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August 2013

Garten+

Landschaft Zeitschrift f端r Landschaftsarchitektur

B端rger und Stadt


Inhalt 8/2013

Newsletter Jetzt kostenlos abonnieren: www.garten-landschaft.de Regelmäßig Neuigkeiten aus der Branche. In Hamburg warten die Bürger nicht mehr darauf, gefragt zu werden: Sie entwickeln selber Ideen, mit denen sie die Verwaltung konfrontieren (Seite 28).

Bürger und Stadt

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Wer plant die Stadt? Wer baut die Stadt? Cordelia Polinna Soziale Ausgewogenheit bei privaten Engagements für die Städte

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Stadterneuerung in Rio Solange Carvalho Rio de Janeiro vor Olympia: Projekte für Investoren

Grafik: Nexthamburg

Verlag: Callwey Verlag Streitfeldstraße 35 D-81673 München Fon +49 89 /43 60 05-0 Fax +49 89/43 60 05-113 www.garten-landschaft.de

Editorial

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Wer baute das siebentorige Theben? Robert Schäfer

Journal

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Die Quadratur des Deiches Thomas Armonat Ideenwettbewerb für zwei Deichabschnitte in Hamburg entschieden

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Die Multiplikation des Gezi-Parks Olaf Bartels Über Versammlungsfreiheit und öffentlichen Raum in Istanbul

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Kooperationen in Sicht? Juliane Pegels Tagung zu Freiraumplanung und urbanem Gärtnern an der TU München

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Mediation – der Weg zum Konsens Beate Voskamp, Stefan Kessen Das Beispiel des Berliner Landwehrkanals

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Durchatmen am Harras Thomas Armonat Neu gestalteter Platz im Stadtteil Sendling den Münchnern übergeben

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Kollaborative Stadtentwicklung in Hamburg Anna Wildhack Die Umkehr der klassischen Beteiligungskultur

8

Eine Auszeichnung, die den Tourismus ankurbelt Thomas Jakob Der Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel ist Weltkulturerbe

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Kartoffeln statt Blumen Jürgen Milchert Ein Kommentar zum Urban Gardening

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Von Sonnenblum, Honigbaum und Liebesapfel Katrin Schulze Ausstellung zum 400. Jahrestag der Erstausgabe des Hortus Eystettensis

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50 Jahre Arbeitskreis Historische Gärten Joachim Wolschke-Bulmahn Entwicklung und Bedeutung des DGGL-Arbeitskreises

7 Nach langem Warten können die Bürger in München-Sendling den umgestalteten Platz „Am Harras“ endlich als solchen nutzen. Bisher war er ein reiner Verkehrsknoten.

Herausgeber: Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur e.V. (DGGL) Wartburgstraße 42 10823 Berlin www.dggl.org

8 Ende Juni wurde der Kasseler Bergpark Wilhelmshöhe von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Der Titel wird hauptsächlich Marketingzwecken dienen.

14 Entgegen der Zusagen der Regierung profitieren nur wenige Favelas in Rio de Janeiro von den Baumaßnahmen im Vorfeld von Fußball-Weltmeisterschaft und Olympia. Nun organisieren sich die Bewohner. Im Bild: Rocinha.

DGGL

19 Der Taksim-Platz mit dem Atatürk Kulturzentrum und der Gezi-Park in Istanbul sind symbolische Orte für Meinungsfreiheit. Pläne für den Bau einer Shopping-Mall verursachten heftige Proteste.

24 Die Ufer des Berliner Landwehrkanals mussten in den vergangenen Jahren saniert werden. Um die Interessen der Ämter und der Bürger aufeinander abzustimmen, wurde das Media­ tionsverfahren „Zukunft Landwehrkanal“ ins Leben gerufen.

Urban Design

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Nachrichten Campus Wettbewerbe Termine DGGL Nachrichten Autoren, Vorschau, Impressum

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32 Urban Farming wie das Projekt am Bow Back River im Londoner Osten ist im Trend. Landschaftsarchitekten müssen sich fragen lassen, ob ihre bunten Bilder den Städtern nicht mehr ausreichen. Ein Kommentar.

123. Jahrgang Bilder: bbz landschaftsarchitekten, Museumslandschaft Hessen Kassel, ArquiTraço Projetos Ltda, gregg.carlstrom/flickr.com, Mediator GmbH, diamond geezer/flickr.com Titel: Proteste in Rio de Janeiro, Solange Carvalho

Für die Zukunft gestalten. 2

Garten + Landschaft

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Journal

Die Quadratur des Deiches

studio urbane landschaften (3)

Ideenwettbewerb zur Gestaltung zweier Deichabschnitte in Hamburg entschieden

Ein Deich soll halten. Wasser auf der Gewässerseite, Gras auf der Narbe und die Landseite tro­ cken. Wer ihn betritt hat vier Beine und wolliges Fell. Oder ist mit zwei Beinen beziehungswei­ se Rädern auf dem Weg von A nach B. Liegewiesen, Aussichts­ punkte und Blumen: Fehlanzei­ ge. So war das – bis das Hanno­ veraner studio u ­ rbane landschaf­ ten 2011 die Machbarkeitsstudie

für einen Deichpark Elbinsel in den Hamburger Stadtteilen Wil­ helmsburg und Veddel vorlegte. Damit soll alles anders werden. ­ Ende Juni wurde dazu ein Ideen­ wettbewerb entschieden. Die Büros studio urbane landschaf­ ten und West 8 überzeugten mit ­ihrem Konzept für jeweils einen von zwei Teil­bereichen. Ausge­ lobt haben den Wettbewerb die IBA Gesellschaft und der Landes­

Entwicklungsziel „Sprung über die Elbe“ ist dort greifbar nah. Basis für den Wettbewerb war die Machbarkeitsstudie. Mehr Gestaltung, mehr Nutzung, mehr Leben. Technische Erdbau­ werke, die den Lebensraum der Menschen schützen, sollen bes­ ser einbezogen werden. Das studio urbane landschaften setzte sich mit seinem Entwurf für den Klütjenfelder Haupt­

betrieb Straßen, Brücken und Gewässer Hamburg. Wegen neu festgelegter Bemessungswasser­ stände sollen der Klütjenfelder Hauptdeich bis 2016 und an­ schließend der Deich Veddel Nord einen Meter höher wer­ den. Und: Veddel liegt südlich der HafenCity am gegenüberlie­ genden Elbufer. Es bietet sich an, die beiden Gebiete miteinander zu verbinden. Das langfristige

deich im Wilhelmsburger Nor­ den durch. Dieser begrenzt den Spreehafen auf seiner Südseite. Eine einfache, aber wirkungs­ volle Idee spart Platz: Eine zwei Kilometer lange Sitzbank aus Betonblöcken mit Holzauflage sichert den Hang auf 50 Zenti­ meter Höhe. So muss trotz Erhö­ hung der Deich nicht breiter werden. Dieser Platz wird der Deichpromenade zugeschlagen. Als Zwischenberme bietet sie auf 4,50 Meter Breite Platz für Radfahrer, Spaziergänger und Inliner. Die Bank nimmt Be­ leuchtung und Abfallbehälter der Promenade auf.

der ehemaligen Zollanlagen mit einem Geflecht von Plätzen und Straßen. Der Veddeler Markt­ platz, aktuell nur noch als Name vorhanden, wird wieder zum Lebensmittelpunkt des Quar­ tiers. Eine Brücke ermöglicht, vom Wohnviertel aus den Elb­ deich im Norden zu erreichen, ohne die Straße mit Schwerlast­ verkehr zu kreuzen. Auf der Deichkrone sieht West 8 eine

Aussichtsplattform vor. Die Vegetation der feuchten Ufer­ zonen wird erhalten. Stege und Pontons erlauben, diese Flächen zu durchqueren. Auf der nörd­ lichen Deichseite werden Magerwiesen angelegt. Auf der süd­lichen, der Siedlung zuge­ wandten Seite, erzeugt ein Pflanzensaum Parkcharakter.

Nach dem Entwurf von stu­ dio urbane landschaften er­ schließen ein Höhenweg, ­eine Deichpromenade und ein Treibselweg am Wasser den Klütjenfelder Haupt­ deich am Spreehafen.

Thomas Armonat

Ans Wasser statt nur Zaungast

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Zweiphasiges konkurrierendes städ­ tebaulich-freiraumplanerisches Pla­ nungsverfahren Auslober: IBA Hamburg GmbH und Landes­betrieb Straßen, Brücken und Gewässer Hamburg Entscheidung: 18. Juni

West 8 (2)

Erster Rang Planungsraum Spree­ hafen: studio urbane landschaften, Hamburg Erster Rang Planunsgraum Veddel Nord: West 8, Rotterdam

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Planungsverfahren Deichpark: Klütjenfelder Hauptdeich und Deich ­Veddel Nord, Hamburg

Spreehafen

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Das Büro West 8 setzt für den Planunsgraum Veddel Nord darauf, die bekannte Veddeler Fischbratküche zu erhalten und den Markt­ platz wieder als Zentrum zu etablieren. Eine Brücke verbindet das Wohnviertel kreuzungsfrei mit dem Elb­ deich.

Bis zum vergangenen Jahr trennte ein hoher stacheldraht­ bewehrter Zaun auf der Deich­ krone den Zollhafen vom Wohnquartier. Im Rahmen der IBA Hamburg wurde der Zaun vergangenes Jahr abgebaut und das Hafenbecken den Menschen wieder zugänglich gemacht. Der Zoll­käfig war Vergangen­ heit und der Deich erhielt eine neue Zukunftsperspektive. Für das IBA-Projekt „Öffnung des Spreehafens“ gestaltete das Ber­liner Büro Topotek1 dort große Treppen­anlagen. Nun können die Anwohner den Deich überqueren. Nach der Erhöhung des Deichs sollen die Treppen wieder eingebaut und um zwei barrierefrei begehbare Rampen ergänzt werden. Das Rotterdamer Büro West 8 empfahl sich der Jury mit dem Entwurf für den Deich Veddel Nord. Um Veddel aus seiner städtebaulichen Isolation zu be­ freien, umgeben die Niederlän­ der die bekannte Fischbratkü­ che, ein Bunker und die Hallen

Eine Sitzbank begleitet auf zwei Kilometer Länge die Deich­promenade. Beton­ blöcke sichern den Hang. So muss der Deich trotz Erhö­ hung nicht breiter werden.

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Internationaler Flughafen

Stadterneuerung in Rio

Hafen

Deodoro Maracanã RIO DE JANEIRO

Das gilt auch für Rio de Janeiro. Doch die Gewinner der Spiele sind nicht die Bürger, sondern die Investoren. Denn sie bestimmen die Planung.

Zuckerhut

Das öffentliche Nahverkehrssystem von Rio de Janeiro ist teuer und überlastet. Der geplanten Umbau zu den Olympischen Spielen ist nicht nachhaltig. Insbesondere das Bahnnetz bleibt unzureichend.

Barra Copacabana

Solange Carvalho

Großereignisse wie Olympische Spiele suggerieren stets, die Stadtentwicklung voranzutreiben.

Solange Carvalho

Planung ohne Bürger Die Prozesse der Stadterneuerung in Rio de Janeiro, die Projekte und Ausgaben der ­öffentlichen Hand sind nicht transparent, es fehlt eine geeignete Beteiligungskultur.­ Außerdem haben sich all die Projekte zur Stadterneuerung auf die Lebenshaltungs­ kosten der Bürger von Rio de Janeiro ausgewirkt. Die enormen Investitionen haben Rio zu einer absurd teuren Stadt gemacht – 2012 war Rio auf Platz 13 der teuersten Städte der Welt zu finden. Der damit einhergehende Gentrifizierungsprozess ist durch alle Gesellschaftsschichten hindurch spürbar. Im Juni wurden die Fahrpreise für öffent­ liche Verkehrsmittel erhöht, was natürlich ­direkte Auswirkungen auf die Lebenshaltungskosten hatte. Andererseits wurden für den Start des Fußball-Konföderationen-Cups von den Gastgeberstädten astronomische Summen für den Bau oder Umbau der Sta­ dien ausgegeben. Deren Finanzierung ist bis heute nicht offengelegt. 14

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Die Sanierung des Maracanã-Stadions in Rio de Janeiro war anfangs mit umgerechnet 345 Millionen Euro veranschlagt. Aufgrund von Fehlern bei der Planung und bei den Vergabeverfahren stiegen die Kosten dann aber um ein Drittel. Das Ganze begünstigte überhöhte Abrechnungen und Korruption. ­Außerdem hatte man wegen der schlechten Planung Schwierigkeiten, die vereinbarten Termine einzuhalten. Über mehrere Monate musste Tag und Nacht gebaut werden, was den Bau der Sportstätten erheblich teurer machte. Überteuertes Stadion Tatsächlich wurde das Maracanã-Stadion in den vergangenen Jahren bereits zwei Mal ­renoviert: 1999 für die FIFA-Club-Weltmeisterschaft 2000 und von 2005 bis 2007 für die Panamerikanischen Spiele. Es wurde doppelt so viel ausgegben wie für das Stadion in Soccer City, dem Austragungsort des Weltmeisterschaftsfinalspiels 2010 in Südafrika. In ­einem Land mit gravierenden Problemen im Bildungs- und Gesundheitssystem oder beim sozialen Wohnungsbau ist es eine Verschwendung staatlicher Mittel, wenn ein ­Stadion innerhalb von 20 Jahren gleich drei Mal renoviert wird. Genau deshalb rebellieren die Menschen. In große Sportereignisse wird viel investiert und die Botschaft lautet immer, die Städte würden von dem Vermächtnis der Spiele profitieren. Aber wie können die Einwohner Rio de Janeiros daran glauben, dass sie profitieren werden? Sogar Experten bezweifeln, dass die spärlichen Informationen stimmen, die sie über diese Projekte haben. Das öffentliche Verkehrsnetz und die Mobilität in den Städten bereiten Brasilien größte Probleme, vor allem wegen der mangelhaften Qualität der Verkehrssysteme und der hohen Fahrpreise. Deshalb sind über die ­Hälfte der Investitionen für die Olympischen

Carolina Thibau

Als man mich bat, über Stadtentwicklung und Bürgerbeteiligung in Rio de Janeiro im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele 2016 zu schreiben, da hätte ich beinahe abgelehnt. Denn es gibt fast keine Informationen über die städtebaulichen Vorhaben. Vielleicht sind ­ aber gerade die fehlenden Informationen ein Zeichen dafür, dass die ­Öffentlichkeit bei manchen Projekten halbherzig, bei anderen gar nicht einbezogen wurde. Insofern ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt für einen Artikel zu diesem Thema. Wir ­waren gerade Gastgeber des Konfödera­ tionen-Cups. Und Brasilien ist Schauplatz ­sozialer Unruhen, die Straßen der Städte sind voll mit demonstrierenden Menschen. Ein Grund für die Demonstrationen ist sicherlich, dass die Bevölkerung nicht in die Entscheidungsprozesse eingebunden wird.

Es geht in Rio de Janeiro vor allem um Optik: Die Favela do Metrô in der Nähe des Maracanã-Stadions wurde abgerissen.

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Die Multiplikation des Gezi-Parks Der Gezi-Park am Taksim-Platz in Istanbul war einst Treffpunkt der republikanischen Eliten – in diesem Jahr ist er Schauplatz für Proteste gegen seine Zerstörung. Der Ort des Widerstands Olaf Bartels

gegen eine undemokratische Stadtplanung ist zum Symbol für Mitbestimmung und Bürgerrechte in der Türkei geworden.

Olaf Bartels

Nikola Mihov/Wostok Press/dpa

Auch nachdem die Besetzung des GeziParks in Istanbul gewaltsam aufgelöst worden ist und die Akteure von der Polizei mit Wasserwerfern bis in ihre Wohnungen hinein verfolgt wurden, lebt der Protest in den Straßen und Parks der türkischen Städte weiter. Längst ist aus dem Widerstand gegen das Projekt, den Gezi-Park durch die Rekonstruktion einer osmanischen Kaserne zu zerstören, den Platz zu untertunneln und das Atatürk Kulturzentrum (Atatürk Kültür Merkezı AKM) abzureißen, ein landesweiter Volksaufstand gegen die restriktive Politik des Türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan geworden. Öffentlich wird Privat Die spontane Aneignung des öffentlichen Raums hat in der Türkei und besonders in Istanbul Tradition. Über die Hälfte der Istanbuler Siedlungsfläche bestehen aus den einst über Nacht erbauten Gecekondular, den informellen Siedlungen, die mittlerweile in ihrer zweiten und dritten Generation entstehen. Hier sind die Nachbarschaften so gut aufgestellt, dass sie sich nicht nur ihre Wohnhäuser gegenseitig bauen, sondern auch die notwendige Infrastruktur organisieren: Strom, Wasser und Abwasser, die Schulversorgung der Kinder, den öffentlichen Verkehr mit Minibussen und Sammeltaxis (Dolmus). Auch kleine Stadtteilparks gibt es in der „geplant ungeplanten Stadt“, wie sie der Istanbuler Stadttheoretiker Ihsan Bilgin nennt. Aber auch wenn sich diese Stadtteile auf nachbarschaftlicher Basis gut entwickeln, reicht das Prinzip der „Selfservice City“ für die Entwicklung übergeordneter städtischer Strukturen nicht aus. Pläne, den Gezi-Park zu zerstören und dort ein Einkaufszentrum zu errichten, brachten im Juni unzählige Istanbuler dazu, im Park und auf dem Taksim-Platz zu demonstrieren.

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Und die Standsicherheit der Bauten ist vor allem bei Erdbeben nicht gesichert. Es fehlt oftmals an einer übergeordneten Instanz, die das Bauen überwacht. Große Grünflächen sind auf diese Art in Istanbul nicht entstanden. Die großen öffentlichen Parks der Stadt befinden sich in der Regel an den historischen Palästen der Herrscher, von denen es in Istanbul einige gibt. Doch angesichts der Größe der Stadt mit einer bebauten Fläche von 80 mal 40 Kilometer und 17 Millionen Einwohnern hat die Metropole am Bosporus relativ wenige Grünflächen. Zwar bescherte die Deindustrialisierung in den 1980er-Jahren den Menschen vor allem an den Ufern des Goldenen Horns neue Grünflächen. Dennoch besteht weiterer Bedarf. Istanbul wächst immer weiter, ohne Grün. Vor fünfzehn Jahren setzte zudem ein gewaltiger Umstrukturierungsprozess ein. Es wachsen neue Quartiere aus dem Boden, mit Hochhäusern für Büros, aber auch zum Wohnen. Hinzu kommen zahlreiche Gated Comunities sowie Shopping- und Businessparks. Außerdem wird die historische Altstadt in ein Wohn- und Geschäftsgebiet für die Middle- und Upperclass umgewandelt. Auch an Verkehrsprojekten mangelt es nicht. Zahlreiche Auto- und Metrotunnel, eine Metrobrücke über das Goldene Horn und ein Eisenbahntunnel unter dem Bosporus, dem demnächst auch ein Autotunnel folgen soll, durchziehen oder überspannen mittlerweile die einzige Metropole der Welt, die auf zwei Kontinenten liegt. Die neue Metrobrücke über das Goldene Horn beeinträchtigt die historische Stadtsilhouette so gravierend, dass die Unesco der Stadt


Kollaborative Stadtentwicklung in Hamburg

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IDEEN

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Bürger vision

Über die Online-Plattform Nexthamburg haben Menschen die Möglichkeit, sich abseits offizieller Beteiligungsverfahren einzumischen. Das Prinzip der Stadtentwicklung wird umgekehrt: Die Bürger entwerfen ihre eigene Stadtvision und laden Politik und Verwaltung ein, diese zu diskutieren.

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Crowdsourcing

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Grafiken: Nexthamburg (2) flic kr

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Von der Idee zur Vision zu Projekten: Nexthamburg schafft eine Plattform für Bürger, die ihre Stadt planen möchten. Dazu gibt es sowohl online als auch bei Treffen und Workshops Gelegenheit.

Expertenchecks

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Nexthamburg

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tiven Stadtentwicklung als Pilotprojekt der Nationalen Stadtentwicklungspolitik gemeinsam mit unterschiedlichen Partnern ausgiebig zu testen. Entstanden ist das Prozessmodell, Herzstück der Aktivitäten von Nexthamburg. Die Dramaturgie des Modells besteht in einem permanenten Sammeln, gemeinsamen Bewerten, Auswählen und Vertiefen von Ideen für die Stadt von morgen. Das funktioniert natürlich nur mit einer starken Community, die den Prozess mitträgt und regelmäßig Inhalte beisteuert sowie verschiedenen Partnern. Kooperationen mit Akteuren aus unterschiedlichen Bereichen sorgen dafür, dass der Prozess inhaltlich, medial aber auch finanziell unterstützt wird. Dazu gehören die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, die Hafen­City Universität, die Körber Stiftung, die ZEIT Stiftung, die IBA Hamburg GmbH, das Museum für Hamburgische Geschichte und das Goethe Institut. Mit der Community arbeiten wir auf Veranstaltungen vor Ort und in einem kontinuierlichen Online-Dialog zusammen. Online erreicht Nexthamburg etwa 10 000 Menschen auf unterschiedlichen Kanälen. Neben der Homepage (www.nexthamburg.de) tauschen sich die Nutzer auf Facebook, Twitter,

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sende Zahl von Dialogangeboten das ge­ stiegene Mitsprachebedürfnis der Bürger nicht stillen. Nexthamburg hat sich daher 2009 auf den Weg gemacht, eine neue Form der Betei­ ligung zu erproben: die kollaborative Stadtentwicklung, bei der sich die Beteiligungs­ logik umdreht. Die Bürger werden selbst zu Stadtentwicklern, entwerfen ihre eigene Stadtvision und laden Politik und Verwaltung zur Debatte ein, statt auf Mitspracheangebote zu warten. Zum Erstaunen vieler Politiker und Planer interessieren sich die Bürger dabei nicht nur für Themen mit unmittelbarem Alltagsbezug – wie der Platz vor der Haustür, der verkommt – sondern auch für die großen strukturellen Fragen zur Zukunft der Stadtentwicklung: Wie und wo wollen wir wohnen und arbeiten? Wie werden wir uns durch die Stadt bewegen? Wie hält sich Hamburg ökonomisch am Laufen? Und welche Entwicklung schlägt der Hafen ein? Gerade wenn es um die notwendigen Fragen der übernächsten Schritte geht, sind die Erfahrungen und das Wissen derjenigen gefragt, die die größten Experten der Stadt sind: die Bürger. Von 2009 bis 2011 hatte Nexthamburg die Möglichkeit, seinen Ansatz der kollabora­

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Bei der kollaborativen Stadtentwicklung kommt es auf das Wissen der Bürger an, ­ ihre detaillierte Ortskenntnis, ihre Kreativität und ihre individuellen Interessen. Crowdsourcing nennt sich dieses Prinzip, bei dem das Wissen der Vielen zur Quelle von Innovationen wird. In einem geschützten Denkraum können die Bürger gemeinsam neue und ungewöhnliche Ideen entwickeln. Nexthamburg gibt als unabhängiges und offenes Bürger-Stadt-Labor diesen Ideen, Meinungen und Wünschen eine Bühne und sorgt dafür, dass sie bei der Stadtverwaltung ­gehört werden. Viele Menschen beklagen, dass es bei den meisten Plänen und Projekten nichts mehr zu entscheiden gäbe. Wünsche und Ideen sollen zwar geäußert werden, aber die ­eigentliche Planung steht schon lange fest. Gefordert werden andere Formen der Beteiligung, die sich stärker an den Bedürfnissen der Menschen ausrichten und vor allem ­ergebnisoffen sind. Noch nie gab es so viele Beteiligungsangebote wie heute. Kein Stadtentwicklungsprojekt kann es sich mehr leisten, auf die Einbindung der Bürger zu verzichten. Gleichzeitig ist der Unmut der Bevölkerung über die Planungen so groß wie noch nie. Offensichtlich kann die wach-

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Anna Wildhack

„Steinwerder: Neuland gegenüber der City“ heißt eine Bürgervision von Nexthamburg. Bis 2030 soll sich in dem Hafengebiet ein „Bürgerstadtteil“ entwickeln. Die Idee: Grundeigentümer bleibt die Stadt, alle Planungen werden in einem Bürgerparlament abgestimmt.

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