröpfchendurchmesser von unter 10 µm vernebeln. Sie erzeugen also Teilchen, die wesentlich kleiner sind als solche, die mit Pumpsprayern oder mit Airbrushpistolen erzeugt werden, was für die Festigung unbedingt notwendig ist. Beide Gerätearten sind gut geeignet, Wasser und wässrige Lösungen von Klebstoffen zu vernebeln, wie z. B. Proteinklebstoffe, ­Gelatine, Hausenblase oder Celluloseether. Ein Desiderat war bislang jedoch das Vernebeln von organischen Lösungsmitteln und ihren Klebstofflösungen, wie z. B. Klucel in Ethanol oder Paraloid B72 in Ethylacetat. Diese konnten die gängigen Generatoren bislang nur äußerst eingeschränkt vernebeln, denn die beschriebenen Geräte sind überwiegend aus Kunststoff gearbeitet, die in organischen Lösemitteln bedingt oder nicht beständig sind. So kam es zur Entwicklung eines dafür konfigurier-

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Themen Johannes Jäger-Waldau

Willkommen in der Realität Eine Betrachtung der momentanen Marktentwicklung

Foto: Redaktion RESTAURO

Die Marktlage stellt zurzeit zahlreiche Restauratoren in Deutschland auf eine harte Probe. Das Überangebot an Restauratoren und der damit einhergehende Preisverfall haben gravierende Auswirkungen.

Das Überangebot an Restauratoren hat schwerwiegende Folgen. Preisverfall und niedrige Löhne veranlassen immer mehr Restauratoren dazu, ihrem Beruf den Rücken zu kehren – trotz erstklassiger Qualifikation. Nicht nur in Deutschland ist dies der Fall. In Österreich sind bereits ähnliche Tendenzen ablesbar.

Eine eigentlich einfache Rechnung Hat das Solvens die höchst mögliche lösliche Menge an Feststoff aufgenommen, ist die Lösung gesättigt. Die weitere Zugabe von Feststoff führt unweigerlich zur Bildung eines Bodensatzes. Ähnlich verhalten sich die Märkte aller Wirtschaftszweige in der freien Marktwirtschaft. Hat der Markt die höchst mögliche Anzahl an qualifizierten Anbietern derselben Leistung aufgenommen, gilt dieser als gesättigt. Der Versuch, dauerhaft weitere Anbieter in den Restaurierungsmarkt zu zwängen, führt zu einem massiven Überangebot. Langfristig hat dies für ­alle Beteiligten (sowie auch für die Objekte) negative und durchaus absehbare Auswirkungen, deren unangenehme Bekanntschaft wohl jeder freiberufliche Kollege in den letzten Jahren bereits ­gemacht hat. 16

Die obigen Ausführungen über Grundsätze der Marktwirtschaft sind keine neuen Erkenntnisse. Sie sollten für jeden Wirtschaftstreibenden als bekannt vorausgesetzt werden. Der Hinweis auf diese Grundsätze jedoch erscheint hier einleitend sinnvoll. Denn erstaunlicherweise werden diese von Restauratoren permanent ausgeblendet, als wäre unsere Branche dagegen immun. Meilenweit entfernt von jeglicher Realität Bemerkenswert ist, wie geringfügig sich die individuellen Zukunftsvorstellungen der meist jungen Menschen (Praktikanten, Studenten oder Absolventen), die das Interesse für den Beruf verbindet, voneinander unterscheiden: Nur wenige äußern als Berufsziel die A ­ rbeit in Museen, die Betreuung von Sammlungen, die ­Arbeit in der Forschung oder ähnliches. 4/2012


Themen Sarah Hanini und Judith Teichmann

Erfassung, Bewertung und Katalogisierung von Denkmalgruppen Entwicklung eines Datenbankmodells am Beispiel der 20 Mausoleen des Südwestkirchhofes Stahnsdorf

Die digitale Aufbereitung von Daten kann sehr gewinnbringend sein. So lassen sich Informationen besser abrufen und aktualisieren. Ein neues Datenbankmodell, das der Erfassung von Grabdenkmälern dient, ermöglicht nicht nur einen Überblick über Historie und Zustand von Objekten. Es ist auch eine wichtige Grundlage für eine erfolgreiche Patenschaftswerbung.

Foto/© Hanini, Teichmann

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1 Das Mausoleum Kühn, dessen Eingang von zwei Karyatiden flankiert wird, ist nur eines von mehreren denkmalgeschützten Grabmälern, das die Autorinnen im Rahmen ihrer Diplomarbeit erfassten.

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Mit Patenschaften erhalten Der 1909 durch den Stadtsynodalverband Berlin eingerichtete Südwestkirchhof Stahnsdorf ist mit seinen 206 Hektar Friedhofsfläche einer der größten und bedeutendsten Friedhöfe Deutschlands und Europas. Aufgrund seiner einzigartigen und großzügigen Gestaltung als Waldfriedhof durch den Gartenarchitekten Louis Meyer ist er schnell zu einem Begräbnisplatz berühmter Persönlichkeiten geworden. Hier finden sich beispielsweise die Ruhestätten von Werner von Siemens, Heinrich Zille, Walter Gropius und Lovis Corinth. Durch den Lauf der Geschichte und die Auswirkungen verschiedener Epochen ist der Südwestkirchhof heute nicht mehr nur Begräbnisplatz. Er dokumentiert auf einzigartige Weise Bestattungskultur aus zwei Jahrhunderten. Neben reich ver-

zierten Grabsteinen und überdimensionalen Grabwänden finden sich hier auch 20 Mausoleen. Die Grabdenkmäler sind im Stil des Klassizismus, des Expressionismus, des Jugendstils sowie im Stil des Neobarocks und des Neoklassizismus vorzufinden. Die große Vielfalt an Objektgruppen (Grabsteine, Grabstelen, Grabskulpturen, Grabwände, Mausoleen, etc.) ist einzigartig, weshalb die Anlage mit seinen Gedenkstätten seit 1982 unter Denkmalschutz steht. Im Rahmen der Diplomarbeit der Autorinnen im Studiengang Konservierung und Restaurierung von Objekten aus Stein an der FH Potsdam 2010 standen die 20 Mausoleen des Südwestkirchhofes Stahnsdorf im Mittelpunkt der Betrachtung. (Abb. 1) Sie stehen zum größten Teil unter der Obhut der Friedhofsverwaltung, die für deren Erhal4/2012


Themen Hiltrud Schinzel und Brigitte Freericks

»Schweigendes Wissen« und Kommunikation Teil 2: Ein Beispiel interdisziplinärer Zusammenarbeit: Das Gemälde »Mann mit Axt« von Will Küpper

Das Fach Restaurierung hat in den letzten Jahrzehnten eine rasante Entwicklung erlebt – vom Handwerk zu einer komplexen angewandten Wissenschaft. Heute arbeiten Restauratoren idealerweise eng mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen zusammen. Dies hat entscheidende Vorteile, wie auch das vorliegende Beispiel zeigt.

Die Bedeutung interdisziplinärer Kooperation Das Fach der Restaurierung verbindet heute das Manuelle mit dem Theoretischen; Handwerk und Wissenschaften fließen hier zusammen. (Vgl. RESTAURO 3/2012, Teil 1 dieses Artikels) Die ­ Restaurierung verlangt handwerklich meisterli­ ­ ches Können und zugleich eine komplexe Konzep­ tion, bei der Daten und Methoden anderer ­Wissenschaften mit einbezogen werden müssen. Der Restaurator muss folglich die Theorien der ­Wissenschaft und die Technik des jeweiligen zu behandelnden Werks mit der Restaurierungstheo­ rie in Einklang bringen. Dies ist eine Mammutauf­ gabe, die nur im Zusammenspiel mit Fachleuten anderer Disziplinen gelingen kann.

viele neue Erkenntnisse, die vor allem zum Ver­ ständnis der charakteristischen Denkweise eines Malers beitrugen und daher eine gelungene und werkgetreue Restaurierung garantieren konnten. Dieses Beispiel eignet sich als Paradigma, weil der Künstler, obwohl im 20. Jahrhundert tätig, in gewisser Hinsicht heutigen prozessualen Kunst­ richtungen nahesteht, da er seine Werke immer wieder überarbeitet hat. Die dabei entstandenen Veränderungen dokumentieren seine Suche nach einer Verbesserung der Bildlösung genauso, wie sie die stilistischen Weiterentwicklungen zeigen, die durch die teilweise mehr als eine Dekade ­dauernde Bearbeitungsphase ausgeformt werden. Bei dem Beispiel handelt es sich um ein Ölge­ mälde von Will Küpper, einem rheinischen Expres­ sionisten der zweiten Generation (1893–1972), mit dem Titel »Mann mit Axt«. (Abb. 1) Der in Brühl geborene Will Küpper beginnt bereits vor 1914 seine künstlerische Ausbildung in Köln an der Kunstgewerbeschule. Die Schrecken des Gra­ ben- und Stellungskrieges erlebt er an der Marne; bei einem Gasangriff wird er schwer verletzt. Die

2 Auf der Infrarotaufnahme fallen zahlreiche horizontale Farbrisse auf. Vermutlich ist das Gemälde zumindest zeitweise im aufgerollten Zustand gelagert worden.

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Foto: Roswitha Friedelt

1 »Mann mit Axt« von Will Küpper, Öl auf Leinwand, 110 x 78 cm, Zustand vor der Restaurierung.

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© Stadt Brühl - der Bürgermeister, Foto: Blondiau

Will Küpper und sein Gemälde »Mann mit Axt« Die multiplen Möglichkeiten einer guten Koopera­ tion demonstriert das nachfolgende Beispiel einer Gemälderestaurierung, bei der durch eine (nach heutiger Sicht) gut funktionierende interdisziplinä­ re Zusammenarbeit gravierende Fehler vermieden werden konnten. Zugleich brachte die Kooperation

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Themen Christa Zitzmann, Nadja Kuschel und Ute Rönnecke

Friedrichs Kartoffeln retten des Königs Luxus Die Restaurierung einer Wandbespannung aus dem Jahre 1768

Jahrelang lang galten die Wandbespannungen des Tressenzimmers als nicht restaurierbar – bis in den Jahren 2009 bis 2011 ein neues Konzept entwickelt und umgesetzt werden konnte. Neben der enzymatischen Reinigung erwies sich besonders die Wiederanbringung der kostbaren Stoffbah­ nen in einem raffinierten Klebeverfahren als meisterliche Zusammenarbeit von Restauratoren und Tischlern.

1 Wer hätte gedacht, dass die einst von König Friedrich propagierte Kartoffel Jahrhunderte später eines seiner Luxusgemächer retten würde? Im Zuge der Restaurierung wurden die Wandbespannungen abgenom­ men und später unter Einsatz von Stärke mit einem neu entwickelten Klebeverfahren wieder angebracht. Im Bild: Nach Auftrag des Klebers legen die Restauratorinnen be­ schwerte Glasplättchen mit unter­ legtem Filterpapier auf die Ober­ fläche, um etwaiger Blasenbildung während des Trocknens vorzu­ beugen.

2 Das Neue Palais in Potsdam. Das Tressenzimmer befindet sich im ­Unteren Fürstenquartier.

Foto/© Konrad Balzer 2008

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Foto/© Textilrestaurierung SPSG 2010

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Wiederbelebung eines Raumkunstwerks Die Restaurierung der Wandbespannung im Tressenzimmer des Neuen Palais war für die Textilrestauratorinnen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) über Jahre eine große Herausforderung, die im Dezember 2011 abgeschlossen werden konnte. Das Tressenzimmer war vermutlich der kostbarste Raum im Neuen Palais und gehört heute zu den bedeutendstes Zeugnissen friderizianischer Raumkunst.1 (Abb. 2 und 3) Nach seiner umfassenden Restaurierung, die auch die gefassten und vergol-

deten Teile von Decke und Wänden sowie den Parkettfußboden beinhaltete, kann das Tressenzimmer ab dem 28. April 2012 mit Eröffnung der Friederisiko-Ausstellung nach fast 30 Jahren erstmalig wieder erlebt werden. Jahre bis zur Entscheidung Der Raumeindruck des Tressenzimmers wird durch seine großen rotseidenen Wandflächen, die mit ihrer Goldtressenornamentik pilasterimitierend gegliedert sind, bestimmt. (Abb. 3) Die einzelnen Wandfelder sind aus Damastbahnen zusammengesetzten und mit kostbarem goldenen Posamentenschmuck verziert. Die Bewahrung dieses Seidendamastes war von herausragender Bedeutung, weil sich von der einst großen Anzahl seidener Wandbespannungen aufgrund der Vergänglichkeit des Materials nur noch zwei Originale aus der Bauzeit im Neuen Palais ­erhalten haben. Nach fast 250 Jahren war der Seidendamast verblichen und stark geschädigt, die Goldornamente verschmutzt und wegen ihrer schwarzen Korrosionsschicht mit Goldbronze überstrichen. 4/2012


Themen Ines Miersch-Süß

Herausforderung »Projekt Sammlungsdepot« Eine Einführung

Das ungebrochene Sammlungswachstum der letzten Jahrhunderte führt heute zu Überlastungen der bestehenden »Inhouse-Sammlungsdepots«. Das originäre Arbeiten mit der Sammlung ist erschwert oder kaum noch gestattet, konservatorische Standards werden durch provisorische Behelfe aufrechterhalten. Seit der Elbflut 2002 und dem Brand der Anna-Amalia-Bibliothek 2004 rückt zusätzlich der Kulturgüterschutz in Notfallsituationen ins Blickfeld.

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Foto/© Miersch-Süß

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Foto/© Miersch-Süß

Nachhaltige Sammlungsdepots im Blickpunkt Der Bau nachhaltiger Sammlungsdepots wird zum Mittelpunkt der Museumbauaktivitäten in den nächsten Jahrzehnten. (Abb. 2) Um dieser Situation Rechnung zu tragen, wurde 2009 von der Bundesakademie in Wolfenbüttel eine Seminarreihe unter dem Motto »Handlungsleitfaden für den Depotund Archivbau« aufgebaut. Diese Fortbildung hat sich inzwischen als feste Programmgröße etabliert. Das anhaltende Interesse kleinerer sowie mittlerer, im ersten Jahr vor allem der großen Insti­ tutionen, bestätigte die Aktualität der Planungsaufgabe Sammlungsdepot. Diese Planungsaufgabe ist in erster Linie und im Verständnis der Projektbeteiligten eine Bauaufgabe. Die »Bauaufgabe Sammlungsdepot« als Ganzes steht heute – wie einst der moderne Museumsbau – vor der Herausforderung, der konservatorischen und betriebswirtschaftlichen Perfektion. Bewältigt werden kann diese Herausforderung nur durch die interdisziplinäre Zusammenführung der Forschungs- und Praxiserfahrungen aus dem Bereich Sammlungsbewahrung (Restaurierung, Konservierung), Gebäudetechnik (Licht, Klima, Brandschutz, Haustechnik), Kunstlogistik, Gebäudeplanung sowie Katastrophen- und Risikomanagement. Schlüsselwörter sind Gebäudeeffizienz durch Passivbauweise, Gebäudeleittechnik und regenerative Energien, Intelligenter Brandschutz, Integrated Pest Management, Notfall­ management. Die qualifizierte Umsetzung eines Depotprojektes ist eine Frage des Projektteams und des »Teamplays« zwischen Bauherrenseite, Architekten und Fachplanern. (Abb. 3a und b) Als »Bauaufgabe« ist das Museumsdepot (unabhängig von der Größe des Projektes) im Ablauf, im Planungsprozess und in der Umsetzung immer gleich. Die Art und Weise, wie der interdisziplinäre Fachaustausch von der Bauseite gemeinsam mit dem Museum organisiert wird, variiert von Depotzu Depotprojekt hinsichtlich der Anzahl, der Konstellation und der Zuständigkeit der Projektpartner. Museen und Restauratoren denken ein Depotprojekt in erster Hinsicht von innen: vom Stand-

1 Depotplanungen sind immer Teil eines Museumsneu- oder Umbauprojektes: Dies macht die Installation von geeigneten Interimsdepots erforderlich, die sich in den Anforde­rungen nur durch die temporäre Nutzung unterscheiden. Im Bild: Der Interimsstandort für die Sammlung der Neuen Galerie in Kassel im Seitenflügel von Schloss Wilhelmshöhe.

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Restauro 04 2012