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DEZEM B E R 2019

MAGAZIN FÜR L ANDSC HAFT SARC HI TEK TUR U ND S TADT P L AN UN G

GARTEN +

LANDSCHAFT

SCHRITT FÜR SCHRITT ZUM ZIEL – WIE PARKS HEUTE ENTSTEHEN

mit Parkprojekten in

Hamburg, Paris, Moskau, Tilburg, Valencia, Wien, Zürich


18 Auf nur 1,6 Hektar aufgeschütteter Fläche entstand mit dem Baakenpark ein

den Deutschen Landschaftsarchitekurpreis erhielt.

28 Park statt Hochhaus: Auf

Moskaus ist mit dem

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Sarjadje-Park ein Freiraum

Mit dem Circle Park erhält

einer ehemaligen

entstanden, der Kultur und Natur in die Stadt bringt.

einen naturnahen Park und Erholungsraum. Der Entwurf entstammt der Feder von Studio Vulkan.

24 „OnE“ heißt das Großprojekt von Gustafson Porter + Bowman zur Neugestaltung des Umfelds um den

durchgehende grüne Achse den Westen („Ouest“) mit dem Osten („Est“) des Areals verbinden.


INHALT

AK TUELLES 06 13

SNAPSHOTS MOMENTAUFNAHME Wurzelbank

PARKS IN EUROPA

36 Der erste Bauabschnitt ist

Schritt für Schritt zum Ziel – Wie Parks heute entstehen

fertig: Wo früher Bahngleise

Valencia in zwei Teile rissen, führt der Parque Central die

14 „PARKS

Stadt nun wieder zusammen.

18

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SOLLEN UNVERWECHSELBAR SEIN. INDIVIDUELL.”

Interview mit Marc Pouzol, Klaus Hoppe und Dorothee Halbrock über Parks der Zukunft am Beispiel des aktuellen Hamburger PARKS-Projekt ERFOLGSGESCHICHTE BAAKENPARK

Ljubica Heinsen spürt dem Besonderen des Hamburger Baakenparks vom Atelier Loidl nach GRÜNE GRANDEUR

Leonardo Lella über den Entwurf zur Neugestaltung des Eiffelturm-Areals in Paris von Gustafson Porter + Bowmann

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WO EIN WILLE IST, IST EIN WEG

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MIT FLUGHÖHE

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Karl H.C. Ludwig über einen Ort, der für Moskaus rasanten Wandel steht und Kultur und Kultur vereint: der Park Sarjadje Juliane von Hagen erklärt, wie Studio Vulkan im „Circle Park“ am Flughafen Zürich Flugverkehr und Naturschutz zusammendenken VALENCIAS NEUE GRÜNE LUNGE

Anja Koller hat den Parque Central in Valencia besichtigt. Ihre Zwischenbilanz: Grün verbindet Nachbarschaften

VISION WESTBAHNPARK

Was wird aus dem Wiener Westbahnareal, wenn die Züge nicht mehr fahren? Stefanie Drlik über eine aktive Planerschaft und visionäre Ideen EINE RUNDE SACHE

Charlie Clemoes über den Spoorpark im niederländischen Tilburg – ein Freiraum von und für Bürger

STUDIO 50

PRAXIS Auf der FSB in Köln

52

REFERENZ Urbaner Kupferstich

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LÖSUNGEN StadtmobÕiar

RUBRIKEN 60

Stellenmarkt

63

Impressum

63

Lieferquellen

64

DGGL

66

Sichtachse

66

Vorschau

Herausgeber: Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur e.V. (DGGL) Wartburgstraße 42 10823 Berlin www.dggl.org

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„PARKS

SOLLEN UNVERWECHSELBAR SEIN. INDIVIDUELL. “

INTERVIEWPARTNER Marc Pouzol studierte nach einer Gartenbaulehre Architektur

Zwischen den Hamburger Flüssen Alster, Bille und Elbe spannt sich ein industriell geprägter Grünzug, der diesen Sommer erstmals für die Öffentlichkeit als Alster-Bille-Elbe-PARKS erlebbar war. Das Verhandlungsverfahren, das die Behörde für Umwelt und Energie in Hamburg 2018 ausschrieb, gewann die Arge HALLO: Park, ein Zusammenschluss des lokal ansässigen HALLO: Vereins zur Förderung raumöffnender Kultur e.V., des Studios umschichten und des ateliers le balto aus Berlin. Mit dem Ziel, die Potenziale des Grünzugs für Freizeit- und Erholung aufzuzeigen und Ideen für ein künftiges neues Parkformat für Hamburg zu sammeln, entwickelte die Arge gemeinsam mit Anwohnern Visionen für die PARKS der Zukunft und setzte sie temporär um. Die Ideen sollen in die weiteren Planungen für die

in Paris und

Dorothee Halbrock vom Verein HALLO: und Klaus Hoppe von der Behörde für Umwelt und Energie Hamburg über erste Erkenntnisse und die Übertragbarkeit auf andere Parks.

Abteilungsleiter

INTERVIEW: TANJA GALLENMÜLLER

Landschaftsarchitektur

gründete er in Berlin das atelier le balto, das er heute mit Véronique Faucheur leitet.

Klaus Hoppe studierte Landschaftsplanung in Kassel. Nach Selbstständigkeit und

beim Stadtplanungsamt und Umweltamt der Stadt Frankfurt/

„Landschaftsplanung und Stadtgrün“ in Hamburg.

Dorothee Halbrock ist studierte Kulturwissenschaftlerin und leitet

gemeinnützigen

ist sie zusammen mit Johanna Padge und Nuriye Tohermes Projektleiterin des PARKS-Projekts.

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PARKS IN EUROPA X INTERVIEW ZU PARKS DER ZUKUNFT X

Herr Pouzol, das PARKS-Projekt läuft nun seit genau einem Jahr, was sind Ihre ersten Erkenntnisse?

Marc Pouzol: Nach dem ersten Jahr unserer Forschung ist aus dem Grünzug eine Art Freiraumlabor geworden. Das Team hat mitten auf dem Gelände ein Haus, in dem ein Stammtisch, Sprechstunden und Bauworkshops stattfinden. Wir arbeiten anders als bei normalen Beteiligungsverfahren. Wir sehen uns als Kuratoren für diesen Ort und versuchen über die Dauer des Projekts aus dem, was wir vor Ort vorfinden, eine Dynamik zu entwickeln, die in den langfristigen Planungsprozess einfließen kann.

Wie unterscheidet sich die Beteiligung beim PARKS-Projekt konkret von der klassischen Bürgerbeteiligung? Und wie gelingt es, die verschiedenen Interessen konstruktiv zu bündeln, um am Ende ein Ergebnis zu erzielen, mit dem alle glücklich sind?

Dorothee Halbrock: Als Arge möchten wir über Teilhabe sprechen, nicht über Bürgerbeteiligung. Unser Verständnis von Teilhabe bedeutet die radikale Aushandlung dessen, was Initiativen, aktive Einzelpersonen, Stadtvertreter und Nachbarn als öffentlichen Raum verstehen wollen, statt einer simplen Befragung oder anderen oberflächlichen Einbeziehung. Wir moderieren einen Prozess, der versucht, dauerhaft ein produktives Streitgespräch im Entwicklungsprozess von Freiräumen zu installieren. Nach diesen wenigen Monaten Projektzeitraum sind wir erst am Anfang dieses Prozesses. Aber wir bekommen bereits von den Beteiligten gespiegelt, dass sich ihr Interesse einer Mitgestaltung nicht um Individualinteressen dreht, sondern um das gemeinsame Schaffen von Handlungsraum, also einer gemeinschaftlichen Entwicklung von Parks.

Fotos: Leonard Grosch, Atelier Loidl

Sind Sie bereits mit einem Plan für das Gelände in das Verfahren gegangen, oder erarbeiten Sie diesen erst gemeinsam mit den Anwohnern?

Pouzol: Es gab bereits einen Masterplan. Dieser ist wichtig, damit der Grünzug nicht irgendwann bebaut wird, sondern ein

Freiraum für alle bleibt. Aber wir haben uns nicht mit einem Plan, sondern mit einer Vision beworben, wie wir agieren werden. Der Plan kommt erst zum Schluss und stimmt dann hoffentlich auch. Wie kommen Sie von den Ideen zur Umsetzung?

Pouzol: Unsere Ideen skizzieren wir schnell mit der Hand und besprechen sie mit der Behörde, um grünes Licht zu bekommen und sie dann relativ schnell mit dem Bezirk umzusetzen. Wir betreuen die Transformation vor Ort und arbeiten dabei mit offenen Baustellen, ohne Bauzaun: Wir bieten den Bewohnern und Besuchern an mitzumachen, versuchen, die Ressourcen des Ortes zu nutzen und das Projekt peu à peu anzustoßen. Gibt es bereits erste Ergebnisse?

Pouzol: Ja, ein Schwerpunkt der Auslobung war, dass es neben Gesprächen und Workshops auch temporäre und langfristige bauliche Maßnahmen geben soll. So wurden beispielsweise Industriehallen, die marode waren, abgerissen, auch wenn das anfangs so nicht vorgesehen war. Doch wir haben darin ein Potenzial gesehen: Durch den Abriss sind neue Blicke auf die Flüsse möglich, und es gibt mehr Platz für ein großes Experimentierfeld für das nächste Jahr. Herr Hoppe, was hat die Behörde für Umwelt und Energie dazu bewegt, bei der Frage zur künftigen Gestaltung des AlsterBille-Elbe-Grünzugs nicht den klassischen Weg zu gehen, sondern zunächst den des Testens und Wünsche Abfragens ...?

Klaus Hoppe: Freiräume in der Stadt sollten immer auch als Freiräume des Denkens genutzt werden. Die Baustelleneinrichtung der Bahn, einerseits zwar ein Ärgernis, weil sie die Entsiegelung der alten Industriefläche auf Jahre verzögert, ist andererseits auch ein Geschenk. Damit haben wir Zeit gewonnen, länger über die Gestaltung der Fläche nachzudenken und intensiv mit den Akteuren vor Ort zusammenzuarbeiten. Denn es geht nicht nur um den Masterplan, der 1:1 umzusetzen ist, sondern um eine Lösung, die dem Ort und seinen Potenzialen gerecht

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ERFOLGSGESCHICHTE BAAKENPARK Um den Baakenpark kommt man aktuell nicht herum. Der jüngste Park in der Hamburger HafenCity wurde dieses Jahr mit dem Deutschen Landschaftsarchitekturpreis ausgezeichnet. Und nicht nur das: Er erhielt auch den polis Award in der Kategorie „Lebenswerter Freiraum“ und der AIV Hamburg ehrte den Himmelsberg mit dem Sonderpreis für „Geotechnisches Bauen“. Was fasziniert die Fachwelt so am Baakenpark, und was macht ihn zum „Sehnsuchtsort“, als den ihn nicht nur die Bauherrin HafenCity Hamburg GmbH bezeichnet? LJUBICA HEINSEN

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PARKS IN EUROPA BAAKENPARK. HAMBURG

AUTORIN Ljubica Heinsen studierte Landschaftsplanung an der TU Berlin und arbeitete in mehreren Hamburger Landschaftsarchitek-

Alle Fotos: Atelier Loidl / Leonard Grosch

Journalistin tätig.

Das Inselsofa im Baakenpark eignet sich für kurze und für lange Pausen: Unten kann man normal sitzen, oben geht es etwas gemütlicher zu.

Der Baakenpark produziert zunächst sehr verlockende Bilder. Die Gesamtansicht: drei grüne Plateaus, die auf Wasserbausteinen aus dem Hafenbecken herauswachsen und denen der 15 Meter hohe Himmelsberg als neue grüne Landmarke die Krone aufsetzt. Auf den Nahaufnahmen staunt man über mit blühenden Wildstauden bepflanzte Böschungen, bizarr wachsende Kiefern, eine Picknickwiese oder eine 100-Meter-Bahn mit Schlenker-Option. Nicht zuletzt verzaubern die Motive, die zeigen, welche fulminanten Ausblicke die Besucher vom Park auf den Hafen und die Stadt haben können. Seit seiner Eröffnung vor über einem Jahr zieht um den Park herum allmählich das Alltägliche ein. Am Versmannkai sind Ladenzeilen möbliert und Schaufenster dekoriert. Bewohnt ist das Baakenhafenquartier mittlerweile auch: Man sieht Pflanzkübel auf den Balkonen und Socken, die auf Wäscheständern trocknen. Insgesamt werden in den Quartieren Baakenhafen und

Elbbrücken etwa 3 600 Wohnungen entstehen, 15 500 Beschäftigte sollen hier einen Arbeitsplatz finden. Zu den regelmäßigen Besuchern gehören laut Barbara Schwöppe, Projektleiterin der HafenCity GmbH, Familien aus der HafenCity, darunter auch viele Jugendliche und Kinder aus der benachbarten und nur temporären Unterkunft für Geflüchtete. Auch für Kindergärten sei der Baakenpark nach dem Grasbrookpark ein beliebtes Ausflugsziel. Vor Ort ist der Baakenpark fast genauso, wie er auf den Bildern wirkt – nur dass sein Programm auf einem viel kleineren Raum verteilt ist, als man dachte. Es mag auch am überraschend spätsommerlichen Wetter Mitte Oktober liegen, dass der Park einen schnell für sich einnimmt. Einerseits gerät man über die wagemutige Topografie und die besondere Lage ins Staunen, gleichzeitig locken die vielen Angebote – man möchte in diesen Raum eintauchen, ihn entdecken. Das Besondere und Außerordentliche ist 19 GARTEN+ L ANDSCHAFT


Paris macht sich warm und bereitet sich auf die Olympischen Sommerspiele 2024 vor. Für das öffentlichen Räume neu. Darunter auch das 54-Hektar-Areal rund um den Eiffelturm. Letztes Jahr lobte die Stadt den internationalen Wettbewerb zur Renovierung des Parc du Champ de Mars aus. Dieser ist nun entschieden. Leonardo Lella analysiert für uns den Siegerentwurf des britischen Büros Gustafson Porter + Bowman. LEONARDO LELLA

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Gesamtes BÕdmaterial: Gustafson Porter + Bowman

GRÜNE GRANDEUR


PARKS IN EUROPA NEUGESTALTUNG DES EIFFELTURM-AREALS, PARIS

AUTOR Leonardo Lella ist ein italienisch-französischer Architekt. Er studierte an der Universität Roma Tre in Rom und an der TU in München, wo er beim Architekturmagazin Baumeister arbeitete. Nach einer Erfahrung auf der Architekturbiennale in Venedig ist er aktuell als Assistant Curator am Architekturzentrum Arc-en-rêve in Bordeaux tätig.

Der französische Philosoph und Schriftsteller Roland Barthes definiert ihn 1964 als „regard, objet, symbole". „Die eiserne Dame – la dame de fer“ nennen ihn die Pariser. Entstanden im Rahmen der historischen Weltausstellung auf dem Champ de Mars, ist der Pariser Eiffelturm seit 1889 das Wahrzeichen der französischen Grandeur. Mit seinen 324 Metern Höhe gilt der Turm als Symbol der französischen Kultur und steht sowohl für den Erfolg der revolutionären Ideale als auch für die Durchsetzung der Moderne in der westlichen Welt. Der Eiffelturm ist Ziel eines jeden Parisbesuches. Und obwohl der Turm mit seinen jährlich sieben Millionen Besuchern weit hinter Notre-Dame oder SacréCœur liegt, besuchen sein Gelände jedes Jahr an die 30 Millionen Personen. Dementsprechend voll wird es hier. Doch aufgrund des weitläufigen Areals ist die Situation unter dem Turm glücklicherweise noch nicht mit der vom Markusplatz in Venedig oder vom Trevibrunnen in Rom vergleichbar. Nichtsdestotrotz setzen die steigenden Tourismuszahlen dem Areal seit einigen Jahren stark zu. EIFFELTURM UNTER LEISTUNGSDRUCK

zeichnete Paris den Entwurf zur Umgestaltung des Areals rund um den

ersten Preis aus.

durch eine grüne Achse, die das Champ de Mars im Osten mit den Trocadéro-Gärten im Westen verbindet.

Den Parc du Champ de Mars, wie das Gelände rund um den Eiffelturm auch genannt wird, gestaltete Jean-Claude Nicolas Forestier Anfang des 20. Jahrhunderts als öffentlichen Park. Mit seinem Entwurf versöhnte der Landschaftsarchitekt die französische Tradition des Barockgartens mit Sichtachsen und symmetrischer Anordnung mit der Theorie des parkway, die Frederick Law Olmsted für die Gestaltung des Central Parks von New York entwickelt hatte. Mit der Eröffnung der von Jacques Gréber gestalteten Jardins du Trocadéro erweiterte die Stadt den Park 1937 um weitere neun Hektar jenseits der Seine. Seitdem hat sich das Areal nur sehr wenig geändert. Abgesehen natürlich von der starken Abnutzung durch die täglichen Besucher. Die von Touristen zertretenen Wege, Wiesen und Plätze sind hier Realität. Genauso wie die von vielen Parisern für Picknicks und Freizeitaktivitäten stark beanspruchten Freiflächen. Unzählige Demonstrationen und Veranstaltungen tun den Rest. Der Park und seine Infrastrukturen, so wie sie aktuell bestehen, sind folglich in einem sehr schlechten Zustand. Hinzukommen die langen Besucherschlangen unter dem Turm, komplizierte Fußgängerwege auf dem Gelände, insbesondere zwischen den U-Bahn-Stationen, ein hohes Pkw-Aufkommen entlang der nahegelege-

nen Seine und auf dem Pont d’Iéna sowie ein tragisch unterdimensioniertes Angebot von Dienstleistungen – vor allem Toiletten, Informationsstellen, Cafés und Aufenthaltsorten. All in all genügend Gründe für eine Umgestaltung des Geländes, oder? „ONE“ – VON „OUEST“ NACH „EST“

2024 stehen außerdem die Olympischen Sommerspiele 2024 vor der Tür. Die Stadt rechnet mit Millionen von Besuchern. Um diesen am Eiffelturm Herr zu werden, kündigte die Bürgermeisterin Anne Hidalgo 2018 einen internationalen Wettbewerb zur Revitalisierung des Areals an. Die 54 Hektar, verteilt auf drei Pariser Arrondissements zwischen der Place du Trocadéro nördlich, dem Pont de Bir-Hakeim westlich, der École militaire südlich und dem Pont de l’Alma östlich, sollten vollkommen neu gedacht werden. 42 Entwürfe wurden eingereicht. Diesen Mai entschied sich die Stadt, das von Gustafson Porter + Bowman geleitete Team mit der Ausführung zu betrauen. Unter dem Projekt „OnE“ gruppiert das britische Landschaftsarchitekturbüro unter sich eine multidisziplinäre Gruppe von 25 Büros und Beratern, zu denen unter anderen die Architekten Chartier Corbasson, die Stadtplaner SATHY und die Ingenieure Bollinger + Grohmann zählen. OnE – das steht in erster Linie für eine durchgehende Verbindung – in Form einer Promenade – des Westens des Areals mit dem Osten, des „O – Ouest“ mit dem „E – Est“ auf Französisch. Um diese Verbindung zu schaffen, plante die Bürogemeinschaft eine Sequenz von Grün- und Fußgängerzonen ein, die die historische West-Ost-Achse des Parks respektieren und das Ensemble am Ende der Bauarbeiten nach dem Parc de la Vilette zum zweitgrößten Park der Innenstadt machen. DIE PLACE DU TROCADÉRO WIRD GRÜN

Gehen wir das Projekt Stück für Stück von Westen, von der Place du Trocadéro, nach Osten, zum Champ de Mars, durch. Im Westen, auf den Höhen des Palais de Chaillot, ersetzen die Planer den Kreisverkehr der Place du Trocadéro durch ein grünes Amphitheater, dessen Stufen theatralisch zur Aussichtsesplanade hinabfallen. Gustafson Porter + Bowman und Co. schaffen so nicht nur mehr Flächen für Kioske und Info-Points, sie verbannen den Pkw-Verkehr komplett aus dem Bereich, verdoppeln die Fläche für Fußgänger und erleichtern den Zugang zu den Metrostationen. 25 GARTEN+ L ANDSCHAFT


PARKS IN EUROPA PARK SARJADJE, MOSKAU

WO EIN WILLE IST, IST EIN WEG Landschaft und Kultur, wo ursprünglich Stalins achtes Hochhaus gebaut werden sollte: Der Park Sarjadje hat nicht nur aufgrund seines historischen rasanten Wandel der Stadtplanungspolitik und ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie politischer Rückenwind ein Projekt vorantreiben kann. KARL H.C. LUDWIG

AUTOR Karl H.C. Ludwig lehrte Landschaftsarchitektur an der HfWU Nürtingen.

Das Highlight des Sarjadje-Parks ist die „Flying Bridge“. Ohne Stützen schwebt sie über der Moskwa und kann eine Last von bis

tragen.

Wo sich jahrelang eine 14 Hektar große Brache hinter Bauzäunen verbarg, findet sich heute ein moderner Park, einer der ambitioniertesten in Europa: der Park Sarjadje, Kulturzentrum und Landschaft zugleich. Auf dem Areal direkt an der Moskwa und nur einen Katzensprung vom Kreml und vom Roten Platz entfernt, sollte einst ein achtes der legendären Hochhäuser Stalins gebaut werden. Dazu kam es nach seinem Tod jedoch nicht mehr, stattdessen wurde in den 1960er-Jahren auf den bereits fertigen Fundamenten das mit über 3 000 Zimmern damals weltweit größte – und nach mancher Meinung auch hässlichste – Hotel Rossija gebaut. 2006 wurde es abgerissen, und das Areal fristete – versteckt hinter hohen Zäunen – ein Schattendasein. Bis eines Tages im Jahr 2012, so jedenfalls wird kolportiert, Präsident Putin bei einem Spaziergang durch Moskau auf die Idee gekommen sein soll, dort einen Park anlegen zu lassen. Tatsächlich war es etwas anders. Bereits einige Monate zuvor hatten zwei Stadtplaner des Moskauer Büros Citymakers, Petr Kudrjavtsev und Andrej Grinev, diese Idee öffentlich gemacht und mit der Initiative „Freunde von Sarjadje“ – angelehnt an „Friends of the High Line“ – eine Kampagne für einen Park in Sarjadje lanciert. Unterstützung aus Politik und Verwaltung hatten sie gleichwohl – durch Sergej Sobjanin, seit 2010 Oberbürgermeister von Moskau, und Sergej Kuznetsov, seit 2012 amtierender Chefarchitekt der Stadt. Die beiden haben die Lebensqualität zum zentralen Thema in Moskau gemacht und den öffentlichen Raum in den Fokus gerückt: durch den

Ausbau und die Modernisierung bestehender Parks, die Neuanlage von Fuß- und Fahrradwegen sowie internationale Wettbewerbe. Einer war der 2013 ausgelobte Wettbewerb für den Park Sarjadje. Nach dem Abriss des Hotels Rossija, in den Zeiten des Turbokapitalismus nach Glasnost und Perestroika, gab es für die Brache Sarjadje zahlreiche Ideen – darunter ein Entwurf von Norman Foster für ein neues Quartier mit Läden, Wohnhäusern und einem Hotel. Letztlich verhinderte der Börsencrash 2008 das Projekt. Den Wettbewerb zur Neugestaltung des Areals als öffentlicher Park, an dem sich insgesamt 90 Büros aus 27 Ländern beteiligten, gewannen 2014 Diller Scofidio + Renfro aus New York in Kooperation mit Hargreaves Associates sowie Citymakers aus Moskau und Transsolar aus Stuttgart sowie dem Londoner Zweig des Büros Happold. In Zeiten, in denen das Verhältnis zwischen Russland und den USA von Spannungen gekennzeichnet ist, ist es allein schon bemerkenswert, dass der Entwurf eines von Amerikanern geleiteten Planerteams realisiert wurde. Gebaut wurden der Park und die Bauwerke allerdings vom russischen Generalunternehmen Mosinzhproekt – das Entwurfsteam hatte beim Bau nur noch beratende Funktion. Mit politischem Rückenwind ging es schnell vorwärts. Der Rubelcrash 2014 brachte das Projekt nur kurz ins Stocken. Bereits am 9. September 2017, anlässlich der Feiern zum 870. Jahrestag der Stadtgründung, eröffneten Präsident Putin und Bürgermeister Sobjanin gemeinsam den Park. Das Areal des Parks fällt terrassenartig von 29 GARTEN+ L ANDSCHAFT


DAS STREBEN NACH OFFENHEIT

Links: Zwischen Infrastruktur und Vegetation gibt es

Übergang. Rechts: Im Park gibt es mehr als ein Amphitheater: Architektur und Landschaft überlagern sich.

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Natur und Stadt sind im Park eng miteinander verflochten: Er integriert eine ganze Reihe von Bauwerken, darunter einen Kinosaal, eine Konzerthalle, ein Bildungsund Medienzentrum, mehrere Restaurants, einen Foodcourt, ein Archäologisches Museum sowie ein kleines und großes Amphitheater. Sie alle sind in den Hang eingegraben und verbinden sich mit ihren biomorph-organischen Formen mit der Parklandschaft, die sich über die Bauwerke hinwegzieht. So ist der Sarjadje-Park weniger ein Park im klassischen Sinn, denn hier wird Architektur mit Landschaft überlagert. Die Dichte an Freizeiteinrichtungen ist hoch, fast könnte man von einer Park-Infrastruktur sprechen. An einem solch prestigeträchtigen Ort in zentraler Lage

an der sechsspurigen Moskvoretskaja Uferstraße entlang der Moskwa geht es weniger um Rückzug als um Attraktionen. Der Park lockt mit zahlreichen Highlights neue Besucher an. Darunter die „Flying Bridge“, die „Schwebende Brücke“, die wie ein umgedrehtes „V“ 70 Meter ohne Stützen und 15 Meter hoch über die Moskwa frei auskragt, mit Blick zum Kreml und den bunt-verspielten Zwiebelkuppeln der Basilius-Kathedrale am Roten Platz. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil der Sarjadje-Park einer der wenigen Ort in Moskau ist, an dem sich die Stadt zum Fluss hin öffnet. Es ist also nicht erstaunlich, dass seit der Eröffnung des Parks bereits Millionen Besucher auf dem spektakulären Steg gewesen sein sollen. Er ist auf eine Belastbarkeit von 240 Tonnen ausgelegt – das sind drei- bis viertausend Besucher gleichzeitig. Wie beliebt der Steg bei Touristen wie auch den Moskowitern ist, zeigt, dass er zum Hotspot für Selfies und für Hochzeitfotos geworden ist – in Russland ein untrüglicher Beleg für die Beliebtheit eines Ortes. Bei so vielen Besuchern muss der Steg entsprechend robust sein. Dass ein so ambitioniertes Konzept nicht billig sein kann, ist klar: Die anfangs mit rund 70 Millionen Euro veranschlagten Kosten stiegen allerdings während der Bauphase auf etwa das Dreifache – und hinter vorgehaltener Hand munkelt man in Moskau gar von einer Bausumme von bis zu 400 Millionen Euro. Wie so oft stellte sich auch in Moskau die Frage, ob solch enorme Beträge nicht besser in den Bau etwa von

Fotos/Plan: Karl H.C. Ludwig; DÕler ScofidŠ + Renfro

Nordost nach Südwest ab. Die einzelnen Parkpartien zeigen symbolhaft die Flora der vier wichtigsten Vegetationszonen Russlands: Tundra, Steppe, Wälder und Auen. Die Materialien dafür, wie etwa Erde und Steine, wurden aus den Regionen des Landes nach Moskau transportiert und mit Hunderten von Bäumen, Tausenden von Sträuchern und Hunderttausenden von Stauden und Gräsern bepflanzt. Die Fußwege durch diese gras- und walddominierten Landschaftsbilder besitzen nur selten klare Grenzen und Kanten, stattdessen scheinen sie in die Parklandschaft zu fließen. Die Planer selbst bezeichnen dieses Ineinanderfließen natürlicher und künstlicher Gestaltungselemente als „Wild Urbanism“.


MIT FLUGHÖHE Auf den ersten Blick passen Flugverkehr und Naturschutz nicht zusammen. In Zürich schon. Am internationalen Flughafen entsteht derzeit aus der Feder der Schweizer Landschaftsarchitekten Studio Vulkan ein naturnaher Park und Erholungsraum – „The Park“, Circle Park oder einfach nur Butzenbüelpark. Er ist umgeben von Auto- und Landebahnen und einem riesigen, multifunktionalen Konsum-, Kommerz- und Konferenzzentrum – „The Circle“. Juliane von Hagen hat sich für uns den Entwurf näher angeschaut. JULIANE VON HAGEN

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PARKS IN EUROPA. THE PARK, ZÜRICH

Der kleine Hügel namens Butzenbüel am Flughafen Zürich

gleichzeitig mit dem Multikomplex „The Circle“ des japanischen Architekten Riken

„Circle Park“.

AUTORIN Dr. Juliane von Hagen ist Stadtplanerin und -forscherin. Sie setzt

Gesamtes BÕdmaterial: StudŠ Vulkan Landschaftsarchitektur Zürich

sich seit Jahren mit

auseinander; zunächst an verschiedenen Hochschulen und mittlerweile im eigenen Büro stadtforschen.de.

Internationale Flughäfen waren immer Orte, an denen Architekten und Gestalter Innovationen wagten. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist das TWA-Terminal von Eero Saarinen am Flughafen in New York City. Dieser in den 1960er-Jahren geschaffene, an die Schwingen eines Vogels erinnernde Baukörper ist schon lange eine Ikone. Ob die Geschichtsbücher auch den Neubau des Gebäudekomplexes „The Circle“ und den dazugehörigen Erholungsraum Butzenbüel am Flughafen in Zürich aufnehmen, ist noch offen. Schon jetzt aber beeindruckt, wie das Züricher Landschaftsarchitekturbüro Studio Vulkan mit seinem Projekt vermeintliche Gegensätze in Einklang miteinander bringt. Wem es gelingt, von oben einen Blick auf das Areal des Flughafens Zürich zu erwischen, der sieht eine kleine grüne Insel inmitten von Grau. Wie im Hurrikan umfliegen die Anlagen des Flughafenbetriebs ein grünes

Auge: den Butzenbüel-Hügel. Start- und Landebahnen, Terminal- und Servicegebäude, Zubringerstraßen und Autobahnen prägen das Umfeld der kleinen Grünfläche. Mit 80 000 Quadratmetern ist der neue Butzenbüelpark aber gar nicht so klein. Der Butzenbüel ist ein Hügel, dessen Ursprünge auf einen Gletscher zurückgehen. Dieser brachte in der letzten Eiszeit Material an diesen Ort. In den 1960er-Jahren kam der Aushub vom Bau der nahegelegenen Autobahn dazu. Wiederum zehn Jahre später waren es dann Bäume, Wiesen und Feuchtgebiete, die dem Areal eine neue Funktion gaben und es zum Naturschutzgebiet machten. Nun steht wieder eine Veränderung an. Mit der Expansion des Flughafens und dem Bau des vom japanischen Architekten Riken Yamamoto entworfenen multifunktionalen Komplexes „The Circle“ rückt auch der Butzenbüel in den Blickpunkt. Den land33 GARTEN+ L ANDSCHAFT


VALENCIAS NEUE GRÜNE LUNGE Der Parque Central in Valencia, dessen Gestaltung Gustafson Porter + Bowman obliegt, ist Teil eines immensen infrastrukturellen Stadtentwicklungsprojekts und bringt 23 Hektar

die Stadt in zwei Teile rissen, kann der Park nun wieder das Getrennte zusammenführen entwickelt. Zeit für eine Zwischenbilanz. ANJA KOLLER

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PARKS IN EUROPA PARQUE CENTRAL, VALENCIA

schaften trennten, macht es möglich, diese Stadtgebiete nun sowohl optisch als auch infrastrukturell wieder zu vereinen und damit eine neue urbane Verbindung zutage zu fördern. Diesen Sommer nun wurde die erste Phase des Parque Central, dessen Gestaltung das Landschaftsarchitekturbüro Gustafson Porter + Bowman übernommen hat, finalisiert. „Wir sind stolz darauf, was wir bis dato erreicht haben. Valencia ist so spanisch und mediterran wie keine zweite Stadt. Sie hat eine reiche Geschichte – in der Landwirtschaft, Garten- und Wasserkunst, ganz zu schweigen im Handel, der Kunst und Kultur. Ich denke, wir haben diese Einzigartigkeit Valencias eingefangen und in die Gestaltung übersetzt. Entstanden ist ein Park, der stimulierend ist, der Erinnerungen wachruft und überaschende Erfahrungen für alle Sinne bereithält“, so Mary Bowman, Partnerin bei Gustafson Porter + Bowman. LEITMOTIVE LICHT, WASSER UND GRÜN

AUTORIN Anja Koller ist seit

die Magazine topos und Garten+Landschaft. Sie hat Kommunikationswissenschaft, Politik und Kunstgeschichte an der TU Dresden studiert.

Der Parque Central mit Blick Richtung Norden. Durch die

Alle Fotos: Richard Bloom

Umnutzung der innerstädtischen Bahngleise wird eine Fläche von

der Park ein.

Valencias Parque Central ist mehr als ein neuer Grünraum inmitten der spanischen Mittelmeermetropole. Der Parque Central ist Teil- und Herzstück eines gigantischen urbanen infrastrukturellen Transformationsprozesses, in dessen Zuge auch das Eisenbahnnetz der rund 800 000 Einwohner zählenden und wachsenden Stadt modernisiert und an veränderte Mobilitätsanforderungen der Bewohner angepasst wird. Durch die Umnutzung einer innerstädtischen alten Industrieund Bahngleisfläche, die auch die Schaffung neuer Bahntunnelsysteme und die Errichtung von vier neuen Durchgangsbahnstationen mit sich bringt, werden insgesamt 66 Hektar Freifläche geschaffen – allein 23 Hektar davon wird der Parque Central umspannen. Eine grüne Lunge mitten in der Stadt. Die Entwicklung des Parks auf einem Gelände gespickt mit Bahngleisen und veralteten Industrieanlagen, die bis dato als Grenze fungierten und die Nachbar-

Die Phase eins der Gestaltung beinhaltet die Etablierung von Grünflächen für Nutzer jeden Alters; hier treffen sich Nachbarschaften, Touristen; Jung und Alt finden Platz im Grünen zum Verweilen im bisweilen hektischen Trubel der drittgrößten Stadt Spaniens. Der Park bietet Raum für Kunst und Kultur, sportliche Aktivitäten, Veranstaltungen und bringt die Besonderheiten der Metropole an einem Ort zusammen: Wasser, Kulinarik und die mediterrane Landschaft. Mary Bowman spricht auch gerne von drei Leitmotiven, die den Park ausmachen: Licht, Wasser und Grün. Und genau das ist es auch, was den Park in seinem aktuellen Zustand charaktierisiert: Er wirkt luftig leicht; die Sonne Valencias lässt sich allerorts genießen. Dennoch findet jeder Besucher seinen persönlichen schattigen Rückzugsort. Das Element Wasser spielt eine tragende Rolle, zahlreiche Brunnen, Wasserbecken und -läufe ziehen sich durch den Park – Kinder plantschen in den Becken. Benutzung ist ausdrücklich erlaubt. Und unter der heißen Sonne Valencias eine willkommene Erfrischung. Unterschiedliche Gärten auf mehreren Ebenen, die in Serie als sechs „Schalen“ oder „Schüsseln“ angelegt sind, bilden eine Reminiszenz an die Tradition des Keramikhandwerks in der Region. Diese Schalen definieren sich durch konkave Absenkungen und bilden 37 GARTEN+ L ANDSCHAFT

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Garten+Landschaft 11/19  

Schritt für Schritt zum Ziel – Wie Parks heute entstehen

Garten+Landschaft 11/19  

Schritt für Schritt zum Ziel – Wie Parks heute entstehen

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