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März 2012

Garten+

Landschaft Zeitschrift für Landschaftsarchitektur

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Konzepte für die Stadt


Inhalt 3/2012

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Verlag: Callwey Verlag Streitfeldstraße 35 D-81673 München Fon +49 89 /43 60 05-0 Fax +49 89/43 60 05-113 www.garten-landschaft.de

Mehr Grün in der Stadt bedeutet mehr Lebensqualität. Hamburg ergreift die Chance mit der igs 2013, Berlin entwickelt eine neue Strategie für seine Stadtlandschaft und Frankfurt stellt das Grüngürtel-Konzept auf neue Beine. Dort bringen Landschafts­lotsen Besuchern die Natur auf dem Alten Flugplatz näher.

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Wer wohnt schon gern im Schloss? Robert Schäfer

Journal

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Eine Freiraumkette als Stadtboulevard Stephanie Wittenburg Ausstellung in Berlin zur Weiterentwicklung der Kölner Ringstraße

6 Kunstvoll zu Formen geschnittene Hecken und Sträucher waren das Markenzeichen ­ von Dieter Kienast. Sein Privatgarten in Z­ ürich-Wollishofen zeugt von dieser Leidenschaft.

Engagement und Schönheit Anette Freytag Das Werk des Landschaftsarchitekten Dieter Kienast (1945-1998)

Urban Design Spiel Projekt Produkte

46 48 50

GaLaBau Praxis Produkte Recht

51 52

125 Jahre DGGL Fotografenportraits Nachrichten Tagungen Campus Wettbewerbe DGGL Nachrichten Termine Autoren, Vorschau, Impressum

38 40 42 44 44 53 56 58 64

Konzepte für die Stadt

Editorial

4 Als die Kölner Ringstraße gebaut wurde, war sie eine der schönsten Boulevards Europas. An diese Qualitäten will die Stadt nun anknüpfen. Drei Konzepte zu ihrer Weiterentwicklung sind bis 15. März in Berlin ausgestellt.

Herausgeber: Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur e.V. (DGGL) Wartburgstraße 42 10823 Berlin www.dggl.org

Retrospektive

12 Freie Räume in der Stadt sind begehrt. Zunehmend geht es für Grünflächenämter darum, unterschiedliche Interessen zu koordinieren. Auf dem Tempelhofer Feld in Berlin haben sich Gruppen mit temporären Aktionen etabliert.

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Multicodierung als Strategie Carlo W. Becker Kombinierte Nutzungen im Freiraum

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Entdecke die Möglichkeiten Cornelia Peters Über die Planung von suburbanen Freiräumen in der Region Köln/Bonn

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Strategie Stadtlandschaft Berlin Cordelia Polinna Neue Leitbildthemen und Entwicklungsschwerpunkte für das Stadtgrün

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Ein Recht auf Landschaft Albert Kirchengast Vision der Glattalstadt bei Zürich

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20 Jahre Grüngürtel – Grüngürtel 2.0 Constanze A. Petrow Weiterentwicklung des Frankfurter Landschafts- und Parkgürtels

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Die Schöne mit der Boxernase Ljubica Heinsen Internationale Gartenschau 2013 und IBA in Hamburg

20 Die „Strategie Stadtlandschaft Berlin“ legt Schritte und Ziele der Grünentwicklung für die kommenden Jahre fest. Die ersten Referenzprojekte des Konzepts sollen bis 2017 umgesetzt werden, darunter die Erweiterung des Mauerparks.

24 Seit 2008 entwickelt ein interdisziplinäres Planerteam die ­Vision einer Großstadt im Glattal bei Zürich. Der Freiraum soll dort eine Schlüsselfunktion bekommen.

34 1991 wurde der Grüngürtel Frankfurt mit einer eigenen Verfassung gesichert. Nun ­sollen eine Analyse des Bestehenden und neue Leitlinien Impulse für die kommenden Jahre setzen.

122. Jahrgang Bilder: pp a | s Pesch & Partner, Georg Aerni, bgmr Landschaftsarchitekten, Cordelia Polinna, Gruppe Krokodil, Stefan Cop Titel: Profilierungsraum Urbane Natur in Berlin, bgmr Landschaftsarchitekten/Projektbüro von Borries

Für die Zukunft gestalten. 2

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Retrospektive

Engagement und Schönheit Sein formaler Stil und seine ästhetisch vollendeten Entwürfe machten Dieter Kienast über Europa hinaus bekannt. Kienasts Werk verkörpert eine Epoche, in der sich die Landschaftsarchitektur als Profession neu ausrichtete. Eine Doktorarbeit stellt nun den Zusammenhang seiner frühen Ideale

Georg Aerni (2)

und Entwürfe mit seinen späteren Werken her.

Der zwischen 1972 und 1975 ent­ worfene Außenraum der Sied­­lung Lindenstrasse in Niederhasli, nördlich von Zürich, ist die erste selbständige Planung Kienasts im damaligen Büro Stöckli.

Archiv gta (NSL), ETH Zürich, Nachlass Kienast, Depositum

Anette Freytag

Für seine Dissertation fertigte ­Dieter Kienast Übersichtskarten ­eines elf Kilometer langen Aus­ schnitts quer durch Kassel. Er ver­ glich die Stadtstruktur (oben) und die Pflanzengesellschaften der spon­tanen Vegetation (unten).

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Bis heute lässt sich viel vom Werk des 1998 verstorbenen Schweizer Landschaftsarchitek­ ten Dieter Kienast lernen – auch über die Entwicklung der Landschaftsarchitektur und die grundlegenden Fragen und unterschied­ lichen Ansätze dieser Disziplin. Als gefragter Partner von Architekten und Stadtplanern und Gewinner zahlreicher Wettbewerbe hat Kienast das Selbstbewusstsein einer ganzen Generation gestärkt. Die Fragen, für die er zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren ­Lösungen und Formen erdacht hat, bleiben bis heute relevant: Was können und was ­sollen Freiräume den Menschen bieten? Wie setzt man Natur im gestalteten Raum ein? Wie kann man in einer sich grundlegend ver­ ändernden Welt eine Umwelt gestalten, die lebenswert und zugleich schön ist? Kienasts Arbeiten sind dem Publikum heute besonders durch seine fein gezeichneten grau-blauen Pläne und durch die SchwarzWeiß-Fotografien des Fotografen Christian Vogt bekannt, welche selbst ein künstle­

risches Werk sind. Die kühlen Grautöne der Pläne und Fotos ent­rücken die portraitierten Anlagen dem ein­fachen Grau der Alltagsrea­ lität. Kienasts anfänglich sozial motivierter Elan scheint später purer Eleganz gewichen – die Orte wirken „unbetretbar“. Doch der ­Eindruck täuscht: Kienast ist mehr als grau und mehr als der Gartenarchitekt, der in ­ den 1980er-Jahren formale Konzepte in der Landschaftsarchitektur wieder salonfähig gemacht hat. Meine jüngst abgeschlossene Doktorarbeit zeigt die Entwicklung seines Werks. Kienasts Ausbildung in Kassel er­ scheint dabei als Missing Link zwischen dem unbekannten Frühwerk und seinen seit den 1980er-Jahren entstandenen Arbeiten, die ihn international bekannt gemacht haben. Die Fragen zur Qualität und Gestaltung von Freiräumen, die Kienast Zeit seines Lebens ­beschäftigt haben, dominierten bereits seine Ausbildung an der Gesamthochschule Kassel. Dort war die Ausbildung der planerischenund gestalterischen Disziplinen ab 1971 in

Gelbe Plastikrohre, Betonelemente und große Bruchsteine: Der Spiel­ platz ist wie der gesamte Freiraum nach Alters- und Interessengruppen gegliedert.

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Im Freiraum überlagern sich Nut­ zungen: Im Frankfurter Westend werden Straßen temporär zu Spielplätzen. Auf dem Bornstädter Feld in Potsdam sind die Regen­ rück­haltebecken zugleich nutz­ bare Außenanlage. Fotos: bgmr Landschaftsarchitekten (4)

Multicodierung als Strategie Viele Interessen prallen im Freiraum aufeinander. Damit sich Nutzungen sinnvoll überlagern und ergänzen und nicht miteinander konkurrieren, müssen die verschiedenen Ämter ihre Ziele untereinander und mit der Wirtschaft abstimmen – und vor allem mit den Bürgern zusammenarbeiten.

Carlo W. Becker Stellen Sie sich eine Badewanne vor. Wozu ist diese zu gebrauchen? Na klar, zum ­Baden und Reinigen. Ja, vielleicht auch zum Entspannen. Und wenn Sie viele ­Gäste einladen, dann ist sie, mit Eis ge­ füllt, ein Kühlschrank. Für andere ist die Badewanne ein Prestigeobjekt, ein Deko­ rationsstück im Bad. Stellen Sie sich nun einen städtischen Frei­ raum vor. Der ist ja nicht nur Grün, son­ dern auch Raum zum Erholen, zum Chillen und Sport treiben, zum Spielen und Natur erfahren. Gleichzeitig soll er helfen, in der Stadt im Klimawandel das Urban-HeatPhänomen zu mindern, er soll möglichst die Biodiversität steigern und Kommuni­ 12

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kationsraum in einer zunehmend diversi­ fizierten Gesellschaft sein. Er soll gut aus­ sehen, die Wertschätzung des öffentlichen Raums in der europäischen Stadt zeigen und dabei wenig kosten. Die Freiräume in unseren Städten sind eierlegende Woll­ milchsäue, die aber äußerst sparsam ­gefüttert werden. Gleichzeitig ist das Leitbild der Stadtent­ wicklung nach wie vor die Innenentwick­ lung. Das bedeutet: Stadt der kurzen ­Wege, die effiziente Nutzung der städtischen Inf­ rastruktur und die Verdichtung der Stadt. Doch damit verbunden sind zunehmend Flächenkonkurrenzen. Wenn ­Flächen knapp und nicht vermehrbar sind, stellt sich die

Frage nach der Mehrdimen­siona­lität und Überlagerung von Nutzungen. Freiräume werden verstärkt zu Mobilitätsräumen, die die Wegenetze der Stadt ergänzen. Nicht nur Spaziergänger, sondern zunehmend auch Radfahrer, Jogger und Skater nutzen diese. Der Straßenraum wird zum Aufent­ haltsraum – zur Stadt­straße, zum Shared Space; Menschen eignen sich die Flächen nach dem Motto ­„reclaim the streets“ spon­ tan an. Im Frankfurter Westend werden so zumindest temporär aus Straßenräumen Spielstraßen und Begegnungszonen. Die Regenrückhaltebecken, die nur bei Stark­regen mit Wasser volllaufen, werden zu mehrfach genutzten Freiräumen. In der

Gartenstadt Bornstedter Feld in Potsdam gibt es eine solche Überlagerung von ­Wasserwirtschaft und Freiraum bereits seit zehn Jahren und sie funktioniert immer noch gut.

Eine Badewanne dient nicht nur zum Reinigen, sondern man kann sich in ihr auch entspannen oder Bier darin kühlen. Ähnlich verhält es sich mit dem Freiraum, der eben­ falls mehrere Funktionen erfüllt. Schema: bgmr Landschaftsarchitekten

Sport und Nahrungsmittel auf Dächern Dächer werden zu Sportplätzen, wie auf dem Dach der U-Bahn-Station Berlin-Fried­ richshain geschehen. Oder zu Orten für Nahrungsmittelanbau. Zum Beispiel sollen auf dem Dach der alten Malzfabrik in Ber­ lin-Tempelhof „Frisch vom Dach“ und CO2reduziert ab dem Jahr 2013 Nahrungsmit­ tel produziert und direkt an die Berliner geliefert werden. Garten + Landschaft

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Cordelia Polinna

Die Strategie Stadtlandschaft Berlin 2030-2050 sieht in einem ersten Schritt Referenzprojekte vor, die bis 2017 realisiert werden sollen, darunter das derzeitige Vorzeigeprojekt Tempelhofer Feld.

Strategie Stadtlandschaft Berlin Die Stadt Berlin will ihr öffentliches Grün nachhaltig umbauen. Daher beauftragte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zwei Landschaftsarchitekturbüros, die „Strategie Stadtlandschaft“ zu entwickeln. Diese soll für den Zeitraum bis 2050 Antworten auf Fragen zur Finanzierung und veränderte Anforderungen an vielfach nutzbare Freiräume geben.

Cordelia Polinna Der Titel irritiert: Strategie Stadtlandschaft Berlin. War das nicht ein Konzept aus der Hochzeit der autoorientierten Moderne, eine Idee, der zufolge man mit dem Auto auf Schnellstraßen zwischen Solitärgebäuden in einer aufgelockerten Bebauungsstruktur hindurchgleiten würde, immer den technischen Fortschritt vor Augen? Zum Glück wird bei der Lektüre der im Sommer 2011 vom Berliner Senat verabschiedeten „Strategie Stadtlandschaft Berlin – natürlich. urban.produktiv“ schnell deutlich, dass das nur eine kleine städtebauhistorische Ungenauigkeit ist. Das Gegenteil ist der Fall: Berlin will die Potenziale des Stadtgrüns besser nutzen, um sich als kompakte Stadt nachhaltig zu entwickeln. Gleichzeitig sollen Grünflächen eine wichtigere Rolle bei Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung spielen. Seit der Wiedervereinigung wurde Beträchtliches für ein grüneres Berlin geleistet: Zahlreiche neue Parks, teilweise von überdurchschnittlicher Qualität, wurden angelegt, 20

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etwa auf den nicht mehr benötigten BahnArealen am Schöneberger Südgelände oder auf dem Gleis­dreieck. Grünflächen wie der Mauerpark erfreuen sich sogar internationaler Bekanntheit, ist hier doch nicht nur eine reine Erholungsfläche entstanden, sondern auch ein Zentrum für Berlins Grassroots-­ Musikkultur, ein Symbol für die Freiheit und Vielfalt, die in Berlin möglich sind. Wichtige Bereiche der historischen Mitte wurden inzwischen repräsentativ gestaltet. Nicht zu vergessen sind die zahllosen temporär genutzten Brach­flächen in der Stadt, die ein ganz neues Portfolio von möglichen, oft zunächst unkonventionellen Nutzungen entwickelt haben, und die einen wichtigen Beitrag zum Ruf Berlins als kreative Stadt leisten. Erstaunlich ist trotz dieser Fülle der realisierten Projekte, was nicht erreicht wurde: So irritiert es, dass es östlich des Regierungsviertels noch immer keinen attraktiven, durchgängigen Fußweg entlang der Spree gibt, auch das Potenzial der Kanäle ist hier

noch nicht ausgeschöpft. Der Thames Path in London ist nur ein Beispiel dafür, welch eine große Attraktion ein solcher Uferweg für Besucher und Bewohner einer Stadt sein kann. Auch die sogenannten benachteiligten Quartiere wurden bei innovativen Konzepten für öffentliche Grünräume bislang stiefmütterlich behandelt. Der Görlitzer Park ist völlig übernutzt, die Hasenheide in Neukölln/Kreuzberg ein Domizil von Drogen­ dealern und viele Quartiersparks und -plätze wie die Lessinghöhe und der Wildenbruchpark in Neukölln oder der Leopoldplatz im Wedding vegetieren seit Jahren vor sich hin. Reaktion auf neue Rahmenbedigungen Die neuen Herausforderungen für die Stadtund Grünraumentwicklung erfordern neue planerische Konzepte. Der Klimawandel und die drohende Ressourcenknappheit sowie abnehmende (finanzielle) Handlungsspielräume der öffentlichen Hand sind unausweichliche Rahmenbedingungen. Aber auch

Es gibt „Profilierungsräume“ für die drei Leitbildthemen. Produk­tive Landschaft (oben): An diesen Orten sollen die Berliner nach dem Vorbild der Pioniernutzungen auf dem Tempelhofer Feld selbst kreativ werden. Schöne Stadt (oben rechts): Darunter fallen unter anderem Parks. Urbane Natur (rechts): Dieser Bereich umfasst Strategien, um Natur als Teil der Stadt begreifbar zu machen. Pläne: bgmr Landschaftsarchitekten/Projektbüro von Borries (3)

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Basel

Zürich

Bern Luzern

Die Glattalstadt bei Zürich soll die Siedlungsdichte konzentrieren und ländliche Flächen entlasten. Damit wird sie zum Vorbild für a ­ ndere Metropolitan-Regionen i­n der Schweiz.

Lausanne

Gruppe Krokodil (11)

Genf Lugano

Ein Recht auf Landschaft Seit 2008 arbeitet eine bunt gemischte Gruppe von Fachplanern an der Vision einer Großstadt für das ­Glattal im Kanton Zürich. Abseits üblicher Planungsmuster verbindet der Freiraum in einem interdisziplinär gedachten Konzept die Siedlungselemente, verknüpft deren Funktionen und soll der Glattalstadt ihre Identität verleihen.

Die Vision einer Großstadt im Kanton Zürich: So könnte die Glattalstadt nach den Vorstellungen der Gruppe Krokodil aussehen. Das verstärkt ausgebaute öffentliche Verkehrsnetz verbindet die heutigen Gemeinden zu einer Stadt (unten).

Albert Kirchengast Das Krokodil ist ein Lokal in Zürich. Bürgerlich vertäfelt und etwas angestaubt mutet die Gaststube auf einer Fotografie an. Um auf einem Tisch ausgebreitetes Transparentpapier mit unzähligen Skizzen sitzen Mittvierziger. Dieses Bild symbolisiert den Auftakt der Entwicklungsstrategie für das Glattal bei Zürich. Die „Gruppe Krokodil“, zu der sich die Zürcher Architekten von EM2N, Pool sowie Roger Boltshauser und Frank Zierau in der gleichnamigen Gaststätte ­zusammenschlossen, beschränkt sich längst nicht mehr auf mittägliche Wirtshaus­ runden. Ihre wöchentlichen Treffen werden ­Ende Juli in der Sommerakademie „From ­Suburb to City“ in Kooperation mit der ­ ETH Zürich münden. Mit ihrem unvoreingenommenen Zugang zum Städtebau schlägt die Gruppe Krokodil hohe Wellen, nicht nur in der Fachpresse. Die Zeitschrift Hochparterre widmete der „Großstadt im Glattal“ Anfang 2011 ihre ­Titelgeschichte; Archithese veröffentlichte ein Konvolut an Plänen. Das „Masdar der Schweiz“ wollen die Planer schaffen. In Abu Dhabi, Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, steht dieser Name für das 24

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Bauprojekt ­einer nachhaltigen, energiesparenden, CO2-neutralen u ­ nd gut mit öffent­ lichen Verkehrsmitteln erschlossenen Stadt für 50 000 Einwohner. Im Großraum Zürich soll jenseits der üblichen Alternative innerstädtische Verdichtung oder Landfraß eine neue Großstadt entstehen. Dabei ist den ­Architekten bewusst, dass nur ein breiter ­interdisziplinärer Austausch Erfolg verspricht. Da sie Agglomerationstendenzen, Gemeindeautonomie und Steuerwettbewerb nicht beikommen können, entwickeln sie ihre Ideen unabhängig von Behörden und Auftraggebern. Vernetzung kein Ersatz für Wachstum Die Initiative „glow.Das Glattal“ rief schon vor einigen Jahren die „Netzstadt Glattal“ als Zusammenschluss von acht ­Gemeinden mit rund 100 000 Einwohnern ins Leben. Nun aber soll nicht mehr nur vernetzt, sondern auch auf Wachstum gesetzt werden, da das Projektportfolio der Gruppe Krokodil die heutige „Agglomeration Glattal“ als Musterbeispiel für Landverbrauch und Zersiedlung entlarvt. Im Siedlungsbrei des Schweizer Mittellands sah der Trendforscher

Matthias Horx Mitte Januar beim „Swissbau Future Forum“ in Basel hingegen kein Problem – ­­er nutzt ihn höchstens als ironischen Seitenhieb auf den Zürcher Flughafen­ express mit Kuhglocken und an Bord laufendem Heidi-Film. Für ihn stehen die Zeichen der Zeit auf Rückbau. Er sieht Hochhäuser immer ­höher werden, prognostiziert aber eine rückläufige Weltbevölkerung noch im Lauf dieses Jahrhunderts. Zugleich warnt er vor dem Sondermüll, der entstehen wird, wenn der Bedarf nach Wohnfläche in einigen Jahrzehnten sinkt. Wie soll sich unter diesen Bedingungen eine Stadt entwickeln, die ­gemäß der Studie zum Glattal die Qualitäten Identität, Dichte, Erschließung, Freiraum und Durchmischung aufweist? Die Landschaft stellt für die Gruppe Krokodil ein ­wesentliches Element ihrer Überlegungen dar. Das Manifest „Glattal – eine Stadt im Werden!“ proklamiert: „Wollen wir wirklich eine der wertvollsten Ressourcen der Schweiz, unsere Landschaft, weiter ­zerstören und uns so eine unserer Lebens-grund­lagen kaputtmachen?“ Darin wird ­die ­„locker zusammenhängende, unscharf ­ausufernde Besiedelung“ kritisiert.

Hardwald und Greifensee schaffen naturräumliche Identität im Glattal, während der Flugplatz Dübendorf als neues Stadtzentrum und der Flughafen Kloten deren gebaute Pendants bilden.

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