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PLATZ FREII RAUMI PARK GRUNI April 2012

Garten+

Landschaft Zeitschrift für Landschaftsarchitektur

Dies ist eine Leseprobe

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Strategie Freiraum


Inhalt 4/2012

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Zeichen setzen im Freiraum: der Hirsch als Symbol für die Schorfheide röhrt jetzt auch in Berlin-Marzahn.

Strategie Freiraum

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Verlag: Callwey Verlag Streitfeldstraße 35 D-81673 München Fon +49 89 /43 60 05-0 Fax +49 89/43 60 05-113 www.garten-landschaft.de

Editorial

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Was ist Solidago wert? Robert Schäfer

Journal

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Was aus Industrieflächen wird Thomas Jakob Drei Landesgartenschauen und die Welt-Garten-Expo

4 Neben den drei Landesgartenschauen in Bamberg, Löbau und Nagold wird es dieses Jahr auch eine Floriade im ­niederländischen Venlo geben. Eine Seilbahn überspannt dort das Gartenschaugelände.

6 Der New Yorker Central Park ist zu jeder Jahreszeit gut besucht. Heute den Stil von 1857 zu kopieren ist jedoch Unsinn, da Entwürfe den jeweiligen soziokulturellen Kontext berücksichtigen sollten.

10 Auf einer Bahn­brache wächst in Essen seit Ende der 1990er-Jahre der Gleispark Frintrop heran, dessen ruderaler Charakter auf den ersten Blick ungewohnt ist.

Gute Parks heute: keine Frage des Stils Udo Weilacher Über Gestaltung und den soziokulturellen Kontext Ruderal-Charme vor der Haustür Anette Kolkau Der Gleispark Frintrop in Essen

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Der Landwirtschaftspark Herzberge Siri Frech Urbane Landwirtschaft als Wirtschaftsmodell im Landschaftspark

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Visionäre Landschaftsarchitektur in Berlin Susanne Isabel Yacoub Das Schorfheideviertel in Berlin-Marzahn

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Mehr mit Weniger Herbert Dreiseitl Urbane Freiräume von morgen

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Verdichtung? Ja, aber... Cornelia Peters Die „Qualitätsoffensive Freiraum“ in Hamburg

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Grünflächenmanagement für die Metropole Ruhr Johannes Blume Stand der Dinge und ein Ausblick

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Die Chancen der Doppik Michaela Maurer, Thomas Grieger Die Konsequenzen der doppelten Buchführung für das kommunale Grün

18 Hügel, die wirken als seien sie aus der Heide importiert, haben einer Großsiedlung in BerlinMarzahn zu neuem Charme ­verholfen.

22 Der Zollhallenplatz in Freiburg ist nicht nur schick, sondern auch nachhaltig: gebaut wurde mit Recyclingmaterial, das Regenwasser fließt über Pflanzflächen und Rigolen ins Grundwasser.

Urban Design Projekt Produkte

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GaLaBau Praxis Recht Produkte

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125 Jahre DGGL Nachrichten Campus Wettbewerbe DGGL Nachrichten Termine Autoren, Vorschau, Nachtrag, Impressum

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31 Der Landschaftspark Duisburg Nord ist gut in Schuss. Doch auch für weniger bekannte Parks im Emscher Landschaftspark sollte es Pflegestandards geben.

Herausgeber: Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur e.V. (DGGL) Wartburgstraße 42 10823 Berlin www.dggl.org 122. Jahrgang Bilder: Floriade 2012, Ada Be/flickr.com, DTP Landschaftsarchitekten, gruppe F, Atelier Dreiseitl, Michael Eichental Titel: Grafik von Boris Storz, Fotogrundlage von Guy Gorek

Für die Zukunft gestalten. 2

Garten + Landschaft

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Garten + Landschaft

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Gute Parks heute: keine Frage des Stils

Auch mehr als 150 Jahre nach seiner Eröffnung zieht der New Yorker Central Park zu jeder Jahreszeit Besucher an. Frederick Law Olmsted und Calvert Vaux schufen einen Park, dessen Stil der Zeit entsprang und der dennoch zeitlos wirkt.

Über den soziokulturellen Kontext von Gestaltung nachzudenken ist essenziell, Die Stil-Kritik an modernen Parks geht oft an wesentlichen Fragen zu fundamentalen ästhetischen und ethischen Grundwerten vorbei.

Der Riemer Park in München, gestaltet von Latitude Nord aus Paris, löste eine Debatte über Publikumsgeschmack aus.

Udo Weilacher

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Garten­revolutionär gilt noch heute interna­ tional als ein Vorbild in der Fachwelt, weil er seinen Standpunkt scharfsinnig begründete, seine Visionen praktisch umsetzte und keiner Debatte um die aus seiner Sicht notwendige Erneuerung der Gartenkultur aus dem Weg ging. Migge, der den Begriff „Gartenkunst“ strikt ablehnte, hatte klare sozial­ reforme­rische Ziele vor Augen und war überzeugt, dass die Gartenkultur einen bedeutenden Beitrag zur Verbesserung der Lebensumstände der Menschen leisten müsse. Ökonomisierung der Planung Klare Standpunkte und feste Überzeugungen hinsichtlich der gegenwärtigen und künftigen gesellschaftlichen Bedeutung von Parks und Gärten haben in der Fachwelt heutzu­ tage eher Seltenheitswert. Viel zu sehr dominiert die globale Ökonomisierung aller Lebensbereiche mittlerweile auch die Landschaftsarchitektur, was dem offenen intellektuellen Diskurs über gesellschaftliche Werte keineswegs förderlich ist. Wirklich erkenntnisreiche Debatten über die Beziehungen zwischen Mode, Stil und fundamentalen ästhetischen sowie ethischen Werten werden deshalb leider kaum noch geführt oder als Luxusdebatten abgetan. Das bremst die Weiterentwicklung einer Profession, die den lebendigen Diskurs dringend braucht und Verantwortung für globale Lebensumwelten tragen muss. Dass aber heute nicht mehr mit der gleichen Leidenschaft wie vor hundert Jahren für einen bestimmten Stil in der

Udo Weilacher (3)

„Es sind immer bestimmte Zwecke, die wir mit der Einrichtung eines Gartens erfüllen wollen, Zwecke, die dargestellt und geformt zu werden verlangen. Aber wie? (...). Das Aussehen eines Stuhles etwa ist immer nur innerhalb bestimmter Gesetze abwandelbar. Seine Urform lag fest Jahrtausende hindurch, und sie wird bleiben (...). Just so haben die Menschen auch vor langer Zeit die zu ihrem Wesen passendste Garten-Urform erfunden. Es ist die geometrische. (...) Die architektonische Gestaltung des Gartens ist für uns vor allem deshalb notwendig, weil sie so einfach ist. Weil ihre Elemente am leichtesten zu handhaben und von Natur aus so haushälterisch sind, dass in unserem Zeitalter der Massenprobleme allein sie irgend­ eine Wirkung in die Breite ermöglichen: ich wünsche den architektonischen Garten aus volkswirtschaftlichen und sozialen, aus ethischen Gründen.“ (Leberecht Migge) Ein klarer Standpunkt – erstmals schriftlich fixiert vor hundert Jahren und leidenschaftlich vertreten in zahlreichen Diskussionen um die Gestaltung öffentlicher Stadtparks. So auch in Hamburg, wo um 1908 ein heftiger Streit zwischen den Anhängern des landschaft­lichen und den Befürwortern des architek­tonischen Stils entbrannte. Leberecht Migge schloss sich dem zweiten Lager an, war aber der Überzeugung, dass die vordergründige Stilfrage im Grunde irrelevant sei, weil sich ein Stil gegebenenfalls schon von alleine entwickeln würde, „wachsend, aus dem Leben seiner Zeit“. Der streitbare 6

Ada Be/flickr.com

damit Parks langfristig eine zentrale Rolle im städtischen Leben spielen.

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Visionäre Landschaftsarchitektur in Berlin Europaweit befreien Planer städtische Großsiedlungen von Monotonie und Anonymität. Der Außenraum ist dabei ein Schlüsselelement. In Berlin-Marzahn gestalteten Landschaftsarchitekten in Abstimmung mit den Bewohnern einiger Plattenbauten ein Stück Landschaft, ausgestanzt wie aus Brandenburgs Wäldern.

Das nachgebildete Landschaftsbild der Schorfheide prägt das Umfeld der verbliebenen Plattenbauten in Berlin-Marzahn. Fußwege führen vorbei an Hügeln mit Waldkiefern und im Wind wogenden Gräsern.

Zu Füßen der Hochhäuser kriechen im Schorfheideviertel unter noch jungen Kiefern üppige Grasmatten an kleinen Hügeln hinauf oder umrahmen 27 weiße Baukörper, die ­sogenannten MuFuBoxen. In der liebevollen Abkürzung für die neuen Multifunktions­ boxen im Garagenformat, die sich Anwohner ursprünglich als Fahrzeug-Stellplatz gewünscht hatten, soll ein Hinweis auf die in der Schorfheide heimischen Mufflon-Schafe mitschwingen. Mit augenzwinkerndem ­Humor, einer Prise Selbstironie und ­Ästhetik wurde inmitten des durch Abriss g ­ eschrumpften Plattenbauviertels das Landschaftsbild der Schorfheide kopiert. Das nördlich von Berlin gelegene Naturschutzgebiet war früher Jagdrevier ranghoher DDR-Poli­tiker mit allem was dazu gehört: röhrende Hirsche, Kiefernnadeln, wogende Gräser und weidende Schafe. Eine gute Portion Abstraktionsvermögen ist nötig, um in den weißen Garagenbauten ­eine Schafherde auszumachen. Leichter fällt es, die Hirschskulpturen zu deuten, die als dick-plastischer Schattenriss auf Hügeln thronen. „Wenn man mit dem Bus vorbefährt, schauen sie aus wie echte Hirsche“, lacht 18

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architektur-Preis 2011 in der Sonderkategorie Wohnumfeld ausgezeichnet wurde – entspringen einer besonderen Methode. Das Charrette-Verfahren, das seit den 1990er-­ Jahren erfolgreich in den USA eingesetzt wird, bezieht sich auf den Karren, mit dem im 19. Jahrhundert Kunststudenten ihre Werke am Semesterende zur Akademie transportierten. Nicht selten wurde noch auf dem Weg dahin weitergemalt, unter Kommentaren der schaulustigen Bevölkerung am Straßenrand. Übertragen auf die Partizipation sollen so komplexe Planungen in einem kompromisslos offenen Prozess gelöst werden, an dem alle Betroffenen, Planer und Entscheidungsträger beteiligt sind. Es war ein schnelles Verfahren: zwei Monate für Vor- und Nachbereitung, zwei aktive Arbeitswochen mit Anwohnern im Frühjahr und im anschließenden Herbst die Umsetzung. Bürgerbeteiligung nach der

Charrette-Methode verlange, alle Beteiligten mittels transparenter Diskussionsstrukturen zu einem konstruktiven Nachdenken zu zwingen, sagt Thies Schröder von ts_pk Planungskommunikation. 2007 moderierte er gemeinsam mit den ebenfalls in Berlin ansässigen Landschaftsarchitekten der gruppe F das Charrette-Verfahren für Anwohner, Quartiersmanagment, Kommunalvertreter und die Wohnungseigentümergesellschaft Degewo. Wichtig sei es, nicht mit vorgefasster planerischer Haltung heranzugehen, sondern wirklich Werte und Interessen zu erfassen, „also keineswegs eine Idee reingeben und dann fragen, findet Ihr das gut?“, warnt Schröder. Eine große Idee mit Identifikationspotenzial Der Impuls zur Gestaltung nach dem Vorbild der umgebenden Landschaft kam von den Anwohnern selbst, vielleicht angelehnt ­an ­

Beim flüchtigen Hinsehen wirken die Hirschskulpturen fast lebensecht: Der Potsdamer Künstler Jörg Schlinke entwarf sie zusammen mit Anwohnern.

gruppe F Landschaftsarchitekten

Susanne Isabel Yacoub

­ arina Bikádi vom Marzahner Kinderkeller, M einem offenen Kinder- und Jugendfreizeitprojekt des Kinderring Berlin e.V. in Marzahn Nord. Etwa 25 Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren haben gemeinsam mit dem Künstler Jörg Schlinke an den Hirschen aus Lehm-Beton-Masse gewerkelt. Angefangen von einer Planungswerkstatt über Hausflurgespräche mit den Bewohnern bis hin zum Modellbau und der Realisierung der Hirsche war das nicht nur ein tolles Erlebnis, um Kunst zu entdecken, sondern auch ein ideales Projekt, um Kindern Stadtplanung zu vermitteln, kommentiert Bikádi. Künftig kümmern sich Erwachsene und Kinder gemeinsam um die Sicherheit der Skulpturen unter dem Slogan: „Ich bin Hirschpate.“ Die erfrischend andere Bürgerbeteiligung und ihr Ergebnis – ein preisgekrönter Freiraum, der mit dem Deutschen Landschafts­

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Der Tanner Springs Park in Portland, Oregon, steht für nachhal­ tige Planung. Das Regenwasser der angrenzenden Bebau­ung wird in ein Reinigungsbiotop eingeleitet und in einem See gesammelt. (Alle Projekte im Artikel: Atelier Dreiseitl. Bauzeit Tanner Springs Park: 2004-2005, 2010)

Regenwassermanagement war auch im Sentral Parken Fornebu in Oslo zentrales Thema. Ein See speichert das gesamte Regenwasser. (2006-2008)

Mehr mit Weniger – Urbane Freiräume von morgen Sich überlagernde Nutzungen und Gestaltung als Ausdruck heterogener Interessen: Das sind zwei der wichtigsten Eigenschaften, die städtische Freiräume künftig aufweisen müssen. Sie ermöglichen damit, sowohl Umweltaufgaben wie dem Regenwassermanagement als auch sozialen Aspekten gerecht zu werden.

Am frühen Morgen ein Ballspielplatz, mittags ein Picknickplatz im Schatten für junge Frauen und Männer bei der Siesta, nachmittags ein Fußballfeld und abends eine Bühne für eine Hochzeit – ein Platz mitten in Mumbai. ­„Kinetic Cities“ nennt Rahul Mehrotra, ­Professor of Urban Design and Planning an der Harvard Graduate School of Design dieses Phänomen. Mit ihm und einer Gruppe von Kollegen, Professoren und Studenten war ich 2011 als Loeb Fellow für ­­ein interdisziplinäres Forschungsstudio in Mumbai unterwegs. Wir arbeiteten an einem Modellprojekt für „Extreme Urbanism“, ­um künftige Entwicklungen zu zeigen. 22

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Unsere Erfahrungen mit Slums, Plätzen und Grünflächen dieser Stadt, in der Armut und Luxus dicht neben und übereinander liegen, zeigten wie wichtig und intensiv genutzt jeder noch so kleine öffentliche Raum bereits jetzt ist, und in Zukunft wird der Wert noch steigen. In der Praxis unserer Büros in Singapur, ­Peking, Portland und Überlingen ergeben sich die gleichen Erfahrungen: Urbane Freiräume werden immer mehr Aufgaben auf weniger verfügbarer Fläche übernehmen müssen. Das Thema öffentlicher Freiraum in der Stadt ist hochaktuell. Wohnhäuser, Industrie und Gewerbe fressen sich weltweit immer

weiter in Landschaftsräume, denn immer mehr Menschen leben in Städten. Gleich­ zeitig steigt der Flächenbedarf pro Einwohner für Wohn- und Arbeitsraum stetig an. Natürlich gibt es deutliche Unterschiede zwischen europäischen Städten, die eher schrumpfen, und den Brennpunkten der städtebaulichen Entwicklung in Asien, ­Lateinamerika, Indien und künftig auch in Afrika. Dort wird vor allem das Wachstum des Mittelstands enorme Flächen und Ressourcen verbrauchen. In Europa hat zwar die Schrumpfung des Mittelstands und teilweise auch der Städte längst begonnen. I­n den vergangenen 20 Jahren wurden ­zunehmend Flächen frei, aber auch

Atelier Dreisetl (7)

Herbert Dreiseitl

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Garten und Landschaft 04 2012