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Oktober 2013

Garten+

Landschaft Zeitschrift f端r Landschaftsarchitektur

Profession


Inhalt 10/2013

Profession

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8 Seite 22: Kleinen eine Chance geben – für Auslober sollte es selbstverständlich sein, junge Büros bei Wettbewerbsverfahren zu berücksichtigen.

100 Jahre Bund Deutscher Landschaftsarchitekten Andrea Gebhard Über Aufgaben und Rolle der Landschaftsarchitekten

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Prozessorientiertes Planen in einer sich wandelnden Realität Jan Bunge, Philipp Feldschmid Antworten auf neue gesellschaftliche Werte und Ansprüche

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Öffentlicher Raum und Innenentwicklung Ulrike Böhm, Cyrus Zahiri Planerische Herausforderungen in der verdichteten Stadt

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Landschaftsarchitektur international Till Rehwaldt Chancen und Risiken beim Arbeiten im Ausland

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Die Hürden bei Wettbewerben niedrig halten Reinhard Drees, Gudrun Walter Neue Richtlinie für Planungswettbewerbe

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Wir sind Fitnesspartner für Freiräume Thomas Jakob Interview über nachhaltiges Planen mit DGNB-Auditor Markus Gnüchtl

Foto: miguel77/flickr.com

Verlag: Callwey Verlag Streitfeldstraße 35 D-81673 München Fon +49 89 /43 60 05-0 Fax +49 89/43 60 05-113 www.garten-landschaft.de

Editorial

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Eine Frage der Wahrnehmung Robert Schäfer

Journal

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Panoramawege und ein Wolkenhain Thomas Armonat Wettbewerbsentscheidung zur Gestaltung des Geländes für die IGA Berlin 2017

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Chancen und Risiken internationaler Standardisierung Ludwig Schegk Über das Arbeiten mit DIN- und EU-Normen

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Topos Tagung in München: Strategic Urbanism Robert Schäfer Internationale Tagung zu den künftigen Aufgaben für Landschaftsarchitekten

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Generation HOAI: Es wird schon stimmen Dieter Pfrommer Auswirkungen der 7. HOAI-Novelle

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Concrete Poetry: Zwischen Beton und Poesie Anette Kolkau Fotoausstellung zum Emscherumbau im Kunstmuseum Bochum

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Der Weg ist das Ziel Luc Perraudin Der Blick über den Tellerrand

6 Am 10. September veranstaltete die Zeitschrift Topos in München eine Tagung in eng­ lischer Sprache zum Thema „Strategic Urbanism“. Dort ­erhielt Peter Latz den T­ opos Landscape Award 2013 für sein Lebenswerk.

Herausgeber: Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur e.V. (DGGL) Wartburgstraße 42 10823 Berlin www.dggl.org

7 Im Kunstmuseum Bochum sind bis 27. Oktober Fotos ausgestellt, die die Landschaft um die Emscher dokumentieren. Foto: „Freilandarchitektur auf dem Grabeland“ von Winfried Labus.

14 Um sich gegenüber anderen Disziplinen zu etablieren, müssen Landschaftsarchitekten Projekte prozesshaft und flexibel planen. Im Bild: Konzept für das ehema­lige Belfaster Werftgelände von Fabian Karle.

18 Kunstwelten wie das Tropical ­Island in Brandenburg sind fester Bestandteil der Erholungslandschaft und ein Arbeitsfeld für Landschaftsarchitekten.

28 Arbeiten im Ausland bedeutet, sich in Kulturen hineinzudenken. Für die Gestaltung des Hofs des Nationalmuseums in Peking ließen sich Rehwaldt Landschaftsarchitekten von den Bergen im Norden Chinas inspirieren.

GaLaBau Praxis Urban Design

49 51

Nachrichten Campus Wettbewerbe DGGL Nachrichten Autoren, Vorschau, Impressum

40 44 54 58 64

37 Deutschland hat mit den Normen hohe Standards in der Bauausführung – eine Chance für Landschafts­architekten, sich damit im Ausland zu profilieren.

123. Jahrgang

Bilder: Michael Latz, Winfried Labus, Fabian Karle, bbzl, Rehwaldt Landschaftsarchitekten, Schegk Landschaftsarchitekten Titel: Energieberg Georgswerder in Hamburg, IBA Hamburg/Johannes Arlt

Für die Zukunft gestalten. 2

Garten + Landschaft

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Garten + Landschaft

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Ihre vielseitige Berufsausrichtung befähigt Landschaftsarchitekten, der Mittler zwischen sozialen, ökologischen, kulturellen und künstlerischen Belangen der Freiraumgestaltung zu sein. Dies und prozessorientiertes Denken in der Planung ist verlangt, um flexibel auf sich wandelnde gesellschaftliche Werte und Ansprüche zu reagieren. Allerdings müssen Landschaftsarchitekten sich besser strategisch und politisch positionieren, um souveräner agieren zu können.

Fabian Karle (3)

Prozessorientiertes Planen in einer sich wandelnden Realität Für seine Masterarbeit an der TU Berlin entwickelte Fabian Karle ­einen Masterplan, um das ehema­ lige Belfaster Werftgelände schritt­ weise flexibel weiterzuentwicklen.

Jan Bunge, Philipp Feldschmid Wie werden die Entscheidungen getroffen, die unsere Umwelt formen? Wann wird die Landschaftsarchitektur eine bestimmende Rolle in der Bewältigung der gigantischen ­Herausforderungen wie Klimawandel, Was­ serknappheit und der Versorgung einer ­immer schneller wachsenden Weltbevöl­ kerung mit Energie, Nahrungsmitteln und Wohnraum spielen? Um die künftigen Aufgaben und Herausfor­ derungen für die raumplanenden Professio­ nen einschätzen zu können und die Rolle der Landschaftsarchitektur zu definieren, gibt es eine Voraussetzung: Die Wahrnehmung der elementaren gesellschaftlichen, ökonomi­ schen und kulturellen Entwicklungen. Diese neuen Aufgaben, so unterschiedlich sie auch sind, basieren auf dem Prozess der gesell­ schaftlichen Differenzierung und Individua­ lisierung. Es ist ein Prozess, der die Rahmen­ bedingungen für die Organisation des Ge­ meinwohls und somit auch die Planung von Freiräumen grundlegend verändert hat. ­Bezeichnend ist, dass die Entwicklung – basie­ rend auf der sozio-ökonomischen Logik des Kapitalismus – gerichtet verläuft. Allerdings folgt sie keinen streng rationalen Leitlinien. Vielmehr ist sie ein dynamischer Prozess, der sehr unterschiedliche und oft konträre Phäno­ mene zu einer gesellschaftlich konstruierten Wirklichkeit vereint. Traditionen, die lange als Stabilisatoren der Gesellschaft dienten, werden zunehmend in

Frage gestellt. Dabei können Menschen, die sich immer häufiger in heterogenen Gesell­ schaftsformen organisieren, oft nicht mehr auf „alt Bekanntes“ zurückgreifen. Stattdes­ sen müssen sie sich mit ihren kulturellen Ver­ schiedenheiten arrangieren und dabei lernen, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. Diese Wandlungen betreffen sehr unterschiedliche Ebenen des (kulturellen) Lebens und führen dazu, dass sich einst klar definierte Identi­ täten und Sichtweisen auflösen. Auch die Landschaftsarchitektur als eine Profession, die Lebenswelten erschafft, ist von diesen Veränderungen betroffen. Es gilt diese auf­ zugreifen und deren Potenziale zu nutzen. Profitorientiert statt menschenbezogen Obwohl diese Entwicklungen zunehmend voraussetzen, offen und flexibel zu sein, lässt sich bei aktuellen städtebaulichen Projekten weltweit feststellen, dass der menschliche Maßstab immer noch eine untergeordnete Rolle in der Planung und Realisierung spielt. Die sozialen, ökologischen, kulturellen und künstlerischen Aspekte sind unter den ein­ gangs beschriebenen Rahmenbedingungen klar dem ökonomischen Streben nach Ge­ winn und politischer Herrschaft unterworfen. Im Zuge dieser Tendenzen hat sich eine deka­ dente Zielstrebigkeit durchgesetzt, die oft­ mals im Gewand einer egozentrischen Marke­ tingmentalität auftritt. Professionen, die ­dieses egozentrische Verhalten fördern und

dabei ausschließlich auf die Verwirklichung eines linearen Prozesses, wie zum Beispiel dem Bauen von Häusern setzten, werden langfristig nicht in der Lage sein, die Kom­ plexität der künftigen Lebenswelten in eine nachhaltige Strategie zu überführen. Erzeugt werden lediglich seelenlose Gerüste, die im besten Fall „schön“ aussehen. In Goethes Faust klingt das so: „Was glänzt, ist für den Augenblick geboren, das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.“ Landschaftsarchitekten haben die Kompe­ tenz, den beschriebenen Tendenzen entge­ genzuwirken und andere Wege ­zu zeigen. Durch die vielseitige Ausrichtung ihres Berufs sind sie geradezu prädestiniert dafür, die un­ terschiedlichen Interessen und Sichtweisen in Planungsprozessen zu koordinieren. Zudem sind sie es gewohnt, prozesshaft und in syste­ mischen Zusammenhängen zu denken und dabei im Team zu arbeiten. Die Kernkompe­ tenz, verschiedene Dimensionen unserer Um­ welt vertikal vereinen zu ­können und somit bessere Lebensräume zu entwerfen, befähigt Landschaftsarchitekten dazu, komplexe städ­ tebauliche Prozesse zu entwickeln und diese zu steuern. Das prozesshafte Denken ermög­ licht, flexible Systeme zu entwerfen, die offen und anpassungsfähig sind. Beispiele für die Entwicklung städtebaulicher Projekte dieser Art sind das Kreativquartier in München oder das ehemalige Werftgelände in Belfast. Das Kreativquartier haben TH

Schlüssel für die Umnutzung des Werftgeländes in Belfast ist, frei­ raumplanerische und städtebau­ liche Eingriffe zu kombinieren.

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Bestehende Freiräume werden als Gerüst der künftigen städtebau­ lichen Entwicklung genutzt. Als landschaftliche Elemente unter­ stützen sie die prozesshaften Pla­ nungsschritte.

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Die Arbeit an Projekten im Ausland scheint für viele Landschaftsarchitekten reizvoll. Doch wer sich auf ungewohntes Terrain begibt, dem winken nicht nur große Chancen, sondern auch einige Risiken. Gute Vorbereitung, die Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort und die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen sind Voraussetzungen, um in der Fremde erfolgreich zu sein.

Das Büro Rehwaldt Landschafts­ architekten aus Dresden arbeitet seit Jahren im Ausland. Eine Pro­ jektauswahl: Campus Huawei Shenzhen (oben), Kinderpark Jin­ cheng (oben rechts), Wettbewerb Regionales Entwicklungskonzept Paris, 1. Preis und Sonderpreis ­Wissenschafts- und Bildungsstand­ ort (unten).

Till Rehwaldt Gewöhnlich wird die Tätigkeit von Land­ schaftsarchitekten zusammen mit ihrem Pla­ nungsgegenstand gern in einen regionalen Bezug gesetzt: Es geht um vertraute Orte, bekannte Menschen, um das Bodenständige. So ist es auch selbstverständlich (und in ­moderner Weise auch nachhaltig), dass sich viele Kollegen in erster Linie als Hüter heimat­licher Werte verstehen, zu Bürger­ meistern in ihrer Sprache sprechen, Natur­ schützer und Denkmalpfleger, Schmetter­ linge und Baumstubben persönlich kennen und sie z­ u nehmen wissen. Doch spätestens wenn es uns in ein anderes Bundesland verschlägt, betreten wir fremdes Territorium. 16 Landesbauordnungen, 16 ­Eingriffsregelungen und 16 gegeneinander verschobene Sommerferien verwirren uns, verlangen Flexibilität und Offenheit für Mul­ tikultur im eigenen Land. Wenn man dann abends im Gemeinderat sitzt und kein Wort mehr versteht, obwohl es um das eigene Pro­ jekt geht, fühlt man sich endgültig auf einem anderen Stern. Da ist es also nur ein kleiner Schritt, sich noch weiter weg zu begeben und den Regeln von „Code Civil“ oder „Ö-Norm“ zu unterwerfen. Und warum sollten wir Deutsche denn nicht im Ausland planen, wo wir doch jeden Som­ mer in französische Provinzen oder auf schot­ tische Golfplätze fahren, ja überhaupt die Reiseweltmeister sind? Arbeiten, wo andere Urlaub machen! Doch die Kollegen, die den Schritt in die Fer­ ne wagten, haben diesen wohl in den we­ nigsten Fällen strategisch geplant, vielleicht 18

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Alle Abbildungen: Rehwaldt Landschaftsarchitekten

Landschaftsarchitektur international

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gar mit einem „Businessplan“ ein „Auslands­ geschäft“ aufgebaut. Wir nennen uns zwar alle Planer, doch die Entwicklung des eige­ nen Büros ist kaum wirklich vorhersehbar. ­Zufälle, Bekanntschaften, Wettbewerbs­ gewinne verschlagen uns regelmäßig an ­völlig neue Orte. Unsere Aufgaben sind dort, wo sie entstehen und nicht dort, wo wir sie uns wünschen. Und letztlich ist nicht zu unterschätzen, wie stark uns auch „Hofbräuhaus“, „Volkswagen“ und „Neuschwanstein“ als Synonyme deutscher Populärkultur weltweit die Türen öffnen. Es ist also meist nicht der große Plan, son­ dern die Gelegenheit, die einem Büro neue Möglichkeiten eröffnet. Vielleicht ist es ein gewonnener Wettbewerb, häufiger sind es aber persönliche Netzwerke, die zu einem ersten Auslandsprojekt führen. Viele Büros sind inzwischen multikulturell besetzt, so gibt es immer häufiger auch Mitarbeiter, die die Initiative ergreifen, Kontakte herstellen und Projekte in ihren Heimatländern an­ bahnen. Die erste Aufgabe wird dann oft spontan angegangen, ohne ernsthaft über die Risi­ ken und Folgen nachzudenken. Es ist der Testfall, oft vom gesamten Büro aufmerk­ sam als ein Projekt-Exot verfolgt, der aber bei positivem Ausgang am Beginn einer kontinuierlichen Entwicklung stehen kann. Vom ersten Projekt, dem Abenteuer in ­einer fremden Planungswelt, ist es dann

noch ein großer Schritt zu nachfolgenden Aufgaben, gar zur Gründung eines Büros im Ausland. Voraussetzung dafür ist neben ­einer nachhaltigen Neugier vor allem ein hohes Maß an Ausdauer, um sich von garan­ tiert auftretenden Enttäuschungen, vergeb­ lichen Reisen und kommunikativen Desas­ tern nicht abschrecken zu lassen. Auch gilt es natürlich, talentierte und dauerhaft ­interessierte Mitarbeiter zu finden, die als „Brü­-cken­menschen“ die Planungskultur des ­eigenen Büros genauso gut kennen wie die Probleme vor Ort. Die Rahmenbedingungen für ein Arbeiten im Ausland sind gut. Die deutsche Planungskul­ tur, oft vor allem als ein systematisches Her­ angehen an Projekte verstanden, genießt weltweit einen guten Ruf. Auch traut man es vielerorts gerade deutschen Büros zu, gestal­ terische Ansprüche mit ökologischen Stan­ dards zu verbinden. Die Berufsbezeichnung „Diplom-Ingenieur“ ist überaus hilfreich, um auch auf unsere technischen Kompetenzen hinzuweisen, die Fähigkeit zu demonstrieren, ein Projekt von Anfang bis Ende zu betreuen, wo doch in vielen Ländern die Architekten und Landschaftsarchitekten ausschließlich als „Designer“ betrachtet werden. Es wäre zu wünschen, trotz der Bologna-Reform diese Werte zu erhalten, auch in Bachelor- und Masterabschlüssen auf diese Qualifikationen hinzuweisen. Und letztlich ist nicht zu unterschätzen, wie stark uns auch „Hofbräuhaus“, „Volkswa­ gen“ und „Neuschwanstein“ als Synonyme deutscher Populärkultur weltweit die Türen Garten + Landschaft

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Schegk Landschaftsarchitekten (8)

Portugiesische Pflasterer verlegen am Herderplatz in Weimar Kalk­ steine im Radius an einer Haus­ecke (siehe Pflasterdetail Seite 28). Den Platz gestaltet das Haimhauser ­Büro Schegk Landschaftsarchitek­ ten im historischen Kontext um.

Chancen und Risiken internationaler Standardisierung Ludwig Schegk Die Landschaftsarchitektur in Deutschland mit ihren hohen technischen Standards braucht eine internationale Normierung nicht zu fürchten. Gefahr droht, wenn überhaupt, eher von einer Verwässerung solcher Standards. Landschaftsarchitekten sollten die sich aus der eigenen Position ergebenden Chancen national und auch international aber noch aktiver nutzen.

Im Zuge der Neugestaltung und Sanierung des Herderplatzes in Weimar, einer Weltkulturerbe­ stätte, werden Belagsflächen neu gepflastert.

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„Erspart uns neue Normen!“ Kaum eine ­Rede eines Verbandsvertreters – Planer oder Ausführender – kommt ohne diesen Stoßseufzer aus. Von „DIN-Flut“ und „Über­ regulierung“ ist dann häufig die Rede, von Einschränkung der gestalterischen oder handwerklichen Freiheit. Dabei wird gerne übersehen, dass Normen und sonstige Re­ gelwerke keinen per se rechtsverbindlichen Charakter im Sinne von Gesetzen oder Ver­ ordnungen haben, sondern gemäß höchst­ richterlicher Rechtsprechung lediglich „pri­ vate Empfehlungen“ darstellen. Ihre An­ wendung kann und wird aber im Regelfall privatrechtlich in Honorar- oder Bauver­ trägen vereinbart werden. Dies sehen nicht zuletzt HOAI und VOB in ihren Bestimmun­ gen so vor. Genauso gut kann aber von den Anerkannten Regeln der Technik, so der Oberbegriff, abgewichen werden, um bei­ spielsweise gestalterischen oder funktiona­ len Erfordernissen Rechnung zu tragen. Im kreativen Umgang mit den Regeln beweist sich auch planerische Kunstfertigkeit. Nur müssen sich dann alle Beteiligten dessen bewusst sein und dies explizit vertraglich vereinbaren. Im negativen Fall müssen auch die – haftungsrechtlichen – Konsequenzen getragen werden. Hier gilt es, Ergebnis und Risiko gegeneinander abzuwägen. Nun wird niemand ernsthaft Regelwerke und Normierung, englisch „standardisation“ grundsätzlich in Frage stellen wollen. Was täten wir auch in der Landschaftsarchitektur, wenn Anbieter aus dem europäischen oder sonstigen Ausland im Zuge zunehmender ­Internationalisierung auf unseren heimi­ schen Markt wirtschaftlich erfolgreich Fuß

fassten, in dem sie zugunsten besserer Preise die hohen technischen Standards in Deutsch­ land außer acht lassen? Normen und andere Regelwerke dienen solchermaßen auch dem vielbeschworenen Verbraucherschutz. Profis für anspruchsvolle Aufgaben Ganz nebenbei sei hier auch die Hypothese zur Diskussion gestellt, dass die gestiegenen Anforderungen infolge neuer technischer Standards gerade auch in der Landschafts­ architektur dazu geführt haben, dass der Konkurrenzdruck durch andere Planungs­ disziplinen auf das Gewerk Freianlagen nachgelassen hat. Viele auch sehr zeit- und kostenintensive Fortbildungsveranstaltun­ gen von Kammern und Verbänden zu bau­ technischen Themen und das starke Interesse der Kollegen daran leisten hier einen wert­ vollen Beitrag. Sich die letztendlich unvermeidliche Standar­ disierung zunutze zu machen, verfolgt auch der Gedanke, selber Standards zu setzen ­beziehungsweise die Aufstellung von Nor­ men zumindest zu beeinflussen. Insbesonde­ re Vertreter von Herstellern oder deren Ver­ bänden wissen um den Einfluss, den Normen und Regelwerke im oben genannten Sinn auf ihre Tätigkeit haben. Die Planerverbän­ de tun sich meist schwer, hier mitzuhalten, häufig aus personeller Überforderung her­ aus, teils aber auch aus unverständlichem Desinteresse. Dabei sind Einflussmöglichkei­ ten durchaus gegeben. Ein Beispiel bietet das Thema Trockenmauerbau. Diese alte Handwerkskunst hat auch in der Gartenund Landschaftsarchitektur Tradition. Ur­ sprünglich vor allem zur Terrassierung von

Steillagen in Weinbaugegenden genutzt, ­gerieten Wissen und handwerkliche Fertig­ keiten zumindest in Deutschland mangels Nachfrage zunehmend in Vergessenheit. Das viele Jahre einzige dafür einschlägige Regel­ werk, die Mauerwerks-DIN 1053 Teil 1, war in ihren Aussagen zu dieser speziellen Tech­ nik weitestgehend unzureichend und un­ tauglich. Die Folge waren ebenso schlecht ausgeführte wie geplante (Stütz-)Bauwerke mit hoher Schadensanfälligkeit. Mit der Empfehlung zu Planung, Bau und Unterhalt von Trockenmauern hat die Forschungs­ gesellschaft Landschaftsentwicklung Land­ schaftsbau FLL in Zusammenarbeit planender und ausführender Fachleute im Jahr 2012 ein Regelwerk herausgegeben, das alte Hand­ werksregeln wieder zur Geltung bringt, diese aber gleichzeitig mit aktuellen Regeln der Tragwerkslehre im wahrsten Sinne des Wor­ tes untermauert. Gleichzeitig wurde der ­Inhalt mit anderen internationalen Stan­ dards, etwa aus der Schweiz, aus Frankreich und a ­ nderen Ländern abgeglichen. Ein ­Novum ist dabei, dass die Inhalte des neuen Regelwerkes der FLL die etwa zeitgleiche ­Novellierung der oben genannten deutschen Norm beeinflussen konnten. Dieses Regel­ werk der FLL zum Trockenmauerbau kann als gutes Beispiel positiver nationaler wie auch internationaler Zusammenarbeit in der Stan­ dardisierung gelten. Gleichzeitig bietet es ­sowohl der planenden wie auch der ausfüh­ renden Branche in Landschaftsarchitektur und Landschaftsbau die Chance, dieses The­ ma viel stärker als bisher für sich zu besetzen, etwa in der Sanierung, Restauration und Un­ terhalt kulturlandschaftlicher Bauwerke.

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Garten und Landschaft 10 2013  

Leseprobe Garten und Landschaft 10 2013

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