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Bau me ister

1O 8 . J a h r g a n g

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Schwarz

Weiß

N EU

Dezember

Das ArchitekturMagazin

…und die Vor züge von Anthrazit

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D A,L C H

15 E u r o 17 E u r o 23 SFR

seite 3O

Daniel Libeskind

Anthony Vidler

Spaniens Architekten

und

über

und

der Krieg

seite 9O

James Stirling

seite 22

die Krise

seite 84


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Köpfe

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James Stirling Jahrelang war die Postmoderne mausetot. Doch momentan rührt sich zumindest wieder Interesse für die postmoderne Sicht auf die Architektur – und für ihre Protagonisten. Zum Beispiel für James Stirling. Der Architekturtheoretiker Anthony Vidler hat gerade eine Stirling-Ausstellung in Stuttgart kuratiert. In diesem Essay erklärt Vidler, warum ein neuer Blick auf Big Jim gerade heute lohnt. James Stirling in seinem Londoner Haus. Der Architekt

Foto: Staatsgale rie Stut tgart

sammelte Stilmöbel.

KryptoKlassizist von

Anthony Vidler

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Stirling selbst sah sich immer als treuer Modernist.

Köpfe

Z u Lebzeiten kam an ihm kein Student oder Kritiker vorbei. Nach seinem frühen Tod 1992 aber war James Stirling ziemlich in Vergessenheit geraten. Die Ausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie bietet nun die Gelegenheit zu einem neuen Blick auf den Architekten. Um umfassend zu ergründen, weshalb Stirling zwischenzeitlich nahezu unterging, müsste man weiter und tiefergehend forschen. Ein Grund aber ist offensichtlich. In den 9Oer Jahren hatte es eine radikale Geschmacksveränderung gegeben, weg von einer Architektur der „Großen Tradition“, die eklektisch unterschiedliche Quellen nutzt, um einem Gebäude „Bedeutung“ oder „Sinn“ zu verleihen. Wodurch dieses Paradigma ersetzt wurde, ist heute immer noch nicht ganz klar. Es scheint sich um eine Mischung aus High-Tech und digital generierten Formen zu handeln, garniert mit einer Prise theoriefeindlichem Pragmatismus und etwas Nostalgie für die guten alten Tage der gläsernen Moderne. Das Resultat war jedenfalls, dass Stirlings Architektur zwischen den 196Oern und den 199Oern generell als Ausdruck einer bereits erschöpften „Postmoderne“ gesehen wurde. Le Corbusier bildete eine zentrale Quelle, die Renaissance eine andere Er selbst wies immer wieder darauf hin, dass er in Wahrheit ein treuer Anhänger der Moderne sei. Ihm ginge es darum, ihr Vokabular zu erweitern, da er den so genannten Internationalen Stil nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als einseitig, minderwertig und steril betrachtete. Mit Hilfe des jungen Theoretikers und Historikers Colin Rowe untersuchte er nicht nur

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Quellen, die aus der Arbeit Le Corbusiers stammten (für ihn der größte Architekt der Moderne), sondern auch die Architektur der Renaissance und des Neoklassizismus – Quellen, die schon andere Historiker wie Rudolf Wittkower und Emil Kaufmann als „rationale“ Ahnen der Moderne erforscht hatten. Mit seinem früheren Partner James Gowan und anschließend mit seinem langjährigen Partner Michael Wilford baute James Stirling einige der innovativsten Ikonen der 197Oer und 198Oer Jahre, beginnend mit den Leicester Engineering Laboratories, der Bibliothek der Historischen Fakultät in Cambridge und der Studentenwohnheime des Queen‘s College in Oxford. Stirling experimentierte hier jeweils, mit großem Überschwang und brillanter formaler Gestik, um den traditionellen Formen dieser Gebäudetypen eine zeitgemäße Bedeutung zu verleihen. Im sozialen Wohnungsbau, einem zentralen Problem in England nach dem Krieg, realisierte sein Büro ein Projekt in Preston in Lancashire. Dessen Sensibilität für den bestehenden Kontext galt zu dieser Zeit als revolutionär. Auch ein großer Teil der „New Town“-Wohnungsbauprojekte im britischen Runcorn (bei Liverpool) verweisen auf einen traditionellen urbanen Kontext. Sie nehmen Bezug auf über zweihundert Jahre alte Plätze in Bath und London, kombinieren diese Haltung aber mit radikal moderner Bautechnik.

In zahllosen Schachteln wie dieser erhielt das Canadian Centre for Architecture Stirlings Nachlass.

Über 3OO Modelle, Pläne, Fotos sowie Archivmaterial präsentiert Vidler in Stuttgart.

Museumswettbewerbe

D i e A u ss t e ll u n g

„James Frazer Stirling: Notes from the Archive. Krise der Moderne“ l ä u f t n o ch b i s 1 5 . J a n u a r i n d e r S t u t t g a r t e r S t aa t s g al e r i e .

Bei gebauten und ungebauten Projekten in diesen Jahren experimentierte er mit dem Vokabular traditioneller Industriebauten, kombinierte dieses aber mit neuen Materialien und Verbindungstechniken – etwa die Dorman Long-Firmenzentrale, die Olivetti-Headquarters oder das Olivetti Training Center in Haselmere. Einige Museen resultierten Mitte der 197Oer aus zwei Wettbewerben in Düsseldorf und Köln. Dann kam Stuttgart. Für mich ist die Staatsgalerie Stirlings Meisterwerk. James Stirling hatte eine Vorliebe für die USA. Dies führte zu einigen Aufträgen, insbesondere dem Performing Arts Center in weiter

www . s t aa t s g al e r i e . d e

Fotos: Staatsgale rie Stut tgart

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Die Moder­ nisten lehnten Stirling ab, den Konser­ vativen war er zu modern.

Köpfe

Cornell, der Science Library in Irvine, der Sackler Gallery in Harvard und der School of Architecture in Rice. Bei jedem dieser Projekte zeigte Stirling Rücksicht auf den jeweiligen Kontext – und für die assoziativen Werte, die sich aus dem Entwurf jeweils ergaben. Die Idee der italienischen Bergstadt fand sich neben dem Cornell Campus auch im dortigen Kunstkomplex wieder. Die Architekturschule in Rice hatte Anklänge an italienisch-spanische Bautraditionen, stellte aber innerhalb des Campus eine komplett moderne Anlage dar. Stirling sagte oft, dass seine Architektur zwischen Tradition und Moderne balanciere. Sein hoher Respekt für den Neoklassizismus zeigt sich in den eleganten Säle der Clore Gallery. Dieser Erweiterungsbau für die J.M.W. Turner-Sammlung lehnt sich an die Raumordnung von John Soanes Dulwich Picture Gallery an. Diese Umklammerung der kompletten Architekturgeschichte als einer Quelle seiner eigenen Arbeit trieb Stirling für die Sammlung des Wissenschaftszentrums in Berlin auf die Spitze. Die verschiedenen Sozialwissenschaften sind dort wie in einer kleinen Stadt zusammengefasst, inklusive Basilika, Amphitheater und Burg, alle untergebracht in einer langen Stoa. Dies erinnert an den Eingang von Schinkels Altem Museum. Zuletzt möchte ich noch die Hauptniederlassung der Firma Braun in Melsungen erwähnen, die als kleine Industriestadt im Grünen steht.

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thie für den Klassizismus, irgendwann in den späten Sechzigern, als Leon Krier bei ihm arbeitete. Entsprechend traf Stirling von beiden Seiten auch reichlich Kritik: Auf der einen Seite hagelte es von Anfang an verächtliche Kritiken von Vertretern der Moderne wegen seines vermeintlichen Bruchs mit ihr nach der „roten Trilogie“ in Leicester, Cambridge und Oxford. Auf der anderen Seite beschuldigten ihn Konservative einer extremen Moderne. Die Dozenten der Geschichtsfakultät in Cambridge haben ihre Kampagne niemals aufgegeben, das Gebäude abzureißen. Die Zerstörung seiner Wohnhäuser verglich man mit dem Schicksal von Pruitt-Igoe in St. Louis. Die meiner Ansicht nach beste Zusammenfassung von Stirlings Beitrag zur Architekturgeschichte lieferte Robert Maxwell. Er nannte Stirling einen „crypto-classicist“ – und schlicht „den besten englischen Architekten des 2O. Jahrhunderts“. Colin Rowe, der ihm am nächsten stand, kommt zu dem Schluss, dass James Stirling zu denen gehörte, die „moderne Architektur immer für eine wichtige und nie einfache Sache“ hielten. Ich finde: All diese Argumente und Vieles mehr legen eine Neubewertung seiner Arbeit heute in einer Zeit der theoretischen und gestalterischen Konfusion nahe.

A n t h o n y V i dl e r

ist Dekan und Professor der Irwin S. Chanin School of Architecture

Modernist? Brutalist?

an der Cooper UnionUniversität in New York.

Stirlings Arbeit scheint jedem kunsthistorischen Schubladendenken zu trotzen. Als genialer vielseitiger Modernist wurde er gesehen, nahe bei Le Corbusier und dem Konstruktivismus. Für Reyner Banham war er ein Meister des „Neuen Brutalismus“; John Summerson entdeckte seinen „Mannerismus“. Andere Beobachter hoben vor allem seine Loyalität zu dem traditionellem britischen „Funktionalismus“ hervor, zu regionalem Bauen und zu Bautraditionen außerhalb der Architektur im engen Sinne, etwa den Werften des 18. und 19. Jahrhunderts. Mancher Kritiker wollte auch einen elementaren Bruch mit der Moderne erkannt haben und eine Sympa-

Zu seinen bekanntesten Büchern gehören „Warped Space: Art, Architecture, and Anxiety in Modern Culture“ aus dem Jahr 2OOO und „The Architectural Uncanny: Essays in the Modern Unhomely“ von 1992.


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Fragen

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„ Die gesellschaft­­liche Stellung des Architekten hat enorm an Wert eingebüßt. “

„ Vielleicht ist die Schließung unvermeidlich. Der COAC ist tot. “

Noch vor sieben Jahren entstand ganz am Ende der „Diagonal“ mit dem „Forum“ von Herzog & de Meuron ein Zeichen der Erneuerung. Heute zeugt dort diese Bürohausruine gegenüber vom Gegenteil.

Text

Klaus Englert

Schwarze Zukunft Der sensationelle Bauboom ist vorbei, die Immobilienblase geplatzt – Spanien kämpft mit Rekord­ arbeitslosigkeit. Die Krise trifft auch die Architekten hart. „ Noch vor der Krise nahmen viele Architekten niedrigere Honorare hin und erwarteten, dass sich die Situation bald ändern werde. “

Fotos

Simon Garcia


nfang des Jahres wussten die spanischen Architek­ ten nicht, ob der Colegio de Arquitectos de Cata­ luña (COAC) in Barcelona noch eine Zukunft haben wird. Die Schuldenkrise hatte selbst die ehrwürdige katalanische Architektenkammer hart getroffen. Pedro Azara, Architekt und Ästhetikprofessor an der Escuela Técnica Superior de Arquitectura de Barce­ lona (ETSA), meinte damals: „Der COAC ist unterge­ gangen. Man entließ zahllose Mitarbeiter. Die mise­ rable Geschäftsführung, die Verschwendung in den Zeiten des Booms und die schwindenden Einnah­ men, seitdem die Bauwirtschaft in der Krise ist – all das führte zum Bankrott des COAC. Die Kulturabtei­ lung arbeitet ohne Budget. Vielleicht ist die Schlie­ ßung unvermeidlich. Der COAC ist tot.“ Nun, die Voraussage von Pedro Azara traf zwar nicht ein, aber dennoch gleicht Barcelonas Architekten­ kammer im beliebten Barrio Gótico, unmittelbar ge­ genüber der Kathedrale, einem Krankenhauspati­ enten, der künstlich ernährt wird. Dass ausgerech­ net der COAC derart angeschlagen ist, hängt mit einer spanischen Eigenheit zusammen, die für die wirtschaftliche Krisenanfälligkeit der Einrichtung verantwortlich ist. Ein großer Teil der Einnahmen stammt nämlich von den Auftraggebern, die das Ar­ chitektenhonorar an die Kammer überweisen. Da­ mit soll garantiert werden, dass der COAC die vom Architekten entworfenen Pläne eigens überprüft und begutachtet – und somit einen institutionellen Rahmen schafft, der selbstverständlich viele Vorzü­ ge mit sich bringt. Der COAC ist also Vermittler und Kontrollinstanz für beide Partner, Architekt und Bau­ herr. Dieses System funktionierte bestens, solange sich die Immobilienblase weiter aufblähte und alle davon profitierten. Doch mittlerweile sitzen die Hausbesitzer auf ihrer Hypothekenlast und fühlen sich außerstande, ihre Zweit- und Drittimmobilien zu deutlich niedrigeren Preisen als den spekulativen Übertreibungen vor wenigen Jahren zu verkaufen. Währenddessen sehen sich die Architekten mit ei­ nem Immobilienmarkt konfrontiert, der, vornehm­ lich im öffentlichen Sektor, kaum noch Bauaufträge bereithält. Und der COAC, der während des Booms über sprudelnde Geldquellen verfügte, geht nun leer aus, da die Überweisungen der Kunden ausblei­ ben. Natürlich verbleiben kleinere Projekte oder Aufträge, die nicht der Überprüfung durch den COAC bedürfen. Pedro Azara meint, man halte an einem „mittelalterlichen System“ fest, das wohl in der ganzen Welt einzigartig sei. Vom Büroleiter zum Lebensmittelverkäufer

letzten zwölf Monaten kein einziges Projekt abrech­ nen konnten. Schlimmer noch: Seit 2OO6, als die Immobilienspekulation alle mit üppigen Gewinnen bescherte, fielen die gebauten Bruttogeschossflä­ chen um 85 Prozent. Und noch eine Zahl: Während in der goldenen Zeit der Spekulationsblase jährlich 13O.OOO Wohneinheiten in Katalonien errichtet worden sind, waren es 2O1O nur noch 8.OOO. Die Tätigkeit vieler Architekten hat sich heute auf die Renovierungsarbeiten verlagert. Der Madrider Architekt Victor Garzón von BMG Ar­ quitectos ist überzeugt: „Die gesellschaftliche Stel­ lung des Architekten hat enorm an Wert eingebüßt. Die verschlechterten Arbeitsbedingungen führten dazu, dass viele nach Südamerika oder in andere europäische Staaten auswanderten.“ Besonders jüngere Architekten halten derweil Ausschau nach anderen Optionen, die sich außerhalb ihres ange­ stammten Berufsfelds ergeben. Xavier Sants (39) und Mariona Verdaguer (35) gründeten im katalani­ schen Terrassa ein Büro mit acht Mitarbeitern und errichteten zuletzt eine Feuerwehrstation in Manre­ sa. Die beiden Architekten traf die Krise besonders stark, weil sie ihre Projekte hauptsächlich für öffent­ liche Auftraggeber realisierten, deren mangelnde Zahlungsbereitschaft für das Büro zusehends zum Problem wurde. Deswegen entschieden sich Sans und Verdagier, zusammen mit Mitarbeitern des früheren Teams, einen Supermarkt in Terrassa zu gründen.

Zunahme, Juli-September gegenüber April-Juni: 145.OOO

Barcelona war schon immer Spaniens Zentrum der Moderne. Unten das Gebäude der katalanischen Architektenkammer (1952 bis 62) von

21,5 % Arbeitslosenquote in Spanien

Zahlungs-Schwierigkeiten Victor Garzón, der im letzten Jahr noch im Büro von Ábalos Sentkiewicz arbeitete, meint allerdings auch, dass die Architekten an der jetzigen Situation nicht ganz unschuldig sind: „Noch vor der Krise nah­ men viele Architekten niedrigere Honorare hin und erwarteten, dass sich die Situation bald ändern wer­ de. Doch das war ein schwerer Irrtum. Tatsächlich führte dieses Verhalten dazu, dass die Honorare niedrig blieben und sich die Auszahlung noch weiter hinzog. Etliche Architekten gehen zudem das Risiko ein, erst gegen Abschluss des Projekts ausbezahlt zu werden. Auftraggeber empfinden diese Situation zunehmend als normal, während nur wenige Archi­ tekten unter diesen Umständen arbeiten können.“ Die spanische Wirtschaftskrise zwingt zu tief greifen­ den Umwälzungen: Victor Garzón schwebt vor, das Berufsfeld der Architekten neu zu bestimmen. Pedro Azara strebt eine strukturelle Änderung an, mit einer Neuausrichtung des Colegio de Arquitectos. Die Zeit nach der Krise wird die Selbstgenügsamkeit aller Akteure vor der Krise hinweggefegt haben. Das dürfte schon jetzt feststehen.

g o ld e n e

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Zeit der S p e kula t i o ns ­ blas e

Lluís Xavier Camerón, Dekan am Colegio de Ar­ quitectos de Cataluña, meint, die spanischen Archi­ tekten seien von der schwersten Krise seit Ende des Krieges betroffen. Und er fügt hinzu, dass 3O Prozent der vom Colegio vertretenen Architekten in den

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Xavier Busquets i Sindreu gegenüber der Kathedrale

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Fragen

A rb e i t sl o s e n q u o t e :

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errichtete Wohneinheiten in Katalonien pro Jahr

„ Die spanische Architektenkammer gleicht einem Patienten, der künstlich ernährt wird. “

Baumeister 12 2011  
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