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Forum für Restauratoren, Konservatoren und Denkmalpfleger

Kalktechnologie FÜR FASSADEN OTTONISCHE WANDMALEREIEN Durch Glas induzierte Metallkorrosion Schutz für Historische Fenster

www.restauro.de

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Januar/Februar 2012


Editorial

Pigmente & Farben

Fuchs Umwelttechnik

Rund 4100 Unterstützer hat die Petition

Restaurierung Tradition

Materialien

»Horizon 2020: Streichung der Kulturerbeforschung« bis zu unserem Redaktionsschluss am 21. Dezember gefunden. Wir berichteten im letzten Heft. Diese Aktion erhebt die Stimme gegen die Streichung von EU-Forschungsgeldern, die eine wesentliche Grundlage für die Konservierung und Restaurierung von Kulturgütern bilden. Wenn Sie das hier lesen, ist die Zeichnungsfrist bereits abgelaufen und der Verband der Restauratoren bereitet den Versand der Unterschriftenliste an die zuständigen politischen Instanzen vor. Wir hoffen, dass die Petition der Bedeutung von Forschungsgeldern für die Erhaltung unseres reichen europäischen Erbes den nötigen Nachdruck verleiht und die Europäische Kommission zum Umdenken bewegt. Geplant ist nun eine internationale Petition, die sich mit demselben Anliegen an alle Mitglieder der EU-Staaten richtet. Mehr dazu demnächst. Jedem, der die Petition mit seiner Unterschrift unterstützt und weiterverbreitet hat, sei an dieser Stelle ausdrücklich gedankt. Es ist wichtig, die Stimme zu erheben.

Michael Harding Oil Colours

Ausstellung

CalXnova Temart Hochschule Konservierung Gregomatic Leuchten seit 1880 Lascaux Forschung

Arbeitsschutz

Archivierung

Atelier Depot Transport Innovation

Fachliteratur

Werkzeuge

Ottosson Leinölfarben

Denkmalpflege

Über 130 Aussteller haben sich zur Messe »Monumento« in Salzburg angemeldet. Diese

Geräte

wird in wenigen Tagen, vom 12. bis 14. Januar 2012, erstmals stattfinden. Wir freuen uns über diesen neuen Branchentreff. Salzburg mit seiner zentralen Lage in der alpinen Kulturlandschaft ermöglicht einen bislang noch nicht dagewesenen Austausch über Ländergrenzen hinweg. Erwartet werden vor allem Besucher aus Österreich, Deutschland, Italien und Tschechien. Interessant ist auch, dass die Messe publikumsoffen ist und somit die Möglichkeit des Austauschs mit interessierten Laien bietet. Wir sind gespannt, wie das Messekonzept aufgeht und werden berichten.

Willard

Fachgroßhandel

Klima Vergoldung Kulturgüter

Pinsel & Bürsten Kunst braucht Schutz

Ganze 336 Tage hat meine Kollegin Isabella Haag mich auf dem Bürostuhl gegenüber oder unterwegs auf diversen Veranstaltungen mit Rat und Tat unterstützt. Im Januar startet sie nun an anderer Stelle beruflich voll durch. Hierfür wünsche ich ihr alles erdenklich Gute und sage »Danke für die tolle Zeit!« Seit 4 Tagen mit dabei ist unser neues Redaktionsmitglied, Maria Siegmantel. Willkommen im Team! Die Restauratorin hat an der TU München ihr Diplom über »Silikonkautschuk und dessen Verklebung« abgeschlossen. Apropos: Dem Kleben und Festigen möchten wir in diesem Jahr ein eigenes Heft widmen. Über Themenideen und Artikelvorschläge aus ­allen Fachbereichen freuen wir uns! Denn nur Dank der Zusammenarbeit mit Ihnen entstehen interessante und vielfältige Hefte.

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Noch 360 Tage liegen in 2012 vor uns. Wir sind sehr gespannt, was diese bringen werden! Wir freuen uns in jedem Fall auch weiterhin auf eine gute Zusammenarbeit und einen intensiven Austausch mit Ihnen. Ein gesundes, glückliches und erfolgreiches neues Jahr! Ihre

p.brozio@restauro.de

Mühläckerstraße 13 D-97520 Röthlein Tel: +49 9723 9350-0 www.deffner-johann.de

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Inhalt 44

Historische Fenster bewahren

restauro aktuell  3

Editorial

Blickpunkt  6 Berufsregister wird Vergabestellen vorgelegt  6 Symposium anlässlich der Verabschiedung von Prof. Hans Michaelsen  7 Patenschafts-Projekt »Mein Stück Hamburg«  8 Verborgene Risse aufspüren  8 Berliner Särge Projekt abgeschlossen  8 Neue einwöchige Stickstoffbegasung zur Behandlung von Schädlingsbefall  9

Internet

Unterwegs 10 »Shipwrecks2011«. Rückblick auf eine Konferenz zur Nassholzkonservierung

30 Der Umgang mit dem Fragment

Nachgefragt 12 »Die Denkmalpfleger werden als frühe Apostel der Nachhaltigkeit vergessen«. Interview mit Prof. Dr. Egon Johannes Greipl Meinung 15 »Qualitätvolle Planung gelingt durch konsequente Netzwerkarbeit«

restauro Themen Angelika Porst und Reinhold Winkler 16 Die ottonischen Wandmalereien des Augsburger Domes Bauforschung im Dachraum bringt neue Erkenntnisse Astrid M. Huber 25 Fassadenrestaurierungen in Kalktechnologie Das Beispiel der Kartause Mauerbach: denkmalpflegerische Aspekte, materialtechnische Umsetzung

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Ottonische Wandmalereien

Burkhard Kunkel 30 »Was Kunst bietet …« Strukturorientierte Restaurierung und die Rückgewinnung der bildinhaltlichen Ordnung am sogenannten Sanzkower Franziskusaltar 38

Gerhard Eggert und Andrea Fischer Gefährliche Nachbarschaft Durch Glas induzierte Metallkorrosion an Museums-Exponaten – das GIMME-Projekt

Martha Hör 44 Möglichkeiten und Grenzen von Außenschutzverglasungen Eine Bewertung am Beispiel ausgewählter Kirchen Hermann Klos 55 Historische Fenstertypen Erhaltung und energetische Sanierung

restauro rubriken 64 Termine + Ausstellungen 66 Vorschau 4

66 Stellenanzeigen 66 Impressum 1/2012


Inhalt 38

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Glasinduzierte Metallkorrosionen

Fassadenrestaurierungen in Kalktechnologie

Titelbild Hinterfüllen eines barocken Kalkputzes an der Kartause Mauerbach. Foto: Astrid Huber, Kartause Mauerbach, BDA. Die in RESTAURO veröffentlichten Ansichten der Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen. Bildnachweis: Soweit nicht anders angegeben, stammen die Abbildungen von den Autoren.

Besondere Pigmente für Besondere KunstwerKe www.kremer- pigmente.de

Forum für Restauratoren, Konservatoren und Denkmalpfleger 118. Jahrgang

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Für die Zukunft gestalten.

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Blickpunkt

Ein Berufsregister hat der Verband der Restauratoren e. V. (VDR) angelegt. Im Sommer sind erstmals zwölf gedruckte Landesverzeichnisse des Berufsregisters in einer Auflage von jeweils 150 Stück gedruckt worden. Diese Verzeichnisse sollen nun jährlich zu Jahresbeginn erscheinen. Sie sollen den Entscheidungsträgern der Branche, d. h. den Vergabestellen wie z. B. den Landesdenkmalämtern, vorgelegt werden. Ziel ist es, die Qualität restauratorischer Leistungen zu sichern. Die Mitglieder des VDR haben online die Möglichkeit, ihre Daten zu aktualisieren. Diese werden aus dem unter www.restauratoren.de angelegten Berufsregister generiert. Für fast jedes Bundesland gibt es jeweils ein eigenes Verzeichnis. Die fusionierten Landesgruppen Berlin/Brandenburg und Reinland-Pfalz/ Saarland sind derzeit in Doppelbänden zusammengefasst. Die Landesgruppen Bremen und Niedersachsen sind wegen der geringen Mitgliedszahlen ebenfalls in einem Band vereint. In Sachsen-Anhalt wurde vorerst auf ein Landesverzeichnis verzichtet. Hintergrund ­hierfür ist das erst jüngst in Kraft getretene Restauratorengesetz in diesem Bundesland. PB

Neue Getty-Publikation zu Tafelgemälden Tafelgemälde sind immer wieder eine Herausforderung in der Restaurierung. Sie sind anfällig für Rissbildung oder Verwölbungen und das Wissen, wie mit diesen Probleme umzugehen ist, ist immer noch begrenzt. Eine neue Publikation des Getty Conservation Institute fasst nun neue Forschungsergebnisse, neue Ansätze der präventiven Konservierung sowie den restauratorischen Umgang mit Tafelgemälden zusammen. »Facing the Challenges of Panel Paintings Conservation: Trends, Treatments, and Training«, herausgegeben von Alan Phenix und Sue Ann Chui, beinhaltet alle 17 Vorträge und 14 Poster des gleichnamigen

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Symposiums von 2009. Neben den genannten Problemen machen die Referenten auch Vorschläge für zukünftige Forschungs-, Behandlungs- und Ausbildungsmöglichkeiten. Die Publikation steht kostenlos als Download zur Verfügung (http://www.getty.edu/conservation/publications_resources/ pdf_publications/facing.html). Alle Vorträge des Symposiums wurden auch auf Video gebannt und können gestreamt werden (http://www. getty.edu/conservation/ our_projects/education/ panelpaintings/panelpaintings_component1. html). IH

Die Kunst der Ebenisten Der Studiengang Restaurierung der FH Potsdam richtet anlässlich der Verabschiedung von Prof. Hans Michaelsen in den Ruhestand ein Symposium aus. Dieses findet am 23. März 2012 in der Hochschule statt und befasst sich mit Quellenstudien, technologischen Untersuchungen und innovativen Verfahren in der Holzrestaurierung. Kunst- und Werkstoffgeschichte sowie Kunsttechnologie sind wichtige Säulen der Erforschung eines Kunstwerks. Die gewonnenen Erkenntnisse bilden zusammen mit den naturwissenschaftlichen Unter­ suchungen und der restauratorischen Zustandserfassung die Basis für ein tieferes Verständnis des Objektes sowie für die Erstellung eines fundierten Restaurierungskonzeptes und die einzuleitenden konservatorischen oder restauratorischen Maßnahmen. Die Untersuchung und Rekonstruktion ­historischer Techniken unter Einbeziehung kunsttechnologischer Quellenschriften waren Schwerpunkt der Forschung in Praxis und Lehre sowie Gegenstand zahlreicher Publikationen von Prof. Hans Michaelsen, der mit diesem Symposium von langjährigen Kollegen und ehemaligen Studierenden nach 45 Berufsjahren in den Ruhestand verabschiedet wird. Restauratoren und Kunsthistoriker aus dem In- und Ausland stellen an diesem Tag in zwölf Vorträgen interessante Forschungsergebnisse aus der technologischen Untersuchung und praktischen Restaurierung an Kulturgut aus Holz vor. Über einen 2010 am Rijksmuseum Amsterdam durchgeführten Masterkurs zur Untersuchung der Konstruktion marketierter Türen von niederländischen Kabinettschränken des 17. Jahrhunderts berichtet Paul van Duin. Friedemann Hellwig referiert

Foto: FH Potsdam

Berufsregister wird Vergabestellen vorgelegt

über seine Forschungen zu den Marketerietechniken des Hamburger Instrumentenmachers Joachim Tielke, und Lucas Nierhaus beschreibt seine Erfahrungen bei der Reinigung von Egerer Reliefintarsien mittels Lasertechnologie an einem neu entdeckten Kabinettschrank von Adam Eck. Raffinierte Mechaniken und handwerkliche Qualitätsarbeit präsentieren in ihren Vorträgen Daniela Meyer und Hans Werner Pape sowie Achim Stiegel und Marc Heincke an zwei berühmten Berliner Meisterstücken des Klassizismus. Frank Dornacher berichtet über seine Erfahrungen bei der Restaurierung intarsierter Wandvertäfelungen des kaiserlichen Hofzugs von 1889 und Thomas Andersch über eine Zimmereinrichtung um 1905. Mit Herausforderungen bei der Erhaltung der wertvollen Möbel in der Wallace Collection setzt sich Jürgen Huber auseinander. Ein innovatives Verfahren zur technologischen Untersuchung von Kunstobjekten, das am MoMA in New York angewendet wird, stellt Daniel Hausdorf mit dem »Reflectance Transformation Imaging (RTI)« vor. Weitere Vorträge befassen sich mit asiatischen Lacktechniken und modernen Holzbeizen. Die Präsentation des neu erschienenen Ergänzungsbandes »Vom Färben des Holzes« mit Quellentexten aus drei Jahrhunderten beschließt den Vortragstag. Informationen zur Anmeldung finden Sie auf S. 65. Jörg Weber 1/2012


Foto: Javier Kohen,_wikicommons

Unterwegs

»Shipwrecks2011« Rückblick auf eine internationale Konferenz zur Nassholzkonservierung Dem 50-jährigen Bergungsjubiläum der Galeone Vasa und dem internationalen Jahr der Chemie gewidmet, fand vom 18.–21. Oktober in Schweden die internationale Konferenz »Chemistry and Preservation of Waterlogged Wooden Shipwrecks« statt. Eingeladen hatten die Königlich Technische Hochschule sowie das Vasa-Museum, Stockholm. Gekommen waren 102 Teilnehmer aus 16 Nationen, um sich über dieses breit gefächerte Thema näher zu informieren oder durch eigene Beiträge aktiv zur Konferenzgestaltung beizutragen. Die Vasa, das größte schwedische Kriegsschiff seiner Zeit, sank im August 1628 auf der Jungfernfahrt nach weniger als einer Seemeile Fahrt. 1956 entdeckt und 1961 geborgen, ist sie heute im Vasa-Museum in Stockholm zu besichtigen. (s. Abb. oben) Das Schiff verdeutlicht wie kaum ein anderes Beispiel die Herausforderungen der Konservierung und musealen Präsentation großformatiger Nassholzfunde. Deshalb war sein Bergungsjubiläum ein idealer Anlass zur Ausrichtung einer internationalen Fachkonferenz, die einen aktuellen wissenschaftlichen Abriss dieser Herausforderungen und der derzeitigen entsprechenden Lösungsansätze geben sollte. Die Vorträge und Posterpräsentationen befassten sich mit nahezu dem gesamten allgemeinen Bereich der Nassholzkonservierung: nnCharakterisierungs-/Evaluierungsmethoden für wassergelagerte Hölzer nnHolzzersetzung: Abbaurate und Mechanismen des chemisch-biologischen Prozesses nnDer Einfluss der Zersetzungsprozesse auf die mechanischen Holzeigenschaften nnDie Stabilität der Konservierungsmittel und deren Einfluss auf die Holzeigenschaften nnÄußere Museumsparameter – ihr Einfluss auf Zersetzungsprozesse nnNeue Konservierungsmittel und -methoden 10

nnFall-Studien – aktuelle Konservierungs- und Forschungsprojekte Gleichzeitig gingen die Referenten aber auch auf die Besonderheiten der Erhaltung solch großer Objekte, wie Schiffswracks, ein. Klimaanforderungen Vornehmlich diente das Fallbeispiel der Vasa zur Darstellung von speziellen Sachverhalten wie z. B. den Klimaanforderungen für ein solches Großobjekt und dessen praktische Umsetzung oder der Umgang mit Stabilisierungs- und Stützproblemen, die es zu untersuchen und zukünftig zu unterbinden gilt. So stellte Emma Hocker stellvertretend für die Restauratoren des Vasa Museums das neue Klimasystem vor, welches 2004 in Betrieb genommen wurde. Dieses wird durch Feinabstimmung bis heute ständig kontrolliert, um zum einen Schwankungen der relativen Luftfeuchte so gering wie möglich zu halten und zum anderen um im ganzen Museum, auch im Inneren der Vasa, gleiche Klimabedingungen zu schaffen. Das neue Klimasystem wurde nötig, da das vorherige, erste System unterdimensioniert war; es konnte die durch den Besucherverkehr entstandenen Klimaschwankungen nicht ausgleichen. Zudem war im ersten Klimasystem der Innenraum der Vasa nicht aktiv mit eingebunden. 1/2012


Themen Angelika Porst und Reinhold Winkler

Die ottonischen Wandmalereien des Augsburger Domes Bauforschung im Dachraum bringt neue Erkenntnisse

Die Baugeschichte des Augsburger Domes lässt sich archivalisch bis in das 9. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Anfänge dieser jahrhundertelanger Geschichte wurden im Vorfeld umfangreicher ­Instandsetzungsarbeiten1 an den Dach­werken erforscht. Dabei führten besonders die dendrochronologischen Untersuchungen der verbauten Hölzer zu bemerkenswerten Erkenntnissen, die eine Neudatierung des ottonischen Kirchenbaus nach sich ziehen. Die im Mittelpunkt dieses Beitrags stehenden restauratorischen Untersuchungen der ottonischen Wandmalereien gaben vielfältige Einblicke in den Prozess ihrer Entstehung und spätere Veränderungen. In der 1995 vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege herausgegebenen Monographie des Augsburger Domes wurden die archivalischen Quellen und die bisherigen Forschungen einge­ hend besprochen. Aufgrund der bis dahin bekann­ ten Forschungsergebnisse ging man noch von ei­ ner rund siebzigjährigen Bauzeit des unmittelbar nach dem Einsturz ab 995 errichteten Domes aus und interpretierte eine für 1065 überlieferte Weihe des Hauptaltares im Westchor als Abschluss der Baumaßnahmen.2 Durch die jüngst erfolgte Neudatierung des ge­ samten Dombaus bereits in das erste Jahrzehnt des 11. Jahrhunderts erhält der Augsburger Dom nun einen völlig neuen Stellenwert in der Architek­ turgeschichte und hat für die Entwicklung der otto­ nische Großbauten eine wesentlich größere Bedeu­ tung als von der Forschung bisher angenommen.3

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1 Augsburger Dom: (a)  Grundriss und (b)  Luftansicht von Süden. Der romanische Dombau ist grau ein­gefärbt.

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Baugeschichte des ottonischen Domes und ­seines karolingischen Vorgängers Archivalische Quellen zum Augsburger Dom über­ liefern einen in karolingischer Zeit unter Bischof Simpert (778–807) errichteten Bau, den Bischof Ulrich (923–973), berühmt geworden durch die Schlacht am Lechfeld von 955, mehrfach instand gesetzt hat. Weitere Schriftquellen berichten vom Einsturz des karolingischen Domes im Jahr 994 und von dem bereits ein Jahr danach mit Unterstützung von Kaiserin Adelheid, der Gemahlin Ottos des Großen, begonnenen Neubau einer ottonischen Bischofskirche.

Datierung des ottonischen Domes Die für die dendrochronologische Altersbestim­ mung herangezogenen Hölzer wurden wohl als Gerüstbalken in den aus Tuffstein errichteten Obergadenwänden des Querhauses und des Langhauses verbaut. Bei drei Balken ließ sich das Fälldatum bestimmen: Das älteste Holz mit dem Fälldatum Winter 999/1000 ist in der Giebelwand des nördlichen Querhauses verbaut. (Abb. 3) Das zeitlich darauf folgende Holz mit dem Fälldatum Sommer 1003 befindet sich in der nördlichen Obergadenwand des Langhauses. Das dritte Holz mit dem Fällda­ tum Winter 1003/1004 liegt im Mauerwerk der südlichen Langhaus-Obergadenwand. Aus der Zusammenschau der datierten Hölzer, ihrer Lage im Quer- bzw. Langhaus und der archi­ valischen Überlieferung können wir schließen, dass der karolingische Bau – wie in den Schrift­ quellen erwähnt – im Jahre 994 wohl vollkommen eingestürzt ist, und dass bereits im Jahr darauf mit dem Neubau des ottonischen Domes begonnen wurde. Um die Jahrtausendwende dürfte der Bau von Chor und Querhaus abgeschlossen gewesen sein. Im unmittelbaren Anschluss daran hat man 1/2012


Themen Astrid M. Huber

Fassadenrestaurierungen in Kalktechnologie Das Beispiel der Kartause Mauerbach: denkmalpflegerische Aspekte, materialtechnische Umsetzung

Traditionelle Handwerkstechniken und moderne Konservierung und Restaurierung – gewiss kein Widerspruch: Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, insbesondere negative Langzeitauswirkungen von modernen Fertigprodukten, haben gezeigt, dass eine Rückbesinnung auf die historischen Baumaterialien und auf ihre traditionelle Anwendung notwendig ist, um Baudenkmale in ihrer überlieferten Technologie passend zu behandeln und damit nachhaltig zu bewahren.

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Traditionelles Handwerk kontra industrielle Fertigung Die Industrialisierung des Bauwesens ab den 1960er-Jahren in Österreich führte zu einem Verlust handwerklicher Traditionen, was sich insbesondere in der Denkmalpflege und im Umgang mit den historischen Architekturoberflächen negativ auswirkte. Anstelle der über Jahrhunderte gepflegten Tradition der Wartung und Reparatur mit überlieferten Materialien wurden originale Architekturoberflächen abgeschlagen und durch moderne Putzsysteme ersetzt. Ganz abgesehen von dem schwerwiegenden Verlust an Authentizität erfüllten die neuen Produkte weder die ästhetischen noch die bauphysikalische Ansprüche. Im Zentrum der handwerklichen Ausbildung stand zunehmend die industrielle Verarbeitung. Traditionelle Techniken und der Umgang mit historischen Baumaterialien gerieten zusehends in Vergessenheit. Kartause Mauerbach Das Österreichische Bundesdenkmalamt (BDA) reagierte bereits Mitte der 1980er-Jahre auf diese Entwicklung und gründete in der Kartause Mauerbach die Abteilung für historische Handwerkstechniken, heute Restaurierungswerkstätten Baudenkmalpflege. Sie dient als Forschungs-, Dokumentations- und Weiterbildungszentrum, um Handwerker zu sen­ sibilisieren und ihnen wieder den Umgang mit historischen Materialien und Techniken zu vermitteln. (Abb. 2) Die überlieferte Bausubstanz der im Jahr 1314 gegründeten Kartause Mauerbach geht großteils auf die Neukonzeption der Anlage ab 1616 zurück. Die barocke Bauphase dürfte in Etappen bis 1675 abgeschlossen gewesen sein. Nach der Aufhebung der Kartause durch Joseph II. 1782 wurde das Kloster als Armen- und Siechenhaus genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente es bis 1961 als O ­ bdachlosenheim für Familien. Danach stand die Kartause über 20 Jahre leer und war dem Verfall preisgegeben. Erst in den frühen 1980er-Jahren erdachte man eine neue Funktion für das Objekt, übergab es dem BDA zur Nutzung und sicherte damit die Erhaltung dieses Denkmals. 1/2012

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Weiterbildung und Forschung Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem Altbestand ist das Wissen um historische Baumaterialien und Handwerkstechniken, das in Theorie und Praxis weitergegeben wird. Jährlich finden über 25 Veranstaltungen für insgesamt etwa 500 Teilnehmer statt, darunter Seminare, Kurse und Tagungen zu verschiedenen Themen der Baudenkmalpflege. Ausgebildete Fachleute erfahren eine Spezialisierung in der Baudenkmalpflege,

1+2 An der Kartaus Mauerbach (Flugbild unten) wird das Wissen um historische Materialien und Techniken in Theorie und Praxis vermittelt. Dazu gehört beispielsweise auch das Brennen von Kalk im Kreuzgarten (Bild unten).

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Themen Burkhard Kunkel

»Was Kunst bietet …« Strukturorientierte Restaurierung und die Rückgewinnung der bildinhaltlichen Ordnung am sog. Sanzkower Franziskusaltar

Das sogenannte Sanzkower Franziskusretabel wurde in der Vergangenheit häufig überarbeitet. Heute dominieren der fragmentarische Zustand und frühere restauratorische Maßnahmen sein ­Erscheinungsbild. Ziel der aktuellen Restaurierung war es, die bildinhaltliche Ordnung zurückzu­ gewinnen ohne ein konservatorisch wie kunsthistorisch fragwürdiges Gesamterscheinungsbild zu schaffen.

Ausstellungsvorbereitung und Problembefund In der am 9. Dezember eröffneten Ausstellung »Franziskus – Licht aus Assisi« im Diözesanmuseum zu Paderborn erwarten den Besucher eine Reihe hochkarätiger Zeugnisse franziskanischer ­ Kunst. Unter den Ausstellungsstücken aus Deutschland und Italien befindet sich auch eine kaum be-

kannte, aber umso kostbarere Rarität: das sogenannte Sanzkower Franziskusretabel1 (Abb. 1) aus dem Kulturhistorischen Museum der Hansestadt Stralsund. Kostbar ist dieses spätmittelalterliche Tafelbildwerk aus den 20er- oder 30er-Jahren des 16. Jahrhunderts in zweierlei Hinsicht: Zum einen wegen

Foto/© Roland Rossner (M.A.), Bonn

1 Der fragmentarische Zustand und frühere Restaurierungsarbeiten störten die Lesbarkeit des Sanz­ kower Franziskusretabels. Zu sehen ist die Gesamtansicht vor der ­Restaurierung.

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Themen Gerhard Eggert und Andrea Fischer

Gefährliche Nachbarschaft Durch Glas induzierte Metallkorrosion an Museums-Exponaten – das GIMME-Projekt

Augenfällig, aber bisher meist übersehen: Manche Metallobjekte zeigen nur da Korrosion, wo sie in Nachbarschaft zu ›krankem‹ Glas stehen. Bisher konnte diese Korrosionsform an Emaille auf Kupfer, Silber- oder Messingmontierungen von Gläsern, Glasperlen und -kugeln in Kontakt zu Drähten, drahtarmierten Glasfiguren, gefassten Glasgemmen und in Glas gerahmten Daguerreotypien beobachtet werden. Im neuen GIMME-Projekt wird nun versucht, das Phänomen systematisch zu erforschen.

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Foto: Astrid Wollmann

Die Glaskorrosion und ihre Folgen Die Identifikation von Korrosionsprodukten auf Kulturgut reicht zurück bis zum Beginn der modernen Naturwissenschaften im ausgehenden 18. Jahrhundert. Verblüffenderweise lassen sich trotzdem auch heute noch bisher unbekannte Verbindungen und Schadensphänomene finden. Auslöser für die Forschung an kombinierten Glas/Metallobjekten an der Stuttgarter Kunstakademie waren die Beobachtungen an einem chinesischen Theaterhut (Abb. 1). An einer Kupferspirale traten nur da grüne Korrosionsprodukte auf, wo sie eine korrodierende Glasperle berührte (Abb. 2). Offensichtlich kann Glaskorrosion also Metallkorrosion induzieren. Historische Gläser mit hohem Anteil an Netzwerkwandlern sind empfindlich gegen Feuchtigkeit. Bis zu einem pH-Wert von 9 herrscht der 1 Korrosionserscheinungen an ­diesem chinesischen Theaterhut (ca. 1900, Völkerkundemuseum vPST Heidelberg) waren Auslöser für umfangreiche Forschungen.

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Foto: Astrid Wollmann

2 An der mit roten Seidenfäden bespannten Kupferspirale des Theaterhuts zeigte sich durch Kontakt mit einer Glasperle ent­ standene Korrosion.

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Themen Hermann Klos

Historische Fenstertypen Erhaltung und energetische Sanierung

Als »Augen des Hauses« prägen Fenster je nach Gliederung, materiellen und konstruktiven Eigen­ schaften die bauliche Erscheinung von Gebäuden. Auch sie müssen energetischen Einsparungen gerecht werden. Dadurch wächst der Druck auf Eigentümer und Denkmalpfleger, historische Fens­ ter als vermeintlich »abgewirtschaftete« Relikte auszutauschen. Leider erfolgt der Austausch zu­ gunsten neuer Massenware noch viel zu oft, ohne die tatsächliche Qualität und Funktionalität alter Fenster ernsthaft geprüft zu haben. Die Möglichkeiten einer einfachen, ohne großen Aufwand erziel­baren, energetischen Verbesserung werden erst gar nicht in Betracht gezogen. Dabei haben sich mittlerweile je nach Konstruktion individuelle oder auch standardisierte Lösungen in zahl­ losen Restaurierungsfällen bewährt, sodass die Ergebnisse keinen Vergleich scheuen müssen.

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Fensterbestand in Deutschland In Süddeutschland gibt es nur noch etwa 300 bis 400 Fenster aus der Zeit vor 1700. Natürlich werden diese – auch nach übereinstimmendem Fachverständnis – wertvollen und edlen Bauteile nicht (mehr) infrage gestellt und uneingeschränkt gesichert, gepflegt und instand gehalten. Der Gebäudebestand in Deutschland verfügt nach Einschätzung des Verfassers über gut eine Milliarde Einzelfenster verteilt auf ca. 75 % Wohngebäude und 25 % Nichtwohngebäude. Doch nur weniger als 1 % dieser Fenstermasse dürfte im engeren Sinne als historisch und daher als schutzwürdig gelten. (Abb. 1 und 2) Fenster sind bekanntlich die »Augen des Hauses« – vor drei Jahrzehnten war dies der Titel eines Faltblatts des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, heute ein feststehender Begriff! Man stelle sich ein Gesicht ohne Augen vor und wir erfassen ganz schnell die Dimensionen möglicher »Entstellung«, wenn uns das Bauteil Fenster mit seiner Binnen- und Feingliederung, 1/2012

Grafik/©: Hermann Klos

Foto/©: Hermann Klos

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1a Die Fenster des Zisterzienserklosters Salem sind zum Teil noch der Wiederaufbauzeit nach dem verheerenden Brand von 1697 zuzuordnen. Stumpf einschlagende Flügel aus Eichenholz, kleinteilige Bleiverglasungen und aufwändig gestaltete, feuerverzinnte Beschläge waren prägende Merkmale der Fenster dieser Zeit.

1b Salem: Zeichnerische Darstellung des Fens­ ters. Es gehört zu den wenigen hundert in Süddeutschland erhaltenen Exemplaren aus der Zeit vor 1700. Zeittypisch ist der zusätzli­ che Schiebeflügel. Die originalen Wabenver­ glasungen wurden teilweise durch Rechteck­ scheiben ersetzt.

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Restauro 01 2012  
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